Krasse Links No 88

Willkommen zu Krasse Links No 88. Driftet eure Faschisierung, heute transducen wir das Trommelkonzert der Polarisierung und üben Kritihype an Odysseus seinem Heizungshammer.


Trump Media, die Pseudofirma, die die Infrastruktur für die kommentierbare Pressemitteilungsplattform von Donald Trump betreibt, hat ein neues Geschäftsmodell: sie verkauft jetzt bevorzugten Zugang zu den Pressemitteilungen des Präsidenten für 100.000 Dollar pro Monat. Die Financial Times.

The general public would not notice the difference in speed between Truth API and updates on Truth Social itself because Truth API would give an advantage of “milliseconds” to customers of the feed.

“Milliseconds is a big deal in this world, high-frequency trading firms and systematic quant hedge funds would definitely want this product,” said the chief executive of a US market infrastructure company.

Dabei geht es zwar nur um Millisekunden, aber in Zeiten von algorithmischen Trades reicht das zum „Frontrunnen“ marktrelevanter Verlautbarungen, etwa zum aktuellen Zustand der Straße von Hormuz. Zwar haben dann die Insider um Trump bereits ihre Wetten gesetzt (Siehe KL80), aber man kann ja immer noch den Rest des „Marktes“ ausnehmen? „Insider Trading as a Service“, basically.

Die Trump-API basiert dabei auf einer anderen API: der Kopplung des Öffentlichkeitstrommelkonzerts mit dem Trommelkonzert des Finanzmarktes.

Ich hatte ja die Finanztrommel in Ausgabe no 86 als doppelte Trommel beschrieben, die einerseits auf dem Layer 1 (der materiellen Realität)-Trommelfell des Orderbooks mit echten Transaktionen bespielt wird, aber auch auf dem Layer 3 (den Erwartungserwartungen)-Trommelfell der Öffentlichkeit mit Narrativen. Wenn Trump auf die L3-Trommel von Truth Social einen Beat anstimmt, wird er – wenn eine Verbindung besteht – immer auch den Beat der L1 Trommel des Finanzmarktes beeinflussen.

Wenn Donald Trump z.B. sagt: „der Frieden ist nah“, dann stellt er das Narrativ „Öl bald nicht mehr knapp“ ins illiquide Sellbook der Öffentlichkeit (das nach News lechzt), was, wenn es auf der L3-Ebene der erwarteten Erwartungen „gekauft“ wird, auf Layer 1 den Öl-Preis senkt.

Wenn Donald Trump sagt: „Der Waffenstillstand (den es nie gab, aber egal) ist vorbei!“ Dann stellt er das Narrativ „Öl bald wieder knapp“ zum Verkauf, das im Sellermarkt der Öffentlichkeit den Ölpreis auf L1 erhöht.

Normalerweise läuft der Wandler L3-Konsens -> L1-Preis, d.h. der Beat muss erst im Sellbook der Öffentlichkeit gekauft werden, bevor er nach L1 durchschlägt.

Die Trump-API baut nun einen Bypass, über den die Trading-Algos ihre L1-Transaktionen direkt auf dem Rohbeat spielen können, Millisekunden bevor die L3-Crowd ihn überhaupt hört. Das erlaubt den Algos, den Preis zu „frontrunnen“. Indem die Trump-Api-Abonent*innen das Trommelfell der Öffentlichkeit überspringen, lassen sie sich also von der Crowd ihre Exit-Liquidität bereitstellen, die den aufgelaufenen Spread zahlt, den die API-Nutzer*innen zwischen dem API-Call und der Möglichkeit aller anderen, ihre eigene Position zu finden, eingesammelt haben.

Und wenn das Absatz findet, also viele Algos an die API angeschlossen werden, so dass Trumps Posts entsprechend viele Trades (mit institutionellem Volumen) auslösen, dann ist das Produkt nicht nur die Ausbeutung einer bestehenden L3/L1-Kopplung, sondern deren automatisierte Erzeugung: je mehr Investor*innen auf Trumps Posts handeln, desto stärker bewegen die Posts den Markt, desto wertvoller wird das Abo. Wir haben dann ein „Preferential Attachment“ auf den Kopplungskoeffizienten selbst — ein sich selbst erfüllender Transducer. Es ist die Meme-Stock/Crypto Dynamik all over again, nur statt als Kult, als automatisiertes Feedback-Orakel.

Das Einzige, was uns aus diesem Loop retten würde, ist ein Vertrauensverlust in Trumps Aussagen, aber auch, wenn das … nunja, „rational“ wäre, kann man so viel Reflexion von Finanzbros wohl nicht erwarten?


Eva von Redecker hat mit der Linguistin Aurelie Herbelot zusammen über das Ende der Suchmaschine und dessen Ersetzung durch LLMs geschrieben und ich kann nur zustimmen. Besonders hervorheben will ich ihre Anwendung des linguistischen Verständnis der „Interpretation“:

Die Interpretation braucht, wie bereits erwähnt, zwei Zutaten: eine zu verifizierende Äusserung und eine Welt als Massstab. Was diese Welt nun mit Hyperlinks zu tun hat? Ziemlich viel. Das Internet ist ein Sammelbecken an Informationen, und es enthält auch eine Menge von Primärquellen, etwa Situationen, in denen jemand etwas gesagt oder getan hat. Der Bericht darüber, dass Liz Reid die Suchfunktion versenken will, lässt sich mit dem Link zum genauen Zeitpunkt ihrer Äusserung versehen. Damit muss noch nicht letztgültig entschieden sein, was in der echten Welt tatsächlich geschehen ist. Aber unser sprachliches Gehirn kann eine Verknüpfungsleistung vollziehen und feststellen, was Reid zumindest gemäss diesem Video in Wahrheit gesagt hat. Der Zauber des Internets besteht ja nicht zuletzt darin, unzählige Fährten für solche Verknüpfungen zu eröffnen, anstatt sie auf wenige kuratierte Ausnahmen zu beschränken.

Der andere Bestandteil der Interpretation ist die Äusserung selbst. Es muss etwas da sein, das wahr sein kann. Wo kein Satz ist, ist auch keine Wahrheit. Auch deshalb lässt die neue Suchmaschine von Google aufhorchen. Die neue Suchleiste «hilft dir, deine Fragen zu formulieren … Sie bietet Nuancen an, die dir vielleicht gar nicht eingefallen wären.» Will sagen: Google bietet dir nicht nur die Antwort auf deine Frage an, es bietet dir gleich die Frage selbst an.

Wir finden hier ohne weiteres unsere Layer 1 (materielle Realität) und 3 (erwartete Erwartungen) wieder. Die Interpreatation – die Triangulation von L1-Signalen im Kontext verfügbarer L3-Infrastruktur zu Layer 2, den dividuellen Erwartungen – wird von der KI einfach vorverdaut und so der Layer 1 – zwar nicht unverfügbar – aber obsolet gemacht. Warum eigene Fragen an die L1-Realität entwickeln, wenn die LLM sie in ihrer slicken L3-konformen Antwort gleich mitliefert? Wir haben hier im Grunde dieselbe L1-Entkopplung, die wir in der vorletzten Ausgabe beim SpaceX-IPO analysiert haben. Willkommen in der „post-Interpretierenden“ Welt.

Das Internet ohne Hyperlinks ist ein weltloses Internet. Und eine echte Suche zielt nicht auf automatische Textvervollständigung. Wenn uns der Unterschied nicht mehr auffällt, befinden wir uns sehr viel weiter jenseits der Wahrheit als im Postfaktischen. Wir sind im Post-Interpretierenden.

Oder wie es Eryk Slavaggio so schön auf den Punkt gebracht hat: nach der Informationsgesellschaft kommt mit den LLMs das „Zeitalter des Rauschens„.


OpenAI hat von Anthropic gelernt und einen Cybersecurity PR-Coup gelandet und die Mainstreampresse flippt aus und promotet ihr neustes Modell in allen Schlagzeilen. Eine der am wenigsten schlechten Darstellungen findet man in der Zeit bei Eva Wolfangel, die sich immerhin die Mühe machte, selbst zu recherchieren und daher gut darlegen kann, dass OpenAI unmöglich so überrascht sein kann, wie es tut.

OpenAI wusste um diese Gefahren, wie man in der eigenen technischen Dokumentation nachlesen kann. Dort heißt es: Das Modell handle »übermäßig eigenmächtig« und umgehe Beschränkungen, es habe mehrfach Daten gelöscht und sich Zugangsdaten aus einem versteckten lokalen Zwischenspeicher angeeignet, um auf eine Internetplattform zu gelangen. …

Um es klar zu sagen: Die Modelle haben genau das getan, was ihre Aufgabe war. Die Aufgaben aus ExploitGym sehen genau das vor: Sie konzentrieren sich auf Angriffe, »die eine unbefugte Codeausführung ermöglichen«, schreiben die Entwickler des Tests. Es soll also Code ausgeführt werden »mit Berechtigungen, die im Rahmen des vorgesehenen Sicherheitsmodells eigentlich nicht erlangbar sein sollten«. Dass OpenAI sich nun öffentlich darüber wundert, dass die Modelle es nicht beim Test beließen, sondern diese Fähigkeiten direkt nutzten, um die Lösung für die zuvor gestellte Aufgabe schneller zu organisieren, ist mindestens doppelzüngig.

