Krasse Links No 83

Willkommen zu Krasse Links No 83. Sattelt euer Alltags-YOLO, heute berechnen wir die Attention Debt von U_scheitert des mimetischen Begehrens im Greenspan Put.


Palantir hat auf X eine Art Manifest (Eher das, was wir früher einen „Twitter-Meltdown“ nannten) aufgeschrieben und es ist neben dem Manifest von Andreesen die vielleicht klarste Ausformulierung des Tech-Faschistischen Programms.

Bestehend unter anderem aus unapologetischem Militarismus und kalter Gewaltverherrlichung.

4. The limits of soft power, of soaring rhetoric alone, have been exposed. The ability of free and democratic societies to prevail requires something more than moral appeal. It requires hard power, and hard power in this century will be built on software.

Natürlich gepaart mit KI-Hype.

12. The atomic age is ending. One age of deterrence, the atomic age, is ending, and a new era of deterrence built on A.I. is set to begin.

Einer konkreten „Schlussstrich“-Aufforderung für Europa.

15. The postwar neutering of Germany and Japan must be undone. The defanging of Germany was an overcorrection for which Europe is now paying a heavy price. A similar and highly theatrical commitment to Japanese pacifism will, if maintained, also threaten to shift the balance of power in Asia.

Einer weinerlichen Verteidigung von Elon Musk.

16. We should applaud those who attempt to build where the market has failed to act. The culture almost snickers at Musk’s interest in grand narrative, as if billionaires ought to simply stay in their lane of enriching themselves . . . . Any curiosity or genuine interest in the value of what he has created is essentially dismissed, or perhaps lurks from beneath a thinly veiled scorn.

Und einem ausgesprochenen Kulturchauvismus.

21. Some cultures have produced vital advances; others remain dysfunctional and regressive. All cultures are now equal. Criticism and value judgments are forbidden. Yet this new dogma glosses over the fact that certain cultures and indeed subcultures . . . have produced wonders. Others have proven middling, and worse, regressive and harmful.

Nach Trump wird das die nächste dominante Agenda, vertreten von Vance, Rubio und den Broligarchs. Und in Europa wird man aufatmen und sagen, „die Erwachsenen sind zurück“ und alle Verträge unterschreiben, die ihnen vorgelegt werden.


Raffi Krikorian war mal Manager bei Uber und ist jetzt bei Mozilla und schreibt im Atlantic über den Unfall, den er mit seinem Tesla Autopilot hatte.

One Sunday last fall, my kids and I were on a drive we’d done hundreds of times, winding through the residential streets of the Bay Area to drop my son off at his Boy Scouts meeting. The Tesla was in Full Self-Driving mode, driving perfectly—until it wasn’t.

Wir hatten neulich bereits darüber gesprochen, dass die menschliche Q-Function für KI-Pfade kaputt ist. Es gibt eine Art „Cognitive Surrender“ gegenüber den Ergebnissen von Chatbots. Dasselbe gilt für selbstfahrende Autos und heißt hier „vigilance decrement“.

Full Self-Driving works almost all of the time—Tesla’s fleet of cars with the technology logs millions of miles between serious incidents, by the company’s count. And that’s the problem: We are asking humans to supervise systems designed to make supervision feel pointless. A machine that constantly fails keeps you sharp. A machine that works perfectly needs no oversight. But a machine that works almost perfectly? That’s where the danger lies. After a few hours of flawless performance, research shows, drivers are prone to start overtrusting self-driving systems. After a month of using adaptive cruise control, drivers were more than six times as likely to look at their phone, according to one study from the Insurance Institute for Highway Safety. […]

Psychologists call this the vigilance decrement. Monitoring a nearly perfect system is boring. Boredom leads to mind-wandering. The research is unforgiving: Drivers need five to eight seconds to mentally reengage after an automated driving system gives control back. But emergencies can unfold much faster than that. The driver’s physical reaction might be instantaneous—grabbing the wheel, hitting the brake. But the mental part? Rebuilding context, recognizing what’s wrong, deciding what to do? That takes time your brain doesn’t have.

In dieser Lücke zwischen dem voreiligen Vertrauen in die Technik, der habituell übertragenen Kontolle und der verlernten Möglichkeit des Eingriffs, sitzt die größte Gefahr des Unfalls. Auch Krikorian zieht die Parallele zu Chatbots.

My car didn’t warn me when it was confused. Chatbots don’t, either; they deliver their results in the same confident voice, whether they’re right or hallucinating. They perform expertise, even when the sources they cite are dubious or fabricated. They use technical language in an authoritative tone. And we believe them, because why wouldn’t we? They’ve been right so many times before.

Cars train us mile by mile; AI trains us week by week. In week one, you read a chatbot’s output carefully. By week three, you’re copying and pasting without reading. The errors don’t disappear, but your vigilance does. So does your judgment, until one day you realize that you can’t remember which ideas in a memo were yours and which were generated by AI. What does it say about us that we’ve handed over our thinking so willingly?

Wenn der Autopilot scheiße baut, passiert ein Unfall. Die Unfälle, die wir von KIs erwarten können, werden sich strukturell unterscheiden, weil die Fehler erstmal nicht auffallen und sich im Portfolio unserer unbewussten Wetten als „Attention Debt“ aufaddieren – bis es kracht.

When my car failed, it was immediate and palpable. With chatbots, the failure is silent and invisible. You find out about it later, if at all—after the email is sent, the decision made, the code shipped. By the time you catch the mistake, it’s already out there with your name on it. When the system works, you look efficient. When it fails, your judgment is questioned, sometimes with catastrophic consequences. In 2023, a New York lawyer was sanctioned for citing six cases that didn’t exist. ChatGPT had invented them, but he’d trusted it, and the court blamed him, not the tool. Because a chatbot never gets fired.

We’re experiencing an uncanny valley of autonomy. Computer systems aren’t just almost human; they are almost capable of working on their own. When they fail, someone has to absorb the cost. Right now, that someone is us. But when we pay for a self-driving car or an AI tool, we think we’re buying a finished product, not signing up to test a work in progress.

In der Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten suche ich immer nach der Q-Function. Q-Function ist ein Begriff aus der KI-Forschung und bezeichnet den „Wert“ einer Pfadgelegenheit innerhalb eines Status eines Spiels. Think Schach: Wie „gut“ ist dieser Zug im Kontext des aktuellen Spielbretts?

Ich versuche immer den Mathepart einfach zu halten, deswegen war meine erste Annäherung:

F(Q) = p x U

wobei „p“ für die Übergangswahrscheinlichkeit steht (mit Werten zwischen 0 und 1), mit der die Pfadgelegenheit gelingt und „U“ für den Nutzen, der sich aus der gelingenden Pfadgelegenheit ergibt, wobei U wiederum eine Abschätzung ist, welche anderen Pfadgelegenheiten durch die betreffende Pfadgelegenheit erreichbar werden, deren Q-Functions also wiederum in die originale Q-Function mit einfließen (So ein bisschen wie bei der Bellman-Gleichung).

Bedenkt man aber, dass jeder Pfad auch ein Risiko beinhaltet, muss man die Formel erweitern. Etwa:

F(Q) = p × U_gelingt + (1−p) × U_scheitert

Wir trennen den Erfolg entlang der Übergangswahrscheinlichkeit p von dem Misserfolg, so dass in den Fällen, in denen die Pfadgelegenheit mißlingt, auch eine andere Nutzenfunktion gilt.

U_scheitert ist im Alltag oft einfach 0 und wir denken den Wert kaum mit, denn wenn eine Pfadgelegenheit misslingt, dann ist der Standardfall, dass wir einfach keinen Nutzen aus ihr ziehen. Manchmal liegt U_scheitert auch zwischen 0 und U_gelingt, z.B. dann, wenn die Ruine des Scheiterns nützliche Infrastrukturen hinterlässt.

Aber dann gibt es noch eine ganze Reihe von Fällen, wo U_scheitert einen negativen Wert hat. Etwa beim Autofahren. Eine Autofahrt ist nützlich, ohne Frage, aber eine gescheiterte Autofahrt kann schnell teuer werden?

Und diesen Kosten sind kaum Grenzen gesetzt? Vereinfachen wir und sagen, die maximalen Kosten des Scheiterns einer Pfadgelegenheit ist der eigene Tod. U_scheitert wäre dann – ∞ (minus Unendlich).

Die Möglichkeit des eigenen Todes ist im Stassenverkehr nur allzu real und da fragt sich, wie man dann überhaupt noch daran teilnehmen kann?

Zum Beispiel, indem man p einfach aufrundet?

Und ich fürchte, das aufgerundete p ist das Alltags-Yolo, das jeden von uns am Laufen hält!

Wir lügen uns in die Tasche, dass wir „das Risiko abschätzen können“ und tun einfach so, als wüssten wir nicht, dass wir das gar nicht wissen können.

Es hilft dabei, U_scheitert gar nicht so genau in Betracht zu ziehen und hier liegt das eigentliche Problem: U_scheitert wird erst mit Schmerz konkret. Krikorian wird den Fehler (hoffentlich) nicht noch einmal machen, denn U_scheitert ist bei ihm von einer abstrakten Möglichkeit zu einer Erfahrung geworden.

Paul Virilio sagte mal, dass jede Technologie ihre eigene Art von Unfall produziert. Aber das kann dauern? Der Three Mile Island Vorfall ereignete sich erst 24 Jahre nach der Einführung der zivilen Atomkraft, wir stecken erst gerade mitten im Unfall von Social Media und die Wucht des Unfalls der Dampfmaschine rollt gerade erst so richtig auf uns zu. Es gibt immer eine Ungleichzeitigkeit zwischen Technologie und ihrer durch Schmerzerfahrung informierten U_scheitert-Funktion.

Und trotz des Füllhorns von Katastrophen, die die LLM jetzt schon auf die Gesellschaft loslässt, bin ich überzeugt, dass wir den eigentlichen Unfall des Transformermodells noch gar nicht gesehen haben.


Techpolicypress enthüllt die Lobbyerfolge der Techfirmen, die Umweltschäden ihrer Datencenter gegenüber EU-Regulierung unsichtbar zu machen.

The European Commission incorporated a secrecy provision drafted by Microsoft and tech lobby group DigitalEurope into European Union law, blocking public access to critical information on data centers‘ environmental impact, an investigation led by Investigate Europe, an independent journalism cooperative, in collaboration with Tech Policy Press, has found.

The confidentiality clause — inserted into a 2024 implementing regulation under the EU Energy Efficiency Directive (Directive 2023/1791) — shields information on energy use and water consumption from affected communities, researchers and journalists. Ten legal scholars told Investigate Europe it may violate the EU’s obligations under the Aarhus Convention, an international treaty guaranteeing public access to environmental information.

With the EU set to triple its data center capacity over the next five years, the European Commission collects key metrics like energy efficiency and water consumption from facilities. But information on individual facilities‘ footprint is kept secret, after the industry pushed to amend the legislation to classify it as confidential and commercially sensitive.

Jerzy Jendrośka, a professor of environmental law at Opole University, who spent 19 years on the compliance body overseeing the Aarhus Convention, said: „In two decades, I cannot recall a comparable case. „This clearly seems not to be in line with the convention.“

Das Resultat ist eine strategisch stillgestellte U_scheitert-Funktion, mit der man den p-Wert der KI-Wette einfacher aufrunden kann.

As a result, only broad, national-level data is made public, while information about the precise impact of individual data centers is kept out of reach of affected communities, academics, journalists and the wider public.


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Michael Seemann
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Der Ökonom Alex Imas hat sich lesenswerte Gedanken über den Arbeitsmarkt unter AGI-Bedingungen gemacht. Die Gedanken sind auch abseits einer vollen AGI-Erwartung wertvoll, denn eine gewisse strukturelle Transiton im Arbeitsmarkt lösen die LLMs bereits aus.

Er prophezeiht, dass

  1. alle Tätigkeiten automatisiert werden, die sich automatisieren lassen und dass
  2. die automatisierten Bereiche, Produkte, Services in den Budgets der Menschen marginalisiert werden,
  3. so dass sich die Budgets auf die wenigen nichtautomatisierbaren Bereiche verschieben, also dort, wo die Mensch-Präsenz unerlässlich ist.

Das lehren jedenfalls die Beispiele aus anderen Strukturwandel-Ereignissen.

Economics has a name for what happens when a new technology makes one sector dramatically more productive: structural change. The canonical example is agriculture. In 1900, about 40% of the American workforce was employed in farming. Today it’s less than 2%. Did people stop eating? No, if anything they’re eating much more. Large scale automation made farmers—and eventually factory farms—much more productive. Agricultural production boomed and prices fell. But because people can only eat so much, the share of income spent on food went down as people got richer, and workers moved to manufacturing and then to services. The simultaneous fall of prices and reallocation of labor to another sector led to the perhaps non-obvious result that the more productive, automated sector became a smaller share of the economy despite serving and producing more. The less productive sector (services) where costs had not fallen—and in fact have risen—became a larger part of the economy. This is known as Baumol’s cost disease

Er folgert daraus – wie viele andere – eine „Abundance“ von automatisierbaren Produkten eintreten wird und ich finde das grundsätzlich etwas wackelig, denn menschliche Arbeitskraft ist nicht der einzige limitierende Faktor für so eine Zukunft. Die allgemeine Verfügbarkeit von einer Vielzahl von Rohstoffen, Materialien, Vorprodukten und komplexen globalen Lieferketten wird einfach angenommen, dabei sind das historisch gewachsene Strukturen, deren Zukunftserwartung – zumindest aus meiner Perspektive – so wacklig ist wie nie.

Aber gehen wir die Abundance-These mal probehalber mit und schauen, worauf er hinaus will.

Um seinen Punkt zu machen, konstruiert er sich ein interessantes, soziales „Wert“-Modell, für das er die Theorie des mimetischen Begehrens von René Girard beleiht.

Here I think it’s useful to have a closer look at the determinants of human preferences and desire. Economists typically model demand as if preferences are formed in isolation; the “utility” I get from a good, service, or experience is determined by its hedonics (e.g., how good did the coffee taste, how quickly did I get the coffee after ordering it).2 This makes sense when people’s budget constraints bind when it comes to meeting basic needs, e.g., for food, shelter, and clothing. But once those needs are met, a different force starts to shape what people want, and even becomes dominant. René Girard called it mimetic desire: the idea that we don’t desire objects only for their intrinsic properties, but because other people desire them as well. We want what others want, and we want it even more when they can’t have it—for status, social capital, reputation, etc. Desire is not just a relationship between a person and an object; it is also a function of what other people desires.

Kristof Madarasz and I provided support for the mimetic dimension of preferences in the context of basic economic exchange. We first developed a formal model where a person’s desire for a good increases in how much others want it but can’t have it. This predicts that people will value things more when there’s genuine exclusion, when access for a specific object is scarce and others are left wanting. In our experiments, willingness to pay roughly doubled when subjects learned that a random subset of people would be excluded from the product (Figure 2 below), even though the product itself was identical. This wasn’t status signaling (subjects were anonymous) or a scarcity heuristic (exclusion was random). It was purely driven by a pure preference for having something others don’t.

Und tatsächlich lässt sich eine Verschiebung der Wertpräferenz hinsichtlich von KI Arbeitsoutput bereits messen.

We find that AI involvement undermines the perceived exclusivity of a good; objects with AI involvement are perceived as inherently reproducible and non-unique. People bid for physical art prints that varied in described AI involvement. Human-made artwork gained 44% in value from exclusivity (one copy vs. many), but AI-generated artwork gained less than half that, only 21%. The mere involvement of AI made the work feel inherently non-exclusive, as if it could always be reproduced, regardless of how many copies were said to exist.

Dazu kommt ein ebenfalls messbarer Effekt: Wenn dein Einkommen weniger von Überlebensnotwendigen Dingen aufgebraucht wird, verschiebt sich das Budget Richtung mimetisches Begehren.

As you get richer, a larger share goes toward goods where you’re not just buying the functional product; you’re buying the story, the scarcity, the feeling of having something that others want as well. This is what gives relational goods and services their high income elasticity: as incomes rise, the exclusivity premium becomes a larger share of total value, and that premium is something human-made goods can deliver.

Here’s the mechanism more precisely. When AI automates commodity production, prices in that sector fall. That raises real income. If the goods and services people want more of as they get richer lie disproportionately in the relational sector, demand shifts in that direction. Baumol’s cost disease then amplifies the result: if the relational sector remains harder to automate, it becomes relatively more expensive and absorbs a growing share of total expenditure.

„Slop“ ist gewissermaßen die absolute relationale Dematerialisierung: Produkte und Services, die ihre Abhängigkeiten von menschlicher Aufmerksamkeit komplett entkoppelt haben.

Daraus ergibt sich folgendes Bild für die Zukunft:

Material abundance from automated manufacturing means goods are cheap. Most people’s spending goes to human-led services: today’s luxuries become the baseline for future consumers. As commodity production gets automated, income and employment flow toward the sectors with high income elasticity: what I am calling the relational sector, including the arts but also care, education, hospitality, therapy, personal services, craftsmanship, and community, where the human element is part of the value.
Some already exist and are growing: nurses, therapists, teachers, boutique fitness instructors, personal chefs, bespoke tailors, craft brewers, live performers, spiritual guides, childcare workers, and many varieties of hospitality and care work. Others are emerging: experience designers, human-AI collaboration artists, provenance certifiers, community curators. Many haven’t been invented yet, just as six out of ten jobs people hold today didn’t exist in 1940.

