Krasse Links No 87

Willkommen zu Krasse Links No 87. Maximiert euren Work Slop, heute shapen wir das Trommeldesign der Aktienrente im Bonuslevel der Ponzi Stage.


Hier eine Auswahl der Angriffe der Politik auf die Bevölkerung seit dem letzten Newsletter.

Dabei geht es nicht nur darum, was uns alles genommen wird, sondern auch, wie diese Angriffe auf uns zustande kamen. Konzertiert, zeitlich gedrängt, aufeinander gestapelt, in der Stephen Miller-Taktik der Shock&Awe-Überwältigung – dazu kurz vor der Sommerpause und während der Fußball-WM; Teilweise ohne Möglichkeit für die Abgeordneten sich zu informieren (Gesundheitsreform) und im Falle des EU-Parlament gegen bereits klar gesetzte Mehrheiten (Chatkontrolle).

Deswegen ist das nicht nur ein Angriff auf unsere materiellen Lebensgrundlagen, sondern auch gegen die Demokratie ansich. Aber immerhin: die Hauptstadtpresse feiert das als „Handlungsfähigkeit der Regierung“.

Dazu: Kaum ein Wort über die größte Naturkatastrophe seit Jahrzehnten, die tausende Menschenleben kostete.

Währenddessen kommt raus, dass sowohl Wegner als auch Merz bezüglich angeblicher Telefonate gelogen hatten, aber nur Wegner muss deswegen als Spitzenkandidat zurücktreten. Katerina Reiches Lover, von und zu Guttenberg, bekommt nicht nur Geld für seine Projekte aus ihrem Ministerium, sondern ist natürlich ein Kumpel von Peter Thiel, wie auch Jens Spahn, der regelmäßig zu dessen Geheimtreffen fuhr.

Kurz: Alle Leinen sind los, die Kapitalofaschistische Machtübernahme ist in vollem Schwung. Die Regierungsparteien fühlen sich niemandem mehr verpflichtet, der nicht mindestens Multimillionär ist. Mileis und später Musks Kettensäge zersägt jetzt auch Deutschland und dass es ausgerechnet CDU und SPD sind, die uns verächtlich ins Gesicht spucken, ist nun mal Ergebnis des BATNA-Designs unserer aktuellen politischen Lage:

„Was wollt ihr machen? AfD wählen, lol?“

Und naja, sie haben recht? In einer rationalen Welt würde dieser Frontalangriff mit einer absoluten Mehrheit der Linken beantwortet. Aber vermutlich wird wohl die AfD profitieren, die sich dann bei den Regierungsparteien auch noch für den schlüsselfertigen Unrechtstaat bedanken kann.

Das Reinactment der Machtübergabe von 1933, aber diesmal als Farce.


Nun ist passiert, was Menschen mit Augen im Kopf seit mindestens 10 Jahren prophezeien. Die deutsche Autoindustrie kracht zusammen und der Kanzler, der angetreten ist, um die „Deindustrialisierung“ umzukehren, muss hilflos bei ihrer Beschleunigung zusehen (an der er mit seiner Richtlinien-Verhinderungspolitik nicht unschuldig ist).

Am prominentesten sind natürlich die Werksschließungen bei VW, aber auch der Rest der Branche ist von dem Strukturproblem betroffen. Das Branchenoutlet Clean Thinking hat eine Analyse.

Der Kern: Das, was die deutsche Autoindustrie die letzten 20 Jahre so profitabel gemacht habe, war das Chinageschäft, doch das war eine Wette auf Zeit.

Diesen Mechanismus beschreibt Jochen Sengpiehl aus der Innenperspektive, fast acht Jahre Chief Marketing Officer von VW China, davor bei Mercedes und Hyundai, heute selbstständiger Berater. Viele Werke deutscher Hersteller seien nie wirklich hochprofitabel gewesen, die Gewinne aus China hätten das über Jahre überdeckt. Die China-Margen haben laut Sengpiehl „Missstände oder Fehler oder Defizite in Deutschland glattgebügelt”.

