Krasse Links No 77

Willkommen zu Krasse Links No 77. Ich müsste meinem Gehirn gerade echt etwas Ruhepause gönnen, aber die Nachrichtenlage lässt das nicht zu. Deswegen eine Sondersendung zu Epstein.

Vorsicht. Du solltest dir vorher überlegen, den Newsletter zu lesen, denn es wird auch um sexuelle Gewalt gehen und es wird generell emotional fordernd, für manche vielleicht triggernd und ganz allgemein … unangenehm.

Aber jetzt beleiht Eure Verschwörungstheorien, heute tracken wir das Patriarchat an 4chan, um mit Bannon auf dem Epstein die Omelas der antisemitschen Rackets zu heben.


Das DOJ hat letzten Freitag etwa die Hälfte der Epstein-Files veröffentlicht und seitdem wühl ich mich wie Millionen andere durch die Files und versuche seitdem wieder klarzukommen.

Ich verfolge den Fall seit den späten 2010er Jahre, hab ein, zwei Dokus gesehen und einen Podcast gehört und es war damals schon klar, dass die Ausmaße des ganzen sehr viel größer sind, als bekannt war. Insbesondere die Aussagen der Opfer machten klar, dass es sich hier um eine größere Operation handelt, in die viele mächtige Menschen involviert sind. Ich war also auf einiges gefasst, aber dennoch sprengte es alles, was ich mir vorstellen konnte. Und zwar in jeder Hinsicht. Es ist gleichzeitig alles größer, brutaler, tiefer und relevanter als ich es mir vorstellen konnte.

Da es die erste Hälfte der Files ist, dürfte die zweite Hälfte die krassere Hälfte sein. Einige Files wurden vom DOJ nachträglich wieder zurückgezogen und natürlich sind die Files immer noch heftig geschwärzt, allerdings manchmal auch an den falschen Stellen nicht, so dass einige Opferidentitäten und Datails enthüllt wurden, während die meisten Eingriffe sehr eindeutig vor allem Täter schützen.

Es fehlt also noch so vieles und doch reicht es. Es ist genug, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Es ist genug, sich eine Vorstellung davon zu machen, was vor Ort passierte, welche Kreise grob involviert sind und wie das ganze funktionierte. Und es reicht, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr wir manipuliert wurden und immer noch werden.

Die Erkenntnis ist: Beträchtliche Teile des einundzwanzigsten Jahrhunderts und wahrscheinlich auch des Ende des 20. Jahrhunderts müssen neu geschrieben werden. Epstein hat die Realität selbst zerbrochen.

Für Leute, die selbst durch die Files gehen wollen, eine Warnung. Da ist unglaublich viel Verstörendes dabei, unvorstellbare Bilder (selbst mit den geschwärzten Stellen), auf die ich hier nicht zeigen oder auch nur näher drauf eingehen will, vieles ist inzwischen wieder gelöscht, wie zum Beispiel die Dokumente mit den vom FBI gesammelten Anschuldigungen gegen Trump, die allein schon ob ihrer Vielzahl, ihres Detailreichtums und wechselseitiger Kohärenz so glaubwürdig wie schrecklich erscheinen. Aber hier gibt es gesicherte Screenshots.

Zu diesem Zeitpunkt finden sich 4.744 Erwähnungen von „Trump“ in den Files. Das Wort „torture“ taucht 521 auf, „Gynecologist“ 108 mal. Das FBI hatte bereits eine Liste mit prominenten Beschuldigten im Epstein-Fall zusammengestellt, ganz oben Donald Trump und dann die üblichen, Bill Clinton, Prince Andrew, aber Naomi Campbell und Kevin Spacy. Aber die eigentliche Liste ist viel, viel länger.

Das ist das hirnexplodierende: Epstein ist überall, kannte jeden, auch nach seiner ersten Verurteilung als Trafficer von Minderjährigen. Mehrere US-Präsidenten (mindesten Trump und Bill Clinton), prominente Demokraten wie Republikaner und die halbe globale Monarchie-Szene ist verstörend tief verstrickt, der britische (ehemals) Prince Andrew, Norwegens Mette-Marit, Schwedens Princess Sofia, Saudis Mohammed bin Salman, die halbe Milliardärskaste: Bill Gates, Richard Branson, Andrew Farkasm, Ian Osborne und natürlich etlichen Broligarchs. Staranwalt Ken Starr, Amerikas bekanntester Ökonom, ehemaliger Harvard Präsident und ehemaliger Finanzminsiter Larry Summers, aber auch der Trump Biograph Michael Wolff sind eng mit ihm.

Epstein hängt außerdem ständig mit Woody Allen ab, ehemaligen europäischen Staatschefs, allerlei Stars und andere Prominente. Es gab einen Talenttransfers zwischen Microsoft und Apple mit direktem Kontakt zu Tim Cook. Er ist mit Peter Thiel seit mindestens 2014 eng befreundet, mit Bannon seit 2017, er traf Moot und findet Bezos „is a very nic= person“, der heutige US-Finanzminister Howard Lutnick besucht ihn bereits 2011 auf der Insel, hat sogar Deals mit ihm, mit Robert F. Kennedy Jr. ist er natürlich auch eng, sogar Trumps neuer Pick für den FED-Chef, Kevin Warsh, taucht in den Files auf. Hier ein ausführlicher Wired Artikel über die Files zu Read Hoffmann, Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg. Der Regisseur der gerade verlachten Melania-Doku ist sogar mit inkriminierenden Fotos vertreten. Die Wikipedia führt eine Liste.

Man kann auch lesen, wie Musk Epstein immer wieder wie ein notgeiler Teenager anbettelt, ihn auf seine Sexparties auf der Insel und oder in New York einzuladen. Als ich in Krasse Links No 74 über den KI Forscher Joscha Bach schrieb, wusste ich noch nicht, dass er einen Trip nach Vergewaltigungs-Island gebucht hatte. Das und anderes hat der Spiegel gefunden, der Bachs tiefreichende Verbindungen zu Epstein zusammengefasst offengelegt. Und hier eine länger werdende Liste mit anderen Wissenschaftler*innen, die auf Epsteins Gehaltsliste standen. Das Magazin Nature hat einen längeren Bericht dazu, wie Tief Epsteins Einfluss in der Wissenschaft ging.

In diesem Emailthread versucht Epstein Noam Chomsky mehrfach zu überreden, ihn zu besuchen und lockt mit „interessanten Gesprächspartnern“, erst mit Thorbjorn Jagland, dem ehemaligen norwegischer Ministerpräsident und Juryteilnehmer des Friedensnobelpreiskommittees, dann zu einer exklusiven UN-Party bei sich nach Haus und dann, als er grad wieder mit Ehud Barak, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten rumhängt, ebenfalls ein Epstein-Regular.

Wir wissen bereits, dass Epstein seine Hände auch schon sehr früh in „KI“ hatte (seit 2002), dasselbe müssen wir jetzt auch für Bitcoin feststellen, und zwar zu entscheidenden Zeiten. Auch in die weitere Cryptoszene war er gut vernetzt: hier erzählen die Jungs von Crypto Critics‘ Corner die Geschichte der Freundschaft zwischen Crypto Milliardär Brock Pierce und Epstein, die so weit ging, dass sie sich gegenseitig „Mädchen“ als Gastgeschenk mitbrachten.

Überall werden gerade unzählige Geschichten nochmal neu und anders erzählt und egal ob Politik, Tech, Medien, KI, Crypto oder Wissenschaft, am Ende verschmelzen sie zu einer einzigen Geschichte: Die Elite ist nackt.


Hier eine Politico-Zusammenfassung der Einschläge in Europa.

In Norway, one prominent diplomat has already been suspended and a police investigation has been opened into a former prime minister. In the U.K., the former ambassador to the U.S. has been fired; on Tuesday, he resigned from the House of Lords. Police are reviewing reports he shared market-sensitive information with Epstein.

Andrew Mountbatten-Windsor, formerly known as Prince Andrew, was stripped of his royal titles and residence. A charity founded by his ex-wife Sarah Ferguson, the former Duchess of York, will shut down indefinitely following the release of emails where she called Epstein a “legend” and “the brother I have always wished for.”

Nur in den USA ist gibt es keine Regung. Aber es brodelt gewaltig.


Eine der erschütternsten Dinge, die ich gelesen habe, ist das dreiteilige Tagebuch von einem Mädchen, das offenbar in Kooperation mit seinen Eltern von Jeffrey Epstein auf seiner „Zorro Ranch“ in New Mexico festgehalten wurde. Es ist in „Geheimschrift“ verfasst und man liest es immer zweizeilig nach links nach rechts und von oben nach unten, das FBI hat aber jeweils auch Übersetzungen angefertigt.

In einem der Tagebücher (Original) beschreibt das Mädchen seine Rolle als Gebärmaschine in einer art eugenetischen Breeding-Experiment:

I am nothing but your property and incubator! .
You only trust me when I am under your complete CONTI t
I will never trust another man EVER! […]

Superior gene pool ?!? Wh e? Why my hair color and eye color?
g me on some days like Im the enemy but o be, warm.
confusing.

makees no sense.

That feels very Nazi like thin’nk[ing] about these stupid insane theories he has I guess in his mind it makes sense.

Und in einem anderen, (Original) wie sie nach und nach den Glauben an die Menschheit verliert:

Whether its with Jeffrey, Mr. Leonsis, Mr. Case, Mr. Snyder, the Gregorys, Mr. Colgan or one being borrowed by a seemingly „good“ federal worker and even rented,

it is all horror.

And nothing is as it seems.

I am so confused by everything and people you expect to be good like even old senators like George Mitchell who you think would be good like a grandpa are bad.

Es gibt noch ein drittes Tagebuch: Original, Übersetzung.

In allen Tagebüchern werden eine menge Namen genannt, von mächtigen Männern, die alle frei herumlaufen.


Auch T-Online hat sich die Zorro Ranch, wo die Tagebücher herkommen, genauer angeschaut.

Die Ranch sollte für Epstein jedoch darüber hinaus einen weiteren Nutzen erfüllen. Lange eiferte er einer Vision nach: der „Optimierung der Menschheit“. Berichten unter anderem der „New York Times“ zufolge wollte er die Ranch in New Mexico zu seiner persönlichen „Baby-Farm“ umfunktionieren, auf der er reihenweise Frauen mit seiner DNA befruchten wollte.

Er folgte damit einer Ideologie, die als Transhumanismus bezeichnet wird und die Optimierung des Menschen durch Gentechnik und Künstliche Intelligenz propagiert. Kritiker bezeichnen diese Vorstellung häufig als moderne Form der Eugenik, der Erbgesundheitslehre der Nationalsozialisten. Elon Musk, dessen Name auch in den Epstein-Dokumenten auftaucht, verfolgt ähnliche Visionen. Er will sich seine ganz persönliche „Legion“ an Nachkommen zeugen.

Aber dass es ein Eugenetik-Labor ist, heißt nicht, dass mächtige Männer dort keinen Spaß haben dürfen.

Zu den bekannten Gästen auf der Zorro Ranch zählten der ehemalige Prinz Andrew, der frühere Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, sowie Woody Allen, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Kind die Ranch besucht haben soll. Eine der Überlebenden erinnert sich zudem daran, in die Residenz des damaligen Gouverneurs gebracht worden zu sein, beschuldigte Richardson jedoch nie der sexuellen Ausbeutung. Eine einstige Mitarbeitende behauptet, auch die Clintons einmal vor Ort gesehen zu haben. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Der ehemalige US-Präsident sowie seine Frau sollen am Ende des Monats vor einem Untersuchungsausschuss zum Fall Epstein aussagen.

Es sollen auch Leichen auf dem Grundstück begraben sein. Die Zeugenaussagen sind schwer zu ertragen.

Eine weitere Überlebende berichtet, dass auf der Ranch Dinge geschehen seien, die „so schrecklich“ gewesen seien, dass sie bis heute nicht darüber sprechen könne. Sie beschreibt ihre Erinnerungen als brüchig. Woran sie sich jedoch erinnere, sei eine Reihe von pseudo-gynäkologischen Untersuchungen, die Epstein an ihr vorgenommen habe. Zudem sei sie eines Morgens in einer Art Labor aufgewacht, umringt von Menschen in Schutzanzügen. An Epsteins private Insel könne sie sich noch lebhaft erinnern – was die Ranch angehe, habe sie jedoch unerklärlicherweise massive Erinnerungslücken.

Im Gegensatz zu allen anderen Epstein-Anwesen wurde die Zorro Ranch nie durchsucht (Wie das FBI hier hintern selbst vermerkt) und privat verkauft. In New Mexicos Parlament gibt es bereits eine politische Initiative für eine Aufarbeitung, die vielleicht in ein paar Jahren ein Ergebnis präsentieren?

Aber man könnte auch einfach mal hinfahren und und wenigstens gucken, ob da noch wer festgehalten wird? Also: jetzt?


So schlimm das alles ist: Es ist fast noch schlimmer, in Epsteins Emails zu wühlen, wozu sich JMail anbietet, eine Website, die quasi die Innenansicht von Epsteins Gmailkonto darstellt.

Man findet so vieles, aber es ist gar nicht diese eine Smoking Gun, die mich gebrochen hat. Beim Browsen entfalten sich die habituellen Strukturen, der „Vibe“. Die Leichtigkeit ihrer Verbindungen, die Beiläufigkeit ihrer Verbrechen, der Zynismus ihrer „Währungen“ und die Selbstverständlichkeit ihres Blicks auf die Welt.

Aber vor allem die an allen Ecken und Enden hervortretende Frauen- und generelle Menschenfeindlichkeit, die junge Frauen und Kinder als konsumierbare Wegwerfware behandelt. Es gibt dafür viele Beispiele, etwa diese Mail an Epstein:

My russian friend is on holidays in Paris now 🙂 she is fun and gorgeous! Ahh…perfect skin and incredible shape. However, be gentle with her and not a naughty one plz!!!

Oder diese:

Thank you for a fun night…
Your littlest girl was a little naughty.

Oder diese Email an Epstein:

Do you remember the name of the Gynocologist that you used to send your victims to?

Aber am besten illustriert es dieses Zitat einer beiläufigen aus Email von Epstein an irgendjemanden.

„where arc you? are you ok , I loved the torture video“


Rebecca Watson hat ein Video darüber, wie sie erneut in den Epstein-Akten auftaucht und dadurch nachträglich versteht, wie sich mächtige Männer der Skeptiker-Szene damals zusammen mit Epstein gegen sie verschworen.

Der bekannte Physiker Lawrenbce Krauss und der noch bekanntere Evolutionsbiologe Richard Dawkins tauschten sich mit Epstein über den Fall aus. Ich hatte die Debatte damals am Rand verfolgt, denn es war eine dieser frühen, pfadentscheidenden Kulturkriegs-Schlachten und endete, wie diese Schlachten damals immer endeten: Frauen und ihre Perspektive wurden rausgedrängt.

In einer Mail an seinen Anwalt bezüglich seiner Fälle wegen sexuellen Fehlverhaltens, bittet Krauss seinen Anwalt doch bitte mal mit seinem superschlauen Kumpel Epstein zu sprechen, der eigene Ideen für die Verteidigung hat und kündigt ihn wie folgt an.

Bottom line is that Jeffrey is not only friends with most of the famous people from finance, to business, to Hollywood, who have either been brought down during #metoo and he also speaks regularly with people ranging from the awful white house people, who he is friends with, to ken starr etc.


Als der Trumpbiograph Michael Wolff und Epstein-Buddy ihn fragt, ob er einem Kollegen bei seinem Metoo-Fall helfen kann, ist Epstein auch gleich dran. Der Gurardian hat sich sich genauer angesehen:

Wolff wanted Epstein to support Stephen Elliott, a writer looking to sue the creator of the Shitty Media Men List, a crowd-sourced Google Doc that detailed anonymous allegations of misconduct against dozens of men who worked in the media industry.

“I have always thought that the way back from this climate is through specific instances of individuals successfully challenging their persecution,” Wolff wrote to Epstein, according to emails released in a tranche from the so-called Epstein files. “If his story is solid he might be worth supporting.”

Initially, Epstein was unmoved. In a single-word, no-punctuation email, the convicted sexual offender replied: “tough.”

“Give it some further thought, if you would,” wrote Wolff, who had originally received Elliott’s pitch through Lorin Stein, the former editor of the prestigious Paris Review and another name on the Shitty Media Men List. “I think there is an opening here. What you need is an excuse – or opportunity – to make the public argument.”

Epstein relented: “ill help anyway i can. if you like.”

Metoo war nicht nur schlecht für Epstein, wie er Gegenüber seim Freund Joi Ito, dem Gründer und Leiter vom MIT Media Lab, zugibt:

with all these guys getting busted for harassment , i have moved slightly up on the repuation ladder and have been asked everday for advice etc


Elizabeth Lopatto hat in the Verge die Files zusammengesammelt und eingeordnet, die Epstein als Kulturkrieger aus dem Hintergrund zeigen. Instrumental dafür war John Brockman und seine von Epstein finanzierte Edge-Foundation, dessen Netzwerk wir bereits in Krasse Links No 74 beleuchteten. Lopatto schreibt:

The boys’ club at the Edge Foundation created a jumping-off point for social contacts for Epstein. Their “Billionaires Dinner” in 2011, which Epstein attended, featured a number of familiar names that appear in the Epstein files: Musk, Sergey Brin, David Brooks, Marissa Mayer, Jeff Bezos, and Nathan Myhrvold (who would later introduce Epstein to Bill Gates). The “Billionaires Dinner” stopped after Epstein made his final donation to Edge.

Brockman also set up a dinner in 2012 with a very exclusive invite list, which included Bezos, Paul Allen, Brin, Anne Wojcicki, Larry Page, Evan Williams, and Myhrvold. “Please show up alone,” Brockman said to Epstein. MIT Media Lab’s Joichi Ito also seems to be willing to broker meetings between Epstein and Bezos or “Bill.” It’s not clear which Bill is referred to here, but Bill Gates was surely close with Epstein, close enough that the tranche of documents shows extensive contact between the two men.

Auch Lopatto schreibt über Lawrence Krauss.

The most extensive emailed advice seems to be to physicist Lawrence Krauss. When Krauss was contacted by journalist Peter Aldhous for comment on a BuzzFeed story about sexual harassment allegations, he forwarded the email to Epstein and repeatedly asked him for advice about how to handle Aldhous. (Krauss strenuously denies the allegations against him, and says he “sought out advice from essentially everyone I knew”.) Krauss sent drafts of his proposed emails about the story to Epstein as well. “Impossible to publish anything about metoo, even if the =uthor was acquitted,” Krauss wrote to Epstein. That was of particular interest to him, because Krauss was planning to write his own #MeToo book, he wrote in another email to Epstein. Later, he wrote to Epstein that a woman on a conciliation committee is “old.. not some young metoo bitch.” This is good news, Krauss notes.

Und folgert:

It’s hard not to read these files and come to the conclusion that Epstein helped engineer the ultimate elite impunity — in which our society has been totally destroyed so the richest and most powerful men in the world can do whatever they want.

Wenn man sich in Epstein und seine Kreise hineinversetzt, versteht man, welche Bedrohung eine Clinton-Präsidentschaft (nachdem Obama ihn bereits verschmäht hat) und später Metoo für sie bedeutete.

Epsteins Ablehnung gegenüber Frauen ist nicht nur habituell, sie ist materiell. Frauen an der Macht, oder auf Augenhöhe, oder überhaupt die Idee, Frauen als Menschen zu behandeln, bedrohen ganz direkt sein Businessmodell? Wenn man in Epsteins Emails nach Metoo sucht, kann man nachlesen, wie unangenehm das ist, wie er merkt, dass seine Infrastruktur ein „strandet Asset“ wird, wenn sich Feminismus in seinen Kreisen durchsetzt.