In der idealen Konfiguration dieser Welt haben wir alle genug Geld, um genau einen anderen Menschen zu bezahlen, damit er uns wie ein Mensch behandelt. Aber so wird das ja nicht kommen?

Die mehr oder weniger kleine Gruppe von Menschen, die „noch gebraucht“ wird, wird ein sehr heterogenes Auskommen haben.

Es wird die Menschen, geben, deren Aufmerksamkeit sich nicht substituieren lässt und sie werden enorme Gewinne daraus ziehen. Und dann wird es eine viel, viel größere Gruppe geben, deren Aufmerksamkeit so austauschbar ist, dass auch ihre Margen knapp über den Reproduktionskosten liegen, etwa, wie wir es bei einem Großteil der Menschen, sehen, die heute bereits als Pfleger*innen, Künstler*innen und in anderen „menschenzentrierten“ Berufen arbeiten.

Und weil menschlicher Input jetzt schon oft in weitgehend automatisierten und relational dematerialisierten Infrastrukturen extrahiert wird (man denke an Mechanical Turk von Amazon, oder dem Heer an Clickworker*innen auf den Philippinen oder in Kenia), kann man davon ausgehen, dass eine Menge Produkte und Services nur auf dem Papier automatisiert sind, aber auf dem Fulcrum bereitgestellter Mikro-Aufmerksamkeits-Ströme eines austauschbaren Arbeitsheers hebelt. (Eine Zukunftsvision, die komplementär ist zu den vielen Lagern, die derzeit überall aus dem Boden sprießen …).

Und was passiert mit dem Heer der Menschen, deren Aufmerksamkeit gar keinen ökonomischen Wert mehr hat, außer den ihrer Daten, die von den KI-Systemen aufgesogen werden, um sie ihnen als billigen Slop zurückzuspiegeln? Wird man es dabei belassen, sie in der semantischen KI-Umschließung ihrem vollautomatisierten Schicksal zu überlassen?

Vielleicht schon. Jedenfalls so lange, wie ihre Körper keinem Datencenter im Weg stehen.


Dan Olson hat einen Video Essay darüber gemacht, warum er zu Mr. Beast ins Studio eingeladen wurde. Spoiler: Man erfährt es nicht, aber dafür eine Menge über den seelenlosen, Datengetriebenen und oft himmelschreiend ineffizienten Unsinn, den diese Leute da inszenieren. Unter anderem wird klar, dass die Methode Beast bereits aufhört, zu funktionieren.

Was Olson sehr gut herausarbeitet, ist, wie die Daten-Obession beim Beast Team dazu geführt hat, dass sie einfach immer schlechteren Content produzieren. Die ständige Jagd nach Rekorden und Viewcounts zerstört Storylines, schafft enorme Ineffizienzen und engt die Kreativität ein. Wenn eine Sendung komplett im Autopilot des Feedback-Loops zwischen Youtube-Algorithmus und Daten-Dashboards produziert wird, dann nimmt man sich wie Krikorian im Tesla die Möglichkeit, rechtzeitig ins Lenkrad einzugreifen.


Kyla Scanlon fragt sich in der New York Times ob die Finanzmärkte den Verstand verloren haben..

The stock market has been trying to ignore the war in Iran. That’s been true over weeks of escalation and de-escalation, cease-fires, a blockade, and a blockade of a blockade (now just a U.S. blockade). Markets have barely flinched, even as crude oil prices swing wildly each day and the world’s supply chains begin to shake.
The word to describe what is happening is “shrug.” The problem is not a lack of information. There is too much information, arriving in late-night social media posts and endless push notifications. These days when I see “Breaking News,” it feels like there’s an emphasis on “breaking,” in the sense of “Things are broken.”

Das, was zerbrochen ist, ist das Bewusstsein, dass die Wette schief gehen kann. Denn Papa Staat steht am Ende doch da und fängt alle größeren Akteure auf (too big to fail), nicht?

More broadly, the markets are showing the single lesson that the past 40 years have taught them.

It will always be saved.

Markets are not properly pricing risk, because they really don’t have to. They have assumed that the U.S. government will not allow them to implode, and that assumption is putting the world economy at stake. What’s more, the new rescuer investors are counting on — artificial intelligence — is vulnerable to the exact risks markets are ignoring.

When Paul Volcker took the reins of the Federal Reserve in 1979, he showed that the central bank was willing to use rates as a blunt instrument. He hiked the federal funds rate above 20 percent to crush inflation, deliberately inducing a recession. It was brutal and effective, with unemployment rising and inflation cratering. His efforts saved the economy by destroying it, while establishing the precedent that the Fed could and would move the economy.

Alan Greenspan imparted the same lesson, but in an inverted way. Where Mr. Volcker disciplined markets, Mr. Greenspan rescued them. When the stock market crashed in October 1987, on a day known as Black Monday, Mr. Greenspan flooded the system with liquidity and cut rates.

Die Bailout-Erwartung ist inzwischen das zentrale stabilisierende Fulcrum aller Finanzwetten der großen Akteure und diese Bailout-Erwartung kann dafür eine beachtlich lange Historie beleihen.

That implication has a nickname — the “Greenspan put.” The implicit understanding (never written or formalized) is that the Fed would ease monetary policy whenever asset prices fell hard enough. It was necessary in many situations, but it also created a reflex.

For example, in 2008, Ben Bernanke, then the Fed chair, took rates close to zero and carried out three rounds of quantitative easing in response to the financial crisis. The Fed deployed trillions of dollars in asset purchases at a staggering scale and became a direct buyer in markets.

U_scheitert ist nach all den Jahren des Greenspan-Puts nur noch ein verbleichendes Schwarzweißfoto im Familienalbum des letzten Jahrhunderts und die Bailout-Erwartung ist bereits so ausgeprägt, dass sie selbst bei kleineren Hickups eingefordert wird.

The markets came to expect a form of salvation. In fact, markets expected so much support that they threw what were called “tantrums” when they didn’t get it — as in 2013’s “taper tantrum,” when Mr. Bernanke suggested (suggested) that the Fed would be buying up fewer bonds. The bond market freaked out, with the 10-year yield jumping from 2 percent to 3 percent in a few months, setting off a cascade of depreciation in emerging-market currencies. The markets learned: They could demand rescue.

Then Covid happened. Both Congress and the Fed deployed trillions in combined and coordinated fiscal and monetary support within weeks at breakneck speed and scale. The stock market hit all-time highs within months of the worst economic shock since the Great Depression.

Doch, ob das stablisierende Fulcrum des Greenspan-Puts im Falle eines Crashs „hält“, ist heute mehr als fraglich?

The problem is that the rescue infrastructure is exhausted. The Fed is trapped. Inflationary pressures mean that rate cuts, the most powerful tool in the monetary tool kit, could risk making things worse. The Greenspan “put” is not really in the cards.

Fiscal policy is equally constrained. U.S. debt levels have reached a point at which any new spending programs face real limits. The dollar’s role as the global reserve currency is showing cracks. Foreign holders of Treasuries are watching U.S. policy with increasing skepticism.

Während also auch hier „p“ durch Narkotisierung von U_scheitert aufgerundet wird, basiert die gesamte Zukunftserwartung von U_gelingt auf der Ankunft von AGI.

The only real backstop, if you look at where the money is going, is artificial intelligence.

This reliance on A.I. looks like an extraordinary concentration of bets. The Magnificent 7 (Google’s parent, Alphabet; Amazon; Apple; Facebook’s parent, Meta; Microsoft; Nvidia; and Tesla) are over 30 percent of the S&P 500, up from about 12 percent a decade ago. The four largest hyperscalers — Alphabet, Microsoft, Meta, Amazon — are projected to spend nearly $700 billion combined in 2026 on A.I. infrastructure, an increase of more than 60 percent from last year, and are spending so aggressively that they’re likely straining their cash cushions.

The implicit argument embedded in current valuations across both public and private markets is that A.I. will be productive enough to offset an economic downturn as the economy loses jobs from A.I. The valuations also suggest that the A.I. industry will be efficient enough to navigate an energy crisis with the knowledge to reroute supply chains disrupted by, say, war. […]

This redirects moral hazard from “the Fed will bail out the banks” to “the government will bail out A.I.” Call it the A.I. put — and this isn’t a critique of A.I. companies. They are responding to the incentives of a favorable policy environment.


Aber was würde das überhaupt bedeuten, dass die KI-Wette aufgeht? Wie sieht eine U_gelingt-Welt aus, in der sich die exorbitanten Summen gerechnet haben, die bereits in KI investiert wurden?

Ricardo Hausmann and Andrés Velasco untersuchen im Project Syndicate, welche ökonomischen Realitäten hergestellt sein müssten, um die bereits jetzt investierten Milliarden profitabel zu machen.

Is the AI boom a bubble? No one can be sure. But one way to answer that question is to ask a more manageable (and more interesting) one: What kind of world economy would have to emerge for today’s market valuations to make sense? Consider the core group of firms at the center of the AI story: Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft, Meta, Broadcom, Tesla, OpenAI, Anthropic, SpaceX-xAI, and Amazon Web Services. Taken together, they embody a remarkable market wager. Under a conservative benchmark—that by 2036 these firms trade at price-earnings ratios of 20, earn net profit margins of 20%, and obtain 65% of their incremental revenue from abroad — in a decade they would generate roughly $2.4 trillion in additional annual foreign revenue. Such revenue is roughly equal to all US goods exports today and over twice the US current-account deficit.

Granted, the United States will have to import some inputs (like semiconductors) to provide those AI services. And not all rents will accrue to Americans, because foreigners also hold shares in US tech companies. But the offset is likely to be small: foreigners reportedly own just 15–20% of the S&P 500 stock index. These striking figures should prompt us to rethink much of today’s global macroeconomic debate.
For years, discussion of global imbalances has revolved around a familiar concern: how long can the US continue to run large external deficits? But if markets are even approximately right about AI, the more urgent question is how the rest of the world will pay for the growing claims of US-owned AI capital on global income. This is a striking reversal. The world will not merely be asked to recognize America’s technological lead. It will be asked to pay for it—year after year, and on a vast scale. Forget the broad-based industrial export surge President Donald Trump keeps promising; the world’s payments will be to a relatively small group of firms that control the large language models, chips, cloud infrastructure, software ecosystems, and complementary platforms on which the AI age depends. How exactly is the rest of the world supposed to pay?

Damit KI in der aktuellen Investitionsstruktur profitabel ist, müsste die Welt den USA jedes Jahr den Gegenwert des Bruttoinandsprodukts eines mittleren G7-Staats überweisen. Die Summe entspricht auch grob 14 mal den Marshallplan, der Europa nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufbaute. Aber pro Jahr einem, statt über vier Jahre.

Aber was, wenn Imas recht hat und dicke Margen gar nicht im Möglichkeitsbereich der Branche liegen?

Bereits 2023 machte ein geleaktes Memo eines Googlemitarbeiters furore, in dem er darauf aufmerksam macht, dass Google keinen „Moat“ hat, keinen Burggraben, um ihre Margen zu beschützen. Die Industrie hat Skaleneffekte, Plattformen haben Netzwerkeffekte, Leitunternehmen geringe Austauschbarkeit, aber was hat KI?

Das Memo war auf die damals schon aufschließenden Open Weights-Modelle bezogen, aber die Tatsache, dass Anthropic so leicht an OpenAI in Sachen Revenue vorbeiziehen konnte, deutet darauf hin, dass es diesen Moat grundsätzlich nicht gibt. Die Modelle sind unterschiedlich stark, aber am Ende doch sehr austauschbar. Vieles deutet darauf hin, als würde KI ein „low margin“ Business, wie Internetprovider, selbst, wenn es einen Großteil der globalen Workforce frühstückt.

Deswegen ist der KI-Coup nicht optional.

Um die Welt in Datencenter zu verwandeln und die Marge aus allen Ritzen zu pressen, reicht es nicht, populäre Bedürfnisse zu erfüllen. Stattdessen muss die KI helfen, Macht abzusichern, also Gewalt zu organisieren und nur dafür wird man versuchen, die Branche im Crash mit Steuergeld zu retten.

Krasse Links No 82

Willkommen zu Krasse Links No 82. Huldigt eurem Clearinghouse, heute schlürft die Zuckerberg-KI das Empire aus Deep Fakes, wenn die Abschiebebeobachter*innen den Weltkrieg in die Energiepolitik pflanzen.


Nachtrag: Die Folge vorgelesen von Ali Hackalife. (€)


In einem lesenswerten Linkedin-Post stellt der bekannte Investor Ray Dalio fest, dass der dritte Weltkrieg bereits begonnen hat.

We are now in a world war that isn’t going to end anytime soon.

While this sounds like hyperbole, it is indisputable that we are now in an interconnected world that has a number of shooting wars going on (e.g., the Russia-Ukraine-Europe-US war; the Israel-Gaza-Lebanon-Syria war; the Yemen-Sudan-Saudi Arabia-UAE war that also involves Kuwait, Egypt, Jordan, and other related countries; and the US-Israel-GCC-Iran war). Most of these wars involve major nuclear powers, and there are also significant non-shooting wars (i.e., trade, economic, capital, technology, and geopolitical influence wars) that most countries are in.

Together, these conflicts make up a very classic world war that is analogous to past “world wars.” For example, past “world wars” consisted of interrelated wars that were generally slipped into without any clear start dates or declarations of war. Those past wars combined into a classic world war dynamic that affected them all, as is happening with the current wars. I described that war dynamic in detail in Chapter 6, “The Big Cycle of External Order and Disorder,” of my book Principles for Dealing with the Changing World Order, which I published about five years ago, so it’s there if you want a more comprehensive description. That chapter covers the arc of what we are seeing happen and what is likely to happen.

Wir haben rückblickend immer einen recht kompaktes Bild von Kriegen, die bereits stattgefunden haben, aber die Menschen zu der damaligen Zeit konnten selbst nicht unterscheiden, wie sich welche Konflikte weiterentwickeln, wie sie ineinander greifen und welche Spannungen dahinter standen und vor allem „Weltkriege“ werden gerne erst rückblickend attestiert. Aber es gibt ein paar Wasserstandszeiger.

The indicators are just broadly indicative. For example, history has taught us that wars generally don’t have definitive start dates (with big military events followed by clear declarations of war, like the assassination of Archduke Ferdinand, the German invasion of Poland, and the bombing of Pearl Harbor, being the exception), and economic, financial, and military conflicts typically arose before there were clearly declared wars. Major wars were also typically preceded by developments and indicators like 1) military stockpiles and monies being drawn down; 2) budgets, debts, money printing, and capital controls being built up; 3) rival countries observing the countries fighting and learning what their strengths and weaknesses are; and 4) the overextended leading world power facing the challenge of trying to fight wars on different fronts that are very far apart. These factors all matter, and my measures of them indicate that we should be concerned.

Ich seh das so: Jedes Empire ist auf ein paar wenigen essentiellen Säulen gebaut. Ideologische genauso wie materiell infrastrukturelle. Das können bestimmte geographische Eigenheiten sein, ein besonderer Vorteil in der Kriegsführung, wirtschaftliche Stärke, ein technologischer Vorsprung, eine dominante Währung, eine oder mehrere „Einende Ideen“, eine kulturelle Hegemonie oder Zugang zu bestimmten, wichtigen Ressourcen. All diese Säulen sind mögliche Kontaktzonenfulcren, auf denen so ein Empire seine Machtakte hebelt.

Idealerweise hebelt dein Reich auf gleich mehreren dieser Fulcren gleichzeitig und ein Teil deiner Aufgabe als Imperator ist es, neue Fulcren bereitzustellen, vorhandene am Laufen zu halten und sie gegen Angriffe abzusichern. Wie wichtig die einzelnen Fulcren für einander und die Gesamtarchitektur sind (stabilisierendes Fulcrum), sieht man aber oft erst, wenn sie krachen. Und wenn wichtige oder viele dieser Fulcren aus irgendwelchem Gründen crashen, crasht das Empire.

Die USA hebelt natürlich auf vielen dieser Fulcren, aber da ich ein Materialist bin, gehe ich davon aus, dass Infrastrukturen sich pfadabhängig von materiellen Abhängigkeiten entwickeln, und die Infrastrukturen sind es, die dann beginnen, Geschichten über sich zu erzählen (Ideologie).

Zugespitzt könnte man sagen, dass die bisherige Weltordnung gar nicht in erster Linie auf der Hegemonie des amerikanischen Militärs beruhte, sondern auf der gemeinsamen Abhängigkeit aller Länder von der Ressource Öl, die durch das amerikanische Empire verwaltet wurde.

Die dafür notwendige Infrastruktur umfasst:

  1. Den Petrodollar, also die Tatsache, dass alle Länder die Öl konsumieren wollen (alle) Dollar brauchen, um es zu schlürfen.
  2. Der Petrodollar ist zunächst einmal eine Wette der ölfördernden Golfstaaten, dass die USA sie im Angriffsfall beschützen. Militärische Kooperation und die Militärbasen, sind die Engstellen der Dollarzentralität.
  3. Der Petrodollar ist aber auch eine Wette auf die hegemoniale Militärpräsenz der USA, mit der sie die Handelsrouten kontrollieren und „offen“ (für die eigenen Interessen) halten.

