Krasse Links No 86

Willkommen zu Krasse Links No 86. Rüstet euer Herz mit Path Protective Cognition, heute trommeln wir Elon Musk die Kostenstruktur der L3-Vibes in die NPCs.


SpaceX hat seit seinem IPO 58% zugelegt und steht aktuell bei 2,61 Billionen in „Market Capitalization“. Die LA Times.

Shares of Elon Musk’s rocket and AI firm rose as much as 6% in early trading Wednesday, extending their rally since going public to 58%. The company formally known as Space Exploration Technologies Corp. became the fifth-largest stock in the world on Tuesday after overtaking Amazon and briefly topping Microsoft Corp. …

SpaceX has been the most-bought stock by retail investors each day since its IPO, matching the combined buying of Nvidia Corp., Alphabet Inc., Amazon, Meta Platforms Inc., and top exchange traded funds tracking the Nasdaq 100 and S&P 500 indexes, according to data from Vanda Research. Over the same period, Tesla Inc. has seen roughly $61 million in net selling, the data show.

Als ich das las, dachte ich sofort: aber warum denn nicht 4 Billionen? Oder 15? Oder 240? oder 1500? Warum den Wert von SpaceX nicht gleich in Fantastilliarden messen?

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr über Cheatcodes den God-Mode bei Computerspielen aktiviert? Also Unverwundbarkeit, unendlich Leben, unendlich Munition, usw. Es ist die Erfahrung, alle Fulcrumskosten K_F externalisiert zu haben. K_F_a (Aktivierungskosten) ist null, K_F_v (Verschleißkosten) wird vom System nicht mehr an dich zurückgespiegelt, K_F_ab (Wechselkosten) hat im Spiel keine Bedeutung mehr, weil du nichts mehr verlieren kannst.

So muss sich Kapitalismus für Elon Musk gerade anfühlen.

Aber es gibt vermutlich auch diesen Punkt, an dem der Superindividualismus ins Unangenehme kippt? Ich hab den God-Mode jedenfalls meistens schnell wieder abgeschaltet, weil das Spiel nur noch langweilig wurde.


In The Verge schreibt TC Sottek über die unangenehme Tatsache, dass der erste Billionär der Welt ein Mörder ist.

Elon Musk’s SpaceX IPO will probably make him the richest person to ever walk the planet. And while his mountain of horrible personal conduct could fill multiple books, one fact in particular stands out: A year ago, Musk’s actions directly led to the deaths of hundreds of thousands of people. He did it knowingly. And, worse — gleefully.

This is not a serious person, but his abuse of the world is deadly serious. In the first months of President Donald Trump’s second term, the Musk-led Department of Government Efficiency (DOGE) destroyed the US Agency for International Development, whose mission was a boon to public health around the globe. Musk called the lifesaving agency a “criminal organization” and blithely celebrated spending a weekend “feeding USAID into the wood chipper.” It was a good reference if you want everyone to think you’re the killer in Fargo. Mission accomplished, Elon.

In the months that followed, public health models would indicate Musk was a killer, at a far greater scale than any Coen brothers villain. A tracker co-created by Boston University professor Brooke Nichols projected over 780,000 deaths — mostly of children, many of infants — due to the Trump administration’s early-2025 USAID cuts, caused by malaria, tuberculosis, HIV, and more. These deaths were widely predicted from the beginning, a direct, known, and undeniable consequence of DOGE’s actions. We don’t know the precise number of deaths, but multiple experts working on identifying the scale of the tragedy have generally agreed it’s in the hundreds of thousands. Global researchers, publishing in Nature, project that the cuts to USAID could result in 163,500 child deaths yearly. Another publication in The Lancet says there could be millions more to come. Musk showed no sign of caring.

Elon Musk sieht andere Menschen erklärter maßen als „NPCs“, also „Non Player Character“. Das sind automatisierte Figuren im Computerspiel ohne eigene Agency.

Kindern im globalen Süden ihr Essen und ihre Medikamente wegzunehmen, muss sich für den reichsten Menschen der Welt pfadpsychologisch anfühlen, wie ein gelangweilter Amoklauf in Grand Theft Auto auf God-Mode.


Aber weil selbst Superindividuen für ihre Gewalt eine Erlaubnisstruktur brauchen, lohnt es sich in der Geschichte zurückzublättern, um zu fragen, warum genau er all diese unschuldigen Menschen sterben lies: Ryan Cooper im Prospect Magazin.

Why? The most convincing answer I’ve seen is that Musk started listening to Mike Benz, a rabidly antisemitic conspiracy theorist, on Twitter/X and podcasts. Benz pushes a particular lunatic view, stemming originally from the Lyndon LaRouche cult, that USAID is part of a shadowy conspiracy to incite “color revolutions” around the world. Musk seemingly heard Benz on Joe Rogan’s show, followed him on X, and swallowed his nonsense wholesale. When Musk boasted that he “spent the weekend feeding USAID into the wood chipper” in a post on X, he was quote-tweeting Benz.

That is nothing unusual for X, which has become a central organizing hub for movements of insane fascists around the world. Musk—when he isn’t throwing Nazi salutes at public events—has restructured the platform’s algorithm to force-feed right-wing propaganda on every user and increase the followings of far-right accounts. He has personally boosted far-right parties and politicians in Germany, France, Italy, Britain (where he has also helped incite race riots), and elsewhere. His system of sharing revenue with people who pay for his blue checkmark has inflated a class of fake MAGA accounts run by entrepreneurs in poorer countries who cook up AI propaganda slop for credulous American conservatives.

Trump administration staffers are quite obviously heavily influenced by, if not recruited directly from, right-wing X subculture. They act and speak in an ironic, transgressive, extremely online way that is unmistakably a product of that platform. Many Trump administration policies, like the mass murder of Venezuelan fishermen, seem to be primarily done to generate content for X. Vice President JD Vance is following many outright white supremacist accounts on X and echoing their language.

Im relationalen Materialismus unterscheiden wir ja bekanntlich drei Realitätsebenen:

  1. Layer: Materielle Realität
  2. Layer: Erwartungen
  3. Layer: Erwartungserwartungen

Diese Layer sind uns aus der subjektiven Perspektive nicht wirklich unterscheidbar zugänglich, weil unsere Q-Function keine andere Möglichkeit hat, als auf Layer 2 zu operieren. Man muss sich das so vorstellen, dass Layer 1 und Layer 3 immer darum konkurrieren, Layer 2 zu beeinflussen. Layer 1 tut das vor allem durch „Erfahrungen“ und Layer 3 vor allem durch sozial/öffentlich gesetzte Orientierungsrahmen, in dem die Erfahrungen stattfinden, wobei in Layer 3 nicht nur Propaganda, sondern zum Beispiel auch die Ergebnisse intersubjektiv wiederholbarer Erfahrungsportfolios (Wissenschaft) einfließen. Jede Q-Function auf Layer 2 beleiht immer die beiden anderen Ebenen, nur meist in unterschiedlichen Gewichtungen.

Und so nutzt Musk X unter anderem dafür, seinen Layer 2 von random Verschwörungstheoretikern gestalten zu lassen. Wie jedes Dividuum ist er sowohl Strukturempfänger, wie auch Strukturverstärker, nur dass er wohl der einzige Mensch auf der Welt ist, der beinahe alle der dafür nötigen Infrastrukturen kontrolliert.


Ich hatte ja vor paar Wochen bereits über das Buch „KI und Demokratieberichtet und habe nun meinen Text daraus „Supplychain-Kapitalismus, Plattform-Merkantilismus, KI-Coup und die Grundrisse einer Politischen Ökonomie der Abhängigkeiten“ auf ctrl-Verlust in ganzer länger veröffentlicht.

Der Text ist zwar nicht ganz unkompliziert aber dennoch eine vergleichsweise niedrigschwellige Einführung in das, was ich damals noch „Politische Ökonomie der Abhängigkeiten“ nannte, aber heute „Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten“ nenne. Mir ging es dabei darum, entlang der Beispiele Supplychains, Plattformen und KI die Metaebene von Ausbeutungsverhälnissen dingfest zu machen, indem ich sie als Austauschbarkeit-Hierarchie-Design-Patterns (im Text genannt: „politökonomische Aneignungsprotokolle“) gegeneinander stelle.

  • Beim Supplychain-Kapitalismus dominiert ein Leitunternehmen (vor allem qua hegemonialer IP-Rechte) die vergleichsweise austauschbareren Supplyer und frühstückt so ihre Marge.
  • Im Plattform-Merkantilismus vermitteln Plattformen über ihre technische Infrastruktur etablierte Interaktionszusammenhänge und können die daraus entstehende Abhängigkeitsdividenden mittels Enshittyfication abschöpfen.
  • Der KI-Coup ersetzt etablierte Interaktionszusammenhänge und konzentriert die ersetzten Abhängigkeiten auf seine Rechenzentren.

Damals schrieb ich auch über Musks Twitterkauf:

Doch der abgeschöpfte Mehrwert beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Geld. Silicon Valley hat unsere öffentliche Sphäre in Beschlag genommen und sitzt jetzt an den subtilen Schalthebeln der algorithmisierten Sichtbarkeit von Informationen und Meinungen und exerziert damit immer ungenierter auch politische Macht.

Elon Musk, der 2022 Twitter übernahm, transformiert die Plattform von einem der wichtigsten Orte für digitale Öffentlichkeit zu einer „Nazipropagandawaffe“, indem er gezielt Rechtsradikale wieder auf die Plattform holte, Journalisten zensiert, gerichtliche Verfahren gegen NGOs führt und den Empfehlungsalgorithmus für rechte Inhalte und vor allem für seine eigenen Posts optimiert, mit denen er nun allerlei Verschwörungstheorien über den „Woke Mind Virus“ und das „Great Replacement“ an sein Millionenpublikum promotet (Maher 2025; Prithvi 2024). Die politische Macht, die Musk durch X gekauft hat, verwandelt er wiederum in Staatsaufträge und Deregulierung seiner Firmen, also in Geld (McNicholas und Poydock 2025).

Effektive Politik arbeitet immer an Layer 2-Beeinflussung: sei es durch L1-Shaping (siehe z.B. die TINA-Politik im letzten Newsletter), oder eben L3-Shaping auf der gesellschaftlichen/semantischen Ebene.

Damit versteht man das eigentliche Asset, das sich Musk damals mit Twitter gekauft hat: Die Kontrolle des Vermittlungslayers des (eigenvektor) netzwerkzentralsten L3-Trommelkonzert unter Eliten (Politiker*innen, Milliardäre, Journalist*innen, Promis, etc), mit der Möglichkeit, sich selbst die größte Trommel zu installieren und so den Ton anzugeben.

Im Gegensatz zu Ökonomen versteht er, dass es keine wirkliche Trennung zwischen Ökonomie und Politik gibt und seine U_gelingt des Twitterkaufs zielte nie auf den direkten monetären Nutzen, sondern immer schon auf die Ausweitung seiner L3-Hebel.

Und das klappt ganz gut?


Nate Silver (ja, ich weiß, er ist schwierig, aber manchmal auch nützlich) hat die reichweitenstärksten Accounts auf X für 2026 ausgewertet.

Here, voilà, are the Twitter accounts with the most engagement so far in 2026


Nachdem schlimmen Mordversuch in Belfast stachelte Musk gezielt – und laut Wissenschafler*innen auch effektiv – britische Rechtsradikale zu den dann stattfindenden Pogromen gegen Flüchtlingsunterkünfte an. Le Monde berichtet.

Researchers from the nonprofit tech watchdog Center for Countering Digital Hate (CCDH) reported that the trio’s posts about Belfast collectively garnered more than 115 million views across their accounts, with Musk accounting for 55 percent of the total.

„Musk’s amplification has been instrumental,“ contributing 64 million views, CCDH said in a report. „As the owner of X and its most followed user, Musk has unparalleled power to shape what people see online. With that power comes responsibility for the content and conduct his platform promotes,“ said Imran Ahmed, CCDH’s founder and chief executive.

