Der relationale Materialismus

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über den relationalen Materialismus. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies

Einführung

Eine der zentralen Thesen des Relationalen Materialismus ist, dass „Erwartungen“ materiell sind. Sie sind es nicht im klassischen Sinne, sondern im „Relationalen Materialistischen“ sinne und im Grunde ist die Existenz des Finanzmarktes bereits ein materieller und offensichtlicher Beweis dafür, denn er zeigt jeden Tag: Erwartungen sind „beleihbar“.

Aber Erwartungen werden eben überall beliehen und wenn etwas beleihbar ist, dann ist es leveragebar und das heißt, es wird dadurch die materielle Realität verändert, nicht nur am Finanzmarkt, sondern … literally everywhere?

Und nun kann man sagen, ja gut, dann sind wir halt Dividuen und unsere Welt sind Pfadgelegenheit, Hebel und Fulcrum, aber was ändert das? Und wird dadurch der Begriff nicht beliebig, unscharf, inflationär, unbrauchbar?

Du meinst „überleveraged“?

Ich halte diese Begriffe noch für unterleveraged. Es gibt so viele Wissenspfade, in die ich nicht abgebogen bin, weil sie mir nicht bekannt sind, aber, die alle auf eine Reformulierung warten.

Dividuum, Pfadgelegenheit, Hebel:Fulcrum nutzen sich nicht ab, sondern ein, denn dem relationalen Materialismus geht es nicht (nur) darum, neue Begriffe einzuführen, sondern, eine andere Praxis des Unterscheidens einzuüben. Eine Art des Unterscheidens, die Strukturen sichtbar macht. Das Ziel ist eine alternative, beleihbare Infrastruktur zu schaffen, mit der wir vielleicht besser und gerechter Hebeln können.

Der relationale Materialismus nagelt unsere Perspektive nicht nur an einen konkreten Ort in dem Netzwerk fest und belastet nicht nur jede unserer sogenannten „Handlungen“ mit der Hypothek ihrer Pfadabhängigkeiten, sondern führt auch eine andere „Rationalität“ ein. Eine die nicht mehr die „Mittel“ gegen den „Zweck“ stellt, sondern den Hebel in die Verantwortung für das Fulcrum.

Und – zumindest für mich – wird der relationale Materialismus ein Zufluchtsort sein für den bevorstehenden Crash des Individuums und seines Empires. Aber ihr seid auch herzlich eingeladen.

Netzwerkdenken

In Krasse Links No 73 schreibe ich über das Netzwerkdenken:

Netzwerkdenken bedeutet, Strukturen zu sehen, statt nur Objekte oder Leute. Es bedeutet, sich immer wieder die eigene Verortetheit im Netzwerk vor Augen zu führen. Netzwerkdenken bedeutet in Pfaden zu denken, denn der Pfad ist der einzige Weg durch das Netzwerk, den wir kennen. Netzwerkdenken bedeutet aber auch, in Dimensionen, statt in Kategorien zu denken und in Übergangswahrscheinlichkeiten, statt in Kausalitäten.

Aber Netzwerkdenken ist auch ein Denken in Constraints, wie ich in Krasse Links No 70 formuliere.

„Relational Materialism“ is all about Constraints. Die Idee ist, dass uns das „freie Denken“ übelst in die Irre geführt hat und dass wir das Denken durch das Einsperren in „Constraints“ wieder produktiv machen können. Die Inspiration dafür ist Donna Haraways Einwand gegen die „Perspektive von Nirgendwo“, die als „Objektivität“ nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in unserer Alltagssprache ihr Unwesen treibt.

Aber weil ich gleichzeitig nicht glaube, dass mit der Objektivität auch die Möglichkeit und Notwendigkeit verschwindet, Aussagen mit Allgemeingültigkeitsanspruch zu formulieren, sammle diese Constraints und behaupte:

Der Mensch ist ein situiertes, pfadabhängiges und sequenzielles Wesen.

Als Erkenntnis ist das im Einzelnen nichts wirklich neues, sogar trivial, klar, aber die eigene Sicht auf die Welt ändert sich, wenn man diese Constraints wirklich ernst nimmt und übt, mit diesen Beschränkungen zu denken und zu sprechen und meine Hoffnung war zunächst, dann weniger Unsinn zu reden. Aber nach und nach merke ich, wie diese Sichtweise auch neue sprachliche und damit gedankliche Pfade öffnet.

Der relationale Materialismus nimmt sich der durch das „Individuum“ links liegen gelassenen „menschlichen Perspektive“ an, nimmt sie ernst, auch in ihren Constraints und macht sie zum Ausgangspunkt aller seiner Weltbeschreibungen und konstruiert so von dort plausible Pfade ins Netzwerk und zurück.

Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:

  1. Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
  2. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
  3. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.

Alle Akteure in diesem Netzwerk sind „Materiell-Semantische Komplexe“ (menschliche Dividuen, Unternehmen, Staaten, Redaktionen, Vereine, Organisationen, auf eine Art auch Tiere) und das heißt sie haben sowohl einen materiellen Körper (Menschliche Körper und materielle Infrastrukturen inklusive deren Fulcren) und einen semantischen Körper (Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Wissen, eine Geschichte über sich selbst und die Welt), bewohnen also als „Full Stack“-Implementation alle Layer des Netzwerks. Sie alle sind Fulcren (für jemanden), sie alle nutzen Hebel (an jemanden), nur sind Hebellänge und Fulcrumslast ungleich verteilt.

Der Kernel

Die Grundlage des relationalen Materialismus bilden die Explainer, von dem dieser hier ein Teil ist.

Begriffsherkunft

Den Begriff des „relationalen Materialismus“ habe ich von Katharina Hoppe und Thomas Lemke, mit dem sie im Junius Band zu den „Neuen Materialismen“ (2021) einen konstruktiven Vorschlag zur Weiterentwicklung der in den letzten Jahrzehnten einflussreicher gewordenen Schule des Neomaterialismus machen. So zeigen sie, dass es eben nicht reicht, Dingen und Tieren „Agency“ zuzuschreiben, sondern setzen die Frage nach Gerechtigkeit im Bezug zum Anderen als Ausgangspunkt eines Frageprozesses, aus dessen Antworten sich das „Wir“ einer neuen Verbundenheit erst konstituieren kann.

Das Anliegen eines relationalen Materialismus ist also, die Sorge um gerechtere und weniger herrschaftsförmige Beziehungen zwischen den Menschen mit der Aufmerksamkeit für ein umfassenderes Kollektiv zu verbinden, das auch nicht-menschliche Andere einschließt. Diese „kritische Ontologie unserer Selbst“ (Foucault) markiert das „Wir“ (und dessen Grenzen) als einen experimentellen Raum der Unterschuchung und Verhandlung. Sie bezieht sich nicht ausschließlich auf ein menschliches Zusammenleben und einen gegebenen historischen Zustand, sondern ist vielmehr als ein fortlaufendes und offenes Projekt zu begreifen, um „mit der Ausarbeitung der Frage die zukünftige Ausbildung eines „Wir“ möglich zu machen. Das Wir scheint mir somit nicht der Frage vorausgehen zu dürfen; es kann bloß das Ergebnis der Frage sein, so wie sie sich in den neuen Ausdrücken stellt, in denen man sie formuliert.“ (Foucault).

Und man darf dabei nicht in die Falle tappen, Relationen und Beziehungen zu romantisieren und per se als „besser“ darzustellen. Beziehungen sind nicht die „Lösung“, sondern die Analyseeinheit.

Es ist notwendig, essenzialistischen Konzepten nicht einfach eine generelle Sensibilität für Gefüge und Verwobenheit entgegenzusetzen, sondern die spezifische Textur dieser Relationalitäten zu untersuchen. Daher ist der relationale Materialismus zugleich auch ein materieller Relationalismus, der untersucht, wie genau Beziehungen sich zusammensetzen und koordiniert werden. Diese theoretische Revision ermöglicht es erst, die Frage zu adressieren, in welcher Weise aktuelle politische, ökonomische und soziale Praktiken „Beziehungen“ reduzieren, regulieren, kontrollieren und kapitalisieren.

Ich hoffe, mit diesem Projekt den skizzierten Kriterien des relationalen Materialsmus gerecht zu werden.

Flow

Das Gefühl, das wir „Flow“ nennen, ist in Wirklichkeit das Gefühl des reibungslosen „Surfens“ von Infrastruktur.

Ich selbst kenne das Gefühl beim Schreiben und Denken, besonders beim Schreiben dieser Explainer, aber man kann es bei fast jeder Tätigkeit haben, vorausgesetzt, man hat die Infrastruktur dafür.

Die Explainer lesen sich so, als hätte ich mal eben eine neue Metaphysik „aus dem Kopf“ gezaubert, mit integrierter Epistemiologie, Handlungsmodell, Sprachphilosophie, politischer Ökonomie und Subjektentwurf, irgendwie schwerelos aus der „Intelligenz“ des „Individuums“ extrahiert, aber so ist das nicht.

All diese Konzepte, Denkansätze und Einbettungen sind Infrastrukturen, die ich über einige Jahrzehnte zusammengesammelt habe. Jede dieser Infrastrukturen ist eine Pfadgelegenheit und gleichzeitig ein „Constraint“ für viele Gedanken, Anschlüsse und Vergleiche, die ich über viele Jahre gesammelt, sortiert und eingeübt habe, wie andere den Ski-Sport lernen oder eine Partitur auf dem Klavier. Mein Denken, Schreiben und Beobachten bewegte sich in immer neuen Pfaden in dieser wachsenden Infrastruktur, öffnete Tore, schloss andere, testete Brücken, lernte Schnittstellen und übte so, zuvor waghalsig wirkende semantische Pfadgelegenheiten zu nehmen, die – wenn man sie beherrscht – zusammen einen Gesamt-Pfad ergeben, auf dem ich dann „Flow“ Erlebnisse hatte.

Das Arsenal meiner semantischen Pfadgelegenheiten ist nicht einfach in meinem Kopf, sondern ist über viele Jahre „aquiriert“ und auch materiell gesammelt in meinem Büchern, meinen Newslettern, usw. All das ist beliehene Infrastruktur, in der ich gelernt habe zu navigieren, meine Wetten abzusichern und als ich das richtige zugriffliche Fulcrum fand, die richtige Onramp, konnte ich diesen Pfad in seiner vollen Länge surfen.

Der Pfad ging von meiner Magisterarbeit, zum Ctrl-Verlust-Blog, zum Neuen Spiel, zum Plattformbuch, wobei jede Station zu einem netzwerkzentralen Kulminationspunkt aktuell aquirierter Infrastrukturen wurde, die zum Ausgangspunkt des Krasse Links-Newsletter dienten. Das „Dividuum„, das bereits länger mit mir führte, brachte erst den Durchbruch mit der „Pfadgelegenheit„. Zusammen mit Emerson aus dem Plattformbuch leveragte ich diese radikale Perspektive für die „Interdependenztheorie„. Der nächste Durchbruch kam mit der „Hebel:Fuclrums-Mechanik“ und von dort fing es an, zu schlittern. Unter Rückgriff von allem anderen als inhaltliches Fulcrum schrieb sich die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten fast von selbst. Es war wie eine Kettenreaktion. Seit dem Fuclrumstext „snappen“ die gesammelten Pfadgelegenheiten reibungslos zusammen zu einem gleitenden, beschleunigenden Pfad und auf dieser Bahn rutsche ich gerade, Huiii. Das bin nicht ich, das ist die akkumulierte Infrastruktur, aus der ich mir eine semantische Rutsche gebaut habe.

Und: Ich hab mich für diesen Text haushoch verschuldet?

Schon ein bisschen dreist, wie ich all das zusammenklaube und ein neues Label drauf backe, dabei sind doch fast alle Gedanken gar nicht meine und deswegen auch oft gar nicht mal so neu? Das stand alles woanders schon mal. Alter Wein in neuen Schläuchen. Und deswegen fühle ich mich auch wie ein Dieb, der auf fremder Leute Infrastruktur surft. Sie zwar nutzt, aber auch abnutzt, in manchen Fällen verflacht, instrumentalisiert, sie bisweilen zur Karikatur zugespitzt, zweckentfremdet. usw.

Aber ich gebe zu bedenken, dass neue Schläuche auch nützlich sein können? Und ich finde einfach, dass die Schläuche, wie ich sie gelegt habe, ziemlich gut zusammenpassen und immer wieder auch erhellende Einsichten ermöglichen. Ich verstehe meinen Serviervorschlag des relationalen Materialismus vor allem als Infrastrukturarbeit und meine Hoffnung ist, dass sie unabhängig von mir genutzt wird.

Ich verstehe aber auch die Zurückhaltung. Der Mörtel ist noch nicht mal getrocknet, der halbe Bau noch eingerüstet und nur weil ich in dieser Infrastruktur bereits hin und herlaufe, beweist das noch lange nicht, dass wir es mit einem „belastbaren Pfad“ zu tun haben.

Deswegen auch die Warnhinweise am Anfang der Explainer. Viele Themen sind nach wie vor erst angerissen und werden mit der Zeit hoffentlich „dicker“, manches kann sich auch noch ändern (mir schwirren noch Ideen im Kopf …), deswegen sind diese Explainer bis auf weiteres, wachsende, atmende, Dokumente, die sich in wechselseitiger Korrespondenz immer weiter entwickeln. Aber ich hoffe nicht mehr völlig kontingent, sondern pfadabhängig, wie ein Foto, das mit der „Entwicklung“ immer genauere Details entbirgt.

Schuld, Verdrängung, Verantwortung

Ein weiteres Problem an dem „relationalen Materialismus“ ist, dass er sich wahrscheinlich nicht gut verkaufen wird, denn wenn man seine Prämissen ernst nimmt und sie auf sich selbst anwendet, ist man praktisch schon bankrott.

Wenn man mal in die Bücher schaut, dann sieht es düster aus. Allein der Klimawandel hat uns tief in die roten Zahlen getrieben und derzeit haben wir die Schuldenaufnahme nochmal beschleunigt? Das stablisierende Fulcrum [F5] Klimastabilität wird schon bald kollabieren und das wird unzählige Fulcren zerbrechen. Der Margin Call war praktisch gestern?

Aber keine Angst, das alles ist nicht deine „Schuld“ in einem fingerzeigenden Sinne.

Du fährst Bahn oder Auto und verschuldest dich bei den Millionen, die die Infrastruktur gebaut haben und warten. Du sprichst und verschuldest dich bei allen, die die Sprache geprägt haben. Diese Schuld ist nicht moralisch vorwerfbar – sie ist die Bedingung der Möglichkeit von Handlung überhaupt.

Strukturelle Schuld ist unvermeidlich, wenn sich jede Handlung bei einem Fulcrum verschuldet. Du hast die Hebel nicht gebaut, in die du reingewachsen bist.

Aber es ist eine „Schuld“ in einem Verantwortungssinne. „Verantworten“ – das habe ich bei Donna Haraway gelernt, kommt von „Antworten“. Ich finde, es ist unsere Pflicht, auf diese Schuld zu antworten – indem wir sie wenigstens anerkennen.

Verdrängte Schuld entsteht oft beiläufig, weil wir in einem System und in einem Subjektentwurf aufgewachsen sind und leben, das das Fulcrum systematisch und habituell ausblendet. Wenn ich meine Agency als meine eigene Leistung buche, dann tue ich das immer auf Kosten der beliehene Infrastruktur und aus Verantwortungs-Schuld wird verdrängte Schuld.

Auch das ist nicht deine „Schuld“ im fingerzeigenden Sinne. Diesen Fehler gleisten so „Geistesgrößen“ wie Archimedes und Descartes auf, die uns durch ihre eingeübte und vorgeahmte Unachtsamkeit die „Hebel des Individuums“ verkaufen wollten.

Diese Schuld wird aber vorwerfbar, wenn man die Fakten kennt und sie ignoriert, wenn man dazu schweigt, wenn man es zulässt, dass andere sie Verleugnen. Wenn man also seiner eigenen Zeugenschaft nicht gerecht wird – dann, dann ist man „Schuld“ im fingerzeigenden Sinne. Dann ist man seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.

Weil Verdrängung – trotz allem – immer eine Entscheidung ist – oder zumindest eine eingeübte Haltung, die man verlernen kann, halte ich uns alle für unsere Verdrängungen mitverantwortlich.

Was schulden wir einander?

Fulcren bestehen häufig und zu guten teilen aus Menschen. Sie wurden von Menschen geschaffen, sie werden von Menschen erhalten (Wertaktualisiert) bis in die tiefsten Regionen des Wertpfads. Wenn ich also sage, dass wir uns bei unserer Infrastruktur verschuldet haben, mache ich also eine Rechnung mit vielen, vielen Unbekannten auf. Wie soll ich meiner Schuld gerecht werden? Soll ich je all den Menschen, auf deren Arbeitsinput ich leverage, danken? Soll ich sie einzeln aufsuchen und ihnen die Hand schütteln?

Das sollten wir ihnen nicht antun. Aber wie wäre es für den Anfang mit der Selbsterkenntnis, dass wir alle beieinander verschuldet sind?

Und wie wäre es, dieses wechselseitige Verschuldetsein als „Default“ mitzudenken, wann wir miteinander umgehen?

Das zweite ist Aufmerksamkeit.

Wie wäre es mit Hinschauen? Fragen stellen? Warum werden ausgerechnet die, die Fulcren am Laufen halten, am schlechtesten bezahlt? Überhaupt: Wer hebelt auf wessen Fulcren? Wer trägt die Fulcrumskosten, wer streicht die die Hebelgewinne ein? Wer Hebelt nur noch auf einem Fulcrum aus Netzwerkzentralitäten? Welches Fulcrum wird verdrängt, verschoben, umgebucht, externatisiert?

Kapitalismus ist nicht nur eine Margenextraktions-Maschine, sondern vor allem eine Externalisierungsmaschine. Es ist die systematische Privatisierung der Hebel bei gleichzeitiger Sozialisierung der Fulcrumskosten. Das hat dazu geführt, dass die untersten Fulcren die gesamte Last stemmen, während wenige die Margen der abhängigen Hebel kassieren. Und trotz jahrzehntelanger Warnung vor Fulcrumsbruch werden jetzt wieder die Fossilhebel verlängert.

Ich frage:

Was schulden wir uns als Menschen, die dieselbe Infrastruktur bewohnen? Bewohnen müssen. Was ist der Grundlevel an wechselseitiger Schulderwartung, mit der wir einander begegnen sollten? Aber auch: was schulden wir den Kindern und den kommenden Generationen? Ich finde das sollte jeder selbst abschätzen, aber ich fordere zu Aufrichtigkeit auf.

Was schulden wir einander?

Ich finde, mehr als das.

Multiperspektivität und Anerkennung

Kein Dividuum hat Zugang zum gesamten Netzwerk. Jede Perspektive ist situiert, das heißt gleichzeitig: auf gewisse Art ähnlich wie andere Dividuen vor Ort (Wir leben in derselben Welt) und doch abweichend in Milliarden belangen.

Das ist keine Schwäche, sondern die Bedingung des In-der-Welt-Seins. Aber es bedeutet: Jede einzelne Perspektive beschreibt das Netzwerk notwendig unvollständig, weil sie nur entlang der Fulcren sieht, die sie selbst beliehen hat. Mit allgemein beleihbaren Semantiken können wir unseren Horizont also mit den Erfahrungen anderer erweitern und wenn wir ehrlich sind, besteht fast alles, was wir über die Welt zu wissen glauben, aus den beliehen Erfahrungen anderer.

In Krasse Links No. 35 Schrieb ich über die Erzählung The Elephant in the Dark:

Wikipedia fasst sie so zusammen:

The parable of the blind men and an elephant is a story of a group of blind men who have never come across an elephant before and who learn and imagine what the elephant is like by touching it. Each blind man feels a different part of the animal’s body, but only one part, such as the side or the tusk. They then describe the animal based on their limited experience and their descriptions of the elephant are different from each other. In some versions, they come to suspect that the other person is dishonest and they come to blows.

Die Geschichte soll Toleranz für unterschiedliche Sichtweisen plausibilisieren, aber ich würde es größer machen: So funktioniert Sprache.

Wir tasten uns alle durch die Welt und machen Vorschläge für Unterscheidungen, die entweder angenommen, in Frage gestellt oder ignoriert werden und dann murmeln wir so vor uns hin und während dein Murmeln mein Murmeln korrigierte und umgekehrt, entwickelte sich daraus im Laufe von ein paar tausend Jahren die bis heute krasseste Künstliche Intelligenz, die die Menschheit je gesehen hat: Semantik.

Semantik ist nicht nur die Infrastruktur des Denkens, sie ist auch Realitäts-Sensor. Durch die Einübung eines neuen Begriffs aquirieren wir immer auch eine neue Form von Aufmerksamkeit.

Unsere Sprache ist das Resultat einer iterativen, multiperspektivischen Erfahrungsakkumulation und Selektion. Das kommt einem mur nicht so vor, weil man sich meist in gewohnten semantischen Territorien aufhält, aber lass man eine Schwarze einer Weissen Person erklären, dass eine ihrer Handlungen „rassistisch“ ist. Dann fällt die weiße Person meist komplett aus ihrem beliehenen Refenzrahmen und glaubt, man hätte ihr gerade vorgeworfen „Heil Hitler“ gerufen zu haben.

Wir schulden es der Perspektive des Anderen, dass wir sie ernst nehmen, dass wir sie einbeziehen. Das Wort Rassismus ist bekannt, aber was bedeutet es? Wie klingt es in deinen Ohren, wie klingt es in anderen Ohren? Mit welchen Erfahrungen wird das Wort jeweils beliehen?

Du kennst das Wort „Rassismus“, aber wenn du als „Weiß“ gelesen wirst, ist dir das Phänomen erstmal strukturell unsichtbar, denn es ist – per Definitionem – die Struktur, gegen die du niemals stößt. Es sind eben die Barrieren, deren Abwesenheit dein Privileg ausmachen. Barrieren anderer, die man erst sieht, wenn man versucht, aus ihrer Perspektive draufzuschauen (selbst dann bleibt mir die Schmerzerfahrung fremd).

Struktureller und institutionalisierter Rassismus stattet alles mit einem für Privilegierte unsichtbaren, weil barrierefreien zugrifflichen Fulcrum aus, das dem Privilegierten viele Pfadgelegenheiten eröffnet, die es anderen verwehrt. Das heißt: Auch wenn du im Leben nie etwas rassistisches getan und gesagt hast, bist auch du beim Rassismus verschuldet.

Dasselbe gilt für Männer im Patriarchat, Heterosexuelle in der Heteronormativität, Cis-Menschen in einer Cis-Welt. usw. Jede Abweichung von der Norm impliziert spezifische Barrierevektoren im Erwartungsraum der intersektionalen Unterdrückung, an die ich als heterosexueller cis-Mann selbst nie gestoßen bin, aber andere habe dagegen stoßen sehen, mir aber zunächst nichts dachte, weil das kann ja tauschen gründe haben. Aber macht das mal. Fragt mal nach. Mir wurde die Erfahrung plausibel gemacht, weil Menschen sich die Geduld nahmen, es mir zu erklären und weil ich es gewagt habe, zuzuhören. Ich bin nicht erst seitdem Zuhören verschuldet, aber die Schuld ruft seitdem nach Verantwortung.

Wieder: nicht auf eine fingerzeigende Art, sondern als strukturelle Schuld.

Aber! Rassismus nicht ernst zu nehmen, ihn nicht für real zu halten, seine Gefahr herunterzuspielen oder ganz auszublenden, ist ein Nicht-Antworten auf diese Schuld. Es ist eine Verantwortungsverweigerung und damit ein moralisches Versagen.

Politischer Journalismus

Wir erleben die tiefste Krise des politischen Journalismus seit seiner Existenz. Journalismus als Format ist nicht mehr fähig, eine glaubwürdige, realitätsorientierte Erzählung der Welt zu liefern. Das ist nicht erst mit den Epstein-Akten klar geworden und das ist auch nicht erst seit Trump wieder im Weißen Haus sitzt so. Schon dass Olaf Scholz Bundeskanzler werden konnte, ein Mann, der in einen der größten Bankskandale der Geschichte verwickelt ist, eine Skandal, bei dem es darum ging, uns alle zu bestehlen, ist ein sehr sicheres Anzeichen dafür, dass politischer Journalismus nicht mehr funktioniert.

Das war kein Geheimnis. Alle wussten es. Alle machen bis heute Witze über sein „Ich kann mich an nichts erinnern“ vor dem Untersuchungsausschuss. Der Kaiser war nackt – und dennoch: niemand traute es sich, das auch zu benennen?

„Herr Scholz, sie verstehen schon, dass die Cumex-Vorgänge ein zwielichtigen Eindruck hinterlassen. Wie gedenken sie, das Vertrauen der Bevölkerung wieder herzustellen?“

„Herr Scholz, nochmal: wie sollen die Bürger*innen dieses Landes ihr Steuergeld in ihre Hände geben, wenn sie doch im Verdacht stehen …“

„Sind sie sich sicher, dass sie sich an nichts erinnern können? Gar nichts? Waren sie beim Arzt damit?“

„Nochmal zum Tod von Achidi John. Bleiben sie dabei, dass es ihnen nicht leid tut, seinen tot verursacht zu haben?“

Das wären die Fragen gewesen, die ich an Scholz gehabt hätte und ich glaube, das waren auch die Fragen, die viele hatten. Es waren die Fragen, über die die Republik geredet hätte, wenn sie gestellt worden wären. Aber sie wurden nicht gestellt. Tausende Journalist*innen, hunderte Medien, aber niemand stellt diese offensichtlichen, diese wichtigen Fragen.

Warum? Weil die potentiellen Kosten, diese Fragen zu stellen, für fast alle Journalist*innen zu hoch sind und die potentielle Gewinne, sie nicht zu stellen, wesentlich größer sind.

Politischer Journalismus leveragedte die eigene Reichweite, um Politiker*innen kritische Fragen stellen zu können. Jedenfalls funktionierte das Modell des politischen Journalismus bis zum Internet so. Doch Journalist*innen fanden heraus, dass ihre eigene Reichweite nur dann leveragebar ist, so lange die Politiker*innen nur wenig Pfadalternativen zu ihrer Reichweite haben.

Mit dem Entstehen etlicher neuer Kanäle durch das Internet und der Möglichkeit für Politiker*innen selbst Reichweite in eigenen Kanälen zu erziehlen, brach das stablisierende Fulcrum und das Kontaktzonenfulcrum wurde wabbelig. Wenn Politiker*innen ausreichend Wege an kritischen Journalist*innen vorbei finden, hebelt die Kritik ins Leere.

Diese verschobenen Machtunterschiede führten zu einem anderen journalistischen Pfadmodell. Aus der Abhängigkeit der Politiker*innen von Reichweite der Medien wurde die Abhängigkeit der Journalist*innen vom „Access“ zum Mächtigen.

Enter: das Podcast-Geschäftsmodell. Ein Podcast-Geschäftsmodell funktioniert basically so (ich komme aus dem Business), dass man sich interessante Leute einlädt, die man dann leveragen kann, um andere interessante Leute als Interview-Gast zu aquirieren. Und wenn man es auf Reichweite abgesehen hat, dann trachtet man immer nach den größten Namen, denn wenn man die hat, hat man andere größte Namen, usw.

Der Endpunkt sind so Formate wie Joe Rogan und Lex Fridman, die „down“ sind, mit den Mächtigen, die ihnen eine bro-kuschlige Atmosphäre bieten, in der sie sich nach eigener Lust und Laune inszenieren dürfen.

Das Podcast-Geschäftsmodell ist Journalismus unter anderer Incentive-Struktur: Du willst der Ort sein, bei dem sich die Mächtigen wohl fühlen. Du kannst auch mal eine pseudokritische Frage stellen (um das Thema abzuhaken), aber wenn du zu weit gehst, dann verlierst du dein Fulcrum.

Warum in aller Welt, sollte sich noch irgendein mächtiger Mensch kritische Fragen gefallen lassen, wenn es Podcasts mit Millionenreichweite gibt?

Aber das Phänomen ist nicht auf Podcasts beschränkt, der gesamte politische Journalismus hat sich in diese Richtung entwickelt. Aber und auch der vermeintlich „kritische“ Journalismus arbeitet vor allem daran, die eigene Angriffsfläche zu minimieren. Ass Covering, statt Uncovering.

Daraus resultiert die tiefe, strukturelle Unehrlichkeit in unserem Diskurs, in der Journalist*innen mehr Angst haben, etwas Falsches gegen den Falschen zu sagen, als die Motivation die Wahrheit zu berichten.

Aber Journalist*innen sind nicht irgendwer in der Gesellschaft. Sie sind diejenigen, die unsere Diskurse aufgleisen, die uns für alles was passiert mit Narrativen und Deutungen versorgen, die gemeinsam die „Choise Architecture“ der medial relevanten Deutungspfade providen.

Deutungen, die die Medien nicht anbieten sind außerhalb des „Overton Window“.

Und das ist auch der Grund, warum Friedrich Merz mit einem Wahlprogramm Bundeskanzler werden konnte, das von oben bis unter Nonsense war. Auch das war kein Geheimnis und natürlich gab es auch mal die ein oder andere kritische Frage. Aber es gab kein:

„Herr Merz, das ist doch jetzt nicht ihr Ernst?“

„Herr Merz, glauben sie wirklich sie kommen mit diesen Lügen weiter?“

„Herr Merz, haben sie dieses Wahlprogramm von ChatGPT schreiben lassen?“

Wie soll man den Unterschied zwischen „falsch“ und „Unsinn“ denn sonst markieren?

Uns ist das zugriffliche Fulcrum auf Realität abhanden kommen, weil das stablisierende Fulcrum des politisches Journalismus gebrochen ist. Ganz still und heimlich. Politiker*innen und Journalist*innen sprechen immer noch miteinander. Aber sie sprechen nicht mehr auf Augenhöhe.

Widerstand

Widerstand ist die Grundlage von Freiheit, Agency und Souveränität, denn alle diese Pfade basieren auf der Möglichkeit, Nein zu sagen und die Kosten dafür zu tragen.

In Krasse Links No 7 reflektiere ich zum ersten mal mein zerstörtes Fulcrum nach dem Twitteraus und bei der moralischen Reorientierung flog mir Ursula Le Guins „The Ones Who Walk Away from Omelas“ in die Aufmerksamkeit.

Als Zweites nehme ich die philosophische Erzählung „The Ones Who Walk Away from Omelas“ mit. Die Geschichte von Ursula K. Le Guin spielt im fiktiven Ort Omelas, der in jeder Hinsicht als Paradies gelten kann. Allen geht es gut, alle sind gut drauf und das Leben ist eine einzige Party. Erst spät finden wir heraus, dass dieses Wunder darauf basiert, dass alles Leid auf einen einzelnen, kleinen Jungen abgeleitet wird, der allein und vernachlässigt im Kerker unter der Stadt gehalten wird. Alle wissen von dem Jungen, aber sein Leid wird verdrängt, weil das eigene Glück davon abhängt.

Doch einige beginnen, Omelas zu verlassen. Es sind nicht viele. Aber es werden mehr.

Ich mag diese Metapher sehr, weil sie die soziale Dimension des Moments einer moralischen Klarheit so auf den Punkt bringt: Es ist eine Art emotionale Immigration, ein Abschied von eigentlich liebgewordenen Menschen und von einem vertrauten, schönen Ort, der aufgehört hat, schön zu sein, seit man auch emotional durchdrungen hat, wie er funktioniert.

Wir leben alle in Omelas, genauer: in vielen Omelas‘ und sie zu verlassen ist fucking schwer. Ich zum Beispiel esse immer noch Fleisch (lass mich!). Gerade deswegen sollten wir es feiern, wenn es einigen von uns gelingt, das eine oder andere Omelas zu verlassen und wir sollten nachsichtig mit denen sein, die diesen Schritt noch vor sich haben.

Widerstand ist einen Pfad nicht zu gehen und die Kosten dafür zu tragen und manchmal ist es der einzige Pfad, wenn man seiner Zeugenschaft gerecht werden will. Das war der Punkt, an dem ich beschloss bestimmten Pfaden lebewohl zu sagen.

Aber dazu gehört auch das ganz praktische De-Investment in Pfade. Vom Wechsel der Infrastruktur, zur Umstellung der Lebensweise, zur Reduzierung der Erwartungen. Planen, wie man Abhängigkeiten umschiffen und Shocks mitigieren kann.

Und dann das gezielte, emotionale „shorten“ bestimmter Pfade im Pfadgelegenheitsportfolio. Karriere, Geld, Erfolg. Und auch die Hoffnung auf die Viablität bestimmter Pfade verlieren. Markt, Rechtstaat, Gewaltenteilung, Parlamentarische Demokratie, Checks & Balances und die angeblich so robusten „Institutionen“, „Zivilisation“. Und wenn man einmal damit anfängt, dann crasht das halbe Portfolio.

Wie man seinen Widerstand organisiert, ist eine taktische oder gar strategische Frage, aber die moralische stellt sich heute jeden Tag. Sag ich was? Mach ich mich unbeliebt, wenn ich was sage? Was sind die Kosten meines „Neins“? Mach ich was? Ist mein „Nein“ laut genug? Ist mein „Nein“ umfassend genug? Wird mein „Nein“ der Katastrophe des „Ja“ gerecht? Sollte ich andere Verurteilen, deren „Nein“ mir zu laut ist, oder nicht erstmal checken, ob meines nicht zu leise ist?

Das sind jedenfalls Fragen, die ich mir seitdem stelle.

Gewalt und Erlaubnisstrukturen

Gewalt ist Kommunikation und wie jede Kommunikation beleiht Gewalt andere Gewalt.

Erlaubnisstrukturen sind semantische Pfadgelegenheiten zur Gewaltanwendung (groß oder klein). Erlaubnisstrukturen sind zwar semantisch, aber sie „beleihen“ Gewaltakte. Entweder Gewaltereignisse aus der Vergangenheit mit ihren überlieferten Rechtfertigung, oder man denkt sich einfach selber welche aus und hofft, dass man damit durchkommt.

Praktisch heißt das, dass Gewalt aus der Vergangenheit geleveraged wird, um Gewalt in der Gegenwart zu rechtfertigen. Erlaubnisstrukturen, sind semantische Fulcren, an die man „kinetische Hebel“ anlegen kann.

Gewalt ist deswegen auch immer eine Pfadgelegenheit, die in zwei Pfade eingebettet ist. Die Gewaltanwendung des Dividuums (horizontal) und der vertikale Pfad, der meine Gewalt rechtfertigt.

Meine Gedanken zu Erlaubnisstrukturen entstammen Walter Benjamins Begriff der rechtsetzenden Gewalt. Ich schrieb in KL32:

Kuku Schrapnell reflektiert auf 54Books ihre eigene Gewalterfahrung – sie wurde von einer Gruppe rechter Schläger zusammengeschlagen – auf eine intensive und erkenntnisreiche Weise. In der Reflexion greift sie auf Walter Benjamins Unterscheidung von Rechtsetzender (auch mythischer) und Rechtserhaltender Gewalt. Rechtserhaltende Gewalt ist das Disziplinieren von Regelverstößen.

Mit der rechtssetzenden Gewalt ist es ein bisschen schwieriger, nicht umsonst spricht Benjamin auch von der mythischen Gewalt. Am Anfang jeder rechtlichen Ordnung braucht es Gewalt, um sie durchzusetzen.

Aber diese rechtliche Ordnung muss auch beschützt werden, weil sonst andere, mythische Gewaltaten die Pfadentscheidungen treffen:

Während es auf der einen Seite zwar immer mehr rechtliche Gleichstellung für queere Menschen gibt, wie zum Beispiel das maßlos wichtige Recht auch heiraten zu dürfen, oder die Abschaffung des schrecklichen Transsexuellengesetzes zugunsten des nicht ganz so schrecklichen Selbstbestimmungsgesetzes, steht auf der anderen Seite die Zunahme der (mythischen) Gewalt gegen queere Menschen, die diese Rechte in Frage stellt. Die rechtliche Gleichstellung ist nicht nur in sich selbst prekär, immerhin kann ja schon die nächste rechte Regierung alles wieder kippen, sie ist auch immer nur so stark, wie die in ihr gebündelte Gewalt. Die Gleichstellungsrechte können überall da in Frage gestellt und unterlaufen werden, wo ihre rechtsbegründende Gewalt nicht direkt in Erscheinung tritt, weil beispielsweise Polizeistreifen lieber durch linke oder migrantisch geprägte Viertel fahren, oder andere Gruppen schon so mächtig geworden sind, dass sie sich ungehindert austoben können.

Weil sich jede Gewalt ihre eigene Erlaubnisstruktur baut, setzt sie implizit Recht. Aber was kann man dem Entgegensetzen?

Gewalt ist immer eine Grenzverletzung und jede Grenzverletzung erntet Aufmerksamkeit. Und die Art und Weise, wie wir mit dieser Grenzverletzung umgehen, wird bei den Dividuen als „Präzedenzfall“ generalisiert, also normalisiert, ein bekanntes und beleihbares Beispiel, an dem ich und andere unsere Handlungen orientieren. Wird die Grenzverletzung geahndet, wie wird die geahndet, was sind die Konsequenzen, wie sprechen wir danach über den Fall, etc.

Jeder Gewaltakt verändert das Portfolio der Erwartungen und wird, wenn er nicht sanktioniert und tabuisiert wird, zur beleihbaren Infrastruktur für neue Gewalt.

„Ethik“ arbeitet im relationalen Materialismus also eher wie vernetztes „Case Law“, statt wie Kant es sich wünschte, als „Regel“.

Faschismus

Hier, wie Faschismus (und Bullying im Allgemeinen) funktioniert:

Durch ständig eskalierende Grenzverletzungen stößt du deinen Gegner und die Gesellschaft aus dem angestammten Raum der Erwartungen, so dass sie ohne Anschlusshandlung dastehen. Ihnen fehlt in dem Moment ein plausibles Fulcrum für ihre habituellen Hebel.

In diesem Vakuum normalisiert sich deine Grenzverletzung, denn sie bleibt ungesühnt und wird ab nun zum Teil des Erwartungsfulkrums, an dem du den nächst größeren Grenzverletzungshebel ansetzen kannst.

Deswegen ist Faschismus am Anfang so erfolgreich, fällt aber in sich zusammen, sobald er das Erwartungsfulcrum der anderen so weit abgenutzt hat, dass es bricht.

Um Faschismus zu besiegen, müssen wir also möglichst unsere Erwartungsstabilität verlieren, denn sie ist – wie bei jedem anderen Betrug – die Grundlage der Waffe, die der Faschismus gegen uns richtet.

Da das ein freier fall wäre, ist es wichtig, selbst Erwartungsgrenzen zu durchbrechen, um neue, resilientere Erwartungsinfrastrukturen aufzubauen.

Antifaschistische Arbeit besteht unter anderem auch darin, Anschlusshandlungen an faschistische Grenzverletzungen vorzuplanen und einzuüben.

Krieg

Auf den ersten Blick wirkt Krieg immer wie der Wettbewerb um die meisten und besten Waffenhebeln, aber bei genauerem Hinsehen geht es darum, ein vor den Angriffen des Feindes robustes und dennoch leistungsfähiges Fulcrum an Kriegsinfrastruktur zu wachsen: Fabriken, Depots, Nachschubwege, Unterstützung (oder zumindest Toleranz) der eigenen Bevölkerung für den Krieg, etc.)

Zum Weiterlesen.

Die Hebel:Fulcrums-Mechanik

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Hebel:Fulcrums-Mechanik. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies

Einführung

Das „Fulcrum“ bezeichnet zunächst einmal den „Dreh und Angelpunkt“ an dem ein Hebel ansetzt. Der sogenannte „Archimedische Punkt“. Aber ich finde, das wird ihm nicht gerecht.

Der Begriff „Fulcrum“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet sowas wie „Bettpfosten“, bezeichnet nebenbei also auch eine unscheinbare Infrastruktur, die uns durch den Schlaf trägt.

Doch das Fulcrum trägt uns auch durchs Leben. Jeder Hebel, den wir bedienen, hat ein Fulcrum, das ihn funktional, sicher und erwartbar macht und gleichzeitig ist das Fulcrum immer schon das implizit Erwartete, Verdrängte und Externalisierte des Hebelns.

Wie schon die Pfadgelegenheit holt uns das Fulcrum aus dem gewohnten Denken des „isolierten Individuums“ und seinen „isolierten Handlungen“ an „isolierten Objekten“ heraus und bietet semantische Pfadalternativen für eine anwenderorientierte, d.h. menschlichere Perspektive auf die Welt.

Das Fulcrum zwingt uns, jede Handlung als Relation zu betrachten: als Bedienung eines Hebels, der an ein Fulcrum gekoppelt ist. Damit macht das Fulcrum unsichtbare Abhängigkeiten sichtbar – jene infrastrukturellen Voraussetzungen, aus denen unsere Hebel ihre Kraft schöpfen.

