Die Hebel:Fulcrums-Mechanik

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Hebel:Fulcrums-Mechanik. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Das „Fulcrum“ ist zunächst einmal der „Dreh und Angelpunkt“ an dem ein Hebel ansetzt. Der sogenannte „Archimedische Punkt“.

Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet sowas wie „Bettpfosten“, bezeichnet nebenbei also auch eine unscheinbare Infrastruktur, die uns durch den Schlaf trägt.

Doch das Fulcrum trägt uns auch durchs Leben. Jeder Hebel, den wir bedienen, hat ein Fulcrum, das ihn funktional, sicher und erwartbar macht und gleichzeitig ist das Fulcrum immer schon das implizit Erwartete, Verdrängte und Externalisierte des Hebelns.

Wie schon die Pfadgelegenheit holt uns das Fulcrum aus dem gewohnten Denken in „isolierten Handlungen“ und „isolierten Objekten“ heraus und bietet semantische Pfadalternativen für eine anwenderorientierte, d.h. menschliche Perspektive auf die Welt.

Das Fulcrum zwingt uns, jede Handlung als Relation zu betrachten: als Bedienung eines Hebels, der an ein Fulcrum gekoppelt ist. Damit macht das Fulcrum unsichtbare Abhängigkeiten sichtbar – jene infrastrukturellen Voraussetzungen, aus denen unsere Hebel ihre Kraft schöpfen.

Die systematische Vernachlässigung des Fulcrums – oft institutionalisiert als „Prämisse“, „Externalität“ oder „Ceteris Paribus“ – bildet den blinden Fleck moderner Technik- und Welt­nutzung ebenso wie des Kapitalismus und des Individualismus. Fulcrumsvergessenheit ist die kulturell eingeübte Geste, Voraussetzungen als gegeben zu setzen, um Handlung als „autonome Leistung“ des Individuums zu verbuchen.

Das Denken in komplexen Fulcren eröffnet deshalb neue Einsichten selbst in scheinbar ausgekundschafteten Pfaden: Es zeigt, wo Hebel auf unsichtbaren Infrastrukturen ruhen, wo Verschleiß entsteht und wo neue Pfadgelegenheiten verborgen liegen und macht die menschliche Perspektive nicht nur sichtbar, sondern lernt mit ihr zu leben.

Im folgenden will ich nacheinander folgende Thesen aufstellen und begründen:

  • Ein Hebel verstärkt eine Handlung, indem er sie an ein Fulcrum anlegt.
  • Das Fulcrum ist nicht nur ein Punkt, sondern die gesamte Infrastruktur, die halten muss.
  • Hebel und Fulcrum sind daher keine Dinge, sondern Rollen im menschlich-relationalen Interaktionsgefüge.
  • Die Stabilität des Fulcrums ist nie gegeben, sondern wird erwartet – jede Hebelhandlung ist eine Wette auf ein Portfolio von Infrastrukturen.
  • Erwartungen sind nicht individuell, sondern dividuell auf einander bezogen und „beleihen“ (leveragen) einander als „Erwartungserwartungen“.
  • Handlung ist daher keine isolierte Tat eines Subjekts, sondern die Aktivierung eines Hebels in einem erwartungsgetragenen Fulcrum-Geflecht.
  • All das lässt sich an unzähligen Beispielen zeigen.

Durch eine semantische Aufräumarbeit hinter Archimedes Hebel-Formel, versuche ich das Fulcrum zu verkomplizieren, um damit eine semantische Infrastruktur zu schaffen, die alle anderen Zusammenhänge vereinfacht.

Dieser Text ist in fünf Abschnitte unterteilt:

  • Teil I: Die materielle Hebel/Fulcrum-Relation [->]
  • Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio [->]
  • Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell [->]
  • Teil IV: Hebel/Fulcrum-Relation als soziale Struktur [->]
  • Teil V: Einbettung in die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten [->]

Teil I: Die materielle Hebel/Fulcrum-Relation

Der Hebel ist zunächst eine materielle Relation. Ein Hebel ist immer nur ein Hebel für jemanden oder irgendwas und zeichnet sich aus Perspektive eines Anwendenden (Jeder Hebel hat eine Anwenderperspektive) durch seine „Nützlichkeit“ aus.

Das Nützliche am Hebel (und Hebel sind außerordentlich nützlich), ist, dass man – wenn man Hebel und Fulcrum entsprechend positioniert – einen Multiplikationseffekt der eigenen Kraft erfährt. Daher Archimedes Angeberformel:

Gebt mir einen festen Punkt und einen genügend langen Hebel, und ich hebe die Erde aus ihren Angeln.

Aber der Hebel muss nicht nur „genügend lang“, sondern das Fulcrum auch „genügend stabil“ sein?

Die Stabilität des Fulcrums

Als ich neulich meinen Schrank mit einer Latte verschieben wollte, bewegte sich der Schrank zwar ein bisschen, aber auch die Rigipswand, die ich als Fulcrum verwendete, verformte sich und hatte eine Delle.

Gut, dass war sicher meine eigene Dummheit, aber ich behaupte dennoch: auch sonst ist das Fulcrum nie wirklich „stabil“?

Es gibt immer zumindest Verschleiß und selbst wenn ein Fulcrum 100 Jahre hält – kein Fulcrum ist unzerstörbar?

Bei genauerer Betrachtung ist der Schaden an der Rigipswand nicht so schlimm, die Ecke ist an einer stelle etwas abgeplatzt. Besieht man sich die zerstörten Flächen unter dem Mikroskop, ahnt man, welche Kraft darauf einwirkte. An den eingedrückten Stellen und dem heruntergebröselten Gips sieht man dann, dass der Prozess des Fulcrums-Einbruch sich durch eine komplexe Architektur von ineinander verwobenen Mikrostrukturen arbeitete.

Das ist mein Punkt: Jedes Fulcrum ist komplex.

Fulcrumskomplexität

Wir alle kennen Hebel. Archimedes Hebelgesetz haben wir in der Schule gelernt und viele haben schon mal ein Radiergummi auf einem Lineal am Fulcrum eines Buntstiftes durch den Klassenraum katapultiert, haben einen Schraubenschlüssel an standardisierten Fulcren (M1 – M5-Muttern) bedient oder Essen mit Messer und Gabel gelernt, wo sowohl Kraft als auch Fulcrum durch die Fingerhebel gemanaged wird. Und wenn du schon mal Auto gefahren bist, war es die komplexe Hebelstruktur, die wir „Getriebe“ nennen, die die Motorleistung auf die Straße übersetzt hat. Herrje, unsere Arme, Beine und Finger sind Hebel. Wir alle sind Hebelexpert*innen.

Und deswegen wissen wir aus eigener Erfahrung, dass das Fulcrum nie einfach ein Punkt ist, sondern immer eine Kontaktfläche, -Form oder -Zone, die eine mal härtere, mal weichere materielle Struktur hat. Die Ingenieurswissenschaft weiß das auch und denkt den Hebel als „mechanische Kopplung“, in der Dinge wie Material, Verschleiß, sowie ein Verständnis nicht nur für feste, sondern auch für lose, wabbelige, nachgebende, fragile und komplexe Fulcren einen Platz haben. Außerdem für Fulcren, die verrutschen können, oder anders auf nicht-lineare Weise auf die Hebelkraft reagieren, etwa durch plötzlichen Formwechsel oder Verlust struktureller Integrität. Fulcren, die durch ein Phasen-Wechsel in anderen Schwellenzustände übergehen, Fulcren die schwingen, ruckeln, zittern, brechen, oder zwischen Haftreibung und Gleitreibung alterieren, etc.

Und die Ingenieurswissenschaft weiß auch: die Hebelwirkung ist bei dynamischen, komplexen und verformbaren Fulcren nicht weg, aber vermindert, bzw. aufgefächert, verteilt. Hebel und Fulcrum treten in der Realität oft in eine komplexe Beziehung, in der die eingesetzte Kraft sich auf beide ungleich verteilt, sie zueinander verschiebt und das Kräftefeld beim Hebeln neu sortiert.

Doch trotz ihrer Komplexität in der realen Welt, kann man doch für jede Hebel:Fulcrums-Beziehung verallgemeinern:

  1. je stabiler und steifer das Fulcrum ist, desto direkter und größer die mögliche Kraftübertragung/-Steigerung durch einen entsprechend großen Hebel.
  2. je größer der Hebel, desto mehr „Stress“ (Last, Erschütterung, Verschleiß) wird auf das Fulcrum pro eingesetzte Kraft übertragen.

Hebel/Fulcrum als Rollen

Was ich im folgenden Zeigen möchte, ist, dass wenn wir das Fulcrum in seiner Komplexität begreifen, wir die Hebel:Fulcrums-Beziehung überall vorfinden und mit diesem Frame analysieren können. Dafür müssen wir nur „Hebel“ und „Fulcrum“ statt als Dinge, als Rollen denken:

Der Hebel ist alles, was eine konkrete Handlung/einen Krafteinsatz (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) überträgt, verstärkt und/oder steuert und das „Fulcrum“ ist die Infrastruktur, an der der Hebel ansetzt/angesetzt wird und gleichzeitig, das, was „halten“ muss und durch eigene „Steifheit“ und „Stabilität“ (Erwartbarkeit) die Kraftübertragung/-Verstärkung erst ermöglicht.

Versteht man Hebel und Fulcrum als Rollen, kann dieselbe Infrastruktur je nach Situation Hebel oder Fulcrum sein und das Fulcrum ist nicht die eine Sache sondern viele Sachen – je nach Situation.

Schauen wir doch mal kurz in den Hebel rein, z.B. in meine unrühmliche Holzlatte. Das Holz der Latte besteht aus ineinander und aneinander verwachsenen Holzfasern, die einander Stabilität verleihen, oder übersetzt: sich während der Hebelaktion wechselseitig als Fulcrum dienen und so die vermittelte Kraft als Zugspannung wie einen Strom von Faser zu Faser weiterleiten.

„Mechanik“ ist die Wissenschaft der einander bedienenden Hebel.

Das Fulcrum ist eben nie nur die Stabilität des „Fulcrums“ selbst, sondern auch die des Hebels (der darf ja auch nicht brechen darf), aber auch z.B. von Archimedes Rücken, wenn er den Hebel bedient. Auch die Tatsache, dass Archimedes frei in seiner Handlung ist, dass er zwei Arme hat, dass er einen passenden Hebel und ein passendes Fulcrum gefunden hat und dass die Schwerkraft gilt, gehört dazu. Wir verstehen das Fulcrum auch als die Gesamtheit der infrastrukturellen Vorbedingungen der Hebelaktion.

Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio

Verlassen wir die direkt materielle Hebel-Fulctrums-Relation und begeben wir uns ins Virtuelle, in das Netzwerk der Erwartungen. Das Netzwerk der Erwartungen ist gewissermaßen der Layer der die Dividuumsperspektive mit der materiellen Realität verknüpft – mal besser, mal schlechter – aber immer mit materiellen Auswirkungen in der Realität.

Die Wette

Archimedes verschwendet da nicht groß Worte darauf, aber sein ganzer Versuchsaufbau basiert auf der Annahme, dass das Fulcrum „hält“.

Doch, dass etwas „hält“ ist keine physikalische oder sonstwie naturwissenschaftliche Größe, sondern eine von Archimedes implizit formulierte „Erwartung“.

Ich will ihm hier keinen Strick draus drehen, denn eine ähnliche „Erwartung“ hatte ich auch beim Hebeln an meiner Rigipswand, denn grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass das Fulcrum hält? Schlauer sind wir immer erst hinterher.

Und es mag ja sein, dass Archimedes sein Fulcrum sorgfältiger ausgewählt hat, als ich, aber ich bestehe darauf, dass auch seine Hebelaktion eine „Wette auf das Fulcrum“ war, denn jede Hebelbenutzung ist eine Wette, selbst, wenn man sich sicher ist, sie zu gewinnen.

Ich habe aufgehört, an „Kausalität“ zu glauben, oder zumindest glaube ich, der Begriff beschreibt keinen „ontologischen“ Zusammenhang in der materiellen Welt, sondern ist eher ein Maßstab für unserer Erwartungsstabilität für eine bestimmte Situation, genauer: eine grobe Heuristik für alle Übergangswahrscheinlichkeiten ab ca. 99,99 Prozent oder so.

Weil wir es mit Übergangswahrscheinlichkeiten zu tun haben, haben wir es mit Wetten zu tun und ach wenn Wetten in 99,999 Prozent gewonnen werden, bleibt das 0,001 Prozent, dass dir die alles vermasseln kann. Dennoch wirst du die Chance ergreifen, denn Hebel sind oft wichtig oder mindestens nützlich.

Wenn wir also sagen: Das Fulcrum „hält“, „beleihen“ wir das konkrete materielle Fulcrum mit einer Erwartung. Diese Erwartung ist somit ein „Asset“ in das wir investieren, sobald wir einen Hebel betätigen und dieses Asset ist wichtig, denn meist benutzen wir Hebel nicht nur einmal.

Das Portfolio

Nehmen wir an, Archimedes nutzt einen knackharten und megastabilen Stein als Fulcrum, dann wird die Stabilität des Fulcrums nicht nur von dem Stein selbst organisiert, sondern vom Untergrund, auf dem er liegt, bzw. er ist dort auf die eine oder andere Weise arretiert und dieser Untergrund basiert wiederum auf Erdschichten, die auf Gesteinsschichten basieren, die zusammen die Erdanziehung organisieren und so weiter und so fort.

Die Stabilität all dessen wird „erwartet“, ohne dass Archimedes sich in diesem Moment über jedes Detail bewusst wäre. Denkt man das Fulcrum komplex, dann ist das Fulcrum nicht nur eine Wette, sondern es eine Wette auf Wetten auf Wetten auf Wetten, etc.

Die Stabilitätserwartung der Hebelbedienung stellt sich als ein Portfolio von Wetten/Assets heraus.

Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass die Erdanziehung oder die Gesteinsschichten oder die Erdschichten sich plötzlich ändert, weswegen unser Fokus auf dem Stein liegt. Die Erwartung, dass die Schwerkraft anhält zu funktionieren, ist uns nicht als solche bewusst, so wie mir beim Schreiben dieser Zeilen nie völlig bewusst ist/bewusst sein kann, wie viel Infrastruktur „funktionieren“ muss, damit sie von meinen Fingern in die Tastatur, in den Prozessor, in das Kabel, durch das Internet, auf meinen Server, in mein WordPress und von dort in eure Augen gelangt. Weil all diese Pfade Hebel sind, die sich gegenseitig in bedienen, basiert meine einfache „Handlung“ des Schreibens auf einem ausufernden Portfolio unbewusster Wetten.

In der Technikgeschichte können wir nachlesen, wie es dazu kommen konnte. Man kann sie runterdampfen auf: Auf funktionierende Hebeln werden gern weitere Hebel gebaut, die die ersten Hebel als Fulcrum nutzen. Das Resultat ist der vielgestaltige Fuhrpark von Hebeln, Hebelstrukturen und -Aggregaten, in dessen Fulcren wir leben und arbeiten.

Anders als noch bei Archimedes basieren all unsere Hebel auf tausenden, manchmal Millionen, heute oft Milliarden mehr oder weniger speziell hergestellten, teils filigranen Hebeln und das bedeutet, dass sich jede unserer Hebelaktionen bei einem pfadabhängigen Strauß voller Fulcren verschuldet, die wir ständig als Assets im Erwartungsportfolio führen, wenn wir handeln.

Crash

Und wie die materiellen Infrastrukturen selbst, sind diese Wetten auf Wetten pfadabhängig von einander. Bricht ein Fulcrum, irgendwo ganz tief im Getriebe, brechen alle pfadabhängigen Hebel und damit auch alle pfadabhängigen Erwartungen. Fällt der Strom aus, ist nicht nur der Rechner tot, sondern auch das Licht, der Kühlschrank, der Wecker und die Kaffeemaschine und alle diese Assets verlieren ihren „Wert“ im Portfolio unserer Erwartungen. Beim Bruch mancher Fulcren, kann es zu regelrechten Börsencrashs in unserem Erwartungs-Portfolio kommen.

Das ist jetzt reine Spekulation, aber ich wette, Archimedes hat auch einige Fehlversuche durchgeführt, bevor er sein Hebelgesetz formulierte? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht ist er der einzige Mensch, dem nie eine Hebelaktion mißlang?

Zumindest verpasste er, darauf hinzuweisen, dass jede Hebelaktion eine Wette ist, obwohl auch ihm klar gewesen sein muss, dass sowas auch schief gehen kann. Oft ist es so, dass die Hebelaktion auf eine Weise schief geht, die wir nicht vorhergesehenen haben.

Ein Portfolio, das vor allem aus aufeinander aufbauenden, also pfadabhängigen Wetten besteht, hat seine Vulnerabilitäten oft an Stellen, an die wir gar nicht gedacht hatten, dass sie „wichtig“ sind und so kommt es, dass echte Crashs meist durch Fulcrumsbrüche passieren, die nur Wenige überhaupt als Möglichkeit auf dem Schirm hatten.

Was also zu tage tritt, wenn eine Infrastruktur bricht, sind unsere eigenen Erwartungen.

Das meinen wir, wenn wir sagen, dass Infrastruktur nur in ihrem Kollaps wirklich sichtbar wird. Auf diese negative Ontologie von Infrastruktur haben bereits Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star in ihrem Klassiker „Sorting Things Out“ hingewiesen, aber wir alle kennen es aus eigener Erfahrung?

Man findet oft erst heraus, wovon man „abhängig“ war, wenn die Pfadgelegenheiten, die es ermöglichte, verschwinden.

„Abhängig“ eben nicht als „individuelle Abhängigkeit“ gedacht, sondern im Pfadgelegenheits-Sinn: ohne X kann ich Pfad Y nicht nehmen. Pfadabhängigkeit.

Und wer einmal die Erfahrung des Brechens eines Fulcrums gemacht hat, weiß, was das heißt: Alle pfadabhängigen Infrastrukturen/Wetten auf Infrastrukturen kollabieren mit und weil sich diese Wetten auch horizontal gegenseitige Stabilität verleihen, crashen auch umliegende Infrastrukturen gerne mit.

Dann tritt der Seneca Effekt ein und der kann dann so ablaufen, wie das berühmte Hemingway-Zitat einer Romanfigur, die ihren eigenen Bankrott beschreibt: „First gradually, then suddenly.“

Kaskadierender Kollaps.

Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell

Die Pfadgelegenheit ist ein Versuch die menschliche Perspektive auf eine (immer schon) vernetzte Welt zu modellieren, aber ohne die Hebel:Fulcrums-Beziehung bleibt sie unvollständig. Jede Pfadgelegenheit enthält eine Mechanik, die sich als Hebel und Fulcrum analysieren lässt.

Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.

Hebel als Pfadgelegenheit

Jeder Hebel ist Teil einer Pfadgelegenheit und jede Pfadgelegenheit enthält mindestens einen Hebel. Genauer: Der Infrastrukturvektor der Pfadgelegenheit teilt sich in „Hebel“ und „Fulcrum“. Aus Krasse Links No 76:

Denkt man das Fulcrum in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.

Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.

Da die Pfadgelegenheit ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Der Hebel ist also nur eine andere Betrachtungsweise (ein anderer methodischer Blickwinkel) auf die Pfadgelegenheit und für unsere Betrachtungen des Hebel-Fulcrums-Verhältnisses bedeutet das, dass jeder Hebel in einer „Perspektive“ eingebunden ist und jede Hebelaktion als „projizierte Handlung“ in der Pfadgelegenheit latent ist, bevor sie als Hebelaktion aktualisiert wird.

Damit wird die Hebel:Fulcrum-Relation nur eine andere Sichtweise auf Pfadgelegenheiten und wir können die beiden Konzepte je nach Kontext austauschbar verwenden. Jede Pfadgelegenheit beinhaltet Hebel und Fulcrum und jede Bedienung eines Hebel macht eine Pfadgelenheit zu einen Pfad. Jede „projizierte Handlung“ beleiht eine durch eine Hebelhandlung in der Vergangenheit beliehene Erwartung.

Wann immer ich eine Pfadgelegenheit nehme, betätige ich den Hebel einer Infrastruktur, die meine Handlung unterstützt, ermöglicht, verstärkt, deren Funktionieren aber immer von einem Fulcrum weiterer Infrastruktur „gebackt“ wird. Jede Pfadgelegenheitsnutzung passiert auf Kosten eines Fulcrums (auch wenn diese Kosten oft scheinbar „vernachlässigbar“ sind, wie bei Archimedes) und ist eine Wette auf die Zukunft eines Erwartungs-Portfolios.

Die projizierte Handlung als Q-Function

Stellen wir uns vor, wie Archimedes bei seinen Hebelexperimenten vorgegangen ist. Vermutlich musste auch er erst nach passendem Hebel und passenden Fulcrum suchen und ich lehne mich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass er dabei unterschiedliche Pfadgelegenheiten zum Hebeln „eroiert hat“ und dass er sich wahrscheinlich auch das eine oder andere Mal gegen einen Hebel, oder ein Fulcrum entschieden hat. Das heißt, Archimedes hat Pfade zum Hebeln bewertet.

Ob bewusst oder unbewusst, wir sind ständig dabei, die uns zur Verfügung stehenden Pfade/Hebel zu bewerten. Ändert sich die Infrastruktur, ändert sich unsere Erwartung an die Infrastruktur. Ist sie über Jahre verlässlich, schreiben wir ihr mehr Wert zu – geben wir ihr mehr Kredit. Aber eine Infrastruktur, die heute gut dasteht, kann morgen unsicher oder ineffizient oder zu teuer sein.

In der KI-Forschung hat sich Q-Function als Konzept zur Bewertung von Pfaden in Agent-Systeme in Spielen als praktisch herausgestellt und die Geschichte ist es wert kurz erzählt zu werden:

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Wir definieren Q-Function als Bewertung eines Pfads (innerhalb einem Statuses (Zeit/Ort) unter Unsicherheit.

Auch Archimedes Fähigkeit zu Hebeln und damit Wetten einzugehen, basiert zu einem Teil auf seiner Fähigkeit, einen Pfad zu inszenieren, sich also dieses Fulcrum und jenen Hebel in der Hebelhandlung vorzustellen.

In Krasse Links no 74 habe ich anhand von Nicholas Humphrey evolutions-biologischen Überlegungen zur Evolution von Kognition in einer Amöbe darüber spekuliert, welchen relational Materiellen Freiheitsgewinn, die „projizierte Handlung“ bringt.

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Perspektive: Viabilität

Doch zurück zu Archimedes Hebelproblem: Wesentlicher Teil seiner Q-Function für Hebelpfadgelegenheiten wird die Frage bestimmt haben, ob das Fulcrum „hält“, denn er weiß: noch bevor er seine Wette überhaupt platzieren kann, muss ein Pfad „viabel“ sein.

„Viabilität“ ist ein Begriff der evolutionären Biologie und beschreibt die „Gangbarkeit“ evolutionärer Mutationen und Traits, also erstmal gar nicht, ob diese oder jene Eigenschaft „nützlich“ ist, sondern einfach, ob sie überhaupt möglich ist, ohne den Pfad zu gefährden.

Aber „Gangbarkeit“ ist die Voraussetzung eines jedes Pfads?

„Ist dieser Untergrund sicher? Wird mich dieser Grund mich halten?“

Das sind die existentiellen Fragen, die sich Hunde oft stellen, wenn sich der Bodenbelag ändert. Mein Hund Cobi, wollte, als ich ihn bekam, zuerst nicht in den Fahrstuhl einsteigen. Es dauerte, bis ich begriff, dass er keine Angst vor dem Fahrstuhl selbst hat, sondern sich nicht traute, die schwelle zum anderen, abgegrenzten Bodenbelag zu überschreiten. Erst als er es zwei, drei mal übte, fühlte er sich wohl beim In-den-Fahrstuhl-reinlaufen.

Und auch, wenn uns das in in diesem Fall albern vorkommt, ist dieselbe Angst in jeder unserer Pfadgelegenheiten eingeschrieben. Denn, wie gesagt, Pfadgelegenheiten können schief gehen.

Zugriff

Wenn Archimedes nun in die Hände spuckt und den Hebel ansetzt, dann ist die Kontaktzone zwischen Hebel und Fulcrum nicht beliebig gewählt. Genau das ist es, was Archimedes uns zu zeigen versucht. Verschiebt man den Hebel in Relation zum Fulcrum und zur hebenden Sache, dann ändert sich auch die Kraftübertragung. Ideale Kraftübertragung hat man, wenn man den Teil des Hebels, auf den man Kraft ausübt, in relativ langer Distanz zum Fulcrum hält.

Das heißt, der Ansatzort ist nicht egal? Und das gilt für jede Hebelaktion.

Für die Pfadgelegenheit bedeutet das, dass das „Fulcrum“ nicht nur die unterliegende Infrastruktur referenziert, und nicht nur die Wette, dass sie „hält“, sondern tatsächlich auch den Punkt in der Infrastruktur identifiziert, an dem der Hebel-teil der Infrastruktur „am besten/am ehesten“ angesetzt werden muss, damit die Hebelwirkung ideal oder immerhin effektiv genug übertragen/verstärkt wird, damit die Pfadgelegenenheit gelingt.

Dieses zugriffliche Fulcrum ist beim nehmen eines Weges der Belag, an dem ich meinen Schritt abstoße, beim Ansetzen eines Dosenöffeners ist es die Randsstelle der Kanne, beim Programmieren kann es zum Beispiel eine bestimmter API-Funktion sein, auf der alles basiert, oder beim Anwenden des Programms ist es die Struktur der Parameter die ich übergebe, oder an der Börse der Zeitpunkt, an dem ich eine Aktie kaufe.

Das ist der konkrete und möglichst „richtige“, möglichst effektive Punkt/Fläche/Kontakt-Zone, die den Hebel, den man mitbringt arretiert und seine Wirkung maximiert und bei komplexen Fulcren ist es oft mehr eine Kontakt-Landschaft als eine Zone.

Die Zugriffs-Topologie (oder das „zugriffliche Fulcrum“) stellt sich als die lokal wirksame Kontaktzone heraus, an der ein Hebel in ein Fulcrum „einrastet“ – so, dass aus einem gegebenen Krafteinsatz eine maximale (oder überhaupt erst ausreichende) Wirkung wird.

Die Zugriffs-Topologie ist nicht einfach „wo man drückt“, sondern die Stelle, an der Geometrie, Material und Zugriff zusammenpassen: der Übergang von Möglichkeit zu Viabilität zu Praxis. Die Zugriffs-Topologie ist die Schwelle, an der eine Pfadgelegenheit von „Konzept“ zu „machbar“ kippt, weil wir oft erst beim Ansetzen merken, ob der Hebel zum Fulcrum passt.

Jedes Fulcrum hat eine Form/Topologie und formuliert damit die Anforderungen an den Hebel, als Affordanzen.

Und oft ist die Zugriffs-Affordanz des Fulcrums bewusst hoch, verengt oder oder komplex gestaltet, um bestimmte Hebel auszuschließen. Etwa, wenn die notwendigen Unterlagen zum Beantragen für Wohngeld besonders kompliziert gestaltet werden und der Prozess sich jedes Jahr wiederholen muss, um Leute auszuschließen, die nicht verzweifelt genug, oder mit Formalsachen nicht firm sind. Oder wenn der Zuweg zu einem Ort nur durch eine Durchfahrt erreichbar ist, die Busse – und damit den Teil der Bevölkerung, der Bus fährt – ausschließt. Oder die umsichgreifende Anti-Homeless-Architektur, wie Parkbänke, die so gestaltet sind, dass sich kein Wirbelsäulen-Hebel darauf ausruhen kann.

Es gibt sehr viele Affordanz-Designs für Fulcrums zum Ausschluss von bestimmten Hebeln, aber die bekannteste ist das Schloss. Das Schloss ist eine (möglichst) einzigartig gestaltete Affordanz-Topologie, die (möglichst) nur einen einzigen Hebel (Schlüssel) zulässt. Der Schlüssel wird zur Schwelle vieler Pfadgelegenheiten (Auto, Haus, Laube …).

Von hier kann man das Konzept easy auf die Welt ausmappen:

„Eine API ohne Schreibrechte ist ein Fulcrum, das nur lesende Hebel zulässt.“

„Ein Ranking-Algorithmus ist ein Zugriffliches-Fulcrum für aggregierte Aufmerksamkeit, dessen Affordanzen Sichtbarkeitshebel verteilen.“

„Ein Dialekt oder akademischer Jargon ist ein semantisches Zugriffs-Fulcrum, das Sprecher*innen ausschließt.“

„Plattformmacht = Kontrolle über zugriffliche Fulcren mit hoher Betweenness-Zentralität auf ein möglichst großes Kontaktzonen-Fulcrum von Pfaderwartungen interlockter User (Netzwerkmacht).“

Ein Auto ist beschreibbar als Hebelarchitektur, in der jeder Hebel von einem Fulcrum anderer Hebeln anhängig ist, deren Fulcrum wieder von anderen Hebeln abhängig ist, usw. Jedes Fulcrum (Bremsen, Lager, Software, Sensoren und Straßen) wird bei der Hebelaktion „Autofahren“ belastet, verschleißt, kann kaputt gehen und auf jedes dieser Fulcren ist also eine Wette angeschlossen, die wir während des Autofahrens beleihen. Die Autohebel ist architekturell auf ein spezialisiertes zugriffliches Fulcrum zugespitzt, das es erlaubt, andere von der Nutzung auszuschließen, indem es nur mit einem ganz bestimmten Hebel bedienbar ist (Autoschlüssel).

Einige der Hebel:Fulcrums-Beziehungen und Kreisläufe des Autohebels sind mechanisch, aber andere sind elektrisch und wieder einige sind termodynamisch.

Aber auch sie sind Hebel?

Der Begriff „Entropie“ stammt aus der Praxis des frühen Dampf-Machinenbaus, weil man ein Wort dafür brauchte, dass aus dem Kessel keine „Arbeit“ mehr zu extrahieren war. In der Thermodynamik bezeichnet Entropie die Zahl der möglichen Mikrozustände eines Systems und damit eine Grenze für die nutzbare Energie. „Entropie“ ist keine naturwissenschaftlich zwingende Größe sondern eine Nutzerperspektive. Sie spiegelt das seit dem 19. Jahrhundert wachsende menschliche Bedürfnis, eine möglichst hohe und berechenbare Übergangswahrscheinlichkeit zwischen heißen nach kalten Molekülen zu organisieren, um sie als energetisches Fulcrum für Dampf-Hebel und später für Verbrennermotoren zu nutzen.

Und in der Elektrizität sprechen wir von „Spannung“ als Potentialdifferenz von gespeicherter Energie pro Ladungseinheit, aber meinen damit wieder ein Fulcrum aus möglichst hoher Übergangswahrscheinlichkeit zwischen Elektronen und positiven Atomen, an dem wir unsere steuerbaren Schaltungen als Hebel ansetzen, um Stromstärke in Pfadgelegenheiten zu übersetzen.

Nochmal Fulcrumskomplexität: Die Turing-Maschine

Das Fulcrum ist komplex. Alles, was wir unter „Mechanik“ fassen, sind eigentlich ineinandergreifende Hebel/Kopplungen, über die Kraft übertragen werden, sei es das Getriebe oder das Uhrwerk, Schaltungen oder Motoren.

Aber man kann die Tiefe der Hebel:Fulcrums-Relation am besten veranschaulichen, wenn man sie gleich auf die Turing-Maschine anwendet, die Machine der Maschinen, die „universelle Machine“.

In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, führe ich die Turing-Machine so ein:

Ein unendliches Band aus Papier zuckt vor und zurück. Es ist unterteilt in quadratische Felder. Auf manchen stehen Symbole, Nullen und Einsen, in scheinbar zufälliger Verteilung auf das Band gedruckt. Manche Kästchen sind leer. Das Band läuft durch eine Maschine, in die es eingespannt ist. Die Maschine zieht das Band mal nach links, mal nach rechts. Ein Schreib-/Lesekopf konzentriert sich immer auf das aktuelle Kästchen in der Maschine. Mal schreibt die Maschine dann etwas auf, mal liest sie die beschriebenen Kästchen, und hier und da ist sie unzufrieden mit dem Inhalt. Sie radiert das Symbol weg, und ab und an ändert sie es in ein anderes.

Mit diesem imaginierten Versuchsaufbau, so Turing könne man alle mathematisch lösbaren Probleme lösen. Zumindest theoretisch, denn Turing hat – wie Archimedes – sein Fulcrum einfach ideal gesetzt: Das Band ist unendlich und die Maschine hat ewig Zeit und Hitzeentwicklung, Bugs und Stromversorgungsprobleme gibt es auch nicht.

Als Hebel formuliert, leveraged die Maschine sich selbst, ihre Infrastrukturen, das Band und alle bereits eingelesenen Symbole, um mit dem Hebel des „nächsten Rechenschritts“ eine Aktion zu veranlassen (Band vor/zurück, Lesen/Schreiben), die Teil eines Rechenpfads ist, der ein mathematisches Problem lösen soll.

Wenn irgendwas davon schief geht – das Fulcrum bricht, hört die Maschine entweder auf, oder kommt vom korrekten Rechenpfad ab. Die Hebelwirkung verpufft und die Erwartungen kollabieren.

Turing-Machinen wurden bekannter maßen zu Computern, also Hebelmaschinen, die aus Milliarden winziger Hebeln (Bits) bestehen, die sich selbst, ihre Infrastruktur und den aktuellen Zustand ihres „Hebelaggregats“ nutzt, um wie die Turing-maschine den nächsten Rechenschritt zu marschieren. Mit diesen echten Computern gibt es natürlich so Dinge, wie „Endliche Geduld der Anwender*innen“, Hitzeentwicklung, „Bugs“ und Stromversorgungsprobleme, aber ansonsten funktioniert das schon ähnlich. Der Turing-Hebel, um zu funktionieren, braucht ein Fulcrum und das ist niemals „ideal“.

Aber das bedeutet auch, dass auch hier jedes gesetzte Bit, das in der Rechenoperation eine Rolle spielt, eine Wette ist. Eine Wette, die zwar häufig gut geht, aber alle paar Millionen mal eben auch mal nicht, weswegen moderne Computer allerlei Clearing House-Mechanismen zur Stabilisierung der Bit-Erwartung installiert haben.

Daraus kann man ermessen, wie wie komplex das Fulcrum eines Computerhebels ist, der ein einfaches kleines Video leveraged. Milliarden von Hebeln, angefangen bei denen des Betriebsystems, des jeweiligen Programms, sowie allen Daten des Videos selbst – Jedes Bit muss stimmen, damit das Video läuft. Computer sind megakomplexe Hebel aus Hebeln, aber damit eben auch Wetten auf Wetten.

Und jetzt stellt euch vor, wie riesig und komplex die Computer-Hebelstruktur einer LLM sein muss, die euren kleinen Prompt als Hebel in den Tiefen der Infrastruktur ihrer massiven Datencenter arretiert, damit das Modell damit ihren zum „Latent Space“ syndizierten Trainingsdatenwust durchforstet, um alle Kontexte aller Tokens des Prompts zum Fulcrum zu mobilisieren, an dem es die Übergangswahrscheinlichkeiten des nächsten Tokens leveraged.

Teil IV: Hebel/Fulcrum-Relation als soziale Struktur

Auch wenn Archimedes der erste sein mag, der die Hebelwirkung formalisierte, ist er mit Sicherheit nicht der erste gewesen, der die Hebelwirkung kannte oder nutzte. Ich gehe noch weiter und behaupte: Auch Archimedes wird das Hebeln bei anderen gesehen haben, bevor er es selbst ausprobierte und dann formulierte.

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, beleihen unsere Erwartungen nicht nur unsere Erfahrungen, sondern zum größten Teil die Erfahrungen und Erwartungen anderer. Niklas Luhmann hat die Erwartungen an anderer Leute Erwartung treffend „Erwartungserwartungen“ genannt und damit einen sehr nützlichen Begriff geschaffen.

Denn unsere Erwartungen sind nie wirklich unsere. Alles, was wir glauben, von der Welt erwarten zu können, haben wir von anderen gelernt, zu erwarten. Natürlich machen wir auch eigene Erfahrungen, aber auch diese aus eigenen Erfahrungen geronnene Erwartung ist immer eingebettet in unseren erwarteten Erwartungen – Der Erwartungsrahmen deiner Erfahrungen ist immer sozial.

Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:

  1. Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
  2. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
  3. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.

Weil wir unsere Hebel alle auf die eine oder andere Weise „geerbt“ haben, beleihen wir nie nur eigene Erfahrungen, wenn wir Hebel benutzen, sondern die aggregierten Erfahrung und damit Erwartungen anderer. Und wenn unser Fulcrum bricht, bricht deswegen auch immer mehr, als nur unser Fulcrum.

Erwartungserwartungen als Q-Function

Wir erwarten, dass der Hebel/die Pfadgelegenheit funktioniert (die Straße befahrbar ist, meine Überweisungen ankommen, der Server erreichbar ist) nicht (nur) weil es unseren eigenen Erfahrungen entspricht, sondern weil es eine „allgemeine Erwartung“ ist, die sich bei genauerem Hinsehen immer als eine konkret aquirierte Erwartung von anderen herausstellt, die wir uns angewöhnt haben, zu beleihen, weil uns die Realität (noch) keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat, bzw. andersrum: jede unserer Erfahrung einer geglückten Hebelaktion re-inforced die Wertzuschreibung, die wir andernorts aquirierten.

Q-Function ist sozial.

Dass Pfadgelegenheiten gesellschaftlich für „einiger maßen sicher“ befundene Infrastruktur sind, kann man gut am Adaptionsprozess neuer Pfadgelenheiten beobachten.

Als die Pfadgelegenheit „Linienflug“ eingeführt wurde, musste das Vertrauen in diese Infrastruktur erst mühsam durch die Gesellschaft perkulieren. Bis alle irgendjemand kannten „der schon mal geflogen ist“. So akkumuliert sich investiertes Vertrauen in Infrastruktur und diese Erwartungsstabilität ist das Fulcrum, was Linienflüge im heutigen Maßstab ermöglicht.

Boeing hat diese Fulcrum zuletzt über Gebühr geleveraged, indem sie Kostenreduktion vor Sicherheit stellten. Eine riskante Wette, aber unsere Gesellschaft gewöhnt sich ja gerade an so manches?

Aber Vorsicht: Nur, weil bestimmte Wetten in der Vergangenheit regelmäßig „geglückt“ sind, heißt das nicht, dass sie aufhören, wetten zu sein?

Ihr kennt das Gefühl, wenn ihr plötzlich feststellt, dass ihr eine Erwartung an die welt hattet, von der ihr vorher gar nicht wusstet, dass ihr sie hattet?

Also ich hab das vor allem in letzter zeit sehr oft. Eigentlich crasht grad jeden Tag ein anderer Teil meines Erwartungs-Portfolios.

Mein Argument ist dies: wo das herkommt, ist noch sehr, sehr, sehr viel mehr. Von unseren Erwartungen sind uns nur über die der Oberfläche bewusst.

Wenn die unbewussten Erwartungen aber einbrechen, werden sie – wie andere Infrastruktur auch – im „Kollaps sichtbar“.

Und das ist schmerzhaft.

Im Pfadgelegenheitsepxlainer struktuiriere ich die menschliche Q-Function grob so:

Ich schlage folgende „Outline“ für eine menschlichen Q-Function vor:

  1. zuerst die generelle „Viabilität des Pfades“: ist der Pfad überhaupt beleibar und kann damit plausibel sein?
  2. Bei neuen am wichtigsten Pfaden: wie „fühlt“ sich dieser Pfad an? Pfadbewertungen sind nie nicht emotional.
  3. Bei etablierteren Pfaden wird das gefühl zurückgedrängt durch das Portfolio der implizit beliehene Erwartungen an die Infrastruktur (an das Fulcrum) der Pfadgelegenheit. Der Kredit, den man sich jedesmal einräumt, wenn man beim nutzen einer Pfadgelegenheit erwartet, dass sie „hält“.
  4. Das wiederum beleiht die eigene Erfahrung, das Vertrauen in Institutionen und die erwarteten Erwartungen anderer, und damit auch ihre erwarteten Erwartungen usw. Das ganze Gefleicht.
  5. Dazu addiert man „imaginierte Pfadmöglichkeiten“ und „inszeniert Pläne“.
  6. Kosten: Jeder Pfad hat Kosten und sei es, die Anstrengung, ihn zu gehen. Es gibt sicher keine Homoökonomicus Kosten/Nutzen Rechnung, aber Kosten sind zum einen ein materieller „Limiting Factor“ und kommerzielle Handlungen werden mit der Zeit habituell (Es entsteht ein „Preisbewusstsein“) Kosten spielen nie nicht eine Rolle, wenn man kein Milliardär ist.
  7. Wenn man schlau ist, schließt man noch ein mehr oder weniger sophisticates „Risk Assessment“ an?
  8. Und dann die bange Frage: Passiert der Pfad den „Blick des Anderen“? (Er ist teil der „Perspektive“ des Dividuums. Braucht der Pfad vllt besondere Erlaubnisstrukturen? Liegen sie zur Hand? Kann ich den Pfad verantworten?

Das muss nicht in dieser Reihenfolge abgecheckt werden und passiert größtenteils parallel, aber ich denke so grob könnte die menschliche Q-Function aussehen.

Das Adaptieren von Infrastrukturen geht also einher mit einem wechselseitigen Beleihen von Erwartungen an diese Infrastruktur und das kann man bei jeder Adaption neuer Hebel beobachten: Da sind wir alle unterschiedlich risikobereit sind, ist es die Vorhut der „Early Adopter“, die sich als erstes aufmacht, um neue Pfade zu erkunden. Wir anderen folgen erst, wenn sie das OK signalisieren.

Es brauchte Unmengen an neuer Technik, Institutionen, Regulierungen und Massen an Marketing, bis der Linienflug als „viabler“ Pfad in die Erwartungs-Portfolios der Menschen wanderte. Dass diese Pfadgelegenheit „hält“, ist kaum an eigener Erfahrung abzumessen, weswegen wir uns vor jedem Linienflug sagen: „rein statistisch ist es das sicherste Fortbewegungsmittel der Welt“, was nur eine andere Art ist, aggregierte Erfahrungen anderer in unsere Q-Function zu integrieren.

So funktioniert das aber überall: Ich investiere nicht nur in ein Asset, nicht weil ich persönlich und „individuell“ an seine Viablität und Werthaftigkeit glaube, sondern weil ich auch daran glaube, dass andere daran glauben. Unsere Erwartungen sind von unseren Erwartungserwartungen – also unsere Erwartungen der Erwartungen anderer – kaum zu trennen.

Erwartungen haben also immer zwei Bezugspunkte: eine materielle Erwartung, die bricht, wenn das Fulcrum bricht und eine semantische – die Erwartungserwartung – die bricht, wenn die Erwartungen anderer brechen. Das fällt nicht oft auf, denn weil wir dieselbe Welt bewohnen bricht oft beides gleichzeitig, wobei es sich immer lohnt, genau hinzuschauen, welche Erwartungen bei wem bereits wie eingepreist sind. Jeder Fulcrumsbruch braucht Interpretation.

Aber das bedeutet auch, dass meine Entscheidung in einen Pfad zu investieren und einen Hebel zu bedienen, nie für mich bleibt. Meine Investitions-Entscheidung wird wahrgenommen und andere reaktualisieren daraufhin vielleicht den Wert ihrer Assets.

Ganz gezielt wird der Effekt in der Werbung genutzt, die zu 90 Prozent attraktive, relatable Menschen zeigt, die die beworbene Pfadgelegenheit „vorahmen“ und so versuchen, sie als „gesellschaftlich viabel“ vorzuzeigen und so mit „Wert“ aufzuladen. Aber wichtiger sind heute Bewertungen in Online-Portalen geworden. Wir verlassen uns gern auf „authentische“ erste Handberichte, um den Wert von Pfaden zu bestimmen. Aber am Liebsten natürlich von Freunden oder anderen Menschen, denen wir vertrauen.

Aber im Netzwerk der Erwartungserwartungen findet sich auch die „Institution“. Institutionen sind materiell-semantische Komplexe, die als „Clearing House“ der gesellschaftlichen Erwartungsportfolios fungieren und so zu Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erwartungserwartungen werden.

Da wir gerade in einer Zeit der Crashenden Erwartungsportfolios stecken, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob wir etwas aus dem Crash lernen, davon abhängen wird, dass wir ihn richtig interpretieren. Jeder Crash ist eine Pfadgelegenheit zur grundsätzlichen Rejustierung der Erwartungserwartungen.

Fulcrumsvergessenheit

Noch mal zu Archimedes Annahme, dass das Fulcrum „halten“ wird. Das ist mehr als nur eine Behauptung, das ist mehr als eine Wette, es ist auch eine „Geste“.

Hier eine weitere These: Die „Annahme“ eines stabilen Fulcrums ist einstudiert.

Damit will ich Archimedes nicht als „Poser“ darstellen, ich glaube wirklich, dass er selbst gehebelt hat und aus eigener Erfahrung berichtet. Dabei wird ihm durchaus schon aufgefallen sein, dass das Fulcrum fragil ist oder zumindest sein kann, „aber so unterm Strich“ – wird er sich gesagt haben – „und wenn man etwas bei der Fulcrumsauswahl ein bisschen aufpasst“, dann ist so ein Fulcrum zumindest „stabil genug“, weswegen wir diesen Faktor in der Praxis des Hebelns auch „vernachlässigen“ können.

Hier ist mein Punkt: Das als „stabil“ gesetzte Fulcrum ist Ausdruck einer bestimmten Subjektivität und ist vielleicht noch mehr als die Gedanken Descartes für die „Fulcrumsvergessenheit“ (in Krasse Links sprach ich bisher von „Infrastrukturvergessenheit“ aber Fulcrumsvergessenheit trifft es besser) des westlichen Denkens verantwortlich?

Wenn Descartes sagt, „Ich denke also bin ich“, setzt er das „Denken“ ebenso wie Turing die Maschine und wie Archimedes das Fulcrum als „fixes Ideal“, und „vernachlässigt“ seine Pfadabhängigkeiten. Auch Descartes interessiert sich nicht für die Bedingungen der Möglichkeit seines Tuns.

Denken, insbesondere das Denken das Descartes praktiziert, das abstrakte Denken, ist Übungssache? Das kann man nicht von klein auf, das kann man auch nicht unbedingt als Erwachsener, jedenfalls nicht einfach so, sondern man lernt es durch Anleitung und Übung über Zeit. All das verschweigt uns Descartes.

Was er uns außerdem verschweigt, ist, dass Denken nicht einfach nur im Kopf stattfindet, sondern die Sprache als Fulcrum benötigt.

Descartes braucht „Unterscheidungen“, wenn er von „ich“ /du, sie, es …, „Denken“ / Sprechen, Handeln, Schlafen … und „Sein“ /Nichtsein spricht. Wo, wenn nicht aus der Sprache hat er seine Unterscheidungen her?

Wie Turing und Archimedes vernachlässigt Descartes in Wirklichkeit ein komplexes Fulcrum (das der eigenen Sozialisation, Sprach- und Denkerwerb) und setzt es zum Hebeln „ideal“ (so wie es die „Westliche Vernunft“ für die Welt ansich tat), um uns den Floh mit dem „Individuum“ ins Ohr zu setzen, das getrennt von seiner Welt lebt.

Der Subjektentwurf des Individuum, als eines von der Welt unabhängigen Agenten, basiert auf exakt dieser Geste der Idealisierung von Fulcren. Ebenso basiert darauf die „Schwerelosigkeit der unverbundenen Handlung“und der „universelle Blick der Objektivität“. Verschwiegen wird Geschichte, Perspektivität, Infrastruktur und Fulcrum. Diese „Vernachlässigung“ ist eine „Verdrängung“, die das Individuum ermöglicht und hervorbringt.

Und deswegen fällt es uns zum Beispiel schwer zu verstehen, dass jede „Innovation“ nur die pfadabhängige Spitze eines Eisbergs aus Infrastruktur ist. Marianna Mazzukato hatte in ihrem Buch The Entrepreneurial State darauf hingewiesen, dass so gefeierte Produkte wie das iPhone fast ausschließlich aus den kompilierten Ergebnissen öffentlich geförderter Forschung bestehen.

Innovation beruht also nicht nur auf der Arbeit anderer, sondern der Arbeit, auf der deren Arbeit beruht, usw. Sowie auf einem Bildungssystem und einer Forschungslandschaft, die Bildungs-Pipelines von der Grundschule über die Unis bis die Entwicklungs&Forschungsabteilungen der Unternehmen bereitstellt, etc. Und ein Billionschwerer Rüstungshaushalt, der jährlich viele Milliarden in die Infrastruktur reinpumpt ist auch ganz hilfreich. Daher kommt der Microchip, so wurde das Internet geschaffen, GPS und so vieles andere.

Aber aber wir Verdrängen auch, dass unsere eigene „Agency“ ebenfalls immer Infrastrukturvermittelt ist – also Fulcrumsabhängig, weswegen ich so weit gehe, den Begriff „Handlung“ ab jetzt nur noch in Anführungszeichen zu schreiben, weil wir es sich bei „Handlungen“ in Wirklichkeit immer um das Nehmen von Pfadgelegenheiten handelt.

Was damit aber natürlich auch verdrängt wird, ist, wie tief das Fulcrum unserer sogenannten „Handlungen“ geht. Wenn ich sage, dass ich mal eben von Berlin nach Hamburg fahre, dann Referenziere ich damit eine Bahnfahrkarte, die das Fulcrum einer Infrastruktur mobilisiert, die von Millionen Menschen erstellt wurde und gewartet wird. Und mache meiner Handlungen, etwa das öffentliche Philosophieren hier, ist pfadabhängig von einem Fulcrum an Rechten, Institutionen und an gesellschaftliche und politische Stabilität, was mein Schreiben hier jeden Tag zu einer riskanteren Wette macht. Außerdem brauche saubere Luft zum Atmen, genug zu Essen, körperliche Gesundheit und Sicherheit und natürlich stabile klimatische Bedingungen.

Viele – ich inklusive – haben lange die Tatsache verdrängt, dass der Kapitalismus ihnen zwar immer wieder auch neue schicke Hebel anbietet – die dich aber hintenrum wiederum zum Fulcrum der nächst größeren Hebel macht, die die Kapitalisten kontrollieren.

Semantik

Die wesentliche Erkenntnis, die ich aus meiner tieferen Beschäftigung mit LLMs für das Böckler-Paper gewonnen habe, ist dass LLMs unserer Spracherwartungen als Fulcrum nutzen, um in unserer Aufmerksamkeit plausible Pfade zu hebeln.

Aber das tun auch wir, wenn wir sprechen und schreiben?

In Krasse Links No 74 geht es um Sprache und da führe ich Saussure, den Urvater der modernen Linguistik, so ein.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Eine andere wichtige Unterscheidung von Saussure ist die zwischen „Parole“ (angewendete Sprache/Sprachakt) und „Langue“ (angenommene Spracherwartungen), weswegen ich mir erlaube, ihn relational materialistisch umzudeuten:

„Parole“ sind die Hebel, die auf dem Fulcrum der „Langue“ operieren.

Luhmanns Beobachtung der „Erwartungserwartungen“ sagt nichts anderes, als dass unsere Erwartungen vernetzt sind und als Erwartungsraum die semantischen Bahnungen vorzeichnen, in den wir denken und sprechen. Diese Bahnungen sind Pfadgelegenheiten in den Erwartungserwartungen und bilden die zur Verfügung stehende semantische Infrastruktur, in der wir leben und uns ausdrücken und kreiert dabei eine spezifische Beobachterperspektive – die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit mit einem spezifischen Wissen ausgezeichnet ist.

Semantik ist die Infrastruktur, mit der wir uns in der Welt orientieren und „kommunizieren“, mit der wir Wahrnehmen, Unterscheiden, Einordnen und Schlüsse ziehen und uns dabei beoachten und wechselseitig auf Pfade folgen.

Kommunikation

„Kommunizieren“ geht so: Ich entwickle eine Erwartung an eure Erwartungen (Erwartungserwartungen) und nutze sie als Fulcrum, um mit semantischen Hebeln diese angenommenen Erwartungen einerseits in vielen Details zu erfüllen – (z.B. in dem ich Worte wähle, die ihr versteht), aber an entscheidenden Stellen versuche, sie auch zu irritieren. Das muss ich tun, um mich auszudrücken, also den Unterschied zu informieren, den mein Unterschied bedeutet. Mein Unterschied ist eine Erfahrung, die meine Erwartungskontinuität durchbrochen hat, so dass sie zur „Information“ wurde und mittgeteilt werden will.

Kommunikation funktioniert also als Hebel ähnlich, wie das Public Key Verfahren (Asymmetrische Verschlüsselung) in der Kryptographie. Das Public Key-Verfahren leveraged das Fulcrum veröffentlichter „Public Keys“, um die Pfadgelegenheit einer wechselseitigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselns zu ermöglichen.

Stellen wir uns einen Public-Key-Server vor, der Public-Keys für jede Semantik (jede sprachliche und inhaltliche Erwartungserwartung, „die Semantik der Gesellschaft“, wie Luhmann es nennt) vorhält, also jedes Wort, jede Aussage, jede Rhetorik, jede Andeutung, jede Theorie, jede Geschichte, usw.

Wenn Alice Bob etwas sagen will, greift sie sich mit jedem Wort, dass sie formuliert den passenden Public-Key in der Hoffnung, dass Bob den Private Key dafür hat (die erwartete Erwartung). Jeder Sprachakt ist ein Portfolio von auf einander aufbauenden Wetten, die hier die einzelnen Verschlüsselungen repräsentieren.

Der Keyserver ist aber nicht direkt öffentlich, sondern selbst Privat in Alice Kopf – ihre Erwartungen an Bobs Erwartungen sind ihrerseits Erwartungen. Und weil Erwartungen von Realität abweichen, führt sie für Bob einige Public-Keys, für die er keine Private Keys hat oder Private Keys, die die Semantik ganz anders entschlüsseln, als das, was Alice meint. Kommunikation geht oft schief geht und auf gewisse Weise immer, denn die beliehene Infrastruktur führt immer in undurchsichtige Pfade. Wenn der Pfad bricht, weil eine semantische Pfadgelgenheit nicht tragfähig ist, misslingt Kommunikation.