Auch im New Republic Magazin stellen Toby Buckle und Greg Sargent eine eskalierende Radikalisierung von Musk fest.

Musk’s extraordinary wealth is fueled by investors’ bedazzlement at his techno-utopian schemes. But the Belfast conflagration revealed the other side of his future vision: His belief that the white populations of the world must violently subjugate the nonwhite enemy in what he sees as a multi-continental, Armageddon-like Total War for global racial supremacy.

As the bedlam raged in Belfast after the stabbing—resulting in far-right rioters torching cars, buses, and even the homes of immigrants—Musk egged it on. Using X—the platform he acquired precisely for moments like these—he posted locations for groups of rioters to congregate. He elevated vile, overtly fascist and white-supremacist exhortations. When one far-right British politician called for the prosecution of officials who “placed dangerous third world savages in our communities,” Musk replied: “This is the way.”

These developments graphically illustrate the future that Musk truly envisions. They also demonstrate that Musk will use his stratospheric wealth and influence to incite untold levels of global fascist violence going forward.


In seinem Bloomberg Newsletter Money Stuff hatte Matt Levine bereits vor dem IPO spekuliert, wie die $135 pro Aktie Bewertung von SpaceX zustande kam.

Normalerweise läuft es so: eine Firma, die an die Börse will, geht zu einer großen Finanzbank, wo sich dann ein Team von Finanzprofis ans Telefon hängt und eine Reihe ausgewählter „institutioneller Investoren“ abtelefoniert, um zu gucken, wer wohl kaufen würde und zu welchem Preis und warum, oder warum nicht.

Nach einiger Zeit bekommen die Finanzprofis dann ein „Gefühl“ dafür, was ein attraktiver Einstiegspreis ist, der eine relevante Nachfrage garantiert und gleichzeitig nicht zu niedrig ist, dass man Geld auf dem Tisch liegen lässt und wenn sie den Job richtig machen, wird der IPO idealerweise mit einem „POP“ (Aufwertung des Unternehmens) von ca. 20% belohnt.

Doch diese Vorgehensweise scheint der Vergangenheit anzugehören? Musk und seine Leute nahmen den Banken die „Price Discovery“ offenbar ab, indem sie stattdessen auf von jeder Realität unkorrellierten und unregulierten „Märkten“ wie Hyperliquid und Wettbuden Polymarket schauten, wie dort die Stimmung ist. Auf Hyperliquid werden sogenannte „Pre-IPO perpetual futures“ oder auch „PERPs“ gehandelt, was so ne Art Wetten auf noch bevorstehende IPO-Issuing-Preise ist.

Traditionally, an IPO is a dramatic event, because it is a phase change in a company’s existence. Before the IPO, there is no real market price for the company. In the IPO, the company’s bankers conduct an imperfect price-discovery negotiation with select potential investors, getting a loose sense of how much the market thinks the company is worth, and using that sense to price the IPO. After the IPO, the stock starts trading and the market tells you how much it actually thinks the company is worth. The transition is abrupt and uncertain, and companies will get it wrong. Sometimes a company will market an IPO in a price range, and investors will tell it “actually you should charge much less” or “actually you should charge much more” or “lol no bid,” and the IPO will price above or below the company’s planned valuation range. Sometimes a company will price an IPO, and the next day the stock will trade up 300% or down 50%, because even the best efforts of the company and the bankers and the IPO investors couldn’t find the right price.

But possibly that is over? Possibly the giant private companies can go public without much drama, because their shares already trade, and because the modern merger of financial markets with betting markets creates efficient price discovery. If the market last week said that SpaceX was worth $135 per share, then it should go public this week at $135 per share, and there is nothing much to think about. The pre-IPO trading and betting markets are different from, and not especially integrated with, the post-IPO public markets.[2] But that doesn’t mean they don’t work; they might come to roughly the same conclusions about the value of SpaceX as the public markets will. Public markets might not tell us much about SpaceX that we don’t already know.

Im Explainer für die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten vergleiche ich den Finanzmarkt mit einem Trommelkonzert, bei dem jeder „Trade“ ein Trommelschlag ist, der mit anderen Trommelschlägen darum konkurriert, den Beat vorzugeben. Doch weil man Beats nur gemeinsam spielen kann, synchronisieren sich die Beats erst lokal, dann regional, wobei die mit den größeren Trommeln und den lauteren Beats die Richtung vorgeben.

Der Finanzmarkt ist ein Kommunikationssystem das aus einer dynamischen Transitionsmatrix besteht, in der sich die verteilten Erwartungen der Anleger*innen über bestimmte kapitalistische Erzählungen durch Geld oder Securities „gebackte“ Sprachakte (Orders/Trades) zu Erwartungserwartungen [F7] stablisieren. Soviel zur Funktionsweise hinter Keynes’ Beauty Contest.

Das Ergebnis dieser Synchronisation (Preise, Spreads, Volas, Kurven) sind nicht „die Wahrheit“, sondern oftmals die Fieberkurven der allgemeinen Trommel-Trance, wenn die Oligarchen mit ihren Riesen-Pauken mal wieder bestimmte Narrative (E-Commerce, Crypto, Metaverse, AGI) als handlungsleitende Attraktoren aufgegleist haben.

Das schöne ist, dass man das drei Layer-Modell auch recht sauber auf die Finanzblasen-Theorie Hyman Minskys anwenden kann.

  • Hedge Finance = Man beleiht ein materielles Kontaktzonenfulcrum [F4], um auf die materielle Überlegenheit (Layer 1) eines Pfades zu wetten; die Kosten können aus laufendem Cashflow bedient werden.
  • Speculative Finance = Man beleiht die eigenen Erwartungen [F3], dass der betreffende Pfad der überlegene sein wird (Layer 2). Dabei darf nichts schief gehen, denn der Cashflow reicht nur für die Zinsen.
  • Ponzi Finance = Man beleiht die Erwartungen anderer [F7] auf die Erwartung, dass der betreffende Pfad überlegen sein wird (Layer 3) – also auf einen steigenden Assetpreis. Man hebelt auf der erwarteten Steigerung der Wert-Erwartungen anderer, die ihrerseits eine Steigerung der Werterwartungen erwarten, usw. Schulden können dabei nur durch steigende Schulden bedient werden, also z.B. durch die Akquise neuer Gläubiger*innen.

Wenn also Banker vor dem IPO bei den großen Trommeln anrufen, dann versuchen sie die Einschätzung informierter und interessierter Kreise für den kommenden Beat einzuholen. Die großen Trommeln verlassen sich ihrerseits auf ihre Analysten, die traditionell den Preis entlang von Layer 1-Signalen bestimmen: „Discounted Cash Flow“, „P/E-Ratios“ und so weiter.

Aber in Zeiten von Meme-Stocks scheint das nicht mehr zeitgemäß zu sein?

Deswegen haben Elon Musk und sein Team den Banken die Arbeit abgenommen, aber wo anders nachgefragt. Dort, wo spitzfindige L1-Technikalitäten weniger eine Rolle spielen, aber dafür einen Gespür für Layer 3 Vibes vorherrscht. Dabei kommt Musk entgegen, dass Leute, die an unregulierten Finanzmärkten Spaß haben auch eine gewisse Musk-Affinität mitbringen.

Für Menschen, die nichts mit dem Aktienmarkt zu tun haben, ist die derzeitige Skalierung des Wahnsinns kaum vorstellbar. Wir sind wirklich in einer Zero-Gravity Welt, in der der Zufluss von L1-Realität systematisch zugunsten sich ausbreitender Vibes auf unkorrellierten Kasinos gedrosselt wird. Heraus kommen nur noch Wetten auf Wetten auf Wetten auf Wetten und weil die Wetten auf Wetten darauf wetten, dass die Wetten den gewetteten Wetten entsprechen, kommt am Ende wirklich der vorhersagbare „price pop“ von 20% raus.

Kurz: Der 135 Dollar „Issuing Price“ ist Ergebnis von vorhersehbarem „Finanz-Bro Circle Jerk“.


Auf Reddit habe ich diese handliche Zusammenfassung des Trommeldesigns des SpaceX-IPOs vom Nutzer w_anon gefunden.

The four-step playbook:

  1. Artificial scarcity – SpaceX floats less than 5% of shares. Normal is 15–20%. Small supply.
  2. Manufactured demand – Retail gets a 30% allocation vs the usual ~10%. Branded „Main Street over Wall Street.“
  3. Forced buying – New Nasdaq „fast entry“ rule drops the seasoning period from ~365 days to 15 trading days. Once SpaceX enters the Nasdaq-100, every index fund tracking it has to buy regardless of price.
  4. Insiders cash out – Some early investors can sell before the standard 180-day lockup. They sell into the spike while your 401(k) index fund buys the top.

The part that should bother everyone: Nasdaq is both the exchange AND the index provider. Per Reuters, Musk reportedly conditioned listing on Nasdaq on getting fast-tracked into the index (point 3 above). And index rule changes don’t need SEC approval!

Ich habe noch länger über die Trommelmetapher nachgedacht. Wir kennen bisher nur die Metaebene des Trommelkonzerts, aber was – genau – ist die Finanztrommel?

Vorab: „Finanztrommel“ darf hier nicht als Begriff in der unverbundenen Objekt-Ontologie der Individuumswelt verstanden werden, sondern als „Vektor“ im dividuellen Pfad-Modell. Trommel und Drumstick sind ein aus der Hebel:Fulcrums-Mechanik abgeleitetes Modell und ich finde, ein plausibles:

Die Trommel selbst ist ein Vektor aus Resonanzraum, Trommelfellspannung und Schlagkraft, wobei alle diese drei Vektoren jeweils in Layer 1 und Layer 3 verzweigen, die ihrerseits eine Multiplikation von Input x Hebelwirkung sind und daraus plausible Layer 2-Realitäten synthetisieren.

  1. Dabei ist der Resonanzraum das bereits investierte Kapital:
    • Resonanzraum L1 = Höhe des bereits investierten Kapital in das Asset x erwartete Marktanteilsmarge.
    • Resonanzraum L3 = Akkumulierte Aufmerksamkeit auf das Asset x Salienz seiner Story (ihre semantische Fallhöhe)
    • Resonanzraum L2 = Das gefühlte „Gewicht“ von SPCX als Investment, seine „Graviation“ — die erlebte Bedeutung, z.B. „das ist das Asset des Jahrzehnts“
  2. Trommelfellspannung als Marktdesign
    • Trommelfellspannung L1 = inverse Liquiditätstiefe des Markets (je geringer die Liquidität, desto gespannter das Trommelfell) x Konzentrations­grad des Marktes (je weniger Akteure traden, desto höher die Spannung)
    • Trommelfellspannung L3 = Knappheitserzählung (gestützt durch L1-engeneerte Scarity) x Momentum des Hypes (Hypeberichterstattung, Metahypeberichterstattung, Diskussionen in der Kneipe)
    • Trommelfellspannung L2 = die gefühlte Trajektion des Assets und damit die gefühlte Dringlichkeit — „ich verpasse das gleich!“, „Last chance to get in“.
  3. Die Kraft des Schlags ist der Trade
    • Schlagkraft L1 = Der Stick: Das investierte materielle Kapital des einzelnen Trades × Hebelwirkung des Trades
    • Schlagkraft L3 = die semantische Fallhöhe des Trades: Ihre Öffentlichkeit x die Fallhöhe der Bedeutungspfade die sie aufgleist, bestätigt oder ihnen widerspricht.
    • Schlagkraft L2 = der Nervenkitzel der eigenen Fallhöhe und der erlebte Impact des Trades — wie es sich anfühlt, diesen Trade zu machen, die gefühlte Agency, die er verleiht und wie er als Signal von anderen aufgenommen, oder gar angeschmachtet wird

    Musk treibt durch seine überspizte Anwendung bereits vorhandener Marktdesign-Werkzeuge zwar seine Margen ordentlich nach oben, aber dabei macht er auch schön die grotesk unfaire „Gemachtheit“ des Finanzmarkts auf eine Weise deutlich, wie wir sie noch nie gesehen haben.