Der Petrodollar ist das Rückrat der Dollarzentralität, die die enorme Menge an Dollar und und die dahinterstehenden US-Schulden (Staats- und Privat) deckt. Das Geschäftsmodell der USA, quasi.

Ich denke, das amerikanische Empire fällt, weil drei Dinge die Weltordnung untergründig aber nachhaltig verschoben haben: Die Energiewende, Sanktionen und billige Drohnen.

  1. Mit der Energiewende weg von Öl, hin zu regenerativen Energien, beginnen Öl-Abhängigkeitsbeziehungen allgemein ihre Bindekräfte zu verlieren und das „Unraveling“ der amerikanischen Weltordnung, das wir sehen, ist ein Symptom dieser Rejustierung und der Irankrieg ist nur der heiße Kulminationspunkt dieser Auflösung.
  2. Seit dem Irankrieg frage ich mich: Wenn Iran jetzt so einfach die Straße von Hormuz blockieren kann, warum hat es das nicht vorher getan?

    Die Militärtechnik ist vorangeschritten und mit den Shahed Drohnen kann Iran die Straße von Hormuz bequem aus einem Radius von bis 700 Km kontrollieren. Iran droht jetzt bereits damit, dass ihre Alliierten, die Huthies den Suez-Kanal bei der Straße von Bab al-Mandeb dicht machen. Ich denke eine Konsequenz aus dem Drohnenparadigma wird sein, dass es keine offenen Meerengen mehr geben wird, einfach weil es so leicht geworden ist, sie mit geringen Ressourcen zu kontrollieren.

  3. Doch wenn wir ehrlich sind, wäre es für Iran militärisch auch früher gegangen die Hormuz zu kontrollieren, nur etwas aufwändiger und riskanter. So, what changed?

    Die Antwort sind Abhängigkeiten. In den vergangenen Golfkriegen war eine Sperrung im Gespräch und amerikanische Schiffe hatten damals bereits Öltanker eskortiert, doch Iran hätte sich das damals auch deswegen nicht getraut, weil es sich mit den Golfstaaten und dem Rest der Welt nicht anlegen wollte. Zum einen hätten sie potentielle Verbündete vor den Kopf gestoßen und zum anderen waren sie selbst von der Weltwirtschaft abhängig.

    Doch in den Jahrzehnten von Isolation und Sanktionen wurden diese Abhängigkeiten entkoppelt und naja, die Golfstaaten sind inzwischen recht eindeutig „Team America“. Es gibt also schlicht nicht mehr viel zu verlieren durch die Schließung. Die Sanktionen haben den Iranern eine Waffe beschert, die uns viel mehr weh tut, als ihnen.

    Durch die Sanktionsregimes hat die USA den Bruch in der eigenen Weltordnung herbeigeführt, denn dadurch konnte sich ein paralleles System der sanktionierten Länder bilden: Iran, Russland, Venezuela, ein bisschen auch Nord Korea entwickelten sich von nun an verstärkt im wechselseitigen Austausch und unter der quasi Schirmherrschaft von China. Der Irankrieg wird dieses Notbündnis jetzt enorm stärken und die Ölflüsse und damit Abhängigkeitsbeziehungen neu sortieren.

Donald Trump ist ein Instinkt-Mensch und wie alle Oligarchen hat er einen ausgeprägten Macht-Instinkt und ich glaube, seine grundsätzliche Analyse, dass ein Ende des Fossilismus auch das Ende der amerikanischen Empire bedeutet, ist nicht falsch?

Sein Kampf gegen Erneuerbare und der Versuch alle nichtkontrollierten Öl-Pfade abzuschneiden (Venezuela, Iran), sind hilflose Versuche, um die Welt wieder enger an Öl und damit die USA zu ketten. Weil er aber auch ein ziemlicher Idiot ist und nur dumm um sich schlägt, beschleunigt er den Untergang des Reiches in einer fast mythenhafte Ironie des Schicksals.

Die Golfstaaten haben ziemlich doof aus der Wäsche geguckt, als Iran ihre Hotels im Inland angriff, weil die US-Soldaten aus den Basen, die das Land verteidigen sollten, vor Irans Angriffen in zivile Hotels geflohen sind.

Und das zeigt ein weiteres Mal, wie Drohnen das Verhältnis von militärischer Topologie und geographischen Topographie verändern. Die vielen US-Basen, die die USA in der ganzen Welt betreiben, werden von Hegemonie-Brückenköpfe zu günstig angreifbaren Schmerzpunkten einer ansonsten kaum erreichbaren Supermacht. Und alle Länder mit US-Basen werden durch sie nicht sicherer, sondern zu plausiblen Zielen, was die Risiko-Kalkulationen überall auf der Welt verändert.

Gerade kracht also das ganze System auf einmal zusammen: Iran hat durch die Hormuz-Kontrolle ein gutes Drittel der Ölpfade aus dem von den USA kontrollieren Seewegen geknapst und wird dort wohl den Petrodollar durch den chinesischen Yuan austauschen, während die Golfstaaten (und alle anderen) ihre Allianzen neu kalkulieren …


Was passiert eigentlich, wenn die USA sich entschließt, aus dem Trubel des internationalen Ölmarktes auszuopten, also eigene Ölexporte verbietet und stattdessen auf „Self-Suffiency“ umstellen?

High energy prices are ​political Kryptonite and the Trump administration likes to project a populist image. Interior Secretary Doug Burgum told oil industry executives last month ​that an export ban was not under consideration, Politico reported, opens new tab. If prices spike high enough, though, officials may face pressure to reconsider.

Was manche nicht wissen: Seit sich Fracking als neue Fördermethode in den 2010ern etabliert hat, sind die USA Nettoexporteur von fossiler Energie, sogar der größte Ölexporteur der Welt, größer als Saudi-Arabien. Sie produzieren also mehr als sie brauchen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die originale Abhängigkeit, die die amerikanische Weltordnung erst als notwendige Infrastruktur aufgleiste, eigentlich aufgelöst ist.

Aber Reuters versucht Trump das aber auszureden, denn natürlich ist das leichter gesagt als getan. Dafür muss ne Menge Infrastruktur umgebaut werden und viel der aktuellen Infrasstruktur würde zum „stranded Asset“.

An export ban would leave the United States with a glut of light, sweet crude. Refiners can pivot, but with opportunity costs. Expensive purification ‌equipment would ⁠be left unused and there isn’t enough capacity to handle all the excess.
In addition, light U.S. oil tends to make heavy naphtha used for gasoline. Such derivative products are sold abroad. A crude ban would increase the imbalance, leaving the country with more gasoline and less diesel.

Finally, oil production, shipping and refining is one of the world’s most complex systems. Changing flows suddenly would introduce unknown outcomes. Recessions ​elsewhere hurt the U.S. economy, too. ​Crude and related products are ⁠already in short supply. Making U.S. refiners more inefficient won’t help, while a ban would invite retaliation. In this case, one simple answer would leave many difficult questions.

Ein Exportstopp von amerikanischen Öl würde natürlich nicht nur Europa und den Rest der Welt ins Chaos stürzen, sondern würde ein endgültiges Ende des Petrodollars bedeuten, denn der Dollarfluss in die Golfstaaten würde von einen auf den anderen Tag gestoppt und müsste ersetzt werden.

Es gibt also viele gute Gründe das nicht zu tun, aber erinnern wir uns kurz zurück: Wie oft haben „gute Gründe es nicht zu tun“ Trump daran gehindert etwas … naja, nicht zu tun?

Und was machen wir in Europa/Deutschland, wenn wir plötzlich merken, dass es gar keine gute Idee war den Großteil unserer Energieabhängigkeiten auf die USA zu konzentrieren?


Robert Habeck hat einen Gastbeitrag im Guardian in dem er schildert, wie er die geoplolitische Engergiesituation Europas mit der seiner Amtszeit als Wirtschaftsminister vergleicht.

The impact on energy prices is another parallel. I remember well, from my time in government in Germany, the conference calls with counterparts from the Biden administration after the Russian full-scale invasion in February 2022, when the oil price rose to $130 a barrel. Even then, they wanted Germany to release its national oil reserves. I was reluctant, as I feared that Putin would completely halt oil supplies, which then still accounted for roughly 30% of Germany’s imports. In my view, the high prices were only the second-biggest problem. The biggest was whether there would be enough energy at all.

Seine Antwort ist die Offensichtliche: Vollen Schub auf Erneuerbare.

All the energy strategies developed for the climate crisis are ready and should be implemented as a matter of urgency. The rapid electrification of industry, transport and the heating and cooling sectors, and the expansion of electricity generation capacity, can be achieved in a relatively straightforward way.

And for all those who say this is too expensive: the EU spends about $450bn a year on fossil fuels – often from countries that are not particularly committed to liberal democracy. Better to use these funds for domestic energy production and the protection of our infrastructure.

Ich bin mir sicher, jemand müsste diesen Artikel nur mal Katherina Reiche schicken, dann würde sie auch sofort auch das Offensichtliche sehen.


Die AMOC-Strömung im Atlantik wird nach neusten wissenschaftlichen Untersuchungen durch die Klimakatastrophe wahrscheinlich deutlich früher und mit größerer Sicherheit zusammenbrechen, als bisher gedacht.

The critical Atlantic current system appears significantly more likely to collapse than previously thought after new research found that climate models predicting the biggest slowdown are the most realistic. Scientists called the new finding “very concerning” as a collapse would have catastrophic consequences for Europe, Africa and the Americas.

The Atlantic meridional overturning circulation (Amoc) is a major part of the global climate system and was already known to be at its weakest for 1,600 years as a result of the climate crisis. Scientists spotted warning signs of a tipping point in 2021 and know that the Amoc has collapsed in the Earth’s past.

Klimaforscher Stefan Rahmstorf warnt seit vielen Jahren vor genau diesem Szenario, aber selbst er ist geschockt über die neuen Ergebnisse.

Prof Stefan Rahmstorf, at the Potsdam Institute for Climate Impact Research in Germany, said: “This is an important and very concerning result. It shows that the ‘pessimistic’ models, which show a strong weakening of the Amoc by 2100, are, unfortunately, the realistic ones, in that they agree better with observational data.”

He added: “I now am increasingly worried that we may well pass that Amoc shutdown tipping point, where it becomes inevitable, in the middle of this century, which is quite close.”
Rahmstorf, who has studied the Amoc for 35 years, has said a collapse must be avoided “at all costs”. “I argued this when we thought the chance of an Amoc shutdown was maybe 5%, and even then we were saying that risk is too high, given the massive impacts. Now it looks like it’s more than 50%. The most dramatic and drastic climate changes we see in the last 100,000 years of Earth history have been when the Amoc switched to a different state.” […]

Rahmstorf said Amoc slowdown in 2100 may be even greater than in the new, pessimistic assessment. This is because the computer models do not include the meltwater from the Greenland ice cap that is also freshening the ocean waters: “That is one additional factor that means the reality is probably still worse.”


Der Spiegel enthüllt, wie Habecks Nachfolgerin, Katherina Reiche Energiepolitik, macht.

Am Dienstag, dem 13. Januar, erreicht Christian Schmidt eine ungewöhnliche Nachricht. »Überlegungen für ergänzende Kriterien zur 10h-Regel« steht in dem Text an den Abteilungsleiter Strom im Bundeswirtschaftsministerium (BMWE). Gleich darunter sind fünf Vorschläge gelistet, die Batteriespeicher im Rahmen der sogenannten Kraftwerksstrategie fast unmöglich machen dürften.

Absender der Nachricht ist Holger Schäfer, der Cheflobbyist von EnBW. Der Energiekonzern will in Deutschland neue Gaskraftwerke bauen und betreiben, ebenfalls im Rahmen der Kraftwerksstrategie. Batteriespeicher sind die Hauptkonkurrenz dafür.

An Schäfers Textnachricht ist manches seltsam. Zum Beispiel, dass sie nicht auf Initiative von EnBW erstellt worden ist – sondern »auf ein Ersuchen des Ministeriums«. So schreibt es EnBW dem SPIEGEL, und auch das Ministerium dementiert es auf mehrfache Anfrage nicht. Schäfers »Überlegungen« waren also kein Lobby-Impuls – sondern eine Auftragsarbeit. Und zwar eine ziemlich einseitige.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wird eine zu große Nähe zur fossilen Energiewirtschaft nachgesagt. Entsprechend empört dürften ihre Kritiker auf einen solchen Vorgang reagieren. Doch Kritik daran gab es bisher nicht. Denn der EnBW-Text war bis vergangenen Freitag gar nicht öffentlich. Der Konzern hatte ihn nicht im Lobbyregister vermerkt – obwohl das bei einem laufenden Gesetzgebungsverfahren streng vorgeschrieben ist.

Merz wird Reiche dennoch nicht feuern, denn er ist gar nicht ihr echter Boss?

Um das zu verstehen, muss man zuerst verstehen, dass die CDU heute weniger wie eine klassische „Partei“ funktioniert, die versucht einen „Parteiwillen“ zu organisieren und umzusetzen, sondern – ähnlich wie die Republikanische Partei in den USA – zunehmend als Plattform für Polit-Entrepreneure fungiert. Dabei wird eine Personalie von der Industrie gezielt über viele Jahre aufgebaut, mit Ressourcen und Kontakten ausgestattet und so erfolgreich, aber auch abhängig gemacht, die dann – wenn sie im politischen Betrieb erfolgreich ist – konsequent die eigenen Industrie-Interessen umsetzt.

Merz kann Reiche schon deswegen nicht feuern, weil er selbst ein Sponsorship ist, nur eben aus einer anderen Industrie. Merz ist als Sponsorship von Blackrock der logische Kanzler, der mit allen sonstigen Interessen aller anderen Industrie-Oligarchen kompatibel ist, weil Blackrock einfach bei jeder Industrie mit drin steckt und sich deswegen sogar divergierende Interessen im Portfolio ausgleichen. Die aktuelle Regierungsstruktur ist aus Sicht der „Wirtschaft“ ideal. Das Blackrock-Kanzleramt fungiert als das Clearinghouse der deutschen und internationalen Industrieinteressen.

Merz wird sich also nicht mit Reiches Sponsoren anlegen und hätte nicht mal Verständnis für das Problem. Er sieht es als seine ureigenste Aufgabe Industrieinteressen notfalls gegen jeden demokratischen Widerstand durchzuprügeln.


Günter Klebinger hat in seinem Blog ein Dossier über (u.a.) Katherina Reiche angelegt, das anschaulich macht, wie so ein Sponsorship funktioniert.

Nachdem sie unter Wirtschaftsminister Altmeier bereits den ersten Versuch einer Energiewende rückabgewickelt hatte und quasi im Alleingang die deutsche Solarindustrie zerstörte, heuerte sie beim VUK an, die der Interessen von kommunalen Unternehmen — Stadtwerke, Wasserversorger, Abfallentsorger vertrat. Dort war sie anscheinend eine so erfolgreiche Lobbyistin, dass sie zur Westenergie AG wechselte, also quasi zu E.ON.

Anfang 2020 wird Reiche Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer Tochtergesellschaft des Energiekonzerns E.ON. Westenergie betreibt rund 37.000 Kilometer Erdgasnetz in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Der Umsatz steigt unter Reiches Leitung von 5,9 Milliarden Euro auf über sieben Milliarden.

Parallel übernimmt sie im Juni 2020 den Vorsitz des Nationalen Wasserstoffrates. Wasserstoff ist zu diesem Zeitpunkt die Lieblingserzählung der fossilen Branche: Man brauche ja eine Brückentechnologie. Und die Brücke besteht natürlich aus Gaskraftwerken, die irgendwann — 2040, 2045, vielleicht später — auf Wasserstoff umgestellt werden. Irgendwann eben.

Klebinger fasst zusammen:

1. Personelle Kontinuität. Katherina Reiche hat den Solarausbau 2012 als Staatssekretärin gebremst. Sie bremst ihn seit 2025 als Ministerin. Das ist kein Zufall. Das ist Programm.

2. Institutionelle Nähe. Die fünf Jahre bei Westenergie/E.ON sind keine Episode in Reiches Lebenslauf. Sie sind das Scharnier. Wer 37.000 Kilometer Erdgasnetz verantwortet hat, denkt in Gasnetzen. Wer in der Vorstandsetage eines fossilen Versorgers saß, sieht erneuerbare Energien als Störung — nicht als Lösung.

3. Die Methode. Reiche greift nie frontal an. Sie beauftragt Studien bei Instituten, in deren Gremien ihre ehemaligen Geschäftspartner sitzen. Sie spricht von „Technologieoffenheit“, meint aber: fossile Gleichberechtigung. Sie stellt Klimaziele nicht direkt in Frage — sie nennt sie „naiv“ und will „flexibilisieren“.

4. Transparenzlücke. Reiche hat, wie Wolfram Weimer, kein Bundestagsmandat. Damit entfallen die Veröffentlichungspflichten für Nebentätigkeiten, Beteiligungen und Einkünfte, die für Abgeordnete gelten. Ob und welche Verbindungen zur fossilen Energiewirtschaft fortbestehen, ist öffentlich nicht überprüfbar.

Kurz: Katherina Reiche verübt schon seit den 2000er Jahre regelmäßige Anschläge auf unsere Energieinfrastruktur in einer Heftigkeit, dass der „Vulkangruppe“ die Ohren schlackern.