Alice wird also versuchen, sich in ihrer Kommunikation an „gut abgehangene“, d.h. gesellschaftlich mehr oder minder populäre Pfade zu halten, um die Kommunikation sicherzustellen. Die Verbreitungserwartung des zugrifflichen Fulcrums (installed Base) einer Semantik entspricht ihrem Koordinationsnutzen – hence Preferencial Attachment.

Wenn ich also neue Begriffe einführe – zum Beispiel „Fulcrum“, dann habe ich ein Problem. Das Fulcrum der Menschen, die ein zugriffliches Fulcrum für den Begriff haben ist klein und es gibt wenige, die dem Begriff Kredit geben, was die ansetzbare Hebelwirkung erstmal verringert.

Was ich in diesem Text deswegen versuche ist, mich von Fulcrum zu Fulcrum zu schwingen. Ich führe den Begriff möglichst einfach ein, zweige seine Nützlichkeit in verschiedenen Zusammenhängen ab, indem ich sie jeweils im nächsten Schritt leverage, um etwas zu erklären, um damit die nächst komplexere Verwendung des Begriffs „Fulcrums“ zu beleihen, usw. Mit jeder Anwendung, mit jedem Kontext – so meine Hoffnung – wird nicht nur das Verständnis des Begriffs erweitert, sondern der Begriff auf einem abstrakteren Level „geschärft“ und generalisiert und wird damit mit immer mehr Kredit versorgt, so dass er immer „beleihbarer“ wird, so ich immer größere Hebel daran ansetzen kann, usw.

Ein Teil des Kredits erhoffe ich mir allerdings nicht nur aus der aus der Wiederholung, sondern genau aus der Differenz der Kontexte, in denen er sich wiederholt. Und die Kontexte sind ebenfalls nicht beliebig, sondern versuchen auf beleihbaren Erfahrungen und Beschreibungen der Welt zu hebeln, die jeder für sich in ihrer Plausibilität prüfen kann.

Doch es ist auch riskant. Wenn die Beispiele nicht überzeugen, wenn das Narrativ versagt, wenn die geleveragten Kontexte nicht überzeugen, bricht das Fulcrum, zumindest ein bisschen. Deswegen bin ich auf Feedback gespannt. Die Theorie ist neu, da sitzt noch nicht jede Schraube fest.

Wenn die Wette aufgeht, hoffe ich auf dem sozialen Layer (Erwartungserwartungen), dass euch, den Leser*innen, der Begriff im Laufe der Zeit schlüssiger und intuitiver wird, vielleicht nützlich erscheint und von manchen von euch sogar adaptiert wird. Ich schaffe hier also Anlässe, um euch zu motivieren, in den Begriff zu investieren (Aufmerksamkeit, Integration ins eigene semantische Pfadgelegeneits-Portfolio), dem Begriff Kredit zu geben und mal schauen, welche Pfadgelegenheiten er euch ermöglicht.

So entstehen immer mehr Anlässe für andere, selbst in diesen Begriff zu investieren (preferancial Attachment) und die jeweiligen Kredite, der jeweiligen Pfadgelegenheiten beleihen sich beim Wachstum immer stärker gegenseitig (Netzwerkeffekte) und was ich hier die ganze Zeit eigentlich mache, ist euch die Investitionions-Pfadgelegenheit „Fulcrum“ schmackhaft zu machen, denn natürlich hab ich auch was davon, wenn der Begriff „Fulcrum“ ein größeres Fulcrum bekommt, denn je größer das Fulcrum, desto größer wirken rückblickend die semantischen Hebel.

Iteration

Auch Derrida hat darauf hingewiesen, dass wir uns immer bei den semantischen Infrastrukturen verschulden, wenn wir sie benutzen. Wenn ich hier zum Beispiel den Namen „Derrida“ iteriere, erreicht das Menschen mit bestimmten Erwartungen. Manche winken vielleicht ab, manche haben den Namen noch nicht gehört, andere werden aufmerksam. Aber egal, wie die Reaktionen sind, sie basieren auf Erwartungen (oder der Abwesenheit von Erwartungen) die sich entlang von „Erfahrungen“ strukturiert haben. Manche kennen den Namen aus der Zeitung, aus Büchern, aus Debatten, Erwähnungen, manchmal sogar über die Werke selbst.

Und hier ist der Clou: Zwar kenne ich diese anderen Zusammenhänge, aus denen ihr „Derrida“ kennt, nicht, aber ich „leverage“ die Einschätzung, dass bei „vielen“ eine „gewisse“ Derrida-Erwartung da ist, als zugriffliches Fulcrum (damit implizit der materielle Korpus seiner Texte, Sekundärliteratur und seine Wikipedia-Page), um euch etwas neues (oder vielleicht nicht) über Derrida sagen zu sagen. Dafür „verschulde“ ich mich bei der semantischen Pfadgelegenheit „Derrida“, weswegen ich peinlich darauf bedacht bin, ihr hier auch „gerecht“ zu werden, eine „gültige“, eine „akzeptable“ Iteration anzubieten.

In KL74 schrieb ich weiter:

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Es gibt in der Sprache – wie in der Ökonomie – zwei Pfade:

Der horizontale Pfad des Sagens/Hörens/Lesens/Schreibens reiht die Tokens/Worte in nach Übergangswahrscheinlichkeiten organisiert als „plausible Reihenfolge“ an und der vertikale Pfad versorgt jeden einzelnen Token/jedes einzelne Worte mit „Bedeutung“ und zwar durch Anreicherung leveragebarer Spracherwartung aus den Iterationen erinnerter Sprachakte.

Und weil Semantiken pfadabhängig sind und der „Sinn“ und damit der „Wert“ von „Derrida“ auf ganz viel anderer semantischer Infrastruktur basiert und weil auf „Derrida“ wiederum ganz viel andere semantische und teils auch ökonomische Infrastrukturen basieren, ist jede Iteration von „Derrida“ auch immer eine Wette auf die Gesamtinfrastruktur und setzt sie unter ein gewisses Risiko.

Ich bilde mir nicht ein, diese Infrastruktur beschädigen zu können, noch das ich das überhaupt wollte, um Gottes Willen. Was ich stattdessen machen möchte, ist auf dieser Infrastruktur einen weiteren Pfad aufzubauen (und auf Donna Haraway und so vielen anderen).

Und ich hoffe, dass ich Derrida nicht überleverage, wenn ich KL74 folgere, dass die Funktionsweise der „Semantik“ der LLMs genau auf Derridas Konzept der „Iteration“ abstellt:

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Der Kognitivismus und das Individuum sind keine belastbare Infrastruktur mehr. Ich empfehle, zu de-investieren.

Logik und Argumente

Syllogismus, relational materialistisch umformuliert, hört sich so an:

Ich beleihe die beiden Aussagen „Alle menschen sind sterblich“ und „Sokrates ist ein Mensch“ und nutze sie als „Fulcrum“, an dem ich das Wissen um „Logik“ und sprachlichen Ausdruck als Hebel anlege, um die Aussage „Sokrates ist sterblich“ zu finanzieren.

Jetzt könnte man sagen: Jaha, aber die Aussage ist ja trotzdem „wahr“?

Dazu sage ich: Klar, es gibt Aussagen, die robuster finanziert sind, als andere Aussagen und „Logik“ ist die Sammlung von in der Realität oft als richtig festgestellten Schlüssen –

Und dennoch: es gibt Angreifbarkeiten? Zweifle ich eine der beiden beliehenen Prämissen an, fällt das Konstrukt.

Es gibt Menschen, die anzweifen würden, dass alle Menschen sterblich sind und es gibt Menschen, Sokrates für eine Fiktion halten. Der Schluss ist nur so viel wert, wie das Fulcrum beleihbar ist, wir ihm Kredit geben.

Und so ist das mit all unseren Aussagen/Argumenten?

Wenn ich etwas gegenüber jemanden argumentieren will, suche ist erstmal ein gemeinsames Fulcrum, auf dem ich hebeln kann, also Aussagen und Annahmen über die Welt, die ich und mein Gegenüber für „kreditwürdig“ halten und dann versuche ich in diesen gemeinsam beglaubigten Bausteinen einen Pfad zu inszenieren, der das gemeinsame Fulcrum beleiht, um meinen Punkt zu machen.

Wir bewegen uns nie außerhalb unserer Erwartungen, weswegen unsere Erwartungen der „Blinde Fleck“ unserer Perspektive ist.

Aber wenn man Weltwahrnehmung auf der Ebene der Erwartungen rendert, werden alle Aussagen zu „Wetten“. Wetten darauf, dass die eingesetzten Semantiken genug durch Realität „gebackt“ sind, aber eigentlich und vor allem, dass sie von den Rezipent*innen „akzeptiert“ werden.

Wirklichkeit

Wirklichkeit ist – einerseits das Portfolio an „belastbaren“ Erzählungen über die Welt, in die ein Dividuum investiert ist.

Jede Beobachtung, die wir machen, leveragen wir anhand und entlang unseres Wirklichkeits-Portfolios. Aufmerksamkeit erhascht vor allem, die Abweichung der erwarteten Pfade, denn eine Information ist erst dann eine Information, wenn sie einen Unterschied macht.

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die andere (tot oder lebendig) beobachten, die Welt zu beobachten, besteht unser gesamtes Portfolio aus gesellschaftlich mehr oder minder ausgetreten Pfaden, also oft und vielfältig beliehene Fulcren.

Wirklichkeit – gesellschaftlich verstanden ist also auch das Aggregat gemeinsam beschrittener semantischer Pfade, also die Struktur sich überschneidender Portfolios, an denen verteilte Dividuen, ihre Beobachtungen und Kommunikationen leveragen.

Wirklichkeit ist die wechselseitig beglaubigte Realitätsbeschreibung, in der wir leben. Sie ist zweifach „gebackt“, einerseits durch die eigene Erfahrung und andererseits durch die erwartete Erwartungskontinuität der anderen.

Die meisten und vor allem Grundlegensten Erzählungen, in die wir investiert sind, sind die, die uns nicht bewusst sind, dass wir sie haben. Würde man uns darauf ansprechen, wären wir überrascht, dass diese Erzählung überhaupt zur Debatte steht, weil wir sie eher unter „Kausalität“ gespeichert hatten, statt als Erzählung/Übergangswahrscheinlichkeit.

Das hat den einfachen Grund, dass viele unserer grundlegenden Erzählungen so alt und allgegenwärtig sind, dass wir aufgehört haben, sie als Erzählungen zu erkennen.

Wir alle werden in einem konkreten Ort in der Matrix geboren. Die Erzählungen mit denen wir aufwachsen, mit denen unsere Eltern aufgewachsen sind, mit denen alle um uns herum aufgewachsen sind, bilden die „Wirklichkeit“, wie sie uns gegeben ist.

Erst mit der Zeit fängt man an (wenn überhaupt) einige der Erzählungen in Frage zu stellen. Sei es, dass man auf bereits ausgelegte kritische Pfade gelangt, die einem die Erzählung unplausibel macht, sei es, dass wir sie nicht mehr mit der eigenen Erfahrung Backen können und uns auf die Suche nach alternativen Pfaden machen.

Wenn du aus der Matrix ausbrechen willst (aus einem bestimmten Strang in der Matrix, ganz verlassen können wir sie nie) brauchst du immer beides: Die Erfahrung des Zusammenbruch des Pfads auf dem du bist und die Möglichkeit einer gesellschaftlich viablen Pfadalternative.

Öffentlichkeit

In Krasse Links No 23 führe ich für die vernetzte Öffentlichkeit das Bild eines Trommelkonzerts ein.

Stellen wir uns 1000 Trommelnde vor, jeder trommelt seinen eigenen Beat: Ein großes Krachkonzert. Jeder hört den Beat seiner jeweiligen Nachbar*innen und wird unwillkürlich versuchen, sich zu synchronisieren. Es bilden sich kleinere und größere Beat-Cluster, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Und nach noch etwas mehr Zeit wird sich ein hegemonialer Beat herauskristallisieren, also das, was Bruce Sterling das „Major Consensus Narrative“ nennt. Nebenher gibt es viele ähnliche, aber abweichende Rhythmen und einige echt schräge Töne; doch der Hauptbeat übertönt alles.

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die 1000 Trommeln unterschiedlich groß sind. Nur die wenigsten verfügen über die Möglichkeit eines Paukenschlags. Die meisten trommeln auf ihren Bongos den Rhythmus der Pauken nach oder versuchen, durch einen besonders originellen oder geschmeidigen Beat viral zu gehen. Doch unter dem Strich wird der „Major Consensus Beat“ in 8 von 10 Fällen durch diejenigen mit den großen Trommeln vorgegeben.

Medien sind Beatverstärker und Generatorien in einer dynamischen Übergangsmatrix aus narrativen Pfad-Aktualisierungen. Einerseits berichten sie über Ereignisse und gleisen damit Narrative auf, anderseits agieren sie niemals unabhängig voneinander. Niemand konsumiert so viele andere Nachrichten, wie Journalist*innen und alle Medien schauen einander die Schlagzeilen ab. Denn wichtig ist, was andere wichtig finden.

Die narrativen Pfade, die damit immer wieder aufgegleist werden, strukturieren unsere Weltwahrnehmung. Natürlich gibt es eine gewisse Heterogenität der Narrative – abweichen ist erlaubt, doch diese sind für normale Menschen schwer zu finden.

Warum wir ihnen die Narrative abkaufen? Weil sie nützlich sind.

Narrative versprechen, die Entropie der Zukunft zu entstören, indem sie die Gegenwart entlang von populären Pfaden weitererzählen. Narrative sind wie Beats, sie ordnen die Zeit und sind dabei sozial ansteckend. Man lernt den Rhythmus, übt ihn ein und führt ihn fort.

Beide, das Narrativ und der Beat strukturieren die Zeiterwartung des Dividuums und im relationalen Materialismus geht es deswegen häufig darum, den Beat hinter den Tanzmoves zu erkennen.

Wissen

Wenn man in den ganz alten Texten, wie der Bibel oder frühe Niederschriften von Sagen und Mythen liest, findet man da alle möglichen widersinnige Details, wie wer mit wem verwandt ist oder wieviel Ziegen für ein Schaf getauscht wurden, und wie man ein Kalb schlachtet und so.

Und die einfachste Erklärung dafür ist, dass diese Texte nicht nur Religion, sondern ein Fulcrum für die gesellschaftliche Verbreitung nützlichen Alltagswissens waren.

Jedes wissen braucht ein Fulcrum. Also wiederum ein „Wissen“ + ein materielles Medium (Wetware/Harware), das du beleihst, um informationelle Infrastruktur anzuschließen.

Im Neuen Spiel definierte ich über Wissen so:

Wir verwenden die Begriffe Daten, Informationen und Wissen im Kontext von Informationsökonomie und -gesellschaft in diesem Buch wie folgt.

Information ist der wesentlichste Begriff in dieser Gruppe. Der Philosoph Gregory Bateson definiert sie genial einfach: »Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.« Das klingt erst einmal kryptisch, ist aber sehr schlüssig, gerade wenn die Definition mit den Begriffen »Daten« und »Wissen« verbunden wird.
Daten begreifen wir als den ersten Unterschied in dieser Definition. Daten sind Unterschiede. Sie sind alles, was sich mittels der Unterscheidung zwischen Null und Eins ausdrücken lässt. Das bedeutet, Informationen bestehen aus Daten, und wir können festhalten: Informationen sind Daten, die einen Unterschied machen. Doch wie und wo machen diese Daten einen Unterschied, wo finden wir Unterschied Nummer zwei?

Systemtheoretiker sagen an dieser Stelle: im System – im psychischen oder sozialen System. Wir wollen den Systembegriff aber lieber ausklammern und sagen gleich »im Wissen«. Wissen ist für uns ein Netz aus Informationen. Wissen besteht aus Informationen, die mit anderen Informationen verknüpft sind. Mein Büro ist am Weichselplatz, der Weichselplatz ist in Neukölln und hat eine Wiese, auf einer Wiese wächst Gras, und so weiter.

Daten sind also Information, wenn sie im Wissen einen Unterschied machen. Und das sieht so aus: Eine Information knüpft sich an das Wissen an, sie wird Teil des Netzwerkes. Sie kann jedoch nur anknüpfen, wenn sie anschlussfähig ist. Wenn ich höre, dass Robin Williams gestorben ist, ihn aber nicht kenne, dann ist das zwar ein Datum (Singular von Daten), aber keine Information. Erst wenn ich weiß, dass Robin Williams ein berühmter Schauspieler war und ich vielleicht schon Filme mit ihm gesehen habe, dann wird das Datum seines Todes überhaupt zur Information.

Eine Information ist also immer nur eine Information im Zusammen-hang mit einem bestimmten Wissen. Das Wissen von Menschen ist unterschiedlich. Was für den einen eine Information ist, ist für den anderen bloßes Datum. Daneben gibt es noch das gesammelte Weltwissen, das Wissen der Medizin, das Wissen der Rechtswissenschaft oder das Wissen der Wunderheilung. Wir verwenden den Begriff Wissen nicht im aufklärerischen Sinn – als gerechtfertigte, wahre Meinung –, sondern bezogen auf ein konkretes Netz aus Informationen – egal, ob diese der Wahrheit entsprechen. Wir implizieren, wenn wir von Informationen sprechen, dass es ein Wissen gibt, an das diese Information anschlussfähig ist, und zwar auch dann, wenn wir dieses Wissen nicht konkret benennen. Die Trias Daten, Information und Wissen lässt sich so zusammenfassen: Informationen sind Daten, die an ein Wissen anschlussfähig sind.

Heute kann ich genauer Sagen: das bereits vorhandene Wissen ist das Fulcrum, mit dem durch den Hebel der Beobachtung (Datenaufnahme) neues Wissen geleveraged wird (zu Information verarbeitet wird/an das Wissen angeschlossen wird). An jedem Wissen kann man nur bestimmtes Wissen anknüpfen (Zugriffs-Fulcrum), nicht jedes Wissen lässt sich für jeden Unterschied beleihen. Wenn meinem Wissens-Portfolio für ein bestimmtes Datum das passende Zugriffsfulcrum fehlt, kann ich es nicht als Information leveragen.

Informationelle Entropie (Shannon Entropie) ist – aus Userperspektive – der Zustand, wo entweder keine Unterscheidungen mehr getroffen werden können, weil alles gleich ist – der Unterscheidungs-Hebel findet keinen Zugriff, oder aber so viele Unterschiede vorliegen, dass sie keinen Unterschied mehr machen – der ansetzbare Unterscheidungshebel findet keinen Halt. Negative Entropie = aus einer Perspektive „leveragebare“ Unterschiede.

Was Shannon nicht bedachte: Information benötigt immer eine Perspektive. Eine Information ist nur eine Information, wenn sie ein Unterschied für ein „Wissen“ macht.

Das KontaktzonenFulcrum des Wissens

Dass jedes Wissen ein materielles Fulcrum braucht, hat auch Jan Assmann in seinem Buch: Das kulturelle Gedächtnis gezeigt: Vorschriftliche Kulturen verankterten ihre Mythmen, Götter und Erzählungen an materiellen „Landmarks“, wie Berge, Täler, Flüsse, Seen und Meere. Die Juden waren vielleicht nicht die ersten, die schrieben, aber sie waren die ersten, die Schrift leveragten, um ihre Kultur im „Exodus“ zu reproduzieren.

In Tom Standages „Writing on the Wall: Social Media—The First 2,000 Years“ erfahren wir, dass das frühe Christentum das römische Postsystem leveragte, um eine dezentrale und weit verstreute „Gemeinden“-Struktur synchron zu halten.

Dort erfahren wir auch von den Effekten der Buchpresse und dass die frühe Viralität von Luthers gedruckten Pamphleten, das Fulcrum war, das der Protestantismus leveragte, um sich zu verbreiten.

Aber all diese Beispiele leveragten noch etwas anderes: Die Erwartungskontinuität der etablierten Strukturen, die gegenüber den neuen sozialen Organisationsarten keine Gegenstrategien hatten.

Dasselbe passiert gerade mit dem Internet. Die Stärke der Veränderung unserer Welt kommt nicht so sehr durch die „Macht des Internets“, sondern vielmehr aus unserer Unvorbereitetheit auf das Verhalten neuer Wissensformationsnetzwerke, die über ungekannte Umwege neue Hegemonien herstellen. Wir sind noch zu blind gegenüber den Mechanismen, denen wir ausgesetzt sind – auch, weil uns noch die Sprache dafür fehlt, die Unterscheidungen und Konzepte, die es erlauben, sich im Netzwerk zurechtzufinden.

Der „relationale Materialismus“ ist auch der Versuch, in dieser neuen Welt die „situational Arwareness“ wiederzuerlangen und außerdem, den Liberalismus zur verlassenen Ruine zu machen.

Gewalt und Erlaubnisstrukturen

Gewalt ist Kommunikation und wie jede Kommunikation beleiht Gewalt andere Gewalt.

Erlaubnisstrukturen sind semantische Pfadgelegenheiten zur Gewaltanwendung (groß oder klein). Erlaubnisstrukturen sind zwar semantisch, aber sie „beleihen“ Gewaltakte. Entweder Gewaltereignisse aus der Vergangenheit mit ihren überlieferten Rechtfertigung, oder man denkt sich einfach selber welche aus und hofft, dass man damit durchkommt.

Praktisch heißt das, dass Gewalt aus der Vergangenheit geleveraged wird, um Gewalt in der Gegenwart zu rechtfertigen. Erlaubnisstrukturen, sind semantische Fulcren, an die man „kinetische Hebel“ anlegen kann.

Gewalt ist deswegen auch immer eine Pfadgelegenheit, die in zwei Pfade eingebettet ist. Die Gewaltanwendung des Dividuums (horizontal) und der vertikale Pfad, der meine Gewalt rechtfertigt.

Meine Gedanken zu Erlaubnisstrukturen entstammen Walter Benjamins Begriff der rechtsetzenden Gewalt. Ich schrieb in KL32:

Kuku Schrapnell reflektiert auf 54Books ihre eigene Gewalterfahrung – sie wurde von einer Gruppe rechter Schläger zusammengeschlagen – auf eine intensive und erkenntnisreiche Weise. In der Reflexion greift sie auf Walter Benjamins Unterscheidung von Rechtsetzender (auch mythischer) und Rechtserhaltender Gewalt. Rechtserhaltende Gewalt ist das Disziplinieren von Regelverstößen.

Mit der rechtssetzenden Gewalt ist es ein bisschen schwieriger, nicht umsonst spricht Benjamin auch von der mythischen Gewalt. Am Anfang jeder rechtlichen Ordnung braucht es Gewalt, um sie durchzusetzen.

Aber diese rechtliche Ordnung muss auch beschützt werden, weil sonst andere, mythische Gewaltaten die Pfadentscheidungen treffen:

Während es auf der einen Seite zwar immer mehr rechtliche Gleichstellung für queere Menschen gibt, wie zum Beispiel das maßlos wichtige Recht auch heiraten zu dürfen, oder die Abschaffung des schrecklichen Transsexuellengesetzes zugunsten des nicht ganz so schrecklichen Selbstbestimmungsgesetzes, steht auf der anderen Seite die Zunahme der (mythischen) Gewalt gegen queere Menschen, die diese Rechte in Frage stellt. Die rechtliche Gleichstellung ist nicht nur in sich selbst prekär, immerhin kann ja schon die nächste rechte Regierung alles wieder kippen, sie ist auch immer nur so stark, wie die in ihr gebündelte Gewalt. Die Gleichstellungsrechte können überall da in Frage gestellt und unterlaufen werden, wo ihre rechtsbegründende Gewalt nicht direkt in Erscheinung tritt, weil beispielsweise Polizeistreifen lieber durch linke oder migrantisch geprägte Viertel fahren, oder andere Gruppen schon so mächtig geworden sind, dass sie sich ungehindert austoben können.

Weil sich jede Gewalt ihre eigene Erlaubnisstruktur baut, setzt sie implizit Recht. Aber was kann man dem Entgegensetzen?

Gewalt ist immer eine Grenzverletzung und jede Grenzverletzung erntet Aufmerksamkeit. Und die Art und Weise, wie wir mit dieser Grenzverletzung umgehen, wird bei den Dividuen als „Präzedenzfall“ generalisiert, also normalisiert, ein bekanntes und beleihbares Beispiel, an dem ich und andere unsere Handlungen orientieren. Wird die Grenzverletzung geahndet, wie wird die geahndet, was sind die Konsequenzen, wie sprechen wir danach über den Fall, etc.

Jeder Gewaltakt verändert das Portfolio der Erwartungen und wird, wenn er nicht sanktioniert und tabuisiert wird, zur beleihbaren Infrastruktur für neue Gewalt.

„Ethik“ funktioniert im relationalen Materialismus also eher wie vernetztes „Case Law“, statt wie Kant es sich wünschte, als „Regel“.

Faschismus

Hier, wie Faschismus (und Bullying im Allgemeinen) funktioniert:

Durch ständig eskalierende Grenzverletzungen stößt du deinen Gegner und die Gesellschaft aus dem angestammten Raum der Erwartungen, so dass die andren ohne Anschlusshandlung dastehen. Ihnen fehlt in dem Moment ein plausibles Fulcrum für ihre habituellen Hebel

In diesem Vakuum normalisiert sich deine Grenzverletzung, denn sie bleibt ungesühnt und wird ab nun zum Teil des Erwartungsfulkrums, an dem du den nächst größeren Grenzverletzungshebel ansetzen kannst.

Deswegen ist Faschismus am Anfang so erfolgreich, fällt aber in sich zusammen, sobald er das Erwartungsfulcrum der anderen so weit abgenutzt hat, dass es bricht.

Um Faschismus zu besiegen, müssen wir also möglichst unsere Erwartungsstabilität verlieren, denn sie ist – wie bei jedem anderen Betrug – die Grundlage der Waffe, die der Faschismus gegen uns richtet.

Da das ein freier fall wäre, ist es wichtig, selbst Erwartungsgrenzen zu durchbrechen, um neue, resilientere Erwartungsinfrastrukturen aufzubauen.

Antifaschistische Arbeit besteht unter anderem auch darin, Anschlusshandlungen an faschistische Grenzverletzungen vorzuplanen und einzuüben.

Teil V: Einbettung in die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten

Die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten bekommt mit der Hebel:Fulcrums-Beziehung einen mechanischen Vektor, der uns hilft, viele Rätsel aufzulösen. Aber um die Hebel:Fulcrums-Beziehung analytisch anwenden zu können, lohnt es sich, die unterschiedlichen Arten auf das Fulcrum zu schauen, noch einmal zusammenzufassen.

Die Bedeutungsdimensionen des Fulcrums

Das Fulcrum ist nicht eine Sache, sondern eine Rolle in einer Beziehung und diese Rolle verändert sich ständig, vor allem während der Hebelaktion und so nimmt es unterschiedliche „Gestalen“ an, je nachdem mit welcher Perspektive man drauf schaut.

Zusammenfassend kann an sagen, dass das Fulcrum im Laufe der Hebelaktion mehrfach seine Bedeutung verändert. Achtung: Es gibt eine gewisse Abfolge, aber keine strenge, die Bedeutungsdimensionen können in einer Hebelaktion oft gleichzeitig wichtig sein, sich abwechseln, etc.

  • Eroierung einer Pfadgelegenheit. Wenn eine Pfadgelegenheit ins Bewusstsein tritt, hat das Fulcrum die Funktion zu beantworten, ob der Pfad „viabel“ ist, also „gangbar“ ist? Dafür muss man den Pfad inszerinieren/entertainen , also sich selbst imaginieren, ihn zu gehen (um zu ihm „nein“ sagen zu können). Hält die Infrastruktur das aus? Ist die Infrastruktur sicher? Nennen wir es inszeniertes Fulcrum (0).
  • Wenn geprüft wurde, ob eine Pfadgelegenheit/Hebel „viabel“ ist, plant man die praktische Umsetzung der Hebelbenutzung und das bedeutet, dass das Fulcrum zum „Zugriff eines Hebels“ wird. Das zugriffliche Fulcrum (1).
  • Spätestens, wenn der Zugriff gefunden ist, „gilt“ die Wette, was den Fulcrumsbegriff ein weiteres Mal verschiebt, zur Wette auf die Gesamtinfrastruktur. Dabei wird nicht nur das Fulcrum, sondern alle Infrastrukturen, die das Fulcrum stabulisieren, sowie alle an der Hebel-Aktion notwendige Rollen inhabende Infrastrukturen für die Zeit der Hebelaktion „beliehen“. Ich habe keine Sorge ein großes Risiko einzugehen, wenn ich die U-Bahn nehme, obwohl ich weiß, dass was passieren kann. Eine Hängebrücke über eine Schlucht wäre aber dennoch eine andere Sache? Das beliehene Fulcrum (2).
  • Ist der Hebel am Fulcrum angesetzt, dann verwandelt sich der Sinn ein weiteres Mal, denn dann verbinden sich Hebel, Fulcrum und Kraft zu einem temporären, materiell-infrastrukturellen Gesamtfulcrum, also der materiellen Entsprechung der zuvor abgeschlossenen Wette. Hier ist es tatsächliches Maß für Robustheit und Steifheit. Hier kommt es auch auf die interne Beschaffenheit des Fulcrums an und das heißt, dass das Fulcrum in dieser Vision ebenso „fraktal“ ist, wie die Wetten, die auf seine Struktur abgeschlossen sind. Jedes Fulcrum ist heterogen, hat stabilere und weniger stabile Teile, die unterschiedlich gut, Stabilität organisieren. Hier geht es also um „Grind“, um Abnutzung, Biegen und Brechen. Und dieser Ort ist kein „Punkt“, sondern eine Kontaktzone oder -Fläche. Das Kontaktzonenfulcrum (3).
  • Jedes Kontaktzonenfulcrum hat ein oder mehrere „stabilisierende Fulcren“ in sich, die die Gesamtstabilität auf einer höheren Ebene organisieren. Das Fundament bei Häusern, Gerüststrukturen bei Bühnen, Wurzeln bei Bäumen, das Rückgrat und Muskulatur des Menschen, die „härte“ hinterlegter Assets. Wenn stablisierende Fulcren unter Stress geraten, ist steht immer die Gesamtstablität auf dem Spiel. Der Bruch des stablisierenden Fulcrums (4) ist der Ort, wo der „Crash“ beginnt.
  • Direkt nach der Hebelaktion wechselt das Fulcrum wieder seine Bedeutung, bzw. verschwindet sie den Erwartungen vieler Hebelnutzenden, denn der Verschleiß Kontaktzonenfulkrums 3 wird oft nicht beachtet, nicht eingepreist, als Externalität verschoben oder idealisiert. Das verdrängte Fulcrum (5) ist das Vergessene/Aufgeschobene/Externalitierte einer Hebelbenutzung.
  • Ist eine Pfadgelegenheit erprobt und steht weiterhin zur Verfügung, wird sie ins eigene Pfadgelegenheits-Portfolio aufgenommen. Dort landen Pfadgelegenheiten, wenn sie beliehen werden, um weitere Pfadgelegenheiten darauf anzusiedeln. Wobei das Portfolio durchaus nach Aufmerksamkeit gestaffelt ist? Während ich das hier Tippe gehe ich unzählige Wetten ein, die bereits im Portfolio eingepreist sind: dass jede einzelne Taste funktioniert, dass der Rechner funktioniert, das Internet, WordPress läuft, der Server „up“ ist, der Strom fließt und das Rechenzentrum nicht durch einen Hurricane bedroht ist, usw. Viele der Wetten in meinem Portfolie kommen mir nicht wie Wetten vor, bis sie es doch tun. Verbuchtes Fulcrum (6).
  • Wenn eine Pfadgelegenheit schief geht, geschieht der Crash – die Unverfügbarkeit der Infrastruktur und die Abwertung der daran geknüpften Erwartungsportfolios. Das Fulcrum ist gebrochen und das ist in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich dramatisch, doch was sich verallgemeinern lässt: Das ist immer unangenehm, manchmal lebensbedrohlich. Aber es gilt auch: wenn ein Fulcrum bricht, gibt es immer etwas zu lernen. In dem Bruch werden Infrastrukturen und verdrängte Erwartungen sichtbar, die es zu studieren gilt. Das verdrängte Fulcrum liegt offen. Insbesondere muss die Analyse nach dem Bruch stablisierender Fulcren Ausschau halten. Welche essentielle Infrastruktur hat hier nicht gehalten? Ob wir durch einen Crash schlauer werden, hängt davon ab, welche Geschichten wir uns nachher darüber erzählen. Der Fulcrums-Crash (7) ist also der pfadabhängige Riss durch das Fulcrum und die Geschichten, die wir darüber erzählen.
  • Ein unbrauchbar gewordenes Fulcrum (Fulcrum-Ruine) nennen wir ein abgeschiebenes Fulcrum (8).

Zusammengefasst:

  • inszeniertes Fulcrum[F0] = viabel / Die Pfadgelegenheit
  • zugriffliches Fulcrum[F1] = Ansatzort / Zugriffs-Topologie /
  • beliehenes Fulcrum[F2] = Wette auf die Gesamtinfrastruktur
  • Kontaktzonenfulcrum[F3] = Kontaktzone / Steifheit / Robustheit / Verschleiß
  • stabilisierendes Fulcrum[F4] = Stabilitätskern / Die Fulcren, die dem Kontaktzonenfulcrum Stabilitität verleihen
  • verdrängtes Fulcrum[F5] = externalisiert / verdrängt
  • verbuchtes Fulcrum[F6] = habituelles Pfadgelegenheit-Portfolio
  • Fulcrums-Crash[F7] = Der Riss im Fulcrum und seine Geschichte.
  • abgeschriebenes Fulcrum[F8] = Ruine

Kurz: Eine Handlung ist kein „Akt eines Subjekts“, sondern die temporäre Aktivierung eines Hebels innerhalb eines mehrschichtigen, erwartungsgetragenen Fulcrum-Portfolios, dessen Voraussetzungsreichtum und Verschleiß systematisch unsichtbar gemacht wird.

Und hier das Gewöhnungsbedürftige: Wenn ich die Hebel:Fulcrums-Mechanik verwende, meine ich potentiell all diese Fulcrums-Schritte/Interpretationen gleichzeitig, denn sie sind miteinander verflochten: Handlung, materielle Infrastruktur und die Erwartungen daran sind untrennbar – sie bilden ein Fulcrum und ich kann im detail immer fragen, wo ist der Zugriff und wie ist er gestaltet, was ist die Kontaktzone, wird sie halten, wo ist der Verschleiß, wo wird Stabilität organisiert, wer hat es finanziert, von wem wird es beliehen, usw.

„Fulcrum“ ist ein „dicker“ Begriff. Die interne Komplexität der Struktur wirkt wie ein semantischer Schwamm, der aus konkreten Beobachtungen mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig aufzusaugen kann.

Die Hebel:Fulcrums-Mechanik erlaubt es nicht nur, neue semantische Wege zu gehen, die quer zu den etablierten semantischen Pfaden liegen, aber dieselbe Realität beschreiben, nur besser, präziser, konsistenter. Sie erlaubt es auch „dicke“ Begriffe mitzuführen, die eine enorme Komplexitätsreduktion mit nur wenig „Information Loss“ zu bewerkstelligen.

Das Resultat ist eine neue Ordnung von materieller Realität/materiellen Infrastrukturen und semantischem Raum in einem Multidimensionalen Netzwerk, sowie neue Erzählungen für Öffentlichkeit, Finanzmarkt, Wirtschaft, Sprache, KI, Plattformen und so weiter.

Das Problem: Die Hebel:Fulcrums-Mechanik macht uns alle zu Schuldnern unserer Infrastrukturen und weist auf unsere Abhängigkeiten hin.

Leverage in der Finanzwelt

Archimedes konnte nicht ahnen, dass seine Praxis des „Leveragen“ in der Finanzsprache beliehen werden würde, aber uns ist jetzt auch klar warum? Auch dort ist jeder Hebel eine Wette auf ein Fulcrum.

Für gewöhnlich bezieht sich das Wort „leverage“ am Finanzmarkt auf geliehenes Geld, das man seiner „Order“ beifügt. Sagen wir, ich habe 10.000 Euro Eigenkapital und leihe mir für eine „Order“ weitere 100.000 Euro, dann verstärkt das meinen Hebel 10x. Wenn also der Preis 1 % steigt, habe 10 % gewinn gemacht, wenn er um 1 % fällt, habe ich 10 % Verlust gemacht.

Wäre das Fulcrum fix und ein Punkt, dann könnte der Hebel unendlich groß sein, was wir als Hinweis darauf lesen können, dass wir es auch hier mit einem „komplexen Fulcrum“ zu tun haben.

Das erste, was ein Anleger macht, ist zu fragen: Ist ein Anlegepfad „viabel“?, Dafür inszeniert man eine Zukunft entlang einer bestimmten Erwartung: Wird der Preis für das Asset weiter steige? Kann ich mir das leisten? Wie sicher ist das? Das „Inszenierte Fulcrum“ [F0] ist die Eruierung der Anlegepfadgelegenheit.

Das nächste, was der Anleger tun muss, ist das „zugriffliche Fulcrum“ [F1] zu wählen, d.h. den Zeitpunkt/Kurs, an dem er sich entschließt zu kaufen/den Hebel anzusetzen. Manchmal ist das einfach so schnell wie möglich, aber viele haben ganz bestimmte Wertentwicklungszeitpunkte im Visier.

Als nächstes nimmt der Anleger Kredit auf und plaziert seine Wette. Um die 100.000 zu bekommen, beleiht der Anleger nicht nur das gekaufte Asset, sondern auch die „Sicherheiten“, die er für den Kredit braucht. Das „beliehene Fulcrum“ [F2] umfasst also nicht die Werterwartung des gekauften Assets, sondern auch die Werterwartung der beliehenen Vermögenswerte für den Kredit. Das alles steht jetzt zusammen auf dem Spiel.

Während der Hebelaktion verschiebt sich erstmal der Fokus auf das „Kontaktzonenfulcrum“ [F3]. Denn jetzt ist es nicht nur so, dass der Wert des investierten Assets eine Rolle spielt, sondern auch der Wert der anderen beliehenen Assets aus [F2]. Kontaktzonenfulcrum existiert, sobald es „belastet“ wird, also die Hebelaktion beginnt und seine Stabilität garantiert die Wette. Zum Kontaktzonenfulcrum gehört aber auch die erwartete Wertentwicklung des gekauften Assets, sowie die erwartete Wertentwicklung anderer, was die ganze Konstruktion fragil macht.

Deswegen dienen die für den Kredit beliehenen Assets als stabiliserendes Fulcrum [F4]. Wenn ich zum Beispiel Aktien als Sicherheit hinterlegt habe und die Aktien sinken im Wert, dann kann mich ein sogenannter „Margin Call“ erreichen. Die Bank fordert entweder mehr Assets ein, oder löst den Vertrag auf und verkauft meine Sicherheit. D.h. die Stabilität meines Fulcrums basiert zu einem Gutteil auf der Stabilität der beliehenen Assets.

Das „verdrängte Fulcrum“ [F5] ist immer mit dabei und es ist vielfältig, auch wenn die Hebelaktion gut geht. Ein besonders gern verdrängter Teil des Fulcrums bei Finanzgeschäften ist die Tatsache, dass man es sich leisten können muss, ein solches Risiko eine gehebelten Wette überhaupt einzugehen. Auch die eigene sozioökonomische Situation wird bei jedem Kredit immer mitgeleveraged.

Das „verbuchte Fulcrum“ [F6] wird das ganze, wenn die Hebelaktion gelingt und das gehebelte Asset in gewünschter Höhe im Portfolio liegt, oder die Option aufgeht. Aber ebenfalls verbucht ist der Hebelpfad selbst. Ein geglückter Hebeleinsatz verleitet dazu, die Geste zu wiederholen. Die allgemeine Pfadgelegenheit „Hebeln“ gewinnt als viabler Pfad an Wert im persönlichen Erwartungs-Portfolio.

Es sei denn, die Hebelaktion mißlingt. Sei es, weil die Wertentwicklung vom erwarteten Pfad abwich, sei es, dass das stabilisierende Fulcrum [F6] brach (Margin Call). Die Erwartungen an die Infrastruktur waren nicht durch die Realität „gebackt“. Was im Fuclrums-Crash [F7] zu Tage tritt sind die eigenen verdrängten Erwartungen und Erwartungserwartungen.

Die Verluste werden zum „abgeschriebenen Fulcrum“ [F8].

Doch man kann den Hebel auch in allen „ungeleveragten“ Finanzgeschäften finden (1x Hebel sind auch Hebel) und das erlaubt uns, mit der Analyse noch tiefer gehen.

Ökonom*innen haben sich immer gefragt, worauf genau Investor*innen wetten und haben so Antworten wie „Fundamentuals“, „aktuelle und zukünftige Cashflows“ gegeben und es wurden Formeln aufgestellt wie Discounted Cash Flow, oder einfach P/E-Ratios (Preis/Gewinn) oder ähnliches.

Klammern wir für einen Moment die Tatsache aus, dass wir mit unseren Erwartungen und Preisen immer schon im Raum der Erwartungserwartungen operieren (Wie „Memestocks“ und Techwerte regelmäßig belegen, indem sie auf Fundamentuals scheißen).

Nehmen wir klassischer Weise an, dass es um „Fundamentials“ geht, wir also einen möglichst „rationalen Blick“ auf den Pfadwert eines Unternehmens werfen wollen, dann fällt als erstes auf, dass die Investition eben nicht nur eine Wette [F2] auf das Asset selbst, sondern auch auf den seines Kontextes ist.

Das stabilisierende Fulcrum [F4] und damit der Werterwartung von Asset X basiert auf der Stabilität der Erwartungen, von denen die Werterwartung abhängig ist und das umfasst alle notwendigen Infrastrukturen des Unternehmens X. Wie funktionsfähig und robust ist das Geschäftsmodell, wie entwickelt sich die „Stimmung am Markt“, wie verändert sich die Konkurrenzsituation, wie gut liefert das Management, wie verändern sich die politischen Rahmenbedingungen – all den Kram, den Analysten für eine detaillierte Pfadbewertung so zusammentragen.

Doch da ist mehr: Die betreffende Firma ist selbst wiederum abhängig von der wirtschaftlichen Gesamtlage, davon, dass seine Zulieferer verlässlich liefern, die Banken verlässlich Liquidität bereitstellen, die Mitarbeiter*innen (größtenteils) gesund sind, nicht streiken und verlässlich zur Arbeit kommen, dass die Straßen und Schienen für die Logistik nutzbar sind und dass die Sicherheit der Projekte gewährleistet ist. Außerdem, dass das politische System, in dem die Firma operiert, stabil bleibt, ihr Geschäftsmodell auch morgen noch legal ist und die Gesetze morgen noch gelten. Auch ein halbwegs stabiles Klima gehört für Firmen oft zum verdrängten Fulcrum.

All das wird durch eine einfache „Order“ „geleveraged“.

Wenn ein Kurs fällt, dann oft, weil sich bestimmte Kontextbedingungen änderten, die man gar nicht so sehr auf den Schirm hatte. Die Pfadbewertung ist immer implizite Fulcrumsbewertung.

Finanzmarkt

Der Finanzmarkt ist überall wo er auftritt eine künstliche geschaffene Infrastruktur, die bereits seit den 1970ern größtenteils in Software umgesetzt ist und eine für jeden anderen „Markt“ unübliche Übersicht über die Marktteilnehmer*innen erlaubt und momentane, in Echtzeit erfasste Preisbewegungen abbildet.

Auf dem Finanzmarkt kann man auf Pfade wetten, indem man in Unternehmen investiert, die den Assets unterlegt sind. Was man dabei konkret beleiht, hängt von einem selbst ab: Ist es eine Analyse der „Fundamentials“, ist es die Geschichte, die der CEO erzählt (zum Beispiel Musks Stories), oder es ist einfach das, worauf „alle vertrauen“ (ETFs), oder es beleiht gar eine Identität (Bitcoin, Crypto, Memestocks), andere wollen einfach generell in „KI“ investieren, weil sie an die AGI story glauben. Am Ende wetten alle auf Geschichten.

Und der Finanzmarkt funktioniert dann so, dass eine Investition nicht nur eine persönliche und private Einlage deines Gelds (und deiner Erwartungen) ist, sondern diese Investition verändert den Preis (wenn bei uns Normalos auch nur minimal) und damit auch die Werterwartungen aller anderen.

Praktisch funktioniert das dann wie die Öffentlichkeit (siehe oben), als Trommelkonzert. Krasse Links No 23:

Der „Wert“ von gehandelten „Assets“ wird durch Öffentlichkeitsmechanismen bestimmt.

Zentrale Handelsmärkte für Anlagegüter sind in Infrastruktur gegossene Ideologie. Anders als der Markt für bsw. Waschmaschinen sind Handelsplätze keine gewachsenen infrastrukturellen Gegebenheiten, sondern dem künstlich dem Idealbild des neoklassischen Marktes nachempfunden, alle Anbieter und alle Nachfrager kommen zusammen finden einen Preis. In der Theorie werden „Signale“ dadurch „verarbeitet“, dass sich alle Akteure gegenseitig versuchen „outzusmarten“, doch in der Praxis geht es meist darum, wer die größere Trommel hat.

Hier, wie ich glaube, dass der Aktienmarkt wirklich funktioniert: Unternehmen präsentieren sich der Öffentlichkeit als Projekte, die davon erzählen, wie sie ihre bereits vorweisbaren Infrastrukturen dazu leveragen werden, um noch mehr Abhängigkeiten zu schaffen oder zu konzentrieren. Mit anderen Worten: Am Aktienmarkt werden Geschichten gehandelt, also getrommelt.

Und natürlich gibt auch es hier die übermäßig großen Pauken, die den Beat vorgeben und eine wilde Schaar von kleinen bis mittelkleinen dazu improvisierenden Percussions. Wenn Goldman Sachs mit einem von den Erwartungen abweichenden Preis in ein Projekt reingeht, sortiert das die Karten neu und die Percussions passen ihren Beat an. Die Finanz-Oligarchie gibt mehr oder weniger die Shots vor, und alle anderen Wetten nur darauf, welche Geschichten sich ein paar ultrareiche Männer auf dem Golfplatz erzählen.

Egal, ob ich Aktien, Bitcoin, NFTs, ETFs, oder Optionen kaufe, ich investiere in ein Narrativ (einen imaginären Pfad) und meine Kaufentscheidung ist zugleich ein Signal an andere, dass ich einen Pfad für Wertvoll erachte. Bei jeder Finanztransaktion beleiht man also immer auch die Erwartungen der anderen, ihren Glauben an die gemeinsam finanzierten Geschichten.

Insofern kann man das ganze Memestock-Gerede getrost beiseite legen, denn, turns out: Jede „Stock“ ist ein Memestock. It’s storys all the way down. Insofern ist an der Robinhood/Memestock-Selbsterzählung etwas dran: Die organisierten Kleinanleger-Trommler, die sich auf Reddit zusammengetan haben, mischten die Rich Mens Memes auf und schafften es, zumindest temporär, einen eigenen Beat zu setzen und durchzuhalten.

Doch im Gegensatz zu ihrer Selbsterzählung bilden sie damit keinen echten Wert ab, sondern legen offen, wie das System wirklich funktioniert.

Man muss nur immer weiter trommeln: Hodl, Hodl, Hodl, buy the dip! Und achtet auf den Beat, den Beat! Diamond Hands! FOMO! Und der Beat, der Beat, der Beat! Do your Own research! Einfach immer weiter trommeln, FUD! FUD! FUD! Don’t trust, verify! Im Trommeln liegt die Wahrheit, we all gonna make it!, etc.

Blase

Wie jede Pfadgelegenheit ist auch das Asset eine Wette auf die Zukunft, doch sie ist vergleichsweise riskant. Pfade haben es so an sich, dass sie von Erwartungen abweichen und das kann offensichtlich passieren: der Wert meine Aktie sinkt – oder erstmal weniger offensichtlich: das, was meine Aktie wertvoll macht, sinkt. Dabei kann sich ein „Spread“ entwickeln zwischen der allgemeinen Erwartungen an ein Fulcrum und seiner tatsächlichen Stabilität.

Das nennen wir „Blase“.

Der Ökonom Hyman P. Minsky argumentiert, dass es die alltäglich erfahrene Kontaktfulcrums-Stabilität ist, die die Leute dazu verleitet, immer mehr und immer größere Hebel daran anzusetzen: „Stability is destabilizing“ sagt er in „Stabilizing an Unstable Economy“ von 1986.

Die Finanzkrise von 2008 fing nicht mit „Lehman Brothers“ an, auch nicht mit Fannie Mae and Freddie Mac, sondern mit dem Bruch eines verdrängten [F6] aber stabilisierenden [F4] Fulcrums: der realen Rückzahlungsfähigkeit der Haushalte, die eine Hypothek aufgenommen hatten. Deren nun wertlosgewordene Kredite wurden oft als „Subprime Mortages“ mit allerlei anderen Krediten vermischt verpackt verkauft. Aber als diese Kredite durch erhöhte Ausfallraten „faul“ wurden und man nachschaute was da los ist, crashte das Vertrauen in die Rating-Agenturen, die, wie sich herausstellte, gar nicht hingeguckt haben), so dass nicht mehr klar war, welcher Kredit betroffen ist.

Die Stabilität aber, die diese Instabilität hergestellt hat, war die vermeintliche Verlässlichkeit des Immobilienmarktes bezüglich seines Return of Investment. Der Markt hatte einige Jahrzehnte einen stetiges Wertwachstum erfahren und Kredite in Immobilienfinanzierung galten als „safe Bet“ – als Stabilitätsanker einer sonst volatilen Finanzwelt.

Das heißt, sie wurden zum stablisierenden Fulcrum anderer finanzieller Infrastruktur, also weiteren, darauf aufbauenden Wetten. Konkret: Finanz-Derivate (MBS, CDO, Repo-Collateral, CDS-Versicherungen) die diese Schulden als Stabilitätsanker ihrer ansonsten riskanteren Hebel nutzen und diese Hebel waren besonders bei Banken beliebt, wo die toxischen Assets überall in den Büchern standen, um andere Investitionen rechtfertigten.

Minsky bedeutet: Die erfahrene Kontaktfulcrum-Stablität erzeugt Erwartungs-Stablität und Erwartungserwartungs-Stabilitität, die die Akteure dazu verleitet, sich zu erlauben, immer größere und riskantere Hebel an das Fulcrum anzusetzen, ohne dabei die sie stabilisierenden Fulcren im Blick zu behalten.

Minsky führt drei Phasen ein:

  • Hedge Finance = stabile Pfadgelegenheit, die Schuld kann aus laufendem Cashflow bedient werden.
  • Speculative Finance = instabile Fulcrum-Balance, der Cashflow reicht nur für die Zinsen.
  • Ponzi Finance = Erwartungs-Fulcrum, Schulden können nur durch steigende Preise bedient werden.

Minsky identifiziert den Moment der Blase dort, wo die Gewinne aus der Preissteigerung der Assets größer werden, als die aus Nutzung des Assets. Dann kommt es zu einem Kreislauf: Geld erzeugt Erwartung und Erwartung erzeugt Geld.

Aber da ist noch etwas anderes: Wenn Pfade „sicher“ sind, dann gewinnen immer die mit den größten Hebeln. Sei es, weil sie eine bessere Kostenstruktur, eine größeres Marketing-Budget, oder tatsächlich den besten Hebel haben.

Das Wachstum skaliert sich nicht gleichmäßig, sondern konzentriert sich bei wenigen großen Hebeln. Das heißt: bereits populäre Fulcren gewinnen überproportional an Macht (Netzwerkzentralität) und die Topologie entwickelt sich immer weiter Richtung skalenfreiem Netzwerk mit Paretoverteilung (20 % der Knoten haben 80% der Verbindungen, 80% der Knoten teilen sich 20 % der Verbindungen) der Fulcrums-Zentralitäten mit eigenen Engstellen und Kritikalitäten. Damit einhergehend geben Wettbewerber auf, lokalere Strukturen veröden, Pfadalternativen schwinden, das Netzwerk dünnt aus und verengt sich auf die wenigen große Infrastrukturpfade.

Nach dem Kollaps der erwarteten Hauskreditrückzahlungs-Erwartungen stellte sich heraus, dass ein kleiner, aber im Beleihungs-Netzwerk netzwerkzentraler Knoten wie „Lehmann Brothers“ teil des stabilisierenden Fulcrums des ganzen Bankensektors war, der durch den eigenen Kollaps das ganze Bankensystem zum Einsturz bringen konnte. Das war der Grund, warum man eilig begann, Netzwerkzentralitäten gezielt zu „retten“ (Too Big To Fail).

Der „Kipppunkt“ ist kein Punkt, sondern ein Pfad. Ein Crack, der irgendwo in den Tiefen des verdrägten Fulcrums anfängt – dort wo Realität auf Erwartung trifft (häufig Cashflows, aber es kann auch etwas anderes sein: eine Erzählung, die nicht mehr stimmig ist, auf der viele andere Erzählungen basieren) – der sich auf andere Fulcren ausbreitet, die dieses Fulcrum beliehen haben und dann irgendwann auf Netzwerkzentralitäten trifft und dann über dessen Pfadgelegenheiten die Portfolios rundrum kollabieren lässt. Ein „Kippunkt“ funktioniert wie ein Virus.

Auf das Trommelbeispiel bezogen fangen dann Trader im größeren Maßstab an, Assets zu liquidieren, entweder, um toxische Assets loszuwerden, oder um andere Wetten am Laufen zu halten, deren beliehenes Fulcrum [F3] im Wert abgesackt ist und der Margin Call droht. Das heißt da verändert jemand seinen Beat und umliegende Trader werden aufmerksam, einzelne checken das Problem und stellen fest, sie sind selbst betroffen und beginnen ebenfalls mit dem Verkauf. In Windeseile verbreitet sich der neue Beat: welche Erzählung wie zusammengebrochen ist und welche pfadabhängigen Erzählungen davon betroffen sind und alle checken ihre „Exposure“.