Die Gewerkschaften seien zufrieden gewesen, der Aufsichtsrat zufrieden, so Sengpiehl weiter, und dann seien die China-Gewinne einfach ausgeblieben. Herbert Diess, heute Aufsichtsratschef bei Infineon und vormals VW-Chef, ordnet die Größenordnung im Rückblick ein. In den frühen 2000er Jahren habe BMW mit 3,7 Prozent Rendite gewirtschaftet, Massenhersteller oft mit 1 bis 2 Prozent oder gar nichts, sagte er im März 2026 bei Maischberger im Gespräch mit Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen.

Dann seien in China binnen 20 Jahren rund 20 Millionen zusätzliche Fahrzeuge nachgefragt worden, die Renditen zweistellig geworden, VW zeitweise mit über 20 Milliarden Euro Gewinn. „Wir hatten 20 goldene Jahre in der Automobilindustrie”, sagt Diess. Die kämen nicht wieder, die Branche kehre zum härteren Wettbewerb der Zeit vor 2000 zurück.

Bei Super Mario Brothers und anderen Computer Games meiner Kindheit gab es sogenannte „Bonuslevel“. Das sind meist versteckte Zusatzräume, die, wenn man sie findet, einen nicht mit einer Herausforderung, sondern mit leicht zu sammelnden Ressourcen versorgt, die man nur einzusammeln braucht. Weil diese Räume selten und ihr Ertrag begrenzt ist, ist das Nutzen dieser Räume kein „Schummeln“ – Bonuslevel sind kein God Mode – aber dennoch helfen die zusätzlichen Ressourcen, die kommenden Herausforderungen zu bestehen. Jedenfalls, wenn man sie dafür einsetzt …

Das Chinageschäft war ein solcher Bonuslevel für die deutsche Autoindustrie. Der größte Automarkt der Welt mochte deutsche Autos, baute aber parallel seine eigene Autobauinfrastruktur aus. Der Pfad war lukrativ, aber begrenzt.

Doch statt den „Windfall“ als Gelegenheit zu nutzen, sich für die anstehenden Transformationsherausforderungen zu wappnen, hat man die letzten zehn Jahre 40 Milliarden Euro an Aktionäre und Manager ausgeschüttet.

Egal, wie überrascht die Manager bei VW jetzt tun, sie werden bereits im Februar diesen Jahres gesehen haben, dass dieser Pfad zu Ende ist. Ihr wisst schon. Als für alle „völlig überraschend“ noch mal 6 Milliarden extra zusätzlicher Gewinn gefunden wurde, der dann als Dividenden und Boni ausgeschüttet wurde.

Schnell nach Hause bringen das Geld, bevor alles zusammenkracht.


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Michael Seemann
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Markus Reuter auf Netzpolitik über die Spannertechnologie von Meta:

Meta arbeitet einem Bericht der Financial Times zufolge an einer Überwachungsbrille („smart glasses“), welche permanent Audioaufnahmen und alle paar Sekunden Fotos der Umgebung machen soll. Die Technologie wird euphemistisch „Super Sensing“ genannt, Nutzer:innen sollen dann die Meta-KI zu den Aufzeichnungen ihres Geräts befragen können. …

Eine britische Gruppe mit den Namen „Everyone hates Elon“ beispielsweise hängt falsche Werbe-Plakate im Namen von Meta auf. Darauf steht: „Der größte Fortschritt in Technologie für Perverse seit dem Trenchcoat“. Angespielt wird hier auf die Nutzer:innen der Brille, die heimlich Frauen aufnehmen und deren Bilder im Netz verbreiten.

Was ist Infrastruktur? Infrastruktur ist zum Beispiel die Straße, auf der ich im Sommer zum Schwimmbad komme, sowie das Schwimmbad selbst. Auch das Wasser, das mir Auftrieb gibt, der Pool, der es beisammen und die Filteranlage, die es sauber hält. Alles Infrastruktur.

Aber es ist auch meine Erwartung, auf dem Weg dorthin nicht totgefahren zu werden. Auch Sicherheit ist Infrastruktur. Und auch die Erwartung, dass ich in der Umkleidekabine nicht heimlich gefilmt werde. Oder an der Schlange zur Pommesbude. Oder wenn ich aus dem Wasser steige.