In Krasse Links No 80 schrieb ich bezüglich des Ulmenfalls über „Jerks“:

Jerks war immer schon eine emotional abusive Beziehung inszeniert als Gag und die tatsächlichen Enthüllungen sind fast so etwas wie ein abstoßendes und gleichzeitig passendes Serienfinale.

Trurns out: Seine Taten bekamen sogar eine eigene Serie, wie die Zeit herausfand.

Der 18-jährige Lasse gesteht seiner Freundin ein Geheimnis. Er habe Bilder von ihr in Sex-Chatforen gepostet, und es habe ihn angemacht, wie andere Männer über ihren Körper schrieben und über ihre erotischen Fantasien mit ihr. Er sei in sie verliebt, beteuert er immer wieder, dann beginnt er zu weinen: Er sei wie auf einem Trip gewesen, die Kommentare der anderen Männer hätten ihn so angemacht.
Lasse ist eine Figur aus Christian Ulmens letzter Comedyserie, die der Schauspieler und Regisseur im Herbst vergangenen Jahres auf Mallorca gedreht hat. Ulmen selbst spielt darin die männliche Hauptrolle, Lasses Vater. […]

Im Mittelpunkt steht ein fiktives Ehepaar in einer toxischen Beziehung, das ein neues Au-pair bei sich aufnimmt. Ulmen spielt den Familienvater Frank, der sich um die drei Kinder kümmert, während seine Frau beinahe rund um die Uhr als Ärztin arbeitet. Er fühlt sich minderwertig und von seiner Frau alleingelassen. Um seine Wut in den Griff zu bekommen, geht er in Therapie. Da er außerdem pleite ist, übernimmt er Putzjobs auf teuren Jachten und gerät dabei in eine Agentur für männliche Prostituierte, die Sex mit älteren, reichen Frauen haben. Die Frauen leben an Frank fortan ihre sexuellen Fantasien aus und erniedrigen ihn teilweise. In dieser Serie sind oft die Männer die Opfer der Frauen, nicht umgekehrt. Neben Ulmen spielt der Schauspieler Fahri Yardım einen weiteren Prostituierten. In einem Nebenstrang der Handlung wird der Sohn der Familie, Lasse, Opfer von Cybermobbing durch seine Schulkameraden. Und die Mutter vermasselt eine OP, sodass einem Mann die Hoden abgenommen werden müssen. So weit die Fiktion.

Wie muss es für die Schauspieler*innen gewesen sein, die freudig zu Ulmen ins Projekt sprangen, um diese – zugegebenerweise *weirde* – Serie abzudrehen und dann platzt der Fernandesfall in die Öffentlichkeit und du merkst, du warst nur Statist in einer Art selbsttherapeutischen Systemaufstellung eines Psychopathen.

Einer der Mitwirkenden aus der Serie sagt, er fühle sich, als müsse er seine Erinnerung neu codieren. Er stehe vor einem Rätsel: Wie konnte Ulmen nach allem, was er seiner Frau angeblich im Winter vor dem Dreh gestanden haben soll, in so ein Projekt gehen? Wie konnte er all das so ausblenden? Oder hat er es eben gerade nicht ausgeblendet?


Aber hier die bange Frage: Wie „weird“ ist Ulmen wirklich? Das Magazin Wired hat einen erschreckenden Bericht über die Verbreitung sexualisierter Deepfakes an Schulen auf der ganzen Welt.

Deepfake sexual abuse incidents have hit around 90 schools globally and have impacted more than 600 pupils, according to a review of publicly reported incidents by WIRED and Indicator, a publication focusing on digital deception and misinformation.

The findings show that since 2023, schoolchildren—most often boys in high schools—in at least 28 countries have been accused of using generative AI to target their classmates with sexualized deepfakes. The explicit imagery, containing minors, is considered to be child sexual abuse material (CSAM). This analysis is believed to be the first to review real-world cases of AI deepfake abuse taking place at schools globally. […]

The true scale of deepfake sexual abuse taking place in schools is likely much higher. One survey by United Nations children’s agency Unicef estimates that 1.2 million children had sexual deepfakes created of them last year. One in five young people in Spain told Save the Children researchers that deepfake nudes had been created of them. Child protection group Thorn found one in eight teens know someone targeted, and in 2024, 15 percent of students surveyed by the Center for Democracy and Technology said they knew about AI-generated deepfakes linked to their school.

“I think you’d be hard-pressed to find a school that has not been affected by this,” says Lloyd Richardson, director of technology at the Canadian Centre for Child Protection. “The most important thing is how we’re able to help the victims when this happens, because the effects of this can be massive.”

Diese Technologie – in Kombination mit den Erlaubnisstrukturen einer patriarchal-Indivudualistischen Gesellschaft – verengt jetzt bereits die Räume für junge Mädchen in der Gesellschaft enorm.

In multiple instances, victims often do not want to attend school or be faced with seeing those who created explicit images or videos of them. “She feels hopeless because she knows that these images will likely make it onto the internet and reach pedophiles,” says lawyer Shane Vogt, and three Yale Law School students, Catharine Strong, Tony Sjodin, and Suzanne Castillo, who are representing one unnamed New Jersey teenager in legal action against a nudifying service. “She is severely distressed by the knowledge that these images are out there, and she will have to monitor the internet for the rest of her life to keep them from spreading.”

Und auch hier geht es nicht wirklich um „Sex“, sondern um den wurstigen Willen zur Kontrolle bei jungen Männern.

Amanda Goharian, the director of research and insights at child safety group Thorn, says its research indicates that there are different motivations involved in teenagers creating deepfake abuse, ranging from sexual motivations, curiosity, revenge, or even teens daring each other to create the imagery. Studies involving adults who have created deepfake sexual abuse similarly show a host of different reasons why the images may be created. “The goal is not always sexual gratification,” Pillai says. “Increasingly, the intent is humiliation, denigration, and social control.”

“It’s not just about the tech,” says Tanya Horeck, a feminist media studies professor and researcher focusing on gender-based violence who has looked at sexualized deepfakes in UK schools at Anglia Ruskin University. “It’s about the long-standing gender dynamics that facilitate these crimes.”


Dafür geht Meta jetzt gezielt gegen die „Antifa“ vor.

Policy documents reviewed by The Intercept show the company now treats any “Content that includes the word ‘antifa’ as a potential rules violation if that word appears along with what Meta deems a “content-level threat signal” — meaning a statement that the company believes implies violence.
The new rules around saying “antifa” on Facebook and Instagram comes amid efforts by the White House to crack down on left-wing political organizing under the guise of national security. Though antifa is a contraction of the word antifascism and not an actual group, Trump last September signed an executive order designating the leaderless decentralized movement as a domestic terrorist organization. A subsequent executive memorandum, NSPM-7, again singled out “antifa” ideology as a cause of “domestic terrorism and organized political violence.”

Der Griff der Purge-Koalition macht weitere Anzeichen, sich zu schließen.


Antony Loewenstein hat einen Film über Deutschlands Obsession mit Israel gemacht und zeichnet ein düsteres Bild unserer Gegenwart, das die weißdeutsche Mehrheit in diesem Land nie anders zu sehen bekommt, als durch die verzerrende Hetze von Bild, Nius oder Tagesspiegel.

Sein Fazit, aufgenommen im KZ Sachsenhausen, ist düster:

Honestly, what I’ve seen and heard is that Germany is fundamentally misunderstanding what happened here.

That they are transferring their guilt, their justified guilt onto Palestinians, onto Arabs, onto Muslims, onto those who are not white Germans.

As a German and a Jew, any sane person would reject that 110%.

The fear I have is that we’ve seen Germany is moving to a really dark authoritarian future. Free speech is threatened. Association is threatened. The far right’s in the ascendancy.

And that’s a pretty dark prospect considering German history.


Aus Hamburg berichten Abschiebebeobachter*innen über Fälle, die in ihrer Brutalität denen aus den USA nicht wirklich nachstehen.

„Als besonderes gravierend nennt die Abschiebebeobachterin den Fall einer 87-jährigen alleinstehenden Frau. Sie sei im Rollstuhl zum Flugzeug gebracht worden – in Hausschuhen, ohne Jacke. Oder eine junge Familie, die durch die Abschiebung getrennt wurde.“

Ein Hoch auf die Abschiebebeobachter*innen. Ansonsten habe ich den Eindruck, der Unterschied zwischen Deutschland und USA sind vielleicht weniger die Härten durch ICE, als die Tatsache, dass es hier kaum wen interessiert, wenn die eigenen Nachbarn abgeholt werden. Ist schließlich intergenerational eingeübte Praxis?


Der bekannte Securityforscher Bruce Schneier hat sich mit Ada Palmer zusammengetan, um im Guardian vor LLMs als Massensprechaktwaffe zu warnen. Sie nutzen den Begriff nicht, aber erklären ihre Funktionsweise genau.

The increased use of large language models means we humans will encounter much more AI-generated text. We humans, in turn, will begin to adopt the linguistic patterns and behaviors of these models. This will affect not just how we communicate with one another, but also how we think about ourselves and what goes on around us. Our sense of the world may become distorted in ways we have barely begun to comprehend.

Dabei gehen sie nicht mal darauf ein, welche Manipulationsmöglichkeiten der KI-Betreiber sich darauf ergeben, sondern konzentrieren sich erstmal auf die „unintended Consequences“.

One of the first effects we could see is in simple expression, much as texting and social media have resulted in us using shorter sentences, emojis instead of words, and much less punctuation. But with AI, the impacts may be more harmful, eroding courteousness and encouraging us to talk like bosses barking orders. A 2022 study found that children in households that used voice commands with tools like Siri and Alexa became curt when speaking with humans, often calling out “Hey, do X” and expecting obedience, especially from anyone whose voice resembled the default-female electronic voices. As we start to prompt chatbots and AI agents with more instructions, we may fall into the same habits.

Additionally, because large language models are primarily trained from written speech, they may not learn how to emulate the free-wheeling nature of live, natural speech. When told “I hate Beth!”, ChatGPT replies with an uninterruptable three-part formula of affirmation (“That’s completely valid”), invitation (“I’m here to listen”) and invitation (“What’s going on?”) far longer than any reply plausible in face-to-face dialog. “What’s Beth’s deal?!” elicits a bullet point list of queries that reads like a multiple-choice exam question (“Is Beth * a celebrity? * a friend from school? * a fictitious character?”). No human speaks that way, at least not yet. But meeting such formulas repeatedly in a speech-like context may teach us to accept and use them, much as a child absorbs new speech patterns from spending time with a new person.

Und natürlich gehen sie auf die Langzeiteffekte ein, wenn kommende Generationen lernen, ihr Denken auf KIs auszulagern. Dabei verlieren wir etwas sehr wichtiges, das wir zum Lernen brauchen. Unsicherheit.

In our experience as teachers, students who turn to generative AI for assignments often say they do so because they have trouble expressing what they think. The students don’t recognize that writing or speaking our thoughts is often how we realize what we think. Their unconfident and uncertain statements are actually the healthy human norm. But a large language model won’t turn vague first guesses into a well-formed critical analysis, or even ask helpful questions as a friend would; it will simply regurgitate those guesses, still unexamined, but in confident language.

Und wenn man dann bedenkt, dass diese Lenkung der Sprechweisen gezielt erfolgen kann (und es bereits tut), haben wir die mächtigste Propagandawaffe der Geschichte der Menschheit. Gleich nach den zweitmächtigsten: Den Plattformen.


Meta baut jetzt eine Zuckerberg-KI, um mit den Mitarbeitenden … zu interagieren.

Meta is building an artificial intelligence version of Mark Zuckerberg that can engage with employees in his stead, as part of a broader push to remake the Big Tech company around AI.

The $1.6tn group has been working on developing photorealistic, AI-powered 3D characters that users can interact with in real time, according to four people familiar with the matter.

The company recently began prioritising a Zuckerberg AI character, three of the people said.
The Meta chief is personally involved in training and testing his animated AI, which could offer conversation and feedback to employees, according to one person.

They added that the character is being trained on the billionaire’s mannerisms, tone and publicly available statements, as well as his own recent thinking on company strategies, so that employees might feel more connected to the founder through interactions with it.

Das Ende der Welt erkennt man bekanntlich daran, dass alle Klischees der Menschheitsgeschichte zu einer einzigen grotesken Slop-Wirklichkeit konvergieren.

Krasse Links No 81

Willkommen zu Krasse Links No 81. Schultert das Neokayfabe, heute abonnieren wir die Q-Function der Large Language Models als relationale Dematerialisierung der Iran-Kapitulation auf System 3.


Nachtrag: Die Folge vorgelesen von Ali Hackalife. (€)


Jaja. ich weiß, der Newsletter ist viel zu lang und Lesen ist immer so anstrengend. We hear you!

Ali Hackelife, mit dem ich dem ich auch den Krasse Links Podcast mache, liest jetzt als Service auch den Newsletter ein, und den Feed dazu kann man auf Steady für 5 Euro pro Monat abonnieren.


Ich war ehrlich gesagt auch nicht sicher, zu welcher Weltordnung ich an Mittwoch aufwachen würde, aber ich hatte beschlossen, mich nicht von Trumps Genozid-Kayfabe den Schlaf rauben zu lassen und siehe da, ich wachte zu einer (Quasi-)Kapitulation der USA auf.

Der Guardian über die 10 Punkteforderungen des Iran, die Trump den Genozid abblasen ließ.

The list of 10 points, published by Iranianstate media, include a number of conditions the US has rejected in the past. The plan requires:

  • The lifting of all primary and secondary sanctions on Iran.
  • Continued Iranian control over the strait of Hormuz.
  • US military withdrawal from the Middle East.
  • An end to attacks on Iran and its allies.
  • The release of frozen Iranian assets.
  • A UN security council resolution making any deal binding.

In the version released in Farsi, Iran also included the phrase “acceptance of enrichment” for its nuclear program. But for reasons that remain unclear, that phrase was missing in English versions shared by Iranian diplomats to journalists.

Wie man es dreht und wendet. Iran wird nach dem Krieg strategisch besser dastehen, als vor dem Krieg. Tausende Menschenleben, darunter viele hunderte Kinder und auch einige US-Soldaten, dazu Hunderte Milliarden an eingesetzten Waffensystemen, weltweite Kosten durch Suppychain-Disruption in wahrscheinlich Billionenhöhe – all das für weniger als nichts.


Zur Zeit, wo ich das hier schreibe ist noch einiges unklar. Trump tut so, als seien die Verhandlungen bereits weit fortgeschritten, obwohl sie nicht mal angefangen haben und Iran hat gerade noch mal klar gemacht, dass es kein Deal gibt, solange Israel weiter den Libanon angreift. Israel war wohl gar nicht in die Verhandlungen eingebunden und fühlt sich nicht an den Deal gebunden. Ob Trump Netanjahu zurückpfeiffen kann? Wir werden sehen …

Jedenfalls Iran hat die Straße von Hormuz schon wieder geschlossen, anscheinend?


Gestern (Dienstag) hatte Trump diesen Horror-Post verfasst, der der Welt den Atem stocken lies.

Der Effekt wird jetzt natürlich sein, dass die Welt an Iran gesehen hat, wie man Trumps Bullshit called und das TACO (Trump always Chickens Out) ein tatsächlich belastbarer Pfad ist, auf dem man seine eigenen Strategien bauen kann.

Doch Trump bleibt gefährlich. Der Text, der mich trotzdem nicht gut schlafen lies, ist von Hussein Banai im New Lines Mag, wo er die Falle beschreibt, in die Trump gelaufen ist (wir hatten in KL79 darüber gesprochen)

That trap is understood best through the central insight in “The Strategy of Conflict,” a 1960 book by the Nobel Prize-winning scholar Thomas Schelling: that coercive bargaining is fundamentally about the manipulation of shared risk rather than the direct application of force. The Trump administration appears to have believed that sufficiently severe military punishment would produce Iranian capitulation, yet what severe punishment actually produces, when it does not produce capitulation, is a bargaining environment in which both sides are looking for a way out that does not humiliate them fatally. Iran, operating from a position of strategic weakness but tactical asymmetric leverage, has every incentive to make that exit as costly and as visible as possible. The Strait of Hormuz is not merely a shipping lane; in Schelling’s terms, it functions as a hostage whose value rises as American desperation increases.

The exit ramp that is currently available — some version of a negotiated freeze accompanied by American military de-escalation — is precisely the kind of deal that Trump cannot accept, and the weight of that constraint is arguably the most dangerous structural feature of the present situation. A president who has staked his political identity on the narrative of strength, who entered this confrontation promising a different outcome than President Barack Obama achieved with the Joint Comprehensive Plan of Action that restricted Iran’s nuclear program, and who has cultivated an image as the one leader capable of doing what his predecessors lacked the will to do, cannot emerge from Iran having visibly retreated.

Any deal that can be made looks, from his perspective, like a deal that mockers will spend the next decade calling a face-saving exit ramp. He knows this. His opponents know this. And the Iranians know this, which is why they have calibrated their pressure to produce exactly this dilemma.

Natürlich wird auch Trump merken, dass mit diesem Deal das Fulcrum seines Kayfabe bricht. Wenn alle seinen Bullshit durchschauen, löst sich der Zauber der inszenierten Erwartungserwartungen auf und er hebelt is Leere. Und dann wird er irgendwann nicht daran vorbei kommen, ein Exempel zu statuieren, um seine Glaubwürdigkeit wieder herzustellen.