    Schlüsseln wir den SpaceX-IPO-Trommel mal auf:

    • Schritt 1: Artificial scarcity

      Mit <5% float" extrem hohe Trommelfellspannung durch L1-Engineering, weil gilt: dünne Liquidität -> maximale Spannung, jeder größere Trade verändert den Kurs sichtbar, macht also einen lauten Beat.

    • Schritt 2: Manufactured demand

      Wo man nicht nur prominente Investoren organisiert (die institutionelle Anleger), sondern mit den 30 % an Retail direkt auf Musk-Hypeinvestoren zugeschnitte Angebote macht. Dazu das aufgegleiste ‚Main Street over Wall Street‘“-Narrativ und Investment-Influencer*innen, die auf L3 großzügig FOMO-Vibes versprühen. Die populistische Rahmung amplifiziert noch die Aufmerksamkeit durch Scheinrelevanz, und die ungewöhnliche Retail-Quote erzeugt zugleich die allgemeine L3-Knappheitserzählung „du könntest dabei sein“.

    • Schritt 3: Forced buying

      Wenn bis dahin das wacklige Konstrukt nicht abstürzt, wird Musk durch eine zweite Riesentranche Cash erreicht, die durch erzwungene Transaktionen von passiven Fonds zu ihm fließt. Das konvertiert das L3-Narrativ („SpaceX ist wichtig genug für den Index“) direkt in zwangsweise L1-Kapitalflüsse (jeder Index-Fonds muss kaufen, unabhängig vom Preis). Damit werden Millionen Retail-Anleger*innen über ihre 401(k)-Pläne, ETFs und Pensionsfonds zu unfreiwilligen Trommlern — ohne ihr Wissen und ihre Q-Funktions zu beleihen.

      Hintergrund: ETFs sind eine Form von Q-Function-Externalisierung: Statt mir selbst einen Kopf zu machen, welche Aktien ich kaufen soll und statt jemand anderes zu bezahlen, sich für mich den Kopf zu zerbrechen (Fonds, Anlageberater, etc), gebe ich die Q-Function „an den Markt ab“, wie es heißt. ETFs bilden „Märkte“ aber nur in soweit ab, als dass sie Listen mit besonders Erfolgreichen oder relevant erachteten Firmen führen und ihren Preis mitteln, etwa der Dow Jones, der Nasdaq oder S&P-500.

      Weil wir in der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten wissen, dass überall wo „Markt“ draufsteht, in Wirklichkeit „drei Oligarchen im Trenchcoat“ stecken, wissen wir auch, dass die Indizes nicht „der Markt“ sind, sondern eine von Oligarchen erstellte Liste, die sich ständig nach mal mehr mal weniger nachvollziehbaren Gründen ändert.

      Durch die Änderungen der Indexregeln, um Musk aufzunehmen, wurde die Q-Function für „in SpaceX investieren“ auf einem industriellen Maßstab für viele Millionen Menschen automatisiert. Dabei besonders spicy: die interne Q-Function des Indexings von SpaceX durch Nasdaq wird durch dessen Unternehmensstruktur sofort klar und es ist in diesem Fall nicht in erster Linie „den Markt darstellen“.

    • Schritt 4: Insiders cash out

      Aus Musks Perspektive (und die seiner frühen Backer) ist der IPO eine Pfadgelegenheit den durch den Hype erzeugten Cashflow abzuheben. Die große Auszahlung vor dem Crash?

Here I say it: Ich halte die dicht gedrängelten Börsengänge von SpaxeX, OpenAI und Athropic für einen einzigen großen und von oben nach unten durchengineerten „Heist“, um Retail-Inverstor*innen zu den „Bag-holdern“ ihres KI-Wahnsinns zu machen.


Um die aktuelle SpaceX Bewertung zu verstehen, lohnt es sich typische SpaceX-Investoren zu betrachten und da es davon ja nicht wenige gibt, konnte Bloomberg mit einigen davon sprechen.

Anna Watts, a 33-year-old public relations manager in New York, has stashed away $6,500 to buy SpaceX stock after it hits the market Friday. If she had her way, she’d buy even more. She tried to borrow $5,000 from her best friend and applied for a bank loan, too, but both turned her away. …

“The more, the better,” Watts said. “There is no such thing as too much when it comes to investing in one of the most ambitious companies that’s ever existed.” …

Bryan Mitchell, in Indianapolis, is among those planning to buy. The 48-year-old marketing executive intends to invest several thousand dollars in the IPO. He has also poured tens of thousands into Baron Partners Fund, which holds a stake in SpaceX.

“This feels like the appetizer. You have to believe in Elon,” he said. “I’m willing to overpay for it just to say I’m part of the thing.”

Leon Festinger schmuggelte sich in den 1950er Jahren in eine Endzeitkult-Sekte ein, um zu untersuchen, warum sich deren Mitglieder immer wieder zu einem festgelegten Zeitpunkt auf den Weltuntergang vorbereiteten, jedoch nicht die Sekte enttäuscht verließen, sondern ihr Glauben sich auch noch verstärkte, wenn dieser Weltuntergang dann doch nicht eintrat.

Seine Forschung führte zu der Feststellung der „Kognitiven Dissonanz“, also dass wir Menschen zwar durchaus fähig sind, an Erzählungen zu glauben, die unseren materiell erfahrenen Realitäten eklatant widersprechen, dass das jedoch durch Realitätskontakt nicht ohne Verschleißkosten passiert, die durch höhere Investition wieder wettgemacht werden müssen.

Die Kognitiven Dissonanz ist schmerzhaft und führt zu einem aktiven Vermeidungsverhalten gegenüber Fakten, die der eigenen Erzählung widersprechen und dazu, dass sich die Leute stattdessen an jedem Strohhalm festhalten, der die präferierte Sichtweise stützt. In der Psychologie spricht man hier auch vom Bestätigungsfehler, oder auch „motivated Reasoning“ – einem der mächtigsten menschlichen Fallacies, die wir kennen.

Dan Kahan hat in seinen etwas neueren Studien den Begriff der „Identity Protective Cognition“ geprägt. In Experimenten konnte er belegen, dass Kompetenz und kognitives Denkvermögen nicht nur nicht vor dem Bestätigungsfehler schützt, sondern es im Zweifel von ihm Instrumentalisiert wird, um die präferierte (aber falsche) Geschichte schützen oder zu untermauern.

Es lohnt sich, auch dieses Phänomen pfadpsychologisch umzuinterpretieren, also als „Path Protective Cognition“ zu lesen, bei dem es eigentlich darum geht, die Abschreibungskosten (K_F_ab) eines Pfadwechsels zu vermeiden.

Pfadpsychologisch gesehen ist Identität nicht einfach ein abstraktes Konzept, das man auf sich selbst appliziert, sondern ein Asset, in das man stetig investieren muss, um es am Leben zu halten und das vor allem ständig beliehen wird, um neue Assets darauf zu errichten.

Schaut man auf Menschen in bestimmten kultartigen Zusammenhängen (besonders anschaulich dafür ist die z.B. die Doku „Behind the Curve“ (Trailer) von 2018 über die Flat-Earther-Community), wird man feststellen, dass die sogenannte „Identität“ mit der Zeit Basis für eine Menge pfadabhängiger Infrastruktur im Leben wird: Der Glaube etwa an die „Flache Erde“ sichert die Mitgliedschaft und den Status innerhalb bestimmter sozialer Kreise (und wird sofort entzogen, wenn man von Glauben abfällt). Häufig wird darauf sogar auch ein Geschäftsmodell gebaut und oft etablieren diese Identitäten auch bestimmte Lebensstile. Und generell gilt: Verschwörungstheorien und Sektenglaube stiften Sinn, in einem ansonsten oft eher drögen, durchschnittlichen Leben.

Jedenfalls ist der K_F_ab von Kulten fucking hoch und da macht es pfadpsychologisch absolut Sinn, diesen Pfad gegenüber allem zu verteidigen, das ihn bedroht; seien es widersprechende Menschen, Institutionen oder Fakten.

Weil K_F_ab sich grob als Differenz des aktuellen Fulcrumsnutzen U_aktuell minus dem Nutzen des BATNA-Pfads U_BATNA + dessen Aktivierungskosten K_F_a_BATNA berechnet – also als Fallhöhe des aktuellen Fulcrums – ist ebenfalls nicht unerheblich, dass der BATNA-Pfad aus der Perspektive der Betroffenen sehr … tief liegen kann. Und auch soll?

Manchmal wird der BATNA-Pfad aktiv bekämpft (Sekten bspw. arbeiten daran, dich von Freunden und Familie zu isolieren) und manchmal verunmöglicht die Absurdität des präferierten Pfads eine Rückkehr, weil man bereits jegliche Reputation in der Restwelt verspielt hat.

Jedenfalls sind Memestocks eine mehr oder weniger milde Form davon, nur als Finanzpfadgelegenheit.

Wenn Bryan Mitchell sagt “I’m willing to overpay for it just to say I’m part of the thing” dann sind wir hier einer Pfadpsychologie auf der Spur, die im Pfad-Array von U_gelingt weit mehr sieht, als nur eine Gelegenheit, Geld zu verdienen. U_SpaceX_gelingt ist gleichzeitig Zukunft, Sinn und ein Ticket in die Community der „Gewinner“ dieser bestimmten Zukunftsvorstellung. Was ist schon ein dröger ETF dagegen?

Memestocks sind lowkey Kulte, die den Pfadeinsatz des eigenen Investments als K_F_ab-Pfand (Opfergabe) eines Initiationsritus verstehen, der eine Fallhöhe generiert, die dem Leben einen Sinn gibt. U_SpaceX_gelingt ist damit potentiell unendlich, während U_SpaceX_scheitert lediglich der Höhe des Einsatzes entspricht.

Dabei ist nicht unerheblich, dass der semantische Pfad „Elon Musk ist ein Genie“ ursprünglich und immer noch von liberalen Massenmedien aufgegleist wurde und wird und bis heute generell anschlussfähig bis in weite Teile der Gesellschaft ist. Auch weil er selbst auf den etablierten semantischen Pfaden des Liberalismus arbeitet: Der grundsätzlichen Indivudalisierung von „Handlung“, der Zuschreibung von „Intelligenz“ qua „Erfolg“ (Meritokratie) und natürlich den ganzen Narrativen über Technologie und „Fortschritt“, auf die auch die Musk-Story aufbaut. Der Muskismus ist so anschlussfähig, weil er eine Menge liberaler Infrastrukturen beleiht.

Daher wage ich folgende Prognose: Wenn SpaceX ähnlich funktioniert, wie die anderen Meme-Stocks oder Crypto und Bitcoin, werden die Retail Investor*innen wahrscheinlich entlang von „Buy the dip“-, „Diamond Hands“- und „HODL“-Narrativen selbst dann die Aktie nachkaufen, wenn der Kurs demnächst heftig abstürzt. Ihr „Path protective Investment“ schafft dann das Bewertungs-Moat, dass die Blase vom Platzen abhält.

Und hier, was seit dem IPO wirklich passiert: ein systematischer Vermögenstransfer von Layer 3-Gläubigen zu Layer 1-Cashout-Nehmenden – also Elon Musk und die früheren Investoren in seine Unternehmen.

Anna Watts überweist $6.500 (für die sie sich auch verschulden würde) an Musk, der seine Vesting-Tranche cashouted. Musk selbst behält dabei 82% Voting-Rechte, aber das IPO erlaubt ihm und seinen frühen Backern in diesem „Liquidity-Event“, Teile ihrer Position in Cash zu konvertieren. Der ganze IPO ist eine Drumming-Maschine, die L3-Vibes von Kult-Käufern in L1-Cash für Sophistication-Verkäufer übersetzt, die diese wiederum in L3-Infrastruktur (X-Trommel, Massenprechaktwaffe Grok aka Mechahitler) für Faschismus übersetzen.

Wir haben damit einen rekursiven Loop: L3-Vibes (Glaube an Musk) → L1-Cash (IPO-Käufe) → L3-Infrastruktur-Erwerb (X, AI, Lobbying) → mehr L3-Vibes (algorithmische Amplifikation, Grok-Narrative) → mehr L1-Cash … das perfekte Doomsday-Device.