Nur, weil wir etwas für selbstverständlich nehmen, heißt es nicht, dass es nicht Infrastruktur ist, denn, was Infrastruktur ist, stellen wir meist erst fest, wenn sie bricht.

Wenn zum Beispiel ein signifikanter Anteil an Deppen mit Metaglasses in der Gegend rumläuft und kaum ein Ort mehr für Frauen sicher ist.

Im Hebel:Fulcrums-Explainer habe ich gerade die Q-Function nochmal sauber herleitet und durcherklärt:

F(Q) = p_gelingt x U_gelingt + (1 – p_gelingt) x [p_BATNA x U_BATNA – K_F_BATNA + (1 – p_BATNA) x U_scheitert – K_F_scheitert] – K_F_a – K_F_v

(Ich Idiot habe mir mal wieder vom Newsletter-System die eckigen Klammern klauen lassen. In der Mail stehts falsch, hier richtig.)

Was die Meta-Glasses tun, ist das p_gelingt der Pfadgelegenheit „Bewegen im Öffentlichen Raum“ für Frauen, die nicht ungefragt gefilmt werden wollen (so ziemlich alle), drastisch zu senken. Die Existenz dieser Technologie ist eine strukturelle Freiheitsberaubung für knapp die Hälfte der Bevölkerung und sollte dringend verboten werden.


Leonhard Dobusch hat ein sehenswertes Video zur Aktienrente (auf Österreichisch: Pensionsrente) gemacht und ich möchte alle von ihm genannten Punkte unterstreichen.

Pfadpsychologisch ist die Aktienrente, wie schon das TINA-Paradigma der neoliberalen Politikumwälzung durch Blair/Schröder aus KL84, vor allem als Pfaddesign-Engineering interessant. Bei der Aktienrente geht es darum, die Q-Function von Millionen Menschen gegenüber dem „Pfad des Kapitalismus“ so zu manipulieren, dass sie strukturell unfähig werden, sich gegen ihn zu wehren. Je länger du in die Rente einzahlst, desto abhängiger wirst du von Wohl und Wehe des Aktienmarkts – die Fallhöhe des Finanzkapitalismus, K_F_ab, wird zu deinem K_F_ab.

Im Zuge des Updates der Formel habe ich K_F_ab jetzt noch mal grundsätzlicher definiert (die alten Darstellungen stimmen dennoch von der Stoßrichtung her):

K_F_ab == U_marginal == (F(Q) – F(BATNA)) == die Abhängigkeit des Dividuum zum Pfad == Lockin == das „Moat“ das der Pfad dem BATNA-Pfad gegenüber hat == Fallhöhe der Wette auf das Fulcrum [F3, F7] == die Wechselkosten der Pfad-Offramp == der potentielle Netzwerkschmerz bei Abbruch.

K_F_ab ist der wichtigste Wert, den es von der Q-Function zu verstehen gibt, denn er ist der Schicksalswert der Pfadnavigation. Wenn deine Rente z.B. am Finanzmarkt hängt, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass du gegen zu hohe Mieten und Ausbeutung auf die Straße gehst. Antikapitalismus – sogar Kapitalismuskritik – wird dann nur noch für diejenigen erschwinglich, die politisiert genug sind, ihr K_F_ab zu opfern, oder das nur deswegen können, weil sie ein anderes BATNA haben – also andere mögliche Einkünfte, die eigene Existenz in der Zukunft zu sichern.


Matt Scherer über die angebliche Effizienz von programmierenden Chatbots.

According to the enterprise data company Entelligence, for each dollar that companies spend on AI coding tools, 44 cents goes towards fixing AI-generated bugs, 27 cents goes towards rewriting the code, and 11 cents is lost to other inefficiencies from the code review process. In other words, the vast majority of AI coding dollars are wiped out by the effort needed to fix AI’s coding mistakes. Only 18 cents of each dollar actually reaches users as a shipped product.

Even this may overstate the value of AI coding. While the number of iOS app releases has shot up since AI coding took off last year, the number of apps with significant use and the number of app reviews have actually declined, suggesting that even the “shipped product” is often worthless.