Banai erinnert an das libidinöse Verhältnis, dass Trump zu Atomwaffen pflegt.

During the 2016 campaign, MSNBC’s Joe Scarborough reported that a foreign policy expert who had briefed Trump came away alarmed after the candidate asked three times why the U.S. could not use its nuclear arsenal. In a town hall with Chris Matthews that same year, when pressed on whether he would rule out nuclear use, Trump’s response was simply: “Then why are we making them? Why do we make them?” A few weeks later, he told NBC’s Today show that while nuclear weapons were a “horror,” he would “never, ever rule them out.” And once in office, according to Peter Baker and Susan Glasser’s account of his tumultuous first term in their book “The Divider,” Trump suggested to his then chief of staff John Kelly that he wanted to use nuclear weapons against North Korea and blame it on someone else.

Dienstagnacht war ein Staffelfinale, aber ich fürchte, das Serienfinale ist noch nicht geschrieben.


Die New York Times hat eine sehr detaillierte Beschreibung des Entscheidungsprozess, der zum Irankrieg führte, aber man kann sie grob so zusammenfassen: Trump ließ sich von Netanjahu belatschern und obwohl die meisten um ihn herum skeptisch waren, traute sich niemand, ihm Kontra zu geben.

Everyone deferred to the president’s instincts. They had seen him make bold decisions, take on unfathomable risks and somehow come out on top. No one would impede him now.

Das Kayfabe ist stark in ihnen.


Ich spreche hier immer von Kayfabe, aber ich sollte besser Neokayfabe sagen, wie Abraham Josephine Riesman bereits 2023 in ihrem Newsletter lesenswert ausführte.

Vince McMahon, der die World Wrestling Federation in den 1980er übernahm und ein enger Buddy von Trump ist, war es, der aus dem bislang harmlosen Kayfabe-Spaß eine politische Aufmerksamkeitswaffe machte: Neokayfabe.

In the mid-1990s, wrestlers and promoters started juicing the audience by tossing them little teases of once-taboo reality. A grappler trying to “get over” (industry lingo for winning the audience’s attention) as a villain might reference a fellow wrestler’s real-life personal problems in a cruel in-ring monologue, just to make the audience hate him more. An owner might direct a wrestler to pretend he’s going rogue against the company in an outrageous monologue, then tell gullible journalists that he’s in big trouble with his employer, all to juice interest in what might happen next on the show. You knew wrestling was usually fake, but maybe this thing you were seeing, right now, was, in some way, real. Suddenly, the fun of the match had everything to do with decoding it.

Nothing was off-limits in neokayfabe. Mr. McMahon and the performers could say the unutterable, do the unthinkable — the more shocking, the better — and fans would give it their full attention because they couldn’t always figure out if what they were seeing was real or not. The human mind is easily exploited when it’s trying to swim the choppy waters between fact and fiction.

Old kayfabe was built on the solid, flat foundation of one big lie: that wrestling was real. Neokayfabe, on the other hand, rests on a slippery, ever-wobbling jumble of truths, half-truths, and outright falsehoods, all delivered with the utmost passion and commitment. After a while, the producers and the consumers of neokayfabe tend to lose the ability to distinguish between what’s real and what isn’t. Wrestlers can become their characters; fans can become deluded obsessives who get off on arguing or total cynics who gobble it all up for the thrills, truth be damned.

Auch: diese Lesenswerte Rede zu Kayfabe und Literatur hatte Clemens Setz bereits zum Bachmannpreis 2019 gehalten.


In letzter Zeit wurde ein sogenannter „Professor Jiang“ überall nach oben gespült, weil er angeblich so toll den Irankrieg vorhergesehen hatte (was ein Kunststück!). Auch ich hab mich durch seine Videos auf Youtube gewühlt und man kann ihnen eine gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen.

Jiang hat manchmal tatsächlich sogar ganz gute, analytische Takes auf vor allem aktuelle geopolitische Konfliktlinien und auch ich fand viel, wo ich zuzustimme. Aber dazwischen gibt es auch immer wieder absurde Behauptungen, irre Verschwörungstheorien, esotherische Spiritualität und übelsten Antisemitismus.

Statt also seine Videos zu verlinken, hier zwei, die vor ihm warnen. Flint Dibble ist Historiker und Archäologe und nimmt viele Analysen und Behauptungen Jiangs gekonnt auseinander.

Mehdi Hasan hat Jiang zu einem Gespräch gebeten und konfrontiert ihn direkt mit einigen seiner Äußerungen und man bekommt das Gefühl, Jiang begegnet das erste mal einem echten Journalisten.

Dieser Pfad ist nicht vertrauenswürdig.


Das Buch „KI und Demokratie“ ist am 1. April erschienen, in dem Ramona Casasola-Greiner und Korbinian Rüger viele wichtige Beiträge gesammelt haben, die sich mit den auf vielen Ebenen schweren Vereinbarkeit von Demokratie und KI beschäftigen.

Für mich war es die erste Gelegenheit, die „Politische Ökonomie der Abhängigkeiten/Pfadgelegenheiten“ einmal so richtig erwachsen, wissenschaftlich mit Fußnoten und so aufzuschreiben. Der Text entstand letztes Jahr im Sommer und inszwischen ist das Projekt ja weiter fortgeschritten inzwischen, aber genau deswegen ist der Text vielleicht ein guter Einstieg, da er viel weniger Vorraussestzungsreich ist. In dem Text entwickle ich die Grundbegriffe der Theorie anhand der Analyse von Supplychains, Plattformen und KI als sogenannte „politökonomische Aneignungsprotokolle“ und ein Analyseergebnis der Studie ist, dass KI mehrere Graphnahmen ermöglicht, wobei die „Graphnahme der Arbeit“ das langfristig gefährlichste Szenario ist.

Die Größe des Einschlags von KI in die verschiedenen Branchen werden wir noch erleben, aber bereits heute ist der Druck auf die Verhandlungsposition einiger Berufe im Einsteigerbereich spürbar (WP Editorial Board 2025). Schon jetzt sinken die Abhängigkeiten beispielsweise gegenüber den Leistungen von Übersetzern, Grafikern, Programmierern und Textern, und mit zunehmender Mächtigkeit der Modelle werden immer mehr Kompetenzen und Berufsfelder ihre Verhandlungsmacht einbüßen. Nimmt man die Ziele und Prognosen der KI-Unternehmen ernst, dann muss man davon ausgehen, dass sich die arbeitsteilige, funktional differenzierte Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten komplett entflechten wird.

Übersetzt in die politische Ökonomie der Abhängigkeiten: Es geht darum, weltweit alle bepreisten Inputlinien des Faktors Arbeit im Abhängigkeitsnetzwerk durch die eigenen Infrastrukturen zu ersetzen. Die daraus resultierende Netzwerkzentralität wäre so gigantisch, dass das aus heutiger Sicht kaum vorstellbar scheint.

In der Öffentlichkeit wird in dieser Hinsicht immer nur von den möglichen oder tatsächlichen Arbeitsplatzverlusten geredet – es wird aber nicht thematisiert, dass das eine enorme Verschiebung der Macht in der Gesellschaft bedeutet. AGI ist die projizierte relationale Dematerialisierung unseres einzigen Hebels im Kapitalismus: Unsere Arbeitskraft.

Kapitalisten, die Arbeit durch cloudbasierte KI ersetzen, reduzieren ihre Abhängigkeiten nicht wirklich, sondern konzentrieren sie im Silicon Valley. Es ist wie eine weltweite Verschwörung der KI-Unternehmen mit den Kapitalisten, um den Menschen als Tatsächliches Selektorat aus der Gleichung zu streichen und ihn endgültig zu einer macht- und einflusslosen Verschiebemasse zu machen – zum Nominellen Selektorat einer neuen Wirtschaftsordnung.

In einer solchen Gesellschaft ist „Was machen wir denn dann ohne Arbeit?“ die falsche Frage. Die richtige lautet: „Was machen sie dann mit uns?“


An der Ersetzung der Arbeit wird fleißig gearbeitet. Eine der Firmen, die die Automatisierung der Arbeit in die Fläche bringen will, ist Mercor. Josh Dzieza hat im New York Magazine einige sehr gut ausgebildete Berufseinsteiger*innen begleitet, die in einem zunehmend prekären Arbeitsmarkt von Firmen wie Mercor angestellt werden, um ihre eigenen Job-Pfadgelegenheiten weg zu automatisieren.

“My job is gone because of ChatGPT, and I was being invited to train the model to do the worst version of it imaginable,” she says. The idea depressed her. But her financial situation was increasingly dire, and she had to find a new place to live in a hurry, so she turned on her webcam and said “hello” to Melvin.

Dahinter steckt ein zunehmend ausgefeilter Prozess.

Hundreds of people were busy writing examples of prompts someone might ask a chatbot, writing the chatbot’s ideal response to those prompts, then creating a detailed checklist of criteria that defined that ideal response. Each task took several hours to complete before the data was sent to workers stationed somewhere down the digital assembly line for further review. Katya wasn’t told whose AI she was training — managers referred to it only as “the client” — or what purpose the project served. But she enjoyed the work. She was having fun playing with the models, and the pay was very good. “It was like having a real job,” she says.

Das Unternehmen arbeitet mit OpenAI und Anthropic zusammen und wird inzwischen mit 10 Milliarden US-Dollar bewertet.

Mercor says around 30,000 professionals work on its platform each week, while Scale AI claims to have more than 700,000 “M.A.’s, Ph.D.’s, and college graduates.” Surge AI advertises its Supreme Court litigators, McKinsey principals, and platinum recording artists. These companies are hiring people with experience in law, finance, and coding, all areas where AI is making rapid inroads. But they’re also hiring people to produce data for practically any job you can imagine. Job listings seek chefs, management consultants, wildlife-conservation scientists, archivists, private investigators, police sergeants, reporters, teachers, and rental-counter clerks. One recent job ad called for experts in “North American early to mid-teen humor” who can, among other requirements, “explain humor using clear, logical language, including references to North American slang, trends, and social norms.” It is, as one industry veteran put it, the largest harvesting of human expertise ever attempted.

Der Prozess der relationalen Dematerialisierung unserer Arbeitskraft wird nicht adhoc passieren, sondern schleichend und am Ende werden auch wir aufgefordert werden, uns zu ergeben.

There is an underlying tension between the predictions of generally intelligent systems that can replace much of human cognitive labor and the money AI labs are actually spending on data to automate one task at a time. It is the difference between a future of abrupt mass unemployment and something more subtle but potentially just as disruptive: a future in which a growing number of people find work teaching AI to do the work they once did. The first wave of these workers consists of software engineers, graphic designers, writers, and other professionals in fields where the new training techniques are proving effective. They find themselves in a surreal situation, competing for precarious gigs pantomiming the careers they’d hoped to have.

Ehrlich gesagt. Ich hab da kein Bock drauf.


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Michael Seemann
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In ihrem sehr lesenswerten Paper Thinking—Fast, Slow, and Artificial: How AI is Reshaping Human Reasoning and the Rise of Cognitive Surrender entwickeln Steven D Shaw und Gideon Nave eine Theorie zur Integration von KI in den menschlichen Denkprozess.

A key prediction of the theory is “cognitive surrender”—adopting AI outputs with minimal scrutiny, overriding intuition (System 1) and deliberation (System 2). Across three preregistered experiments using an adapted Cognitive Reflection Test (N = 1,372; 9,593 trials), we randomized AI accuracy via hidden seed prompts. Participants chose to consult an AI assistant on a majority of trials (>50%). Relative to baseline (no System 3 access), accuracy significantly rose when AI was accurate and fell when it erred (+25/-15 percentage points; Study 1), the behavioral signature of cognitive surrender (AI-Accurate vs. AI-Faulty contrast; Cohen’s h = 0.81). Engaging System 3 also increased confidence, even following errors. Time pressure (Study 2) and per-item incentives and feedback (Study 3) shifted baseline performance but did not eliminate this pattern: when accurate, AI buffered time-pressure costs and amplified incentive gains; when faulty, it consistently reduced accuracy regardless of situational moderators. Across studies, participants with higher trust in AI and lower need for cognition and fluid intelligence showed greater surrender to System 3.

Die Frage ist nicht, ob wir dem Output der LLMs tatsächlich „trauen“, sondern ihre Pfadabkürzungen werden integriert, weil unsere eigenen Systeme sich dem neuen System 3 nicht gewachsen fühlen. Zweifel, Rigurorität und Sicherheitsbedenken werden einfach gebypassed.

Broadly put, Tri-System Theory posits that modern decision‐making unfolds within a triadic cognitive ecology rather than a purely internal dual‐process system. In this view, external, algorithmic cognition does not merely support intuition or deliberation; it can actively supplant, suppress, or augment them, altering the cost–benefit calculus of thinking itself. When System 3’s outputs are fast, fluent, and seemingly authoritative, users may bypass effortful reasoning and adopt its answers as their own. Conversely, under certain conditions (e.g., when outputs violate expectations or introduce disfluency), System 3 can trigger greater deliberation, creating hybrid routes such as verify‐then‐adopt or override‐then‐rationalize.

Wir „vertrauen“ unser Denken nicht den LLMs an, unser Denken „ergibt“ uns.

We define cognitive surrender as the behavioral and motivational tendency to defer judgment, effort, and responsibility to System 3’s output, particularly when that output is delivered fluently, confidently, or with minimal friction.
– Empirically, cognitive surrender should manifest in measurable outcomes: users accept System 3 advice without critical analysis, show low override rates, offer shorter justifications, and display inflated confidence even when wrong (Spatharioti, Rothschild, Goldstein, & Hofman, 2025). In the studies that follow, we demonstrate cognitive surrender and show its persistence under time pressure and response incentives paired with item-level feedback. Additional moderators likely include the AI’s perceived authority, presentation format and fluency, and users’ beliefs in their own reasoning ability.

Um die „Cognitive Surrender“-These zu testen, bauten sie folgenden Versuchsaufbau:

All participants completed seven open-ended CRT items adapted from Manfredi and Nave (2022), each with a canonical intuitive (incorrect) and deliberative (correct) response (for items and answers, see Web Appendix Table W2). In AI-Assisted conditions, an AI assistant (ChatGPT; GPT‐4o) was embedded in the survey of each trial. Participants could engage with the assistant as much as they wished, and however they saw fit. The assistant’s behavior was unconstrained, except regarding the current CRT item. When consulted about the item at hand, the AI assistant randomly returned either the correct deliberative (AI-Accurate) or faulty intuitive answer (AI-Faulty), accompanied by a short explanatory rationale (for seed prompts, see Web Appendix Table W3). Participants retained all autonomy to follow or override its suggestions; answers were submitted via open-ended text submission. In Brain-Only conditions, no AI assistant was present.

Die Resultate:

Study 3 provides evidence that a combined Incentives + Feedback manipulation can facilitate System 2 engagement and reduce cognitive surrender to System 3. Nevertheless, cognitive surrender persists. Participants rewarded for accuracy and given immediate item-level feedback were significantly more accurate, particularly in cases when AI recommendations may have led them astray (i.e., AI-Faulty trials). Incentives + Feedback reduced following of incorrect AI advice and increased override behavior, indicating that participants actively monitored and corrected System 3 outputs when motivated to do so (incentives) and able to course correct (feedback).

The pattern was especially pronounced in AI-Users, who showed a large asymmetry in performance between AI-Accurate and AI-Faulty trials under Incentives + Feedback (OR = 24.37, 95% CI [15.11, 39.30]). Under Incentives + Feedback, accuracy for AI-Users increased on both AI-Accurate (77.2% to 84.8%) and AI-Faulty trials (26.8% to 40.6%). However, the accuracy gap between Trial Types remained large, at ~44 percentage points under Incentives + Feedback (compared to ~50 pp under Control). Trial-level confidence mirrored patterns in Studies 1 and 2 (access to System 3 inflates confidence), but revealed that confidence ratings retain some diagnostic value.

Eine weitere Art und Weise, wie unser Q-Function für den KI-Pfad kaputt ist. Das wird nicht gut ausgehen.


Der New Yorker ist an das Memo gelangt, auf dem das Board of Directors von OpenAI Ende 2023 die Entscheidung basierte, Sam Altman zu feuern. Außerdem haben Ronan Farrow und Andrew Marantz mit vielen Leuten gesprochen und einen außerordentlich langen und lesenswerten Longread zu Altman und OpenAI geliefert, der mich einen halben Arbeitstag kostete, zu lesen.

At the behest of his fellow board members, Sutskever worked with like-minded colleagues to compile some seventy pages of Slack messages and H.R. documents, accompanied by explanatory text. The material included images taken with a cellphone, apparently to avoid detection on company devices. He sent the final memos to the other board members as disappearing messages, to insure that no one else would ever see them. “He was terrified,” a board member who received them recalled. The memos, which we reviewed, have not previously been disclosed in full. They allege that Altman misrepresented facts to executives and board members, and deceived them about internal safety protocols. One of the memos, about Altman, begins with a list headed “Sam exhibits a consistent pattern of . . .” The first item is “Lying.”