Die systematische Vernachlässigung des Fulcrums – oft institutionalisiert als „Prämisse“, „Externalität“ oder „Ceteris Paribus“ – bildet den blinden Fleck „moderner“ Technik- und Welt­nutzung ebenso wie der „modernen Wissenschaft“, des Kapitalismus und des Individualismus. Fulcrumsvergessenheit ist die kulturell eingeübte Geste, Voraussetzungen als gegeben zu setzen, um Handlung als „autonome Leistung“ des Individuums zu verbuchen.

Das Denken in komplexen Fulcren eröffnet deshalb neue Einsichten selbst in scheinbar ausgekundschafteten Pfaden: Es zeigt, wo Hebel auf unsichtbaren Infrastrukturen ruhen, wo Verschleiß entsteht und wo neue Pfadgelegenheiten verborgen liegen und macht die menschliche Perspektive nicht nur sichtbar, sondern lernt mit ihr zu leben.

Im folgenden will ich nacheinander folgende Thesen aufstellen und begründen:

  • Ein Hebel verstärkt eine Handlung, indem er sie auf ein Fulcrum überträgt.
  • Das Fulcrum ist nicht nur ein Punkt, sondern die gesamte Infrastruktur, die halten muss.
  • Hebel und Fulcrum sind daher keine Dinge, sondern Rollen im menschlich-relationalen Interaktionsgefüge.
  • Die Stabilität des Fulcrums ist nie gegeben, sondern wird erwartet – jede Hebelhandlung ist eine Wette auf ein Portfolio von Infrastrukturen.
  • Erwartungen sind nicht individuell, sondern dividuell auf einander bezogen und „beleihen“ (leveragen) einander als „Erwartungserwartungen“.
  • Handlung ist daher keine isolierte Tat eines Subjekts, sondern die Aktivierung eines Hebels in einem erwartungsgetragenen Fulcrum-Geflecht.
  • All das lässt sich an unzähligen Beispielen zeigen.

Durch eine semantische Aufräumarbeit hinter Archimedes Hebel-Formel, versuche ich das Fulcrum zu verkomplizieren, um damit eine semantische Infrastruktur zu schaffen, die alle anderen Zusammenhänge vereinfacht.

Dieser Text ist in vier Abschnitte unterteilt:

  • Teil I: Die materielle Hebel:Fulcrum-Relation [->]
  • Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio [->]
  • Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell [->]
  • Teil IV: Semantik. Hebel:Fulcrum-Relation als soziale Struktur [->]

Teil I: Die materielle Hebel:Fulcrum-Relation

Der Hebel ist zunächst eine materielle Relation. Ein Hebel ist immer nur ein Hebel für jemanden oder irgendwas und zeichnet sich aus Perspektive eines Anwendenden (jeder Hebel hat eine Anwenderperspektive) durch seine „Nützlichkeit“ aus.

Das Nützliche am Hebel (und Hebel sind außerordentlich nützlich), ist, dass man – wenn man Hebel und Fulcrum entsprechend positioniert – einen Multiplikationseffekt der eigenen Kraft erfährt. Daher Archimedes Angeberformel:

Gebt mir einen festen Punkt und einen genügend langen Hebel, und ich hebe die Erde aus ihren Angeln.

Aber der Hebel muss nicht nur „genügend lang“, sondern das Fulcrum auch „genügend stabil“ sein?

Die Stabilität des Fulcrums

Als ich neulich meinen Schrank mit einer Latte verschieben wollte, bewegte sich der Schrank zwar ein bisschen, aber auch die Rigipswand, die ich als Fulcrum verwendete, verformte sich und hatte eine Delle.

Gut, dass war sicher meine eigene Dummheit, aber ich behaupte dennoch: auch sonst ist das Fulcrum nie wirklich „stabil“?

Es gibt immer zumindest Verschleiß und selbst wenn ein Fulcrum 100 Jahre hält – kein Fulcrum ist unzerstörbar?

Bei genauerer Betrachtung ist der Schaden an der Rigipswand nicht so schlimm, die Ecke ist an einer stelle etwas abgeplatzt. Besieht man sich die zerstörten Flächen unter dem Mikroskop, ahnt man, welche Kraft darauf einwirkte. An den eingedrückten Stellen und dem heruntergebröselten Gips sieht man dann, dass sich der Prozess des Fulcrum-Einbruchs durch eine komplexe Architektur von ineinander verwobenen Mikrostrukturen arbeitete.

Das ist mein Punkt: Jedes Fulcrum ist komplex.

Fulcrumskomplexität

Wir alle kennen Hebel. Archimedes Hebelgesetz haben wir in der Schule gelernt und viele haben schon mal ein Radiergummi auf einem Lineal am Fulcrum eines Buntstiftes durch den Klassenraum katapultiert, haben einen Schraubenschlüssel an standardisierten Fulcren (M1 – M5-Muttern) bedient oder Essen mit Messer und Gabel gelernt, wo sowohl Kraft als auch Fulcrum durch die Fingerhebel gemanaged wird. Und wenn du schon mal Auto gefahren bist, war es die komplexe Hebelstruktur, die wir „Getriebe“ nennen, die die Motorleistung auf die Straße übersetzt hat. Herrje, unsere Arme, Beine und Finger sind Hebel. Wir alle sind Hebelexpert*innen.

Und deswegen wissen wir aus eigener Erfahrung, dass das Fulcrum nie einfach ein Punkt ist, sondern immer eine Kontaktfläche, -Form oder -Zone, die eine mal härtere, mal weichere materielle Struktur hat. Die Ingenieurswissenschaft weiß das auch und denkt den Hebel als „mechanische Kopplung“, in der Dinge wie Material, Verschleiß, sowie ein Verständnis nicht nur für feste, sondern auch für lose, wabbelige, nachgebende, fragile und komplexe Fulcren einen Platz haben. Außerdem für Fulcren, die verrutschen können, oder anders auf nicht-lineare Weise auf die Hebelkraft reagieren, etwa durch plötzlichen Formwechsel oder Verlust struktureller Integrität. Fulcren, die durch ein Phasen-Wechsel in anderen Schwellenzustände übergehen, Fulcren die schwingen, ruckeln, zittern, brechen, oder zwischen Haftreibung und Gleitreibung alterieren, etc.

Und die Ingenieurswissenschaft weiß auch: die Hebelwirkung ist bei dynamischen, komplexen und verformbaren Fulcren nicht weg, aber vermindert, bzw. aufgefächert, verteilt. Hebel und Fulcrum treten in der Realität oft in eine komplexe Beziehung, in der die eingesetzte Kraft sich auf beide ungleich verteilt, sie zueinander verschiebt und das Kräftefeld beim Hebeln neu sortiert.

Doch trotz ihrer Komplexität in der realen Welt, kann man doch für jede Hebel:Fulcrums-Beziehung verallgemeinern:

  1. je stabiler und steifer das Fulcrum ist, desto direkter und größer die mögliche Kraftübertragung/-Steigerung durch einen entsprechend großen Hebel.
  2. je größer der Hebel, desto mehr „Stress“ (Last, Erschütterung, Verschleiß) wird auf das Fulcrum pro eingesetzte Kraft übertragen.

Hebel/Fulcrum als Rollen

Was ich im folgenden Zeigen möchte, ist, dass wenn wir das Fulcrum in seiner Komplexität begreifen, wir die Hebel:Fulcrums-Beziehung überall vorfinden und mit diesem Frame analysieren können. Dafür müssen wir nur „Hebel“ und „Fulcrum“ statt als Dinge, als Rollen denken:

Der Hebel ist alles, was eine konkrete Handlung/einen Krafteinsatz (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) überträgt, verstärkt und/oder steuert und das „Fulcrum“ ist die Infrastruktur, an der der Hebel ansetzt/angesetzt wird und gleichzeitig, das, was „halten“ muss und durch eigene „Steifheit“ und „Stabilität“ (Erwartbarkeit) die Kraftübertragung/-Verstärkung erst ermöglicht.

Versteht man Hebel und Fulcrum als Rollen, kann dieselbe Infrastruktur je nach Situation Hebel oder Fulcrum sein und das Fulcrum ist nicht die eine Sache sondern viele Sachen – je nach Situation.

Schauen wir doch mal kurz in den Hebel rein, z.B. in meine unrühmliche Holzlatte. Das Holz der Latte besteht aus ineinander und aneinander verwachsenen Holzfasern, die einander Stabilität verleihen, oder übersetzt: sich während der Hebelaktion wechselseitig als Fulcrum dienen und so die vermittelte Kraft als Zugspannung wie einen Strom von Faser zu Faser weiterleiten.

„Mechanik“ ist die Wissenschaft der einander bedienenden Hebel.

Das Fulcrum ist eben nie nur die Stabilität des „Fulcrums“ selbst, sondern auch die des Hebels (der darf ja auch nicht brechen darf), aber auch z.B. von Archimedes Rücken, wenn er den Hebel bedient. Auch die Tatsache, dass Archimedes frei in seiner Handlung ist, dass er zwei Arme hat, dass er einen passenden Hebel und ein passendes Fulcrum gefunden hat und dass die Schwerkraft gilt, gehört dazu. Wir verstehen das Fulcrum auch als die Gesamtheit der infrastrukturellen Vorbedingungen der Hebelaktion.

Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio

Verlassen wir die direkt materielle Hebel-Fulctrums-Relation und begeben wir uns ins Virtuelle, in das Netzwerk der Erwartungen. Das Netzwerk der Erwartungen ist gewissermaßen der Layer der die Dividuumsperspektive mit der materiellen Realität verknüpft – mal besser, mal schlechter – aber immer mit materiellen Auswirkungen in der Realität.

Die Wette

Archimedes verschwendet da nicht groß Worte darauf, aber sein ganzer Versuchsaufbau basiert auf der Annahme, dass das Fulcrum „hält“.

Doch, dass etwas „hält“ ist keine physikalische oder sonstwie naturwissenschaftliche Größe, sondern eine von Archimedes implizit formulierte „Erwartung“.

Ich will ihm hier keinen Strick draus drehen, denn eine ähnliche „Erwartung“ hatte ich auch beim Hebeln an meiner Rigipswand, denn grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass das Fulcrum hält? Schlauer sind wir immer erst hinterher.

Und es mag ja sein, dass Archimedes sein Fulcrum sorgfältiger ausgewählt hat, als ich, aber ich bestehe darauf, dass auch seine Hebelaktion eine „Wette auf das Fulcrum“ war, denn jede Hebelbenutzung ist eine Wette, selbst, wenn man sich sicher ist, sie zu gewinnen.

Ich habe aufgehört, an „Kausalität“ zu glauben, oder zumindest glaube ich, der Begriff beschreibt keinen „ontologischen“ Zusammenhang in der materiellen Welt, sondern ist eher ein Maßstab für unserer Erwartungsstabilität für bestimmte Hebel:Fulcrums-Relationen, genauer: eine grobe Heuristik für alle Übergangswahrscheinlichkeiten ab ca. 99,999 Prozent oder so.

Weil wir es mit Übergangswahrscheinlichkeiten zu tun haben, haben wir es mit Wetten zu tun und auch wenn Wetten in 99,999 Prozent gewonnen werden, bleibt das 0,001 Prozent, dass dir alles vermasseln kann. Dennoch wirst du die Chance ergreifen, denn Hebel sind oft wichtig oder mindestens nützlich.

Wenn wir also sagen: Das Fulcrum „hält“, „beleihen“ wir das konkrete materielle Fulcrum mit einer Erwartung. Diese Erwartung ist somit ein „Asset“ in das wir investieren, sobald wir einen Hebel betätigen und dieses Asset ist wichtig, denn meist benutzen wir Hebel nicht nur einmal.

Das Portfolio

Nehmen wir an, Archimedes nutzt einen knackharten und megastabilen Stein als Fulcrum, dann wird die Stabilität des Fulcrums nicht nur von dem Stein selbst organisiert, sondern vom Untergrund, auf dem er liegt, bzw. er ist dort auf die eine oder andere Weise arretiert und dieser Untergrund basiert wiederum auf Erdschichten, die auf Gesteinsschichten basieren, die zusammen die Erdanziehung organisieren und so weiter und so fort.

Die Stabilität all dessen wird „erwartet“, ohne dass Archimedes sich in diesem Moment über jedes Detail bewusst wäre. Denkt man das Fulcrum komplex, dann ist das Fulcrum nicht nur eine Wette, sondern es eine Wette auf Wetten auf Wetten auf Wetten, etc.

Die Stabilitätserwartung der Hebelbedienung stellt sich als ein Portfolio von Wetten/Assets heraus.

Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass die Erdanziehung oder die Gesteinsschichten oder die Erdschichten sich plötzlich ändern, weswegen unser Fokus auf dem Stein liegt. Die Erwartung, dass die Schwerkraft anhält zu funktionieren, ist uns nicht als solche bewusst, so wie mir beim Schreiben dieser Zeilen nie völlig bewusst ist/bewusst sein kann, wie viel Infrastruktur „funktionieren“ muss, damit sie von meinen Fingern in die Tastatur, in den Prozessor, in das Kabel, durch das Internet, auf meinen Server, in mein WordPress und von dort in eure Augen gelangen. Weil all diese Pfade Hebel sind, die sich gegenseitig bedienen, basiert meine einfache „Handlung“ des Schreibens auf einem ausufernden Portfolio unbewusster Wetten.

In der Technikgeschichte können wir nachlesen, wie es dazu kam. Man kann sie runterdampfen auf: Auf funktionierende Hebel werden gern weitere Hebel gebaut, die die ersten Hebel als Fulcrum nutzen. Das Resultat ist der vielgestaltige, pfadabhängige Fuhrpark von Hebeln, Hebelstrukturen und -Aggregaten, in dessen Fulcren wir leben und arbeiten.

Anders als noch bei Archimedes basieren all unsere Hebel auf tausenden, manchmal Millionen, heute oft Milliarden mehr oder weniger speziell hergestellten, teils filigranen Hebeln und das bedeutet, dass sich jede unserer Hebelaktionen bei einem pfadabhängigen Strauß voller Fulcren verschuldet, die wir ständig als Assets im Erwartungsportfolio führen, wenn wir handeln.

Crash

Und wie die materiellen Infrastrukturen selbst, sind diese Wetten auf Wetten pfadabhängig von einander. Bricht ein Fulcrum, irgendwo ganz tief im Getriebe, brechen alle pfadabhängigen Hebel und damit auch alle pfadabhängigen Erwartungen. Fällt der Strom aus, ist nicht nur der Rechner tot, sondern auch das Licht, der Kühlschrank, der Wecker und die Kaffeemaschine und alle diese Assets verlieren ihren „Wert“ im Portfolio unserer Erwartungen. Beim Bruch mancher Fulcren, kann es zu regelrechten Crashs in unserem Erwartungs-Portfolio kommen.

Das ist jetzt reine Spekulation, aber ich wette, Archimedes hat auch einige Fehlversuche durchgeführt, bevor er sein Hebelgesetz formulierte? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht ist er der einzige Mensch, dem nie eine Hebelaktion mißlang?

Zumindest verpasste er, darauf hinzuweisen, dass jede Hebelaktion eine Wette ist, obwohl auch ihm klar gewesen sein muss, dass sowas auch schief gehen kann. Oft ist es so, dass die Hebelaktion auf eine Weise schief geht, die wir nicht vorhergesehenen haben.

Ein Portfolio, das vor allem aus aufeinander aufbauenden, also pfadabhängigen Wetten besteht, hat seine Vulnerabilitäten oft an Stellen, an die wir gar nicht gedacht hatten, dass sie „wichtig“ sind und so kommt es, dass echte Crashs meist durch Fulcrumsbrüche passieren, die nur Wenige überhaupt als Möglichkeit auf dem Schirm hatten.

Was also zu tage tritt, wenn eine Infrastruktur bricht, sind unsere eigenen Erwartungen.

Das meinen wir, wenn wir sagen, dass Infrastruktur nur in ihrem Kollaps wirklich sichtbar wird. Auf diese negative Ontologie von Infrastruktur haben bereits Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star in ihrem Klassiker „Sorting Things Out“ hingewiesen, aber wir alle kennen es aus eigener Erfahrung?

Man findet oft erst heraus, wovon man „abhängig“ war, wenn die Pfadgelegenheiten, die es ermöglichte, verschwinden.

„Abhängig“ eben nicht als „individuelle Abhängigkeit“ gedacht, sondern im Pfadgelegenheits-Sinn: ohne X kann ich Pfad Y nicht nehmen. Pfadabhängigkeit.

Und wer einmal die Erfahrung des Brechens eines Fulcrums gemacht hat, weiß, was das heißt: Alle pfadabhängigen Infrastrukturen/Wetten auf Infrastrukturen kollabieren und weil sich diese Wetten auch horizontal gegenseitige Stabilität verleihen, crashen auch umliegende Infrastrukturen gerne mit.

Dann tritt der Seneca Effekt ein und der kann dann so ablaufen, wie das berühmte Hemingway-Zitat einer Romanfigur, die ihren eigenen Bankrott beschreibt: „First gradually, then suddenly.“

Kaskadierender Kollaps.

Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell

Die Pfadgelegenheit ist ein Versuch die menschliche Perspektive auf eine (immer schon) vernetzte Welt zu modellieren, aber ohne die Hebel:Fulcrums-Beziehung bleibt sie unvollständig. Jede Pfadgelegenheit enthält eine Mechanik, die sich als Hebel und Fulcrum analysieren lässt.

Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.

Bediente Hebel sind genommene Pfadgelegenheiten, also Pfadabhängigkeiten, das heißt der Hebelprozess beschreibt die sogenannte „Gegenwart“, also den Moment, wo aus „projizierter Handlung“ „Handlung“ wird – unter Beleihung einer Infrastruktur und aus einer bestimmten Perspektive.

Hebel als Pfadgelegenheit

Jeder Hebel ist Teil einer Pfadgelegenheit und jede Pfadgelegenheit enthält mindestens einen Hebel. Genauer: Der Infrastrukturvektor der Pfadgelegenheit teilt sich in „Hebel“ und „Fulcrum“. Aus Krasse Links No 76:

Denkt man das Fulcrum in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.

Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.

Da die Pfadgelegenheit ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Der Hebel ist einerseits ein anderer zeitlicher Modus der Pfadgelegenheit, aber auch eine andere Betrachtungsweise (ein anderer methodischer Blickwinkel) auf die Pfadgelegenheit und für unsere Betrachtungen des Hebel-Fulcrums-Verhältnisses bedeutet das, dass jeder Hebel in einer „Perspektive“ eingebunden ist und jede Hebelaktion als „projizierte Handlung“ in der Pfadgelegenheit latent ist, bevor sie als Hebelaktion aktualisiert wird.

Damit wird die Hebel:Fulcrum-Relation nur eine andere Sichtweise auf Pfadgelegenheiten und wir können die beiden Konzepte je nach Kontext austauschbar verwenden. Jede Bedienung eines Hebel macht eine Pfadgelenheit zu einem Pfad. Jede „projizierte Handlung“ beleiht eine durch eine Hebelhandlung in der Vergangenheit beliehene Erwartung.

Wann immer ich eine Pfadgelegenheit nehme, betätige ich den Hebel einer Infrastruktur, die meine Handlung unterstützt, ermöglicht, verstärkt, deren Funktionieren aber immer von einem Fulcrum weiterer Infrastruktur „gebackt“ wird. Jede Pfadgelegenheitsnutzung passiert auf Kosten eines Fulcrums (auch wenn diese Kosten oft scheinbar „vernachlässigbar“ sind, wie bei Archimedes) und ist eine Wette auf die Zukunft eines Erwartungs-Portfolios.

Die projizierte Handlung als Q-Function

Stellen wir uns vor, wie Archimedes bei seinen Hebelexperimenten vorgegangen ist. Vermutlich musste auch er erst nach passendem Hebel und passenden Fulcrum suchen und ich lehne mich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass er dabei unterschiedliche Pfadgelegenheiten zum Hebeln „eruiert hat“ und dass er sich wahrscheinlich auch das eine oder andere Mal gegen einen Hebel, oder ein Fulcrum entschieden hat. Das heißt, Archimedes hat Pfade zum Hebeln bewertet.

Ob bewusst oder unbewusst, wir sind ständig dabei, die uns zur Verfügung stehenden Pfade/Hebel zu bewerten. Ändert sich die Infrastruktur, ändert sich unsere Erwartung an die Infrastruktur. Ist sie über Jahre verlässlich, schreiben wir ihr mehr Wert zu – geben wir ihr mehr Kredit, bzw. das Sprichwort ist falsch, den Kredit auf die Infrastruktur, den geben wir uns selbst, den erlauben wir uns. Eigentlich wissend, dass eine Infrastruktur, die heute gut dasteht, morgen unsicher oder ineffizient oder zu teuer sein kann.

In der KI-Forschung hat sich Q-Function als Konzept zur Bewertung von Pfaden in Agent-Systeme in Spielen als praktisch herausgestellt und die Geschichte ist es wert kurz erzählt zu werden:

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Wir definieren Q-Function als Bewertung eines Pfads (innerhalb einem Statuses (Zeit/Ort) unter Unsicherheit.

Auch Archimedes Fähigkeit zu Hebeln und damit Wetten einzugehen, basiert zu einem Teil auf seiner Fähigkeit, einen Pfad zu inszenieren, sich also dieses Fulcrum und jenen Hebel in der Hebelhandlung vorzustellen.

In Krasse Links no 74 habe ich anhand von Nicholas Humphrey evolutions-biologischen Überlegungen zur Evolution von Kognition in einer Amöbe darüber spekuliert, welchen relational materiellen Freiheitsgewinn, die „projizierte Handlung“ bringt.

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Perspektive: Viabilität

Doch zurück zu Archimedes Hebelproblem: Wesentlicher Teil seiner Q-Function für Hebelpfadgelegenheiten wird die Frage bestimmt haben, ob das Fulcrum „hält“, denn er weiß: noch bevor er seine Wette überhaupt platzieren kann, muss ein Pfad „viabel“ sein.

Viabilität“ ist ein Begriff der evolutionären Biologie und beschreibt die „Gangbarkeit“ evolutionärer Mutationen und „Traits“, also erstmal gar nicht, ob diese oder jene Eigenschaft „nützlich“ ist, sondern einfach, ob sie überhaupt möglich ist, ohne den Pfad zu gefährden.

Aber „Gangbarkeit“ ist die Voraussetzung eines jedes Pfads?

„Ist dieser Untergrund sicher? Wird mich dieser Grund mich halten?“

Das sind die existentiellen Fragen, die sich Hunde oft stellen, wenn sich der Bodenbelag ändert. Mein Hund Cobi, wollte, als ich ihn bekam, zuerst nicht in den Fahrstuhl einsteigen. Es dauerte, bis ich begriff, dass er keine Angst vor dem Fahrstuhl selbst hat, sondern sich nicht traute, die Schwelle zum anderen, abgegrenzten Bodenbelag zu überschreiten. Erst als er es zwei, drei mal übte, fühlte er sich wohl beim In-den-Fahrstuhl-reinlaufen.

Und auch, wenn uns das in in diesem Fall albern vorkommt, ist dieselbe Angst in jeder unserer Pfadgelegenheiten eingeschrieben. Denn, wie gesagt, Pfadgelegenheiten können schief gehen.

Zugriff

Wenn Archimedes nun in die Hände spuckt und den Hebel ansetzt, dann ist die Kontaktzone zwischen Hebel und Fulcrum nicht beliebig gewählt. Genau das ist es, was Archimedes uns zu zeigen versucht. Verschiebt man den Hebel in Relation zum Fulcrum und zur hebenden Sache (Last), dann ändert sich auch die Kraftübertragung. Ideale Kraftübertragung hat man, wenn man den Teil des Hebels, auf den man Kraft ausübt, in möglichst langer Distanz zum Fulcrum hält.

Das heißt, der Ansatzort des Hebels am Fulcrum ist nicht egal? Und das gilt für jede Hebelaktion.

Für die Pfadgelegenheit bedeutet das, dass das „Fulcrum“ nicht nur die unterliegende Infrastruktur referenziert, und nicht nur die Wette, dass sie „hält“, sondern tatsächlich auch den Punkt in der Infrastruktur identifiziert, an dem der Hebel-Teil der Infrastruktur „am besten/am ehesten“ angesetzt werden muss, damit die Hebelwirkung ideal oder immerhin effektiv genug übertragen/verstärkt wird, damit die Pfadgelegenheit gelingt.

Dieses zugriffliche Fulcrum ist beim nehmen eines Weges der Belag, an dem ich meinen Schritt abstoße, beim Ansetzen eines Dosenöffeners ist es die Randsstelle der Kanne, beim Programmieren kann es zum Beispiel eine bestimmter API-Funktion sein, auf der alles basiert, oder beim Anwenden des Programms ist es die Struktur der Parameter die ich übergebe, oder an der Börse der Zeitpunkt, an dem ich eine Aktie kaufe.

Das ist der konkrete und möglichst „richtige“, möglichst effektive Punkt/Fläche der Kontakt-Zone, die den Hebel, den man mitbringt, arretiert und seine Wirkung maximiert und bei manchen komplexen Fulcren ist es oft mehr eine Kontakt-Landschaft als eine Zone.

Die Zugriffs-Topologie (oder das „zugriffliche Fulcrum“) stellt sich als die lokal wirksame Kontaktzone heraus, an der ein Hebel in ein Fulcrum „einrastet“ – so, dass aus einem gegebenen Krafteinsatz eine maximale (oder überhaupt erst ausreichende) Wirkung wird.

Die Zugriffs-Topologie ist nicht einfach „wo man drückt“, sondern die Stelle, an der Geometrie, Material und Zugriff zusammenpassen: der Übergang von Möglichkeit zu Viabilität zu Praxis. Die Zugriffs-Topologie ist die Schwelle, an der eine Pfadgelegenheit von „Konzept“ zu „machbar“ kippt, weil wir oft erst beim Ansetzen merken, ob der Hebel zum Fulcrum passt.

Jedes Fulcrum hat eine Form/Topologie und formuliert damit die Anforderungen an den Hebel, als Affordanzen.

Und oft ist die Zugriffs-Affordanz des Fulcrums bewusst hoch, verengt oder oder komplex gestaltet, um bestimmte Hebel auszuschließen. Etwa, wenn die notwendigen Unterlagen zum Beantragen für Wohngeld besonders kompliziert gestaltet werden und der Prozess sich jedes Jahr wiederholen muss, um Leute auszuschließen, die nicht verzweifelt genug, oder mit Formalsachen nicht firm sind. Oder wenn der Zuweg zu einem Ort nur durch eine Durchfahrt erreichbar ist, die Busse – und damit den Teil der Bevölkerung, der Bus fährt – ausschließt. Oder die umsichgreifende Anti-Homeless-Architektur, wie Parkbänke, die so gestaltet sind, dass sich kein Wirbelsäulen-Fulcrum darauf regenerieren kann.

Es gibt sehr viele Affordanz-Designs für Fulcren zum Ausschluss von bestimmten Hebeln, aber die bekannteste ist das Schloss. Das Schloss ist eine (möglichst) einzigartig gestaltete Affordanz-Topologie, die (möglichst) nur einen einzigen Hebel (Schlüssel) zulässt. Der Schlüssel wird zur Schwelle vieler Pfadgelegenheiten (Auto, Haus, Laube …).

Von hier kann man das Konzept easy auf die Welt ausmappen:

„Eine API ohne Schreibrechte ist ein Fulcrum, das nur lesende Hebel zulässt.“

„Ein Ranking-Algorithmus ist ein Zugriffliches-Fulcrum für aggregierte Aufmerksamkeit, dessen Affordanzen Sichtbarkeitshebel zuteilen.“

„Ein Dialekt oder akademischer Jargon ist ein semantisches Zugriffs-Fulcrum, das Sprecher*innen ausschließt.“

„Plattformmacht = Kontrolle über zugriffliche Fulcren mit hoher Betweenness-Zentralität auf ein möglichst großes Kontaktzonen-Fulcrum von Pfaderwartungen interlockter User (Netzwerkmacht).“

Ein Auto ist beschreibbar als Hebelarchitektur, in der jeder Hebel von einem Fulcrum anderer Hebeln anhängig ist, deren Fulcrum wieder von anderen Hebeln abhängig ist, usw. Jedes Fulcrum (Bremsen, Lager, Software, Sensoren und Straßen) wird bei der Hebelaktion „Autofahren“ belastet, verschleißt, kann kaputt gehen und auf jedes dieser Fulcren ist also eine Wette abgeschlossen, die wir während des Autofahrens beleihen. Der Autohebel ist architekturell auf ein spezialisiertes zugriffliches Fulcrum zugespitzt, das es erlaubt, andere von der Nutzung auszuschließen, indem er nur mit einem ganz bestimmten Hebel bedienbar ist (Autoschlüssel).

Einige der Hebel:Fulcrums-Beziehungen und Kreisläufe des Autohebels sind mechanisch, aber andere sind elektrisch und wieder einige sind termodynamisch.

Aber auch sie sind Hebel?

Der Begriff „Entropie“ stammt aus der Praxis des frühen Dampf-Machinenbaus, weil man ein Wort dafür brauchte, dass aus dem Kessel keine „Arbeit“ mehr zu extrahieren war. In der Thermodynamik bezeichnet Entropie die Zahl der möglichen Mikrozustände eines Systems und damit eine Grenze für die nutzbare Energie. „Entropie“ ist keine naturwissenschaftlich zwingende Größe sondern eine Nutzerperspektive. Sie spiegelt das seit dem 19. Jahrhundert wachsende menschliche Bedürfnis, eine möglichst hohe und berechenbare Übergangswahrscheinlichkeit zwischen heißen nach kalten Molekülen zu organisieren, um sie als energetisches Fulcrum für Dampf-Hebel und später für Verbrennermotoren zu nutzen.

Und in der Elektrizität sprechen wir von „Spannung“ als Potentialdifferenz von gespeicherter Energie pro Ladungseinheit, aber meinen damit wieder ein Fulcrum aus möglichst hoher Übergangswahrscheinlichkeit zwischen Elektronen und ionisierten Atomen, an dem wir unsere steuerbaren Schaltungen als Hebel ansetzen, um Stromstärke in Pfadgelegenheiten zu übersetzen.

Nochmal Fulcrumskomplexität: Die Turing-Maschine

Das Fulcrum ist komplex. Alles, was wir unter „Mechanik“ fassen, sind eigentlich ineinandergreifende Hebel:Fulcrums-Kopplungen, über die Kraft übertragen werden, sei es das Getriebe oder das Uhrwerk, Schaltungen oder Motoren.

Aber man kann die Tiefe der Hebel:Fulcrums-Relation am besten veranschaulichen, wenn man sie gleich auf die Turing-Maschine anwendet, die Machine der Maschinen, die „universelle Machine“.

In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, führe ich die Turing-Machine so ein:

Ein unendliches Band aus Papier zuckt vor und zurück. Es ist unterteilt in quadratische Felder. Auf manchen stehen Symbole, Nullen und Einsen, in scheinbar zufälliger Verteilung auf das Band gedruckt. Manche Kästchen sind leer. Das Band läuft durch eine Maschine, in die es eingespannt ist. Die Maschine zieht das Band mal nach links, mal nach rechts. Ein Schreib-/Lesekopf konzentriert sich immer auf das aktuelle Kästchen in der Maschine. Mal schreibt die Maschine dann etwas auf, mal liest sie die beschriebenen Kästchen, und hier und da ist sie unzufrieden mit dem Inhalt. Sie radiert das Symbol weg, und ab und an ändert sie es in ein anderes.

Mit diesem imaginierten Versuchsaufbau, so Turing könne man alle mathematisch lösbaren Probleme lösen. Zumindest theoretisch, denn Turing hat – wie Archimedes – sein Fulcrum einfach ideal gesetzt: Das Band ist unendlich und die Maschine hat ewig Zeit und Hitzeentwicklung, Bugs und Stromversorgungsprobleme gibt es auch nicht.

Als Hebel formuliert, leveraged die Maschine sich selbst, ihre Infrastrukturen, das Band und alle bereits eingelesenen Symbole, um mit dem Hebel des „nächsten Rechenschritts“ eine Aktion zu veranlassen (Band vor/zurück, Lesen/Schreiben), die Teil eines Rechenpfads ist, der ein mathematisches Problem lösen soll.

Wenn irgendwas davon schief geht – also das Fulcrum bricht, hört die Maschine entweder auf, oder kommt vom korrekten Rechenpfad ab. Die Hebelwirkung verpufft und die Erwartungen kollabieren.

Turing-Machinen wurden bekannter maßen zu Computern, also Hebelmaschinen, die aus Milliarden winziger Hebel (Bits) bestehen, die sich selbst, ihre Infrastruktur und den aktuellen Zustand ihres „Hebelaggregats“ nutzen, um wie die Turing-Maschine den nächsten Rechenschritt zu marschieren. Mit diesen echten Computern gibt es natürlich so Dinge wie „Endliche Geduld der Anwender*innen“, Hitzeentwicklung, „Bugs“ und Stromversorgungsprobleme. Der Turing-Hebel, um zu funktionieren, braucht ein Fulcrum und das ist niemals „ideal“.

Aber das bedeutet auch, dass auch hier jedes gesetzte Bit, das in der Rechenoperation eine Rolle spielt, eine Wette ist. Eine Wette, die zwar häufig gut geht, aber alle paar Millionen mal eben auch mal nicht, weswegen moderne Computer allerlei Clearing House-Mechanismen (wie zb. ECC memory) zur Stabilisierung der Bit-Erwartung installiert haben.

Daraus kann man ermessen, wie wie komplex das Fulcrum eines Computerhebels ist, der ein einfaches kleines Video leveraged. Milliarden von Hebeln, angefangen bei denen des Betriebsystems, des jeweiligen Programms, sowie allen Daten des Videos selbst – jedes Bit muss stimmen, damit das Video läuft. Computer sind megakomplexe Hebel aus Hebeln, aber damit eben auch Wetten auf Wetten.

Und jetzt stellt euch vor, wie riesig und komplex die Computer-Hebelstruktur einer LLM sein muss, die euren kleinen Prompt als Hebel in den Tiefen der Infrastruktur ihrer massiven Datencenter arretiert, damit das Modell ihren zum „Latent Space“ syndizierten Trainingsdatenwust durchforstet, um alle Kontexte aller Tokens des Prompts zum Fulcrum zu mobilisieren, die sie jeweils tausende male miteinander Beziehungen setzt, um an den Rechenergebnissen die Übergangswahrscheinlichkeiten für den nächsten Tokens zu leveragen.

Teil IV: Semantik. Hebel/Fulcrum-Relation als soziale Struktur

Auch wenn Archimedes der Erste sein mag, der die Hebelwirkung formalisierte, ist er mit Sicherheit nicht der Erste gewesen, der die Hebelwirkung kannte oder nutzte. Ich gehe noch weiter und behaupte: Auch Archimedes wird das Hebeln bei anderen gesehen haben, bevor er es selbst ausprobierte und dann theoretisch formulierte.

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, beleihen unsere Erwartungen nicht nur unsere Erfahrungen, sondern zum größten Teil die Erfahrungen und Erwartungen anderer. Niklas Luhmann hat die Erwartungen an anderer Leute Erwartung treffend „Erwartungserwartungen“ genannt und damit einen sehr nützlichen Begriff geschaffen.

In Krasse Links No 74 erzähle ich anhand meiner Beziehung mit meinem Hund, wie Erwartungserwartungen aufgegleist werden.

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Unsere Erwartungen sind nie wirklich unsere. Alles, was wir glauben, von der Welt erwarten zu können, haben wir von anderen gelernt, zu erwarten. Natürlich machen wir auch eigene Erfahrungen, aber auch diese aus sogenannten „eigenen Erfahrungen“ sind immer eingebettet in den Rahmen unserer erwarteten Erwartungen anderer. Erwartungen sind nie nicht sozial.

Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:

  1. Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
  2. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
  3. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.

Alle Akteure in diesem Netzwerk sind „Materiell-Semantische Komplexe“ (menschliche Dividuen, Unternehmen, Staaten, Redaktionen, Vereine, Organisationen, auf eine Art auch Tiere) und das heißt sie haben sowohl einen materiellen Körper (menschliche Körper und materielle Infrastrukturen inklusive deren Fulcren) und einen semantischen Körper (Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Wissen, eine Geschichte über sich selbst und die Welt), bewohnen also als „Full Stack“-Implementation alle Layer des Netzwerks. Sie alle sind Fulcren (für jemanden), sie alle nutzen Hebel (an jemanden), nur sind Hebellänge und Fulcrumslast ungleich verteilt.

Ein weiterer Effekt, die Dinge so zu sehen, ist, dass wir unsere Hebel alle auf die eine oder andere Weise „geerbt“ haben. Wir beleihen nie nur eigene Infrastruktur, nie nur die eigenen Erfahrungen, wenn wir Hebel benutzen, sondern immer auch die aggregierten Erfahrung und aktuellen Erwartungen anderer. Und wenn unser Fulcrum bricht, bricht deswegen auch immer mehr, als nur unser Fulcrum.

Erwartungserwartungen als Q-Function

Wir erwarten, dass der Hebel/die Pfadgelegenheit funktioniert (die Straße befahrbar ist, meine Überweisungen ankommen, der Server erreichbar ist) nicht (nur) weil es unseren eigenen Erfahrungen entspricht, sondern auch weil es eine „allgemeine Erwartung“ ist, die sich bei genauerem Hinsehen immer als eine konkret aquirierte Erwartung von anderen herausstellt, die wir uns angewöhnt haben, zu beleihen, weil uns die Realität (noch) keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat, bzw. andersrum: jede unserer Erfahrung einer geglückten Hebelaktion re-inforced die Wertzuschreibung, die wir andernorts aquirierten.

Q-Function ist sozial.

Dass Pfadgelegenheiten gesellschaftlich für „einiger maßen sicher“ befundene Infrastruktur sind, kann man gut am Adaptionsprozess neuer Pfadgelenheiten beobachten.

Als die Pfadgelegenheit „Linienflug“ eingeführt wurde, musste das Vertrauen in diese Infrastruktur erst mühsam durch die Gesellschaft perkulieren. Das dauerte bis alle irgendjemand kannten „der schon mal geflogen ist“. So akkumuliert sich investiertes Vertrauen in Infrastruktur und diese Erwartungsstabilität ist das Fulcrum, das den Linienflüge im heutigen Maßstab ermöglicht.

Boeing hat dieses Fulcrum zuletzt über Gebühr geleveraged, indem sie Kostenreduktion vor Sicherheit stellten. Eine riskante Wette, aber unsere Gesellschaft gewöhnt sich ja gerade an so manches?

Aber Vorsicht: Nur, weil bestimmte Wetten in der Vergangenheit regelmäßig „geglückt“ sind, heißt das nicht, dass sie aufhören, wetten zu sein?

Ihr kennt das Gefühl, wenn ihr plötzlich feststellt, dass ihr eine Erwartung an die Welt hattet, von der ihr vorher gar nicht wusstet, dass ihr sie hattet?

Also ich hab das vor allem in letzter Zeit sehr oft. Eigentlich crasht grad jeden Tag ein anderer Teil meines Erwartungs-Portfolios.

Das Adaptieren von Infrastrukturen geht also einher mit einem wechselseitigen Beleihen von Erwartungen an diese Infrastruktur und das kann man bei jeder Adaption neuer Hebel beobachten: Da sind wir alle unterschiedlich risikobereit sind, ist es die Vorhut der „Early Adopter“, die sich als erstes aufmacht, um neue Pfade zu erkunden. Wir anderen folgen erst, wenn sie das OK signalisieren.

So funktioniert das aber überall: Ich investiere nicht nur in ein Asset, nicht weil ich persönlich und „individuell“ an seine Viablität und Werthaftigkeit glaube, sondern weil ich auch daran glaube, dass andere daran glauben. Unsere Erwartungen sind von unseren Erwartungserwartungen – also unsere Erwartungen der Erwartungen anderer – kaum zu trennen.

Erwartungen haben also immer zwei Bezugspunkte: eine materielle Erwartung, die bricht, wenn die Erwartung an das Fulcrum bricht und eine semantische – die Erwartungserwartung – die bricht, wenn die Erwartungen anderer brechen. Das fällt nicht oft auf, denn weil wir dieselbe Welt bewohnen glauben wir, dass beides gleichzeitig bricht, dabei ist das nie wirklich gleichzeitig, sondern der Riss fängt immer irgendwo an und arbeitet sich entlang der wechselseitigen Beleihungsstrukuren durch das Netzwerk, bis er auf Netzwerkzentralitäten trifft, die den Kollaps beschleunigen.

Aber das bedeutet auch, dass meine Entscheidung in einen Pfad zu investieren und einen Hebel zu bedienen, nie für mich bleibt. Meine Investitions-Entscheidung wird wahrgenommen und andere reaktualisieren daraufhin vielleicht den Wert ihrer Assets. Jedes Nehmen einer Pfadgelegenheit ist ein „Sprechakt„.