Beiträge von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt, von Digitalminister Karsten Wildberger und von Tagesspiegelredakteur Andreas Casdorff wurden letzte Woche depubliziert, weil sie mutmaßlich von einer KI geschrieben wurden. Das ist nicht nur peinlich. Im Beitrag von Mario Voigt wurde beispielsweise mit einigen von der KI halluzinierten Zitaten herumgeworfen und es ist keine Übertreibung diese Form des „Journalismus“ schlicht als Desinformation zu bewerten.

Jetzt gibt es einige Menschen, die sich heute als „modern“ inszenieren, indem sie die KI für sich denken und reden lassen und so entblödete sich Matthias Döpfner nicht, eine Replik auf die Depublizierung des Voigt-Artikel mit einem Gemini-generierten Text in der Welt zu kontern (nein, kein Link). Auch Read Hoffman, der LinkedIn Gründer und wie Musk und Peter Thiel teil der „Paypal Mafia“ bekennt sich gegenüber dem Wallstreet Journal offen zum KI-Enhancement.

Thanks to his digital doppelgänger, “I am accomplishing so much more that I couldn’t have accomplished before,” says Hoffman. “It’s probably a 50% time savings on the weeks it’s deployed,” which is typically every other week.

Eventuell braucht es den superindividuellen Habitus des Milliardärs-Klassenbewusstseins, damit die eigene Q-Function zur KI sagt: works for me?


Das Cloud-Unternehmen 0xide sieht das in ihren Statuten lesenswert anders.

LLM-generated prose undermines a social contract of sorts: absent LLMs, it is presumed that of the reader and the writer, it is the writer that has undertaken the greater intellectual exertion. (That is, it is more work to write than to read!) For the reader, this is important: should they struggle with an idea, they can reasonably assume that the writer themselves understands it — and it is the least a reader can do to labor to make sense of it.

If, however, prose is LLM-generated, this social contract becomes ripped up: a reader cannot assume that the writer understands their ideas because they might not so much have read the product of the LLM that they tasked to write it. If one is lucky, these are LLM hallucinations: obviously wrong and quickly discarded. If one is unlucky, however, it will be a kind of LLM-induced cognitive dissonance: a puzzle in which pieces don’t fit because there is in fact no puzzle at all. This can leave a reader frustrated: why should they spend more time reading prose than the writer spent writing it?

This can be navigated, of course, but it is truly perilous: our writing is an important vessel for building trust — and that trust can be quickly eroded if we are not speaking with our own voice.

Mit der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist das leicht darstellbar: Die erwarteten Aktivierungskosten des Schreibens K_F_a_Schreiben sanken im Laufe der Mediengeschichte (Tontafeln –> Papyrus -> Druckerpresse -> Schreibmaschine -> Computer -> Internet -> Social Media) aber egal wie tief K_F_a_Schreiben sank, es war trotzdem immer deutlich größer als die erwarteten Aktivierungskosten des Lesens K_F_a_Lesen.

Erst mit der LLM ergibt sich eine Umkehrung. Das führt dazu, dass ich, wenn ich heute auf einen Text stoße, mir nicht sicher sein kann, ob der Autor beim Schreiben überhaupt auf die Höhe meiner zu investierenden K_F_a_Lesen kommt, was dazu führt, dass ich im Zweifelsfall passe.

Warum soll ich mir die Mühe machen, das zu lesen, wenn du dir nicht die Mühe gemacht hast, es zu schreiben?


Jasmin Schreiber in ihrem Newsletter über den Irrsinn des Schreibens mit KI.

Diese KI, die für mich Romane schreiben will, ist wie eine KI, die für mich tanzt, wie eine KI, die für mich isst, die für mich lacht, die für mich Sex hat, die für mich draußen Fotos macht, die sich für mich mit Freund:innen trifft, die sich für mich verliebt. Das, was mir Freude macht, nimmt sie mir ab. Wenn künstliche Intelligenzen unsere Bücher schreiben, wenn sie unsere Kunst kreieren und unsere Lieder singen: Was machen wir dann? Führen wir dann nur noch diese Zivilisationsaktivitäten aus, die unseren Alltag bestimmen? Leeren wir dann nur noch den Briefkasten, gehen zur Arbeit (und weisen da schlimmstenfalls auch eine KI an), putzen, waschen Wäsche und kaufen Sachen?

KI kann keine Kunst schaffen, noch nicht mal Ausdruck, sondern nur Übergangswahrscheinlichkeiten ablaufen.

ChatGPT hat noch nie etwas empfunden, hat noch nie gespürt, wie der Wind über die Wange streicht, ist noch nie gestolpert, hat sich noch nie blamiert, hat noch nie jemanden geküsst. Die KI rechnet einfach nur die Wahrscheinlichkeit für das jeweils nächste Wort aus. Sie wurde mit Millionen von Texten gefüttert (auch mit meinen), in denen Menschen beschreiben, wie sich ein erster Kuss anfühlt, wie Regen auf heißem Asphalt riecht, wie es ist, nachts um drei wach zu liegen und die eigenen Gedanken wieder und wieder und wieder und wieder von innen gegen die Stirn rennen zu lassen. Aus all dem, was sie sich einverleibt hat, destilliert sie den Durchschnitt: den wahrscheinlichsten Kuss, den erwartbarsten Regenmoment, die geläufigsten Gründe für Schlaflosigkeit.

Der Output von KI ist demnach keine Sprache, sondern nur die Mimikri von Sprache.

Die Schwebfliege trägt das Gelb-Schwarz der Wespe und möchte gefährlich erscheinen, bleibt dabei aber im Kern ein vollkommen harmloses Tierchen. Genau so funktioniert KI-Prosa: Sie trägt die Warnfarben des Erlebten, fährt die Vokabeln für Schmerz, Sehnsucht und Wind auf der Wange auf, doch unter dem Kostüm sitzt einfach nur eine schnöde Wahrscheinlichkeitsrechnung. Solch ein Text imitiert die Spuren eines gelebten Lebens, er ist allerdings nicht wahr. Und damit fehlt ihm beides, was Literatur ausmacht: die Wahrheit und das Wagnis.

Jasmine beschreibt hier etwas wichtiges: Die LLM kann weder Wahrheit noch Wagnis. Mit dem Vorwurf der mangelnden Wahrheit referiert sie nicht nur auf das ständige „Halluzinieren“ von Fakten der LLM, sondern auf ihren strukturellen Mangel an Weltbezug. Wahrheit darf man hier nicht verstehen als „objektive Wahrheit“, sondern als materielle Erfahrung des „In der Welt seins“. Sprache ist – zumindest im Idealfall und bei allen Menschen zumindest ein bisschen – ausgedrückter L1-Eindruck.

Das zweite, was sie als fehlend anführt, ist das Wagnis. Weil jedes Sprechen immer in den angenommenen Erwartungen anderer passiert (Layer 3), so habe ich das bei Derrida gelernt, basiert das Kontaktzonen-Fulcrum [F4] des Sprechens und damit die Übergangswahrscheinlichkeit p_gelingt der Q-Function des Sprechens auf dem stabilisierenden Fulcrum [F5] der semantischen „Auffangerwartung des Anderen“.

Jedes Wort ist eine Wette auf das semantische Erwartungsportfolio der Rezipierenden und der Wetteinsatz geht von „falsch verstanden werden“ bis zur völligen Blamage und sozialem Ausschluss. Doch das U_scheitert des „Next Tokens“ bleibt in der LLM gänzlich undefiniert, weswegen der Output von KIs ein Sprechen ohne Wett-Einsatz ist. Es ist Sprachimitat ohne jede Fallhöhe.


Johannes Franzen über den KI-Verdacht in der Literatur.

Was sich hier abzeichnet, sind die Konturen einer neuen Gefühlshermeneutik des KI-Verdachts. Dieser Verdacht tritt der Leserin zunächst als emotionale Störung entgegen (als „ick“). Die Paranoia des modernen Autorschaftsdiskurses wird also zur Grundlage einer kompetenten Lektüre; der Verdacht liest mit, als ungutes Gefühl, das dann nach und nach immer mehr Anzeichen und Muster erkennt. Es wird sehr interessant, zu beobachten, wie sich diese Konzeption der Lektüre entwickeln wird. Denn die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Was ist mit den Menschen, die keinen KI-Ick haben, die die Texte möglicherweise sogar genießen. Für das Projekt, an dem ich gerade arbeite, habe ich z.B. die tausenden von begeisterten Wortmeldungen zu Shy Girl ausgewertet, die man auf Plattformen wie Goodreads oder Amazon zu dem Roman finden kann. Für diese Leser:innen, kann man sagen, hat der “AI ick” nicht geklickt.

Das Unsichgreifen des KI-Verdachts hatte ich bereits in meinem Böcklerpaper zu LLMs und die Arbeitswelt in 2023 vorhergesagt:

Ein weiterer Metaeffekt könnte sein, dass die Integrität von Kommunikation an sich untergraben wird. Schon jetzt wird von vielen Lehrenden in Schulen und Universitäten damit gerechnet, dass ein Aufsatz oder eine Hausaufgabe unter Zuhilfenahme von LLMs entstanden sein könnte (Mollick 2023c). Dieses Misstrauen hat das Zeug, das Schüler-Lehrer-Verhältnis bis an den Rand der Dysfunktionalität zu verändern.

Ähnliche Effekte sind für die gesamte Gesellschaft zu erwarten. Der Professor für Management und Innovation Ethan Mollick weist darauf hin, dass bereits jetzt LLMs in vielen Bereichen von Mitarbeitenden eingesetzt werden, ohne, dass die jeweiligen Unternehmen das wissen (Mollick 2023a). Mitarbeitende sehen die potenziellen Produktivtätsgewinne durch LLMs und versuchen sie – meist verdeckt – in ihrer Arbeit für sich zu nutzen. Mollick hat dafür den treffenden Namen „Secret Cyborgs“ gefunden.
Dabei gilt es zu bedenken, dass die Heimlichkeit Teil der Wertschöpfung ist. Wie Mollick es ausdrückt: „Much of the value of AI use comes from people not knowing you are using it.“

Das führt auf die Dauer dazu, dass die professionelle Alltagskommunikation auch ohne explizite „Bad Actors“ mehr und mehr von LLM-Outputs unterwandert wird. Studien weisen konsistent darauf hin, dass Menschen computergestützte Vorschläge deutlich unkritischer akzeptieren und übernehmen, als es angemessen wäre. Ein Befund, für den sich der Name „Automation Bias“ etabliert hat (Goddard/Roudsari/Wyatt 2011). Der Effekt davon dürfte in nächster Zeit spürbar werden, wenn LLMs wie GPT-4 oder Bard in allerlei Office- und Kommunikationsanwendungen integriert werden (Mollick 2023b).

Wenn bei jeder angefangenen E-Mail oder jedem Performance Review im Word-Dokument ein Button den Schreibenden dazu verführt, den Rest des Textes in Sekundenschnelle generieren zu lassen, werden nur wenige widerstehen können.

Und hier wird ein weiterer Metaeffekt wahrscheinlich: Wie ändert sich unser Kommunikationsverhalten, wenn wir 1. ohne Mehraufwand viel, viel mehr Text produzieren und versenden können? Und wenn umgekehrt 2. jede einzelne Nachricht, die wir erhalten, pauschal unter LLM-Verdacht steht?

Es ist vielleicht nicht offensichtlich, aber der Aufwand einer Kommunikation ist immer auch Teil der Kommunikation. Dass sich jemand die Mühe macht, einen Brief zu tippen oder auch nur eine E-Mail, verleiht der Kommunikation eine gewisse Bedeutungsschwere und führt dazu, dass wir sie überhaupt ernst nehmen. Doch was passiert, wenn dieser Aufwand verschwindet oder er zumindest nicht mehr als solcher empfunden wird?