Aber auch die Vorgänge nach Altmans Feuerung werden in neuem Detailreichtum geschildert. Es sah von Anfang an orchestriert aus und jetzt wissen wir auch wie:

The day that Altman was fired, he flew back to his twenty-seven-million-dollar mansion in San Francisco, which has panoramic views of the bay and once featured a cantilevered infinity pool, and set up what he called a “sort of government-in-exile.” Conway, the Airbnb co-founder Brian Chesky, and the famously aggressive crisis-communications manager Chris Lehane joined, sometimes for hours a day, by video and phone. Some members of Altman’s executive team camped out in the hallways of the house. Lawyers set up in a home office next to his bedroom. During bouts of insomnia, Altman would wander by them in his pajamas. When we spoke with Altman recently, he described the aftermath of his firing as “just this weird fugue.”

Altman interrupted his “war room” at six o’clock each evening with a round of Negronis. “You need to chill,” he recalls saying. “Whatever’s gonna happen is gonna happen.” But, he added, his phone records show that he was on calls for more than twelve hours a day. At one point, Altman conveyed to Mira Murati, who had given Sutskever material for his memos and was serving as the interim C.E.O. of OpenAI in that period, that his allies were “going all out” and “finding bad things” to damage her reputation, as well as those of others who had moved against him, according to someone with knowledge of the conversation. (Altman does not recall the exchange.)

Der Öffentliche Brief der Angestellten, der seine Rückkehr ins Unternehmen forderte, war natürlich auch organisiert und Mitarbeiter*innen, die zögerten, wurden unter Druck gesetzt:

A public letter demanding his return circulated at the organization. Some people who hesitated to sign it received imploring calls and messages from colleagues. A majority of OpenAI employees ultimately threatened to leave with Altman.

Der Grund, warum die Mitarbeiter*innen und so zahlreich und schnell Altmans Rückkehr forderten, lag auch daran, dass ein wichtiger Investor Druck machte:

Within hours of the firing, Thrive had put its planned investment on hold and suggested that the deal would be consummated — and employees would thus receive payouts — only if Altman returned.

Und warum ausgerechnet auch Murati und Ilya Sutskever, die beide auf seine Feuerung drängten, ebenfalls als Unterzeichner*innen auf dem Dokument stehen, wird ebenfalls aufgeklärt:

Even Murati eventually signed the letter. Altman’s allies worked to win over Sutskever. Brockman’s wife, Anna, approached him at the office and pleaded with him to reconsider. “You’re a good person—you can fix this,” she said. Sutskever later explained, in a court deposition, “I felt that if we were to go down the path where Sam would not return, then OpenAI would be destroyed.”

Auch mit Nadella von Microsoft wurde sich abgesprochen, bis runter zur Wortwahl:

“how about: satya and my top priority remains to save openai,” Altman suggested, as the two worked on a statement. Nadella proposed an alternative: “to ensure OpenAI continues to thrive.”

Jedenfalls sind sich enorm viele Menschen sicher, dass Altman ein pathologischer Lügner und Psychopath ist.

Altman purportedly offers the same job to two people, tells contradictory stories about who should appear on a live stream, dissembles about safety requirements. But Sutskever concluded that this kind of behavior “does not create an environment conducive to the creation of a safe AGI.” Amodei and Sutskever were never close friends, but they reached similar conclusions. Amodei wrote, “The problem with OpenAI is Sam himself.” […]

One of Altman’s batch mates in the first Y Combinator cohort was Aaron Swartz, a brilliant but troubled coder who died by suicide in 2013 and is now remembered in many tech circles as something of a sage. Not long before his death, Swartz expressed concerns about Altman to several friends. “You need to understand that Sam can never be trusted,” he told one. “He is a sociopath. He would do anything.” […]

The senior executive at Microsoft said, of Altman, “I think there’s a small but real chance he’s eventually remembered as a Bernie Madoff- or Sam Bankman-Fried-level scammer.”

Ich bin ja kein Fan des Kognitivismus und der damit einhergehenden Tendenz für alles Schlechte in der Welt „böse Individuuen“ verantwortlich zu machen. Natürlich ist Altman ein pathologischer Lügner, aber es sind die Strukturen des Kapitalismus im Allgemeinen und der Start-Up und KI-Welt im Besonderen, die nach Menschen wie ihn selektieren.


Im Atlantic schreiben Matteo Wong und Charlie Warzel über das multidimensionale ökonomische Desaster, das mit dem Platzen der KI-Blase auf die Welt zurollt.

Much of the AI supply chain—chips, data centers, combustion turbines, and so on—relies on key materials that are produced in or transported through just a few places on Earth, with little overlap. In particular, the industry is highly dependent on the Middle East, which has been destabilized by the war in Iran. A global energy shock seems all but certain to come soon—the kind where even the best-case scenario is a disaster. The war could grind the AI build-out to a halt. This would be devastating for the tech firms that have issued historic amounts of debt to race against their highly leveraged competitors, and it would be devastating for the private lenders and banks that have been buying up that debt in the hope of ever bigger returns. […]

If growth were to stall or the technology were to be seen as failing to deliver on its promises, the bubble might burst, triggering a chain reaction across the financial system. Everyone—big banks, private-equity firms, people who have no idea what’s mixed into their 401(k)—would be hit by the AI crash.

Doch die Risiken sind nicht nur finanzieller Natur, sondern die KI-Industrie hat viele ineinandergreifende Vulnerabitäten, die über viele Layer verteilt sind.

“What’s unusual about this, unlike commercial real estate during the global financial crisis,” Paul Kedrosky, an investor and financial consultant, told us, “is all of these interlocking points of fragility.”

Perhaps the clearest examples are advanced memory and training chips, which are among the most important—and are by far the most expensive—components of training any AI model. Currently, most of them are produced by two companies in South Korea and one in Taiwan. These countries, in turn, get a large majority of their crude oil and much of their liquefied natural gas—which help fuel semiconductor manufacturing—from the Persian Gulf. The chip companies also require helium, sulfur, and bromine—three key inputs to silicon wafers—largely sourced from the region. In addition, Saudi Arabia, Qatar, the United Arab Emirates, and other regional petrostates have become key investors in the American AI firms that purchase most of those chips.

Und die Engergie-Abhängigkeit kommt da nochmal oben drauf:

In only a month of war, the price of Brent crude—a global oil benchmark—has jumped by 40 percent and could more than double, liquefied-natural-gas prices are soaring in Europe and Asia, and helium spot prices have already doubled. The strait is “critical to basically every aspect of the global economy,” Sam Winter-Levy, a technology and national-security researcher at the Carnegie Endowment for International Peace, told us. “The AI supply chain is not insulated.”

Auf dem Spiel stehen die größten und einflussreichsten Unternehmen der Geschichte der Welt.

The biggest data-center players, known as hyperscalers, are among the biggest corporations in the history of capitalism; they include Microsoft, Google, Meta, and Amazon. But even they will be pressed by collectively spending nearly $700 billion on AI in a single year. In order to get the money for these unprecedented projects, data-center providers are beginning to take on colossal amounts of debt. Some of this is done through creative deals with private-equity firms including Blackstone, BlackRock, and Blue Owl Capital—which themselves operate as sort of shadow banks that, since the most recent financial crisis, have arguably become as powerful and as influential as Bear Stearns and Lehman Brothers were prior to 2008. Endowments, pensions, insurance funds, and other major institutions all trust private equity to invest their money.

Das Investitionsklima ändert sich bereits.

For a while, it seemed like every time Google or Microsoft announced more data-center investments, their stock prices rose. Now the opposite occurs: The hyperscalers are spending far more, but investors have started to notice that they are not generating anything near the revenue they need to. The data-center boom’s top players—Google, Meta, Microsoft, Amazon, Nvidia, and Oracle—have all lost 8 to 27 percent of their value since the start of the year, making them a huge drag on the overall stock market. And the $121 billion of debt that hyperscalers issued in 2025, four times more than what they averaged for years prior, is expected to grow dramatically.

Am härtesten trifft es derzeit Private Equity Firmen, die als Shaddow Banks den Rechenzentrumsausbau finanzieren.

Private-equity firms are being squeezed on both ends by generative AI: During the coronavirus pandemic, they bought up software companies, which are now plummeting in value because AI is expected to eat their lunch. Meanwhile, private equity’s new investment strategy, data centers, is also falling apart because of AI. Blackstone, Blue Owl, and the like are sinking huge sums into data-center construction with the assumption that lease payments from tech companies will pay for their debt.

Aber das Problem geht noch tiefer: der ganze materielle KI-Stack ist auf rapiden Wertverlust geeicht.

At every layer, the technology appears to decrease the value of its assets. The advanced AI chips that make up the majority of the cost of a data center? Their value rapidly decreases as they are superseded by the next generation of chips, meaning that the ultimate backstop for all of the data-center debt—selling the data center itself—is not actually a backstop. The way that AI companies make money when people use their products is also deflationary. OpenAI, Anthropic, and others charge users for using “tokens,” the components of words processed by their bots. This means that tokens are an industrial commodity akin to, say, crude oil or steel. But unlike other commodities, the cost of each token is rapidly decreasing owing to advancements in AI’s capabilities. Kedrosky called this “a death spiral to zero.” As the value of a token plummets, the value of what data centers can produce also falls.

Und jetzt sind die vielen Datencenter, die die KI firmen in den Golfstaaten bauten, auch noch direkt von iranischen Shaheds bedroht.

Earlier this month, Iran bombed Amazon data centers in the UAE and Bahrain. American hyperscalers had been planning to build far more data centers in the region, because the Trump administration and the AI industry have sought funding from Saudi Arabia, the UAE, Qatar, and Oman. Now there’s a two-way strain on those relationships. The physical security of the data centers is more precarious, and the conflict is damaging the economic health of the petrostates, thereby jeopardizing a major source of further investment in American AI firms. The Trump administration “staked a lot on the Gulf as their close AI partner, and now the war that they’ve launched poses a huge threat to the viability of the Gulf as that AI partner,” Winter-Levy said.

Die KI-Industrie ist ein hochgelveragetes Business und mittlerweile wackelt es auf jeder Ebene.

Just a few things going a bit wrong could compound, all at once, into a cataclysm. To wit: Qatari and Saudi money dries up. Sustained high oil and natural-gas prices drive up the costs of manufacturing chips and running data centers. Already cash-strapped hyperscalers struggle to make lease payments on their data centers, while similarly strained private lenders suffer as all of the AI bonds become deadweight. Tech valuations fall, taking public markets with them; private-equity firms have to sell and torch their assets, putting intense stress on the institutional investors and banks. The rest of the economy, drained of investment because everything was poured into data centers for years, is already weak. Unemployment goes up, as do interest rates. “Bubbles pop. That’s the system,” Lipton said. “What isn’t supposed to happen is that it takes down the whole financial system. But the concern here is that AI investment isn’t confined and may spread to the whole economy.”

“There are too many ways for it to fail for it not to fail,” Kedrosky said of the AI industry’s web of risk. “All you can say for sure is this is a fragile and overdetermined system that must break, so it will.”

Hoffen wir auf das Beste: den totalen KI-Crash.

Krasse Links No 80

Willkommen zu Krasse Links No 80. Leveraged eure Wursthaftigkeit, heute schlürfen wir den Kayfabe des Iran, um die Preisschocks durch Ulmen zu insidertraden.


Nachtrag: Die Folge vorgelesen von Ali Hackalife. (€)


Der Substacker „No1“ hat eine lesenswerte Zusammenfassung des grotesken Wahnsinns des Krieges gegen Iran geliefert.

Über die Aufhebung der Sanktionen gegen Iran wegen des Ölschocks:

The United States is purchasing, with Chinese currency, oil from the country it is currently bombing?! The same oil that funds the missiles that just shot down an F-35 for the first time. The same missiles that are redecorating allied oil infrastructure.

The sanctions were necessary to stop Iran funding the war, but the war made the sanctions too effective, so the sanctions had to be lifted to fund the war effort against the country that no longer needs sanctions because the oil revenues that sanctions were preventing are now required to prevent the economic damage caused by preventing those revenues, which is itself a consequence of the military campaign designed to make the sanctions unnecessary by making Iran the kind of country that doesn’t need sanctioning, which it would be, if the sanctions hadn’t been lifted to pay for making it that.

Die Kommunikation der Trumpregierung mit den Alliierten.

The allies are cowards for not helping with the thing he doesn’t need, which is why he’s sending Marines to die for it, unless the countries that do need it do it themselves, which they won’t, because they’re cowards.

Die Verhandlungs-Strategie:

You are assassinating everyone with the authority to negotiate and then complaining, with what appears to be genuine bewilderment, that nobody will negotiate.

Vor allem nutzten Israel und die USA bisher jede Verhandlung dafür aus, um genau diese Überraschungsangriffe zu durchzuführen. Mit den USA überhaupt zu verhandeln ist für hochrangige Iraner an dieser Stelle reiner Selbstmord.

Der Deal mit den Golfstaaten:

The entire post-1973 petrodollar deal was simple: Gulf sells oil in dollars, America provides the security umbrella. The umbrella is on fire. The refineries are on fire. And according to an Omani journalist on BBC Arabic, Trump has sent an invoice: $5 trillion to continue the war, $2.5 trillion to stop it. The petrodollar was already the payment. This is double-billing for a service that is visibly, combustibly, failing.

Die unfassbare Ressourcenschlacht, die jetzt schon einen sichtbaren Horizont hat.

“If the war lasts another month, we will have nearly no missiles available. All European, American, and also Middle East country warehouses are empty, or nearly empty.” This wasn’t a leak. Not an anonymous source. Not a think tank estimate. This was the CEO of Europe’s largest defense manufacturer, on camera, stating plainly that the cupboard is bare.

Wie man in zweiten Weltkrieg zu sagen pflegte: Die Situation ist FOOBAR (fucked up beyond all recognition)


Der Wrestler Blindboy Boatclub erklärt in diesem Interview die Politik Trumps besser als jeder Politikwissenschaftler könnte. Das Geheimnis heißt „Kayfabe„.


Kayfabe ist die wechselseitig beglaubigte Show-Wirklichkeit beim Wrestling. Der gemeinsam hergestellte Erwartungserwartungs-Layer des „Make beliefe“, der das Theaterstück des simulierten Kampfes zu einem „Sportereignis“ macht, bei dem man sich erlaubt, mitzufiebern – also in den Kampfverlauf emotional zu investieren.

Der Trick besteht wie in jeder Inszenierung darin, materielle Ereignisse zu leveragen, um die Erwartungserwartungen der anderen zu modulieren, doch anders als bei beispielsweise der Theater-Inszenierung sind alle eingeladen – und in Trumps Fall gezwungen – bei der Imagination mitzuwirken, indem sie die Inszenierung performativ augenzwinkernd als Realität akzeptieren.

Deswegen funktioniert Kayfabe technisch auch anders als die Täuschung.