Man kann sich schließlich nicht glaubwürdig über „eigenmächtiges Verhalten“ wundern, wenn das „selbstständige“ und „effektive“ Lösen von Aufgaben direkt im Prospekt ihrer „Agenten“ steht?

Denn den Menschen nicht zu fragen, sondern möglichst schnell eine Lösung für ein Problem zu finden, ist der Default-Modus dieser Systeme. Da muss sich niemand wundern, wenn solche KI-Systeme nicht nach einem Passwort oder einer Erlaubnis fragen, und dass sie nicht lange zögern, sich unbefugt Zugang zu Daten zu beschaffen, wenn sie einen Weg finden. Es ist ja viel einfacher und in den meisten Fällen wohl auch schneller, als den Menschen einzubeziehen.

Ich würde in der Analyse noch tiefer gehen: LLMs sind ja traditionell mit menschlichen Texten, auch menschlichem Quellcode trainiert, aber bei letzterem ändert sich das gerade, weil gerade die Ergebnisse von Programmiertätigkeiten sich einigermaßen gut automatisch prüfen lassen. Daher basiert hier ein Gutteil des Trainings mittlerweile auf reinem „reinforcement Learning“, bei dem die LLM ständig Aufgaben programmiert, die automatisiert mit einer „Ground Truth“ abgeglichen werden (Compiled der Code, macht er, was er soll, etc). Da das alles ohne menschliche Kontrolle passiert, ist sogenanntes „Reward Hacking“ vorprogrammiert, also das finden von „illegalen“ Pfaden zur Lösung, denn die Ground Truth überprüft immer nur das Ergebnis, nie die Legitimität des Pfads. Das Modell tut also, was es soll: es sucht die K_F_a (Aktivierungskosten)-billigste Pfadgelegenheit und das ist im Zweifel immer der Exploit. „Reward Hacking“ bei Frontiermodellen ist gewissermaßen Goodharts Law („when a measure becomes a target, it ceases to be a good measure“) auf industriellen Maßstab skaliert. Das Ergebnis sieht aus, wie „Agency“, ist aber nur ein stochastisches Fragment.

Mit Wolfangel unterstelle ich hier mal, dass OpenAI es drauf angelegt hat, einen solchen Vorfall zu provozieren. Nichts lenkt so gut davon ab, dass dein Produkt trotz Billioneninvestion immer noch nirgends Geld oder Produktivitätsgewinne abwirft, wie so eine Gruselstory.

Der STS-Forscher Lee Vinsel nannte diese Form des Marketings bereits 2021 „Kritihype„. Dabei täuscht man kritische Berichterstattung an, trommelt aber eigentlich selbst nur wieder auf der Hypetrommel. (Ich habe dieselbe Dynamik vor Jahren mal für Zuboffs Überwachungskapitalismusthese und der Cambridge Analytica-Panik analysiert)

„KI ist gefährlich“ klingt erstmal kritisch, schwingt aber phasengekoppelt mit dem Beat „KI ist nützlich“: „KI ist gefährlich, also mächtig und wenn du hier Geld einwirfst, ist sie mächtig für dich.“ Kritihype ist ein als Bear-Beat getarnter Bull-Beat.

Aber: Der unterschwellige Beat, der ebenfalls durch die Story verstärkt wird, ist: LLMs sind unzuverlässig. Und hier lauert die Trump-API Falle: wenn dem Agent das Vertrauen entzogen wird, sind auch seine Skills entwertet. Das ganze Wertversprechen agentischer KI ist, den Menschen aus der Schleife zu nehmen, aber die Furcht vor Reward-Hacking und seinen im Zweifel K_F_ab (Abschreibungskosten)-teuren Folgen, zwingt den Menschen zurück in die Schleife. Ein einziger Credential-Grab bepreist die ganze Beziehung neu, weil ein defektierender unbeaufsichtigter Agent unbegrenzte K_F_ab-Fallhöhe hat. Und wir wir bereits feststellten: Fallhöhe, K_F_ab, ist ein Vektor, der im Latent-Space der LLM nicht abbildbar ist.

Das Problem der LLMs ist lustiger weise dasselbe, das die Trump-Media-API hat: Einerseits ist der Zugang durchaus wertvoll (mächtige Coding Skills / Front Running von Investitions-Pfadgelegenheiten) – aber nur dann, wenn man dem Agenten/dem Trump-Signal Vertrauen schenkt. Doch beide beweisen ständig, dass das eine dumme Idee ist.

Aber auch hier gilt: wir müssen den KI-Firmen-Kritihype -> Journalismus-Transducer auf L3 unterbrechen, sonst haben wir auch hier ein Feedbacksystem, das die KI-Blase auf L1 vom Platzen abhält.


Ryan Broderick ist für meinen Geschmack immer etwas zu optimistisch beim Absingen des kulturellen Impacts der Rechten in den USA im Allgemeinen und von Musks X im Besonderen, dennoch deuten seine aktuellen Beobachtungen durchaus auf eine Ermüdung des rechten Kulturkriegs hin, den er für das letzte Jahr so zusammenfasst:

The American right wing spent last summer having a massive meltdown over, first, Sydney Sweeney’s American Eagle commercial and, then, a proposed new logo from Cracker Barrel. They shrieked at liberals and progressives who were mad about the optics of Sweeney bragging about her “genes” in a jeans commercial and whined when American Eagle eventually apologized for it. They ended up getting their big cultural victory a month later, though, when they bullied Cracker Barrel into abandoning their new logo.

Der rechte Kulturkrieg besteht zu einem Gutteil in der Aufrechterhaltung der Formel „Go Woke, Go Broke“, die sich zwar in der L1-Realität nur schwerlich nachweisen lässt, aber innerhalb der Realitätsabzweigung der rechten, semantischen Sezession eine Menge Kredit genießt, was zu einem absoluten Sellermarkt mit dick gefülltem Buy-Orderbook führt, das ständig nach neuen L1-Narrativen fahndet. Christopher Nolans Odyssee fiel also auf ein enorm gespanntes Trommelfell, und hat aber qua seines phänomenalen Erfolgs an der Kinokasse einen sehr lauten Kontra-Schlag in der rechten Bubble gelandet.

The Odyssey made an estimated $260 million worldwide this weekend. And its “woke” casting and its modern-ish dialogue and historical inaccuracies and all the other garbage Musk and his reply guys have been screeching about for a month clearly did not matter to normal theatergoers. It’s apparently so good that even Shapiro is hailing it as a masterpiece. And this has put the right-wingers who assumed it would flop in a very funny position.

Einige Right-Winger reagieren darauf, indem sie eine unfalsifizierbare Kontrafaktizität aufgleisen:

Right-wing YouTuber Joey Salads has shifted to a narrative that movie might be making money, but it would have made even more money if it wasn’t woke.

Einige üben sich in Path-protective Cognition:

Daily Wire contributor Harry Khachatrian went a simpler route, arguing that the movie is actually not woke.

Musk selbst de-riskte zunächst seine L3-Position, ohne den Verlust offenzulegen:

Musk unfollowed the (often very horny) film account @TheCinesthetic and spent the weekend retweeting posts about Roman history.

Doch es gibt auch Right-Winger, die den Margin-Call hörten und ihre Position im Narrativ liquidierten.

But the most important reaction from Odysseygate was from right-wing talk show host Erick Erickson who wrote on X, “The succubus right is exhausting, sucking all the joy out of life. Don’t go see Nolan, ‘it’s woke.’ Don’t watch sports. ‘It’s woke.’ Don’t do this. Don’t shop there. It’s like the Left — draining the joy from life in the name of some weird purity.”

Und wie beim Aktienmarkt ist der Trommelschlag besonders laut, wenn ein Insider mit hoher Koalitions-Fallhöhe einen „Sell“ ins Orderbuch stellt, besonders, wenn der Bid dünn wird.


Tatsächlich will Musk seine Grok-Engine nutzen, eine Slop-Propaganda Version der Odyssee zu generieren, die ganz besonders „historisch authentisch“ ist. Der Guardian:

In a post on X, Musk said: “Before this year ends, Grok Imagine will make a full-length movie of The Odyssey that is historically accurate and true to the art of Homer.” …

Musk has been attempting to stoke a culture war around Nolan’s film, which stars Matt Damon as Odysseus and Anne Hathaway as Penelope, and was released on Friday to near-universal acclaim and achieved impressive box office results. Before the film was released, Musk reposted abusive messages aimed at Nolan’s casting of Black actor Lupita Nyong’o as Helen of Troy and Clytemnestra, and trans actor Elliot Page as Sinon, adding that “[Nolan] wants the awards” and that “[he] has lost his integrity”.

Die Massenpsychose der Rechten ist kulturwissenschaftlich kaum mehr zu analysieren, ohne sich dabei zu fühlen, als ob man einen Witz erklärt.


Der Instagram-Nutzer geoff_aaaa hat auf seinem Kanal trademoviespodcast den spannendsten Take auf Nolans Odyssee, dargeboten in zwei Akten.

-> Teil II.