Eine konkrete Vorhersage zu machen, wie sich diese Veränderungen auswirken werden, ist an dieser Stelle unmöglich. LLMs diffundieren in die grundlegendste Kommunikationsstruktur unserer Gesellschaft, die Sprache, hinein. Das wird die Sprache an sich und unser Sprechen und Schreiben radikal verändern. Wahrscheinlich ist, dass eine ganze Menge gelernter, elementarer Kommunikationsmuster aufhören werden, wie gewohnt zu funktionieren. Unsere ganze Art und Weise, wie wir kommunizieren, wird sich daher rasant verändern.

Es reicht eben nicht, die Aktivierungskosten des Lesens und des Schreibens aneinander zu halten. Bei jedem KI-Verdacht fallen grundsätzliche Verschleißkosten beim Fulcrum der Sprache – also der Auffangerwartung des Anderen – an, die unsre Fähigkeit miteinander zu kommunizieren auf einem grundsätzlichen Level erodiert. Diese K_F_v_Sprache werden bei der KI-Benutzung natürlich an alle Sprachteilnehmer*innen externalisiert, aber sie fallen (hoffentlich) als erstes den KI-Heavy-Usern auf die Füße, nämlich dann, wenn ihnen keiner mehr zuhört (Womit wir dringend anfangen sollten).

Egal ob Finanzmarkt oder KI: Wir leben in einer Phase systematischer L1-Entkopplung der gesellschaftlichen Konsens-Infrastrukturen, und die Infrastrukturen zur Externalisierung der K_F_v sind der Mechanismus, mit dem sich ein paar wenige diese Entkopplung auf unsere Kosten leisten können.

Langfristig werden wir nicht daran vorbeikommen, neue glaubhafte Vertrauens-Strukturen zu errichten, die diese Menschen, Technologien und Strukturen ausschließen oder zumindest Dimmen. Jedenfalls dann, wenn wir überleben wollen.

Krasse Links No 85

Willkommen zu Krasse Links no 85. Imaginiert eure Pfadpsychologie, heute suchen wir die Agency der Super-Individuen heim, indem wir ihrer Imagination das BATNA nehmen.


Noah Hawley berichtet im Atlantic von einem privaten Event vor ein paar Jahren, ausgerichtet von Jeff Bezos, auf dem er und seine Familie eingeladen waren. (Epstein ist nicht der einzige Milliardär, der sich die Aufmerksamkeit und Anerkennung von Menschen, die er für wichtig hält, einfach kauft) und verarbeitet ein paar interessante Beobachtungen.

The closer I’ve gotten to the world of wealth, the more I understand that being truly rich doesn’t mean amassing enough money to afford superyachts, private jets, or a million acres of land. It means that everything becomes effectively free. Any asset can be acquired but nothing can ever be lost, because for soon-to-be trillionaires, no level of loss could significantly change their global standing or personal power. For them, the word failure has ceased to mean anything.

This sense of invulnerability has deep psychological ramifications. If everything is free and nothing matters, then the world and other people exist only to be acted upon, if they are acknowledged at all. This is different from classic narcissism, in which a grandiose but fragile self-image can mask deep insecurity. What I’m talking about is a self-definition in which the individual grows to the size of the universe, and the universe vanishes. Asked recently if there is any check on his power, President Trump—himself a billionaire, and by far the richest president in American history—said, “Yeah, there is one thing. My own morality. My own mind. It’s the only thing that can stop me.” Not domestic or international law, not the will of the voters, not God or the centuries-old morality of civic and religious life.

Mein Sprechen von „Erwartungen“, „Erwartungserwartungen“, „BATNA“ und Q-Function, usw. sind alle bereits Teil eines wachsenden Instrumentariums von Etwas, das man „Pfadpsychologie“ nennen könnte.

Pfadpsychologie ist eine relational materialistische Psychologie, die, statt „in den Kopf“ zu gucken, die materiellen Verhältnisse des „Kopfes“ als Ausgangspunkt nimmt, um daraus plausible Perspektiven zu konstruieren. Eine Grundannahme dabei ist, dass unsere Wahrnehmung teil der Welt ist, in der sie existiert, also von ihren „Constraints“ „geshaped“ ist. Die Q-Funktion z.B., so wie ich sie verstehe und an ihr arbeite, versucht die Constraints des Pfadmodells als Ausgangspunkt zu nehmen, um die Funktionsweise menschlicher Pfadentscheidungen zu rekonstruieren. Q-Function ist die Infrastruktur dividueller Subjektivität.

Q-Function kann ich als Konzept aus der KI-Forschung übernehmen, denn sie steht als Ingenieurswissenschaft vor demselben Problem, vor dem auch ich stehe:

Was sind die materiellen Bedingungen des „Denkens“ und „Handelns“? Die Q-Function errechnet in der KI-Forschung den Nutzen eines Pfades im Kontext eines Spielstatus, was man gut auf das Dividuum im Pfadmodell anwenden kann.

Wenn man dann die Q-Function auf unsere komplexe Welt der (relational) materiellen Infrastrukturen mapped, dann kann man die Q-Function von hinten Aufzäumen, als Frage:

Welche Fragen stellen sich für erfolgreiche Pfad-Navigation? Und dann kommt man schnell auf die offensichtlichen Dinge: Wahrscheinlichkeit, Nutzen, Kosten, Risiko und dann, mit etwas nachdenken, auf die nur halb-offensichtlichen Sachen, wie BATNA

Wichtig: Pfadpsychologie ist nicht da, um Psychologie zu ersetzen, und auch nicht, um die „Seele“ oder den „Geist“ zu negieren – sie steht diesen Konzepten „gnostisch“ gegenüber. Was die Pfadpsychologie versucht, ist den Teil der Subjektivität zu erklären, der aus den materiellen Verhältnissen des Subjekts plausibler erklärbar ist, als mit seiner „inneren“ Subjektivität.

Jedenfalls kann man das, was Hawley hier beschreibt, pfadpsychologisch als Verkümmerung des Kostensensors der eignen Q-Function beschreiben. Reiche Menschen spüren keinen Schmerz mehr beim Bezahlen von Dingen. Die Aktivierungskosten K_F_a werden relational zu „Peanuts“ und die Verschleißkosten K_F_v werden fast immer externalisiert (Arroganz, Regulatory Capture, Ausbeutung und ein riesiges Anwalts-Heer). Das Ergebnis ist eine schwerelose Welt.

Aber die K_F_v sind ja nicht weg? Sie sind nur externalisiert, also wo anders. Super-Individuen sind politökonomisch gesehen die Endpunkte der Externalisierungsinfrastruktur des Kapitalismus und die Kosten dieser psychologischen Wirkung der Schwerelosigkeit wird von uns getragen: Über Milliarden unserer Steuergelder, über einen vermüllten Weltraum, über die ausgebeuteten Menschen, über ein kollabierendes Klima, über unseren addressatenlosen Epstein-Rage, dem KI-Wahnsinn und über das Ende der Demokratie.

Aber da ist noch etwas anderes: Gleichzeitig türmen sich mit wachsendem Wohlstand die Abschreibungskosten K_F_ab ins Unendliche, aber weil sie im jeweiligen Moment nicht materiell anfallen, sondern erst verbucht werden, wenn der aktuelle Pfad gewechselt wird, ist es leicht, sie zu verdrängen.

K_F_ab ist die „Fallhöhe“ des eigenen Fulcrums. Es sind die akkumulierten Wechselkosten, also die aufeinandergestapelten Abhängigkeiten, die sie möglich machen und ihr Marginalnutzen als F(Q)-Differenz zum BATNA-Pfad (wo man dann oft alles nochmal aufbauen muss).

K_F_ab muss man nicht rechnen, nur wissen: Je höher man steht, desto größer die potentielle Fallhöhe. Aber je nachdem, wie tief man die Abzweigung zum Pfad ansetzt, kann K_F_ab in die Höhe schnellen, weil viele Pfade auf der frühen Pfadentscheidung beruhen und von ihr abhängig sind. Ein messbarer Effekt, den wir auch „LockIn“ nennen. Du kannst jemanden überreden, seinen Job zu wechseln, aber für die Abschaffung des Kapitalismus glauben die meisten, zu viel zu verlieren zu haben.

Decades of research in developmental psychology have shown that moral reasoning develops through consequences — not punishment, necessarily, but experiencing the effects of your actions on others, receiving honest feedback, having to accommodate reality as it actually is rather than as you wish it to be. It’s not that the wealthy become evil; it’s that their environment stops teaching them the things that nonwealthy people are forced to learn simply by living in a world that pushes back. When you can buy your way out of any mistake, when you can fire anyone who disagrees with you, when your social circle consists entirely of people who need something from you, the basic mechanism by which humans learn that other people are real goes dark.

Ich spreche im Newsletter von Milliardären gerne als „Super-Individuen„. Wenn die Pathologie des Subjektentwurfs des Individuums darin besteht, sich die Infrastrukturen, von denen die eigenen Handlungen abhängig sind, selbst zuzuschreiben (der „eigenen“ Agency, „Freiheit“, „Intelligenz“), dann folgt daraus, dass das „Individuum“ als pfadpsychologische Subjektivierungsfunktion mit seinen Infrastrukturen „mitskaliert“. Diese Internalisierung der Skalierung von Pfadgelegenheiten fällt um so leichter, je reibungsloser die Infrastruktur „meinem Willen gehorcht“, und das heißt, wenn alle Reibungskosten K_F_v externalisiert werden.

Da ihre „Agency“ riesig ist und ihnen das Gefühl für die Kosten ihrer Infrastruktur verloren gegangen ist, geht das Ego der Superindividuen jeden Tag über der Welt auf, wie der Mond. Wo immer sie hintreten, „wächst“ die Infrastruktur, die sie dafür brauchen und wo immer sie fallen, konkurrieren hunderte darum, sie aufzufangen. Und selbst, wenn du persönlich da kein Bock drauf hast, bist auch du auf die eine oder andere Art ihre Externalisierungkostenstelle.


Charlie Warzel im Atlantic über das allgemeine Gefühl des Kontrollsverlusts angesichts von KI. Der ganze Text ist lesenwert und behandelt viele Phänomene, aber ich will auf eine besondere Stelle aufmerksam machen.

It’s unsurprising, perhaps, that at the same time when Silicon Valley is building and breathlessly promoting these tools—self-directed agents that can accomplish complex tasks without human supervision—many of its loudest voices have grown obsessed with the idea of their own agency. In builder circles, people deemed “high-agency” sit atop the hierarchy. They are individualistic, ambitious, focused. They just do things. They are especially adept at marshaling the use of people and machines alike. It is implied that those with high agency are, for now, insulated from becoming replaceable or irrelevant in a time of great precarity—not yet doomed to be part of “the permanent underclass,” another Bay Area coinage for the late adopters who will be left behind. How could a person hear such language and not feel at least a little paranoid?

„AI-Agents“ sind zwar ziemlich teuer, geben aber einen Vorgeschmack in die Super-Individuums-Psychologie, der mindestens für Millionäre erschwinglich wird. KI wirkt als der „Trickle down“-Effekt des Wahnsinns.

Doch dieser Wahnsinn war im Ansatz immer schon da. Er ist auch in mir, in dir, in den meisten von uns – mal mehr, mal weniger. Ich bin als Individuen erzogen worden und Trump, Musk, Epstein, Thiel sind keine grotesken Abweichungen von dieser Norm, sie sind im Grunde nur konsequent zu Ende gedachte Karikaturen unseres Subjektentwurfs.

Denn nicht nur das „Super-Individuum“, sondern auch das „Individuum“ selbst, misst man in „Agency“?

Gottfried Wilhelm Leibniz hatte, als er die bekannte Unterscheidung von „positiver“ und „negativer Freiheit“ vornahm, eine klare Definition von negativer Freiheit (die Freiheit von Zwang), aber eiert bei der „positiven Freiheit“ (die Freiheit „zu“ etwas, die ermöglichende Freiheit) vergleichsweise rum. Er hatte natürlich nicht das Pfadmodell, mit dem man sie einfach als Summe der verfügbaren Pfadgelegenheiten definieren kann, doch als „aufgeklärtes Individuum“ wäre er es wahrscheinlich eh nicht mitgegangen?