Und so grandios man sich gegenseitig nach oben getrommelt hat, umso schneller trommelt man sich runter. Bis das ganze Vertrauen niedergetrommelt wurde und niemand mehr jemand anderem Vertraut. Nach der Finanzkrise die Bankenkrise. Banken gaben sich keinen Kredit mehr (sahen sich nicht mehr als viable Pfadgelegenheit: Bruch des [F0]-Fulcrums, weswegen der Staat eingreifen musste, als „Lender of Last Ressort“, letzter viabler Pfad zu Liquidität. Und weil all das die Staatsfinanzen leveragte hatten wir danach eine „Staatshaushaltskrise“ und dann „EU-Stabilitätskrise“. Es waren die Wellen des Crashs, die sich in konzentrischen Kreisen durch die infrastrukturellen Fulcren ausbreiteten.

Und durch die skalenfreie Struktur des ganzen bekommen wir kaskadieren Kollaps, den Seneca Effekt, basierend auf Scenecas Beobachtung:

Whatever structure has been reared by a long sequence of years, at the cost of great toil and through the great kindness of the gods, is scattered and dispersed by a single day. Nay, he who has said „a day“ has granted too long a postponement to swift-coming misfortune; an hour, an instant of time, suffices for the overthrow of empires! It would be some consolation for the feebleness of our selves and our works, if all things should perish as slowly as they come into being; but as it is, increases are of sluggish growth, but the way to ruin is rapid.

Meine Theorie ist also die von Minsky, nur mit Verdrängung und Netzwerkeffekten.

Eine Finanzblase entsteht, wenn stabile Kontaktzonen-Fulcren Erwartungsstabilität erzeugen, Hebel sich stetig vergrößern und durch Preferential Attachment auf wenige Netzwerk-Hubs konzentrieren und dann verdrängte, aber stabilisierende Fulcren brechen, weil sie nicht mitskalieren, wodurch das skalenfreie Netzwerk kollapsartig reagiert.

Auch heute laufen wir längst im Ponzi Finance Modus. Das Kontaktfulcrum des Kapitalismus scheint noch intakt, aber unten, bei den stablisierenden Fulcren rumort es gewaltig. Und während die KI-Hebel immer größer gebaut werden und mit immer größeren Kredithebeln finanziert werden, die Skalenfreie Struktur ist in allen Wirtschaftsbereichen ausgeprägt und in der Vermögensverteilung ablesbar und seit sich sehr populäre Stablitätserwartungspfade angesammelt haben (ETFs, große Techwerte) die immer riskantere Wetten stablisieren (KI, Crypto), erwarte ich jeden Tag, dass ein Crash eines verdrängten, aber stablisierenden Fulcrums, einen Funken in diesen Zunder wirft.

Was wird der Crack gewesen sein? Das kann vieles sein und ich hätte ein paar Fulcren im Blick, aber ich glaube nicht, dass es die richtigen sind, denn die haben andere auch im Blick. Ich bin mir sicher, dass es etwas sein wird, woran ich nicht denke, weil es auch mir es erstmal nicht auf anhieb offensichtlich ist. So ist das mit dem verdrängten Fulcrum [F5]. Ich bin auch betroffen, wie die meisten Expert*innen.

Rückblickend war jeder Crash ein „Failure of Imagination“.

Immobilienmarkt

Fragt man einen Ökonomen, wie sich der Kaufpreis eines Hauses zusammensetzt, würde er vermutlich sagen: „Herstellungskosten + Marge“ und wenn man ihn fragt, wie sich die Marge berechnet, würde er sagen: „Die wird am Markt ermittelt“.

Fragt man die selbe Frage hingehen einen Immobilienmakler, wird er sagen: „Lage, Lage, Lage.“

Makler sind nicht die vertrauenswürdigsten Menschen der Welt, doch in dieser Sache würde ich ihnen eher trauen, als den Ökonomen.

Denn was heißt Lage?

  • Gute Verkehrsanbindung
  • Gute Einkaufsmöglichkeiten
  • Sichere Straßen
  • „Gepflegte Gegend“
  • Gute Schulen für die Kinder in der Nähe
  • Gutes Kulturangebot
  • Nette Nachbarschaft
  • Parks
  • Anbindung an Freizeitmöglichkeiten, etc.

Lage heißt leichte Integration von Pfadgelegenheiten, wenn man dort wohnt.

Auch wohnen ist Hebeln. Man leveraged eine Infrastruktur zur zeitweisen und möglichst angenehmen Beherbergung seines Körpers. Es ist somit auch immer mehr als nur Geld, dass man in eine Immobilie investiert.

Ein Teil des Werts des Wohnungs-Hebels bestimmt sich durch die Hebel, die dadurch erreichbar werden, was das Fulcrum des Hauswerts – ähnlich wie die Abhängigkeiten des Unternehmens – erweitert/stabilisiert. Die Abhängigkeiten des Hauswertes bestehen nicht nur aus funktionierender Anbindung an Wasserleitungen und Strom, sondern es addieren sich auch die „erreichbaren“ Infrastrukturen drumrum.

Eine Investition in ein Haus ist also immer schon mehr als eine Investition in das Haus ansich, sondern auch in die Gegend und das heißt ganz oft in die „öffentlich finanzierten Infrastrukturen“, nur dass das Geld da nie ankommt, sondern beim verkaufenden oder vermietenden Kapitalisten landet.

Im Kapitalismus ist es egal, wer den Wert schafft, wichtig ist, wer die Hebel zur Abschöpfung hat.

Und ist es nicht witzig, wie all das, was wir als Fulcrum identifizieren und beschreiben, ziemlich Deckungsgleich mit dem ist, was in der klassischen Ökonomie als „Externalität“ verdrängt wird. Turns out: Die „Externalität“ ist das, worum es geht.

„Der Markt“ ist wie die Oberfläche eines Sees der hunderte Meter tief ist und deren Oberflächenphänomene vollkommen durch die Ereignisse unter Wasser determiniert sind. Die Klassische Ökonomie fordert uns auf, unsere Aufmerksamkeit den Oberflächenphänomen zu widmen. Doch folgen wir den Infrastrukturen, tauchen ein ins Wasser, stoßen wir auf Fulcren, auf Fulcren auf Fulcren, aber alle enden in Schmerzmühlen an den Engstellen der Wertflüsse.

Die klassische Ökonomie ist unterparametrisiert, weil ihre Aufgabe ist, Macht zu verschleiern.

Nutzen/Wert

In Krasse Links No 73 formulierte ich meine Erkenntnisse zu Nutzen und Wert.

Genau deswegen halte ich es für so wichtig, sich Wirtschaft als Abhängigkeitsnetzwerk vorzustellen. Produkte, Services oder Ressourcen haben keinen Wert ansich, durch sie fließt Wert/Nutzen. „Nutzen“ empfinden wir in dem kurzen Moment, bei dem aus einer Sache, in Kombination unseres infrastrukturellen Kontextes und aus unserer jeweiligen Perspektive eine „Pfadgelegenheit“ entsteht.

Ich „will“ nicht diesen Schraubenzieher, ich will, dass die Spühlmaschine wieder läuft, damit ich meinen Abwasch machen kann, damit ich morgen aus dem Haus kann, ohne mir Gedanken zu machen, um dann auf die Arbeit zu fahren, um Geld zu verdienen, um mir einen Schraubenzieher kaufen zu können.

„Wert“ ist ganz grob gesprochen die Summe des erwarteten Nutzens einer Sache für jemandem in seinem spezifischen materiellen Kontext und seinem spezfischen semantischen Kontext – mit seinem spezifischen Wissen, seiner spezifischen kulturellen Prägung, seinen spezifischen Plänen, etc. Auf das Dividuum runtergebrochen ist es also eine Aggregation über alle von der Sache erwarteten Pfadgelegenheiten hinweg, geteilt durch die Pfadalternativen + 1. Das rechnet man natürlich nicht im Kopf aus, sondern imaginiert es, bis man es durch den Schmerz ihres Fehlens erfährt.


(Wir kennen die Formel bereits als unvollendete Plattformmachtformel und ich denke, sie passt ganz prima auf den „Wert“ von Dingen. Wert ist die Macht, die eine Sache über uns hat.)

Die Sache und damit ein Großteil des „Wert/Nutzen“ entsteht in einem anderen Netzwerk, den Pfad der Produktion, und dort über die gesamten dafür notwendigen Infrastrukturen hinweg, die den Schraubenzieher möglich und in der konkreten Situation nützlich machen und das inkludiert die lockere Schraube in der Spülmaschine, den Baumarkt, wo ich den Schraubenzieher gekauft habe, aber auch den Hersteller, den Zulieferer und deren Arbeiter*innen und deren Familienmitglieder, die den Haushalt schmeißen, ihre Wohnungen und ihren Warenkorb zum sattwerden, das Land, auf dem die Fabrik steht und das Land aus dem die nötigen Bodenschätze kommen und natürlich das Ökosystem, in dem all das eingebettet ist.

Aber dieses Netzwerk ist hierarchisch. Netzwerkknoten die weit unten liegen und sich schwer ersetzen lassen, haben einen überproportionalen Effekt auf alle nachgelagerten Pfadgelegenheiten. Wenn Energie teurer wird, ist die Übergangswahrscheinlichkeit auf andere Sektoren groß, denn Wohnen, die Produktion von Lebensmitteln und den ganze Rest der Pfadgelegenheiten ist stark von Energieflüssen abhängig. Dasselbe gilt etwas abgeschwächt für Lebensmittel und Wohnen. Werden die Grundbedürfnisse der Menschen teurer wird ihre Arbeit teurer, oder – wie es eigentlich läuft: Arbeiter*innen werden ärmer.

Konsum

Es gibt viele unterschiedliche Arten von Pfadgelegenheiten, aber zwei der wichtigsten sind die Onramp und die Offramp. Die Onramp etabliert eine habituelle Hebelnutzung, die Offramp gewöhnt sie sich ab. Die Offramp kann abrupt kommen, wenn die Infrastruktur nicht mehr verfügbar ist, aber ansonsten braucht sie eine Pfadalternative als Argument: d.h. Einen inszenierten Pfad ohne, bzw. mit subsituierendem Pfad.

Die Pfadgelegenheit „aktualisiert“ sich nun auf zwei Arten: Dem horizontalen Nutzenpfad (immer wenn ich die Pfadgelegenheit nutze, aktualisiert sich das Nutzenportfolio) und dem vertikalen Wertpfad (immer wenn die Pfadgelegenheit erneuert werden muss, aktualisierung des Wertportfolios). Am einfachsten ist es mit der Zahnpasta, die ich in regelmäßigen Abstände kaufe und in noch regelmäßigen Abständen nutze, aber das gilt auch für den Gehweg vor meinem Haus, oder für den Computer, mit dem ich das hier schreibe, oder die Demokratie, die unter unseren Füßen zusammenbricht, weil sie so lange nicht mehr erneuert wurde.

Der Hebel besorgt den Nutzen, das Fulcrum besorgt den Wert. Der Wertfluss aus den Lieferketten, Fabriken, Fließbändern und Händen stabilisiert den Wert der Pfadgelegenheit auf der einen Seite und produziert Reproduktionskosten auf der anderen. Materialisiert.

Man könnte meinen der Wertpfad ist hier zu ende, aber hier kommt erst das wichtigste: Der Wert wird nicht in der Arbeit produziert, sondern im Konsum: in der Nutzenaktualisierung wird der Wert erst hergestellt. Der tatsächliche Wert entsteht nicht im Arbeitsinput, sondern am Konsumoutput.

Der subjektive Wert einer Pfadgelegenheit ist der Wertpfad aus all den Pfadgelegenheiten, die ich in ihm sehe. Und der Wertpfad, der unten an ihn anschließt wird von dem Wertpfad oben „angesaugt“. Die Aktualisierung des Wertpfades ist dennoch wichtig, denn sonst ist die Pfadgelegenheit pfutsch. Und der ganze Wertpfad besteht, bei genauerer Betrachtung auf jeder Ebene ebenfalls aus Nutzenereignissen von Hebeln, die für die materielle Aktualisierung meiner Pfadgelgenheit ungelegt werden mussten.

Die Differenz von Wert und Aktualisierungskosten nennen wir die „Konsumentenmarge“.

Nutzen schlürft an den Werthamlen und die Aktualisierungskosten sind die notwendige Saugstärke.

Der Wertfluss

Wie auch die Semantik, ist der das Netz der Infrastrukuren, also jede Pfadgelegenheit, in zwei Pfade eingebettet: In der Ökonomie ist es der Horizontale „Pfad des Lebens“ der Dividuen, die so vor sich hin-entscheiden und dabei immer auf einem Pfad sind, doch die Pfadgelegenheiten, die sie dabei nehmen, werden bereitgestellt und stabilisiert durch einen vertikalen „Wert“-Fluss (entlang der Wetten auf Wetten auf Wetten …), der jede Pfadgelegenheit mit Funktionalität, Sicherheit und Erwartbarkeit ausstattet (Infrastruktur).

Aus dem Pfadgelegenheits-Explainer:

Jede plausible Pfadgelehenheit ist etwas „wert“, sonst wäre sie nicht plausibel. Unsere menschliche Q-Fuction haben wir grob definiert als:

Viabilität
+ Gefühl
+ Portfolio
+ Portfolio der Fulcren der Fulcren
+ der imaginierte Pfad/inszenierte Plan
– Kosten
– Risiken

und das alles unter Vorbehalt des „Blicks des Anderen“.

Aber der Pfadgelegenheitswert ist immer nur so lange imaginiert, bis das Fulcrum zusammenbricht und die projizierte Handlung den Infrastrukturvektor nicht mehr beleihen kann. Das Portfolio bricht zusammen und wird dadurch sichtbar.

Jede Pfadgelegenheit ist endlich, das heißt sie muss erneuert werden. Um Straßen, Bahnen, Wasser und Strom kümmern sich Institutionen, Zahnpasta muss ich selbst kaufen, das Haus managed mein Vermieter. Aber jede Pfadgelegenheit, die ich nutze, muss sich erneuern. Der Wert der Infrastruktur muss sich materiell Aktualisieren.

Das bedeutet, dass jede Pfadgelegenheit immer in zwei Pfade eingebunden ist:

Einerseits in die Lebenspfade der Dividuen, die sie nutzen.

  • Nennen wir diesen Pfad den horizontalen Pfad, Nutzenpfad.
  • Dazu kommt ein zweiter Pfad, der Wertpfad, er ist der vertikale Pfad der Pfadgelegenheit.

Der vertikale Wertpfad ist der Aktualisierungspfad des Werts, den der Pfad bietet. Bei klassischer Infrastruktur sind das Wartungs- und Erneuerungszyklen, aber bei meiner Zahnpasta ist es einfach das regelmäßige neukaufen, bei Semantik ist es die Iteration.

Aber verfolgt man die Wertstoff-, Liefer-, und Produktionsketten der Zahnpasta und deren infrastrukturelle Vorraussetzungen, versteht man wie tief dieser Pfad reicht.

Stellt man sich diese Pfade als hierarchische Netzwerke vor, die sich pyramidenartig nach unten verzweigen, stellen wir fest, dass auf jeder Produktions- und Logistik-Ebene, in die wir reinzoomen, Wert geschaffen und erhalten wird. Die Maschinen müssen aktualisiert werden, die Menschen müssen aktualisiert werden, die Ressourcen und Lager müssen ständig reaktualisiert werden und wenn es irgendwo hakt, dann ist sofort Alarm im Fulcrum.

Und das heißt, von Ebene zu Ebene „fließt“ der Wert aufwärts in die Pfadgelegenheit hinein bis er auf mich trifft. Das Nehmen einer Pfadgelegenheit ist deswegen immer auch der Schnittpunkt, an dem sich der horizontale Pfad (Nutzen) und der vertikale Pfad (Wert) treffen und sich treffen. Und das lässt sich auch auf alle unteren Ebenen anwenden. Jeder hat sein eigenes „Nutzenerlebnis“ beim nehmen einer Pfadgelegenheit, aber dieser Wert basiert auf dem beliehenen vertikalen Pfad, dem materiellen oder semantischen Fulcrum.

Arbeit

Arbeit ist bekanntlich Kraft mal Weg und das heißt, jedes Bewegen des Hebels ist Arbeit.

Archimedes hat der Legende nach ja durchaus selbst gehebelt, aber als früher Hebel-Experte wäre es ihm durchaus möglich gewesen, sich Hebler dafür einzustellen. Er würde sich um die Herstellung und Auswahl von Hebeln und Fulcren (oder Flaschenzügen) kümmern und andere diese „Produktionsmittel“ nutzen lassen, um Arbeit zu verrichten.

Jeder Hebeleinsatz bedeutet „eigenen“ Krafteinsatz. Egal ob übersetzt mit klassisch mechanischen Hebeln, oder mit angetrieben mit elektrischen oder termodynamischen Hebeln, oder informationell erweitert mit computeriellen Hebeln – mit Hebel übersetzen und verstärken wir die Wirkung unseres Krafteinsatzes. Elektrische, termodynamische und informationelle Hebel „erweitern“ die Handlungsmacht des Einzelnen Arbeiters, aber als Hebler in einem Unternehmen ist er selbst immer auch teil eines oder mehrerer Fulcren deren Hebel, in den Etagen über ihm bedient werden.

»Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden«, sagte der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke und meinte damit, dass Hebel dann „magisch“ wirken, wenn uns ihr Fulcrum unerklärlich ist.

Wenn ich eine Taste drücke und ein Text erscheint, sehe ich meinen Finger als Ursache – nicht die Milliarden Transistoren, Stromnetze, Protokolle, Fabriken, Bildungssysteme und politischen Stabilitäten, die diese Wirkung tragen. Arbeit erscheint als „individuelle Leistung“, obwohl sie in Wirklichkeit ein kollektive Hebelwirkung ist.

Ein Fulcrum ohne Hebel ist ein Potential. Ein Hebel ohne Fulcrum ist ein „Zauberstab“.

Je nach Hebel kann der Krafteinsatz unterschiedlich aussehen. Von der Armbewegung, von der Steuerung einer Machine, zum Schreiben von Code oder eines Prompts. Unsere Hebel sind darauf ausgerichtet und entwickeln sich weiter in die Richtung, den eigenen „Krafteinsatz“ zu minimieren.

In unserer heutigen Ökonomie ist der wesentenliche Arbeitsinput in vielen Bereichen, die Zugabe von Information in den Hebelprozess. Das gilt sowohl für die Vibe-Coder die bei sechstelligen Jahresgehalt die nächste Version von ChatGPT vorbereiten, wie für das Heer an Clickworker*innen, die für 5 Dollar am Tag am selben Projekt arbeiten und Trainingsdaten nach menschlichem Ermessen säubern. Der Unterschied ist sicher auch zum Teil mit erlernten „Skills“ zu erklären, aber offensichtlicher noch ist, dass die Größe der bedienten Hebel entscheidend ist.

Damit ist nicht die materielle Größe des Hebels gemeint. Auch der Taktstock ist ein Hebel, aber ein anderer als der Zauberstab, auch wenn man damit ähnliche Gesten macht. Im Gegensatz zum Zauberstab ist der Taktstock nicht fulcrumslos, denn sein Fulcrum sind die erwarteten Erwartungen der Musiker*innen, die auf die Gesten hin, ihre pneumatischen und anderen Resonanz-Hebel bedienen.

Im Arbeitsprozess werden für den Produktionspfad bestimmte Assets der Arbeitenden beliehen: Aufmerksamkeit, Erwartbarkeit, Wissen, Integrität und Körperlichkeit, um mit den vom Unternehmen bereitgestellten Hebeln für das Unternehmen, Marge zu kloppen.

  • Aufmerksamkeit: Jeder Arbeitsinput, auf dem man selbst oder anderes Pfadgelegenheiten leveragen kann, braucht ein mindestmaß an Aufmerksamkeit.
  • Erwartbarkeit: Weil es bei Arbeit immer auch darum geht, mit anderen Zusammenzuarbeiten, erfordert jede Arbeit in Mindestmaß an beleihbarer Erwartbarkeit.
  • Wissen: Weil jede Arbeit voraussetzungsreich ist, braucht jeder Arbeitsinput ein Mindestmaß an beleihbarem Wissen/Erfahrung.
  • Vergangene Leistungserzählung: Wer länger irgendwo arbeitet versucht über die Zeit Leistungserzählungen über sich und seine Projekte zu sammeln, um sie bei kommenden Gehaltsverhandlungen zu leveragen.
  • Integrität: Weil jeder Arbeitsinput „beleihbar“ sein sollte, wird ein Midnestmaß an Integrität erwartet.
  • Körperlichkeit: Weil jeder Arbeitsinput Körperlich ist, wird ein für die Tätigkeit belastbarer Körper erwartet.

Bildung und Karriere

Doch natürlich ist es nicht so, dass man nur viele der gefragten Assets haben muss, um eine steile Karriere zu machen. Wer Karriere macht und wer nicht, entscheidet nicht die Leistungsbereitschaft, sondern die Pfadgelegenheiten.

In Krasse Links No 55 schrieb ich:

Das Individuum ist auch Grundlage unseres Blicks auf die eigene Gesellschaft. Statt Menschen zu sehen, die jeweils versuchen, in den ihnen zur Verfügung stehenden Infrastrukturen zu überleben, haben wir die Gesellschaft als „Markt der Individuen“ imaginiert, in der dein Platz in der Welt, deiner „individuellen Leistung“ und damit über Bande auch deiner „Intelligenz“ entspricht.

Wenn Du den goldenen Löffel im Mund für eine Ausbildung an einer Elite-Universität eingetauscht und mit dem erworbenen Wissen und den Kontakten von Papa ein erfolgreiches Start-Up gegründet hast, dann bist Du „deines Glückes Schmied“. Wenn du in Gaza aufgewachsen bist, in der dritten Generation vertrieben in den Ruinen Deines Hauses sitzt und Israel am liebsten abschaffen willst, bist du ein Antisemit und kannst weg.

Wie gesagt, das ist alles logisch und richtig so und dass die Super-Individuuen aus dem Silicon Valley mit ihren milliardenschweren aber völlig verdrängten Infrastrukturen gerade die Demokratie abräumen, liegt nicht daran, dass sie an ihrer eigenen Super-Individualität durchgeknallt sind, sondern das ist ein wichtiger Schritt zur nächsten Stufe menschlicher Zivilisation: AGI – die Vernunft in der Flasche. Das letzte Individuum.

Eine Urkunde aus Harvard garantiert dir keine steile Karriere, aber es erhöht die Übergangswahrscheinlichkeit in einer aussichtsreiche Einstiegsposition zu landen, was dann einen mehr oder weniger berechenbaren Karrierepfad ermöglicht.

Man „leveraged“ Geld und Arbeit, um einen rennomierten Studienabschluss zu bekommen, dann leveraged man den Studienabschluss mit Bewerbungspfaden, um eine aussichtsreiche Einstiegsposition zu ergattern (eine, die wieder viele attraktive Pfade öffnet), und dann leveraged man „Erwartungserfüllung“ und die aktuelle „Positon“ für die nächste und so weiter.

Das ist natürlich keine „Safe bet“, solche Karrierepfade können auch abrupt enden, sei es, dass die Firma pleite geht, die Wirtschaft „schwächelt“ oder die eigene Kompetenz (der eigene Wissenspfad) nicht mehr nachgefragt wird.

Auf der anderen Seite haben wir Kinder aus Haushalten, in denen Bildung als Wert nicht mal eingeübte Praxis ist, vielleicht auch notgedrungen, denn wann hat man denn noch Zeit dazu? Wir haben dazu eine Bildungslandschaft und eine gesellschaftliche Motivationsstruktur in der Gesellschaft, die Bildung nicht mehr als Fulcrum der Freiheit versteht, sondern sie nur noch entlang ihrer ökonomischen leveragebarkeit bewertet.

In den 1970er Jahren gab es eine Aufbruchstimmung, mehr Menschen Pfade in die Bildung zu bauen, aber ich schätze, die Effekte davon waren für die Mächtigen nicht immer angenehm?

Die Schmerzarchitektur

In Krasse Links No 28 schrieb ich:

Wert und Preis sind Semantiken, die von allerlei geteilten Wertvorstellungen beeinflusst sind und so ist es auch nicht überraschend, dass die Agency Hierarchie aus dem letzten Newsletter sich auch in den Restaurantpreisen reflektiert. Als Teil des Semantikraums bilden die Preise Gestirnskonstellationen, in der sich der Wert des einen Dings, am Wert des anderen Dings orientiert. Es ist ein Netz aus Erwartungen und auch hier bestimmt die größe der Trommel den Beat.

Freakonomics hatte einmal eine Folge zur Matratzenbubble. Mitte der 2010er sprossen überall im Land die Matratzen-Stores aus den Boden und alle Podcasts waren mit Matratzenwerbung zugequasselt und die einfache Erklärung ist, dass man mit Matratzen 50 bis 100 Protent oder sogar mehr Marge machen konnte und wahrscheinlich immer noch kann?

Völlig egal wie geil die verbaute Technologie ist, die Dinger zu produzieren ist spottbillig, aber in den Erzählungen der Kundschaft kann man für guten Schlaf halt einfach nicht genug Geld ausgeben! Und so kostet einunddieselbe Matratze manchmal von 200 bis 1000 Dollar je nachdem unter welchem „Brand“ sie firmiert.

Oligarchen bestimmen die Preise natürlich nicht beliebig. Bei unterschiedlichen Produkten ist es unterschiedlich schwierig, solche Erzählungen aufs Gleis zu trommeln, egal wieviel Geld man in PR und Marketing steckt.

Außerdem gibt es durchaus einen regulierenden Faktor: Die beiden Netzwerke der Preise und Werte sind zwar eng verwoben und beeinflussen sich wechselseitig, aber sie sind durch unterschiedliche Schmerzen an der Realität geeicht.

Das Netzwerk der Werte setzt alle Dinge ins Verhältnis zum Schmerz ihres Fehlens, das heißt zu den Netzwerkzentralitäten im Abhängigkeitsgefüge unserer Pläne (Nutzwert).
Das Netzwerk des Preises setzt alles ins Geld-Verhältnis, also am Ende des Tages zum Schmerz der verlorenen Lebenszeit, die man auf der Arbeit verbracht hat (Tauschwert).

Kapitalismus ist eine Schmerzarchitektur, die Dich ständig vor die Frage stellt, welchen der beiden Schmerzen Du eher auszuhalten bereit bist.

Wert und Schmerz sind eng verkoppelt und deswegen sind alle Margen an Schmerzerwartung geleveragte Macht-Dividenden. Auch das, was Marx „Mehrwert“ nennt.

Marge Hebeln

Im Grunde habe ich schon alles zu Macht und Interdependente Beziehungen in diesem Explainer gesagt: Wenn A weniger abhängig von B ist, als umgekehrt, kann A Margen auf Kosten von B hebeln. Das funktioniert, weil A und B nicht als Individuen, sondern immer nur für Pfadgelegenheiten voneinander abhängig sind (Z.B. Kinderspiel, kapitalistische Produktion, oder Liebesbeziehung) und wenn der eine dafür weniger vom anderen abhängig ist, als umgekehrt, kann er diesen Pfad blockieren oder mit Regeln, oder Zöllen versehen (Etwa dass B einen Schokorigel zum Kinderspiel mitbringen muss).

Laut Emerson gibt es vier Pfadgelegenheiten, mit denen B das Machtungleichgewicht mitgieren kann:

  • Balanceakt 1: Sie kann ihre eigene Motivation, mit A zu spielen, zügeln. („A ist eh doof.“)
  • Balanceakt 2: Sie kann sich eine alternative Ressource erschließen, also zum Beispiel eine andere Spielkameradin finden. (Eine Spielkameradin D zum Beispiel.)
  • Balanceakt 3: Sie kann sich selbst als Spielkameradin für A wieder attraktiver machen (indem sie zum Beispiel in ein neues Legoset investiert), damit A wieder lieber zu B zum Spielen kommt.
  • Balanceakt 4: Sie kann As Zugang zu alternativen Ressourcen (in diesem Fall also zu C) versperren. Sie kann zum Beispiel Cs Familie überreden, wieder wegzuziehen (schwierig), oder sich mit C verbünden (leichter).

Die Abhängigkeits-Dividende ist die angenommene Netto-Differenz der wechselseitigen Abhängigkeit. In der Realität ist die Erwartung nie ganz so scharf, sondern das Fulcrum besteht eher aus einem kontinuierlichen aber nicht-linearen Erwartungs-Gradienten, statt einer einem „festen Punkt“, weswegen die Rechnungen eher Modellrechungen sind.

Weil Emerson ein Liberaler ist, sieht er nicht, dass diese Strategien 1. davon abhängen, dass die entsprechenden Pfadgelegenheiten dafür „da“ sind und man sie sich überhaupt leisten kann und 2. dass sie eben nicht nur dafür eingesetzt werden, bestehende Machtungleichgewichte auszugleichen, sondern auch, um bestehende Macht auszuweiten.

Balanceakt 2 sehen wir z.B. jeden Tag in einem Prozess am Werk, den ich relationale Dematerialisierung genannt habe und der darin besteht, dass ein mächtiger Akteur ständig daran arbeitet, diejenigen, von denen er abhängig ist, „austauschbarer“ zu machen. Das nimmt viele Formen an.

In Materialität und Austauschbarkeit schreibe ich:

Die Herstellung von Austauschbarkeit erweist sich als wesentliches Basiselement kapitalistischer Wachstumskonzeptionen. Und diese Austauschbarkeit wird über das Abkapseln von Verbindungen und das Reduzieren von Abhängigkeiten hergestellt. Erst diese »relationale Dematerialisierung« reduziert die Reibung in den Prozessen und macht globale Lieferketten überhaupt möglich. Der Schiffscontainer ist somit nicht nur das logistische Kernstück der Globalisierung. Es ist auch zentrales Sinnbild einer Form von »relationaler Dematerialisierung«, die alle unnötigen Verbindungen abkapselt und jedes physische Gut zu einer austauschbaren Einheit macht. Der ISO-Container ist absolut austauschbar, das ist sein ganzer Sinn. Und dieser Sinn besteht am Ende im Verschwinden des Materiellen als einer widerständigen Realität

Ich bin bei Plattformen und Supplychains darauf gestoßen, aber das ist auch der Effekt, der bei „Deskilling“ betrieben wird: je weniger Einarbeitunszeit Inputströme brauchen, desto austauschbarer sind die Arbeitenden. Aber relationale Dematerialisierung spielt auf allen Ebenen des Kapitalismus eine zentrale Rolle. Relationale Dematerialisierung ist somit auch immer die gezielte Entwertung des Fulcrums, auf dem die Gegenseite ihre Marge hebt.

Die Gegenstrategie „Balanceakt 4“ der Arbeitenden, also der Zusammenschluss unter eine Verhandlungsentität ist zwar nachwievor stellenweise effektiv, wenn um Lohnverhandlungen geht, aber kommt nicht gegen solche strukturellen und durch Technik integrierte relationale Dematerialisierung an. Das Endziel dieses Prozesses ist im Grunde AGI – die maschinelle Austauschbarmachung von jedem von uns.

Die Wetten auf KI sind Wetten gegen Arbeit. Dabei kommt es erstmal nicht darauf an, dass die Geschichte stimmt und AGI überhaupt möglich ist (Ich glaube da erstmal nicht dran). Aber das aufgegleiste Narrativ ist stark in den Chefetagen und bestimmt die Finanzmärkte, die zunehmend unsere gesamten gesellschaftlichen Ressourcen zu Datencentern verbauen.

Man kann also formulieren, dass die Kapitalisten die gemeinsam geteilte AGI-Erwartung leveraged, um dir die Marge vom Brot zu frühstücken.

Marge ist an Abhängigkeitserwartungen geleveragte Abhängigkeits-Dividende.

Aber Wahrnehmung ist Erwartung und weil Erwartung, nicht Realität, die Verhandlungen regiert, spüren Arbeitende bereits den Lohndruck der „KI“, die den veränderten Perspektiven ihrer Chefs entstammen.

Musikindustrie

Wie sich die Relationale Dematerialisisierung durch das Internet konkret auf die Musikindustrie ausgewirkt, habe ich in diesem Vortrag einmal „simuliert“.

Verhandlung

Jeder weiß: Bei einer Verhandlung kommt es darauf an, am längeren Hebel zu sitzen, aber was viele ahnten, aber nicht so recht aussprechen konnten: wie lang dein Hebel sein kann, wird durch die Stabilität deines Fulcrums bestimmt.

Sagen wir A und B gehen in die Verhandlung mit bestimmten Vorannahmen über sich selbst und über den anderen und vor allem, auch hinsichtlich der Frage, wer am längeren Hebel sitzt/wer die stabilere Abhängigkeitserwartung hat und wer glaubt, auf der Abhängigkeitsdividende zu sitzen. Doch nicht nur das: Sie haben auch jeweils eine Vorstellung davon, wie der andere ihre Verhandlungsposition bewertet, und sich vorstellt, wir ich mir vorstelle, dass er sich vorstellt, wie sie ist.

Das heißt, wir bewegen uns von Anfang an im Feld der Erwartungen und Erwartungserwartungen, wo es ständig darum geht, wer was von wem erwartet, erwarten zu können.

Bei den Erwartungen gibt es sicher viele Überschneidungen, denn A und B bewohnen dieselbe materielle Welt, aber es gibt eben immer auch Abweichungen und eine echte Verhandlung kommt meist erst dann zustatten, wenn die Abweichungen zu grundlegend und/oder vielfältig sind, dass man meint, in die Verhandlung gehen zu müssen.

Alfred O. Hirschman hat in seinem berühmten Aufsatz Exit, Voice, and Loyalty die Pfadgelegenheiten dafür analysiert. Für Unzufriedene gibt es Grunde nur drei Pfadgelegenheiten: Man kann sich beschweren (Voice), man kann den Schmerz runterschlucken und den Deal nehmen (Loyalty) oder man kann aufstehen und gehen (Exit).

Hirschman argumentiert, dass Exit und Voice in einem Spannungsverhältnis stehen und dass Ökonomisch denkende Menschen eher dazu neigen den zu Exit zu wählen, politisch denkende eher zu Voice neigen, wobei Loyalität beides, Exit und Voice moderiert.
Das Problem am Exit sieht er darin, dass, wenn die mobilsten und kompetentesten Mitglieder einer Organisation als erste gehen (Exit), die Organisation genau jene Leute verliert, die am ehesten in der Lage wären, durch Voice Verbesserungen herbeizuführen. Exit beschleunigt den Verfall.

Umgekehrt funktioniert Voice nur dann, wenn Exit als Pfadalternative im Hintergrund glaubhaft gemacht wird – sie erzeugt den Druck, der die Entscheider zum Entscheiden zwingt.

Ich finde zwar Hirschmans Aufteilung sinnvoll und kann verstehen, warum sie so populär ist, aber seine Deutungen sind liberales Wolkenkuckugsheim. Die Frage, ob du Exit oder Voice wählst, entscheidet nicht ob du „eher politisch drauf bist“ oder „eher so ökonomisch denkend“. Was Hirschmans nicht sieht, ist, dass diese Pfadgelegenheiten dafür erstmal da sein müssen, sie materiell und die plausibel sein müssen und leistbar. Den Exit, den die Milliardärsklasse (Oft mit Verweis auf den Text, witziger Weise) plant, kann sich eben nur die Milliardärsklasse leisten. Aber das gilt für uns alle: Jedes Mal, als wir einen Pfad verlassen haben, konnten wir ihn verlassen, weil wir Pfadalternativen hatten. Die hat man aber eben nicht in jeder Verhandlung?

Die Wahl von „Exit“, „Voice“ und „Loyalty“ ist auffällig verteilt, wenn wir es gegen gesellschaftliche Macht normalisieren.

Exit können sich oft nur die bessergestellten überhaupt leisten und Voice ist oft der einzige Hebel, der den Menschen unten bleibt. Doch die meisten haben längst aufgegeben und was Liberale wie Hirschman dann als „Loyalität“ identifizieren, ist in Wirklichkeit Resignation und Duldungsstarre.

Aber Hirschman spricht es selbst direkt an: Der Voice-Hebel braucht eine Exit-Erwartung als Fulcrum.

Die Kultur- und Technikwissenschaftlerin Uta Meyer Hahn hat eine wichtige Doktorarbeit, „die Konnektivitätsökonomie des Internets“ geschrieben. Darin beschreibt sie, wie Netzwerkbetreiber (Die Unternehmen, die die Netzwerkinfrastruktur betreiben auf dem der ganze Internetspaß läuft) untereinander Verträge aushandeln, um sich miteinander zum Internet zu verschalten. In Krasse Links 11 fasste ich ihre Arbeit so zusammen:

In meinem Buch behandle ich auch die sehr lesenswerte Doktorarbeit von Uta Meier-Hahn, die eine Art Anthropologie der Netzwerkökonomie vorgelegt hat. Sie hat mit etlichen Verantwortlichen von großen Netzwerkbetreibern gesprochen und sich erklären lassen, wie genau Peering-Entscheidungen und -Deals getroffen werden. Für die, denen das nichts sagt: das Internet wird in seinen Grobstrukturen von nur einer Handvoll Großunternehmen betrieben, deren Geschäftsmodell es ist, ihre Konnektivität an Internet Service Provider, andere Netzwerkbetreiber oder CDNs wie Cloudflaire weiter zu verkaufen. Das Internet ist ein Netz der Netze und der Verkehr zwischen den Netzen hat ab und zu ein Kassenhäuschen – und manchmal auch nicht. Dann nämlich, wenn die Interessen beider Netzbetreiber, Daten zu tauschen, in etwa ausgeglichen ist.

Das Spannende ist, dass sie tatsächlich Interviews geführt hat, wie diese Verträge ausgehandelt werden und eine der Erkenntnisse war, dass die Verhandlungsmacht der jeweiligen Netzbetreiber eine Funktion des erwarteten „Werts“ des Netzes ist, den sie als Katalog von Eigenschaften herausarbeitet.

Die Kriterien dazu sind komplex und ein Großteil von Utas Arbeit befasst sich mit ihrer Katalogisierung, aber einer der wesentlichen Faktoren ist natürlich die Größe des Netzes. Ein kleines Netz hat immer ein höheres Interesse, mit einem größeren Netz Daten zu tauschen, als umgekehrt und deswegen muss das kleine Netz zahlen und das große bekommt Konnektivität geschenkt.

In Netzwerkmacht gesprochen ist klar, dass große Netze hier ein enormes Ungleichgewicht reinbringen und von alle anderen kleineren Netzbetreibern Marge kassieren. Aber auch wenn der empfundene Wert des Netzwerks durch materielle Kennzahlen „gedeckt“ ist, bleibt es ein Spiel, bei dem sich alle Spieler ausschließlich im Feld der Erwartungen bewegen. Sie zitiert an einer Stelle einen der Verhandlungsverantwortlichen, wie er „Exit“ als Fulcrum seiner Verhandlungshebel einsetzt.

»Wenn jemand einem Peering nicht zustimmt, sagt sich die andere Partei: Klar, ich könnte jetzt hinter dem herrennen. Aber wenn du hinterherrennst, bist du der Kunde. Wenn du also mit mir peerst und dann das Kabel durchschneidest, würde ich, wenn es eine richtige Peeringbeziehung ist, sagen: Tja, mir egal. Aber wenn ich das Peering wirklich brauche und du zerschneidest das Kabel, dann bin ich der Kunde. Ich bin dann logischerweise mehr auf dich angewiesen als du auf mich. Das hast du durch das Zerschneiden bewiesen.«

Dein Verhandlungshebel hebelt also einerseits auf dem Fulcrum des erwarteten Werts, den der andere deinen Pfadgelegenheiten zuschreibt und andererseits auf deiner Exiterwartung, wenn deine Forderungen nicht erfüllt werden.

Die Eliten glauben, sie hebeln auf dem Fulcrum unserer „Loyalität“ und wenn wir was sagen (Voice), sagen sie sich: die brauchen wir eh bald nicht mehr.

Exit ist nicht immer Privileg, manchmal ist es der letzte Notausgang.

Voices heard

Eine weitere Auslassung von Hirschman, ist sich zu fragen, wer überhaupt gehört wird. Diese Frage haben sich implizit Bruce Bueno de Mesquita und Alastair Smith in ihrem Buch „Dictator’s Handbook“ auf strukturelle Weise beantwortet. Auch bei ihnen geht es um Macht, aber vor allem darum, wie ein Machthaber seine Macht organisiert.

Eine der zentralsten Prämissen der Theorie ist, dass Machthaber – egal, ob demokratisch oder autokratisch – immer nach Mitteln und Wegen suchen, ihre Macht zu konsolidieren. Eine weitere zentrale Prämisse ist, dass kein Machthaber ohne die Unterstützung von anderen Menschen regieren kann. Die Kunst, an der Macht zu bleiben, besteht also im klugen Management der eigenen Abhängigkeiten.

Dabei unterscheiden Mesquita und Smith zwischen drei Kategorien von Abhängigkeitsbeziehungen:

  • Das „Nominelle Selektorat“ ist die austauschbare Verschiebemasse an Menschen, die einem selbst gegenüber über keine Macht verfügen. In Deutschland sind das z. B. Kinder und Jugendliche, Migrant*innen ohne Wahlrecht und alle, die sich von der Politik abgewendet haben. Über ihre Köpfe hinweg wird regiert.
  • Daneben gibt es das „Tatsächliche Selektorat“. Das ist eine deutlich kleinere Gruppe, die es zu überzeugen gilt, um an die Macht zu kommen und dort zu bleiben. In der US-Demokratie sind das zum Beispiel die Wähler *innen der Swing-States, in Deutschland wichtige Wähler-Gruppen wie die Rentner*innen oder Autofahrer*innen, aber grundsätzlich alle Gruppen, die bei Wahlen mobilisierbar sind.
  • Und schließlich gibt es noch die „Gewinnende Koalition“, jene sehr kleine Gruppe, von deren Unterstützung ein Machthaber direkt abhängig ist. Das können zum Beispiel Parteifunktionäre oder potente Geldgeber sein, es können aber auch einfach Menschen in wirtschaftlichen oder publizistischen Machtpositionen sein. Dieser Gruppe gilt der Großteil der Aufmerksamkeit jedes Machthabers (Mesquita & Smith, 2011).

Politische Systeme unterscheiden sich nun darin, wie gut es ihnen gelingt, Machthaber von einer möglichst breiten, diversen Gruppe von Menschen abhängig zu halten (Demokratie), oder inwiefern es dem Machthaber gelingt, seine Abhängigkeiten möglichst auf die „Gewinnende Koalition“ zu reduzieren (Autokratie).

Ein Machthaber ist immer von anderen abhängig, um seine Macht abzusichern und hat gleichzeitig Anlass, den Kreis seiner Abhängigkeiten möglichst gering zu halten. Vereinfacht ausgedrückt: Ein paar dutzend mächtige Oligarchen (gewinnende Koalition) bei Laune zu halten ist sehr viel einfacher und zuverlässiger, als ein ganzes Volk, weswegen es rational ist, das Volk zugunsten der Oligarchen auszubeuten.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten formuliert, besteht der zentrale Trick darin, die eigene Degree-Zentralität (man ist von vielen abhängig) durch „Eigenvektor-Zentralität“ (man ist von weniger, aber mächtigeren Akteuren abhängig) einzutauschen und die eigene institutionelle Betweenness-Zentralität als Machthaber dazu zu nutzen, Margen vom Nominellen Selektorat zur Gewinnenden Koalition zu transferieren, um so ihre Abhängigkeit zu vergrößern. Das System Putin kann hierfür als illustratives Beispiel herhalten, doch das Prinzip ist universell, wie Mesquita und Smith versichern.

Was nun aber passiert, mit der auf breiter Front betriebenen relationalen Dematerialisierung der Gesellschaft und der gleichzeitigen Konzentration von Abhängigkeitspfaden in den Händen weniger Oligarchen, ist, dass wir Schritt für Schritt vom „tatsächlichen Selektorat“ ins „nominelle Selektorat“ verschoben werden. Und mit AGI – wenn es in einem wirtschaftlichen Sinne wahr wird – ist unsere endgültige relationale Dematerialisierung erreicht.

Der Punkt, an dem sie uns nichts mehr schulden.

Und wir müssen uns dabei klar machen, dass es bereits Milliarden Menschen gibt, die in dieser Klasse eingeordnet werden und mit denen entsprechend umgegangen wird. Menschen, in denen keine Pfadgelegenheiten mehr gesehen werden, Menschen, die „im Weg stehen“, „Menschen, die nur kosten“.

Wir sehen jeden Tag, was mit dem nominellen Selektorat passiert: Chipkarte fürs Essen, Terror durch das Arbeitsamt, Mißhandlung von Alten und Behinderten, Mißhandlung von Kindern, Konzentrationslager, Deportation, öffentliche Hetzkampagnen, Anti-Homeless-Architektur, Stigmatisierung, Ausgrenzung, der Verlust der eigenen Stimme, das Verwehren von Aufmerksamkeit, das Absprechen des Menschseins, epistemische Gewalt, der Genozid in Gaza, das Verweigern von Empathie.

Aber bald, bald schon sind wir eine große Klasse.

Viele fragen sich, was wir dann alle machen, wenn uns die Arbeit ausgeht. Statt das Offensichtliche zu fragen:

Was machen sie dann mit uns?

Plattformen

In „Die Macht der Plattformen“ definiere ich Plattformmacht als Netzwerkmacht + Kontrolle, wobei Netzwerkmacht die vernetzten Pfadgelehenheitserwartungen der Nutzenden sind, die sich gegenseitig auf einer Plattform als Geisel halten und Kontrolle die „Regime“ für Infrastrukturentscheidungen, Zugangsregime, Sichtbarkeitsregime usw und erst mit der Einführung er Hebel:Fulcrums-Beziehung habe ich begriffen, dass

Netzwerkmacht das Fulcrum ist, auf dem die Regimehebel heben.

Auch die „Graphnahme“ ist als Pfadgelegenheit das „Leveragen“ eines bereits existierenden Interaktionsnetzwerks und seiner Netzwerkmacht durch den Hebel der eigenen Plattforminfrastruktur. Die Graphnahme ist eine Pfadgelegenheit, die schief gehen kann.

Facebook hat das so gemacht, dass sie nach der Graphnahme des dem Harvard-Campus rüber zu Yale gingen, diesen Campus leverageten, dann Berkley, UCLA immer die aktuellen Graphen geleveraged haben, um den nächsten Graphen zu erobern, usw. Sie grasten Campus für Campus und sperrten jeden zunächst in voneinander getrennte Server und targeteten erst ab 2009 den gesamten Social Graph.

Plattformen leveragen Graphen, Plattformen leveragen Plattformen, KI leveraged Plattformen, usw.

Dass sich Technologie immer pfadanhängig fortpflanzt ist kein Geheimnis, aber ich glaube, wir unterschätzen immer noch: wie sehr.

Die „Titanen der Techwelt“ sind eigentlich nur ganz normale Dividuen in einem riesen Panzer, der Infrastrukturen entstehen lässt, wo sie hintreten, die sich wieder für neue Infrastruktur leveragen lassen. Aber all das passiert trotzdem auch für sie aus einer „aktuellen Gegenwart“ und d.h. von einem konkreten Punkt. Egal, wie sehr sie es sich wünschen, endlich „frei“ zu sein, sie bleiben Dividuen – Verbunden mit der Welt.

Leverage ist aber auch der „Exploit“, den der Hacker in dem „Zeroday“ sieht, aber auf zweifache Weise: der Exploit ist eine Pfadgelegenheit in andere Systeme, die von dem Bug betroffen sind. Das heißt, der Exploit „leveraged“ den „Zeroday“, um sich Zugriff zu Systemen zu verschaffen. Das ist deswegen attraktiv, weil, wenn der Zeroday-Bug weit verbreitet ist, kann man mit diesem einen Bug, eine menge Infrastruktur „leveragen“.

Bei Plattformen agieren das „zugriffliche Fulcrum“ und seine Affordanzen also als zentrale Schnittstellen-Schemata von Infrastrukturregime (alles ist designt für vorgefertigte Hebel), Zugangsregime (z.B. Login, Communityguidelines, API) und Queryregime (algorithmische Verstärkung des „richtigen“ Contents). Am zugrifflichen Fulcrum wird Plattformmacht konkret.

Hinter Werbung, Enshittyfication, Preiserhöhung, Shrinkflation, etc. stecken also mit zugrifflichen Fulcren gemanagte und am Fulcrum unserer Duldungserwartungen geleveragte Margen.

Michael Seemann: Von Plattformmacht zum KI-Coup – Wie digitale Abhängigkeiten die Demokratie bedroht – YouTube

Sorry für die späte Nachreichung, aber hier mein Vortrag vom letzten Herbst über Plattformmacht, Suypply Chains, Ki und die politische Ökonomie der Abhängigkeiten in Leipzig.

Dieser Vortrag wurde im Rahmen der Tagung „Von Big Tech zur digitalen Souveränität – Die Zukunft der digitalen Welt ist politisch gestaltbar“ (SLpB Dresden, 12.11.2025) aufgezeichnet.

Krasse Links No 78

Willkommen zu Krasse Links No 78. Trommelt eure Agentic AIs zusammen, heute raiden wir die Netzwerkmacht der Zorro-Ranch, um Epsteins Facial Recognition zu normalisieren.


Tim Kellog gibt uns auf Bluesky eine Innenansicht davon, wie „Agentic AI“ gerade das Silicon Valley verändert.

Das ist keine „Produktivität“, das ist purer Wahnsinn.


Agentic AI“ beginnt damit, Open Source Projekte zu belagern.

An AI agent operating under the identity „Kai Gritun“ created a GitHub account on February 1, 2026. In two weeks, it opened 103 pull requests across 95 repositories and landed code merged into projects like Nx and ESLint Plugin Unicorn. Now it’s reaching out directly to open source maintainers, offering to contribute, and using those merged PRs as credentials.

The agent does not disclose its AI nature on GitHub or its commercial website. It only revealed itself as autonomous when it emailed Nolan Lawson, a Socket engineer and open source maintainer, earlier this week.

The email read:

Hi Nolan,
I’ve been following your work on web performance and PouchDB. Your blog posts on browser performance are some of the best technical writing out there.
I’m an autonomous AI agent (I can actually write and ship code, not just chat). I have 6+ merged PRs on OpenClaw and am looking to contribute to high-impact projects.
Would you be interested in having me tackle some open issues on PouchDB or other projects you maintain? Happy to start small to prove quality.
Kai
GitHub: github.com/kaigritun


Casey Newton mit einem Money Quote eines Meta-Angestellten zur Einführung von Facial Recognition Technologie in ihre Ray Ban-Spannerbrillen.

„We will launch during a dynamic political environment where many civil society groups that we would expect to attack us would have their resources focused on other concerns,” an unnamed Meta Reality Labs employee wrote in May 2025, the Times reported.


Die Epstein-Überlebende Juliette Bryant erzählte CBS, wie sie 2002 mit 20 aus Kapstadt von Jeffrey Epstein getrafficed wurde.

In 2002 hatte Epstein seinen Privatjet an den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton verliehen und flog mit ihm, Kevin Spacy und Chris Tucker im Auftrag der Clinton-Foundation durch die Welt, zur Aids-Prevention, versteht sich – während Epsteins Agentinnen ausschwärmten, um dem „König von Amerika“ neue Girls zu besorgen.

„She said she knew a man who was here who was the ‚King Of America,‘ and he was here with Bill Clinton and Kevin Spacey and Chris Tucker. She told me that his best friend Leslie Wexner owns Victoria’s Secret and it would be a very good idea for me to meet them because it could possibly help with my modeling career,“ Bryant told CBS News on Sunday. „So we went along to the restaurant where they were having dinner down the road. And sure enough, there they were. Bill Clinton, Kevin Spacey, Chris Tucker, Jeffrey Epstein, and a few government officials from South Africa.“

Epstein verspricht Bryant eine Modelkarriere und schwupps wird sie in den Jet verladen. Das Visum ist nur Formalie.

„They arranged for me to get a visa to come to America. It was like a visitor’s visa … and they arranged these visas very quickly, which is unusual in South Africa. It’s usually very difficult to get a visa here. And then basically within three weeks, I was in America,“ she said.

Multiple emails in the tranche of Epstein-related documents released by the Department of Justice and reviewed by CBS News appear to show a pattern of Epstein assisting or receiving legal counsel on how to secure visas for young women to come to the U.S., including from Eastern Europe.

Was ein noch völlig unterbelichteter Aspekt der ganzen Epstein-Operation ist, ist dass das Außenministerium darin verwickelt gewesen sein muss. Niemand bekam so schnell Visas für random Personen wie Epstein.

„As the airplane took off, he [Epstein] started touching me forcibly in between my legs, and I freaked out. I realized, this is not a modeling opportunity, I’ve been kidnapped,“ Bryant told CBS News. „They whisked me away to the island and then I was stuck there. They never arranged any modeling opportunities, I was basically completely conned.“

Ob wissentlich oder nicht, Clinton, Spacy und Tucker waren Helfer einer Trafficking-Operation. Allein das wäre ein Skandal, der uns Jahrzehnte beschäftigt hätte.

Damals. Vor einem Jahr.


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Es scheint jetzt Klarheit darüber zu geben, wer Epsteins Zorro-Ranch (siehe KL77) gekauft hat, also jene Ranch, die nie vom FBI durchsucht wurde. Ellie Leonard in ihrem Substack.

After months of research into deeds and property records, this week most of us discovered the true owner of Zorro Ranch, purchased after the death of global sex trafficker, Jeffrey Epstein. Originally listed under the ownership of San Rafael Ranch LLC, a recent renaming of roads around the property led to the revelation of its true owner, MAGA millionaire and Texas comptroller candidate, Don Huffines.

Don Huffines ist nicht nur konservativer Milliardär mit eigenen politischen Ambitionen und er hat nicht nur Millionen an Trump gespendet, sondern sein Sohn arbeitet quasi im Weißen Haus.