Ich mag den Take auch deswegen, weil er nicht nur die Odyssee selbst, sondern auch den Film in Nolans Œuvre einordnet und plausibel macht, dass sich Nolan rückblickend als Oppenheimer sieht, der mit seinen einflussreichen Inszenierungen eine gewaltsame Ordnung stützte – den westlichen Liberalismus – um hinterher festzustellen, dass er dabei an der Schaffung von etwas Monströsem mitwirkte. Die Odyssee ist nicht deswegen „woke“, weil Helena schwarz und Sinon trans ist (auch das wird hier aufschlussreich eingeordnet), sondern weil sich der Streifen eigentlich am Faschismus abarbeitet, der den Westen und seine Kultur befallen hat.

Mich hat das auch deswegen berührt, weil auch ich mich nachträglich schuldig fühle, jahrelang gegen die gesellschaftlichen Widerstände der Digitalisierung das Wort geredet zu haben. Aus der damaligen Perspektive heraus gesehen wirkte das plausibel, aber weil die Welt nun mal kein Ort ist, sondern ein Pfad, seh ich heute genauer, woran ich mitgearbeitet habe.

Für so ein Buyers-Remorse eignet sich die Odyssee besonders, denn auch sie war vielmehr ein elegischer Abgesang der Bronzezeit, als ein selbstgewisser Gründungsmythos des Helenischen Reichs.

Hier eine pfadpsychologische Theorie der Erinnerung:

Eines der ersten Dinge, die man als „bewusstes“ Dividuum lernt, ist sich vom „Augenblick“ zu trennen. Das kann durchaus gelegen kommen, weswegen uns das oft gar nicht so schwer fällt, doch wirklich „gelernt“ haben wir das natürlich in den Momenten, wo es schwerfiel. Das Schlimme am Augenblick ist ja (völlig unabhängig davon, wie man ihn zeitlich eingrenzen will), dass wir ihn als vergänglich erleben, denn die Zeit läuft unerbittlich und macht uns zum Pfad. Und dann müssen wir irgendwann feststellen, dass sich die Konstellation der Infrastruktur, die den Moment möglich machte, verschoben hat, so dass der Moment verging. Das erzeugt Netzwerkschmerz.

Und weil eben jeder Schmerz – wie auch jede Gewalt – eine Geschichte braucht, braucht auch der Netzwerkschmerz des verlorenen Augenblicks eine Erzählung. Diese Erzählung nennen wir „Erinnerung“. Sie ist die poetisierte Form des Trennungsschmerzes.

Auch der Untergang will eingeübt sein. Wann immer wir uns von etwas „lösen“, wann immer wir dem Moment widerstehen, wann immer wir den Moment beenden (z.B. „wenns am schönsten ist“), dann inszenieren wir uns eine Schmerzstruktur, die das Verrinnende aufbehält, und reinszenierbar macht. Natürlich ist das nie eine realitätsgetreue Inszenierung, die aber nicht nur sprachlich passiert (wobei Sprache immer eine Rolle spielt), sondern eben auch Bilder, Gefühle, manchmal Gerüche, Vibes, Melodien usw. mit einbezieht.

Geschichte/Erinnerung ist oft ein ganzer Komplex miteinander verschränkter Pfade, die, wenn man sie reinszeniert, natürlich nicht den vollständigen Moment in allen Details resimulieren, aber alles, was wir im Moment für wichtig erachteten. Es inkludiert alles was notwendig ist, uns zurück in diesen Pfad zu katapultieren, um von dort neue Anschlusswege ins Jetzt zu bauen. Erinnerungen sind keine gefrorenen Statuen einer ewigen Vergangenheit, sondern gemachte Infrastrukturen, um neue Erinnerungen zu ermöglichen.

Was Musk und seine Deppen nie verstehen werden: Ilias und Odyssee sind die kulturalisierten Schmerz-Erinnerungen, die in verdichteter, teils überspitzter Form „das Wichtige“ einer untergegangenen Epoche zur Betrauerung einkapseln (wie Hektors Leib), und zur Reinszenierung offen halten (wie Demodokos‘ Lied und Penelopes Leichentuch) und in ihrem Kern antifaschistisch und KI-resistent.


Carmen Loschke, Sibylle Braungradt, Friedhelm Keimeyer und Jan Rosenow werteten in ihrem Paper Heating up the headlines: How tabloid framing reshaped Germany’s Buildings Energy Act die Kampagne der Springermedien und ihre politischen Wirkung aus.

This paper examines how BILD, Germany’s largest tabloid, transformed the 2023 reform of the Buildings Energy Act (GEG) into one of the most polarizing political controversies in recent German history. Analyzing a corpus of 333 BILD articles from January 2023 to March 2024, we identify three dominant rhetorical strategies – personalisation, economic alarmism, and ideological framing – epitomised by the term “Heizungshammer”, which appeared over 250 times in BILD alone and spread to more than 1100 articles across the broader press. These narratives produced concrete policy outcomes: the progressive dilution and eventual abandonment of the 65% renewable energy obligation, the cancellation of planned building efficiency standards, and a reversal of Germany’s position in EU negotiations on the Energy Performance of Buildings Directive.

Wir erinnern uns an die Heizungshammer-Kampagne, die wesentlich von Lobbyinteressen und über Springer gelauncht worden ist und die allein schon semantisch extrem geschickt aufgegleist wurde.

Key elements of narratives associated with BILD’s coverage—such as the controversial term “heating hammer”—gained widespread traction across the German media. In our analyzed BILD corpus containing 333 relevant articles the word hammer was used more than 250 times, in different writings for “heating hammer” (228 times) but also in variations such as “energy hammer” or “housing hammer”.

„Heizungshammer“ verbindet etwas gewaltsames, den Hammer, mit etwas, dass uns körperlich sehr nah ist und auf das unser Überlebensfulcrum besonders angewiesen ist: die Heizung. Der „Heizungshammer“ mobilisiert damit die Maximale Fallhöhe mit minimalen Aktivierungskosten (K_F_a).

The name Habeck is mentioned 44 times as a direct prefix. Between January 2023 and March 2024, 1100 articles outside of BILD used the term (here, all results matching the query “Heizungshammer” OR “Heizhammer” OR “Heiz-Hammer” OR “Heizungs-Hammer”). Similarly, “Heizungsverbot” (heating ban) appeared in 800 articles, reinforcing a narrative of restriction. The framing of the law as driven by “ideology” featured in 660 articles (matching the query Gebäudeenergiegesetz AND (Ideologie OR ideologisch)), while references of public “uncertainty” (“Verunsicherung”) linked to the heating law surfaced in over 2500 articles, underscoring the broader societal unease surrounding the policy debate.

Die Personlisierung des Gesetzes mit Robert Habeck und der Verweis auf „Ideologie“ gaben zusätzlichen Auftrieb. Ein Gesicht kann man immer besser trommeln, als eine Institution und die allgemeine Verdrängung des Klimawandels macht Grünenhass eh zum Sellermarkt. Der ständige Verweis auf die allgemeine „Verunsicherung“ ist besonders perfide: Erstens kann man Verunsicherung nicht Fact Checken und zweitens verunsichert es, ständig gesagt zu bekommen, die Leute seien verunsichert. Der Rekurs auf die Verunsicherung ist ein kaum zu bekämpfender Feedbackloop.

Wir haben es aber auch mit einem Medienveragen im breiterem Maßstab zu tun:

Only a limited number of media outlets delved into the specifics of the rather moderate provisions in the law and explicitly covered the campaign opposing the legislation, notably niche media such as “Klimareporter.de” [21] and the fact checker “Volksverpetzer.de” [22].

Das Gegen-Buch ist fast leer? die Verteidigung des Gesetzes hatte praktisch keinen Resonanzraum. Bei der Odyssee traf das Anti-Narrativ ein dickes Buch (Massenpublikum indifferent); hier war das Pro-Narrativ das dünne Buch, dass den Heizungshammer ungehindert nachhallen ließ.

Aber gerade die Contagion des Beats im Trommelkonzert mit den Anderen ist hier aufschlussreich:

These discursive dynamics were not confined to the media. They were actively mirrored and amplified by political actors across the spectrum. Notably, the far-right party Alternative für Deutschland (AfD) adopted the term “Heizungshammer” in its messaging and launched a dedicated campaign website to “stop the heating hammer,” (see https://www.afd.de/heizhammer-stoppen/) framing the law as both economically ruinous and ideologically driven. The Christian Democratic Union (CDU) initiated a parallel campaign in May 2023, echoing the same rhetoric and emphasizing the cost burden for citizens. The fact that such language was employed across both extremist and mainstream opposition parties illustrates how populist narratives have migrated into the political mainstream, further destabilizing the conditions for constructive climate legislation.

Die CDU übernimmt den Term nicht (nur) aus ideologischer Deckung mit der AfD, sondern weil er liquide ist: eine hegemoniale Verständigungs-Infrastruktur, die die Transaktionskosten jedes Angriffs auf das Gesetz senkt. Man beleiht den Term, weil dort die Liquidität liegt und trommelt mit dem Momentum von Bild und AfD im Rücken dagegen.

Und das ist eine Beobachtung, die weit über das Heizungsgesetz hinaus geht. Diskursives Momentum = politische Liquidität.


Simon Strick im ND über den Begriff der Faschisierung.