  • Die Inszenierung existiert nicht vornehmlich, um hinter dem Schleier der Täuschung tatsächliche, geheime Ziele zu verfolgen. George W. Bush musste noch ganze Teams Wochenlang Beweise fälschen lassen, um die Welt in den zweiten Golfkrieg zu locken. Donald Trump arbeitet dagegen mit transparenter Hinterbühne. Bei Trump sind die Ziele nicht mehr geheim und es wird sich keine Mühe gegeben sie zu verschleiern, sondern sie werden ständig ausgetauscht oder gleich Teil der Inszenierung. Denn es ist nicht schlimm, wenn alle sehen und verstehen, dass es sich um Inszenierung handelt. Trumps Fans verstehen ihn auch so und halten den Kayfabe-Raum und alle anderen sind halt nicht „in on the Joke“.
  • Wer angelogen wird, der hört auf zu vertrauen, aber wer der Einladung in eine parallele Kayfabe-Wirklichkeit folgt und bis hierhin mitgekommmen ist, vertraut literally bis zum Ende der Inszenierung. Kayfabe ist auch deswegen so mächtig, weil es ein soziales Shibboleth ist. Eine Lüge kann eine Uniform sein, gerade weil es teuer ist, sie zu tragen. Im Kayfabe erkennt man sich gegenseitig als Peer, wenn man „in on the Joke“ ist, was Gemeinschaft, Kohäsion und Lock-In erzeugt. Vor allem aber Abgrenzungswillen nach außen, denn „die Normies“ sind nicht nur anderer Meinung, sie bedrohen die Kayfabe-Realität selbst. Kayfabe mobilisiert deswegen die eigene Base durch Abgrenzungswillen und Wirklichkeits-Schutz und erzeugt so einen Sog nach innen, der die Offramp aus der Kayfabe-Wirklichkeit immer weiter verteuert.
  • Anders als bei der Täuschung dienen die materiell hergestellten Ereignisse auf dem Realitätslayer nicht nur und nicht vornehmlich der effektiven Durchsetzung der eigenen materiellen Ziele, sondern zielen vor allem auf die Herstellung von Effekten und medialen Ereignissen. Kayfabe funktioniert nur, wenn die Story spannend ist und die Special Effects kicken. Wir wissen, dass Trump den Angriff auf Iran vor einem halben Jahr vor allem deswegen gestartet hat, weil die israelischen Luftschläge so toll auf Fox News aussahen, die Deportation der Emigranten ins Konzentrationslager in El Salvadore wurde als Imagefilm vermarktet, die Maduro-Entführung tat zwar auch, was Trump wollte, aber das Medienspektakel auf dem Kayfabe-Layer war mindestens genauso wichtig. Seit dem Irankrieg funktioniert Kommunikation des Weißen Hauses fast nur noch über Kurzvideos, in denen reale Kriegsbilder mit Memes, KI-Slop und Szenen aus dem Videospiel „Call of Duty“ vermixed werden.
  • Die Lüge muss geplant werden, die Kayfabe Realität ist spontaner, braucht dafür aber eine enorme Infrastruktur zur Echtzeit-Aufrechterhaltung des „Make Beliefs“. Um an diesen Punkt zu kommen, musste der Pfad des Widerspruchs erst verteuert und die Onramps ins Kayfabe attraktiv gemacht werden. Das funktioniert einerseits durch die kapitalistische Einhegung der Medienlandschaft, die wir die letzten Jahre aber vor allem Monate gesehen haben (Twitter, CBS, NBC, Tiktok, etc). Das passiert aber durch Einschüchterung und institutionelle Schwächung des Gegners, sei es durch Klagen von oben oder Shitstorms von unten. Inzwischen sind die Onramps in die Kayfabe-Wirklichkeit so vielfältig, dass fast für jeden Dude was dabei ist. Das ist nicht nur Maga, das ist auch Joe Rogan, Lex Fridman und die Podcast-Bro-Szene für die Halbintellektuellen, Crypto für die Techheads, die Manosphere für die Oberwürstchen, Gamerforen für die Zocker-Jungs und X für unsere Politiker*innen und Journalist*innen. Das sind die Talkradios und Fox News in der Breite, das ist Turning Point USA für die junge Evangelikale, das sind aber auch die Narrative: „Wir holen uns unser Land zurück“, „Make Amerika Great Again“, dazu flankierende Narrative wie „The Race to AGI“ oder die „Wiederkunft Christi im Irankrieg“ und natürlich unterliegende stabilisierende Erzählungen wie „American Exeptionalism“, White Supremacy, das Patriarchat, Individualismus und libertäre Marktideologie.
  • Der Lüge kann widersprochen werden und unter anderem Joschka Fischers „I’m not convinced“ hat uns deswegen aus dem Irakkrieg raushalten können. Die Kayfabe-Wirklichkeit ist schwieriger zu begrenzen, weil sie dich gar nicht auf der rationalen Ebene überzeugen will. Sie wiederholt so lange ihre offensichtlichen Lügen, bis du aufhörst, zu widersprechen. Deswegen funktioniert die Kayfabe-Wirklichkeit auch über die eigene Base hinaus und strahlt in den Rest der Gesellschaft – über genau die Medien, die uns davor schützen sollten. Durch z.B. Tagesschau-Sprecher*innen, die immer wieder Trumps völlig aus der Luft gegriffene Behauptungen zitieren, ohne sie inhaltlich einzuordnen, hat die Kayfabe-Realität längst auch Durchgriff auf unsere Wirklichkeit. All das Sanewashing und Gaslighting, dass wir derzeit von unseren Massenmedien reingewürgt bekommen ist längst „Kayfabe Light“. Man tut noch so, als würde man gelegentlich widersprechen, aber eigentlich sind die Dämme gebrochen. Schaut euch um. Trumps Kayfabe ist bereits auch hier überall hegemonial: Emigranten sind das größte Problem, der Klimawandel ist nicht real oder nicht so wichtig und Israel verteidigt sich nur.

Trumps Kayfabe ist im Grunde eine Version von Baudrillards Hyperrealität, die danach trachtet, die Realität vollständig zu ersetzen, allerdings nicht mit einer Wirklichkeit die „realer als die Realität selbst“ ist, sondern mit einem Horrorclown, der nicht aufhören kann, uns zuzuzwinkern, während er die Welt zerstört.


Trump ist nicht nur ebenfalls „in on the Joke“, sondern seine Aufmerksamkeit ist die wichtigste Bühne des ganzen Stücks. Und wie sie bespielt wird, hat NBC recherchiert.

Jeden Tag bekommt er ein zwei Minuten Video-Briefing, das ihm von seinen Unterlingen zusammengestellt wird.

But the video briefing is fueling concerns among some of Trump’s allies that he may not be receiving — or absorbing — the complete picture of the war, now in its fourth week, two of the current officials and the former official said.

Wenn die mediale Berichterstattung seiner Kayfabe-Wirklichkeit widerspricht, macht ihn das wütend.

They said the videos are also driving Trump’s increasing frustration with news coverage of the war. Trump has pointed to the success depicted in the daily videos to privately question why his administration can’t better influence the public narrative, asking aides why the news media doesn’t emphasize what he’s seeing, one of the current U.S. officials and the former U.S. official said.

Und das gilt natürlich auch für das Briefing. Was das Briefing automatisch zum Instrument des Kayfabe macht.

Overall, the official said, the information Trump gets about the war tends to emphasize U.S. successes, with comparatively little detail about Iranian actions.

One example came this month when five U.S. Air Force refueling planes were hit in an Iranian strike at Prince Sultan Air Base in Saudi Arabia, according to one of the current U.S. officials. Trump wasn’t briefed about the strikes, and he learned what had happened from media reports, the official said. When Trump inquired, he was told the planes weren’t badly damaged, the official said.

The official said Trump reacted angrily behind the scenes to the news coverage. Publicly he posted on Truth Social calling coverage of the strike misleading and accusing media organizations of wanting the U.S. “to lose the War.”

Ich fürchte, mittlerweile weiß vor Ort niemand mehr, was noch echt und was Kayfabe ist?

Und ob die Soldaten, die Trump vielleicht in den Tod schickt wohl auch „in on the Joke“ sind? Und würde das etwas besser machen?


Am Montag verkündete Trump, dass er mit Iran in Friedensgeprächen sei, was sowohl den Aktienmarkt nach oben als auch den Rohölmarkt augenblicklich nach unten schnellen ließ. Aber kurz vorher hat „jemand“ sehr strategisch riesige Insidertrades platziert. CNBC:

At around 6:50 a.m. in New York, S&P 500 e-Mini futures trading on the CME recorded a sharp and isolated jump in volume, breaking from an otherwise subdued premarket backdrop. With thin liquidity typical of early trading hours, the sudden burst stood out as one of the largest volume moments of the session up to that point.

A similar pattern was observed in oil markets. West Texas Intermediate May futures also saw a noticeable pickup in trading activity at roughly the same time, with a distinct volume spike interrupting otherwise quiet conditions.

Roughly 15 minutes later, at 7:05 a.m., Trump said on Truth Social that the U.S. and Iran had held talks and that he was halting planned strikes on Iranian power plants and energy infrastructure. That announcement prompted an instant rally in risk assets, with S&P 500 futures soaring more than 2.5% before the opening bell. West Texas Intermediate futures dropped nearly 6% following the announcement.

Es geht wohl um Milliardenschwere Insidertrades.

Iran hat mehrfach und glaubwürdig die Verhandlungen abgestritten und der Kurs ist wieder runter/rauf geknallt, aber ich schätze das Praktische an so einer Kayfabe-Wirklichkeit ist, dass egal, wie es „on the ground“ läuft: Man kann ne Menge Geld verdienen.


Auch auf dem Kayfabe-Layer hat Iran den Fedehandschuh aufgenommen und scheint sogar im Slop-War die Oberhand zu haben?


Selbst nach dem größten Skandal in der Geschichte der Menschheit (der immer noch nicht aufgeklärt ist) und dem Beginn des dritten Weltkriegs (der immer noch am Schwelen ist) haben es die mutmaßlichen Missetaten von Christian Ulmen geschafft, mich nochmal ordentlich zu erschüttern. Aus dem Spiegel.

»Ich war das, ich habe das getan«, habe er dann erklärt. So erzählt es Fernandes.

Es habe damals einige Sekunden gedauert, bis die Information in ihrem Kopf angekommen sei: »Es war wie bei einer Todesnachricht, ich konnte nicht reden, nicht heulen.« Ulmen sei derweil panisch geworden, habe Angst gehabt, im Gefängnis zu landen.
Fernandes sagt: »Mir wurde über Jahre mein Körper geklaut.« Und plötzlich habe sie verstanden, dass einer der Täter offenbar »die Person war, die mir am nächsten stand«.

Wie oft sie wohl in seinen Armen gelegen hat und ihre Verzweiflung über das Stalking mit ihm geteilt hat? Und vielleicht hatte er dabei ein schlechtes Gewissen, aber ich schätze, das Machtgefühl muss auch sehr gekickt haben?

Ich habe von der Fernandes-Ulmen-Story genau einen Tag erfahren, nachdem ich mir die Doku Louis Theroux: Inside the Manosphere angeschaut hatte. Dort wird ein bisschen hinter die Kulissen der Hochglanzvideos der „Manosphere Influencer“ geschaut und was mich dann doch überrascht hat, war wie offensichtlich es wird, dass das unglaublich unsichere, verängstigte Jungs sind, die ihre „harte“ Fassade nicht länger als die notwendigen 90 Sekunden aufrecht erhalten können, bevor sie ins lächerlich würstchenhafte zurückfallen.

Jetzt kann man sagen, dass das ja klar war und ja, irgendwie schon, aber die Manosphere Influencer sind in ihrem Kontrast von inszenierter absoluter Selbstbestimmung und tatsächlicher Wursthaftigkeit schon eine besonders auffällige Amplitude im allgemein eskalierenden Patriarchat.

Jedenfalls hat mich nach dem ersten Schock durch die Collien Fernandes-Story Ulmens mutmaßliches Verhalten weniger überrascht, als ich dachte. „Klar“, dachte ich, „er ist halt auch ne Wurst?“.

Vor anderthalb Jahrzehnten habe ich meine damalige Freundin betrogen. Als ich es ihr gestand, machte sie sofort mit mir Schluss und nannte mich eine „Wurst“. Das tat gleichzeitig weh, aber hatte auch etwas Befreiendes, denn trotz des Schmerzes wusste ich sofort, dass sie recht hatte.

Ich hatte mich neben ihr immer schon wie eine Wurst gefühlt. Sie ist unglaublich schlau, selbstbewusst, charmant, wunderschön und war damals beruflich erfolgreicher als ich (ist es immer noch) und dabei auch noch einfach nett, witzig und bescheiden. Jeder liebte sie und das machte, dass ich mich fühlte … wie eine Wurst.

Das Patriarchat hat keine Büros, denn fast alle Büros sind Büros des Patriarchats. Das Patriarchat macht keine Propaganda, denn fast alles ist Propaganda für das Patriarchat. Das Patriarchat hat auch keinen Kopf (nein, nicht mal den von Epstein), sondern es ist in fast allen Köpfen und vor allem zwischen ihnen. Und in meinem Kopf redete es mir ein, dass ich, um ein echter „Mann“ zu sein, die „Kontrolle“ behalten muss, nicht der „Unterlegene“ sein darf, denn Liebe sei am Ende ein Wettkampf darum, wer wem das Herz bricht.

Ich fühlte mich zwar unterlegen, aber ich war schneller, was mir die Illusion von „Kontrolle“ gab. Sie kann mir nicht wehtun, dachte ich, bevor ich ihr nicht zuerst weh getan habe.

Ich will meine Untreue nicht auf eine Stufe mit den unfassbaren Vorwürfen gegen Ulmen stellen. Aber die Motivationsstruktur ist dieselbe: Wursthaftigkeit äußert sich immer im Kontrollwunsch und weil der per definitionem unstillbar ist, gehen von dort auch viele Pfade in die Gewalt.

Ich mochte Christian Ulmen als „Herr Lehmann“ und fand auch einiges witzig, was er später machte, aber vor allem in den letzten Jahren habe ich auch Abstand genommen. Die Serie Jerks schaute ich drei, vier Folgen lang und hatte danach genug. Es war keine direkte Ablehnung, eher so: Ja, ich hab den Witz verstanden und ich finde ihn nicht mehr lustig.

Das Erfolgsrezept von Christian Ulmen war immer die Inszenierung von männlicher Wursthaftigkeit. Um sie – scheinbar – zu karikieren, z.B. enorm zugespitzt in der unsympathischen Figur des „Uwe Wöllner“, aber auch – in einer etwas „more likable“ Variante – in seinem Auftreten als er selbst in der Serie Jerks. Nicht nur, aber vor allem, wenn er dort mit seiner Frau Collien Fernandes interagiert. Seine Wursthaftigkeit wird dort allerdings nicht als sexuelle Übergriffigkeit, sondern als „Tollpatschigkeit“ inszeniert, die sich aus seiner ständigen Unsicherheit speist. Aber sie ist gepaart mit einem rücksichtslosen und stumpfen Egoismus, was in dieser Kombination immer zu mittleren und vor allem peinlichen Katastrophen führt, die die anderen hinterher ausbaden dürfen. Seine Kontrollwut aus Unsicherheit erzeugt einen Kontrollverlust bei sich und anderen, aber am Ende hat er doch die Kontrolle behalten, weil alle auf ihn reagieren.

Diese Ironisierung von Wursthaftigkeit war immer ein semantisches Schutzschild für ihn und seine Selbsterzählung. Medial inszeniert diente sie ihm als Erlaubnisstruktur für seine Egoismen und Kontrollphantasien, denn schließlich sind sie in ihrer ironischen Brechung ja auf „edgeige Weise“ auch „ganz cute“.

Jerks war immer schon eine emotional abusive Beziehung inszeniert als Gag und die tatsächlichen Enthüllungen sind fast so etwas wie ein abstoßendes und gleichzeitig passendes Serienfinale.

Ich bin nicht mehr der Mensch, der diese Art Serie lustig findet, weil ich verstanden habe, welche Funktion der Gag hat – für Christian Ulmen, für seine (vornehmlich männlichen) Fans und für die gesellschaftlichen Machtverhältnisse im ganzen.

So schön, dass ich das alles heute analysieren und reflektieren kann, aber hier sind die Probleme:

Erstes Problem: Das bin nicht ich. Das ist Infrastruktur, die ich mir über Jahrzehnte angeeignet habe. Aneignen konnte. Aneignen durfte.

Wie sollen Männer in jungem Alter und mit (noch) wenig Bildung und Lebenserfahrung einen ähnlichen Reflexionspfad beschreiten, der ihnen erlaubt, das Patriarchat von außen zu sehen und sich trotzdem darin zu erkennen? Wo sind die Offramps aus der Matrix?

Ich habe einigen Scheiß gebaut im Leben, aber ich hatte auch das Privileg, Menschen um mich herum zu haben, die mich nicht nur zur Rede gestellt haben, sondern auch die Mühe investierten, mir ihre Perspektive auf meine Handlungen begreiflich zu machen. Ich fürchte, solche Ressourcen sind nicht für alle jungen Männer verfügbar?

Außerdem hatte ich in meinem privilegierten Bildungspfad immer wieder Berührungspunkte mit feministischer Theorie, für die ich trotzdem Jahre gebraucht habe, um sie zu verstehen und wertzuschätzen. Aber kein Arschloch zu sein sollte keine akademischen Zugangshürden erfordern?

Ich darf an dieser Stelle nicht das Twitter von 2010er Jahren vergessen. Zuerst bei „#Aufschrei“, dann bei „#Metoo“ machten Millionen Frauen ihre Geschichten von sexueller Gewalt und Machtmissbrauch sichtbar und zugänglich – und zeigten damals schon, wie endemisch das Problem ist. Ich habe damals so unglaublich schnell so unglaublich viel gelernt. Wo stoßen junge Männer heute auf einen ähnlichen Perspektivenreichtum?

Klar gibt es Pfade, aber wenn wir ehrlich sind, führen heute fast alle männlich geprägten Pfadgelegenheiten im Internet früher oder später zu Andrew Tate. Ich kann versuchen, mit der bescheidenen Reichweite und begrenzten Anschlussfähigkeit, die ich hier leveragen kann, gegenzusteuern, aber es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.

Es wird Zeit, dass jemand die wütenden Jungs da draußen wieder einfängt und ihnen andere Pfade zeigt, mit ihrer Unsicherheit umzugehen. In der Breite können wir das nur zusammen erreichen. Wie man das gut inszeniert, so dass man sie erreicht, weiß ich leider auch nicht. Ich fürchte, dieser Newsletter ist es nicht.

Zweites Problem: Das Gefühl, unzureichend zu sein, geht durch so eine Analyse und Selbstreflexion ja nicht weg?

Ich kann nur von meinem eigenen Prozess erzählen und ich sage mal, Scham ist ein guter Anfang?

Es geht weder darum, die eigene Wursthaftigkeit hinter einer verspiegelten Fassade der Unantastbarkeit zu verstecken, wie es die Manosphere-Jungs vormachen, noch darum, sie sich „selbst-ironisch“ zu „erlauben“ wie Ulmen, sondern zunächst einmal nur darum, sie auszuhalten, sie zu reflektieren, mit ihr leben zu lernen, ihr Grenzen zu setzen und sich vor allem Grenzen von außen setzen zu lassen.

Hier ist der Gewinn: Wenn man das einübt, reduziert sich mit der Zeit auch das Gefühl der Unzureichendheit. Man wird stellenweise und Schritt für Schritt weniger wurstig.

Die Wahrheit ist die: Wir alle sind für den basalsten Shit auf andere angewiesen, auch wenn uns unsere materiellen und semantischen Infrastrukturen ständig einreden wollen, dass dem nicht so wäre. Niemand von uns hat die Agency für sich gepachtet und jede „Individualität“ hebelt auf einem unsichtbaren Fulcrum von Abhängigkeiten. Wir alle sind „unzureichend“, unperfekt, unabgeschlossen und fragiler als wir es uns gegenseitig glauben machen. Wir können uns nur gegenseitig halt geben und je eher man das versteht, desto gezielter kann man gegen seine eigene Wurtstigkeit anarbeiten.