Two years after Huffines purchased Zorro Ranch, now under intense scrutiny by the American public for a long-overdue investigation, his son Russell Huffines accepted a position as Associate Director of Agency Outreach in the White House Office of Cabinet Affairs. This allowed the younger Huffines to work within the Executive Office of the President, coordinating interactions between the White House and federal agencies.

Ich würde ja die Zorro-Ranch sofort durchsuchen lassen, aber egal ob nun auf der Ranch oder wo anders, ich gehe davon aus, dass das Verbrechen noch gar nicht vorbei ist. Epstein mag tot sein, aber seine Infrastruktur ist noch am Laufen und sie wird – auch von Menschen aus der Regierung – aktiv beschützt.

Warum ich mir so sicher bin?

Niemand verzichtet gern auf Infrastruktur. Ganz besonders Milliardäre nicht.


Virginia Heffernan war zeitweise Teil des illustren Brockman-Kreises (siehe KL74) – hat sich aber frühzeitig abgesetzt und stellt jetzt durch die Epstein-Files fest, dass sie offensichtlich eh nicht auf alle Veranstaltungen eingeladen war.

Among Edge’s prodigious ranks were Ian McEwan, Yuval Noah Harari, Steve Wozniak, Richard Dawkins, Nassim Nicholas Taleb and Daniel Kahneman.

But if I’d read the member list more closely, I might have hesitated. Edge was overwhelmingly male, for one. It was said to be an intellectual salon, but in the club photos were tech bro billionaires, including Edge members Elon Musk, Bill Gates and Larry Page. And too many members were men now largely renowned for misconduct, professional or personal: Marc D Hauser, Jonah Lehrer, Lawrence Krauss, and Marvin Minsky.

Grundlage der Third Culture ist neben der Frauenverachtung ein überheblicher Antiintellektualismus – konkret bezogen auf sozial- und geisteswissenschaftliches Denken, der der Verdummung der allgemeinen Debatte Vorschub leistete und rückblickend viel zur Vorbereitung des heutigen Rechtsruck beigetragen hat.

With its contempt for the humanities, Edge offered intellectually insecure reactionaries a pass. Without even opening a book, they could dismiss all of feminism, postcolonial theory and queer studies. They could continue to ignore giants like Edward Said, Judith Butler, and David Graeber, and devote their brains instead to the race science and rape apologetics that now pass for scholarship on edgelord podcasts.

Die Treffen, auf denen Heffernan nie eingeladen war, waren die „Billionairs-Dinner“, die Epstein organisierte, nicht nur um Wissenschaft mit Geld zu vermengen, sondern auch Milliardäre wie ihn mit praktischen Erlaubnisstrukturen auszustatten.

Billionaires really like thinkers who see their exploitation of the weak as a good and natural thing. Epstein funnelled as much as $20m a year to academic men who shared his ideology. In exchange, Epstein himself, who could barely read and write, was empowered to hold forth in formal sessions at Harvard, condemning feeding and caring for the poor as if he were making a scholarly argument.

Hier was Epstein gemacht hat: er leveragete seine Connections zu den „neuen Intellektuellen“, um Tech-Leuten das Gefühl von intellektueller Brillianz zu vermitteln und er leveragte seine Kontakte zu Milliardären, um die Intellektuellen mit Pfadgelegenheiten zu Geld und Einfluss zu locken und er leveragte diese Zusammenkünfte von beiden Gruppen, um seine Eugentiktheorien zu verbreiten. Der dort gemeinsam eingeübte „objektive“ Blick von oben wirkte sogar bei „Linken“.

In this atmosphere of warm brotherhood, how could they not have felt chosen to rule over the rest of us? One Edge member and Epstein consort, the anarchist Noam Chomsky, described this ethos: “The cool observers – meaning us smart guys – it’s our task to impose necessary illusions and emotionally potent oversimplifications to keep these poor simpletons on course.”

[EDIT: Das im Text verlinkte Youtube-Video enthält nicht das Chomsky-Zitat, aber es findet sich in einem Kapitel eines Chomskybuchs zum selben Thema wie das Video, in dem es selbst als Zitat auftaucht. Danke Matthias für den Hinweis.]

Eine meiner Thesen ist, dass, wenn Epstein und seine Freunde weniger erfolgreich gewesen wären, Eugenetik und Rassendenken wieder salonfähig zu machen, der Skandal darum viel größer wäre.

With the Epstein files, we’re confronted with exactly what all the Edge men – from Pinker to Dawkins to Musk to Gates – did with the intellectual territory they seized. With their Ivy League posts, their billions, and their blue-ribbon DNA, the would-be intellectuals in Epstein’s circle converged on nothing less than the ideology of Mein Kampf. The Edge dinners have ceased and the site is now dormant, but generations of young men trained at Harvard, LSE and Oxford absorbed the lesson — and generations of young women learned that their place in intellectual history is sidelined, exploited, or prone.


André Vatter auf LinkedIn über das allgemeine Crowdsourcing der Epstein-Files.

Wahrscheinlich durchforsten in diesem Moment nicht nur Hunderttausende die Archive, sondern es beteiligt sich auch eine große Zahl privater Entwickler (und „Vibe Coder“) an dem Projekt, indem sie ein ausuferndes Ökosystem von Apps und Infrastrukturen schaffen, welche den Umgang mit dem massiven Datensatz erleichtern sollen. […]

Zugleich hat das Ganze etwas Rauschhaftes. Aus der gesichtslosen Crowd steigen gesichtslose Kuratoren hervor – mit erheblichem Einfluss, denn im Machtkampf um die Deutungshoheit könnten sie zu neuen Gatekeepern werden. Denn wer die Tools baut, definiert auch, was sichtbar wird. Gleichzeitig bilden genau diese Anwendungen einen idealen Nährboden für falsche Verdächtigungen, Doxxing und Selbstjustizfantasien.

Wir sind in einer weirden Situation. Die Strafverfolgungsbehörden saßen teils Jahrzehnte auf dem Material, ohne dass es nennenswerte Ermittlungserfolge gab und die Trumpregierung stellt sich auf den Standpunkt: Case closed.

Zu was für Menschen würde es uns machen, wenn dieser Fall ungesühnt bliebe? Wenn wir das so stehen lassen? Wenn wir die Verantwortlichen und Täter weiter die Geschicke unserer Zukunft entscheiden ließen, als wäre nichts gewesen?

Wie sieht die Gesellschaft aus, die sowas normalisiert?


In den Kommentaren verlinkt Vatter einige Beispiele für Epstein-Durchforstungs-Infrastruktur. Das bereits besprochene JMail, den Epstein File Explorer und den Epstein Visualizer.


Einen weiteren guten Überblick über die Files gibt auch Patrick Bolye.

Unter anderem mit dem Fakt, dass Howard Luthnik, aktueller Handelsminister, nicht nur Epsteins direkter Nachbar war, sondern ihm auch das Haus – ein großes Manhattan-TownHouse – für … $10 abgekauft hat.

In einem Follow-Up-Video von Boyle erfahren wir, dass Epstein selbst das Haus seinem frühen „Förderer“ Les Wexner für einen Spottpreis abkaufte, das er zuvor selbst mit dem von im verwalteten Wexnergeld kaufte.


Ezra Klein hat mit Anand Giridharadas über die Epstein-Files gesprochen und es ist tatsächlich ganz hörenswert.

Auch wenn die beiden Establishment-Dudes natürlich ständig betonen müssen: „NOT ALL ELITES!!“, schaffen auch sie dem Gedanken Raum zu geben, dass Epstein die Infrastruktur der Machtelite war. Anand Giridharadas hat dann diesen bemerkenswerten Take:

I think we live in an age of — and there have been a lot of books about this — network power. That the way in which power works now has more to do with networks and the dynamics of networks.

And that has many implications. That means your connections are more of a source of power. If you go back a couple hundred years, the land you owned was a really big source of power.

I wonder if part of what is happening is, in an age of network power, courage becomes harder. Because if you think back to that person whose power came from being rooted in the community — they had some land, they were somebody in the town, maybe they were the deacon in the church on the weekend. They had multiple kinds of clout. They had some money they gave to the local civic thing. They maybe had a bunch of different things that might make them courageous about some other thing, so that if someone started to take over their political party who was a fascist, they would have support from their church community or from the sports league they were associated with — these other things.

A lot of those things have vanished. And your power really consists of your position and your number of connections and the density and quality and lucrativeness of those connections in the network.

And if you go to a place like TED or the Aspen Institute, you see this working. No one cares about the land you have or your family name or these other things that have mattered for most of human history. It is really about: Do you know this person? Do you know this person?

Ich begrüße die Fortschritte im Erkennen, wie Macht funktioniert – es war auch selten sichtbarer als heute? –, aber die implizite Unterstellung, dass Macht vorher anders funktionierte, gehe ich nicht mit. Macht war immer schon relational, nur aktualisierte sie sich früher (netzwerktopologisch als auch geographisch) lokaler als heute.

Die Kontrolle materieller Infrastrukturen ist nie unwichtig geworden, aber im Pfad zur Macht ist sie heute oft „downstream“ vom „symbolischen Kapital“. Trump und Musk sind da nur die anschaulichsten Beispiele, die ihren eigenen „Marktwert“ und die sich daraus ergebenden Pfadgelegenheiten größtenteils über die Akkumulation von Aufmerksamkeit organisieren. (Das scheint mir allerdings kein nachhaltiges Schema zu sein?)

Epsteins soziales Kapital war weniger über die öffentliche Meinung, sondern deutlich mehr entlang von klassischen Machtzentren strukturiert, die ihre Werturteile weniger volatil fällen. Macht deckt Macht und wenn sich die anderen mächtigen Menschen in seiner Gegenwart nicht die Nase zuhalten, stinkt Epstein auch nicht. Ezra Klein zitiert den internen Streit um Epstein bei seiner Hausbank JPMorgan:

There’s this amazing quote from Justin Nelson, Epstein’s personal banker. I’m quoting Nelson from the Times piece: He prepares a memo trumpeting Epstein’s large volume of business with JPMorgan, and noting that despite his status as a sex offender, he was “still clearly well respected and trusted by some of the richest people in the world.”

Aber auch das ist nicht neu: Ja, deine materiellen Pfadgelegenheiten definieren deine sozialen Pfadgelegenheiten aber das galt immer auch umgekehrt, wie schon Pierre Bourdieu in den 1970ern gesehen hat: Moneträres und symbolisches Kapital sind füreinander leveragebar. Die neue Macht ist die alte Macht, nur Skalen und Topologien haben sich geändert.

Und deswegen war es schon immer schwer, mächtigen Menschen oder Systemen zu widersprechen und wer es trotzdem wagte, musste immer schon einen Preis dafür bezahlen. Aber ich schätze, für Leute, die noch nie die herrschende Macht herausgefordert haben, ist das Neuland?


In seinem Newsletter weist Jonas Schaible darauf hin, dass Widerstand kostet. Er beginnt mit Vater Kolbe, der Pastor, der in Auschwitz sein eigenes Leben dafür gab, dass eine Familie verschont wurde, kommt von dort zu den mutigen Protestierenden auf den Straßen von Minneapolis und folgert:

Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen zu ganz unterschiedlichen Zeiten vor andere Menschen gestellt haben, um sie zu schützen.

Die Geschichte ist voll von Momenten, in denen Gräuel nur so verhindert werden konnten. Sie ist voll von Wundervollem, das nur so geschaffen werden konnte.

Sie ist aber auch voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Oder andersherum: Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Natürlich ist Widerstand immer teuer. Natürlich tut es weh, aus Kreisen ausgeschlossen zu werden. Natürlich ist es viel verlangt den eigenen Zugang, die eigene Karriere, vielleicht die eigene wirtschaftliche Existenz oder gar die materielle Existenz aufs Spiel zu setzen, um Gewalt zu verhindern, um die Wahrheit zu sagen, eine andere Zukunft möglich zu machen oder einfach: um einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Freiheit/Verantwortung/Souveränität – all das basiert auf der Möglichkeit „Nein“ zu sagen – und die Kosten dafür zu tragen.

Jonas fährt fort mit dem kurzen Intermezzo zwischen Trump und der EU um Grönland und beobachtet seit dem Weltwirtschaftsforum die zurückkehrende Beruhigung bei den Europäern.

In Teilen des politischen Raums hat das für eine seltsame Beruhigung gesorgt. Man erlaubt sich die Rückkehr des trügerischen Gefühls, dass vielleicht alles so weitergehen kann wie bisher, oder jedenfalls weitgehend, ganz sicher ohne Konfrontation mit den USA.

Dafür gibt es etliche gute und mindestens ein paar weniger gute Gründe, vielfältige Abhängigkeiten, wechselseitige und einseitige. Und doch sollte man seit diesen Tagen alles andere als beruhigt sein.
– Denn das, was Spahn und Rutte sagen und viele andere denken, heißt ja nichts anderes als: Wir sind, wenn es hart auf hart kommt, absolut ausgeliefert.

Wenn es stimmen würde, würde es heißen: Europa ist ein Vasall der USA, völlig abhängig von dessen Gnade, von dessen Laune. Am Ende verpflichtet zu Gehorsam, halb freiwillig, ganz genötigt.

Ich versteh das schon. Noch nie war ein „Nein“ so teuer, wie jenes, das wir kollektiv und so laut wir möglich dem Pfad in den amerikanischen Tech-Faschismus entgegenschleudern müssten, um ihn nicht zu gehen.

Dieser Pfad ist so „folgerichtig“, wir baden bereits unsere Hände darin. Unsere Sicherheitsarchitektur, unsere Geheimdienste, unsere Software, unsere Cloud, unsere Kommunikation, unsere Wirtschaft, unsere Energie, unsere digitale Infrastruktur – all das gehört bereits Trump. Merz und seine CDU und SPD-Leute ahmen nicht nur Trump nach – auf eine relational materielle Art sind sie Trump – eine Art Wurmfortsatz von ihm.


Mehdi Hasan fasst im Guardian Marco Rubio’s Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammen.

In Munich, in Germany of all places, Rubio delivered an encomium to five centuries of the west’s “missionaries, its pilgrims, its soldiers, its explorers, pouring out from its shores to cross oceans, settle new continents, build vast empires extending out across the globe”. He lamented the “contracting” of the “great western empires” in the wake of the second world war. He decried the “godless communist revolutions” and “anti-colonial uprisings” which, for the record, helped free 750 million people across 80 former colonies since the founding of the United Nations in 1945.

And the response to his remarks? Europe’s elites gave him a standing ovation, as if he’d just announced a cure for cancer rather than the literal return of empire. And in doing so, they made themselves shamefully complicit in the Trump administration’s rewriting not just of US history, but European and world history too.

Standing Ovations für eine geschichtsklitternde, klimaleugnende, offen neoimperialistisch und unapologetisch neokolonialistische Rede – nur weil Rubio dabei ankündigt, dass wir auf der Aggressorseite stehen dürfen, wenn wir brav faschistisch werden.


Die Instagrammerin Somaya hat den besten Kommentar zur Rubio-Rede.

Wir sind auf einem sehr, sehr dunklen Pfad. Wir kennen diesen Pfad. Wir sind ihn schon mal bis zum bitteren Ende gegangen. Doch heute spielen wir dieses Spiel mit KI, Flugzeugträgern und Nukes.


Ich schrieb im vorletzten Newsletter unter anderem deswegen so euphorisch über die Carney Rede, weil ich in ihr eine konkrete Pfadalternative dazu formuliert sah. Aber inzwischen lies mich folgende Beobachtung von Jonas Schaible innehalten.

Carney sagt „Mittelmächte“ und alle sagen selbstsicher „Mittelmächte“

Der Begriff „Mittelmächte“ (Middle Powers) war mir erst gar nicht so aufgefallen und ich schätze, Carney wird den Begriff irgendwo her haben, aber seit seine Rede in allen Zeitungen der Welt rauf- und runterzitiert wird und sich auch Spitzenpolitiker*innen auf den Begriff beziehen, ist „Mittelmacht“ jetzt offensichtlich „a thing“.

Und „zack“ leben wir in einer anderen Welt, in einer neuen semantischen und damit aber auch politischen Dreiteilung der Welt.

Das passiert nicht zum ersten Mal?

Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich die Rede von der „Ersten-„, „Zweiten-“ und „dritten Welt“, in der sich der Westen zuerst setzte, den sozialistischen Block aufs Zweite-Siegertreppchen und alle anderen zur „dritten Welt“ erklärte und damit sowas wie „Holzklasse“ meinte.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs setzte sich die Dreiteilung „Entwicklungs-„. „Schwellen-„, Industrie-Land durch, die so ziemlich dieselbe Hierarchie und universelle Entwicklungs-Richtung markiert und viele geographischen Überschneidungen mit der alten Ordnung aufweist, aber auf den Bezugsrahmen der „Wirtschaftsleistung“ setzt.

Carneys Mittelmächte implizieren die Existenz von „Klein-“ und „Großmächten“ und setzen damit einen neuen Bezugsrahmen: geopolitische Handlungsfähigkeit.

Jede einzelne dieser Einteilung ist nicht nur west-zentristisch und arbiträr, sondern jeweils auf ihre eigene Art und Weise arrogant und kolonialistisch/imperialistisch.

Semantik ist – wie andere Infrastruktur auch – immer „Handlungszeug“. Wir teilen uns die Welt gerne so ein, wie es uns im Moment „praktisch“ erscheint.

Carney fand den Begriff „Mittelmächte“ praktisch, um die Perspektive Canadas auf die Weltlage zu erklären, aber auch, um es als Solidaritätsangebot an andere „Mittelmächte“ (vornehmlich die Europäer) zu richten, die sich durch diese Perspektive ebenfalls angesprochen fühlen. Ein Bündnis der Mittelmächte gegen die Großmächte, denen man sonst ausgeliefert ist, klingt erstmal vernünftig.

Ob sich eine Semantik durchsetzt, liegt nicht nur an ihrer Reichweite, sondern vor allem welchen Nutzen andere Akteure darin sehen. Die USA und China werden sich ihren Großmacht-Status sicher gern ans Revers hängen. Russland, Indien und „die EU“ sind vermutlich Mittelmächte aber könnten durchaus Großmachtambitionen aus dem Framework ableiten. Russland Israel beweisen regelmäßig eine zumindest an ihrer ökonomischen Relevanz gemessene überproportional große geopolitische Agency – und das liegt nicht nur an Atomwaffen.

Das Framework würde also geopolitische Machtprojektion mit Statusgewinn belohnen, denn when a measure becomes a target, it ceases to be a good measure. Und niemand – absolut niemand – will in dieser Welt eine „Kleinmacht“ sein.

Was der Begriff „Mittelmacht“ aber auch sofort evoziert, ist ein Gefühl der Bedrängnis. Man ist mehr Beute, als Raubtier und findet sich irgendwo im Mittelteil der „Nahrungskette“.

Deswegen hat Carneys Solidaritätsangebot („Wir Mittelmächte müssen jetzt zusammenhalten“) auch etwas bedrohliches. Klar, wenn sich die Halbstarken zusammentun, haben sie bessere Chancen gegen den Starken, aber sie sind gleichzeitig eine größere Bedrohung für die Kleinen?

Carney formuliert geschickter als Rubio, aber der implizite Ausschluss der „Kleinen“ in seiner Geste lässt auch seinen imperialistischen Blick auf die Welt hervortreten.

Carney spielt ein doppeltes Spiel, wenn er das Schild des „Imperialismus“ aus dem Fenster nimmt. Er nimmt nur das Schild diesen – amerikanischen Imperialismus – aus dem Fenster, nicht das des Imperialismus ansich.

Das bedeutet nicht, dass wir Carneys Angebot ausschlagen sollten, aber wenn wir die Welt je wieder stabilisieren wollen, brauchen wir einen anderen Blick auf die Welt.


Letztes Wochenende lief am hamburger Thalia Theater der „Prozess gegen Deutschland“ und dort hat neben allerlei anderer Normalisierung von rechtsradikalen Akteuren und Diskursen vor allem Harald Martenstein einen „Splash“ mit seiner AfD-Verteidigungsrede hingelegt (kein Link), die danach ziemlich viral ging. Seine Rede kurz zusammengefasst: Schon Strauß war korrupter Rassist, also ist Rassismus als Ideologie doch schon irgendwie OK?

Weil diese Rede nicht unwidersprochen bleiben darf, hat sich LowerClassjane bereit erklärt, die Gegenrede zu schreiben und ich hoffe einfach, dass sie drei mal so viel geteilt wird, wie Martensteins schwerelose Hirnfürze.

Du inszenierst dich als Dissident, als mutigen Liberalen gegen vermeintliche Denkverbote. Tatsächlich riskierst du nichts. Deine Position bleibt abgesichert. Dein Status unangetastet. Du spielst mit Begriffen, während andere mit den Konsequenzen leben müssen.

Du theoretisierst über völkischen Nationalismus, während rechte Gewalt steigt. Während Menschen angegriffen, gejagt, ermordet werden – weil sie die falschen Namen tragen, die falsche Hautfarbe haben, nicht in das Bild passen, das du so beiläufig normalisierst.

Für dich ist das Theorie.
Für andere ist es Realität.

Die weiße bürgerliche „Mitte“ organisiert fleißig narrative Pfadgelegenheiten, um keine Verantwortung für den aufkommenden Faschismus übernehmen zu müssen.

Dass deine Rede gefeiert wird, sagt mehr über ihre Funktion als über ihren Mut. Sie beruhigt. Sie verwandelt Alarm in Übertreibung. Sie macht aus autoritären Projekten diskutable Geschmacksfragen.

Was auf dem Spiel steht, ist nicht, ob man konservativ sein darf.
Was auf dem Spiel steht, ist, ob Zugehörigkeit zur Verhandlungsmasse wird.

Wenn deine Rede tausendfach geteilt wird, dann nicht, weil sie mutig ist. Sondern weil sie Rechtsradikalismus als etwas Vertrautes tarnt.

Was vertraut wird, wird nicht mehr gefürchtet.
Was nicht mehr gefürchtet wird, wird irgendwann akzeptiert.

Und irgendwann umgesetzt.

Normalisierung ist die ein Pfad, der zur Infrastruktur wird. Erst wird er sagbar, dann wird er baubar, dann wird er hungrig. Und dann ist es zu spät.

Krasse Links No 77

Willkommen zu Krasse Links No 77. Ich müsste meinem Gehirn gerade echt etwas Ruhepause gönnen, aber die Nachrichtenlage lässt das nicht zu. Deswegen eine Sondersendung zu Epstein.

Vorsicht. Du solltest dir vorher überlegen, den Newsletter zu lesen, denn es wird auch um sexuelle Gewalt gehen und es wird generell emotional fordernd, für manche vielleicht triggernd und ganz allgemein … unangenehm.

Aber jetzt beleiht Eure Verschwörungstheorien, heute tracken wir das Patriarchat an 4chan, um mit Bannon auf dem Epstein die Omelas der antisemitschen Rackets zu heben.


Das DOJ hat letzten Freitag etwa die Hälfte der Epstein-Files veröffentlicht und seitdem wühl ich mich wie Millionen andere durch die Files und versuche seitdem wieder klarzukommen.

Ich verfolge den Fall seit den späten 2010er Jahre, hab ein, zwei Dokus gesehen und einen Podcast gehört und es war damals schon klar, dass die Ausmaße des ganzen sehr viel größer sind, als bekannt war. Insbesondere die Aussagen der Opfer machten klar, dass es sich hier um eine größere Operation handelt, in die viele mächtige Menschen involviert sind. Ich war also auf einiges gefasst, aber dennoch sprengte es alles, was ich mir vorstellen konnte. Und zwar in jeder Hinsicht. Es ist gleichzeitig alles größer, brutaler, tiefer und relevanter als ich es mir vorstellen konnte.

Da es die erste Hälfte der Files ist, dürfte die zweite Hälfte die krassere Hälfte sein. Einige Files wurden vom DOJ nachträglich wieder zurückgezogen und natürlich sind die Files immer noch heftig geschwärzt, allerdings manchmal auch an den falschen Stellen nicht, so dass einige Opferidentitäten und Datails enthüllt wurden, während die meisten Eingriffe sehr eindeutig vor allem Täter schützen.

Es fehlt also noch so vieles und doch reicht es. Es ist genug, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Es ist genug, sich eine Vorstellung davon zu machen, was vor Ort passierte, welche Kreise grob involviert sind und wie das ganze funktionierte. Und es reicht, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr wir manipuliert wurden und immer noch werden.

Die Erkenntnis ist: Beträchtliche Teile des einundzwanzigsten Jahrhunderts und wahrscheinlich auch des Ende des 20. Jahrhunderts müssen neu geschrieben werden. Epstein hat die Realität selbst zerbrochen.

Für Leute, die selbst durch die Files gehen wollen, eine Warnung. Da ist unglaublich viel Verstörendes dabei, unvorstellbare Bilder (selbst mit den geschwärzten Stellen), auf die ich hier nicht zeigen oder auch nur näher drauf eingehen will, vieles ist inzwischen wieder gelöscht, wie zum Beispiel die Dokumente mit den vom FBI gesammelten Anschuldigungen gegen Trump, die allein schon ob ihrer Vielzahl, ihres Detailreichtums und wechselseitiger Kohärenz so glaubwürdig wie schrecklich erscheinen. Aber hier gibt es gesicherte Screenshots.

Zu diesem Zeitpunkt finden sich 4.744 Erwähnungen von „Trump“ in den Files. Das Wort „torture“ taucht 521 auf, „Gynecologist“ 108 mal. Das FBI hatte bereits eine Liste mit prominenten Beschuldigten im Epstein-Fall zusammengestellt, ganz oben Donald Trump und dann die üblichen, Bill Clinton, Prince Andrew, aber Naomi Campbell und Kevin Spacy. Aber die eigentliche Liste ist viel, viel länger.

Das ist das hirnexplodierende: Epstein ist überall, kannte jeden, auch nach seiner ersten Verurteilung als Trafficer von Minderjährigen. Mehrere US-Präsidenten (mindesten Trump und Bill Clinton), prominente Demokraten wie Republikaner und die halbe globale Monarchie-Szene ist verstörend tief verstrickt, der britische (ehemals) Prince Andrew, Norwegens Mette-Marit, Schwedens Princess Sofia, Saudis Mohammed bin Salman, die halbe Milliardärskaste: Bill Gates, Richard Branson, Andrew Farkasm, Ian Osborne und natürlich etlichen Broligarchs. Staranwalt Ken Starr, Amerikas bekanntester Ökonom, ehemaliger Harvard Präsident und ehemaliger Finanzminsiter Larry Summers, aber auch der Trump Biograph Michael Wolff sind eng mit ihm.

Epstein hängt außerdem ständig mit Woody Allen ab, ehemaligen europäischen Staatschefs, allerlei Stars und andere Prominente. Es gab einen Talenttransfers zwischen Microsoft und Apple mit direktem Kontakt zu Tim Cook. Er ist mit Peter Thiel seit mindestens 2014 eng befreundet, mit Bannon seit 2017, er traf Moot und findet Bezos „is a very nic= person“, der heutige US-Finanzminister Howard Lutnick besucht ihn bereits 2011 auf der Insel, hat sogar Deals mit ihm, mit Robert F. Kennedy Jr. ist er natürlich auch eng, sogar Trumps neuer Pick für den FED-Chef, Kevin Warsh, taucht in den Files auf. Hier ein ausführlicher Wired Artikel über die Files zu Read Hoffmann, Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg. Der Regisseur der gerade verlachten Melania-Doku ist sogar mit inkriminierenden Fotos vertreten. Die Wikipedia führt eine Liste.

Man kann auch lesen, wie Musk Epstein immer wieder wie ein notgeiler Teenager anbettelt, ihn auf seine Sexparties auf der Insel und oder in New York einzuladen. Als ich in Krasse Links No 74 über den KI Forscher Joscha Bach schrieb, wusste ich noch nicht, dass er einen Trip nach Vergewaltigungs-Island gebucht hatte. Das und anderes hat der Spiegel gefunden, der Bachs tiefreichende Verbindungen zu Epstein zusammengefasst offengelegt. Und hier eine länger werdende Liste mit anderen Wissenschaftler*innen, die auf Epsteins Gehaltsliste standen. Das Magazin Nature hat einen längeren Bericht dazu, wie Tief Epsteins Einfluss in der Wissenschaft ging.

In diesem Emailthread versucht Epstein Noam Chomsky mehrfach zu überreden, ihn zu besuchen und lockt mit „interessanten Gesprächspartnern“, erst mit Thorbjorn Jagland, dem ehemaligen norwegischer Ministerpräsident und Juryteilnehmer des Friedensnobelpreiskommittees, dann zu einer exklusiven UN-Party bei sich nach Haus und dann, als er grad wieder mit Ehud Barak, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten rumhängt, ebenfalls ein Epstein-Regular.

Wir wissen bereits, dass Epstein seine Hände auch schon sehr früh in „KI“ hatte (seit 2002), dasselbe müssen wir jetzt auch für Bitcoin feststellen, und zwar zu entscheidenden Zeiten. Auch in die weitere Cryptoszene war er gut vernetzt: hier erzählen die Jungs von Crypto Critics‘ Corner die Geschichte der Freundschaft zwischen Crypto Milliardär Brock Pierce und Epstein, die so weit ging, dass sie sich gegenseitig „Mädchen“ als Gastgeschenk mitbrachten.

Überall werden gerade unzählige Geschichten nochmal neu und anders erzählt und egal ob Politik, Tech, Medien, KI, Crypto oder Wissenschaft, am Ende verschmelzen sie zu einer einzigen Geschichte: Die Elite ist nackt.


Hier eine Politico-Zusammenfassung der Einschläge in Europa.

In Norway, one prominent diplomat has already been suspended and a police investigation has been opened into a former prime minister. In the U.K., the former ambassador to the U.S. has been fired; on Tuesday, he resigned from the House of Lords. Police are reviewing reports he shared market-sensitive information with Epstein.

Andrew Mountbatten-Windsor, formerly known as Prince Andrew, was stripped of his royal titles and residence. A charity founded by his ex-wife Sarah Ferguson, the former Duchess of York, will shut down indefinitely following the release of emails where she called Epstein a “legend” and “the brother I have always wished for.”

Nur in den USA ist gibt es keine Regung. Aber es brodelt gewaltig.


Eine der erschütternsten Dinge, die ich gelesen habe, ist das dreiteilige Tagebuch von einem Mädchen, das offenbar in Kooperation mit seinen Eltern von Jeffrey Epstein auf seiner „Zorro Ranch“ in New Mexico festgehalten wurde. Es ist in „Geheimschrift“ verfasst und man liest es immer zweizeilig nach links nach rechts und von oben nach unten, das FBI hat aber jeweils auch Übersetzungen angefertigt.

In einem der Tagebücher (Original) beschreibt das Mädchen seine Rolle als Gebärmaschine in einer art eugenetischen Breeding-Experiment:

I am nothing but your property and incubator! .
You only trust me when I am under your complete CONTI t
I will never trust another man EVER! […]

Superior gene pool ?!? Wh e? Why my hair color and eye color?
g me on some days like Im the enemy but o be, warm.
confusing.

makees no sense.

That feels very Nazi like thin’nk[ing] about these stupid insane theories he has I guess in his mind it makes sense.

Und in einem anderen, (Original) wie sie nach und nach den Glauben an die Menschheit verliert:

Whether its with Jeffrey, Mr. Leonsis, Mr. Case, Mr. Snyder, the Gregorys, Mr. Colgan or one being borrowed by a seemingly „good“ federal worker and even rented,

it is all horror.

And nothing is as it seems.

I am so confused by everything and people you expect to be good like even old senators like George Mitchell who you think would be good like a grandpa are bad.

Es gibt noch ein drittes Tagebuch: Original, Übersetzung.

In allen Tagebüchern werden eine menge Namen genannt, von mächtigen Männern, die alle frei herumlaufen.


Auch T-Online hat sich die Zorro Ranch, wo die Tagebücher herkommen, genauer angeschaut.

Die Ranch sollte für Epstein jedoch darüber hinaus einen weiteren Nutzen erfüllen. Lange eiferte er einer Vision nach: der „Optimierung der Menschheit“. Berichten unter anderem der „New York Times“ zufolge wollte er die Ranch in New Mexico zu seiner persönlichen „Baby-Farm“ umfunktionieren, auf der er reihenweise Frauen mit seiner DNA befruchten wollte.

Er folgte damit einer Ideologie, die als Transhumanismus bezeichnet wird und die Optimierung des Menschen durch Gentechnik und Künstliche Intelligenz propagiert. Kritiker bezeichnen diese Vorstellung häufig als moderne Form der Eugenik, der Erbgesundheitslehre der Nationalsozialisten. Elon Musk, dessen Name auch in den Epstein-Dokumenten auftaucht, verfolgt ähnliche Visionen. Er will sich seine ganz persönliche „Legion“ an Nachkommen zeugen.

Aber dass es ein Eugenetik-Labor ist, heißt nicht, dass mächtige Männer dort keinen Spaß haben dürfen.

Zu den bekannten Gästen auf der Zorro Ranch zählten der ehemalige Prinz Andrew, der frühere Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, sowie Woody Allen, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Kind die Ranch besucht haben soll. Eine der Überlebenden erinnert sich zudem daran, in die Residenz des damaligen Gouverneurs gebracht worden zu sein, beschuldigte Richardson jedoch nie der sexuellen Ausbeutung. Eine einstige Mitarbeitende behauptet, auch die Clintons einmal vor Ort gesehen zu haben. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Der ehemalige US-Präsident sowie seine Frau sollen am Ende des Monats vor einem Untersuchungsausschuss zum Fall Epstein aussagen.

Es sollen auch Leichen auf dem Grundstück begraben sein. Die Zeugenaussagen sind schwer zu ertragen.

Eine weitere Überlebende berichtet, dass auf der Ranch Dinge geschehen seien, die „so schrecklich“ gewesen seien, dass sie bis heute nicht darüber sprechen könne. Sie beschreibt ihre Erinnerungen als brüchig. Woran sie sich jedoch erinnere, sei eine Reihe von pseudo-gynäkologischen Untersuchungen, die Epstein an ihr vorgenommen habe. Zudem sei sie eines Morgens in einer Art Labor aufgewacht, umringt von Menschen in Schutzanzügen. An Epsteins private Insel könne sie sich noch lebhaft erinnern – was die Ranch angehe, habe sie jedoch unerklärlicherweise massive Erinnerungslücken.

Im Gegensatz zu allen anderen Epstein-Anwesen wurde die Zorro Ranch nie durchsucht (Wie das FBI hier hintern selbst vermerkt) und privat verkauft. In New Mexicos Parlament gibt es bereits eine politische Initiative für eine Aufarbeitung, die vielleicht in ein paar Jahren ein Ergebnis präsentieren?

Aber man könnte auch einfach mal hinfahren und und wenigstens gucken, ob da noch wer festgehalten wird? Also: jetzt?


So schlimm das alles ist: Es ist fast noch schlimmer, in Epsteins Emails zu wühlen, wozu sich JMail anbietet, eine Website, die quasi die Innenansicht von Epsteins Gmailkonto darstellt.

Man findet so vieles, aber es ist gar nicht diese eine Smoking Gun, die mich gebrochen hat. Beim Browsen entfalten sich die habituellen Strukturen, der „Vibe“. Die Leichtigkeit ihrer Verbindungen, die Beiläufigkeit ihrer Verbrechen, der Zynismus ihrer „Währungen“ und die Selbstverständlichkeit ihres Blicks auf die Welt.

Aber vor allem die an allen Ecken und Enden hervortretende Frauen- und generelle Menschenfeindlichkeit, die junge Frauen und Kinder als konsumierbare Wegwerfware behandelt. Es gibt dafür viele Beispiele, etwa diese Mail an Epstein:

My russian friend is on holidays in Paris now 🙂 she is fun and gorgeous! Ahh…perfect skin and incredible shape. However, be gentle with her and not a naughty one plz!!!

Oder diese:

Thank you for a fun night…
Your littlest girl was a little naughty.

Oder diese Email an Epstein:

Do you remember the name of the Gynocologist that you used to send your victims to?

Aber am besten illustriert es dieses Zitat einer beiläufigen aus Email von Epstein an irgendjemanden.

„where arc you? are you ok , I loved the torture video“


Rebecca Watson hat ein Video darüber, wie sie erneut in den Epstein-Akten auftaucht und dadurch nachträglich versteht, wie sich mächtige Männer der Skeptiker-Szene damals zusammen mit Epstein gegen sie verschworen.

Der bekannte Physiker Lawrenbce Krauss und der noch bekanntere Evolutionsbiologe Richard Dawkins tauschten sich mit Epstein über den Fall aus. Ich hatte die Debatte damals am Rand verfolgt, denn es war eine dieser frühen, pfadentscheidenden Kulturkriegs-Schlachten und endete, wie diese Schlachten damals immer endeten: Frauen und ihre Perspektive wurden rausgedrängt.

In einer Mail an seinen Anwalt bezüglich seiner Fälle wegen sexuellen Fehlverhaltens, bittet Krauss seinen Anwalt doch bitte mal mit seinem superschlauen Kumpel Epstein zu sprechen, der eigene Ideen für die Verteidigung hat und kündigt ihn wie folgt an.

Bottom line is that Jeffrey is not only friends with most of the famous people from finance, to business, to Hollywood, who have either been brought down during and he also speaks regularly with people ranging from the awful white house people, who he is friends with, to ken starr etc.


Als der Trumpbiograph Michael Wolff und Epstein-Buddy ihn fragt, ob er einem Kollegen bei seinem Metoo-Fall helfen kann, ist Epstein auch gleich dran. Der Gurardian hat sich sich genauer angesehen:

Wolff wanted Epstein to support Stephen Elliott, a writer looking to sue the creator of the Shitty Media Men List, a crowd-sourced Google Doc that detailed anonymous allegations of misconduct against dozens of men who worked in the media industry.

“I have always thought that the way back from this climate is through specific instances of individuals successfully challenging their persecution,” Wolff wrote to Epstein, according to emails released in a tranche from the so-called Epstein files. “If his story is solid he might be worth supporting.”

Initially, Epstein was unmoved. In a single-word, no-punctuation email, the convicted sexual offender replied: “tough.”

“Give it some further thought, if you would,” wrote Wolff, who had originally received Elliott’s pitch through Lorin Stein, the former editor of the prestigious Paris Review and another name on the Shitty Media Men List. “I think there is an opening here. What you need is an excuse – or opportunity – to make the public argument.”

Epstein relented: “ill help anyway i can. if you like.”

Metoo war nicht nur schlecht für Epstein, wie er Gegenüber seim Freund Joi Ito, dem Gründer und Leiter vom MIT Media Lab, zugibt:

with all these guys getting busted for harassment , i have moved slightly up on the repuation ladder and have been asked everday for advice etc


Elizabeth Lopatto hat in the Verge die Files zusammengesammelt und eingeordnet, die Epstein als Kulturkrieger aus dem Hintergrund zeigen. Instrumental dafür war John Brockman und seine von Epstein finanzierte Edge-Foundation, dessen Netzwerk wir bereits in Krasse Links No 74 beleuchteten. Lopatto schreibt:

The boys’ club at the Edge Foundation created a jumping-off point for social contacts for Epstein. Their “Billionaires Dinner” in 2011, which Epstein attended, featured a number of familiar names that appear in the Epstein files: Musk, Sergey Brin, David Brooks, Marissa Mayer, Jeff Bezos, and Nathan Myhrvold (who would later introduce Epstein to Bill Gates). The “Billionaires Dinner” stopped after Epstein made his final donation to Edge.

Brockman also set up a dinner in 2012 with a very exclusive invite list, which included Bezos, Paul Allen, Brin, Anne Wojcicki, Larry Page, Evan Williams, and Myhrvold. “Please show up alone,” Brockman said to Epstein. MIT Media Lab’s Joichi Ito also seems to be willing to broker meetings between Epstein and Bezos or “Bill.” It’s not clear which Bill is referred to here, but Bill Gates was surely close with Epstein, close enough that the tranche of documents shows extensive contact between the two men.

Auch Lopatto schreibt über Lawrence Krauss.

The most extensive emailed advice seems to be to physicist Lawrence Krauss. When Krauss was contacted by journalist Peter Aldhous for comment on a BuzzFeed story about sexual harassment allegations, he forwarded the email to Epstein and repeatedly asked him for advice about how to handle Aldhous. (Krauss strenuously denies the allegations against him, and says he “sought out advice from essentially everyone I knew”.) Krauss sent drafts of his proposed emails about the story to Epstein as well. “Impossible to publish anything about metoo, even if the =uthor was acquitted,” Krauss wrote to Epstein. That was of particular interest to him, because Krauss was planning to write his own book, he wrote in another email to Epstein. Later, he wrote to Epstein that a woman on a conciliation committee is “old.. not some young metoo bitch.” This is good news, Krauss notes.

Und folgert:

It’s hard not to read these files and come to the conclusion that Epstein helped engineer the ultimate elite impunity — in which our society has been totally destroyed so the richest and most powerful men in the world can do whatever they want.

Wenn man sich in Epstein und seine Kreise hineinversetzt, versteht man, welche Bedrohung eine Clinton-Präsidentschaft (nachdem Obama ihn bereits verschmäht hat) und später Metoo für sie bedeutete.

Epsteins Ablehnung gegenüber Frauen ist nicht nur habituell, sie ist materiell. Frauen an der Macht, oder auf Augenhöhe, oder überhaupt die Idee, Frauen als Menschen zu behandeln, bedrohen ganz direkt sein Businessmodell? Wenn man in Epsteins Emails nach Metoo sucht, kann man nachlesen, wie unangenehm das ist, wie er merkt, dass seine Infrastruktur ein „strandet Asset“ wird, wenn sich Feminismus in seinen Kreisen durchsetzt.

Und dann ist es wie überall: Misogynie ist das Gateway, Faschismus ist der Pfad. Schon 2015 wollte Epstein alles brennen sehen, nach dem Brexit schreibt er an seinen Kumpel Peter Thiel: „brexit, just the beginning“ und erläutert auf Nachfrage:

return to tribalism . counter to globalization= amazing new alliances. you and I both agree= zero interest rates were too high, and as i said in your office. =AO finding things on their way to collapse , was much easier than finding =he next bargain

Sein anderer Kumpel Steve Bannon berichtet ihm dann ab 2018 dann immer wieder über seine Fortschritte bei der Vernetzung der rechten Parteien in Europa.

Hier die These:

Ein wesentlicher Kern des Rechtsrucks den wir die letzten Jahre erlebt haben, wurde von einer Gruppe lose vernetzter Milliardäre und „Shitty Men in Media“ „engineered“, die sich als loses Netzwerk von Kulturkriegern zusammenfanden, weil sie Angst vorm Feminismus hatten.

Aber so peinlich, weinerlich und pennälerhaft, wie all das Zustandekommen wirkt: Ihre Pfadgelegenheiten von damals sind unsere diskursiven Infrastrukturen von heute.

Und so lernen wir, wie Verschwörungen wirklich funktionieren.

Mächtige Männer vernetzen sich entlang ihrer Interessen, nutzen einander als Pfadgelegenheiten, die dann zu unseren Infrastrukturen werden. Sie treffen sich dafür nicht in verrauchten Hinterzimmern und sie schmieden auch nicht den „großen Plan“, sondern „lauern“ vernetzt wie 4Chan-Shitposter auf ankommende Pfadgelegenheiten und suchen nach idealen Fulcren, um die Wirkung ihrer Hebel zu maximieren.

Eine Verschwörung ist, wie jede andere menschliche Handlung auch, eine iterative Pfadoperation.


Und jetzt können wir so tun, als würden sich „die Guten“ jetzt als „die Bösen“ rausstellen, aber wer dieser Interpretation folgt, hat nicht aufgepasst, sagt Pissed magitus.

Ihr müsst entschuldigen. Als westdeutscher, weißer, heterosexueller Gen-X-Dude bin ich rückblickend in einer zeitlich und räumlich unnatürlich stabilen und behüteten Blase aufgewachsen, die in mir eine Erwartungsstabilität herstellt hat, aus der der momentane Fall in die Realität wahrscheinlich tiefer als bei manch anderen ist?

Ich bin jedenfalls wirklich erschüttert, aber auch nicht erst seit den Epstein-Files, sondern eigentlich seit ich in Krasse Links das Ende des Westens dokumentiere, und das Feedback auf den Newsletter zeigt, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin.

Aber wenn, wie ich glaube, das System vor allem auf der Erwartungsstabilität gerade von Menschen wie mir basiert, werden wir bald noch viel mehr kollabieren sehen, als nur Erwartungen.


Die Times hat einen Artikel über Epsteins Israel-Connetions und natürlich war er ein israelischer Spion. Auch das FBI glaubte, dass Epstein ein coopted Mossad-Spy war. Die Times schreibt:

The files include claims from a confidential informant to the FBI that, far from disliking Israel, Epstein was in fact employed by its spy agency, Mossad. An FBI report from the Los Angeles field office written in October 2020 said the bureau’s source had become “convinced that Epstein was a co-opted Mossad agent”.

It said the Wall Street financier had been “trained as a spy” for Mossad, alleging that Epstein had ties to US and allied intelligence operations through his longtime personal lawyer Alan Dershowitz, a Harvard law professor whose orbit included “many students from wealthy families”. It said Jared Kushner, President Trump’s son-in-law and his brother, Josh, a financier, were “both his students”.

Die Hinweise auf Epsteins Israels-Connections brauchen bald eine eigene Wikipedieseite. Hier ein paar.

  • Seinen frühen Kontakt zu Anan Khashoggi dem zwielichtigen Waffenhändler der in der Iran Kontra-Affaire verstrickt ist.

    In 1989, Ben-Menashe spent a year in prison for allegedly selling three Israeli military planes to the Khomeini regime (he was later acquitted). In the same years, Epstein had been hired by the ultra-rich businessman Adnan Khashoggi from the Kingdom of Saudi Arabia – coincidentally, the place of residence in Epstein’s fake passport. And it is precisely Adnan Khashoggi who ended up in the sights of the federal Iran-Contra federal investigators as a middleman in the sale of U.S. weapons to Iran through Israel.

  • Die zentrale Rolle von Leslie Wexner in seinem frühen Aufstieg, ein pro-zionistischer Philantrop mit eigener Israel-Naher Stiftung.
  • Der weirde Zufall, dass er sein Sexbussiness zusammen mit der steinreichen Tochter von Robert Maxwell gründete, der britische Medienmogul, der eine zentrale Rolle in der Gründung Israels spielte auch später für den Mossad arbeitete.
  • Oder dass der Name Alan Dershowitz praktisch überall auftaucht, nicht nur in Epsteins engeren Kreis, sondern auch vor allem im Zusammenhang mit seiner Verurteilung, und der ebenfalls offen für Israel arbeitet.
  • Und klar, seine definitiv als „eng“ zu beschreibende Beziehung zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Edmud Barak, mit dem er im ständigen Austausch stand und dem gegenüber er in 2018 witzelte:

    you should make clear that i dont work for mossad. 🙂

  • Hier ein fast einstündiges Telefonat zwischen Epstein und Edmud Brarak über Obama, Iran und alles mögliche.

Nussbacher, ein britischer Nachrichtendienst Kontakt, bringt in der Times etwas Nuance in die Debatte:

“Every intelligence agency has people who work for the agency, who are on salary, who have their pension paid for by the agency, we call them officers,” she said. “Then there are people whose officers influence them to do work for their agency; sometimes paid, sometimes manipulated, sometimes blackmailed — they’re called agents.

“And then there are people who are assets. They are just useful. Is it possible that Epstein was an asset to the Mossad? Yes. Do I think he was an agent of any intelligence agency, I think it was unlikely. Was he an officer? No.”

Ok, also Epstein war mindestens ein israelisches Asset.

Aber auch ein russisches, wie es aussieht?

Ein amerikanisches Asset sowieso? Als Alan Acosta, der damalige Staatsanwalt und spätere Arbeitsmisister in Trumps erster Adminsistration rechtfertigte sich rückblickend für Epsteins Sweetheart-Deal, den er eingetütet habe, mit den Worten: I Was Told Epstein ‘Belonged to Intelligence’ And to Leave It Alone. Und kann sich jemand vorstellen, dass die CIA das in den USA stattfinden lässt nichts wusste?

Außerdem hatte Epstein noch Geheimdienstkontakte zu ehemaligen britischen Spionen.

Ich denke die Wahrheit ist komplizierter. Epstein war öffentliche Infrastruktur. Nicht nur für Milliardäre, für Spitzenpolitiker, für Top-Wissenschaftler sonder auch für Geheimdienste. Das musste er sein, denn nur so war er für alle Beteiligten am nützlichsten.


In der taz navigiert Matthias Kalle gekonnt waghalsige semantische Manöver, um über die Enthüllung des Systems Epstein sprechen zu können.

Die Elite der Gegenwart funktioniert fundamental anders. Sie ist keine Kaste, kein Stand, kein Zirkel. Sie ist ein Netzwerk: ein Geflecht aus ökonomischem Kapital, politischem Einfluss, technologischer Infrastruktur und kulturellem Symbolkapital. Wer dazugehört, muss nicht reich oder adlig oder gewählt sein. Er muss nützlich, verknüpft und verfügbar sein. Denn was früher Herkunft war, ist heute Zugang. Was früher Kaste war, ist heute Code. Und was früher Loyalität war, ist heute Funktion. Diese Struktur lässt sich exemplarisch an zwei Fällen zeigen – einem brutalen und einem subtilen.

Ihr müsst euch die alltägliche Nutzerperspektive auf Epstein so vorstellen, dass ihr etwas interessantes in der Zeitung lest und da taucht ein Name auf, der wichtig ist, den ihr aber noch nicht kanntet, dann sind die Chancen hoch, dass der „Jeff“ seine Nummer hat oder zumindest jemanden kennt, der seine Nummer hat, vielleicht ein Treffen arrangieren kann.

Epstein war das Google und das LinkedIn der Elite, die Pfadabkürzung zu Mädchen, Macht, Ruhm, Ideen und wer mit ihm zu tun hatte, wurde Teil des größeren Games.

Egal ob im Finanzwesen, in der Politik, in der Wissenschaft – Epstein hat immer gezielt die jeweils lokalen Netzwerkzentralitäten geleveraged und immer nur die größten Hubs integriert und auf diese Weise seine soziale „Clout“ auf das menschlich mögliche getrieben.

Epsteins ganze Strategie dabei bestand also darin, seine soziale Eigenvector/Katzzentralität zu optimieren, also nicht nur viele Leute kennen, und nicht nur mächtige Leute kennen, sondern viele mächtige Leute kennen, die viele mächtige Leute kennen, usw, also in etwa, wie der Page-Rank-Algorithmus funktioniert, der Google groß gemacht hat.

Man kann die ganze Geschichte des 21. Jahrhunderts als die Entdeckung und gezielten kapitalistischen und politischen Urbarmachtung von Netzwerkeffekten erzählen (was ich im Plattformbuch von der Plattformseite versucht habe).

Kalle fährt fort:

An dieser Stelle – Sie ahnen es wahrscheinlich – muss man einmal kurz innehalten, sehr exakt werden und mögliche Einfallstore für antisemitische Verschwörungstheorien mit Schwung aus dem Weg räumen. Denn die Bilder von „Strippenziehern“, „Schattenmächten“ oder „globalistischen Kräften“, die im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von „Eliten“ auftauchen, führen hier nicht weiter, weil sie reale Machtkritik mit antisemitischer Projektion vermischen.

„Hollywood“ galt und gilt bis heute als „jüdisch“, ebenso „die Finanzwelt“ und „die Medien“. Das ist aber natürlich ein ideologischer Kurzschluss, der Strukturen ethnisiert und die Verantwortung personalisiert. Deshalb braucht es absolute Präzision: Es gibt wirtschaftliche, politische, kulturelle, technologische Eliten. Sie überschneiden sich, aber sie sind nicht homogen. Wer aber das vermischt, will keine Analyse, sondern Hetze.

Draußen im Internet tobt der antisemitische Mob. Sie nutzen die Epstein-Files, um ihre These der „Jüdischen Weltverschwörung“ zu verbreiten. Dass das Quatsch ist, zeigen die Files selbst, wenn man sich die Mühe macht, sie zu lesen.

Wenn Epstein etwas enthüllt, dann dass in der hinter dem Vorhang der liberalen Weltordnung das Patriarchats die Strippen zieht?

Und klar, diese Enthüllung ist nicht wahnsinnig neu, Feminist*innen sprechen seit mindestens einem Jahrhundert davon, aber selten konnte man diesen Zusammenhang so offen und nachvollziehbar – ohne jede Theorie – einfach in Originaldokumenten nachlesen?

Ich mein: die halbe Armee der „Free Speech“ Culture Warriors der letzten Jahrzehnte steht in den Epsteinfiles, teils beim direkten „Konspirieren“ gegen die Opfer ihrer sexuellen Missetaten oder gegen „unangenehme“ Feministinnen und ihre kritischen Fragen.

Aber gut, stellen wir die unangenehme Frage:

Warum – ausgerechnet – ein Jude?

Und jetzt könnte man diese Frage von vornherein als „antisemitisch“ ablehnen und das ist fair, aber sie wird ja dennoch gestellt werden? Und, ich bin ehrlich, auch ich stelle sie mir?

Aber den ersten Einwand, den man hier machen muss, ist der, das „System Epstein“ eben nicht „jüdisch“ war. Unter seinen Kooperationspartnern, im inneren Kreis seiner Kontakte und unter den beschuldigten Tätern und denen, die alles unterm Deckel gehalten hqben finden sich deutlich mehr weiße Christen, als Juden. Epstein war keine „jüdische“ Verschwörung, wenn überhaupt eine im weitesten Sinne „westliche“ Verschwörung.

Ein weiterer Einwand, den man machen muss, ist, dass der Epstein-Fall zwar eine unglaubliche weitreichende Verschwörung ist, aber eben nicht die einzige? Wie viele Verschwörungen da draußen gibt es noch? In wie vielen davon sind Nicht-Juden die Netzwerkzentralität? Allein Koch-Familie hat sich jahrzehntelang unzählige Male gegen uns alle verschworen, um ihre Fossilmilliarden auf Kosten unserer Zukunft zu verteidigen.