Leibniz zieht die Grenze der Agency beim menschlichen Körper und definiert „positive Freiheit“ über den Umweg der „Gesundheit“. Positive Freiheit ist bei ihm der Schwellenwert an Pfadgelegenheiten eines „gesunden Menschen“ minus „externe“ Infrastruktur, die in der individuellen Epistemologie dem Reich der „Objekte“ zugewiesen wird, also nichts mit dem Indivuduum zu tun hat.

Und nicht nur das: meine These ist, dass das „Individuum“ immer schon ein ableistischer, patriarchaler, rassistischer, kolonialsitisch-kapitalistischer Subjektentwurf war: er meinte von Anfang an immer nur einen gesunden, reichen, europäischen und weißen, heterosexuellen Cis-Mann und wurde erst – Schritt für Schritt und oft erst kürzlich – auf andere Subjekte ausgedehnt.

Abweichungen davon sind aus der Sicht des „Individuums“ „verminderte“ Individuen. Ishay Landa hatte darauf bereits hingewiesen, dass genau hier der Schnittpunkt (oder besser: Kipppunkt) zwischen Liberalismus und Faschismus ist. Das ergibt Sinn, wenn man bedenkt, dass die westlichen Erscheinungsformen von Rassismus, Misogynie, Klassismus und Sexismus alle die „individuelle Sicht auf die Welt“ zugrunde legen, nach der die Agency die Quelle des menschlichen „Werts“ ist.

Das Bewerten von Menschen nach ihrer Agency deckt diese Phänomene nicht vollständig ab, aber bildet das relational materielle Fundament all dieser Strukturen. Dein Wert als Individuum misst sich an deinem gesellschaftlich zugeschriebenen Handlungspotential Agency. (Wobei dein Handlungspotential auch dein Ver-handlungspotential bestimmt, dein BATNA).

Handlungspotential klingt abstrakt, in Wirklichkeit sind es all die gesammelten Pfade, die man selbst und/oder die Gesellschaft jemandem zutraut und der jeweils empfundene „Wert“ dieser Pfade (ihre grobe Q-Function).

Im relationalen Materialismus unterscheiden wir drei Realitätsebenen:

  • Layer 1: Das Netzwerk der materiellen Infrastrukturen, ihrer tatsächlichen Fulcren und ihrer tatsächlichen Übergangswahrscheinlichkeiten. Messy, grindy, komplex und unwissbar.
  • Layer 2: Das Netzwerk deiner Erwartungen. Eng verknüpft mit Layer 1 und vollgestellt mit persönlichen Erwartungsportfolios [F3]. Die Q-Function nutzt diese Erwartungen, um nach „menschlichen Ermessen“ die Pfade in die Zukunft zu bewerten. Viel komplexer als man glaubt, dennoch halb real, halb halluziniert.
  • Layer 3: Das Netzwerk der erwarteten Erwartungen. Basiert auf Layer 1 und 2. Turns out: Deine Q-Function ist niemals deine, sondern alle relevanten Werte (Wahrscheinlichkeitserwartung, Nutzenerwartung, Kostenvorstellungen) wurden einmal von anderen kopiert und persönlich weiterentwickelt, bleiben aber gesellschaftlich vorstrukturiert [F7]. Ob deine erwarteten Erwartungen der anderen an dich wirklich mit der Realität matcht, ist eine andere Frage.

„Agency“ ist „Status“ im Framework des Individuums und wir können ihn nun jeweils in den drei Realitätsebenen betrachten:

  • Agency(L1) ist dein topologischer Ort im Netzwerk der materiellen Fulcren. Es sind die tatsächlichen Hebel, die dir zur Verfügung stehen und die tatsächliche Stabilität deiner Pfade, die davon abhängen, minus der vollständigen Kosten.
  • Agency(L2) ist der Status, den du im Leben zu haben glaubst. Dabei ist L1 für L2 durchaus begrenzend (man kann sich nicht zum Millionär wünschen, auch wenn es viele versuchen), aber weil es erstens viele andere Status-Games als die materiellen in der Gesellschaft gibt und zweitens, der eigene Status in jedem Status-Game ungewiss bleibt, gibt es hier viel Raum für Abweichung.
  • Agency(L3): Die Agency, von der du glaubst, dass die anderen sie dir zuschreiben. Sie ist sowohl von L1 und L2 nicht unabhängig, kann aber auch beliebig differieren, ist aber im Normalfall orientiert an den allgemein beliehenen Erwartungsportfolios der Gesellschaft [F7] an „Leute wie dich“. In dieser Unsicherheit lebt die Quelle der „social Anxiety“.

Damit können wir das Status-Game der agentüberwachenden Superindividuen vor dem Bildschirm analysieren: Agency(L1) maß sich vor der Agents an den eigenen Pfadfindeskills innerhalb der adressierten Infrastruktur (Programmiersprachen, IDEs, Frameworks, Bibliotheken, Server, etc), was zu einer höheren, sich selbst zugeschriebenen Agency(L2) führt, je mehr Pfade davon indivudell „verfügbar“ sind, die man dann untereinander verhandelt und hofft, gegenüber dem Auftraggeber/Kapitalisten (Agency(L3)) höhere Arbeitsmarge heben zu können.

Die Agents erhöhen nun ohne Frage Agency(L1) des Programmierers, was Auswirkungen auf ihre Agency(L2) hat (Superindividuums-Syndrom) und die jetzt untereinander um möglichst produktive und effiziente Agent-Beleihung konkurrieren, um zur „permanenten Oberklasse“ zu gehören (LOL!). Doch ob sich dieses Rattenrennen wirklich auf die angenommene Agency(L3) durch den Chef auswirkt, wird gar nicht hinterfragt, weil der Tranmissionsriemen zwischen eigener Agency(L2)-Erwartung zu leveragebarer Arbeitsmarge als intakt gedacht wird.

But think about it. Natürlich wird die Rechnung nicht aufgehen, denn wenn dein Unterschied die Anzahl an Agents ist, die du leveraged (am Besten noch gemessen an den „verbrauchten Tokens“), dann ist der BATNA-Pfad zu dir aus Sicht deines Chefs, immer nur ein paar Millionen Tokens entfernt.

You lost your moat.*

* Moat = Das Delta zwischen den Aktivieerungskosten K_F_a der Pfade, die du anbietest und den Aktivierungskosten der BATNA-Pfade zu dir, K_F_a_BATNA.

Hint: Es ist immer eine schlechte Idee, das eigene Leverage (die Abhängigkeit des Anderen von dir) von einem multidimensionalen Graphen (Wissen-portfolio um unterschiedliche Lösungspfade in heterogenen aber spezifischen Umgebungen) in einen linearen Graphen (Tokens) zu verwandeln.


Tadzio Müller schreibt gerade ein neues Buch und hat in seinem lesenswerten Newsletter einen Vorgeschmack dadrauf gegeben, in dem er seine frühen Aktivistenjahre in Großbritannien reflektiert, die er unter anderem damit zugebracht hat, (erfolglos) gegen die Involvierung des Landes in die „Koalition der Willigen“ des Irakkriegs zu protestieren. Auf dem Papier sah es aus, als hätten sie eine Chance, denn eine große Mehrheit der Briten war gegen den Krieg.

große Demos und Aufsehen erregende Aktionen sollten klare gesellschaftliche Mehrheiten für oder gegen etwas produzieren, dann würde die Regierung schon einknicken, weil gesellschaftliche Mehrheiten verprellen sollte für eine demokratisch gewählte Regierung ein Problem sein.

Turns out: Man kann durchaus gegen den Willen der Mehrheit Politik machen. Nämlich dann, wenn die Mehrheit keine Möglichkeit hat, diesen Willen auszudrücken.

But is it? Die Aussage klingt erstmal nachvollziehbar, aber denkt Euch mal in das (damalige) britische Zweiparteiensystem rein: wenn es realistischerweise nur die Wahl zwischen Labour und Tories gibt, die Tories grundsätzlich für Kriege sind, und Labour diesen konkreten Krieg vorantreibt, dann ist „öffentliche Meinung verschieben“ eben gerade kein Hebel, weil es keine effektiven elektoralen Strafmöglichkeiten für den Fall gab, dass Labour in den Krieg ziehen würde. „Whatcha gonna do – vote for the effin‘ Tories, ey?“

Was Tadzio hier so klar beschreibt, könnte man auch „den zwanglosen Zwang des fehlenden BATNAs“ nennen. Die Labour-Party war gewohnheitsmäßig das BATNA zu konservativer Politik, doch Tony Blair hat diesen Pfad aus dem Sortiment genommen.

Genau deswegen wird Margaret Thatcher zugeschrieben, in Tony Blair ihr wichtigstes Vermächtnis zu sehen. „There is no Alternative“ (TINA) wurde erst mit Blair und seinem „Third Way“ der Sozialdemokratie materielle Wirklichkeit (demokratische Agency(L1)). Der Pfad zum Klassenkampf, der Pfad gegen Ausbeutung und Imperialismus wurde von „kapitalismusfreundlichen“ Kräften kooptiert und seither sind die Sozialdemokraten nicht nur in GB, sondern fast überall in Europa die „Genossen der Bosse“.

Agency, it turns out, sind nicht die Pfade die du gehen kannst, sondern die Pfade, die du ablehnen kannst. Die Fähigkeit, einen Pfad ablehnen zu können sitzt tiefer als jede positive Agency(L1), bzw. macht diese überhaupt erst zu einer „Realität“.

Meine These: Die Q-Function ist eine evolutionäre Notwendigkeit (ich habe das bereits im Pfadgelegenheits-Explainer ausgeführt), um Pfade zu evaluieren, bevor ich eine Wahl treffe. Die Q-Function erschafft die very Möglichkeit, „Nein“ zu sagen. Die Q-Function übersetzt von Agency(L1) in Agency(L2) und erschafft damit auch Agency(L0), die jede Freiheit auf den anderen Layern überhaupt erst möglich macht, aber von ihnen aber Unabhängig bleibt.

Man kann immer „Nein“ sagen, wenn man bereit ist, die K_F_ab-Kosten zu tragen.

Man kann z.B. Auswandern, oder das System stürzen. So sehr die Briten gegen den Krieg waren, diese Kosten waren den meisten zu hoch. Und das ist die eigentliche Regierungslogik: Die BATNA-Pfade bis zum Schmerzpunkt der Wechselkosten des Systems zu reduzieren.

2021 veröffentlichte die Stiftung Klimaneutralität ein Paper, dass sich die Klimaschutzmaßnahmen in den Wahlprogrammen der Parteien angeschaut hat und eines der Ergebnisse war, dass nicht mal die Grünen annähernd genug Klimaschutzmaßnahmen im Programm hatten, die das 1,5 Grad-Ziel (Zur Erinnerung: 2021 war das noch vorstellbar, bevor wir dann feststellten, dass die Temperaturen viel schneller steigen, als die Modelle vorhergesagt haben …) einzuhalten.

Pfadpsychologie bestimmt auch unsere Imagination. Seit nicht mal mehr die Grünen Klimaschutzmaßnahmen in ihren Wahlprogrammen anbieten, die genügen, um das Schlimmste zu verhindern, ist die Möglichkeit, nicht ungebremst in die Voll-Katastrophe zu rutschen, quasi aus dem Portfolio verschwunden. Der Deal mit dem Kapital ist gemacht, bevor die Wahlplakate geklebt sind. Dass dann noch die FDP, rechte Thinktanks, Springer-Kampagnen und später Katherina Reiche die wenigen Maßnahmen, die schließlich umgesetzt werden sollten, auch noch sabotierten, ist irrelevanter für die allgemeine Vorstellung für „was möglich“ ist, als diese eine Pfadentscheidung von den Grünen.

Und wenn man die Grünen selbst fragt, warum das so ist, dann sagen sie, das sei nun mal das Maximum, an „politisch Möglichem“. Dann zucken alle mit den Schultern und sagen, „na gut“, wo es dann doch darum gehen muss, wer diese „politisch Möglichkeiten“ modelliert? Wenn es nicht die Parteien sind, wer ist es dann?