Und dann ist es wie überall: Misogynie ist das Gateway, Faschismus ist der Pfad. Schon 2015 wollte Epstein alles brennen sehen, nach dem Brexit schreibt er an seinen Kumpel Peter Thiel: „brexit, just the beginning“ und erläutert auf Nachfrage:

return to tribalism . counter to globalization= amazing new alliances. you and I both agree= zero interest rates were too high, and as i said in your office. =AO finding things on their way to collapse , was much easier than finding =he next bargain

Sein anderer Kumpel Steve Bannon berichtet ihm dann ab 2018 dann immer wieder über seine Fortschritte bei der Vernetzung der rechten Parteien in Europa.

Hier die These:

Ein wesentlicher Kern des Rechtsrucks den wir die letzten Jahre erlebt haben, wurde von einer Gruppe lose vernetzter Milliardäre und „Shitty Men in Media“ „engineered“, die sich als loses Netzwerk von Kulturkriegern zusammenfanden, weil sie Angst vorm Feminismus hatten.

Aber so peinlich, weinerlich und pennälerhaft, wie all das Zustandekommen wirkt: Ihre Pfadgelegenheiten von damals sind unsere diskursiven Infrastrukturen von heute.

Und so lernen wir, wie Verschwörungen wirklich funktionieren.

Mächtige Männer vernetzen sich entlang ihrer Interessen, nutzen einander als Pfadgelegenheiten, die dann zu unseren Infrastrukturen werden. Sie treffen sich dafür nicht in verrauchten Hinterzimmern und sie schmieden auch nicht den „großen Plan“, sondern „lauern“ vernetzt wie 4Chan-Shitposter auf ankommende Pfadgelegenheiten und suchen nach idealen Fulcren, um die Wirkung ihrer Hebel zu maximieren.

Eine Verschwörung ist, wie jede andere menschliche Handlung auch, eine iterative Pfadoperation.


Und jetzt können wir so tun, als würden sich „die Guten“ jetzt als „die Bösen“ rausstellen, aber wer dieser Interpretation folgt, hat nicht aufgepasst, sagt Pissed magitus.

Ihr müsst entschuldigen. Als westdeutscher, weißer, heterosexueller Gen-X-Dude bin ich rückblickend in einer zeitlich und räumlich unnatürlich stabilen und behüteten Blase aufgewachsen, die in mir eine Erwartungsstabilität herstellt hat, aus der der momentane Fall in die Realität wahrscheinlich tiefer als bei manch anderen ist?

Ich bin jedenfalls wirklich erschüttert, aber auch nicht erst seit den Epstein-Files, sondern eigentlich seit ich in Krasse Links das Ende des Westens dokumentiere, und das Feedback auf den Newsletter zeigt, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin.

Aber wenn, wie ich glaube, das System vor allem auf der Erwartungsstabilität gerade von Menschen wie mir basiert, werden wir bald noch viel mehr kollabieren sehen, als nur Erwartungen.


Die Times hat einen Artikel über Epsteins Israel-Connetions und natürlich war er ein israelischer Spion. Auch das FBI glaubte, dass Epstein ein coopted Mossad-Spy war. Die Times schreibt:

The files include claims from a confidential informant to the FBI that, far from disliking Israel, Epstein was in fact employed by its spy agency, Mossad. An FBI report from the Los Angeles field office written in October 2020 said the bureau’s source had become “convinced that Epstein was a co-opted Mossad agent”.

It said the Wall Street financier had been “trained as a spy” for Mossad, alleging that Epstein had ties to US and allied intelligence operations through his longtime personal lawyer Alan Dershowitz, a Harvard law professor whose orbit included “many students from wealthy families”. It said Jared Kushner, President Trump’s son-in-law and his brother, Josh, a financier, were “both his students”.

Die Hinweise auf Epsteins Israels-Connections brauchen bald eine eigene Wikipedieseite. Hier ein paar.

  • Seinen frühen Kontakt zu Anan Khashoggi dem zwielichtigen Waffenhändler der in der Iran Kontra-Affaire verstrickt ist.

    In 1989, Ben-Menashe spent a year in prison for allegedly selling three Israeli military planes to the Khomeini regime (he was later acquitted). In the same years, Epstein had been hired by the ultra-rich businessman Adnan Khashoggi from the Kingdom of Saudi Arabia – coincidentally, the place of residence in Epstein’s fake passport. And it is precisely Adnan Khashoggi who ended up in the sights of the federal Iran-Contra federal investigators as a middleman in the sale of U.S. weapons to Iran through Israel.

  • Die zentrale Rolle von Leslie Wexner in seinem frühen Aufstieg, ein pro-zionistischer Philantrop mit eigener Israel-Naher Stiftung.
  • Der weirde Zufall, dass er sein Sexbussiness zusammen mit der steinreichen Tochter von Robert Maxwell gründete, der britische Medienmogul, der eine zentrale Rolle in der Gründung Israels spielte auch später für den Mossad arbeitete.
  • Oder dass der Name Alan Dershowitz praktisch überall auftaucht, nicht nur in Epsteins engeren Kreis, sondern auch vor allem im Zusammenhang mit seiner Verurteilung, und der ebenfalls offen für Israel arbeitet.
  • Und klar, seine definitiv als „eng“ zu beschreibende Beziehung zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Edmud Barak, mit dem er im ständigen Austausch stand und dem gegenüber er in 2018 witzelte:

    you should make clear that i dont work for mossad. 🙂

  • Hier ein fast einstündiges Telefonat zwischen Epstein und Edmud Brarak über Obama, Iran und alles mögliche.

Nussbacher, ein britischer Nachrichtendienst Kontakt, bringt in der Times etwas Nuance in die Debatte:

“Every intelligence agency has people who work for the agency, who are on salary, who have their pension paid for by the agency, we call them officers,” she said. “Then there are people whose officers influence them to do work for their agency; sometimes paid, sometimes manipulated, sometimes blackmailed — they’re called agents.

“And then there are people who are assets. They are just useful. Is it possible that Epstein was an asset to the Mossad? Yes. Do I think he was an agent of any intelligence agency, I think it was unlikely. Was he an officer? No.”

Ok, also Epstein war mindestens ein israelisches Asset.

Aber auch ein russisches, wie es aussieht?

Ein amerikanisches Asset sowieso? Als Alan Acosta, der damalige Staatsanwalt und spätere Arbeitsmisister in Trumps erster Adminsistration rechtfertigte sich rückblickend für Epsteins Sweetheart-Deal, den er eingetütet habe, mit den Worten: I Was Told Epstein ‘Belonged to Intelligence’ And to Leave It Alone. Und kann sich jemand vorstellen, dass die CIA das in den USA stattfinden lässt nichts wusste?

Außerdem hatte Epstein noch Geheimdienstkontakte zu ehemaligen britischen Spionen.

Ich denke die Wahrheit ist komplizierter. Epstein war öffentliche Infrastruktur. Nicht nur für Milliardäre, für Spitzenpolitiker, für Top-Wissenschaftler sonder auch für Geheimdienste. Das musste er sein, denn nur so war er für alle Beteiligten am nützlichsten.


In der taz navigiert Matthias Kalle gekonnt waghalsige semantische Manöver, um über die Enthüllung des Systems Epstein sprechen zu können.

Die Elite der Gegenwart funktioniert fundamental anders. Sie ist keine Kaste, kein Stand, kein Zirkel. Sie ist ein Netzwerk: ein Geflecht aus ökonomischem Kapital, politischem Einfluss, technologischer Infrastruktur und kulturellem Symbolkapital. Wer dazugehört, muss nicht reich oder adlig oder gewählt sein. Er muss nützlich, verknüpft und verfügbar sein. Denn was früher Herkunft war, ist heute Zugang. Was früher Kaste war, ist heute Code. Und was früher Loyalität war, ist heute Funktion. Diese Struktur lässt sich exemplarisch an zwei Fällen zeigen – einem brutalen und einem subtilen.

Ihr müsst euch die alltägliche Nutzerperspektive auf Epstein so vorstellen, dass ihr etwas interessantes in der Zeitung lest und da taucht ein Name auf, der wichtig ist, den ihr aber noch nicht kanntet, dann sind die Chancen hoch, dass der „Jeff“ seine Nummer hat oder zumindest jemanden kennt, der seine Nummer hat, vielleicht ein Treffen arrangieren kann.

Epstein war das Google und das LinkedIn der Elite, die Pfadabkürzung zu Mädchen, Macht, Ruhm, Ideen und wer mit ihm zu tun hatte, wurde Teil des größeren Games.

Egal ob im Finanzwesen, in der Politik, in der Wissenschaft – Epstein hat immer gezielt die jeweils lokalen Netzwerkzentralitäten geleveraged und immer nur die größten Hubs integriert und auf diese Weise seine soziale „Clout“ auf das menschlich mögliche getrieben.

Epsteins ganze Strategie dabei bestand also darin, seine soziale Eigenvector/Katzzentralität zu optimieren, also nicht nur viele Leute kennen, und nicht nur mächtige Leute kennen, sondern viele mächtige Leute kennen, die viele mächtige Leute kennen, usw, also in etwa, wie der Page-Rank-Algorithmus funktioniert, der Google groß gemacht hat.

Man kann die ganze Geschichte des 21. Jahrhunderts als die Entdeckung und gezielten kapitalistischen und politischen Urbarmachtung von Netzwerkeffekten erzählen (was ich im Plattformbuch von der Plattformseite versucht habe).

Kalle fährt fort:

An dieser Stelle – Sie ahnen es wahrscheinlich – muss man einmal kurz innehalten, sehr exakt werden und mögliche Einfallstore für antisemitische Verschwörungstheorien mit Schwung aus dem Weg räumen. Denn die Bilder von „Strippenziehern“, „Schattenmächten“ oder „globalistischen Kräften“, die im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von „Eliten“ auftauchen, führen hier nicht weiter, weil sie reale Machtkritik mit antisemitischer Projektion vermischen.

„Hollywood“ galt und gilt bis heute als „jüdisch“, ebenso „die Finanzwelt“ und „die Medien“. Das ist aber natürlich ein ideologischer Kurzschluss, der Strukturen ethnisiert und die Verantwortung personalisiert. Deshalb braucht es absolute Präzision: Es gibt wirtschaftliche, politische, kulturelle, technologische Eliten. Sie überschneiden sich, aber sie sind nicht homogen. Wer aber das vermischt, will keine Analyse, sondern Hetze.

Draußen im Internet tobt der antisemitische Mob. Sie nutzen die Epstein-Files, um ihre These der „Jüdischen Weltverschwörung“ zu verbreiten. Dass das Quatsch ist, zeigen die Files selbst, wenn man sich die Mühe macht, sie zu lesen.

Wenn Epstein etwas enthüllt, dann dass in der hinter dem Vorhang der liberalen Weltordnung das Patriarchats die Strippen zieht?

Und klar, diese Enthüllung ist nicht wahnsinnig neu, Feminist*innen sprechen seit mindestens einem Jahrhundert davon, aber selten konnte man diesen Zusammenhang so offen und nachvollziehbar – ohne jede Theorie – einfach in Originaldokumenten nachlesen?

Ich mein: die halbe Armee der „Free Speech“ Culture Warriors der letzten Jahrzehnte steht in den Epsteinfiles, teils beim direkten „Konspirieren“ gegen die Opfer ihrer sexuellen Missetaten oder gegen „unangenehme“ Feministinnen und ihre kritischen Fragen.

Aber gut, stellen wir die unangenehme Frage:

Warum – ausgerechnet – ein Jude?

Und jetzt könnte man diese Frage von vornherein als „antisemitisch“ ablehnen und das ist fair, aber sie wird ja dennoch gestellt werden? Und, ich bin ehrlich, auch ich stelle sie mir?

Aber den ersten Einwand, den man hier machen muss, ist der, das „System Epstein“ eben nicht „jüdisch“ war. Unter seinen Kooperationspartnern, im inneren Kreis seiner Kontakte und unter den beschuldigten Tätern und denen, die alles unterm Deckel gehalten hqben finden sich deutlich mehr weiße Christen, als Juden. Epstein war keine „jüdische“ Verschwörung, wenn überhaupt eine im weitesten Sinne „westliche“ Verschwörung.

Ein weiterer Einwand, den man machen muss, ist, dass der Epstein-Fall zwar eine unglaubliche weitreichende Verschwörung ist, aber eben nicht die einzige? Wie viele Verschwörungen da draußen gibt es noch? In wie vielen davon sind Nicht-Juden die Netzwerkzentralität? Allein Koch-Familie hat sich jahrzehntelang unzählige Male gegen uns alle verschworen, um ihre Fossilmilliarden auf Kosten unserer Zukunft zu verteidigen.

Nein, es sind nicht „die Juden“, es sind „die Eliten“. Ja, das darf man wieder sagen und wer euch was anderes einredet, hat entweder nicht hingeguckt, oder will euch gaslighten.

Aber gut, gehen wir noch weiter und nehmen an, dass es trotzdem „kein Zufall“ ist, dass es ein Jude war, der das alles organisierte.

Selbst dafür finden sich nicht antisemitsche Erklärungen?

Zum Einen könnte sich sich hier schlicht eine antisemitische Geste wiederholen, die wir schon aus dem Mittelalter kennen. Damals übernahmen Juden den Geldverleih, weil Zinsen zu nehmen unter Christen als moralisch verwerflich, als „dreckiges Geschäft“ galt. Das ist der Grund für den „Head Start“ jüdischer Banker, dessen pfadabhängige Weiterentwicklung heute noch gut im Bankensektor beobachtbar ist.

Ich will jetzt keineswegs „Zinsen nehmen“ und „Kinder vergewaltigen“ vergleichen, aber mir scheint plausibel, dass, wenn eine Runde westlicher Elite-Arschlöcher beieinander sitzen und sich fragen, wer „das dreckige Geschäft“ übernehmen soll, „der Jude“ nach wie vor nicht die unwahrscheinlichste Antwort ist?

Zum anderen kann ich mir auch gut vorstellen, wie man gegenüber Epstein diese Entscheidung begründet haben könnte:

Es ist das perfekte Cover. Der Verdacht wird gesellschaftlich „unaussprechbar“ und wer es dennoch versucht, stellt sich quasi von selbst jenseits des Diskurses.

Hier also meine schlimmste Verschwörungstheorie:

Die Eliten leverageten den Anti-Antisemitismus, um ihre echte Verschwörung im Raum des Unsagbaren zu verstecken.


Während die USA gerade wegen Epstein implodiert, gibt es eine merkwürdige Zurückhaltung in der Deutschen Debatte zu dem Thema? Die liegt nicht (nur) an dem vermienten semantischen Terrain, sondern auch daran, dass gewisse Chefredakteure und Herausgeber selbst inkriminiert sind und zwar aufgrund von John Brockman und seiner zusammen mit Epstein betriebenen „Edge Foundation“.

Boris Rosenkranz hatte bei Übermedien bereits 2019 offengelegt, wie die FAZ aber vor allem die Sueddeutsche auch aus Eigeninteresse bei dem Thema Zurückhaltung üben.


Thorsten Fuchshuber hatte bereits vor ein paar Jahren Max Horkheimers Racket-Theorie, die ja an der Beobachtung des Faschismus entwickelt wurde, als politisch Ökonomie gedeutet.

Denn nicht nur gab im Nationalsozialismus einen Zusammenbruch des Staates als souveräne Gesellschaft, sondern die Banden-Dynamiken, die im Faschismus den Staat als Beute einkassierten, sieht man strukturell in liberalen Gesellschaften immer schon am Machen.

Von den Debatten in den USA ließ er sich insofern leiten, als er das Racket als Agentur zur aggressiven Durchsetzung partikularer Interessen auf Kosten der ohnmächtigen Einzelnen ebenso wie der Allgemeinheit betrachtet. Doch galt ihm der Begriff Racket weniger im Sinne konkret benennbarer, ökonomisch orientierter Banden oder politischer Zusammenschlüsse in der beziehungsweise gegen die Gesellschaft, sondern als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Dieses resultierte ihm zufolge aus der zunehmenden Konzentration und Zentralisierung der kapitalistischen Produktionsweise, war also mit einem Prozess verbunden, den Karl Marx als steigende organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet hatte.

Wir wissen, dass es auch im Vorfeld des Nationalsozialismus enorme Vermögenskonzentration gegeben hatte, in der einzelne Rackets bereits sichtbar waren und wiederum andere dazu zwangen, sich ebenfalls in Rackets zu organisieren.

Durch die Konzentrations- und Zentralisationsprozesse des Kapitals werde diese Konkurrenz zwar nicht abgeschafft, es verändere sich jedoch die Struktur der Konkurrent*innen: Diese treten nicht mehr als unzählige Individuen auf, sondern schließen sich in Rackets zusammen. Und die haben es dank ihrer herausragenden gesellschaftlichen Stellung vermehrt gar nicht mehr nötig, die eigenen partikularen Interessen mit jenen anderer sowie mit denen der gesellschaftlichen Gesamtheit zu vermitteln. Daher, so Horkheimer, haben sie auch kein »Interesse am Funktionieren des allgemeinen Rechtssystems und an seiner unparteiischen Verwaltung« mehr: Die Rackets führen vielmehr den »Kampf gegen das Recht« wie gegen »alle Vermittlungen«, die im Liberalismus »ihr eigenes Leben gewannen«.

Ich würde inzwischen weitergehen und jeder „liberalen Ordnung“ offene, aber auch versteckte Racketstrukturen unterstellen und mit Horkheimer allgemein sagen:

„Die Grundform der Herrschaft ist das Racket.“

Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.

Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.

Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.

Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.

Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.

Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.

Aber das ist für „arme“ Rackets.

Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.

Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.

Nein, das ist keine „jüdische Weltverschwörung“.

Das sind wir. Das ist unser System. Das sind unsere gesellschaftlichen Strukturen. Unsere „Kultur“. Das ist der Keller unseres Omelas.


Ryan Broderick hat auf Garbage Day eine plausible Aufschlüsselung der Moot-Bannon-4Chan-Epstein-Connection.

One of the central internet mysteries of the last 15 years is why 4chan creator Christopher Poole reversed course in 2011 and brought back the site’s politics board, which is called /pol/, or “Politically Incorrect.” It would become the staging ground for Gamergate, the 2016 Trump campaign, and the far-right populism wave that swept the world in the back half of the 2010s.

A version of /pol/ was attempted two times before it finally stuck. First, as /n/, which was meant to be a section for news content. Which ultimately became the “transportation” board in 2008. And then again, in 2010, when Poole launched /new/, largely as a way to quarantine the overwhelming amount of support on the site for Ron Paul’s 2008 presidential campaign. Poole shutdown /new/ in January 2011, telling users at the time, “As for /new/, anybody who used it knows exactly why it was removed. When I re-added the board last year, I made a note that if it devolved into /stormfront/, I’d remove it.” (Stormfront is one of the oldest Neo-Nazi communities on the web.)
So it has never made much sense as to why Poole would ban /new/ for being a racist hell hole and then, barely a year later, launch /pol/, a board specifically designed to be a racist hell hole. But buried inside the newest batch of files related to the Epstein investigation is a possible hint as to what made Poole change his mind. He met with Epstein the day before /pol/ was created.

On October 20th, 2011, Boris Nikolic, a venture capitalist and former advisor to Bill Gates, sent Epstein the Wikipedia page for Christopher Poole, writing, “There is a cool guy (KID) that you should meet.” Four days later, Nikolic followed up, asking Epstein, “How did you like moot? He is very sensitive so be gentile.” (Poole’s username for years was moot or m00t.) “I liked [him a lot]. I drove him home, he is very bright,” Epstein replied. Nikolic went on to write that, “he will be a friend” and that he is “one of the greatest hackers.”

According to Epstein’s emails, that appears to be the only time Epstein successfully made contact with Poole. It seems like organizing a simple lunch meeting with Poole was a genuine nightmare for Epstein and his team. Nikolic said he planned to meet Poole again in early November. And according to a reminder Epstein set, it seems like he planned to meet Poole at the same time. There’s also a separate email thread from October 31st with an unidentified correspondent, where the redacted sender takes credit for introducing Nikolic and Poole, writing, “I introduced Boris to Chris Poole and got them talking, encouraged Boris to get to know him. Boris said the two of you really hit it off. ;-)” Epstein had subsequent meetings scheduled with Poole on November 23rd, January 27th, 2012, which Poole canceled last minute, and, again, in February. There are nearly a hundred emails going back and forth about how Poole kept flaking on them.
But Epstein didn’t forget about 4chan. We can’t say for sure if he was an active user, but, in 2017, he sent Karyna Shuliak, his girlfriend at the time, a 4chan link containing Five Nights At Freddy’s porn.