Nein, es sind nicht „die Juden“, es sind „die Eliten“. Ja, das darf man wieder sagen und wer euch was anderes einredet, hat entweder nicht hingeguckt, oder will euch gaslighten.

Aber gut, gehen wir noch weiter und nehmen an, dass es trotzdem „kein Zufall“ ist, dass es ein Jude war, der das alles organisierte.

Selbst dafür finden sich nicht antisemitsche Erklärungen?

Zum Einen könnte sich sich hier schlicht eine antisemitische Geste wiederholen, die wir schon aus dem Mittelalter kennen. Damals übernahmen Juden den Geldverleih, weil Zinsen zu nehmen unter Christen als moralisch verwerflich, als „dreckiges Geschäft“ galt. Das ist der Grund für den „Head Start“ jüdischer Banker, dessen pfadabhängige Weiterentwicklung heute noch gut im Bankensektor beobachtbar ist.

Ich will jetzt keineswegs „Zinsen nehmen“ und „Kinder vergewaltigen“ vergleichen, aber mir scheint plausibel, dass, wenn eine Runde westlicher Elite-Arschlöcher beieinander sitzen und sich fragen, wer „das dreckige Geschäft“ übernehmen soll, „der Jude“ nach wie vor nicht die unwahrscheinlichste Antwort ist?

Zum anderen kann ich mir auch gut vorstellen, wie man gegenüber Epstein diese Entscheidung begründet haben könnte:

Es ist das perfekte Cover. Der Verdacht wird gesellschaftlich „unaussprechbar“ und wer es dennoch versucht, stellt sich quasi von selbst jenseits des Diskurses.

Hier also meine schlimmste Verschwörungstheorie:

Die Eliten leverageten den Anti-Antisemitismus, um ihre echte Verschwörung im Raum des Unsagbaren zu verstecken.


Während die USA gerade wegen Epstein implodiert, gibt es eine merkwürdige Zurückhaltung in der Deutschen Debatte zu dem Thema? Die liegt nicht (nur) an dem vermienten semantischen Terrain, sondern auch daran, dass gewisse Chefredakteure und Herausgeber selbst inkriminiert sind und zwar aufgrund von John Brockman und seiner zusammen mit Epstein betriebenen „Edge Foundation“.

Boris Rosenkranz hatte bei Übermedien bereits 2019 offengelegt, wie die FAZ aber vor allem die Sueddeutsche auch aus Eigeninteresse bei dem Thema Zurückhaltung üben.


Thorsten Fuchshuber hatte bereits vor ein paar Jahren Max Horkheimers Racket-Theorie, die ja an der Beobachtung des Faschismus entwickelt wurde, als politisch Ökonomie gedeutet.

Denn nicht nur gab im Nationalsozialismus einen Zusammenbruch des Staates als souveräne Gesellschaft, sondern die Banden-Dynamiken, die im Faschismus den Staat als Beute einkassierten, sieht man strukturell in liberalen Gesellschaften immer schon am Machen.

Von den Debatten in den USA ließ er sich insofern leiten, als er das Racket als Agentur zur aggressiven Durchsetzung partikularer Interessen auf Kosten der ohnmächtigen Einzelnen ebenso wie der Allgemeinheit betrachtet. Doch galt ihm der Begriff Racket weniger im Sinne konkret benennbarer, ökonomisch orientierter Banden oder politischer Zusammenschlüsse in der beziehungsweise gegen die Gesellschaft, sondern als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Dieses resultierte ihm zufolge aus der zunehmenden Konzentration und Zentralisierung der kapitalistischen Produktionsweise, war also mit einem Prozess verbunden, den Karl Marx als steigende organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet hatte.

Wir wissen, dass es auch im Vorfeld des Nationalsozialismus enorme Vermögenskonzentration gegeben hatte, in der einzelne Rackets bereits sichtbar waren und wiederum andere dazu zwangen, sich ebenfalls in Rackets zu organisieren.

Durch die Konzentrations- und Zentralisationsprozesse des Kapitals werde diese Konkurrenz zwar nicht abgeschafft, es verändere sich jedoch die Struktur der Konkurrent*innen: Diese treten nicht mehr als unzählige Individuen auf, sondern schließen sich in Rackets zusammen. Und die haben es dank ihrer herausragenden gesellschaftlichen Stellung vermehrt gar nicht mehr nötig, die eigenen partikularen Interessen mit jenen anderer sowie mit denen der gesellschaftlichen Gesamtheit zu vermitteln. Daher, so Horkheimer, haben sie auch kein »Interesse am Funktionieren des allgemeinen Rechtssystems und an seiner unparteiischen Verwaltung« mehr: Die Rackets führen vielmehr den »Kampf gegen das Recht« wie gegen »alle Vermittlungen«, die im Liberalismus »ihr eigenes Leben gewannen«.

Ich würde inzwischen weitergehen und jeder „liberalen Ordnung“ offene, aber auch versteckte Racketstrukturen unterstellen und mit Horkheimer allgemein sagen:

„Die Grundform der Herrschaft ist das Racket.“

Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.

Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.

Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.

Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.

Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.

Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.

Aber das ist für „arme“ Rackets.

Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.

Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.

Nein, das ist keine „jüdische Weltverschwörung“.

Das sind wir. Das ist unser System. Das sind unsere gesellschaftlichen Strukturen. Unsere „Kultur“. Das ist der Keller unseres Omelas.


Ryan Broderick hat auf Garbage Day eine plausible Aufschlüsselung der Moot-Bannon-4Chan-Epstein-Connection.

One of the central internet mysteries of the last 15 years is why 4chan creator Christopher Poole reversed course in 2011 and brought back the site’s politics board, which is called /pol/, or “Politically Incorrect.” It would become the staging ground for Gamergate, the 2016 Trump campaign, and the far-right populism wave that swept the world in the back half of the 2010s.

A version of /pol/ was attempted two times before it finally stuck. First, as /n/, which was meant to be a section for news content. Which ultimately became the “transportation” board in 2008. And then again, in 2010, when Poole launched /new/, largely as a way to quarantine the overwhelming amount of support on the site for Ron Paul’s 2008 presidential campaign. Poole shutdown /new/ in January 2011, telling users at the time, “As for /new/, anybody who used it knows exactly why it was removed. When I re-added the board last year, I made a note that if it devolved into /stormfront/, I’d remove it.” (Stormfront is one of the oldest Neo-Nazi communities on the web.)
So it has never made much sense as to why Poole would ban /new/ for being a racist hell hole and then, barely a year later, launch /pol/, a board specifically designed to be a racist hell hole. But buried inside the newest batch of files related to the Epstein investigation is a possible hint as to what made Poole change his mind. He met with Epstein the day before /pol/ was created.

On October 20th, 2011, Boris Nikolic, a venture capitalist and former advisor to Bill Gates, sent Epstein the Wikipedia page for Christopher Poole, writing, “There is a cool guy (KID) that you should meet.” Four days later, Nikolic followed up, asking Epstein, “How did you like moot? He is very sensitive so be gentile.” (Poole’s username for years was moot or m00t.) “I liked [him a lot]. I drove him home, he is very bright,” Epstein replied. Nikolic went on to write that, “he will be a friend” and that he is “one of the greatest hackers.”

According to Epstein’s emails, that appears to be the only time Epstein successfully made contact with Poole. It seems like organizing a simple lunch meeting with Poole was a genuine nightmare for Epstein and his team. Nikolic said he planned to meet Poole again in early November. And according to a reminder Epstein set, it seems like he planned to meet Poole at the same time. There’s also a separate email thread from October 31st with an unidentified correspondent, where the redacted sender takes credit for introducing Nikolic and Poole, writing, “I introduced Boris to Chris Poole and got them talking, encouraged Boris to get to know him. Boris said the two of you really hit it off. ;-)” Epstein had subsequent meetings scheduled with Poole on November 23rd, January 27th, 2012, which Poole canceled last minute, and, again, in February. There are nearly a hundred emails going back and forth about how Poole kept flaking on them.
But Epstein didn’t forget about 4chan. We can’t say for sure if he was an active user, but, in 2017, he sent Karyna Shuliak, his girlfriend at the time, a 4chan link containing Five Nights At Freddy’s porn.

Meanwhile in March 2012, Bannon, following the death of conservative blogger Andrew Breitbart, was installed as the editor-in-chief of Breitbart News. In 2014, 4chan’s video game board, /v/, and /pol/ started lighting up about the Gamergate conspiracy theory. Milo Yiannopoulos, then a young tech writer for Breitbart, would transform Gamergate from fringe message board drama into the cornerstone of the global far-right movement by repackaging it in articles optimized for Facebook traffic.
Which was perfect timing, because Epstein was beginning to work his way into Silicon Valley.

Lasst es mich so formulieren: Das Narrativ, „anonyme Shitposter auf 4chan emergieren zufällig (halb-)richtige Verschwörungstheorie“ klingt für mich als QAnon-Erklärung nicht mehr plausibel? Dafür sind die Q-Drops zu nahe dran?


In Vanity Fair machen sie sogar die Pizza-Gate Akten wieder auf.

The references span years—from long before Pizzagate existed to long after it was broadly considered debunked.

“What time do you want to get pizza and grape soda tomorrow?” one associate asks Epstein in 2018.

A 2015 subject line reads: “Your Pizza Is YUMMY YUMMY!!”
“This is better than a Chinese cookie!… lets go for pizza and grape soda again. No one else can understand,” a redacted sender writes to Epstein in 2018.

Das deckt sich mit vielen meiner Funde. Beispiel:

Betreff: The Pizza Monster, Epsteins Reply: „she looks pregnant“.

Oder diese merkwürdige … Pizzabestellung? an Jeffrey Epstein.

I know Bobby LOVES =rturo’s pizza on Houston…they open at 4pm..l could send =ojo down to arrive 4pm at Arturo’s, pick up a large cheese and =ake to 301? Bobby says his day is busy but he might be back to =he apartment sometime between 4-6pm…he is at the Friar’s =tub for lunch 2-4 then meeting a friend at 6pm…

(He also likes Patsy’s Columbus and 72nd and Angelo’s =17 W. 57th)

Epstein antwortet nur „Ok“ und genehmigt damit eine … Pizzabestellung zu jemanden in sein Appartment nach Houston?

Das Wort „Pizza“ hat 845 Treffer in den Epstein-Files und Jmail findet 200 davon, sehr viele extrem … „weird“.

Der Artikel zitiert einen Redditor mit einer Verschwörungstheorie, die mir auch sofort in den Sinn kam.

“QAnon was an op to hide this shit in plain sight and make anyone who said anything about it sound like a lunatic. They masked it in a far-right ‘it’s only the dems’ cover,’” argued one Reddit user. “Gloating about projection people fell for. The pizza basement was Epstein island all along,” wrote another.

Also ich bemühe mich ja, zu widerstehen, aber dass Epstein, oder Bannon, vielleicht in Zusammenarbeit mit Maxwell hinter den ersten Q-Drops stand, ist einfach zu verlockend plausibel?

Schaffe eine populäre Verschwörungstheorie über das, was du machst, häng alles dem politischen Gegner an und promote deinen besten Kumpel als „Aufklärer der Verschwörung“ ins Weiße Haus.

Der Backlash gegen die Verschwörungstheorie bereitet das beste Cover für deine Operation und da du eh die hälfte der Elite im Sack hast, finden sich immer Hebel, alles unterm Deckel zu halten.

Ich halte es für möglich, dass Epstein hinter Pizzagate und später auch Qanon stand. Ich halte es aber fast für wahrscheinlicher, dass es Bannon war (er war der eigentliche digital Culture War erfahrene, seit er als Breitbart-Chefredakteur „Gamergate“ orchestrierte), vllt in Zusammenarbeit oder mit Wissen Epsteins. Oder Ghislane Maxwell bereits Pizzagate initiiert, wie viele Glauben oder vielleicht waren auch Roger Stone oder Paul Manafort involviert?

So oder so, meine Verschwörungsthese ist: es war ein Insider.

Und vielleicht war es zuerst auch nur Spaß, vielleicht eine Provokation, vielleicht war das zuerst alles gar nicht koordiniert und wahrscheinlich haben sie dann schnell die Kontrolle verloren, spätestens, als das Ding zu 8chan umgezogen ist.

Aber diejenigen, die das aufgleist haben, waren Insider: dafür sind Pizzagate und die Q-Drops zu nahe dran.


Seit dem letzten DOJ-Drop bin ich mir sicher, dass die Files alle ans Licht kommen werden und ich habe sogar Hoffnung, dass neue Ermittlungen aufgenommen werden und dass der Fall wirklich aufgearbeitet wird.

Der Grund ist einfach:

Das, was die Files so lange unter Verschluss gehalten hat – die Interessen vieler mächtiger Männer – wendet sich nun gegen die Verheimlichung.

Die gesamte amerikanische Elite ist jetzt mit Kacke bespritzt und weil den meisten, der in den Files Genannten wahrscheinlich keine Verbrechen getan haben, verschiebt sich die Balance Richtung Aufklärungsinteresse. Sie alle wissen, dass sie sich von dieser Shitshow nur „reinwaschen“ können (so richtig wird das natürlich nie gelingen), wenn alle Files released, am besten alle Verbrechen aufgeklärt und alle Täter benannt sind.

Derweil werden auch weiterhin überall um uns herum die Truth-Bombs hochgehen.

Weil sich Wissen pfadabhängig fortpflanzt, generieren die Milliarden Daten-Enden der Epstein Files (Daten, Namen, Orte, Emailadressen, Kontonummern, Telefonnummern, etc.) hochreaktive Pfadgelegenheiten zur Verknüpfung mit anderen Daten, aus denen dann neue „Leads“ in „kalten“ Geschichten hervortreten.

Epstein war ein riesiges vieldimensionales Puzzelteil in soo vielen Puzzeln und dieses Puzzelteil löst jetzt eine Kettenreaktion in unzähligen umliegenden Geschichten aus.

Krasse Links No 76

Willkommen zu Krasse Links No 76. Sorry, dass so lange nichts kam, aber erst war ich ausgebrannt, dann passierte alles auf einmal und dann musste ich erstmal meine Gedanken auf Mastodon neu sortieren. Aber jetzt arretiert Eure Souveränität, heute leveragen wir Henry Farrell als Pfadgelegenheit, um der Dollar-Hegemonie das Fulcrum aus dem Fenster zu klauen.


Durch das Weltereignis-DDos sind einige newsletterrelevante Entwicklungen undokumentiert geblieben, die ich, sorry, hier kurz nachreiche:

  • Purge-Koalition: Der Tiktok-Deal ist nun unter Dach und Fach und damit sind alle notwendigen „Infinity Stones“ im Purge-Handschuh. Und während wir warten, dass Trump „Schnipp“ macht und Larry Ellison (die Eigentümerstruktur ist komplizierter, aber allgemein jetzt sehr Trumpnah), Mark Zuckerberg und Elon Musk alle linken, pro-palästinensischen und antifaschistischen Accounts den Hahn zudrehen, wurden um Weihnachten die ersten Vorboten des Purges auch in Deutschland spürbar, als die Macherinnen von HateAid auf die Sanktionsliste gesetzt wurden und der Roten Hilfe und anderen antifaschistischen Organisationen die Konten gekündigt wurden.
  • Massensprechaktwaffen: Elon Musk hat Grok nun mit einer Image-Engine ausgestattet, die Menschen „ausziehen“ kann und mit der die User bereits Jagd auf etliche Frauen und Kinder machen. Inzwischen hat Musk „reagiert“ und das Feature nur noch für Pro-User freigeschaltet. Das ist folgerichtig: jetzt, wo auch für MAGA offensichtlich ist, dass ihre halbe Polit- und Wirtschafts-Elite in den Epstein-Files steht, aber niemand irgendwas deswegen tut, ist der Markt reif für „Epstein as Service“ als exklusives KI-Feature. Immerhin will die EU jetzt einschreiten?
  • Fossilimperium: Trump hat völkerrechtswidrig Venezuela überfallen, den Präsidenten Maduro entführt und behauptet, er würde das Land jetzt per Fernbedienung steuern, aber ich habe Zweifel. Allerdings nicht daran, dass es ihm um das Öl geht – er erzählt es jedem, der es nicht hören will. Auch wenn abzuwarten bleibt, was die Aktion überhaupt gebracht hat, steht fest: Trump konsolidiert die Weltordnung weiter in Richtung PetroStates vs. ElectroStates.
  • Trumpfaschismus: Die USA gleiten auch innenpolitisch immer tiefer in den Faschismus ab. Die Morde an Renee Good Und Alex Pretti sind nur die Spitze des Eisbergs. Seit der Trump-Präsidentschaft sind bereits mehr als 40 Menschen unter ICE Einwirkung zu Tode gekommen. Die meisten davon nicht weiß.
  • Genozid in Gaza: das „Board of Peace“ wurde gegründet, um der Ethnischen Säuberung den Anschein internationaler Legitimation zu verleihen, ohne dabei zu verheimlichen, dass es hier eigentlich um einen Realestate-Deal geht. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner stellte jüngst den „Masterplan„, zur Neu-Bebauung von Gaza vor, mit Hotels, 180 Wolkenkratzern und etlichen Golfplätzen. Gaza wird damit zum Symbol gewaltsamer Gentrifizierung auf globalem Level.
  • Derweil kündigt sich der nächste mögliche Genozid an: Kobanê wird von den Truppen des neuen syrischen Machthabers Ahmed al-Scharaa bedroht, der zusammen mit von der Türkei unterstützten Islamisten gegen die kurdische Autonomieregion vorrückt und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet – unter Billigung Trumps. Vor wenigen Jahren waren es vor allem die Kurden, die den USA und der westlichen Allianz halfen, ISIS aus Syrien und Irak zu vertreiben. Jetzt lassen die Amerikaner ihre ehemaligen Verbündeten von Islamisten abschlachten. Und die Bundesregierung schiebt dorthin wieder ab?

„Hours after an ICE agent killed the mother of three, Elon Musk’s chatbot was undressing her.“

Was für ein Satz. Was für eine Welt.


Garbage Day über weirde Shaddow Bans seit der Tiktok-Übernahme.

TikTok users are reporting that political posts are being complete throttled on the platform right now. There’s screenshot circulating on X of the producer Finneas’ account showing 0 view counts on his most recent videos. Which showed up for me, as well, when I checked it. But after a few refreshes, the page did start loading properly. […]

Normally, I would say that it would take a considerable amount of time to completely overhaul the algorithm for site like TikTok. But now that we’ve seen how fast X, formerly Twitter, changes due to the whims of its own mad king, Elon Musk, I wouldn’t say it’s totally impossible.

Gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der nervös ist.


Weihnachten war ich geDDosed von der Welt, im neuen Jahr von meinen eigenen Gedanken.

Ich nahm ich mir den Begriff „Leveragevor, der sich mir schon seit längerem aufdrängte, den ich mir aber nie wirklich traute, ernsthaft zu adaptieren und analytisch zu durchmessen, was ich dann in einem öffentlichen, etwas eskalierten Nachdenkt-Prozess auf Mastodon über knapp 10 Tage nachholte und was soll ich sagen: Der Hebel war das fehlende Puzzelteil des Relationalen Materialismus und der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Das Interessante am Hebel ist nicht der Hebel selbst, sondern das Fulcrum, also der sogenannte „Dreh und Angelpunkt“, gegen den ein Hebel hebt und als ich genauer hinschaute, entfaltete sich das Fulcrum in einer ähnlichen Tiefe und Komplexität, wie bereits die Pfadgelegenheit und wird dadurch gleichzeitig erstaunlich übertrag- und universell einsetzbar.

Ich schreibe gerade an einem längeren Explainer dazu, aber ganz grob runtergebrochen werden Hebel und Fulcrum zu Rollen: Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.

Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Da die Pfadgelegenheit bekannter Maßen ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, also mit weiteren Pfadgelegenheiten bebaut wird, quasi „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Das macht jede Pfadgelegenheit aber auch zu einer Weiche. Wenn die Pfadgelegenheit beschritten, also der Hebel umgelegt wurde, hat man den Pfad gewechselt und in einen neuen Pfad „investiert“, ob man will oder nicht. Das mag in vielen Situationen keine soo große Rolle spielen und Pfadkorrekturen sind in den meisten Fällen auch möglich, in anderen kann so eine Pfadentscheidung auch zum Verhängnis werden.

Deswegen gibt es zwei ganz besonders relevante Typen von Pfadgelegenheiten:

Onramps und Offramps. Onramps etablieren eine habituelle Hebelnutzung, Offramps beenden sie. Allerdings erwarten Offramps eine Pfadalternative als Argument.


Mark Carneys Davos-Rede ist aller Munde und auch ich konnte nicht anders, als einen kleinen Freudenschrei auszustoßen, wenn so offensichtliche Wahrheiten endlich einmal so klar formuliert von einem westlichen Staatschef ausgesprochen werden.

We knew the story of the international rules-based order was partially false that the strongest would exempt themselves when convenient, that trade rules were enforced asymmetrically. And we knew that international law applied with varying rigour depending on the identity of the accused or the victim.

This fiction was useful, and American hegemony, in particular, helped provide public goods, open sea lanes, a stable financial system, collective security and support for frameworks for resolving disputes.

Hegemonie ist nie gerecht, aber für viele nützlich (oft sogar für ihre Gegner*innen), denn sie schafft leveragebare Erwartungsstabilität. Die Erwartungsstabilität wird zur Infrastruktur, auf der sich die Akteure in der Welt verständigen, Konflikte lösen und Handel treiben, etc. Und so lange man auf der „guten Seite“ der USA stand, konnte man als „westliches Land“ und teil des ein oder anderen Bündnisses, diese Früchte genießen – auf Kosten derjenigen, die nicht zum engeren Kreis gehörten.

This bargain no longer works. Let me be direct. We are in the midst of a rupture, not a transition.

Over the past two decades, a series of crises in finance, health, energy and geopolitics have laid bare the risks of extreme global integration. But more recently, great powers have begun using economic integration as weapons, tariffs as leverage, financial infrastructure as coercion, supply chains as vulnerabilities to be exploited.

You cannot live within the lie of mutual benefit through integration, when integration becomes the source of your subordination.

The multilateral institutions on which the middle powers have relied – the WTO, the UN, the COP – the architecture, the very architecture of collective problem solving are under threat. And as a result, many countries are drawing the same conclusions that they must develop greater strategic autonomy, in energy, food, critical minerals, in finance and supply chains. […]

Hegemons cannot continually monetize their relationships.

Das Ende einer infrastrukturellen Hegemonie ist teuer für alle, aber wenn Donald Trump den in seinem Sinne gezinkten Pokertisch umwirft, weil er nicht mal mehr Lust hat, so zu tun, als hätte irgendwer anderes mitzureden, dann wird es Zeit, Offramps zu organisieren.


Hier sollte eigentlich auch etwas zu Friedrich Merz‘ Davos-Rede stehen, aber alles, was ich schrieb, war zu viel.


Henry Farrell hat zusammen mit Daniel Davies ein neues Paper draußen, dass sich der „weaponization“ der „Dollar-Zentralitätwidmet.

Ein paar Worte zu Farrell: Sein Paper zu „Weaponized Interdepdence“ (2019) zusammen mit Abraham L. Newman war ein wesentlicher Baustein für meine Analyse im Plattformbuch, wie Plattformen politische Macht ausüben und könnte nebenbei auch die intellektuelle Vorlage der Carney-Rede gewesen sein.

Jedenfalls analysieren Davies und Farrell in ihrem neuen Paper die Weaponization der Dollarhegemonie, indem sie sie als kybernetischen Feedbackmeachnismus also quasi als Netzwerkeffekte denken.

In cybernetic terms, collective judgements, incentives, and expectations form a regulatory subsystem. However, where positive feedback loops develop and spread, changes are amplified and existing orders will be often weakened and perhaps even collapse.

Und auch Farrell und Davis merken, dass das alles mit Netzwerkzentralität zu tun hat.

‘Dollar centrality’ is a political-economic concept that refers to the extreme attractiveness of the US dollar as a currency for transactions and investment. […]

The conveniences of dollar centrality for facilitating financial transactions are inseparable from the dollar payment system and its rules as set by the US government. International actors might prefer not to follow these rules, but it would be very painful to lose the enormous benefits of dollar centrality. Many international commercial payments take place in dollars, for ease and convenience. Even those that are not denominated in dollars often touch the dollar payment system, because the dollar is the ‘vehicle’ currency for foreign exchange – a trade of yen for pesos will usually exchange yen for dollars and then dollars for pesos to take advantage of the more liquid dollar markets.

Ich würde konkreter sagen: der Dollar nimmt eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein und das heißt in diesem Zusammenhang konkret, dass man die Pfadgelegenheit Dollar 1.) leichter als jedes andere Geld in alle möglichen anderen Pfadgelegenheiten verwandeln kann (transitive Liquidität) und man 2. Dollar braucht, um einen ganzen Strauß von Pfadgelegenheiten überhaupt nehmen zu können (pfadvoraussetzende Liquidität). Daraus ergibt sich ein erheblicher Lock-In, mit erheblichen Vorteilen für die USA. Alle wollen Dollar und handeln daher mit ihnen, denn das ist der beste Weg, an Dollar zu kommen. Und während alle anderen echte, materielle „Goods & Services“ nach drüben schiffen, müssen die Amerikaner nur das Spreadsheet der Federal Reserve mit Nullen auffüllen, um all das zu bezahlen, wie Cory Doctorow so schön zusammenfasst.

Zunächst wurde dieses Asset von den USA gehegt und gepflegt und es wurde acht darauf gegebenen, dass die Security Agencies der wachsenden Infrastrukturmacht nicht ins Handwerk pfuschen, doch spätestens seit dem 11. September wurde die Dollar-Zentralität immer mehr zum Fulcrum für allerlei Sicherheitshebel, speziell Geldwäscheüberwachung und Sanktionsmechanismen.

Diese Hebel waren langfristig zu attraktiv? Schließlich kann man dadurch nicht nur Banken und Staaten disziplinieren, sondern eigentlich alle wirtschaftlichen Akteure, sofern sie auf Banken angewiesen sind.

Dollar hegemony and US law generated powerful incentives for compliance across the world. Although the legal basis for many actions against non-US actors was surprisingly weak, the fear of being denied access to dollar clearing was sufficient incentive to comply, especially for financial institutions. […]

Financial institutions’ aversion to risk worked as a force multiplier of US coercion. Sanctions compliance, like other forms of anti-money laundering policy but unlike most bank regulation, is enforced by sometimes unpredictable ex post regulatory punishments rather than exante provision of a checklist of required actions.

Doch je mehr diese Hebel bedient werden, desto deutlicher erodiert ihr Fulcrum – also die Akzeptanz der Dollar-Hegemonie. Insbesondere China und die EU werden mittel bis langfristig Pfadalternativen zur Dollarabhängigkeit suchen und schaffen.

This plausible near-future scenario has all the characteristics of a positive feedback loop. Under current circumstances, the EU has strong reasons to do everything it can to escape American hegemony. The US, for its part, has strong reasons to do everything it can to prevent this from happening. The more that the EU tries to get away, the more the US will do to pin it down. In this scenario, there do not appear to be any players, systems, or entities who combine the three necessary features to play a stabilisierung role: the capacity to model the effects of their actions on the overall system, the power to generate sufficiently strong feedback, and the incentive to maintain the current system rather than watch it tear itself apart.

Beim Nachdenken über „Leverage“ merkte ich, dass ich die Hebel-Fulcrums-Logik bereits im Plattformbuch impliziert hatte: Plattformmacht ist Netzwerkmacht + Kontrollregimes, wobei ich erst nachträglich gemerkt habe, dass die Netzwerkmacht (der durch die Netzwerkeffekte erzeugte allgemeine Lock-In) das „Kontaktzonen-Fulcrum“ ist, auf dem die Hebel der Kontrollregimes (Infrastrukturregime, Zugangsregime, Query-Regime, etc.) ansetzen.

Die Hebel der Kontrollregimes ermöglichen wiederum weitere, übergeordnete Hebel – unterschiedliche „Politiken“ – etwa die „Politik der Pfadentscheidung“, die das Infrastrukturregime leveraged, um die Pfade der Nutzenden im eigenen Sinne vorzudefinieren. Die USA haben diese Politik lange als den wichtigsten Hebel in ihrer Außenpolitik betrachtet (Dollarhegemonie, Etablierung und Kontrolle internationaler Institutionen, Handelsverträge, „Soft Power“ und „semantische Hegemonie“ in Tech, Hollywood und Popkultur, etc.)

Daneben beschreibe ich aber auch einen anderen Hebel und der ist direkt von Farrell/Newman 2019 abgeleitet: „Die Politik des Flaschenhals“ (Chokepoint Politics). Man nutzt Netzwerkzentralitäten im Pfadgelegenheitsnetzwerk, um anderen Zugang dazu zu verwehren, oder damit zu drohen, um Zugeständnisse und Disziplin zu erpressen. Das ist das Geschäftsmodell aller Plattformen (Enshittyfication), aber wie mir später bald aufging, eigentlich aller Transaktionen im Kapitalismus, wenn man Netzwerkzentralität nicht „total“ denkt (dann denkt man sie eh falsch), sondern als „relative Netzwerkzentralität“ in konkreten Zusammenhängen und sich nicht an „Profiten“ orientiert, sondern an „Margen“.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist der Fall also klar: Seit Donald Trump am Ruder ist, nutzt er die in dem Paper von Steven Miran beschriebenen Hebel, um aus dem Fulcrum amerikanischer Dollarhegemonie (und alle anderen Abhängigkeiten) per „Politik des Flaschenhals“ die aus der Weltgemeinschaft extrahierbare Marge zu optimieren.

Donald Trump denkt, er sei im Schlaraffenland, denn er hat das Hebeln als „Unternehmer“ im Kapitalismus gelernt, weswegen er kein Gespür für das Fulcrum hat. In seiner Welt werden die Fulcrums-Kosten seiner Hebel für gewöhnlich als „Externalität“ auf die Gesellschaft abgewälzt und die kann viel absorbieren, wie wir alle ständig feststellen. Hence, „Libertarian Mindset“.

Doch inzwischen sind Trumps Hebel so groß und schmerzhaft, dass das Fulcrum, auf dem er leveraged, bereits Anzeichen von Brüchigkeit zeigt, wie Farrell und Davis im Paper aufzeigen.

Such a feedback loop would help destabilise the US dollar. A digital euro might create an alternative to dollar clearing that is stabilised by the rule of law and hence less open to political influence and weaponisation. It is equally possible that the EU eventually will find itself obliged to acquiesce to US hegemony. There is no reason to necessarily believe that the system will soon settle down to one or the other equilibrium (or to some other stable state): continued oscillation and uncertainty is a perfectly possible outcome.

Ob es so kommt, bleibt abzuwarten. Meiner Erfahrung nach sollte man die Beharrungskräfte der Netzwerkmacht nicht unterschätzen?


Henry Farrall hat auch einen sehr lesenswerten Newsletter und in der letzten Ausgabe denkt er lesenswert kulturanthropologisch über Davos als Ritual und auch Carneys Rede nach.

Dafür führt er das Buch Rational Ritual: Culture, Coordination, and Common Knowledge, des Kulturtheoretikers Michael Suk-Young Chwe an, der Rituale in ihrer Funktion zur Synchronisierung von Erwartung analysiert und als Beispiel nimmt Chwe die Praxis von Königen, durch ihr Land zu fahren, um sich als Machthaber dem Volk zu zeigen.

Our interpretation focuses exactly on publicity, the common knowledge that ceremonies create, with each onlooker seeing that everyone else is looking too. Progresses are mainly a technical means of increasing the total audience, because only so many people can stand in one place; common knowledge is extended because each onlooker knows that others in the path of the progress have seen or will see the same thing.

Machtprojektionen funktionieren nie individuell, sondern immer dividuell: Sehen ist performativ: Dein Sehen erlaubt und beglaubigt mein Sehen und umgekehrt.

Wenn also die Davos-Interpretationen von Adam Tooze und Paul Krugman stimmen, dass Trump dort alle Türen mit dem großen Hebel einrennen wollte, um sich vor der Weltelite zum König der Welt zu krönen, mit Grönland als Krone, und dabei merkte, dass er ins Leere hebelt, dann ist mehr schief gegangen, als nur eine mißlungene Gelegenheit, Macht zu projizieren, so Farrell:

We should think about Davos as a site and moment of ceremony, in the terms that Chwe lays out, which cements common knowledge about who is in charge, and what the principles of rule are. That, in turn provided Trump with a possible opportunity to anoint himself as the central figure in a new vision of the West […]

The ceremony was disrupted, by European threats of retaliation, which in turn led the market audience to express its unhappiness, and by Carney’s quite deliberate and self-conscious effort to crack the illusion of inevitability.

Das ist, was eigentlich passierte: Die Illusion von Unabwendbarkeit/inevitability wurde zerstört. Carney macht das expklizit, indem er Václav Havels bekannte Greengrocer-Geschichte beleiht:

Every morning, this shopkeeper places a sign in his window: “Workers of the world, unite!” He doesn’t believe it. No one does. But he places the sign anyway to avoid trouble, to signal compliance, to get along. And because every shopkeeper on every street does the same, the system persists.

Not through violence alone, but through the participation of ordinary people in rituals they privately know to be false.

Havel called this “living within a lie.” The system’s power comes not from its truth but from everyone’s willingness to perform as if it were true. And its fragility comes from the same source: when even one person stops performing — when the greengrocer removes his sign — the illusion begins to crack.

Weil wir keine Individuen sind, die Macht beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie Macht beobachten, operiert Macht immer schon im Raum der vernetzten Erwartungen und ganz besonders Trump. Das ist gleichzeitig seine größte Stärke, und größte Schwäche/Angreifbarkeit.

All das was Carney sagt, sagen Linke seit Jahrzehnten, aber das in diesem spezifischen sozialen und diskursiven Raum – ein zeitlicher und örtlicher Glutpunkt eben jener Ordnung, dessen Schild Carney gerade aus dem Fenster nimmt –, aus dem Mund eines Eststablishment-Bürokraten wie ihm, reißt nicht nur ein Loch in Trumps Machtprojektion, sondern eröffnet gleichzeitig für alle anderen einen möglichen alternativen Pfad aus dem Wahnsinn, als Offramp aus der „amerikanischen Ordnung“.


Hab noch nicht reingehört, aber Farrell war auch gerade zum Thema bei Ezra Klein.


Weil Canada seine Bestellung von F35-Fighterjets reduziert, droht Trump mit der Beendigung militärischer Zusammenarbeit.

Ich schlage eine andere Definition von „Souveränität“ vor:

Souveränität ist, einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Souveränität oder nicht ist also eine Frage, die sich nicht allgemein, sondern immer nur spezifisch und situativ entscheiden lässt. „Souverän“ ist man nur gegenüber Pfaden, oder eben nicht.

Die Bedingung der Möglichkeit der Souveränität ist also die Möglichkeit „Nein“ zu sagen und die beruht auf zwei Pfeilern:

  1. Die Vorhandenheit von Pfadalternativen und/oder
  2. die Bereitschaft zu verzichten und die Kosten dafür zu tragen.

In der Realität braucht es immer eine Mischung aus beidem, denn Pfadalternativen sind selten gleichwertig und ohne Pfad geht es sowieso nicht, also werden die meisten Pfadalternativen mit erheblichen Wechselkosten bezahlt.

Ja, die Kosten, sich vom Empire loszusagen sind ohne Frage hoch. Aber die Kosten, diesen Pfad in Trumps faschistischen Wahnsinn weiter mitzumarschieren, werden unendlich viel höher sein. Das sagt jedenfalls meine Q-Function.


Mattew Remski warnt aus marxistischer Perspektive davor, Mark Carney nach seiner Ansprache als Genossen zu feiern.

Carney nimmt zwar sein Schild aus dem Fenster, was den Ordnungsanspruch durch die USA angeht, ist aber sonst very much Pro-Kapitalistisch und wer die Rede zu Ende gehört hat, wird bemerkt haben, dass er damit vor allem auch Stimmung für Canada unter den anwesenden Investor*innen machen wollte (wie alle, die in Davos sprechen).

Remski hat natürlich recht, aber erstens bin ich derzeit einfach froh über jede Offramp, die sich auftut und wenn sie irgedwie erfolgreich sein soll, sorry, dann muss sie aus dem bürgerlichen Lager kommen.

Außerdem ist der Riss, den Carney aufmacht, ein Fulcrum für weitere Hebel? Ist die Geste des „Schild aus dem Fenster nehmens“ erstmal eingeübt, wird sie zur Plattform für weitere Widerstandspfadgelegenheiten und da ich eh glaube, dass der Riss eigentlich bis hinunter ins „Individuum“ reicht, wird es da noch vieles zu Hebeln geben.

Also vergesst doch mal für einen Moment die Utopien und eure genauen Vorstellungen einer „idealen und gerechten Gesellschaft“. Ich schau stattdessen auf den Riss und sehe darin die Pfadgelegenheit für weitere Risse.


Es war wieder CCC-Congress und auch wenn ich lange nicht alle sehenswerten Talks geschaut habe, hier meine persönlichen Empfehlungen.

Cory Doctorow war wieder da und stellte seine Pfadgelegenheit vom „Post American Internet“ vor. Er reiterierte seinen Vorschlag, den Tech-Imperien ihre Unverwundbarkeitsklasusel zu nehmen: die „Anti-Circumvention“ Laws des Urheberrechts, die quasi weltweit per Handelsverträge festgeklopft wurden, auch bei uns.

Ich hatte seinen Vorschlag bereits im Plattformbuch übernommen, aber jetzt präsentierte er ein wunderbar eingängig gecraftetes Narrativ, wie sich daraus ein entscheidender Schlag gegen die techfaschistische Hegemonie entwickeln ließe.

Außerdem empfehlenswert: Helena Steinhaus von Sanktionsfrei über soziale Ungleichheit, Udbhav Tiwari and Meredith Whittaker über die Securityaspekte „agentischer KI“ im Betriebsystem und allgemein, Rainer Rehak mit einem Update seines Talks über Israels statistische Tötungsautomations-Systeme und Arne Semsrott über Gegenmacht.


Außerdem sei ganz herzlich auch die Känguru-Rebellion und der Digital Independence Day von Marc Uwe Kling und Linus Neumann empfohlen.

Die Idee ist einfach: Jeden ersten Sonntag im Monat widmen wir uns der Migration eines Dienstes oder Plattform weg von amerikanischen Tech-Monopolisten zu weniger toxischen Alternativen, bzw. helfen einander dabei.

Aus Pfad-Ingenieurs-Perspektive ist das prima gebaut: Wie bekomme ich einen möglichst großen Strom von Leuten vom Set der Plattformen A zum Set der Plattformen B? Eine Figur wie Marc Uwe Kling wirkt nicht nur links, sondern bis weit in junge bürgerliche Schichten rein und ist damit ein tragfähiger Pfeiler für eine breite Migrations-Brücke. Zur Brücke gehört nicht nur die Website, sondern auch ein kleines Heer an freiwilligen Nerds, die deutschlandweit praktische Hilfe anbieten. Perfekt.

Das Problem ist nicht die Onramp oder die Brücke, sondern die Offramp: Die Wechselkosten sind insbesondere im Social Media Bereich noch enorm hoch und egal was Mastodon- oder Bluesky-Fans behaupten, dezentrale Dienste sind derzeit keine gleichwertigen Pfadalternativen.

Das größte Problem: Eröffnet man einen neuen Account, sieht man dort nur Leere, ist verloren und finden tut man auch keinen. Ich hab es so oft gesehen: die Leute kommen, gucken, gehen.

Hier hilft die dividuelle Perspektive, die versteht, dass Social Media nicht ein „Tool“ ist, das „Individuen“ benutzen, „um zu kommunizieren“, sondern dass jeder Account ein Teil eines gewachsenen Geflechts ist. Accounts sind Pflanzen, die Wurzeln geschlagen haben und ein einfacher Umzug lässt sie als abgerissenen Stängel ankommen.

Der Trick ist, Communities umzutopfen, statt Individuen „umzuziehen“. Auf Social Media sind wir in immer mindestens einer, meisten mehreren Communities unterwegs, deren Debatten und Narrativen man mehr oder weniger intensiv verfolgt, oder aktiv daran teilnimmt.

Ich hatte deswegen bereits vor Monaten eine Step-by-Step-Anleitung aufgeschrieben, wie man Communities umtopfen kann.

Aufgrund der digitalen Algorithmen haben wir ein bisschen die Macht der sozialen Algrorithmen aus den Augen verloren, wie Kettenbriefe, Telefonlavienen (danke ???), bzw. sie wurden zu oft missbraucht, so dass sie in einen schlechten Ruf gerieten?

Aber andersrum ist es wohl richtiger: sie wurden als Hebel deswegen so oft missbraucht, weil sie so mächtig sind. Es wird Zeit, sie als strategisches Asset wieder zu rehabilitieren.


2026 wird so hart wie alle befürchten. Aber es wird auch das Jahr, an dem sich effektiver Widerstand zu formen begann.

Krasse Links No 75

Willkommen zu Krasse Links No 75. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, habe ich mich die letzten Monate etwas verausgabt und bin jetzt zum Jahresende – Überraschung – doch merklich erschöpft. Ich weiß nicht, on ob ich dieses Jahr noch eine weitere Ausgabe schaffe, aber spätestens nächstes Jahr geht frisch weiter. Deswegen schon mal: Schöne Feiertage euch.

Aber jetzt haltet Eure Feedback Loops bereit, heute homogenisieren wir den Hivemind-Effect der Totalüberwachung mit “the buzz”.


In diesem sehr lesenswerten Essay auf Aeon spannt der indischstämmige KI-Researcher Deepak Varuvel Dennison einen weiten Bogen von der lokalen Situiertheit eines großteils des menschlichen Weltwissens zur Homogenisierung des Weltwissens durch LLMs.

The irony isn’t lost on me that this dilemma has emerged through my research at a university in the United States, in a setting removed from my childhood and the very context where traditional practices were part of daily life. At Cornell University in New York, I study what it takes to design responsible AI systems. My work has been revealing to me how the digital world reflects profound power imbalances in knowledge, and how this is amplified by generative AI (GenAI). The early internet was dominated by the English language and Western institutions, and this imbalance has hardened over time, leaving whole worlds of human knowledge and experience undigitised. Now with the rise of GenAI – which is trained on this available digital corpus – that asymmetry threatens to become entrenched.

Dennison hat einen erfrischend materialistischen Blick auf Sprache und damit auf die Wissensstrukturen, die sich in LLMs abbilden.

To understand why this matters, we must first recognise that languages serve as vessels for knowledge – they are not merely communication tools, but repositories of specialised understanding. Each language carries entire worlds of human experience and insight developed over centuries: the rituals and customs that shape communities, distinctive ways of seeing beauty and creating art, deep familiarity with specific landscapes and natural systems, spiritual and philosophical worldviews, subtle vocabularies for inner experiences, specialised expertise in various fields, frameworks for organising society and justice, collective memories and historical narratives, healing traditions, and intricate social bonds. […]

When AI systems lack adequate exposure to a language, they have blind spots in their comprehension of human experience. For example, data from Common Crawl, one of the largest public sources of training data, reveals stark inequalities. It contains more than 300 billion web pages spanning 18 years, but English dominates with 44 per cent of the content. What’s even more concerning is the imbalance between how many people speak a language in the physical world and how much that language is represented in online data. Take Hindi, for example, the third most spoken language globally, spoken by around 7.5 per cent of the world’s population. It accounts for only 0.2 per cent of Common Crawl’s data. The situation is even more dire for Tamil, my own mother tongue. Despite being spoken by more than 86 million people worldwide, it represents just 0.04 per cent of the data. In contrast, English is spoken by approximately 20 per cent of the global population (including both native and non-native speakers), but it dominates the digital space by an exponentially larger margin. Similarly, other colonial languages such as French, Italian and Portuguese, with far fewer speakers than Hindi, are also better represented online.

The underrepresentation of Hindi and Tamil, troubling as it is, represents just the tip of the iceberg. In the computing world, approximately 97 per cent of the world’s languages are classified as ‘low-resource’. This designation is misleading when applied beyond computing contexts: many of these languages boast millions of speakers and carry centuries-old traditions of rich linguistic heritage. They are simply underrepresented online or in accessible datasets. In contrast, ‘high-resource’ languages have abundant and diverse digital data available. A study from 2020 showed that 88 per cent of the world’s languages face such severe neglect in AI technologies that bringing them up to speed would require herculean – perhaps impossible – efforts. It wouldn’t be surprising if the status quo is not too different even now.

Für die Effekte der Verzerrungen durch die westlich-hegemoniale Perspektive bringt Dennison mit den „Glasfassaden“ ein Beispiel aus der Architektur. In der westeuropäischen Moderne wurden Glasfassaden als funktionaler und effizienter Entwurf erdacht und beworben, weil sie Energie dadurch sparen, dass sie natürliches Licht zur Beleuchtung und auch Beheizungszwecken nutzen. Durch die westliche Hegemonie habe sich das Bauprinzip aber auch in Regionen durchgesetzt, wo Glasbauten das Gegenteil von effizient sind, weil sie in heißem Klima aufwändig von innen gekühlt werden müssen.

Epistemologies are not just abstract and cognitive. They are physically embodied around us, with a direct impact on our bodies and lived experiences. To understand why, let’s consider an example that contrasts sharply with the kind of Indigenous construction practices that Dharan seeks to revive: high-rise buildings with glass façades in the tropics.

Es ist aber eben nicht nur so, dass maginales und lokales Wissen aus Chatbots nur durch die Trainingsdaten unterrepräsentiert ist, sondern auch, dass LLMs einen eingebauten Bias für die populärsten Pfade hat, der den Effekt der Unterrepräsentationen und populären Überbetonungen noch mal vervielfacht.

The problem is far deeper than gaps in training data. By design, LLMs also tend to reproduce and reinforce the most statistically prevalent ideas, creating a feedback loop that narrows the scope of accessible human knowledge.

Why so? The internal representation of knowledge in an LLM is not uniform. Concepts that appear more frequently, more prominently, or across a wider range of contexts in the training data tend to be more strongly encoded. For example, if pizza is commonly mentioned as a favourite food across a broad set of training texts, the model is more likely to respond with ‘pizza’ when asked ‘What’s your favourite food?’ Not because the LLM likes pizza, but because that association is more statistically prominent.

More subtly, the model’s output distribution does not directly reflect the frequency of ideas in the training data. Instead, LLMs often amplify dominant patterns in a way that distorts their original proportions. This phenomenon can be referred to as ‘mode amplification’. Suppose the training data includes 60 per cent references to pizza, 30 per cent to pasta, and 10 per cent to biriyani as favourite foods. One might expect the model to reproduce this distribution if asked the same question 100 times. However, in practice, LLMs tend to overproduce the most frequent answer. Pizza may appear more than 60 times, while less frequent items like biriyani may be underrepresented or omitted altogether. This occurs because LLMs are optimised to predict the most probable next ‘token’ (the next word or word fragment in a sequence), which leads to a disproportionate emphasis on high-likelihood responses, even beyond their actual prevalence in the training corpus. Together, these two principles – uneven internal knowledge representation and mode amplification in output generation – help explain why LLMs often reinforce dominant cultural patterns or ideas. […]

Ask ChatGPT about a controversial topic and you’ll get a diplomatic response that sounds like it was crafted by a panel of lawyers and HR professionals who are overly eager to please you. Ask Grok the same question and you might get a sarcastic quip followed by a politically charged take that would fit right in at a certain tech billionaire’s dinner party.

Das ganze Endet in einem selbstverstärkenden Loop der Homogenisierung und extremen Streamlinging von Wissensrepräsntation und damit eine Verarmung von uns allen.

The internet, as the primary source of knowledge for AI models, becomes recursively influenced by the very outputs those models generate. With each training cycle, new models increasingly rely on AI-generated content, reinforcing prevailing narratives and further marginalising less prominent perspectives. This risks creating a feedback loop where dominant ideas are continuously amplified while long-tail or niche knowledge fades from view.

Was wir als Wissensrevolution feiern, ist in Wirklichkeit eine semantische Verarmungs-Revolution auf globalem Level, die die Vielfalt des menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrungswelten auf ein verslopptes JPEG des Internets reduziert.

Maybe the intelligence we most need is the capacity to see beyond the hierarchies that determine which knowledge counts. Without that foundation, regardless of the hundreds of billions we pour into developing superintelligence, we’ll keep erasing knowledge systems that took generations to develop.


Eine Studie über den Hivemind-Effect: einer reproduzierbare Homogenität von reproduzierten semantischen Pfaden innerhalb von LLMs, als auch zwischen unterschiedlichen LLMs.

Language models (LMs) often struggle to generate diverse, human-like creative content, raising concerns about the long-term homogenization of human thought through repeated exposure to similar outputs. Yet scalable methods for evaluating LM output diversity remain limited, especially beyond narrow tasks such as random number or name generation, or beyond repeated sampling from a single model. We introduce Infinity-Chat, a large-scale dataset of 26K diverse, real-world, open-ended user queries that admit a wide range of plausible answers with no single ground truth. […]
Using Infinity-Chat, we present a large-scale study of mode collapse in LMs, revealing a pronounced Artificial Hivemind effect in open-ended generation of LMs, characterized by (1) intra-model repetition, where a single model consistently generates similar responses, and more so (2) inter-model homogeneity, where different models produce strikingly similar outputs.


An der Universtität von Texas werden LLMs verwendet, um Kursbeschreibungen nach „woken“ Begrifflichkeiten zu checken und zu zensieren.

At Texas A&M, internal emails show staff are using AI software to search syllabi and course descriptions for words that could raise concerns under new system policies restricting how faculty teach about race and gender.

At Texas State, memos show administrators are suggesting faculty use an AI writing assistant to revise course descriptions. They urged professors to drop words such as “challenging,” “dismantling” and “decolonizing” and to rename courses with titles like “Combating Racism in Healthcare” to something university officials consider more neutral like “Race and Public Health in America.”


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Michael Seemann
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Francesca Bria und ihr Team vom Autonomy Institute haben die Broligarchie des neuen Techfaschismus in dieser anschaulichen Info-Grafik-Website aufgearbeitet, The Authoritarian Stack. Man kann zum Beispiel alle die ideologischen, politischen und geschäftlichen Verbindungen der wichtigsten Akteure anhand interaktiver Grafiken und Charts nachvollziehen.

Anschaulich auch der Pfad, den sie durch die verschiedenen Layer tracken.

Silicon Valley’s Authoritarian Tech Right is not theorizing this world. They are already building it. The pipelines are operational. The feedback loops are functioning. The sovereignty transfers are completing.

Democracy persists as a legacy interface— maintained for stability, while being systematically hollowed out and replaced.

The question now is whether democratic societies can recognize this formation for what it is—and build alternatives before the infrastructure of control becomes too deeply embedded to dislodge.

Michael Bruns hat einen sehenswerten Videoexplainer zum Projekt gemacht.


Mohammed R. Mhawish ist einer der wenigen noch überlebenden palästinensischen Journalisten in Gaza und schreibt im NY Mag darüber, wie die israelische Totalüberwachung in Gaza seine Welt verändert hat.

One of these people, Marwan, a 60-year-old hospital administrator in Gaza City, at first objected to my line of questioning. (I’m using only first names. Giving their full names in a report about surveillance feels like an offering to the occupation.) “In the face of mass slaughter,” Marwan said, “what difference does it make that they can see my Facebook posts or hack my calls or monitor my home?”
But soon Marwan could not stop talking about how the constant awareness of being watched had twisted and narrowed his world. He said he now avoids calling his brother “lest he ask whether any rockets were fired from the area or whether the Israelis had arrived in the area,” and those words be misread or distorted by unseen listeners. He described the collapse of connection itself: the way fear moves into a family, one phone call at a time, until even expressions of love begin to feel dangerous.
Khaled, who worked for nearly three decades as an ambulance driver for Al-Awda Hospital, said that during an interrogation, an officer showed him a private text message he’d sent his family. “Everything we say, they can see,” Khaled said. The text was mundane; the point, he felt, was to show this 61-year-old father of seven how deeply they could peer into his private life. People told me they have even extinguished their own thoughts, as if the interrogators and listeners could see inside their heads. “Nobody doesn’t have political leanings,” one man named Mohammed told me. “But I’ve killed it. I’ve prohibited myself from speaking on this. I’ve locked it with a key.”

In Gaza kann man anfangen zu verstehen, was es bedeutet, wenn dein Kommunikations-Provider nicht nur ein gewinnmaximierendes Unternehmen ist, das dich ausnehmen will, sondern Teil eines technisch-militätrischen Komplexes ist, der dich jederzeit auslöschen kann.

Everyone had stories of being watched. Mary, a 26-year-old writer, grew up in a two-story house on the more affluent side of Gaza City, where people went to stroll near the sea on streets lined with shops and airy schoolyards. It had a simple white façade, tall windows, a small balcony, and eight old araucaria trees her father had diligently cared for shading the gate. Before the war, passersby slowed to admire them. By this summer, the bombardment had cracked part of the roof open. At around 4:30 a.m. on July 27, while she slept in one of the remaining rooms, Mary woke to a faint buzz that seemed to come from just beside her. “I froze,” she told me. “I could not move. I could not scream.” A dark square hovered near the ceiling. She stared at it, motionless, until it drifted out of the room and exited through a window. If they could fly a drone to her bedside, they could see everything, she told me. Weeks later, her 35-year-old neighbor was shot dead by an armed drone while drying laundry on her balcony, standing beside her 4-year-old son, Mary said. “It is not death that we fear,” she told me. “It is the terror that comes before it.”

Nicht nur die Gebäude liegen in Schutt und Asche, sondern auch das Vertrauen in die Kommunikationsinfrastruktur und damit auch großer Bereich der sozialen Beziehungen.