Die „Öffentliche Meinung“ wird dann angeführt. Aber was ist das? Das sind die Summe der Deutungspfade der aktuellen politischen Realität und ihre jeweilige Netzwerkmacht im medialen Trommelkonzert der Öffentlichkeit.

Pfade, deren notwendige Infrastrukturen nicht in Agency(L1) existieren, können nicht imaginiert werden. Auch unsere Imagination existiert nicht im luftleeren Raum. Der Grund, warum wir fähig sind, uns „Einhörner“ vorzustellen, ist, dass wir beides kennen: Pferde und Hörner. Gemeinsam ergeben sie eine imaginäre Pfadgelegenheit zum „Einhorn“. Sience Fiction basiert auf Beobachtungen in der Realität, die in die Zukunft interpoliert werden. SciFi-Stories sind Q-Functions für aktuelle Agency(1)-Pfade, verlängert in die Zukunft.

Andersrum haben wir uns mit der Klimakatastrophe abgefunden, weil echter Klimaschutz, wie es heißt, „politisch nicht umsetzbar“ ist und seitdem denke ich, dass es an der Zeit ist, das berühmte Frederick Jameson-Zitat – „It’s easier to imagine the end of the world, than the end of capitalism“ – pfadpsychologisch zu verallgemeinern::

Alternative politische Pfade in die Zukunft werden unplausibel, wenn der materielle Zugriff auf die dafür notwendigen Infrastrukturen (Agency(L1)) mit dem Interesse am Status Quo (dem jeweiliges K_F_ab) korreliert.

Think about it: je mehr materielle Möglichkeiten du hast, desto abhängiger bist du vom aktuellen System, desto mehr wirst du alles tun, den Status quo zu erhalten. Deswegen kann echter Wandel immer nur von unten kommen. Jeder, der im aktuellen Pfad Macht hat, ist von vornherein korrumpiert und wer Macht bekommt, wird es schnell.

Das ist keine Aussage über einzelne Dividuen. Es mag Menschen mit Geld, Infrastruktur und Status geben, die trotzdem bereit sind, Widerstand zu leisten, den aktuellen Pfad zu verlassen und den Preis dafür zu bezahlen (wie immer er aussieht). Aber sie sind sehr, sehr selten.

Doch wenn man länger drüber nachdenkt, wurden wir immer schon weniger über Regierungen, als über das Design der „Choice Architectures“ unserer politischen Pfadlandschaft regiert. Was nicht auf dem Menue steht, kann nicht bestellt werden. Hinter liberalen Gaslighting-Erzählungen wie „Demokratie braucht Kompromisse“ oder „Politik ist das Bohren dicker Bretter“ steckt in Wirklichkeit der „Zwanglose Zwang des fehlenden BATNA-Pfads“, der in Formulierungen bei uns ankommt, wie „das war nun mal das Beste, was wir rausschlagen konnten.“

Wir müssen verstehen, dass unsere Pfadgelegenheiten „gemacht“ sind, nicht nur in dem Sinne, dass die aktuelle Politik „gemacht“ ist, sondern dass auch die Pfadtopologie, aus der wir sie ausgewählt haben, „gemacht“ ist. Die Pfadtopologie ist natürlich nicht von „einer Hand“ modelliert, aber von wenigen Händen und über viele Jahrzehnte mit unterschiedlichen Tools (Pateiverboten, kapitalistische Graphnahme der Medien, kapitalistische Kooptierung politischer BATNA-Pfade), aber auch über Mechanismen wie die „Schuldenbremse“, die im Grunde eine fiskalistische Default-Schranke für alle politischen Pfade ist, über die die Oligarchie (für deren Interessen sie immer durchlässig ist), den jeweiligen Regierungen ihre Pfadmöglichkeiten vorzeichnet.

Der Liberalismus hat uns eingeredet, dass die Welt über „Informationen“ gesteuert wird („Individuum“, „Markt“, „Systemtheorie“, „KI“) und dass auch die Demokratie daher ein „Wettbewerb der Ideen“ sei. Was ein Bullshit. Uns den Klassengegensatz auszureden war der Powermove des Kapitals.

Dabei erleben wir es jeden Tag: unsere Q-Function ist der des Kapitalisten entgegengesetzt. Sein Vorteil ist unser Nachteil. Nochmal: nicht immer in allen Details, aber in allen Entscheidenen Fragen von Macht, Ressourcen, Politik, Zukunft und Agency und um das zu verschleiern, hat der Liberalismus den „Markt der Ideen“ ersonnen, in dem man sich innerhalb der Matrix der politischen Pfadvorstellung der Kapitalisten positionieren darf.

Und das ist der Punkt: die aktuelle Agency(L3), die „Individuelle Freiheit“, die man uns zugesteht, ist nichts wert. Du kannst alle Pfade der Welt zur Verfügung haben. Aber wenn deine Agency(L1) dir keinen Pfad anbietet, der die Katastrophe abwendet, auf die du zusteuerst, dann bist du nicht frei.

Wenn wir das verhindern wollen, müssen wir eine Q-Function finden, die das Ausüben von kollektiver Agency(0) wieder plausibel macht.


Das wichtigste Panel der diesjährigen re:publica war nicht über Technologie, Internet oder KI, sondern über Klasse. Geraldine de Bastion moderierte Hanno Sauer und Mareice Kaiser, die beide ein Buch über Klasse geschrieben haben und das ganze Panel erklärte in seiner Inszenierung mehr über Klasse, als jedes Buch es könnte. Es wurde viel über den offnen Vergleich der Vorschüsse berichtet, aber das war nur der Beginn eines von vorn bis hinten lehrreichen Panels.

Ich habe das Panel zusammen mit Ali bereits im letzten Krasse Links-Podcast besprochen, deswegen werde ich hier nur ganz kurz zusammenfassen:

Man kann auf der Agency(L1) Ebene die unterschiedlichen materiellen Startbedingungen der Sprecher*innen berücksichtigen und sieht wie sie die Imagination der Dividuen Agency(L2) bestimmen: Hanno Sauer wuchs in einem Professorenhaushalt auf und hatte immer den Traum ein Buch zu schreiben, während das für Mareice Kaiser als Arbeiterkind überhaupt nicht im Plausibilitätsraum existierte bevor sie durch Bildung und sozialen und medialen Aufstieg an einen Punkt kam, an dem das für sie ein plausibler Einkommenspfad wurde, wie sie berichtete.

Dafür ist natürlich auch BATNA entscheidend: der Buchmarkt ist – zumindest für alle Einsteiger*innen (Berit Glanz hat in diesem Artikel den Buchmarkt für Außenstehende gut beschrieben) und alle, die keine serienweisen Superbestseller schreiben ein prekäre Angelegenheit. Buchschreiben ist ein Pfad, der immer ein BATNA braucht, eine Rückfalloption, wenn der Vorschuß nicht reicht (meistens) und der Erfolg ist niemals garantiert. Trotz der 160.000 Euro Vorschuss, würde auch ein Hanno Sauer ohne BATNA-Pfad keine Bücher schreiben und das Buch für weniger zu schreiben, würde vermutlich sein BATNA ihm verbieten. Wir erinnern: Agency(L1) bestimmt nicht nur deine Handlungsmacht, sondern auch die Verhandlungsmacht. Der Pfad zum Buch steht strukturell nur für Privilegierte offen und die großen Vorschüsse nur denen, die sie nicht nötig haben.

Und dieser Abstand wird noch mal spürbarer, als Mareice Kaiser Agnieszka Jastrzebska auf die Bühne bittet. Jastrzebska arbeitet bei einem Zulieferer der Berliner Charité und kämpft literally ums Überleben. Der Lohn reicht dafür nämlich nicht, weswegen sie mit ihren Kolleg*innen in den Streik gegangen sind. Niemand käme überhaupt auf die Idee, sie zu fragen, ob sie davon träumt, ein Buch zu schreiben.

Als Agnieszka Jastrzebska auf die Bühne kam, brach die ganze Liberale Welt zusammen. Die Perspektiven zwischen Hanno Sauer und Mareicke Kaiser schienen bereits kaum vermittelbar, doch erst der Auftritt von Jastrzebska machte klar, dass sie irreduzibel sind. Keine der drei Perspektiven ließ sich auf die andere reduzieren. Es saßen drei völlig unterschiedliche Agency(L1, L2, L3) Positionen nebeneinander mit drei sich völlig unterschiedlich strukturierenden Perspektiven.

Und das ließ wiederum die re:publica selbst kollabieren, denn es wurde klar, dass das Spektrum der hier gezeigten Perspektiven bislang unter der Agency(L3) von Mareicke Kaiser abgeschnitten war. Hier tauschen sich normalerweise vor allem BATNA-satte Medienmenschen aus, die durch den von Jastrzebska auf die Bühne gebrachten Überschuß an Realität (Repräsentativ für Agency-Unterschiede im Land) aus ihrer Komfortzone gerissen wurden.

Agnieszka Jastrzebska wurde vom Saal gefeiert, was schön war zu sehen. Aber das ist natürlich nicht ihre Realität. Wenn sie sich mit ihren Kolleg*innen durch die Räume der Charité arbeitet, wird sie von dem meisten nicht wahrgenommen und viele, die sie beklatschten, hätten sie in jeder anderen Situation kaum bemerkt – und ich nehme mich dabei nicht aus.

Doch ich auch kann den Impuls, Jastrzebska zu feiern, absolut nachvollziehen. Von allen dreien hat sie auf dem Panel persönlich am wenigsten zu gewinnen, und gleichzeitig durch die Exponierung am meisten zu verlieren. Ihr Kampf ist kein Kampf um Status (Agency(L3)), sondern ums Überleben (Agency(L1)). Aber sie führt ihrem Kampf implizit auch um eine Form von Agency, die uns alle betrifft, die aber dem satten Bürgertum fremd geworden ist: Sie kämpft für die Möglichkeit, „Nein“ zu sagen – Agency(L0).

Wir alle sind mit Klassismus, Rassismus und Sexismus „infiziert“, auf die eine oder andere Weise, mal mehr mal weniger, aber vor allem sind wir infiziert mit dem „Individuum“, dass all diesen „ismen“ relational materialistisch unterlegt ist und sie „groundet“. Aus der „individuellen“ Sicht eines Mannes, hat eine Frau meist weniger Agency, aus Sicht eines Weißen, hat ein Schwarzer oft weniger Agency, aus Sicht eines Nicht-Behinderten, hat ein Behinderter oft weniger Agency, und ein Armer hat aus Sicht eines Nichtarmen oft weniger Agency, usw.

Intersektionalität ist in der Realität immer komplex, aber weil der Subjektentwurf des Individuums sowieso nach Agency(L3) diskriminiert und sie in allen diesen Diskriminierungsformen eine Rolle spielt, wird Frauen, Armen, Behinderten und bestimmten rassifizierten Menschen per Default eine „verminderte Agency“ zugeschrieben – und manchmal wird die Verminderung durch Status-Polizei auch aktiv hergestellt.

Und dazu kommt, dass das, was gesellschaftlich als Agency(L3) zählt, meist aus der Gruppe der Nichtbetroffenen heraus definiert wird: Agency(L1)-Pfade, die diese Gruppe nicht kennt (nicht in Agency(L2)), haben als Agency(L3) also keinen „Wert“. Wenn deine Zweitsprache Englisch ist, zählt das, wenn sie Türkisch ist, not so much. Wenn du Blindenschrift lesen und dich durch dein Gehör im Raum orientieren kannst, dann ist das zwar deine Agency(L1, L2), wird aber auf Agency(L3) selten gezählt, usw.

Aber das gilt nicht für die Agency-Pfade, die der privilegierten Gruppe bekannt sind: eine gute Bildung, ein guter Job, viel Geld oder Macht, können der gruppenbezogenen Agency(L3)-Abwertung entgegenarbeiten. Im Liberalismus/Kapitalismus können von diesen Diskriminierungsformen Betroffene durch das Erlangen von anerkannter Agency(L3) aus manchen der Abwertungsvorstellungen und manchen Diskriminierungs-Vektoren von Rassismus, Klassismus, Ableismus und Sexismus ein Stück weit entkommen.