Meanwhile in March 2012, Bannon, following the death of conservative blogger Andrew Breitbart, was installed as the editor-in-chief of Breitbart News. In 2014, 4chan’s video game board, /v/, and /pol/ started lighting up about the Gamergate conspiracy theory. Milo Yiannopoulos, then a young tech writer for Breitbart, would transform Gamergate from fringe message board drama into the cornerstone of the global far-right movement by repackaging it in articles optimized for Facebook traffic.
Which was perfect timing, because Epstein was beginning to work his way into Silicon Valley.

Lasst es mich so formulieren: Das Narrativ, „anonyme Shitposter auf 4chan emergieren zufällig (halb-)richtige Verschwörungstheorie“ klingt für mich als QAnon-Erklärung nicht mehr plausibel? Dafür sind die Q-Drops zu nahe dran?


In Vanity Fair machen sie sogar die Pizza-Gate Akten wieder auf.

The references span years—from long before Pizzagate existed to long after it was broadly considered debunked.

“What time do you want to get pizza and grape soda tomorrow?” one associate asks Epstein in 2018.

A 2015 subject line reads: “Your Pizza Is YUMMY YUMMY!!”
“This is better than a Chinese cookie!… lets go for pizza and grape soda again. No one else can understand,” a redacted sender writes to Epstein in 2018.

Das deckt sich mit vielen meiner Funde. Beispiel:

Betreff: The Pizza Monster, Epsteins Reply: „she looks pregnant“.

Oder diese merkwürdige … Pizzabestellung? an Jeffrey Epstein.

I know Bobby LOVES =rturo’s pizza on Houston…they open at 4pm..l could send =ojo down to arrive 4pm at Arturo’s, pick up a large cheese and =ake to 301? Bobby says his day is busy but he might be back to =he apartment sometime between 4-6pm…he is at the Friar’s =tub for lunch 2-4 then meeting a friend at 6pm…

(He also likes Patsy’s Columbus and 72nd and Angelo’s =17 W. 57th)

Epstein antwortet nur „Ok“ und genehmigt damit eine … Pizzabestellung zu jemanden in sein Appartment nach Houston?

Das Wort „Pizza“ hat 845 Treffer in den Epstein-Files und Jmail findet 200 davon, sehr viele extrem … „weird“.

Der Artikel zitiert einen Redditor mit einer Verschwörungstheorie, die mir auch sofort in den Sinn kam.

“QAnon was an op to hide this shit in plain sight and make anyone who said anything about it sound like a lunatic. They masked it in a far-right ‘it’s only the dems’ cover,’” argued one Reddit user. “Gloating about projection people fell for. The pizza basement was Epstein island all along,” wrote another.

Also ich bemühe mich ja, zu widerstehen, aber dass Epstein, oder Bannon, vielleicht in Zusammenarbeit mit Maxwell hinter den ersten Q-Drops stand, ist einfach zu verlockend plausibel?

Schaffe eine populäre Verschwörungstheorie über das, was du machst, häng alles dem politischen Gegner an und promote deinen besten Kumpel als „Aufklärer der Verschwörung“ ins Weiße Haus.

Der Backlash gegen die Verschwörungstheorie bereitet das beste Cover für deine Operation und da du eh die hälfte der Elite im Sack hast, finden sich immer Hebel, alles unterm Deckel zu halten.

Ich halte es für möglich, dass Epstein hinter Pizzagate und später auch Qanon stand. Ich halte es aber fast für wahrscheinlicher, dass es Bannon war (er war der eigentliche digital Culture War erfahrene, seit er als Breitbart-Chefredakteur „Gamergate“ orchestrierte), vllt in Zusammenarbeit oder mit Wissen Epsteins. Oder Ghislane Maxwell bereits Pizzagate initiiert, wie viele Glauben oder vielleicht waren auch Roger Stone oder Paul Manafort involviert?

So oder so, meine Verschwörungsthese ist: es war ein Insider.

Und vielleicht war es zuerst auch nur Spaß, vielleicht eine Provokation, vielleicht war das zuerst alles gar nicht koordiniert und wahrscheinlich haben sie dann schnell die Kontrolle verloren, spätestens, als das Ding zu 8chan umgezogen ist.

Aber diejenigen, die das aufgleist haben, waren Insider: dafür sind Pizzagate und die Q-Drops zu nahe dran.


Seit dem letzten DOJ-Drop bin ich mir sicher, dass die Files alle ans Licht kommen werden und ich habe sogar Hoffnung, dass neue Ermittlungen aufgenommen werden und dass der Fall wirklich aufgearbeitet wird.

Der Grund ist einfach:

Das, was die Files so lange unter Verschluss gehalten hat – die Interessen vieler mächtiger Männer – wendet sich nun gegen die Verheimlichung.

Die gesamte amerikanische Elite ist jetzt mit Kacke bespritzt und weil den meisten, der in den Files Genannten wahrscheinlich keine Verbrechen getan haben, verschiebt sich die Balance Richtung Aufklärungsinteresse. Sie alle wissen, dass sie sich von dieser Shitshow nur „reinwaschen“ können (so richtig wird das natürlich nie gelingen), wenn alle Files released, am besten alle Verbrechen aufgeklärt und alle Täter benannt sind.

Derweil werden auch weiterhin überall um uns herum die Truth-Bombs hochgehen.

Weil sich Wissen pfadabhängig fortpflanzt, generieren die Milliarden Daten-Enden der Epstein Files (Daten, Namen, Orte, Emailadressen, Kontonummern, Telefonnummern, etc.) hochreaktive Pfadgelegenheiten zur Verknüpfung mit anderen Daten, aus denen dann neue „Leads“ in „kalten“ Geschichten hervortreten.

Epstein war ein riesiges vieldimensionales Puzzelteil in soo vielen Puzzeln und dieses Puzzelteil löst jetzt eine Kettenreaktion in unzähligen umliegenden Geschichten aus.

Krasse Links No 76

Willkommen zu Krasse Links No 76. Sorry, dass so lange nichts kam, aber erst war ich ausgebrannt, dann passierte alles auf einmal und dann musste ich erstmal meine Gedanken auf Mastodon neu sortieren. Aber jetzt arretiert Eure Souveränität, heute leveragen wir Henry Farrell als Pfadgelegenheit, um der Dollar-Hegemonie das Fulcrum aus dem Fenster zu klauen.


Durch das Weltereignis-DDos sind einige newsletterrelevante Entwicklungen undokumentiert geblieben, die ich, sorry, hier kurz nachreiche:

  • Purge-Koalition: Der Tiktok-Deal ist nun unter Dach und Fach und damit sind alle notwendigen „Infinity Stones“ im Purge-Handschuh. Und während wir warten, dass Trump „Schnipp“ macht und Larry Ellison (die Eigentümerstruktur ist komplizierter, aber allgemein jetzt sehr Trumpnah), Mark Zuckerberg und Elon Musk alle linken, pro-palästinensischen und antifaschistischen Accounts den Hahn zudrehen, wurden um Weihnachten die ersten Vorboten des Purges auch in Deutschland spürbar, als die Macherinnen von HateAid auf die Sanktionsliste gesetzt wurden und der Roten Hilfe und anderen antifaschistischen Organisationen die Konten gekündigt wurden.
  • Massensprechaktwaffen: Elon Musk hat Grok nun mit einer Image-Engine ausgestattet, die Menschen „ausziehen“ kann und mit der die User bereits Jagd auf etliche Frauen und Kinder machen. Inzwischen hat Musk „reagiert“ und das Feature nur noch für Pro-User freigeschaltet. Das ist folgerichtig: jetzt, wo auch für MAGA offensichtlich ist, dass ihre halbe Polit- und Wirtschafts-Elite in den Epstein-Files steht, aber niemand irgendwas deswegen tut, ist der Markt reif für „Epstein as Service“ als exklusives KI-Feature. Immerhin will die EU jetzt einschreiten?
  • Fossilimperium: Trump hat völkerrechtswidrig Venezuela überfallen, den Präsidenten Maduro entführt und behauptet, er würde das Land jetzt per Fernbedienung steuern, aber ich habe Zweifel. Allerdings nicht daran, dass es ihm um das Öl geht – er erzählt es jedem, der es nicht hören will. Auch wenn abzuwarten bleibt, was die Aktion überhaupt gebracht hat, steht fest: Trump konsolidiert die Weltordnung weiter in Richtung PetroStates vs. ElectroStates.
  • Trumpfaschismus: Die USA gleiten auch innenpolitisch immer tiefer in den Faschismus ab. Die Morde an Renee Good Und Alex Pretti sind nur die Spitze des Eisbergs. Seit der Trump-Präsidentschaft sind bereits mehr als 40 Menschen unter ICE Einwirkung zu Tode gekommen. Die meisten davon nicht weiß.
  • Genozid in Gaza: das „Board of Peace“ wurde gegründet, um der Ethnischen Säuberung den Anschein internationaler Legitimation zu verleihen, ohne dabei zu verheimlichen, dass es hier eigentlich um einen Realestate-Deal geht. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner stellte jüngst den „Masterplan„, zur Neu-Bebauung von Gaza vor, mit Hotels, 180 Wolkenkratzern und etlichen Golfplätzen. Gaza wird damit zum Symbol gewaltsamer Gentrifizierung auf globalem Level.
  • Derweil kündigt sich der nächste mögliche Genozid an: Kobanê wird von den Truppen des neuen syrischen Machthabers Ahmed al-Scharaa bedroht, der zusammen mit von der Türkei unterstützten Islamisten gegen die kurdische Autonomieregion vorrückt und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet – unter Billigung Trumps. Vor wenigen Jahren waren es vor allem die Kurden, die den USA und der westlichen Allianz halfen, ISIS aus Syrien und Irak zu vertreiben. Jetzt lassen die Amerikaner ihre ehemaligen Verbündeten von Islamisten abschlachten. Und die Bundesregierung schiebt dorthin wieder ab?

„Hours after an ICE agent killed the mother of three, Elon Musk’s chatbot was undressing her.“

Was für ein Satz. Was für eine Welt.


Garbage Day über weirde Shaddow Bans seit der Tiktok-Übernahme.

TikTok users are reporting that political posts are being complete throttled on the platform right now. There’s screenshot circulating on X of the producer Finneas’ account showing 0 view counts on his most recent videos. Which showed up for me, as well, when I checked it. But after a few refreshes, the page did start loading properly. […]

Normally, I would say that it would take a considerable amount of time to completely overhaul the algorithm for site like TikTok. But now that we’ve seen how fast X, formerly Twitter, changes due to the whims of its own mad king, Elon Musk, I wouldn’t say it’s totally impossible.

Gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der nervös ist.


Weihnachten war ich geDDosed von der Welt, im neuen Jahr von meinen eigenen Gedanken.

Ich nahm ich mir den Begriff „Leveragevor, der sich mir schon seit längerem aufdrängte, den ich mir aber nie wirklich traute, ernsthaft zu adaptieren und analytisch zu durchmessen, was ich dann in einem öffentlichen, etwas eskalierten Nachdenkt-Prozess auf Mastodon über knapp 10 Tage nachholte und was soll ich sagen: Der Hebel war das fehlende Puzzelteil des Relationalen Materialismus und der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Das Interessante am Hebel ist nicht der Hebel selbst, sondern das Fulcrum, also der sogenannte „Dreh und Angelpunkt“, gegen den ein Hebel hebt und als ich genauer hinschaute, entfaltete sich das Fulcrum in einer ähnlichen Tiefe und Komplexität, wie bereits die Pfadgelegenheit und wird dadurch gleichzeitig erstaunlich übertrag- und universell einsetzbar.

Ich schreibe gerade an einem längeren Explainer dazu, aber ganz grob runtergebrochen werden Hebel und Fulcrum zu Rollen: Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.

Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Da die Pfadgelegenheit bekannter Maßen ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, also mit weiteren Pfadgelegenheiten bebaut wird, quasi „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Das macht jede Pfadgelegenheit aber auch zu einer Weiche. Wenn die Pfadgelegenheit beschritten, also der Hebel umgelegt wurde, hat man den Pfad gewechselt und in einen neuen Pfad „investiert“, ob man will oder nicht. Das mag in vielen Situationen keine soo große Rolle spielen und Pfadkorrekturen sind in den meisten Fällen auch möglich, in anderen kann so eine Pfadentscheidung auch zum Verhängnis werden.

Deswegen gibt es zwei ganz besonders relevante Typen von Pfadgelegenheiten:

Onramps und Offramps. Onramps etablieren eine habituelle Hebelnutzung, Offramps beenden sie. Allerdings erwarten Offramps eine Pfadalternative als Argument.


Mark Carneys Davos-Rede ist aller Munde und auch ich konnte nicht anders, als einen kleinen Freudenschrei auszustoßen, wenn so offensichtliche Wahrheiten endlich einmal so klar formuliert von einem westlichen Staatschef ausgesprochen werden.

We knew the story of the international rules-based order was partially false that the strongest would exempt themselves when convenient, that trade rules were enforced asymmetrically. And we knew that international law applied with varying rigour depending on the identity of the accused or the victim.

This fiction was useful, and American hegemony, in particular, helped provide public goods, open sea lanes, a stable financial system, collective security and support for frameworks for resolving disputes.

Hegemonie ist nie gerecht, aber für viele nützlich (oft sogar für ihre Gegner*innen), denn sie schafft leveragebare Erwartungsstabilität. Die Erwartungsstabilität wird zur Infrastruktur, auf der sich die Akteure in der Welt verständigen, Konflikte lösen und Handel treiben, etc. Und so lange man auf der „guten Seite“ der USA stand, konnte man als „westliches Land“ und teil des ein oder anderen Bündnisses, diese Früchte genießen – auf Kosten derjenigen, die nicht zum engeren Kreis gehörten.

This bargain no longer works. Let me be direct. We are in the midst of a rupture, not a transition.

Over the past two decades, a series of crises in finance, health, energy and geopolitics have laid bare the risks of extreme global integration. But more recently, great powers have begun using economic integration as weapons, tariffs as leverage, financial infrastructure as coercion, supply chains as vulnerabilities to be exploited.

You cannot live within the lie of mutual benefit through integration, when integration becomes the source of your subordination.

The multilateral institutions on which the middle powers have relied – the WTO, the UN, the COP – the architecture, the very architecture of collective problem solving are under threat. And as a result, many countries are drawing the same conclusions that they must develop greater strategic autonomy, in energy, food, critical minerals, in finance and supply chains. […]

Hegemons cannot continually monetize their relationships.

Das Ende einer infrastrukturellen Hegemonie ist teuer für alle, aber wenn Donald Trump den in seinem Sinne gezinkten Pokertisch umwirft, weil er nicht mal mehr Lust hat, so zu tun, als hätte irgendwer anderes mitzureden, dann wird es Zeit, Offramps zu organisieren.


Hier sollte eigentlich auch etwas zu Friedrich Merz‘ Davos-Rede stehen, aber alles, was ich schrieb, war zu viel.


Henry Farrell hat zusammen mit Daniel Davies ein neues Paper draußen, dass sich der „weaponization“ der „Dollar-Zentralitätwidmet.

Ein paar Worte zu Farrell: Sein Paper zu „Weaponized Interdepdence“ (2019) zusammen mit Abraham L. Newman war ein wesentlicher Baustein für meine Analyse im Plattformbuch, wie Plattformen politische Macht ausüben und könnte nebenbei auch die intellektuelle Vorlage der Carney-Rede gewesen sein.

Jedenfalls analysieren Davies und Farrell in ihrem neuen Paper die Weaponization der Dollarhegemonie, indem sie sie als kybernetischen Feedbackmeachnismus also quasi als Netzwerkeffekte denken.

In cybernetic terms, collective judgements, incentives, and expectations form a regulatory subsystem. However, where positive feedback loops develop and spread, changes are amplified and existing orders will be often weakened and perhaps even collapse.

Und auch Farrell und Davis merken, dass das alles mit Netzwerkzentralität zu tun hat.

‘Dollar centrality’ is a political-economic concept that refers to the extreme attractiveness of the US dollar as a currency for transactions and investment. […]

The conveniences of dollar centrality for facilitating financial transactions are inseparable from the dollar payment system and its rules as set by the US government. International actors might prefer not to follow these rules, but it would be very painful to lose the enormous benefits of dollar centrality. Many international commercial payments take place in dollars, for ease and convenience. Even those that are not denominated in dollars often touch the dollar payment system, because the dollar is the ‘vehicle’ currency for foreign exchange – a trade of yen for pesos will usually exchange yen for dollars and then dollars for pesos to take advantage of the more liquid dollar markets.

Ich würde konkreter sagen: der Dollar nimmt eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein und das heißt in diesem Zusammenhang konkret, dass man die Pfadgelegenheit Dollar 1.) leichter als jedes andere Geld in alle möglichen anderen Pfadgelegenheiten verwandeln kann (transitive Liquidität) und man 2. Dollar braucht, um einen ganzen Strauß von Pfadgelegenheiten überhaupt nehmen zu können (pfadvoraussetzende Liquidität). Daraus ergibt sich ein erheblicher Lock-In, mit erheblichen Vorteilen für die USA. Alle wollen Dollar und handeln daher mit ihnen, denn das ist der beste Weg, an Dollar zu kommen. Und während alle anderen echte, materielle „Goods & Services“ nach drüben schiffen, müssen die Amerikaner nur das Spreadsheet der Federal Reserve mit Nullen auffüllen, um all das zu bezahlen, wie Cory Doctorow so schön zusammenfasst.

Zunächst wurde dieses Asset von den USA gehegt und gepflegt und es wurde acht darauf gegebenen, dass die Security Agencies der wachsenden Infrastrukturmacht nicht ins Handwerk pfuschen, doch spätestens seit dem 11. September wurde die Dollar-Zentralität immer mehr zum Fulcrum für allerlei Sicherheitshebel, speziell Geldwäscheüberwachung und Sanktionsmechanismen.

Diese Hebel waren langfristig zu attraktiv? Schließlich kann man dadurch nicht nur Banken und Staaten disziplinieren, sondern eigentlich alle wirtschaftlichen Akteure, sofern sie auf Banken angewiesen sind.

Dollar hegemony and US law generated powerful incentives for compliance across the world. Although the legal basis for many actions against non-US actors was surprisingly weak, the fear of being denied access to dollar clearing was sufficient incentive to comply, especially for financial institutions. […]

Financial institutions’ aversion to risk worked as a force multiplier of US coercion. Sanctions compliance, like other forms of anti-money laundering policy but unlike most bank regulation, is enforced by sometimes unpredictable ex post regulatory punishments rather than exante provision of a checklist of required actions.

Doch je mehr diese Hebel bedient werden, desto deutlicher erodiert ihr Fulcrum – also die Akzeptanz der Dollar-Hegemonie. Insbesondere China und die EU werden mittel bis langfristig Pfadalternativen zur Dollarabhängigkeit suchen und schaffen.

This plausible near-future scenario has all the characteristics of a positive feedback loop. Under current circumstances, the EU has strong reasons to do everything it can to escape American hegemony. The US, for its part, has strong reasons to do everything it can to prevent this from happening. The more that the EU tries to get away, the more the US will do to pin it down. In this scenario, there do not appear to be any players, systems, or entities who combine the three necessary features to play a stabilisierung role: the capacity to model the effects of their actions on the overall system, the power to generate sufficiently strong feedback, and the incentive to maintain the current system rather than watch it tear itself apart.