Life in Gaza for the past two years has been a process of losing everything visible — our families, homes, streets. It also means losing what cannot be seen: the private space of the mind, the intimacy between people, and the ability to speak without fear of being monitored by a machine. A poll conducted just weeks before the October cease-fire by the Palestine-based research organization Institute for Social and Economic Progress found that nearly two-thirds of Gazans believed they were constantly watched by the Israeli government. This is the dystopian consequence of technology, supplied in part by American companies, being placed into the hands of authorities who have virtually unlimited control over a captive population they have openly villainized. It is the culmination of decades of monitored occupation, a totalitarian nightmare spliced with genocidal terror, a system that is already evolving and growing for whatever comes next. The old admonition of authoritarian regimes everywhere — If you have nothing to hide, you have nothing to be afraid of — has no meaning in Gaza.

Mhawish erzählt anschaulich, dass die Total-Überwachung nicht neu ist. Die Ursprünge des Systems gehen auf die Gründung Israels zurück und wurden einfach beständig weiterentwickelt. Mit Palantir, Microsoft Cloud und der vollständigen Überwachung von allem und jedem per KI ist das System lediglich zu seinem vorläufigen Höhepunkt gekommen.

Palantir, which had purchased an ad in the New York Times proclaiming that PALANTIR STANDS WITH ISRAEL, entered into an agreement to provide Israel’s military with technology “in support of war-related missions,” according to Bloomberg. Israel’s military intelligence unit reportedly used Google Photos, combined with tech from Israeli company Corsight AI, to enable its facial-recognition program to identify faces from a crowd and footage. Google and Amazon, which supply the Israeli government with advanced cloud-storage services and AI capabilities, were reported to have included a covert system in their contract to warn Israel when foreign courts compelled the companies to hand over Israeli government data but barred them from notifying Israel directly.

Die Lücken in den Daten werden laufend durch Foto-ID-Apps der Soldaten am Boden und ständige random Kidnappings und Folter durch die IDF ergänzt.

A woman in her early 40s who asked to remain anonymous worked at a beauty salon before the war. She was detained as she was marching south from where she was sheltering in the north of Gaza. She was positioned before two devices to log features of her face: a phone to capture her image and another screen to process it, she surmised. She turned her head away, refusing to look at the camera. A soldier forced her face toward it. Then a rifle butt struck her skull.

Her full name surfaced instantly. A soldier read aloud her first name, her father’s name, her grandfather’s, and her family name. “He did not ask me for anything, no ID, nothing, to know who I was,” she said. An officer glanced at the result and said they were taking her. In a pen, soldiers stripped her to her undergarments, she said. When her blindfold slipped, she saw four soldiers pointing a camera at her. She screamed, tried to cover herself, cried, and was struck in the chest as the blindfold was yanked back over her eyes. They called her “slut,” shoved her into a small cage, and warned that she would be beaten if she disobeyed. “What if we publish these?” a soldier said in Arabic while photographing her. Phones, cameras, watches — everything around was recording, she believed.

She said she was shuttled between the cages, the Sde Teiman facility, and Damon prison in Israel. At Sde Teiman — now notorious for scores of reports of horrific abuse — she was raped four times, she said. During her period, guards mocked her bleeding and shouted, “You smell.” They knew she had a teenage daughter. They knew she had worked at a beauty salon. They cut off her hair. “They’ve weaponized our information,” she said. After 32 days in detention, she was released.

Aber seit automatisierte Tötungs-Systeme wie Lavender auf dem Total-Überwachungssystem aufbauen, wird es noch sehr viel ernster genommen

Algorithms sorted people by perceived threat, according to reporting by +972 Magazine and Local Call. Each score could determine who would live or die. Intelligence sources told reporters that one of these systems, designed to score individuals by supposed affiliation with a Palestinian armed group, produced tens of thousands of names. Approval for a strike could reportedly take less than 30 seconds. Another program classified buildings by type and occupancy, marking them for strikes. AI tools, created in partnership with enlisted soldiers in Unit 8200 and reserve soldiers working at companies such as Google, Microsoft, and Meta, analyzed Arabic text messages and social-media posts, according to the New York Times. When those classifications were combined with targeting a suspected fighter at home rather than when alone, the result was the annihilation of families whose only fault was proximity. These advanced systems were mixed with older ones: the use of informants and spies and searches of homes and offices. I heard story after story of soldiers separating people, photographing them, and searching phones, part of broader screening and detention practices during the war.

Mit dem vermehrten Einsatz von bewaffneten Quad-Copter-Drohnen hat die Lage nochmal verschärft.

In Gaza, we call the drone zanana — “the buzz.” After October 2023, it became the soundtrack to our lives. We could tell the difference between the models that could kill and those that only watched. People in Gaza later told me they avoided the notorious Gaza Humanitarian Foundation distribution sites (which shuttered in November) not only because they feared being shot and killed, as hundreds of people were, but also because they feared the same cameras watching the crowds were matching their faces to databases — that even the act of seeking food could expose them. (In July, two unnamed contractors working as security for the distribution sites told the Associated Press that this is exactly what was happening.) A machine could look into people’s homes, register their presence, and flag them. If we tried to live our lives as if the surveillance did not exist, it could lead to our deaths.

“We’ve adapted to having our entire lives under surveillance,” he said. He even avoided using opaque bags when going to the market. “I’d try to have a transparent bag,” he said. “I wouldn’t leave with a backpack, lest they misinterpret it.” In his apartment overlooking the sea, Mohammed struggled with whether to close the curtains to hide from the drones outside. Safety, he had come to believe, depended on leaving nothing to interpretation.

Mhawish wird immer wieder selbst durch die IDF mit dem Tod bedroht, wie so viele andere der wenigen noch lebenden Journalist*innen und irgendwann merkt er, dass er selbst auf der Abschussliste steht. Als er am Checkpoint Netzarim auf der Flucht mit seiner Familie nach Ägypten herausgepickt und befragt wird, erfährt er am eigenen Leib, was die IDF alles über ihn weiß.

He started to move through my life: studies and work as well as the places I’d reported from — Al-Shifa, Al-Awda, Al-Daraj — naming them in sequence. He asked me about my relatives. When I hesitated, he filled in my cousins’ names, naming a neighborhood where my family sheltered. Whether I answered or faltered, his notes absorbed it all the same. The interrogation lasted hours. Over those endless minutes, what became clear to me was that the interrogator held on the screen before him a copy of my life built from relentless watching, compiled from calls, cameras, and coordinates.

Then he began talking about my son. “Is Rafik still out there? How is his chest?” For a moment, my mind went blank. It was a question from inside my own house. It took me back to 2022, when Rafik was just 11 months old, during our time in the UAE. Rafik had contracted a lung infection and he spent two nights in a Dubai hospital. It was not a big deal. He was fine. But here it was, an episode from my life I’d never written about or broadcast. The interrogator said it like a box he was checking. Their knowledge of my son’s brief illness had to come from somewhere. Hospital records from the UAE? Recordings they’d kept of my phone calls? Copies of my emails? It felt like they had stepped inside my mind.

The interrogation intensified. A soldier behind me struck the base of my neck with his rifle when I denied participating in attacks on Israel. “Tell the truth,” he said in English. Each question from the interrogator landed like a test. I stuck to the mundane: that we’d moved south for food and that we were “following orders” — their phrase, returned to them in the hope it would spare my family. Then he brought up the bombing of our home. He called my reporting “advertisements.” He said I’d nearly gotten my family killed.

Am Ende wurde er wieder entlassen und konnte nach Ägypten fliehen, weswegen wir seine Geschichte kennen.

Die Margen der Kunst. Michael Seemann | kulturBdigital-Konferenz 2025 – YouTube

Ich hatte neulich das Privileg auf der Konferenz „Besser Teilen“ einen Vortrag über die politische Ökonomie der Musikindustrie zu halten, aber ich hatte mehr bock mir ne Pfadgelegenheit reinzuknallen und in der Matrix rumzuhängen, also hab ich das einfach miteinander verbunden.

Kunst und Kultur zu verwerten war immer schon ein schwieriges Geschäft. Anhand historischer Rückblicke erzählt Autor und Internetforscher Michael Seemann (Otherwise Network) den Paradigmenwechsel von einer urheberrechtsbasierten zur plattformbasierten Kulturökonomie. Im Vortrag fordert er die Kultur auf, sich zu organisieren, Kräfte zu bündeln und als gemeinsame Interessenvertretung sichtbarer zu werden – in Allianzen, Verbänden und Gewerkschaften. 

Der talk ist ein guter Einstieg in die „Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten“ und wer wissen will, was dahinter steckt, kann am besten bei diesen Explainer weiterlesen.

Krasse Links No 74

Willkommen zu Krasse Links No 74. Dies ist gewissermaßen eine Sonderausgabe zu Sprache, Denken und Handeln, an der ich ziemlich lange gesessen habe und die etwas länger geworden ist, deswegen sorry für die lange Stille und den langen Newsletter, aber da musste ich gerade mal durch. Aber nun haltet euch an euren Paradigmen fest, heute verfolgen wir Jeffrey Epstein durch die Evolution des Unterschieds und differenzieren den Kognitivismus mit der Proto-Semantik der Intelligenz.


Ich war kurz erschrocken, als Benjamin Riley in The Verge berichtete, dass Wissenschaftler*innen zweifelsfrei zeigen können, dass Denken und Sprechen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge seien, die rein gar nichts miteinander zu tun hätten und dann war ich fast enttäuscht, wie wenig sie aufzubieten hatten.

The problem is that according to current neuroscience, human thinking is largely independent of human language — and we have little reason to believe ever more sophisticated modeling of language will create a form of intelligence that meets or surpasses our own. Humans use language to communicate the results of our capacity to reason, form abstractions, and make generalizations, or what we might call our intelligence. We use language to think, but that does not make language the same as thought.

„Brain-Scans“ zeigen, dass Sprache ein Areal im Hirn beansprucht, dass bei bestimmten kognitiven Aufgaben kaum benutzt wird, außerdem sind Menschen mit kognitiven Störungen ihrer Sprachfähigkeit unabhängig davon durchaus fähig, komplexe Aufgaben zu lösen und auch Babies zeigen kognitive Fähigkeiten lange vor dem Spracherwerb u.s.w.

Second, studies of humans who have lost their language abilities due to brain damage or other disorders demonstrate conclusively that this loss does not fundamentally impair the general ability to think. “The evidence is unequivocal,” Fedorenko et al. state, that “there are many cases of individuals with severe linguistic impairments … who nevertheless exhibit intact abilities to engage in many forms of thought.” These people can solve math problems, follow nonverbal instructions, understand the motivation of others, and engage in reasoning — including formal logical reasoning and causal reasoning about the world.

Interessant ist, was sie als „nicht-sprachliche kognitive Fähigkeiten“ ansehen:

Aus dem zitierten Paper:

mathematical reasoning, formal logical reasoning, performing demanding executive function tasks such as working memory or cognitive control tasks, understanding computer code, thinking about others’ mental states, and making semantic judgments about objects or events.

Ich komm nicht darüber hinweg, wie eng diese Menschen „Sprache“ definieren. Als wäre formale Sprache, mathematische Formeln, Zahlen, Computer Code, etc. nicht teil der Sprache.

Wie man diesem Newsletter ab und an anmerkt bin in meinem Denken eher von der (post-)strukturalistischen Schule geprägt, die das alles ganz anders sieht.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Aus Saussures Erkenntnis sprudelte in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ein ganzes Feld von neuen Weltbetrachtungsweisen, die man später unter dem Wort „Strukturalismus“ fasste: Claude Levi-Strauss wandte das Framework in der Ethnologie an, um die kulturellen Praktiken indigener Völker in Beziehung zur eigenen zu setzen, Lacan zur Erforschung des Unbewussten, Roland Bartes nutzte es, um unsere Konsum-Alltagswelt semiotisch aufzuschlüsseln, Pierre Bourdieu wandte das Framework auf Klasse an, Foucault zur Identifikation und Beschreibung von vergangenen und gegenwärtigen Diskursformationen, Judith Buttler für „Geschlecht“ und Umberto Eco für alles mögliche.

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Aber das war das Paradigma, das Mitte der 1990er Jahre vom Kognitivismus abgelöst wurde, der heute überall hegemonial ist. Das Stück von Riley fährt fort:

We can credit Thomas Kuhn and his book The Structure of Scientific Revolutions for our notion of “scientific paradigms,” the basic frameworks for how we understand our world at any given time. He argued these paradigms “shift” not as the result of iterative experimentation, but rather when new questions and ideas emerge that no longer fit within our existing scientific descriptions of the world. Einstein, for example, conceived of relativity before any empirical evidence confirmed it. Building off this notion, the philosopher Richard Rorty contended that it is when scientists and artists become dissatisfied with existing paradigms (or vocabularies, as he called them) that they create new metaphors that give rise to new descriptions of the world — and if these new ideas are useful, they then become our common understanding of what is true. As such, he argued, “common sense is a collection of dead metaphors.”

Moment, eben noch waren Sprache und Denken zwei kommplett verschiedene Dinge und jetzt sagt derselbe Autor, dass wir andere Fragen stellen können, wenn wir andere Unterscheidungen machen? Und zitiert dazu noch zwei strukturalistisch beeinflusste Denker: Kuhn und Rorty? Wie passt das zusammen?

Ich möchte folgende Definition vorschlagen:

Ein „wissenschaftliches Paradigma“ ist eine (im jeweiligen Kontext) hegemonial gewordene erkenntnisleitende Unterscheidung und alle die sich daraus ergebenden Forschungspfadgelegenheiten, inklusive ihrer materiellen und semantischen Infrastrukturen.

Ein Paradigma entsteht, wenn eine bestimmte Unterscheidung nützlich scheinende Pfadgelegenheiten eröffnet: Dann fließen Forschungsgelder und Paper und im besten Fall auch „Erkenntnisse“. Doch wie das immer so ist: das neue Paradigma – die neue fancy Unterscheidung, so toll sie auch ist – birgt meist nur eine begrenzte Zahl an beforschbaren Pfaden und wenn die „Low Hanging Fruits“ bereits geerntet sind und die „Erkenntnisse“ nicht mehr so purzeln, geht das Paradigma in den Selbstverteidigungsmodus über.

Ich stell mir das so vor: Jede erkenntnisleitende Unterscheidung produziert pfadabhängige „blinde Flecke“, denn es gibt immer auch Millionen Möglichkeiten, anders zu unterscheiden und diese anderen Möglichkeit zu unterscheiden hätten aber ebenso Pfadgelegenheiten eröffnet, die aber deswegen unbeforscht blieben, weil das bestehende Paradigma die Aufmerksamkeit, das Geld und die Infrastrukturen bei sich konzentriert. Ein Paradigmenwechsel passiert also dann, wenn eine grundlegende Art zu unterscheiden, eine andere Art zu unterscheiden ablöst.

It [the LLM] will be forever trapped in the vocabulary we’ve encoded in our data and trained it upon — a dead-metaphor machine. And actual humans — thinking and reasoning and using language to communicate our thoughts to one another — will remain at the forefront of transforming our understanding of the world.

Das ist zwar eine richtige Beschreibung von LLMs, es ist aber auch zu einem gewissen Maß richtig für uns alle. Wir alle leben in den toten Metaphern unserer Vorfahren und kommen da schwer raus. Derrida würde zudem darauf bestehen, dass die Metaphern nicht wirklich tot sind, sondern unsere Sprache entlang ihrer iterativen Pfadabhängigkeiten als Gespenster heimsuchen. In einem ganz besonderen Maße ist das richtig für das Paradigma des Kognitivismus, das in Wirklichkeit noch vom Geist Descartes heimgesucht wird. Zeit für was Neues.


Ich habe angefangen, Schneisen in den semantischen Dschungel zu schlagen, der im Laufe des Newsletters so vor sich hinwucherte, indem ich ausführliche und möglichst einsteigerfreundliche Explainer geschrieben habe: Angefangen habe ich mit den beiden wichtigsten Begriffen: Dividuum und Pfadgelegenheit, weitere werden folgen.

Außerdem gibt es noch einen Explainer dazu, wie man von der Macht-Inderdependenz-Theorie zur Macht/Wert-Formel kommt.


Heise fasst ein Interview mit dem Richter am internationalen Strafgerichtshof in Le Monde, Nicolas Guillou, zusammen, der wegen seiner Untersuchungen des Genozids in Gaza auf die Sanktionsliste der US-Regierung fiel und deswegen Zugang zu Services und Bankverbindungen verlor.

Im Alltag von Guillou bedeutet das, dass er vom digitalen Leben und vielem, was heute als Standard gilt, ausgeschlossen ist, schilderte er der französischen Zeitung Le Monde. All seine Konten bei US-Unternehmen wie Amazon, Airbnb oder PayPal wurden von den Anbietern sofort geschlossen. Online-Buchungen, wie über Expedia, werden sofort storniert, selbst wenn es um Hotels in Frankreich geht. Auch die Teilnahme am E-Commerce sei ihm praktisch nicht mehr möglich, da US-Unternehmen auf die eine oder andere Weise immer eine Rolle spielen, und es diesen strikt untersagt ist, mit Sanktionierten in irgendeine Handelsbeziehung zu treten.

Als drastisch beschreibt er auch die Auswirkungen, am Bankenwesen teilzunehmen. Zahlungssysteme seien für ihn blockiert, da US-Unternehmen wie American Express, Visa und Mastercard quasi über ein Monopol in Europa verfügten. Auch das restliche Banking beschreibt er als stark eingeschränkt. So seien auch Konten bei nicht-amerikanischen Banken teilweise geschlossen worden. Transaktionen in US-Dollar oder über Dollar-Konversion sind ihm verboten.

Ich denke ja schon länger, dass das Mittel der Wahl wird, wie der Techfaschismus seine Gegener*innen kontrolliert. Wer unbequem wird, landet auf „der Liste“ und die Plattformen und Zahlungsanbieter machen den Rest.

Wie neulich hier besprochen arbeitet die Trumpregierung bereits an einer inländischen Implementierung zum „War against Antifa“. Wobei die Schwammigkeit des Targets dieser Form der Unterdrückung durchaus entgegenkommt. Millionen zerstörter Einzelschicksale, weil „Antifa“. Gleichzeitig kann man mit solchen Listen prima am Gesetz vorbei unterdrücken: Die Plattformen setzen nur ihr Hausrecht durch und wer will schon „Terroristen“ unterstützen?

Die kommende Purge-Koalition wird nur ein Teil des Problems sein und wenn sich all diese Plattformen koordinieren, knallt der Thanos-Effekt an die Decke. Unsere Abhängigkeiten von der amerikanischen Tech-Oligarchie sind eine tickende Zeitbombe.


Jason Pargin hat ein kurzes Erklärvideo über die psychologische Ökonomie des Kulturkampfes.

Wenn wir die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten auf die Konsumwelt anlegen, dann sehen wir, dass die zusätzlichen Kaffee-Pfadgelegenheiten zwar nichts an der Verfügbarkeit der materiellen Pfadgelegenheit „Coffee, Black“ ändert, wohl aber an ihrem Wert, denn die Macht-Wert-Formel teilt immer durch die Pfadalternativen.

Und das gilt für die semantische Ebene erst recht: Der Orientierungspunkt „Kaffee“ wird ambivalent, verzweigt sich, verliert damit einen Gutteil seines Werts als Erwartungs-Koordinationsanker.

Jede Pfadalternative ist semantisch dem Spiel der Differenzen ausgeliefert: Neue Kaffee-Pfadgelegenheiten sind auch Pfadgelegenheiten zur Distinktion und das wird von den semantisch Zurückgelassen gespürt und machmal als Pfadgelegenheit genutzt, in dem geänderten Verhalten um sich herum eine Form der Herabsetzung ihrer Art zu leben zu lesen. Der semantische Ausdruck dieser Herabsetzung ist die Degradierung ihres Kaffees von „universeller, voll oker Kaffee, den halt alle trinken“ zur „Basic-Variante“.


Im Zuge der Veröffentlichung interner Untersuchungen am MIT kamen ein Haufen E-Mails zwischen dem deutschen KI-Forscher Joscha Bach und Jeffrey Epstein zu Tage. Bach und seine Theorien waren bereits mehrfach Thema hier, das erste Mal 2016, aber auch in Krasse Links No 31. Aus dem Boston Globe:

“In the US, black children outperform white children in motor development, even in very poor and socially disadvantaged households, but they lag behind (and never catch up) in cognitive development even after controlling for family income,” he wrote. […]

In another email, sent to Epstein about two weeks later in 2016, Bach claimed that women “tend to find abstract systems, conflicts and mechanisms intrinsically boring” and attributed gender disparities in scientific involvement to this.

“Most women in computer science do not write programs because they enjoy solving puzzles, but because they want to help people, get approval etc,” he wrote. “There are almost no women in math, because it does not help people or yield social attention.”

He also drew further generalizations about the differences between racial groups and mused about fascism, describing it as “probably the most efficient and rationally stringent way of governance,” but adding that it “makes romantic doo-gooders like me very uncomfortable.”

Aber auch der größere Kontext ist interessant:

According to the MIT report on Epstein’s interactions with the institute, Epstein introduced Bach to Ito, the Media Lab leader, in 2013. Bach was hired by the lab “in large part because Epstein subsidized the cost,” the report said. Epstein made donations in November 2013, July 2014, and September 2014 totaling $300,000 to support Bach’s research, according to the report.

Epstein also introduced Bach to Martin Nowak, a professor of mathematics and biology at Harvard University, according to the school’s report into its connections to Epstein. (Like MIT, Harvard commissioned a review into the university’s connections to Epstein and released the findings in 2020.)
Nowak, who led Harvard’s Program for Evolutionary Dynamics, which was funded by a multimillion-dollar gift from Epstein, was sanctioned by Harvard in 2021. He was barred from leading new research projects and taking on advisees for two years, and the program was shut down.

Nowak gave Bach access to the program’s offices from 2014 to 2019, and the program listed Bach as a research scientist on its website, according to the Harvard report. The report said Harvard did not pay Bach or provide funds to support his research. After leaving MIT in 2016, Bach continued to intermittently use the program’s office space, including to meet with Epstein, according to the report.

Was weniger Gegenstand der allgemeinen Diskussion um Epstein ist, aber zur Wahrheit unbedingt dazugehört, ist die Tatsache, dass er eine einflussreiche Figur in der Wissenschaftspolitik der USA war. Epstein war sehr engagiert, Teil eines intellektuellen Zirkels zu werden, der sich um den Literaturagenten John Brockman versammelt hatte und den dieser mal in seinem gleichnamigen Buch als „Third Culture“ bezeichnete. Da versammelte sich ein neuer Typ des Intellektuellen, der nicht mehr diesen papierverstaubten kulturwissenschaftlichen Background hat, sondern aus der „echten Wissenschaft“ kommt und die Aura des „Innovators“ trägt: Richard Dawkins, Daniel Dennet, Marvin Minsky, Roger Penrose und Steven Pinker und so weiter. Also das, wovon Jordan Peterson und das „intellektual Dark Web“ die pfadanhängigen Ausläufer in unsere Zeit sind.

Brockman und seine neuen Intellektuellen etablierten aber auch die Erlangung der Deutungshoheit der „Hard Science“ über eigentlich traditionell kultur- und geisteswissenschaftlichen Fragen, unter anderem: Was ist Erkennen, was ist Denken, was ist Bedeutung, was ist Sprache? Diese Fragen wurden jetzt zunehmend von „Cognitive Scientists“, also Psycholog*innen, Neurowissenschaftler*innen und im weitesten Sinne auch KI-Forscher*innen beantwortet.

In seinem Buch „Language Machines“ macht Leif Weatherby den Showdown dieses Paradigmenwechsels an der Popularisierung von Noam Chomskys Konzept der „Generativen Grammatik“ fest. Ich tue ihm sicherlich unrecht, aber verkürzt sagt Chomsky, dass wir eine Art evolutionären Sprachprozessor im Hirn hätten, der zwischen Gedanken und gelernter Sprache übersetzt. Dabei ist das Language-Modul nur ein Modul unter vielen und wird eigentlich nur zur Kommunikation verwendet. Wichtig ist: Denken und Sprechen sind zwei voneinander unabhängige Vorgänge.

Es war aber Steven Pinker, der in seinem Bestseller von 1994 „The Language Instinct“ die Ideen Chomskys in einer abgespeckten Form popularisierte und damit den „Cognitive Turn“ (mein Wort) einleitete, der bis heute das Wissenschaftsfeld und die gesamte Debatte prägt. Weatherby führt den Sieg der Kognitivisten letztlich darauf zurück, dass niemand aus dem kulturwissenschaftlichen Lager wirklich auf Pinkers evolutionspsychologische Thesen antworten wollte.

Ende der 1990er Jahre kommt dann nach und nach Jeffrey Epstein ins Bild. Er war fasziniert von den großen Ideen um Bewusstsein, Sprache, Evolution und Intelligenz und natürlich: Künstlicher Intelligenz. Auch er wird wie Brockman ein Broker in diesem neuen wissenschaftlichen Paradigma, aber statt mit Buchverträgen und Ruhm, stattet Epstein diese Szene mit Geld und Kontakten zu seinen Milliardärs-Freunden und Politeliten aus. Er veranstaltet Dinner, Partys, Dinnerpartys, Hintergrundrunden und verweißnochwas. Er finanziert quasi im Alleingang Brockmans Edge Foundation, Projekte an der Harvard-Universität und am MIT, den Psychologen Howard Gardner, Martin Nowak und eben Joscha Bach (auf Anraten von Marvin Minsky), er freundet sich mit Noam Chomsky an und hängt mit Steven Pinker, Minsky, Brockman und vielen anderen aus der Klicke rum. Aber vor allem vermittelte er Kontakte von und zu der neuen Intelligenzija, zu Geld, zur Tech-Szene, zur höchsten Politik und naja, zu … Minderjährigen.

Ich will niemandem Dinge unterstellen, die er oder sie nicht getan hat (nachgewiesen ist konkreter sexueller Missbrauch nur bei Marvin Minsky) und Jeffrey Epsteins Einfluss auf die Hegemonialwerdung des kognitiven Paradigmas kam relativ spät und man sollte ihn auch nicht zu hoch hängen, aber die semantischen Pfadabhängigkeiten und ideologischen Übergangswahrscheinlichkeiten sollten uns dennoch zu Denken geben.

Der Kognitivismus als verwissenschaftlichter Individualismus konnte das descartsche Individuum gegen den Angriff der Poststrukturalisten nicht nur verteidigen, sondern ein eigenes Paradigma auf diesem Sieg errichten.

Solange die Sprache nur Übersetzung innerer Geisteszustände ist, bleibt die „Res Cogitans“ intakt, bleibt das Individuum unteilbar, denn nur durch diese Unteilbarkeit, so die Vorstellung, hat der Mensch „Agency“. Chomsky steht in einer „anarchistisch-liberalen Tradition“ und da gehört das Individuum zum pfadabhängigen Erbe und wie anschlussfähig diese Position nach rechts ist, war zu seiner Zeit weniger klar als heute.

Gleichzeitig öffnet sich diese undefiniert gelassene Stelle des Denkens, das nicht Sprache ist, der pfadabhängigen Imagination: Mit dem „Bewusstsein“ und seiner „Intelligenz“ hatte man eine mit der Welt (von der Genetik abgesehen) unkorrelierte „Qualia“, der man jetzt versuchte, mit Brain-Scans, Zwillingsstudien, „Intelligenz-Tests“ und „evolutionärer Psychologie“ auf die Spur zu kommen.

Auch wenn man sich nach wie vor nicht sicher ist, was Intelligenz oder Bewusstsein überhaupt sind, ist man sich sicher, dass es etwas mit Skalierung zu tun hat, eine These, die sich oberflächlich gesehen mit „KI“ zu bewahrheiten scheint. Hinter all dem steht eine Vorstellung von „Intelligenz“ als lineare Qualitäts-Hierarchie der Bewusstseine – von der Amöbe über Albert Einstein bis zum Cognitive Scientist der Third Culture und mit „AGI“ vielleicht demnächst sogar darüber hinaus.

Dabei gilt so grob: Je Intelligenz desto Agency und je Agency desto Individuum.

Damit wird folgendes Narrativ möglich: der Ort in der Gesellschaft, den du (und die Gruppe, zu der du gehörst) einnimmst, reflektiert deine Agency (statt, wie es wirklich ist: andersrum) und deine Agency (und die deiner Gruppe) reflektiert deine Intelligenz.

Wer hat wohl Interesse an so einem Weltbild?

Hm, reiche Menschen?

Rassisten?

Sexisten?

Aber vor allem: reiche, sexistische Rassisten?

Der Kognitivismus ist nicht nur das vorherrschende wissenschaftliche Paradigma, sondern auch Grundlage der neoliberalen Eliten-Vorstellung von der Gesellschaft als „Meritokratie“ und über Bande daher auch, wo der „Scientific Racism“ seinen Most holt. Außerdem ist er der semantische Ort, von dem die KI-Bros ihre naive Vorstellung von Intelligenz beziehen und nicht zuletzt bietet er auch die Erlaubnisstruktur für das neuerliche Milliardärs-Klassenbewusstsein.

Jeffrey Epstein war ein echtes Individuum, ein Superindividuum das andere „Individuen“ wie Dividuen aussehen lässt, wie Joscha bewundernd bemerkte:

“I find your ‘political incorrectness’ very fascinating,” Bach wrote. “In the beginning, I thought it is a form of costly signaling, but now I think you are simply entirely unconstrained in your thoughts.”
He added, “I wonder what kind of person you want to transform into.”


Dieser Video-Explainer über KI dreht sich eigentlich um die Frage, in wie weit Schmerz die wesentliche Zutat ist, die Lernen ermöglicht, kommt dabei aber immer wieder auf die sogenannte „Value Function“ moderner Machine Learning-Systeme zurück.

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Q-Function errechnet also den subjektiven „Wert“ von Pfadgelegenheiten.


Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionsbiologischen Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Um zu verstehen, wo die Semantik sich versteckt, müssen wir Gregory Batesons elegante und treffende Definition von „Information“ nehmen und sie zu einer strukturalistischen Evolutionstheorie erweitern. Die Definition lautet:

Information is a difference, that makes a difference.

Aber welche Difference maked die Difference? Spoiler: Sie verändert Erwartungen.

Das symbolische System der Amöbe unterscheidet ihre Umwelt in Grenze, Gefahr und Lecker, indem sie die projizierten Handlungen „Richtung ändern“, „Run“ und „Absorbieren“ als Heuristik verwendet, als Q-Function, um für jeden sich ihr bietenden Pfad den „Wert“ zu bestimmen, bevor sie sich dafür oder dagegen entscheidet.

Doch um zu funktionieren, müssen die projizierten Handlungen zu wiedererkennenbaren Symbolen werden, die voneinander hinreichend unterscheidbar sind und die bei jedem Kontakt mit der Welt eine Iteration aus Generalisierung und Differenzierung vollziehen. Das heißt, Grenze, Gefahr, Lecker sind bereits notwendig dem Spiel der Zeichen nach Saussure/Derrida ausgesetzt und der Evolutionsdruck richtet sich von nun an auch danach, wie gut dieses Generalisieren und Differenzieren klappt und der Amöbe dabei hilft, ihre Umwelt erfolgreich zu navigieren.

Von diesen Unterscheidungen können wieder weitere Unterscheidungen abgezweigt werden:

Lecker auf die eine oder andere Weise, gefährlich auf die eine oder andere Weise, Ausweichen nach rechts, links, geradeaus? Jede Differenz ist eine Pfadgelegenheit, um weitere Differenzen daran anzuschließen.

Deswegen ist die Pfadgelegenheit selbst bereits „proto-semantisch„: Sobald wir eine Wahl haben, tragen die Pfade, die wir ein- oder ausschlagen „Bedeutung“, insofern, dass wir jeden Pfad mit einer bestimmten Erwartung verbinden.

Noch bevor wir ein Wort sprechen können, sind wir in ein Netzwerk der Erwartungen eingebunden, das uns an uns selbst, aber auch mit der Welt und mit den Menschen um uns herum verbindet.

Strukturalismus evolutionär gesehen, bedeutet also: Erwartungen differenzieren sich aus, indem sie einander als differenzielle Infrastruktur verwenden: Aus Strukturen werden Metastrukturen, werden Metastrukturen, werden Metastrukturen etc. Nach Bateson: A Second Order Information is a difference making difference, that makes a Difference compared to the other the difference making differences, etc.

Erwartungen sind intern vernetzt. Nicht nur orientieren sich unsere Erwartungen an den Erwartungen der Menschen um uns herum, sondern eine Erwartung baut immer auch auf ein Netz pfadabhängiger Erwartungen auf, ob unbewusst oder unbewusst. Ich erwarte, dass die Zeichen, die ich hier schreibe, gespeichert werden, weil ich erwarte, dass WordPress sie abspeichert, was die Erwartung voraussetzt, dass der Server erreichbar ist, was erwartet, dass der Strom funktioniert, usw. Ändert sich ganz unten was in der Kette – etwa mit dem Strom – dann ist das eine mächtige „Information“, denn sie verändert alle davon pfadabhängigen Erwartungen.

Auch mein Hund Cobi unterscheidet Dinge, Menschen, Tiere und nutzt diese Unterscheidungen als Pfadgelegenheit zu unterschiedlichem Verhalten. Ein Baum ist auch für ihn nicht nur dieser eine Baum, sondern er hat eine zur Erwartung geronnene Erfahrung von „Baum“, die er aus all seinen Begegnungen mit „Baum“ generalisiert und differenziert hat. „Baum“ ist bei ihm vor allem mit der Pfadgelegenheit zur Kommunikation assoziiert. Weil er und andere Hunde bevorzugt gegen Bäume pinkeln ist sein ausgiebiges Schnüffeln seine Art der Morgenlektüre der Lokalnachrichten. Seine feine Nase ermöglicht ihm alle möglichen Aspekte des Geruchs zu unterscheiden und feine Differenzen darin wiederum als Pfadgelegenheiten zu nutzen, um sich zu Verhalten, zB. selbst eine Antwort zu hinterlassen.

Natürlich hat Cobi eine ganz andere (Proto-)Semantik von „Baum“ als ich. Die Unterscheidung zwischen Mast und Baum empfände er wahrscheinlich als eine lächerliche Spitzfindigkeit und ich glaube über solche Sachen würden wir uns den ganzen Tag streiten, wenn er meine Sprache spräche. Dann würde ich mich aufspielen, dass meine Unterscheidung viel besser, viel differenzierter sei, als seine Unterscheidung und ich würde mir toll vorkommen, dass wir Menschen mit dem Wort „Baum“ eine viel bessere semantische Infrastruktur zur Verfügung hätten, als seine zusammengewürfelte Privatempirie der Erscheinungen.

Dann würde mich aber Cobi darauf hinweisen, dass „Baum“ biologisch und damit in gewisser weise auch „ontologisch“ eine falsche Bezeichnung ist. Es gibt nicht die Spezies „Baum“, sondern nur einen heterogenen Mix aus unterschiedlichen und größtenteils kaum verwandten Pflanzenarten, die jeweils parallel auf den evolutionären Pfad der „Verholzung“ eingeschwungen sind.

Das habe er sich doch gerade erst angelesen, würde ich ihm entgegenrufen, um den Punkt zu machen, dass nur menschliche Semantik die notwendigen Infrastrukturen bietet, um solche Dinge wie „Spezies“ überhaupt zu unterscheiden!

Ach ja, sagt Cobi? Also er habe diese Unterscheidung schon immer gerochen. „Fichte, Buche, Eiche, Tanne für mich war das schon immer ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Auf Fichte komme zum Beispiel sein Geruch am besten zur Geltung. „Aber ihr Menschen seht nur Holz. Hauptsache brennt gut, was?“ Er ist so ein Klugscheißer!

Here is the Thing: Das, worauf Saussure und die (Post-)Strukturalist*innen gestoßen sind, ist mehr als nur „Sprache“ in dem sehr engen Sinn, wie die Kognitivist*innen sie wegerklären. Sprache, im universell Saussure’schen Sinn, fängt dort an, wo wir Unterscheidungen machen und sie für unterschiedliche Pfadgelegenheiten nutzen. Deswegen irritieren mich die Befunde und Brainscans der Kognitivisten gar nicht: Es gibt keine kognitiven Fähigkeiten, für die die Fähigkeit zu Unterscheiden und diese Unterscheidung als Infrastruktur für weitere Unterscheidungen zu verwenden, nicht eine pfadabhängige Infrastruktur wäre.

Aber wie entsteht das, was wir normaler weise „Semantik“ nennen: also intersubjektive Bedeutung?

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Wenn Pfadgelegenheiten Proto-Semantiken sind, weil sie projizierte Handlungen sind, die erwarteten Pfaden in vorhandenen Infrastrukturen folgen, dann sind semantische Pfadgelegenheiten, projizierte Pfade in den erwarteten Erwartungen meines Gegenübers – also seiner und meinen gemeinsamen wechselseitig erwarteten semantischen Infrastrukturen. Wenn ich unterscheide, was Menschen erwarten, kann ich ihre Erwartung als Pfadgelegenheit nutzen, mich zu ihnen in für sie erwartbarer oder auch unerwartbarer Weise zu verhalten und mich damit unter umständen auszudrücken.

Semantiken sind Pfadgelegenheiten zur Modifikation von Erwartungen, die die erwarteten oder formulierten Unterscheidungen anderer als Infrastruktur nutzen.

Nun ist es aber so, dass ich die Worte, die ich Cobi zurufe nicht erfunden habe. „Sitz“, „Platz“, „Hier“ – das sind geläufige Formen seinen Hund konditionieren und weil ich kein Individuum bin, das sich die Mühe macht, eine Privatsprache für sowas zu erfinden, sondern nur ein Dividuum, das die Sprache der anderen nutzt, wie es sie vorfindet, ist Cobis Verständnis von der Welt stellenweise semantisch verwoben mit dem Netzwerk der menschlichen Erwartungserwartungen. Das macht manchmal auch Probleme, zum Beispiel wenn ich nach Cobi rufe und Menschen drumrum sich umdrehen, weil sie zufällig „Tobi“ heißen.

Im Gegensatz zu Hunden betreiben wir mit den „gesellschaftlichen Semantiken“ ein morphologisches Feld lokal stabilisierter, aber sich dennoch ständig wandelnder Erwartungserwartungen, von dem ich geprägt bin, noch bevor ich meine „eigenen“ Unterscheidungen überhaupt hätte treffen können. Das heißt, die Unterscheidungen, mit denen ich die Welt betrachte, sind durch die Sprache, in der ich denken und sprechen gelernt habe, überformt und vordefiniert. Jede Unterscheidung ist ihr eigenes Paradigma und ich erbe diese Paradigmen, ohne mich wirklich kritisch mit diesem Erbe zu befassen (ist auch nicht so leicht, tbh.)

Aber das heißt, wir sind erstmal geprägt von den Unterscheidungen, die andere vor uns und für uns getroffen haben. Unser Verständnis der Welt ist durch die vorhandenen semantischen Pfadgelegenheiten vorstrukturiert und da kommen wir nur raus, wenn wir alternative semantische Pfade suchen und schaffen.


Dass das Resultat der KI-Anstrengungen der Kognitivisten ausgerechnet in der LLM mündete, die den endgültigen empirischen Beweis für die Richtigkeit des poststrukturalistischen Ansatzes erbracht hat, ist eine Ironie der Geschichte, auf die als erster Ted Underwood hinwies und die auch ich im KI-Paper für die Hans-Böcklerstiftung und dann im Aufsatz „Im Dickicht der Bedeutung“ genauer erklärt habe und die jetzt Leif Weatherby in seinem absolut lesenswerten Buch „Language Machines“ genaustens seziert.

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Das bedeutet aber auch, dass es „AGI“ so, wie es sich die Kognitivisten vorstellen, nicht geben kann. Wenn Intelligenz nicht die Eigenschaft eines Systems, sondern eine Beziehung zwischen System und Umwelt ist, dann gibt es „bessere Intelligenz“ in unserem (post-)strukturalistischen Framework nicht durch „Skalierung von Kognition“, sondern nur durch neue und bessere Unterscheidungen.

Das Platzen der KI-Blase, so meine Hoffnung, wird damit hoffentlich auch das Ende des Kognitivismus einleiten und vielleicht sogar das Königreich des Individuums endgültig kollabieren lassen. Und so notwendig das ist: das wird nicht schön.

Die Pfadgelegenheit

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Pfadgelegenheit. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Keine Angst! Der Begriff der Pfadgelegenheit ist genau das, was du dir intuitiv darunter vorstellst. Du stehst an einem Punkt eines Weges und von diesem Weg gehen mehrere andere Wege ab. Pfadgelegenheiten. Wo werden sie dich hinführen, wirst du fragen? Zu anderen Pfaden, zu anderen Pfaden.

Die Eingebung hatte ich, als ich mal zusammen mit meiner Freundin den Weidetorkreisel in Hannover zu Fuß überqueren wollte (blöde Idee). Das ist ein Autokreisel mit zwei bis drei Spuren und eine davon mündet in einer Autobahnauffahrt. Fußgängerampeln gibt es da nicht, also warteten wir mehrmals am Straßenrand auf autofreie Gelegenheiten, um die jeweils aktuell vor uns liegende mehrspurige Straße zu überqueren und in all diesem Chaos erkannte ich mein Leben wieder. Einbegriffen in Infrastrukturen, die wir kaum kontrollieren können, lauern wir auf die jeweils nächste Pfadgelegenheit, um Zug um Zug weiterzukommen.

Und plötzlich sind sie überall.

Ob wir vor dem Herd stehen und etwas kochen wollen, ob wir am Computer mit Programmen arbeiten, ob wir durch eine Stadt navigieren oder ein Haus bauen: Überall wird unser Leben ermöglicht, reguliert und verhindert durch Pfadgelegenheiten.

In einer ersten Annäherung könnte man vielleicht sagen, dass Pfadgelegenheiten nützliche Konstellationen im Zusammenspiel der uns zur Verfügung stehenden Infrastrukturen sind.

Ich habe das Wort ganz beiläufig bei meiner Abkehr vom Individualismus erfunden und hatte es kaum beachtet, weil es so unscheinbar ist.

Und das ist auch schon alles, was du über die Pfadgelegenheit wissen musst: Es ist einfach eine schöne Metapher, der Rest muss dich nicht weiter interessieren. Ab jetzt kommen nur noch langweilige theoretische Überlegungen, kompliziert und verwirrend und diese pinke Pille da ist eh nicht für dich und macht dich „woke“ und so.

Der Ausgangspunkt: das Individuum

Ok, ok, du willst es nicht anders. Dann mach dir einen Kaffee oder Tee, das kann ne Weile dauern.

Kaum hatte ich die „Pfadgelegenheit“ zum Nachdenken eingesetzt, puzzelte sich alles plötzlich ganz schnell zusammen: Die Pfadgelegenheit ist der Missing Link zwischen Mensch und Netzwerk.

Versucht es mal: Man kann das Netzwerk nicht mit dem Subjektentwurf des Individuums zusammenbringen, jedenfalls nicht sinnvoll. Ganz grob geht die Erzählung doch so: Du bist ein Geist/eine Intelligenz in einem Körper und der Körper ist in einer Welt und in der Welt gibt es Objekte. Das Individuum hat „Agency“ oder „Freiheit“ in dieser Welt, insofern es fähig ist, sich in der Welt frei zu bewegen und das schließt die Fähigkeit ein, Objekte durch seinen Willen zu kontrollieren. Das ist der heroische Subjektentwurf, von dem wir runterkommen müssen, wenn wir ein vernetzes Subjekt denken wollen.

Ich hatte in Krasse Links No 42 ein Paper von analytischen Philosoph*innen besprochen, die versucht haben, dieses Modell von Agency einmal genau zu definieren und dabei heillos scheiterten.

Sie definieren Agency als „an input-output system’s capacity to steer outcomes toward a goal“ und destillieren daraus vier Kriterien: ein Agent hat Agency, wenn „it has (1) a boundary, (2) is the source of its own actions, (3) has a goal, and (4) adaptively selects outputs based on inputs„.

Es macht Spaß zu lesen, wie sie durch jeden dieser Punkte steppen und daran scheitern, diese Fragen „objektiv“ zu beantworten, aber zur Anschauung hier der Abschnitt über die Zuordbarkeit von Handlungen:

For instance, a wall being knocked over by a wrecking ball could be understood as taking the action of being knocked over. However, the source of this action (and the corresponding potential energy) did not ultimately originate in the wall, but rather in the wrecking ball and its operator.

Und was ist mit dem Chef des Operators, der ihm den Befehl gab, die Mauer abreißen? Was ist mit der Kapitalist*in, gemäß deren Plänen die Wand abgerissen wird? Etc.

Kenton et al. (2023) recently develop a causal account that determines which entities in a causal model might be said to satisfy roughly this property. The difficulty, as Kenton et al. note, is that reaching a conclusion about the source of action in a causal model rests entirely on the choice of causal variables. In this way, identifying whether a given subsystem originates its own action depends on an independent, unrelated choice: the causal variables. Kenton et al. state directly: ”Note [discovering an agent in a causal model] is relative to a frame – a choice of variables that appear in our causal model” (p. 2, Kenton et al., 2023).

Je genauer man hinschaut, sind Grenzen immer nur behauptet, ist der Beweger immer schon bewegt, das Ziel niemals komplett das Eigene und Adaption immer wechselseitig. Dieses Paper ist eine anschauliche Dekonstruktion der Ideologie des Individuums, aber ohne zu merken. […]

Es scheint fast so, als wäre der Agent nie der Agent, sondern immer nur der „Agent plus Welt“ und als residiere die Agency nicht im Agenten, sondern … in seinen Beziehungen zur Welt? Doch das ist halt im „Reference Frame“ des Individuums schlicht nicht darstellbar.

Dass wir über Netzwerkgraphen von Personen oder Institutionen, also Objekten, nicht hinausgekommen sind, hat einen einfachen Grund: All unsere Begriffe, Konzepte, Kategorien und Selbstentwürfe widersprechen der Vorstellung der Eingebundenheit. Und das wiederum liegt daran, dass sie zu einem Großteil auf dem Subjektentwurf des Individuums basieren und daran scheiterten auch die analytischen Philosophen. Sie kamen selbst nicht aus dem Subjektentwurf raus, obwohl seine Inkonsistenz ihnen vor Augen lag, denn dafür hätten sie erst ihr eigenes Modell von sich selbst in frage stellen müssen. Und sowas tut man ja in der analytischen Philosophie bekanntlich nicht.

Here is the thing: Das Individuum ist nicht nur abzulehnen, weil es inhärente faschistische Tendenzen hat und nicht nur weil es nicht netzwerkfähig ist, sondern auch, weil es, sorry, einfach Bullshit ist. Das Individuum ist eine männlich-hegemoniale Machtphantasie und als Modell unserer Subjektivität inkonsistent und extrem verzerrend.

Trotzdem ist das Individuum zumindest in unseren Kreisen ziemlich Hegemonial und das ist ein Problem, denn das heißt: wir alle haben von klein auf gelernt, uns als Individuen zu erzählen, weswegen uns das Netzwerkdenken erstmal fremd und ungewohnt vorkommt. Aber ich habe festgestellt, dass es, wenn man es ein bisschen einübt, auch sehr intuitiv ist und im Gegensatz zum Individuum/Agenten auch erstaunlich konsistent und wenn man es länger anwendet, dann merkt man bald, dass das Individuum eigentlich ein Bug im Betriebsystem unseres Denkens ist, der die Sicht auf die Gesellschaft verhindert.

Mit unseren bisherigen Netzwerkdenken haben wir schon vieles zu beschreiben gelernt: Personennetzwerke oder „Kommunikationsnetzwerke“, Infrastrukturnetzwerke, biologische Netzwerke. Aber das eigentliche Potential des Netzwerkdenken liegt in der Beschreibung der überpersonalen Netzwerke, in die wir eingebunden sind. Die „Strukturen“. Wir haben nie wirklich gelernt, uns selbst im Verhältnis zur Gesellschaft zu erzählen und damit auch zu sehen.

Aber um dahin zu kommen, müssen wir erst das Individuum überwinden. Das machen wir zum einen durch die Schaffung der semantischen Pfadalternative „Dividuum“ (Ausführlicher Explainer). Kurzversion: Das Dividuum ist ein Netzwerkknoten ohne Agency, vollkommen definiert durch seine Milliarden Verbindungen.

Dieser Text ist quasi der zweite Schritt: die Pfadgelegenheit zu denken. Die Pfadgelegenheit ist der wichtigste Begriff von allen. Erst mit der Pfadgelegenheit können wir den Subjektentwurf des Indviduums vollständig ersetzen und das tun wir, indem wir die „Agency“ des Dividuums und damit auch seine gesellschaftlich aggregierte Handlungslogik in die Kanten des Netzwerks verlegen.

Jetzt noch mal richtig. Was ist eine Pfadgelegenheit?

Im Gegensatz zum Individuum, das sich selbst als handelnden „Agent“ begreift, hat das Dividuum seine Agency an die „Pfadgelegenheit“ ausgelagert. Die Pfadgelegenheit ist quasi ein dezentrierter Subjektentwurf: Statt ein Agenten-Modell haben wir ein Dividuums-Welt-Interaktions-Modell.

Das Wort „Pfadgelegenheit“ ist einerseits einfach, intuitiv und alltagspraktisch, aber andererseits auch theoretisch anspruchsvoll und komplex und fungiert deswegen wie ein „semantischer Hack“: Egal, wie tief man einsteigt, die intuitive Handlichkeit bleibt erhalten.

Die kompakteste Überblicks-Zusammenfassung, was eine Pfadgelegenheit ist und umfasst, findet sich in Krasse Links 68.

der begriff der „pfadgelegenheit“ ist der versuch, das amalgam aus handlung und den dafür notwendigen infrastrukturen in einen netzwerkfähigen begriff zu verpacken und so menschliche handlungen wieder an die gesellschaftlichen strukturen rückzukoppeln.

die grundannahme: du kannst nur handeln, wenn es einen weg dazu gibt. wir gehen nicht „unseren“ pfad, wir entscheiden uns zwischen materiell gegebenen pfaden.

„pfadgelegenheit“ ist so ein einfaches, unscheinbares wort, aber auch so extrem nützlich. hier ein paar beispiele:

wir haben damit eine pfadgelegenheit für eine infrastrukturbewusstere semantik:

eine pfadsetzung ist eine pfadentscheidung aus einer gegebenen menge aus pfadgelegenheiten, die rückblickend zur pfadabhängigkeit wird.

zum netzwerk werden pfadgelegenheiten, wenn man versteht, dass der ganze sinn von pfadgelegehheiten ist, neue pfadgelegenheiten zu ermöglichen.
bonusnutzen: das denken in pfadgelegenheiten entfaltet implizit und ganz automatisch eine räumliche und historische struktur, die sich durch pfad-abhängigkeiten beschreiben lässt und damit implizit auch macht abbildet. das funktioniert sowohl für materielle wie für semantische infrastrukturen.

beispiel: die einfach scheinende handlung: „nudeln kochen“ können wir mithilfe der „pfadgelegenheiten/pfadabhängigkeiten“-semantik in ein beliebig feingranulares netzwerk aus logistikunternehmen, wasserrohren, stromkabeln, historischen ereignissen, kraftwerken, weizenfeldern und arbeitsbedingungen in anderen ländern auffalten.

semantische pfadgelegenheiten:

jedes wort, jeder satz, jeder gedanke ist pfadgelegenheit für weitere semantische pfadgelegenheiten.

jedes wissen bereitet pfadgelegenheiten für neues wissen. aber auch semantische pfadgelegenheiten haben materielle pfadabhängigkeiten. bücher im elternhaus, medienkonsum, schulalltag, der vermittelte „wert von bildung“ etc.

auch: verschwörungstheorien bieten pfadgelegeheiten in andere verschwörungstheorien, „rabbitholes“ bestehen aus semantischen pfadgelegenheiten.

das netz aus semantischen pfadabhängigkeiten in das wir reingeboren wurden, ist die matrix in der wir leben. wir haben nicht genug abstand dazu, sie zu hinterfragen. jedenfalls nicht „individuell“. auch hier sind wir auf pfadgelegenheiten angwiesen, auf andere kritische beobachter*innen und ihren alternativen semantischen pfadgelegenheiten zur erklärung der welt.

aus all dem ergibt sich die endgültige dekonstruktion des „individuums“. es gibt kein ungeteiltes res cogitans, alles ist res extensa. das dividuum ist der schnittpunkt aus milliarden netzwerken. es lebt nicht nur in seiner infrastruktur, das dividuum _ist_ seine infrastruktur.

ich nenne das „relationaler materialismus“. es ist im grunde eine fusion aus sience & technology studies und graphentheorie, inspiriert von spinoza, deleuze und donna haraway.

Die „Pfadgelegenheit“ ist ein semantischer Superkleber. Sie verklebt das Subjekt mit seiner Welt, Agency mit Infrastruktur, Handlung mit Gesellschaft, Technologie mit Politik, Gelegenheit mit Abhängigkeit, Freiheit mit Widerstand, Evolutionstheorie mit Zeichentheorie, Poststrukturalismus mit Graphentheorie, Wirtschaft mit Macht, das Materielle mit dem Semantischen, das Hier mit dem Jetzt und markiert damit die atmende Grenze zwischen materieller Realität und dem Virtuellen und sogar dem Imaginären.

Eine Pfadgelegenheit ist immer materiell, aber sie ist immer auch semantisch, denn unsere Perspektive ist niemals „individuell“, sondern immer dividuell. Weil wir keine Individuen sind, die „aus dem Kopf“ oder „aus dem Bauch“ heraus entscheiden, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie Pfadgelegenheiten wahrnehmen, folgen wir einander auf mehr oder minder etablierten und mehr oder minder populären Nutzen- und Bedeutungspfaden durchs Leben und erzählen uns die Richtigkeit unserer Pfadentscheidungen entlang der Rechtfertigungserzählungen, die wir dabei so aufgeschnappt haben.

Auch praktisch: Der Begriff ist skalenfrei: Die Pfadgelegenheit ist genauso das Jobangebot, der nächste Zug beim Schach, die Investition, die Beziehungsofferte, die Gelegenheit, ein anderes Land anzugreifen, der Link, oder die vor uns liegende Autobahnausfahrt.