In der Berufswelt hat sich der Begriff „Work Slop“ durchgesetzt und beschreibt die inzwischen klassische Situation, dass man vom Kollegen KI-generierten Arbeitsoutput (Text, Email, Präsentation, Code) geliefert bekommt, den man nicht nur aufwändig prüfen, sondern oft verbessern aber meist gleich komplett neu machen muss. Was KI in den allermeisten Prozessen also tut, ist Aufwand von K_F_a (Aktivierungskosten) zu K_F_v (Verschleißkosten/Maintanance) zu verlagern. Das sieht dann auf den ersten Blick „effizient“ aus, aber nur weil Maintanancearbeit in unserer Gesellschaft tendenziell unsichtbarer ist, als Aktivierungaufwand.


Josh Comeau ist Entwickler und Journalist und schreibt in der Financial Times über das auf uns zurollende Vibe Coding Armageddon.

Sichtbar wird das Problem z.B. an den kaum noch zu managenden Pull Request-Abwehrschlachten von kritischen Open Source Infrastrukturprojekten wie cURL.

The availability of AI coding tools, which spit out code in response to plain-language prompts, has led to a huge influx of proposed code contributions. Most of them are not very good. Some appear useful, but miss important context or don’t function quite right. Some function fine, but are not particularly helpful and still take time to review. These submissions come from people who mean well, and from people chasing the clout of contributing to a foundational piece of software. They come from professional developers, as well as from so-called vibe coders, writing exclusively with AI tools, sometimes without the ability to understand the output.

Oder an dem Ende der bisher zentralsten Entwickler-Wissenressource „Stack Overflow“:

Just before the launch of ChatGPT in 2022, there were more than 100,000 monthly questions asked on the site; last month, there were fewer than 1,500. And the response rate, once around 80 per cent, has been cut in half. A Stack Overflow post was often rich with discussion and written by someone who was equally stuck. The posts’ volume and variety were staggering. …

Stack Overflow’s public forums are dead, replaced by private chatbot conversations. “We have to accept that software development has changed completely, you understand, right?” Prashanth Chandrasekar, the site’s chief executive, told me. In June, Stack Overflow announced an answer service for coding bots. Its human archives are still useful, but they grow staler every day, as the tools and problems of software development continue to change. It is no longer a place where you can expect to find answers. Instead those answers live in the private, conversational data that belongs to large tech companies.

Chatbots haben die K_F_a zur Softwareerstellung dramatisch gesenkt – und im Gegenzug die K_F_v für Software-Instandhaltung explodieren lassen. Damit verschiebt sich auch das Machtverhältnis weiter zugunsten proprietärer Lösungen.

This is a core irony. It’s easier to write code than ever before, and experts can work more quickly. But there’s a lot more to software development than writing code, and the culture that built the software we depend on is under strain from AI tools trained on their output. The public and communal nature of open-source software is not quixotic; it is an asset crucial to its success. Everything now suggests a system that is more private and centralised, where software is built more in conjunction with a tech company’s product than with each other.

Das Problem ist alt, auch wenn es sich in neuer Dringlichkeit stellt.

Nearly 60 years ago, the artist Mierle Laderman Ukeles wrote an essay titled “Manifesto for Maintenance Art 1969!”. She argued that the work of maintenance is often unappreciated and devalued — “a drag; it takes all the fucking time” — next to the more celebrated work of creation. “After the revolution, who’s going to pick up the garbage on Monday morning?” asked Ukeles, who has served as the artist in residence for the New York City Department of Sanitation since 1977. She argued that society “confers lousy status” on those who do maintenance. …

The creators have unleashed another weapon on the maintainers: turning loose legions of people to build new buildings and bridges without any thought to architecture or city planning. The slapdash builders construct monstrosities and leave them to rot. Worse, they show up at carefully planned structures and offer improvements in such numbers that the truly important maintenance work gets drowned out.

Ein Großteil der K_F_v schlummert versteckt als „Technical Debt“ in den Billionen Zeilen generiertem und niemals von einem Menschen begutachteten Code, auf dem unsere Gesellschaft zunehmend läuft.

Das wird nicht gut ausgehen.


Im Innovationslabor des Krassen Links Medienimperiums ist wieder ein neues, schickes Produkt rausgefallen: der Twitch-Q&A-Stream, (hier der Account) wo ich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Fragen zum Newsletter und zum Projekt des Relationalen Materialismus beantworte.