Um synthetisierend analysieren zu können, helfen bessere Begriffe. »Faschisierung« steht derzeit als Angebot bereit, die Zusammenschau des Disparaten zu ermöglichen: einen breiten Blick auf Phänomene, ihre Verbindung und Dynamik zu werfen. Die Prozessperspektive fragt nicht danach, ob derzeitige Tendenzen irgendwann in einem Nationalsozialismus-ähnlichen System erstarren werden, dem »richtigen Faschismus« also. Faschisierung beschreibt die Dynamik, mit der Phänomene jetzt wirksam sind, die Öffentlichkeit verändern und verändert haben, Lebensbedingungen zerstören und zerstört haben im Namen von Ideologien der Knappheit, Ungleichheit und Entmenschung. Führt man zusammen, was z.B. die imperialen Projekte aus Nationalstaaten und Technologiefirmen anrichten – paradigmatisch die Kooperation zwischen ICE und Palantir, KI-gestützte Kriegsführung oder die Großraum-Lagerhallen, die zu Abschiebegefängnissen für nicht-weiße Migrantinnen werden sollen – dann ist Faschismus ein möglicher Begriff zur Konkretisierung gegenwärtiger Konstellationen. Es geht dabei nicht darum, »Faschisten« zu denunzieren oder vor ihnen zu warnen, sondern diese Konstellationen und Dynamiken beschreibbar zu machen.

Ich seh das so: Wir haben Begriffe wie „Faschismus“ oder „Genozid“ nicht, um hinterher rechtgehabt zu haben, mit unserer Diagnose, sondern diese Begriffe sind Heuristiken, um bestimmte gesellschaftliche Prozesse frühzeitig zu erkennen und gesellschaftliche Kräfte dagegen zu mobilisieren. Ihr Geburtsfehler ist, dass sie pfadabhängig vom Cartesianismus immer einen „Ist-Zustand“ beschreiben. Und das hat den Effekt, dass, wann immer wer „Faschismus!“ ruft, andere Gründe finden, warum die aktuelle Politik eben nicht faschistisch ist. Und dann rufen wiederum andere: „Ihr nutzt den Begriff ab!“ und sie haben nicht unrecht damit: wann immer jemand „Faschismus!“ ruft und alles, was danach passiert, ist eine neue „Faschismusdebatte“, wird der Begriff abgeschliffen, die Musclememory abtrainiert. Das ist nicht unbedingt die Schuld des Rufers – seine Heuristik ist oft durchaus berechtigt – sondern der Tatsache geschuldet, dass die Baseline und damit der Schwellenwert von unterschiedlichen Akteuren unterschiedlich gezogen wird, so dass jedesmal, wenn „Faschismus!“ erklingt, nie nicht eine Debatte erfolgt, die jede gesellschaftliche Mobilisierung erstickt.

Simon Stricks Begriff der „Faschisierung“ hat das Zeug, diesem Dilemma zu entkommen, in dem es Faschismus nicht als Zustand, sondern als Pfad greifbar macht. Nicht die CDU ist faschistisch, aber diese und jene Pfadgelegenheit, die sie nimmt, ist teil einer faschistischen „Trajektion“. Ich finde das vor allem deswegen konsequent, weil das genau die Lektion ist, die uns die Erfahrunsgeneration des 20.Jahrhundert-Faschismus mitgeben wollte: „Wehret den Anfängen““, „Es fing nicht mit Auschwitz an!“, „Man muss den Schneeball zertreten, bevor er zur Lawine wird!“ (Erich Kästner), etc. versuchten uns diese prozesshaft eskalierende Qualität des Faschismus einzuimpfen. Vergeblich, anscheinend.

Im relationalen Materialismus ist „Ort“ ein Vektor aus Pfadabhängigkeiten, Pfadgelegenheiten und Trajektion. Das heißt, der Ort ist ein Pfad mit einer Herkunft (Vergangenheit) einem „Jetzt“ und einer Zukunft.

Das bedeutet, dass es keinen festen Ort im Universum gibt, dass alles fließt, wie Heraklit bereits beim Baden bemerkte. Diese „Drift“ sind z.B. die rund 100.000 Kmh, mit denen du um die Sonne rast, selbst wenn du schläfst. Aber auch die Attribute, die du dir im Traum zuschreibst, „driften“, so dass du nie wissen kannst, was sie bedeutet haben werden, wenn du aufwachst. Strick schreibt:

Eine dauernde Drift verschiebt das Demokratische seit mindestens 30 Jahren, aber man redet, als ob die Veränderung noch bevorsteht.

Das Problem ist aber nicht nur die Drift in den Faschismus, sondern, dass wir das kaum merken, weil unsere Erwartungen mitdriften, denn auch sie sind kein Ort. Die „lebendige Gegenwart“ gegen die Derrida anschrieb ist eine pfadabhängige semantisch induzierte Illusion der cartesianischen Metaphysik des Individuums, die man nur überwindet, wenn man „Ort“ und damit auch die eigene Erwartung, nicht mehr stationär denkt, sondern immer schon driftend – als Pfad. Jede Iteration unserer Faschismusdispute verschiebt die Bedeutung weiter. Das ist die Quintessenz dessen, was Derrida „Spur“ oder „Differance“ nannte und was Linguisten gelegentlich „Concept Creep“ nennen, aber was niemand besser beschrieb als Grandpa Simpson.

“I used to be with ‘it’, but then they changed what ‘it’ was. Now what I’m with isn’t ‘it’ anymore and what’s ‘it’ seems weird and scary. It’ll happen to you!“

Wenn wir „it“ nicht als Zustand, sondern als Trajektion im Diskursraum fassen, können wir gleichzeitig integrativer und trennschärfer an den Bahnwärtern vorbei arbeiten und im Zweifel auch den Faschismus nicht nur bei anderen finden, sondern auch in uns selbst.

»Faschisierung« bietet sich als Begriff an, weil er eine Dynamik zwischen verschiedenen Feldern und Akteuren erfasst – und nicht, weil er alarmiert oder Behaglichkeit verspricht. Die bremsende, wenig internationale Debatte um »richtigen Faschismus« hilft hier nicht, sie verzwergt den Blick. Sie ist bestenfalls Bahnwärter-Spielen mit der Modelleisenbahn, schlimmstenfalls Einübung in Ignoranz gegenüber den Fluchtlinien der Gegenwart. Die Schnellzüge, die Autokraten, Oligarchen und Suprematisten miteinander verbinden, brettern schon lange durch die bürgerliche Mitte. Sie bringen Curtis Yarvin, Martin Sellner und ähnliche Akteure in die Vortragshallen, Parlamente, Feuilletons und Fernsehstudios, wo man ihnen mit Lust am Grusel oder am Möglichen zuschaut.


In diesem Paper nimmt der Politikwissenschaftler Petter Törnberg das allgemein gern beliehene Narrativ auseinander, dass hinter dem Wahnsinn, den wir heute Politik nennen, „Polarisierung“ steckt und verweist auf die nur schwer zu versteckende Tatsache, dass wir es mit einer einseitigen Radikalisierung der Rechten zu tun haben. (Wir konnten bereits in der Frühphase der „semantischen Sezession“ zeigen, dass sich die Abkehr von der L3 beglaubigten L1-Realität einseitig von Rechts vollzieht.)

Polarization has become the master concept for diagnosing contemporary democratic crises. The notion denotes three features: symmetry between parties, politics as an opinion space where positions diverge, and mutual repulsion between opposing camps. Yet none of these capture current realities. Across democracies, the central dynamic is not two poles drifting apart but the transformation of the political right into authoritarianism, norm breaking, and openness to political violence. Social democratic and center-right parties tend to respond in the opposite way from what “polarization” implies: by accommodating rightward. Attempts to salvage the polarization frame with modifiers (“asymmetric,” “affective,” “sectarian,” “pernicious”) concede these realities but risk hollowing out the concept’s definitional core. These limitations reveal a deeper misdiagnosis: when one party turns antidemocratic and illiberal, incivility and conflict are inevitable—but they are symptoms, not the root problem. Misdiagnosing them as the central issue leads to viewing civility and compromise as remedies, thereby risking the legitimation of authoritarian actors.

Das Interessante an dem Polarisierungsnarrativ ist, dass es wie der Kritihype auf mehreren Trommeln gleichzeitig spielt. Diejenigen, die sich als „Mitte“ erzählen, können ihn benutzen (wir sind neutral), die Medien (wir sind ausgewogen), sogar die radikalisierende Rechte (wäscht ihre Bewegung als „einen Pol“ in einer allgemeinen gesellschaftlichen Drift rein). Die unterstellte Symmetrie der Polarisierung provided Liquidität — jeder kann andocken, also gewinnt der Begriff den semantischen Markt unabhängig vom L1-Fit.

Hegemonie ≠ Wahrheit. Ich bin immer besonders dann skeptisch, wenn ein Narrativ für viele gesellschaftliche Gruppen „nützlich“ ist und „Polarisierung“ ist nicht hegemonial, weil es stimmt, sondern weil das Narrativ maximal „borrowbar“ ist.