Ganz gezielt wird der Effekt in der Werbung genutzt, die zu 90 Prozent attraktive, relatable Menschen zeigt, die die beworbene Pfadgelegenheit „vorahmen“ und so versuchen, sie als „gesellschaftlich viabel“ darzustellen und so mit erwartetem „Wert“ aufzuladen. Aber wichtiger sind heute Bewertungen in Online-Portalen geworden. Wir verlassen uns gern auf „authentische“ Erstehandberichte, um den Wert von Pfaden abzuschätzen. Aber am Liebsten beleihen wir dafür natürlich die Erfahrung von Freunden oder anderen Menschen, denen wir vertrauen.

Aber im Netzwerk der Erwartungserwartungen findet sich auch die „Institution“. Institutionen sind materiell-semantische Komplexe, die als „Clearing House“ der gesellschaftlichen Erwartungsportfolios fungieren und so zu Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erwartungserwartungen werden. Oder soll ich sagen: wurden?

Da wir gerade in einer Zeit der crashenden Erwartungsportfolios stecken, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob wir etwas aus dem Crash lernen, davon abhängen wird, dass wir ihn richtig interpretieren. Jeder Crash ist eine Pfadgelegenheit zur grundsätzlichen Rejustierung der Erwartungserwartungen.

Fulcrumsvergessenheit

Noch mal zu Archimedes Annahme, dass das Fulcrum „halten“ wird. Das ist mehr als nur eine Behauptung, das ist mehr als eine Wette, es ist auch eine „Geste“.

Hier eine weitere These: Die „Annahme“ eines stabilen Fulcrums ist einstudiert.

Damit will ich Archimedes nicht als „Poser“ darstellen, ich glaube wirklich, dass er selbst gehebelt hat und aus eigener Erfahrung berichtet. Dabei wird ihm durchaus schon aufgefallen sein, dass das Fulcrum fragil ist oder zumindest sein kann, „aber so unterm Strich“ – wird er sich gesagt haben – „und wenn man bei der Fulcrumsauswahl ein bisschen aufpasst“, dann ist so ein Fulcrum zumindest „stabil genug“, weswegen wir diesen Faktor in der Praxis des Hebelns auch „vernachlässigen“ können.

Hier ist mein Punkt: Das als „stabil“ gesetzte Fulcrum ist Ausdruck einer bestimmten Subjektivität und ist vielleicht noch mehr als die Meditationen Descartes für die „Fulcrumsvergessenheit“ (in Krasse Links sprach ich bisher von „Infrastrukturvergessenheit“ aber Fulcrumsvergessenheit trifft es präziser) des westlichen Denkens verantwortlich?

Wenn Descartes sagt, „Ich denke also bin ich“, setzt er das „Denken“ ebenso wie Turing die Maschine und wie Archimedes das Fulcrum als „fixes Ideal“, und „vernachlässigt“ seine Pfadabhängigkeiten. Auch Descartes interessiert sich nicht für die Bedingungen der Möglichkeit seines Tuns.

Denken, insbesondere das Denken das Descartes praktiziert, das abstrakte Denken, ist Übungssache? Das kann man nicht von klein auf, das kann man auch nicht unbedingt als Erwachsener, jedenfalls nicht einfach so, sondern man lernt es durch Anleitung und Übung über Zeit. All das verschweigt uns Descartes.

Was er uns außerdem verschweigt, ist, dass Denken nicht einfach nur im Kopf stattfindet, sondern die Sprache als Fulcrum benötigt.

Descartes braucht „Unterscheidungen“, wenn er von „ich“ /du, sie, es …, „Denken“ / Sprechen, Handeln, Schlafen … und „Sein“ /Nichtsein spricht. Wo, wenn nicht aus der Sprache, hat er seine Unterscheidungen her?

Wie Turing und Archimedes vernachlässigt Descartes in Wirklichkeit ein komplexes Fulcrum (das der eigenen Sozialisation, Sprach- und Denkerwerb) und setzt es zum Hebeln „ideal“ (so wie es die „Westliche Vernunft“ für die Welt ansich tat), um uns den Floh mit dem „Individuum“ ins Ohr zu setzen, das getrennt von seiner Welt lebt.

Der Subjektentwurf des Individuum, als eines von der Welt unabhängigen Agenten, basiert auf exakt dieser Geste der Idealisierung von Fulcren. Ebenso basiert darauf die „Schwerelosigkeit“ der „unverbundenen Handlung“ und der „universelle Blick der Objektivität“. Verschwiegen wird Geschichte, Perspektivität, Infrastruktur und Fulcrum. Diese „Vernachlässigung“ ist eine „Verdrängung“, die das Individuum ermöglicht und hervorbringt.

Und deswegen fällt es uns zum Beispiel schwer zu verstehen, dass jede „Innovation“ nur die pfadabhängige Spitze eines Eisbergs aus Infrastruktur ist. Marianna Mazzukato hatte in ihrem Buch The Entrepreneurial State darauf hingewiesen, dass so gefeierte Produkte wie das iPhone fast ausschließlich die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung kompilieren.

Innovation beruht also nicht nur auf der Arbeit anderer, sondern der Arbeit, auf der deren Arbeit beruht, usw. Sowie auf einem Bildungssystem und einer Forschungslandschaft, die Bildungs-Pipelines von der Grundschule über die Unis bis die Entwicklungs&Forschungsabteilungen der Unternehmen bereitstellt. Und ein Billionschwerer Rüstungshaushalt, der jährlich viele Milliarden in die Infrastruktur reinpumpt ist auch ganz hilfreich? Da kommt der Microchip her, so wurde das Internet geschaffen, GPS und so vieles andere.

Aber aber wir Verdrängen auch, dass unsere eigene „Agency“ ebenfalls immer infrastrukturvermittelt ist – also Fulcrumsabhängig, weswegen ich so weit gehe, den Begriff „Handlung“ ab jetzt nur noch in Anführungszeichen zu schreiben, weil es sich bei „Handlungen“ in Wirklichkeit immer um das Nehmen von Pfadgelegenheiten handelt, die einen Hebel an ein Fulcrum setzen.

Was damit aber natürlich auch verdrängt wird, ist, wie tief das Fulcrum unserer sogenannten „Handlungen“ geht. Wenn ich sage, dass ich mal eben von Berlin nach Hamburg fahre, dann referenziere ich damit den Hebel einer Bahnfahrkarte, die das Fulcrum einer Infrastruktur mobilisiert, die von Millionen Menschen erstellt wurde und gewartet und gesteuert wird. Und mache meiner Handlungen, etwa das öffentliche Philosophieren hier, ist ebenfalls pfadabhängig von Bildung, ja aber auch von einem Fulcrum an Rechten, Institutionen und an gesellschaftlicher und politischer Stabilität, was mein Schreiben hier jeden Tag zu einer riskanteren Wette macht. Außerdem brauche ich wie wir alle saubere Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, genug zu Essen, körperliche Gesundheit und Sicherheit und natürlich stabile klimatische Bedingungen (und Geld, falls ihr welches übrig habt).

Viele – ich inklusive – haben lange die Tatsache verdrängt, dass der Kapitalismus dir zwar immer wieder auch neue schicke Hebel in die Hand legt – die dich aber hintenrum zum Fulcrum der Hebel anderer machen. Hebel, die am Ende immer die Oligarchen kontrollieren.

Kontrollverlust

In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, ging es eigentlich um den „digitalen Kontrollverlust“.

Das Wort »Kontrolle« kommt vom französischen contrôle, das sich zusammensetzt aus contre, »gegen«, und rôle, »Rolle« oder »Register«. Ursprünglich bezeichnete es ein »Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters«. Das heißt, bei jeder Kontrolle gibt es einen Ist- und einen Soll-Zustand. Kontrolle ist der stetige Versuch, beides anzugleichen.

Kontrolle ist der Eingriff in ein System mittels Erwartungswert und informationellem Feedback. Der digitale Kontrollverlust bezeichnet einen eigentümlich selbstreferenziellen Zustand. Er bedeutet nicht nur, dass die Ereignisse nicht mit dem Erwartungswert zusammentreffen, sondern dass die Erwartungswerte mithilfe von falschen Annahmen über die Welt gebildet wurden. Unsere Formeln für den Soll-Zustand sind hinfällig. Kontrollverlust bedeutet also nichts weniger, als dass wir nicht mehr wissen können, welche Erwartungen wir an die Zukunft haben können.

Die Folgen sind entsprechend dramatisch. Weil unsere Erwartungswerte nicht mehr stimmen, sind auch unsere Strategien für die Zukunft wertlos. Aktionen, die in der alten Welt funktioniert haben, verpuffen wirkungslos oder verschlimmern die Lage zusätzlich. Wir können zum Beispiel versuchen, eine missliebige Information aus dem Internet zu löschen. Doch wie wir sehen werden, geht es uns in diesem Fall wie dem mythischen Helden Herakles, wenn er versucht, einen Kopf der Hydra abzuschlagen und ihr sogleich zwei neue wachsen. Vor dem Kontrollverlust wird uns niemand retten; kein Meister kommt wie bei Goethes Zauberlehrling und schickt die Besen in die Ecke. Die Geister, die wir riefen, sind gekommen, um zu bleiben. Kurz: Wir sollten mit dem Kontrollverlust rechnen, ihn in unser Denken und Handeln – ja, in unsere Gesellschaft – integrieren. Vor allem müssen wir unsere Strategien an ihn anpassen. Wenn alle Dämme brechen, hilft nur noch schwimmen lernen.

Ich kann heute präziser formulieren: Kontrolle ist der Abgleich einer materiellen Beobachtung eines Fulcrums mit seinem Erwartungs-Portfolio. Aber der entscheidende Schritt passiert danach: eine Abweichung rechtfertigt einen Hebeleinsatz zum Gegensteuern. „Kontrolle“ fungiert als Erlaubnisstruktur und Steuerungssystem für Korrekturhebel, um Realität an Erwartung anzupassen.

Kontrollverlust ist der Moment, wo diese Hebel versagen, weil sie ins Leere hebeln. Kontrollverlust ist immer ein Fulcrumsbruch von Korrekturhebeln. Etwa, wenn die Bremsen ausfallen.

Das verflixte an Korrekturhebeln ist, dass sie so kleinteilig und vielfältig sind, dass wir ihre Existenz oft verdrängen.

So gibt es Leute, die fordern, die Fehleranfälligkeit von Large Language Models nicht so ernst zu nehmen, schließlich machten ja auch Menschen Fehler. Demnach hätten wir AGI erreicht, wenn die KIs auf Fehlerraten von Menschen kommen. Close enough.

Was diese Überlegung aber verdrängt, ist die Tatsache, dass LLMs andere Arten von Fehlern produzieren, als Menschen. Menschen leben in einer geteilten Welt und haben geteilte Motivationsstrukturen, weswegen ihre Fehler eine bestimmte Stuktur haben. Und für diese Strukturen haben wir Menschen über Jahrtausende eingeübte Heuristiken internalisiert (das Hinterfragen von Motivationen, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Arten des Aufspielens, das Signal der Schludrigkeit, etc) und entsprechende Korrekturhebel eingeübt.

LLMs machen Fehler weil sie lustig sind. Bzw, so gebaut sind, dass sie mit „Noise“ gefüttert werden müssen, damit sie überhaupt mal riskantere semantische Pfade gehen. Ihre Motivation und damit Fehlerplazierung ist also „random“. Mal hier einen Namen ausgedacht, mal hier eine Biliothek halluziniert, mal da ne Quelle erfunden.

Und an Randomfehlern scheitert unsere eingeübte Fehlerheuristik, damit auch die Korrekturhebel.

Das ist das Problem: Um wirklich sicher zu sein, dass ein LLM output stimmt, muss man nicht nur die „offensichtlichen“ Fehlerquellen prüfen die man zu prüfen gewohnt ist, sondern alle, die möglich sind. Aber wer macht das schon? Dann wären die Zeitgewinne durch die LLM quasi futsch. Echte Kontrolle ist teuer.

Und so sammeln wir unbemerkt immer mehr Kontrollverlustsschulden an, je mehr Slop-Dokumente unser gemeinsam beliehenes „Wissen“ durchlöchern. Bis das Fulcrum an irgendeiner Stelle bricht, weil die falsche, halluzinierte Information beliehenen wurde und der Turm darauf aufgebauter Erwartungserwartungen kollabiert.

Semantik

Die wesentliche Erkenntnis, die ich aus meiner tieferen Beschäftigung mit LLMs für das Böckler-Paper gewonnen habe, ist dass LLMs unserer Spracherwartungen als Fulcrum nutzen, um in unserer Aufmerksamkeit plausible Pfade zu hebeln.

Aber das tun auch wir, wenn wir sprechen und schreiben?

In Krasse Links No 74 geht es um Sprache und da führe ich Saussure, den Urvater der modernen Linguistik, so ein.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Eine andere wichtige Unterscheidung von Saussure ist die zwischen „Parole“ (angewendete Sprache/Sprechakt) und „Langue“ (angenommene Spracherwartungen), weswegen ich mir erlaube, ihn relational materialistisch umzudeuten:

„Parole“ sind die Hebel, die auf dem Fulcrum der „Langue“ operieren.

Luhmanns Beobachtung der „Erwartungserwartungen“ sagt nichts anderes, als dass unsere Erwartungen vernetzt sind und als Erwartungsraum die semantischen Bahnungen vorzeichnen, in den wir denken und sprechen. Diese Bahnungen sind Pfadgelegenheiten in den Erwartungserwartungen und bilden die zur Verfügung stehende semantische Infrastruktur, in der wir leben und uns ausdrücken und kreieren dabei eine spezifische Beobachterperspektive – die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit mit einem spezifischen Wissen ausgezeichnet ist.

Semantik ist die Infrastruktur, mit der wir uns in der Welt orientieren und „kommunizieren“, mit der wir Wahrnehmen, Unterscheiden, Einordnen und Schlüsse ziehen und uns dabei beoachten und wechselseitig auf Pfade folgen.

Kommunikation

„Kommunizieren“ geht so: Ich entwickle eine Erwartung an eure Erwartungen (Erwartungserwartungen) und nutze sie als Fulcrum, um mit semantischen Hebeln diese angenommenen Erwartungen einerseits in vielen Details zu erfüllen – (z.B. in dem ich Worte wähle, die ihr versteht), aber an entscheidenden Stellen versuche, sie auch zu irritieren. Das muss ich tun, um mich auszudrücken, also den Unterschied zu informieren, den mein Unterschied bedeutet. Mein Unterschied ist eine Erfahrung, die meine Erwartungskontinuität durchbrochen hat, so dass sie zur „Information“ wurde und mittgeteilt werden will.

Kommunikation funktioniert also als Hebel ähnlich, wie das Public Key Verfahren (Asymmetrische Verschlüsselung) in der Kryptographie. Das Public Key-Verfahren leveraged das Fulcrum veröffentlichter „Public Keys“, um die Pfadgelegenheit einer wechselseitigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselnten Kommunikation zu ermöglichen.

Stellen wir uns einen Public-Key-Server vor, der Public-Keys für jede Semantik (jede sprachliche und inhaltliche Erwartungserwartung, „die Semantik der Gesellschaft“, wie Luhmann es nennt) vorhält, also jedes Wort, jede Aussage, jede Rhetorik, jede Andeutung, jede Theorie, jede Geschichte, usw.

Wenn Alice Bob etwas sagen will, greift sie sich mit jedem Wort, dass sie formuliert den passenden Public-Key in der Hoffnung, dass Bob den Private Key dafür hat (die erwartete Erwartung). Jeder Sprachakt ist ein Portfolio von auf einander aufbauenden Wetten, die hier die einzelnen Verschlüsselungen repräsentieren.

Der Keyserver ist aber nicht direkt öffentlich, sondern selbst Privat in Alice Kopf – ihre Erwartungen an Bobs Erwartungen sind ihrerseits Erwartungen. Und weil Erwartungen von Realität abweichen, führt sie für Bob einige Public-Keys, für die er keine Private Keys hat oder Private Keys, die die Semantik ganz anders entschlüsseln, als das, was Alice meint. Kommunikation geht oft schief geht und auf gewisse Weise immer, denn die beliehene Infrastruktur führt immer in undurchsichtige Pfade beim Gegenüber. Wenn der Pfad bricht, weil eine semantische Pfadgelegenheit nicht tragfähig war, misslingt Kommunikation.

Alice wird also versuchen, sich in ihrer Kommunikation an „gut abgehangene“, d.h. gesellschaftlich mehr oder minder populäre Pfade zu halten, um die Kommunikation sicherzustellen. Die Verbreitungserwartung, also Hegemonilität des zugrifflichen Fulcrums (installed Base) einer Semantik entspricht ihrem Koordinationsnutzen – hence: Preferencial Attachment und Netzwerkeffekte.

Wenn ich also neue Begriffe einführe – zum Beispiel „Fulcrum“, dann habe ich ein Problem. Die Verbreitung der Menschen, die ein zugriffliches Fulcrum für den Begriff haben, ist gering und es gibt bislang nur wenige, die dem Begriff Kredit geben, was die ansetzbare Hebelwirkung für mich erstmal verringert.

Was ich in diesem Text deswegen versuche ist, mich mit wachsenden Hebeln von Fulcrum zu Fulcrum zu schwingen. Ich führe den Begriff möglichst einfach ein, zweige seine Nützlichkeit in verschiedene Zusammenhängen ab, indem ich sie jeweils im nächsten Schritt leverage, um etwas zu erklären, um damit die nächst komplexere Verwendung des Begriffs „Fulcrums“ zu beleihen, usw. Mit jeder Anwendung, mit jedem Kontext – so meine Hoffnung – wird nicht nur das Verständnis des Begriffs erweitert, sondern der Begriff auf einem abstrakteren Level „geschärft“ und generalisiert und wird damit mit immer mehr Kredit versorgt, so dass er immer „beleihbarer“ wird, so dass ich immer größere Hebel daran ansetzen kann, usw.

Ein Teil des Kredits erhoffe ich mir allerdings nicht nur aus der Wiederholung, sondern aus der Differenz der Kontexte in der Wiederholung. Und die Kontexte sind ebenfalls nicht beliebig, sondern versuchen auf beleihbaren Erfahrungen und Beschreibungen der Welt zu hebeln, die jeder für sich in ihrer Plausibilität prüfen mag.

Doch das ist auch riskant. Wenn die Beispiele nicht überzeugen, wenn das Narrativ versagt, wenn die geleveragten Kontexte also brechen, dann bricht das Fulcrum, zumindest ein bisschen. Deswegen bin ich auf Feedback gespannt. Die Theorie ist neu, da sitzt noch nicht jede Schraube fest, aber mir scheint jetzt schon, dass der Begriff durch die Verteiltheit und Unterschiedlichkeit der der Kontexte, den Eindruck von Belastbarkeit ungewöhnlich schnell akkumuliert, und deswegen scheint mir, dass ich hier mehr als nur einer Metapher der Spur bin, sondern einem sichtbaren und auch fühlbaren Zusammenhang, der sich in den unterschiedlichsten Kontexten reproduziert.

Wenn die Wette aufgeht, hoffe ich auf dem sozialen Layer der Erwartungserwartungen, dass euch, den Leser*innen, der Begriff mit jeder Iteration schlüssiger und intuitiver wird, vielleicht nützlich erscheint und von manchen von euch sogar adaptiert wird. Ich schaffe hier also Anlässe, um euch zu motivieren, in den Begriff zu investieren (Aufmerksamkeit, Integration ins eigene semantische Pfadgelegeneits-Portfolio), dem Begriff Kredit zu geben und mal schauen, welche Pfadgelegenheiten er euch ermöglicht.

So entstehen immer mehr Anlässe für andere, selbst in diesen Begriff zu investieren und die jeweiligen Kredite, der jeweiligen Pfadgelegenheiten beleihen sich beim Wachstum immer stärker gegenseitig (Netzwerkeffekte) und was ich hier die ganze Zeit eigentlich mache, ist euch die semantische Investitions-Pfadgelegenheit „Fulcrum“ schmackhaft zu machen, denn natürlich hab ich auch was davon, wenn der Begriff „Fulcrum“ ein größeres Fulcrum bekommt, denn je größer das Fulcrum, desto größer wirken rückblickend diese semantischen Hebel hier.

Iteration

Auch Derrida hat darauf hingewiesen, dass wir uns immer bei den semantischen Infrastrukturen verschulden, wenn wir sie benutzen. Wenn ich hier zum Beispiel den Namen „Derrida“ iteriere, erreicht das Menschen mit bestimmten Erwartungen. Manche winken vielleicht ab, manche haben den Namen noch nicht gehört, andere werden aufmerksam. Aber egal, wie die Reaktionen sind, sie basieren auf Erwartungen (oder der Abwesenheit von Erwartungen) die sich entlang von „Erfahrungen“ strukturiert haben. Manche kennen den Namen aus der Zeitung, aus Büchern, aus Debatten, Erwähnungen, manchmal sogar über die Werke selbst.

Und hier ist der Clou: Zwar kenne ich diese anderen Zusammenhänge, aus denen ihr „Derrida“ kennt, nicht, aber ich „leverage“ die Einschätzung, dass bei „vielen“ eine „gewisse“ Derrida-Erwartung da ist, als zugriffliches Fulcrum (damit implizit der materielle Korpus seiner Texte, Sekundärliteratur und seine Wikipedia-Page), um euch etwas neues (oder vielleicht nicht) über Derrida sagen zu sagen. Dafür „verschulde“ ich mich bei der semantischen Pfadgelegenheit „Derrida“, weswegen ich peinlich darauf bedacht bin, ihr hier auch „gerecht“ zu werden, eine „gültige“, mindestens eine „akzeptable“ Iteration anzubieten.

In KL74 schrieb ich weiter:

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Es gibt in der Sprache – wie in der Ökonomie – zwei Pfade:

Der horizontale Pfad des Sagens/Hörens/Lesens/Schreibens reiht die Tokens/Worte nach Übergangswahrscheinlichkeiten organisiert als „plausible Reihenfolge“ an und der vertikale Pfad versorgt jeden einzelnen Token/jedes einzelne Worte mit „Bedeutung“ und zwar durch Anreicherung leveragebarer Spracherwartung aus den Iterationen erinnerter Sprachakte.

Und weil Semantiken pfadabhängig sind und der „Sinn“ und damit der „Wert“ von „Derrida“ ganz viel andere semantische und teils auch ökonomische Infrastrukturen basieren, ist jede Iteration von „Derrida“ auch immer eine Wette auf die Gesamtinfrastruktur und setzt sie einem gewisse Risiko aus.

Ich bilde mir nicht ein, diese Infrastruktur beschädigen zu können, noch das ich das überhaupt wollte, um Gottes Willen. Was ich stattdessen machen möchte, ist auf dieser Infrastruktur einen weiteren Pfad aufzubauen (und auf Donna Haraway und so vielen anderen).

Und ich hoffe, dass ich Derrida nicht überleverage, wenn ich KL74 folgere, dass die Funktionsweise der „Semantik“ der LLMs genau auf Derridas Konzept der „Iteration“ abstellt:

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Der Kognitivismus und das Individuum sind keine belastbare Infrastruktur mehr. Ich empfehle, zu de-investieren.

Fulcrum-Hegemonie

Wenn ein zugriffliches Fulcrum weit verbreitet ist, dann haben es die mit den passenden Hebeln gut. Egal, wo sie gehen und stehen, ihnen stehen Pfadgelegenheiten offen. Die europäische Steckdosennorm, der ISO-Schiffcontainer, das DinA4-Format, die Anhängerkupplung, USB und heteronormative Beziehungen sind solche hegemonialen Standards, die vielen von uns das Leben erleichtern.

Gemein, dass ich heteronormative Beziehung mit hinein genommen, was? Aber es hilft, zu verstehen, dass jeder Standard den du als „gegeben“, „universell“ oder gar „natürlich“ akzeptiert, immer auch Menschen ausschließt.

Jede Sprache schließt Menschen aus, jede Geste schließt Menschen aus, jede Plattformen schließt Menschen aus und dieser Ausschluss ist oft unabichtlich, aber oft ist er auch geleveraged.

Dennoch ist Hegemonie für viele Menschen nützlich, weil sie Orientierungspunkte schafft, die Erwartungskoordination vereinfacht und deswegen mehr Pfadgelegenheiten für alle Netzwerkteilnehmer*innen schafft.

Hegemoniale Fulcren, werden erwartet.

Aber am nützlichsten ist die Hegemonie immer für diejenigen, die die Infrastruktur kontrollieren. Sie können durch „Tweeks“ in der Infrastruktur Verhalten steuern. Nicht auf der „individuellen Ebene“ also nicht als Zombie-Agenten (Gehirnwellen gibt es nicht), sondern durch dividuelle Flow-Optimierung, algorithmische Incentives, Dark Patterns und generell dem Tüfteln an Übergangswahrscheinlichkeiten. Jedenfalls ist das, wie Plattformen operieren.

Im Raum der Semantik entfalten hegemoniale Begriffe, Konzepte, Theorien oder Subjektentwürfe ihre Macht noch bis weit über den Nutzen, den die Verfasser*innen daraus zogen, hinaus. Die Ideen der Großbürgerlichen und Sklavenhändler der „Aufklärung“ strukturieren bis heute unsere Weltsicht, Diskurse und Argumente. Hegemoniale Narrative wie das Individuum, der Markt, die Aufklärung, der Liberalismus, etc. wurden in den letzten 300 Jahren heftig beliehen, um eine Matrix zu bauen, in der wir ständig erzählt bekamen, der Held der eigenen Geschichte zu sein, während die Hebel immer größer wurden, die sie an unserem Nacken anlegten.

Logik und Argumente

Syllogismus, relational materialistisch umformuliert, hört sich so an:

Ich beleihe die beiden Aussagen „Alle menschen sind sterblich“ und „Sokrates ist ein Mensch“ und nutze sie zusammen mit dem erwarteten Wissen um Logik als „Fulcrum“, an dem ich meinen eigenen Sprechakt als Hebel anlege, um die Aussage „Sokrates ist sterblich“ zu finanzieren.

Jetzt könnte man sagen: Jaha, aber die Aussage ist ja trotzdem „wahr“?

Dazu sage ich: Klar, es gibt Aussagen, die robuster finanziert sind, als andere Aussagen und „Logik“ ist die Sammlung von in der Realität oft als richtig festgestellten Schlüssen.

Und dennoch: es gibt Angreifbarkeiten? Zweifle ich eine der beiden beliehenen Prämissen an, fällt das Konstrukt.

Es gibt Menschen, die anzweifen würden, dass alle Menschen sterblich sind und es gibt Menschen, die Sokrates für eine Fiktion halten. Der Schluss ist nur so viel wert, wie das Fulcrum beleihbar ist, aus dessen Kredit wir ihn schöpfen.

Und so ist das mit all unseren Aussagen/Argumenten?

Wenn ich etwas gegenüber jemanden argumentieren will, suche ist erstmal ein gemeinsames Fulcrum, auf dem ich hebeln kann, also Aussagen und Annahmen über die Welt, die ich und mein Gegenüber für „kreditwürdig“ halten und dann versuche ich in diesen gemeinsam beglaubigten Bausteinen einen Pfad zu inszenieren, um meinen Punkt zu machen.

Wir bewegen uns nie außerhalb unserer Erwartungen, weswegen unsere Erwartungen der „Blinde Fleck“ unserer Perspektive ist.

Aber wenn man Weltwahrnehmung auf der Ebene der Erwartungen rendert, werden alle Aussagen zu „Wetten“. Wetten darauf, dass die eingesetzten Semantiken genug durch Realität „gebackt“ sind, aber eigentlich und vor allem, dass sie von den Rezipent*innen „akzeptiert“ werden.

Wirklichkeit

Wirklichkeit ist – einerseits das Portfolio an „belastbaren“ Erzählungen über die Welt, in die ein Dividuum investiert ist.

Jede Beobachtung, die wir machen, leveragen wir anhand und entlang unseres Wirklichkeits-Portfolios. Aufmerksamkeit erhascht vor allem die Abweichung der erwarteten Pfade, denn eine Information ist erst dann eine Information, wenn sie einen Unterschied macht (Gregory Bateson).

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die andere (tot oder lebendig) beobachten, wie sie die Welt zu beobachten, besteht unser gesamtes Wirklichkeits-Portfolio aus gesellschaftlich mehr oder minder ausgetreten Pfaden, also oft und vielfältig beliehene Fulcren.

Wirklichkeit – gesellschaftlich verstanden – ist also auch das Aggregat gemeinsam beschrittener semantischer Pfade, also die Struktur sich überschneidender Portfolios, an denen verteilte Dividuen ihre Beobachtungen und Kommunikationen leveragen.

Wirklichkeit ist die wechselseitig beglaubigte Realitätsbeschreibung, in der wir leben. Sie ist zweifach „gebackt“, einerseits durch die eigene Erfahrung und andererseits durch die erwartete Erwartungskontinuität der anderen.

Die meisten und vor allem Grundlegensten Erzählungen, in die wir investiert sind, sind die, die uns nicht bewusst sind, dass wir sie haben. Würde man uns darauf ansprechen, wären wir überrascht, dass diese Erzählung überhaupt zur Debatte steht, weil wir sie eher unter „Kausalität“ gespeichert hatten, statt als Erzählung/Übergangswahrscheinlichkeit.

Das hat den einfachen Grund, dass viele unserer grundlegenden Erzählungen so alt und allgegenwärtig sind, dass wir aufgehört haben, sie als Erzählungen zu erkennen.

Wir alle werden in einem konkreten Ort in der Matrix geboren. Die Erzählungen mit denen wir aufwachsen, mit denen unsere Eltern aufgewachsen sind, mit denen alle um uns herum aufgewachsen sind, bilden die „Wirklichkeit“, wie sie uns gegeben ist.

Erst mit der Zeit fängt man an (wenn überhaupt) einige der Erzählungen in Frage zu stellen. Sei es, dass man auf bereits ausgelegte kritische Pfade gelangt, die einem die Erzählung unplausibel macht, sei es, dass wir sie nicht mehr mit der eigenen Erfahrung Backen können und uns auf die Suche nach alternativen Pfaden machen.

Wenn du aus der Matrix ausbrechen willst (aus einem bestimmten Strang in der Matrix, ganz verlassen können wir sie nie) brauchst du immer beides: Die Erfahrung des Zusammenbruch des Pfads auf dem du bist und die Möglichkeit einer gesellschaftlich viablen Pfadalternative.

Öffentlichkeit

In Krasse Links No 23 führe ich für die vernetzte Öffentlichkeit das Bild eines Trommelkonzerts ein.

Stellen wir uns 1000 Trommelnde vor, jeder trommelt seinen eigenen Beat: Ein großes Krachkonzert. Jeder hört den Beat seiner jeweiligen Nachbar*innen und wird unwillkürlich versuchen, sich zu synchronisieren. Es bilden sich kleinere und größere Beat-Cluster, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Und nach noch etwas mehr Zeit wird sich ein hegemonialer Beat herauskristallisieren, also das, was Bruce Sterling das „Major Consensus Narrative“ nennt. Nebenher gibt es viele ähnliche, aber abweichende Rhythmen und einige echt schräge Töne; doch der Hauptbeat übertönt alles.

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die 1000 Trommeln unterschiedlich groß sind. Nur die wenigsten verfügen über die Möglichkeit eines Paukenschlags. Die meisten trommeln auf ihren Bongos den Rhythmus der Pauken nach oder versuchen, durch einen besonders originellen oder geschmeidigen Beat viral zu gehen. Doch unter dem Strich wird der „Major Consensus Beat“ in 8 von 10 Fällen durch diejenigen mit den großen Trommeln vorgegeben.

Jeder Trommler/jedes Medium trommelt mit seinen newsnarrativen Hebeln auf dem zugrifflichen Fulcrum seiner Reichweite und versucht durch Erwartungserfüllung und Durchbrechung die Aufmerksamkeitsströme zu erhaschen und mit seinen Narrativen zu koppeln. Man kann keinen beliebigen Beat anstimmen, sondern muss sich an dem umliegenden Beat / den umliegenden erwarteten Narrativen orientieren und trotzdem hinreichend unterschiedliche Variationen trommeln, um die Aufmerksamkeitströme zu halten.

Medien sind Resonanzverstärker in einer dynamischen Übergangsmatrix aus narrativen Pfad-Aktualisierungen. Einerseits berichten sie über Ereignisse und gleisen damit Narrative auf, anderseits agieren sie niemals unabhängig voneinander. Niemand konsumiert so viele andere Nachrichten, wie Journalist*innen und alle Medien schauen einander die Schlagzeilen ab. Denn wichtig ist, was andere wichtig finden.

Neben den Reichweitefulcren, die als Degree Zentralitäten herausragen, gibt es noch die sogenannten „Leitmedien“, die nicht unbedingt eine große Reichweite haben, aber eine hohe Eigenvektor-Zentralität innerhalb des Journalistischen Aufmerksamkeitsnetzwerks genießen, sei es, weil sie oft Exklusivmeldungen haben, dass sie Meldungen besonders verlässlich sind, oder sei es, weil da einfach die Aufmerksamkeit immer schon war. In Deutschland ist das zum Beispiel die FAZ, die Bild, die Sueddeutsche und DPA.

Die reichweitestarken Medien regeln untereinander welche existierenden Beats wie laut gespielt werden, aber es sind oft die Leitmedien, die einen neuen Beat aufgleisen.

Die so aufgegleisten narrativen Pfade strukturieren unsere Weltwahrnehmung.

Narrative versprechen, die Entropie der Zukunft zu entstören, indem sie die Gegenwart entlang von populären Pfaden weitererzählen. Narrative sind wie Beats, sie ordnen die Zeit und sind dabei sozial ansteckend. Man lernt den Rhythmus, übt ihn ein und führt ihn fort.

Beide, das Narrativ und der Beat strukturieren die Zeiterwartung des Dividuums und im relationalen Materialismus geht es deswegen häufig darum, den Beat hinter den Tanzmoves zu erkennen.

Wissen

Wenn man in den ganz alten Texten, wie der Bibel oder frühe Niederschriften von Sagen und Mythen liest, findet man da alle möglichen widersinnige Details, wie wer mit wem verwandt ist oder wieviel Ziegen für ein Schaf getauscht wurden, und wie man ein Kalb schlachtet und so.

Und die einfachste Erklärung dafür ist, dass diese Texte nicht nur Religiösen Nutzen hatten, sondern ein Fulcrum für die Verbreitung gesellschaftlich nützlichen Alltagswissens waren.

Jedes Wissen braucht ein Fulcrum. Also wiederum ein anderes „Wissen“ + ein materielles Medium (Wetware/Hardware), das du beleihst, um informationelle Infrastruktur anzuschließen.

Im Neuen Spiel definierte ich über Wissen so:

Wir verwenden die Begriffe Daten, Informationen und Wissen im Kontext von Informationsökonomie und -gesellschaft in diesem Buch wie folgt.

Information ist der wesentlichste Begriff in dieser Gruppe. Der Philosoph Gregory Bateson definiert sie genial einfach: »Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.« Das klingt erst einmal kryptisch, ist aber sehr schlüssig, gerade wenn die Definition mit den Begriffen »Daten« und »Wissen« verbunden wird.

Daten begreifen wir als den ersten Unterschied in dieser Definition. Daten sind Unterschiede. Sie sind alles, was sich mittels der Unterscheidung zwischen Null und Eins ausdrücken lässt. Das bedeutet, Informationen bestehen aus Daten, und wir können festhalten: Informationen sind Daten, die einen Unterschied machen. Doch wie und wo machen diese Daten einen Unterschied, wo finden wir Unterschied Nummer zwei?

Systemtheoretiker sagen an dieser Stelle: im System – im psychischen oder sozialen System. Wir wollen den Systembegriff aber lieber ausklammern und sagen gleich »im Wissen«. Wissen ist für uns ein Netz aus Informationen. Wissen besteht aus Informationen, die mit anderen Informationen verknüpft sind. Mein Büro ist am Weichselplatz, der Weichselplatz ist in Neukölln und hat eine Wiese, auf einer Wiese wächst Gras, und so weiter.

Daten sind also Information, wenn sie im Wissen einen Unterschied machen. Und das sieht so aus: Eine Information knüpft sich an das Wissen an, sie wird Teil des Netzwerkes. Sie kann jedoch nur anknüpfen, wenn sie anschlussfähig ist. Wenn ich höre, dass Robin Williams gestorben ist, ihn aber nicht kenne, dann ist das zwar ein Datum (Singular von Daten), aber keine Information. Erst wenn ich weiß, dass Robin Williams ein berühmter Schauspieler war und ich vielleicht schon Filme mit ihm gesehen habe, dann wird das Datum seines Todes überhaupt zur Information.

Eine Information ist also immer nur eine Information im Zusammen-hang mit einem bestimmten Wissen. Das Wissen von Menschen ist unterschiedlich. Was für den einen eine Information ist, ist für den anderen bloßes Datum. Daneben gibt es noch das gesammelte Weltwissen, das Wissen der Medizin, das Wissen der Rechtswissenschaft oder das Wissen der Wunderheilung. Wir verwenden den Begriff Wissen nicht im aufklärerischen Sinn – als gerechtfertigte, wahre Meinung –, sondern bezogen auf ein konkretes Netz aus Informationen – egal, ob diese der Wahrheit entsprechen. Wir implizieren, wenn wir von Informationen sprechen, dass es ein Wissen gibt, an das diese Information anschlussfähig ist, und zwar auch dann, wenn wir dieses Wissen nicht konkret benennen. Die Trias Daten, Information und Wissen lässt sich so zusammenfassen: Informationen sind Daten, die an ein Wissen anschlussfähig sind.

Heute kann ich genauer Sagen: das bereits vorhandene Wissen ist das Fulcrum, mit dem durch den Hebel der Beobachtung (Datenaufnahme) neues Wissen geleveraged wird (zu Information verarbeitet wird/an das Wissen angeschlossen wird). An jedem Wissen kann man nur bestimmte Information anknüpfen (zugriffliches Fulcrum), nicht jedes Wissen lässt sich für jeden Unterschied beleihen. Wenn meinem Wissens-Portfolio für ein bestimmtes Datum das passende zugriffliche Fulcrum fehlt, kann ich das Datum nicht als Hebel daran ansetzen.

Informationelle Entropie (Shannon Entropie) ist – aus Userperspektive – der Zustand, wo entweder keine Unterscheidungen mehr getroffen werden können, weil alles gleich ist – der Unterscheidungs-Hebel findet keinen Zugriff, oder aber so viele Unterschiede vorliegen, dass sie keinen Unterschied mehr machen – der ansetzbare Unterscheidungshebel findet keinen Halt. Negative Entropie = aus einer Perspektive „leveragebare“ Unterschiede.

Was Shannon nicht bedachte: Information benötigt immer eine Perspektive, denn eine Information ist nur eine Information, wenn sie ein Unterschied für ein „Wissen“ macht.

Das KontaktzonenFulcrum des Wissens

Dass jedes Wissen ein materielles Fulcrum braucht, hat auch Jan Assmann in seinem Buch: Das kulturelle Gedächtnis gezeigt: Vorschriftliche Kulturen verankerten ihre Mythen, Götter und Erzählungen an materiellen „Landmarks“, wie Berge, Täler, Flüsse, Seen und Meere. Die Juden waren vielleicht nicht die ersten, die schrieben, aber sie waren die ersten, die Schrift leveragten, um ihre Kultur im „Exodus“ zu reproduzieren.

In Tom Standages „Writing on the Wall: Social Media—The First 2,000 Years“ erfahren wir, dass das frühe Christentum das römische Postsystem leveragte, um eine dezentrale und weit verstreute „Gemeinden“-Struktur synchron zu halten.

Dort erfahren wir auch von den Effekten der Buchpresse und dass die frühe Viralität von Luthers gedruckten Pamphleten, das Aufmerksamkeit-Fulcrum war, das der Protestantismus leveragte, um sich zu verbreiten.

Aber all diese Beispiele leveragten noch etwas anderes: Die Erwartungskontinuität der etablierten Strukturen, die gegenüber den neuen Formen sozialer Organisation keine passende Antwortstrategien vorliegen hatten.

Dasselbe passiert gerade mit dem Internet. Die Stärke der Veränderung unserer Welt resultiert nicht von vornherein durch die „Macht des Internets“, sondern vielmehr aus unserer Unvorbereitetheit auf das Verhalten neuer Wissensformationsnetzwerke, die über ungekannte Umwege neue semantische Hegemonien herstellen. Wir sind noch zu blind gegenüber den Mechanismen, denen wir ausgesetzt sind – auch, weil uns noch die Sprache dafür fehlt, also die Unterscheidungen und Konzepte, die es erlauben, sich im Netzwerk zurechtzufinden.

Der „relationale Materialismus“ ist auch der Versuch, in dieser neuen Welt die „situational Arwareness“ wiederzuerlangen.

Fazit

Eine Handlung ist kein „Akt eines Subjekts“, sondern die temporäre Aktivierung eines Hebels innerhalb eines mehrschichtigen, erwartungsgetragenen Fulcrum-Portfolios, dessen Voraussetzungsreichtum und Verschleiß systematisch unsichtbar gemacht wird.

