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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Hebel:Fulcrums-Mechanik. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Das „Fulcrum“ ist zunächst einmal der „Dreh und Angelpunkt“ an dem ein Hebel ansetzt. Der sogenannte „Archimedische Punkt“.
Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet sowas wie „Bettpfosten“, bezeichnet nebenbei also auch eine unscheinbare Infrastruktur, die uns durch den Schlaf trägt.
Doch das Fulcrum trägt uns auch durchs Leben. Jeder Hebel, den wir bedienen, hat ein Fulcrum, das ihn funktional, sicher und erwartbar macht und gleichzeitig ist das Fulcrum immer schon das implizit Erwartete, Verdrängte und Externalisierte des Hebelns.
Wie schon die Pfadgelegenheit holt uns das Fulcrum aus dem gewohnten Denken in „isolierten Handlungen“ und „isolierten Objekten“ heraus und bietet semantische Pfadalternativen für eine anwenderorientierte, d.h. menschliche Perspektive auf die Welt.
Das Fulcrum zwingt uns, jede Handlung als Relation zu betrachten: als Bedienung eines Hebels, der an ein Fulcrum gekoppelt ist. Damit macht das Fulcrum unsichtbare Abhängigkeiten sichtbar – jene infrastrukturellen Voraussetzungen, aus denen unsere Hebel ihre Kraft schöpfen.
Die systematische Vernachlässigung des Fulcrums – oft institutionalisiert als „Prämisse“, „Externalität“ oder „Ceteris Paribus“ – bildet den blinden Fleck moderner Technik- und Weltnutzung ebenso wie des Kapitalismus und des Individualismus. Fulcrumsvergessenheit ist die kulturell eingeübte Geste, Voraussetzungen als gegeben zu setzen, um Handlung als „autonome Leistung“ des Individuums zu verbuchen.
Das Denken in komplexen Fulcren eröffnet deshalb neue Einsichten selbst in scheinbar ausgekundschafteten Pfaden: Es zeigt, wo Hebel auf unsichtbaren Infrastrukturen ruhen, wo Verschleiß entsteht und wo neue Pfadgelegenheiten verborgen liegen und macht die menschliche Perspektive nicht nur sichtbar, sondern lernt mit ihr zu leben.
Im folgenden will ich nacheinander folgende Thesen aufstellen und begründen:
- Ein Hebel verstärkt eine Handlung, indem er sie an ein Fulcrum anlegt.
- Das Fulcrum ist nicht nur ein Punkt, sondern die gesamte Infrastruktur, die halten muss.
- Hebel und Fulcrum sind daher keine Dinge, sondern Rollen im menschlich-relationalen Interaktionsgefüge.
- Die Stabilität des Fulcrums ist nie gegeben, sondern wird erwartet – jede Hebelhandlung ist eine Wette auf ein Portfolio von Infrastrukturen.
- Erwartungen sind nicht individuell, sondern dividuell auf einander bezogen und „beleihen“ (leveragen) einander als „Erwartungserwartungen“.
- Handlung ist daher keine isolierte Tat eines Subjekts, sondern die Aktivierung eines Hebels in einem erwartungsgetragenen Fulcrum-Geflecht.
- All das lässt sich an unzähligen Beispielen zeigen.
Durch eine semantische Aufräumarbeit hinter Archimedes Hebel-Formel, versuche ich das Fulcrum zu verkomplizieren, um damit eine semantische Infrastruktur zu schaffen, die alle anderen Zusammenhänge vereinfacht.
Dieser Text ist in fünf Abschnitte unterteilt:
- Teil I: Die materielle Hebel/Fulcrum-Relation [->]
- Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio [->]
- Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell [->]
- Teil IV: Hebel/Fulcrum-Relation als soziale Struktur [->]
- Teil V: Einbettung in die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten [->]
Teil I: Die materielle Hebel/Fulcrum-Relation
Der Hebel ist zunächst eine materielle Relation. Ein Hebel ist immer nur ein Hebel für jemanden oder irgendwas und zeichnet sich aus Perspektive eines Anwendenden (Jeder Hebel hat eine Anwenderperspektive) durch seine „Nützlichkeit“ aus.
Das Nützliche am Hebel (und Hebel sind außerordentlich nützlich), ist, dass man – wenn man Hebel und Fulcrum entsprechend positioniert – einen Multiplikationseffekt der eigenen Kraft erfährt. Daher Archimedes Angeberformel:
Gebt mir einen festen Punkt und einen genügend langen Hebel, und ich hebe die Erde aus ihren Angeln.
Aber der Hebel muss nicht nur „genügend lang“, sondern das Fulcrum auch „genügend stabil“ sein?
Die Stabilität des Fulcrums
Als ich neulich meinen Schrank mit einer Latte verschieben wollte, bewegte sich der Schrank zwar ein bisschen, aber auch die Rigipswand, die ich als Fulcrum verwendete, verformte sich und hatte eine Delle.
Gut, dass war sicher meine eigene Dummheit, aber ich behaupte dennoch: auch sonst ist das Fulcrum nie wirklich „stabil“?
Es gibt immer zumindest Verschleiß und selbst wenn ein Fulcrum 100 Jahre hält – kein Fulcrum ist unzerstörbar?
Bei genauerer Betrachtung ist der Schaden an der Rigipswand nicht so schlimm, die Ecke ist an einer stelle etwas abgeplatzt. Besieht man sich die zerstörten Flächen unter dem Mikroskop, ahnt man, welche Kraft darauf einwirkte. An den eingedrückten Stellen und dem heruntergebröselten Gips sieht man dann, dass der Prozess des Fulcrums-Einbruch sich durch eine komplexe Architektur von ineinander verwobenen Mikrostrukturen arbeitete.
Das ist mein Punkt: Jedes Fulcrum ist komplex.
Fulcrumskomplexität
Wir alle kennen Hebel. Archimedes Hebelgesetz haben wir in der Schule gelernt und viele haben schon mal ein Radiergummi auf einem Lineal am Fulcrum eines Buntstiftes durch den Klassenraum katapultiert, haben einen Schraubenschlüssel an standardisierten Fulcren (M1 – M5-Muttern) bedient oder Essen mit Messer und Gabel gelernt, wo sowohl Kraft als auch Fulcrum durch die Fingerhebel gemanaged wird. Und wenn du schon mal Auto gefahren bist, war es die komplexe Hebelstruktur, die wir „Getriebe“ nennen, die die Motorleistung auf die Straße übersetzt hat. Herrje, unsere Arme, Beine und Finger sind Hebel. Wir alle sind Hebelexpert*innen.
Und deswegen wissen wir aus eigener Erfahrung, dass das Fulcrum nie einfach ein Punkt ist, sondern immer eine Kontaktfläche, -Form oder -Zone, die eine mal härtere, mal weichere materielle Struktur hat. Die Ingenieurswissenschaft weiß das auch und denkt den Hebel als „mechanische Kopplung“, in der Dinge wie Material, Verschleiß, sowie ein Verständnis nicht nur für feste, sondern auch für lose, wabbelige, nachgebende, fragile und komplexe Fulcren einen Platz haben. Außerdem für Fulcren, die verrutschen können, oder anders auf nicht-lineare Weise auf die Hebelkraft reagieren, etwa durch plötzlichen Formwechsel oder Verlust struktureller Integrität. Fulcren, die durch ein Phasen-Wechsel in anderen Schwellenzustände übergehen, Fulcren die schwingen, ruckeln, zittern, brechen, oder zwischen Haftreibung und Gleitreibung alterieren, etc.
Und die Ingenieurswissenschaft weiß auch: die Hebelwirkung ist bei dynamischen, komplexen und verformbaren Fulcren nicht weg, aber vermindert, bzw. aufgefächert, verteilt. Hebel und Fulcrum treten in der Realität oft in eine komplexe Beziehung, in der die eingesetzte Kraft sich auf beide ungleich verteilt, sie zueinander verschiebt und das Kräftefeld beim Hebeln neu sortiert.
Doch trotz ihrer Komplexität in der realen Welt, kann man doch für jede Hebel:Fulcrums-Beziehung verallgemeinern:
- je stabiler und steifer das Fulcrum ist, desto direkter und größer die mögliche Kraftübertragung/-Steigerung durch einen entsprechend großen Hebel.
- je größer der Hebel, desto mehr „Stress“ (Last, Erschütterung, Verschleiß) wird auf das Fulcrum pro eingesetzte Kraft übertragen.
Hebel/Fulcrum als Rollen
Was ich im folgenden Zeigen möchte, ist, dass wenn wir das Fulcrum in seiner Komplexität begreifen, wir die Hebel:Fulcrums-Beziehung überall vorfinden und mit diesem Frame analysieren können. Dafür müssen wir nur „Hebel“ und „Fulcrum“ statt als Dinge, als Rollen denken:
Der Hebel ist alles, was eine konkrete Handlung/einen Krafteinsatz (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) überträgt, verstärkt und/oder steuert und das „Fulcrum“ ist die Infrastruktur, an der der Hebel ansetzt/angesetzt wird und gleichzeitig, das, was „halten“ muss und durch eigene „Steifheit“ und „Stabilität“ (Erwartbarkeit) die Kraftübertragung/-Verstärkung erst ermöglicht.
Versteht man Hebel und Fulcrum als Rollen, kann dieselbe Infrastruktur je nach Situation Hebel oder Fulcrum sein und das Fulcrum ist nicht die eine Sache sondern viele Sachen – je nach Situation.
Schauen wir doch mal kurz in den Hebel rein, z.B. in meine unrühmliche Holzlatte. Das Holz der Latte besteht aus ineinander und aneinander verwachsenen Holzfasern, die einander Stabilität verleihen, oder übersetzt: sich während der Hebelaktion wechselseitig als Fulcrum dienen und so die vermittelte Kraft als Zugspannung wie einen Strom von Faser zu Faser weiterleiten.
„Mechanik“ ist die Wissenschaft der einander bedienenden Hebel.
Das Fulcrum ist eben nie nur die Stabilität des „Fulcrums“ selbst, sondern auch die des Hebels (der darf ja auch nicht brechen darf), aber auch z.B. von Archimedes Rücken, wenn er den Hebel bedient. Auch die Tatsache, dass Archimedes frei in seiner Handlung ist, dass er zwei Arme hat, dass er einen passenden Hebel und ein passendes Fulcrum gefunden hat und dass die Schwerkraft gilt, gehört dazu. Wir verstehen das Fulcrum auch als die Gesamtheit der infrastrukturellen Vorbedingungen der Hebelaktion.
Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio
Verlassen wir die direkt materielle Hebel-Fulctrums-Relation und begeben wir uns ins Virtuelle, in das Netzwerk der Erwartungen. Das Netzwerk der Erwartungen ist gewissermaßen der Layer der die Dividuumsperspektive mit der materiellen Realität verknüpft – mal besser, mal schlechter – aber immer mit materiellen Auswirkungen in der Realität.
Die Wette
Archimedes verschwendet da nicht groß Worte darauf, aber sein ganzer Versuchsaufbau basiert auf der Annahme, dass das Fulcrum „hält“.
Doch, dass etwas „hält“ ist keine physikalische oder sonstwie naturwissenschaftliche Größe, sondern eine von Archimedes implizit formulierte „Erwartung“.
Ich will ihm hier keinen Strick draus drehen, denn eine ähnliche „Erwartung“ hatte ich auch beim Hebeln an meiner Rigipswand, denn grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass das Fulcrum hält? Schlauer sind wir immer erst hinterher.
Und es mag ja sein, dass Archimedes sein Fulcrum sorgfältiger ausgewählt hat, als ich, aber ich bestehe darauf, dass auch seine Hebelaktion eine „Wette auf das Fulcrum“ war, denn jede Hebelbenutzung ist eine Wette, selbst, wenn man sich sicher ist, sie zu gewinnen.
Ich habe aufgehört, an „Kausalität“ zu glauben, oder zumindest glaube ich, der Begriff beschreibt keinen „ontologischen“ Zusammenhang in der materiellen Welt, sondern ist eher ein Maßstab für unserer Erwartungsstabilität für eine bestimmte Situation, genauer: eine grobe Heuristik für alle Übergangswahrscheinlichkeiten ab ca. 99,99 Prozent oder so.
Weil wir es mit Übergangswahrscheinlichkeiten zu tun haben, haben wir es mit Wetten zu tun und ach wenn Wetten in 99,999 Prozent gewonnen werden, bleibt das 0,001 Prozent, dass dir die alles vermasseln kann. Dennoch wirst du die Chance ergreifen, denn Hebel sind oft wichtig oder mindestens nützlich.
Wenn wir also sagen: Das Fulcrum „hält“, „beleihen“ wir das konkrete materielle Fulcrum mit einer Erwartung. Diese Erwartung ist somit ein „Asset“ in das wir investieren, sobald wir einen Hebel betätigen und dieses Asset ist wichtig, denn meist benutzen wir Hebel nicht nur einmal.
Das Portfolio
Nehmen wir an, Archimedes nutzt einen knackharten und megastabilen Stein als Fulcrum, dann wird die Stabilität des Fulcrums nicht nur von dem Stein selbst organisiert, sondern vom Untergrund, auf dem er liegt, bzw. er ist dort auf die eine oder andere Weise arretiert und dieser Untergrund basiert wiederum auf Erdschichten, die auf Gesteinsschichten basieren, die zusammen die Erdanziehung organisieren und so weiter und so fort.
Die Stabilität all dessen wird „erwartet“, ohne dass Archimedes sich in diesem Moment über jedes Detail bewusst wäre. Denkt man das Fulcrum komplex, dann ist das Fulcrum nicht nur eine Wette, sondern es eine Wette auf Wetten auf Wetten auf Wetten, etc.
Die Stabilitätserwartung der Hebelbedienung stellt sich als ein Portfolio von Wetten/Assets heraus.
Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass die Erdanziehung oder die Gesteinsschichten oder die Erdschichten sich plötzlich ändert, weswegen unser Fokus auf dem Stein liegt. Die Erwartung, dass die Schwerkraft anhält zu funktionieren, ist uns nicht als solche bewusst, so wie mir beim Schreiben dieser Zeilen nie völlig bewusst ist/bewusst sein kann, wie viel Infrastruktur „funktionieren“ muss, damit sie von meinen Fingern in die Tastatur, in den Prozessor, in das Kabel, durch das Internet, auf meinen Server, in mein WordPress und von dort in eure Augen gelangt. Weil all diese Pfade Hebel sind, die sich gegenseitig in bedienen, basiert meine einfache „Handlung“ des Schreibens auf einem ausufernden Portfolio unbewusster Wetten.
In der Technikgeschichte können wir nachlesen, wie es dazu kommen konnte. Man kann sie runterdampfen auf: Auf funktionierende Hebeln werden gern weitere Hebel gebaut, die die ersten Hebel als Fulcrum nutzen. Das Resultat ist der vielgestaltige Fuhrpark von Hebeln, Hebelstrukturen und -Aggregaten, in dessen Fulcren wir leben und arbeiten.
Anders als noch bei Archimedes basieren all unsere Hebel auf tausenden, manchmal Millionen, heute oft Milliarden mehr oder weniger speziell hergestellten, teils filigranen Hebeln und das bedeutet, dass sich jede unserer Hebelaktionen bei einem pfadabhängigen Strauß voller Fulcren verschuldet, die wir ständig als Assets im Erwartungsportfolio führen, wenn wir handeln.
Crash
Und wie die materiellen Infrastrukturen selbst, sind diese Wetten auf Wetten pfadabhängig von einander. Bricht ein Fulcrum, irgendwo ganz tief im Getriebe, brechen alle pfadabhängigen Hebel und damit auch alle pfadabhängigen Erwartungen. Fällt der Strom aus, ist nicht nur der Rechner tot, sondern auch das Licht, der Kühlschrank, der Wecker und die Kaffeemaschine und alle diese Assets verlieren ihren „Wert“ im Portfolio unserer Erwartungen. Beim Bruch mancher Fulcren, kann es zu regelrechten Börsencrashs in unserem Erwartungs-Portfolio kommen.
Das ist jetzt reine Spekulation, aber ich wette, Archimedes hat auch einige Fehlversuche durchgeführt, bevor er sein Hebelgesetz formulierte? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht ist er der einzige Mensch, dem nie eine Hebelaktion mißlang?
Zumindest verpasste er, darauf hinzuweisen, dass jede Hebelaktion eine Wette ist, obwohl auch ihm klar gewesen sein muss, dass sowas auch schief gehen kann. Oft ist es so, dass die Hebelaktion auf eine Weise schief geht, die wir nicht vorhergesehenen haben.
Ein Portfolio, das vor allem aus aufeinander aufbauenden, also pfadabhängigen Wetten besteht, hat seine Vulnerabilitäten oft an Stellen, an die wir gar nicht gedacht hatten, dass sie „wichtig“ sind und so kommt es, dass echte Crashs meist durch Fulcrumsbrüche passieren, die nur Wenige überhaupt als Möglichkeit auf dem Schirm hatten.
Was also zu tage tritt, wenn eine Infrastruktur bricht, sind unsere eigenen Erwartungen.
Das meinen wir, wenn wir sagen, dass Infrastruktur nur in ihrem Kollaps wirklich sichtbar wird. Auf diese negative Ontologie von Infrastruktur haben bereits Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star in ihrem Klassiker „Sorting Things Out“ hingewiesen, aber wir alle kennen es aus eigener Erfahrung?
Man findet oft erst heraus, wovon man „abhängig“ war, wenn die Pfadgelegenheiten, die es ermöglichte, verschwinden.
„Abhängig“ eben nicht als „individuelle Abhängigkeit“ gedacht, sondern im Pfadgelegenheits-Sinn: ohne X kann ich Pfad Y nicht nehmen. Pfadabhängigkeit.
Und wer einmal die Erfahrung des Brechens eines Fulcrums gemacht hat, weiß, was das heißt: Alle pfadabhängigen Infrastrukturen/Wetten auf Infrastrukturen kollabieren mit und weil sich diese Wetten auch horizontal gegenseitige Stabilität verleihen, crashen auch umliegende Infrastrukturen gerne mit.
Dann tritt der Seneca Effekt ein und der kann dann so ablaufen, wie das berühmte Hemingway-Zitat einer Romanfigur, die ihren eigenen Bankrott beschreibt: „First gradually, then suddenly.“
Kaskadierender Kollaps.
Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell
Die Pfadgelegenheit ist ein Versuch die menschliche Perspektive auf eine (immer schon) vernetzte Welt zu modellieren, aber ohne die Hebel:Fulcrums-Beziehung bleibt sie unvollständig. Jede Pfadgelegenheit enthält eine Mechanik, die sich als Hebel und Fulcrum analysieren lässt.
Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.
Hebel als Pfadgelegenheit
Jeder Hebel ist Teil einer Pfadgelegenheit und jede Pfadgelegenheit enthält mindestens einen Hebel. Genauer: Der Infrastrukturvektor der Pfadgelegenheit teilt sich in „Hebel“ und „Fulcrum“. Aus Krasse Links No 76:
Denkt man das Fulcrum in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.
Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.
Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.
Da die Pfadgelegenheit ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.
Der Hebel ist also nur eine andere Betrachtungsweise (ein anderer methodischer Blickwinkel) auf die Pfadgelegenheit und für unsere Betrachtungen des Hebel-Fulcrums-Verhältnisses bedeutet das, dass jeder Hebel in einer „Perspektive“ eingebunden ist und jede Hebelaktion als „projizierte Handlung“ in der Pfadgelegenheit latent ist, bevor sie als Hebelaktion aktualisiert wird.
Damit wird die Hebel:Fulcrum-Relation nur eine andere Sichtweise auf Pfadgelegenheiten und wir können die beiden Konzepte je nach Kontext austauschbar verwenden. Jede Pfadgelegenheit beinhaltet Hebel und Fulcrum und jede Bedienung eines Hebel macht eine Pfadgelenheit zu einen Pfad. Jede „projizierte Handlung“ beleiht eine durch eine Hebelhandlung in der Vergangenheit beliehene Erwartung.