Beim Nachdenken über „Leverage“ merkte ich, dass ich die Hebel-Fulcrums-Logik bereits im Plattformbuch impliziert hatte: Plattformmacht ist Netzwerkmacht + Kontrollregimes, wobei ich erst nachträglich gemerkt habe, dass die Netzwerkmacht (der durch die Netzwerkeffekte erzeugte allgemeine Lock-In) das „Kontaktzonen-Fulcrum“ ist, auf dem die Hebel der Kontrollregimes (Infrastrukturregime, Zugangsregime, Query-Regime, etc.) ansetzen.

Die Hebel der Kontrollregimes ermöglichen wiederum weitere, übergeordnete Hebel – unterschiedliche „Politiken“ – etwa die „Politik der Pfadentscheidung“, die das Infrastrukturregime leveraged, um die Pfade der Nutzenden im eigenen Sinne vorzudefinieren. Die USA haben diese Politik lange als den wichtigsten Hebel in ihrer Außenpolitik betrachtet (Dollarhegemonie, Etablierung und Kontrolle internationaler Institutionen, Handelsverträge, „Soft Power“ und „semantische Hegemonie“ in Tech, Hollywood und Popkultur, etc.)

Daneben beschreibe ich aber auch einen anderen Hebel und der ist direkt von Farrell/Newman 2019 abgeleitet: „Die Politik des Flaschenhals“ (Chokepoint Politics). Man nutzt Netzwerkzentralitäten im Pfadgelegenheitsnetzwerk, um anderen Zugang dazu zu verwehren, oder damit zu drohen, um Zugeständnisse und Disziplin zu erpressen. Das ist das Geschäftsmodell aller Plattformen (Enshittyfication), aber wie mir später bald aufging, eigentlich aller Transaktionen im Kapitalismus, wenn man Netzwerkzentralität nicht „total“ denkt (dann denkt man sie eh falsch), sondern als „relative Netzwerkzentralität“ in konkreten Zusammenhängen und sich nicht an „Profiten“ orientiert, sondern an „Margen“.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist der Fall also klar: Seit Donald Trump am Ruder ist, nutzt er die in dem Paper von Steven Miran beschriebenen Hebel, um aus dem Fulcrum amerikanischer Dollarhegemonie (und alle anderen Abhängigkeiten) per „Politik des Flaschenhals“ die aus der Weltgemeinschaft extrahierbare Marge zu optimieren.

Donald Trump denkt, er sei im Schlaraffenland, denn er hat das Hebeln als „Unternehmer“ im Kapitalismus gelernt, weswegen er kein Gespür für das Fulcrum hat. In seiner Welt werden die Fulcrums-Kosten seiner Hebel für gewöhnlich als „Externalität“ auf die Gesellschaft abgewälzt und die kann viel absorbieren, wie wir alle ständig feststellen. Hence, „Libertarian Mindset“.

Doch inzwischen sind Trumps Hebel so groß und schmerzhaft, dass das Fulcrum, auf dem er leveraged, bereits Anzeichen von Brüchigkeit zeigt, wie Farrell und Davis im Paper aufzeigen.

Such a feedback loop would help destabilise the US dollar. A digital euro might create an alternative to dollar clearing that is stabilised by the rule of law and hence less open to political influence and weaponisation. It is equally possible that the EU eventually will find itself obliged to acquiesce to US hegemony. There is no reason to necessarily believe that the system will soon settle down to one or the other equilibrium (or to some other stable state): continued oscillation and uncertainty is a perfectly possible outcome.

Ob es so kommt, bleibt abzuwarten. Meiner Erfahrung nach sollte man die Beharrungskräfte der Netzwerkmacht nicht unterschätzen?


Henry Farrall hat auch einen sehr lesenswerten Newsletter und in der letzten Ausgabe denkt er lesenswert kulturanthropologisch über Davos als Ritual und auch Carneys Rede nach.

Dafür führt er das Buch Rational Ritual: Culture, Coordination, and Common Knowledge, des Kulturtheoretikers Michael Suk-Young Chwe an, der Rituale in ihrer Funktion zur Synchronisierung von Erwartung analysiert und als Beispiel nimmt Chwe die Praxis von Königen, durch ihr Land zu fahren, um sich als Machthaber dem Volk zu zeigen.

Our interpretation focuses exactly on publicity, the common knowledge that ceremonies create, with each onlooker seeing that everyone else is looking too. Progresses are mainly a technical means of increasing the total audience, because only so many people can stand in one place; common knowledge is extended because each onlooker knows that others in the path of the progress have seen or will see the same thing.

Machtprojektionen funktionieren nie individuell, sondern immer dividuell: Sehen ist performativ: Dein Sehen erlaubt und beglaubigt mein Sehen und umgekehrt.

Wenn also die Davos-Interpretationen von Adam Tooze und Paul Krugman stimmen, dass Trump dort alle Türen mit dem großen Hebel einrennen wollte, um sich vor der Weltelite zum König der Welt zu krönen, mit Grönland als Krone, und dabei merkte, dass er ins Leere hebelt, dann ist mehr schief gegangen, als nur eine mißlungene Gelegenheit, Macht zu projizieren, so Farrell:

We should think about Davos as a site and moment of ceremony, in the terms that Chwe lays out, which cements common knowledge about who is in charge, and what the principles of rule are. That, in turn provided Trump with a possible opportunity to anoint himself as the central figure in a new vision of the West […]

The ceremony was disrupted, by European threats of retaliation, which in turn led the market audience to express its unhappiness, and by Carney’s quite deliberate and self-conscious effort to crack the illusion of inevitability.

Das ist, was eigentlich passierte: Die Illusion von Unabwendbarkeit/inevitability wurde zerstört. Carney macht das expklizit, indem er Václav Havels bekannte Greengrocer-Geschichte beleiht:

Every morning, this shopkeeper places a sign in his window: “Workers of the world, unite!” He doesn’t believe it. No one does. But he places the sign anyway to avoid trouble, to signal compliance, to get along. And because every shopkeeper on every street does the same, the system persists.

Not through violence alone, but through the participation of ordinary people in rituals they privately know to be false.

Havel called this “living within a lie.” The system’s power comes not from its truth but from everyone’s willingness to perform as if it were true. And its fragility comes from the same source: when even one person stops performing — when the greengrocer removes his sign — the illusion begins to crack.

Weil wir keine Individuen sind, die Macht beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie Macht beobachten, operiert Macht immer schon im Raum der vernetzten Erwartungen und ganz besonders Trump. Das ist gleichzeitig seine größte Stärke, und größte Schwäche/Angreifbarkeit.

All das was Carney sagt, sagen Linke seit Jahrzehnten, aber das in diesem spezifischen sozialen und diskursiven Raum – ein zeitlicher und örtlicher Glutpunkt eben jener Ordnung, dessen Schild Carney gerade aus dem Fenster nimmt –, aus dem Mund eines Eststablishment-Bürokraten wie ihm, reißt nicht nur ein Loch in Trumps Machtprojektion, sondern eröffnet gleichzeitig für alle anderen einen möglichen alternativen Pfad aus dem Wahnsinn, als Offramp aus der „amerikanischen Ordnung“.


Hab noch nicht reingehört, aber Farrell war auch gerade zum Thema bei Ezra Klein.


Weil Canada seine Bestellung von F35-Fighterjets reduziert, droht Trump mit der Beendigung militärischer Zusammenarbeit.

Ich schlage eine andere Definition von „Souveränität“ vor:

Souveränität ist, einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Souveränität oder nicht ist also eine Frage, die sich nicht allgemein, sondern immer nur spezifisch und situativ entscheiden lässt. „Souverän“ ist man nur gegenüber Pfaden, oder eben nicht.

Die Bedingung der Möglichkeit der Souveränität ist also die Möglichkeit „Nein“ zu sagen und die beruht auf zwei Pfeilern:

  1. Die Vorhandenheit von Pfadalternativen und/oder
  2. die Bereitschaft zu verzichten und die Kosten dafür zu tragen.

In der Realität braucht es immer eine Mischung aus beidem, denn Pfadalternativen sind selten gleichwertig und ohne Pfad geht es sowieso nicht, also werden die meisten Pfadalternativen mit erheblichen Wechselkosten bezahlt.

Ja, die Kosten, sich vom Empire loszusagen sind ohne Frage hoch. Aber die Kosten, diesen Pfad in Trumps faschistischen Wahnsinn weiter mitzumarschieren, werden unendlich viel höher sein. Das sagt jedenfalls meine Q-Function.


Mattew Remski warnt aus marxistischer Perspektive davor, Mark Carney nach seiner Ansprache als Genossen zu feiern.

Carney nimmt zwar sein Schild aus dem Fenster, was den Ordnungsanspruch durch die USA angeht, ist aber sonst very much Pro-Kapitalistisch und wer die Rede zu Ende gehört hat, wird bemerkt haben, dass er damit vor allem auch Stimmung für Canada unter den anwesenden Investor*innen machen wollte (wie alle, die in Davos sprechen).

Remski hat natürlich recht, aber erstens bin ich derzeit einfach froh über jede Offramp, die sich auftut und wenn sie irgedwie erfolgreich sein soll, sorry, dann muss sie aus dem bürgerlichen Lager kommen.

Außerdem ist der Riss, den Carney aufmacht, ein Fulcrum für weitere Hebel? Ist die Geste des „Schild aus dem Fenster nehmens“ erstmal eingeübt, wird sie zur Plattform für weitere Widerstandspfadgelegenheiten und da ich eh glaube, dass der Riss eigentlich bis hinunter ins „Individuum“ reicht, wird es da noch vieles zu Hebeln geben.

Also vergesst doch mal für einen Moment die Utopien und eure genauen Vorstellungen einer „idealen und gerechten Gesellschaft“. Ich schau stattdessen auf den Riss und sehe darin die Pfadgelegenheit für weitere Risse.


Es war wieder CCC-Congress und auch wenn ich lange nicht alle sehenswerten Talks geschaut habe, hier meine persönlichen Empfehlungen.

Cory Doctorow war wieder da und stellte seine Pfadgelegenheit vom „Post American Internet“ vor. Er reiterierte seinen Vorschlag, den Tech-Imperien ihre Unverwundbarkeitsklasusel zu nehmen: die „Anti-Circumvention“ Laws des Urheberrechts, die quasi weltweit per Handelsverträge festgeklopft wurden, auch bei uns.

Ich hatte seinen Vorschlag bereits im Plattformbuch übernommen, aber jetzt präsentierte er ein wunderbar eingängig gecraftetes Narrativ, wie sich daraus ein entscheidender Schlag gegen die techfaschistische Hegemonie entwickeln ließe.

Außerdem empfehlenswert: Helena Steinhaus von Sanktionsfrei über soziale Ungleichheit, Udbhav Tiwari and Meredith Whittaker über die Securityaspekte „agentischer KI“ im Betriebsystem und allgemein, Rainer Rehak mit einem Update seines Talks über Israels statistische Tötungsautomations-Systeme und Arne Semsrott über Gegenmacht.


Außerdem sei ganz herzlich auch die Känguru-Rebellion und der Digital Independence Day von Marc Uwe Kling und Linus Neumann empfohlen.

Die Idee ist einfach: Jeden ersten Sonntag im Monat widmen wir uns der Migration eines Dienstes oder Plattform weg von amerikanischen Tech-Monopolisten zu weniger toxischen Alternativen, bzw. helfen einander dabei.

Aus Pfad-Ingenieurs-Perspektive ist das prima gebaut: Wie bekomme ich einen möglichst großen Strom von Leuten vom Set der Plattformen A zum Set der Plattformen B? Eine Figur wie Marc Uwe Kling wirkt nicht nur links, sondern bis weit in junge bürgerliche Schichten rein und ist damit ein tragfähiger Pfeiler für eine breite Migrations-Brücke. Zur Brücke gehört nicht nur die Website, sondern auch ein kleines Heer an freiwilligen Nerds, die deutschlandweit praktische Hilfe anbieten. Perfekt.

Das Problem ist nicht die Onramp oder die Brücke, sondern die Offramp: Die Wechselkosten sind insbesondere im Social Media Bereich noch enorm hoch und egal was Mastodon- oder Bluesky-Fans behaupten, dezentrale Dienste sind derzeit keine gleichwertigen Pfadalternativen.

Das größte Problem: Eröffnet man einen neuen Account, sieht man dort nur Leere, ist verloren und finden tut man auch keinen. Ich hab es so oft gesehen: die Leute kommen, gucken, gehen.

Hier hilft die dividuelle Perspektive, die versteht, dass Social Media nicht ein „Tool“ ist, das „Individuen“ benutzen, „um zu kommunizieren“, sondern dass jeder Account ein Teil eines gewachsenen Geflechts ist. Accounts sind Pflanzen, die Wurzeln geschlagen haben und ein einfacher Umzug lässt sie als abgerissenen Stängel ankommen.

Der Trick ist, Communities umzutopfen, statt Individuen „umzuziehen“. Auf Social Media sind wir in immer mindestens einer, meisten mehreren Communities unterwegs, deren Debatten und Narrativen man mehr oder weniger intensiv verfolgt, oder aktiv daran teilnimmt.

Ich hatte deswegen bereits vor Monaten eine Step-by-Step-Anleitung aufgeschrieben, wie man Communities umtopfen kann.

Aufgrund der digitalen Algorithmen haben wir ein bisschen die Macht der sozialen Algrorithmen aus den Augen verloren, wie Kettenbriefe, Telefonlavienen (danke ???), bzw. sie wurden zu oft missbraucht, so dass sie in einen schlechten Ruf gerieten?

Aber andersrum ist es wohl richtiger: sie wurden als Hebel deswegen so oft missbraucht, weil sie so mächtig sind. Es wird Zeit, sie als strategisches Asset wieder zu rehabilitieren.


2026 wird so hart wie alle befürchten. Aber es wird auch das Jahr, an dem sich effektiver Widerstand zu formen begann.

Krasse Links No 75

Willkommen zu Krasse Links No 75. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, habe ich mich die letzten Monate etwas verausgabt und bin jetzt zum Jahresende – Überraschung – doch merklich erschöpft. Ich weiß nicht, on ob ich dieses Jahr noch eine weitere Ausgabe schaffe, aber spätestens nächstes Jahr geht frisch weiter. Deswegen schon mal: Schöne Feiertage euch.

Aber jetzt haltet Eure Feedback Loops bereit, heute homogenisieren wir den Hivemind-Effect der Totalüberwachung mit “the buzz”.


In diesem sehr lesenswerten Essay auf Aeon spannt der indischstämmige KI-Researcher Deepak Varuvel Dennison einen weiten Bogen von der lokalen Situiertheit eines großteils des menschlichen Weltwissens zur Homogenisierung des Weltwissens durch LLMs.

The irony isn’t lost on me that this dilemma has emerged through my research at a university in the United States, in a setting removed from my childhood and the very context where traditional practices were part of daily life. At Cornell University in New York, I study what it takes to design responsible AI systems. My work has been revealing to me how the digital world reflects profound power imbalances in knowledge, and how this is amplified by generative AI (GenAI). The early internet was dominated by the English language and Western institutions, and this imbalance has hardened over time, leaving whole worlds of human knowledge and experience undigitised. Now with the rise of GenAI – which is trained on this available digital corpus – that asymmetry threatens to become entrenched.

Dennison hat einen erfrischend materialistischen Blick auf Sprache und damit auf die Wissensstrukturen, die sich in LLMs abbilden.

To understand why this matters, we must first recognise that languages serve as vessels for knowledge – they are not merely communication tools, but repositories of specialised understanding. Each language carries entire worlds of human experience and insight developed over centuries: the rituals and customs that shape communities, distinctive ways of seeing beauty and creating art, deep familiarity with specific landscapes and natural systems, spiritual and philosophical worldviews, subtle vocabularies for inner experiences, specialised expertise in various fields, frameworks for organising society and justice, collective memories and historical narratives, healing traditions, and intricate social bonds. […]

When AI systems lack adequate exposure to a language, they have blind spots in their comprehension of human experience. For example, data from Common Crawl, one of the largest public sources of training data, reveals stark inequalities. It contains more than 300 billion web pages spanning 18 years, but English dominates with 44 per cent of the content. What’s even more concerning is the imbalance between how many people speak a language in the physical world and how much that language is represented in online data. Take Hindi, for example, the third most spoken language globally, spoken by around 7.5 per cent of the world’s population. It accounts for only 0.2 per cent of Common Crawl’s data. The situation is even more dire for Tamil, my own mother tongue. Despite being spoken by more than 86 million people worldwide, it represents just 0.04 per cent of the data. In contrast, English is spoken by approximately 20 per cent of the global population (including both native and non-native speakers), but it dominates the digital space by an exponentially larger margin. Similarly, other colonial languages such as French, Italian and Portuguese, with far fewer speakers than Hindi, are also better represented online.

The underrepresentation of Hindi and Tamil, troubling as it is, represents just the tip of the iceberg. In the computing world, approximately 97 per cent of the world’s languages are classified as ‘low-resource’. This designation is misleading when applied beyond computing contexts: many of these languages boast millions of speakers and carry centuries-old traditions of rich linguistic heritage. They are simply underrepresented online or in accessible datasets. In contrast, ‘high-resource’ languages have abundant and diverse digital data available. A study from 2020 showed that 88 per cent of the world’s languages face such severe neglect in AI technologies that bringing them up to speed would require herculean – perhaps impossible – efforts. It wouldn’t be surprising if the status quo is not too different even now.

Für die Effekte der Verzerrungen durch die westlich-hegemoniale Perspektive bringt Dennison mit den „Glasfassaden“ ein Beispiel aus der Architektur. In der westeuropäischen Moderne wurden Glasfassaden als funktionaler und effizienter Entwurf erdacht und beworben, weil sie Energie dadurch sparen, dass sie natürliches Licht zur Beleuchtung und auch Beheizungszwecken nutzen. Durch die westliche Hegemonie habe sich das Bauprinzip aber auch in Regionen durchgesetzt, wo Glasbauten das Gegenteil von effizient sind, weil sie in heißem Klima aufwändig von innen gekühlt werden müssen.

Epistemologies are not just abstract and cognitive. They are physically embodied around us, with a direct impact on our bodies and lived experiences. To understand why, let’s consider an example that contrasts sharply with the kind of Indigenous construction practices that Dharan seeks to revive: high-rise buildings with glass façades in the tropics.

Es ist aber eben nicht nur so, dass maginales und lokales Wissen aus Chatbots nur durch die Trainingsdaten unterrepräsentiert ist, sondern auch, dass LLMs einen eingebauten Bias für die populärsten Pfade hat, der den Effekt der Unterrepräsentationen und populären Überbetonungen noch mal vervielfacht.

The problem is far deeper than gaps in training data. By design, LLMs also tend to reproduce and reinforce the most statistically prevalent ideas, creating a feedback loop that narrows the scope of accessible human knowledge.

Why so? The internal representation of knowledge in an LLM is not uniform. Concepts that appear more frequently, more prominently, or across a wider range of contexts in the training data tend to be more strongly encoded. For example, if pizza is commonly mentioned as a favourite food across a broad set of training texts, the model is more likely to respond with ‘pizza’ when asked ‘What’s your favourite food?’ Not because the LLM likes pizza, but because that association is more statistically prominent.

More subtly, the model’s output distribution does not directly reflect the frequency of ideas in the training data. Instead, LLMs often amplify dominant patterns in a way that distorts their original proportions. This phenomenon can be referred to as ‘mode amplification’. Suppose the training data includes 60 per cent references to pizza, 30 per cent to pasta, and 10 per cent to biriyani as favourite foods. One might expect the model to reproduce this distribution if asked the same question 100 times. However, in practice, LLMs tend to overproduce the most frequent answer. Pizza may appear more than 60 times, while less frequent items like biriyani may be underrepresented or omitted altogether. This occurs because LLMs are optimised to predict the most probable next ‘token’ (the next word or word fragment in a sequence), which leads to a disproportionate emphasis on high-likelihood responses, even beyond their actual prevalence in the training corpus. Together, these two principles – uneven internal knowledge representation and mode amplification in output generation – help explain why LLMs often reinforce dominant cultural patterns or ideas. […]

Ask ChatGPT about a controversial topic and you’ll get a diplomatic response that sounds like it was crafted by a panel of lawyers and HR professionals who are overly eager to please you. Ask Grok the same question and you might get a sarcastic quip followed by a politically charged take that would fit right in at a certain tech billionaire’s dinner party.