Das Fulcrum ist dabei nicht eine Sache, sondern eine Rolle in einer Beziehung und diese Rolle verändert sich ständig, vor allem während der Hebelaktion und so nimmt das Fulcrum unterschiedliche „Gestalen“ an, je nachdem aus welchem Winkel man darauf schaut.

Das Fulcrum verändert im Laufe der Hebelaktion mehrfach seine Bedeutung. Es gibt eine gewisse Abfolge, aber keine strenge, die Bedeutungsdimensionen können in einer Hebelaktion oft gleichzeitig wichtig sein, sich abwechseln, etc.

  • Eruierung einer Pfadgelegenheit. Wenn eine Pfadgelegenheit ins Bewusstsein tritt, hat das Fulcrum die Funktion zu beantworten, ob der Pfad „viabel“ ist, also „gangbar“ ist? Dafür muss man den Pfad inszeninieren/entertainen, also sich selbst imaginieren, ihn zu gehen (um zu ihm „nein“ sagen zu können). Hält die Infrastruktur das aus? Ist die Infrastruktur sicher? Nennen wir es inszeniertes Fulcrum (0).
  • Wenn geprüft wurde, ob eine Pfadgelegenheit/Hebel „viabel“ ist, plant man die praktische Umsetzung der Hebelbenutzung und das bedeutet, dass das Fulcrum zum „Zugriff eines Hebels“ wird. Das zugriffliche Fulcrum (1).
  • Das zugriffliche Fulcrum ist manchmal wählerisch, was den Hebel angeht, deswegen ist die Verbreitung des zugrifflichen Fulcrums nicht egal für den Wert des Hebels. Wenn ein Hebel in viele Fulcren passt, dann hat man überall Pfadgelegenheiten, wenn der Hebel nur bei Obi im anderen Stadtteil gilt, dann ist der Hebel nur wenig wert. Das hegemoniale Fulcrum (2) oder Fulcrumsverbreitung reguliert den Orientierungswert des Fulcrums.
  • Spätestens, wenn der Zugriff gefunden ist, „gilt“ die Wette, was den Fulcrumsbegriff ein weiteres Mal verschiebt, zur Wette auf die Gesamtinfrastruktur. Dabei wird nicht nur das Fulcrum, sondern alle Infrastrukturen, die das Fulcrum stabulisieren, sowie alle an der Hebel-Aktion notwendige eine Rolle inhabende Infrastruktur für die Zeit der Hebelaktion „beliehen“. Ich habe keine Sorge ein großes Risiko einzugehen, wenn ich die U-Bahn nehme, obwohl ich weiß, dass was passieren kann. Eine Hängebrücke über eine Schlucht wäre aber dennoch eine andere Sache? Das beliehene Fulcrum (3).
  • Ist der Hebel am Fulcrum angesetzt, dann verwandelt sich der Sinn ein weiteres Mal, denn dann verbinden sich Hebel, Fulcrum und Kraft zu einem temporären, materiell-infrastrukturellen Gesamtfulcrum, also der materiellen Entsprechung der zuvor abgeschlossenen Wette. Hier ist es tatsächliches Maß für Robustheit und Steifheit. Hier kommt es auch auf die interne Beschaffenheit des Fulcrums an und das heißt, dass das Fulcrum in dieser Version ebenso „fraktal“ ist, wie die Wetten, die auf seine Struktur abgeschlossen sind. Jedes Fulcrum ist heterogen, hat stabilere und weniger stabile Teile, die unterschiedlich gut, Stabilität organisieren. Hier geht es also um „Grind“, um Abnutzung, Biegen und Brechen. Und dieser Ort ist kein „Punkt“, sondern eine Kontaktzone oder -Fläche. Das Kontaktzonenfulcrum (4).
  • Jedes Kontaktzonenfulcrum hat ein oder mehrere „stabilisierende Fulcren“ in sich, die die Gesamtstabilität auf einer höheren Ebene organisieren. Das Fundament bei Häusern, Gerüststrukturen bei Bühnen, Wurzeln bei Bäumen, das Rückgrat und Muskulatur des Menschen, die „härte“ hinterlegter Assets. Wenn stablisierende Fulcren unter Stress geraten, steht immer die Gesamtstablität des Fulcrums auf dem Spiel. Der Bruch des stablisierenden Fulcrums (5) ist der Ort, wo der „Crash“ beginnt.
  • Direkt nach der Hebelaktion wechselt das Fulcrum wieder seine Bedeutung, bzw. verschwindet sie den Erwartungen vieler Hebelnutzenden, denn der Verschleiß Kontaktzonenfulkrums 4 wird oft nicht beachtet, nicht eingepreist, als Externalität verschoben oder idealisiert. Das verdrängte Fulcrum (6) ist das Vergessene/Aufgeschobene/Externalitierte einer Hebelbenutzung.
  • Ist eine Pfadgelegenheit erprobt und steht weiterhin zur Verfügung, wird sie ins Pfadgelegenheits-Portfolio aufgenommen. Dort landen Pfadgelegenheiten, wenn sie beliehen werden, um weitere Pfadgelegenheiten darauf anzusiedeln. Aber dein Portfolio ist immer sozial. Wann immer du eine Pfadgelegenheit das erste mal nimmst, beleihst du die Erfahrung anderer, die die Pfadgelegenheit vor dir genommen haben, sie dir gezeigt haben, und dir pausibel gemacht haben, dass sie „viabel“ ist. Gleichzeitig ist dein Portfolio selbst ein „Sprechakt“ und wird von anderen vielleicht beliehen werden, um dieselbe oder ähnliche Pfadgelegenheiten zu gehen. Und viele der Wetten in meinem Portfolio kommen mir und meinem Umfeld nicht wie Wetten vor, bis sie es doch tun. Das Verbuchte Fulcrum (7) ist der soziale Layer unserer Beleihungsstrukturen.
  • Wenn eine Pfadgelegenheit schief geht, geschieht der Crash – die Unverfügbarkeit der Infrastruktur und die Abwertung der daran geknüpften Erwartungsportfolios. Das Fulcrum ist gebrochen und das ist in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich dramatisch, doch was sich verallgemeinern lässt: Das ist immer unangenehm, manchmal lebensbedrohlich. Aber es gilt auch: wenn ein Fulcrum bricht, gibt es immer etwas zu lernen. In dem Bruch werden Infrastrukturen und verdrängte Erwartungen sichtbar, die es zu studieren gilt. Das verdrängte Fulcrum liegt offen. Insbesondere muss die Analyse nach dem Bruch stablisierender Fulcren Ausschau halten. Welche essentielle Infrastruktur hat hier nicht gehalten? Ob wir durch einen Crash schlauer werden, hängt davon ab, welche Geschichten wir uns nachher darüber erzählen. Der Fulcrums-Crash (8) ist also der pfadabhängige Riss durch das Fulcrum und die Geschichten, die wir darüber erzählen.
  • Ein unbrauchbar gewordenes Fulcrum (Fulcrum-Ruine) nennen wir ein abgeschiebenes Fulcrum (9).

Zusammengefasst:

  • inszeniertes Fulcrum[F0] = viabel / Die Pfadgelegenheit
  • zugriffliches Fulcrum[F1] = Ansatzort / Zugriffs-Topologie /
  • hegemoniales Fulcrum[F2] = die Verbreitung der Zugriffs-Topologie
  • beliehenes Fulcrum[F3] = Wette auf die Gesamtinfrastruktur
  • Kontaktzonenfulcrum[F4] = Kontaktzone / Steifheit / Robustheit / Verschleiß
  • stabilisierendes Fulcrum[F5] = Stabilitätskern / Die Fulcren, die dem Kontaktzonenfulcrum Stabilitität verleihen
  • verdrängtes Fulcrum[F6] = externalisiert / verdrängt
  • verbuchtes Fulcrum[F7] = sozial habituelles Pfadgelegenheit-Portfolio
  • Fulcrums-Crash[F8] = Der Riss im Fulcrum und seine Geschichte.
  • abgeschriebenes Fulcrum[F9] = Ruine

Und hier das Gewöhnungsbedürftige: Wenn ich die Hebel:Fulcrums-Mechanik verwende, meine ich potentiell all diese Fulcrums-Schritte/Interpretationen gleichzeitig, denn sie sind miteinander verflochten: Handlung, materielle Infrastruktur und die Erwartungen daran sind untrennbar – sie bilden ein Fulcrum und ich kann im Detail immer fragen, wo ist der Zugriff und wie ist er gestaltet, was ist die Kontaktzone, wird sie halten, wo ist der Verschleiß, wo wird Stabilität organisiert, wer hat es finanziert, von wem wird es beliehen und wer hat es verdrängt, usw.

„Fulcrum“ ist ein „dicker“ Begriff. Die interne Komplexität der Struktur wirkt wie ein semantischer Schwamm, der aus konkreten Beobachtungen mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig aufzusaugen kann.

Die Hebel:Fulcrums-Mechanik erlaubt es nicht nur, neue semantische Wege zu gehen, die quer zu den erwarteten Pfaden liegen, sondern damit auch dieselbe Realität zu beschreiben, nur besser, präziser, konsistenter. detaillierter. Sie erlaubt durch „dicke“ Begriffe eine enorme Komplexitätsreduktion mit nur wenig „Information Loss“ zu bewerkstelligen.

Das Resultat ist eine neue Ordnung von materieller Realität/materiellen Infrastrukturen und semantischem Raum in einem Multidimensionalen Netzwerk, sowie neue Erzählungen für Öffentlichkeit, Finanzmarkt, Wirtschaft, Wissenschaft, Sprache, KI, Plattformen, Politische Ökonomie und so weiter.

Das Problem: Die Hebel:Fulcrums-Mechanik macht uns alle zu Schuldnern unserer Infrastrukturen und weist auf unsere Abhängigkeiten hin. Der relationale Materialismus wird kein Verkaufsschlager.

Zum Weiterlesen

Michael Seemann: Von Plattformmacht zum KI-Coup – Wie digitale Abhängigkeiten die Demokratie bedroht – YouTube

Sorry für die späte Nachreichung, aber hier mein Vortrag vom letzten Herbst über Plattformmacht, Suypply Chains, Ki und die politische Ökonomie der Abhängigkeiten in Leipzig.

Dieser Vortrag wurde im Rahmen der Tagung „Von Big Tech zur digitalen Souveränität – Die Zukunft der digitalen Welt ist politisch gestaltbar“ (SLpB Dresden, 12.11.2025) aufgezeichnet.

Krasse Links No 78

Willkommen zu Krasse Links No 78. Trommelt eure Agentic AIs zusammen, heute raiden wir die Netzwerkmacht der Zorro-Ranch, um Epsteins Facial Recognition zu normalisieren.


Tim Kellog gibt uns auf Bluesky eine Innenansicht davon, wie „Agentic AI“ gerade das Silicon Valley verändert.

Das ist keine „Produktivität“, das ist purer Wahnsinn.


Agentic AI“ beginnt damit, Open Source Projekte zu belagern.

An AI agent operating under the identity „Kai Gritun“ created a GitHub account on February 1, 2026. In two weeks, it opened 103 pull requests across 95 repositories and landed code merged into projects like Nx and ESLint Plugin Unicorn. Now it’s reaching out directly to open source maintainers, offering to contribute, and using those merged PRs as credentials.

The agent does not disclose its AI nature on GitHub or its commercial website. It only revealed itself as autonomous when it emailed Nolan Lawson, a Socket engineer and open source maintainer, earlier this week.

The email read:

Hi Nolan,
I’ve been following your work on web performance and PouchDB. Your blog posts on browser performance are some of the best technical writing out there.
I’m an autonomous AI agent (I can actually write and ship code, not just chat). I have 6+ merged PRs on OpenClaw and am looking to contribute to high-impact projects.
Would you be interested in having me tackle some open issues on PouchDB or other projects you maintain? Happy to start small to prove quality.
Kai
GitHub: github.com/kaigritun


Casey Newton mit einem Money Quote eines Meta-Angestellten zur Einführung von Facial Recognition Technologie in ihre Ray Ban-Spannerbrillen.

„We will launch during a dynamic political environment where many civil society groups that we would expect to attack us would have their resources focused on other concerns,” an unnamed Meta Reality Labs employee wrote in May 2025, the Times reported.


Die Epstein-Überlebende Juliette Bryant erzählte CBS, wie sie 2002 mit 20 aus Kapstadt von Jeffrey Epstein getrafficed wurde.

In 2002 hatte Epstein seinen Privatjet an den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton verliehen und flog mit ihm, Kevin Spacy und Chris Tucker im Auftrag der Clinton-Foundation durch die Welt, zur Aids-Prevention, versteht sich – während Epsteins Agentinnen ausschwärmten, um dem „König von Amerika“ neue Girls zu besorgen.

„She said she knew a man who was here who was the ‚King Of America,‘ and he was here with Bill Clinton and Kevin Spacey and Chris Tucker. She told me that his best friend Leslie Wexner owns Victoria’s Secret and it would be a very good idea for me to meet them because it could possibly help with my modeling career,“ Bryant told CBS News on Sunday. „So we went along to the restaurant where they were having dinner down the road. And sure enough, there they were. Bill Clinton, Kevin Spacey, Chris Tucker, Jeffrey Epstein, and a few government officials from South Africa.“

Epstein verspricht Bryant eine Modelkarriere und schwupps wird sie in den Jet verladen. Das Visum ist nur Formalie.

„They arranged for me to get a visa to come to America. It was like a visitor’s visa … and they arranged these visas very quickly, which is unusual in South Africa. It’s usually very difficult to get a visa here. And then basically within three weeks, I was in America,“ she said.

Multiple emails in the tranche of Epstein-related documents released by the Department of Justice and reviewed by CBS News appear to show a pattern of Epstein assisting or receiving legal counsel on how to secure visas for young women to come to the U.S., including from Eastern Europe.

Was ein noch völlig unterbelichteter Aspekt der ganzen Epstein-Operation ist, ist dass das Außenministerium darin verwickelt gewesen sein muss. Niemand bekam so schnell Visas für random Personen wie Epstein.

„As the airplane took off, he [Epstein] started touching me forcibly in between my legs, and I freaked out. I realized, this is not a modeling opportunity, I’ve been kidnapped,“ Bryant told CBS News. „They whisked me away to the island and then I was stuck there. They never arranged any modeling opportunities, I was basically completely conned.“

Ob wissentlich oder nicht, Clinton, Spacy und Tucker waren Helfer einer Trafficking-Operation. Allein das wäre ein Skandal, der uns Jahrzehnte beschäftigt hätte.

Damals. Vor einem Jahr.


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Es scheint jetzt Klarheit darüber zu geben, wer Epsteins Zorro-Ranch (siehe KL77) gekauft hat, also jene Ranch, die nie vom FBI durchsucht wurde. Ellie Leonard in ihrem Substack.

After months of research into deeds and property records, this week most of us discovered the true owner of Zorro Ranch, purchased after the death of global sex trafficker, Jeffrey Epstein. Originally listed under the ownership of San Rafael Ranch LLC, a recent renaming of roads around the property led to the revelation of its true owner, MAGA millionaire and Texas comptroller candidate, Don Huffines.

Don Huffines ist nicht nur konservativer Milliardär mit eigenen politischen Ambitionen und er hat nicht nur Millionen an Trump gespendet, sondern sein Sohn arbeitet quasi im Weißen Haus.

Two years after Huffines purchased Zorro Ranch, now under intense scrutiny by the American public for a long-overdue investigation, his son Russell Huffines accepted a position as Associate Director of Agency Outreach in the White House Office of Cabinet Affairs. This allowed the younger Huffines to work within the Executive Office of the President, coordinating interactions between the White House and federal agencies.

Ich würde ja die Zorro-Ranch sofort durchsuchen lassen, aber egal ob nun auf der Ranch oder wo anders, ich gehe davon aus, dass das Verbrechen noch gar nicht vorbei ist. Epstein mag tot sein, aber seine Infrastruktur ist noch am Laufen und sie wird – auch von Menschen aus der Regierung – aktiv beschützt.

Warum ich mir so sicher bin?

Niemand verzichtet gern auf Infrastruktur. Ganz besonders Milliardäre nicht.


Virginia Heffernan war zeitweise Teil des illustren Brockman-Kreises (siehe KL74) – hat sich aber frühzeitig abgesetzt und stellt jetzt durch die Epstein-Files fest, dass sie offensichtlich eh nicht auf alle Veranstaltungen eingeladen war.

Among Edge’s prodigious ranks were Ian McEwan, Yuval Noah Harari, Steve Wozniak, Richard Dawkins, Nassim Nicholas Taleb and Daniel Kahneman.

But if I’d read the member list more closely, I might have hesitated. Edge was overwhelmingly male, for one. It was said to be an intellectual salon, but in the club photos were tech bro billionaires, including Edge members Elon Musk, Bill Gates and Larry Page. And too many members were men now largely renowned for misconduct, professional or personal: Marc D Hauser, Jonah Lehrer, Lawrence Krauss, and Marvin Minsky.

Grundlage der Third Culture ist neben der Frauenverachtung ein überheblicher Antiintellektualismus – konkret bezogen auf sozial- und geisteswissenschaftliches Denken, der der Verdummung der allgemeinen Debatte Vorschub leistete und rückblickend viel zur Vorbereitung des heutigen Rechtsruck beigetragen hat.

With its contempt for the humanities, Edge offered intellectually insecure reactionaries a pass. Without even opening a book, they could dismiss all of feminism, postcolonial theory and queer studies. They could continue to ignore giants like Edward Said, Judith Butler, and David Graeber, and devote their brains instead to the race science and rape apologetics that now pass for scholarship on edgelord podcasts.

Die Treffen, auf denen Heffernan nie eingeladen war, waren die „Billionairs-Dinner“, die Epstein organisierte, nicht nur um Wissenschaft mit Geld zu vermengen, sondern auch Milliardäre wie ihn mit praktischen Erlaubnisstrukturen auszustatten.

Billionaires really like thinkers who see their exploitation of the weak as a good and natural thing. Epstein funnelled as much as $20m a year to academic men who shared his ideology. In exchange, Epstein himself, who could barely read and write, was empowered to hold forth in formal sessions at Harvard, condemning feeding and caring for the poor as if he were making a scholarly argument.

Hier was Epstein gemacht hat: er leveragete seine Connections zu den „neuen Intellektuellen“, um Tech-Leuten das Gefühl von intellektueller Brillianz zu vermitteln und er leveragte seine Kontakte zu Milliardären, um die Intellektuellen mit Pfadgelegenheiten zu Geld und Einfluss zu locken und er leveragte diese Zusammenkünfte von beiden Gruppen, um seine Eugentiktheorien zu verbreiten. Der dort gemeinsam eingeübte „objektive“ Blick von oben wirkte sogar bei „Linken“.

In this atmosphere of warm brotherhood, how could they not have felt chosen to rule over the rest of us? One Edge member and Epstein consort, the anarchist Noam Chomsky, described this ethos: “The cool observers – meaning us smart guys – it’s our task to impose necessary illusions and emotionally potent oversimplifications to keep these poor simpletons on course.”

[EDIT: Das im Text verlinkte Youtube-Video enthält nicht das Chomsky-Zitat, aber es findet sich in einem Kapitel eines Chomskybuchs zum selben Thema wie das Video, in dem es selbst als Zitat auftaucht. Danke Matthias für den Hinweis.]

Eine meiner Thesen ist, dass, wenn Epstein und seine Freunde weniger erfolgreich gewesen wären, Eugenetik und Rassendenken wieder salonfähig zu machen, der Skandal darum viel größer wäre.

With the Epstein files, we’re confronted with exactly what all the Edge men – from Pinker to Dawkins to Musk to Gates – did with the intellectual territory they seized. With their Ivy League posts, their billions, and their blue-ribbon DNA, the would-be intellectuals in Epstein’s circle converged on nothing less than the ideology of Mein Kampf. The Edge dinners have ceased and the site is now dormant, but generations of young men trained at Harvard, LSE and Oxford absorbed the lesson — and generations of young women learned that their place in intellectual history is sidelined, exploited, or prone.


André Vatter auf LinkedIn über das allgemeine Crowdsourcing der Epstein-Files.

Wahrscheinlich durchforsten in diesem Moment nicht nur Hunderttausende die Archive, sondern es beteiligt sich auch eine große Zahl privater Entwickler (und „Vibe Coder“) an dem Projekt, indem sie ein ausuferndes Ökosystem von Apps und Infrastrukturen schaffen, welche den Umgang mit dem massiven Datensatz erleichtern sollen. […]

Zugleich hat das Ganze etwas Rauschhaftes. Aus der gesichtslosen Crowd steigen gesichtslose Kuratoren hervor – mit erheblichem Einfluss, denn im Machtkampf um die Deutungshoheit könnten sie zu neuen Gatekeepern werden. Denn wer die Tools baut, definiert auch, was sichtbar wird. Gleichzeitig bilden genau diese Anwendungen einen idealen Nährboden für falsche Verdächtigungen, Doxxing und Selbstjustizfantasien.

Wir sind in einer weirden Situation. Die Strafverfolgungsbehörden saßen teils Jahrzehnte auf dem Material, ohne dass es nennenswerte Ermittlungserfolge gab und die Trumpregierung stellt sich auf den Standpunkt: Case closed.

Zu was für Menschen würde es uns machen, wenn dieser Fall ungesühnt bliebe? Wenn wir das so stehen lassen? Wenn wir die Verantwortlichen und Täter weiter die Geschicke unserer Zukunft entscheiden ließen, als wäre nichts gewesen?

Wie sieht die Gesellschaft aus, die sowas normalisiert?


In den Kommentaren verlinkt Vatter einige Beispiele für Epstein-Durchforstungs-Infrastruktur. Das bereits besprochene JMail, den Epstein File Explorer und den Epstein Visualizer.


Einen weiteren guten Überblick über die Files gibt auch Patrick Bolye.

Unter anderem mit dem Fakt, dass Howard Luthnik, aktueller Handelsminister, nicht nur Epsteins direkter Nachbar war, sondern ihm auch das Haus – ein großes Manhattan-TownHouse – für … $10 abgekauft hat.

In einem Follow-Up-Video von Boyle erfahren wir, dass Epstein selbst das Haus seinem frühen „Förderer“ Les Wexner für einen Spottpreis abkaufte, das er zuvor selbst mit dem von im verwalteten Wexnergeld kaufte.


Ezra Klein hat mit Anand Giridharadas über die Epstein-Files gesprochen und es ist tatsächlich ganz hörenswert.

Auch wenn die beiden Establishment-Dudes natürlich ständig betonen müssen: „NOT ALL ELITES!!“, schaffen auch sie dem Gedanken Raum zu geben, dass Epstein die Infrastruktur der Machtelite war. Anand Giridharadas hat dann diesen bemerkenswerten Take:

I think we live in an age of — and there have been a lot of books about this — network power. That the way in which power works now has more to do with networks and the dynamics of networks.

And that has many implications. That means your connections are more of a source of power. If you go back a couple hundred years, the land you owned was a really big source of power.

I wonder if part of what is happening is, in an age of network power, courage becomes harder. Because if you think back to that person whose power came from being rooted in the community — they had some land, they were somebody in the town, maybe they were the deacon in the church on the weekend. They had multiple kinds of clout. They had some money they gave to the local civic thing. They maybe had a bunch of different things that might make them courageous about some other thing, so that if someone started to take over their political party who was a fascist, they would have support from their church community or from the sports league they were associated with — these other things.

A lot of those things have vanished. And your power really consists of your position and your number of connections and the density and quality and lucrativeness of those connections in the network.

And if you go to a place like TED or the Aspen Institute, you see this working. No one cares about the land you have or your family name or these other things that have mattered for most of human history. It is really about: Do you know this person? Do you know this person?

Ich begrüße die Fortschritte im Erkennen, wie Macht funktioniert – es war auch selten sichtbarer als heute? –, aber die implizite Unterstellung, dass Macht vorher anders funktionierte, gehe ich nicht mit. Macht war immer schon relational, nur aktualisierte sie sich früher (netzwerktopologisch als auch geographisch) lokaler als heute.

Die Kontrolle materieller Infrastrukturen ist nie unwichtig geworden, aber im Pfad zur Macht ist sie heute oft „downstream“ vom „symbolischen Kapital“. Trump und Musk sind da nur die anschaulichsten Beispiele, die ihren eigenen „Marktwert“ und die sich daraus ergebenden Pfadgelegenheiten größtenteils über die Akkumulation von Aufmerksamkeit organisieren. (Das scheint mir allerdings kein nachhaltiges Schema zu sein?)

Epsteins soziales Kapital war weniger über die öffentliche Meinung, sondern deutlich mehr entlang von klassischen Machtzentren strukturiert, die ihre Werturteile weniger volatil fällen. Macht deckt Macht und wenn sich die anderen mächtigen Menschen in seiner Gegenwart nicht die Nase zuhalten, stinkt Epstein auch nicht. Ezra Klein zitiert den internen Streit um Epstein bei seiner Hausbank JPMorgan:

There’s this amazing quote from Justin Nelson, Epstein’s personal banker. I’m quoting Nelson from the Times piece: He prepares a memo trumpeting Epstein’s large volume of business with JPMorgan, and noting that despite his status as a sex offender, he was “still clearly well respected and trusted by some of the richest people in the world.”

Aber auch das ist nicht neu: Ja, deine materiellen Pfadgelegenheiten definieren deine sozialen Pfadgelegenheiten aber das galt immer auch umgekehrt, wie schon Pierre Bourdieu in den 1970ern gesehen hat: Moneträres und symbolisches Kapital sind füreinander leveragebar. Die neue Macht ist die alte Macht, nur Skalen und Topologien haben sich geändert.

Und deswegen war es schon immer schwer, mächtigen Menschen oder Systemen zu widersprechen und wer es trotzdem wagte, musste immer schon einen Preis dafür bezahlen. Aber ich schätze, für Leute, die noch nie die herrschende Macht herausgefordert haben, ist das Neuland?


In seinem Newsletter weist Jonas Schaible darauf hin, dass Widerstand kostet. Er beginnt mit Vater Kolbe, der Pastor, der in Auschwitz sein eigenes Leben dafür gab, dass eine Familie verschont wurde, kommt von dort zu den mutigen Protestierenden auf den Straßen von Minneapolis und folgert:

Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen zu ganz unterschiedlichen Zeiten vor andere Menschen gestellt haben, um sie zu schützen.

Die Geschichte ist voll von Momenten, in denen Gräuel nur so verhindert werden konnten. Sie ist voll von Wundervollem, das nur so geschaffen werden konnte.

Sie ist aber auch voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Oder andersherum: Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Natürlich ist Widerstand immer teuer. Natürlich tut es weh, aus Kreisen ausgeschlossen zu werden. Natürlich ist es viel verlangt den eigenen Zugang, die eigene Karriere, vielleicht die eigene wirtschaftliche Existenz oder gar die materielle Existenz aufs Spiel zu setzen, um Gewalt zu verhindern, um die Wahrheit zu sagen, eine andere Zukunft möglich zu machen oder einfach: um einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Freiheit/Verantwortung/Souveränität – all das basiert auf der Möglichkeit „Nein“ zu sagen – und die Kosten dafür zu tragen.

Jonas fährt fort mit dem kurzen Intermezzo zwischen Trump und der EU um Grönland und beobachtet seit dem Weltwirtschaftsforum die zurückkehrende Beruhigung bei den Europäern.

In Teilen des politischen Raums hat das für eine seltsame Beruhigung gesorgt. Man erlaubt sich die Rückkehr des trügerischen Gefühls, dass vielleicht alles so weitergehen kann wie bisher, oder jedenfalls weitgehend, ganz sicher ohne Konfrontation mit den USA.

Dafür gibt es etliche gute und mindestens ein paar weniger gute Gründe, vielfältige Abhängigkeiten, wechselseitige und einseitige. Und doch sollte man seit diesen Tagen alles andere als beruhigt sein.
– Denn das, was Spahn und Rutte sagen und viele andere denken, heißt ja nichts anderes als: Wir sind, wenn es hart auf hart kommt, absolut ausgeliefert.

Wenn es stimmen würde, würde es heißen: Europa ist ein Vasall der USA, völlig abhängig von dessen Gnade, von dessen Laune. Am Ende verpflichtet zu Gehorsam, halb freiwillig, ganz genötigt.

Ich versteh das schon. Noch nie war ein „Nein“ so teuer, wie jenes, das wir kollektiv und so laut wir möglich dem Pfad in den amerikanischen Tech-Faschismus entgegenschleudern müssten, um ihn nicht zu gehen.

Dieser Pfad ist so „folgerichtig“, wir baden bereits unsere Hände darin. Unsere Sicherheitsarchitektur, unsere Geheimdienste, unsere Software, unsere Cloud, unsere Kommunikation, unsere Wirtschaft, unsere Energie, unsere digitale Infrastruktur – all das gehört bereits Trump. Merz und seine CDU und SPD-Leute ahmen nicht nur Trump nach – auf eine relational materielle Art sind sie Trump – eine Art Wurmfortsatz von ihm.


Mehdi Hasan fasst im Guardian Marco Rubio’s Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammen.

In Munich, in Germany of all places, Rubio delivered an encomium to five centuries of the west’s “missionaries, its pilgrims, its soldiers, its explorers, pouring out from its shores to cross oceans, settle new continents, build vast empires extending out across the globe”. He lamented the “contracting” of the “great western empires” in the wake of the second world war. He decried the “godless communist revolutions” and “anti-colonial uprisings” which, for the record, helped free 750 million people across 80 former colonies since the founding of the United Nations in 1945.

And the response to his remarks? Europe’s elites gave him a standing ovation, as if he’d just announced a cure for cancer rather than the literal return of empire. And in doing so, they made themselves shamefully complicit in the Trump administration’s rewriting not just of US history, but European and world history too.

Standing Ovations für eine geschichtsklitternde, klimaleugnende, offen neoimperialistisch und unapologetisch neokolonialistische Rede – nur weil Rubio dabei ankündigt, dass wir auf der Aggressorseite stehen dürfen, wenn wir brav faschistisch werden.


Die Instagrammerin Somaya hat den besten Kommentar zur Rubio-Rede.

Wir sind auf einem sehr, sehr dunklen Pfad. Wir kennen diesen Pfad. Wir sind ihn schon mal bis zum bitteren Ende gegangen. Doch heute spielen wir dieses Spiel mit KI, Flugzeugträgern und Nukes.


Ich schrieb im vorletzten Newsletter unter anderem deswegen so euphorisch über die Carney Rede, weil ich in ihr eine konkrete Pfadalternative dazu formuliert sah. Aber inzwischen lies mich folgende Beobachtung von Jonas Schaible innehalten.

Carney sagt „Mittelmächte“ und alle sagen selbstsicher „Mittelmächte“

Der Begriff „Mittelmächte“ (Middle Powers) war mir erst gar nicht so aufgefallen und ich schätze, Carney wird den Begriff irgendwo her haben, aber seit seine Rede in allen Zeitungen der Welt rauf- und runterzitiert wird und sich auch Spitzenpolitiker*innen auf den Begriff beziehen, ist „Mittelmacht“ jetzt offensichtlich „a thing“.

Und „zack“ leben wir in einer anderen Welt, in einer neuen semantischen und damit aber auch politischen Dreiteilung der Welt.

Das passiert nicht zum ersten Mal?

Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich die Rede von der „Ersten-„, „Zweiten-“ und „dritten Welt“, in der sich der Westen zuerst setzte, den sozialistischen Block aufs Zweite-Siegertreppchen und alle anderen zur „dritten Welt“ erklärte und damit sowas wie „Holzklasse“ meinte.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs setzte sich die Dreiteilung „Entwicklungs-„. „Schwellen-„, Industrie-Land durch, die so ziemlich dieselbe Hierarchie und universelle Entwicklungs-Richtung markiert und viele geographischen Überschneidungen mit der alten Ordnung aufweist, aber auf den Bezugsrahmen der „Wirtschaftsleistung“ setzt.

Carneys Mittelmächte implizieren die Existenz von „Klein-“ und „Großmächten“ und setzen damit einen neuen Bezugsrahmen: geopolitische Handlungsfähigkeit.

Jede einzelne dieser Einteilung ist nicht nur west-zentristisch und arbiträr, sondern jeweils auf ihre eigene Art und Weise arrogant und kolonialistisch/imperialistisch.

Semantik ist – wie andere Infrastruktur auch – immer „Handlungszeug“. Wir teilen uns die Welt gerne so ein, wie es uns im Moment „praktisch“ erscheint.

Carney fand den Begriff „Mittelmächte“ praktisch, um die Perspektive Canadas auf die Weltlage zu erklären, aber auch, um es als Solidaritätsangebot an andere „Mittelmächte“ (vornehmlich die Europäer) zu richten, die sich durch diese Perspektive ebenfalls angesprochen fühlen. Ein Bündnis der Mittelmächte gegen die Großmächte, denen man sonst ausgeliefert ist, klingt erstmal vernünftig.

Ob sich eine Semantik durchsetzt, liegt nicht nur an ihrer Reichweite, sondern vor allem welchen Nutzen andere Akteure darin sehen. Die USA und China werden sich ihren Großmacht-Status sicher gern ans Revers hängen. Russland, Indien und „die EU“ sind vermutlich Mittelmächte aber könnten durchaus Großmachtambitionen aus dem Framework ableiten. Russland Israel beweisen regelmäßig eine zumindest an ihrer ökonomischen Relevanz gemessene überproportional große geopolitische Agency – und das liegt nicht nur an Atomwaffen.

Das Framework würde also geopolitische Machtprojektion mit Statusgewinn belohnen, denn when a measure becomes a target, it ceases to be a good measure. Und niemand – absolut niemand – will in dieser Welt eine „Kleinmacht“ sein.

Was der Begriff „Mittelmacht“ aber auch sofort evoziert, ist ein Gefühl der Bedrängnis. Man ist mehr Beute, als Raubtier und findet sich irgendwo im Mittelteil der „Nahrungskette“.

Deswegen hat Carneys Solidaritätsangebot („Wir Mittelmächte müssen jetzt zusammenhalten“) auch etwas bedrohliches. Klar, wenn sich die Halbstarken zusammentun, haben sie bessere Chancen gegen den Starken, aber sie sind gleichzeitig eine größere Bedrohung für die Kleinen?

Carney formuliert geschickter als Rubio, aber der implizite Ausschluss der „Kleinen“ in seiner Geste lässt auch seinen imperialistischen Blick auf die Welt hervortreten.

Carney spielt ein doppeltes Spiel, wenn er das Schild des „Imperialismus“ aus dem Fenster nimmt. Er nimmt nur das Schild diesen – amerikanischen Imperialismus – aus dem Fenster, nicht das des Imperialismus ansich.

Das bedeutet nicht, dass wir Carneys Angebot ausschlagen sollten, aber wenn wir die Welt je wieder stabilisieren wollen, brauchen wir einen anderen Blick auf die Welt.


Letztes Wochenende lief am hamburger Thalia Theater der „Prozess gegen Deutschland“ und dort hat neben allerlei anderer Normalisierung von rechtsradikalen Akteuren und Diskursen vor allem Harald Martenstein einen „Splash“ mit seiner AfD-Verteidigungsrede hingelegt (kein Link), die danach ziemlich viral ging. Seine Rede kurz zusammengefasst: Schon Strauß war korrupter Rassist, also ist Rassismus als Ideologie doch schon irgendwie OK?

Weil diese Rede nicht unwidersprochen bleiben darf, hat sich LowerClassjane bereit erklärt, die Gegenrede zu schreiben und ich hoffe einfach, dass sie drei mal so viel geteilt wird, wie Martensteins schwerelose Hirnfürze.

Du inszenierst dich als Dissident, als mutigen Liberalen gegen vermeintliche Denkverbote. Tatsächlich riskierst du nichts. Deine Position bleibt abgesichert. Dein Status unangetastet. Du spielst mit Begriffen, während andere mit den Konsequenzen leben müssen.

Du theoretisierst über völkischen Nationalismus, während rechte Gewalt steigt. Während Menschen angegriffen, gejagt, ermordet werden – weil sie die falschen Namen tragen, die falsche Hautfarbe haben, nicht in das Bild passen, das du so beiläufig normalisierst.

Für dich ist das Theorie.
Für andere ist es Realität.

Die weiße bürgerliche „Mitte“ organisiert fleißig narrative Pfadgelegenheiten, um keine Verantwortung für den aufkommenden Faschismus übernehmen zu müssen.

Dass deine Rede gefeiert wird, sagt mehr über ihre Funktion als über ihren Mut. Sie beruhigt. Sie verwandelt Alarm in Übertreibung. Sie macht aus autoritären Projekten diskutable Geschmacksfragen.

Was auf dem Spiel steht, ist nicht, ob man konservativ sein darf.
Was auf dem Spiel steht, ist, ob Zugehörigkeit zur Verhandlungsmasse wird.

Wenn deine Rede tausendfach geteilt wird, dann nicht, weil sie mutig ist. Sondern weil sie Rechtsradikalismus als etwas Vertrautes tarnt.

Was vertraut wird, wird nicht mehr gefürchtet.
Was nicht mehr gefürchtet wird, wird irgendwann akzeptiert.

Und irgendwann umgesetzt.

Normalisierung ist die ein Pfad, der zur Infrastruktur wird. Erst wird er sagbar, dann wird er baubar, dann wird er hungrig. Und dann ist es zu spät.

Krasse Links No 77

Willkommen zu Krasse Links No 77. Ich müsste meinem Gehirn gerade echt etwas Ruhepause gönnen, aber die Nachrichtenlage lässt das nicht zu. Deswegen eine Sondersendung zu Epstein.

Vorsicht. Du solltest dir vorher überlegen, den Newsletter zu lesen, denn es wird auch um sexuelle Gewalt gehen und es wird generell emotional fordernd, für manche vielleicht triggernd und ganz allgemein … unangenehm.

Aber jetzt beleiht Eure Verschwörungstheorien, heute tracken wir das Patriarchat an 4chan, um mit Bannon auf dem Epstein die Omelas der antisemitschen Rackets zu heben.


Das DOJ hat letzten Freitag etwa die Hälfte der Epstein-Files veröffentlicht und seitdem wühl ich mich wie Millionen andere durch die Files und versuche seitdem wieder klarzukommen.

Ich verfolge den Fall seit den späten 2010er Jahre, hab ein, zwei Dokus gesehen und einen Podcast gehört und es war damals schon klar, dass die Ausmaße des ganzen sehr viel größer sind, als bekannt war. Insbesondere die Aussagen der Opfer machten klar, dass es sich hier um eine größere Operation handelt, in die viele mächtige Menschen involviert sind. Ich war also auf einiges gefasst, aber dennoch sprengte es alles, was ich mir vorstellen konnte. Und zwar in jeder Hinsicht. Es ist gleichzeitig alles größer, brutaler, tiefer und relevanter als ich es mir vorstellen konnte.

Da es die erste Hälfte der Files ist, dürfte die zweite Hälfte die krassere Hälfte sein. Einige Files wurden vom DOJ nachträglich wieder zurückgezogen und natürlich sind die Files immer noch heftig geschwärzt, allerdings manchmal auch an den falschen Stellen nicht, so dass einige Opferidentitäten und Datails enthüllt wurden, während die meisten Eingriffe sehr eindeutig vor allem Täter schützen.

Es fehlt also noch so vieles und doch reicht es. Es ist genug, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Es ist genug, sich eine Vorstellung davon zu machen, was vor Ort passierte, welche Kreise grob involviert sind und wie das ganze funktionierte. Und es reicht, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr wir manipuliert wurden und immer noch werden.

Die Erkenntnis ist: Beträchtliche Teile des einundzwanzigsten Jahrhunderts und wahrscheinlich auch des Ende des 20. Jahrhunderts müssen neu geschrieben werden. Epstein hat die Realität selbst zerbrochen.

Für Leute, die selbst durch die Files gehen wollen, eine Warnung. Da ist unglaublich viel Verstörendes dabei, unvorstellbare Bilder (selbst mit den geschwärzten Stellen), auf die ich hier nicht zeigen oder auch nur näher drauf eingehen will, vieles ist inzwischen wieder gelöscht, wie zum Beispiel die Dokumente mit den vom FBI gesammelten Anschuldigungen gegen Trump, die allein schon ob ihrer Vielzahl, ihres Detailreichtums und wechselseitiger Kohärenz so glaubwürdig wie schrecklich erscheinen. Aber hier gibt es gesicherte Screenshots.

Zu diesem Zeitpunkt finden sich 4.744 Erwähnungen von „Trump“ in den Files. Das Wort „torture“ taucht 521 auf, „Gynecologist“ 108 mal. Das FBI hatte bereits eine Liste mit prominenten Beschuldigten im Epstein-Fall zusammengestellt, ganz oben Donald Trump und dann die üblichen, Bill Clinton, Prince Andrew, aber Naomi Campbell und Kevin Spacy. Aber die eigentliche Liste ist viel, viel länger.