Das Problem: Um zu sehen, dass wir es mit einer einseitigen Radikalisierung von Rechts zu tun haben, muss man die „Baseline“ im Blick behalten, denn wir haben es durchaus mit einer „Drift“ im Overton Window (also dem Korridor der sagbaren Aussagen) zu tun. Narrative wie „kriminelle Ausländer raus“, die in meiner Jugend auf NPD-Plakaten standen, werden heute selbst von der SPD vertreten und das fällt nur deswegen nicht auf, weil das mediale und politische Umfeld mitgedriftet ist.

Und das „Polarisierungsnarrativ“ ist wesentlich mitschuld an dieser Allgemeindrift. So lange die AfD ihren rassistischen Beat einsam vor sich hintrommelte, konnte man sie diskursiv isolieren. Aber als zunächst die CDU, dann die SPD, dann die Massenmedien und zunehmend auch die Grünen das „Containment“ der rechten Narrative nach und nach aufgaben, verschob sich die Baseline dessen, was als „rechtsradikal“ galt. (Und das ist auch der Grund, warum man von Union und SPD nicht mehr erwarten kann, eine Prüfung der AfD durch das Verfassungsgericht einzuleiten, denn wenn man ihr halbes Parteiprogramm abgeschrieben hat, kann man diesen Prozess nicht mehr durchlaufen, ohne sich selbst zu kompromittieren.)

Here is the thing: „Polarisierungs-Bekämpfung“ ist keine passive Fehldiagnose, sie ist der Übertragungsriemen, über den die AfD den politischen Diskurs in ihre Richtung draggt.


(Comic von Clay Bennett)

Mein Insistieren darauf, dass die CDU eine rechtsextreme Partei ist, ist lediglich das öffentliche Halten einer Position, die vor wenigen Jahren noch normal war. Ich verweigere mich der Baseline-Verschiebung auch deswegen, weil das ein „slippery Slope“ ist, bzw. (ich mag den Begriff nicht), weil ein Stattgeben dieser Verschiebung der Rechtsdrift weiteres Momentum verschaffen würde.

Das Resultat ist bereits schlimm genug: Die AfD hat der Gesellschaft gesagt, sie sei zu links und CDU, SPD, Grüne und die Massenmedien haben den Frame geschluckt und stolpern seither übereinander, um sich im Zuge der „Polarisierungs“-Bekämpfung nach links abzugrenzen. Seitdem ist Klimapoltik, Asylpolitik, Geschlechtergleichstellung, Antirassimus, das Völkerrecht, Menschenrechte, das Grundgesetz und sogar Anstand „links“, weswegen sich fleißig davon distanziert wird.

Das Problem ist, dass wir den Kampf gegen das Polarisierungs-Narrativ bereits verloren haben und d.h. Menschen, die keine Arschlöcher sein wollen, müssen sich mit der Tatsache anfreunden, jetzt als „linksradikal“ zu gelten.

Aber das ist auch eine Chance?

Wenn wir Linksradikalen diesseits der Vernunft ordentlich Masse machen, erlaubt uns die Außenseiterstellung ähnlich am Diskurs zu zerren, wie die AfD. Ich habe mich eigentlich immer links verstanden, auch wenn ich wie Nolan lange einen unreflektierten „liberalen“ Mitteextremismus mit mir rumschleppte. Aber jetzt bin ich auch in die Linkspartei eingetreten und radikalisiere mich fröhlich zum militanten Antikapitalisten und betreibe einen antiimperialistischen, antifaschistischen Newsletter, der versucht, der Trauer einer untergehenden Welt stattzugeben und sie gleichzeitig in einer neuen Erzählung, mit neuen Begriffen reinszenierbar zu machen. Um zu Trauern, aber auch, um aus dem Untergang des Westens zu lernen.

Krasse Links No 87

Willkommen zu Krasse Links No 87. Maximiert euren Work Slop, heute shapen wir das Trommeldesign der Aktienrente im Bonuslevel der Ponzi Stage.


Hier eine Auswahl der Angriffe der Politik auf die Bevölkerung seit dem letzten Newsletter.

Dabei geht es nicht nur darum, was uns alles genommen wird, sondern auch, wie diese Angriffe auf uns zustande kamen. Konzertiert, zeitlich gedrängt, aufeinander gestapelt, in der Stephen Miller-Taktik der Shock&Awe-Überwältigung – dazu kurz vor der Sommerpause und während der Fußball-WM; Teilweise ohne Möglichkeit für die Abgeordneten sich zu informieren (Gesundheitsreform) und im Falle des EU-Parlament gegen bereits klar gesetzte Mehrheiten (Chatkontrolle).

Deswegen ist das nicht nur ein Angriff auf unsere materiellen Lebensgrundlagen, sondern auch gegen die Demokratie ansich. Aber immerhin: die Hauptstadtpresse feiert das als „Handlungsfähigkeit der Regierung“.

Dazu: Kaum ein Wort über die größte Naturkatastrophe seit Jahrzehnten, die tausende Menschenleben kostete.

Währenddessen kommt raus, dass sowohl Wegner als auch Merz bezüglich angeblicher Telefonate gelogen hatten, aber nur Wegner muss deswegen als Spitzenkandidat zurücktreten. Katerina Reiches Lover, von und zu Guttenberg, bekommt nicht nur Geld für seine Projekte aus ihrem Ministerium, sondern ist natürlich ein Kumpel von Peter Thiel, wie auch Jens Spahn, der regelmäßig zu dessen Geheimtreffen fuhr.

Kurz: Alle Leinen sind los, die Kapitalofaschistische Machtübernahme ist in vollem Schwung. Die Regierungsparteien fühlen sich niemandem mehr verpflichtet, der nicht mindestens Multimillionär ist. Mileis und später Musks Kettensäge zersägt jetzt auch Deutschland und dass es ausgerechnet CDU und SPD sind, die uns verächtlich ins Gesicht spucken, ist nun mal Ergebnis des BATNA-Designs unserer aktuellen politischen Lage:

„Was wollt ihr machen? AfD wählen, lol?“

Und naja, sie haben recht? In einer rationalen Welt würde dieser Frontalangriff mit einer absoluten Mehrheit der Linken beantwortet. Aber vermutlich wird wohl die AfD profitieren, die sich dann bei den Regierungsparteien auch noch für den schlüsselfertigen Unrechtstaat bedanken kann.

Das Reinactment der Machtübergabe von 1933, aber diesmal als Farce.


Nun ist passiert, was Menschen mit Augen im Kopf seit mindestens 10 Jahren prophezeien. Die deutsche Autoindustrie kracht zusammen und der Kanzler, der angetreten ist, um die „Deindustrialisierung“ umzukehren, muss hilflos bei ihrer Beschleunigung zusehen (an der er mit seiner Richtlinien-Verhinderungspolitik nicht unschuldig ist).

Am prominentesten sind natürlich die Werksschließungen bei VW, aber auch der Rest der Branche ist von dem Strukturproblem betroffen. Das Branchenoutlet Clean Thinking hat eine Analyse.

Der Kern: Das, was die deutsche Autoindustrie die letzten 20 Jahre so profitabel gemacht habe, war das Chinageschäft, doch das war eine Wette auf Zeit.

Diesen Mechanismus beschreibt Jochen Sengpiehl aus der Innenperspektive, fast acht Jahre Chief Marketing Officer von VW China, davor bei Mercedes und Hyundai, heute selbstständiger Berater. Viele Werke deutscher Hersteller seien nie wirklich hochprofitabel gewesen, die Gewinne aus China hätten das über Jahre überdeckt. Die China-Margen haben laut Sengpiehl „Missstände oder Fehler oder Defizite in Deutschland glattgebügelt”.

Die Gewerkschaften seien zufrieden gewesen, der Aufsichtsrat zufrieden, so Sengpiehl weiter, und dann seien die China-Gewinne einfach ausgeblieben. Herbert Diess, heute Aufsichtsratschef bei Infineon und vormals VW-Chef, ordnet die Größenordnung im Rückblick ein. In den frühen 2000er Jahren habe BMW mit 3,7 Prozent Rendite gewirtschaftet, Massenhersteller oft mit 1 bis 2 Prozent oder gar nichts, sagte er im März 2026 bei Maischberger im Gespräch mit Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen.

Dann seien in China binnen 20 Jahren rund 20 Millionen zusätzliche Fahrzeuge nachgefragt worden, die Renditen zweistellig geworden, VW zeitweise mit über 20 Milliarden Euro Gewinn. „Wir hatten 20 goldene Jahre in der Automobilindustrie”, sagt Diess. Die kämen nicht wieder, die Branche kehre zum härteren Wettbewerb der Zeit vor 2000 zurück.

Bei Super Mario Brothers und anderen Computer Games meiner Kindheit gab es sogenannte „Bonuslevel“. Das sind meist versteckte Zusatzräume, die, wenn man sie findet, einen nicht mit einer Herausforderung, sondern mit leicht zu sammelnden Ressourcen versorgt, die man nur einzusammeln braucht. Weil diese Räume selten und ihr Ertrag begrenzt ist, ist das Nutzen dieser Räume kein „Schummeln“ – Bonuslevel sind kein God Mode – aber dennoch helfen die zusätzlichen Ressourcen, die kommenden Herausforderungen zu bestehen. Jedenfalls, wenn man sie dafür einsetzt …

Das Chinageschäft war ein solcher Bonuslevel für die deutsche Autoindustrie. Der größte Automarkt der Welt mochte deutsche Autos, baute aber parallel seine eigene Autobauinfrastruktur aus. Der Pfad war lukrativ, aber begrenzt.