Das ganze Endet in einem selbstverstärkenden Loop der Homogenisierung und extremen Streamlinging von Wissensrepräsntation und damit eine Verarmung von uns allen.

The internet, as the primary source of knowledge for AI models, becomes recursively influenced by the very outputs those models generate. With each training cycle, new models increasingly rely on AI-generated content, reinforcing prevailing narratives and further marginalising less prominent perspectives. This risks creating a feedback loop where dominant ideas are continuously amplified while long-tail or niche knowledge fades from view.

Was wir als Wissensrevolution feiern, ist in Wirklichkeit eine semantische Verarmungs-Revolution auf globalem Level, die die Vielfalt des menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrungswelten auf ein verslopptes JPEG des Internets reduziert.

Maybe the intelligence we most need is the capacity to see beyond the hierarchies that determine which knowledge counts. Without that foundation, regardless of the hundreds of billions we pour into developing superintelligence, we’ll keep erasing knowledge systems that took generations to develop.


Eine Studie über den Hivemind-Effect: einer reproduzierbare Homogenität von reproduzierten semantischen Pfaden innerhalb von LLMs, als auch zwischen unterschiedlichen LLMs.

Language models (LMs) often struggle to generate diverse, human-like creative content, raising concerns about the long-term homogenization of human thought through repeated exposure to similar outputs. Yet scalable methods for evaluating LM output diversity remain limited, especially beyond narrow tasks such as random number or name generation, or beyond repeated sampling from a single model. We introduce Infinity-Chat, a large-scale dataset of 26K diverse, real-world, open-ended user queries that admit a wide range of plausible answers with no single ground truth. […]
Using Infinity-Chat, we present a large-scale study of mode collapse in LMs, revealing a pronounced Artificial Hivemind effect in open-ended generation of LMs, characterized by (1) intra-model repetition, where a single model consistently generates similar responses, and more so (2) inter-model homogeneity, where different models produce strikingly similar outputs.


An der Universtität von Texas werden LLMs verwendet, um Kursbeschreibungen nach „woken“ Begrifflichkeiten zu checken und zu zensieren.

At Texas A&M, internal emails show staff are using AI software to search syllabi and course descriptions for words that could raise concerns under new system policies restricting how faculty teach about race and gender.

At Texas State, memos show administrators are suggesting faculty use an AI writing assistant to revise course descriptions. They urged professors to drop words such as “challenging,” “dismantling” and “decolonizing” and to rename courses with titles like “Combating Racism in Healthcare” to something university officials consider more neutral like “Race and Public Health in America.”


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Michael Seemann
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Francesca Bria und ihr Team vom Autonomy Institute haben die Broligarchie des neuen Techfaschismus in dieser anschaulichen Info-Grafik-Website aufgearbeitet, The Authoritarian Stack. Man kann zum Beispiel alle die ideologischen, politischen und geschäftlichen Verbindungen der wichtigsten Akteure anhand interaktiver Grafiken und Charts nachvollziehen.

Anschaulich auch der Pfad, den sie durch die verschiedenen Layer tracken.

Silicon Valley’s Authoritarian Tech Right is not theorizing this world. They are already building it. The pipelines are operational. The feedback loops are functioning. The sovereignty transfers are completing.

Democracy persists as a legacy interface— maintained for stability, while being systematically hollowed out and replaced.

The question now is whether democratic societies can recognize this formation for what it is—and build alternatives before the infrastructure of control becomes too deeply embedded to dislodge.

Michael Bruns hat einen sehenswerten Videoexplainer zum Projekt gemacht.


Mohammed R. Mhawish ist einer der wenigen noch überlebenden palästinensischen Journalisten in Gaza und schreibt im NY Mag darüber, wie die israelische Totalüberwachung in Gaza seine Welt verändert hat.

One of these people, Marwan, a 60-year-old hospital administrator in Gaza City, at first objected to my line of questioning. (I’m using only first names. Giving their full names in a report about surveillance feels like an offering to the occupation.) “In the face of mass slaughter,” Marwan said, “what difference does it make that they can see my Facebook posts or hack my calls or monitor my home?”
But soon Marwan could not stop talking about how the constant awareness of being watched had twisted and narrowed his world. He said he now avoids calling his brother “lest he ask whether any rockets were fired from the area or whether the Israelis had arrived in the area,” and those words be misread or distorted by unseen listeners. He described the collapse of connection itself: the way fear moves into a family, one phone call at a time, until even expressions of love begin to feel dangerous.
Khaled, who worked for nearly three decades as an ambulance driver for Al-Awda Hospital, said that during an interrogation, an officer showed him a private text message he’d sent his family. “Everything we say, they can see,” Khaled said. The text was mundane; the point, he felt, was to show this 61-year-old father of seven how deeply they could peer into his private life. People told me they have even extinguished their own thoughts, as if the interrogators and listeners could see inside their heads. “Nobody doesn’t have political leanings,” one man named Mohammed told me. “But I’ve killed it. I’ve prohibited myself from speaking on this. I’ve locked it with a key.”

In Gaza kann man anfangen zu verstehen, was es bedeutet, wenn dein Kommunikations-Provider nicht nur ein gewinnmaximierendes Unternehmen ist, das dich ausnehmen will, sondern Teil eines technisch-militätrischen Komplexes ist, der dich jederzeit auslöschen kann.

Everyone had stories of being watched. Mary, a 26-year-old writer, grew up in a two-story house on the more affluent side of Gaza City, where people went to stroll near the sea on streets lined with shops and airy schoolyards. It had a simple white façade, tall windows, a small balcony, and eight old araucaria trees her father had diligently cared for shading the gate. Before the war, passersby slowed to admire them. By this summer, the bombardment had cracked part of the roof open. At around 4:30 a.m. on July 27, while she slept in one of the remaining rooms, Mary woke to a faint buzz that seemed to come from just beside her. “I froze,” she told me. “I could not move. I could not scream.” A dark square hovered near the ceiling. She stared at it, motionless, until it drifted out of the room and exited through a window. If they could fly a drone to her bedside, they could see everything, she told me. Weeks later, her 35-year-old neighbor was shot dead by an armed drone while drying laundry on her balcony, standing beside her 4-year-old son, Mary said. “It is not death that we fear,” she told me. “It is the terror that comes before it.”

Nicht nur die Gebäude liegen in Schutt und Asche, sondern auch das Vertrauen in die Kommunikationsinfrastruktur und damit auch großer Bereich der sozialen Beziehungen.

Life in Gaza for the past two years has been a process of losing everything visible — our families, homes, streets. It also means losing what cannot be seen: the private space of the mind, the intimacy between people, and the ability to speak without fear of being monitored by a machine. A poll conducted just weeks before the October cease-fire by the Palestine-based research organization Institute for Social and Economic Progress found that nearly two-thirds of Gazans believed they were constantly watched by the Israeli government. This is the dystopian consequence of technology, supplied in part by American companies, being placed into the hands of authorities who have virtually unlimited control over a captive population they have openly villainized. It is the culmination of decades of monitored occupation, a totalitarian nightmare spliced with genocidal terror, a system that is already evolving and growing for whatever comes next. The old admonition of authoritarian regimes everywhere — If you have nothing to hide, you have nothing to be afraid of — has no meaning in Gaza.

Mhawish erzählt anschaulich, dass die Total-Überwachung nicht neu ist. Die Ursprünge des Systems gehen auf die Gründung Israels zurück und wurden einfach beständig weiterentwickelt. Mit Palantir, Microsoft Cloud und der vollständigen Überwachung von allem und jedem per KI ist das System lediglich zu seinem vorläufigen Höhepunkt gekommen.

Palantir, which had purchased an ad in the New York Times proclaiming that PALANTIR STANDS WITH ISRAEL, entered into an agreement to provide Israel’s military with technology “in support of war-related missions,” according to Bloomberg. Israel’s military intelligence unit reportedly used Google Photos, combined with tech from Israeli company Corsight AI, to enable its facial-recognition program to identify faces from a crowd and footage. Google and Amazon, which supply the Israeli government with advanced cloud-storage services and AI capabilities, were reported to have included a covert system in their contract to warn Israel when foreign courts compelled the companies to hand over Israeli government data but barred them from notifying Israel directly.

Die Lücken in den Daten werden laufend durch Foto-ID-Apps der Soldaten am Boden und ständige random Kidnappings und Folter durch die IDF ergänzt.

A woman in her early 40s who asked to remain anonymous worked at a beauty salon before the war. She was detained as she was marching south from where she was sheltering in the north of Gaza. She was positioned before two devices to log features of her face: a phone to capture her image and another screen to process it, she surmised. She turned her head away, refusing to look at the camera. A soldier forced her face toward it. Then a rifle butt struck her skull.

Her full name surfaced instantly. A soldier read aloud her first name, her father’s name, her grandfather’s, and her family name. “He did not ask me for anything, no ID, nothing, to know who I was,” she said. An officer glanced at the result and said they were taking her. In a pen, soldiers stripped her to her undergarments, she said. When her blindfold slipped, she saw four soldiers pointing a camera at her. She screamed, tried to cover herself, cried, and was struck in the chest as the blindfold was yanked back over her eyes. They called her “slut,” shoved her into a small cage, and warned that she would be beaten if she disobeyed. “What if we publish these?” a soldier said in Arabic while photographing her. Phones, cameras, watches — everything around was recording, she believed.

She said she was shuttled between the cages, the Sde Teiman facility, and Damon prison in Israel. At Sde Teiman — now notorious for scores of reports of horrific abuse — she was raped four times, she said. During her period, guards mocked her bleeding and shouted, “You smell.” They knew she had a teenage daughter. They knew she had worked at a beauty salon. They cut off her hair. “They’ve weaponized our information,” she said. After 32 days in detention, she was released.

Aber seit automatisierte Tötungs-Systeme wie Lavender auf dem Total-Überwachungssystem aufbauen, wird es noch sehr viel ernster genommen

Algorithms sorted people by perceived threat, according to reporting by +972 Magazine and Local Call. Each score could determine who would live or die. Intelligence sources told reporters that one of these systems, designed to score individuals by supposed affiliation with a Palestinian armed group, produced tens of thousands of names. Approval for a strike could reportedly take less than 30 seconds. Another program classified buildings by type and occupancy, marking them for strikes. AI tools, created in partnership with enlisted soldiers in Unit 8200 and reserve soldiers working at companies such as Google, Microsoft, and Meta, analyzed Arabic text messages and social-media posts, according to the New York Times. When those classifications were combined with targeting a suspected fighter at home rather than when alone, the result was the annihilation of families whose only fault was proximity. These advanced systems were mixed with older ones: the use of informants and spies and searches of homes and offices. I heard story after story of soldiers separating people, photographing them, and searching phones, part of broader screening and detention practices during the war.

Mit dem vermehrten Einsatz von bewaffneten Quad-Copter-Drohnen hat die Lage nochmal verschärft.

In Gaza, we call the drone zanana — “the buzz.” After October 2023, it became the soundtrack to our lives. We could tell the difference between the models that could kill and those that only watched. People in Gaza later told me they avoided the notorious Gaza Humanitarian Foundation distribution sites (which shuttered in November) not only because they feared being shot and killed, as hundreds of people were, but also because they feared the same cameras watching the crowds were matching their faces to databases — that even the act of seeking food could expose them. (In July, two unnamed contractors working as security for the distribution sites told the Associated Press that this is exactly what was happening.) A machine could look into people’s homes, register their presence, and flag them. If we tried to live our lives as if the surveillance did not exist, it could lead to our deaths.

“We’ve adapted to having our entire lives under surveillance,” he said. He even avoided using opaque bags when going to the market. “I’d try to have a transparent bag,” he said. “I wouldn’t leave with a backpack, lest they misinterpret it.” In his apartment overlooking the sea, Mohammed struggled with whether to close the curtains to hide from the drones outside. Safety, he had come to believe, depended on leaving nothing to interpretation.

Mhawish wird immer wieder selbst durch die IDF mit dem Tod bedroht, wie so viele andere der wenigen noch lebenden Journalist*innen und irgendwann merkt er, dass er selbst auf der Abschussliste steht. Als er am Checkpoint Netzarim auf der Flucht mit seiner Familie nach Ägypten herausgepickt und befragt wird, erfährt er am eigenen Leib, was die IDF alles über ihn weiß.

He started to move through my life: studies and work as well as the places I’d reported from — Al-Shifa, Al-Awda, Al-Daraj — naming them in sequence. He asked me about my relatives. When I hesitated, he filled in my cousins’ names, naming a neighborhood where my family sheltered. Whether I answered or faltered, his notes absorbed it all the same. The interrogation lasted hours. Over those endless minutes, what became clear to me was that the interrogator held on the screen before him a copy of my life built from relentless watching, compiled from calls, cameras, and coordinates.

Then he began talking about my son. “Is Rafik still out there? How is his chest?” For a moment, my mind went blank. It was a question from inside my own house. It took me back to 2022, when Rafik was just 11 months old, during our time in the UAE. Rafik had contracted a lung infection and he spent two nights in a Dubai hospital. It was not a big deal. He was fine. But here it was, an episode from my life I’d never written about or broadcast. The interrogator said it like a box he was checking. Their knowledge of my son’s brief illness had to come from somewhere. Hospital records from the UAE? Recordings they’d kept of my phone calls? Copies of my emails? It felt like they had stepped inside my mind.

The interrogation intensified. A soldier behind me struck the base of my neck with his rifle when I denied participating in attacks on Israel. “Tell the truth,” he said in English. Each question from the interrogator landed like a test. I stuck to the mundane: that we’d moved south for food and that we were “following orders” — their phrase, returned to them in the hope it would spare my family. Then he brought up the bombing of our home. He called my reporting “advertisements.” He said I’d nearly gotten my family killed.

Am Ende wurde er wieder entlassen und konnte nach Ägypten fliehen, weswegen wir seine Geschichte kennen.

Die Margen der Kunst. Michael Seemann | kulturBdigital-Konferenz 2025 – YouTube

Ich hatte neulich das Privileg auf der Konferenz „Besser Teilen“ einen Vortrag über die politische Ökonomie der Musikindustrie zu halten, aber ich hatte mehr bock mir ne Pfadgelegenheit reinzuknallen und in der Matrix rumzuhängen, also hab ich das einfach miteinander verbunden.

Kunst und Kultur zu verwerten war immer schon ein schwieriges Geschäft. Anhand historischer Rückblicke erzählt Autor und Internetforscher Michael Seemann (Otherwise Network) den Paradigmenwechsel von einer urheberrechtsbasierten zur plattformbasierten Kulturökonomie. Im Vortrag fordert er die Kultur auf, sich zu organisieren, Kräfte zu bündeln und als gemeinsame Interessenvertretung sichtbarer zu werden – in Allianzen, Verbänden und Gewerkschaften. 

Der talk ist ein guter Einstieg in die „Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten“ und wer wissen will, was dahinter steckt, kann am besten bei diesen Explainer weiterlesen.

Krasse Links No 74

Willkommen zu Krasse Links No 74. Dies ist gewissermaßen eine Sonderausgabe zu Sprache, Denken und Handeln, an der ich ziemlich lange gesessen habe und die etwas länger geworden ist, deswegen sorry für die lange Stille und den langen Newsletter, aber da musste ich gerade mal durch. Aber nun haltet euch an euren Paradigmen fest, heute verfolgen wir Jeffrey Epstein durch die Evolution des Unterschieds und differenzieren den Kognitivismus mit der Proto-Semantik der Intelligenz.


Ich war kurz erschrocken, als Benjamin Riley in The Verge berichtete, dass Wissenschaftler*innen zweifelsfrei zeigen können, dass Denken und Sprechen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge seien, die rein gar nichts miteinander zu tun hätten und dann war ich fast enttäuscht, wie wenig sie aufzubieten hatten.

The problem is that according to current neuroscience, human thinking is largely independent of human language — and we have little reason to believe ever more sophisticated modeling of language will create a form of intelligence that meets or surpasses our own. Humans use language to communicate the results of our capacity to reason, form abstractions, and make generalizations, or what we might call our intelligence. We use language to think, but that does not make language the same as thought.

„Brain-Scans“ zeigen, dass Sprache ein Areal im Hirn beansprucht, dass bei bestimmten kognitiven Aufgaben kaum benutzt wird, außerdem sind Menschen mit kognitiven Störungen ihrer Sprachfähigkeit unabhängig davon durchaus fähig, komplexe Aufgaben zu lösen und auch Babies zeigen kognitive Fähigkeiten lange vor dem Spracherwerb u.s.w.

Second, studies of humans who have lost their language abilities due to brain damage or other disorders demonstrate conclusively that this loss does not fundamentally impair the general ability to think. “The evidence is unequivocal,” Fedorenko et al. state, that “there are many cases of individuals with severe linguistic impairments … who nevertheless exhibit intact abilities to engage in many forms of thought.” These people can solve math problems, follow nonverbal instructions, understand the motivation of others, and engage in reasoning — including formal logical reasoning and causal reasoning about the world.

Interessant ist, was sie als „nicht-sprachliche kognitive Fähigkeiten“ ansehen:

Aus dem zitierten Paper:

mathematical reasoning, formal logical reasoning, performing demanding executive function tasks such as working memory or cognitive control tasks, understanding computer code, thinking about others’ mental states, and making semantic judgments about objects or events.

Ich komm nicht darüber hinweg, wie eng diese Menschen „Sprache“ definieren. Als wäre formale Sprache, mathematische Formeln, Zahlen, Computer Code, etc. nicht teil der Sprache.

Wie man diesem Newsletter ab und an anmerkt bin in meinem Denken eher von der (post-)strukturalistischen Schule geprägt, die das alles ganz anders sieht.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Aus Saussures Erkenntnis sprudelte in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ein ganzes Feld von neuen Weltbetrachtungsweisen, die man später unter dem Wort „Strukturalismus“ fasste: Claude Levi-Strauss wandte das Framework in der Ethnologie an, um die kulturellen Praktiken indigener Völker in Beziehung zur eigenen zu setzen, Lacan zur Erforschung des Unbewussten, Roland Bartes nutzte es, um unsere Konsum-Alltagswelt semiotisch aufzuschlüsseln, Pierre Bourdieu wandte das Framework auf Klasse an, Foucault zur Identifikation und Beschreibung von vergangenen und gegenwärtigen Diskursformationen, Judith Buttler für „Geschlecht“ und Umberto Eco für alles mögliche.

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Aber das war das Paradigma, das Mitte der 1990er Jahre vom Kognitivismus abgelöst wurde, der heute überall hegemonial ist. Das Stück von Riley fährt fort:

We can credit Thomas Kuhn and his book The Structure of Scientific Revolutions for our notion of “scientific paradigms,” the basic frameworks for how we understand our world at any given time. He argued these paradigms “shift” not as the result of iterative experimentation, but rather when new questions and ideas emerge that no longer fit within our existing scientific descriptions of the world. Einstein, for example, conceived of relativity before any empirical evidence confirmed it. Building off this notion, the philosopher Richard Rorty contended that it is when scientists and artists become dissatisfied with existing paradigms (or vocabularies, as he called them) that they create new metaphors that give rise to new descriptions of the world — and if these new ideas are useful, they then become our common understanding of what is true. As such, he argued, “common sense is a collection of dead metaphors.”

Moment, eben noch waren Sprache und Denken zwei kommplett verschiedene Dinge und jetzt sagt derselbe Autor, dass wir andere Fragen stellen können, wenn wir andere Unterscheidungen machen? Und zitiert dazu noch zwei strukturalistisch beeinflusste Denker: Kuhn und Rorty? Wie passt das zusammen?

Ich möchte folgende Definition vorschlagen:

Ein „wissenschaftliches Paradigma“ ist eine (im jeweiligen Kontext) hegemonial gewordene erkenntnisleitende Unterscheidung und alle die sich daraus ergebenden Forschungspfadgelegenheiten, inklusive ihrer materiellen und semantischen Infrastrukturen.