Pfadgelegenheiten sind rekursiv/fraktal. Pfadgelegenheiten bestehen aus Pfadgelegenheiten, denn damit etwas funktioniert, muss immer erst etwas anderes funktionieren, etc. Und wenn das dann funktioniert, bauen andere Pfade darauf auf, etc. … Ich könnte den ganzen Tag über die Vorzüge dieses Begriffs schwärmen.

Hier eine vorläufige Definition:

Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.

  • Perspektive: Das heißt der spezifische materielle Kontext: Klar, die Relevanz und Plausibilität von Pfadgelegenheiten verändert sich durch die dir zugängliche materielle Infrastruktur. Aber auch der spezifische semantische Kontext macht die Perspektive aus: je nach deinem spezifischen Wissen, deiner spezifischen kulturellen Prägung und deinen spezifischen Plänen, siehst du unterschiedliche Pfadgelegenheiten in derselben Welt.
  • projizierte Handlung: Also eine Handlung, die sowohl materiell möglich, als auch semantisch plausibel sein muss, aber materiell noch nicht aktualisiert ist.
  • Infrastruktur: Alles, was funktionieren muss, um die projizierte Handlung möglich zu machen und alles was funktionieren muss, damit wiederum das funktioniert, etc.

Das klingt erstmal nicht so kompliziert, aber denkt man die Interdependenzen mit, wirds vertrackt. Mal sehen: Die projizierte Handlung ist von der Perspektive abhängig, die Perspektive ist von der verfügbaren Infrastruktur abhängig, die verfügbare Infrastruktur ist von der Perspektive abhängig, die ja selbst aus projizierten Handlungen besteht, die wiederum von der Infrastruktur abhängen.

Die dividuelle Weltinteraktion als materielle Turing-Maschine

Aber hier ist der Trick: die ständige neu erzeugte Spannung zwischen den interdependenten Vektoren Perspektive, projizierte Handlung und Infrastruktur, treibt die Maschine voran.

Hier wie es doch eigentlich läuft: Die vorhandenen Infrastrukturen machen aus einer bestimmten Perspektive die projizierte Handlung einer Pfadgelegenheit plausibel, die, sobald sie genommen wurde, Teil der pfadabhängigen Infrastruktur wird, was wiederum die Perspektive um eine Pfadgelegenheit weiterschiebt, damit sie die nächste Pfadgelegenheit anvisieren kann.

Stellen wir uns vor, es ist Sommer und ihr wollt einen Sommerausflug nach München machen, denn Sommerausflüge nach München sind schön. Dafür muss man aber unterschiedliche pfadabhängige Pfadgelegegenheiten wahrnehmen, etwa „Ticket kaufen“.

Wir können uns das so vorstellen: Die Pfadgelegenheit „Ausflug nach München“ rückt die Pfadgelegenheit „Zugfahren“ in unsere Perspektive, die wiederum die Perspektive auf „Tickets Buchen“ verschiebt. Ist die bis dahin projizierte Handlung: „Tickets Buchen“ vollzogen, wandern die Tickets in die Infrastruktur und bereiten damit die Pfadgelegenheit des nächsten Schritts vor. Die Veränderung der Infrastruktur wiederum verschiebt die Perspektive, nämlich unter anderem, um eine Pfadgelegenheit weiter. Zu, z.B. Termin in den Kalender eintragen, Hotel buchen, oder zum Bahnhof kommen und dann geht der Spaß geht von vorn los. Und so kommt man Zug um Zug zum Zug und schließlich nach München.

P (Perspektive)
I (Infrastruktur)
δ (Handlung)

δ : (Pt, It​) → (Pt+1​, It+1​)

Pt: „Tickets Buchen“ (aktueller Fokus)
It: Bahnwebsite, BahnInfrastruktur, Kreditkarte, Erwartungen

δ: Ausführung der Buchung

Pt+1: „zum Bahnhof kommen“, neues Perspektivfeld.
It+1: Bisherige Infrastruktur + Tickets

Die dividuelle Weltinteraktion ist eine materielle Turing-Maschine, die die Welt entlang der Übergangswahrscheinlichkeiten δ und über die Herstellung und Nutzung von Pfadgelegenheiten Schritt für Schritt in pfadangängige Infrastruktur verwandelt. Ein wohl reguliertes Dividuum gewegt sich wie „Beppo der Straßenkehrer“ durch seine Welt. Ein Besenstrich nach dem anderen und irgendwann ist die Straße sauber.

Aber weil wir uns im Gegensatz zu Beppo als „Individuen“ erzählen, die eine von ihrer Infrastruktur unabhängige Agency haben, verhalten wir uns eher wie Markow-Bots, die bei jedem ihre Schritte ihre Pfadabhängigkeiten vergessen und dennoch ihre Wahrscheinlichkeiten reproduzieren. Das Dividuum und seine Pfadgelegenheiten zu denken, bedeutet auch, mentale Verantwortung für die eigenen Infrastrukturen zu übernehmen.

Der erwartete Wert des Pfades

Das Problem der „antizipierten Handlung“ δ wurde in der Entwicklungsgeschichte des Maschine Learnings mit dem Konzept der „Q-Function“ gelöst und wie entstand erzähle ich in Krasse Links No 74.

Dieser Video-Explainer über KI dreht sich eigentlich um die Frage, in wie weit Schmerz die wesentliche Zutat ist, die Lernen ermöglicht, kommt dabei aber immer wieder auf die sogenannte „Value Function“ moderner Machine Learning-Systeme zurück.

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Q-Function errechnet also den subjektiven „Wert“ von Pfadgelegenheiten.

Was ist Freiheit?

In unserem Dividuums-Welt-Interaktions-Modell ergibt sich daraus ein anderes, aber gut formalisierbares Modell von Freiheit, bzw. Agency, das ich aus Anlass eines Interviews mit Joscha Bach in Krasse Links No 31 einmal so ausgemappt habe:

Das, was Joscha Agency nennt und sie der Intelligenz des „Agents“ zuschreibt, nennt die Cyborg Freiheit. Konkreter: horizontale Freiheit, bzw. Positive Freiheit. Man könnte sie auch relational-materielle Agency nennen.

Unsere Freiheit ist der Ausschnitt, der uns zugänglichen Pfade im Netzwerk der Pfadgelegenheiten.

Unsere Freiheit ist diskret, also abzählbar. Sie existiert nur in konkreten, materiellen Pfadgelegenheiten, die uns zu einem Zeitpunkt x zur Verfügung stehen: der Wasserhahn, das Stück Straße zum Weg auf die Arbeit, das Stellenangebot in der Zeitung, das Essen im Restaurant, das Wort auf der Zunge. Die Pfade, auf die die Pfadgelgenheiten führen sind ungewiss, aber das heißt nicht, dass wir ziel- und planlos sind.

Ziele sind Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erzählungen. Wir sind immer auf Mission als Maincharakter in den vielen Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen und die steuern alle auf ein Happyend?

Pläne sind imaginierte Pfade im Netz der Pfadgelegenheiten auf dem Weg zum Happyend. Mal mehr mal weniger konkret, mal mehr oder weniger realistisch, etc. Damit ein Plan glückt, müssen Pfadgelegenheiten teils hart erarbeitet werden und manche Pfadgelegenheiten kann man nur erhoffen. Wenn die Ungewissheit zu groß wird, muss man Pläne auch beerdigen und das ist immer schmerzhaft.

Das Netz der Pfadgelegenheiten hat ebenfalls Netzwerkzentralitäten und die nennen wir „Liquidität“. Geld ist nicht der einzige, aber netzwerkzentralste Hub in diesem Netzwerk, zumindest im Kapitalismus.

Damit können wir schon mal drei Freiheiten ausmappen:

Die nominelle Freiheit ist die Anzahl, Vielfalt und Qualität der Pfadgelegenheiten, die von einem Dividuum zum Zeitpunkt X ausgehen und deren Länge durch das Geld als Radius begrenzt wird. Die nominelle Freiheit ist also der Ausschnitt im Netz der Pfadgelegenheiten, der für das Dividuum zum Zeitpunkt X zugänglich ist. Es ist nur eine theoretische Freiheit, weil sich niemand die Arbeit machen würde, diese Pfade auszukartographieren.

Die plausible Freiheit ist das viel kleinere Subset dieser Pfade, die dem Dividuum tatsächlich als „plausibel“ im Bewusstsein schwirren. Sie wird somit einerseits durch die nominelle Freiheit begrenzt, aber auch durch die dem Dividuum zugänglichen Erzählungen. Diese plausiblen Pfade sind natürlich imaginiert und auch hier gilt: sie sind nicht rigoros ausgemappt und schon gar nicht vollständig und oft auch gar nicht wirklich plausibel, wenn man genau hinsieht, aber sie bilden das Freiheits-Hintergrundrauschen, vor dessen Kulisse jede Pfadentscheidung getroffen wird. Sie ist der Raum, in dem wir planen und entscheiden. D.h. jede Pfadentscheidung ist immer eine Entscheidung gegen andere plausible Pfade in diesem Raum.

Die geplante Freiheit ist die Freiheit, die wir im Alltag spüren. Hier ist die Schmerzempfindlichkeit am größten. Geplante Freiheit ist die Leichtigkeit (oder nicht), mit der wir unseren Plänen nachgehen. Nichts vermittelt so sehr das Gefühl von Unfreiheit, als wenn Barrieren unsere Pläne verhageln.
Horizontale Macht (auch hegemoniale Infrastrukturmacht) begrenzt unsere nominelle und damit die horizontale Freiheit. Als Pfadopportunist*innen nehmen wir diese Form der Macht nicht als Gewalt wahr, weil die vorenthaltene Agency nie erwartet wurde. Wir fügen uns.

Vertikale Freiheit (auch negative Freiheit) ist geplante Freiheit. Vertikale Macht (auch souveräne Infrastrukturmacht), also Gewalt, kann sich jederzeit zur Netzwerkzentralität in den Pfadabhängigkeiten Deiner Pläne machen und macht Dich somit extrem abhängig. Freiheit von dieser Form der Abhängigkeit ist die Freiheit, planen zu können.

Und dann gibt es noch die semantische Macht (auch hegemoniale Semantikmacht), die die plausible Freiheit … zumindest mitgestaltet. Wer erzählt die Geschichten, die umherschwirren, an denen auch wir unsere Lebenspfade, also Pläne orientieren?

Was auch spannend wäre: „Chancengleichheit“ aus Cyborgsicht einmal auszubuchstabieren.

Evolutionsbiologische Herleitung der Pfadgelegenheit

In Krasse Links No 74 spekuliere ich anhand eines Vortrags von Nicholas Humphrey über die Geburt und Evolution der Pfadgelegenheit und kann dadurch auch einige Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit genauer herausarbeiten.

Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionären Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Leverage

[…]

Der Pfad

Im Moment der Aktualisierung, d.h. im Übergang von der „projizierten Handlung“ zur „Handlung“, passiert die eigentliche Magie: Die gleichzeitige Transition des Dividuums und der Welt in einen jeweils anderen Zustand. Das heißt, alles verändert sich: unsere Infrastruktur und unsere Perspektive auf die Welt. Denn die Pfadentscheidung eröffnet neue Pfadgelegenheiten und gleichzeitig schließt sie andere, die vorher plausibel schienen. Das meint nicht, dass Entscheidungen generell irreversibel sind, aber selbst wenn wir eine Entscheidung bereuen und versuchen auf den alten Stand zu kommen: Unsere Perspektive und unsere Infrastruktur wird nicht mehr dieselbe sein. Unser Pfad hat sich verändert.

Ich merke im Alltag, dass es hilfreich ist, mich und meine Mitmenschen als Pfadwesen zu begreifen. Wir alle kommen irgendwo her und wir alle wollen oder müssen irgendwo hin. Unser Sein ist die uns zugängliche Infrastruktur, die uns bekannten Pfade darin und die aggregierten Pfadentscheidungen, die uns hier hingebracht haben und vor uns sehen wir immer nur die Pfadgelegenheiten, die sich daraus ergeben. Deswegen ist die Subjekterfahrung des Dividuums ein Navigieren: Eine Pfadentscheidung nach der anderen und wenn du dabei jemandem begegnest, weißt du nie, auf welchem Pfad er oder sie ist.

Das Leben als Pfadwesen, via

Auch interessant, darüber nachzudenken: Mit jeder Pfadentscheidung produzieren wir Geschichte als Netz von Pfadabhängigkeiten. Materiell infrastrukturelle Pfadabhängigkeiten genauso wie semantische Pfadabhängigkeiten. Unsere Gebäude und Gedankengebäude, unsere Schulen und Ideologien, unsere Straßen und Argumente und unsere Arten auf die Welt zu schauen, existieren nicht unabhängig von einander, sondern sind sozial konstruiert und historisch gewachsen, bauen aufeinander auf, nutzten einander als Infrastruktur.

Kein Argument existiert ohne explizite – aber allzu sehr oft auch einfach unausgesprochene – Pfadabhängigkeiten. Eine gut abgehangene philosophische Technik, um neue, interessante Pfade im makro-semantischen Raum zu finden, ist netzwerkzentrale Pfadabhängigkeiten herauszuarbeiten und sie in Frage zu stellen. Und optional kann man dann im zweiten Schritt alternative plausible Pfade um die betreffende Pfadabhängigkeit herumzubauen und dann mal sehen, wo man damit landet?

Aber hier ist das Problem: Im Moment der Pfadentscheidung ist es unmöglich vorherzusehen, wohin einen eine Pfadgelegenheit bringt und oft wird alles ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Deswegen machen wir Pläne und starten „Projekte“, aber weil nie etwas nach Plan verläuft, leben wir in den Ruinen unserer Pläne, aber vor allem in den Ruinen der Pläne anderer.

Diese Ruinen sind nicht nichts, auch sie bieten immer neue Pfadgelegenheiten und stabilisieren Erwartungen was bedeutet, dass die Erwartungen pfadabhängig vom aktuellen System werden und was Revolution immanent schwierig macht. Die Menschen haben was zu verlieren. Um zu rebellieren, muss das Dividuum nicht nur imaginieren, welche Pfadgelegenheiten eine bessere Welt wohl bringen wird, sondern auch den Schmerz des Verlusts der eigenen Infrastruktur riskieren. Und so klein und bescheiden sie auch sein mag: that’s a lot to ask.

Und deswegen ist unsere Standardeinstellung „Komplize des Systems“, einfach aus der Anerkenntnis dieser Abhängigkeiten. Das ist ein großes Problem, weil unsere Infrastrukturen in der Welt großes Leid anzetteln. Spätfolgen des dritten Reichs und des zweiten Weltkriegs, Spätfolgen des Kolonialismus, Bodenschätze, die wir nachwievor ausrauben, die Klimakatastrophe, die wir zu einem nicht geringen Teil mitverursacht haben und weiter verursachen, unsere Unterstützung von korrupten Regimen, weil es gerade opportun ist und nicht zuletzt unsere Unterstützung für Genozide, für die wir Waffen, Geld, politische Rückendeckung und Unterdrückung von Protest organisieren und vieles mehr.

Noch bevor wir eine Entscheidung getroffen haben, sind wir Komplizen. Wenn wir unsere Infrastrukturen sind, dann sind wir auch für sie verantwortlich. Und aus dieser Verantwortung heraus ergibt sich für das Dividuum fast wieder so etwas wie eine nationalestaatsbezogene Subjektivierung – als Verantwortlichkeit. Eine Unmöglichkeit der Selbstherausnahme aus dem aktuellen Geschehen. Das ist ziemlich das, was ich spüre, wenn ich Deutschland in der Welt agieren sehe. Ich fühle mich als pfadabhängiger „Profiteur“ dieser Infrastruktur, die wir „Deutschland“ nennen ein Stück weit verantwortlich und deswegen schmerzt mich deutsche und auch westliche Politik gerade bis ins Mark.

Die menschliche Q Function

Ich schlage folgende „Outline“ für eine menschlichen Q-Function vor:

  1. zuerst die generelle „Viabilität des Pfades“: ist der Pfad überhaupt beleibar und kann damit plausibel sein?
  2. Bei neuen am wichtigsten Pfaden: wie „fühlt“ sich dieser Pfad an? Pfadbewertungen sind nie nicht emotional.
  3. Bei etablierteren Pfaden wird das gefühl zurückgedrängt durch das Portfolio der implizit beliehene Erwartungen an die Infrastruktur (an das Fulcrum) der Pfadgelegenheit. Der Kredit, den man sich jedesmal einräumt, wenn man beim nutzen einer Pfadgelegenheit erwartet, dass sie „hält“.
  4. Das wiederum beleiht die eigene Erfahrung, das Vertrauen in Institutionen und die erwarteten Erwartungen anderer, und damit auch ihre erwarteten Erwartungen usw. Das ganze Gefleicht.
  5. Dazu addiert man „imaginierte Pfadmöglichkeiten“ und „inszeniert Pläne“.
  6. Kosten: Jeder Pfad hat Kosten und sei es, die Anstrengung, ihn zu gehen. Es gibt sicher keine Homoökonomicus Kosten/Nutzen Rechnung, aber Kosten sind zum einen ein materieller „Limiting Factor“ und kommerzielle Handlungen werden mit der Zeit habituell (Es entsteht ein „Preisbewusstsein“) Kosten spielen nie nicht eine Rolle, wenn man kein Milliardär ist.
  7. Wenn man schlau ist, schließt man noch ein mehr oder weniger sophisticates „Risk Assessment“ an?
  8. Und dann die bange Frage: Passiert der Pfad den „Blick des Anderen“? (Er ist teil der „Perspektive“ des Dividuums. Braucht der Pfad vllt besondere Erlaubnisstrukturen? Liegen sie zur Hand? Kann ich den Pfad verantworten?

Das muss nicht in dieser Reihenfolge abgecheckt werden und passiert größtenteils parallel, aber ich denke so grob könnte die menschliche Q-Function aussehen.

Das Orientierungswissen im Latentspace

Der Raum der Pfadgelegenheiten ist ein komplexes Netzwerk, aber in diesem Netzwerk finden wir uns intuitiv zurecht, weil wir ein Leben darauf trainiert haben, es zu navigieren. Wir kennen unsere Pfade und haben ein grobes Orientierungswissen. In Krasse Links 69 formulierte ich das so:

Wir werden immer schon in ganz konkrete materielle und semantische Strukturen hineingeboren und deswegen begegnen uns alle Dinge und Worte als immer schon in materiell funktionale Pfade (Löffel als Pfadgelegenheit zum Brei essen), und ihre Pfadabhängigkeiten (Schüssel, Tisch, Essen), sowie in soziale Netzwerke (Mama füttert mich mich Löffel) und in semantischen Pfade („Will Löffel!“) eingebunden.

Weil wir keine Individuen sind, die sich der Welt gegenüberstellen, sondern relationale Materialist*innen, denken wir weder in „Objekten“ noch in „Begriffen“, sondern in Pfaden.

Denkt mal über das Denken nach und beobachtet euch selbst: Nachhausefinden, Planen, Sprechen, Kuchenbacken, Singen, Erzählen, Nachdenken, Erinnern, Kopfrechnen, Forschen, ein Wissenschaftlicher Versuch – all das sind Pfade. Um uns unsere Schuhe zuzubinden, müssen wir zuerst in die Hocke gehen, dann mit der einen Hand den einen und mit der anderen den anderen Schnürsenkel greifen und so weiter. Jeder Schritt ist notwendig, also eine Pfadabhängigkeit für den nächsten Schritt.

Dieselben Bewegungs-Pfadabhängigkeiten sind aber selbst wiederum in andere Kontexte eingewoben. Wenn z.B jemand im Trainingsanzug in die Hocke geht, gibt es diesen Moment der Unsicherheit, ob er sich die Schnürsenkel binden will, oder in den „Slav Squat“ geht.

Handlungen und ihre Infrastrukturen sind als materielle Pfadgelegenheiten mit dem Raum der semantischen Pfdgelegenheiten rhizomatisch verwoben. Oder anders: Semantik und materieller Weltbezug bilden einen gemeinsamen Latent Space, den wir nur von innen und immer nur entlang konkreter Pfade kennenlernen. Alles ist eins. Ja, doch, Spinoza, aber mit Übergangswahrscheinlichkeitsmatrix statt Kausalitätsketten.

Der Latent-Space ist nicht zufällig anschlussfähig, an das was Deleuze das „Virtuelle“ nennt, denn auch Deleuze ist Spinozaleser. Das „Virtuelle“ nennt er das „Feld der Differenzen“, das zu jedem gegebenen Jetzt den Raum des Möglichen vorzeichnet, also eine Struktur, die immer schon vor jeder konkreten Handlung wirksam ist: sie legt fest, welche Aktualisierungen überhaupt in Frage kommen. Aber wenn das Virtuelle der globale Möglichkeitsraum von Differenzen ist, dann sind die Pfadgelegenheiten die lokale Zugriffspunkte eines Dividuums auf diesen Raum. Die kleinste relevante Einheit dieses Raums ist aus dieser Sicht nicht die abstrakte Differenz, sondern die konkrete Pfadgelegenheit: die Möglichkeit, eine Differenz als Pfad zu aktualisieren.

Macht

Macht ist das Potential, Menschen, die von mir abhängig sind, weh zu tun, ohne, dass sie die Abhängigkeitsbeziehung aufgeben. Macht kann sich auf zwei grundlegende Arten äußern. Die zwei Projektionen von Macht:

  • Die „Politik der Pfadentscheidung„, oder auch „Einfluss“ (in der Geopolitik: „Soft Power“): durch die Vorstrukturierung der Pfadgelegenheiten anderer, sei es der materiellen Pfadgelegenheiten (Häfen, Standards, Plattformen, Clearingsysteme, Translationale, Währungen), oder semantischen Pfadgelegengeiten (Kultur, Narrative, „Wissen“ (auch im Foucaultschen Sinn)). Der angestrebte Status des Einfluss ist „Hegemonie“.
  • Oder durch durch die „Politik des Flaschenhals„, oder auch „Gewalt“ (in der Geopolitik „Hard Power)“: der direkte Eingriff in die Pfadopotionen anderer. Durch den materiellen Eingriff (Waffe am Kopf, Krieg, Gefängnis, Embargo) oder den semantischen Eingriff (Drohung, Exempel, Präzedenz). Der angestrebte Status der Gewalt ist „Souveränität“.

Aber Pfadabhängigkeiten sind auch Macht und das ist auch schon die Kernthese der „politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten“. Die Grundlage dafür ist die Macht-Interdependenz-Theorie und wie man von dort zur Macht/Wert-Formel kommt.

Kurz: Macht ist Netzwerkzentralität im Pfadgelegenheitsnetzwerk. Wer im Nutzenfluss so eingebunden ist, dass viel mehr Abhängigkeiten durch die selbst kontrollierten Pfadgelegenheiten verlaufen, als man selbst von anderen abhängig ist, kann aus diesen Beziehungen „Marge“ pressen.

In Krasse Links 73 beschrieb ich den ökonomischen Blick auf das Netz der Pfadgelegenheiten so:

Man kann sich das Netz der Pfadgelegenheiten als eine riesige, komplexe, multidimensionale Landschaft mit Tälern und Schluchten vorstellen, die die wahrscheinlichen Pfade vorzeichnen, durch den der Nutzen entlang der infrastrukturellen Übergangswahrscheinlichkeiten pfadopportunistisch fließt und an dessen Engstellen sich Macht konzentriert und wo die Oligarchen ihre Schmerzkraftwerke betreiben.

Das hängt damit zusammen, dass „Wert“ ein Pfad ist, der zu keinem Zeitpunkt abgeschlossen ist, solange er existiert. Deswegen ist „Trauer“ ebenso unabschließbar, wie die Zukünfte, die man sich zu erwarten erlaubte. „Trauer“ ist nicht nur die Trauer um eine Sache, ein Tier, eine Beziehung, oder einen Menschen, sondern um all die plötzlich unplausibel gewordenen gemeinsamen Zukünfte. Betrauert wird ein riesiger Strauß gemeinsamer plausibler Pfadgelegenheiten, der, egal wie klein er auch war, doch unabschließbar wertvoll bleibt. Bei der „Trauerarbeit“ geht man unter anderem all diese Pfade im Kopf durch und verabschiedet sich von jedem einzelnen von ihnen.

Ich nenne diesen Aspekt der Trauer auch „Netzwerkschmerz“. Der Netzwerkschmerz ist ein wichtiger Indikator für den „Wert“ einer Sache, denn Meistens werden uns unsere eigenen erwarteten Pfadgelegenheiten, also Pfadabhängigkeiten erst bewusst, wenn sie materiell fehlen.

Ansonsten bleibt es bei Erzählungen und die daraus Pi mal Daumen für sich triangulierten Betroffenheit, um den Wert einer Sache für sich einzuschätzen und da sind wir halt nicht so gut drin? Aber vor allem: Wir sind manipuliert. Preise sind Propaganda. Preise halten ein manipuliertes Wertesystem aufrecht, das behauptet, die Arbeit eines Investmentbankers sei wertvoller als die einer Krankenschwester, oder die Profite von Unternehmen seien wertvoller als der Regenwald. Investmentbanker werden uns als Netzwerkzentralität im Abhängigkeitsnetzwerk verkauft, als notwendiges Übel, das aber für uns als Gesellschaft „Zukunft organisiert“ und „Risiken managed“. Ohne Investmentbanker, heißt es, würde alles zusammenbrechen.

Und das mag ja sogar für das aktuelle System stimmen, aber dann ist das System halt falsch, das so einen Flaschenhals im Abhängigkeitsnetz zulässt? So dass die Geldoligarchie auf Kosten der Restgesellschaft dort leistungsfrei Wert abschöpfen darf, gleich nachdem wir sie als „Too Big To Fail“ mit Steuergeldern gerettet haben und sich das alles unter dem dreisten Banner erlaubt, unsere Zukunft durch ihre Projekte zu planen.

Die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist ja bekanntlich „Kapitalismus aus Nutzerperspektive“ und ich sag mal so: ich brauch die nicht! Und ich würde lieber in einem unausgeräuberten System meine Leistung einbringen und in einem, in dem ich gemeinsam mit anderen die Wertflüsse und damit unsere Zukunft demokratisch, statt oligarchisch planen kann.

Der Wertpfad

Jede plausible Pfadgelehenheit ist etwas „wert“, sonst wäre sie nicht plausibel. Unsere menschliche Q-Fuction haben wir grob definiert als:

Viabilität
+ Gefühl
+ Portfolio
+ Portfolio der Fulcren der Fulcren
+ der imaginierte Pfad/inszenierte Plan
– Kosten
– Risiken

und das alles unter Vorbehalt des „Blicks des Anderen“.

Aber der Pfadgelegenheitswert ist immer nur so lange imaginiert, bis das Fulcrum zusammenbricht und die projizierte Handlung den Infrastrukturvektor nicht mehr beleihen kann. Das Portfolio bricht zusammen und wird dadurch sichtbar.

Jede Pfadgelegenheit ist endlich, das heißt sie muss erneuert werden. Um Straßen, Bahnen, Wasser und Strom kümmern sich Institutionen, Zahnpasta muss ich selbst kaufen, das Haus managed mein Vermieter. Aber jede Pfadgelegenheit, die ich nutze, muss sich erneuern. Der Wert der Infrastruktur muss sich materiell Aktualisieren.

Das bedeutet, dass jede Pfadgelegenheit immer in zwei Pfade eingebunden ist:

einerseits in die Lebenspfade der Dividuen, die sie nutzen.

  • Nennen wir diesen Pfad den horizontalen Pfad, oder „die Pfade des Lebens“.
  • Dazu kommt ein zweiter Pfad, der Wertpfad, er ist der vertikale Pfad der Pfadgelegenheit.

Der vertikale Pfad ist der Aktualisierungspfad. Bei klassischer Infrastruktur sind das Wartungs- und Erneuerungszyklen, aber bei meiner Zahnpasta ist es einfach das regelmäßige neukaufen.

Aber verfolgt man die Wertstoff-, Liefer-, und Produktionsketten der Zahnpasta und deren infrastrukturelle Vorraussetzungen, versteht man wie tief dieser Pfad reicht.

Stellt man sich diese Pfade als hierarchische Netzwerke vor, die sich pyramidenartig nach unten verzweigen, stellen wir fest, dass auf jeder Produktions- und Logistik-Ebene, in die wir reinzoomen, Wert geschaffen und erhalten wird. Die Maschinen müssen aktualisiert werden, die Menschen müssen aktualisiert werden, die Ressourcen und Lager müssen ständig reaktualisiert werden und wenn es irgendwo hakt, dann ist sofort Alarm im Fulcrum.

Und das heißt, von Ebene zu Ebene „fließt“ der Wert aufwärts in die Pfadgelegenheit hinein bis er auf mich trifft. Das Nehmen einer Pfadgelegenheit ist deswegen immer auch der Schnittpunkt, an dem sich der horizontale Pfad (Leben) und der vertikale Pfad (Wert) treffen. Und das lässt sich auch auf alle unteren Ebenen anwenden. Jeder hat sein eigenes „Werterlebnis“ beim nehmen einer Pfadgelegenheit, aber dieser Wert basiert auf dem beliehenen vertikalen Pfad.

Das Dividuum

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über den Subjektentwurfs des Dividuums. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Das Dividuum ist ein Subjektentwurf, der sich als semantische Pfadalternative zum Individuum positioniert. Genauso wie das Individuum ist das Dividuum einzigartig, aber anders als das Individuum ist das Dividuum kein abgeschlossenes Ganzes, dass der Welt gegenüber steht, sondern ein Verkehrsknotenpunkt für Milliarden Netzwerke.

Genaugenommen ist das Dividuum dadurch sogar viel einzigartiger als das Individuum, denn während alle Individuen aus denselben Zutaten bestehen, also „Geist/Intelligenz“ und „Körper“, kann man ähnliches nicht für Dividuen sagen. Jedes Dividuum ist ein wilder, einzigartiger Mix aus allerlei Welt, die in es hineinragt.

Deswegen lässt sich auch nur wenig Allgemeines über das Dividuum sagen, außer, dass es immer an einem ganz konkreten Ort in der Welt ist und zu einer konkreten Zeit und wenn man die Zeit laufen lässt, wird das Dividuum zum Pfad. Der Pfad hat ein Anfang und ein Ende und um diesem Pfad entsteht und verändert sich Infrastruktur, die wiederum die Welt der anderen Dividuen beeinflusst.

Das Dividuum ist eigentlich erst ein nützliches Modell, wenn man es in eine Welt setzt, also seine Dimensionen betrachtet. Im Gegensatz zum Individuum lebt es nicht in seinen Infrastrukturen, sondern ist seine Infrastrukturen und das stimmt auf dreifache Weise:

  1. Materiell: Die ganze Agency des Dividuums realisiert sich über seine ihm zur Verfügung stehenden Infrastrukturen, also Pfadgelegenheiten.
  2. Psychologisch: Das Dividuum subjektiviert sich entlang und über die Verfügbarkeit seiner Infrastrukturen (siehe unten).
  3. Sozial: Das Dividuum ist immer wieder selbst in vielen Belangen Pfadgelegenheit für andere, also eine Infrastruktur für dieses und jenes.

Die materielle Geschichte des Dividuums

Das Dividuum entstand aus Notwehr. Mein Argwohn gegen das Individuum trug ich schon länger mit mir rum und natürlich kannte ich bereits viel der philosophischen Kritik am Individuum, aber mit Kritik ist es ja nicht getan. Wenn man so tief in den Eingeweiden der westlichen Perspektive herumdoktort, hat man ein Problem: Alle möglichen Erzählungen, Konzepte, Begriffe und nicht zuletzt all unsere Selbsterzählungen, unsere Subjektivierungen sind pfadabhängig vom Subjektentwurf des Individuums. Und ich will mich ja auch morgen noch, naja, subjektivieren. Deswegen war mir klar: ich brauche eine plausible Pfadalternative, die die pfadabängigen semantischen Verbindungen des Individuums übernimmt. Einen Bypass.

Ich hatte ein paar grobe Ideen eines vernetzten Subjektentwurfs und hatte zu diesem Zweck im Newsletters schon einiges an semantischer Infrastruktur zusammengesammelt und als ich die Pfadgelegenheit sah, verkündete ich in Krasse Links 27 meinen offiziellen Austritt aus der Kirche des Individualismus.

Ich hatte mir das lange überlegt, aber ausschlaggebend war letztendlich dieser Ted Talk von Deb Chachra über Rolle von Infrastrukturen in unserem Leben.

Ich kommentierte den Talk so:

Infrastrukturen sind das, was Deine „Agency“ überhaupt ermöglicht und damit auch Deine Fähigkeit, Dich als Individuum zu erleben.

Und als ich dann noch mit Ishay Landa im selben Newsletter verstand, wie der Transmissionsriemen zwischen Individualismus und Faschismus funktioniert, war für mich das Maß voll.

Okay, hier ist mein Deal: Ich habe aufgehört, ans Individuum zu glauben. Ja, es gibt Akteure, die Dinge anstoßen, aber wir alle navigieren nur innerhalb vordefinierter Strukturen. Wir können nur navigieren, weil uns zu jedem Zeitpunkt immer nur so und so viele Optionen zur Verfügung stehen, unsere Geschichte weiterzuerzählen. Wir sind also Opportunisten und alles was wir tun, ist mit den uns zur Verfügung stehenden semantischen Schablonen nach Pfadgelegenheiten Ausschau zu halten, um auf ihnen durchs Leben reiten.

Diese Gelegenheiten werden wiederum von Infrastrukturen bereitgestellt, materielle wie semantische und weil wir uns nun mal im Kapitalismus bewegen, ist eine besonders netzwerkzentrale Infrastruktur das Geld. Zugang zu dieser Ressource ermöglicht Zugang zu vielen anderen Ressourcen und damit Pfadgelegenheiten. Aber Eigentum/Geld/Preise sind nur ein Abstraktionslayer, den wir als Zugangsregime über einen Großteil unserer Infrastrukturen gelegt haben. Im Alltag erleben wir Normalos Geld deswegen als den entscheidenden Flaschenhals, der unsere individuelle Navigationsfähigkeit ermöglicht und begrenzt und damit das absteckt, was Lea Ypi neulich „horizontale Freiheit“ nannte.

Was Landa hier beschreibt, stelle ich mir konkret so vor: Leute, die vergleichsweise viele Pfadgelegenheiten vor sich zu haben gewohnt sind, also wir Mittelstandskids aus dem Westen, haben uns eingeredet, bzw, einreden lassen, dass wir Individuen sind. Das Framework des „Individuums“ erlaubt es uns auszublenden, dass sich unsere Freiheit aus den vielfältigen materiellen und semantischen Infrastrukturen speist, die unsere Vorfahren und andere Menschen um uns herum gebaut haben, bzw. bauen und maintainen. Statt also unsere Eingebundenheit in diese Strukturen anzuerkennen, reden wir uns seitdem ein, wir hätten unseren „Wohlstand“ „erarbeitet“ und wenn wir es materiell zu etwas gebracht haben, schließen wir daraus, dass wir besonders „intelligent“ sein müssen und damit auch individueller als andere Menschen.

Und dann schauen wir auf andere Menschen, deren Infrastrukturen ihnen deutlich weniger Pfadgelegenheiten bieten und unser Individualismus-Framing deutet diese mangelnde Agency dann als verminderte, oder gar abwesende Individualität, also ein Mangel an Intelligenz und/oder Zugehörigkeit zu einer „rückständigen Kultur“. Das ist der materielle Kern dessen, was Judith Buttler mit „Abjectification“ meint und es ist die Rutschbahn vom Liberalismus zum Faschismus, auf der gerade der gesamte Westen gleitet. Huiiii!

Den ersten Schritt, den man tun muss, um das Dividuum zu denken, ist vom Glauben abzufallen. Denn wir alle sind Gläubige in der Kirche des Individuums und man wird das mistige Ding nicht los, wenn man sich dessen nicht bewusst wird und aktiv Widerstand leistet.

Der zweite Schritt ist, die Pfadalternativen zu entwerfen. Im selben Newsletter sah ich den Fluchttunnel noch in Haraways „Cyborg“ und das ist immer noch metaphorisch richtig, aber aus formalen Gründen bin ich dann doch beim „Dividuum“ gelandet. Dennoch gilt, was ich hier über Cyborgs schreibe, auch für das Dividuum.

Cyborgs sind defizitäre, bedürftige Wesen, die auf ihre Infrastrukturen angewiesen sind, um und zu überleben. Und nur weil die Cyborg kein Individuum ist, heißt das nicht, dass sie ohne Agency wäre. Die Agency des Cyborgs speist sich nicht aus ihrer „Vernunft“ oder wie es heute heißt, „Intelligenz“, sondern aus den materiellen und semantischen Infrastrukturen, die ihr zur Verfügung stehen.

Die Cyborg lebt in den Infrastrukturen und ist die Infrastruktur. Sie arbeitet an den Infrastrukturen, baut sie, betreibt sie, hält sie in Stand. Als höfliche Pfadopportunistin navigiert sie die Schmerzarchitektur zwischen Arbeit und Konsum und versucht mittels der ihr zugänglichen Infrastrukturen ihre Geschichte weiterzuerzählen. Diese Geschichte ist ein Pfad im Netzwerk, der von der Vergangenheit bis ins Jetzt und durch Pläne, Ziele und Projekte bis in die Zukunft weitererzählt wird.

Die Cyborg ist Dividualistin. Sie beobachtet nicht die Welt, sondern beobachtet wie andere die Welt beobachten. Sie surft auf diesen Beobachtungen, Worten, Bildern, Gesten und Geschichten und sortiert sich in ihnen ein. Gleichzeitig sendet jede ihrer Bezugnahmen einen Impuls durchs semantische Netzwerk, weil sie ja ihrerseits beim Schreiben, Sprechen, Denken beobachtet wird.

Es kann sich nur noch um Minuten handeln, bis die Cyborg begreift, dass sie die Infrastruktur ist und den Laden übernimmt.

Die dividuelle Subjekterfahrung habe ich in Krasse Links 26 so skizziert:

Und jetzt kann man, wenn man will, die Intention wieder reinlassen, aber nicht mehr als eine aus sich selbst heraus sprechende Stimme, die sagt „ich will“, sondern als Navigator, Surfer, oder Trommler.

Navigator, weil wir zu jedem Zeitpunkt immer an einem konkreten semantischen Ort im Raum stehen, wann immer wir handeln. Das heißt, wenn wir irgendwo hinwollen (etwas sagen oder denken), müssen wir Schritt für Schritt von dort nach da hin-navigieren und unsere Fähigkeit zu Sprechdenken besteht, wie bei der LLM, vor allem aus allerlei gemerkten Weganweisungen.

Man kann das auch Surfen, wenn man etwas firmer mit einer bestimmten Semantik ist. Dann verknüpft man die vorbeifliegenden Sinn-Ereignisse wie Wellen, auf denen man reitet. (yeah!)

Und zuletzt drücken wir auf „Play“ und nehmen die Zeit mit dazu und dann beginnt sich dieses Netzwerk langsam aber stetig auf uns zuzubewegen. Semantiken verschieben sich, verwandeln sich, werden größer oder kleiner, zentraler, peripherer, mutieren, streuen, sterben, etc. Und wir sehen immer neue Ereignisse eintreffen, die immer neue Narrative aufs Gleis setzen. Die Narrative wiederholen sich, referenzieren sich, zitieren sich und in stetiger Wiederholung und Bekräftigung werden sie erwartbar und strukturieren wie ein Beat unsere Zeit und geben uns Orientierung nach vorn.

So richtig eingeführt habe ich das Dividuum in Krasse Links No 28, in dem ich anlässlich meines Textes über KI und Semantik Derrida mit Haraway und Deleuze verbinde.

Wie schon Derrida sagte: Wir sprechen nicht, wir werden gesprochen. Das bedeutet nicht, dass man nicht auch neue Pfade finden kann, aber eben immer nur an den Rändern des bereits Gedachten und Gesagten. So wie die Nordpolexpiditionen erst machbar wurden, als die Infrastrukturen es erlaubten, so sind auch neue Gedankengänge nur als Verlängerung oder Abzweigung bereits existierender Routen denkbar. Es gibt kein Punkt außerhalb des Netzwerks.

Der Text selbst ist ein gutes Beispiel: Er basiert offensichtlich auf einer poststrukturalistischen Infrastruktur, aber wäre auch ohne Donna Haraway nicht denkbar. Mit ihrem „situierten Wissen“ stellte sie den Poststrukturalismus vom Kopf auf die Füße und ermöglicht, die richtige Perspektive aufs Netzwerk zu finden. Wenn Bedeutung stetiger Aufschub, aber dabei stets situiert ist, dann passiert Schreiben, Sprechen, Denken immer an einem ganz bestimmten Punkt eines ganz spezifischen Kontextes. An diesem je spezifischen „Hier und Jetzt“ gibt es immer nur eine überschaubare Zahl an plausiblen Pfadgelegenheiten, von denen man sich von einer zur nächsten stürzt. Wenn man dann die Zeit anstellt, bewegt sich der Punkt durchs Netzwerk und wird zur Linie, bzw. ein Pfad oder eine Route. Fertig ist die LLM, bzw. Sprechen und Denken.

„Die Individuen sind ›dividuell‹ geworden, und die Massen Stichproben, Daten, Märkte oder ›Banken‹.“ Schreibt Gilles Deleuze im „Postskriptum zu den Kontrollgesellschaften“ bereits Anfang der 1990er und verabschiedet damit Foucaults „Disziplinargesellschaft„, die sich noch auf die Zurichtung des Individuums und der Organisation von Masse konzentrierte. Aus dem Unteilbaren (lat. individuus) wird etwas per se Teilbares (lat. dividuus).

Das Navigieren in der Semantik – Schreiben, Sprechen, Denken – ist ein dividueller Akt. Man beobachtet nicht die Welt, sondern man beobachtet einander, wie man die Welt beobachtet. „Dividuell“ bedeutet also, sich selbst als Teil des Netzwerkes zu imaginieren, das Sprache, Denken und Öffentlichkeit und Infrastrukturen hervorbringt.

Es ist den Zitaten anzumerken und relevant zu verstehen, dass sich der Subjektentwurf des Dividuums parallel und in ständiger Korrespondenz mit der Enststehung der Semantiktheorie entwickelt hat. Das Dividuum ist ohne „semantische Pfadgelegenheiten“ nicht denkbar, bzw. es ist andersrum: Man kann das Individuum nur dann denken, wenn man Semantik nicht denkt und dann die Stimme in eigenen Kopf für ein unverbundenes „Res Cogitans“ hält, das als Agent einen Körper durch die Welt steuert, mit dem man sich dann fälschlicher Weise identifiziert. Und genau da ging und geht ja der ganze Schlamassel mit der Infrastrukturvergessenheit seit Descartes schon los, der uns gerade im Gesicht explodiert.

Klar, im Vergleich zum Individuum kann das Dividuum erstmal nicht viel. Das Dividuum hat keine Eigenschaften und „tut“ auch nichts, es ist halt ein Netzwerkknoten, der vollständig durch seine Verbindungen definiert ist. Und ausgerechnet durch Verbindungen, die nicht wirklich dem Dividuum gehören, sondern teil von Netzwerken sind, in deren Interaktion das Dividuum eingebunden ist und danach strebt sich darin temporär zu stabilisieren. Zu diesen Netzwerken gehören biologische Netzwerke, genetische Netzwerke, Bakterielle Netzwerke, Blutkreisläufte, Nährstoffkreisläufe, Klimakreisläufe, städtische Infrastrukturen, Gesetzesframeworks, Produktionskreisläufe, Lieferketten, die Sprachen, die ich spreche, Diskurse an denen ich teilnehme, die Geschichten die ich mir und anderen erzähle, mein Emailprovider, die Straßenbahn und die regelmäßigen Bedürfnisse meines Hundes.

Im Gegensatz zum Individuum, das in sich selbst ruht, hat das Dividuum einen ständigen Hang zur Instabilität. Das Dividuum ist immer im Flux, weil sich all die Verbindungen, aus denen es besteht, ständig verändern. Einerseits wechseln Dividuen ständig ihren Ort in der Welt, d.h. verlieren ständig Verbindungen und gewinnen neue. Andererseits verändern sich die Verbindungen selbst, weil sich die Welt verändert. Deswegen ist das Dividuum den Gezeiten und Turbulenzen seiner Netzwerke ausgeliefert und wird wie eine Boje im Wasser von den Wellenbewegungen im Netzwerk hin und hergeschüttelt. Das Resultat ist ein ständig instabiler Dividuums-Knoten, der die ganze Zeit damit beschäftigt ist, die veränderte Beziehung in einem Netzwerk, durch Veränderung von Beziehungen im anderen Netzwerk auszutarieren (dafür braucht es allerdings Pfadgelegenheiten).

Ohne seine Pfadgelegenheiten ist das Einzige, was das Dividuum „kann“, also „beeindruckt sein“ von der Welt. Aber genau in dieser strukturellen Berührbarkeit steckt der epistemische Wert des Dividuums: Im Sich-Verhalten des Divduums zur Welt verbrigt sich ein struktureller Spiegel der Gesellschaft. Man muss nur den Beat hinter dem Tanzmove erkennen.

Das Dividuum in der Philosophie

Ich selbst habe das Konzept des Dividuums wie gesagt von Deleuze, aber so unbekannt der Begriff wirkt, hat er doch eine überraschend lange Theorietradition. Schon Nietzsche weißt auf die gespalten- und uneinheitliche Motivationsstruktur des Indviduums hin und spricht vom „Selbst“ als ein Divduum. Auch in der Anthropologie wurde der Begriff immer mal wieder gebaucht, etwa von Marilyn Strathern.

Der französische Phliosph Gilbert Simondon sprach zwar selbst noch vom Individuum, wolllte es aber vernetzt fassen, weswegen seine Individuation-Theorie einflussreich für die Dividualist*innen werden sollte, insbesondere für Deleuze und Anderea Ott. Aufbauend auf Simondons Prozess-Ontologie der Individuation – in der jedes Individuum nur eine vorläufige Stabilisierung in einem überschüssigen, prä-individuellen Feld ist – beschreiben neuere Theorien das Dividuum als Knoten in dynamischen Relationen, als nicht-abgeschlossene Einheit.

Michaela Ott entwickelt daraus den Begriff der „Dividuation“ als heuristisches Werkzeug einer Philosophie der wechselseitigen Abhängigkeiten, Teilhabe, während Gerald Raunig das Dividuum zum Leitmotiv einer Analyse des maschinischen Kapitalismus macht: Die gleiche Teilbarkeit des Subjekts, die Plattformen und Finanzmärkte zur Extraktion nutzen, eröffnet zugleich molekulare, „kon-dividuelle“ Formen der Gegenmacht.

Ich habe überall nur reingelesen bisher, aber gut zu merken, dass ich mit meinem Dividuum als Teil eines eingespielten Rhythmus trommle.

Wie funktioniert dividuelle Subjektivierung?

Die traditionellen Subjektivierungs-Theorien sind natürlich individualistisch und damit unbrauchbar. Foucault und Buttler haben die individualistische Subjektivierung aufgebrochen, aber für unser Dividuum schlage ich einen einen Entwurf vor, der sich eher an Emanuall Levinas und Donna Haraway orientiert und den ich die Dividuelle Subjektivierung nenne.

Dividuelle Subjektivierung ist die Art und Weise, wie wir uns selbst in dem Anderen und den Anderen in uns sehen, bzw. differenzieren.

Diese „Art und Weise“ ist wiederum ganz grob das Set an pfadabhängigen Unterscheidungen, die ich zum Erkennen der Differenzen in der Wiederholungen des Anderen in mir verwende.

Beispiel: Wenn ich mich als „Individuum“ entwerfe, entwerfe ich alle anderen um mich herum auch als Individuum, aber eben als andere Individuen, jedes ein „unteilbares“ „Bewusstsein“ in einem Körper in der Welt. Außer die ohne Agency – das sind im besten Fall „tragische Fälle“, aber oft auch „Versager“ oder bei manchen Menschen sogar „Abschaum“, also grob das was Judith Buttler „Abjection“ nennt.

Aber auch abseits des Individuums verstehen wir Subjektivierung als die tägliche Praxis des mich im Anderen erkennen und differenzieren, nach einem bestimmten Schema von Unterscheidungen.

Aber das Schema von Unterscheidungen ist natürlich sozial konstruiert. Klar, durch Infrastrukturen der Disziplinierung, durch Diskurshoheiten, Gesetze, Normen, Rollen und ihre sozialen Hierarchien und Ausgrenzungen. Aber auch durch teils über tausende Generationen geerbt und verinnerlichte und nie hinterfragte Unterscheidungen. Aber unsere Unterscheidungen kommen auch aus Gesprächen auf der Arbeit oder beim Sport, Büchern oder Newslettern, die wir gelesen haben, News die wir mitbekommen haben oder über das neuste Tiktok-Meme. Oder wir sammeln unsere Unterscheidungen aus den Geschichten aus dem Kino, das aber auch nur dieselben Narrative immer wieder anders erzählt, von denen die meisten aus der Antike stammen. Da gibt es ehrlich gesagt auch gar nicht so viel Spielraum, denn um zu funktionieren, müssen Narrative anschlussfähig an bereits erwartete Narrative sein, so wie ein Satz anschlussfähig an den vorherigen Satz sein muss und ein Wort an das vorherige Wort.

Diese soziale Co-Produktion von Wirklichkeit und Subjekt kann man auch mit Federico Campagna als Worlding bezeichnen. Aus Krasse Links No 20

Im Zentrum seiner Theorie, oder wie er sagt: „Metaphysik“, steht das „Worlding“: Welt, aber als Verb. Worlding ist etwas, was wir konstant tun: wir bauen und aktualisieren unser Weltmodell. Aber dieses Weltmodell ist natürlich kein individuelles, sondern eine geteilte Semantik, ein Vibe, ein „Rhythmus“, wie er es auch nennt. Es gibt also Weisen des Worldings und sie bilden die unbewussten und unhinterfragten Axiome unseres Weltverständnisses oder wie ich immer sage: die Art, wie wir auf die Welt blicken.

Wordling ist semantisch, d.h. wir haben uns unser Worlding in den seltensten Fällen ausgesucht, sondern haben es zum Großteil geerbt und auch ansonsten kreieren wir es zusammen: wir „worlden“ gemeinsam, miteinander, aber immer wieder auch gegeneinander, wobei man sich das „Worlden“ wie einen Beat vorstellen kann, den alle um einen herum tanzen, ein Vibe in dem man fühlt, und machmal auch der Beat, den „die anderen nicht haben“.

Ein Resultat dieses gemeinsamen und wechselseitigen konkurrierenden Worldings nennen wir auch „Wirklichkeit“ und ich muss in diesen Zeiten nicht extra darauf hinweisen, wie schief das gehen kann.

Das andere Resultat des Wordings ist eine bestimmte „Perspektive“, bzw. die semantische Seite unserer Perspektive. Perspektive ist ja zunächst einmal der materielle Ort in der Welt, von dem ich sehe und spreche und ist somit vor allem geprägt, durch die mir zur Verfügung stehenden Infrastrukturen und den Abhängigkeiten, die sich daraus ergeben.

Doch die semantische Seite der Perspektive funktioniert über das „Worlding im Anderen“ – als Navigation der eigenen Erwartungen an mich selbst im Raum der Erwartungserwartungen der anderen.

Die semantische Perspektive ist von der materiellen Perspektive nicht unabhängig. Je nach den Infrastrukturen, die ich gewohnt bin, zur Verfügung zu haben, kann ich mir andere Subjektentwürfe plausibel machen oder auch nicht.

Beispiel: In Krasse Links No 31 hatte ich einmal die materielle Geschichte des Subjektentwurfs des Individuums umrissen:

Das Individuum erblickte das Licht der Welt in den europäischen Salons der besseren Gesellschaft des späten 18. Jahrhunderts, als die Oberschicht wechselseitig an sich feststellte, wie schwerelos das Leben ist, wenn man Hausangestellte hat. Genau genommen haben sie den letzten Teil ausgeblendet, genau so wie die Tatsache, dass sich die Agency ihres Hauspersonals auf Arbeiten oder Hungern beschränkte und ihnen also das Individuum gar nicht plausibel war.

Das Virus sprang schnell über zu den Sklavenhaltern in den USA und perkulierte entlang der sprießenden Infrastrukturen der Industriellen Revolution immer weiter in die Gesellschaft hinein (überall wo Lebensstandards einen bestimmten Schwellenwert an Pfadgelegenheiten erreichten), bis das Individuum so ab 1900 zum Mainstream wurde. Mit Strom, fließend Wasser, Telefon und Auto wurde das Individuum zum Lebensgefühl des 20. Jahrhunderts und zum Grundbaustein der Metaphysik des Westens.

Der Subjektentwurf des „Individuums“ kann überhaupt erst plausibel werden, wenn einen die Welt mit einen bestimmten Threshold an Pfadgelegenheiten ausstattet.

Das heißt, man muss sich bestimmte Subjektentwürfe leisten können und viele Subjektivierungs-Pfade stehen aus bestimmten Perspektiven überhaupt nicht zur Verfügung oder sind nicht plausibel. Der Subjektentwurf des „Superindivuums“ zum Beispiel wird erst ab Milliardär plausibel, aber auch die ganzen anderen materiellen Statusgames dazwischen könnt ich mir eh nicht leisten (außer son bisschen Applehardware, ok).

(Werbehinweis: Einer der Vorteile des Dividuums ist, dass es sehr „affordable“ ist. Sogar die Amöbe könnte sich das Dividuum leisten, würde sie subjektivieren.)

Ja, man kann aus Subjektentwürfen ausopten, und das ist, was wir hier machen, aber auf einer tieferen Ebene, was das Projekt früher oder später extrem schwierig machen dürfte.