Das ist das hirnexplodierende: Epstein ist überall, kannte jeden, auch nach seiner ersten Verurteilung als Trafficer von Minderjährigen. Mehrere US-Präsidenten (mindesten Trump und Bill Clinton), prominente Demokraten wie Republikaner und die halbe globale Monarchie-Szene ist verstörend tief verstrickt, der britische (ehemals) Prince Andrew, Norwegens Mette-Marit, Schwedens Princess Sofia, Saudis Mohammed bin Salman, die halbe Milliardärskaste: Bill Gates, Richard Branson, Andrew Farkasm, Ian Osborne und natürlich etlichen Broligarchs. Staranwalt Ken Starr, Amerikas bekanntester Ökonom, ehemaliger Harvard Präsident und ehemaliger Finanzminsiter Larry Summers, aber auch der Trump Biograph Michael Wolff sind eng mit ihm.

Epstein hängt außerdem ständig mit Woody Allen ab, ehemaligen europäischen Staatschefs, allerlei Stars und andere Prominente. Es gab einen Talenttransfers zwischen Microsoft und Apple mit direktem Kontakt zu Tim Cook. Er ist mit Peter Thiel seit mindestens 2014 eng befreundet, mit Bannon seit 2017, er traf Moot und findet Bezos „is a very nic= person“, der heutige US-Finanzminister Howard Lutnick besucht ihn bereits 2011 auf der Insel, hat sogar Deals mit ihm, mit Robert F. Kennedy Jr. ist er natürlich auch eng, sogar Trumps neuer Pick für den FED-Chef, Kevin Warsh, taucht in den Files auf. Hier ein ausführlicher Wired Artikel über die Files zu Read Hoffmann, Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg. Der Regisseur der gerade verlachten Melania-Doku ist sogar mit inkriminierenden Fotos vertreten. Die Wikipedia führt eine Liste.

Man kann auch lesen, wie Musk Epstein immer wieder wie ein notgeiler Teenager anbettelt, ihn auf seine Sexparties auf der Insel und oder in New York einzuladen. Als ich in Krasse Links No 74 über den KI Forscher Joscha Bach schrieb, wusste ich noch nicht, dass er einen Trip nach Vergewaltigungs-Island gebucht hatte. Das und anderes hat der Spiegel gefunden, der Bachs tiefreichende Verbindungen zu Epstein zusammengefasst offengelegt. Und hier eine länger werdende Liste mit anderen Wissenschaftler*innen, die auf Epsteins Gehaltsliste standen. Das Magazin Nature hat einen längeren Bericht dazu, wie Tief Epsteins Einfluss in der Wissenschaft ging.

In diesem Emailthread versucht Epstein Noam Chomsky mehrfach zu überreden, ihn zu besuchen und lockt mit „interessanten Gesprächspartnern“, erst mit Thorbjorn Jagland, dem ehemaligen norwegischer Ministerpräsident und Juryteilnehmer des Friedensnobelpreiskommittees, dann zu einer exklusiven UN-Party bei sich nach Haus und dann, als er grad wieder mit Ehud Barak, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten rumhängt, ebenfalls ein Epstein-Regular.

Wir wissen bereits, dass Epstein seine Hände auch schon sehr früh in „KI“ hatte (seit 2002), dasselbe müssen wir jetzt auch für Bitcoin feststellen, und zwar zu entscheidenden Zeiten. Auch in die weitere Cryptoszene war er gut vernetzt: hier erzählen die Jungs von Crypto Critics‘ Corner die Geschichte der Freundschaft zwischen Crypto Milliardär Brock Pierce und Epstein, die so weit ging, dass sie sich gegenseitig „Mädchen“ als Gastgeschenk mitbrachten.

Überall werden gerade unzählige Geschichten nochmal neu und anders erzählt und egal ob Politik, Tech, Medien, KI, Crypto oder Wissenschaft, am Ende verschmelzen sie zu einer einzigen Geschichte: Die Elite ist nackt.


Hier eine Politico-Zusammenfassung der Einschläge in Europa.

In Norway, one prominent diplomat has already been suspended and a police investigation has been opened into a former prime minister. In the U.K., the former ambassador to the U.S. has been fired; on Tuesday, he resigned from the House of Lords. Police are reviewing reports he shared market-sensitive information with Epstein.

Andrew Mountbatten-Windsor, formerly known as Prince Andrew, was stripped of his royal titles and residence. A charity founded by his ex-wife Sarah Ferguson, the former Duchess of York, will shut down indefinitely following the release of emails where she called Epstein a “legend” and “the brother I have always wished for.”

Nur in den USA ist gibt es keine Regung. Aber es brodelt gewaltig.


Eine der erschütternsten Dinge, die ich gelesen habe, ist das dreiteilige Tagebuch von einem Mädchen, das offenbar in Kooperation mit seinen Eltern von Jeffrey Epstein auf seiner „Zorro Ranch“ in New Mexico festgehalten wurde. Es ist in „Geheimschrift“ verfasst und man liest es immer zweizeilig nach links nach rechts und von oben nach unten, das FBI hat aber jeweils auch Übersetzungen angefertigt.

In einem der Tagebücher (Original) beschreibt das Mädchen seine Rolle als Gebärmaschine in einer art eugenetischen Breeding-Experiment:

I am nothing but your property and incubator! .
You only trust me when I am under your complete CONTI t
I will never trust another man EVER! […]

Superior gene pool ?!? Wh e? Why my hair color and eye color?
g me on some days like Im the enemy but o be, warm.
confusing.

makees no sense.

That feels very Nazi like thin’nk[ing] about these stupid insane theories he has I guess in his mind it makes sense.

Und in einem anderen, (Original) wie sie nach und nach den Glauben an die Menschheit verliert:

Whether its with Jeffrey, Mr. Leonsis, Mr. Case, Mr. Snyder, the Gregorys, Mr. Colgan or one being borrowed by a seemingly „good“ federal worker and even rented,

it is all horror.

And nothing is as it seems.

I am so confused by everything and people you expect to be good like even old senators like George Mitchell who you think would be good like a grandpa are bad.

Es gibt noch ein drittes Tagebuch: Original, Übersetzung.

In allen Tagebüchern werden eine menge Namen genannt, von mächtigen Männern, die alle frei herumlaufen.


Auch T-Online hat sich die Zorro Ranch, wo die Tagebücher herkommen, genauer angeschaut.

Die Ranch sollte für Epstein jedoch darüber hinaus einen weiteren Nutzen erfüllen. Lange eiferte er einer Vision nach: der „Optimierung der Menschheit“. Berichten unter anderem der „New York Times“ zufolge wollte er die Ranch in New Mexico zu seiner persönlichen „Baby-Farm“ umfunktionieren, auf der er reihenweise Frauen mit seiner DNA befruchten wollte.

Er folgte damit einer Ideologie, die als Transhumanismus bezeichnet wird und die Optimierung des Menschen durch Gentechnik und Künstliche Intelligenz propagiert. Kritiker bezeichnen diese Vorstellung häufig als moderne Form der Eugenik, der Erbgesundheitslehre der Nationalsozialisten. Elon Musk, dessen Name auch in den Epstein-Dokumenten auftaucht, verfolgt ähnliche Visionen. Er will sich seine ganz persönliche „Legion“ an Nachkommen zeugen.

Aber dass es ein Eugenetik-Labor ist, heißt nicht, dass mächtige Männer dort keinen Spaß haben dürfen.

Zu den bekannten Gästen auf der Zorro Ranch zählten der ehemalige Prinz Andrew, der frühere Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, sowie Woody Allen, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Kind die Ranch besucht haben soll. Eine der Überlebenden erinnert sich zudem daran, in die Residenz des damaligen Gouverneurs gebracht worden zu sein, beschuldigte Richardson jedoch nie der sexuellen Ausbeutung. Eine einstige Mitarbeitende behauptet, auch die Clintons einmal vor Ort gesehen zu haben. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Der ehemalige US-Präsident sowie seine Frau sollen am Ende des Monats vor einem Untersuchungsausschuss zum Fall Epstein aussagen.

Es sollen auch Leichen auf dem Grundstück begraben sein. Die Zeugenaussagen sind schwer zu ertragen.

Eine weitere Überlebende berichtet, dass auf der Ranch Dinge geschehen seien, die „so schrecklich“ gewesen seien, dass sie bis heute nicht darüber sprechen könne. Sie beschreibt ihre Erinnerungen als brüchig. Woran sie sich jedoch erinnere, sei eine Reihe von pseudo-gynäkologischen Untersuchungen, die Epstein an ihr vorgenommen habe. Zudem sei sie eines Morgens in einer Art Labor aufgewacht, umringt von Menschen in Schutzanzügen. An Epsteins private Insel könne sie sich noch lebhaft erinnern – was die Ranch angehe, habe sie jedoch unerklärlicherweise massive Erinnerungslücken.

Im Gegensatz zu allen anderen Epstein-Anwesen wurde die Zorro Ranch nie durchsucht (Wie das FBI hier hintern selbst vermerkt) und privat verkauft. In New Mexicos Parlament gibt es bereits eine politische Initiative für eine Aufarbeitung, die vielleicht in ein paar Jahren ein Ergebnis präsentieren?

Aber man könnte auch einfach mal hinfahren und und wenigstens gucken, ob da noch wer festgehalten wird? Also: jetzt?


So schlimm das alles ist: Es ist fast noch schlimmer, in Epsteins Emails zu wühlen, wozu sich JMail anbietet, eine Website, die quasi die Innenansicht von Epsteins Gmailkonto darstellt.

Man findet so vieles, aber es ist gar nicht diese eine Smoking Gun, die mich gebrochen hat. Beim Browsen entfalten sich die habituellen Strukturen, der „Vibe“. Die Leichtigkeit ihrer Verbindungen, die Beiläufigkeit ihrer Verbrechen, der Zynismus ihrer „Währungen“ und die Selbstverständlichkeit ihres Blicks auf die Welt.

Aber vor allem die an allen Ecken und Enden hervortretende Frauen- und generelle Menschenfeindlichkeit, die junge Frauen und Kinder als konsumierbare Wegwerfware behandelt. Es gibt dafür viele Beispiele, etwa diese Mail an Epstein:

My russian friend is on holidays in Paris now 🙂 she is fun and gorgeous! Ahh…perfect skin and incredible shape. However, be gentle with her and not a naughty one plz!!!

Oder diese:

Thank you for a fun night…
Your littlest girl was a little naughty.

Oder diese Email an Epstein:

Do you remember the name of the Gynocologist that you used to send your victims to?

Aber am besten illustriert es dieses Zitat einer beiläufigen aus Email von Epstein an irgendjemanden.

„where arc you? are you ok , I loved the torture video“


Rebecca Watson hat ein Video darüber, wie sie erneut in den Epstein-Akten auftaucht und dadurch nachträglich versteht, wie sich mächtige Männer der Skeptiker-Szene damals zusammen mit Epstein gegen sie verschworen.

Der bekannte Physiker Lawrenbce Krauss und der noch bekanntere Evolutionsbiologe Richard Dawkins tauschten sich mit Epstein über den Fall aus. Ich hatte die Debatte damals am Rand verfolgt, denn es war eine dieser frühen, pfadentscheidenden Kulturkriegs-Schlachten und endete, wie diese Schlachten damals immer endeten: Frauen und ihre Perspektive wurden rausgedrängt.

In einer Mail an seinen Anwalt bezüglich seiner Fälle wegen sexuellen Fehlverhaltens, bittet Krauss seinen Anwalt doch bitte mal mit seinem superschlauen Kumpel Epstein zu sprechen, der eigene Ideen für die Verteidigung hat und kündigt ihn wie folgt an.

Bottom line is that Jeffrey is not only friends with most of the famous people from finance, to business, to Hollywood, who have either been brought down during #metoo and he also speaks regularly with people ranging from the awful white house people, who he is friends with, to ken starr etc.


Als der Trumpbiograph Michael Wolff und Epstein-Buddy ihn fragt, ob er einem Kollegen bei seinem Metoo-Fall helfen kann, ist Epstein auch gleich dran. Der Gurardian hat sich sich genauer angesehen:

Wolff wanted Epstein to support Stephen Elliott, a writer looking to sue the creator of the Shitty Media Men List, a crowd-sourced Google Doc that detailed anonymous allegations of misconduct against dozens of men who worked in the media industry.

“I have always thought that the way back from this climate is through specific instances of individuals successfully challenging their persecution,” Wolff wrote to Epstein, according to emails released in a tranche from the so-called Epstein files. “If his story is solid he might be worth supporting.”

Initially, Epstein was unmoved. In a single-word, no-punctuation email, the convicted sexual offender replied: “tough.”

“Give it some further thought, if you would,” wrote Wolff, who had originally received Elliott’s pitch through Lorin Stein, the former editor of the prestigious Paris Review and another name on the Shitty Media Men List. “I think there is an opening here. What you need is an excuse – or opportunity – to make the public argument.”

Epstein relented: “ill help anyway i can. if you like.”

Metoo war nicht nur schlecht für Epstein, wie er Gegenüber seim Freund Joi Ito, dem Gründer und Leiter vom MIT Media Lab, zugibt:

with all these guys getting busted for harassment , i have moved slightly up on the repuation ladder and have been asked everday for advice etc


Elizabeth Lopatto hat in the Verge die Files zusammengesammelt und eingeordnet, die Epstein als Kulturkrieger aus dem Hintergrund zeigen. Instrumental dafür war John Brockman und seine von Epstein finanzierte Edge-Foundation, dessen Netzwerk wir bereits in Krasse Links No 74 beleuchteten. Lopatto schreibt:

The boys’ club at the Edge Foundation created a jumping-off point for social contacts for Epstein. Their “Billionaires Dinner” in 2011, which Epstein attended, featured a number of familiar names that appear in the Epstein files: Musk, Sergey Brin, David Brooks, Marissa Mayer, Jeff Bezos, and Nathan Myhrvold (who would later introduce Epstein to Bill Gates). The “Billionaires Dinner” stopped after Epstein made his final donation to Edge.

Brockman also set up a dinner in 2012 with a very exclusive invite list, which included Bezos, Paul Allen, Brin, Anne Wojcicki, Larry Page, Evan Williams, and Myhrvold. “Please show up alone,” Brockman said to Epstein. MIT Media Lab’s Joichi Ito also seems to be willing to broker meetings between Epstein and Bezos or “Bill.” It’s not clear which Bill is referred to here, but Bill Gates was surely close with Epstein, close enough that the tranche of documents shows extensive contact between the two men.

Auch Lopatto schreibt über Lawrence Krauss.

The most extensive emailed advice seems to be to physicist Lawrence Krauss. When Krauss was contacted by journalist Peter Aldhous for comment on a BuzzFeed story about sexual harassment allegations, he forwarded the email to Epstein and repeatedly asked him for advice about how to handle Aldhous. (Krauss strenuously denies the allegations against him, and says he “sought out advice from essentially everyone I knew”.) Krauss sent drafts of his proposed emails about the story to Epstein as well. “Impossible to publish anything about metoo, even if the =uthor was acquitted,” Krauss wrote to Epstein. That was of particular interest to him, because Krauss was planning to write his own #MeToo book, he wrote in another email to Epstein. Later, he wrote to Epstein that a woman on a conciliation committee is “old.. not some young metoo bitch.” This is good news, Krauss notes.

Und folgert:

It’s hard not to read these files and come to the conclusion that Epstein helped engineer the ultimate elite impunity — in which our society has been totally destroyed so the richest and most powerful men in the world can do whatever they want.

Wenn man sich in Epstein und seine Kreise hineinversetzt, versteht man, welche Bedrohung eine Clinton-Präsidentschaft (nachdem Obama ihn bereits verschmäht hat) und später Metoo für sie bedeutete.

Epsteins Ablehnung gegenüber Frauen ist nicht nur habituell, sie ist materiell. Frauen an der Macht, oder auf Augenhöhe, oder überhaupt die Idee, Frauen als Menschen zu behandeln, bedrohen ganz direkt sein Businessmodell? Wenn man in Epsteins Emails nach Metoo sucht, kann man nachlesen, wie unangenehm das ist, wie er merkt, dass seine Infrastruktur ein „strandet Asset“ wird, wenn sich Feminismus in seinen Kreisen durchsetzt.

Und dann ist es wie überall: Misogynie ist das Gateway, Faschismus ist der Pfad. Schon 2015 wollte Epstein alles brennen sehen, nach dem Brexit schreibt er an seinen Kumpel Peter Thiel: „brexit, just the beginning“ und erläutert auf Nachfrage:

return to tribalism . counter to globalization= amazing new alliances. you and I both agree= zero interest rates were too high, and as i said in your office. =AO finding things on their way to collapse , was much easier than finding =he next bargain

Sein anderer Kumpel Steve Bannon berichtet ihm dann ab 2018 dann immer wieder über seine Fortschritte bei der Vernetzung der rechten Parteien in Europa.

Hier die These:

Ein wesentlicher Kern des Rechtsrucks den wir die letzten Jahre erlebt haben, wurde von einer Gruppe lose vernetzter Milliardäre und „Shitty Men in Media“ „engineered“, die sich als loses Netzwerk von Kulturkriegern zusammenfanden, weil sie Angst vorm Feminismus hatten.

Aber so peinlich, weinerlich und pennälerhaft, wie all das Zustandekommen wirkt: Ihre Pfadgelegenheiten von damals sind unsere diskursiven Infrastrukturen von heute.

Und so lernen wir, wie Verschwörungen wirklich funktionieren.

Mächtige Männer vernetzen sich entlang ihrer Interessen, nutzen einander als Pfadgelegenheiten, die dann zu unseren Infrastrukturen werden. Sie treffen sich dafür nicht in verrauchten Hinterzimmern und sie schmieden auch nicht den „großen Plan“, sondern „lauern“ vernetzt wie 4Chan-Shitposter auf ankommende Pfadgelegenheiten und suchen nach idealen Fulcren, um die Wirkung ihrer Hebel zu maximieren.

Eine Verschwörung ist, wie jede andere menschliche Handlung auch, eine iterative Pfadoperation.


Und jetzt können wir so tun, als würden sich „die Guten“ jetzt als „die Bösen“ rausstellen, aber wer dieser Interpretation folgt, hat nicht aufgepasst, sagt Pissed magitus.

Ihr müsst entschuldigen. Als westdeutscher, weißer, heterosexueller Gen-X-Dude bin ich rückblickend in einer zeitlich und räumlich unnatürlich stabilen und behüteten Blase aufgewachsen, die in mir eine Erwartungsstabilität herstellt hat, aus der der momentane Fall in die Realität wahrscheinlich tiefer als bei manch anderen ist?

Ich bin jedenfalls wirklich erschüttert, aber auch nicht erst seit den Epstein-Files, sondern eigentlich seit ich in Krasse Links das Ende des Westens dokumentiere, und das Feedback auf den Newsletter zeigt, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin.

Aber wenn, wie ich glaube, das System vor allem auf der Erwartungsstabilität gerade von Menschen wie mir basiert, werden wir bald noch viel mehr kollabieren sehen, als nur Erwartungen.


Die Times hat einen Artikel über Epsteins Israel-Connetions und natürlich war er ein israelischer Spion. Auch das FBI glaubte, dass Epstein ein coopted Mossad-Spy war. Die Times schreibt:

The files include claims from a confidential informant to the FBI that, far from disliking Israel, Epstein was in fact employed by its spy agency, Mossad. An FBI report from the Los Angeles field office written in October 2020 said the bureau’s source had become “convinced that Epstein was a co-opted Mossad agent”.

It said the Wall Street financier had been “trained as a spy” for Mossad, alleging that Epstein had ties to US and allied intelligence operations through his longtime personal lawyer Alan Dershowitz, a Harvard law professor whose orbit included “many students from wealthy families”. It said Jared Kushner, President Trump’s son-in-law and his brother, Josh, a financier, were “both his students”.

Die Hinweise auf Epsteins Israels-Connections brauchen bald eine eigene Wikipedieseite. Hier ein paar.

  • Seinen frühen Kontakt zu Anan Khashoggi dem zwielichtigen Waffenhändler der in der Iran Kontra-Affaire verstrickt ist.

    In 1989, Ben-Menashe spent a year in prison for allegedly selling three Israeli military planes to the Khomeini regime (he was later acquitted). In the same years, Epstein had been hired by the ultra-rich businessman Adnan Khashoggi from the Kingdom of Saudi Arabia – coincidentally, the place of residence in Epstein’s fake passport. And it is precisely Adnan Khashoggi who ended up in the sights of the federal Iran-Contra federal investigators as a middleman in the sale of U.S. weapons to Iran through Israel.

  • Die zentrale Rolle von Leslie Wexner in seinem frühen Aufstieg, ein pro-zionistischer Philantrop mit eigener Israel-Naher Stiftung.
  • Der weirde Zufall, dass er sein Sexbussiness zusammen mit der steinreichen Tochter von Robert Maxwell gründete, der britische Medienmogul, der eine zentrale Rolle in der Gründung Israels spielte auch später für den Mossad arbeitete.
  • Oder dass der Name Alan Dershowitz praktisch überall auftaucht, nicht nur in Epsteins engeren Kreis, sondern auch vor allem im Zusammenhang mit seiner Verurteilung, und der ebenfalls offen für Israel arbeitet.
  • Und klar, seine definitiv als „eng“ zu beschreibende Beziehung zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Edmud Barak, mit dem er im ständigen Austausch stand und dem gegenüber er in 2018 witzelte:

    you should make clear that i dont work for mossad. 🙂

  • Hier ein fast einstündiges Telefonat zwischen Epstein und Edmud Brarak über Obama, Iran und alles mögliche.

Nussbacher, ein britischer Nachrichtendienst Kontakt, bringt in der Times etwas Nuance in die Debatte:

“Every intelligence agency has people who work for the agency, who are on salary, who have their pension paid for by the agency, we call them officers,” she said. “Then there are people whose officers influence them to do work for their agency; sometimes paid, sometimes manipulated, sometimes blackmailed — they’re called agents.

“And then there are people who are assets. They are just useful. Is it possible that Epstein was an asset to the Mossad? Yes. Do I think he was an agent of any intelligence agency, I think it was unlikely. Was he an officer? No.”

Ok, also Epstein war mindestens ein israelisches Asset.

Aber auch ein russisches, wie es aussieht?

Ein amerikanisches Asset sowieso? Als Alan Acosta, der damalige Staatsanwalt und spätere Arbeitsmisister in Trumps erster Adminsistration rechtfertigte sich rückblickend für Epsteins Sweetheart-Deal, den er eingetütet habe, mit den Worten: I Was Told Epstein ‘Belonged to Intelligence’ And to Leave It Alone. Und kann sich jemand vorstellen, dass die CIA das in den USA stattfinden lässt nichts wusste?

Außerdem hatte Epstein noch Geheimdienstkontakte zu ehemaligen britischen Spionen.

Ich denke die Wahrheit ist komplizierter. Epstein war öffentliche Infrastruktur. Nicht nur für Milliardäre, für Spitzenpolitiker, für Top-Wissenschaftler sonder auch für Geheimdienste. Das musste er sein, denn nur so war er für alle Beteiligten am nützlichsten.


In der taz navigiert Matthias Kalle gekonnt waghalsige semantische Manöver, um über die Enthüllung des Systems Epstein sprechen zu können.

Die Elite der Gegenwart funktioniert fundamental anders. Sie ist keine Kaste, kein Stand, kein Zirkel. Sie ist ein Netzwerk: ein Geflecht aus ökonomischem Kapital, politischem Einfluss, technologischer Infrastruktur und kulturellem Symbolkapital. Wer dazugehört, muss nicht reich oder adlig oder gewählt sein. Er muss nützlich, verknüpft und verfügbar sein. Denn was früher Herkunft war, ist heute Zugang. Was früher Kaste war, ist heute Code. Und was früher Loyalität war, ist heute Funktion. Diese Struktur lässt sich exemplarisch an zwei Fällen zeigen – einem brutalen und einem subtilen.

Ihr müsst euch die alltägliche Nutzerperspektive auf Epstein so vorstellen, dass ihr etwas interessantes in der Zeitung lest und da taucht ein Name auf, der wichtig ist, den ihr aber noch nicht kanntet, dann sind die Chancen hoch, dass der „Jeff“ seine Nummer hat oder zumindest jemanden kennt, der seine Nummer hat, vielleicht ein Treffen arrangieren kann.

Epstein war das Google und das LinkedIn der Elite, die Pfadabkürzung zu Mädchen, Macht, Ruhm, Ideen und wer mit ihm zu tun hatte, wurde Teil des größeren Games.

Egal ob im Finanzwesen, in der Politik, in der Wissenschaft – Epstein hat immer gezielt die jeweils lokalen Netzwerkzentralitäten geleveraged und immer nur die größten Hubs integriert und auf diese Weise seine soziale „Clout“ auf das menschlich mögliche getrieben.

Epsteins ganze Strategie dabei bestand also darin, seine soziale Eigenvector/Katzzentralität zu optimieren, also nicht nur viele Leute kennen, und nicht nur mächtige Leute kennen, sondern viele mächtige Leute kennen, die viele mächtige Leute kennen, usw, also in etwa, wie der Page-Rank-Algorithmus funktioniert, der Google groß gemacht hat.

Man kann die ganze Geschichte des 21. Jahrhunderts als die Entdeckung und gezielten kapitalistischen und politischen Urbarmachtung von Netzwerkeffekten erzählen (was ich im Plattformbuch von der Plattformseite versucht habe).

Kalle fährt fort:

An dieser Stelle – Sie ahnen es wahrscheinlich – muss man einmal kurz innehalten, sehr exakt werden und mögliche Einfallstore für antisemitische Verschwörungstheorien mit Schwung aus dem Weg räumen. Denn die Bilder von „Strippenziehern“, „Schattenmächten“ oder „globalistischen Kräften“, die im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von „Eliten“ auftauchen, führen hier nicht weiter, weil sie reale Machtkritik mit antisemitischer Projektion vermischen.

„Hollywood“ galt und gilt bis heute als „jüdisch“, ebenso „die Finanzwelt“ und „die Medien“. Das ist aber natürlich ein ideologischer Kurzschluss, der Strukturen ethnisiert und die Verantwortung personalisiert. Deshalb braucht es absolute Präzision: Es gibt wirtschaftliche, politische, kulturelle, technologische Eliten. Sie überschneiden sich, aber sie sind nicht homogen. Wer aber das vermischt, will keine Analyse, sondern Hetze.

Draußen im Internet tobt der antisemitische Mob. Sie nutzen die Epstein-Files, um ihre These der „Jüdischen Weltverschwörung“ zu verbreiten. Dass das Quatsch ist, zeigen die Files selbst, wenn man sich die Mühe macht, sie zu lesen.

Wenn Epstein etwas enthüllt, dann dass in der hinter dem Vorhang der liberalen Weltordnung das Patriarchats die Strippen zieht?

Und klar, diese Enthüllung ist nicht wahnsinnig neu, Feminist*innen sprechen seit mindestens einem Jahrhundert davon, aber selten konnte man diesen Zusammenhang so offen und nachvollziehbar – ohne jede Theorie – einfach in Originaldokumenten nachlesen?

Ich mein: die halbe Armee der „Free Speech“ Culture Warriors der letzten Jahrzehnte steht in den Epsteinfiles, teils beim direkten „Konspirieren“ gegen die Opfer ihrer sexuellen Missetaten oder gegen „unangenehme“ Feministinnen und ihre kritischen Fragen.

Aber gut, stellen wir die unangenehme Frage:

Warum – ausgerechnet – ein Jude?

Und jetzt könnte man diese Frage von vornherein als „antisemitisch“ ablehnen und das ist fair, aber sie wird ja dennoch gestellt werden? Und, ich bin ehrlich, auch ich stelle sie mir?

Aber den ersten Einwand, den man hier machen muss, ist der, das „System Epstein“ eben nicht „jüdisch“ war. Unter seinen Kooperationspartnern, im inneren Kreis seiner Kontakte und unter den beschuldigten Tätern und denen, die alles unterm Deckel gehalten hqben finden sich deutlich mehr weiße Christen, als Juden. Epstein war keine „jüdische“ Verschwörung, wenn überhaupt eine im weitesten Sinne „westliche“ Verschwörung.

Ein weiterer Einwand, den man machen muss, ist, dass der Epstein-Fall zwar eine unglaubliche weitreichende Verschwörung ist, aber eben nicht die einzige? Wie viele Verschwörungen da draußen gibt es noch? In wie vielen davon sind Nicht-Juden die Netzwerkzentralität? Allein Koch-Familie hat sich jahrzehntelang unzählige Male gegen uns alle verschworen, um ihre Fossilmilliarden auf Kosten unserer Zukunft zu verteidigen.

Nein, es sind nicht „die Juden“, es sind „die Eliten“. Ja, das darf man wieder sagen und wer euch was anderes einredet, hat entweder nicht hingeguckt, oder will euch gaslighten.

Aber gut, gehen wir noch weiter und nehmen an, dass es trotzdem „kein Zufall“ ist, dass es ein Jude war, der das alles organisierte.

Selbst dafür finden sich nicht antisemitsche Erklärungen?

Zum Einen könnte sich sich hier schlicht eine antisemitische Geste wiederholen, die wir schon aus dem Mittelalter kennen. Damals übernahmen Juden den Geldverleih, weil Zinsen zu nehmen unter Christen als moralisch verwerflich, als „dreckiges Geschäft“ galt. Das ist der Grund für den „Head Start“ jüdischer Banker, dessen pfadabhängige Weiterentwicklung heute noch gut im Bankensektor beobachtbar ist.

Ich will jetzt keineswegs „Zinsen nehmen“ und „Kinder vergewaltigen“ vergleichen, aber mir scheint plausibel, dass, wenn eine Runde westlicher Elite-Arschlöcher beieinander sitzen und sich fragen, wer „das dreckige Geschäft“ übernehmen soll, „der Jude“ nach wie vor nicht die unwahrscheinlichste Antwort ist?

Zum anderen kann ich mir auch gut vorstellen, wie man gegenüber Epstein diese Entscheidung begründet haben könnte:

Es ist das perfekte Cover. Der Verdacht wird gesellschaftlich „unaussprechbar“ und wer es dennoch versucht, stellt sich quasi von selbst jenseits des Diskurses.

Hier also meine schlimmste Verschwörungstheorie:

Die Eliten leverageten den Anti-Antisemitismus, um ihre echte Verschwörung im Raum des Unsagbaren zu verstecken.


Während die USA gerade wegen Epstein implodiert, gibt es eine merkwürdige Zurückhaltung in der Deutschen Debatte zu dem Thema? Die liegt nicht (nur) an dem vermienten semantischen Terrain, sondern auch daran, dass gewisse Chefredakteure und Herausgeber selbst inkriminiert sind und zwar aufgrund von John Brockman und seiner zusammen mit Epstein betriebenen „Edge Foundation“.

Boris Rosenkranz hatte bei Übermedien bereits 2019 offengelegt, wie die FAZ aber vor allem die Sueddeutsche auch aus Eigeninteresse bei dem Thema Zurückhaltung üben.


Thorsten Fuchshuber hatte bereits vor ein paar Jahren Max Horkheimers Racket-Theorie, die ja an der Beobachtung des Faschismus entwickelt wurde, als politisch Ökonomie gedeutet.

Denn nicht nur gab im Nationalsozialismus einen Zusammenbruch des Staates als souveräne Gesellschaft, sondern die Banden-Dynamiken, die im Faschismus den Staat als Beute einkassierten, sieht man strukturell in liberalen Gesellschaften immer schon am Machen.

Von den Debatten in den USA ließ er sich insofern leiten, als er das Racket als Agentur zur aggressiven Durchsetzung partikularer Interessen auf Kosten der ohnmächtigen Einzelnen ebenso wie der Allgemeinheit betrachtet. Doch galt ihm der Begriff Racket weniger im Sinne konkret benennbarer, ökonomisch orientierter Banden oder politischer Zusammenschlüsse in der beziehungsweise gegen die Gesellschaft, sondern als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Dieses resultierte ihm zufolge aus der zunehmenden Konzentration und Zentralisierung der kapitalistischen Produktionsweise, war also mit einem Prozess verbunden, den Karl Marx als steigende organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet hatte.

Wir wissen, dass es auch im Vorfeld des Nationalsozialismus enorme Vermögenskonzentration gegeben hatte, in der einzelne Rackets bereits sichtbar waren und wiederum andere dazu zwangen, sich ebenfalls in Rackets zu organisieren.

Durch die Konzentrations- und Zentralisationsprozesse des Kapitals werde diese Konkurrenz zwar nicht abgeschafft, es verändere sich jedoch die Struktur der Konkurrent*innen: Diese treten nicht mehr als unzählige Individuen auf, sondern schließen sich in Rackets zusammen. Und die haben es dank ihrer herausragenden gesellschaftlichen Stellung vermehrt gar nicht mehr nötig, die eigenen partikularen Interessen mit jenen anderer sowie mit denen der gesellschaftlichen Gesamtheit zu vermitteln. Daher, so Horkheimer, haben sie auch kein »Interesse am Funktionieren des allgemeinen Rechtssystems und an seiner unparteiischen Verwaltung« mehr: Die Rackets führen vielmehr den »Kampf gegen das Recht« wie gegen »alle Vermittlungen«, die im Liberalismus »ihr eigenes Leben gewannen«.

Ich würde inzwischen weitergehen und jeder „liberalen Ordnung“ offene, aber auch versteckte Racketstrukturen unterstellen und mit Horkheimer allgemein sagen:

„Die Grundform der Herrschaft ist das Racket.“

Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.

Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.

Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.

Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.

Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.

Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.

Aber das ist für „arme“ Rackets.

Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.

Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.

Nein, das ist keine „jüdische Weltverschwörung“.

Das sind wir. Das ist unser System. Das sind unsere gesellschaftlichen Strukturen. Unsere „Kultur“. Das ist der Keller unseres Omelas.


Ryan Broderick hat auf Garbage Day eine plausible Aufschlüsselung der Moot-Bannon-4Chan-Epstein-Connection.

One of the central internet mysteries of the last 15 years is why 4chan creator Christopher Poole reversed course in 2011 and brought back the site’s politics board, which is called /pol/, or “Politically Incorrect.” It would become the staging ground for Gamergate, the 2016 Trump campaign, and the far-right populism wave that swept the world in the back half of the 2010s.

A version of /pol/ was attempted two times before it finally stuck. First, as /n/, which was meant to be a section for news content. Which ultimately became the “transportation” board in 2008. And then again, in 2010, when Poole launched /new/, largely as a way to quarantine the overwhelming amount of support on the site for Ron Paul’s 2008 presidential campaign. Poole shutdown /new/ in January 2011, telling users at the time, “As for /new/, anybody who used it knows exactly why it was removed. When I re-added the board last year, I made a note that if it devolved into /stormfront/, I’d remove it.” (Stormfront is one of the oldest Neo-Nazi communities on the web.)
So it has never made much sense as to why Poole would ban /new/ for being a racist hell hole and then, barely a year later, launch /pol/, a board specifically designed to be a racist hell hole. But buried inside the newest batch of files related to the Epstein investigation is a possible hint as to what made Poole change his mind. He met with Epstein the day before /pol/ was created.

On October 20th, 2011, Boris Nikolic, a venture capitalist and former advisor to Bill Gates, sent Epstein the Wikipedia page for Christopher Poole, writing, “There is a cool guy (KID) that you should meet.” Four days later, Nikolic followed up, asking Epstein, “How did you like moot? He is very sensitive so be gentile.” (Poole’s username for years was moot or m00t.) “I liked [him a lot]. I drove him home, he is very bright,” Epstein replied. Nikolic went on to write that, “he will be a friend” and that he is “one of the greatest hackers.”

According to Epstein’s emails, that appears to be the only time Epstein successfully made contact with Poole. It seems like organizing a simple lunch meeting with Poole was a genuine nightmare for Epstein and his team. Nikolic said he planned to meet Poole again in early November. And according to a reminder Epstein set, it seems like he planned to meet Poole at the same time. There’s also a separate email thread from October 31st with an unidentified correspondent, where the redacted sender takes credit for introducing Nikolic and Poole, writing, “I introduced Boris to Chris Poole and got them talking, encouraged Boris to get to know him. Boris said the two of you really hit it off. ;-)” Epstein had subsequent meetings scheduled with Poole on November 23rd, January 27th, 2012, which Poole canceled last minute, and, again, in February. There are nearly a hundred emails going back and forth about how Poole kept flaking on them.
But Epstein didn’t forget about 4chan. We can’t say for sure if he was an active user, but, in 2017, he sent Karyna Shuliak, his girlfriend at the time, a 4chan link containing Five Nights At Freddy’s porn.

Meanwhile in March 2012, Bannon, following the death of conservative blogger Andrew Breitbart, was installed as the editor-in-chief of Breitbart News. In 2014, 4chan’s video game board, /v/, and /pol/ started lighting up about the Gamergate conspiracy theory. Milo Yiannopoulos, then a young tech writer for Breitbart, would transform Gamergate from fringe message board drama into the cornerstone of the global far-right movement by repackaging it in articles optimized for Facebook traffic.
Which was perfect timing, because Epstein was beginning to work his way into Silicon Valley.

Lasst es mich so formulieren: Das Narrativ, „anonyme Shitposter auf 4chan emergieren zufällig (halb-)richtige Verschwörungstheorie“ klingt für mich als QAnon-Erklärung nicht mehr plausibel? Dafür sind die Q-Drops zu nahe dran?


In Vanity Fair machen sie sogar die Pizza-Gate Akten wieder auf.

The references span years—from long before Pizzagate existed to long after it was broadly considered debunked.

“What time do you want to get pizza and grape soda tomorrow?” one associate asks Epstein in 2018.

A 2015 subject line reads: “Your Pizza Is YUMMY YUMMY!!”
“This is better than a Chinese cookie!… lets go for pizza and grape soda again. No one else can understand,” a redacted sender writes to Epstein in 2018.

Das deckt sich mit vielen meiner Funde. Beispiel:

Betreff: The Pizza Monster, Epsteins Reply: „she looks pregnant“.

Oder diese merkwürdige … Pizzabestellung? an Jeffrey Epstein.

I know Bobby LOVES =rturo’s pizza on Houston…they open at 4pm..l could send =ojo down to arrive 4pm at Arturo’s, pick up a large cheese and =ake to 301? Bobby says his day is busy but he might be back to =he apartment sometime between 4-6pm…he is at the Friar’s =tub for lunch 2-4 then meeting a friend at 6pm…

(He also likes Patsy’s Columbus and 72nd and Angelo’s =17 W. 57th)

Epstein antwortet nur „Ok“ und genehmigt damit eine … Pizzabestellung zu jemanden in sein Appartment nach Houston?

Das Wort „Pizza“ hat 845 Treffer in den Epstein-Files und Jmail findet 200 davon, sehr viele extrem … „weird“.

Der Artikel zitiert einen Redditor mit einer Verschwörungstheorie, die mir auch sofort in den Sinn kam.

“QAnon was an op to hide this shit in plain sight and make anyone who said anything about it sound like a lunatic. They masked it in a far-right ‘it’s only the dems’ cover,’” argued one Reddit user. “Gloating about projection people fell for. The pizza basement was Epstein island all along,” wrote another.

Also ich bemühe mich ja, zu widerstehen, aber dass Epstein, oder Bannon, vielleicht in Zusammenarbeit mit Maxwell hinter den ersten Q-Drops stand, ist einfach zu verlockend plausibel?

Schaffe eine populäre Verschwörungstheorie über das, was du machst, häng alles dem politischen Gegner an und promote deinen besten Kumpel als „Aufklärer der Verschwörung“ ins Weiße Haus.

Der Backlash gegen die Verschwörungstheorie bereitet das beste Cover für deine Operation und da du eh die hälfte der Elite im Sack hast, finden sich immer Hebel, alles unterm Deckel zu halten.

Ich halte es für möglich, dass Epstein hinter Pizzagate und später auch Qanon stand. Ich halte es aber fast für wahrscheinlicher, dass es Bannon war (er war der eigentliche digital Culture War erfahrene, seit er als Breitbart-Chefredakteur „Gamergate“ orchestrierte), vllt in Zusammenarbeit oder mit Wissen Epsteins. Oder Ghislane Maxwell bereits Pizzagate initiiert, wie viele Glauben oder vielleicht waren auch Roger Stone oder Paul Manafort involviert?

So oder so, meine Verschwörungsthese ist: es war ein Insider.

Und vielleicht war es zuerst auch nur Spaß, vielleicht eine Provokation, vielleicht war das zuerst alles gar nicht koordiniert und wahrscheinlich haben sie dann schnell die Kontrolle verloren, spätestens, als das Ding zu 8chan umgezogen ist.

Aber diejenigen, die das aufgleist haben, waren Insider: dafür sind Pizzagate und die Q-Drops zu nahe dran.


Seit dem letzten DOJ-Drop bin ich mir sicher, dass die Files alle ans Licht kommen werden und ich habe sogar Hoffnung, dass neue Ermittlungen aufgenommen werden und dass der Fall wirklich aufgearbeitet wird.