Ein Paradigma entsteht, wenn eine bestimmte Unterscheidung nützlich scheinende Pfadgelegenheiten eröffnet: Dann fließen Forschungsgelder und Paper und im besten Fall auch „Erkenntnisse“. Doch wie das immer so ist: das neue Paradigma – die neue fancy Unterscheidung, so toll sie auch ist – birgt meist nur eine begrenzte Zahl an beforschbaren Pfaden und wenn die „Low Hanging Fruits“ bereits geerntet sind und die „Erkenntnisse“ nicht mehr so purzeln, geht das Paradigma in den Selbstverteidigungsmodus über.

Ich stell mir das so vor: Jede erkenntnisleitende Unterscheidung produziert pfadabhängige „blinde Flecke“, denn es gibt immer auch Millionen Möglichkeiten, anders zu unterscheiden und diese anderen Möglichkeit zu unterscheiden hätten aber ebenso Pfadgelegenheiten eröffnet, die aber deswegen unbeforscht blieben, weil das bestehende Paradigma die Aufmerksamkeit, das Geld und die Infrastrukturen bei sich konzentriert. Ein Paradigmenwechsel passiert also dann, wenn eine grundlegende Art zu unterscheiden, eine andere Art zu unterscheiden ablöst.

It [the LLM] will be forever trapped in the vocabulary we’ve encoded in our data and trained it upon — a dead-metaphor machine. And actual humans — thinking and reasoning and using language to communicate our thoughts to one another — will remain at the forefront of transforming our understanding of the world.

Das ist zwar eine richtige Beschreibung von LLMs, es ist aber auch zu einem gewissen Maß richtig für uns alle. Wir alle leben in den toten Metaphern unserer Vorfahren und kommen da schwer raus. Derrida würde zudem darauf bestehen, dass die Metaphern nicht wirklich tot sind, sondern unsere Sprache entlang ihrer iterativen Pfadabhängigkeiten als Gespenster heimsuchen. In einem ganz besonderen Maße ist das richtig für das Paradigma des Kognitivismus, das in Wirklichkeit noch vom Geist Descartes heimgesucht wird. Zeit für was Neues.


Ich habe angefangen, Schneisen in den semantischen Dschungel zu schlagen, der im Laufe des Newsletters so vor sich hinwucherte, indem ich ausführliche und möglichst einsteigerfreundliche Explainer geschrieben habe: Angefangen habe ich mit den beiden wichtigsten Begriffen: Dividuum und Pfadgelegenheit, weitere werden folgen.

Außerdem gibt es noch einen Explainer dazu, wie man von der Macht-Inderdependenz-Theorie zur Macht/Wert-Formel kommt.


Heise fasst ein Interview mit dem Richter am internationalen Strafgerichtshof in Le Monde, Nicolas Guillou, zusammen, der wegen seiner Untersuchungen des Genozids in Gaza auf die Sanktionsliste der US-Regierung fiel und deswegen Zugang zu Services und Bankverbindungen verlor.

Im Alltag von Guillou bedeutet das, dass er vom digitalen Leben und vielem, was heute als Standard gilt, ausgeschlossen ist, schilderte er der französischen Zeitung Le Monde. All seine Konten bei US-Unternehmen wie Amazon, Airbnb oder PayPal wurden von den Anbietern sofort geschlossen. Online-Buchungen, wie über Expedia, werden sofort storniert, selbst wenn es um Hotels in Frankreich geht. Auch die Teilnahme am E-Commerce sei ihm praktisch nicht mehr möglich, da US-Unternehmen auf die eine oder andere Weise immer eine Rolle spielen, und es diesen strikt untersagt ist, mit Sanktionierten in irgendeine Handelsbeziehung zu treten.

Als drastisch beschreibt er auch die Auswirkungen, am Bankenwesen teilzunehmen. Zahlungssysteme seien für ihn blockiert, da US-Unternehmen wie American Express, Visa und Mastercard quasi über ein Monopol in Europa verfügten. Auch das restliche Banking beschreibt er als stark eingeschränkt. So seien auch Konten bei nicht-amerikanischen Banken teilweise geschlossen worden. Transaktionen in US-Dollar oder über Dollar-Konversion sind ihm verboten.

Ich denke ja schon länger, dass das Mittel der Wahl wird, wie der Techfaschismus seine Gegener*innen kontrolliert. Wer unbequem wird, landet auf „der Liste“ und die Plattformen und Zahlungsanbieter machen den Rest.

Wie neulich hier besprochen arbeitet die Trumpregierung bereits an einer inländischen Implementierung zum „War against Antifa“. Wobei die Schwammigkeit des Targets dieser Form der Unterdrückung durchaus entgegenkommt. Millionen zerstörter Einzelschicksale, weil „Antifa“. Gleichzeitig kann man mit solchen Listen prima am Gesetz vorbei unterdrücken: Die Plattformen setzen nur ihr Hausrecht durch und wer will schon „Terroristen“ unterstützen?

Die kommende Purge-Koalition wird nur ein Teil des Problems sein und wenn sich all diese Plattformen koordinieren, knallt der Thanos-Effekt an die Decke. Unsere Abhängigkeiten von der amerikanischen Tech-Oligarchie sind eine tickende Zeitbombe.


Jason Pargin hat ein kurzes Erklärvideo über die psychologische Ökonomie des Kulturkampfes.

Wenn wir die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten auf die Konsumwelt anlegen, dann sehen wir, dass die zusätzlichen Kaffee-Pfadgelegenheiten zwar nichts an der Verfügbarkeit der materiellen Pfadgelegenheit „Coffee, Black“ ändert, wohl aber an ihrem Wert, denn die Macht-Wert-Formel teilt immer durch die Pfadalternativen.

Und das gilt für die semantische Ebene erst recht: Der Orientierungspunkt „Kaffee“ wird ambivalent, verzweigt sich, verliert damit einen Gutteil seines Werts als Erwartungs-Koordinationsanker.

Jede Pfadalternative ist semantisch dem Spiel der Differenzen ausgeliefert: Neue Kaffee-Pfadgelegenheiten sind auch Pfadgelegenheiten zur Distinktion und das wird von den semantisch Zurückgelassen gespürt und machmal als Pfadgelegenheit genutzt, in dem geänderten Verhalten um sich herum eine Form der Herabsetzung ihrer Art zu leben zu lesen. Der semantische Ausdruck dieser Herabsetzung ist die Degradierung ihres Kaffees von „universeller, voll oker Kaffee, den halt alle trinken“ zur „Basic-Variante“.


Im Zuge der Veröffentlichung interner Untersuchungen am MIT kamen ein Haufen E-Mails zwischen dem deutschen KI-Forscher Joscha Bach und Jeffrey Epstein zu Tage. Bach und seine Theorien waren bereits mehrfach Thema hier, das erste Mal 2016, aber auch in Krasse Links No 31. Aus dem Boston Globe:

“In the US, black children outperform white children in motor development, even in very poor and socially disadvantaged households, but they lag behind (and never catch up) in cognitive development even after controlling for family income,” he wrote. […]

In another email, sent to Epstein about two weeks later in 2016, Bach claimed that women “tend to find abstract systems, conflicts and mechanisms intrinsically boring” and attributed gender disparities in scientific involvement to this.

“Most women in computer science do not write programs because they enjoy solving puzzles, but because they want to help people, get approval etc,” he wrote. “There are almost no women in math, because it does not help people or yield social attention.”

He also drew further generalizations about the differences between racial groups and mused about fascism, describing it as “probably the most efficient and rationally stringent way of governance,” but adding that it “makes romantic doo-gooders like me very uncomfortable.”

Aber auch der größere Kontext ist interessant:

According to the MIT report on Epstein’s interactions with the institute, Epstein introduced Bach to Ito, the Media Lab leader, in 2013. Bach was hired by the lab “in large part because Epstein subsidized the cost,” the report said. Epstein made donations in November 2013, July 2014, and September 2014 totaling $300,000 to support Bach’s research, according to the report.

Epstein also introduced Bach to Martin Nowak, a professor of mathematics and biology at Harvard University, according to the school’s report into its connections to Epstein. (Like MIT, Harvard commissioned a review into the university’s connections to Epstein and released the findings in 2020.)
Nowak, who led Harvard’s Program for Evolutionary Dynamics, which was funded by a multimillion-dollar gift from Epstein, was sanctioned by Harvard in 2021. He was barred from leading new research projects and taking on advisees for two years, and the program was shut down.

Nowak gave Bach access to the program’s offices from 2014 to 2019, and the program listed Bach as a research scientist on its website, according to the Harvard report. The report said Harvard did not pay Bach or provide funds to support his research. After leaving MIT in 2016, Bach continued to intermittently use the program’s office space, including to meet with Epstein, according to the report.

Was weniger Gegenstand der allgemeinen Diskussion um Epstein ist, aber zur Wahrheit unbedingt dazugehört, ist die Tatsache, dass er eine einflussreiche Figur in der Wissenschaftspolitik der USA war. Epstein war sehr engagiert, Teil eines intellektuellen Zirkels zu werden, der sich um den Literaturagenten John Brockman versammelt hatte und den dieser mal in seinem gleichnamigen Buch als „Third Culture“ bezeichnete. Da versammelte sich ein neuer Typ des Intellektuellen, der nicht mehr diesen papierverstaubten kulturwissenschaftlichen Background hat, sondern aus der „echten Wissenschaft“ kommt und die Aura des „Innovators“ trägt: Richard Dawkins, Daniel Dennet, Marvin Minsky, Roger Penrose und Steven Pinker und so weiter. Also das, wovon Jordan Peterson und das „intellektual Dark Web“ die pfadanhängigen Ausläufer in unsere Zeit sind.

Brockman und seine neuen Intellektuellen etablierten aber auch die Erlangung der Deutungshoheit der „Hard Science“ über eigentlich traditionell kultur- und geisteswissenschaftlichen Fragen, unter anderem: Was ist Erkennen, was ist Denken, was ist Bedeutung, was ist Sprache? Diese Fragen wurden jetzt zunehmend von „Cognitive Scientists“, also Psycholog*innen, Neurowissenschaftler*innen und im weitesten Sinne auch KI-Forscher*innen beantwortet.

In seinem Buch „Language Machines“ macht Leif Weatherby den Showdown dieses Paradigmenwechsels an der Popularisierung von Noam Chomskys Konzept der „Generativen Grammatik“ fest. Ich tue ihm sicherlich unrecht, aber verkürzt sagt Chomsky, dass wir eine Art evolutionären Sprachprozessor im Hirn hätten, der zwischen Gedanken und gelernter Sprache übersetzt. Dabei ist das Language-Modul nur ein Modul unter vielen und wird eigentlich nur zur Kommunikation verwendet. Wichtig ist: Denken und Sprechen sind zwei voneinander unabhängige Vorgänge.

Es war aber Steven Pinker, der in seinem Bestseller von 1994 „The Language Instinct“ die Ideen Chomskys in einer abgespeckten Form popularisierte und damit den „Cognitive Turn“ (mein Wort) einleitete, der bis heute das Wissenschaftsfeld und die gesamte Debatte prägt. Weatherby führt den Sieg der Kognitivisten letztlich darauf zurück, dass niemand aus dem kulturwissenschaftlichen Lager wirklich auf Pinkers evolutionspsychologische Thesen antworten wollte.

Ende der 1990er Jahre kommt dann nach und nach Jeffrey Epstein ins Bild. Er war fasziniert von den großen Ideen um Bewusstsein, Sprache, Evolution und Intelligenz und natürlich: Künstlicher Intelligenz. Auch er wird wie Brockman ein Broker in diesem neuen wissenschaftlichen Paradigma, aber statt mit Buchverträgen und Ruhm, stattet Epstein diese Szene mit Geld und Kontakten zu seinen Milliardärs-Freunden und Politeliten aus. Er veranstaltet Dinner, Partys, Dinnerpartys, Hintergrundrunden und verweißnochwas. Er finanziert quasi im Alleingang Brockmans Edge Foundation, Projekte an der Harvard-Universität und am MIT, den Psychologen Howard Gardner, Martin Nowak und eben Joscha Bach (auf Anraten von Marvin Minsky), er freundet sich mit Noam Chomsky an und hängt mit Steven Pinker, Minsky, Brockman und vielen anderen aus der Klicke rum. Aber vor allem vermittelte er Kontakte von und zu der neuen Intelligenzija, zu Geld, zur Tech-Szene, zur höchsten Politik und naja, zu … Minderjährigen.

Ich will niemandem Dinge unterstellen, die er oder sie nicht getan hat (nachgewiesen ist konkreter sexueller Missbrauch nur bei Marvin Minsky) und Jeffrey Epsteins Einfluss auf die Hegemonialwerdung des kognitiven Paradigmas kam relativ spät und man sollte ihn auch nicht zu hoch hängen, aber die semantischen Pfadabhängigkeiten und ideologischen Übergangswahrscheinlichkeiten sollten uns dennoch zu Denken geben.

Der Kognitivismus als verwissenschaftlichter Individualismus konnte das descartsche Individuum gegen den Angriff der Poststrukturalisten nicht nur verteidigen, sondern ein eigenes Paradigma auf diesem Sieg errichten.

Solange die Sprache nur Übersetzung innerer Geisteszustände ist, bleibt die „Res Cogitans“ intakt, bleibt das Individuum unteilbar, denn nur durch diese Unteilbarkeit, so die Vorstellung, hat der Mensch „Agency“. Chomsky steht in einer „anarchistisch-liberalen Tradition“ und da gehört das Individuum zum pfadabhängigen Erbe und wie anschlussfähig diese Position nach rechts ist, war zu seiner Zeit weniger klar als heute.

Gleichzeitig öffnet sich diese undefiniert gelassene Stelle des Denkens, das nicht Sprache ist, der pfadabhängigen Imagination: Mit dem „Bewusstsein“ und seiner „Intelligenz“ hatte man eine mit der Welt (von der Genetik abgesehen) unkorrelierte „Qualia“, der man jetzt versuchte, mit Brain-Scans, Zwillingsstudien, „Intelligenz-Tests“ und „evolutionärer Psychologie“ auf die Spur zu kommen.

Auch wenn man sich nach wie vor nicht sicher ist, was Intelligenz oder Bewusstsein überhaupt sind, ist man sich sicher, dass es etwas mit Skalierung zu tun hat, eine These, die sich oberflächlich gesehen mit „KI“ zu bewahrheiten scheint. Hinter all dem steht eine Vorstellung von „Intelligenz“ als lineare Qualitäts-Hierarchie der Bewusstseine – von der Amöbe über Albert Einstein bis zum Cognitive Scientist der Third Culture und mit „AGI“ vielleicht demnächst sogar darüber hinaus.

Dabei gilt so grob: Je Intelligenz desto Agency und je Agency desto Individuum.

Damit wird folgendes Narrativ möglich: der Ort in der Gesellschaft, den du (und die Gruppe, zu der du gehörst) einnimmst, reflektiert deine Agency (statt, wie es wirklich ist: andersrum) und deine Agency (und die deiner Gruppe) reflektiert deine Intelligenz.

Wer hat wohl Interesse an so einem Weltbild?

Hm, reiche Menschen?

Rassisten?

Sexisten?

Aber vor allem: reiche, sexistische Rassisten?

Der Kognitivismus ist nicht nur das vorherrschende wissenschaftliche Paradigma, sondern auch Grundlage der neoliberalen Eliten-Vorstellung von der Gesellschaft als „Meritokratie“ und über Bande daher auch, wo der „Scientific Racism“ seinen Most holt. Außerdem ist er der semantische Ort, von dem die KI-Bros ihre naive Vorstellung von Intelligenz beziehen und nicht zuletzt bietet er auch die Erlaubnisstruktur für das neuerliche Milliardärs-Klassenbewusstsein.

Jeffrey Epstein war ein echtes Individuum, ein Superindividuum das andere „Individuen“ wie Dividuen aussehen lässt, wie Joscha bewundernd bemerkte:

“I find your ‘political incorrectness’ very fascinating,” Bach wrote. “In the beginning, I thought it is a form of costly signaling, but now I think you are simply entirely unconstrained in your thoughts.”
He added, “I wonder what kind of person you want to transform into.”


Dieser Video-Explainer über KI dreht sich eigentlich um die Frage, in wie weit Schmerz die wesentliche Zutat ist, die Lernen ermöglicht, kommt dabei aber immer wieder auf die sogenannte „Value Function“ moderner Machine Learning-Systeme zurück.

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Q-Function errechnet also den subjektiven „Wert“ von Pfadgelegenheiten.


Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionsbiologischen Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Um zu verstehen, wo die Semantik sich versteckt, müssen wir Gregory Batesons elegante und treffende Definition von „Information“ nehmen und sie zu einer strukturalistischen Evolutionstheorie erweitern. Die Definition lautet:

Information is a difference, that makes a difference.

Aber welche Difference maked die Difference? Spoiler: Sie verändert Erwartungen.

Das symbolische System der Amöbe unterscheidet ihre Umwelt in Grenze, Gefahr und Lecker, indem sie die projizierten Handlungen „Richtung ändern“, „Run“ und „Absorbieren“ als Heuristik verwendet, als Q-Function, um für jeden sich ihr bietenden Pfad den „Wert“ zu bestimmen, bevor sie sich dafür oder dagegen entscheidet.

Doch um zu funktionieren, müssen die projizierten Handlungen zu wiedererkennenbaren Symbolen werden, die voneinander hinreichend unterscheidbar sind und die bei jedem Kontakt mit der Welt eine Iteration aus Generalisierung und Differenzierung vollziehen. Das heißt, Grenze, Gefahr, Lecker sind bereits notwendig dem Spiel der Zeichen nach Saussure/Derrida ausgesetzt und der Evolutionsdruck richtet sich von nun an auch danach, wie gut dieses Generalisieren und Differenzieren klappt und der Amöbe dabei hilft, ihre Umwelt erfolgreich zu navigieren.

Von diesen Unterscheidungen können wieder weitere Unterscheidungen abgezweigt werden:

Lecker auf die eine oder andere Weise, gefährlich auf die eine oder andere Weise, Ausweichen nach rechts, links, geradeaus? Jede Differenz ist eine Pfadgelegenheit, um weitere Differenzen daran anzuschließen.

Deswegen ist die Pfadgelegenheit selbst bereits „proto-semantisch„: Sobald wir eine Wahl haben, tragen die Pfade, die wir ein- oder ausschlagen „Bedeutung“, insofern, dass wir jeden Pfad mit einer bestimmten Erwartung verbinden.

Noch bevor wir ein Wort sprechen können, sind wir in ein Netzwerk der Erwartungen eingebunden, das uns an uns selbst, aber auch mit der Welt und mit den Menschen um uns herum verbindet.

Strukturalismus evolutionär gesehen, bedeutet also: Erwartungen differenzieren sich aus, indem sie einander als differenzielle Infrastruktur verwenden: Aus Strukturen werden Metastrukturen, werden Metastrukturen, werden Metastrukturen etc. Nach Bateson: A Second Order Information is a difference making difference, that makes a Difference compared to the other the difference making differences, etc.

Erwartungen sind intern vernetzt. Nicht nur orientieren sich unsere Erwartungen an den Erwartungen der Menschen um uns herum, sondern eine Erwartung baut immer auch auf ein Netz pfadabhängiger Erwartungen auf, ob unbewusst oder unbewusst. Ich erwarte, dass die Zeichen, die ich hier schreibe, gespeichert werden, weil ich erwarte, dass WordPress sie abspeichert, was die Erwartung voraussetzt, dass der Server erreichbar ist, was erwartet, dass der Strom funktioniert, usw. Ändert sich ganz unten was in der Kette – etwa mit dem Strom – dann ist das eine mächtige „Information“, denn sie verändert alle davon pfadabhängigen Erwartungen.