Der nächste Q&A-Termin ist am Sonntag 19.07. um 19:00.

Die erste Fragerunde war klein und kuschelig und wir sprechen über das Projekt als ganzes, über Trommeldesigns, Hermeneutik und andere spannende Fragen.

Unter anderem erkläre ich da auch die Trommel als Metapher, die ich im Nachklapp des letzten Newsletters entlang des SpaceX-IPOs entwickelt habe. Ähnlich wie Hebel:Fulcrum ist auch die Trommel eine verallgemeinerte Metapher für Handlung und stellt den Effekt von Handlungen auf dem L3-Layer dar.

Wir haben also:

  • Layer 1: Die Handlung im Raum der materiellen Welt: die Hebel:Fulcrum-Mechanik.
  • Layer 2: Handlung im Raum der subjektiven Perspektive: die Pfadgelegenheit.
  • Layer 3: Handlung im Raum der erwarteten Erwartungen: die Trommel.

Im Newsletter entwickle ich die Trommel allerdings zunächst als Finanztrommel, die auch einen eigenen Layer 1 implementiert:

Die Trommel selbst ist ein Vektor aus Resonanzraum, Trommelfellspannung und Schlagkraft, wobei alle diese drei Vektoren jeweils in Layer 1 und Layer 3 verzweigen, die ihrerseits eine Multiplikation von Netzwerkmacht (Netzwerkmasse) und Trajektion sind und aus denen die „plausible Layer 2-Perspektive auf den Pfad trianguliert wird.

Am Finanzamt passieren „durch Geld oder Securities „gebackte“ Sprachakte (Orders/Trades)“, was nicht heißt, dass normale Sprechakte „ungebackt“ sind, sie sind nur anders gebackt. Auch das hatte ich im letzten Newsletter anhand des Unterschieds von LLM-Output und menschlicher Sprache ausgearbeitet.

Weil jedes Sprechen immer in den angenommenen Erwartungen anderer passiert (Layer 3), so habe ich das bei Derrida gelernt, basiert das Kontaktzonen-Fulcrum [F4] des Sprechens und damit die Übergangswahrscheinlichkeit p_gelingt der Q-Function des Sprechens auf dem stabilisierenden Fulcrum [F5] der semantischen „Auffangerwartung des Anderen“.

Jedes Wort ist eine Wette auf das semantische Erwartungsportfolio der Rezipierenden und der Wetteinsatz geht von „falsch verstanden werden“ bis zur völligen Blamage und sozialem Ausschluss. Doch das U_scheitert des „Next Tokens“ bleibt in der LLM gänzlich undefiniert, weswegen der Output von KIs ein Sprechen ohne Wett-Einsatz ist. Es ist Sprachimitat ohne jede Fallhöhe.

Hier, wie ich mir das inzwischen vorstelle: Jede genommene Pfadgelegenheit ist eine Wette auf ein Fulcrum in Höhe der jeweiligen K_F_ab in den erwarteten Erwartungen anderer (Layer 3) und ihre Durchführung macht einen „Sound“. Jede Handlung, sofern sie beobachtet wird, ist somit auch ein „Sprechakt“ (Austin, Derrida, Butler) und generiert „Anschlusskommunikationen“ (Luhmann).

U_gelingt kann bei Eintreten z.B. ein starker Pro-Handlungs-Beat sein, der die Wahrnehmung anderer verändert. Aber auch jedes U_scheitern kann einen heftigen Beat aufgleisen, U_BATNA kann neue Wege aufzeigen, je nachdem ob er Irritation oder Bestätigung der gesellschaftlich beliehenen Erwartungs-Portfolios [F7] hervorruft, also ob der Beat auf ein dickes oder dünnes Sell-, bzw. Buy-Orderbook fällt.

Was jedoch keinen so lauten Sound macht: Abusive BATNA-designs, K_F_v-Externalisierung und Reduzierung von p_gelingt für marginalisierte Gruppen. Die Q-Function ist dafür da, diese Dinge wenigstens benennbar zu machen.