Denn Subjektentwürfe sind auch Macht. Simone de Bauvoire machte darauf aufmerksam, dass die Subjektentwürfe „Frau“ und „Mann“ soziale Konstruktionen sind, die die gesellschaftliche Funktion haben, das Patriarchat am Ruder zu halten. Auch Foucault kannte die Macht der Subjektentwürfe aus schmerzhafter Erfahrung und schrieb sein Werk nicht zufällig zu einer Zeit, als sich neue Subjektivierung-Pfade Bahn brachen und die hegemoniale Weisen des Worldings und der Subjektivierung aus dem Takt brachten. Buttler und die Intersektionalist*innen haben die Subjektivierung weiter ausdifferenziert, indem sie sie aus den „Kategorien“ befreit haben und sie stattdessen als vieldimensionale Erfahrungslandschaft dachten. Das Dividuum baut auf dieser Tradition auf.

(Werbehinweis: Das Dividuum ist beliebig erweiter-/ausdifferenzierbar und macht alle Dimensionen des Lebens darstellbar..)

Subjektivierung ist nicht nur narrative Selbst-, sondern immer auch Welt-Reproduktion. Das Dividuums-Subjekt ist weder Ursprung noch Endpunkt von irgendwas, sondern nur die sich ständig aktualisierende Form einer Dividuum-Welt-Relation, die sich im gemeinsamen und wechselseitigen Worlding stabilisiert.

Dividuelle Subjektvierung ist das stetige Anwenden und gleichzeitige Einüben der eigenen Perspektive an und anhand des Anderen.

Deswegen reicht es auch nicht das Dividuum zu „verstehen“ oder zu „denken“. Zumindest, wenn man, wie ich, aus der Individuums-Perspektive kommt, muss man das Dividuum als alternativen Subjektivierungspfad erst mühsam einüben und ich bin da auch erst am Anfang, tbh. Aber diese andere Perspektive ist real und die ganzen Beobachtungen, die ich hier teile, wurden erst durch diese Perspektive möglich.

Das Dividuum ist also das Projekt eines anderen Pfads der Subjektivierung, das andere Formen des Worldings erlaubt. Es ist eine Häresie, basically. Oder wie ich es in Krasse Links öfter nenne: eine semantische Sezession.

Die Perspektive des Dividuums

Hinweis: dieser Abschnitt ist noch sehr unfertig, braucht noch wesentlich mehr Tiefe. Diese Beschreibung der dividuellen Perspektive ist also kein fertiges und vollständiges Modell, sondern eine spekulative Sammlung von Mindestanforderungen an ein dividuelles Perspektivmodell an dem ich immer mal wieder weiter rumpuzzel.

Perspektive ist die Art, wie wir auf die Welt schauen.

Im Gegensatz zur Perspektive des Individuums, das vor sich Objekte und andere Individuen zu sehen glaubt, ist die Perspektive des Dividuums vielgeteilt: Sie ist die Summe unserer Eindrücke und die Summe unserer plausiblen Pfadgelegenheiten an einem Ort, sowie die Summe der erinnerten Pfadabhängigkeiten hinter uns, die implizite Zeugenschaft der Anderen und die Geschichte, die das alles zusammenhält.

  1. Ort: Jedes Dividuum ist an einem Ort. Der Ort grounded die Perspektive.
  2. Eindrücke: Alles, was sich in das Individuum eindrückt. Semantiken helfen dabei, die Eindrücke zu unterscheiden.
  3. Materielle Pfadgelegenheiten: Alle Unterscheidungen, die das Dividuum nutzt, um sich in die Zukunft zu projizieren. Pfadgelegenheiten bilden die Agency des Dividuums. Plausible Pfadgelegenheiten bilden den Raum, in dem wir planen und entscheiden.
  4. Semantische Pfadgelegenheiten: Pfade in den erwarteten Unterscheidungen der anderen, aber auch der eigenen.
  5. Plan. Imaginierter Pfad im Netzwerk der Pfadgelegenheiten zu einem Ziel.
  6. Pfadabhängigkeiten: Der Pfad von dem man herkommt, die Erinnerung.
  7. Die Erwartungen der anderen/Erlaubnisstrukturen. Der durch die Subjektivierung verinnerlichte Blick des Anderen. Auch bekannt als „Gewissen“ oder „Überich“.
  8. Emotion/Empathie. Emotion und Empathie sind dasselbe, denn jede Emotion ist bereits semantisch.
  9. Aufmerksamkeit. Der Fokus des Dividuums auf die aktuellen Unterscheidungen.
  10. Motivation. Das Orientierungsschema der Pfadselektion.
  11. Geschichte: Jedes Dividuum verbucht Eindrücke, Pfadabhängigkeiten und Pfadgelegenheiten in eine Erzählung über sich selbst. Diese Geschichte ist der schwammig erinnerte und nur stellenweise dokumentierte Pfad durch das Leben des Dividuums entlang eingeübter Narrationsstrukturen bis zum Jetzt.
  12. Pfadgelegenheits-Turing-Maschine. Der Prozess der Umwandlung von Pfadgelegenheiten in Pfadabhängigkeiten und Geschichte.

Bild: Dividuelle Perspektive.
V.o.n.u.: Pfadgelegenheiten (semantisch und materiell) streben zur „Geschichte“, aber müssen dafür den „Blick des Anderen“ (links oben) passieren, um zur „Pfadentscheidung“, also und pfadabhängiger teil der „Geschichte“ zu werden. Das „Q“ an den Pfeilen der Pfadgelegenheiten steht für „Q-Function“ (siehe Pfadgelegenheits-Explainer), also der Evaluation des Pfadgelegenheits-„Werts“ durch das Dividuum, bevor es die Pfadgelegenheit nimmt. Erst durch Pfadgelegenheits-Bewertung wird eine Infrastruktur zur Pfadgelegenheit.

Direkt unter der Pfadentscheidung sehen wir „System 2“ (Kahneman) mit der „Aufmerksamkeit“ in der Mitte. Links filtern semantische Pfadgelegenheiten die „Eindrücke“, die auf den „Körper“ treffen in „Unterscheidungen“. Smeantische Pfadgelegenheiten ermöglichen dazu nicht nur Sprechen/Schreiben/Denken, sondern erlauben auch erst den Zugriff der Aufmerksamkeit auf viele materielle Pfadgelegenheiten, denn das „System 2“ kann nur über semantische Unterscheidungen auf Pfadgelegenheiten zugreifen.

Der „Plan“ trennt (ungefähr) „System 1“ und „System 2“, wobei die Motivation zwar hauptsächlich in System 1 angesiedelt ist, aber in System 2 hineinragt. Das System 1 ist gewissermaßen das „Unbewusste“, hier passiert das Unwillkürliche, wie „Erwartungen“ und „Reaktionen“.

Die divudelle Perspektive ist zweifach „gerounded“, durch den „Ort“ und die „Emotion“, wobei die Emotion teil aller Pfadgelegenheiten ist, die sie mit der emotionalen Q-Function Bewertungen auflädt, einer Art emotionale Vorbewertung für die planende Q-Function des System 2.

V.l.n.r.: Links strömen die Eindrücke der Welt auf den Körper und damit die Perspektive. „Der Blick des Anderen“ wacht über die Pfadentscheidungen , eindrücke auf den Körper und unten wird nochmal darauf hingewiesen, dass die semantischen Pfadgelegenheiten des Dividuums in Wirklichkeit immer die Sprache des Anderen sind.

Auf der linken Seite der Perspektive sehen wir so grob den „sensorischen Apparat“ des Dividuums, während wir auf der rechten Seite grob den motorischen Apparat des Dividuums sehen, wobei diese Trennung in Wirklichkeit ebenso schwer aufrecht zu halten ist, wie Trennung zwischen „materieller“ und „semantischer“ Pfadgelegenheit.

Ganz rechts ist die Pfadgelegenheits-Turing-Maschine und ihr Infrastruktur-Band abgetragen und die beiden Pfeilbögen symbolisieren die Operationen der Turing-Maschine. Unten finden sich die „Infrastrukturen des Anderen“ (die wir ständig nutzen) und oben die „Barrieren des Anderen“ (die uns ständig unsere Pfadgelegenheiten vereiteln).

Hier wie es läuft: Eine Pfadgelegenheit wandert vom Plan in die Aufmerksamkeit, findet in der Pfadentscheidung ihre Umwandlung in Pfadgelegenheit und Geschichte und wandert in die pfadabhängige Infrastruktur.

1. Ort. Erstmal bedeutet Perspektive die Einsicht, dass wir alle „von einem konkreten Ort“ aus sehen, denken, handeln und sprechen. Ich hab das von Donna Haraway und klar, die Einsicht ansich ist erstmal nichts Neues und das behauptet Haraway auch nicht, aber sie macht etwas Neues daraus: eine Übung.

In Krasse Links No 10 führe ich Donna Haraway so ein:

Das Werk ist zunächst nicht so leicht zugänglich, nicht, weil sie so voraussetzungsreich schreibt, sondern weil man erst eine Menge verlernen muss, bevor alles Sinn ergibt. Ihr wichtigster Beitrag in der Philosophie ist weniger eine ausgefeilte Theorie der Welt, als vielmehr ein bestimmer Blick. Ich habe das letzte Jahr damit verbracht, diesen Blick einzuüben und wenn man das schafft, dann eröffnet sich im wirren, mäandernden und eklektischen Werk Haraways plötzlich ein Füllhorn von Sinn.

Haraway denkt – mehr noch als Bruno Latour – aus dem Netzwerk heraus. Dass klingt banal, aber es ist wirklich nicht einfach. Eine erste, überraschende Lektion ist zum Beispiel, dass Du als Netzwerkteilnehmer das Netzwerk selbst nie zu Gesicht bekommst. Das heißt, du verlierst erstmal eine ganz bestimmte Sicht, nämlich die Draufsicht. Also jene Illusion von ort- und körperlosem Schweben über den Dingen, die gerade in der abendländischen Tradition einen Großteil des wissenschaftlichen Blicks ausmacht. Diese Perspektive, so Haraway, sei nicht real, sondern reine Imagination. Eine männliche Machtphantasie.

Haraway zu denken, bedeutet erst einmal ein Loslassen dieser Perspektive und die eigene Situiertheit in der Welt anzuerkennen und damit auch die Tatsache, dass jedes Denken immer unter ganz bestimmten materiellen Verhältnissen und an einem ganz bestimmten Ort in der Semantik stattfindet. Es ist, als müssten sich die Augen erst an die veränderten Lichtverhältnisse anpassen, aber langsam schärft sich mein Blick auf Beziehungsnetzwerke: auf materielle Abhängigkeiten, genauso wie auf Semantiken.

Eine andere Sache, die passiert, wenn man anfängt die Netzwerkperspektive ernst zu nehmen, ist, dass alles unrein wird. Es gibt plötzlich keine saubere Kategorien mehr, weil alles in einander hineinragt. Das gilt vor allem für das Selbst. Das Selbst steht nicht mehr als abgeschiedene Entität den Dingen gegenüber, sondern interferiert durch seine Eingebundenheit mit den Semantiken und Abhängigkeiten der Umwelt.

Ort ist der Referenzpunkt von allem. Nichts ist einfach gegeben, alles ist teil der Welt, auch und vor allem, deine Perspektive.

2. Eindrücke: Im Gegensatz zum Individuum hat das Dividuum keinen Körper, aber es ist zu relevanten Teilen ein biologischer Körper, aber eben nicht nur. Es ist auch ein infrastruktureller Körper, der all die Pfadgelegenheiten im alltäglichen Leben umfasst und all die Infrastrukturen, die diese Pfadgelegenheiten aufrechterhalten. Wir sind also durch unsere Dividuumskörper miteinander verwachsen und das merken wir, wenn es einen Anschlag auf Gasleitungen gibt, oder im Stadtteil der Strom ausfällt, oder Amazon Webservices wieder „hickups“ hat. Dann spüren wir gemeinsam den Schmerz des Verlusts der Pfadgelegenheiten unseres geteilten Infrastrukturkörpers.

Damit will ich nicht die Wichtigkeit des biologischen Körper in abrede stellen oder ihn relativieren. Der biologische Körper ist die netzwerkzentralste Infrastruktur des Dividuums und der Ausgangspunkt jeder seiner Navigationen.

Der Körper ist aber auch auf eine andere Art, teil der Perspektive. Achtet mal drauf, wie allein ein leichtes Hungergefühl oder eine unterschwellige Hornyness eure Sicht auf die Welt strukturiert.

Auch sonst drückt sich die Welt auf vielfältigste Art und Weise in das Dividuum ein und verändert seine Perspektive auf die Welt, auch dann, wenn wir es nicht gut benennen können. Unser Vokabular ist begrenzt und ständig kommen neue Einflüsse hinzu, für die wir noch keine Begriffe haben. Unser Vokabular reicht meist nur für die direkt physische „Objekt-Welt“, die wir um uns herum kreiert haben, aber die Versuche, die Strukturen, in die wir eingebunden sind, zu beschreiben, haben noch viel aufzuholen. Uns fehlt zum Beispiel die Sprache, die vielen Vektoren der strukturellen Gewalt zu benennen und zu beschreiben, denen wir zunehmend, aber sprachlos ausgesetzt sind.

3. Materielle Pfadgelegenheiten. Die Pfade, die wir in die Unterscheidungen unserer Eindrücke zu erkennen glauben. Dazu gibt es einen eigenen ausführlichen Explainer.

4. Semantische Pfadgelegenheiten. Die Pfade, die wir in den gemeinsamen Erwartungen mit dem Anderen zu erkennen glauben. Das Feld der semantischen Pfadgelenheiten liefert aber auch die Unterscheidungen und ihre semantischen Relationen, mit denen wir unsere Welt deuten und entlang derer wir unsere Aufmerksamkeit justieren. Die Erwartungserwartungen der Gesellschaft sind die Art, wie wir die Welt „formen“ und entscheidet daher, was wir als „Information“ wahrnehmen und was nicht. Die semantischen Pfadgelegenheiten sind deswegen kritisch, denn sie liefern unter anderem auch die heuristischen Schablonen, mit denen wir in der Welt nach Pfadgelegenheiten Ausschau halten.

Und hier ist der schwierige Part, den es zu verstehen gilt: Dividuen sehen unterschiedliche Pfadgelegenheiten in derselben Welt, je nach dem wo und wie sie aufgewachsen sind, welche Pfade ihnen vertraut sind, welche Erzählungen sie gehört haben und welchen sie glauben, wie sie sich selbst erzählen und welche Ziele sie sich setzen, usw. Das heißt, Zugang zu Bildung hat Ripple Effects durch das ganze Leben.

Der Instragrammer Michael Metz veranschaulicht das hier schön anhand von Reverse-Engeneering eines Karriere-Pfads.

5. Plan. Alle Dividuen planen. Pläne sind imaginierte Pfad im Netzwerk der Pfadgelegenheiten eines Dividuums zu einem Ziel. Weil wir keine Individuen sind, die einfach Dinge tun können, sondern sequenzielle Pfadwesen, die immer nur einen Schritt nach dem anderen tun können, brauchen wir sogar fürs „aufs Klo gehen“ einen Plan. Und obwohl wir zwar immer nur einen Schritt nach dem anderen tun können, können wir trotzdem mehrere Pläne gleichzeitig verfolgen und uns was zum Lesen mitnehmen. Pläne sind unsere Multithreading-Architektur.

In Krasse Links No 31 habe ich über Agency und Pfadgelegenheiten, aber auch die Rolle von Plänen geschrieben.

Das, was Joscha Agency nennt und sie der Intelligenz des „Agents“ zuschreibt, nennt die Cyborg Freiheit. Konkreter: horizontale Freiheit, bzw. Positive Freiheit. Man könnte sie auch relational-materielle Agency nennen.

Unsere Freiheit ist der Ausschnitt, der uns zugänglichen Pfade im Netzwerk der Pfadgelegenheiten.

Unsere Freiheit ist diskret, also abzählbar. Sie existiert nur in konkreten, materiellen Pfadgelegenheiten, die uns zu einem Zeitpunkt x zur Verfügung stehen: der Wasserhahn, das Stück Straße zum Weg auf die Arbeit, das Stellenangebot in der Zeitung, das Essen im Restaurant, das Wort auf der Zunge. Die Pfade, auf die die Pfadgelgenheiten führen sind ungewiss, aber das heißt nicht, dass wir ziel- und planlos sind.

Ziele sind Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erzählungen. Wir sind immer auf Mission als Maincharakter in den vielen Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen und die steuern alle auf ein Happyend?

Pläne sind imaginierte Pfade im Netz der Pfadgelegenheiten auf dem Weg zum Happyend. Mal mehr mal weniger konkret, mal mehr oder weniger realistisch, etc. Damit ein Plan glückt, müssen Pfadgelegenheiten teils hart erarbeitet werden und manche Pfadgelegenheiten kann man nur erhoffen. Wenn die Ungewissheit zu groß wird, muss man Pläne auch beerdigen und das ist immer schmerzhaft.

Das Netz der Pfadgelegenheiten hat ebenfalls Netzwerkzentralitäten und die nennen wir „Liquidität“. Geld ist nicht der einzige, aber netzwerkzentralste Hub in diesem Netzwerk, zumindest im Kapitalismus.

Damit können wir schon mal drei Freiheiten ausmappen:

Die nominelle Freiheit ist die Anzahl, Vielfalt und Qualität der Pfadgelegenheiten, die von einem Dividuum zum Zeitpunkt X ausgehen und deren Länge durch das Geld als Radius begrenzt wird. Die nominelle Freiheit ist also der Ausschnitt im Netz der Pfadgelegenheiten, der für das Dividuum zum Zeitpunkt X zugänglich ist. Es ist nur eine theoretische Freiheit, weil sich niemand die Arbeit machen würde, diese Pfade auszukartographieren.

Die plausible Freiheit ist das viel kleinere Subset dieser Pfade, die dem Dividuum tatsächlich als „plausibel“ im Bewusstsein schwirren. Sie wird somit einerseits durch die nominelle Freiheit begrenzt, aber auch durch die dem Dividuum zugänglichen Erzählungen. Diese plausiblen Pfade sind natürlich imaginiert und auch hier gilt: sie sind nicht rigoros ausgemappt und schon gar nicht vollständig und oft auch gar nicht wirklich plausibel, wenn man genau hinsieht, aber sie bilden das Freiheits-Hintergrundrauschen, vor dessen Kulisse jede Pfadentscheidung getroffen wird. Sie ist der Raum, in dem wir planen und entscheiden. D.h. jede Pfadentscheidung ist immer eine Entscheidung gegen andere plausible Pfade in diesem Raum.

Die geplante Freiheit ist die Freiheit, die wir im Alltag spüren. Hier ist die Schmerzempfindlichkeit am größten. Geplante Freiheit ist die Leichtigkeit (oder nicht), mit der wir unseren Plänen nachgehen. Nichts vermittelt so sehr das Gefühl von Unfreiheit, als wenn Barrieren unsere Pläne verhageln.
Horizontale Macht (auch hegemoniale Infrastrukturmacht) begrenzt unsere nominelle und damit die horizontale Freiheit. Als Pfadopportunist*innen nehmen wir diese Form der Macht nicht als Gewalt wahr, weil die vorenthaltene Agency nie erwartet wurde. Wir fügen uns.

Vertikale Freiheit (auch negative Freiheit) ist geplante Freiheit. Vertikale Macht (auch souveräne Infrastrukturmacht), also Gewalt, kann sich jederzeit zur Netzwerkzentralität in den Pfadabhängigkeiten Deiner Pläne machen und macht Dich somit extrem abhängig. Freiheit von dieser Form der Abhängigkeit ist die Freiheit, planen zu können.

Und dann gibt es noch die semantische Macht (auch hegemoniale Semantikmacht), die die plausible Freiheit … zumindest mitgestaltet. Wer erzählt die Geschichten, die umherschwirren, an denen auch wir unsere Lebenspfade, also Pläne orientieren?

Was auch spannend wäre: „Chancengleichheit“ aus Cyborgsicht einmal auszubuchstabieren.

Im Pfadgelegenheits-Explainer erkläre ich Pläne so:

Aber hier ist das Problem: Im Moment der Pfadentscheidung ist es unmöglich vorherzusehen, wohin einen eine Pfadgelegenheit bringt und oft wird alles ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Deswegen machen wir Pläne und starten „Projekte“, aber weil nie etwas nach Plan verläuft, leben wir in den Ruinen unserer Pläne, aber vor allem in den Ruinen der Pläne anderer.

6. Pfadabhängigkeiten Wenn man in einen Raum reingegangen ist, ist es nützlich, sich zu merken, wie man wieder rauskommt. Und wenn man durch ein Haus mit vielen Räumen geht, muss man sich viele Pfadabhängigkeiten merken. Hier unterscheiden sich Individuum und Dividuum auf den ersten Blick nicht, aber das Dividuum hat dem Individuum dennoch etwas voraus: Es hat eine infrastrukturbewusste Sprache, die die Eigenheiten und Vertraktheiten von Pfadabhängigkeiten einpreist.

Beispiel: Nehme ich eine Pfadgelegenheit und gehe den Pfad weiter und immer weiter, dann erhöht sich dadurch automatisch meine Abhängigkeit von der ursprünglichen genommenen Pfadgelegenheit. Das stimmt sowohl für das Umherirren im Wald, für das Coden von komplexen Programmen, für die Struktur eines Textes beim Schreiben, als auch für das Business, das seinen Vertriebskanal vor 5 Jahren voll auf Amazon Marketplace umgestellt hat.

Wir spüren diese Abhängigkeit durchaus und wir blicken auf Abhängigkeiten nicht selten mit bangem Blick, aber uns fehlt die Sprache, die die Gefahr „plastisch“ machen würde. Wir sind doch freie Individuen, versichern wir uns. Und wenn die Schmerzen zu groß werden, wird „der Markt uns schon auffangen“. Das Individuum ist immer auch eine Verdrängungserzählung.

Deswegen produziert die Gesellschaft vielfältige und enthusiastische Erzählungen über plausible und begehrenswerte Pfadgelegenheiten, aber hat keine angemessene Sprache gefunden, die sich aus den Pfadgelegenen ergebenden Pfadabhängigkeiten zu beschreiben. Wir sprechen über „das Klima“ als sei es ein Objekt, wie eine aussterbende Tierart, die nur ein paar Ökospinner beweinen würden und als ginge es nicht um ein grundlegendes infrastrukturelles Problem mit einer tiefsitzenden Pfadabhängigkeit für alles, was wir tun und sind.

Das wir dafür keine Sprache gefunden haben, liegt nicht an unserer mangelnden „Intelligenz“, sondern weil wir pfadabhängig vom Individuum denken und sprechen.

Die Infrastrukturvergessenheit des Individuums ist sein Geburtsfehler. Es entwirft sich als von der Welt losgelöster, autonom handelnder Agent, dessen Pfadgelegenheiten immer schon da waren, und das immer schon schlau war, praktisch seit Geburt, wobei es das eigene „Geborensein“, wie auch die Sterblichkeit, meist erst auf zweifache Nachfrage zugibt.

In Krasse Links No 55 beschreibe ich die Kopfgeburt des Individuums so:

Descartes kleiner Trick war, einfach so zu tun, als gäbe es die Sprache nicht – also diese externe Infrastruktur, mit der er seine Gedanken organisiert und ohne die er nichts wüsste vom „Ich“, vom „Denken“ und vom „Sein“. Das ermöglicht ihm, sein Denken („Res Cogitans“) von „dem Außen“ („Res Extensa“) abzutrennen und damit den Widerspruch von Geist (Vernunft/Intellekt) und Welt zu behaupten.

Dadurch wurde auch die Illusion des infrastrukturfreien Sehens möglich, der Blick von nirgendwo, der objektive Blick, der – wie wir alle wissen – der einzig vernünftige Blick ist.

Der Descartes-Trick funktioniert für alle Infrastruktur, denn genau betrachtet ist nicht nur unser Denken, sondern auch unser Handeln immer infrastrukturvermittelt. Wir können nicht denken oder tun, was wir wollen – nicht mal wollen, was wir wollen – denn wir sind immer an einem ganz konkreten Punkt in der Welt mit ganz konkreten, materiellen und semantischen Pfadgelegenheiten, die uns zu einem konkreten Zeitpunkt zur Verfügung stehen.

Aber indem wir die Infrastruktur verdrängen (jedenfalls bis sie kaputt geht), können wir uns die Agency selbst zuschreiben. Unserem individuellen Ich können wir dadurch „Fleiß“, „Intelligenz“, „Geschmack“ und „Freiheit“ attestieren, ganz besonders wenn wir mit 200 Sachen auf der Autobahn an den Losern vorbeirasen.

Diese Selbstzuschreibung von Agency war nützlich, unter anderem im Kolonialismus, wo man die eigenen Infrastrukturen erfolgreich gegen andere Völker wendete. Die Genozide wurden schon damals mit der eigenen „Zivilisiertheit“ gerechtfertigt und der nun mal überlegenen europäischen „Vernunft“, was aber eigentlich nur meinte: infrastrukturvermittelte Agency. Aus dieser Erlaubnisstruktur ergibt sich der Koloniale Blick: eine implizite Hierarchie der Völker entlang ihres „Entwicklungsgrades“, die bis heute in allen unseren Debatten spukt.

Das Individuum ist auch Grundlage unseres Blicks auf die eigene Gesellschaft. Statt Menschen zu sehen, die jeweils versuchen, in den ihnen zur Verfügung stehenden Infrastrukturen zu überleben, haben wir die Gesellschaft als „Markt der Individuen“ imaginiert, in der dein Platz in der Welt, deiner „individuellen Leistung“ und damit über Bande auch deiner „Intelligenz“ entspricht.

Wenn Du den goldenen Löffel im Mund für eine Ausbildung an einer Elite-Universität eingetauscht und mit dem erworbenen Wissen und den Kontakten von Papa ein erfolgreiches Start-Up gegründet hast, dann bist Du „deines Glückes Schmied“. Wenn du in Gaza aufgewachsen bist, in der dritten Generation vertrieben in den Ruinen Deines Hauses sitzt und Israel am liebsten abschaffen willst, bist du ein Antisemit und kannst weg.

Wie gesagt, das ist alles logisch und richtig so und dass die Super-Individuuen aus dem Silicon Valley mit ihren milliardenschweren aber völlig verdrängten Infrastrukturen gerade die Demokratie abräumen, liegt nicht daran, dass sie an ihrer eigenen Super-Individualität durchgeknallt sind, sondern das ist ein wichtiger Schritt zur nächsten Stufe menschlicher Zivilisation: AGI – die Vernunft in der Flasche. Das letzte Individuum.

Ich hänge immer alles so der an Descartes auf, aber natürlich weiß ich, dass die Geschichte komplexer ist, aber auch lustiger. Das Individuum entstand eigentlich als „Juristische Person“ im späten Mittelalter. Eine „legale Fiktion“ einer „Annahme von Urteilskraft“ und „freien Willen“, die die Pfadgelegenheit des „rechtskräftigen Vertrags“ ermöglichte, dazu eine Art Eigentumsrecht an sich selbst, bzw. seinen Körper (hence: Marx‘ doppelte Freiheit des Arbeiters). Ja, die Karriere des Individuums begann als infrastruktureller Ur-Grundbaustein, der sich bildenden kapitalistischen Ordnung. Descartes ist auch nur ein Dividuum, das als Jurist den Vibe seiner Zeit eben durch die Paragraphen der Gesetzbücher aufschnappte und restrukturierte.

Aber Descartes liefert mit seiner „Cartesianischen Meditation“ nicht nur die philosophische Erlaubnisstruktur des „Individuums“ und damit der Grundlage des kapitalistischen Systems, sondern ahmt dabei gleichzeitig die Geste vor, die ihm immer mehr Dividuen nachmachen sollten, im Versuch, Individuum zu werden. Er verleugnete seine Eingebundenheit in die Welt, indem er seine geerbte und über einen langen Prozess eingeübte Unterscheidungs-Infrastruktur einfach seinem eigenen „Res Cogitans“ zuschrieb, um eine Abgeschlossenheit zu behaupten, die nicht existiert. (Nebenbei ist das auch der ursprüngliche „geistige Diebstahl“, auf dem der geistige Diebstahl des „Urheberrechts“ basiert, aber das führt hier zu weit.)

Infrastrukturvergessenheit ist seitdem bei uns eine anerzogene Haltung, die pfadabhängiger Teil eines implizit herrschaftlichen Blicks auf die Welt ist. Descartes Unterscheidung von „Res Cogitans“ und „Res Extensa“ war rückblickend eine verheerende Pfadentscheidung im westlichen Denken, die uns allen die Sicht auf die Gesellschaft verstellt und die uns gerade in Form der Broligarchie und ihrem Gefasel von „AGI“ um die Ohren fliegt.

„Frühe Pfadentscheidungen strukturieren die späteren vor“, das ist nichts Neues, tausendfach erlebt, tausendfach beschrieben und das ist ja wirklich auch kein Hexenwerk, das zu verstehen, sogar als Individuum.

Aber es wichtig zu finden, es als relevanten Vektor bei den Beobachtungen der Welt mitlaufen zu lassen, und zur Grundlage eigener Entscheidungen zu machen, ist etwas, das dem Individuum schon aus seiner Selbsterzählung heraus schwer fällt. Das Individuum redet nicht gerne über Abhängigkeiten.

Ich behaupte: das fällt dem Dividuum leichter, allein schon weil das Wort „Pfadgelegenheit“ jeder sogenannten „Handlung“ die Bürde des Pfades aufzwingt. Wenn jede meiner Entscheidung Teil eines Pfades ist, dann passiert keine Handlung ohne Vorgeschichte und, noch wichtiger, keine Handlung bleibt ohne Konsequenzen.

Und fängt man an, sich und seine Welt so zu erzählen, also anders zu sehen, mit andern Unterscheidungen, dann bekommt man mit der Zeit ein Orientierungswissen aus differenzierten und zu Erwartungen geronnenen Erfahrungen. Ein „Gefühl“ für Dimensionen, Dynamiken, Flüssen und Kritikalitäten in den Pfadabhängigkeiten unseres gemeinsamen Seins. Wobei das andere „Sehen“ nicht wirklich ein kognitives „Aufnehmen“ oder „Verstehen“ ist, sondern eine Art zusätzlicher, im idealfall mit eigenen Schmerzerfahrung beschwerter „Sensor“ für die Welt, der der Perspektive „im Netzwerk Sein„, als zusätzliche Dimension hinzufügt und Semantiken wie „Techfaschismus“ und „Klimakatastrophe“ zu emotional-plastischen Ungetümen aus antizipiertem Schmerz inszeniert. Ist nicht schön, tbh.

7. Die Erwartungen der anderen/des Anderen. Natürlich haben ständig Menschen um uns herum Erwartungen an uns und einen nicht geringen Teil unserer Zeit, verbringen wir damit, Erwartungen anderer gerecht zu werden.

Aber die Erwartungen der anderen modifizieren unsere Perspektive auch auf andere Art. Ludwig Wittgenstein kam bei seinem Nachdenken über Sprache letztlich zu zwei wichtigen Schlüssen: Wofür wir keine Semantiken haben, darüber können wir nicht sprechen. Und die Einsicht, dass es keine Privatsprache geben kann. Sprache können wir nur gemeinsam erschaffen.

Der Grund dafür – und Wittgenstein ist da sehr explizit – ist, weil wir uns selbst keine Gesetze auferlegen können. Also wir können das schon versuchen, so Wittgenstein, aber wir brauchen eine externe Instanz, die uns materiell Grenzen setzt. Die materiell „Nein“ zu uns sagt. Im Grunde hat Wittgenstein das Dividuum entdeckt.

Weil wir keine Individuen sind, die „autonom“, also Selbstgesetzgebend sind, sondern Dividuen, die sich gegenseitig outcallen, führen wir beim Handeln und Sprechen immer den Blick des Anderen bei uns, wie einen Passierschein.

Der Blick des Anderen wurde oft „Gewissen“ genannt, bei Sigmund Freud ist es das „Überich“ und in meinem Newsletter verweise ich auf den Blick des anderen meist als Erlaubnisstruktur.

Wie das Dividuum diesen Blick des Anderen konstruiert, ist natürlich sehr unterschiedlich. Für manche ist es vor allem nach wie vor Gott, für manche mehr der strenge Vater, für andere Romanfiguren, aber ich denke heute in unserer modernen Welt ist dieser „Blick des Anderen“ meist ein wilder Mix aus sich überlagernden Perspektiven unterschiedlicher Communities, Autoritäten, Freundschaften und sonstigen Loyalitäten. Ein aggregierter Blick all derer, denen man sich verpflichtet fühlt.

Unsere Erlaubnisstrukturen sind natürlich verkoppelt mit den Pfadabhängigkeiten, denn die Erwartungen derjenigen, von denen wir abhängig sind, können wir nicht ignorieren. Deswegen konzentriert Macht immer auch Aufmerksamkeit.

8. Emotion/Empathie. In Krasse Links No 74 kam ich mit Hilfe des Biologen Nicholas Humphrey darauf, wie Pfadgelegenheit und Emotion zusammenhängen:

Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionären Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Emotion ist inszenierter Reiz und sie ist gleichzeitig die Proto-Semantik, von der alle Semantik stammt. Und das heißt, das alles, was wir tun, alles, was wir sagen, nicht nur durch unseren Ort, sondern auch durch Emotion „gegrounded“ ist. Und weil aber Emotion immer schon eine Inszenierung, d.h. eine Iteration als Wiederholung in der Differenz ist, ist sie immer schon semantisch. Deswegen reicht es, Körperhaltungen, oder die Angst in Gesichtern zu sehen, um Schmerzen in uns auszulösen. Empathie bedeutet, den Schmerz oder den Genuss des Anderen in uns selbst inszenieren.

Die jeweilige emotionale Groundingslandschaft ist natürlich dividuell extrem verschieden, denn wir alle haben unterschiedliche Schmerz- und Genusserfahrungen gemacht, die uns unterschiedlich fähig machen, sich mit dem Schmerz anderer zu verbinden. Und je nachdem, in welcher emotionalen Groundings-Landschaft man lebt, verändert das die Perspektive auf die Welt durch den „Klang“ aller Unterscheidungen.

Das Wort „Krieg“ klingt in den Ohren von jemandem, der in einem lebt, anders, als in meinem und das Wort „Klimakatastrophe“ klingt nicht so, wie es klingen sollte, wie ich mal in Krasse Links No 29 feststellte.

Mein Doktorvater Bernhard Pörksen sagte mal zu mir: „Realität ist das, was noch da ist, wenn du nicht dran glaubst“, was ich auf Anhieb schlüssig fand. Aber wenn man das zu Ende denkt, bedeutet das: Realität ist Schmerz. Schwerkraft ist nicht „wahr“, weil Newtons Formeln stimmen, sondern weil hinfallen weh tut.

Schmerz ist auch der Antrieb für diesen Newsletter. Ich habe mir am Netzwerk den Kopf gestoßen und seitdem verarbeite ich diese Erfahrung zu einer anderen Sicht auf die Welt.

Der Klimawandel ist wie das Netzwerk ein Hyperobjekt, und meine These zu Hyperobjekten ist, dass sie Dimensionen von Realität sind, zu denen uns noch der passende Schmerz fehlt. Deswegen hat dieser Clip wahrscheinlich mehr zum allgemeinen Verständnis des Klimawandels beigetragen als der letzte IPCC-Bericht.

Abstrakte Semantiken ohne Schmerz sind Hyperobjekte. Wir können sie „intellektuell“ verstehen, aber wir fühlen sie nicht und deswegen fällt es uns schwer, sie zu fürchten. Das wissen um Gefahren bleibt leicht wie eine Feder und die Sorge darum optional.

Semantiken wie „Faschismus“ sind auch abstrakt, aber das (integenerationale) Trauma der tatsächlichen Faschismus-Iterationen klingt körperlich mit. „Faschismus“ ist ein schwerer Begriff.

In die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins formulierte Milan Kundera den Zusammenhang so:

Schwere, Notwendigkeit und Wert sind drei eng zusammenhängende Begriffe: nur das Notwendige ist schwer, nur was wiegt, hat Wert

9. Aufmerksamkeit. Jedes Dividuum hat nur eine begrenzte Aufmerksamkeit und das bedeutet, dass jede Perspektive gleichzeitig ein Fokus ist, der anderes Ausschließt.

Die Perspektive beginnt mit der Unterscheidung und die Unterscheidung ist gleichzeitig die Fokussetzung auf eine der Seiten, der Unterscheidung. Aufmerksamkeit ist das zeitliche Grounding der Perspektive.

Jede Pfadgelegenheit erfordert ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, auch wenn uns mit der Zeit viele Dinge in „Fleisch und Blut“ übergehen. Viele Tätigkeiten, spezielle wiederkehrende Tasks werden durch Übung „naturalisiert“, so dass sie ohne eigens mobilisierten Planungsaufwand durchgeführt werden können.

Aufmerksamkeit plus Planung ist gewisser maßen der „System 2“-Mode von Daniel Kahnemann, aber viel bescheidener: als der Fokus auf die aktuell relevanten Unterscheidungen einer Perspektive, im Kontext eines Pfads.

Aufmerksamkeit ist knapp und überall gefragt: Ein Gutteil ihres Lohns bekommen produktiv Arbeitende für ihre Aufmerksamkeit. Die Werbeindustrie hat aus Aufmerksamkeit ein Trillion-Dollar Business gemacht. Aufmerksamkeit ist eine Währung. In Krasse Links No 38 schrieb ich:

Das Paper, das den Transformeransatz, der heute alle generativen KIs antreibt, der Welt vorstellte, hieß literally: „Attention is All you need“ und das denke ich mir auch immer wieder, wenn ich meinen Hund streichel. Der körperlichen Kontakt ist wichtig, doch das Streicheln ist nur Medium einer noch wichtigere Ressource: Aufmerksamkeit.

Dass Aufmerksamkeit eine knappe Ressource ist, um die ein ökonomischer Kampf geführt wird, hatte bereits Georg Franck formuliert, aber Aufmerksamkeit ist auch die grundlegenste Infrastruktur all unserer sozialen Beziehungen. Aufmerksamkeit ist die Währung jedes dividuellen In-Beziehung-Tretens und jede Beziehung erfordert ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. In einer soliden Beziehung ist man wechselseitig über beide Ohren in Aufmerksamkeit verschuldet.

Aufmerksamkeit macht, dass wir uns als ein „Gegenüber“ spüren. Aufmerksamkeit ist Anerkennung – zumindest der eigenen Existenz. Die Suche nach Aufmerksamkeit, egal ob privat, oder öffentlich, ist deswegen immer auch ein wichtiger Teil unserer Motivation.

10. Motivation ist das Orientierungsschema der Pfadselektion und das ist „messy“, denn alle bisher genannten Faktoren der Perspektive – die Suche nach Aufmerksamkeit, die Erlaubnisstrukturen, die Emotionen, die Pfadgelegenheiten, die Eindrücke, usw. spielen hier natürlich immer mit rein, aber dennoch lassen sich einige davon unabhängige, populäre Motivationsschema isolieren und betrachten.

Das Individuum zum Beispiel strebt oft nach „Individualität/Authentizität“, wobei die „Individualitäten“, die sich die Individuen einreden, nur heterogene Pfadgelegenheiten in einer größtenteils nur oberflächlich pluralistischen Pfadgelegenheitslandschaft sind. Daraus ergibt sich ein „Lockstep Individualismus“, ein Konzept, das der Linguist Adam Aleksic aus Krasse Links No 29 anhand von männlicher Namensgebung erklärt.

In diesem Video beschreibt er das Phänomen, dass Jungennamen in den USA immer häufiger mit „n“ enden und dieser Trend zur Uniformität lässt sich paradoxer auf einen Abgrenzungswillen zurückführen. Es wurden ganz viele neue Namen kreiert, aber meist welche, die auf „n“ enden, weil das irgendwie „low key“ männlich wahrgenommen wird. Das führte zu mehr Männern mit „n“ am Namensende, was den Eindruck verstärkte, etc. Network effects all over again.

Jedenfalls nennt man das wohl „Lockstep Individualism“ und ich musste herzlich lachen, aber dann fragte ich mich: gibt es einen Individualismus, der nicht lockstep ist? Ist nicht jede Abgrenzungsgeste bereits im lockstep mit all den anderen Abgrenzungsprojekten? Ist lockstep-Abgrenzung nicht auch irgendwie unser Thing?

Das, was Philosoph*innen seit Platon und Aristotelis, über Walter Benjamin zu René Girard als „Memisis“ identifizieren, ist einfach ein Effekt unseres Pfadopportunismus im Zusammenspiel mit unserer dividuellen Subjektivierung. Das äußert sich natürlich beim Kleinkind deutlicher, also in einer Phase wo man noch keine Infrastrukturen hat und nach allen beobachten Pfadgelegenheiten greift. Jedenfalls mehr als heute, wo sich unser Pfadopportunismus als „Lockstep-Individualismus“, der eigentlich einfach ein Dividualismus ist, in Form von Moden, Trends, Memes, Subkulturen, „Bürgerlichkeit“, oder der „Öffentlichen Meinung“ aggregiert.

Während die Motivation des Individuums also oft mit „Nutzenmaximierung“ beschrieben wird, ist die Motivation des Dividuums am einfachsten mit Will Storr, als „to get ahead und to get along“ umschrieben, also: Weiterkommen und Auskommen. Nur legen manche mehr Wert auf getting ahead und andere mehr auf getting along?

Dieses Navigationsschema führt bedauerlicherweise zu einem notwendigen Pfadopportunismus. Die Welt ist eng, das Leben kurz, man muss die Pfade nehmen, wie sie sich einem bieten, wobei die allgemeine Plausibilität eines Pfades in der Gesellschaft eine entscheidende Rolle spielt. Und ist man auf einem Pfad, werden die Kosten immer größer, die ein Exit bedeuten würde und so lässt man sich leiten, wie auf Schienen.

Hier ist die Schwierigkeit: Es braucht immer ein aktives „Nein“, um einen Pfad zu verlassen und dieses „Nein“ muss die Kosten der Pfadabweichung immer mit einpreisen. Deswegen gelingt das „Nein“ nur, wenn das Dividuum es schafft, einen alternativen Pfad emotional zu inszenieren, also zu imaginieren und ihn dem aktuellen Pfad vorzuziehen. Doch selbst wenn das gelingt: an den Schmerzen führt kein Weg drumrum.

11. Geschichte. Wie auch jedes Individuum, erzählen sich auch Dividuen, jedenfalls sofern sie subjektivieren. Aber während das Individuum sich als Protagonist seiner Welt erzählt, erzählt sich das Dividuum eher als höflicher Pfadopportunist. Als Überlebender in einer Welt mit anderen Überlebenden (siehe dazu Anna Tsing, The Mushroom at the End of the World), auf der Suche nach Frieden und Sicherheit.

Weil sich die Welt ständig in das Dividuum eindrückt, verändert sie ständig auch seine Perspektive und Pfadgelegenheiten und ein Großteil seiner Zeit verbringt das Dividuum damit, Abhängigkeiten zu verlagern und neue Pfadgelegenheiten zu suchen, um verschwundende Pfadgelegenheiten durch andere und schlechte Pfadgelegenheiten durch bessere zu ersetzen, etc. Das heißt, das Leben des Dividuums ist meistens gar nicht so spannend und selten heldenhaft, aber erstens braucht es Geschichte, um zu planen, denn ohne Geschichte, ohne einen Ausgangspunkt und einen Pfad, kann man sich nicht in die Zukunft entwerfen. Der zweite Grund ist, dass sich das Divdiuum ohne die eigene Geschichte nicht von der Welt und vor allem den Erwartungen der anderen abgrenzen kann. Die eigene Geschichte ist immer eine Abgrenzungsgeschichte. Jede Geschichte ist anders, aber die Eckpunkte jeder Geschichte bestehen aus den Momenten, wo sind wir von den Erwartungen der anderen abgewichen sind, ob freiwillig oder unfreiwillig.

Die Geschichte reguliert das Handeln über den Blick des Anderen: Bei jeder Pfadgelegenheit, die wir nehmen, fragen wir uns, ob der Andere sie uns erlauben würde, was im Endeffekt heißt: Ob er die Geschichte kaufen würde, die wir uns selbst auftischen. Das ist der Mechanismus, der uns „ehrlich“ hält.

Geschichte und Geschichten beginnen immer dann, wenn von einer Erwartung abgewichen wird, weil sie erst durch Erwartungsabweichung notwendig wird und oft überzeugt die Geschichte nicht alle.

12. Pfadgelegenheits-Turing-Maschine. Bisher ist die Perspektive statisch, doch das ändert sich, wenn wir die Interdependenzen betrachten, die zwischen der Perspektive, der Infrastruktur (Pfadabhängigkeiten) und der projizierten Handlung (δ) existiert, die die Perspektive vorantreibt, den Ort in Geschichte verwandelt und die Geschichte zum nächsten Ort macht.

Im Pfadgelegenheits-Explainer führe ich die Pfadgelegenheits-Turing-Maschine so ein.

Aber hier ist der Trick: die ständige neu erzeugte Spannung zwischen den interdependenten Vektoren Perspektive, projizierte Handlung und Infrastruktur, treibt die Maschine voran.

Hier wie es doch eigentlich läuft: Die vorhandenen Infrastrukturen machen aus einer bestimmten Perspektive die projizierte Handlung einer Pfadgelegenheit plausibel, die, sobald sie genommen wurde, Teil der pfadabhängigen Infrastruktur wird, was wiederum die Perspektive um eine Pfadgelegenheit weiterschiebt, damit sie die nächste Pfadgelegenheit anvisieren kann.

Stellen wir uns vor, es ist Sommer und ihr wollt einen Sommerausflug nach München machen, denn Sommerausflüge nach München sind schön. Dafür muss man aber unterschiedliche pfadabhängige Pfadgelegegenheiten wahrnehmen, etwa „Ticket kaufen“.

Wir können uns das so vorstellen: Die Pfadgelegenheit „Ausflug nach München“ rückt die Pfadgelegenheit „Zugfahren“ in unsere Perspektive, die wiederum die Perspektive auf „Tickets Buchen“ verschiebt. Ist die bis dahin projizierte Handlung: „Tickets Buchen“ vollzogen, wandern die Tickets in die Infrastruktur und bereiten damit die Pfadgelegenheit des nächsten Schritts vor. Die Veränderung der Infrastruktur wiederum verschiebt die Perspektive, nämlich unter anderem, um eine Pfadgelegenheit weiter. Zu, z.B. Termin in den Kalender eintragen, Hotel buchen, oder zum Bahnhof kommen und dann geht der Spaß geht von vorn los. Und so kommt man Zug um Zug zum Zug und schließlich nach München.

P (Perspektive)
I (Infrastruktur)
δ (Handlung)

δ : (Pt, It​) → (Pt+1​, It+1​)

Pt: „Tickets Buchen“ (aktueller Fokus)
It: Bahnwebsite, BahnInfrastruktur, Kreditkarte, Erwartungen

δ: Ausführung der Buchung

Pt+1: „zum Bahnhof kommen“, neues Perspektivfeld.
It+1: Bisherige Infrastruktur + Tickets

Mit der Pfadgelegenheits-Turing-Maschine wird der dividuelle Perspektiv-Entwurf dynamisch.

Nimmt das Dividuum eine Pfadgelegenheit, wird der Plan aktualisiert und shiftet einen Task weiter und aus dem vorherigen Ort mit seinen Pfadgelegenheiten wird pfadabhängige Geschichte/Infrastruktur. Die Perspektive rückt ebenfalls vor, so dass aus „Geschichte“ wiederum der neue Ort wird, von dem aus das Dividuum handelt und spricht.

Beobachtungen: Das Dividuum in seiner Welt

Weil alle Dividuen überlappende materielle und semantische Welten bewohnen, ergeben sich darin Topologien: Verdichtungen, Erhebungen, Muster, Hubs, Cluster, Barrieren, Flüsse, Staus, Infarkte, Formationen, Abkürzungen, Highways oder Backbones und Netzwerkzentralitäten und ihre Provinzen. In der Beschreibung des Netzwerks der Pfadgelegenheiten können wir viel über die Gesellschaft erfahren.

Hier ein paar nützliche Datenpunkte, die ich im Newsletter über die Zeit über das Dividuum und seinen Weltbezug trianguliert habe:

  • KL29: Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, ist Öffentlichkeit ein Klangkörper, den wir alle miteinander bespielen.
  • KL30: Weil wir nicht einfach gewalttätige Individuen sind, sondern Dividuen, die einander Gewalt erlauben (siehe auch Milgram), kommt jede Gewalt mit ihrer Erlaubnisstruktur.
  • KL31: Weil wir keine generalisierenden Individuen sind, sondern Dividuen die gemeinsam an einer sozialen Skulptur arbeiten, die wir wechselseitig als „Wirklichkeit“ beglaubigen, verwenden wir einander als Erlaubnisstruktur für unsere Generalisierungen.
  • KL34: Weil wir keine Individuen sind, deren „Mind“ über psychologische Stimuli „manipulierbar“ ist, sondern Dividuen, die sich aneinander orientieren, funktioniert echte Manipulation nicht als Operation am Individuum, sondern über Modifikation der Öffentlichkeit.
  • KL35: Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die ihre Beobachtungen dazu nutzen, aufgeschnappte Erzählungen zu plausibilisieren, tragen Milliarden Schmerzerinnerungen als verteilte Privatempirie die Thesen der Rogannomics.
  • KL39: Weil Silicon Valley Oligarchen keine ruchlosen Individuen sind, sondern Dividuen, die sich die Ruchlosigkeit voneinander abgucken, borgt sich Mark Zuckerberg die männlich-hegemoniale Erlaubnisstruktur von Elon Musk, wie Ryan Broderick aufzeigt.
  • KL40: Weil wir keine Individuen sind, die sich einfach entschließen können, die Matrix zu verlassen, sondern Pfadopportunisten, die immer nur den plausiblen Pfaden folgen, die sie vor sich sehen, brauchen wir Infrastruktur, um der Matrix zu entfliehen.
  • KL41: Weil wir keine Individuen sind, die mit „kognitiven Verzerrungen“ ihres eigentlich „objektiv-rationalen“ Denkapparates kämpfen, sondern dividuelle Pfadopportunisten, die einander auf Deutungspfaden folgen, bleiben wir auf die Deutungsangebote angewiesen, die uns materiell, semantisch und sozial zugänglich sind.
  • KL53: Weil wir keine Individuen sind, die einfach „verdrängen“, sondern Dividuen, die sich über ihre Verdrängungserzählungen zu semantischen Verdrängungsgemeinschaften verbinden, basieren die meisten echten Verschwörungen auf Groupthink.
  • KL60: Weil wir keine Individuen sind, die Entscheidungen im luftleeren Raum unseres „Minds“ fällen, sondern Dividuen deren Verbindungen die Entstehung von anderen Verbindungen beeinflussen, sind wir in jeder Lebenslage Netzwerkeffekten ausgesetzt.
  • KL62: Weil wir keine Individuen sind, die ihre Überzeugungen aus ihrem Inneren schöpfen, sondern Dividuen, die ihre Überzeugungen aus den Überzeugungen von anderen triangulieren, verändert es unseren Orientierungssinn, wenn wir „normale Menschen“ in der Öffentlichkeit dumme Dinge sagen hören.
  • KL62: Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, akkumuliert sich unsere Aufmerksamkeiten dort, wo wir die Aufmerksamkeit anderer erwarten.
  • KL63: Weil wir keine Individuen sind, die einfach Sinn in ihrer Arbeit sehen, sondern Dividuen, die sich durch Einsatz ihrer Aufmerksamkeit gegenseitig den Sinn in ihrer Arbeit beglaubigen, schickt uns die Versloppung der Welt in eine Verantwortungslosigkeits-Spirale.
  • KL65: Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander Beobachten, wie sie die Welt beobachten, können wir uns nicht einfach „eigene Gedanken“ machen, sondern sind gefangen in dem jeweils wechselseitig beglaubigten semantischen Raum, den wir „Wirklichkeit“ nennen.
  • KL68: Weil wir keine Individuen sind, die entweder egoistisch oder solidarisch sind, sondern Dividuen, die einander beim egoistisch oder solidarisch sein zuschauen, und daraus ihre Schlüsse für ihre Strategie ziehen, hat Trump eine Möglichkeit gefunden, die halbe gesellschaftliche Elite der USA – immer einen nach dem anderen – in die Knie zu zwingen.

Alles was das Dividuum „kann“, „ist“ oder „hat“ ist entweder aus seiner ständigen Anpassungsleitung an die Umwelt entstanden, oder aus der Anpassungsleistung der Umwelt an seine Pfadbedürfnisse. Das Dividuum ist gleichzeitig Medium von Strukturen und Strukturgenerator (Pfadgelegenheiten vorausgesetzt).

Doch hier ist das Problem: Sobald wir Fragen, was das Dividuum „ist“, d.h. woraus es besteht, wie es abgegrenzt ist, wie es aufgebaut ist, usw., stellen wir es uns schon falsch vor.

Das Dividuum und seine Pfadgelegenheiten ist der oder das Andere, bei Levinas. Wir sind aufgefordert, uns in das Dividuum hineinzuversetzen, ihm gastfreundschaftlich statt zu geben, aber wir werden niemals alle seine Netzwerke kennen und selbst wenn. Das Dividuum ist niemals abgeschlossen und auch apriori unabschließbar, denn seine Pfadgelegenheiten sind für die Zukunft offen. Das Dividuum ist das Andere in uns, die unabschließbare Differenz unseres eigenen Handlungspotenzials – das Unverfügbare, das sich nicht messen, nicht besitzen, nicht zentralisieren lässt. Jedenfalls nie vollständig.

Genau deswegen ist das Dividuum ein antifaschistischer Subjektentwurf. Aber wie das bei linken Projekten immer so ist: Es ist leider ein unvollständiger Subjektentwurf. Es ist quasi das Individuum als entkernte Ruine und ohne seine Agency.

An einer anderen Stelle schreibt Deleuze im Postskriptum:

Weder zur Furcht, noch zur Hoffnung besteht Grund, sondern nur dazu, neue Waffen zu suchen.

Das Dividuum allein ist noch keine Waffe. Damit das Dividuum handlungsfähig wird, braucht es eine oder mehrere Pfadgelegenheiten. Erst mit der (semantischen) Pfadgelegenheit zusammen, vervollständigt sich der alternative Subjektentwurf.