Wann immer ich eine Pfadgelegenheit nehme, betätige ich den Hebel einer Infrastruktur, die meine Handlung unterstützt, ermöglicht, verstärkt, deren Funktionieren aber immer von einem Fulcrum weiterer Infrastruktur „gebackt“ wird. Jede Pfadgelegenheitsnutzung passiert auf Kosten eines Fulcrums (auch wenn diese Kosten oft scheinbar „vernachlässigbar“ sind, wie bei Archimedes) und ist eine Wette auf die Zukunft eines Erwartungs-Portfolios.
Die projizierte Handlung als Q-Function
Stellen wir uns vor, wie Archimedes bei seinen Hebelexperimenten vorgegangen ist. Vermutlich musste auch er erst nach passendem Hebel und passenden Fulcrum suchen und ich lehne mich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass er dabei unterschiedliche Pfadgelegenheiten zum Hebeln „eroiert hat“ und dass er sich wahrscheinlich auch das eine oder andere Mal gegen einen Hebel, oder ein Fulcrum entschieden hat. Das heißt, Archimedes hat Pfade zum Hebeln bewertet.
Ob bewusst oder unbewusst, wir sind ständig dabei, die uns zur Verfügung stehenden Pfade/Hebel zu bewerten. Ändert sich die Infrastruktur, ändert sich unsere Erwartung an die Infrastruktur. Ist sie über Jahre verlässlich, schreiben wir ihr mehr Wert zu – geben wir ihr mehr Kredit. Aber eine Infrastruktur, die heute gut dasteht, kann morgen unsicher oder ineffizient oder zu teuer sein.
In der KI-Forschung hat sich Q-Function als Konzept zur Bewertung von Pfaden in Agent-Systeme in Spielen als praktisch herausgestellt und die Geschichte ist es wert kurz erzählt zu werden:
Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.
Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.
In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.
Wir definieren Q-Function als Bewertung eines Pfads (innerhalb einem Statuses (Zeit/Ort) unter Unsicherheit.
Auch Archimedes Fähigkeit zu Hebeln und damit Wetten einzugehen, basiert zu einem Teil auf seiner Fähigkeit, einen Pfad zu inszenieren, sich also dieses Fulcrum und jenen Hebel in der Hebelhandlung vorzustellen.
In Krasse Links no 74 habe ich anhand von Nicholas Humphrey evolutions-biologischen Überlegungen zur Evolution von Kognition in einer Amöbe darüber spekuliert, welchen relational Materiellen Freiheitsgewinn, die „projizierte Handlung“ bringt.
Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.
Aber Eins nach dem Anderen:
- Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
- Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
- Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
- Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
- Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
- Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
- Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.
Perspektive: Viabilität
Doch zurück zu Archimedes Hebelproblem: Wesentlicher Teil seiner Q-Function für Hebelpfadgelegenheiten wird die Frage bestimmt haben, ob das Fulcrum „hält“, denn er weiß: noch bevor er seine Wette überhaupt platzieren kann, muss ein Pfad „viabel“ sein.
„Viabilität“ ist ein Begriff der evolutionären Biologie und beschreibt die „Gangbarkeit“ evolutionärer Mutationen und Traits, also erstmal gar nicht, ob diese oder jene Eigenschaft „nützlich“ ist, sondern einfach, ob sie überhaupt möglich ist, ohne den Pfad zu gefährden.
Aber „Gangbarkeit“ ist die Voraussetzung eines jedes Pfads?
„Ist dieser Untergrund sicher? Wird mich dieser Grund mich halten?“
Das sind die existentiellen Fragen, die sich Hunde oft stellen, wenn sich der Bodenbelag ändert. Mein Hund Cobi, wollte, als ich ihn bekam, zuerst nicht in den Fahrstuhl einsteigen. Es dauerte, bis ich begriff, dass er keine Angst vor dem Fahrstuhl selbst hat, sondern sich nicht traute, die schwelle zum anderen, abgegrenzten Bodenbelag zu überschreiten. Erst als er es zwei, drei mal übte, fühlte er sich wohl beim In-den-Fahrstuhl-reinlaufen.
Und auch, wenn uns das in in diesem Fall albern vorkommt, ist dieselbe Angst in jeder unserer Pfadgelegenheiten eingeschrieben. Denn, wie gesagt, Pfadgelegenheiten können schief gehen.
Zugriff
Wenn Archimedes nun in die Hände spuckt und den Hebel ansetzt, dann ist die Kontaktzone zwischen Hebel und Fulcrum nicht beliebig gewählt. Genau das ist es, was Archimedes uns zu zeigen versucht. Verschiebt man den Hebel in Relation zum Fulcrum und zur hebenden Sache, dann ändert sich auch die Kraftübertragung. Ideale Kraftübertragung hat man, wenn man den Teil des Hebels, auf den man Kraft ausübt, in relativ langer Distanz zum Fulcrum hält.
Das heißt, der Ansatzort ist nicht egal? Und das gilt für jede Hebelaktion.
Für die Pfadgelegenheit bedeutet das, dass das „Fulcrum“ nicht nur die unterliegende Infrastruktur referenziert, und nicht nur die Wette, dass sie „hält“, sondern tatsächlich auch den Punkt in der Infrastruktur identifiziert, an dem der Hebel-teil der Infrastruktur „am besten/am ehesten“ angesetzt werden muss, damit die Hebelwirkung ideal oder immerhin effektiv genug übertragen/verstärkt wird, damit die Pfadgelegenenheit gelingt.
Dieses zugriffliche Fulcrum ist beim nehmen eines Weges der Belag, an dem ich meinen Schritt abstoße, beim Ansetzen eines Dosenöffeners ist es die Randsstelle der Kanne, beim Programmieren kann es zum Beispiel eine bestimmter API-Funktion sein, auf der alles basiert, oder beim Anwenden des Programms ist es die Struktur der Parameter die ich übergebe, oder an der Börse der Zeitpunkt, an dem ich eine Aktie kaufe.
Das ist der konkrete und möglichst „richtige“, möglichst effektive Punkt/Fläche/Kontakt-Zone, die den Hebel, den man mitbringt arretiert und seine Wirkung maximiert und bei komplexen Fulcren ist es oft mehr eine Kontakt-Landschaft als eine Zone.
Die Zugriffs-Topologie (oder das „zugriffliche Fulcrum“) stellt sich als die lokal wirksame Kontaktzone heraus, an der ein Hebel in ein Fulcrum „einrastet“ – so, dass aus einem gegebenen Krafteinsatz eine maximale (oder überhaupt erst ausreichende) Wirkung wird.
Die Zugriffs-Topologie ist nicht einfach „wo man drückt“, sondern die Stelle, an der Geometrie, Material und Zugriff zusammenpassen: der Übergang von Möglichkeit zu Viabilität zu Praxis. Die Zugriffs-Topologie ist die Schwelle, an der eine Pfadgelegenheit von „Konzept“ zu „machbar“ kippt, weil wir oft erst beim Ansetzen merken, ob der Hebel zum Fulcrum passt.
Jedes Fulcrum hat eine Form/Topologie und formuliert damit die Anforderungen an den Hebel, als Affordanzen.
Und oft ist die Zugriffs-Affordanz des Fulcrums bewusst hoch, verengt oder oder komplex gestaltet, um bestimmte Hebel auszuschließen. Etwa, wenn die notwendigen Unterlagen zum Beantragen für Wohngeld besonders kompliziert gestaltet werden und der Prozess sich jedes Jahr wiederholen muss, um Leute auszuschließen, die nicht verzweifelt genug, oder mit Formalsachen nicht firm sind. Oder wenn der Zuweg zu einem Ort nur durch eine Durchfahrt erreichbar ist, die Busse – und damit den Teil der Bevölkerung, der Bus fährt – ausschließt. Oder die umsichgreifende Anti-Homeless-Architektur, wie Parkbänke, die so gestaltet sind, dass sich kein Wirbelsäulen-Hebel darauf ausruhen kann.
Es gibt sehr viele Affordanz-Designs für Fulcrums zum Ausschluss von bestimmten Hebeln, aber die bekannteste ist das Schloss. Das Schloss ist eine (möglichst) einzigartig gestaltete Affordanz-Topologie, die (möglichst) nur einen einzigen Hebel (Schlüssel) zulässt. Der Schlüssel wird zur Schwelle vieler Pfadgelegenheiten (Auto, Haus, Laube …).
Von hier kann man das Konzept easy auf die Welt ausmappen:
„Eine API ohne Schreibrechte ist ein Fulcrum, das nur lesende Hebel zulässt.“
„Ein Ranking-Algorithmus ist ein Zugriffliches-Fulcrum für aggregierte Aufmerksamkeit, dessen Affordanzen Sichtbarkeitshebel verteilen.“
„Ein Dialekt oder akademischer Jargon ist ein semantisches Zugriffs-Fulcrum, das Sprecher*innen ausschließt.“
„Plattformmacht = Kontrolle über zugriffliche Fulcren mit hoher Betweenness-Zentralität auf ein möglichst großes Kontaktzonen-Fulcrum von Pfaderwartungen interlockter User (Netzwerkmacht).“
Ein Auto ist beschreibbar als Hebelarchitektur, in der jeder Hebel von einem Fulcrum anderer Hebeln anhängig ist, deren Fulcrum wieder von anderen Hebeln abhängig ist, usw. Jedes Fulcrum (Bremsen, Lager, Software, Sensoren und Straßen) wird bei der Hebelaktion „Autofahren“ belastet, verschleißt, kann kaputt gehen und auf jedes dieser Fulcren ist also eine Wette angeschlossen, die wir während des Autofahrens beleihen. Die Autohebel ist architekturell auf ein spezialisiertes zugriffliches Fulcrum zugespitzt, das es erlaubt, andere von der Nutzung auszuschließen, indem es nur mit einem ganz bestimmten Hebel bedienbar ist (Autoschlüssel).
Einige der Hebel:Fulcrums-Beziehungen und Kreisläufe des Autohebels sind mechanisch, aber andere sind elektrisch und wieder einige sind termodynamisch.
Aber auch sie sind Hebel?
Der Begriff „Entropie“ stammt aus der Praxis des frühen Dampf-Machinenbaus, weil man ein Wort dafür brauchte, dass aus dem Kessel keine „Arbeit“ mehr zu extrahieren war. In der Thermodynamik bezeichnet Entropie die Zahl der möglichen Mikrozustände eines Systems und damit eine Grenze für die nutzbare Energie. „Entropie“ ist keine naturwissenschaftlich zwingende Größe sondern eine Nutzerperspektive. Sie spiegelt das seit dem 19. Jahrhundert wachsende menschliche Bedürfnis, eine möglichst hohe und berechenbare Übergangswahrscheinlichkeit zwischen heißen nach kalten Molekülen zu organisieren, um sie als energetisches Fulcrum für Dampf-Hebel und später für Verbrennermotoren zu nutzen.
Und in der Elektrizität sprechen wir von „Spannung“ als Potentialdifferenz von gespeicherter Energie pro Ladungseinheit, aber meinen damit wieder ein Fulcrum aus möglichst hoher Übergangswahrscheinlichkeit zwischen Elektronen und positiven Atomen, an dem wir unsere steuerbaren Schaltungen als Hebel ansetzen, um Stromstärke in Pfadgelegenheiten zu übersetzen.
Nochmal Fulcrumskomplexität: Die Turing-Maschine
Das Fulcrum ist komplex. Alles, was wir unter „Mechanik“ fassen, sind eigentlich ineinandergreifende Hebel/Kopplungen, über die Kraft übertragen werden, sei es das Getriebe oder das Uhrwerk, Schaltungen oder Motoren.
Aber man kann die Tiefe der Hebel:Fulcrums-Relation am besten veranschaulichen, wenn man sie gleich auf die Turing-Maschine anwendet, die Machine der Maschinen, die „universelle Machine“.
In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, führe ich die Turing-Machine so ein:
Ein unendliches Band aus Papier zuckt vor und zurück. Es ist unterteilt in quadratische Felder. Auf manchen stehen Symbole, Nullen und Einsen, in scheinbar zufälliger Verteilung auf das Band gedruckt. Manche Kästchen sind leer. Das Band läuft durch eine Maschine, in die es eingespannt ist. Die Maschine zieht das Band mal nach links, mal nach rechts. Ein Schreib-/Lesekopf konzentriert sich immer auf das aktuelle Kästchen in der Maschine. Mal schreibt die Maschine dann etwas auf, mal liest sie die beschriebenen Kästchen, und hier und da ist sie unzufrieden mit dem Inhalt. Sie radiert das Symbol weg, und ab und an ändert sie es in ein anderes.
Mit diesem imaginierten Versuchsaufbau, so Turing könne man alle mathematisch lösbaren Probleme lösen. Zumindest theoretisch, denn Turing hat – wie Archimedes – sein Fulcrum einfach ideal gesetzt: Das Band ist unendlich und die Maschine hat ewig Zeit und Hitzeentwicklung, Bugs und Stromversorgungsprobleme gibt es auch nicht.
Als Hebel formuliert, leveraged die Maschine sich selbst, ihre Infrastrukturen, das Band und alle bereits eingelesenen Symbole, um mit dem Hebel des „nächsten Rechenschritts“ eine Aktion zu veranlassen (Band vor/zurück, Lesen/Schreiben), die Teil eines Rechenpfads ist, der ein mathematisches Problem lösen soll.
Wenn irgendwas davon schief geht – das Fulcrum bricht, hört die Maschine entweder auf, oder kommt vom korrekten Rechenpfad ab. Die Hebelwirkung verpufft und die Erwartungen kollabieren.
Turing-Machinen wurden bekannter maßen zu Computern, also Hebelmaschinen, die aus Milliarden winziger Hebeln (Bits) bestehen, die sich selbst, ihre Infrastruktur und den aktuellen Zustand ihres „Hebelaggregats“ nutzt, um wie die Turing-maschine den nächsten Rechenschritt zu marschieren. Mit diesen echten Computern gibt es natürlich so Dinge, wie „Endliche Geduld der Anwender*innen“, Hitzeentwicklung, „Bugs“ und Stromversorgungsprobleme, aber ansonsten funktioniert das schon ähnlich. Der Turing-Hebel, um zu funktionieren, braucht ein Fulcrum und das ist niemals „ideal“.
Aber das bedeutet auch, dass auch hier jedes gesetzte Bit, das in der Rechenoperation eine Rolle spielt, eine Wette ist. Eine Wette, die zwar häufig gut geht, aber alle paar Millionen mal eben auch mal nicht, weswegen moderne Computer allerlei Clearing House-Mechanismen zur Stabilisierung der Bit-Erwartung installiert haben.
Daraus kann man ermessen, wie wie komplex das Fulcrum eines Computerhebels ist, der ein einfaches kleines Video leveraged. Milliarden von Hebeln, angefangen bei denen des Betriebsystems, des jeweiligen Programms, sowie allen Daten des Videos selbst – Jedes Bit muss stimmen, damit das Video läuft. Computer sind megakomplexe Hebel aus Hebeln, aber damit eben auch Wetten auf Wetten.
Und jetzt stellt euch vor, wie riesig und komplex die Computer-Hebelstruktur einer LLM sein muss, die euren kleinen Prompt als Hebel in den Tiefen der Infrastruktur ihrer massiven Datencenter arretiert, damit das Modell damit ihren zum „Latent Space“ syndizierten Trainingsdatenwust durchforstet, um alle Kontexte aller Tokens des Prompts zum Fulcrum zu mobilisieren, an dem es die Übergangswahrscheinlichkeiten des nächsten Tokens leveraged.
Teil IV: Hebel/Fulcrum-Relation als soziale Struktur
Auch wenn Archimedes der erste sein mag, der die Hebelwirkung formalisierte, ist er mit Sicherheit nicht der erste gewesen, der die Hebelwirkung kannte oder nutzte. Ich gehe noch weiter und behaupte: Auch Archimedes wird das Hebeln bei anderen gesehen haben, bevor er es selbst ausprobierte und dann formulierte.
Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, beleihen unsere Erwartungen nicht nur unsere Erfahrungen, sondern zum größten Teil die Erfahrungen und Erwartungen anderer. Niklas Luhmann hat die Erwartungen an anderer Leute Erwartung treffend „Erwartungserwartungen“ genannt und damit einen sehr nützlichen Begriff geschaffen.
Denn unsere Erwartungen sind nie wirklich unsere. Alles, was wir glauben, von der Welt erwarten zu können, haben wir von anderen gelernt, zu erwarten. Natürlich machen wir auch eigene Erfahrungen, aber auch diese aus eigenen Erfahrungen geronnene Erwartung ist immer eingebettet in unseren erwarteten Erwartungen – Der Erwartungsrahmen deiner Erfahrungen ist immer sozial.
Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:
- Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
- Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
- Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.
Weil wir unsere Hebel alle auf die eine oder andere Weise „geerbt“ haben, beleihen wir nie nur eigene Erfahrungen, wenn wir Hebel benutzen, sondern die aggregierten Erfahrung und damit Erwartungen anderer. Und wenn unser Fulcrum bricht, bricht deswegen auch immer mehr, als nur unser Fulcrum.
Erwartungserwartungen als Q-Function
Wir erwarten, dass der Hebel/die Pfadgelegenheit funktioniert (die Straße befahrbar ist, meine Überweisungen ankommen, der Server erreichbar ist) nicht (nur) weil es unseren eigenen Erfahrungen entspricht, sondern weil es eine „allgemeine Erwartung“ ist, die sich bei genauerem Hinsehen immer als eine konkret aquirierte Erwartung von anderen herausstellt, die wir uns angewöhnt haben, zu beleihen, weil uns die Realität (noch) keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat, bzw. andersrum: jede unserer Erfahrung einer geglückten Hebelaktion re-inforced die Wertzuschreibung, die wir andernorts aquirierten.
Q-Function ist sozial.
Dass Pfadgelegenheiten gesellschaftlich für „einiger maßen sicher“ befundene Infrastruktur sind, kann man gut am Adaptionsprozess neuer Pfadgelenheiten beobachten.
Als die Pfadgelegenheit „Linienflug“ eingeführt wurde, musste das Vertrauen in diese Infrastruktur erst mühsam durch die Gesellschaft perkulieren. Bis alle irgendjemand kannten „der schon mal geflogen ist“. So akkumuliert sich investiertes Vertrauen in Infrastruktur und diese Erwartungsstabilität ist das Fulcrum, was Linienflüge im heutigen Maßstab ermöglicht.
Boeing hat diese Fulcrum zuletzt über Gebühr geleveraged, indem sie Kostenreduktion vor Sicherheit stellten. Eine riskante Wette, aber unsere Gesellschaft gewöhnt sich ja gerade an so manches?
Aber Vorsicht: Nur, weil bestimmte Wetten in der Vergangenheit regelmäßig „geglückt“ sind, heißt das nicht, dass sie aufhören, wetten zu sein?
Ihr kennt das Gefühl, wenn ihr plötzlich feststellt, dass ihr eine Erwartung an die welt hattet, von der ihr vorher gar nicht wusstet, dass ihr sie hattet?
Also ich hab das vor allem in letzter zeit sehr oft. Eigentlich crasht grad jeden Tag ein anderer Teil meines Erwartungs-Portfolios.
Mein Argument ist dies: wo das herkommt, ist noch sehr, sehr, sehr viel mehr. Von unseren Erwartungen sind uns nur über die der Oberfläche bewusst.
Wenn die unbewussten Erwartungen aber einbrechen, werden sie – wie andere Infrastruktur auch – im „Kollaps sichtbar“.
Und das ist schmerzhaft.