Auch mein Hund Cobi unterscheidet Dinge, Menschen, Tiere und nutzt diese Unterscheidungen als Pfadgelegenheit zu unterschiedlichem Verhalten. Ein Baum ist auch für ihn nicht nur dieser eine Baum, sondern er hat eine zur Erwartung geronnene Erfahrung von „Baum“, die er aus all seinen Begegnungen mit „Baum“ generalisiert und differenziert hat. „Baum“ ist bei ihm vor allem mit der Pfadgelegenheit zur Kommunikation assoziiert. Weil er und andere Hunde bevorzugt gegen Bäume pinkeln ist sein ausgiebiges Schnüffeln seine Art der Morgenlektüre der Lokalnachrichten. Seine feine Nase ermöglicht ihm alle möglichen Aspekte des Geruchs zu unterscheiden und feine Differenzen darin wiederum als Pfadgelegenheiten zu nutzen, um sich zu Verhalten, zB. selbst eine Antwort zu hinterlassen.

Natürlich hat Cobi eine ganz andere (Proto-)Semantik von „Baum“ als ich. Die Unterscheidung zwischen Mast und Baum empfände er wahrscheinlich als eine lächerliche Spitzfindigkeit und ich glaube über solche Sachen würden wir uns den ganzen Tag streiten, wenn er meine Sprache spräche. Dann würde ich mich aufspielen, dass meine Unterscheidung viel besser, viel differenzierter sei, als seine Unterscheidung und ich würde mir toll vorkommen, dass wir Menschen mit dem Wort „Baum“ eine viel bessere semantische Infrastruktur zur Verfügung hätten, als seine zusammengewürfelte Privatempirie der Erscheinungen.

Dann würde mich aber Cobi darauf hinweisen, dass „Baum“ biologisch und damit in gewisser weise auch „ontologisch“ eine falsche Bezeichnung ist. Es gibt nicht die Spezies „Baum“, sondern nur einen heterogenen Mix aus unterschiedlichen und größtenteils kaum verwandten Pflanzenarten, die jeweils parallel auf den evolutionären Pfad der „Verholzung“ eingeschwungen sind.

Das habe er sich doch gerade erst angelesen, würde ich ihm entgegenrufen, um den Punkt zu machen, dass nur menschliche Semantik die notwendigen Infrastrukturen bietet, um solche Dinge wie „Spezies“ überhaupt zu unterscheiden!

Ach ja, sagt Cobi? Also er habe diese Unterscheidung schon immer gerochen. „Fichte, Buche, Eiche, Tanne für mich war das schon immer ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Auf Fichte komme zum Beispiel sein Geruch am besten zur Geltung. „Aber ihr Menschen seht nur Holz. Hauptsache brennt gut, was?“ Er ist so ein Klugscheißer!

Here is the Thing: Das, worauf Saussure und die (Post-)Strukturalist*innen gestoßen sind, ist mehr als nur „Sprache“ in dem sehr engen Sinn, wie die Kognitivist*innen sie wegerklären. Sprache, im universell Saussure’schen Sinn, fängt dort an, wo wir Unterscheidungen machen und sie für unterschiedliche Pfadgelegenheiten nutzen. Deswegen irritieren mich die Befunde und Brainscans der Kognitivisten gar nicht: Es gibt keine kognitiven Fähigkeiten, für die die Fähigkeit zu Unterscheiden und diese Unterscheidung als Infrastruktur für weitere Unterscheidungen zu verwenden, nicht eine pfadabhängige Infrastruktur wäre.

Aber wie entsteht das, was wir normaler weise „Semantik“ nennen: also intersubjektive Bedeutung?

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Wenn Pfadgelegenheiten Proto-Semantiken sind, weil sie projizierte Handlungen sind, die erwarteten Pfaden in vorhandenen Infrastrukturen folgen, dann sind semantische Pfadgelegenheiten, projizierte Pfade in den erwarteten Erwartungen meines Gegenübers – also seiner und meinen gemeinsamen wechselseitig erwarteten semantischen Infrastrukturen. Wenn ich unterscheide, was Menschen erwarten, kann ich ihre Erwartung als Pfadgelegenheit nutzen, mich zu ihnen in für sie erwartbarer oder auch unerwartbarer Weise zu verhalten und mich damit unter umständen auszudrücken.

Semantiken sind Pfadgelegenheiten zur Modifikation von Erwartungen, die die erwarteten oder formulierten Unterscheidungen anderer als Infrastruktur nutzen.

Nun ist es aber so, dass ich die Worte, die ich Cobi zurufe nicht erfunden habe. „Sitz“, „Platz“, „Hier“ – das sind geläufige Formen seinen Hund konditionieren und weil ich kein Individuum bin, das sich die Mühe macht, eine Privatsprache für sowas zu erfinden, sondern nur ein Dividuum, das die Sprache der anderen nutzt, wie es sie vorfindet, ist Cobis Verständnis von der Welt stellenweise semantisch verwoben mit dem Netzwerk der menschlichen Erwartungserwartungen. Das macht manchmal auch Probleme, zum Beispiel wenn ich nach Cobi rufe und Menschen drumrum sich umdrehen, weil sie zufällig „Tobi“ heißen.

Im Gegensatz zu Hunden betreiben wir mit den „gesellschaftlichen Semantiken“ ein morphologisches Feld lokal stabilisierter, aber sich dennoch ständig wandelnder Erwartungserwartungen, von dem ich geprägt bin, noch bevor ich meine „eigenen“ Unterscheidungen überhaupt hätte treffen können. Das heißt, die Unterscheidungen, mit denen ich die Welt betrachte, sind durch die Sprache, in der ich denken und sprechen gelernt habe, überformt und vordefiniert. Jede Unterscheidung ist ihr eigenes Paradigma und ich erbe diese Paradigmen, ohne mich wirklich kritisch mit diesem Erbe zu befassen (ist auch nicht so leicht, tbh.)

Aber das heißt, wir sind erstmal geprägt von den Unterscheidungen, die andere vor uns und für uns getroffen haben. Unser Verständnis der Welt ist durch die vorhandenen semantischen Pfadgelegenheiten vorstrukturiert und da kommen wir nur raus, wenn wir alternative semantische Pfade suchen und schaffen.


Dass das Resultat der KI-Anstrengungen der Kognitivisten ausgerechnet in der LLM mündete, die den endgültigen empirischen Beweis für die Richtigkeit des poststrukturalistischen Ansatzes erbracht hat, ist eine Ironie der Geschichte, auf die als erster Ted Underwood hinwies und die auch ich im KI-Paper für die Hans-Böcklerstiftung und dann im Aufsatz „Im Dickicht der Bedeutung“ genauer erklärt habe und die jetzt Leif Weatherby in seinem absolut lesenswerten Buch „Language Machines“ genaustens seziert.

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Das bedeutet aber auch, dass es „AGI“ so, wie es sich die Kognitivisten vorstellen, nicht geben kann. Wenn Intelligenz nicht die Eigenschaft eines Systems, sondern eine Beziehung zwischen System und Umwelt ist, dann gibt es „bessere Intelligenz“ in unserem (post-)strukturalistischen Framework nicht durch „Skalierung von Kognition“, sondern nur durch neue und bessere Unterscheidungen.

Das Platzen der KI-Blase, so meine Hoffnung, wird damit hoffentlich auch das Ende des Kognitivismus einleiten und vielleicht sogar das Königreich des Individuums endgültig kollabieren lassen. Und so notwendig das ist: das wird nicht schön.

Krasse Links No 73

Willkommen zu Krasse Links No 73. Absorbiert eure Supply-Schocks, heute drohen wir Mamdani mit Übergangswahrscheinlichkeiten, um in der Informations-Kanalisation eine antifaschistische Ökonomie zu errichten.


Ryan Broderick mit der Vogelperspektive auf die Mamdani-Wahl.

As chaotic as all of this is — and will continue to be until the midterms — there is one very clear conclusion here. American politics has changed. The Republicans felt it first. And the same way the Tea Party ate the GOP out from the inside, laying the groundwork for Trump and his MAGA rebrand, so too has what we once called The Dirtbag Left begun devouring the Democrats. The effects of the internet, a deeply alienating globalized economy, and the rise of a technofeudal billionaire class have finally cracked American Democrats wide open. We’re in a class war and it plays out on video feeds and those same billionaires own the algorithms that decide what side of it you end up on. And Mamdani and his team — and the burgeoning DSA political machine — arrived at the exact moment Americans were ready to talk about class and found the best way to hijack our new world of short-form (and long-form) video to make sure you actually heard them. Successfully turning his mayoral campaign into not just a referendum on President Donald Trump and the horrors of his second first year in office, but also the Democratic establishment. And with Mamdani’s big win this week, it’s safe to assume the Democratic civil war will be arriving on a ballot near you soon.

Wenn jemand wie Mamdani auftaucht, sortiert sich um ihn das politische Feld neu und machmal auch „besser“, in dem Sinne, dass die Bruchkanten des eigentlichen Konfliktes deutlicher zur Geltung kommen. In allen heute dafür relevanten Dimensionen ist Mamdani eine wichtige Orientierungsschneise für kommende Konflikte.


Netzwerkdenken bedeutet, Strukturen zu sehen, statt nur Objekte oder Leute. Es bedeutet, sich immer wieder die eigene Verortetheit im Netzwerk vor Augen zu führen. Netzwerkdenken bedeutet in Pfaden zu denken, denn der Pfad ist der einzige Weg durch das Netzwerk, den wir kennen. Netzwerkdenken bedeutet aber auch, in Dimensionen, statt in Kategorien zu denken und in Übergangswahrscheinlichkeiten, statt in Kausalitäten.

Das Gute ist, dass wir alle ein bisschen Netzwerkdenken gelernt haben. Ganz besonders in der Zeit Pandemie wurden wir angehalten, uns als Teil von exponentiellen Graphen zu imaginieren, die wiederum auf einem Netzwerkmodell von Ansteckungsereignissen basiert.


(Aktuelle Inzuidenz)

Das, was wir als den „R-Wert“ (oder auch R0) kennengelernt haben, ist die Übergangswahrscheinlichkeit für unfinfizierte Menschen, in der Gruppe der Infizierten zu landen.

An R können wir uns klar machen, was eine Übergangswahrscheinlichkeit ist. R bedeutet nicht, dass du dich auf jedenfalls ansteckst und es bedeutet nicht, dass du auf keinen Fall ansteckst. Übergangswahrscheinlichkeiten funktionieren anders als Kausalitäten.

R0 ist zudem ein Durchschnittswert und sehr unpräzise, wenn man ihn auf sich selbst anwendet. Übergangswahrscheinlichkeiten sind in Wirklichkeit zusammengesetzt aus den Übergangswahrscheinlichkeiten der heterogenen Strukturen, in denen Übergänge tatsächlich stattfinden.

Auf das Dividuum heruntergebrochen gibt es große Unterschiede des persönlichen R-Wertes: Gehst du wenig aus dem Haus, senkt das dein R, trägst du Maske, senkt das dein R, lässt du dich Impfen senkt das dein R, usw.

Man kann das sogar bis herunter auf Ereignisse auflösen: Eine Veranstaltung mit vielen Leuten besuchen erhöht dein R, Zugfahren erhöht dein R, mit Menschen draußen statt drinnen treffen, reduziert dein R.

Ein Beispiel: Ich war die bis letzte Woche zwei Wochen lang unterwegs, von Berlin, nach München, nach Hannover, nach Köln, nach Stuttgard und über Hannover wieder zurück. Ich war auf Theaterveranstaltungen, auf einer Hochzeit, habe ein Seminar gegeben und habe dabei ca. 6 längere Bahnfahrten zurückgelegt und ich habe nie Maske getragen und dennoch bin ich ohne eine Infektion durchgekommen.

Ein anderes Beispiel: Am Wochenende habe ich einen Freund auf dem Land besucht und zusammen haben wir ein bisschen draußen gearbeitet. Es waren auch zwei andere da, aber vor allem habe ich mit meinem Freund Zeit verbracht und vor allem draußen. Aber meinem Freund ging zum Abend hin immer schlechter und als ich schon wieder zu hause war, schickte er mir das Foto mit dem positiven Test. Und jetzt sitze ich hier mit meiner Covid Infektion.

Das scheint erstmal der Aussage von R zu widersprechen, oder?

Tja, das ist das Problem, wenn man in Kausalitäten denkt. Übergangswahrscheinlichkeiten produzieren contra-intuitive Ereignisse schon zum Frühstück!

Übergangswahrscheinlichkeiten repräsentieren in Wirklichkeit Pfade im Netzwerk, Ansteckungspfade im Falle von R. R0 ist ein aggregiertes Maß über alle Ansteckungspfade, also der Baumstruktur des Infektionsgraphen. Epidemiologie abstrahiert reale Pfade zu Wahrscheinlichkeiten und Wahrscheinlichkeiten zu Raten. Der R-Wert ist die komprimierte Form eines Netzwerks, das man nicht sehen, aber berechnen kann.

Oder andersrum: Wir, bzw. unsere direktphysischen Interaktionen miteinander, bilden das Netzwerk der Pfadgelegenheiten, in dem sich das virus bewegt. Was wir eigentlich machen, wenn wir versuchen, unseren R-Wert zu senken, ist unser relatives Zentralitätsmaß im Netzwerk der viralen Pfadgelegenheiten zu reduzieren. Idealerweise kapseln wir uns vom Netzwerk ab, was ich gerade machen muss, so ein Scheiß.

Die Epidemiologen können natürlich nicht jeden einzelnen Pfad verfolgen, aber für ihre Modelle braucht es das nicht.

Ein Markow-Modell ist ein iterativer Prozess, der zwischen endlich vielen Zuständen – etwa gesund, infiziert, genesen – entlang von Übergangswahrscheinlichkeiten wechselt. Im Zentrum steht also die Übergangswahrscheinlichkeits-Matrix und jede Zeile steht für den aktuellen Zustand, jede Spalte für den möglichen nächsten. Multipliziert man den momentanen Zustandsvektor mit dieser Matrix, erhält man die Wahrscheinlichkeitsverteilung des nächsten Zeitschritts. In jeder Iteration „vergisst“ der Prozess die vorherigen Schritte und handelt entlang der veränderten Zustände und ihrer Übergangswahrscheinlichkeiten im ewigen Jetzt. Und trotzdem ergibt sich eine realistische Dynamik.

Weil wir keine Individuen sind, die einfach tun und lassen, was sie wollen, sondern Pfadopportunisten in einem Labyrinth aus Pfadgelegenheiten, agieren wir in vielerlei Hinsicht selbst wie Viren oder Markowmodelle: Wir erinnern uns nicht an unsere Pfade (siehe Infrastrukturvergessenheit), aber reproduzieren ihre Wahrscheinlichkeiten.

Jedenfalls hier ein ganz einfachens SIR-Modell zum Rumspielen.


Issie Lapowsky mit einem Text in Politico, der das Potential hat, die Demokratische Partei zu revolutionieren.

Future Forward ist der Super-PAC, der bei der US-Wahl einen großen Teil der demokratischen Gelder für Werbung auf Plattformen ausgeben hat und weil der auch bei den Tech-Bros beliebt war (ja, einige haben auch für Demokraten gespendet), war es bei dieser Wahl auch der mächtigste Super-Pac und gab die Richtung vor.

Once the go-to Democratic super PAC behind Barack Obama’s 2012 and Hillary Clinton’s 2016 presidential campaigns, Priorities was effectively sidelined in 2024. Future Forward received the Biden campaign’s blessing, and Silicon Valley megadonors, drawn in by the group’s data-driven approach, funneled their fortunes into Future Forward’s giant pot. In the end, Future Forward’s PAC spent more than $500 million on ads — nearly 70 percent of all presidential super PAC spending from Democrats according to one count. Priorities, by contrast, spent about $2 million.

Von Future Forward kam nicht nur Werbegeldsteuerung hin zu den Plattformen, sondern auch auf die inhaltlich-strategische Ausrichtung hatten sie großen Einfluss, denn da ist eben alles „datengetrieben“.

Throughout 2024, Future Forward worked closely with the Democratic data firm Blue Rose Research, which tested thousands of ads from both parties, including ads Future Forward commissioned and ads made by other groups. Those tests found that the ads with clear economic messages about lowering the cost of living consistently proved the most persuasive to the most people. Future Forward cut its own ads from an array of ad makers in eight languages and produced different versions to appeal to different demographics. It spent heavily online, outspending Republicans in battleground states two-to-one on digital platforms. But for the most part, Future Forward’s ads stayed relentlessly on message, with 71 percent of them focused on the economy, according to a Future Forward adviser who was granted anonymity to speak with POLITICO Magazine because they didn’t have permission to go on the record.

Aber der Versuch, einer angeblich breiten Mitte in den Umfragen hinterzurennen, um sie mit halbseidenden Versprechungen zu Preisstabilität via getargeteten Ads zu catchen, vergisst Menschen zu überzeugen, Themen zu setzen und das Narrativ zu kontrollieren.

Die Trump-Campaign hat das ganz anders gemacht.

One example of this she frequently points to is the infamous “They/Them” attack ad, which Priorities tracked. It featured Harris talking in 2019 about paying for gender-affirming surgery for trans prisoners. The ad began life as a bit of opposition research, posted to the Trump War Room account on X. The post gained steam online until, in September of 2024, the Trump campaign ran it as an ad. The more pickup the ad got — in the news and on podcasts like The Breakfast Club — the more money Trump’s camp put behind it.

“That ad didn’t come from a poll telling them to talk about that clip,” Butterfield said. “They used the internet to signal to them that it was effective rather than a poll or a focus group.”

Democrats never really responded to the claims in the ads, though. Future Forward could see that the ad was effective. But according to the Future Forward adviser, the group decided that it was up to the Harris campaign itself, not an outside super PAC, to decide what kind of stand to take on the issue. According to The New York Times, the Harris campaign did craft a rebuttal ad, but it fell flat in ad tests and was shelved. And so, in another moment that Butterfield likens to the post-debate period, Democrats left one of Trump’s stickiest digs effectively unanswered.

After Trump won, one post-election poll found that, of all of the issues, from immigration to Israel, voters thought Harris had focused excessively on transgender topics. In reality, she hadn’t said much about those issues at all. It was Trump’s team doing the talking.

Es ist aber nicht nur eine falsche Strategie. Es ist eine veraltete Strategie in einer völlig veränderten Medienlandschaft.

Between 2020 and 2024, people who consumed at least three hours of YouTube a day had moved 10 points toward Trump — a bigger swing than Black voters, Black men, young voters and a slew of other categories that were dominating headlines.

“The driver of behavior in ‘24 was so much more about your media consumption,” Butterfield said.

Ich hatte das in Krasse Links No 35 so zusammengefasst:

Was die Pandemie gemacht hat, ist die Welt neu zu verdrahten. Die materielle Mediengeschichte der Pandemie kann man an vielen Daten ablesen, etwa wie das Öffentliche Leben zum Stillstand kam und sich nie wieder ganz erholte, weil Dritte Orte – Orte jenseits von Arbeit und Zuhause – ebenfalls mehr und mehr verschwunden sind.

Die Menschen sind seither einsamer, aber haben ihre Sozialität auch verstärkt ins Internet verlagert, wo sie „Influencer*innen“ folgen, eine Menge Podcasts abonniert haben, und ihre Informationen vermehrt aus Social Media beziehen. Als sie dann noch Aktien-Trading-Apps luden und Crypto kauften, richteten sich auch ihre Aufmerksamkeitskanäle auf die boomende Investment- / Cryptoinfluencer*innen-Szene aus und sie wurden empfänglich für deren Botschaften des baldigem Kollaps, usw.

Das ist nicht nur ein Shift von „Aufmerksamkeit“ und „Medienkonsum“, als wäre das sowas wie Süßigkeiten Essen. Es ist eine völlig andere Informations-Kanalisation entstanden, die sich seit der Pandemie nicht nur verfestigt hat, sondern auch pfadopportunistisch gewachsen ist.

Aber Experimente mit aggressiveren Clips von Demokratenseite zeigen, dass die Demokraten in dieser anderen Informations-Kanalisation nicht chancenlos sind.