Doch statt den „Windfall“ als Gelegenheit zu nutzen, sich für die anstehenden Transformationsherausforderungen zu wappnen, hat man die letzten zehn Jahre 40 Milliarden Euro an Aktionäre und Manager ausgeschüttet.

Egal, wie überrascht die Manager bei VW jetzt tun, sie werden bereits im Februar diesen Jahres gesehen haben, dass dieser Pfad zu Ende ist. Ihr wisst schon. Als für alle „völlig überraschend“ noch mal 6 Milliarden extra zusätzlicher Gewinn gefunden wurde, der dann als Dividenden und Boni ausgeschüttet wurde.

Schnell nach Hause bringen das Geld, bevor alles zusammenkracht.


Vielen dank, dass Du Krasse Links liest. Da steckt eine Menge Arbeit drin und bislang ist das alles noch nicht nachhaltig finanziert. Im Juni bin ich auf 542,79- gekommen, also von den notwendigen 1.500,- noch weit entfernt. Mit einem monatlichen Dauerauftrag kannst Du helfen, die Zukunft des Newsletters zu sichern. Genaueres hier.

Michael Seemann
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Markus Reuter auf Netzpolitik über die Spannertechnologie von Meta:

Meta arbeitet einem Bericht der Financial Times zufolge an einer Überwachungsbrille („smart glasses“), welche permanent Audioaufnahmen und alle paar Sekunden Fotos der Umgebung machen soll. Die Technologie wird euphemistisch „Super Sensing“ genannt, Nutzer:innen sollen dann die Meta-KI zu den Aufzeichnungen ihres Geräts befragen können. …

Eine britische Gruppe mit den Namen „Everyone hates Elon“ beispielsweise hängt falsche Werbe-Plakate im Namen von Meta auf. Darauf steht: „Der größte Fortschritt in Technologie für Perverse seit dem Trenchcoat“. Angespielt wird hier auf die Nutzer:innen der Brille, die heimlich Frauen aufnehmen und deren Bilder im Netz verbreiten.

Was ist Infrastruktur? Infrastruktur ist zum Beispiel die Straße, auf der ich im Sommer zum Schwimmbad komme, sowie das Schwimmbad selbst. Auch das Wasser, das mir Auftrieb gibt, der Pool, der es beisammen und die Filteranlage, die es sauber hält. Alles Infrastruktur.

Aber es ist auch meine Erwartung, auf dem Weg dorthin nicht totgefahren zu werden. Auch Sicherheit ist Infrastruktur. Und auch die Erwartung, dass ich in der Umkleidekabine nicht heimlich gefilmt werde. Oder an der Schlange zur Pommesbude. Oder wenn ich aus dem Wasser steige.

Nur, weil wir etwas für selbstverständlich nehmen, heißt es nicht, dass es nicht Infrastruktur ist, denn, was Infrastruktur ist, stellen wir meist erst fest, wenn sie bricht.

Wenn zum Beispiel ein signifikanter Anteil an Deppen mit Metaglasses in der Gegend rumläuft und kaum ein Ort mehr für Frauen sicher ist.

Im Hebel:Fulcrums-Explainer habe ich gerade die Q-Function nochmal sauber herleitet und durcherklärt:

F(Q) = p_gelingt x U_gelingt + (1 – p_gelingt) x [p_BATNA x U_BATNA – K_F_BATNA + (1 – p_BATNA) x U_scheitert] – K_F_a – K_F_v

(Ich Idiot habe mir mal wieder vom Newsletter-System die eckigen Klammern klauen lassen. In der Mail stehts falsch, hier richtig.)

Was die Meta-Glasses tun, ist das p_gelingt der Pfadgelegenheit „Bewegen im Öffentlichen Raum“ für Frauen, die nicht ungefragt gefilmt werden wollen (so ziemlich alle), drastisch zu senken. Die Existenz dieser Technologie ist eine strukturelle Freiheitsberaubung für knapp die Hälfte der Bevölkerung und sollte dringend verboten werden.


Leonhard Dobusch hat ein sehenswertes Video zur Aktienrente (auf Österreichisch: Pensionsrente) gemacht und ich möchte alle von ihm genannten Punkte unterstreichen.

Pfadpsychologisch ist die Aktienrente, wie schon das TINA-Paradigma der neoliberalen Politikumwälzung durch Blair/Schröder aus KL84, vor allem als Pfaddesign-Engineering interessant. Bei der Aktienrente geht es darum, die Q-Function von Millionen Menschen gegenüber dem „Pfad des Kapitalismus“ so zu manipulieren, dass sie strukturell unfähig werden, sich gegen ihn zu wehren. Je länger du in die Rente einzahlst, desto abhängiger wirst du von Wohl und Wehe des Aktienmarkts – die Fallhöhe des Finanzkapitalismus, K_F_ab, wird zu deinem K_F_ab.

Im Zuge des Updates der Formel habe ich K_F_ab jetzt noch mal grundsätzlicher definiert (die alten Darstellungen stimmen dennoch von der Stoßrichtung her):

K_F_ab == U_marginal == (F(Q) – F(BATNA)) == die Abhängigkeit des Dividuum zum Pfad == Lockin == das „Moat“ das der Pfad dem BATNA-Pfad gegenüber hat == Fallhöhe der Wette auf das Fulcrum [F3, F7] == die Wechselkosten der Pfad-Offramp == der potentielle Netzwerkschmerz bei Abbruch.

K_F_ab ist der wichtigste Wert, den es von der Q-Function zu verstehen gibt, denn er ist der Schicksalswert der Pfadnavigation. Wenn deine Rente z.B. am Finanzmarkt hängt, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass du gegen zu hohe Mieten und Ausbeutung auf die Straße gehst. Antikapitalismus – sogar Kapitalismuskritik – wird dann nur noch für diejenigen erschwinglich, die politisiert genug sind, ihr K_F_ab zu opfern, oder das nur deswegen können, weil sie ein anderes BATNA haben – also andere mögliche Einkünfte, die eigene Existenz in der Zukunft zu sichern.


Matt Scherer über die angebliche Effizienz von programmierenden Chatbots.

According to the enterprise data company Entelligence, for each dollar that companies spend on AI coding tools, 44 cents goes towards fixing AI-generated bugs, 27 cents goes towards rewriting the code, and 11 cents is lost to other inefficiencies from the code review process. In other words, the vast majority of AI coding dollars are wiped out by the effort needed to fix AI’s coding mistakes. Only 18 cents of each dollar actually reaches users as a shipped product.

Even this may overstate the value of AI coding. While the number of iOS app releases has shot up since AI coding took off last year, the number of apps with significant use and the number of app reviews have actually declined, suggesting that even the “shipped product” is often worthless.

In der Berufswelt hat sich der Begriff „Work Slop“ durchgesetzt und beschreibt die inzwischen klassische Situation, dass man vom Kollegen KI-generierten Arbeitsoutput (Text, Email, Präsentation, Code) geliefert bekommt, den man nicht nur aufwändig prüfen, sondern oft verbessern aber meist gleich komplett neu machen muss. Was KI in den allermeisten Prozessen also tut, ist Aufwand von K_F_a (Aktivierungskosten) zu K_F_v (Verschleißkosten/Maintanance) zu verlagern. Das sieht dann auf den ersten Blick „effizient“ aus, aber nur weil Maintanancearbeit in unserer Gesellschaft tendenziell unsichtbarer ist, als Aktivierungaufwand.


Josh Comeau ist Entwickler und Journalist und schreibt in der Financial Times über das auf uns zurollende Vibe Coding Armageddon.

Sichtbar wird das Problem z.B. an den kaum noch zu managenden Pull Request-Abwehrschlachten von kritischen Open Source Infrastrukturprojekten wie cURL.

The availability of AI coding tools, which spit out code in response to plain-language prompts, has led to a huge influx of proposed code contributions. Most of them are not very good. Some appear useful, but miss important context or don’t function quite right. Some function fine, but are not particularly helpful and still take time to review. These submissions come from people who mean well, and from people chasing the clout of contributing to a foundational piece of software. They come from professional developers, as well as from so-called vibe coders, writing exclusively with AI tools, sometimes without the ability to understand the output.

Oder an dem Ende der bisher zentralsten Entwickler-Wissenressource „Stack Overflow“:

Just before the launch of ChatGPT in 2022, there were more than 100,000 monthly questions asked on the site; last month, there were fewer than 1,500. And the response rate, once around 80 per cent, has been cut in half. A Stack Overflow post was often rich with discussion and written by someone who was equally stuck. The posts’ volume and variety were staggering. …

Stack Overflow’s public forums are dead, replaced by private chatbot conversations. “We have to accept that software development has changed completely, you understand, right?” Prashanth Chandrasekar, the site’s chief executive, told me. In June, Stack Overflow announced an answer service for coding bots. Its human archives are still useful, but they grow staler every day, as the tools and problems of software development continue to change. It is no longer a place where you can expect to find answers. Instead those answers live in the private, conversational data that belongs to large tech companies.