Der Grund ist einfach:

Das, was die Files so lange unter Verschluss gehalten hat – die Interessen vieler mächtiger Männer – wendet sich nun gegen die Verheimlichung.

Die gesamte amerikanische Elite ist jetzt mit Kacke bespritzt und weil den meisten, der in den Files Genannten wahrscheinlich keine Verbrechen getan haben, verschiebt sich die Balance Richtung Aufklärungsinteresse. Sie alle wissen, dass sie sich von dieser Shitshow nur „reinwaschen“ können (so richtig wird das natürlich nie gelingen), wenn alle Files released, am besten alle Verbrechen aufgeklärt und alle Täter benannt sind.

Derweil werden auch weiterhin überall um uns herum die Truth-Bombs hochgehen.

Weil sich Wissen pfadabhängig fortpflanzt, generieren die Milliarden Daten-Enden der Epstein Files (Daten, Namen, Orte, Emailadressen, Kontonummern, Telefonnummern, etc.) hochreaktive Pfadgelegenheiten zur Verknüpfung mit anderen Daten, aus denen dann neue „Leads“ in „kalten“ Geschichten hervortreten.

Epstein war ein riesiges vieldimensionales Puzzelteil in soo vielen Puzzeln und dieses Puzzelteil löst jetzt eine Kettenreaktion in unzähligen umliegenden Geschichten aus.

Krasse Links No 76

Willkommen zu Krasse Links No 76. Sorry, dass so lange nichts kam, aber erst war ich ausgebrannt, dann passierte alles auf einmal und dann musste ich erstmal meine Gedanken auf Mastodon neu sortieren. Aber jetzt arretiert Eure Souveränität, heute leveragen wir Henry Farrell als Pfadgelegenheit, um der Dollar-Hegemonie das Fulcrum aus dem Fenster zu klauen.


Durch das Weltereignis-DDos sind einige newsletterrelevante Entwicklungen undokumentiert geblieben, die ich, sorry, hier kurz nachreiche:

  • Purge-Koalition: Der Tiktok-Deal ist nun unter Dach und Fach und damit sind alle notwendigen „Infinity Stones“ im Purge-Handschuh. Und während wir warten, dass Trump „Schnipp“ macht und Larry Ellison (die Eigentümerstruktur ist komplizierter, aber allgemein jetzt sehr Trumpnah), Mark Zuckerberg und Elon Musk alle linken, pro-palästinensischen und antifaschistischen Accounts den Hahn zudrehen, wurden um Weihnachten die ersten Vorboten des Purges auch in Deutschland spürbar, als die Macherinnen von HateAid auf die Sanktionsliste gesetzt wurden und der Roten Hilfe und anderen antifaschistischen Organisationen die Konten gekündigt wurden.
  • Massensprechaktwaffen: Elon Musk hat Grok nun mit einer Image-Engine ausgestattet, die Menschen „ausziehen“ kann und mit der die User bereits Jagd auf etliche Frauen und Kinder machen. Inzwischen hat Musk „reagiert“ und das Feature nur noch für Pro-User freigeschaltet. Das ist folgerichtig: jetzt, wo auch für MAGA offensichtlich ist, dass ihre halbe Polit- und Wirtschafts-Elite in den Epstein-Files steht, aber niemand irgendwas deswegen tut, ist der Markt reif für „Epstein as Service“ als exklusives KI-Feature. Immerhin will die EU jetzt einschreiten?
  • Fossilimperium: Trump hat völkerrechtswidrig Venezuela überfallen, den Präsidenten Maduro entführt und behauptet, er würde das Land jetzt per Fernbedienung steuern, aber ich habe Zweifel. Allerdings nicht daran, dass es ihm um das Öl geht – er erzählt es jedem, der es nicht hören will. Auch wenn abzuwarten bleibt, was die Aktion überhaupt gebracht hat, steht fest: Trump konsolidiert die Weltordnung weiter in Richtung PetroStates vs. ElectroStates.
  • Trumpfaschismus: Die USA gleiten auch innenpolitisch immer tiefer in den Faschismus ab. Die Morde an Renee Good Und Alex Pretti sind nur die Spitze des Eisbergs. Seit der Trump-Präsidentschaft sind bereits mehr als 40 Menschen unter ICE Einwirkung zu Tode gekommen. Die meisten davon nicht weiß.
  • Genozid in Gaza: das „Board of Peace“ wurde gegründet, um der Ethnischen Säuberung den Anschein internationaler Legitimation zu verleihen, ohne dabei zu verheimlichen, dass es hier eigentlich um einen Realestate-Deal geht. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner stellte jüngst den „Masterplan„, zur Neu-Bebauung von Gaza vor, mit Hotels, 180 Wolkenkratzern und etlichen Golfplätzen. Gaza wird damit zum Symbol gewaltsamer Gentrifizierung auf globalem Level.
  • Derweil kündigt sich der nächste mögliche Genozid an: Kobanê wird von den Truppen des neuen syrischen Machthabers Ahmed al-Scharaa bedroht, der zusammen mit von der Türkei unterstützten Islamisten gegen die kurdische Autonomieregion vorrückt und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet – unter Billigung Trumps. Vor wenigen Jahren waren es vor allem die Kurden, die den USA und der westlichen Allianz halfen, ISIS aus Syrien und Irak zu vertreiben. Jetzt lassen die Amerikaner ihre ehemaligen Verbündeten von Islamisten abschlachten. Und die Bundesregierung schiebt dorthin wieder ab?

„Hours after an ICE agent killed the mother of three, Elon Musk’s chatbot was undressing her.“

Was für ein Satz. Was für eine Welt.


Garbage Day über weirde Shaddow Bans seit der Tiktok-Übernahme.

TikTok users are reporting that political posts are being complete throttled on the platform right now. There’s screenshot circulating on X of the producer Finneas’ account showing 0 view counts on his most recent videos. Which showed up for me, as well, when I checked it. But after a few refreshes, the page did start loading properly. […]

Normally, I would say that it would take a considerable amount of time to completely overhaul the algorithm for site like TikTok. But now that we’ve seen how fast X, formerly Twitter, changes due to the whims of its own mad king, Elon Musk, I wouldn’t say it’s totally impossible.

Gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der nervös ist.


Weihnachten war ich geDDosed von der Welt, im neuen Jahr von meinen eigenen Gedanken.

Ich nahm ich mir den Begriff „Leveragevor, der sich mir schon seit längerem aufdrängte, den ich mir aber nie wirklich traute, ernsthaft zu adaptieren und analytisch zu durchmessen, was ich dann in einem öffentlichen, etwas eskalierten Nachdenkt-Prozess auf Mastodon über knapp 10 Tage nachholte und was soll ich sagen: Der Hebel war das fehlende Puzzelteil des Relationalen Materialismus und der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Das Interessante am Hebel ist nicht der Hebel selbst, sondern das Fulcrum, also der sogenannte „Dreh und Angelpunkt“, gegen den ein Hebel hebt und als ich genauer hinschaute, entfaltete sich das Fulcrum in einer ähnlichen Tiefe und Komplexität, wie bereits die Pfadgelegenheit und wird dadurch gleichzeitig erstaunlich übertrag- und universell einsetzbar.

Ich schreibe gerade an einem längeren Explainer dazu, aber ganz grob runtergebrochen werden Hebel und Fulcrum zu Rollen: Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.

Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Da die Pfadgelegenheit bekannter Maßen ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, also mit weiteren Pfadgelegenheiten bebaut wird, quasi „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Das macht jede Pfadgelegenheit aber auch zu einer Weiche. Wenn die Pfadgelegenheit beschritten, also der Hebel umgelegt wurde, hat man den Pfad gewechselt und in einen neuen Pfad „investiert“, ob man will oder nicht. Das mag in vielen Situationen keine soo große Rolle spielen und Pfadkorrekturen sind in den meisten Fällen auch möglich, in anderen kann so eine Pfadentscheidung auch zum Verhängnis werden.

Deswegen gibt es zwei ganz besonders relevante Typen von Pfadgelegenheiten:

Onramps und Offramps. Onramps etablieren eine habituelle Hebelnutzung, Offramps beenden sie. Allerdings erwarten Offramps eine Pfadalternative als Argument.


Mark Carneys Davos-Rede ist aller Munde und auch ich konnte nicht anders, als einen kleinen Freudenschrei auszustoßen, wenn so offensichtliche Wahrheiten endlich einmal so klar formuliert von einem westlichen Staatschef ausgesprochen werden.

We knew the story of the international rules-based order was partially false that the strongest would exempt themselves when convenient, that trade rules were enforced asymmetrically. And we knew that international law applied with varying rigour depending on the identity of the accused or the victim.

This fiction was useful, and American hegemony, in particular, helped provide public goods, open sea lanes, a stable financial system, collective security and support for frameworks for resolving disputes.

Hegemonie ist nie gerecht, aber für viele nützlich (oft sogar für ihre Gegner*innen), denn sie schafft leveragebare Erwartungsstabilität. Die Erwartungsstabilität wird zur Infrastruktur, auf der sich die Akteure in der Welt verständigen, Konflikte lösen und Handel treiben, etc. Und so lange man auf der „guten Seite“ der USA stand, konnte man als „westliches Land“ und teil des ein oder anderen Bündnisses, diese Früchte genießen – auf Kosten derjenigen, die nicht zum engeren Kreis gehörten.

This bargain no longer works. Let me be direct. We are in the midst of a rupture, not a transition.

Over the past two decades, a series of crises in finance, health, energy and geopolitics have laid bare the risks of extreme global integration. But more recently, great powers have begun using economic integration as weapons, tariffs as leverage, financial infrastructure as coercion, supply chains as vulnerabilities to be exploited.

You cannot live within the lie of mutual benefit through integration, when integration becomes the source of your subordination.

The multilateral institutions on which the middle powers have relied – the WTO, the UN, the COP – the architecture, the very architecture of collective problem solving are under threat. And as a result, many countries are drawing the same conclusions that they must develop greater strategic autonomy, in energy, food, critical minerals, in finance and supply chains. […]

Hegemons cannot continually monetize their relationships.

Das Ende einer infrastrukturellen Hegemonie ist teuer für alle, aber wenn Donald Trump den in seinem Sinne gezinkten Pokertisch umwirft, weil er nicht mal mehr Lust hat, so zu tun, als hätte irgendwer anderes mitzureden, dann wird es Zeit, Offramps zu organisieren.


Hier sollte eigentlich auch etwas zu Friedrich Merz‘ Davos-Rede stehen, aber alles, was ich schrieb, war zu viel.


Henry Farrell hat zusammen mit Daniel Davies ein neues Paper draußen, dass sich der „weaponization“ der „Dollar-Zentralitätwidmet.

Ein paar Worte zu Farrell: Sein Paper zu „Weaponized Interdepdence“ (2019) zusammen mit Abraham L. Newman war ein wesentlicher Baustein für meine Analyse im Plattformbuch, wie Plattformen politische Macht ausüben und könnte nebenbei auch die intellektuelle Vorlage der Carney-Rede gewesen sein.

Jedenfalls analysieren Davies und Farrell in ihrem neuen Paper die Weaponization der Dollarhegemonie, indem sie sie als kybernetischen Feedbackmeachnismus also quasi als Netzwerkeffekte denken.

In cybernetic terms, collective judgements, incentives, and expectations form a regulatory subsystem. However, where positive feedback loops develop and spread, changes are amplified and existing orders will be often weakened and perhaps even collapse.

Und auch Farrell und Davis merken, dass das alles mit Netzwerkzentralität zu tun hat.

‘Dollar centrality’ is a political-economic concept that refers to the extreme attractiveness of the US dollar as a currency for transactions and investment. […]

The conveniences of dollar centrality for facilitating financial transactions are inseparable from the dollar payment system and its rules as set by the US government. International actors might prefer not to follow these rules, but it would be very painful to lose the enormous benefits of dollar centrality. Many international commercial payments take place in dollars, for ease and convenience. Even those that are not denominated in dollars often touch the dollar payment system, because the dollar is the ‘vehicle’ currency for foreign exchange – a trade of yen for pesos will usually exchange yen for dollars and then dollars for pesos to take advantage of the more liquid dollar markets.

Ich würde konkreter sagen: der Dollar nimmt eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein und das heißt in diesem Zusammenhang konkret, dass man die Pfadgelegenheit Dollar 1.) leichter als jedes andere Geld in alle möglichen anderen Pfadgelegenheiten verwandeln kann (transitive Liquidität) und man 2. Dollar braucht, um einen ganzen Strauß von Pfadgelegenheiten überhaupt nehmen zu können (pfadvoraussetzende Liquidität). Daraus ergibt sich ein erheblicher Lock-In, mit erheblichen Vorteilen für die USA. Alle wollen Dollar und handeln daher mit ihnen, denn das ist der beste Weg, an Dollar zu kommen. Und während alle anderen echte, materielle „Goods & Services“ nach drüben schiffen, müssen die Amerikaner nur das Spreadsheet der Federal Reserve mit Nullen auffüllen, um all das zu bezahlen, wie Cory Doctorow so schön zusammenfasst.

Zunächst wurde dieses Asset von den USA gehegt und gepflegt und es wurde acht darauf gegebenen, dass die Security Agencies der wachsenden Infrastrukturmacht nicht ins Handwerk pfuschen, doch spätestens seit dem 11. September wurde die Dollar-Zentralität immer mehr zum Fulcrum für allerlei Sicherheitshebel, speziell Geldwäscheüberwachung und Sanktionsmechanismen.

Diese Hebel waren langfristig zu attraktiv? Schließlich kann man dadurch nicht nur Banken und Staaten disziplinieren, sondern eigentlich alle wirtschaftlichen Akteure, sofern sie auf Banken angewiesen sind.

Dollar hegemony and US law generated powerful incentives for compliance across the world. Although the legal basis for many actions against non-US actors was surprisingly weak, the fear of being denied access to dollar clearing was sufficient incentive to comply, especially for financial institutions. […]

Financial institutions’ aversion to risk worked as a force multiplier of US coercion. Sanctions compliance, like other forms of anti-money laundering policy but unlike most bank regulation, is enforced by sometimes unpredictable ex post regulatory punishments rather than exante provision of a checklist of required actions.

Doch je mehr diese Hebel bedient werden, desto deutlicher erodiert ihr Fulcrum – also die Akzeptanz der Dollar-Hegemonie. Insbesondere China und die EU werden mittel bis langfristig Pfadalternativen zur Dollarabhängigkeit suchen und schaffen.

This plausible near-future scenario has all the characteristics of a positive feedback loop. Under current circumstances, the EU has strong reasons to do everything it can to escape American hegemony. The US, for its part, has strong reasons to do everything it can to prevent this from happening. The more that the EU tries to get away, the more the US will do to pin it down. In this scenario, there do not appear to be any players, systems, or entities who combine the three necessary features to play a stabilisierung role: the capacity to model the effects of their actions on the overall system, the power to generate sufficiently strong feedback, and the incentive to maintain the current system rather than watch it tear itself apart.

Beim Nachdenken über „Leverage“ merkte ich, dass ich die Hebel-Fulcrums-Logik bereits im Plattformbuch impliziert hatte: Plattformmacht ist Netzwerkmacht + Kontrollregimes, wobei ich erst nachträglich gemerkt habe, dass die Netzwerkmacht (der durch die Netzwerkeffekte erzeugte allgemeine Lock-In) das „Kontaktzonen-Fulcrum“ ist, auf dem die Hebel der Kontrollregimes (Infrastrukturregime, Zugangsregime, Query-Regime, etc.) ansetzen.

Die Hebel der Kontrollregimes ermöglichen wiederum weitere, übergeordnete Hebel – unterschiedliche „Politiken“ – etwa die „Politik der Pfadentscheidung“, die das Infrastrukturregime leveraged, um die Pfade der Nutzenden im eigenen Sinne vorzudefinieren. Die USA haben diese Politik lange als den wichtigsten Hebel in ihrer Außenpolitik betrachtet (Dollarhegemonie, Etablierung und Kontrolle internationaler Institutionen, Handelsverträge, „Soft Power“ und „semantische Hegemonie“ in Tech, Hollywood und Popkultur, etc.)

Daneben beschreibe ich aber auch einen anderen Hebel und der ist direkt von Farrell/Newman 2019 abgeleitet: „Die Politik des Flaschenhals“ (Chokepoint Politics). Man nutzt Netzwerkzentralitäten im Pfadgelegenheitsnetzwerk, um anderen Zugang dazu zu verwehren, oder damit zu drohen, um Zugeständnisse und Disziplin zu erpressen. Das ist das Geschäftsmodell aller Plattformen (Enshittyfication), aber wie mir später bald aufging, eigentlich aller Transaktionen im Kapitalismus, wenn man Netzwerkzentralität nicht „total“ denkt (dann denkt man sie eh falsch), sondern als „relative Netzwerkzentralität“ in konkreten Zusammenhängen und sich nicht an „Profiten“ orientiert, sondern an „Margen“.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist der Fall also klar: Seit Donald Trump am Ruder ist, nutzt er die in dem Paper von Steven Miran beschriebenen Hebel, um aus dem Fulcrum amerikanischer Dollarhegemonie (und alle anderen Abhängigkeiten) per „Politik des Flaschenhals“ die aus der Weltgemeinschaft extrahierbare Marge zu optimieren.

Donald Trump denkt, er sei im Schlaraffenland, denn er hat das Hebeln als „Unternehmer“ im Kapitalismus gelernt, weswegen er kein Gespür für das Fulcrum hat. In seiner Welt werden die Fulcrums-Kosten seiner Hebel für gewöhnlich als „Externalität“ auf die Gesellschaft abgewälzt und die kann viel absorbieren, wie wir alle ständig feststellen. Hence, „Libertarian Mindset“.

Doch inzwischen sind Trumps Hebel so groß und schmerzhaft, dass das Fulcrum, auf dem er leveraged, bereits Anzeichen von Brüchigkeit zeigt, wie Farrell und Davis im Paper aufzeigen.

Such a feedback loop would help destabilise the US dollar. A digital euro might create an alternative to dollar clearing that is stabilised by the rule of law and hence less open to political influence and weaponisation. It is equally possible that the EU eventually will find itself obliged to acquiesce to US hegemony. There is no reason to necessarily believe that the system will soon settle down to one or the other equilibrium (or to some other stable state): continued oscillation and uncertainty is a perfectly possible outcome.

Ob es so kommt, bleibt abzuwarten. Meiner Erfahrung nach sollte man die Beharrungskräfte der Netzwerkmacht nicht unterschätzen?


Henry Farrall hat auch einen sehr lesenswerten Newsletter und in der letzten Ausgabe denkt er lesenswert kulturanthropologisch über Davos als Ritual und auch Carneys Rede nach.

Dafür führt er das Buch Rational Ritual: Culture, Coordination, and Common Knowledge, des Kulturtheoretikers Michael Suk-Young Chwe an, der Rituale in ihrer Funktion zur Synchronisierung von Erwartung analysiert und als Beispiel nimmt Chwe die Praxis von Königen, durch ihr Land zu fahren, um sich als Machthaber dem Volk zu zeigen.

Our interpretation focuses exactly on publicity, the common knowledge that ceremonies create, with each onlooker seeing that everyone else is looking too. Progresses are mainly a technical means of increasing the total audience, because only so many people can stand in one place; common knowledge is extended because each onlooker knows that others in the path of the progress have seen or will see the same thing.

Machtprojektionen funktionieren nie individuell, sondern immer dividuell: Sehen ist performativ: Dein Sehen erlaubt und beglaubigt mein Sehen und umgekehrt.

Wenn also die Davos-Interpretationen von Adam Tooze und Paul Krugman stimmen, dass Trump dort alle Türen mit dem großen Hebel einrennen wollte, um sich vor der Weltelite zum König der Welt zu krönen, mit Grönland als Krone, und dabei merkte, dass er ins Leere hebelt, dann ist mehr schief gegangen, als nur eine mißlungene Gelegenheit, Macht zu projizieren, so Farrell:

We should think about Davos as a site and moment of ceremony, in the terms that Chwe lays out, which cements common knowledge about who is in charge, and what the principles of rule are. That, in turn provided Trump with a possible opportunity to anoint himself as the central figure in a new vision of the West […]

The ceremony was disrupted, by European threats of retaliation, which in turn led the market audience to express its unhappiness, and by Carney’s quite deliberate and self-conscious effort to crack the illusion of inevitability.

Das ist, was eigentlich passierte: Die Illusion von Unabwendbarkeit/inevitability wurde zerstört. Carney macht das expklizit, indem er Václav Havels bekannte Greengrocer-Geschichte beleiht:

Every morning, this shopkeeper places a sign in his window: “Workers of the world, unite!” He doesn’t believe it. No one does. But he places the sign anyway to avoid trouble, to signal compliance, to get along. And because every shopkeeper on every street does the same, the system persists.

Not through violence alone, but through the participation of ordinary people in rituals they privately know to be false.

Havel called this “living within a lie.” The system’s power comes not from its truth but from everyone’s willingness to perform as if it were true. And its fragility comes from the same source: when even one person stops performing — when the greengrocer removes his sign — the illusion begins to crack.

Weil wir keine Individuen sind, die Macht beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie Macht beobachten, operiert Macht immer schon im Raum der vernetzten Erwartungen und ganz besonders Trump. Das ist gleichzeitig seine größte Stärke, und größte Schwäche/Angreifbarkeit.

All das was Carney sagt, sagen Linke seit Jahrzehnten, aber das in diesem spezifischen sozialen und diskursiven Raum – ein zeitlicher und örtlicher Glutpunkt eben jener Ordnung, dessen Schild Carney gerade aus dem Fenster nimmt –, aus dem Mund eines Eststablishment-Bürokraten wie ihm, reißt nicht nur ein Loch in Trumps Machtprojektion, sondern eröffnet gleichzeitig für alle anderen einen möglichen alternativen Pfad aus dem Wahnsinn, als Offramp aus der „amerikanischen Ordnung“.


Hab noch nicht reingehört, aber Farrell war auch gerade zum Thema bei Ezra Klein.


Weil Canada seine Bestellung von F35-Fighterjets reduziert, droht Trump mit der Beendigung militärischer Zusammenarbeit.

Ich schlage eine andere Definition von „Souveränität“ vor:

Souveränität ist, einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Souveränität oder nicht ist also eine Frage, die sich nicht allgemein, sondern immer nur spezifisch und situativ entscheiden lässt. „Souverän“ ist man nur gegenüber Pfaden, oder eben nicht.

Die Bedingung der Möglichkeit der Souveränität ist also die Möglichkeit „Nein“ zu sagen und die beruht auf zwei Pfeilern:

  1. Die Vorhandenheit von Pfadalternativen und/oder
  2. die Bereitschaft zu verzichten und die Kosten dafür zu tragen.

In der Realität braucht es immer eine Mischung aus beidem, denn Pfadalternativen sind selten gleichwertig und ohne Pfad geht es sowieso nicht, also werden die meisten Pfadalternativen mit erheblichen Wechselkosten bezahlt.

Ja, die Kosten, sich vom Empire loszusagen sind ohne Frage hoch. Aber die Kosten, diesen Pfad in Trumps faschistischen Wahnsinn weiter mitzumarschieren, werden unendlich viel höher sein. Das sagt jedenfalls meine Q-Function.


Mattew Remski warnt aus marxistischer Perspektive davor, Mark Carney nach seiner Ansprache als Genossen zu feiern.

Carney nimmt zwar sein Schild aus dem Fenster, was den Ordnungsanspruch durch die USA angeht, ist aber sonst very much Pro-Kapitalistisch und wer die Rede zu Ende gehört hat, wird bemerkt haben, dass er damit vor allem auch Stimmung für Canada unter den anwesenden Investor*innen machen wollte (wie alle, die in Davos sprechen).

Remski hat natürlich recht, aber erstens bin ich derzeit einfach froh über jede Offramp, die sich auftut und wenn sie irgedwie erfolgreich sein soll, sorry, dann muss sie aus dem bürgerlichen Lager kommen.

Außerdem ist der Riss, den Carney aufmacht, ein Fulcrum für weitere Hebel? Ist die Geste des „Schild aus dem Fenster nehmens“ erstmal eingeübt, wird sie zur Plattform für weitere Widerstandspfadgelegenheiten und da ich eh glaube, dass der Riss eigentlich bis hinunter ins „Individuum“ reicht, wird es da noch vieles zu Hebeln geben.

Also vergesst doch mal für einen Moment die Utopien und eure genauen Vorstellungen einer „idealen und gerechten Gesellschaft“. Ich schau stattdessen auf den Riss und sehe darin die Pfadgelegenheit für weitere Risse.


Es war wieder CCC-Congress und auch wenn ich lange nicht alle sehenswerten Talks geschaut habe, hier meine persönlichen Empfehlungen.

Cory Doctorow war wieder da und stellte seine Pfadgelegenheit vom „Post American Internet“ vor. Er reiterierte seinen Vorschlag, den Tech-Imperien ihre Unverwundbarkeitsklasusel zu nehmen: die „Anti-Circumvention“ Laws des Urheberrechts, die quasi weltweit per Handelsverträge festgeklopft wurden, auch bei uns.

Ich hatte seinen Vorschlag bereits im Plattformbuch übernommen, aber jetzt präsentierte er ein wunderbar eingängig gecraftetes Narrativ, wie sich daraus ein entscheidender Schlag gegen die techfaschistische Hegemonie entwickeln ließe.

Außerdem empfehlenswert: Helena Steinhaus von Sanktionsfrei über soziale Ungleichheit, Udbhav Tiwari and Meredith Whittaker über die Securityaspekte „agentischer KI“ im Betriebsystem und allgemein, Rainer Rehak mit einem Update seines Talks über Israels statistische Tötungsautomations-Systeme und Arne Semsrott über Gegenmacht.


Außerdem sei ganz herzlich auch die Känguru-Rebellion und der Digital Independence Day von Marc Uwe Kling und Linus Neumann empfohlen.

Die Idee ist einfach: Jeden ersten Sonntag im Monat widmen wir uns der Migration eines Dienstes oder Plattform weg von amerikanischen Tech-Monopolisten zu weniger toxischen Alternativen, bzw. helfen einander dabei.

Aus Pfad-Ingenieurs-Perspektive ist das prima gebaut: Wie bekomme ich einen möglichst großen Strom von Leuten vom Set der Plattformen A zum Set der Plattformen B? Eine Figur wie Marc Uwe Kling wirkt nicht nur links, sondern bis weit in junge bürgerliche Schichten rein und ist damit ein tragfähiger Pfeiler für eine breite Migrations-Brücke. Zur Brücke gehört nicht nur die Website, sondern auch ein kleines Heer an freiwilligen Nerds, die deutschlandweit praktische Hilfe anbieten. Perfekt.

Das Problem ist nicht die Onramp oder die Brücke, sondern die Offramp: Die Wechselkosten sind insbesondere im Social Media Bereich noch enorm hoch und egal was Mastodon- oder Bluesky-Fans behaupten, dezentrale Dienste sind derzeit keine gleichwertigen Pfadalternativen.

Das größte Problem: Eröffnet man einen neuen Account, sieht man dort nur Leere, ist verloren und finden tut man auch keinen. Ich hab es so oft gesehen: die Leute kommen, gucken, gehen.

Hier hilft die dividuelle Perspektive, die versteht, dass Social Media nicht ein „Tool“ ist, das „Individuen“ benutzen, „um zu kommunizieren“, sondern dass jeder Account ein Teil eines gewachsenen Geflechts ist. Accounts sind Pflanzen, die Wurzeln geschlagen haben und ein einfacher Umzug lässt sie als abgerissenen Stängel ankommen.

Der Trick ist, Communities umzutopfen, statt Individuen „umzuziehen“. Auf Social Media sind wir in immer mindestens einer, meisten mehreren Communities unterwegs, deren Debatten und Narrativen man mehr oder weniger intensiv verfolgt, oder aktiv daran teilnimmt.

Ich hatte deswegen bereits vor Monaten eine Step-by-Step-Anleitung aufgeschrieben, wie man Communities umtopfen kann.

Aufgrund der digitalen Algorithmen haben wir ein bisschen die Macht der sozialen Algrorithmen aus den Augen verloren, wie Kettenbriefe, Telefonlavienen (danke ???), bzw. sie wurden zu oft missbraucht, so dass sie in einen schlechten Ruf gerieten?

Aber andersrum ist es wohl richtiger: sie wurden als Hebel deswegen so oft missbraucht, weil sie so mächtig sind. Es wird Zeit, sie als strategisches Asset wieder zu rehabilitieren.


2026 wird so hart wie alle befürchten. Aber es wird auch das Jahr, an dem sich effektiver Widerstand zu formen begann.

Krasse Links No 75

Willkommen zu Krasse Links No 75. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, habe ich mich die letzten Monate etwas verausgabt und bin jetzt zum Jahresende – Überraschung – doch merklich erschöpft. Ich weiß nicht, on ob ich dieses Jahr noch eine weitere Ausgabe schaffe, aber spätestens nächstes Jahr geht frisch weiter. Deswegen schon mal: Schöne Feiertage euch.

Aber jetzt haltet Eure Feedback Loops bereit, heute homogenisieren wir den Hivemind-Effect der Totalüberwachung mit “the buzz”.


In diesem sehr lesenswerten Essay auf Aeon spannt der indischstämmige KI-Researcher Deepak Varuvel Dennison einen weiten Bogen von der lokalen Situiertheit eines großteils des menschlichen Weltwissens zur Homogenisierung des Weltwissens durch LLMs.

The irony isn’t lost on me that this dilemma has emerged through my research at a university in the United States, in a setting removed from my childhood and the very context where traditional practices were part of daily life. At Cornell University in New York, I study what it takes to design responsible AI systems. My work has been revealing to me how the digital world reflects profound power imbalances in knowledge, and how this is amplified by generative AI (GenAI). The early internet was dominated by the English language and Western institutions, and this imbalance has hardened over time, leaving whole worlds of human knowledge and experience undigitised. Now with the rise of GenAI – which is trained on this available digital corpus – that asymmetry threatens to become entrenched.

Dennison hat einen erfrischend materialistischen Blick auf Sprache und damit auf die Wissensstrukturen, die sich in LLMs abbilden.

To understand why this matters, we must first recognise that languages serve as vessels for knowledge – they are not merely communication tools, but repositories of specialised understanding. Each language carries entire worlds of human experience and insight developed over centuries: the rituals and customs that shape communities, distinctive ways of seeing beauty and creating art, deep familiarity with specific landscapes and natural systems, spiritual and philosophical worldviews, subtle vocabularies for inner experiences, specialised expertise in various fields, frameworks for organising society and justice, collective memories and historical narratives, healing traditions, and intricate social bonds. […]

When AI systems lack adequate exposure to a language, they have blind spots in their comprehension of human experience. For example, data from Common Crawl, one of the largest public sources of training data, reveals stark inequalities. It contains more than 300 billion web pages spanning 18 years, but English dominates with 44 per cent of the content. What’s even more concerning is the imbalance between how many people speak a language in the physical world and how much that language is represented in online data. Take Hindi, for example, the third most spoken language globally, spoken by around 7.5 per cent of the world’s population. It accounts for only 0.2 per cent of Common Crawl’s data. The situation is even more dire for Tamil, my own mother tongue. Despite being spoken by more than 86 million people worldwide, it represents just 0.04 per cent of the data. In contrast, English is spoken by approximately 20 per cent of the global population (including both native and non-native speakers), but it dominates the digital space by an exponentially larger margin. Similarly, other colonial languages such as French, Italian and Portuguese, with far fewer speakers than Hindi, are also better represented online.

The underrepresentation of Hindi and Tamil, troubling as it is, represents just the tip of the iceberg. In the computing world, approximately 97 per cent of the world’s languages are classified as ‘low-resource’. This designation is misleading when applied beyond computing contexts: many of these languages boast millions of speakers and carry centuries-old traditions of rich linguistic heritage. They are simply underrepresented online or in accessible datasets. In contrast, ‘high-resource’ languages have abundant and diverse digital data available. A study from 2020 showed that 88 per cent of the world’s languages face such severe neglect in AI technologies that bringing them up to speed would require herculean – perhaps impossible – efforts. It wouldn’t be surprising if the status quo is not too different even now.

Für die Effekte der Verzerrungen durch die westlich-hegemoniale Perspektive bringt Dennison mit den „Glasfassaden“ ein Beispiel aus der Architektur. In der westeuropäischen Moderne wurden Glasfassaden als funktionaler und effizienter Entwurf erdacht und beworben, weil sie Energie dadurch sparen, dass sie natürliches Licht zur Beleuchtung und auch Beheizungszwecken nutzen. Durch die westliche Hegemonie habe sich das Bauprinzip aber auch in Regionen durchgesetzt, wo Glasbauten das Gegenteil von effizient sind, weil sie in heißem Klima aufwändig von innen gekühlt werden müssen.

Epistemologies are not just abstract and cognitive. They are physically embodied around us, with a direct impact on our bodies and lived experiences. To understand why, let’s consider an example that contrasts sharply with the kind of Indigenous construction practices that Dharan seeks to revive: high-rise buildings with glass façades in the tropics.

Es ist aber eben nicht nur so, dass maginales und lokales Wissen aus Chatbots nur durch die Trainingsdaten unterrepräsentiert ist, sondern auch, dass LLMs einen eingebauten Bias für die populärsten Pfade hat, der den Effekt der Unterrepräsentationen und populären Überbetonungen noch mal vervielfacht.

The problem is far deeper than gaps in training data. By design, LLMs also tend to reproduce and reinforce the most statistically prevalent ideas, creating a feedback loop that narrows the scope of accessible human knowledge.

Why so? The internal representation of knowledge in an LLM is not uniform. Concepts that appear more frequently, more prominently, or across a wider range of contexts in the training data tend to be more strongly encoded. For example, if pizza is commonly mentioned as a favourite food across a broad set of training texts, the model is more likely to respond with ‘pizza’ when asked ‘What’s your favourite food?’ Not because the LLM likes pizza, but because that association is more statistically prominent.

More subtly, the model’s output distribution does not directly reflect the frequency of ideas in the training data. Instead, LLMs often amplify dominant patterns in a way that distorts their original proportions. This phenomenon can be referred to as ‘mode amplification’. Suppose the training data includes 60 per cent references to pizza, 30 per cent to pasta, and 10 per cent to biriyani as favourite foods. One might expect the model to reproduce this distribution if asked the same question 100 times. However, in practice, LLMs tend to overproduce the most frequent answer. Pizza may appear more than 60 times, while less frequent items like biriyani may be underrepresented or omitted altogether. This occurs because LLMs are optimised to predict the most probable next ‘token’ (the next word or word fragment in a sequence), which leads to a disproportionate emphasis on high-likelihood responses, even beyond their actual prevalence in the training corpus. Together, these two principles – uneven internal knowledge representation and mode amplification in output generation – help explain why LLMs often reinforce dominant cultural patterns or ideas. […]

Ask ChatGPT about a controversial topic and you’ll get a diplomatic response that sounds like it was crafted by a panel of lawyers and HR professionals who are overly eager to please you. Ask Grok the same question and you might get a sarcastic quip followed by a politically charged take that would fit right in at a certain tech billionaire’s dinner party.

Das ganze Endet in einem selbstverstärkenden Loop der Homogenisierung und extremen Streamlinging von Wissensrepräsntation und damit eine Verarmung von uns allen.

The internet, as the primary source of knowledge for AI models, becomes recursively influenced by the very outputs those models generate. With each training cycle, new models increasingly rely on AI-generated content, reinforcing prevailing narratives and further marginalising less prominent perspectives. This risks creating a feedback loop where dominant ideas are continuously amplified while long-tail or niche knowledge fades from view.

Was wir als Wissensrevolution feiern, ist in Wirklichkeit eine semantische Verarmungs-Revolution auf globalem Level, die die Vielfalt des menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrungswelten auf ein verslopptes JPEG des Internets reduziert.

Maybe the intelligence we most need is the capacity to see beyond the hierarchies that determine which knowledge counts. Without that foundation, regardless of the hundreds of billions we pour into developing superintelligence, we’ll keep erasing knowledge systems that took generations to develop.


Eine Studie über den Hivemind-Effect: einer reproduzierbare Homogenität von reproduzierten semantischen Pfaden innerhalb von LLMs, als auch zwischen unterschiedlichen LLMs.

Language models (LMs) often struggle to generate diverse, human-like creative content, raising concerns about the long-term homogenization of human thought through repeated exposure to similar outputs. Yet scalable methods for evaluating LM output diversity remain limited, especially beyond narrow tasks such as random number or name generation, or beyond repeated sampling from a single model. We introduce Infinity-Chat, a large-scale dataset of 26K diverse, real-world, open-ended user queries that admit a wide range of plausible answers with no single ground truth. […]
Using Infinity-Chat, we present a large-scale study of mode collapse in LMs, revealing a pronounced Artificial Hivemind effect in open-ended generation of LMs, characterized by (1) intra-model repetition, where a single model consistently generates similar responses, and more so (2) inter-model homogeneity, where different models produce strikingly similar outputs.


An der Universtität von Texas werden LLMs verwendet, um Kursbeschreibungen nach „woken“ Begrifflichkeiten zu checken und zu zensieren.

At Texas A&M, internal emails show staff are using AI software to search syllabi and course descriptions for words that could raise concerns under new system policies restricting how faculty teach about race and gender.

At Texas State, memos show administrators are suggesting faculty use an AI writing assistant to revise course descriptions. They urged professors to drop words such as “challenging,” “dismantling” and “decolonizing” and to rename courses with titles like “Combating Racism in Healthcare” to something university officials consider more neutral like “Race and Public Health in America.”


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Michael Seemann
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Francesca Bria und ihr Team vom Autonomy Institute haben die Broligarchie des neuen Techfaschismus in dieser anschaulichen Info-Grafik-Website aufgearbeitet, The Authoritarian Stack. Man kann zum Beispiel alle die ideologischen, politischen und geschäftlichen Verbindungen der wichtigsten Akteure anhand interaktiver Grafiken und Charts nachvollziehen.

Anschaulich auch der Pfad, den sie durch die verschiedenen Layer tracken.

Silicon Valley’s Authoritarian Tech Right is not theorizing this world. They are already building it. The pipelines are operational. The feedback loops are functioning. The sovereignty transfers are completing.

Democracy persists as a legacy interface— maintained for stability, while being systematically hollowed out and replaced.

The question now is whether democratic societies can recognize this formation for what it is—and build alternatives before the infrastructure of control becomes too deeply embedded to dislodge.

Michael Bruns hat einen sehenswerten Videoexplainer zum Projekt gemacht.


Mohammed R. Mhawish ist einer der wenigen noch überlebenden palästinensischen Journalisten in Gaza und schreibt im NY Mag darüber, wie die israelische Totalüberwachung in Gaza seine Welt verändert hat.

One of these people, Marwan, a 60-year-old hospital administrator in Gaza City, at first objected to my line of questioning. (I’m using only first names. Giving their full names in a report about surveillance feels like an offering to the occupation.) “In the face of mass slaughter,” Marwan said, “what difference does it make that they can see my Facebook posts or hack my calls or monitor my home?”
But soon Marwan could not stop talking about how the constant awareness of being watched had twisted and narrowed his world. He said he now avoids calling his brother “lest he ask whether any rockets were fired from the area or whether the Israelis had arrived in the area,” and those words be misread or distorted by unseen listeners. He described the collapse of connection itself: the way fear moves into a family, one phone call at a time, until even expressions of love begin to feel dangerous.
Khaled, who worked for nearly three decades as an ambulance driver for Al-Awda Hospital, said that during an interrogation, an officer showed him a private text message he’d sent his family. “Everything we say, they can see,” Khaled said. The text was mundane; the point, he felt, was to show this 61-year-old father of seven how deeply they could peer into his private life. People told me they have even extinguished their own thoughts, as if the interrogators and listeners could see inside their heads. “Nobody doesn’t have political leanings,” one man named Mohammed told me. “But I’ve killed it. I’ve prohibited myself from speaking on this. I’ve locked it with a key.”

In Gaza kann man anfangen zu verstehen, was es bedeutet, wenn dein Kommunikations-Provider nicht nur ein gewinnmaximierendes Unternehmen ist, das dich ausnehmen will, sondern Teil eines technisch-militätrischen Komplexes ist, der dich jederzeit auslöschen kann.

Everyone had stories of being watched. Mary, a 26-year-old writer, grew up in a two-story house on the more affluent side of Gaza City, where people went to stroll near the sea on streets lined with shops and airy schoolyards. It had a simple white façade, tall windows, a small balcony, and eight old araucaria trees her father had diligently cared for shading the gate. Before the war, passersby slowed to admire them. By this summer, the bombardment had cracked part of the roof open. At around 4:30 a.m. on July 27, while she slept in one of the remaining rooms, Mary woke to a faint buzz that seemed to come from just beside her. “I froze,” she told me. “I could not move. I could not scream.” A dark square hovered near the ceiling. She stared at it, motionless, until it drifted out of the room and exited through a window. If they could fly a drone to her bedside, they could see everything, she told me. Weeks later, her 35-year-old neighbor was shot dead by an armed drone while drying laundry on her balcony, standing beside her 4-year-old son, Mary said. “It is not death that we fear,” she told me. “It is the terror that comes before it.”