But throughout the summer and early fall, Priorities’ data consistently found that the Epstein Files were the one political topic that continued to break through online. That led Priorities to create an ad about the shadowy powers of the billionaire class, drawing a straight line between Trump, Epstein and the Pennsylvania megadonor Jeffrey Yass who’s backing the opposition. The ad doesn’t make any claims about Yass, but it pushes the idea that money in politics corrupts. “With money and power, who knows what you can get away with,” the voiceover intones.

Like the “They/Them” ad before it, it’s a bit of a conceptual stretch, and it didn’t perform particularly well on ad tests. But amid a crowded field of ads featuring stale B-roll of judges in robes, Abbott said it’s worth leaning into a message “that’s catching people’s attention.” In the first few days the ad ran, Priorities said, it performed better on YouTube surveys than other more traditional ads about the race, and users were twice as likely to actually click through.

Wir, unsere Gespräche am Esstisch, unsere Social Media accounts, die Plattformen, die wir nutzen, Podcasts die wir nacherzählen, Newsletter, die wir weiterleiten, Bücher, die wir weiterempfehlen, die klassischen Medien, dir wir trotzdem gucken, etc. All das bildet das Netzwerk der Pfadgelegenheiten, durch das die Narrative perkulieren. Wege zu dir, Wege von dir weg, gute Wege, breite Wege, weite Wege, schnelle Wege. Wege nach oben, Wege nach unten, Wege in die eine Community oder die andere.

Wer in Zukunft medial erfolgreich sein will, muss sich obsessiv in diese Informations-Kanalisation reindenken, muss ein Orientierungswissen darin erlangen und lernen, plausible Pfade darin zu erkennen, um die richtigen Narrative in die richtigen Netzwerkzentralitäten zu speisen.

Aber vermutlich wird das nicht reichen, vor allem, wenn sich die Purge-Koalition materialisiert.

An Stelle der Demokraten würde ich das gesamte Werbegeld in den Aufbau eigener Medieninfrastrukturen investieren, um von den kommerziellen Plattformen unabhängige Kanäle aufzustellen.


Auch Isabella Weber schreibt begeistert über die Wahl von Zohran Mamdani als Bürgermeister von New York City.

Die Menschen sind so unzufrieden mit dem Status quo, dass sie alles außer Kontinuität wählen würden. Aber die Demokraten und die meisten demokratischen Parteien weltweit scheuen sich davor, echte Alternativen anzubieten. Das hat die Wähler in die Arme der extremen Rechten, ja sogar faschistischer Kräfte getrieben. Mamdani hat es sich zum Ziel gesetzt, deren Monopol auf Visionen für eine andere Zukunft zu brechen.
Mamdani konzentriert seine Kampagne darauf, das Leben wieder bezahlbar zu machen – und bietet damit Hoffnung. Er zeigt, dass demokratische Vertreter für die grundlegendsten materiellen Interessen ihrer Wähler eintreten können. Damit stellt er das Versprechen der Demokratie wieder her. Angesichts des weltweiten Vormarsches faschistischer Bewegungen bietet seine Kampagne etwas, das dringend benötigt wird: den Beginn eines antifaschistischen Wirtschaftsprogramms, mit dem Menschen zurückgewonnen werden können, die den Glauben an die Demokratie selbst verloren haben.

Mamdanis Antwort ist bestechend einfach: Sicherstellen, dass sich alle New Yorker das Nötigste leisten können. Ein Mietpreisstopp für stabilisierte Wohnungen in Verbindung mit dem Bau von 200.000 neuen erschwinglichen Wohnungen. Kostenlose Busfahrten. Universelle Kinderbetreuung im Alter von sechs Wochen bis fünf Jahre. Pilotprogramme für städtische Lebensmittelgeschäfte in Lebensmittelwüsten. Höhere Steuern für Millionäre und Unternehmen, um all das zu finanzieren.

Was Weber hier sagt, ist nicht nur ihre Meinung, das ist auch Ergebnis ihrer Forschung.

Neue Untersuchungen, die ich zusammen mit Kollegen durchgeführt habe, zeigen, welche Preise für die Ungleichheit am wichtigsten sind. Wir haben festgestellt, dass eine kleine Gruppe von wesentlichen Sektoren – Energie, Lebensmittel und Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Chemie, Wohnen und Großhandel – eine überproportionale Fähigkeit hat, bei Preisanstiegen Umverteilungen auszulösen.

Je ärmer man ist, desto mehr gibt man für Grundbedürfnisse aus. Wenn die Preise für lebenswichtige Güter steigen, sind die Auswirkungen der Inflation auf das unterste Einkommensdezil viel größer als auf das oberste Dezil. Ein Ölpreisschock trifft die ärmsten Amerikaner mit einem um 54 Prozent höheren Inflationsanstieg als die reichsten zehn Prozent. Bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Lebensmitteln ist die Kluft mit 126 Prozent noch größer.

Diese Primärsektoren sind aber eben auch genau die Orte, wo man eine gerechte Preisstabilisierungspolitik ansetzen muss. Das hat Mamdani verstanden.

Die Gewährleistung erschwinglicher Preise für lebensnotwendige Güter, wie Mamdani verspricht, bekämpft Ungleichheit, ohne eine Gruppe gegen eine andere auszuspielen. Es gibt keinen Konflikt zwischen Arbeitslosen und Niedriglohnarbeitern, Menschen in Arbeiterberufen und unterbezahlten Fachkräften, verschiedenen ethnischen oder religiösen Gemeinschaften. Öffentliche Dienstleistungen wie kostenlose Busse und Kinderbetreuung sind für alle zugänglich. Das Konzept basiert auf Universalität statt Ausgrenzung – eine Wirtschaftsagenda, die Menschen vereint, anstatt sie in konkurrierende Gruppen zu spalten.

Öffentliche Optionen für lebensnotwendige Güter sind eine Form der Preisstabilisierung, von der alle profitieren, nicht nur die direkten Nutzer. Unsere Untersuchungen zeigen erhebliche Überschneidungen zwischen den Sektoren, die für Inflation und Ungleichheit am wichtigsten sind. Maßnahmen zur Verhinderung von Preisschocks in wichtigen Sektoren erfüllen eine doppelte Aufgabe: Sie begrenzen Inflationsrisiken und verhindern gleichzeitig einen plötzlichen Anstieg der Ungleichheit. Dies steht in direktem Gegensatz zur konventionellen Geldpolitik – der Anhebung der Zinssätze –, die die Ungleichheit durch höhere Schuldenkosten für die Armen und ein gedämpftes Lohnwachstum aktiv verschärft.

Genau deswegen halte ich es für so wichtig, sich Wirtschaft als Abhängigkeitsnetzwerk vorzustellen. Produkte, Services oder Ressourcen haben keinen Wert ansich, durch sie fließt Wert/Nutzen. „Nutzen“ empfinden wir in dem kurzen Moment, bei dem aus einer Sache, in Kombination unseres infrastrukturellen Kontextes und aus unserer jeweiligen Perspektive eine „Pfadgelegenheit“ entsteht.

Ich „will“ nicht diesen Schraubenzieher, ich will, dass die Spühlmaschine wieder läuft, damit ich meinen Abwasch machen kann, damit ich morgen aus dem Haus kann, ohne mir Gedanken zu machen, um dann auf die Arbeit zu fahren, um Geld zu verdienen, um mir einen Schraubenzieher kaufen zu können.

„Wert“ ist ganz grob gesprochen die Summe des erwarteten Nutzens einer Sache für jemandem in seinem spezifischen materiellen Kontext und seinem spezfischen semantischen Kontext – mit seinem spezifischen Wissen, seiner spezifischen kulturellen Prägung, seinen spezifischen Plänen, etc. Auf das Dividuum runtergebrochen ist es also eine Aggregation über alle von der Sache erwarteten Pfadgelegenheiten hinweg, geteilt durch die Pfadalternativen + 1. Das rechnet man natürlich nicht im Kopf aus, sondern imaginiert es, bis man es durch den Schmerz ihres Fehlens erfährt.


(Wir kennen die Formel bereits als unvollendete Plattformmachtformel und ich denke, sie passt ganz prima auf den „Wert“ von Dingen. Wert ist die Macht, die eine Sache über uns hat.)

Die Sache und damit ein Großteil des „Wert/Nutzen“ entsteht in einem anderen Netzwerk, den Pfad der Produktion, und dort über die gesamten dafür notwendigen Infrastrukturen hinweg, die den Schraubenzieher möglich und in der konkreten Situation nützlich machen und das inkludiert die lockere Schraube in der Spülmaschine, den Baumarkt, wo ich den Schraubenzieher gekauft habe, aber auch den Hersteller, den Zulieferer und deren Arbeiter*innen und deren Familienmitglieder, die den Haushalt schmeißen, ihre Wohnungen und ihren Warenkorb zum sattwerden, das Land, auf dem die Fabrik steht und das Land aus dem die nötigen Bodenschätze kommen und natürlich das Ökosystem, in dem all das eingebettet ist.

Aber dieses Netzwerk ist hierarchisch. Netzwerkknoten die weit unten liegen und sich schwer ersetzen lassen, haben einen überproportionalen Effekt auf alle nachgelagerten Pfadgelegenheiten. Wenn Energie teurer wird, ist die Übergangswahrscheinlichkeit auf andere Sektoren groß, denn Wohnen, die Produktion von Lebensmitteln und den ganze Rest der Pfadgelegenheiten ist stark von Energieflüssen abhängig. Dasselbe gilt etwas abgeschwächt für Lebensmittel und Wohnen. Werden die Grundbedürfnisse der Menschen teurer wird ihre Arbeit teurer, oder – wie es eigentlich läuft: Arbeiter*innen werden ärmer.

Ich habe dazu mit ChatGPT mal wieder ein Markowmodell gebaut, dass die wechselseitigen Anfälligkeiten der Sektoren für Schockweitergabe verdeutlicht: Es gibt vier Sektoren: Energie, Lebensmittel, Wohnen und Restwirtschaft deren Schocks man per Button auslösen kann (Erst Play drücken).

Die Schocks verbreiten sich dann entlang der abgebildeten Transitionsmatrix auf die anderen Sektoren und kühlen sich nach einiger Zeit wieder ab. Man kann das natürlich viel detaillierter und ausgefeilter konstruieren und gemessene Übergangswahrscheinlichkeiten einsetzen, wenn man die findet.


Das Paper, auf das Weber verweist ist ebenfalls interessant, Price Shocks are Redistribution Shocks.

Using the pre-pandemic sectoral price volatility and the price changes from early 2022 as the price shocks for our simulations, we show that a small set of sectors in energy, food and agriculture, healthcare, chemicals and, to a lesser extent, wholesale trade and housing, have a disproportionate capacity to increase inequality when their prices rise. […]

We have three main findings. First, we identify a small set of essential sectors—particularly in energy (e.g., Petroleum and coal products), agriculture and food (e.g., Farms, Food and beverage products), and healthcare (e.g., Hospitals, Ambulatory care services) but also in less obvious sectors like Chemical products and to a slightly lesser extent in Housing and Wholesale trade —as the most critical points of vulnerability that can exacerbate inequality. Second, we find that there is a large overlap between the sectors that are systemically significant for inflation and those that we identify as systemically significant for inequality. Third, we show that one simultaneous shock to all systemically significant sectors in 2022 has a direct effect on inequality equivalent to nearly one year of the average annual Gini increase during the neoliberal era (1980–2021).

Sie nennen das „pathways to systemic significance for inequality“ und formalisieren das so:

These specifications allow us to define what we call the pathways to systemic significance for inequality. That is, the potential of a sector to increase income inequality depends positively on:

  • (1) The extent to which it is more important for the personal consumption of the poor than for the rich (direct channel).
  • (2) The extent to which it is used more intensively as an input by goods that are relatively more important for the consumption of the poor than for the rich (indirect channel).
  • (3) The magnitude of its price change, which in turn affects the magnitude of the inflation impact for each income group.

Auch Isabella Weber hat gelernt in Pfaden zu denken. Und das gilt auch für das, was sie „Übergewinne“ nennt.

There is one more reason why such a sectoral approach has the potential to prevent an increase in inequality: price spikes in systemically significant sectors for inflation can coordinate firms to hike prices across the economy in a process known as sellers’ inflation, which increases corporate profits and hence results in a functional redistribution of income from labor to capital (Weber et al., 2025; Weber & Wasner, 2023).

In previous work we devised an input-output simulation method to identify systemically significant sectors for inflation (Weber et al., 2024a; Weber et al., 2024b). We find that for the US, eight sectors have by far the greatest potential to trigger inflation when prices spike. These sectors are Petroleum and coal products, Oil and gas extraction, Utilities, Chemical products, Farms, Food and beverage and tobacco products, Housing and Wholesale trade. These are sectors that provide essentials for human livelihoods, essential inputs for production and essential infrastructure for the circulation of goods.

Wer im Nutzenpfad einer Sache Geld verdient, entscheidet nicht, wer den Wert konkret herstellt, sondern wer die netzwerkzentraleste Position im Abhängigkeitsnetzwerk seiner Herstellung und Vermarktung hat. (Ich bin immer noch nicht sicher, welches Maß an Netzwerkzentralität hier genau entscheidend ist. Seit ich alles konsequent in Pfaden zu denken versuche, tendiere ich zu einer Mischung aus Katz- und Current-Flow-Beweenness-Zentralität? Aber da würd ich gern mal mit nem richtigen Mathematiker drüber quatschen?)

Laufen viele Abhängigkeitlinien über deine Infrastruktur und gibt es im besten Fall auch nur wenige oder schlechtere alternative Pfade, kannst du es dir erlauben, Margen auf Kosten der anderen Netzwerkteilnehmer zu extrahieren. Von den Arbeiter*innen, klar, das hat Marx analysiert und weil Arbeiter*innen die am wenigsten netzwerkzentralen Einheiten im Nutzenfluss des Produktionspfads sind, d.h. am austauschbarsten sind, pressen die Oligarchen hier den Großteil ihrer Marge. Aber eben nicht nur? Wenn es die Abhängigkeiten hergeben, kommt die Marge eben auch auf Kosten von Zulieferern, Kund*innen, der eigenen Gesundheit, der Ökologie und über was man auch immer glaubt, genügend Macht zu besitzen.

Wir kennen diese Mechanismen vom „Monopol“ und mittlerweile hat man festgestellt, dass es auch ein Käufermonopol geben kann, aber „Monopsony“ und Monopol sind nur die unterdimensionalen Beschreibungen von Extremversionen dessen, wie der Kapitalismus funktioniert. Alle Akteure ringen miteinander um Netzwerkzentralität, denn wer Netzwerkzentralität hat, kassiert von den anderen Margen. Das heißt: Je mehr Wettbewerber, desto geringer die Macht der Unternehmen, desto kleiner die Margen. Auch abseits des Monopols lohnt es sich, Macht zu begrenzen.

Mit den Metaphern des „Marktes“ wurde die Macht in der Wirtschaft über Jahrzehnte verschleiert. „Der Markt“ sind drei Oligarchen im Trenchcoat, die zwar untereinander um ein bisschen um Einfluss konkurrieren, aber gemeinsam die „Choice Architecture“ aus Pfadgelegenheiten bereitstellen, die wir „Konsumfreiheit“ nennen und in der wir uns „frei“ bewegen dürfen – sofern wir es uns leisten können.

Der Preis, da hat die Neoklassik recht, ist der Ort, an dem sich der Pfad der Konsumption und der Pfad der Produktion/Vermarktung treffen, aber anders, als sie es sich denken.

Geld ist aus Usersicht eine universelle Pfadgelegenheit, eine art Joker-Pfadgelegenheit, die man in eine Vielzahl anderer Pfadgelegenheiten verwandeln kann. Und weil die meisten von uns zu Geld kommen, indem sie arbeiten, ist der Kapitalismus eine „Schmerzarchitektur„: Man geht so seiner Pfade und misst dabei den Wert der Pfadgelegenheiten aus dem Sortiment der einen Oligarchen am Schmerz ihres Fehlens und vergleicht ihn mit dem Schmerz, den es kostet, sich das Geld dafür bei einem anderen Oligarchen zu verdienen.

Weil nützliche Pfadgelegenheiten erst erwartet und dann zur Pfadabhängigkeit, bzw. Infrastruktur werden, besteht die Macht der Unternehmen gegenüber uns Konsument*innen in dem Potential, uns Schmerzen zuzufügen (planned Obsolescence, Preiserhöhung, Werbung, Shrinkflation, Enshittification, oder Beendung der Demokratie), ohne, dass wir das Abhängigkeitsverhältnis beenden.

Wenn Macht Netzwerkzentralität im Abhängigkeitsnetzwerk ist, dann bedeutet das aus Unternehmersicht, dass die Übergangswahrscheinlichkeit hoch ist, dass der Nutzenfluss durch die eigenen Infrastrukturen fließt. Supply-Schocks sind dann Ereignisse, die die Netzwerke verengen und damit die Macht einiger der Unternehmen erhöhen und ein Teil dieses Machtzuwachses setzen sie in steigende Preise, also in Margen auf Kosten der Konsument*innen, also in Übergewinnen um.

Man kann sich das Netz der Pfadgelegenheiten als eine riesige, komplexe, multidimensionale Landschaft mit Tälern und Schluchten vorstellen, die die wahrscheinlichen Pfade vorzeichnen, durch den der Nutzen entlang der infrastrukturellen Übergangswahrscheinlichkeiten pfadopportunistisch fließt und an dessen Engstellen sich Macht konzentriert und wo die Oligarchen ihre Schmerzkraftwerke betreiben.

Wenn wir den Oligarchen die Macht nehmen wollen, müssen wir ihnen ihre Netzwerkzentralität nehmen und das geht am besten, da hat Weber recht, indem wir die Pfadgelegenheiten aller Menschen erhöhen, durch Investition in möglichst freie und öffentliche Infrastrukturen und mit intelligenten Preiskontrollen bei pfadentscheidenden Primär-Gütern. Je mehr und bessere Alternativpfade angeboten werden, desto höher ist die Übergangswahrscheinlichkeit, dass die Menschen Oligarchmacht bypassen, was ihre Margenspielräume kollabieren lässt.

Ich nenne das die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten, oder auch: Kapitalismus aus Userperspektive. Aber ich bin auch mit Isabella Webers Begriff fine: antifaschistische Wirtschaftspolitik.

Einreichung Platformpower 39c3

Mein Vortrag für den #39c3 wurde wieder mal abgelehnt, aber diesmal sticht es etwas härter, weil ich wirklich fühle, etwas wichtiges zu sagen zu haben, weswegen ich mir diesmal extra Mühe gegeben habe, einen verständlichen straight forward Talk einzureichen. Schade.

Controllable Standards. An Introduction to the Political Economy of Platform Power

China’s strategic interest in Taiwan, the Trump-TikTok negotiations, the drone warfare in Ukraine, Jimmy Kimmel’s dismissal, the race toward artificial general intelligence, Nvidia’s global datacenter expansion, the rise of the „Broligarchy“, cryptocurrency dynamics, Elon Musk’s transformation of Twitter into a geopolitical instrument, and his calculated development of the Starlink satellite constellation — these seemingly disparate phenomena share a common thread: our contemporary world is governed by platform power.

Unfortunately, we are semantically ill-equipped for this new reality. Our analytical vocabulary remains inadequate; our conceptual frameworks — whether invoking „market concentration,“ „techno-feudalism,“ or „surveillance capitalism“ — fail to capture what’s actually happening, leaving us functionally blind to the mechanisms shaping our political and economic landscape.

I spent the last fifteen years developing a framework to better understand and articulate platform power, culminating in my dissertation „The Power of Platforms: Politics in the Age of Internet Giants.“ This work conceptualizes platform power as a distinct force that emerges from and operates through our interconnections — a force that Silicon Valley has progressively learned to harness and leverage for profit and, increasingly, for political ends.

Since the book’s publication, the implications have intensified exponentially. Platform power now aggressively threatens democracy world wide in tangible, immediate ways. The imperative to comprehend platform power has evolved from academic interest to existential necessity.

But to grasp the nature of platform power — its mechanisms, its strategies, its implications, its potential for violence — we must first revolutionize how we talk about economics and how we think about our place in the world.