Im Pfadgelegenheitsepxlainer struktuiriere ich die menschliche Q-Function grob so:
Ich schlage folgende „Outline“ für eine menschlichen Q-Function vor:
- zuerst die generelle „Viabilität des Pfades“: ist der Pfad überhaupt beleibar und kann damit plausibel sein?
- Bei neuen am wichtigsten Pfaden: wie „fühlt“ sich dieser Pfad an? Pfadbewertungen sind nie nicht emotional.
- Bei etablierteren Pfaden wird das gefühl zurückgedrängt durch das Portfolio der implizit beliehene Erwartungen an die Infrastruktur (an das Fulcrum) der Pfadgelegenheit. Der Kredit, den man sich jedesmal einräumt, wenn man beim nutzen einer Pfadgelegenheit erwartet, dass sie „hält“.
- Das wiederum beleiht die eigene Erfahrung, das Vertrauen in Institutionen und die erwarteten Erwartungen anderer, und damit auch ihre erwarteten Erwartungen usw. Das ganze Gefleicht.
- Dazu addiert man „imaginierte Pfadmöglichkeiten“ und „inszeniert Pläne“.
- Kosten: Jeder Pfad hat Kosten und sei es, die Anstrengung, ihn zu gehen. Es gibt sicher keine Homoökonomicus Kosten/Nutzen Rechnung, aber Kosten sind zum einen ein materieller „Limiting Factor“ und kommerzielle Handlungen werden mit der Zeit habituell (Es entsteht ein „Preisbewusstsein“) Kosten spielen nie nicht eine Rolle, wenn man kein Milliardär ist.
- Wenn man schlau ist, schließt man noch ein mehr oder weniger sophisticates „Risk Assessment“ an?
- Und dann die bange Frage: Passiert der Pfad den „Blick des Anderen“? (Er ist teil der „Perspektive“ des Dividuums. Braucht der Pfad vllt besondere Erlaubnisstrukturen? Liegen sie zur Hand? Kann ich den Pfad verantworten?
Das muss nicht in dieser Reihenfolge abgecheckt werden und passiert größtenteils parallel, aber ich denke so grob könnte die menschliche Q-Function aussehen.
Das Adaptieren von Infrastrukturen geht also einher mit einem wechselseitigen Beleihen von Erwartungen an diese Infrastruktur und das kann man bei jeder Adaption neuer Hebel beobachten: Da sind wir alle unterschiedlich risikobereit sind, ist es die Vorhut der „Early Adopter“, die sich als erstes aufmacht, um neue Pfade zu erkunden. Wir anderen folgen erst, wenn sie das OK signalisieren.
Es brauchte Unmengen an neuer Technik, Institutionen, Regulierungen und Massen an Marketing, bis der Linienflug als „viabler“ Pfad in die Erwartungs-Portfolios der Menschen wanderte. Dass diese Pfadgelegenheit „hält“, ist kaum an eigener Erfahrung abzumessen, weswegen wir uns vor jedem Linienflug sagen: „rein statistisch ist es das sicherste Fortbewegungsmittel der Welt“, was nur eine andere Art ist, aggregierte Erfahrungen anderer in unsere Q-Function zu integrieren.
So funktioniert das aber überall: Ich investiere nicht nur in ein Asset, nicht weil ich persönlich und „individuell“ an seine Viablität und Werthaftigkeit glaube, sondern weil ich auch daran glaube, dass andere daran glauben. Unsere Erwartungen sind von unseren Erwartungserwartungen – also unsere Erwartungen der Erwartungen anderer – kaum zu trennen.
Erwartungen haben also immer zwei Bezugspunkte: eine materielle Erwartung, die bricht, wenn das Fulcrum bricht und eine semantische – die Erwartungserwartung – die bricht, wenn die Erwartungen anderer brechen. Das fällt nicht oft auf, denn weil wir dieselbe Welt bewohnen bricht oft beides gleichzeitig, wobei es sich immer lohnt, genau hinzuschauen, welche Erwartungen bei wem bereits wie eingepreist sind. Jeder Fulcrumsbruch braucht Interpretation.
Aber das bedeutet auch, dass meine Entscheidung in einen Pfad zu investieren und einen Hebel zu bedienen, nie für mich bleibt. Meine Investitions-Entscheidung wird wahrgenommen und andere reaktualisieren daraufhin vielleicht den Wert ihrer Assets.
Ganz gezielt wird der Effekt in der Werbung genutzt, die zu 90 Prozent attraktive, relatable Menschen zeigt, die die beworbene Pfadgelegenheit „vorahmen“ und so versuchen, sie als „gesellschaftlich viabel“ vorzuzeigen und so mit „Wert“ aufzuladen. Aber wichtiger sind heute Bewertungen in Online-Portalen geworden. Wir verlassen uns gern auf „authentische“ erste Handberichte, um den Wert von Pfaden zu bestimmen. Aber am Liebsten natürlich von Freunden oder anderen Menschen, denen wir vertrauen.
Aber im Netzwerk der Erwartungserwartungen findet sich auch die „Institution“. Institutionen sind materiell-semantische Komplexe, die als „Clearing House“ der gesellschaftlichen Erwartungsportfolios fungieren und so zu Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erwartungserwartungen werden.
Da wir gerade in einer Zeit der Crashenden Erwartungsportfolios stecken, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob wir etwas aus dem Crash lernen, davon abhängen wird, dass wir ihn richtig interpretieren. Jeder Crash ist eine Pfadgelegenheit zur grundsätzlichen Rejustierung der Erwartungserwartungen.
Fulcrumsvergessenheit
Noch mal zu Archimedes Annahme, dass das Fulcrum „halten“ wird. Das ist mehr als nur eine Behauptung, das ist mehr als eine Wette, es ist auch eine „Geste“.
Hier eine weitere These: Die „Annahme“ eines stabilen Fulcrums ist einstudiert.
Damit will ich Archimedes nicht als „Poser“ darstellen, ich glaube wirklich, dass er selbst gehebelt hat und aus eigener Erfahrung berichtet. Dabei wird ihm durchaus schon aufgefallen sein, dass das Fulcrum fragil ist oder zumindest sein kann, „aber so unterm Strich“ – wird er sich gesagt haben – „und wenn man etwas bei der Fulcrumsauswahl ein bisschen aufpasst“, dann ist so ein Fulcrum zumindest „stabil genug“, weswegen wir diesen Faktor in der Praxis des Hebelns auch „vernachlässigen“ können.
Hier ist mein Punkt: Das als „stabil“ gesetzte Fulcrum ist Ausdruck einer bestimmten Subjektivität und ist vielleicht noch mehr als die Gedanken Descartes für die „Fulcrumsvergessenheit“ (in Krasse Links sprach ich bisher von „Infrastrukturvergessenheit“ aber Fulcrumsvergessenheit trifft es besser) des westlichen Denkens verantwortlich?
Wenn Descartes sagt, „Ich denke also bin ich“, setzt er das „Denken“ ebenso wie Turing die Maschine und wie Archimedes das Fulcrum als „fixes Ideal“, und „vernachlässigt“ seine Pfadabhängigkeiten. Auch Descartes interessiert sich nicht für die Bedingungen der Möglichkeit seines Tuns.
Denken, insbesondere das Denken das Descartes praktiziert, das abstrakte Denken, ist Übungssache? Das kann man nicht von klein auf, das kann man auch nicht unbedingt als Erwachsener, jedenfalls nicht einfach so, sondern man lernt es durch Anleitung und Übung über Zeit. All das verschweigt uns Descartes.
Was er uns außerdem verschweigt, ist, dass Denken nicht einfach nur im Kopf stattfindet, sondern die Sprache als Fulcrum benötigt.
Descartes braucht „Unterscheidungen“, wenn er von „ich“ /du, sie, es …, „Denken“ / Sprechen, Handeln, Schlafen … und „Sein“ /Nichtsein spricht. Wo, wenn nicht aus der Sprache hat er seine Unterscheidungen her?
Wie Turing und Archimedes vernachlässigt Descartes in Wirklichkeit ein komplexes Fulcrum (das der eigenen Sozialisation, Sprach- und Denkerwerb) und setzt es zum Hebeln „ideal“ (so wie es die „Westliche Vernunft“ für die Welt ansich tat), um uns den Floh mit dem „Individuum“ ins Ohr zu setzen, das getrennt von seiner Welt lebt.
Der Subjektentwurf des Individuum, als eines von der Welt unabhängigen Agenten, basiert auf exakt dieser Geste der Idealisierung von Fulcren. Ebenso basiert darauf die „Schwerelosigkeit der unverbundenen Handlung“und der „universelle Blick der Objektivität“. Verschwiegen wird Geschichte, Perspektivität, Infrastruktur und Fulcrum. Diese „Vernachlässigung“ ist eine „Verdrängung“, die das Individuum ermöglicht und hervorbringt.
Und deswegen fällt es uns zum Beispiel schwer zu verstehen, dass jede „Innovation“ nur die pfadabhängige Spitze eines Eisbergs aus Infrastruktur ist. Marianna Mazzukato hatte in ihrem Buch The Entrepreneurial State darauf hingewiesen, dass so gefeierte Produkte wie das iPhone fast ausschließlich aus den kompilierten Ergebnissen öffentlich geförderter Forschung bestehen.
Innovation beruht also nicht nur auf der Arbeit anderer, sondern der Arbeit, auf der deren Arbeit beruht, usw. Sowie auf einem Bildungssystem und einer Forschungslandschaft, die Bildungs-Pipelines von der Grundschule über die Unis bis die Entwicklungs&Forschungsabteilungen der Unternehmen bereitstellt, etc. Und ein Billionschwerer Rüstungshaushalt, der jährlich viele Milliarden in die Infrastruktur reinpumpt ist auch ganz hilfreich. Daher kommt der Microchip, so wurde das Internet geschaffen, GPS und so vieles andere.
Aber aber wir Verdrängen auch, dass unsere eigene „Agency“ ebenfalls immer Infrastrukturvermittelt ist – also Fulcrumsabhängig, weswegen ich so weit gehe, den Begriff „Handlung“ ab jetzt nur noch in Anführungszeichen zu schreiben, weil wir es sich bei „Handlungen“ in Wirklichkeit immer um das Nehmen von Pfadgelegenheiten handelt.
Was damit aber natürlich auch verdrängt wird, ist, wie tief das Fulcrum unserer sogenannten „Handlungen“ geht. Wenn ich sage, dass ich mal eben von Berlin nach Hamburg fahre, dann Referenziere ich damit eine Bahnfahrkarte, die das Fulcrum einer Infrastruktur mobilisiert, die von Millionen Menschen erstellt wurde und gewartet wird. Und mache meiner Handlungen, etwa das öffentliche Philosophieren hier, ist pfadabhängig von einem Fulcrum an Rechten, Institutionen und an gesellschaftliche und politische Stabilität, was mein Schreiben hier jeden Tag zu einer riskanteren Wette macht. Außerdem brauche saubere Luft zum Atmen, genug zu Essen, körperliche Gesundheit und Sicherheit und natürlich stabile klimatische Bedingungen.
Viele – ich inklusive – haben lange die Tatsache verdrängt, dass der Kapitalismus ihnen zwar immer wieder auch neue schicke Hebel anbietet – die dich aber hintenrum wiederum zum Fulcrum der nächst größeren Hebel macht, die die Kapitalisten kontrollieren.
Semantik
Die wesentliche Erkenntnis, die ich aus meiner tieferen Beschäftigung mit LLMs für das Böckler-Paper gewonnen habe, ist dass LLMs unserer Spracherwartungen als Fulcrum nutzen, um in unserer Aufmerksamkeit plausible Pfade zu hebeln.
Aber das tun auch wir, wenn wir sprechen und schreiben?
In Krasse Links No 74 geht es um Sprache und da führe ich Saussure, den Urvater der modernen Linguistik, so ein.
Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.
Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.
Eine andere wichtige Unterscheidung von Saussure ist die zwischen „Parole“ (angewendete Sprache/Sprachakt) und „Langue“ (angenommene Spracherwartungen), weswegen ich mir erlaube, ihn relational materialistisch umzudeuten:
„Parole“ sind die Hebel, die auf dem Fulcrum der „Langue“ operieren.
Luhmanns Beobachtung der „Erwartungserwartungen“ sagt nichts anderes, als dass unsere Erwartungen vernetzt sind und als Erwartungsraum die semantischen Bahnungen vorzeichnen, in den wir denken und sprechen. Diese Bahnungen sind Pfadgelegenheiten in den Erwartungserwartungen und bilden die zur Verfügung stehende semantische Infrastruktur, in der wir leben und uns ausdrücken und kreiert dabei eine spezifische Beobachterperspektive – die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit mit einem spezifischen Wissen ausgezeichnet ist.
Semantik ist die Infrastruktur, mit der wir uns in der Welt orientieren und „kommunizieren“, mit der wir Wahrnehmen, Unterscheiden, Einordnen und Schlüsse ziehen und uns dabei beoachten und wechselseitig auf Pfade folgen.
Kommunikation
„Kommunizieren“ geht so: Ich entwickle eine Erwartung an eure Erwartungen (Erwartungserwartungen) und nutze sie als Fulcrum, um mit semantischen Hebeln diese angenommenen Erwartungen einerseits in vielen Details zu erfüllen – (z.B. in dem ich Worte wähle, die ihr versteht), aber an entscheidenden Stellen versuche, sie auch zu irritieren. Das muss ich tun, um mich auszudrücken, also den Unterschied zu informieren, den mein Unterschied bedeutet. Mein Unterschied ist eine Erfahrung, die meine Erwartungskontinuität durchbrochen hat, so dass sie zur „Information“ wurde und mittgeteilt werden will.
Kommunikation funktioniert also als Hebel ähnlich, wie das Public Key Verfahren (Asymmetrische Verschlüsselung) in der Kryptographie. Das Public Key-Verfahren leveraged das Fulcrum veröffentlichter „Public Keys“, um die Pfadgelegenheit einer wechselseitigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselns zu ermöglichen.
Stellen wir uns einen Public-Key-Server vor, der Public-Keys für jede Semantik (jede sprachliche und inhaltliche Erwartungserwartung, „die Semantik der Gesellschaft“, wie Luhmann es nennt) vorhält, also jedes Wort, jede Aussage, jede Rhetorik, jede Andeutung, jede Theorie, jede Geschichte, usw.
Wenn Alice Bob etwas sagen will, greift sie sich mit jedem Wort, dass sie formuliert den passenden Public-Key in der Hoffnung, dass Bob den Private Key dafür hat (die erwartete Erwartung). Jeder Sprachakt ist ein Portfolio von auf einander aufbauenden Wetten, die hier die einzelnen Verschlüsselungen repräsentieren.
Der Keyserver ist aber nicht direkt öffentlich, sondern selbst Privat in Alice Kopf – ihre Erwartungen an Bobs Erwartungen sind ihrerseits Erwartungen. Und weil Erwartungen von Realität abweichen, führt sie für Bob einige Public-Keys, für die er keine Private Keys hat oder Private Keys, die die Semantik ganz anders entschlüsseln, als das, was Alice meint. Kommunikation geht oft schief geht und auf gewisse Weise immer, denn die beliehene Infrastruktur führt immer in undurchsichtige Pfade. Wenn der Pfad bricht, weil eine semantische Pfadgelgenheit nicht tragfähig ist, misslingt Kommunikation.
Alice wird also versuchen, sich in ihrer Kommunikation an „gut abgehangene“, d.h. gesellschaftlich mehr oder minder populäre Pfade zu halten, um die Kommunikation sicherzustellen. Die Verbreitungserwartung des zugrifflichen Fulcrums (installed Base) einer Semantik entspricht ihrem Koordinationsnutzen – hence Preferencial Attachment.
Wenn ich also neue Begriffe einführe – zum Beispiel „Fulcrum“, dann habe ich ein Problem. Das Fulcrum der Menschen, die ein zugriffliches Fulcrum für den Begriff haben ist klein und es gibt wenige, die dem Begriff Kredit geben, was die ansetzbare Hebelwirkung erstmal verringert.
Was ich in diesem Text deswegen versuche ist, mich von Fulcrum zu Fulcrum zu schwingen. Ich führe den Begriff möglichst einfach ein, zweige seine Nützlichkeit in verschiedenen Zusammenhängen ab, indem ich sie jeweils im nächsten Schritt leverage, um etwas zu erklären, um damit die nächst komplexere Verwendung des Begriffs „Fulcrums“ zu beleihen, usw. Mit jeder Anwendung, mit jedem Kontext – so meine Hoffnung – wird nicht nur das Verständnis des Begriffs erweitert, sondern der Begriff auf einem abstrakteren Level „geschärft“ und generalisiert und wird damit mit immer mehr Kredit versorgt, so dass er immer „beleihbarer“ wird, so ich immer größere Hebel daran ansetzen kann, usw.
Ein Teil des Kredits erhoffe ich mir allerdings nicht nur aus der aus der Wiederholung, sondern genau aus der Differenz der Kontexte, in denen er sich wiederholt. Und die Kontexte sind ebenfalls nicht beliebig, sondern versuchen auf beleihbaren Erfahrungen und Beschreibungen der Welt zu hebeln, die jeder für sich in ihrer Plausibilität prüfen kann.
Doch es ist auch riskant. Wenn die Beispiele nicht überzeugen, wenn das Narrativ versagt, wenn die geleveragten Kontexte nicht überzeugen, bricht das Fulcrum, zumindest ein bisschen. Deswegen bin ich auf Feedback gespannt. Die Theorie ist neu, da sitzt noch nicht jede Schraube fest.
Wenn die Wette aufgeht, hoffe ich auf dem sozialen Layer (Erwartungserwartungen), dass euch, den Leser*innen, der Begriff im Laufe der Zeit schlüssiger und intuitiver wird, vielleicht nützlich erscheint und von manchen von euch sogar adaptiert wird. Ich schaffe hier also Anlässe, um euch zu motivieren, in den Begriff zu investieren (Aufmerksamkeit, Integration ins eigene semantische Pfadgelegeneits-Portfolio), dem Begriff Kredit zu geben und mal schauen, welche Pfadgelegenheiten er euch ermöglicht.
So entstehen immer mehr Anlässe für andere, selbst in diesen Begriff zu investieren (preferancial Attachment) und die jeweiligen Kredite, der jeweiligen Pfadgelegenheiten beleihen sich beim Wachstum immer stärker gegenseitig (Netzwerkeffekte) und was ich hier die ganze Zeit eigentlich mache, ist euch die Investitionions-Pfadgelegenheit „Fulcrum“ schmackhaft zu machen, denn natürlich hab ich auch was davon, wenn der Begriff „Fulcrum“ ein größeres Fulcrum bekommt, denn je größer das Fulcrum, desto größer wirken rückblickend die semantischen Hebel.
Iteration
Auch Derrida hat darauf hingewiesen, dass wir uns immer bei den semantischen Infrastrukturen verschulden, wenn wir sie benutzen. Wenn ich hier zum Beispiel den Namen „Derrida“ iteriere, erreicht das Menschen mit bestimmten Erwartungen. Manche winken vielleicht ab, manche haben den Namen noch nicht gehört, andere werden aufmerksam. Aber egal, wie die Reaktionen sind, sie basieren auf Erwartungen (oder der Abwesenheit von Erwartungen) die sich entlang von „Erfahrungen“ strukturiert haben. Manche kennen den Namen aus der Zeitung, aus Büchern, aus Debatten, Erwähnungen, manchmal sogar über die Werke selbst.