Nicht nur die Gebäude liegen in Schutt und Asche, sondern auch das Vertrauen in die Kommunikationsinfrastruktur und damit auch großer Bereich der sozialen Beziehungen.

Life in Gaza for the past two years has been a process of losing everything visible — our families, homes, streets. It also means losing what cannot be seen: the private space of the mind, the intimacy between people, and the ability to speak without fear of being monitored by a machine. A poll conducted just weeks before the October cease-fire by the Palestine-based research organization Institute for Social and Economic Progress found that nearly two-thirds of Gazans believed they were constantly watched by the Israeli government. This is the dystopian consequence of technology, supplied in part by American companies, being placed into the hands of authorities who have virtually unlimited control over a captive population they have openly villainized. It is the culmination of decades of monitored occupation, a totalitarian nightmare spliced with genocidal terror, a system that is already evolving and growing for whatever comes next. The old admonition of authoritarian regimes everywhere — If you have nothing to hide, you have nothing to be afraid of — has no meaning in Gaza.

Mhawish erzählt anschaulich, dass die Total-Überwachung nicht neu ist. Die Ursprünge des Systems gehen auf die Gründung Israels zurück und wurden einfach beständig weiterentwickelt. Mit Palantir, Microsoft Cloud und der vollständigen Überwachung von allem und jedem per KI ist das System lediglich zu seinem vorläufigen Höhepunkt gekommen.

Palantir, which had purchased an ad in the New York Times proclaiming that PALANTIR STANDS WITH ISRAEL, entered into an agreement to provide Israel’s military with technology “in support of war-related missions,” according to Bloomberg. Israel’s military intelligence unit reportedly used Google Photos, combined with tech from Israeli company Corsight AI, to enable its facial-recognition program to identify faces from a crowd and footage. Google and Amazon, which supply the Israeli government with advanced cloud-storage services and AI capabilities, were reported to have included a covert system in their contract to warn Israel when foreign courts compelled the companies to hand over Israeli government data but barred them from notifying Israel directly.

Die Lücken in den Daten werden laufend durch Foto-ID-Apps der Soldaten am Boden und ständige random Kidnappings und Folter durch die IDF ergänzt.

A woman in her early 40s who asked to remain anonymous worked at a beauty salon before the war. She was detained as she was marching south from where she was sheltering in the north of Gaza. She was positioned before two devices to log features of her face: a phone to capture her image and another screen to process it, she surmised. She turned her head away, refusing to look at the camera. A soldier forced her face toward it. Then a rifle butt struck her skull.

Her full name surfaced instantly. A soldier read aloud her first name, her father’s name, her grandfather’s, and her family name. “He did not ask me for anything, no ID, nothing, to know who I was,” she said. An officer glanced at the result and said they were taking her. In a pen, soldiers stripped her to her undergarments, she said. When her blindfold slipped, she saw four soldiers pointing a camera at her. She screamed, tried to cover herself, cried, and was struck in the chest as the blindfold was yanked back over her eyes. They called her “slut,” shoved her into a small cage, and warned that she would be beaten if she disobeyed. “What if we publish these?” a soldier said in Arabic while photographing her. Phones, cameras, watches — everything around was recording, she believed.

She said she was shuttled between the cages, the Sde Teiman facility, and Damon prison in Israel. At Sde Teiman — now notorious for scores of reports of horrific abuse — she was raped four times, she said. During her period, guards mocked her bleeding and shouted, “You smell.” They knew she had a teenage daughter. They knew she had worked at a beauty salon. They cut off her hair. “They’ve weaponized our information,” she said. After 32 days in detention, she was released.

Aber seit automatisierte Tötungs-Systeme wie Lavender auf dem Total-Überwachungssystem aufbauen, wird es noch sehr viel ernster genommen

Algorithms sorted people by perceived threat, according to reporting by +972 Magazine and Local Call. Each score could determine who would live or die. Intelligence sources told reporters that one of these systems, designed to score individuals by supposed affiliation with a Palestinian armed group, produced tens of thousands of names. Approval for a strike could reportedly take less than 30 seconds. Another program classified buildings by type and occupancy, marking them for strikes. AI tools, created in partnership with enlisted soldiers in Unit 8200 and reserve soldiers working at companies such as Google, Microsoft, and Meta, analyzed Arabic text messages and social-media posts, according to the New York Times. When those classifications were combined with targeting a suspected fighter at home rather than when alone, the result was the annihilation of families whose only fault was proximity. These advanced systems were mixed with older ones: the use of informants and spies and searches of homes and offices. I heard story after story of soldiers separating people, photographing them, and searching phones, part of broader screening and detention practices during the war.

Mit dem vermehrten Einsatz von bewaffneten Quad-Copter-Drohnen hat die Lage nochmal verschärft.

In Gaza, we call the drone zanana — “the buzz.” After October 2023, it became the soundtrack to our lives. We could tell the difference between the models that could kill and those that only watched. People in Gaza later told me they avoided the notorious Gaza Humanitarian Foundation distribution sites (which shuttered in November) not only because they feared being shot and killed, as hundreds of people were, but also because they feared the same cameras watching the crowds were matching their faces to databases — that even the act of seeking food could expose them. (In July, two unnamed contractors working as security for the distribution sites told the Associated Press that this is exactly what was happening.) A machine could look into people’s homes, register their presence, and flag them. If we tried to live our lives as if the surveillance did not exist, it could lead to our deaths.

“We’ve adapted to having our entire lives under surveillance,” he said. He even avoided using opaque bags when going to the market. “I’d try to have a transparent bag,” he said. “I wouldn’t leave with a backpack, lest they misinterpret it.” In his apartment overlooking the sea, Mohammed struggled with whether to close the curtains to hide from the drones outside. Safety, he had come to believe, depended on leaving nothing to interpretation.

Mhawish wird immer wieder selbst durch die IDF mit dem Tod bedroht, wie so viele andere der wenigen noch lebenden Journalist*innen und irgendwann merkt er, dass er selbst auf der Abschussliste steht. Als er am Checkpoint Netzarim auf der Flucht mit seiner Familie nach Ägypten herausgepickt und befragt wird, erfährt er am eigenen Leib, was die IDF alles über ihn weiß.

He started to move through my life: studies and work as well as the places I’d reported from — Al-Shifa, Al-Awda, Al-Daraj — naming them in sequence. He asked me about my relatives. When I hesitated, he filled in my cousins’ names, naming a neighborhood where my family sheltered. Whether I answered or faltered, his notes absorbed it all the same. The interrogation lasted hours. Over those endless minutes, what became clear to me was that the interrogator held on the screen before him a copy of my life built from relentless watching, compiled from calls, cameras, and coordinates.

Then he began talking about my son. “Is Rafik still out there? How is his chest?” For a moment, my mind went blank. It was a question from inside my own house. It took me back to 2022, when Rafik was just 11 months old, during our time in the UAE. Rafik had contracted a lung infection and he spent two nights in a Dubai hospital. It was not a big deal. He was fine. But here it was, an episode from my life I’d never written about or broadcast. The interrogator said it like a box he was checking. Their knowledge of my son’s brief illness had to come from somewhere. Hospital records from the UAE? Recordings they’d kept of my phone calls? Copies of my emails? It felt like they had stepped inside my mind.

The interrogation intensified. A soldier behind me struck the base of my neck with his rifle when I denied participating in attacks on Israel. “Tell the truth,” he said in English. Each question from the interrogator landed like a test. I stuck to the mundane: that we’d moved south for food and that we were “following orders” — their phrase, returned to them in the hope it would spare my family. Then he brought up the bombing of our home. He called my reporting “advertisements.” He said I’d nearly gotten my family killed.

Am Ende wurde er wieder entlassen und konnte nach Ägypten fliehen, weswegen wir seine Geschichte kennen.

Die Margen der Kunst. Michael Seemann | kulturBdigital-Konferenz 2025 – YouTube

Ich hatte neulich das Privileg auf der Konferenz „Besser Teilen“ einen Vortrag über die politische Ökonomie der Musikindustrie zu halten, aber ich hatte mehr bock mir ne Pfadgelegenheit reinzuknallen und in der Matrix rumzuhängen, also hab ich das einfach miteinander verbunden.

Kunst und Kultur zu verwerten war immer schon ein schwieriges Geschäft. Anhand historischer Rückblicke erzählt Autor und Internetforscher Michael Seemann (Otherwise Network) den Paradigmenwechsel von einer urheberrechtsbasierten zur plattformbasierten Kulturökonomie. Im Vortrag fordert er die Kultur auf, sich zu organisieren, Kräfte zu bündeln und als gemeinsame Interessenvertretung sichtbarer zu werden – in Allianzen, Verbänden und Gewerkschaften. 

Der talk ist ein guter Einstieg in die „Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten“ und wer wissen will, was dahinter steckt, kann am besten bei diesen Explainer weiterlesen.

Krasse Links No 74

Willkommen zu Krasse Links No 74. Dies ist gewissermaßen eine Sonderausgabe zu Sprache, Denken und Handeln, an der ich ziemlich lange gesessen habe und die etwas länger geworden ist, deswegen sorry für die lange Stille und den langen Newsletter, aber da musste ich gerade mal durch. Aber nun haltet euch an euren Paradigmen fest, heute verfolgen wir Jeffrey Epstein durch die Evolution des Unterschieds und differenzieren den Kognitivismus mit der Proto-Semantik der Intelligenz.


Ich war kurz erschrocken, als Benjamin Riley in The Verge berichtete, dass Wissenschaftler*innen zweifelsfrei zeigen können, dass Denken und Sprechen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge seien, die rein gar nichts miteinander zu tun hätten und dann war ich fast enttäuscht, wie wenig sie aufzubieten hatten.

The problem is that according to current neuroscience, human thinking is largely independent of human language — and we have little reason to believe ever more sophisticated modeling of language will create a form of intelligence that meets or surpasses our own. Humans use language to communicate the results of our capacity to reason, form abstractions, and make generalizations, or what we might call our intelligence. We use language to think, but that does not make language the same as thought.

„Brain-Scans“ zeigen, dass Sprache ein Areal im Hirn beansprucht, dass bei bestimmten kognitiven Aufgaben kaum benutzt wird, außerdem sind Menschen mit kognitiven Störungen ihrer Sprachfähigkeit unabhängig davon durchaus fähig, komplexe Aufgaben zu lösen und auch Babies zeigen kognitive Fähigkeiten lange vor dem Spracherwerb u.s.w.

Second, studies of humans who have lost their language abilities due to brain damage or other disorders demonstrate conclusively that this loss does not fundamentally impair the general ability to think. “The evidence is unequivocal,” Fedorenko et al. state, that “there are many cases of individuals with severe linguistic impairments … who nevertheless exhibit intact abilities to engage in many forms of thought.” These people can solve math problems, follow nonverbal instructions, understand the motivation of others, and engage in reasoning — including formal logical reasoning and causal reasoning about the world.

Interessant ist, was sie als „nicht-sprachliche kognitive Fähigkeiten“ ansehen:

Aus dem zitierten Paper:

mathematical reasoning, formal logical reasoning, performing demanding executive function tasks such as working memory or cognitive control tasks, understanding computer code, thinking about others’ mental states, and making semantic judgments about objects or events.

Ich komm nicht darüber hinweg, wie eng diese Menschen „Sprache“ definieren. Als wäre formale Sprache, mathematische Formeln, Zahlen, Computer Code, etc. nicht teil der Sprache.

Wie man diesem Newsletter ab und an anmerkt bin in meinem Denken eher von der (post-)strukturalistischen Schule geprägt, die das alles ganz anders sieht.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Aus Saussures Erkenntnis sprudelte in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ein ganzes Feld von neuen Weltbetrachtungsweisen, die man später unter dem Wort „Strukturalismus“ fasste: Claude Levi-Strauss wandte das Framework in der Ethnologie an, um die kulturellen Praktiken indigener Völker in Beziehung zur eigenen zu setzen, Lacan zur Erforschung des Unbewussten, Roland Bartes nutzte es, um unsere Konsum-Alltagswelt semiotisch aufzuschlüsseln, Pierre Bourdieu wandte das Framework auf Klasse an, Foucault zur Identifikation und Beschreibung von vergangenen und gegenwärtigen Diskursformationen, Judith Buttler für „Geschlecht“ und Umberto Eco für alles mögliche.

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Aber das war das Paradigma, das Mitte der 1990er Jahre vom Kognitivismus abgelöst wurde, der heute überall hegemonial ist. Das Stück von Riley fährt fort:

We can credit Thomas Kuhn and his book The Structure of Scientific Revolutions for our notion of “scientific paradigms,” the basic frameworks for how we understand our world at any given time. He argued these paradigms “shift” not as the result of iterative experimentation, but rather when new questions and ideas emerge that no longer fit within our existing scientific descriptions of the world. Einstein, for example, conceived of relativity before any empirical evidence confirmed it. Building off this notion, the philosopher Richard Rorty contended that it is when scientists and artists become dissatisfied with existing paradigms (or vocabularies, as he called them) that they create new metaphors that give rise to new descriptions of the world — and if these new ideas are useful, they then become our common understanding of what is true. As such, he argued, “common sense is a collection of dead metaphors.”

Moment, eben noch waren Sprache und Denken zwei kommplett verschiedene Dinge und jetzt sagt derselbe Autor, dass wir andere Fragen stellen können, wenn wir andere Unterscheidungen machen? Und zitiert dazu noch zwei strukturalistisch beeinflusste Denker: Kuhn und Rorty? Wie passt das zusammen?

Ich möchte folgende Definition vorschlagen:

Ein „wissenschaftliches Paradigma“ ist eine (im jeweiligen Kontext) hegemonial gewordene erkenntnisleitende Unterscheidung und alle die sich daraus ergebenden Forschungspfadgelegenheiten, inklusive ihrer materiellen und semantischen Infrastrukturen.

Ein Paradigma entsteht, wenn eine bestimmte Unterscheidung nützlich scheinende Pfadgelegenheiten eröffnet: Dann fließen Forschungsgelder und Paper und im besten Fall auch „Erkenntnisse“. Doch wie das immer so ist: das neue Paradigma – die neue fancy Unterscheidung, so toll sie auch ist – birgt meist nur eine begrenzte Zahl an beforschbaren Pfaden und wenn die „Low Hanging Fruits“ bereits geerntet sind und die „Erkenntnisse“ nicht mehr so purzeln, geht das Paradigma in den Selbstverteidigungsmodus über.

Ich stell mir das so vor: Jede erkenntnisleitende Unterscheidung produziert pfadabhängige „blinde Flecke“, denn es gibt immer auch Millionen Möglichkeiten, anders zu unterscheiden und diese anderen Möglichkeit zu unterscheiden hätten aber ebenso Pfadgelegenheiten eröffnet, die aber deswegen unbeforscht blieben, weil das bestehende Paradigma die Aufmerksamkeit, das Geld und die Infrastrukturen bei sich konzentriert. Ein Paradigmenwechsel passiert also dann, wenn eine grundlegende Art zu unterscheiden, eine andere Art zu unterscheiden ablöst.

It [the LLM] will be forever trapped in the vocabulary we’ve encoded in our data and trained it upon — a dead-metaphor machine. And actual humans — thinking and reasoning and using language to communicate our thoughts to one another — will remain at the forefront of transforming our understanding of the world.

Das ist zwar eine richtige Beschreibung von LLMs, es ist aber auch zu einem gewissen Maß richtig für uns alle. Wir alle leben in den toten Metaphern unserer Vorfahren und kommen da schwer raus. Derrida würde zudem darauf bestehen, dass die Metaphern nicht wirklich tot sind, sondern unsere Sprache entlang ihrer iterativen Pfadabhängigkeiten als Gespenster heimsuchen. In einem ganz besonderen Maße ist das richtig für das Paradigma des Kognitivismus, das in Wirklichkeit noch vom Geist Descartes heimgesucht wird. Zeit für was Neues.


Ich habe angefangen, Schneisen in den semantischen Dschungel zu schlagen, der im Laufe des Newsletters so vor sich hinwucherte, indem ich ausführliche und möglichst einsteigerfreundliche Explainer geschrieben habe: Angefangen habe ich mit den beiden wichtigsten Begriffen: Dividuum und Pfadgelegenheit, weitere werden folgen.

Außerdem gibt es noch einen Explainer dazu, wie man von der Macht-Inderdependenz-Theorie zur Macht/Wert-Formel kommt.


Heise fasst ein Interview mit dem Richter am internationalen Strafgerichtshof in Le Monde, Nicolas Guillou, zusammen, der wegen seiner Untersuchungen des Genozids in Gaza auf die Sanktionsliste der US-Regierung fiel und deswegen Zugang zu Services und Bankverbindungen verlor.

Im Alltag von Guillou bedeutet das, dass er vom digitalen Leben und vielem, was heute als Standard gilt, ausgeschlossen ist, schilderte er der französischen Zeitung Le Monde. All seine Konten bei US-Unternehmen wie Amazon, Airbnb oder PayPal wurden von den Anbietern sofort geschlossen. Online-Buchungen, wie über Expedia, werden sofort storniert, selbst wenn es um Hotels in Frankreich geht. Auch die Teilnahme am E-Commerce sei ihm praktisch nicht mehr möglich, da US-Unternehmen auf die eine oder andere Weise immer eine Rolle spielen, und es diesen strikt untersagt ist, mit Sanktionierten in irgendeine Handelsbeziehung zu treten.

Als drastisch beschreibt er auch die Auswirkungen, am Bankenwesen teilzunehmen. Zahlungssysteme seien für ihn blockiert, da US-Unternehmen wie American Express, Visa und Mastercard quasi über ein Monopol in Europa verfügten. Auch das restliche Banking beschreibt er als stark eingeschränkt. So seien auch Konten bei nicht-amerikanischen Banken teilweise geschlossen worden. Transaktionen in US-Dollar oder über Dollar-Konversion sind ihm verboten.

Ich denke ja schon länger, dass das Mittel der Wahl wird, wie der Techfaschismus seine Gegener*innen kontrolliert. Wer unbequem wird, landet auf „der Liste“ und die Plattformen und Zahlungsanbieter machen den Rest.

Wie neulich hier besprochen arbeitet die Trumpregierung bereits an einer inländischen Implementierung zum „War against Antifa“. Wobei die Schwammigkeit des Targets dieser Form der Unterdrückung durchaus entgegenkommt. Millionen zerstörter Einzelschicksale, weil „Antifa“. Gleichzeitig kann man mit solchen Listen prima am Gesetz vorbei unterdrücken: Die Plattformen setzen nur ihr Hausrecht durch und wer will schon „Terroristen“ unterstützen?

Die kommende Purge-Koalition wird nur ein Teil des Problems sein und wenn sich all diese Plattformen koordinieren, knallt der Thanos-Effekt an die Decke. Unsere Abhängigkeiten von der amerikanischen Tech-Oligarchie sind eine tickende Zeitbombe.


Jason Pargin hat ein kurzes Erklärvideo über die psychologische Ökonomie des Kulturkampfes.

Wenn wir die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten auf die Konsumwelt anlegen, dann sehen wir, dass die zusätzlichen Kaffee-Pfadgelegenheiten zwar nichts an der Verfügbarkeit der materiellen Pfadgelegenheit „Coffee, Black“ ändert, wohl aber an ihrem Wert, denn die Macht-Wert-Formel teilt immer durch die Pfadalternativen.

Und das gilt für die semantische Ebene erst recht: Der Orientierungspunkt „Kaffee“ wird ambivalent, verzweigt sich, verliert damit einen Gutteil seines Werts als Erwartungs-Koordinationsanker.

Jede Pfadalternative ist semantisch dem Spiel der Differenzen ausgeliefert: Neue Kaffee-Pfadgelegenheiten sind auch Pfadgelegenheiten zur Distinktion und das wird von den semantisch Zurückgelassen gespürt und machmal als Pfadgelegenheit genutzt, in dem geänderten Verhalten um sich herum eine Form der Herabsetzung ihrer Art zu leben zu lesen. Der semantische Ausdruck dieser Herabsetzung ist die Degradierung ihres Kaffees von „universeller, voll oker Kaffee, den halt alle trinken“ zur „Basic-Variante“.


Im Zuge der Veröffentlichung interner Untersuchungen am MIT kamen ein Haufen E-Mails zwischen dem deutschen KI-Forscher Joscha Bach und Jeffrey Epstein zu Tage. Bach und seine Theorien waren bereits mehrfach Thema hier, das erste Mal 2016, aber auch in Krasse Links No 31. Aus dem Boston Globe:

“In the US, black children outperform white children in motor development, even in very poor and socially disadvantaged households, but they lag behind (and never catch up) in cognitive development even after controlling for family income,” he wrote. […]

In another email, sent to Epstein about two weeks later in 2016, Bach claimed that women “tend to find abstract systems, conflicts and mechanisms intrinsically boring” and attributed gender disparities in scientific involvement to this.

“Most women in computer science do not write programs because they enjoy solving puzzles, but because they want to help people, get approval etc,” he wrote. “There are almost no women in math, because it does not help people or yield social attention.”

He also drew further generalizations about the differences between racial groups and mused about fascism, describing it as “probably the most efficient and rationally stringent way of governance,” but adding that it “makes romantic doo-gooders like me very uncomfortable.”

Aber auch der größere Kontext ist interessant:

According to the MIT report on Epstein’s interactions with the institute, Epstein introduced Bach to Ito, the Media Lab leader, in 2013. Bach was hired by the lab “in large part because Epstein subsidized the cost,” the report said. Epstein made donations in November 2013, July 2014, and September 2014 totaling $300,000 to support Bach’s research, according to the report.

Epstein also introduced Bach to Martin Nowak, a professor of mathematics and biology at Harvard University, according to the school’s report into its connections to Epstein. (Like MIT, Harvard commissioned a review into the university’s connections to Epstein and released the findings in 2020.)
Nowak, who led Harvard’s Program for Evolutionary Dynamics, which was funded by a multimillion-dollar gift from Epstein, was sanctioned by Harvard in 2021. He was barred from leading new research projects and taking on advisees for two years, and the program was shut down.

Nowak gave Bach access to the program’s offices from 2014 to 2019, and the program listed Bach as a research scientist on its website, according to the Harvard report. The report said Harvard did not pay Bach or provide funds to support his research. After leaving MIT in 2016, Bach continued to intermittently use the program’s office space, including to meet with Epstein, according to the report.

Was weniger Gegenstand der allgemeinen Diskussion um Epstein ist, aber zur Wahrheit unbedingt dazugehört, ist die Tatsache, dass er eine einflussreiche Figur in der Wissenschaftspolitik der USA war. Epstein war sehr engagiert, Teil eines intellektuellen Zirkels zu werden, der sich um den Literaturagenten John Brockman versammelt hatte und den dieser mal in seinem gleichnamigen Buch als „Third Culture“ bezeichnete. Da versammelte sich ein neuer Typ des Intellektuellen, der nicht mehr diesen papierverstaubten kulturwissenschaftlichen Background hat, sondern aus der „echten Wissenschaft“ kommt und die Aura des „Innovators“ trägt: Richard Dawkins, Daniel Dennet, Marvin Minsky, Roger Penrose und Steven Pinker und so weiter. Also das, wovon Jordan Peterson und das „intellektual Dark Web“ die pfadanhängigen Ausläufer in unsere Zeit sind.

Brockman und seine neuen Intellektuellen etablierten aber auch die Erlangung der Deutungshoheit der „Hard Science“ über eigentlich traditionell kultur- und geisteswissenschaftlichen Fragen, unter anderem: Was ist Erkennen, was ist Denken, was ist Bedeutung, was ist Sprache? Diese Fragen wurden jetzt zunehmend von „Cognitive Scientists“, also Psycholog*innen, Neurowissenschaftler*innen und im weitesten Sinne auch KI-Forscher*innen beantwortet.

In seinem Buch „Language Machines“ macht Leif Weatherby den Showdown dieses Paradigmenwechsels an der Popularisierung von Noam Chomskys Konzept der „Generativen Grammatik“ fest. Ich tue ihm sicherlich unrecht, aber verkürzt sagt Chomsky, dass wir eine Art evolutionären Sprachprozessor im Hirn hätten, der zwischen Gedanken und gelernter Sprache übersetzt. Dabei ist das Language-Modul nur ein Modul unter vielen und wird eigentlich nur zur Kommunikation verwendet. Wichtig ist: Denken und Sprechen sind zwei voneinander unabhängige Vorgänge.

Es war aber Steven Pinker, der in seinem Bestseller von 1994 „The Language Instinct“ die Ideen Chomskys in einer abgespeckten Form popularisierte und damit den „Cognitive Turn“ (mein Wort) einleitete, der bis heute das Wissenschaftsfeld und die gesamte Debatte prägt. Weatherby führt den Sieg der Kognitivisten letztlich darauf zurück, dass niemand aus dem kulturwissenschaftlichen Lager wirklich auf Pinkers evolutionspsychologische Thesen antworten wollte.

Ende der 1990er Jahre kommt dann nach und nach Jeffrey Epstein ins Bild. Er war fasziniert von den großen Ideen um Bewusstsein, Sprache, Evolution und Intelligenz und natürlich: Künstlicher Intelligenz. Auch er wird wie Brockman ein Broker in diesem neuen wissenschaftlichen Paradigma, aber statt mit Buchverträgen und Ruhm, stattet Epstein diese Szene mit Geld und Kontakten zu seinen Milliardärs-Freunden und Politeliten aus. Er veranstaltet Dinner, Partys, Dinnerpartys, Hintergrundrunden und verweißnochwas. Er finanziert quasi im Alleingang Brockmans Edge Foundation, Projekte an der Harvard-Universität und am MIT, den Psychologen Howard Gardner, Martin Nowak und eben Joscha Bach (auf Anraten von Marvin Minsky), er freundet sich mit Noam Chomsky an und hängt mit Steven Pinker, Minsky, Brockman und vielen anderen aus der Klicke rum. Aber vor allem vermittelte er Kontakte von und zu der neuen Intelligenzija, zu Geld, zur Tech-Szene, zur höchsten Politik und naja, zu … Minderjährigen.

Ich will niemandem Dinge unterstellen, die er oder sie nicht getan hat (nachgewiesen ist konkreter sexueller Missbrauch nur bei Marvin Minsky) und Jeffrey Epsteins Einfluss auf die Hegemonialwerdung des kognitiven Paradigmas kam relativ spät und man sollte ihn auch nicht zu hoch hängen, aber die semantischen Pfadabhängigkeiten und ideologischen Übergangswahrscheinlichkeiten sollten uns dennoch zu Denken geben.

Der Kognitivismus als verwissenschaftlichter Individualismus konnte das descartsche Individuum gegen den Angriff der Poststrukturalisten nicht nur verteidigen, sondern ein eigenes Paradigma auf diesem Sieg errichten.

Solange die Sprache nur Übersetzung innerer Geisteszustände ist, bleibt die „Res Cogitans“ intakt, bleibt das Individuum unteilbar, denn nur durch diese Unteilbarkeit, so die Vorstellung, hat der Mensch „Agency“. Chomsky steht in einer „anarchistisch-liberalen Tradition“ und da gehört das Individuum zum pfadabhängigen Erbe und wie anschlussfähig diese Position nach rechts ist, war zu seiner Zeit weniger klar als heute.

Gleichzeitig öffnet sich diese undefiniert gelassene Stelle des Denkens, das nicht Sprache ist, der pfadabhängigen Imagination: Mit dem „Bewusstsein“ und seiner „Intelligenz“ hatte man eine mit der Welt (von der Genetik abgesehen) unkorrelierte „Qualia“, der man jetzt versuchte, mit Brain-Scans, Zwillingsstudien, „Intelligenz-Tests“ und „evolutionärer Psychologie“ auf die Spur zu kommen.

Auch wenn man sich nach wie vor nicht sicher ist, was Intelligenz oder Bewusstsein überhaupt sind, ist man sich sicher, dass es etwas mit Skalierung zu tun hat, eine These, die sich oberflächlich gesehen mit „KI“ zu bewahrheiten scheint. Hinter all dem steht eine Vorstellung von „Intelligenz“ als lineare Qualitäts-Hierarchie der Bewusstseine – von der Amöbe über Albert Einstein bis zum Cognitive Scientist der Third Culture und mit „AGI“ vielleicht demnächst sogar darüber hinaus.

Dabei gilt so grob: Je Intelligenz desto Agency und je Agency desto Individuum.

Damit wird folgendes Narrativ möglich: der Ort in der Gesellschaft, den du (und die Gruppe, zu der du gehörst) einnimmst, reflektiert deine Agency (statt, wie es wirklich ist: andersrum) und deine Agency (und die deiner Gruppe) reflektiert deine Intelligenz.

Wer hat wohl Interesse an so einem Weltbild?

Hm, reiche Menschen?

Rassisten?

Sexisten?

Aber vor allem: reiche, sexistische Rassisten?

Der Kognitivismus ist nicht nur das vorherrschende wissenschaftliche Paradigma, sondern auch Grundlage der neoliberalen Eliten-Vorstellung von der Gesellschaft als „Meritokratie“ und über Bande daher auch, wo der „Scientific Racism“ seinen Most holt. Außerdem ist er der semantische Ort, von dem die KI-Bros ihre naive Vorstellung von Intelligenz beziehen und nicht zuletzt bietet er auch die Erlaubnisstruktur für das neuerliche Milliardärs-Klassenbewusstsein.

Jeffrey Epstein war ein echtes Individuum, ein Superindividuum das andere „Individuen“ wie Dividuen aussehen lässt, wie Joscha bewundernd bemerkte:

“I find your ‘political incorrectness’ very fascinating,” Bach wrote. “In the beginning, I thought it is a form of costly signaling, but now I think you are simply entirely unconstrained in your thoughts.”
He added, “I wonder what kind of person you want to transform into.”


Dieser Video-Explainer über KI dreht sich eigentlich um die Frage, in wie weit Schmerz die wesentliche Zutat ist, die Lernen ermöglicht, kommt dabei aber immer wieder auf die sogenannte „Value Function“ moderner Machine Learning-Systeme zurück.

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Q-Function errechnet also den subjektiven „Wert“ von Pfadgelegenheiten.


Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionsbiologischen Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Um zu verstehen, wo die Semantik sich versteckt, müssen wir Gregory Batesons elegante und treffende Definition von „Information“ nehmen und sie zu einer strukturalistischen Evolutionstheorie erweitern. Die Definition lautet:

Information is a difference, that makes a difference.

Aber welche Difference maked die Difference? Spoiler: Sie verändert Erwartungen.

Das symbolische System der Amöbe unterscheidet ihre Umwelt in Grenze, Gefahr und Lecker, indem sie die projizierten Handlungen „Richtung ändern“, „Run“ und „Absorbieren“ als Heuristik verwendet, als Q-Function, um für jeden sich ihr bietenden Pfad den „Wert“ zu bestimmen, bevor sie sich dafür oder dagegen entscheidet.

Doch um zu funktionieren, müssen die projizierten Handlungen zu wiedererkennenbaren Symbolen werden, die voneinander hinreichend unterscheidbar sind und die bei jedem Kontakt mit der Welt eine Iteration aus Generalisierung und Differenzierung vollziehen. Das heißt, Grenze, Gefahr, Lecker sind bereits notwendig dem Spiel der Zeichen nach Saussure/Derrida ausgesetzt und der Evolutionsdruck richtet sich von nun an auch danach, wie gut dieses Generalisieren und Differenzieren klappt und der Amöbe dabei hilft, ihre Umwelt erfolgreich zu navigieren.

Von diesen Unterscheidungen können wieder weitere Unterscheidungen abgezweigt werden:

Lecker auf die eine oder andere Weise, gefährlich auf die eine oder andere Weise, Ausweichen nach rechts, links, geradeaus? Jede Differenz ist eine Pfadgelegenheit, um weitere Differenzen daran anzuschließen.

Deswegen ist die Pfadgelegenheit selbst bereits „proto-semantisch„: Sobald wir eine Wahl haben, tragen die Pfade, die wir ein- oder ausschlagen „Bedeutung“, insofern, dass wir jeden Pfad mit einer bestimmten Erwartung verbinden.

Noch bevor wir ein Wort sprechen können, sind wir in ein Netzwerk der Erwartungen eingebunden, das uns an uns selbst, aber auch mit der Welt und mit den Menschen um uns herum verbindet.

Strukturalismus evolutionär gesehen, bedeutet also: Erwartungen differenzieren sich aus, indem sie einander als differenzielle Infrastruktur verwenden: Aus Strukturen werden Metastrukturen, werden Metastrukturen, werden Metastrukturen etc. Nach Bateson: A Second Order Information is a difference making difference, that makes a Difference compared to the other the difference making differences, etc.

Erwartungen sind intern vernetzt. Nicht nur orientieren sich unsere Erwartungen an den Erwartungen der Menschen um uns herum, sondern eine Erwartung baut immer auch auf ein Netz pfadabhängiger Erwartungen auf, ob unbewusst oder unbewusst. Ich erwarte, dass die Zeichen, die ich hier schreibe, gespeichert werden, weil ich erwarte, dass WordPress sie abspeichert, was die Erwartung voraussetzt, dass der Server erreichbar ist, was erwartet, dass der Strom funktioniert, usw. Ändert sich ganz unten was in der Kette – etwa mit dem Strom – dann ist das eine mächtige „Information“, denn sie verändert alle davon pfadabhängigen Erwartungen.

Auch mein Hund Cobi unterscheidet Dinge, Menschen, Tiere und nutzt diese Unterscheidungen als Pfadgelegenheit zu unterschiedlichem Verhalten. Ein Baum ist auch für ihn nicht nur dieser eine Baum, sondern er hat eine zur Erwartung geronnene Erfahrung von „Baum“, die er aus all seinen Begegnungen mit „Baum“ generalisiert und differenziert hat. „Baum“ ist bei ihm vor allem mit der Pfadgelegenheit zur Kommunikation assoziiert. Weil er und andere Hunde bevorzugt gegen Bäume pinkeln ist sein ausgiebiges Schnüffeln seine Art der Morgenlektüre der Lokalnachrichten. Seine feine Nase ermöglicht ihm alle möglichen Aspekte des Geruchs zu unterscheiden und feine Differenzen darin wiederum als Pfadgelegenheiten zu nutzen, um sich zu Verhalten, zB. selbst eine Antwort zu hinterlassen.

Natürlich hat Cobi eine ganz andere (Proto-)Semantik von „Baum“ als ich. Die Unterscheidung zwischen Mast und Baum empfände er wahrscheinlich als eine lächerliche Spitzfindigkeit und ich glaube über solche Sachen würden wir uns den ganzen Tag streiten, wenn er meine Sprache spräche. Dann würde ich mich aufspielen, dass meine Unterscheidung viel besser, viel differenzierter sei, als seine Unterscheidung und ich würde mir toll vorkommen, dass wir Menschen mit dem Wort „Baum“ eine viel bessere semantische Infrastruktur zur Verfügung hätten, als seine zusammengewürfelte Privatempirie der Erscheinungen.

Dann würde mich aber Cobi darauf hinweisen, dass „Baum“ biologisch und damit in gewisser weise auch „ontologisch“ eine falsche Bezeichnung ist. Es gibt nicht die Spezies „Baum“, sondern nur einen heterogenen Mix aus unterschiedlichen und größtenteils kaum verwandten Pflanzenarten, die jeweils parallel auf den evolutionären Pfad der „Verholzung“ eingeschwungen sind.

Das habe er sich doch gerade erst angelesen, würde ich ihm entgegenrufen, um den Punkt zu machen, dass nur menschliche Semantik die notwendigen Infrastrukturen bietet, um solche Dinge wie „Spezies“ überhaupt zu unterscheiden!

Ach ja, sagt Cobi? Also er habe diese Unterscheidung schon immer gerochen. „Fichte, Buche, Eiche, Tanne für mich war das schon immer ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Auf Fichte komme zum Beispiel sein Geruch am besten zur Geltung. „Aber ihr Menschen seht nur Holz. Hauptsache brennt gut, was?“ Er ist so ein Klugscheißer!

Here is the Thing: Das, worauf Saussure und die (Post-)Strukturalist*innen gestoßen sind, ist mehr als nur „Sprache“ in dem sehr engen Sinn, wie die Kognitivist*innen sie wegerklären. Sprache, im universell Saussure’schen Sinn, fängt dort an, wo wir Unterscheidungen machen und sie für unterschiedliche Pfadgelegenheiten nutzen. Deswegen irritieren mich die Befunde und Brainscans der Kognitivisten gar nicht: Es gibt keine kognitiven Fähigkeiten, für die die Fähigkeit zu Unterscheiden und diese Unterscheidung als Infrastruktur für weitere Unterscheidungen zu verwenden, nicht eine pfadabhängige Infrastruktur wäre.

Aber wie entsteht das, was wir normaler weise „Semantik“ nennen: also intersubjektive Bedeutung?

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Wenn Pfadgelegenheiten Proto-Semantiken sind, weil sie projizierte Handlungen sind, die erwarteten Pfaden in vorhandenen Infrastrukturen folgen, dann sind semantische Pfadgelegenheiten, projizierte Pfade in den erwarteten Erwartungen meines Gegenübers – also seiner und meinen gemeinsamen wechselseitig erwarteten semantischen Infrastrukturen. Wenn ich unterscheide, was Menschen erwarten, kann ich ihre Erwartung als Pfadgelegenheit nutzen, mich zu ihnen in für sie erwartbarer oder auch unerwartbarer Weise zu verhalten und mich damit unter umständen auszudrücken.

Semantiken sind Pfadgelegenheiten zur Modifikation von Erwartungen, die die erwarteten oder formulierten Unterscheidungen anderer als Infrastruktur nutzen.

Nun ist es aber so, dass ich die Worte, die ich Cobi zurufe nicht erfunden habe. „Sitz“, „Platz“, „Hier“ – das sind geläufige Formen seinen Hund konditionieren und weil ich kein Individuum bin, das sich die Mühe macht, eine Privatsprache für sowas zu erfinden, sondern nur ein Dividuum, das die Sprache der anderen nutzt, wie es sie vorfindet, ist Cobis Verständnis von der Welt stellenweise semantisch verwoben mit dem Netzwerk der menschlichen Erwartungserwartungen. Das macht manchmal auch Probleme, zum Beispiel wenn ich nach Cobi rufe und Menschen drumrum sich umdrehen, weil sie zufällig „Tobi“ heißen.

Im Gegensatz zu Hunden betreiben wir mit den „gesellschaftlichen Semantiken“ ein morphologisches Feld lokal stabilisierter, aber sich dennoch ständig wandelnder Erwartungserwartungen, von dem ich geprägt bin, noch bevor ich meine „eigenen“ Unterscheidungen überhaupt hätte treffen können. Das heißt, die Unterscheidungen, mit denen ich die Welt betrachte, sind durch die Sprache, in der ich denken und sprechen gelernt habe, überformt und vordefiniert. Jede Unterscheidung ist ihr eigenes Paradigma und ich erbe diese Paradigmen, ohne mich wirklich kritisch mit diesem Erbe zu befassen (ist auch nicht so leicht, tbh.)

Aber das heißt, wir sind erstmal geprägt von den Unterscheidungen, die andere vor uns und für uns getroffen haben. Unser Verständnis der Welt ist durch die vorhandenen semantischen Pfadgelegenheiten vorstrukturiert und da kommen wir nur raus, wenn wir alternative semantische Pfade suchen und schaffen.


Dass das Resultat der KI-Anstrengungen der Kognitivisten ausgerechnet in der LLM mündete, die den endgültigen empirischen Beweis für die Richtigkeit des poststrukturalistischen Ansatzes erbracht hat, ist eine Ironie der Geschichte, auf die als erster Ted Underwood hinwies und die auch ich im KI-Paper für die Hans-Böcklerstiftung und dann im Aufsatz „Im Dickicht der Bedeutung“ genauer erklärt habe und die jetzt Leif Weatherby in seinem absolut lesenswerten Buch „Language Machines“ genaustens seziert.

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Das bedeutet aber auch, dass es „AGI“ so, wie es sich die Kognitivisten vorstellen, nicht geben kann. Wenn Intelligenz nicht die Eigenschaft eines Systems, sondern eine Beziehung zwischen System und Umwelt ist, dann gibt es „bessere Intelligenz“ in unserem (post-)strukturalistischen Framework nicht durch „Skalierung von Kognition“, sondern nur durch neue und bessere Unterscheidungen.

Das Platzen der KI-Blase, so meine Hoffnung, wird damit hoffentlich auch das Ende des Kognitivismus einleiten und vielleicht sogar das Königreich des Individuums endgültig kollabieren lassen. Und so notwendig das ist: das wird nicht schön.

Die Pfadgelegenheit

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Pfadgelegenheit. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies

Einführung

Keine Angst! Der Begriff der Pfadgelegenheit ist genau das, was du dir intuitiv darunter vorstellst. Du stehst an einem Punkt eines Weges und von diesem Weg gehen mehrere andere Wege ab. Pfadgelegenheiten. Wo werden sie dich hinführen, wirst du fragen? Zu anderen Pfaden, zu anderen Pfaden.