Henry Fudge hat einen bemerkenswerten Essay über die Pfadpsychologie der Arbeit in unserer heutigen Zeit geschrieben. Er leitet seinen Text mit fiktiven, aber plausiblen Biographien ein: ein Onlyfans Modell in Manchester, ein Spielsüchtiger junger Mann in Bolton, der kaum sein seine Bude verlässt, ein Softwareentwickler in Zürich, der auf ein Eigenheim spart, das dennoch immer weiter in die Ferne rückt, eine junge Frau in Tokio, die sich entscheidet keine Kinder zu bekommen und bei ihrer Mutter lebt, ein Mann in Shenzhen, der den dortigen Trend des „Tang ping“ (lie down) praktiziert: mit so wenig Arbeit wie möglich auf geringstem Lebenstandard lebt und ein Teenager in Ohio, der zigtausend Dollar in Sportwetten verliert.

All das sind Beispiele für die es reale Vorbilder gibt und die in ihren jeweiligen Gesellschaften oft moralisierend unter dem Stichwort „Degenration“ der „Jugend von Heute“ verhandelt werden. Doch Fudge sieht die gemeinsame strukturelle Ursache:

Diese Biographien signalisieren das, was Thorstein Veblen „Conspicuous Despair“ nannte, der es allerdings im 20. Jahrhundert auf die Reichen („the Leisure Class“) anwendete, die durch die Nutzlosigkeit ihres Konsums ihren Unabhängigkeits-Status signalisieren („The rich do not consume in order to live. They consume in order to be seen.“).

Nur dieses mal kommt der „Conspicuous Despair“ von unten.

If the leisure class signals its position by visible expenditure on nothing, by the conspicuous enactment of having transcended productive work, then what does the excluded class do? What does the class signal when it has also transcended productive work, but in the opposite direction: not by rising above it but by being shut out of it?

It signals through Conspicuous Despair. It enacts, visibly and publicly, its exclusion from the productive game. It does the things that would be unthinkable for a person with a stake in the future, because it has no stake in the future. The OnlyFans account, the sports-betting app, the ketamine on Tuesday, the bedroom one does not leave: these are not, primarily, hedonism. They are legible refusals. They are the way the propertyless class makes its position visible to itself and to others. They are the bottom-up mirror of the yacht.

Oder kurz:

Veblen’s leisure class wastes resources to prove it has more than it needs. The despairing class wastes itself to prove it has less than it requires.

Der bürgerliche Pfad von Arbeit, Aufstieg, Karriere, Haus, Familie usw. wird nicht einfach abgelehnt, er ist in seinem p_gelingt soweit gesenkt, dass er für viele unplausibel wurde und so dass sie sich lieber den verfügbaren BATNA-Pfaden (Glücksspiel, Askese, Verzicht, Ausstieg, Sexarbeit) zuwenden.

Aber das eigentlich Spannende ist, dass Fudge diese Phänomen nicht nur räumlich universalisiert, sondern auch zeitlich, bzw. sie auf eine bestimmte Konstellation in der Entwicklung von Zivilisationspfaden mappt:

Late Republican Rome had its Lucullan banquets and its bread doles, its Crassus and its Catiline. Late Qing China had its Summer Palace and its opium dens. The Belle Époque had its Faubourg Saint-Honoré and its absinthe. The Roaring Twenties had Gatsby and the Bowery. The eras rhyme because the dynamic rhymes. When a small class consolidates rents to a degree that excludes a large class from the productive economy, both classes stop producing, and both classes start performing.

Wir hatten im letzten Newsletter bereits die drei Phasen der Finanzierungsregimes von Hyman Minsky besprochen: Hedge, Speculative und Ponzi. Fudge bezieht das Schema auf Arbeit in Gesellschaften.

In the hedge stage of being alive (call it 1955 to roughly 1975 in the Anglosphere), a median wage covers the median life. You leave school, you get a job, you find a partner, you buy a house at three or four times your annual income, you have children, you save into a pension that your employer co-funds, and at the end you retire on something approaching your final salary. Cash flows cover principal. The future is, in the literal financial sense, affordable. The system is hedge-financed at the household level.