Und hier ist der Clou: Zwar kenne ich diese anderen Zusammenhänge, aus denen ihr „Derrida“ kennt, nicht, aber ich „leverage“ die Einschätzung, dass bei „vielen“ eine „gewisse“ Derrida-Erwartung da ist, als zugriffliches Fulcrum (damit implizit der materielle Korpus seiner Texte, Sekundärliteratur und seine Wikipedia-Page), um euch etwas neues (oder vielleicht nicht) über Derrida sagen zu sagen. Dafür „verschulde“ ich mich bei der semantischen Pfadgelegenheit „Derrida“, weswegen ich peinlich darauf bedacht bin, ihr hier auch „gerecht“ zu werden, eine „gültige“, eine „akzeptable“ Iteration anzubieten.
In KL74 schrieb ich weiter:
Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.
Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).
Es gibt in der Sprache – wie in der Ökonomie – zwei Pfade:
Der horizontale Pfad des Sagens/Hörens/Lesens/Schreibens reiht die Tokens/Worte in nach Übergangswahrscheinlichkeiten organisiert als „plausible Reihenfolge“ an und der vertikale Pfad versorgt jeden einzelnen Token/jedes einzelne Worte mit „Bedeutung“ und zwar durch Anreicherung leveragebarer Spracherwartung aus den Iterationen erinnerter Sprachakte.
Und weil Semantiken pfadabhängig sind und der „Sinn“ und damit der „Wert“ von „Derrida“ auf ganz viel anderer semantischer Infrastruktur basiert und weil auf „Derrida“ wiederum ganz viel andere semantische und teils auch ökonomische Infrastrukturen basieren, ist jede Iteration von „Derrida“ auch immer eine Wette auf die Gesamtinfrastruktur und setzt sie unter ein gewisses Risiko.
Ich bilde mir nicht ein, diese Infrastruktur beschädigen zu können, noch das ich das überhaupt wollte, um Gottes Willen. Was ich stattdessen machen möchte, ist auf dieser Infrastruktur einen weiteren Pfad aufzubauen (und auf Donna Haraway und so vielen anderen).
Und ich hoffe, dass ich Derrida nicht überleverage, wenn ich KL74 folgere, dass die Funktionsweise der „Semantik“ der LLMs genau auf Derridas Konzept der „Iteration“ abstellt:
Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.
Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.
Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.
Der Kognitivismus und das Individuum sind keine belastbare Infrastruktur mehr. Ich empfehle, zu de-investieren.
Logik und Argumente
Syllogismus, relational materialistisch umformuliert, hört sich so an:
Ich beleihe die beiden Aussagen „Alle menschen sind sterblich“ und „Sokrates ist ein Mensch“ und nutze sie als „Fulcrum“, an dem ich das Wissen um „Logik“ und sprachlichen Ausdruck als Hebel anlege, um die Aussage „Sokrates ist sterblich“ zu finanzieren.
Jetzt könnte man sagen: Jaha, aber die Aussage ist ja trotzdem „wahr“?
Dazu sage ich: Klar, es gibt Aussagen, die robuster finanziert sind, als andere Aussagen und „Logik“ ist die Sammlung von in der Realität oft als richtig festgestellten Schlüssen –
Und dennoch: es gibt Angreifbarkeiten? Zweifle ich eine der beiden beliehenen Prämissen an, fällt das Konstrukt.
Es gibt Menschen, die anzweifen würden, dass alle Menschen sterblich sind und es gibt Menschen, Sokrates für eine Fiktion halten. Der Schluss ist nur so viel wert, wie das Fulcrum beleihbar ist, wir ihm Kredit geben.
Und so ist das mit all unseren Aussagen/Argumenten?
Wenn ich etwas gegenüber jemanden argumentieren will, suche ist erstmal ein gemeinsames Fulcrum, auf dem ich hebeln kann, also Aussagen und Annahmen über die Welt, die ich und mein Gegenüber für „kreditwürdig“ halten und dann versuche ich in diesen gemeinsam beglaubigten Bausteinen einen Pfad zu inszenieren, der das gemeinsame Fulcrum beleiht, um meinen Punkt zu machen.
Wir bewegen uns nie außerhalb unserer Erwartungen, weswegen unsere Erwartungen der „Blinde Fleck“ unserer Perspektive ist.
Aber wenn man Weltwahrnehmung auf der Ebene der Erwartungen rendert, werden alle Aussagen zu „Wetten“. Wetten darauf, dass die eingesetzten Semantiken genug durch Realität „gebackt“ sind, aber eigentlich und vor allem, dass sie von den Rezipent*innen „akzeptiert“ werden.
Wirklichkeit
Wirklichkeit ist – einerseits das Portfolio an „belastbaren“ Erzählungen über die Welt, in die ein Dividuum investiert ist.
Jede Beobachtung, die wir machen, leveragen wir anhand und entlang unseres Wirklichkeits-Portfolios. Aufmerksamkeit erhascht vor allem, die Abweichung der erwarteten Pfade, denn eine Information ist erst dann eine Information, wenn sie einen Unterschied macht.
Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die andere (tot oder lebendig) beobachten, die Welt zu beobachten, besteht unser gesamtes Portfolio aus gesellschaftlich mehr oder minder ausgetreten Pfaden, also oft und vielfältig beliehene Fulcren.
Wirklichkeit – gesellschaftlich verstanden ist also auch das Aggregat gemeinsam beschrittener semantischer Pfade, also die Struktur sich überschneidender Portfolios, an denen verteilte Dividuen, ihre Beobachtungen und Kommunikationen leveragen.
Wirklichkeit ist die wechselseitig beglaubigte Realitätsbeschreibung, in der wir leben. Sie ist zweifach „gebackt“, einerseits durch die eigene Erfahrung und andererseits durch die erwartete Erwartungskontinuität der anderen.
Die meisten und vor allem Grundlegensten Erzählungen, in die wir investiert sind, sind die, die uns nicht bewusst sind, dass wir sie haben. Würde man uns darauf ansprechen, wären wir überrascht, dass diese Erzählung überhaupt zur Debatte steht, weil wir sie eher unter „Kausalität“ gespeichert hatten, statt als Erzählung/Übergangswahrscheinlichkeit.
Das hat den einfachen Grund, dass viele unserer grundlegenden Erzählungen so alt und allgegenwärtig sind, dass wir aufgehört haben, sie als Erzählungen zu erkennen.
Wir alle werden in einem konkreten Ort in der Matrix geboren. Die Erzählungen mit denen wir aufwachsen, mit denen unsere Eltern aufgewachsen sind, mit denen alle um uns herum aufgewachsen sind, bilden die „Wirklichkeit“, wie sie uns gegeben ist.
Erst mit der Zeit fängt man an (wenn überhaupt) einige der Erzählungen in Frage zu stellen. Sei es, dass man auf bereits ausgelegte kritische Pfade gelangt, die einem die Erzählung unplausibel macht, sei es, dass wir sie nicht mehr mit der eigenen Erfahrung Backen können und uns auf die Suche nach alternativen Pfaden machen.
Wenn du aus der Matrix ausbrechen willst (aus einem bestimmten Strang in der Matrix, ganz verlassen können wir sie nie) brauchst du immer beides: Die Erfahrung des Zusammenbruch des Pfads auf dem du bist und die Möglichkeit einer gesellschaftlich viablen Pfadalternative.
Öffentlichkeit
In Krasse Links No 23 führe ich für die vernetzte Öffentlichkeit das Bild eines Trommelkonzerts ein.
Stellen wir uns 1000 Trommelnde vor, jeder trommelt seinen eigenen Beat: Ein großes Krachkonzert. Jeder hört den Beat seiner jeweiligen Nachbar*innen und wird unwillkürlich versuchen, sich zu synchronisieren. Es bilden sich kleinere und größere Beat-Cluster, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Und nach noch etwas mehr Zeit wird sich ein hegemonialer Beat herauskristallisieren, also das, was Bruce Sterling das „Major Consensus Narrative“ nennt. Nebenher gibt es viele ähnliche, aber abweichende Rhythmen und einige echt schräge Töne; doch der Hauptbeat übertönt alles.
Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die 1000 Trommeln unterschiedlich groß sind. Nur die wenigsten verfügen über die Möglichkeit eines Paukenschlags. Die meisten trommeln auf ihren Bongos den Rhythmus der Pauken nach oder versuchen, durch einen besonders originellen oder geschmeidigen Beat viral zu gehen. Doch unter dem Strich wird der „Major Consensus Beat“ in 8 von 10 Fällen durch diejenigen mit den großen Trommeln vorgegeben.
Medien sind Beatverstärker und Generatorien in einer dynamischen Übergangsmatrix aus narrativen Pfad-Aktualisierungen. Einerseits berichten sie über Ereignisse und gleisen damit Narrative auf, anderseits agieren sie niemals unabhängig voneinander. Niemand konsumiert so viele andere Nachrichten, wie Journalist*innen und alle Medien schauen einander die Schlagzeilen ab. Denn wichtig ist, was andere wichtig finden.
Die narrativen Pfade, die damit immer wieder aufgegleist werden, strukturieren unsere Weltwahrnehmung. Natürlich gibt es eine gewisse Heterogenität der Narrative – abweichen ist erlaubt, doch diese sind für normale Menschen schwer zu finden.
Warum wir ihnen die Narrative abkaufen? Weil sie nützlich sind.
Narrative versprechen, die Entropie der Zukunft zu entstören, indem sie die Gegenwart entlang von populären Pfaden weitererzählen. Narrative sind wie Beats, sie ordnen die Zeit und sind dabei sozial ansteckend. Man lernt den Rhythmus, übt ihn ein und führt ihn fort.
Beide, das Narrativ und der Beat strukturieren die Zeiterwartung des Dividuums und im relationalen Materialismus geht es deswegen häufig darum, den Beat hinter den Tanzmoves zu erkennen.
Wissen
Wenn man in den ganz alten Texten, wie der Bibel oder frühe Niederschriften von Sagen und Mythen liest, findet man da alle möglichen widersinnige Details, wie wer mit wem verwandt ist oder wieviel Ziegen für ein Schaf getauscht wurden, und wie man ein Kalb schlachtet und so.
Und die einfachste Erklärung dafür ist, dass diese Texte nicht nur Religion, sondern ein Fulcrum für die gesellschaftliche Verbreitung nützlichen Alltagswissens waren.
Jedes wissen braucht ein Fulcrum. Also wiederum ein „Wissen“ + ein materielles Medium (Wetware/Harware), das du beleihst, um informationelle Infrastruktur anzuschließen.
Im Neuen Spiel definierte ich über Wissen so:
Wir verwenden die Begriffe Daten, Informationen und Wissen im Kontext von Informationsökonomie und -gesellschaft in diesem Buch wie folgt.
Information ist der wesentlichste Begriff in dieser Gruppe. Der Philosoph Gregory Bateson definiert sie genial einfach: »Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.« Das klingt erst einmal kryptisch, ist aber sehr schlüssig, gerade wenn die Definition mit den Begriffen »Daten« und »Wissen« verbunden wird.
Daten begreifen wir als den ersten Unterschied in dieser Definition. Daten sind Unterschiede. Sie sind alles, was sich mittels der Unterscheidung zwischen Null und Eins ausdrücken lässt. Das bedeutet, Informationen bestehen aus Daten, und wir können festhalten: Informationen sind Daten, die einen Unterschied machen. Doch wie und wo machen diese Daten einen Unterschied, wo finden wir Unterschied Nummer zwei?Systemtheoretiker sagen an dieser Stelle: im System – im psychischen oder sozialen System. Wir wollen den Systembegriff aber lieber ausklammern und sagen gleich »im Wissen«. Wissen ist für uns ein Netz aus Informationen. Wissen besteht aus Informationen, die mit anderen Informationen verknüpft sind. Mein Büro ist am Weichselplatz, der Weichselplatz ist in Neukölln und hat eine Wiese, auf einer Wiese wächst Gras, und so weiter.
Daten sind also Information, wenn sie im Wissen einen Unterschied machen. Und das sieht so aus: Eine Information knüpft sich an das Wissen an, sie wird Teil des Netzwerkes. Sie kann jedoch nur anknüpfen, wenn sie anschlussfähig ist. Wenn ich höre, dass Robin Williams gestorben ist, ihn aber nicht kenne, dann ist das zwar ein Datum (Singular von Daten), aber keine Information. Erst wenn ich weiß, dass Robin Williams ein berühmter Schauspieler war und ich vielleicht schon Filme mit ihm gesehen habe, dann wird das Datum seines Todes überhaupt zur Information.
Eine Information ist also immer nur eine Information im Zusammen-hang mit einem bestimmten Wissen. Das Wissen von Menschen ist unterschiedlich. Was für den einen eine Information ist, ist für den anderen bloßes Datum. Daneben gibt es noch das gesammelte Weltwissen, das Wissen der Medizin, das Wissen der Rechtswissenschaft oder das Wissen der Wunderheilung. Wir verwenden den Begriff Wissen nicht im aufklärerischen Sinn – als gerechtfertigte, wahre Meinung –, sondern bezogen auf ein konkretes Netz aus Informationen – egal, ob diese der Wahrheit entsprechen. Wir implizieren, wenn wir von Informationen sprechen, dass es ein Wissen gibt, an das diese Information anschlussfähig ist, und zwar auch dann, wenn wir dieses Wissen nicht konkret benennen. Die Trias Daten, Information und Wissen lässt sich so zusammenfassen: Informationen sind Daten, die an ein Wissen anschlussfähig sind.
Heute kann ich genauer Sagen: das bereits vorhandene Wissen ist das Fulcrum, mit dem durch den Hebel der Beobachtung (Datenaufnahme) neues Wissen geleveraged wird (zu Information verarbeitet wird/an das Wissen angeschlossen wird). An jedem Wissen kann man nur bestimmtes Wissen anknüpfen (Zugriffs-Fulcrum), nicht jedes Wissen lässt sich für jeden Unterschied beleihen. Wenn meinem Wissens-Portfolio für ein bestimmtes Datum das passende Zugriffsfulcrum fehlt, kann ich es nicht als Information leveragen.
Informationelle Entropie (Shannon Entropie) ist – aus Userperspektive – der Zustand, wo entweder keine Unterscheidungen mehr getroffen werden können, weil alles gleich ist – der Unterscheidungs-Hebel findet keinen Zugriff, oder aber so viele Unterschiede vorliegen, dass sie keinen Unterschied mehr machen – der ansetzbare Unterscheidungshebel findet keinen Halt. Negative Entropie = aus einer Perspektive „leveragebare“ Unterschiede.
Was Shannon nicht bedachte: Information benötigt immer eine Perspektive. Eine Information ist nur eine Information, wenn sie ein Unterschied für ein „Wissen“ macht.
Das KontaktzonenFulcrum des Wissens
Dass jedes Wissen ein materielles Fulcrum braucht, hat auch Jan Assmann in seinem Buch: Das kulturelle Gedächtnis gezeigt: Vorschriftliche Kulturen verankterten ihre Mythmen, Götter und Erzählungen an materiellen „Landmarks“, wie Berge, Täler, Flüsse, Seen und Meere. Die Juden waren vielleicht nicht die ersten, die schrieben, aber sie waren die ersten, die Schrift leveragten, um ihre Kultur im „Exodus“ zu reproduzieren.
In Tom Standages „Writing on the Wall: Social Media—The First 2,000 Years“ erfahren wir, dass das frühe Christentum das römische Postsystem leveragte, um eine dezentrale und weit verstreute „Gemeinden“-Struktur synchron zu halten.
Dort erfahren wir auch von den Effekten der Buchpresse und dass die frühe Viralität von Luthers gedruckten Pamphleten, das Fulcrum war, das der Protestantismus leveragte, um sich zu verbreiten.
Aber all diese Beispiele leveragten noch etwas anderes: Die Erwartungskontinuität der etablierten Strukturen, die gegenüber den neuen sozialen Organisationsarten keine Gegenstrategien hatten.
Dasselbe passiert gerade mit dem Internet. Die Stärke der Veränderung unserer Welt kommt nicht so sehr durch die „Macht des Internets“, sondern vielmehr aus unserer Unvorbereitetheit auf das Verhalten neuer Wissensformationsnetzwerke, die über ungekannte Umwege neue Hegemonien herstellen. Wir sind noch zu blind gegenüber den Mechanismen, denen wir ausgesetzt sind – auch, weil uns noch die Sprache dafür fehlt, die Unterscheidungen und Konzepte, die es erlauben, sich im Netzwerk zurechtzufinden.
Der „relationale Materialismus“ ist auch der Versuch, in dieser neuen Welt die „situational Arwareness“ wiederzuerlangen und außerdem, den Liberalismus zur verlassenen Ruine zu machen.
Gewalt und Erlaubnisstrukturen
Gewalt ist Kommunikation und wie jede Kommunikation beleiht Gewalt andere Gewalt.
Erlaubnisstrukturen sind semantische Pfadgelegenheiten zur Gewaltanwendung (groß oder klein). Erlaubnisstrukturen sind zwar semantisch, aber sie „beleihen“ Gewaltakte. Entweder Gewaltereignisse aus der Vergangenheit mit ihren überlieferten Rechtfertigung, oder man denkt sich einfach selber welche aus und hofft, dass man damit durchkommt.
Praktisch heißt das, dass Gewalt aus der Vergangenheit geleveraged wird, um Gewalt in der Gegenwart zu rechtfertigen. Erlaubnisstrukturen, sind semantische Fulcren, an die man „kinetische Hebel“ anlegen kann.
Gewalt ist deswegen auch immer eine Pfadgelegenheit, die in zwei Pfade eingebettet ist. Die Gewaltanwendung des Dividuums (horizontal) und der vertikale Pfad, der meine Gewalt rechtfertigt.
Meine Gedanken zu Erlaubnisstrukturen entstammen Walter Benjamins Begriff der rechtsetzenden Gewalt. Ich schrieb in KL32:
Kuku Schrapnell reflektiert auf 54Books ihre eigene Gewalterfahrung – sie wurde von einer Gruppe rechter Schläger zusammengeschlagen – auf eine intensive und erkenntnisreiche Weise. In der Reflexion greift sie auf Walter Benjamins Unterscheidung von Rechtsetzender (auch mythischer) und Rechtserhaltender Gewalt. Rechtserhaltende Gewalt ist das Disziplinieren von Regelverstößen.
Mit der rechtssetzenden Gewalt ist es ein bisschen schwieriger, nicht umsonst spricht Benjamin auch von der mythischen Gewalt. Am Anfang jeder rechtlichen Ordnung braucht es Gewalt, um sie durchzusetzen.
Aber diese rechtliche Ordnung muss auch beschützt werden, weil sonst andere, mythische Gewaltaten die Pfadentscheidungen treffen:
Während es auf der einen Seite zwar immer mehr rechtliche Gleichstellung für queere Menschen gibt, wie zum Beispiel das maßlos wichtige Recht auch heiraten zu dürfen, oder die Abschaffung des schrecklichen Transsexuellengesetzes zugunsten des nicht ganz so schrecklichen Selbstbestimmungsgesetzes, steht auf der anderen Seite die Zunahme der (mythischen) Gewalt gegen queere Menschen, die diese Rechte in Frage stellt. Die rechtliche Gleichstellung ist nicht nur in sich selbst prekär, immerhin kann ja schon die nächste rechte Regierung alles wieder kippen, sie ist auch immer nur so stark, wie die in ihr gebündelte Gewalt. Die Gleichstellungsrechte können überall da in Frage gestellt und unterlaufen werden, wo ihre rechtsbegründende Gewalt nicht direkt in Erscheinung tritt, weil beispielsweise Polizeistreifen lieber durch linke oder migrantisch geprägte Viertel fahren, oder andere Gruppen schon so mächtig geworden sind, dass sie sich ungehindert austoben können.
Weil sich jede Gewalt ihre eigene Erlaubnisstruktur baut, setzt sie implizit Recht. Aber was kann man dem Entgegensetzen?