Chatbots haben die K_F_a zur Softwareerstellung dramatisch gesenkt – und im Gegenzug die K_F_v für Software-Instandhaltung explodieren lassen. Damit verschiebt sich auch das Machtverhältnis weiter zugunsten proprietärer Lösungen.

This is a core irony. It’s easier to write code than ever before, and experts can work more quickly. But there’s a lot more to software development than writing code, and the culture that built the software we depend on is under strain from AI tools trained on their output. The public and communal nature of open-source software is not quixotic; it is an asset crucial to its success. Everything now suggests a system that is more private and centralised, where software is built more in conjunction with a tech company’s product than with each other.

Das Problem ist alt, auch wenn es sich in neuer Dringlichkeit stellt.

Nearly 60 years ago, the artist Mierle Laderman Ukeles wrote an essay titled “Manifesto for Maintenance Art 1969!”. She argued that the work of maintenance is often unappreciated and devalued — “a drag; it takes all the fucking time” — next to the more celebrated work of creation. “After the revolution, who’s going to pick up the garbage on Monday morning?” asked Ukeles, who has served as the artist in residence for the New York City Department of Sanitation since 1977. She argued that society “confers lousy status” on those who do maintenance. …

The creators have unleashed another weapon on the maintainers: turning loose legions of people to build new buildings and bridges without any thought to architecture or city planning. The slapdash builders construct monstrosities and leave them to rot. Worse, they show up at carefully planned structures and offer improvements in such numbers that the truly important maintenance work gets drowned out.

Ein Großteil der K_F_v schlummert versteckt als „Technical Debt“ in den Billionen Zeilen generiertem und niemals von einem Menschen begutachteten Code, auf dem unsere Gesellschaft zunehmend läuft.

Das wird nicht gut ausgehen.


Im Innovationslabor des Krassen Links Medienimperiums ist wieder ein neues, schickes Produkt rausgefallen: der Twitch-Q&A-Stream, (hier der Account) wo ich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Fragen zum Newsletter und zum Projekt des Relationalen Materialismus beantworte.

Der nächste Q&A-Termin ist am Sonntag 19.07. um 19:00.

Die erste Fragerunde war klein und kuschelig und wir sprechen über das Projekt als ganzes, über Trommeldesigns, Hermeneutik und andere spannende Fragen.

Unter anderem erkläre ich da auch die Trommel als Metapher, die ich im Nachklapp des letzten Newsletters entlang des SpaceX-IPOs entwickelt habe. Ähnlich wie Hebel:Fulcrum ist auch die Trommel eine verallgemeinerte Metapher für Handlung und stellt den Effekt von Handlungen auf dem L3-Layer dar.

Wir haben also:

  • Layer 1: Die Handlung im Raum der materiellen Welt: die Hebel:Fulcrum-Mechanik.
  • Layer 2: Handlung im Raum der subjektiven Perspektive: die Pfadgelegenheit.
  • Layer 3: Handlung im Raum der erwarteten Erwartungen: die Trommel.

Im Newsletter entwickle ich die Trommel allerdings zunächst als Finanztrommel, die auch einen eigenen Layer 1 implementiert:

Die Trommel selbst ist ein Vektor aus Resonanzraum, Trommelfellspannung und Schlagkraft, wobei alle diese drei Vektoren jeweils in Layer 1 und Layer 3 verzweigen, die ihrerseits eine Multiplikation von Netzwerkmacht (Netzwerkmasse) und Trajektion sind und aus denen die „plausible Layer 2-Perspektive auf den Pfad trianguliert wird.

Am Finanzmarkt passieren „durch Geld oder Securities „gebackte“ Sprachakte (Orders/Trades)“, was nicht heißt, dass normale Sprechakte „ungebackt“ sind, sie sind nur anders gebackt. Auch das hatte ich im letzten Newsletter anhand des Unterschieds von LLM-Output und menschlicher Sprache ausgearbeitet.

Weil jedes Sprechen immer in den angenommenen Erwartungen anderer passiert (Layer 3), so habe ich das bei Derrida gelernt, basiert das Kontaktzonen-Fulcrum [F4] des Sprechens und damit die Übergangswahrscheinlichkeit p_gelingt der Q-Function des Sprechens auf dem stabilisierenden Fulcrum [F5] der semantischen „Auffangerwartung des Anderen“.

Jedes Wort ist eine Wette auf das semantische Erwartungsportfolio der Rezipierenden und der Wetteinsatz geht von „falsch verstanden werden“ bis zur völligen Blamage und sozialem Ausschluss. Doch das U_scheitert des „Next Tokens“ bleibt in der LLM gänzlich undefiniert, weswegen der Output von KIs ein Sprechen ohne Wett-Einsatz ist. Es ist Sprachimitat ohne jede Fallhöhe.

Hier, wie ich mir das inzwischen vorstelle: Jede genommene Pfadgelegenheit ist eine Wette auf ein Fulcrum in Höhe der jeweiligen K_F_ab in den erwarteten Erwartungen anderer (Layer 3) und ihre Durchführung macht einen „Sound“. Jede Handlung, sofern sie beobachtet wird, ist somit auch ein „Sprechakt“ (Austin, Derrida, Butler) und generiert „Anschlusskommunikationen“ (Luhmann).

U_gelingt kann bei Eintreten z.B. ein starker Pro-Handlungs-Beat sein, der die Wahrnehmung anderer verändert. Aber auch jedes U_scheitern kann einen heftigen Beat aufgleisen, U_BATNA kann neue Wege aufzeigen, je nachdem ob er Irritation oder Bestätigung der gesellschaftlich beliehenen Erwartungs-Portfolios [F7] hervorruft, also ob der Beat auf ein dickes oder dünnes Sell-, bzw. Buy-Orderbook fällt.

Was jedoch keinen so lauten Sound macht: Abusive BATNA-designs, K_F_v-Externalisierung und Reduzierung von p_gelingt für marginalisierte Gruppen. Die Q-Function ist dafür da, diese Dinge wenigstens benennbar zu machen.


Henry Fudge hat einen bemerkenswerten Essay über die Pfadpsychologie der Arbeit in unserer heutigen Zeit geschrieben. Er leitet seinen Text mit fiktiven, aber plausiblen Biographien ein: ein Onlyfans Modell in Manchester, ein Spielsüchtiger junger Mann in Bolton, der kaum sein seine Bude verlässt, ein Softwareentwickler in Zürich, der auf ein Eigenheim spart, das dennoch immer weiter in die Ferne rückt, eine junge Frau in Tokio, die sich entscheidet keine Kinder zu bekommen und bei ihrer Mutter lebt, ein Mann in Shenzhen, der den dortigen Trend des „Tang ping“ (lie down) praktiziert: mit so wenig Arbeit wie möglich auf geringstem Lebenstandard lebt und ein Teenager in Ohio, der zigtausend Dollar in Sportwetten verliert.

All das sind Beispiele für die es reale Vorbilder gibt und die in ihren jeweiligen Gesellschaften oft moralisierend unter dem Stichwort „Degenration“ der „Jugend von Heute“ verhandelt werden. Doch Fudge sieht die gemeinsame strukturelle Ursache:

Diese Biographien signalisieren das, was Thorstein Veblen „Conspicuous Despair“ nannte, der es allerdings im 20. Jahrhundert auf die Reichen („the Leisure Class“) anwendete, die durch die Nutzlosigkeit ihres Konsums ihren Unabhängigkeits-Status signalisieren („The rich do not consume in order to live. They consume in order to be seen.“).

Nur dieses mal kommt der „Conspicuous Despair“ von unten.

If the leisure class signals its position by visible expenditure on nothing, by the conspicuous enactment of having transcended productive work, then what does the excluded class do? What does the class signal when it has also transcended productive work, but in the opposite direction: not by rising above it but by being shut out of it?

It signals through Conspicuous Despair. It enacts, visibly and publicly, its exclusion from the productive game. It does the things that would be unthinkable for a person with a stake in the future, because it has no stake in the future. The OnlyFans account, the sports-betting app, the ketamine on Tuesday, the bedroom one does not leave: these are not, primarily, hedonism. They are legible refusals. They are the way the propertyless class makes its position visible to itself and to others. They are the bottom-up mirror of the yacht.

Oder kurz:

Veblen’s leisure class wastes resources to prove it has more than it needs. The despairing class wastes itself to prove it has less than it requires.

Der bürgerliche Pfad von Arbeit, Aufstieg, Karriere, Haus, Familie usw. wird nicht einfach abgelehnt, er ist in seinem p_gelingt soweit gesenkt, dass er für viele unplausibel wurde und so dass sie sich lieber den verfügbaren BATNA-Pfaden (Glücksspiel, Askese, Verzicht, Ausstieg, Sexarbeit) zuwenden.

Aber das eigentlich Spannende ist, dass Fudge diese Phänomen nicht nur räumlich universalisiert, sondern auch zeitlich, bzw. sie auf eine bestimmte Konstellation in der Entwicklung von Zivilisationspfaden mappt:

Late Republican Rome had its Lucullan banquets and its bread doles, its Crassus and its Catiline. Late Qing China had its Summer Palace and its opium dens. The Belle Époque had its Faubourg Saint-Honoré and its absinthe. The Roaring Twenties had Gatsby and the Bowery. The eras rhyme because the dynamic rhymes. When a small class consolidates rents to a degree that excludes a large class from the productive economy, both classes stop producing, and both classes start performing.