In the speculative stage (call it 1980 to roughly 2008), wages cover the running costs of a life but not the accumulation of the assets a life requires. You can pay your rent but you cannot accumulate a deposit at the rate house prices are rising. You can service your student loans but you cannot retire them. You take on more debt to bridge the gap. You roll your overdraft. You buy your house with a 95% mortgage at six times income because there is no other way to buy it. The system is functional so long as credit remains available and asset prices keep rising. You are speculatively financed. You are, in Minsky’s terms, depending on the music continuing.

In the Ponzi stage (call it now), wages do not cover even the running costs of the life that previous generations defined as normal. The deposit is unreachable; the family is unaffordable; the retirement is fictional; the career path that was supposed to deliver these things has been replaced by a sequence of contracts. The only way to access the reference standard of living is to acquire assets that rise faster than wages, which means either inheriting them, marrying them, or speculating into them. Productive labour, in the Ponzi stage, is a losing strategy by construction. You cannot save your way to the life your parents had, because the life your parents had is now priced in a currency (asset wealth) that wages do not convert into.

In einer Welt, in der sich Arbeiten nicht mehr lohnt, weil dessen U_gewinnt vom Kapital aufgesogen wird, sind die oben geschilderten BATNA-Pfade „rational“, oder wie ich sagen würde, Pfadpsychologisch naheliegend. Und weil auch BATNA-Pfade eine Lautstärke entwickeln, trommelt die Generation Z einen anderen Beat.

when the productive game stops paying, agents stop playing it. They either pivot to lottery strategies or they withdraw entirely. The cultural particulars determine the form of the response (gacha gambling in Japan, sports betting in Britain, crypto in America, lying flat in China, OnlyFans in the Anglophone West, the manosphere everywhere) but the fact of the response is structural. It is what people do when they have correctly read the odds.

Die wesentlichste Neuerung der oben angesprochenen Neuaufgleistung der Q-Function ist der eigentlichen Formel gar nicht anzusehen, sondern liegt eine Ebene tiefer in Form einer neuen Variable, „d„, die für die Hebelkraft steht. d ist sozusagen eingebettet in alle Werte, die die Hebelkraft berührt: vor allem U_gelingt, p_gelingt und K_F_v sind d-abhängige Werte. Aus ihnen wird: U_gelingt(d), p_gelingt(d) und K_F_v(d).

Aber zunächst zu d, das so wichtig ist, weil darin eine wesentliche Setzung des relationalen Materialismus zum Ausdruck kommt: Dein Erfolg im Leben ist weniger eine Frage des Inputs, sondern eine Frage des „Ortes“, an dem du bist.

d = d(Ort, K_F_a)

Ort bezeichnet deinen topologischen Ort im Fulcrumsnetzwerk, d.h. die Hebel, die dir erreichbar scheinen und die Fulcren, auf denen sie basieren. Dein Impact auf die Welt ist nicht nur davon bestimmt, in wie weit du bereit und fähig bist, die Aktivierungskosten K_F_a einzuzahlen, sondern auch davon, wo du das tust.

Ort ist gewissermaßen die Haraway-Situiertheit, die nicht nur den geographischen Ort impliziert, sondern – in unserem Fall – den topologischen Ort im Pfadmodell, also inklusive aller Infrastrukturlinien, Abhängigkeitslinien und Semantiklinien, die die Positionierung des Dividuums ausmachen und je nachdem, wo man da jeweils steht, entwickelt derselbe K_F_a-Input unterschiedliche Hebelkraft und damit auch Trommellautstärke.

Doch der Ort – und das ist wichtig – ist kein Ort im stationären Sinne, sondern selbst ein Pfad, denn all die genannten Linien im Netzwerk befinden sich im ständigen Flux. Sich richtig reinzuhängen, Karriere zu machen, ein „Company Man“ zu werden, eine lebenslange Karriere im Konzern anzustreben, eine Familie zu gründen und ein Haus zu bauen, kann zu einer bestimmten Zeit und Konstellation des Kapitalismus-Pfads, nennen wir die Konstellation „Environment A“ eine „winning Strategy“ mit enormen U_gewinnt sein, während dieselbe Strategie in einer anderen Konstellation, nennen wir sie „Environment B“, ein leicht durchschaubares Rattenrennen ohne Aussicht auf Erfolg ist. Das heißt nicht, dass diese Lebensmodelle nicht mehr existieren, sondern dass sie von unterschiedlichen Startorten aus gesehen, unterschiedlich viel Sinn machen.