Gewalt ist immer eine Grenzverletzung und jede Grenzverletzung erntet Aufmerksamkeit. Und die Art und Weise, wie wir mit dieser Grenzverletzung umgehen, wird bei den Dividuen als „Präzedenzfall“ generalisiert, also normalisiert, ein bekanntes und beleihbares Beispiel, an dem ich und andere unsere Handlungen orientieren. Wird die Grenzverletzung geahndet, wie wird die geahndet, was sind die Konsequenzen, wie sprechen wir danach über den Fall, etc.
Jeder Gewaltakt verändert das Portfolio der Erwartungen und wird, wenn er nicht sanktioniert und tabuisiert wird, zur beleihbaren Infrastruktur für neue Gewalt.
„Ethik“ funktioniert im relationalen Materialismus also eher wie vernetztes „Case Law“, statt wie Kant es sich wünschte, als „Regel“.
Faschismus
Hier, wie Faschismus (und Bullying im Allgemeinen) funktioniert:
Durch ständig eskalierende Grenzverletzungen stößt du deinen Gegner und die Gesellschaft aus dem angestammten Raum der Erwartungen, so dass die andren ohne Anschlusshandlung dastehen. Ihnen fehlt in dem Moment ein plausibles Fulcrum für ihre habituellen Hebel
In diesem Vakuum normalisiert sich deine Grenzverletzung, denn sie bleibt ungesühnt und wird ab nun zum Teil des Erwartungsfulkrums, an dem du den nächst größeren Grenzverletzungshebel ansetzen kannst.
Deswegen ist Faschismus am Anfang so erfolgreich, fällt aber in sich zusammen, sobald er das Erwartungsfulcrum der anderen so weit abgenutzt hat, dass es bricht.
Um Faschismus zu besiegen, müssen wir also möglichst unsere Erwartungsstabilität verlieren, denn sie ist – wie bei jedem anderen Betrug – die Grundlage der Waffe, die der Faschismus gegen uns richtet.
Da das ein freier fall wäre, ist es wichtig, selbst Erwartungsgrenzen zu durchbrechen, um neue, resilientere Erwartungsinfrastrukturen aufzubauen.
Antifaschistische Arbeit besteht unter anderem auch darin, Anschlusshandlungen an faschistische Grenzverletzungen vorzuplanen und einzuüben.
Teil V: Einbettung in die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten
Die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten bekommt mit der Hebel:Fulcrums-Beziehung einen mechanischen Vektor, der uns hilft, viele Rätsel aufzulösen. Aber um die Hebel:Fulcrums-Beziehung analytisch anwenden zu können, lohnt es sich, die unterschiedlichen Arten auf das Fulcrum zu schauen, noch einmal zusammenzufassen.
Die Bedeutungsdimensionen des Fulcrums
Das Fulcrum ist nicht eine Sache, sondern eine Rolle in einer Beziehung und diese Rolle verändert sich ständig, vor allem während der Hebelaktion und so nimmt es unterschiedliche „Gestalen“ an, je nachdem mit welcher Perspektive man drauf schaut.
Zusammenfassend kann an sagen, dass das Fulcrum im Laufe der Hebelaktion mehrfach seine Bedeutung verändert. Achtung: Es gibt eine gewisse Abfolge, aber keine strenge, die Bedeutungsdimensionen können in einer Hebelaktion oft gleichzeitig wichtig sein, sich abwechseln, etc.
- Eroierung einer Pfadgelegenheit. Wenn eine Pfadgelegenheit ins Bewusstsein tritt, hat das Fulcrum die Funktion zu beantworten, ob der Pfad „viabel“ ist, also „gangbar“ ist? Dafür muss man den Pfad inszerinieren/entertainen , also sich selbst imaginieren, ihn zu gehen (um zu ihm „nein“ sagen zu können). Hält die Infrastruktur das aus? Ist die Infrastruktur sicher? Nennen wir es inszeniertes Fulcrum (0).
- Wenn geprüft wurde, ob eine Pfadgelegenheit/Hebel „viabel“ ist, plant man die praktische Umsetzung der Hebelbenutzung und das bedeutet, dass das Fulcrum zum „Zugriff eines Hebels“ wird. Das zugriffliche Fulcrum (1).
- Spätestens, wenn der Zugriff gefunden ist, „gilt“ die Wette, was den Fulcrumsbegriff ein weiteres Mal verschiebt, zur Wette auf die Gesamtinfrastruktur. Dabei wird nicht nur das Fulcrum, sondern alle Infrastrukturen, die das Fulcrum stabulisieren, sowie alle an der Hebel-Aktion notwendige Rollen inhabende Infrastrukturen für die Zeit der Hebelaktion „beliehen“. Ich habe keine Sorge ein großes Risiko einzugehen, wenn ich die U-Bahn nehme, obwohl ich weiß, dass was passieren kann. Eine Hängebrücke über eine Schlucht wäre aber dennoch eine andere Sache? Das beliehene Fulcrum (2).
- Ist der Hebel am Fulcrum angesetzt, dann verwandelt sich der Sinn ein weiteres Mal, denn dann verbinden sich Hebel, Fulcrum und Kraft zu einem temporären, materiell-infrastrukturellen Gesamtfulcrum, also der materiellen Entsprechung der zuvor abgeschlossenen Wette. Hier ist es tatsächliches Maß für Robustheit und Steifheit. Hier kommt es auch auf die interne Beschaffenheit des Fulcrums an und das heißt, dass das Fulcrum in dieser Vision ebenso „fraktal“ ist, wie die Wetten, die auf seine Struktur abgeschlossen sind. Jedes Fulcrum ist heterogen, hat stabilere und weniger stabile Teile, die unterschiedlich gut, Stabilität organisieren. Hier geht es also um „Grind“, um Abnutzung, Biegen und Brechen. Und dieser Ort ist kein „Punkt“, sondern eine Kontaktzone oder -Fläche. Das Kontaktzonenfulcrum (3).
- Jedes Kontaktzonenfulcrum hat ein oder mehrere „stabilisierende Fulcren“ in sich, die die Gesamtstabilität auf einer höheren Ebene organisieren. Das Fundament bei Häusern, Gerüststrukturen bei Bühnen, Wurzeln bei Bäumen, das Rückgrat und Muskulatur des Menschen, die „härte“ hinterlegter Assets. Wenn stablisierende Fulcren unter Stress geraten, ist steht immer die Gesamtstablität auf dem Spiel. Der Bruch des stablisierenden Fulcrums (4) ist der Ort, wo der „Crash“ beginnt.
- Direkt nach der Hebelaktion wechselt das Fulcrum wieder seine Bedeutung, bzw. verschwindet sie den Erwartungen vieler Hebelnutzenden, denn der Verschleiß Kontaktzonenfulkrums 3 wird oft nicht beachtet, nicht eingepreist, als Externalität verschoben oder idealisiert. Das verdrängte Fulcrum (5) ist das Vergessene/Aufgeschobene/Externalitierte einer Hebelbenutzung.
- Ist eine Pfadgelegenheit erprobt und steht weiterhin zur Verfügung, wird sie ins eigene Pfadgelegenheits-Portfolio aufgenommen. Dort landen Pfadgelegenheiten, wenn sie beliehen werden, um weitere Pfadgelegenheiten darauf anzusiedeln. Wobei das Portfolio durchaus nach Aufmerksamkeit gestaffelt ist? Während ich das hier Tippe gehe ich unzählige Wetten ein, die bereits im Portfolio eingepreist sind: dass jede einzelne Taste funktioniert, dass der Rechner funktioniert, das Internet, WordPress läuft, der Server „up“ ist, der Strom fließt und das Rechenzentrum nicht durch einen Hurricane bedroht ist, usw. Viele der Wetten in meinem Portfolie kommen mir nicht wie Wetten vor, bis sie es doch tun. Verbuchtes Fulcrum (6).
- Wenn eine Pfadgelegenheit schief geht, geschieht der Crash – die Unverfügbarkeit der Infrastruktur und die Abwertung der daran geknüpften Erwartungsportfolios. Das Fulcrum ist gebrochen und das ist in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich dramatisch, doch was sich verallgemeinern lässt: Das ist immer unangenehm, manchmal lebensbedrohlich. Aber es gilt auch: wenn ein Fulcrum bricht, gibt es immer etwas zu lernen. In dem Bruch werden Infrastrukturen und verdrängte Erwartungen sichtbar, die es zu studieren gilt. Das verdrängte Fulcrum liegt offen. Insbesondere muss die Analyse nach dem Bruch stablisierender Fulcren Ausschau halten. Welche essentielle Infrastruktur hat hier nicht gehalten? Ob wir durch einen Crash schlauer werden, hängt davon ab, welche Geschichten wir uns nachher darüber erzählen. Der Fulcrums-Crash (7) ist also der pfadabhängige Riss durch das Fulcrum und die Geschichten, die wir darüber erzählen.
- Ein unbrauchbar gewordenes Fulcrum (Fulcrum-Ruine) nennen wir ein abgeschiebenes Fulcrum (8).
Zusammengefasst:
- inszeniertes Fulcrum[F0] = viabel / Die Pfadgelegenheit
- zugriffliches Fulcrum[F1] = Ansatzort / Zugriffs-Topologie /
- beliehenes Fulcrum[F2] = Wette auf die Gesamtinfrastruktur
- Kontaktzonenfulcrum[F3] = Kontaktzone / Steifheit / Robustheit / Verschleiß
- stabilisierendes Fulcrum[F4] = Stabilitätskern / Die Fulcren, die dem Kontaktzonenfulcrum Stabilitität verleihen
- verdrängtes Fulcrum[F5] = externalisiert / verdrängt
- verbuchtes Fulcrum[F6] = habituelles Pfadgelegenheit-Portfolio
- Fulcrums-Crash[F7] = Der Riss im Fulcrum und seine Geschichte.
- abgeschriebenes Fulcrum[F8] = Ruine
Kurz: Eine Handlung ist kein „Akt eines Subjekts“, sondern die temporäre Aktivierung eines Hebels innerhalb eines mehrschichtigen, erwartungsgetragenen Fulcrum-Portfolios, dessen Voraussetzungsreichtum und Verschleiß systematisch unsichtbar gemacht wird.
Und hier das Gewöhnungsbedürftige: Wenn ich die Hebel:Fulcrums-Mechanik verwende, meine ich potentiell all diese Fulcrums-Schritte/Interpretationen gleichzeitig, denn sie sind miteinander verflochten: Handlung, materielle Infrastruktur und die Erwartungen daran sind untrennbar – sie bilden ein Fulcrum und ich kann im detail immer fragen, wo ist der Zugriff und wie ist er gestaltet, was ist die Kontaktzone, wird sie halten, wo ist der Verschleiß, wo wird Stabilität organisiert, wer hat es finanziert, von wem wird es beliehen, usw.
„Fulcrum“ ist ein „dicker“ Begriff. Die interne Komplexität der Struktur wirkt wie ein semantischer Schwamm, der aus konkreten Beobachtungen mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig aufzusaugen kann.
Die Hebel:Fulcrums-Mechanik erlaubt es nicht nur, neue semantische Wege zu gehen, die quer zu den etablierten semantischen Pfaden liegen, aber dieselbe Realität beschreiben, nur besser, präziser, konsistenter. Sie erlaubt es auch „dicke“ Begriffe mitzuführen, die eine enorme Komplexitätsreduktion mit nur wenig „Information Loss“ zu bewerkstelligen.
Das Resultat ist eine neue Ordnung von materieller Realität/materiellen Infrastrukturen und semantischem Raum in einem Multidimensionalen Netzwerk, sowie neue Erzählungen für Öffentlichkeit, Finanzmarkt, Wirtschaft, Sprache, KI, Plattformen und so weiter.
Das Problem: Die Hebel:Fulcrums-Mechanik macht uns alle zu Schuldnern unserer Infrastrukturen und weist auf unsere Abhängigkeiten hin.
Leverage in der Finanzwelt
Archimedes konnte nicht ahnen, dass seine Praxis des „Leveragen“ in der Finanzsprache beliehen werden würde, aber uns ist jetzt auch klar warum? Auch dort ist jeder Hebel eine Wette auf ein Fulcrum.
Für gewöhnlich bezieht sich das Wort „leverage“ am Finanzmarkt auf geliehenes Geld, das man seiner „Order“ beifügt. Sagen wir, ich habe 10.000 Euro Eigenkapital und leihe mir für eine „Order“ weitere 100.000 Euro, dann verstärkt das meinen Hebel 10x. Wenn also der Preis 1 % steigt, habe 10 % gewinn gemacht, wenn er um 1 % fällt, habe ich 10 % Verlust gemacht.
Wäre das Fulcrum fix und ein Punkt, dann könnte der Hebel unendlich groß sein, was wir als Hinweis darauf lesen können, dass wir es auch hier mit einem „komplexen Fulcrum“ zu tun haben.
Das erste, was ein Anleger macht, ist zu fragen: Ist ein Anlegepfad „viabel“?, Dafür inszeniert man eine Zukunft entlang einer bestimmten Erwartung: Wird der Preis für das Asset weiter steige? Kann ich mir das leisten? Wie sicher ist das? Das „Inszenierte Fulcrum“ [F0] ist die Eruierung der Anlegepfadgelegenheit.
Das nächste, was der Anleger tun muss, ist das „zugriffliche Fulcrum“ [F1] zu wählen, d.h. den Zeitpunkt/Kurs, an dem er sich entschließt zu kaufen/den Hebel anzusetzen. Manchmal ist das einfach so schnell wie möglich, aber viele haben ganz bestimmte Wertentwicklungszeitpunkte im Visier.
Als nächstes nimmt der Anleger Kredit auf und plaziert seine Wette. Um die 100.000 zu bekommen, beleiht der Anleger nicht nur das gekaufte Asset, sondern auch die „Sicherheiten“, die er für den Kredit braucht. Das „beliehene Fulcrum“ [F2] umfasst also nicht die Werterwartung des gekauften Assets, sondern auch die Werterwartung der beliehenen Vermögenswerte für den Kredit. Das alles steht jetzt zusammen auf dem Spiel.
Während der Hebelaktion verschiebt sich erstmal der Fokus auf das „Kontaktzonenfulcrum“ [F3]. Denn jetzt ist es nicht nur so, dass der Wert des investierten Assets eine Rolle spielt, sondern auch der Wert der anderen beliehenen Assets aus [F2]. Kontaktzonenfulcrum existiert, sobald es „belastet“ wird, also die Hebelaktion beginnt und seine Stabilität garantiert die Wette. Zum Kontaktzonenfulcrum gehört aber auch die erwartete Wertentwicklung des gekauften Assets, sowie die erwartete Wertentwicklung anderer, was die ganze Konstruktion fragil macht.
Deswegen dienen die für den Kredit beliehenen Assets als stabiliserendes Fulcrum [F4]. Wenn ich zum Beispiel Aktien als Sicherheit hinterlegt habe und die Aktien sinken im Wert, dann kann mich ein sogenannter „Margin Call“ erreichen. Die Bank fordert entweder mehr Assets ein, oder löst den Vertrag auf und verkauft meine Sicherheit. D.h. die Stabilität meines Fulcrums basiert zu einem Gutteil auf der Stabilität der beliehenen Assets.
Das „verdrängte Fulcrum“ [F5] ist immer mit dabei und es ist vielfältig, auch wenn die Hebelaktion gut geht. Ein besonders gern verdrängter Teil des Fulcrums bei Finanzgeschäften ist die Tatsache, dass man es sich leisten können muss, ein solches Risiko eine gehebelten Wette überhaupt einzugehen. Auch die eigene sozioökonomische Situation wird bei jedem Kredit immer mitgeleveraged.
Das „verbuchte Fulcrum“ [F6] wird das ganze, wenn die Hebelaktion gelingt und das gehebelte Asset in gewünschter Höhe im Portfolio liegt, oder die Option aufgeht. Aber ebenfalls verbucht ist der Hebelpfad selbst. Ein geglückter Hebeleinsatz verleitet dazu, die Geste zu wiederholen. Die allgemeine Pfadgelegenheit „Hebeln“ gewinnt als viabler Pfad an Wert im persönlichen Erwartungs-Portfolio.
Es sei denn, die Hebelaktion mißlingt. Sei es, weil die Wertentwicklung vom erwarteten Pfad abwich, sei es, dass das stabilisierende Fulcrum [F6] brach (Margin Call). Die Erwartungen an die Infrastruktur waren nicht durch die Realität „gebackt“. Was im Fuclrums-Crash [F7] zu Tage tritt sind die eigenen verdrängten Erwartungen und Erwartungserwartungen.
Die Verluste werden zum „abgeschriebenen Fulcrum“ [F8].
Doch man kann den Hebel auch in allen „ungeleveragten“ Finanzgeschäften finden (1x Hebel sind auch Hebel) und das erlaubt uns, mit der Analyse noch tiefer gehen.
Ökonom*innen haben sich immer gefragt, worauf genau Investor*innen wetten und haben so Antworten wie „Fundamentuals“, „aktuelle und zukünftige Cashflows“ gegeben und es wurden Formeln aufgestellt wie Discounted Cash Flow, oder einfach P/E-Ratios (Preis/Gewinn) oder ähnliches.
Klammern wir für einen Moment die Tatsache aus, dass wir mit unseren Erwartungen und Preisen immer schon im Raum der Erwartungserwartungen operieren (Wie „Memestocks“ und Techwerte regelmäßig belegen, indem sie auf Fundamentuals scheißen).
Nehmen wir klassischer Weise an, dass es um „Fundamentials“ geht, wir also einen möglichst „rationalen Blick“ auf den Pfadwert eines Unternehmens werfen wollen, dann fällt als erstes auf, dass die Investition eben nicht nur eine Wette [F2] auf das Asset selbst, sondern auch auf den seines Kontextes ist.
Das stabilisierende Fulcrum [F4] und damit der Werterwartung von Asset X basiert auf der Stabilität der Erwartungen, von denen die Werterwartung abhängig ist und das umfasst alle notwendigen Infrastrukturen des Unternehmens X. Wie funktionsfähig und robust ist das Geschäftsmodell, wie entwickelt sich die „Stimmung am Markt“, wie verändert sich die Konkurrenzsituation, wie gut liefert das Management, wie verändern sich die politischen Rahmenbedingungen – all den Kram, den Analysten für eine detaillierte Pfadbewertung so zusammentragen.
Doch da ist mehr: Die betreffende Firma ist selbst wiederum abhängig von der wirtschaftlichen Gesamtlage, davon, dass seine Zulieferer verlässlich liefern, die Banken verlässlich Liquidität bereitstellen, die Mitarbeiter*innen (größtenteils) gesund sind, nicht streiken und verlässlich zur Arbeit kommen, dass die Straßen und Schienen für die Logistik nutzbar sind und dass die Sicherheit der Projekte gewährleistet ist. Außerdem, dass das politische System, in dem die Firma operiert, stabil bleibt, ihr Geschäftsmodell auch morgen noch legal ist und die Gesetze morgen noch gelten. Auch ein halbwegs stabiles Klima gehört für Firmen oft zum verdrängten Fulcrum.
All das wird durch eine einfache „Order“ „geleveraged“.
Wenn ein Kurs fällt, dann oft, weil sich bestimmte Kontextbedingungen änderten, die man gar nicht so sehr auf den Schirm hatte. Die Pfadbewertung ist immer implizite Fulcrumsbewertung.
Finanzmarkt
Der Finanzmarkt ist überall wo er auftritt eine künstliche geschaffene Infrastruktur, die bereits seit den 1970ern größtenteils in Software umgesetzt ist und eine für jeden anderen „Markt“ unübliche Übersicht über die Marktteilnehmer*innen erlaubt und momentane, in Echtzeit erfasste Preisbewegungen abbildet.