Beispiel Rassismus. Rassismus ist kein fixes Phänomen, es ist ständig im Flux und verhandelt seine Normen, Richtungen, Grenzen ständig neu. Italiener, Iren und Juden galten im frühen Amerika nicht als „weiß“, mit dem ökonomischen Aufstieg änderte sich das. Es gibt eine Korrelation zwischen Restaurantpreisen ethnischer Küchen und dem wirtschaftlichen Erfolg des Heimatlandes. Wenn ein Land wirtschaftlich erfolgreich wird, werden nicht nur die Menschen, die dort herkommen anders gesehen, auch die Produkte von dort erscheinen wertvoller. Chinesisch war lange der Inbegriff des Billigessen, jetzt sind die teuersten Restaurants chinesisch.

Der Feminismus hat nicht unbedingt zu Gleichberechtigung geführt, aber Pfade eingerichtet, der (manchen) Frauen einen Agency(L1)-Aufstieg ermöglicht und im Zuge dessen die Zuschreibung „Frau“ in vielen Kontexten gesellschaftlich aufgewertet (Agency(L3)).

Die Ausweitung des Individuums-Status auf die anderen Gruppen (vor allem in den letzten 50 Jahren) hat dazu geführt, dass heutzutage auch Frauen, Behinderten, Queeren und Schwarzen „erlaubt“ wird, erfolgreich zu sein und das führt dazu, dass der als Ausdruck von Agency gelesene Erfolg das „verminderte Individuum“ aufwertet, zum „almost Individuum“. „Almost“, weil trotzdem weiter andere Regeln gelten (höhere Erwartungen an Kompetenz und Integrität, Glasdecke, etc).

Aber natürlich sind die Karrieren von Frauen und Schwarzen genauso wenig wie bei den Weißen vom Himmel gefallen, auch sie wurden ermöglicht durch Ressourcen, oft durch die Familie und den Umkreis, durch die Schule, die Lehrer*innen und Zufälle, die die notwendigen Infrastrukturen – oft über Generationen akkumuliert – für diese Karrieren geliefert haben. All das wird still und heimlich in das „Individuum“ eingepreist. Weil du deine Agency bist, bist du auch deine Infrastrukturen.

Rassismus oder Sexismus verschwindet mit dem ökonomischen Aufstieg von Individuen oder Gruppen in der Bürgerlichen Gesellschaft nicht, aber er verändert sich deutlich und sichtbar. Der Aufstieg verschiebt Grenzen, die vorher enger gezogen wurden, er räumt Erlaubnisse ein, die vorher verwehrt waren, eröffnet Pfade, die vorher verschlossen waren. Kurz: es wird dem „almost Individuum“ mehr „Individualität“ eingeräumt und zugestanden. Aber der Status des „almost Individuum“ bleibt fragil, im Konfliktfall wird er so schnell wieder entzogen, wie ein Pass bei Israelkritik.


In Großbritannien wird laut Cheshire West – wie in Deutschland – die Agency(L1) für behinderte Menschen einschränken, allerdings durch eine Entscheidung des Supreme Courts direkt auf Ebene der Grundrechte.

The ruling effectively dismantles a landmark 2014 legal framework known as Cheshire West, which established a universal “acid test”. This means that if someone lacks the mental capacity to consent to their care and living arrangements, is under continuous supervision and control, and is not free to leave, they were legally ‘deprived of their liberty’. This triggered vital legal safeguards (DoLS), requiring an independent assessor to regularly inspect care homes, supported living arrangements, and locked units to ensure the placement is safe, justified, and in the person’s best interests. Today’s decision tears up those protections.

Das ganze wird damit begründet, dass manche der Behinderten sowieso „nur eingeschränkte“ Agency(L2) hätten, also auch nichts zu verlieren hätten.

The Court implies that individuals with profound cognitive disabilities cannot be „deprived“ of liberty because their condition limits their ability to experience it — a view that devalues their fundamental rights.

Von Verteidigern des „Liberalismus“ höre ich immer den Einwand, dass Liberalismus ja auch immer die „Achtung vor der Freiheit des Anderen“ impliziere.

Ok, fine. Aber was heißt denn die „Freiheit des Anderen achten“?

Es heißt, nicht in seine Pfade zu intervenieren, bleibt also als „negative Freiheit“ eine Funktion der Agency(L1). Aber die ist extrem ungleich verteilt? Das heißt nicht nur, dass jemand mit viel Agency(L1) auch viel mehr Gelegenheiten hat, auf seine „negative Freiheit“ zu pochen, es heißt auch, dass unsere Q-Function zur Anerkennung der Freiheit des Anderen, Agency(L3), implizit entlang seiner Infrastrukturen liest.

Die dividuelle Sichtweise legt einen anderen Anerkennungsmodus nahe: Ein Anerkennungsmodus, der zwar die Freiheit der Agency(L1) mit einbezieht (wenn auch nicht so absolut, wie der Liberalismus), aber die Grenze der zugeschriebenen „Subjektivität“ nicht auf Agency(L2) ansiedelt (die ja von außen eh nicht sichtbar ist). sondern, sie bei bei Agency(L0) verortet: Der Fähigkeit „Nein“ zu sagen.

Wir müssen uns wieder gegenseitig als „widerständige Wesen“ sehen, anerkennen und schätzen lernen. Wesen, die ein Recht darauf haben, „Nein“ zu sagen – möglichst in jeder Situation und bei möglichst überschaubaren K_F_ab.


Ein anderer, spannender Beitrag bei der re:publica war der zur „Bürgerlichen Zerstörungslust“ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey.

Ich will den Vortrag hier nicht zusammenfassen, aber was mir beim Schauen sofort auffiel: es gibt einen pfadpsychologischen Zusammenhang zwischen Corona-Leugnern, Road Rage, den politischen Effekten von Inflation und Faschismus: Individuen reagieren oft aggressiv, wenn ihnen bereits erwartete Pfadgelegenheiten genommen werden.

Weil Individuen gewohnt sind, ihre Pfadgelegenheiten sich selbst und ihrer „eigenen“ Agency(L2) zuzurechnen, wirkt ein Verlust erwarteter Pfadgelegenheiten wie ein Angriff auf sie persönlich. Der „Lockdown“ reduzierte die Pfade enorm, ein vor dir einscherender langsamer Radfahrer macht, dass du in die Bremsen gehen musst, die Pfade, die du für Geld gehen kannst, werden bei Inflation kürzer. Die Reaktion bei manchen – nicht bei allen – darauf ist Wut. Es ist die Wut des „sich in seiner Automomie eingeschränkt fühlens.“

Ich bin überzeugt: Road Rage ist die Grundemotion des Faschismus.

Diedrich Diederichsen hat den Zusammenhang von Road Rage und Faschismus bereits vor Jahren gut getroffen:

Das, was man in Amerika »Road Rage« nennt – von Drängeln bis Drive-by-Shooting –, ist die lebenswelt­liche Alltagsvariante der Wut der Bürger und Kleinbürger.
Im Straßenverkehr kann man es auch am ehesten an sich selbst beobachten. Ich verwandle mich etwa regelmäßig in einen Fahrrad-Nazi, was ich an guten Tagen amüsiert an mir selbst beobachte, an schlechten als erschreckende Verwandlung erlebe. Im Verhältnis zu meinen Mitmenschen interessiert mich dann plötzlich nicht mehr, dass und wie wir es miteinander aushalten, sondern dass sie meine verbrieften Rechte (als Radfahrer) verletzen oder verletzen könnten. Sie erscheinen mir nicht in ihrer realen Rolle als ein diffuses Bündel von Absichten, die natürlich nicht mich meinen, sondern durch die paranoide Perspektive des Rechteinhabers nur als Rechtebeschneider: verschnarchte Fußgänger, die den Radweg blockieren, linksabbiegende Autofahrerarschgesichter, die mir die Vorfahrt nehmen; die lahme Muddi, die nicht zur Seite springt, der fiese Vaddi, der mich zu Fall bringen will. Meine Rechte erscheinen mir als Radfahrer nicht wirklich garantiert, weil ich um meine geringe reale Macht gegenüber dem Autofahrer weiß, sobald wir gemeinsam einen rechtsfreien Raum beträten, und auch um meine potentiell größere Macht als die des Fußgängers. Da ich an der Garantierbarkeit meiner Rechte angesichts realer, in diesem Falle physischer Machtverhältnisse zweifele, klammere ich mich aggressiv an sie. Sie sind alles, was ich habe, ich klage sie ein, auch dort, wo sie niemand verletzen wollte oder jemand sie verletzt, ohne mir zu schaden.

Road Rage ist pfadpsychologisch naheliegend, aber eng an die Subjektivierung des Individuums gekoppelt. Denn das, was Diedrichsen hier als „Recht“ deklariert ist nur das „Entitlement“ des Phantombesitzes (Eva von Redecker) von Pfaden. Im Road Rage glaubne ich ein „Recht auf den Pfad“ zu haben („Die Straße gehört mir!“), so wie meine Q-Function ihn mir versprochen hat. Der Pfad war bereits ein verbuchtes Asset [F3] und jetzt muss ich ihn (zumindest zum Teil) abschreiben [F9].

Super-Individuum beim einem am Road Rage haben (Bruno Ganz als Adolf Hitler in Der Untergang, mit Schriftzug: Die Q-Function war ein Befehl!

DAS MACHT WÜTEND!!

Der Road Rage kann sich über Zeit auch zu einem „Road Grudge“ auswachsen, nämlich, wenn eine Abschreibung auf einen Pfad in der Vergangenheit zu einer Erzählung des „Blockierten Lebens“ führt, wie Carolin Amlinger im Vortag ausführt. Man weint dem unrealitisiertem Marginalnutzen des abgebrochenen Pfads nach. Oder Anders: Beim „Road Grudge“ wird man von den uneingelösten Opportunitätsdividenden des „ungelebten Lebens“ (Erich Fromm) heimgesucht (siehe auch Mark Fischers Hauntology).

F(Q_Geisterpfad) ist der imaginierte Wert des abgebrochenen Pfads. Was wäre, wenn X mich geheiratet hätte, wenn ich 1999 in Apple-Aktien investiert hätte, wenn mein Chef mich nicht gefeuert hätte, wenn mich meine Frau nicht verlassen hätte, wenn ich bei dem Unfall besser aufgepasst hätte, wenn diese Uni mich genommen hätte, wenn X noch lebte und wenn Y nicht passiert wäre, usw.

Hauntology = F(Q_Geisterpfad) – F(Q_AktuellerPfad)

Und ab Hauntology > K_F_ab wirds gefährlich.

Here is the thing: Wir alle werden jeden tag irgendwo blockiert, manche von uns erlauben sich ab und zu „Road Rage“, die meisten tragen Verletzungen mit sich rum und viele von uns werden von Geistern ungegangener Pfade heimgesucht. Das macht uns nicht zum Nazi.

Doch Geister sind blöderweise unsichtbar, weswegen es leicht ist, Sündenbockerzählungen für diese Wut aufzugleisen, Erzählungen, die die Wut „harvestet“, um sie politisch auszurichten.

Der Hass von MAGA auf DEI und der Hass der Kapitalisten gegen „Regulierung“, der Hass des verlassenen Ehemanns auf „den Feminismus“, Musks Rage gegen den „Woken Mindvirus“, die „Dolchstoßlegende“ nach dem ersten Weltkrieg, die Erzählung, dass „die Juden alles kontrollieren“, Verschwörungstheorien im Allgemeinen und die Kettensäge, die alles wieder gut macht.

All das sind Kanalisationsanlagen der Rechten für die Road Rage-Ströme blockierter Leben.

Doch der aktuelle Road Rage hat auch einen „wahren“ Kern: Es ist die durch den TINA-Pfad unterdrückte Agency(L0), die sich ihren Weg durch die Ordnung bahnt.