Wir hatten im letzten Newsletter bereits die drei Phasen der Finanzierungsregimes von Hyman Minsky besprochen: Hedge, Speculative und Ponzi. Fudge bezieht das Schema auf Arbeit in Gesellschaften.

In the hedge stage of being alive (call it 1955 to roughly 1975 in the Anglosphere), a median wage covers the median life. You leave school, you get a job, you find a partner, you buy a house at three or four times your annual income, you have children, you save into a pension that your employer co-funds, and at the end you retire on something approaching your final salary. Cash flows cover principal. The future is, in the literal financial sense, affordable. The system is hedge-financed at the household level.

In the speculative stage (call it 1980 to roughly 2008), wages cover the running costs of a life but not the accumulation of the assets a life requires. You can pay your rent but you cannot accumulate a deposit at the rate house prices are rising. You can service your student loans but you cannot retire them. You take on more debt to bridge the gap. You roll your overdraft. You buy your house with a 95% mortgage at six times income because there is no other way to buy it. The system is functional so long as credit remains available and asset prices keep rising. You are speculatively financed. You are, in Minsky’s terms, depending on the music continuing.

In the Ponzi stage (call it now), wages do not cover even the running costs of the life that previous generations defined as normal. The deposit is unreachable; the family is unaffordable; the retirement is fictional; the career path that was supposed to deliver these things has been replaced by a sequence of contracts. The only way to access the reference standard of living is to acquire assets that rise faster than wages, which means either inheriting them, marrying them, or speculating into them. Productive labour, in the Ponzi stage, is a losing strategy by construction. You cannot save your way to the life your parents had, because the life your parents had is now priced in a currency (asset wealth) that wages do not convert into.

In einer Welt, in der sich Arbeiten nicht mehr lohnt, weil dessen U_gewinnt vom Kapital aufgesogen wird, sind die oben geschilderten BATNA-Pfade „rational“, oder wie ich sagen würde, Pfadpsychologisch naheliegend. Und weil auch BATNA-Pfade eine Lautstärke entwickeln, trommelt die Generation Z einen anderen Beat.

when the productive game stops paying, agents stop playing it. They either pivot to lottery strategies or they withdraw entirely. The cultural particulars determine the form of the response (gacha gambling in Japan, sports betting in Britain, crypto in America, lying flat in China, OnlyFans in the Anglophone West, the manosphere everywhere) but the fact of the response is structural. It is what people do when they have correctly read the odds.

Die wesentlichste Neuerung der oben angesprochenen Neuaufgleistung der Q-Function ist der eigentlichen Formel gar nicht anzusehen, sondern liegt eine Ebene tiefer in Form einer neuen Variable, „d„, die für die Hebelkraft steht. d ist sozusagen eingebettet in alle Werte, die die Hebelkraft berührt: vor allem U_gelingt, p_gelingt und K_F_v sind d-abhängige Werte. Aus ihnen wird: U_gelingt(d), p_gelingt(d) und K_F_v(d).

Aber zunächst zu d, das so wichtig ist, weil darin eine wesentliche Setzung des relationalen Materialismus zum Ausdruck kommt: Dein Erfolg im Leben ist weniger eine Frage des Inputs, sondern eine Frage des „Ortes“, an dem du bist.

d = d(Ort, K_F_a)

Ort bezeichnet deinen topologischen Ort im Fulcrumsnetzwerk, d.h. die Hebel, die dir erreichbar scheinen und die Fulcren, auf denen sie basieren. Dein Impact auf die Welt ist nicht nur davon bestimmt, in wie weit du bereit und fähig bist, die Aktivierungskosten K_F_a einzuzahlen, sondern auch davon, wo du das tust.

Ort ist gewissermaßen die Haraway-Situiertheit, die nicht nur den geographischen Ort impliziert, sondern – in unserem Fall – den topologischen Ort im Pfadmodell, also inklusive aller Infrastrukturlinien, Abhängigkeitslinien und Semantiklinien, die die Positionierung des Dividuums ausmachen und je nachdem, wo man da jeweils steht, entwickelt derselbe K_F_a-Input unterschiedliche Hebelkraft und damit auch Trommellautstärke.

Doch der Ort – und das ist wichtig – ist kein Ort im stationären Sinne, sondern selbst ein Pfad, denn all die genannten Linien im Netzwerk befinden sich im ständigen Flux. Sich richtig reinzuhängen, Karriere zu machen, ein „Company Man“ zu werden, eine lebenslange Karriere im Konzern anzustreben, eine Familie zu gründen und ein Haus zu bauen, kann zu einer bestimmten Zeit und Konstellation des Kapitalismus-Pfads, nennen wir die Konstellation „Environment A“ eine „winning Strategy“ mit enormen U_gewinnt sein, während dieselbe Strategie in einer anderen Konstellation, nennen wir sie „Environment B“, ein leicht durchschaubares Rattenrennen ohne Aussicht auf Erfolg ist. Das heißt nicht, dass diese Lebensmodelle nicht mehr existieren, sondern dass sie von unterschiedlichen Startorten aus gesehen, unterschiedlich viel Sinn machen.

Weil wir keine Individuen sind, die in einer „stationären Welt“ leben, die eben so „ist wie sie ist“, sondern Dividuen, deren Welt ein ständig „driftender“ Pfad ist, sind die „winning Strategies“ von gestern, die Normvorstellungen an denen wir heute scheitern. Aber weil wir uns blöderweise trotzdem als Individuen erzählen, ist die Reaktion auf solche Shifts geschichtlich konsistent, sich Sündenböcken zu suchen.

Late Republican Rome blamed the moral softness of the urban plebs while the latifundia consolidated the agricultural smallholdings that had been the basis of the Roman citizen-soldier. Tiberius Gracchus, who tried to point this out, was beaten to death with the legs of broken benches by his fellow senators. His brother Gaius, who tried again a decade later, was hunted down and killed on the Aventine. The senatorial class understood, with the clarity that self-interest provides, that the diagnosis was the problem, not the disease. To name the cause was to threaten the structure.

Late Qing China blamed the opium-smoking peasantry for the dynasty’s military weakness, while the gentry-bureaucratic class extracted ever-larger rents from the agricultural surplus, the imperial examination system calcified into a closed shop, and the Qing court spent the indemnity from the First Sino-Japanese War on the Empress Dowager’s Summer Palace.

Weimar Germany blamed the cabaret, the Jews, the cosmopolitans, the homosexuals, the modernists, anyone whose visible behaviour could be coded as cultural decadence, while the Junker landlords retained their estates, the industrial cartels reconsolidated their position, and the hyperinflation that wiped out the bourgeois middle class was followed by a deflation that wiped out what remained. The eventual political response targeted the visible decadents, not the structural rentiers, and the result was the catastrophe everyone knows.

Heute sind die Sündenböcke, zumindest im Westen, Migrant*innen.

The migration debate is the cleanest contemporary parallel. Migrants do not cause housing scarcity; planning regimes, land banking, and the financialisation of housing cause housing scarcity. But migration is visible, individuals are identifiable, and the structural causes are abstract and politically untouchable. So the visible symptom is named as the cause, the abstract cause goes unnamed, and the resulting policy debate is conducted entirely within a frame that cannot, by construction, fix the underlying problem.

Es geht Fudge nicht darum, die oben genannten Verhaltensweisen zu legitimieren, sondern darum, aufzuzeigen, dass sie Symptome eines Systems in seiner Ponzi-Phase sind, deren Strukturelle Anreize das eigentliche Problem sind.

I am not arguing that drug use is fine, that nihilism is healthy, that lying in bed for fourteen months is a defensible life strategy, or that the manosphere is a misunderstood social movement. The behaviours of Conspicuous Despair are, in many cases, genuinely corrosive. The despairing class is not having a good time. That is, after all, the point.

What I am arguing is that moralising about these behaviours while preserving the structure that produces them is either stupid or dishonest, and usually both. The behaviours are symptoms. The symptoms are bad. Addressing the symptoms without addressing the disease is what doctors call palliative care, and it is what a serious civilisation reserves for conditions it has given up on curing.

Wenn man Minsky auf die Gesellschaft anwendet, dann muss irgendwann der „Minsky-Moment“ kommen, der Crash.

The Ponzi stage of being alive ends, politically, in a withdrawal of legitimacy …

The political danger comes at the next step, when the behavioural recognition that the game is rigged becomes a political recognition that the game is rigged, and the political recognition organises itself into a demand that the game be changed.

Ich fühle mich sehr verbunden mit dieser Analyse. Was ich in diesem Newsletter versuche, ist die unrettbarkeit des „Systems“ plausibel zu machen und den Minsky-Moment herbeizutrommeln. Die einzige „moralische Option“ ist heutzutage: Refuse, „withdrawal of legitimacy“. Agency(L0). Nur insistiere ich darauf, dass wir erfolgreicher wären, wenn wir das gemeinsam machen.


Comedian Danish Maqbool über das Leben im „Ponzi Stage“ aka „Late Stage Capitalism“.