Auf dem Finanzmarkt kann man auf Pfade wetten, indem man in Unternehmen investiert, die den Assets unterlegt sind. Was man dabei konkret beleiht, hängt von einem selbst ab: Ist es eine Analyse der „Fundamentials“, ist es die Geschichte, die der CEO erzählt (zum Beispiel Musks Stories), oder es ist einfach das, worauf „alle vertrauen“ (ETFs), oder es beleiht gar eine Identität (Bitcoin, Crypto, Memestocks), andere wollen einfach generell in „KI“ investieren, weil sie an die AGI story glauben. Am Ende wetten alle auf Geschichten.
Und der Finanzmarkt funktioniert dann so, dass eine Investition nicht nur eine persönliche und private Einlage deines Gelds (und deiner Erwartungen) ist, sondern diese Investition verändert den Preis (wenn bei uns Normalos auch nur minimal) und damit auch die Werterwartungen aller anderen.
Praktisch funktioniert das dann wie die Öffentlichkeit (siehe oben), als Trommelkonzert. Krasse Links No 23:
Der „Wert“ von gehandelten „Assets“ wird durch Öffentlichkeitsmechanismen bestimmt.
Zentrale Handelsmärkte für Anlagegüter sind in Infrastruktur gegossene Ideologie. Anders als der Markt für bsw. Waschmaschinen sind Handelsplätze keine gewachsenen infrastrukturellen Gegebenheiten, sondern dem künstlich dem Idealbild des neoklassischen Marktes nachempfunden, alle Anbieter und alle Nachfrager kommen zusammen finden einen Preis. In der Theorie werden „Signale“ dadurch „verarbeitet“, dass sich alle Akteure gegenseitig versuchen „outzusmarten“, doch in der Praxis geht es meist darum, wer die größere Trommel hat.
Hier, wie ich glaube, dass der Aktienmarkt wirklich funktioniert: Unternehmen präsentieren sich der Öffentlichkeit als Projekte, die davon erzählen, wie sie ihre bereits vorweisbaren Infrastrukturen dazu leveragen werden, um noch mehr Abhängigkeiten zu schaffen oder zu konzentrieren. Mit anderen Worten: Am Aktienmarkt werden Geschichten gehandelt, also getrommelt.
Und natürlich gibt auch es hier die übermäßig großen Pauken, die den Beat vorgeben und eine wilde Schaar von kleinen bis mittelkleinen dazu improvisierenden Percussions. Wenn Goldman Sachs mit einem von den Erwartungen abweichenden Preis in ein Projekt reingeht, sortiert das die Karten neu und die Percussions passen ihren Beat an. Die Finanz-Oligarchie gibt mehr oder weniger die Shots vor, und alle anderen Wetten nur darauf, welche Geschichten sich ein paar ultrareiche Männer auf dem Golfplatz erzählen.
Egal, ob ich Aktien, Bitcoin, NFTs, ETFs, oder Optionen kaufe, ich investiere in ein Narrativ (einen imaginären Pfad) und meine Kaufentscheidung ist zugleich ein Signal an andere, dass ich einen Pfad für Wertvoll erachte. Bei jeder Finanztransaktion beleiht man also immer auch die Erwartungen der anderen, ihren Glauben an die gemeinsam finanzierten Geschichten.
Insofern kann man das ganze Memestock-Gerede getrost beiseite legen, denn, turns out: Jede „Stock“ ist ein Memestock. It’s storys all the way down. Insofern ist an der Robinhood/Memestock-Selbsterzählung etwas dran: Die organisierten Kleinanleger-Trommler, die sich auf Reddit zusammengetan haben, mischten die Rich Mens Memes auf und schafften es, zumindest temporär, einen eigenen Beat zu setzen und durchzuhalten.
Doch im Gegensatz zu ihrer Selbsterzählung bilden sie damit keinen echten Wert ab, sondern legen offen, wie das System wirklich funktioniert.
Man muss nur immer weiter trommeln: Hodl, Hodl, Hodl, buy the dip! Und achtet auf den Beat, den Beat! Diamond Hands! FOMO! Und der Beat, der Beat, der Beat! Do your Own research! Einfach immer weiter trommeln, FUD! FUD! FUD! Don’t trust, verify! Im Trommeln liegt die Wahrheit, we all gonna make it!, etc.
Blase
Wie jede Pfadgelegenheit ist auch das Asset eine Wette auf die Zukunft, doch sie ist vergleichsweise riskant. Pfade haben es so an sich, dass sie von Erwartungen abweichen und das kann offensichtlich passieren: der Wert meine Aktie sinkt – oder erstmal weniger offensichtlich: das, was meine Aktie wertvoll macht, sinkt. Dabei kann sich ein „Spread“ entwickeln zwischen der allgemeinen Erwartungen an ein Fulcrum und seiner tatsächlichen Stabilität.
Das nennen wir „Blase“.
Der Ökonom Hyman P. Minsky argumentiert, dass es die alltäglich erfahrene Kontaktfulcrums-Stabilität ist, die die Leute dazu verleitet, immer mehr und immer größere Hebel daran anzusetzen: „Stability is destabilizing“ sagt er in „Stabilizing an Unstable Economy“ von 1986.
Die Finanzkrise von 2008 fing nicht mit „Lehman Brothers“ an, auch nicht mit Fannie Mae and Freddie Mac, sondern mit dem Bruch eines verdrängten [F6] aber stabilisierenden [F4] Fulcrums: der realen Rückzahlungsfähigkeit der Haushalte, die eine Hypothek aufgenommen hatten. Deren nun wertlosgewordene Kredite wurden oft als „Subprime Mortages“ mit allerlei anderen Krediten vermischt verpackt verkauft. Aber als diese Kredite durch erhöhte Ausfallraten „faul“ wurden und man nachschaute was da los ist, crashte das Vertrauen in die Rating-Agenturen, die, wie sich herausstellte, gar nicht hingeguckt haben), so dass nicht mehr klar war, welcher Kredit betroffen ist.
Die Stabilität aber, die diese Instabilität hergestellt hat, war die vermeintliche Verlässlichkeit des Immobilienmarktes bezüglich seines Return of Investment. Der Markt hatte einige Jahrzehnte einen stetiges Wertwachstum erfahren und Kredite in Immobilienfinanzierung galten als „safe Bet“ – als Stabilitätsanker einer sonst volatilen Finanzwelt.
Das heißt, sie wurden zum stablisierenden Fulcrum anderer finanzieller Infrastruktur, also weiteren, darauf aufbauenden Wetten. Konkret: Finanz-Derivate (MBS, CDO, Repo-Collateral, CDS-Versicherungen) die diese Schulden als Stabilitätsanker ihrer ansonsten riskanteren Hebel nutzen und diese Hebel waren besonders bei Banken beliebt, wo die toxischen Assets überall in den Büchern standen, um andere Investitionen rechtfertigten.
Minsky bedeutet: Die erfahrene Kontaktfulcrum-Stablität erzeugt Erwartungs-Stablität und Erwartungserwartungs-Stabilitität, die die Akteure dazu verleitet, sich zu erlauben, immer größere und riskantere Hebel an das Fulcrum anzusetzen, ohne dabei die sie stabilisierenden Fulcren im Blick zu behalten.
Minsky führt drei Phasen ein:
- Hedge Finance = stabile Pfadgelegenheit, die Schuld kann aus laufendem Cashflow bedient werden.
- Speculative Finance = instabile Fulcrum-Balance, der Cashflow reicht nur für die Zinsen.
- Ponzi Finance = Erwartungs-Fulcrum, Schulden können nur durch steigende Preise bedient werden.
Minsky identifiziert den Moment der Blase dort, wo die Gewinne aus der Preissteigerung der Assets größer werden, als die aus Nutzung des Assets. Dann kommt es zu einem Kreislauf: Geld erzeugt Erwartung und Erwartung erzeugt Geld.
Aber da ist noch etwas anderes: Wenn Pfade „sicher“ sind, dann gewinnen immer die mit den größten Hebeln. Sei es, weil sie eine bessere Kostenstruktur, eine größeres Marketing-Budget, oder tatsächlich den besten Hebel haben.
Das Wachstum skaliert sich nicht gleichmäßig, sondern konzentriert sich bei wenigen großen Hebeln. Das heißt: bereits populäre Fulcren gewinnen überproportional an Macht (Netzwerkzentralität) und die Topologie entwickelt sich immer weiter Richtung skalenfreiem Netzwerk mit Paretoverteilung (20 % der Knoten haben 80% der Verbindungen, 80% der Knoten teilen sich 20 % der Verbindungen) der Fulcrums-Zentralitäten mit eigenen Engstellen und Kritikalitäten. Damit einhergehend geben Wettbewerber auf, lokalere Strukturen veröden, Pfadalternativen schwinden, das Netzwerk dünnt aus und verengt sich auf die wenigen große Infrastrukturpfade.
Nach dem Kollaps der erwarteten Hauskreditrückzahlungs-Erwartungen stellte sich heraus, dass ein kleiner, aber im Beleihungs-Netzwerk netzwerkzentraler Knoten wie „Lehmann Brothers“ teil des stabilisierenden Fulcrums des ganzen Bankensektors war, der durch den eigenen Kollaps das ganze Bankensystem zum Einsturz bringen konnte. Das war der Grund, warum man eilig begann, Netzwerkzentralitäten gezielt zu „retten“ (Too Big To Fail).
Der „Kipppunkt“ ist kein Punkt, sondern ein Pfad. Ein Crack, der irgendwo in den Tiefen des verdrägten Fulcrums anfängt – dort wo Realität auf Erwartung trifft (häufig Cashflows, aber es kann auch etwas anderes sein: eine Erzählung, die nicht mehr stimmig ist, auf der viele andere Erzählungen basieren) – der sich auf andere Fulcren ausbreitet, die dieses Fulcrum beliehen haben und dann irgendwann auf Netzwerkzentralitäten trifft und dann über dessen Pfadgelegenheiten die Portfolios rundrum kollabieren lässt. Ein „Kippunkt“ funktioniert wie ein Virus.
Auf das Trommelbeispiel bezogen fangen dann Trader im größeren Maßstab an, Assets zu liquidieren, entweder, um toxische Assets loszuwerden, oder um andere Wetten am Laufen zu halten, deren beliehenes Fulcrum [F3] im Wert abgesackt ist und der Margin Call droht. Das heißt da verändert jemand seinen Beat und umliegende Trader werden aufmerksam, einzelne checken das Problem und stellen fest, sie sind selbst betroffen und beginnen ebenfalls mit dem Verkauf. In Windeseile verbreitet sich der neue Beat: welche Erzählung wie zusammengebrochen ist und welche pfadabhängigen Erzählungen davon betroffen sind und alle checken ihre „Exposure“.
Und so grandios man sich gegenseitig nach oben getrommelt hat, umso schneller trommelt man sich runter. Bis das ganze Vertrauen niedergetrommelt wurde und niemand mehr jemand anderem Vertraut. Nach der Finanzkrise die Bankenkrise. Banken gaben sich keinen Kredit mehr (sahen sich nicht mehr als viable Pfadgelegenheit: Bruch des [F0]-Fulcrums, weswegen der Staat eingreifen musste, als „Lender of Last Ressort“, letzter viabler Pfad zu Liquidität. Und weil all das die Staatsfinanzen leveragte hatten wir danach eine „Staatshaushaltskrise“ und dann „EU-Stabilitätskrise“. Es waren die Wellen des Crashs, die sich in konzentrischen Kreisen durch die infrastrukturellen Fulcren ausbreiteten.
Und durch die skalenfreie Struktur des ganzen bekommen wir kaskadieren Kollaps, den Seneca Effekt, basierend auf Scenecas Beobachtung:
Whatever structure has been reared by a long sequence of years, at the cost of great toil and through the great kindness of the gods, is scattered and dispersed by a single day. Nay, he who has said „a day“ has granted too long a postponement to swift-coming misfortune; an hour, an instant of time, suffices for the overthrow of empires! It would be some consolation for the feebleness of our selves and our works, if all things should perish as slowly as they come into being; but as it is, increases are of sluggish growth, but the way to ruin is rapid.
Meine Theorie ist also die von Minsky, nur mit Verdrängung und Netzwerkeffekten.
Eine Finanzblase entsteht, wenn stabile Kontaktzonen-Fulcren Erwartungsstabilität erzeugen, Hebel sich stetig vergrößern und durch Preferential Attachment auf wenige Netzwerk-Hubs konzentrieren und dann verdrängte, aber stabilisierende Fulcren brechen, weil sie nicht mitskalieren, wodurch das skalenfreie Netzwerk kollapsartig reagiert.
Auch heute laufen wir längst im Ponzi Finance Modus. Das Kontaktfulcrum des Kapitalismus scheint noch intakt, aber unten, bei den stablisierenden Fulcren rumort es gewaltig. Und während die KI-Hebel immer größer gebaut werden und mit immer größeren Kredithebeln finanziert werden, die Skalenfreie Struktur ist in allen Wirtschaftsbereichen ausgeprägt und in der Vermögensverteilung ablesbar und seit sich sehr populäre Stablitätserwartungspfade angesammelt haben (ETFs, große Techwerte) die immer riskantere Wetten stablisieren (KI, Crypto), erwarte ich jeden Tag, dass ein Crash eines verdrängten, aber stablisierenden Fulcrums, einen Funken in diesen Zunder wirft.
Was wird der Crack gewesen sein? Das kann vieles sein und ich hätte ein paar Fulcren im Blick, aber ich glaube nicht, dass es die richtigen sind, denn die haben andere auch im Blick. Ich bin mir sicher, dass es etwas sein wird, woran ich nicht denke, weil es auch mir es erstmal nicht auf anhieb offensichtlich ist. So ist das mit dem verdrängten Fulcrum [F5]. Ich bin auch betroffen, wie die meisten Expert*innen.
Rückblickend war jeder Crash ein „Failure of Imagination“.
Immobilienmarkt
Fragt man einen Ökonomen, wie sich der Kaufpreis eines Hauses zusammensetzt, würde er vermutlich sagen: „Herstellungskosten + Marge“ und wenn man ihn fragt, wie sich die Marge berechnet, würde er sagen: „Die wird am Markt ermittelt“.
Fragt man die selbe Frage hingehen einen Immobilienmakler, wird er sagen: „Lage, Lage, Lage.“
Makler sind nicht die vertrauenswürdigsten Menschen der Welt, doch in dieser Sache würde ich ihnen eher trauen, als den Ökonomen.
Denn was heißt Lage?
- Gute Verkehrsanbindung
- Gute Einkaufsmöglichkeiten
- Sichere Straßen
- „Gepflegte Gegend“
- Gute Schulen für die Kinder in der Nähe
- Gutes Kulturangebot
- Nette Nachbarschaft
- Parks
- Anbindung an Freizeitmöglichkeiten, etc.
Lage heißt leichte Integration von Pfadgelegenheiten, wenn man dort wohnt.
Auch wohnen ist Hebeln. Man leveraged eine Infrastruktur zur zeitweisen und möglichst angenehmen Beherbergung seines Körpers. Es ist somit auch immer mehr als nur Geld, dass man in eine Immobilie investiert.
Ein Teil des Werts des Wohnungs-Hebels bestimmt sich durch die Hebel, die dadurch erreichbar werden, was das Fulcrum des Hauswerts – ähnlich wie die Abhängigkeiten des Unternehmens – erweitert/stabilisiert. Die Abhängigkeiten des Hauswertes bestehen nicht nur aus funktionierender Anbindung an Wasserleitungen und Strom, sondern es addieren sich auch die „erreichbaren“ Infrastrukturen drumrum.
Eine Investition in ein Haus ist also immer schon mehr als eine Investition in das Haus ansich, sondern auch in die Gegend und das heißt ganz oft in die „öffentlich finanzierten Infrastrukturen“, nur dass das Geld da nie ankommt, sondern beim verkaufenden oder vermietenden Kapitalisten landet.
Im Kapitalismus ist es egal, wer den Wert schafft, wichtig ist, wer die Hebel zur Abschöpfung hat.
Und ist es nicht witzig, wie all das, was wir als Fulcrum identifizieren und beschreiben, ziemlich Deckungsgleich mit dem ist, was in der klassischen Ökonomie als „Externalität“ verdrängt wird. Turns out: Die „Externalität“ ist das, worum es geht.
„Der Markt“ ist wie die Oberfläche eines Sees der hunderte Meter tief ist und deren Oberflächenphänomene vollkommen durch die Ereignisse unter Wasser determiniert sind. Die Klassische Ökonomie fordert uns auf, unsere Aufmerksamkeit den Oberflächenphänomen zu widmen. Doch folgen wir den Infrastrukturen, tauchen ein ins Wasser, stoßen wir auf Fulcren, auf Fulcren auf Fulcren, aber alle enden in Schmerzmühlen an den Engstellen der Wertflüsse.
Die klassische Ökonomie ist unterparametrisiert, weil ihre Aufgabe ist, Macht zu verschleiern.
Nutzen/Wert
In Krasse Links No 73 formulierte ich meine Erkenntnisse zu Nutzen und Wert.
Genau deswegen halte ich es für so wichtig, sich Wirtschaft als Abhängigkeitsnetzwerk vorzustellen. Produkte, Services oder Ressourcen haben keinen Wert ansich, durch sie fließt Wert/Nutzen. „Nutzen“ empfinden wir in dem kurzen Moment, bei dem aus einer Sache, in Kombination unseres infrastrukturellen Kontextes und aus unserer jeweiligen Perspektive eine „Pfadgelegenheit“ entsteht.
Ich „will“ nicht diesen Schraubenzieher, ich will, dass die Spühlmaschine wieder läuft, damit ich meinen Abwasch machen kann, damit ich morgen aus dem Haus kann, ohne mir Gedanken zu machen, um dann auf die Arbeit zu fahren, um Geld zu verdienen, um mir einen Schraubenzieher kaufen zu können.
„Wert“ ist ganz grob gesprochen die Summe des erwarteten Nutzens einer Sache für jemandem in seinem spezifischen materiellen Kontext und seinem spezfischen semantischen Kontext – mit seinem spezifischen Wissen, seiner spezifischen kulturellen Prägung, seinen spezifischen Plänen, etc. Auf das Dividuum runtergebrochen ist es also eine Aggregation über alle von der Sache erwarteten Pfadgelegenheiten hinweg, geteilt durch die Pfadalternativen + 1. Das rechnet man natürlich nicht im Kopf aus, sondern imaginiert es, bis man es durch den Schmerz ihres Fehlens erfährt.
(Wir kennen die Formel bereits als unvollendete Plattformmachtformel und ich denke, sie passt ganz prima auf den „Wert“ von Dingen. Wert ist die Macht, die eine Sache über uns hat.)Die Sache und damit ein Großteil des „Wert/Nutzen“ entsteht in einem anderen Netzwerk, den Pfad der Produktion, und dort über die gesamten dafür notwendigen Infrastrukturen hinweg, die den Schraubenzieher möglich und in der konkreten Situation nützlich machen und das inkludiert die lockere Schraube in der Spülmaschine, den Baumarkt, wo ich den Schraubenzieher gekauft habe, aber auch den Hersteller, den Zulieferer und deren Arbeiter*innen und deren Familienmitglieder, die den Haushalt schmeißen, ihre Wohnungen und ihren Warenkorb zum sattwerden, das Land, auf dem die Fabrik steht und das Land aus dem die nötigen Bodenschätze kommen und natürlich das Ökosystem, in dem all das eingebettet ist.
Aber dieses Netzwerk ist hierarchisch. Netzwerkknoten die weit unten liegen und sich schwer ersetzen lassen, haben einen überproportionalen Effekt auf alle nachgelagerten Pfadgelegenheiten. Wenn Energie teurer wird, ist die Übergangswahrscheinlichkeit auf andere Sektoren groß, denn Wohnen, die Produktion von Lebensmitteln und den ganze Rest der Pfadgelegenheiten ist stark von Energieflüssen abhängig. Dasselbe gilt etwas abgeschwächt für Lebensmittel und Wohnen. Werden die Grundbedürfnisse der Menschen teurer wird ihre Arbeit teurer, oder – wie es eigentlich läuft: Arbeiter*innen werden ärmer.