Weil wir keine Individuen sind, die in einer „stationären Welt“ leben, die eben so „ist wie sie ist“, sondern Dividuen, deren Welt ein ständig „driftender“ Pfad ist, sind die „winning Strategies“ von gestern, die Normvorstellungen an denen wir heute scheitern. Aber weil wir uns blöderweise trotzdem als Individuen erzählen, ist die Reaktion auf solche Shifts geschichtlich konsistent, sich Sündenböcken zu suchen.

Late Republican Rome blamed the moral softness of the urban plebs while the latifundia consolidated the agricultural smallholdings that had been the basis of the Roman citizen-soldier. Tiberius Gracchus, who tried to point this out, was beaten to death with the legs of broken benches by his fellow senators. His brother Gaius, who tried again a decade later, was hunted down and killed on the Aventine. The senatorial class understood, with the clarity that self-interest provides, that the diagnosis was the problem, not the disease. To name the cause was to threaten the structure.

Late Qing China blamed the opium-smoking peasantry for the dynasty’s military weakness, while the gentry-bureaucratic class extracted ever-larger rents from the agricultural surplus, the imperial examination system calcified into a closed shop, and the Qing court spent the indemnity from the First Sino-Japanese War on the Empress Dowager’s Summer Palace.

Weimar Germany blamed the cabaret, the Jews, the cosmopolitans, the homosexuals, the modernists, anyone whose visible behaviour could be coded as cultural decadence, while the Junker landlords retained their estates, the industrial cartels reconsolidated their position, and the hyperinflation that wiped out the bourgeois middle class was followed by a deflation that wiped out what remained. The eventual political response targeted the visible decadents, not the structural rentiers, and the result was the catastrophe everyone knows.

Heute sind die Sündenböcke, zumindest im Westen, Migrant*innen.

The migration debate is the cleanest contemporary parallel. Migrants do not cause housing scarcity; planning regimes, land banking, and the financialisation of housing cause housing scarcity. But migration is visible, individuals are identifiable, and the structural causes are abstract and politically untouchable. So the visible symptom is named as the cause, the abstract cause goes unnamed, and the resulting policy debate is conducted entirely within a frame that cannot, by construction, fix the underlying problem.

Es geht Fudge nicht darum, die oben genannten Verhaltensweisen zu legitimieren, sondern darum, aufzuzeigen, dass sie Symptome eines Systems in seiner Ponzi-Phase sind, deren Strukturelle Anreize das eigentliche Problem sind.

I am not arguing that drug use is fine, that nihilism is healthy, that lying in bed for fourteen months is a defensible life strategy, or that the manosphere is a misunderstood social movement. The behaviours of Conspicuous Despair are, in many cases, genuinely corrosive. The despairing class is not having a good time. That is, after all, the point.

What I am arguing is that moralising about these behaviours while preserving the structure that produces them is either stupid or dishonest, and usually both. The behaviours are symptoms. The symptoms are bad. Addressing the symptoms without addressing the disease is what doctors call palliative care, and it is what a serious civilisation reserves for conditions it has given up on curing.

Wenn man Minsky auf die Gesellschaft anwendet, dann muss irgendwann der „Minsky-Moment“ kommen, der Crash.

The Ponzi stage of being alive ends, politically, in a withdrawal of legitimacy …

The political danger comes at the next step, when the behavioural recognition that the game is rigged becomes a political recognition that the game is rigged, and the political recognition organises itself into a demand that the game be changed.

Ich fühle mich sehr verbunden mit dieser Analyse. Was ich in diesem Newsletter versuche, ist die unrettbarkeit des „Systems“ plausibel zu machen und den Minsky-Moment herbeizutrommeln. Die einzige „moralische Option“ ist heutzutage: Refuse, „withdrawal of legitimacy“. Agency(L0). Nur insistiere ich darauf, dass wir erfolgreicher wären, wenn wir das gemeinsam machen.


Comedian Danish Maqbool über das Leben im „Ponzi Stage“ aka „Late Stage Capitalism“.