Die Eingebung hatte ich, als ich mal zusammen mit meiner Freundin den Weidetorkreisel in Hannover zu Fuß überqueren wollte (blöde Idee). Das ist ein Autokreisel mit zwei bis drei Spuren und eine davon mündet in einer Autobahnauffahrt. Fußgängerampeln gibt es da nicht, also warteten wir mehrmals am Straßenrand auf autofreie Gelegenheiten, um die jeweils aktuell vor uns liegende mehrspurige Straße zu überqueren und in all diesem Chaos erkannte ich mein Leben wieder. Einbegriffen in Infrastrukturen, die wir kaum kontrollieren können, lauern wir auf die jeweils nächste Pfadgelegenheit, um Zug um Zug weiterzukommen.

Und plötzlich sind sie überall.

Ob wir vor dem Herd stehen und etwas kochen wollen, ob wir am Computer mit Programmen arbeiten, ob wir durch eine Stadt navigieren oder ein Haus bauen: Überall wird unser Leben ermöglicht, reguliert und verhindert durch Pfadgelegenheiten.

In einer ersten Annäherung könnte man vielleicht sagen, dass Pfadgelegenheiten nützliche Konstellationen im Zusammenspiel der uns zur Verfügung stehenden Infrastrukturen sind.

Ich habe das Wort ganz beiläufig bei meiner Abkehr vom Individualismus erfunden und hatte es kaum beachtet, weil es so unscheinbar ist.

Und das ist auch schon alles, was du über die Pfadgelegenheit wissen musst: Es ist einfach eine schöne Metapher, der Rest muss dich nicht weiter interessieren. Ab jetzt kommen nur noch langweilige theoretische Überlegungen, kompliziert und verwirrend und diese pinke Pille da ist eh nicht für dich und macht dich „woke“ und so.

Der Ausgangspunkt: das Individuum

Ok, ok, du willst es nicht anders. Dann mach dir einen Kaffee oder Tee, das kann ne Weile dauern.

Kaum hatte ich die „Pfadgelegenheit“ zum Nachdenken eingesetzt, puzzelte sich alles plötzlich ganz schnell zusammen: Die Pfadgelegenheit ist der Missing Link zwischen Mensch und Netzwerk.

Versucht es mal: Man kann das Netzwerk nicht mit dem Subjektentwurf des Individuums zusammenbringen, jedenfalls nicht sinnvoll. Ganz grob geht die Erzählung doch so: Du bist ein Geist/eine Intelligenz in einem Körper und der Körper ist in einer Welt und in der Welt gibt es Objekte. Das Individuum hat „Agency“ oder „Freiheit“ in dieser Welt, insofern es fähig ist, sich in der Welt frei zu bewegen und das schließt die Fähigkeit ein, Objekte durch seinen Willen zu kontrollieren. Das ist der heroische Subjektentwurf, von dem wir runterkommen müssen, wenn wir ein vernetzes Subjekt denken wollen.

Ich hatte in Krasse Links No 42 ein Paper von analytischen Philosoph*innen besprochen, die versucht haben, dieses Modell von Agency einmal genau zu definieren und dabei heillos scheiterten.

Sie definieren Agency als „an input-output system’s capacity to steer outcomes toward a goal“ und destillieren daraus vier Kriterien: ein Agent hat Agency, wenn „it has (1) a boundary, (2) is the source of its own actions, (3) has a goal, and (4) adaptively selects outputs based on inputs„.

Es macht Spaß zu lesen, wie sie durch jeden dieser Punkte steppen und daran scheitern, diese Fragen „objektiv“ zu beantworten, aber zur Anschauung hier der Abschnitt über die Zuordbarkeit von Handlungen:

For instance, a wall being knocked over by a wrecking ball could be understood as taking the action of being knocked over. However, the source of this action (and the corresponding potential energy) did not ultimately originate in the wall, but rather in the wrecking ball and its operator.

Und was ist mit dem Chef des Operators, der ihm den Befehl gab, die Mauer abreißen? Was ist mit der Kapitalist*in, gemäß deren Plänen die Wand abgerissen wird? Etc.

Kenton et al. (2023) recently develop a causal account that determines which entities in a causal model might be said to satisfy roughly this property. The difficulty, as Kenton et al. note, is that reaching a conclusion about the source of action in a causal model rests entirely on the choice of causal variables. In this way, identifying whether a given subsystem originates its own action depends on an independent, unrelated choice: the causal variables. Kenton et al. state directly: ”Note [discovering an agent in a causal model] is relative to a frame – a choice of variables that appear in our causal model” (p. 2, Kenton et al., 2023).

Je genauer man hinschaut, sind Grenzen immer nur behauptet, ist der Beweger immer schon bewegt, das Ziel niemals komplett das Eigene und Adaption immer wechselseitig. Dieses Paper ist eine anschauliche Dekonstruktion der Ideologie des Individuums, aber ohne zu merken. […]

Es scheint fast so, als wäre der Agent nie der Agent, sondern immer nur der „Agent plus Welt“ und als residiere die Agency nicht im Agenten, sondern … in seinen Beziehungen zur Welt? Doch das ist halt im „Reference Frame“ des Individuums schlicht nicht darstellbar.

Dass wir über Netzwerkgraphen von Personen oder Institutionen, also Objekten, nicht hinausgekommen sind, hat einen einfachen Grund: All unsere Begriffe, Konzepte, Kategorien und Selbstentwürfe widersprechen der Vorstellung der Eingebundenheit. Und das wiederum liegt daran, dass sie zu einem Großteil auf dem Subjektentwurf des Individuums basieren und daran scheiterten auch die analytischen Philosophen. Sie kamen selbst nicht aus dem Subjektentwurf raus, obwohl seine Inkonsistenz ihnen vor Augen lag, denn dafür hätten sie erst ihr eigenes Modell von sich selbst in frage stellen müssen. Und sowas tut man ja in der analytischen Philosophie bekanntlich nicht.

Here is the thing: Das Individuum ist nicht nur abzulehnen, weil es inhärente faschistische Tendenzen hat und nicht nur weil es nicht netzwerkfähig ist, sondern auch, weil es, sorry, einfach Bullshit ist. Das Individuum ist eine männlich-hegemoniale Machtphantasie und als Modell unserer Subjektivität inkonsistent und extrem verzerrend.

Trotzdem ist das Individuum zumindest in unseren Kreisen ziemlich Hegemonial und das ist ein Problem, denn das heißt: wir alle haben von klein auf gelernt, uns als Individuen zu erzählen, weswegen uns das Netzwerkdenken erstmal fremd und ungewohnt vorkommt. Aber ich habe festgestellt, dass es, wenn man es ein bisschen einübt, auch sehr intuitiv ist und im Gegensatz zum Individuum/Agenten auch erstaunlich konsistent und wenn man es länger anwendet, dann merkt man bald, dass das Individuum eigentlich ein Bug im Betriebsystem unseres Denkens ist, der die Sicht auf die Gesellschaft verhindert.

Mit unseren bisherigen Netzwerkdenken haben wir schon vieles zu beschreiben gelernt: Personennetzwerke oder „Kommunikationsnetzwerke“, Infrastrukturnetzwerke, biologische Netzwerke. Aber das eigentliche Potential des Netzwerkdenken liegt in der Beschreibung der überpersonalen Netzwerke, in die wir eingebunden sind. Die „Strukturen“. Wir haben nie wirklich gelernt, uns selbst im Verhältnis zur Gesellschaft zu erzählen und damit auch zu sehen.

Aber um dahin zu kommen, müssen wir erst das Individuum überwinden. Das machen wir zum einen durch die Schaffung der semantischen Pfadalternative „Dividuum“ (Ausführlicher Explainer). Kurzversion: Das Dividuum ist ein Netzwerkknoten ohne Agency, vollkommen definiert durch seine Milliarden Verbindungen.

Dieser Text ist quasi der zweite Schritt: die Pfadgelegenheit zu denken. Die Pfadgelegenheit ist der wichtigste Begriff von allen. Erst mit der Pfadgelegenheit können wir den Subjektentwurf des Indviduums vollständig ersetzen und das tun wir, indem wir die „Agency“ des Dividuums und damit auch seine gesellschaftlich aggregierte Handlungslogik in die Kanten des Netzwerks verlegen.

Jetzt noch mal richtig. Was ist eine Pfadgelegenheit?

Im Gegensatz zum Individuum, das sich selbst als handelnden „Agent“ begreift, hat das Dividuum seine Agency an die „Pfadgelegenheit“ ausgelagert. Die Pfadgelegenheit ist quasi ein dezentrierter Subjektentwurf: Statt ein Agenten-Modell haben wir ein Dividuums-Welt-Interaktions-Modell.

Das Wort „Pfadgelegenheit“ ist einerseits einfach, intuitiv und alltagspraktisch, aber andererseits auch theoretisch anspruchsvoll und komplex und fungiert deswegen wie ein „semantischer Hack“: Egal, wie tief man einsteigt, die intuitive Handlichkeit bleibt erhalten.

Die kompakteste Überblicks-Zusammenfassung, was eine Pfadgelegenheit ist und umfasst, findet sich in Krasse Links 68.

der begriff der „pfadgelegenheit“ ist der versuch, das amalgam aus handlung und den dafür notwendigen infrastrukturen in einen netzwerkfähigen begriff zu verpacken und so menschliche handlungen wieder an die gesellschaftlichen strukturen rückzukoppeln.

die grundannahme: du kannst nur handeln, wenn es einen weg dazu gibt. wir gehen nicht „unseren“ pfad, wir entscheiden uns zwischen materiell gegebenen pfaden.

„pfadgelegenheit“ ist so ein einfaches, unscheinbares wort, aber auch so extrem nützlich. hier ein paar beispiele:

wir haben damit eine pfadgelegenheit für eine infrastrukturbewusstere semantik:

eine pfadsetzung ist eine pfadentscheidung aus einer gegebenen menge aus pfadgelegenheiten, die rückblickend zur pfadabhängigkeit wird.

zum netzwerk werden pfadgelegenheiten, wenn man versteht, dass der ganze sinn von pfadgelegehheiten ist, neue pfadgelegenheiten zu ermöglichen.
bonusnutzen: das denken in pfadgelegenheiten entfaltet implizit und ganz automatisch eine räumliche und historische struktur, die sich durch pfad-abhängigkeiten beschreiben lässt und damit implizit auch macht abbildet. das funktioniert sowohl für materielle wie für semantische infrastrukturen.

beispiel: die einfach scheinende handlung: „nudeln kochen“ können wir mithilfe der „pfadgelegenheiten/pfadabhängigkeiten“-semantik in ein beliebig feingranulares netzwerk aus logistikunternehmen, wasserrohren, stromkabeln, historischen ereignissen, kraftwerken, weizenfeldern und arbeitsbedingungen in anderen ländern auffalten.

semantische pfadgelegenheiten:

jedes wort, jeder satz, jeder gedanke ist pfadgelegenheit für weitere semantische pfadgelegenheiten.

jedes wissen bereitet pfadgelegenheiten für neues wissen. aber auch semantische pfadgelegenheiten haben materielle pfadabhängigkeiten. bücher im elternhaus, medienkonsum, schulalltag, der vermittelte „wert von bildung“ etc.

auch: verschwörungstheorien bieten pfadgelegeheiten in andere verschwörungstheorien, „rabbitholes“ bestehen aus semantischen pfadgelegenheiten.

das netz aus semantischen pfadabhängigkeiten in das wir reingeboren wurden, ist die matrix in der wir leben. wir haben nicht genug abstand dazu, sie zu hinterfragen. jedenfalls nicht „individuell“. auch hier sind wir auf pfadgelegenheiten angwiesen, auf andere kritische beobachter*innen und ihren alternativen semantischen pfadgelegenheiten zur erklärung der welt.

aus all dem ergibt sich die endgültige dekonstruktion des „individuums“. es gibt kein ungeteiltes res cogitans, alles ist res extensa. das dividuum ist der schnittpunkt aus milliarden netzwerken. es lebt nicht nur in seiner infrastruktur, das dividuum _ist_ seine infrastruktur.

ich nenne das „relationaler materialismus“. es ist im grunde eine fusion aus sience & technology studies und graphentheorie, inspiriert von spinoza, deleuze und donna haraway.

Die „Pfadgelegenheit“ ist ein semantischer Superkleber. Sie verklebt das Subjekt mit seiner Welt, Agency mit Infrastruktur, Handlung mit Gesellschaft, Technologie mit Politik, Gelegenheit mit Abhängigkeit, Freiheit mit Widerstand, Evolutionstheorie mit Zeichentheorie, Poststrukturalismus mit Graphentheorie, Wirtschaft mit Macht, das Materielle mit dem Semantischen, das Hier mit dem Jetzt und markiert damit die atmende Grenze zwischen materieller Realität und dem Virtuellen und sogar dem Imaginären.

Eine Pfadgelegenheit ist immer materiell, aber sie ist immer auch semantisch, denn unsere Perspektive ist niemals „individuell“, sondern immer dividuell. Weil wir keine Individuen sind, die „aus dem Kopf“ oder „aus dem Bauch“ heraus entscheiden, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie Pfadgelegenheiten wahrnehmen, folgen wir einander auf mehr oder minder etablierten und mehr oder minder populären Nutzen- und Bedeutungspfaden durchs Leben und erzählen uns die Richtigkeit unserer Pfadentscheidungen entlang der Rechtfertigungserzählungen, die wir dabei so aufgeschnappt haben.

Auch praktisch: Der Begriff ist skalenfrei: Die Pfadgelegenheit ist genauso das Jobangebot, der nächste Zug beim Schach, die Investition, die Beziehungsofferte, die Gelegenheit, ein anderes Land anzugreifen, der Link, oder die vor uns liegende Autobahnausfahrt.

Pfadgelegenheiten sind rekursiv/fraktal. Pfadgelegenheiten bestehen aus Pfadgelegenheiten, denn damit etwas funktioniert, muss immer erst etwas anderes funktionieren, etc. Und wenn das dann funktioniert, bauen andere Pfade darauf auf, etc. … Ich könnte den ganzen Tag über die Vorzüge dieses Begriffs schwärmen.

Hier eine vorläufige Definition:

Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.

  • Perspektive: Das heißt der spezifische materielle Kontext: Klar, die Relevanz und Plausibilität von Pfadgelegenheiten verändert sich durch die dir zugängliche materielle Infrastruktur. Aber auch der spezifische semantische Kontext macht die Perspektive aus: je nach deinem spezifischen Wissen, deiner spezifischen kulturellen Prägung und deinen spezifischen Plänen, siehst du unterschiedliche Pfadgelegenheiten in derselben Welt.
  • projizierte Handlung: Also eine Handlung, die sowohl materiell möglich, als auch semantisch plausibel sein muss, aber materiell noch nicht aktualisiert ist.
  • Infrastruktur: Alles, was funktionieren muss, um die projizierte Handlung möglich zu machen und alles was funktionieren muss, damit wiederum das funktioniert, etc.

Das klingt erstmal nicht so kompliziert, aber denkt man die Interdependenzen mit, wirds vertrackt. Mal sehen: Die projizierte Handlung ist von der Perspektive abhängig, die Perspektive ist von der verfügbaren Infrastruktur abhängig, die verfügbare Infrastruktur ist von der Perspektive abhängig, die ja selbst aus projizierten Handlungen besteht, die wiederum von der Infrastruktur abhängen.

Integration des Pfadgelegenheitsmodells in die Hebel:Fulcrums-Mechanik

Jede Pfadgelegenheit ist in der Benutzung ein Hebel, der auf ein Fulcrum wirkt.

Im Explainer zur Hebel:Fulcrumsmeachnik habe ich versucht, den Zusammenhang zwischen Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrums-Mechanik deutlich zu machen.

Die Hebel:Fulcrum-Mechanik

Die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten bekommt mit der Hebel:Fulcrums-Beziehung einen mechanischen Vektor, der uns hilft, viele Rätsel aufzulösen. Die Fulcrumsmeachik ist die Aktualisierung einer Pfadgelegenheit: aus einem Potential wird eine ein neuer Ort im Netzwerk.

Aus dem Explainer zur politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.

Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.

Um diesen Explainer in seiner kompletten Tiefe nachzuvollziehen, lohnt es sich den Fulcrums-Eplainer ganz zu lesen, aber grob zusammengefasst kann man sagen (KL76):

Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.

Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird die Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Ihr alle habt sicher eigene Hebelerfahrung, aber zur Sicherheit schärfen wir noch mal folgendes Beobachtungschema:

trotz ihrer Komplexität in der realen Welt, kann man doch für jede Hebel:Fulcrums-Beziehung verallgemeinern:

  1. je stabiler und steifer das Fulcrum ist, desto direkter und größer die mögliche Kraftübertragung/-Steigerung durch einen entsprechend großen Hebel.
  2. je größer der Hebel, desto mehr „Stress“ (Last, Erschütterung, Verschleiß) wird auf das Fulcrum pro eingesetzte Kraft übertragen.

Die dividuelle Weltinteraktion als materielle Turing-Maschine

Aber hier ist der Trick: die ständige neu erzeugte Spannung zwischen den interdependenten Vektoren Perspektive, projizierte Handlung und Infrastruktur, treibt die Maschine voran.

Hier wie es doch eigentlich läuft: Die vorhandenen Infrastrukturen machen aus einer bestimmten Perspektive die projizierte Handlung einer Pfadgelegenheit plausibel, die, sobald sie genommen wurde, Teil der pfadabhängigen Infrastruktur wird, was wiederum die Perspektive um eine Pfadgelegenheit weiterschiebt, damit sie die nächste Pfadgelegenheit anvisieren kann.

Stellen wir uns vor, es ist Sommer und ihr wollt einen Sommerausflug nach München machen, denn Sommerausflüge nach München sind schön. Dafür muss man aber unterschiedliche pfadabhängige Pfadgelegegenheiten wahrnehmen, etwa „Ticket kaufen“.

Wir können uns das so vorstellen: Die Pfadgelegenheit „Ausflug nach München“ rückt die Pfadgelegenheit „Zugfahren“ in unsere Perspektive, die wiederum die Perspektive auf „Tickets Buchen“ verschiebt. Die Perspektive sieht in der Infrastruktur den Hebel: Bahnwebsite und mobilisiert das Fulcrum der Transaktion (Computer, Internetzugang, Kreditkarte). Ist die bis dahin projizierte Handlung: „Tickets Buchen“ vollzogen, wandern die Tickets zum Fulcrum und bereiten damit den nächsten Hebel vor. Die Veränderung der Infrastruktur wiederum verschiebt die Perspektive, nämlich unter anderem, um eine Pfadgelegenheit weiter. Zu, z.B. Termin in den Kalender eintragen, Hotel buchen, oder zum Bahnhof kommen und dann geht der Spaß geht von vorn los. Und so kommt man Zug um Zug zum Zug und schließlich nach München.

P (Perspektive/Hebel)
I (Infrastruktur/Fulcrum)
δ (Handlung)

δ : (Pt, It​) → (Pt+1​, It+1​)

Pt: „Tickets Buchen“ (Hebel)
It: Bahnwebsite, Bahninfrastruktur, Kreditkarte, Erwartungen (Fulcrum)

δ: Ausführung der Buchung

Pt+1: „zum Bahnhof kommen“, neues Perspektivfeld.
It+1: Bisherige Infrastruktur + Tickets

Die dividuelle Weltinteraktion ist eine materielle Turing-Maschine, die die Welt entlang der Übergangswahrscheinlichkeiten δ und über die Herstellung und Nutzung von Pfadgelegenheiten Schritt für Schritt in pfadangängige Infrastruktur verwandelt. Ein wohl reguliertes Dividuum bewegt sich wie „Beppo der Straßenkehrer“ durch seine Welt. Ein Besenstrich nach dem anderen und irgendwann ist die Straße sauber.

Aber weil wir uns im Gegensatz zu Beppo als „Individuen“ erzählen, die eine von ihrer Infrastruktur unabhängige Agency haben, verhalten wir uns eher wie Markow-Bots, die bei jedem ihre Schritte ihre Pfadabhängigkeiten vergessen und dennoch ihre Wahrscheinlichkeiten reproduzieren. Das Dividuum und seine Pfadgelegenheiten zu denken, bedeutet auch, mentale Verantwortung für die eigenen Infrastrukturen zu übernehmen.

Was ist Freiheit?

In unserem Dividuums-Welt-Interaktions-Modell ergibt sich daraus ein anderes, aber gut formalisierbares Modell von Freiheit, bzw. Agency, das ich aus Anlass eines Interviews mit Joscha Bach in Krasse Links No 31 einmal so ausgemappt habe:

Das, was Joscha Agency nennt und sie der Intelligenz des „Agents“ zuschreibt, nennt die Cyborg Freiheit. Konkreter: horizontale Freiheit, bzw. Positive Freiheit. Man könnte sie auch relational-materielle Agency nennen.

Unsere Freiheit ist der Ausschnitt, der uns zugänglichen Pfade im Netzwerk der Pfadgelegenheiten.

Unsere Freiheit ist diskret, also abzählbar. Sie existiert nur in konkreten, materiellen Pfadgelegenheiten, die uns zu einem Zeitpunkt x zur Verfügung stehen: der Wasserhahn, das Stück Straße zum Weg auf die Arbeit, das Stellenangebot in der Zeitung, das Essen im Restaurant, das Wort auf der Zunge. Die Pfade, auf die die Pfadgelgenheiten führen sind ungewiss, aber das heißt nicht, dass wir ziel- und planlos sind.

Ziele sind Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erzählungen. Wir sind immer auf Mission als Maincharakter in den vielen Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen und die steuern alle auf ein Happyend?

Pläne sind imaginierte Pfade im Netz der Pfadgelegenheiten auf dem Weg zum Happyend. Mal mehr mal weniger konkret, mal mehr oder weniger realistisch, etc. Damit ein Plan glückt, müssen Pfadgelegenheiten teils hart erarbeitet werden und manche Pfadgelegenheiten kann man nur erhoffen. Wenn die Ungewissheit zu groß wird, muss man Pläne auch beerdigen und das ist immer schmerzhaft.

Das Netz der Pfadgelegenheiten hat ebenfalls Netzwerkzentralitäten und die nennen wir „Liquidität“. Geld ist nicht der einzige, aber netzwerkzentralste Hub in diesem Netzwerk, zumindest im Kapitalismus.

Damit können wir schon mal drei Freiheiten ausmappen:

Die nominelle Freiheit ist die Anzahl, Vielfalt und Qualität der Pfadgelegenheiten, die von einem Dividuum zum Zeitpunkt X ausgehen und deren Länge durch das Geld als Radius begrenzt wird. Die nominelle Freiheit ist also der Ausschnitt im Netz der Pfadgelegenheiten, der für das Dividuum zum Zeitpunkt X zugänglich ist. Es ist nur eine theoretische Freiheit, weil sich niemand die Arbeit machen würde, diese Pfade auszukartographieren.

Die plausible Freiheit ist das viel kleinere Subset dieser Pfade, die dem Dividuum tatsächlich als „plausibel“ im Bewusstsein schwirren. Sie wird somit einerseits durch die nominelle Freiheit begrenzt, aber auch durch die dem Dividuum zugänglichen Erzählungen. Diese plausiblen Pfade sind natürlich imaginiert und auch hier gilt: sie sind nicht rigoros ausgemappt und schon gar nicht vollständig und oft auch gar nicht wirklich plausibel, wenn man genau hinsieht, aber sie bilden das Freiheits-Hintergrundrauschen, vor dessen Kulisse jede Pfadentscheidung getroffen wird. Sie ist der Raum, in dem wir planen und entscheiden. D.h. jede Pfadentscheidung ist immer eine Entscheidung gegen andere plausible Pfade in diesem Raum.

Die geplante Freiheit ist die Freiheit, die wir im Alltag spüren. Hier ist die Schmerzempfindlichkeit am größten. Geplante Freiheit ist die Leichtigkeit (oder nicht), mit der wir unseren Plänen nachgehen. Nichts vermittelt so sehr das Gefühl von Unfreiheit, als wenn Barrieren unsere Pläne verhageln.
Horizontale Macht (auch hegemoniale Infrastrukturmacht) begrenzt unsere nominelle und damit die horizontale Freiheit. Als Pfadopportunist*innen nehmen wir diese Form der Macht nicht als Gewalt wahr, weil die vorenthaltene Agency nie erwartet wurde. Wir fügen uns.

Vertikale Freiheit (auch negative Freiheit) ist geplante Freiheit. Vertikale Macht (auch souveräne Infrastrukturmacht), also Gewalt, kann sich jederzeit zur Netzwerkzentralität in den Pfadabhängigkeiten Deiner Pläne machen und macht Dich somit extrem abhängig. Freiheit von dieser Form der Abhängigkeit ist die Freiheit, planen zu können.

Und dann gibt es noch die semantische Macht (auch hegemoniale Semantikmacht), die die plausible Freiheit … zumindest mitgestaltet. Wer erzählt die Geschichten, die umherschwirren, an denen auch wir unsere Lebenspfade, also Pläne orientieren?

Was auch spannend wäre: „Chancengleichheit“ aus Cyborgsicht einmal auszubuchstabieren.

Evolutionsbiologische Herleitung der Pfadgelegenheit

In Krasse Links No 74 spekuliere ich anhand eines Vortrags von Nicholas Humphrey über die Geburt und Evolution der Pfadgelegenheit und kann dadurch auch einige Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit genauer herausarbeiten.

Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionären Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Der erwartete Wert des Pfades

Das Problem der „antizipierten Handlung“ δ wurde in der Entwicklungsgeschichte des Maschine Learnings mit dem Konzept der „Q-Function“ gelöst und wie entstand erzähle ich in Krasse Links No 74.

Dieser Video-Explainer über KI dreht sich eigentlich um die Frage, in wie weit Schmerz die wesentliche Zutat ist, die Lernen ermöglicht, kommt dabei aber immer wieder auf die sogenannte „Value Function“ moderner Machine Learning-Systeme zurück.

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Q-Function errechnet also den subjektiven „Wert“ von Pfadgelegenheiten.

Aus der dem Explainer der Macht-Wert-Formel:

Durch die Integration der Formel in die Hebel:Fulcrums-Mechanik können wir γ als Q-Function identifizieren und diese Q-Function besteht aus einem Hebel und einem Fulcrum. Der Hebel ist der Pfadwert, wie wir ihn besprochen haben, aber das Fulcrum, auf dem er hebelt ist die Übergangswahrscheinlichkeit, mit der der Wert eingelöst wird.

γ = Q-Function(p x U)

Wobei „p“ die Übergangswahrscheinlichkeit und „U“ der angenommene Wert des angenommenen Nutzenpfads ist.

Zu U habe ich noch ein interessantes und wie ich finde, passendes Konzept. Aus dem Explainer zur Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Der Mathematiker Richard Bellman hat dafür in den 1950ern eine Formel aufgestellt, die er in einem anderen Kontext entwickelte, die aber hier erstaunlich präzise passt. Die Bellman-Gleichung beschreibt, wie ein Akteur den Wert eines Zustands berechnet: nicht durch den unmittelbaren Gewinn, sondern durch den besten erreichbaren Wert aller zukünftigen Zustände, die von hier aus zugänglich sind.

Der Preis, den jemand zu zahlen bereit ist, entspricht also nicht den Kosten des nächsten Schritts des Exits, sondern dem kumulierten Wertverlust aller Pfadgelegenheiten, die der Exit nach sich zieht.

Das erklärt, warum Lock-In so mächtig ist. Plattformen, Vermieter und Monopolisten müssen den Exit nicht unmöglich machen – es reicht, die Folgekosten des Exits systematisch zu erhöhen. Wer nach Jahren aus einem Apple-Ökosystem aussteigt, verliert nicht nur sein Gerät, sondern sein gesamtes App-Portfolio, seine Kontakte, seine Gewohnheiten, seine sozialen Anschlüsse. Der Bellman-Wert des Exits sinkt mit jeder weiteren Nutzung – nicht weil der Kanal besser wird, sondern weil Afrika weiter weg rückt.

Daraus folgt eine wichtige Asymmetrie: Je länger man einen Pfad geht, desto teurer wird der Exit – und desto mehr Spielraum hat der Anbieter, den Preis zu erhöhen, ohne den Kipppunkt zu erreichen. Das ist die zeitliche Dynamik hinter der Salamitaktik der Margenentwicklung, die weiter oben beschrieben wurde. Jede Preiserhöhung, jede Enshittification, jeder Versuch die Demokratie abzuschaffen, jeder Genozid und jede sonstige Grenzverletzung der Mächtigen ist eine kleine Wette darauf, dass der akkumulierte Bellman-Wert unseres bisherigen Pfades den neuen „Preis“ noch trägt.

Mit der Bellman-Gleichung bekommt das ganze Modell eine implizite Zeitdynamik, die alle Akteure in einem Hier und Jetzt immer neue einen Pfadwerte imaginieren lässt.

Die menschliche Q Function

Ich schlage folgende „Outline“ für eine menschlichen Q-Function vor:

p schätzt zuerst die generelle „Viabilität des Pfades“: ist der Pfad überhaupt beleibar und kann damit plausibel sein? Hier wird n gebildet und jedes n hat drei Dimensionen

  • Materielle Übergangswahrscheinlichkeit. Die Frage, ob die Infrastruktur wirklich gehalten hat. Das ist in einem Pfadgelgenheits-Jetzt immer nur Spekulation und schlauer sind wir hinterher.
  • Die Übergangswahrscheinlichkeit, mit der ich auf mein Portfolio meiner implizit beliehenen Erwartungen an die Infrastruktur (an das Fulcrum) Wette. Es ist der Kredit, den man sich jedesmal einräumt, wenn man beim Nutzen einer Pfadgelegenheit erwartet, dass sie „hält“ und. Dieses beleiht einerseits die eigene „Erfahrung“, aber andererseits …
  • Auch das eigene Erwartungserwartungs-Portfolio: Wenn man Erwartung beleiht, beleiht man nie nur eigene Erwartung, sondern auch unsere Erwartungen an die Erwartungen anderer und damit auch ihre erwarteten Erwartungen usw. Das ganze Geflecht aus Beleihungsstrukturen, in denen die „Institutionen“ die Netzwerkzentralitäten bilden.
  • Aber wenn man schlau ist, schließt man noch ein mehr oder weniger sophisticates „Risk Assessment“ an?

U ist wie gesagt der Bellman-Wert des Pfads, als Pfadpotential, aber er integriert ebenfalls die drei Layer.

  • Auf der materiellen Ebene ist es wieder die Frage, ob die imaginierten Pfadgelegenheiten gehalten haben, was sie versprochen haben und meist ist das nur so halb der Fall, aber jetzt ist man trotzdem auf diesem Pfad und findet Wege, ihn für sich zu nutzen. Aber auch hier gilt: Schlauer ist man immer erst hinterher.
  • Auf der Erwartungsebene ist der Imagination keine Grenzen gesetzt, es sei denn, man hat ein Budget, dass das eigene Handeln begrenzt. Wenn man Bugetierung mit einberechnet, merkt man schnell, das Pfade auch Kosten haben und das Dividuum findet Wege, die Kosten in die Q-Function zu integrieren, so Pläne mit etwas Übung ausgereifter sind, und die Übergangswahrscheinlichkeiten zwischen Layer 1 und 2 besser matchen.
  • Auf der Erwartungserwartungsebene sind wir nicht unberührt davon, wer was gut und wer was doof findet, was „wert“ hat, was „Müll“ ist und über diese Linien wird semantische Politik betrieben, aber auch Preise gemacht, denn „Identitäten“ lassen sich prima für Marge leveragen.
  • Und dann die bange Frage: Passiert der Pfad den „Blick des Anderen“? (Er ist teil der „Perspektive“ des Dividuums. Braucht der Pfad vllt besondere Erlaubnisstrukturen? Liegen sie zur Hand? Kann ich den Pfad verantworten?

Aber geerdet ist die Q-Function in Schmerz. Der Schmerz des Fehlens der Pfadgelegenheit, der Schmerz des p = 0. Das muss man nicht überdramatisieren, das ist ein alltäglicher Schmerz. Jeder, der alleine Wohnt, hatte mal den Moment, dass man auf dem Klo sitzt und das Klopapier ist alle, weil man kein neues gekauft hat. Die Übergangswahrscheinlichkeit n der Pfadgelegenheit Klopapier hoch zu halten, ist als Schmerzerfahrung implementiert und eine meiner Thesen ist, dass der Klopapier-Hamster-Run am Anfang der Pandemie aus diesem Reflex entsprang.

Der Pfad

Im Moment der Aktualisierung, d.h. im Übergang von der „projizierten Handlung“ zur „Handlung“ (siehe Hebel:Fulcrums-Mechanik), passiert die eigentliche Magie: Die gleichzeitige Transition des Dividuums und der Welt in einen jeweils anderen Zustand. Das heißt, alles verändert sich: unsere materielle Infrastruktur und unsere Perspektive auf die Welt (unsere daran geknüpfte Beleihungsstruktur). Denn die Pfadentscheidung eröffnet neue Pfadgelegenheiten und gleichzeitig schließt sie andere, die vorher plausibel schienen. Das meint nicht, dass Entscheidungen generell irreversibel sind, aber selbst wenn wir eine Entscheidung bereuen und versuchen auf den alten Stand zu kommen: Unsere Perspektive und unsere Infrastruktur wird nicht mehr dieselbe sein. Unser Pfad hat sich verändert.

Ich merke im Alltag, dass es hilfreich ist, mich und meine Mitmenschen als Pfadwesen zu begreifen. Wir alle kommen irgendwo her und wir alle wollen oder müssen irgendwo hin. Unser Sein ist die uns zugängliche Infrastruktur, die uns bekannten Pfade darin und die aggregierten Pfadentscheidungen, die uns hier hingebracht haben und vor uns sehen wir immer nur die Pfadgelegenheiten, die sich daraus ergeben. Deswegen ist die Subjekterfahrung des Dividuums ein Navigieren: Eine Pfadentscheidung nach der anderen und wenn du dabei jemandem begegnest, weißt du nie, auf welchem Pfad er oder sie ist.

Das Leben als Pfadwesen, via

Auch interessant, darüber nachzudenken: Mit jeder Pfadentscheidung produzieren wir Geschichte als Netz von Pfadabhängigkeiten. Materiell infrastrukturelle Pfadabhängigkeiten genauso wie semantische Pfadabhängigkeiten. Unsere Gebäude und Gedankengebäude, unsere Schulen und Ideologien, unsere Straßen und Argumente und unsere Arten auf die Welt zu schauen, existieren nicht unabhängig von einander, sondern sind sozial konstruiert und historisch gewachsen, bauen aufeinander auf, nutzten einander als Infrastruktur.

Kein Argument existiert ohne explizite – aber allzu sehr oft auch einfach unausgesprochene – Pfadabhängigkeiten. Eine gut abgehangene philosophische Technik, um neue, interessante Pfade im makro-semantischen Raum zu finden, ist netzwerkzentrale Pfadabhängigkeiten herauszuarbeiten und sie in Frage zu stellen. Und optional kann man dann im zweiten Schritt alternative plausible Pfade um die betreffende Pfadabhängigkeit herumzubauen und dann mal sehen, wo man damit landet?

Aber hier ist das Problem: Im Moment der Pfadentscheidung ist es unmöglich vorherzusehen, wohin einen eine Pfadgelegenheit bringt und oft wird alles ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Deswegen machen wir Pläne und starten „Projekte“, aber weil nie etwas nach Plan verläuft, leben wir in den Ruinen unserer Pläne, aber vor allem in den Ruinen der Pläne anderer.

Diese Ruinen sind nicht nichts, auch sie bieten immer neue Pfadgelegenheiten und stabilisieren Erwartungen was bedeutet, dass die Erwartungen pfadabhängig vom aktuellen System werden und was Revolution immanent schwierig macht. Die Menschen haben was zu verlieren. Um zu rebellieren, muss das Dividuum nicht nur imaginieren, welche Pfadgelegenheiten eine bessere Welt wohl bringen wird, sondern auch den Schmerz des Verlusts der eigenen Infrastruktur riskieren. Und so klein und bescheiden sie auch sein mag: that’s a lot to ask.

Und deswegen ist unsere Standardeinstellung „Komplize des Systems“, einfach aus der Anerkenntnis dieser Abhängigkeiten. Das ist ein großes Problem, weil unsere Infrastrukturen in der Welt großes Leid anzetteln. Spätfolgen des dritten Reichs und des zweiten Weltkriegs, Spätfolgen des Kolonialismus, Bodenschätze, die wir nachwievor ausrauben, die Klimakatastrophe, die wir zu einem nicht geringen Teil mitverursacht haben und weiter verursachen, unsere Unterstützung von korrupten Regimen, weil es gerade opportun ist und nicht zuletzt unsere Unterstützung für Genozide, für die wir Waffen, Geld, politische Rückendeckung und Unterdrückung von Protest organisieren und vieles mehr.

Noch bevor wir eine Entscheidung getroffen haben, sind wir Komplizen. Wenn wir unsere Infrastrukturen sind, dann sind wir auch für sie verantwortlich. Und aus dieser Verantwortung heraus ergibt sich für das Dividuum fast wieder so etwas wie eine nationalestaatsbezogene Subjektivierung – als Verantwortlichkeit. Eine Unmöglichkeit der Selbstherausnahme aus dem aktuellen Geschehen. Das ist ziemlich das, was ich spüre, wenn ich Deutschland in der Welt agieren sehe. Ich fühle mich als pfadabhängiger „Profiteur“ dieser Infrastruktur, die wir „Deutschland“ nennen ein Stück weit verantwortlich und deswegen schmerzt mich deutsche und auch westliche Politik gerade bis ins Mark.

Das Orientierungswissen im Latentspace

Der Raum der Pfadgelegenheiten ist ein komplexes Netzwerk, aber in diesem Netzwerk finden wir uns intuitiv zurecht, weil wir ein Leben darauf trainiert haben, es zu navigieren. Wir kennen unsere Pfade und haben ein grobes Orientierungswissen. In Krasse Links 69 formulierte ich das so:

Wir werden immer schon in ganz konkrete materielle und semantische Strukturen hineingeboren und deswegen begegnen uns alle Dinge und Worte als immer schon in materiell funktionale Pfade (Löffel als Pfadgelegenheit zum Brei essen), und ihre Pfadabhängigkeiten (Schüssel, Tisch, Essen), sowie in soziale Netzwerke (Mama füttert mich mich Löffel) und in semantischen Pfade („Will Löffel!“) eingebunden.

Weil wir keine Individuen sind, die sich der Welt gegenüberstellen, sondern relationale Materialist*innen, denken wir weder in „Objekten“ noch in „Begriffen“, sondern in Pfaden.

Denkt mal über das Denken nach und beobachtet euch selbst: Nachhausefinden, Planen, Sprechen, Kuchenbacken, Singen, Erzählen, Nachdenken, Erinnern, Kopfrechnen, Forschen, ein Wissenschaftlicher Versuch – all das sind Pfade. Um uns unsere Schuhe zuzubinden, müssen wir zuerst in die Hocke gehen, dann mit der einen Hand den einen und mit der anderen den anderen Schnürsenkel greifen und so weiter. Jeder Schritt ist notwendig, also eine Pfadabhängigkeit für den nächsten Schritt.

Dieselben Bewegungs-Pfadabhängigkeiten sind aber selbst wiederum in andere Kontexte eingewoben. Wenn z.B jemand im Trainingsanzug in die Hocke geht, gibt es diesen Moment der Unsicherheit, ob er sich die Schnürsenkel binden will, oder in den „Slav Squat“ geht.

Handlungen und ihre Infrastrukturen sind als materielle Pfadgelegenheiten mit dem Raum der semantischen Pfdgelegenheiten rhizomatisch verwoben. Oder anders: Semantik und materieller Weltbezug bilden einen gemeinsamen Latent Space, den wir nur von innen und immer nur entlang konkreter Pfade kennenlernen. Alles ist eins. Ja, doch, Spinoza, aber mit Übergangswahrscheinlichkeitsmatrix statt Kausalitätsketten.

Der Latent-Space ist nicht zufällig anschlussfähig, an das was Deleuze das „Virtuelle“ nennt, denn auch Deleuze ist Spinozaleser. Das „Virtuelle“ nennt er das „Feld der Differenzen“, das zu jedem gegebenen Jetzt den Raum des Möglichen vorzeichnet, also eine Struktur, die immer schon vor jeder konkreten Handlung wirksam ist: sie legt fest, welche Aktualisierungen überhaupt in Frage kommen. Aber wenn das Virtuelle der globale Möglichkeitsraum von Differenzen ist, dann sind die Pfadgelegenheiten die lokale Zugriffspunkte eines Dividuums auf diesen Raum. Die kleinste relevante Einheit dieses Raums ist aus dieser Sicht nicht die abstrakte Differenz, sondern die konkrete Pfadgelegenheit: die Möglichkeit, eine Differenz als Pfad zu aktualisieren.

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