Konsum
Es gibt viele unterschiedliche Arten von Pfadgelegenheiten, aber zwei der wichtigsten sind die Onramp und die Offramp. Die Onramp etabliert eine habituelle Hebelnutzung, die Offramp gewöhnt sie sich ab. Die Offramp kann abrupt kommen, wenn die Infrastruktur nicht mehr verfügbar ist, aber ansonsten braucht sie eine Pfadalternative als Argument: d.h. Einen inszenierten Pfad ohne, bzw. mit subsituierendem Pfad.
Die Pfadgelegenheit „aktualisiert“ sich nun auf zwei Arten: Dem horizontalen Nutzenpfad (immer wenn ich die Pfadgelegenheit nutze, aktualisiert sich das Nutzenportfolio) und dem vertikalen Wertpfad (immer wenn die Pfadgelegenheit erneuert werden muss, aktualisierung des Wertportfolios). Am einfachsten ist es mit der Zahnpasta, die ich in regelmäßigen Abstände kaufe und in noch regelmäßigen Abständen nutze, aber das gilt auch für den Gehweg vor meinem Haus, oder für den Computer, mit dem ich das hier schreibe, oder die Demokratie, die unter unseren Füßen zusammenbricht, weil sie so lange nicht mehr erneuert wurde.
Der Hebel besorgt den Nutzen, das Fulcrum besorgt den Wert. Der Wertfluss aus den Lieferketten, Fabriken, Fließbändern und Händen stabilisiert den Wert der Pfadgelegenheit auf der einen Seite und produziert Reproduktionskosten auf der anderen. Materialisiert.
Man könnte meinen der Wertpfad ist hier zu ende, aber hier kommt erst das wichtigste: Der Wert wird nicht in der Arbeit produziert, sondern im Konsum: in der Nutzenaktualisierung wird der Wert erst hergestellt. Der tatsächliche Wert entsteht nicht im Arbeitsinput, sondern am Konsumoutput.
Der subjektive Wert einer Pfadgelegenheit ist der Wertpfad aus all den Pfadgelegenheiten, die ich in ihm sehe. Und der Wertpfad, der unten an ihn anschließt wird von dem Wertpfad oben „angesaugt“. Die Aktualisierung des Wertpfades ist dennoch wichtig, denn sonst ist die Pfadgelegenheit pfutsch. Und der ganze Wertpfad besteht, bei genauerer Betrachtung auf jeder Ebene ebenfalls aus Nutzenereignissen von Hebeln, die für die materielle Aktualisierung meiner Pfadgelgenheit ungelegt werden mussten.
Die Differenz von Wert und Aktualisierungskosten nennen wir die „Konsumentenmarge“.
Nutzen schlürft an den Werthamlen und die Aktualisierungskosten sind die notwendige Saugstärke.
Der Wertfluss
Wie auch die Semantik, ist der das Netz der Infrastrukuren, also jede Pfadgelegenheit, in zwei Pfade eingebettet: In der Ökonomie ist es der Horizontale „Pfad des Lebens“ der Dividuen, die so vor sich hin-entscheiden und dabei immer auf einem Pfad sind, doch die Pfadgelegenheiten, die sie dabei nehmen, werden bereitgestellt und stabilisiert durch einen vertikalen „Wert“-Fluss (entlang der Wetten auf Wetten auf Wetten …), der jede Pfadgelegenheit mit Funktionalität, Sicherheit und Erwartbarkeit ausstattet (Infrastruktur).
Aus dem Pfadgelegenheits-Explainer:
Jede plausible Pfadgelehenheit ist etwas „wert“, sonst wäre sie nicht plausibel. Unsere menschliche Q-Fuction haben wir grob definiert als:
Viabilität
+ Gefühl
+ Portfolio
+ Portfolio der Fulcren der Fulcren
+ der imaginierte Pfad/inszenierte Plan
– Kosten
– Risikenund das alles unter Vorbehalt des „Blicks des Anderen“.
Aber der Pfadgelegenheitswert ist immer nur so lange imaginiert, bis das Fulcrum zusammenbricht und die projizierte Handlung den Infrastrukturvektor nicht mehr beleihen kann. Das Portfolio bricht zusammen und wird dadurch sichtbar.
Jede Pfadgelegenheit ist endlich, das heißt sie muss erneuert werden. Um Straßen, Bahnen, Wasser und Strom kümmern sich Institutionen, Zahnpasta muss ich selbst kaufen, das Haus managed mein Vermieter. Aber jede Pfadgelegenheit, die ich nutze, muss sich erneuern. Der Wert der Infrastruktur muss sich materiell Aktualisieren.
Das bedeutet, dass jede Pfadgelegenheit immer in zwei Pfade eingebunden ist:
Einerseits in die Lebenspfade der Dividuen, die sie nutzen.
- Nennen wir diesen Pfad den horizontalen Pfad, Nutzenpfad.
- Dazu kommt ein zweiter Pfad, der Wertpfad, er ist der vertikale Pfad der Pfadgelegenheit.
Der vertikale Wertpfad ist der Aktualisierungspfad des Werts, den der Pfad bietet. Bei klassischer Infrastruktur sind das Wartungs- und Erneuerungszyklen, aber bei meiner Zahnpasta ist es einfach das regelmäßige neukaufen, bei Semantik ist es die Iteration.
Aber verfolgt man die Wertstoff-, Liefer-, und Produktionsketten der Zahnpasta und deren infrastrukturelle Vorraussetzungen, versteht man wie tief dieser Pfad reicht.
Stellt man sich diese Pfade als hierarchische Netzwerke vor, die sich pyramidenartig nach unten verzweigen, stellen wir fest, dass auf jeder Produktions- und Logistik-Ebene, in die wir reinzoomen, Wert geschaffen und erhalten wird. Die Maschinen müssen aktualisiert werden, die Menschen müssen aktualisiert werden, die Ressourcen und Lager müssen ständig reaktualisiert werden und wenn es irgendwo hakt, dann ist sofort Alarm im Fulcrum.
Und das heißt, von Ebene zu Ebene „fließt“ der Wert aufwärts in die Pfadgelegenheit hinein bis er auf mich trifft. Das Nehmen einer Pfadgelegenheit ist deswegen immer auch der Schnittpunkt, an dem sich der horizontale Pfad (Nutzen) und der vertikale Pfad (Wert) treffen und sich treffen. Und das lässt sich auch auf alle unteren Ebenen anwenden. Jeder hat sein eigenes „Nutzenerlebnis“ beim nehmen einer Pfadgelegenheit, aber dieser Wert basiert auf dem beliehenen vertikalen Pfad, dem materiellen oder semantischen Fulcrum.
Arbeit
Arbeit ist bekanntlich Kraft mal Weg und das heißt, jedes Bewegen des Hebels ist Arbeit.
Archimedes hat der Legende nach ja durchaus selbst gehebelt, aber als früher Hebel-Experte wäre es ihm durchaus möglich gewesen, sich Hebler dafür einzustellen. Er würde sich um die Herstellung und Auswahl von Hebeln und Fulcren (oder Flaschenzügen) kümmern und andere diese „Produktionsmittel“ nutzen lassen, um Arbeit zu verrichten.
Jeder Hebeleinsatz bedeutet „eigenen“ Krafteinsatz. Egal ob übersetzt mit klassisch mechanischen Hebeln, oder mit angetrieben mit elektrischen oder termodynamischen Hebeln, oder informationell erweitert mit computeriellen Hebeln – mit Hebel übersetzen und verstärken wir die Wirkung unseres Krafteinsatzes. Elektrische, termodynamische und informationelle Hebel „erweitern“ die Handlungsmacht des Einzelnen Arbeiters, aber als Hebler in einem Unternehmen ist er selbst immer auch teil eines oder mehrerer Fulcren deren Hebel, in den Etagen über ihm bedient werden.
»Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden«, sagte der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke und meinte damit, dass Hebel dann „magisch“ wirken, wenn uns ihr Fulcrum unerklärlich ist.
Wenn ich eine Taste drücke und ein Text erscheint, sehe ich meinen Finger als Ursache – nicht die Milliarden Transistoren, Stromnetze, Protokolle, Fabriken, Bildungssysteme und politischen Stabilitäten, die diese Wirkung tragen. Arbeit erscheint als „individuelle Leistung“, obwohl sie in Wirklichkeit ein kollektive Hebelwirkung ist.
Ein Fulcrum ohne Hebel ist ein Potential. Ein Hebel ohne Fulcrum ist ein „Zauberstab“.
Je nach Hebel kann der Krafteinsatz unterschiedlich aussehen. Von der Armbewegung, von der Steuerung einer Machine, zum Schreiben von Code oder eines Prompts. Unsere Hebel sind darauf ausgerichtet und entwickeln sich weiter in die Richtung, den eigenen „Krafteinsatz“ zu minimieren.
In unserer heutigen Ökonomie ist der wesentenliche Arbeitsinput in vielen Bereichen, die Zugabe von Information in den Hebelprozess. Das gilt sowohl für die Vibe-Coder die bei sechstelligen Jahresgehalt die nächste Version von ChatGPT vorbereiten, wie für das Heer an Clickworker*innen, die für 5 Dollar am Tag am selben Projekt arbeiten und Trainingsdaten nach menschlichem Ermessen säubern. Der Unterschied ist sicher auch zum Teil mit erlernten „Skills“ zu erklären, aber offensichtlicher noch ist, dass die Größe der bedienten Hebel entscheidend ist.
Damit ist nicht die materielle Größe des Hebels gemeint. Auch der Taktstock ist ein Hebel, aber ein anderer als der Zauberstab, auch wenn man damit ähnliche Gesten macht. Im Gegensatz zum Zauberstab ist der Taktstock nicht fulcrumslos, denn sein Fulcrum sind die erwarteten Erwartungen der Musiker*innen, die auf die Gesten hin, ihre pneumatischen und anderen Resonanz-Hebel bedienen.
Im Arbeitsprozess werden für den Produktionspfad bestimmte Assets der Arbeitenden beliehen: Aufmerksamkeit, Erwartbarkeit, Wissen, Integrität und Körperlichkeit, um mit den vom Unternehmen bereitgestellten Hebeln für das Unternehmen, Marge zu kloppen.
- Aufmerksamkeit: Jeder Arbeitsinput, auf dem man selbst oder anderes Pfadgelegenheiten leveragen kann, braucht ein mindestmaß an Aufmerksamkeit.
- Erwartbarkeit: Weil es bei Arbeit immer auch darum geht, mit anderen Zusammenzuarbeiten, erfordert jede Arbeit in Mindestmaß an beleihbarer Erwartbarkeit.
- Wissen: Weil jede Arbeit voraussetzungsreich ist, braucht jeder Arbeitsinput ein Mindestmaß an beleihbarem Wissen/Erfahrung.
- Vergangene Leistungserzählung: Wer länger irgendwo arbeitet versucht über die Zeit Leistungserzählungen über sich und seine Projekte zu sammeln, um sie bei kommenden Gehaltsverhandlungen zu leveragen.
- Integrität: Weil jeder Arbeitsinput „beleihbar“ sein sollte, wird ein Midnestmaß an Integrität erwartet.
- Körperlichkeit: Weil jeder Arbeitsinput Körperlich ist, wird ein für die Tätigkeit belastbarer Körper erwartet.
Bildung und Karriere
Doch natürlich ist es nicht so, dass man nur viele der gefragten Assets haben muss, um eine steile Karriere zu machen. Wer Karriere macht und wer nicht, entscheidet nicht die Leistungsbereitschaft, sondern die Pfadgelegenheiten.
In Krasse Links No 55 schrieb ich:
Das Individuum ist auch Grundlage unseres Blicks auf die eigene Gesellschaft. Statt Menschen zu sehen, die jeweils versuchen, in den ihnen zur Verfügung stehenden Infrastrukturen zu überleben, haben wir die Gesellschaft als „Markt der Individuen“ imaginiert, in der dein Platz in der Welt, deiner „individuellen Leistung“ und damit über Bande auch deiner „Intelligenz“ entspricht.
Wenn Du den goldenen Löffel im Mund für eine Ausbildung an einer Elite-Universität eingetauscht und mit dem erworbenen Wissen und den Kontakten von Papa ein erfolgreiches Start-Up gegründet hast, dann bist Du „deines Glückes Schmied“. Wenn du in Gaza aufgewachsen bist, in der dritten Generation vertrieben in den Ruinen Deines Hauses sitzt und Israel am liebsten abschaffen willst, bist du ein Antisemit und kannst weg.
Wie gesagt, das ist alles logisch und richtig so und dass die Super-Individuuen aus dem Silicon Valley mit ihren milliardenschweren aber völlig verdrängten Infrastrukturen gerade die Demokratie abräumen, liegt nicht daran, dass sie an ihrer eigenen Super-Individualität durchgeknallt sind, sondern das ist ein wichtiger Schritt zur nächsten Stufe menschlicher Zivilisation: AGI – die Vernunft in der Flasche. Das letzte Individuum.
Eine Urkunde aus Harvard garantiert dir keine steile Karriere, aber es erhöht die Übergangswahrscheinlichkeit in einer aussichtsreiche Einstiegsposition zu landen, was dann einen mehr oder weniger berechenbaren Karrierepfad ermöglicht.
Man „leveraged“ Geld und Arbeit, um einen rennomierten Studienabschluss zu bekommen, dann leveraged man den Studienabschluss mit Bewerbungspfaden, um eine aussichtsreiche Einstiegsposition zu ergattern (eine, die wieder viele attraktive Pfade öffnet), und dann leveraged man „Erwartungserfüllung“ und die aktuelle „Positon“ für die nächste und so weiter.
Das ist natürlich keine „Safe bet“, solche Karrierepfade können auch abrupt enden, sei es, dass die Firma pleite geht, die Wirtschaft „schwächelt“ oder die eigene Kompetenz (der eigene Wissenspfad) nicht mehr nachgefragt wird.
Auf der anderen Seite haben wir Kinder aus Haushalten, in denen Bildung als Wert nicht mal eingeübte Praxis ist, vielleicht auch notgedrungen, denn wann hat man denn noch Zeit dazu? Wir haben dazu eine Bildungslandschaft und eine gesellschaftliche Motivationsstruktur in der Gesellschaft, die Bildung nicht mehr als Fulcrum der Freiheit versteht, sondern sie nur noch entlang ihrer ökonomischen leveragebarkeit bewertet.
In den 1970er Jahren gab es eine Aufbruchstimmung, mehr Menschen Pfade in die Bildung zu bauen, aber ich schätze, die Effekte davon waren für die Mächtigen nicht immer angenehm?
Die Schmerzarchitektur
In Krasse Links No 28 schrieb ich:
Wert und Preis sind Semantiken, die von allerlei geteilten Wertvorstellungen beeinflusst sind und so ist es auch nicht überraschend, dass die Agency Hierarchie aus dem letzten Newsletter sich auch in den Restaurantpreisen reflektiert. Als Teil des Semantikraums bilden die Preise Gestirnskonstellationen, in der sich der Wert des einen Dings, am Wert des anderen Dings orientiert. Es ist ein Netz aus Erwartungen und auch hier bestimmt die größe der Trommel den Beat.
Freakonomics hatte einmal eine Folge zur Matratzenbubble. Mitte der 2010er sprossen überall im Land die Matratzen-Stores aus den Boden und alle Podcasts waren mit Matratzenwerbung zugequasselt und die einfache Erklärung ist, dass man mit Matratzen 50 bis 100 Protent oder sogar mehr Marge machen konnte und wahrscheinlich immer noch kann?
Völlig egal wie geil die verbaute Technologie ist, die Dinger zu produzieren ist spottbillig, aber in den Erzählungen der Kundschaft kann man für guten Schlaf halt einfach nicht genug Geld ausgeben! Und so kostet einunddieselbe Matratze manchmal von 200 bis 1000 Dollar je nachdem unter welchem „Brand“ sie firmiert.
Oligarchen bestimmen die Preise natürlich nicht beliebig. Bei unterschiedlichen Produkten ist es unterschiedlich schwierig, solche Erzählungen aufs Gleis zu trommeln, egal wieviel Geld man in PR und Marketing steckt.
Außerdem gibt es durchaus einen regulierenden Faktor: Die beiden Netzwerke der Preise und Werte sind zwar eng verwoben und beeinflussen sich wechselseitig, aber sie sind durch unterschiedliche Schmerzen an der Realität geeicht.
Das Netzwerk der Werte setzt alle Dinge ins Verhältnis zum Schmerz ihres Fehlens, das heißt zu den Netzwerkzentralitäten im Abhängigkeitsgefüge unserer Pläne (Nutzwert).
Das Netzwerk des Preises setzt alles ins Geld-Verhältnis, also am Ende des Tages zum Schmerz der verlorenen Lebenszeit, die man auf der Arbeit verbracht hat (Tauschwert).Kapitalismus ist eine Schmerzarchitektur, die Dich ständig vor die Frage stellt, welchen der beiden Schmerzen Du eher auszuhalten bereit bist.
Wert und Schmerz sind eng verkoppelt und deswegen sind alle Margen an Schmerzerwartung geleveragte Macht-Dividenden. Auch das, was Marx „Mehrwert“ nennt.
Marge Hebeln
Im Grunde habe ich schon alles zu Macht und Interdependente Beziehungen in diesem Explainer gesagt: Wenn A weniger abhängig von B ist, als umgekehrt, kann A Margen auf Kosten von B hebeln. Das funktioniert, weil A und B nicht als Individuen, sondern immer nur für Pfadgelegenheiten voneinander abhängig sind (Z.B. Kinderspiel, kapitalistische Produktion, oder Liebesbeziehung) und wenn der eine dafür weniger vom anderen abhängig ist, als umgekehrt, kann er diesen Pfad blockieren oder mit Regeln, oder Zöllen versehen (Etwa dass B einen Schokorigel zum Kinderspiel mitbringen muss).
Laut Emerson gibt es vier Pfadgelegenheiten, mit denen B das Machtungleichgewicht mitgieren kann:
- Balanceakt 1: Sie kann ihre eigene Motivation, mit A zu spielen, zügeln. („A ist eh doof.“)
- Balanceakt 2: Sie kann sich eine alternative Ressource erschließen, also zum Beispiel eine andere Spielkameradin finden. (Eine Spielkameradin D zum Beispiel.)
- Balanceakt 3: Sie kann sich selbst als Spielkameradin für A wieder attraktiver machen (indem sie zum Beispiel in ein neues Legoset investiert), damit A wieder lieber zu B zum Spielen kommt.
- Balanceakt 4: Sie kann As Zugang zu alternativen Ressourcen (in diesem Fall also zu C) versperren. Sie kann zum Beispiel Cs Familie überreden, wieder wegzuziehen (schwierig), oder sich mit C verbünden (leichter).
Die Abhängigkeits-Dividende ist die angenommene Netto-Differenz der wechselseitigen Abhängigkeit. In der Realität ist die Erwartung nie ganz so scharf, sondern das Fulcrum besteht eher aus einem kontinuierlichen aber nicht-linearen Erwartungs-Gradienten, statt einer einem „festen Punkt“, weswegen die Rechnungen eher Modellrechungen sind.
Weil Emerson ein Liberaler ist, sieht er nicht, dass diese Strategien 1. davon abhängen, dass die entsprechenden Pfadgelegenheiten dafür „da“ sind und man sie sich überhaupt leisten kann und 2. dass sie eben nicht nur dafür eingesetzt werden, bestehende Machtungleichgewichte auszugleichen, sondern auch, um bestehende Macht auszuweiten.
Balanceakt 2 sehen wir z.B. jeden Tag in einem Prozess am Werk, den ich relationale Dematerialisierung genannt habe und der darin besteht, dass ein mächtiger Akteur ständig daran arbeitet, diejenigen, von denen er abhängig ist, „austauschbarer“ zu machen. Das nimmt viele Formen an.
In Materialität und Austauschbarkeit schreibe ich:
Die Herstellung von Austauschbarkeit erweist sich als wesentliches Basiselement kapitalistischer Wachstumskonzeptionen. Und diese Austauschbarkeit wird über das Abkapseln von Verbindungen und das Reduzieren von Abhängigkeiten hergestellt. Erst diese »relationale Dematerialisierung« reduziert die Reibung in den Prozessen und macht globale Lieferketten überhaupt möglich. Der Schiffscontainer ist somit nicht nur das logistische Kernstück der Globalisierung. Es ist auch zentrales Sinnbild einer Form von »relationaler Dematerialisierung«, die alle unnötigen Verbindungen abkapselt und jedes physische Gut zu einer austauschbaren Einheit macht. Der ISO-Container ist absolut austauschbar, das ist sein ganzer Sinn. Und dieser Sinn besteht am Ende im Verschwinden des Materiellen als einer widerständigen Realität
Ich bin bei Plattformen und Supplychains darauf gestoßen, aber das ist auch der Effekt, der bei „Deskilling“ betrieben wird: je weniger Einarbeitunszeit Inputströme brauchen, desto austauschbarer sind die Arbeitenden. Aber relationale Dematerialisierung spielt auf allen Ebenen des Kapitalismus eine zentrale Rolle. Relationale Dematerialisierung ist somit auch immer die gezielte Entwertung des Fulcrums, auf dem die Gegenseite ihre Marge hebt.
Die Gegenstrategie „Balanceakt 4“ der Arbeitenden, also der Zusammenschluss unter eine Verhandlungsentität ist zwar nachwievor stellenweise effektiv, wenn um Lohnverhandlungen geht, aber kommt nicht gegen solche strukturellen und durch Technik integrierte relationale Dematerialisierung an. Das Endziel dieses Prozesses ist im Grunde AGI – die maschinelle Austauschbarmachung von jedem von uns.
Die Wetten auf KI sind Wetten gegen Arbeit. Dabei kommt es erstmal nicht darauf an, dass die Geschichte stimmt und AGI überhaupt möglich ist (Ich glaube da erstmal nicht dran). Aber das aufgegleiste Narrativ ist stark in den Chefetagen und bestimmt die Finanzmärkte, die zunehmend unsere gesamten gesellschaftlichen Ressourcen zu Datencentern verbauen.
Man kann also formulieren, dass die Kapitalisten die gemeinsam geteilte AGI-Erwartung leveraged, um dir die Marge vom Brot zu frühstücken.
Marge ist an Abhängigkeitserwartungen geleveragte Abhängigkeits-Dividende.
Aber Wahrnehmung ist Erwartung und weil Erwartung, nicht Realität, die Verhandlungen regiert, spüren Arbeitende bereits den Lohndruck der „KI“, die den veränderten Perspektiven ihrer Chefs entstammen.
Musikindustrie
Wie sich die Relationale Dematerialisisierung durch das Internet konkret auf die Musikindustrie ausgewirkt, habe ich in diesem Vortrag einmal „simuliert“.
Verhandlung
Jeder weiß: Bei einer Verhandlung kommt es darauf an, am längeren Hebel zu sitzen, aber was viele ahnten, aber nicht so recht aussprechen konnten: wie lang dein Hebel sein kann, wird durch die Stabilität deines Fulcrums bestimmt.
Sagen wir A und B gehen in die Verhandlung mit bestimmten Vorannahmen über sich selbst und über den anderen und vor allem, auch hinsichtlich der Frage, wer am längeren Hebel sitzt/wer die stabilere Abhängigkeitserwartung hat und wer glaubt, auf der Abhängigkeitsdividende zu sitzen. Doch nicht nur das: Sie haben auch jeweils eine Vorstellung davon, wie der andere ihre Verhandlungsposition bewertet, und sich vorstellt, wir ich mir vorstelle, dass er sich vorstellt, wie sie ist.
Das heißt, wir bewegen uns von Anfang an im Feld der Erwartungen und Erwartungserwartungen, wo es ständig darum geht, wer was von wem erwartet, erwarten zu können.
Bei den Erwartungen gibt es sicher viele Überschneidungen, denn A und B bewohnen dieselbe materielle Welt, aber es gibt eben immer auch Abweichungen und eine echte Verhandlung kommt meist erst dann zustatten, wenn die Abweichungen zu grundlegend und/oder vielfältig sind, dass man meint, in die Verhandlung gehen zu müssen.
Alfred O. Hirschman hat in seinem berühmten Aufsatz Exit, Voice, and Loyalty die Pfadgelegenheiten dafür analysiert. Für Unzufriedene gibt es Grunde nur drei Pfadgelegenheiten: Man kann sich beschweren (Voice), man kann den Schmerz runterschlucken und den Deal nehmen (Loyalty) oder man kann aufstehen und gehen (Exit).
Hirschman argumentiert, dass Exit und Voice in einem Spannungsverhältnis stehen und dass Ökonomisch denkende Menschen eher dazu neigen den zu Exit zu wählen, politisch denkende eher zu Voice neigen, wobei Loyalität beides, Exit und Voice moderiert.
Das Problem am Exit sieht er darin, dass, wenn die mobilsten und kompetentesten Mitglieder einer Organisation als erste gehen (Exit), die Organisation genau jene Leute verliert, die am ehesten in der Lage wären, durch Voice Verbesserungen herbeizuführen. Exit beschleunigt den Verfall.
Umgekehrt funktioniert Voice nur dann, wenn Exit als Pfadalternative im Hintergrund glaubhaft gemacht wird – sie erzeugt den Druck, der die Entscheider zum Entscheiden zwingt.
Ich finde zwar Hirschmans Aufteilung sinnvoll und kann verstehen, warum sie so populär ist, aber seine Deutungen sind liberales Wolkenkuckugsheim. Die Frage, ob du Exit oder Voice wählst, entscheidet nicht ob du „eher politisch drauf bist“ oder „eher so ökonomisch denkend“. Was Hirschmans nicht sieht, ist, dass diese Pfadgelegenheiten dafür erstmal da sein müssen, sie materiell und die plausibel sein müssen und leistbar. Den Exit, den die Milliardärsklasse (Oft mit Verweis auf den Text, witziger Weise) plant, kann sich eben nur die Milliardärsklasse leisten. Aber das gilt für uns alle: Jedes Mal, als wir einen Pfad verlassen haben, konnten wir ihn verlassen, weil wir Pfadalternativen hatten. Die hat man aber eben nicht in jeder Verhandlung?
Die Wahl von „Exit“, „Voice“ und „Loyalty“ ist auffällig verteilt, wenn wir es gegen gesellschaftliche Macht normalisieren.
Exit können sich oft nur die bessergestellten überhaupt leisten und Voice ist oft der einzige Hebel, der den Menschen unten bleibt. Doch die meisten haben längst aufgegeben und was Liberale wie Hirschman dann als „Loyalität“ identifizieren, ist in Wirklichkeit Resignation und Duldungsstarre.
Aber Hirschman spricht es selbst direkt an: Der Voice-Hebel braucht eine Exit-Erwartung als Fulcrum.
Die Kultur- und Technikwissenschaftlerin Uta Meyer Hahn hat eine wichtige Doktorarbeit, „die Konnektivitätsökonomie des Internets“ geschrieben. Darin beschreibt sie, wie Netzwerkbetreiber (Die Unternehmen, die die Netzwerkinfrastruktur betreiben auf dem der ganze Internetspaß läuft) untereinander Verträge aushandeln, um sich miteinander zum Internet zu verschalten. In Krasse Links 11 fasste ich ihre Arbeit so zusammen:
In meinem Buch behandle ich auch die sehr lesenswerte Doktorarbeit von Uta Meier-Hahn, die eine Art Anthropologie der Netzwerkökonomie vorgelegt hat. Sie hat mit etlichen Verantwortlichen von großen Netzwerkbetreibern gesprochen und sich erklären lassen, wie genau Peering-Entscheidungen und -Deals getroffen werden. Für die, denen das nichts sagt: das Internet wird in seinen Grobstrukturen von nur einer Handvoll Großunternehmen betrieben, deren Geschäftsmodell es ist, ihre Konnektivität an Internet Service Provider, andere Netzwerkbetreiber oder CDNs wie Cloudflaire weiter zu verkaufen. Das Internet ist ein Netz der Netze und der Verkehr zwischen den Netzen hat ab und zu ein Kassenhäuschen – und manchmal auch nicht. Dann nämlich, wenn die Interessen beider Netzbetreiber, Daten zu tauschen, in etwa ausgeglichen ist.
Das Spannende ist, dass sie tatsächlich Interviews geführt hat, wie diese Verträge ausgehandelt werden und eine der Erkenntnisse war, dass die Verhandlungsmacht der jeweiligen Netzbetreiber eine Funktion des erwarteten „Werts“ des Netzes ist, den sie als Katalog von Eigenschaften herausarbeitet.
Die Kriterien dazu sind komplex und ein Großteil von Utas Arbeit befasst sich mit ihrer Katalogisierung, aber einer der wesentlichen Faktoren ist natürlich die Größe des Netzes. Ein kleines Netz hat immer ein höheres Interesse, mit einem größeren Netz Daten zu tauschen, als umgekehrt und deswegen muss das kleine Netz zahlen und das große bekommt Konnektivität geschenkt.
In Netzwerkmacht gesprochen ist klar, dass große Netze hier ein enormes Ungleichgewicht reinbringen und von alle anderen kleineren Netzbetreibern Marge kassieren. Aber auch wenn der empfundene Wert des Netzwerks durch materielle Kennzahlen „gedeckt“ ist, bleibt es ein Spiel, bei dem sich alle Spieler ausschließlich im Feld der Erwartungen bewegen. Sie zitiert an einer Stelle einen der Verhandlungsverantwortlichen, wie er „Exit“ als Fulcrum seiner Verhandlungshebel einsetzt.
»Wenn jemand einem Peering nicht zustimmt, sagt sich die andere Partei: Klar, ich könnte jetzt hinter dem herrennen. Aber wenn du hinterherrennst, bist du der Kunde. Wenn du also mit mir peerst und dann das Kabel durchschneidest, würde ich, wenn es eine richtige Peeringbeziehung ist, sagen: Tja, mir egal. Aber wenn ich das Peering wirklich brauche und du zerschneidest das Kabel, dann bin ich der Kunde. Ich bin dann logischerweise mehr auf dich angewiesen als du auf mich. Das hast du durch das Zerschneiden bewiesen.«
Dein Verhandlungshebel hebelt also einerseits auf dem Fulcrum des erwarteten Werts, den der andere deinen Pfadgelegenheiten zuschreibt und andererseits auf deiner Exiterwartung, wenn deine Forderungen nicht erfüllt werden.
Die Eliten glauben, sie hebeln auf dem Fulcrum unserer „Loyalität“ und wenn wir was sagen (Voice), sagen sie sich: die brauchen wir eh bald nicht mehr.
Exit ist nicht immer Privileg, manchmal ist es der letzte Notausgang.
Voices heard
Eine weitere Auslassung von Hirschman, ist sich zu fragen, wer überhaupt gehört wird. Diese Frage haben sich implizit Bruce Bueno de Mesquita und Alastair Smith in ihrem Buch „Dictator’s Handbook“ auf strukturelle Weise beantwortet. Auch bei ihnen geht es um Macht, aber vor allem darum, wie ein Machthaber seine Macht organisiert.
Eine der zentralsten Prämissen der Theorie ist, dass Machthaber – egal, ob demokratisch oder autokratisch – immer nach Mitteln und Wegen suchen, ihre Macht zu konsolidieren. Eine weitere zentrale Prämisse ist, dass kein Machthaber ohne die Unterstützung von anderen Menschen regieren kann. Die Kunst, an der Macht zu bleiben, besteht also im klugen Management der eigenen Abhängigkeiten.
Dabei unterscheiden Mesquita und Smith zwischen drei Kategorien von Abhängigkeitsbeziehungen:
- Das „Nominelle Selektorat“ ist die austauschbare Verschiebemasse an Menschen, die einem selbst gegenüber über keine Macht verfügen. In Deutschland sind das z. B. Kinder und Jugendliche, Migrant*innen ohne Wahlrecht und alle, die sich von der Politik abgewendet haben. Über ihre Köpfe hinweg wird regiert.
- Daneben gibt es das „Tatsächliche Selektorat“. Das ist eine deutlich kleinere Gruppe, die es zu überzeugen gilt, um an die Macht zu kommen und dort zu bleiben. In der US-Demokratie sind das zum Beispiel die Wähler *innen der Swing-States, in Deutschland wichtige Wähler-Gruppen wie die Rentner*innen oder Autofahrer*innen, aber grundsätzlich alle Gruppen, die bei Wahlen mobilisierbar sind.
- Und schließlich gibt es noch die „Gewinnende Koalition“, jene sehr kleine Gruppe, von deren Unterstützung ein Machthaber direkt abhängig ist. Das können zum Beispiel Parteifunktionäre oder potente Geldgeber sein, es können aber auch einfach Menschen in wirtschaftlichen oder publizistischen Machtpositionen sein. Dieser Gruppe gilt der Großteil der Aufmerksamkeit jedes Machthabers (Mesquita & Smith, 2011).
Politische Systeme unterscheiden sich nun darin, wie gut es ihnen gelingt, Machthaber von einer möglichst breiten, diversen Gruppe von Menschen abhängig zu halten (Demokratie), oder inwiefern es dem Machthaber gelingt, seine Abhängigkeiten möglichst auf die „Gewinnende Koalition“ zu reduzieren (Autokratie).
Ein Machthaber ist immer von anderen abhängig, um seine Macht abzusichern und hat gleichzeitig Anlass, den Kreis seiner Abhängigkeiten möglichst gering zu halten. Vereinfacht ausgedrückt: Ein paar dutzend mächtige Oligarchen (gewinnende Koalition) bei Laune zu halten ist sehr viel einfacher und zuverlässiger, als ein ganzes Volk, weswegen es rational ist, das Volk zugunsten der Oligarchen auszubeuten.
In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten formuliert, besteht der zentrale Trick darin, die eigene Degree-Zentralität (man ist von vielen abhängig) durch „Eigenvektor-Zentralität“ (man ist von weniger, aber mächtigeren Akteuren abhängig) einzutauschen und die eigene institutionelle Betweenness-Zentralität als Machthaber dazu zu nutzen, Margen vom Nominellen Selektorat zur Gewinnenden Koalition zu transferieren, um so ihre Abhängigkeit zu vergrößern. Das System Putin kann hierfür als illustratives Beispiel herhalten, doch das Prinzip ist universell, wie Mesquita und Smith versichern.
Was nun aber passiert, mit der auf breiter Front betriebenen relationalen Dematerialisierung der Gesellschaft und der gleichzeitigen Konzentration von Abhängigkeitspfaden in den Händen weniger Oligarchen, ist, dass wir Schritt für Schritt vom „tatsächlichen Selektorat“ ins „nominelle Selektorat“ verschoben werden. Und mit AGI – wenn es in einem wirtschaftlichen Sinne wahr wird – ist unsere endgültige relationale Dematerialisierung erreicht.
Der Punkt, an dem sie uns nichts mehr schulden.
Und wir müssen uns dabei klar machen, dass es bereits Milliarden Menschen gibt, die in dieser Klasse eingeordnet werden und mit denen entsprechend umgegangen wird. Menschen, in denen keine Pfadgelegenheiten mehr gesehen werden, Menschen, die „im Weg stehen“, „Menschen, die nur kosten“.
Wir sehen jeden Tag, was mit dem nominellen Selektorat passiert: Chipkarte fürs Essen, Terror durch das Arbeitsamt, Mißhandlung von Alten und Behinderten, Mißhandlung von Kindern, Konzentrationslager, Deportation, öffentliche Hetzkampagnen, Anti-Homeless-Architektur, Stigmatisierung, Ausgrenzung, der Verlust der eigenen Stimme, das Verwehren von Aufmerksamkeit, das Absprechen des Menschseins, epistemische Gewalt, der Genozid in Gaza, das Verweigern von Empathie.
Aber bald, bald schon sind wir eine große Klasse.
Viele fragen sich, was wir dann alle machen, wenn uns die Arbeit ausgeht. Statt das Offensichtliche zu fragen:
Was machen sie dann mit uns?
Plattformen
In „Die Macht der Plattformen“ definiere ich Plattformmacht als Netzwerkmacht + Kontrolle, wobei Netzwerkmacht die vernetzten Pfadgelehenheitserwartungen der Nutzenden sind, die sich gegenseitig auf einer Plattform als Geisel halten und Kontrolle die „Regime“ für Infrastrukturentscheidungen, Zugangsregime, Sichtbarkeitsregime usw und erst mit der Einführung er Hebel:Fulcrums-Beziehung habe ich begriffen, dass
Netzwerkmacht das Fulcrum ist, auf dem die Regimehebel heben.
Auch die „Graphnahme“ ist als Pfadgelegenheit das „Leveragen“ eines bereits existierenden Interaktionsnetzwerks und seiner Netzwerkmacht durch den Hebel der eigenen Plattforminfrastruktur. Die Graphnahme ist eine Pfadgelegenheit, die schief gehen kann.
Facebook hat das so gemacht, dass sie nach der Graphnahme des dem Harvard-Campus rüber zu Yale gingen, diesen Campus leverageten, dann Berkley, UCLA immer die aktuellen Graphen geleveraged haben, um den nächsten Graphen zu erobern, usw. Sie grasten Campus für Campus und sperrten jeden zunächst in voneinander getrennte Server und targeteten erst ab 2009 den gesamten Social Graph.
Plattformen leveragen Graphen, Plattformen leveragen Plattformen, KI leveraged Plattformen, usw.
Dass sich Technologie immer pfadanhängig fortpflanzt ist kein Geheimnis, aber ich glaube, wir unterschätzen immer noch: wie sehr.
Die „Titanen der Techwelt“ sind eigentlich nur ganz normale Dividuen in einem riesen Panzer, der Infrastrukturen entstehen lässt, wo sie hintreten, die sich wieder für neue Infrastruktur leveragen lassen. Aber all das passiert trotzdem auch für sie aus einer „aktuellen Gegenwart“ und d.h. von einem konkreten Punkt. Egal, wie sehr sie es sich wünschen, endlich „frei“ zu sein, sie bleiben Dividuen – Verbunden mit der Welt.
Leverage ist aber auch der „Exploit“, den der Hacker in dem „Zeroday“ sieht, aber auf zweifache Weise: der Exploit ist eine Pfadgelegenheit in andere Systeme, die von dem Bug betroffen sind. Das heißt, der Exploit „leveraged“ den „Zeroday“, um sich Zugriff zu Systemen zu verschaffen. Das ist deswegen attraktiv, weil, wenn der Zeroday-Bug weit verbreitet ist, kann man mit diesem einen Bug, eine menge Infrastruktur „leveragen“.
Bei Plattformen agieren das „zugriffliche Fulcrum“ und seine Affordanzen also als zentrale Schnittstellen-Schemata von Infrastrukturregime (alles ist designt für vorgefertigte Hebel), Zugangsregime (z.B. Login, Communityguidelines, API) und Queryregime (algorithmische Verstärkung des „richtigen“ Contents). Am zugrifflichen Fulcrum wird Plattformmacht konkret.
Hinter Werbung, Enshittyfication, Preiserhöhung, Shrinkflation, etc. stecken also mit zugrifflichen Fulcren gemanagte und am Fulcrum unserer Duldungserwartungen geleveragte Margen.






