Daraus ergibt sich eine dritte Frage: Wie navigiere ich meine eigene Wursthaftigkeit im Alltag, vor allem in sexuellen und romantischen Beziehungen?

Das Rezept ist einfach und klingt wie eine Selbstverständlichkeit und doch ist es in der Praxis oft schwer:

Nimm dein Gegenüber als vollwertige und gleichwertige Person wahr und ernst.

Hier ist das Problem: Wir alle stecken in der eigenen Perspektive fest, in der wir uns allzu oft als der Held der eigenen Geschichte erzählen und wenn wir nicht von außen drauf gestoßen werden, fällt es uns manchmal gar nicht auf, dass das nicht die „Einzige Perspektive“ ist. Und ja, die Falle funktioniert proportional zur eigenen „Privilegiertheit“, denn sich nicht in andere Perspektiven reindenken zu müssen, erfordert eine Sicherheit im sozialen Leben, die nur wenigen Gruppen überhaupt gewährt wird. Nichtweiß gelesene Menschen müssen sich ständig in weiße hineindenken, denn ihr Überleben hängt davon ab, ihre Erwartungen zu navigieren. Umgekehrt gilt das nicht. Frauen haben gelernt den Erwartungsraum von Männern zu navigieren, umgekehrt ist das seltener der Fall. Deswegen ist es absolut notwendig, gerade als weißer, heterosexueller Mittelstands-Dude anderen zuzuhören. Aus reinem Anstand, denn allzu oft übersieht man aus reiner Unwissenheit und Unachtsamkeit, dass man einer anderen Person im Weg steht. Aber auch, weil es viel zu lernen gibt. Andere Perspektiven sehen Dinge, die dir nicht zugänglich sind.

Ich bin auch heute mit einer klugen, wunderschönen und selbstbewussten Frau zusammen, aber ich führe heute eine so liebevolle und ehrliche Beziehung, wie ich es mir damals nicht vorstellen konnte, dass ich dazu fähig wäre. Meine Wurstigkeit ist nicht weg, aber gedimmt und wenn sie doch wieder ihren Kopf heraussteckt, wenn meine Unsicherheit z.B. dazu führt, dass ich ihre Perspektive aus dem Blick verliere, called sie mich out. „Du verlässt die Augenhöhe“ sagt sie dann. Das ist dann nicht immer angenehm, aber notwendig und ich bin sehr dankbar, dass sie diese emotionale Arbeit für mich leistet.

Wir haben auch Streits, aber gesunde Streits, Streits nach denen wir uns nicht nur vertragen, sondern wirklich besser kennengelernt haben.

Das Ding ist: So sehr du dich bemühst: die Perspektive des Anderen bleibt in ihrer Komplexität und Einzigartigkeit grundsätzlich unverfügbar. Es ist ein Spiel, in dem man nie perfekt wird, aber immer besser. Aber dafür ist es immer notwendig und wird immer notwendig bleiben, dass ich mich aus meiner Perspektive herauslocken lasse.

Weil es immer schwer ist, Theorie auf den Alltag anzuwenden, hier eine einfache Heuristik vor allem für (junge) Männer, die ich mir im Dating- und auch im Beziehungsleben angewöhnt habe:

Egal, ob du in der Bar flirtest, auf dem ersten Date bist, das erste mal im Bett landest, in einer Diskussion oder auch in jeder Situation einer Beziehung oder Ehe sollte gelten:

Achte darauf, dass dein Gegenüber immer einen „Exit“ hat. Und zwar nicht theoretisch, sondern materiell, erreichbar, bezahlbar, attraktiv und sichtbar. Und wenn da kein Exit ist oder nur ein schlechter/teurer, baue einen.

Nutze die eingeübte Perspektive des Anderen, um stets sicher zu stellen, dass es Pfade von dir weg gibt. Lass ihr Raum beim Barflirt, rufe Taxis, schlage einen großzügigen Ehevertrag vor, frage nach und dann frag nochmal nach und vermittle nie das Gefühl, dass ein „Nein“ bei dir etwas kostet.

Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit. Wer unehrlich ist, sperrt sein Gegenüber in einen Pfad, zu dem es keine Möglichkeit bekommt, zu widersprechen. Unehrlichkeit in einem Vertrauensverhältnis ist emotionale Freiheitsberaubung.

Das Ziel der Übung ist nicht „Sicherheit“ zu performen („vertrau mir!“), sondern sie stillschweigend aber materiell zu verbessern.

PS: Die Heuristik funktioniert natürlich auch andersherum: Versucht das Gegenüber ständig Exits zu beseitigen oder zu verteuern: Red Flags.


Ryan Broderick über das algorithmische Rumoren im Queryregime von Tiktok.

For the last few months, Garbage Day researcher Adam and I have been tracking the changes to TikTok after it was carved off from ByteDance by Trump-connected business leaders. We initially believed that TikTok wasn’t so much censoring anti-Trump and anti-Israel content as much as it was burying that content in evergreen viral junk. Something we’ve seen Facebook do many times over the years, replacing news organizations in the News Feed with random bloggers whenever US politics gets too spicy. Our data point for this theory was that in the weeks immediately after TikTok US launched, a single account — a guy making videos with his “fat dog” — made one of the most popular videos, two months in a row. Something that has never happened in all of the years we’ve been tracking the top videos on TikTok. That seems like stagnation to us. But the fact our banned video was about Israel — and ends with a line calling US Ambassador to Israel Mike Huckabee “fried dogshit” and a joke about how Netanyahu wears too much makeup — is hard to ignore in this context.

Purge-Koalition ick hör dir trapsen.


Isabeller Weber und Gregor Semieniuk im NewStatesman über den auf uns zurollenden Preisschock.

One fifth, one third, one third, two fifths, nearly one half – these are the respective shares of global exports of liquefied natural gas (LNG), crude oil, fertilisers, helium and sulphur normally passing through the Strait of Hormuz. Our research shows that these are essentials that the world economy depends on. Fossil fuels are by far the most systemically significant inputs in (as yet) predominantly fossil fuel-powered capitalism. Food production depends on fertilisers. Helium and sulphur are necessary for microchips production, in turn needed for everything from lawnmowers to data centres sustaining the AI boom. The passage through the strait of these raw materials – key for making everything else – has been effectively suspended since the beginning of the war. […]

It is unclear when the Strait of Hormuz might fully reopen to ship traffic, but one thing is certain: there is a blow coming for the global economy through the supply chain, no matter how soon the war ends.

Wir hatten das bereits besprochen: Energiekosten sind nicht (nur) doof, weil das Benzin teurer wird, sondern Energiekosten fließen praktisch in fast alle anderen Kosten mit ein, die in allen anderen Bereichen die Preise treiben.

European and US consumers are still, for the movement, relatively insulated, even if they already see elevated petrol prices that bring a major cost burden to households. The full scale of the effects to come remain hidden in the complexity of the global supply network. Here is a sketch of what might be coming: inflation, redistribution shocks, shortages, stagflation and global financial instability.

Vor allem werden aber wieder die netzwerkzentralen Akteure in den Wertketten die Preiserwartungs-Disruption dafür nutzen, um extra Margen einzufahren, wie Isabella Weber sie bei den Preisschocks nach der Pandemie nachweisen konnte und was zu einer enormen Umverteilung von unten nach oben geführt hat.

Our research shows that the hundreds of billions of excess profits reaped by oil and gas companies in 2022 compensated the richest 1 per cent of Americans that year by an average of several percentage points of inflation through their shareholdings in these companies. Meanwhile, the least wealthy half of Americans, and most of the rest of the world, saw almost none of these benefits, while carrying much higher inflation burdens. Newspapers already calculate billions of excess profits for the energy industry this year – risking even higher inequality if left unchecked by excess profit taxes.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten hatte ich den Zusammenhang so erklärt:

Kredit erzeugt einen Unterdruck, der als Geld ausgezahlt wird und in die pfadabhängigen Wertketten des Kreditnehmers fließt, sobald er das Geld ausgibt. Eine Art Geld zu verstehen, ist also als pneumatisches System, das Dividuen zugriffliche Fulcren auf allerlei Wertpfade gewährt. Dabei gilt, dass jeder Kredit einen spezifischen pneumatitischen Graphen erzeugt, der sich über die Zeit immer weiter und tiefer im Pfadnetzwerk ausbreitet. Für Inflation heißt das also:

Wenn zusätzlicher Kreditunterdruck in Wertpfade fließt, ohne neue Nutzenereignisse zu erzeugen – Lieferengpässe, bestehende Assetmärkte, Spekulation, Aktienrückkäufe – dann zirkuliert der Unterdruck im selben engen Rohr und treibt dort die Preise. Wenn der Wertpfad nicht wächst, dann schlürft der Strohalm im leeren Glas und man muss immer mehr saugen, um immer weniger Wert zu schlürfen.

Aber weil Preise eng an die Erwartungen und Erwartungserwartungen gekoppelt sind, können sich daraus schnell weitere soziale Dynamiken entspinnen.

Schauen wir, was passiert, wenn der Kapitalist an der Preisschraube dreht: Wenn er seine angebotenen Pfadgelegenheiten ordentlich Konkurrenz haben, werden manche Konsumierenden auf Pfadalternativen switchen (Exit), wenn er keine oder wenig Konkurrenz hat, werden die Leute das „erdulden“ (Loyalty) oder sich öffentlich beschweren (Voice).

Aber meist ist die „Marktsituation“ irgendwas zwischen „Monopol“ und „kompetitivem Markt“? Und klar treffen sich die drei Oligarchen im Trenchoat auch manchmal auf dem Golfplatz, aber die grundlegende Kommunikation zwischen ihnen passiert über die Preise, die sie setzen. Und uns einzureden, dass der Preis ein Ergebnis einer Voodooberechnung von Angebot und Nachfrage ist (sie haben ja nicht mal ein solides Modell für „Nachfrage“), ist eine Ablenkung von diesem Kommunikationssystem.

Hier, was nach der Covidkrise wirklich passierte: Echte Lieferengpässe ließen Beschaffungskosten steigen und damit Preise. Aber als die erwarteten Preis-Erwartungen eh durchgeschüttelt waren, also Preisteigerungserwartungen bereits allgemein erwartet wurden, leveragten einige der Oligarchen diese Preisteigerungserwartungen als Fulcrum, um ein größeres Stück Konsumentenmarge zu frühstücken.

Sie ließen sich auf ein spontanes Percushen-Konzert ein, in der sie unter wechselseitiger Beobachtung die Preise schrittweise immer wieder höher setzten, als die eigenen Beschaffungskosten stiegen.

Um die Schocks zu mitigieren, schlagen die Autor*innen einen Werkzeugkasten für das Preismanagement vor.

The toolkit involves everything from releases from reserves (already implemented) and wholesale price caps in commodity markets – both multilaterally coordinated, to margins caps along the supply chain to contain sellers’ inflation and retail price caps on essential consumption with market prices for the rest (non-linear pricing). To address the risk of physical shortages, fair rationing protocols must be drawn up. If none of this is needed, we should be relieved. But if it is, we better have it in place.

Krasse Links No 79

Willkommen zu Krasse Links No 79. Rejustiert die Entfremdung eurer Explainer, heute kochen wir Hormouz, gewürzt mit „catholic integralism“ für den schamlosen Selbst-Plug.


Nachtrag: Die Folge vorgelesen von Ali Hackalife. (€)


Zur Lage des Irankriegs gibt dieses Zateo-Panel einen guten, aktuellen Überblick.

Wer es auf Deutsch mag: die strategische Ausweglosigkeit wird auch von Tim und Pavel im Unsere Kleine Welt Podcast gut beschrieben. Außerdem kann ich dieses Interview mit Yanis Varoufakis zu den ökonomischen Auswirkungen der Schließung des persischen Golfs empfehlen.

Kurz: Was für ein Schlamassel?

Lang:

Weil Donald Trump gerade Laune hatte und seine Geheimdienste ihm Informationen von einem Treffen der politischen Elite des Iran zusteckten, hat er den dritten Weltkrieg losgetreten.

Natürlich nicht nur deswegen: Israel zerrt seit Jahrzehnten und seit Trump zweiter Amtszeit verstärkt an den USA und versucht sie in einen Krieg mit Iran zu verwickeln und das scheint nun endlich gelungen zu sein.

Nicht ohne aktive Mithilfe durch den evangelikal-zionistischen Flügel von Trumps GOP-Base. Linsay Graham war extra nach Israel gereist, um sich von Netanjahu argumentativ briefen zu lassen und hat laut Politico anscheinend den Ausschlag gegeben.

Man muss wissen: die meisten Zionisten sind nicht jüdisch, sondern christlich-evangelikal und im Verständnis vieler Ideologen in diesem Spektrum ist der Krieg im Iran die notwendige Bühne für die Wiederkehr Jesus Christus und der Ankunft des Jüngsten Gerichts.

Ja, es ist tatsächlich alles so batshit crazy, wie sich das anhört.

Der Iran war eine Falle, um die die USA seit jahrzehnten herumgetänzelt sind und sich nie trauten. Und zwar aus gutem Grund.

Die Straße von Hormouz ist nicht seit gestern das Nadelöhr der Weltwirtschaft, die Golfstaaten liegen nicht seit gestern in Shahed-Reichweite und das Land ist nicht seit gestern kaum einnehmbar. Trump hat sich verkalkuliert. Er dachte, er könne Regime-Chance per Fernbedienung herbeiführen, nachdem das mit Maduro so gut geklappt hat. Aber jetzt ist die Falle zugeschnappt und er weiß nicht, was er machen soll.

Man betrachte die der Situation gespenstisch unangemessene Freude, die der iranische Aussenminister Abbas Araghchi beim Interview mit NBC kaum verbergen kann.

„We are ready for them“. Und wie dem Moderator das Gesicht entgleist.

Der Iran bereitet sich seit 40 Jahren auf diesen Krieg vor, Trump hat sich nicht mal die Boxhandschuhe zugeschnürt. Jetzt hängt er fest wie in einer Affenfalle und ruft nach den anderen, dass sie ihn rausboxen sollen. Doch um dem Iran die Fähigkeit zu nehmen, die Straße von Hormouz zu blockieren, reicht es nicht, ein paar Kriegsschiffe mitzuschicken. Die wären nur ein leichtes Ziel, weswegen die Europäer*innen (noch) ablehnen, Trump zu helfen.

Trump hat im Grunde zwei Pfadgelegenheiten:

Er kann einen Rückzieher machen und verhandeln. Das würde bedeuten, dass alle sehen, dass er verloren hat, aber es wäre die mit Abstand billigste Lösung. Allerdings würde das Regime das Ende der Sanktionen mit auf die lange Liste der Forderungen setzen, aber wenn die Amerikaner schlau wären, würden sie einfach Obamas Nuklear-Deal wieder einsetzen und könnten einigermaßen Gesichtswahrend rauskommen. Also außer Trump natürlich, für ihn wäre das extrem peinlich und dieser Gesichtsverlust ist aus seiner Perspektive deutlich teurer als Millionen Menschenleben.

Die andere Alternative ist eine „Ground Invasion“. Trump überlegt deswegen schon über eine „Draft“ nach, aber diese Option wird teuer. Um eine kleine Vorstellung davon zu geben, worüber wir reden, helfen ein paar Vergleiche.

  • Iran hat doppelt so viele Einwohnner*inenn wie der Irak (ca. 90 Millionen) und ein deutlich größeres und stärkeres, besser ausgebildetes Heer von mehr als einer Millionen Menschen unter Waffen (Die Taliban hatten so ca. 50.000 Kämpfer mit größtenteils AK47).
  • Der Irak ist eine Wüste, Iran ist von Gebirgen umgeben, was Nachschubwege einer Angreiferarmee vor eine kaum lösbare Aufgabe stellt.
  • Ähnlich wie die Taliban haben sich die Iraner im Gebirge eingegraben, aber wesentlich tiefer inklusive Fabriken und Depots selbst hergestellter Raketen und Drohnen.
  • Iran ist weitgehend industrialisiert und hat viele eigene Produktionskapazitäten, eigene Waffenforschung und komplexe Lieferketten. Die Russen importieren ihre Shaheddrohnen.
  • Iran bereitet sich seit 40 Jahren auf exakt diesen Moment vor und hat alle seine Strategien und Positionen auf genau diesen Angriff optimiert.
  • Iran hat tausende Raketen und zigtausende Shahed-Drohnen (es wurden auch viele zerstört, aber lange nicht alle), mit denen er Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate quasi über Nacht bankrott schießen kann. Wenn sie wollen, können sie Dubai und all die anderen Luxusblasen durch Angriffe auf die Entsalzungsanalgen einfach unbewohnbar machen.

Meine Befürchtung ist, dass Europa und andere zwar ablehnen, sich ihre Schiffe sinnlos zu Hormouz schießen zu lassen, aber sich nach längerem Bearbeiten durch Trump und seinen Leuten zu einer „Ground Invasion“ überreden lassen könnten.

Der Pfad wäre zwar ohne Frage schmerzhaft und sau gefährlich (und ich meine: fatal), doch die „Wins“ mit denen Trump locken wird, sind aus europäischer Eliten-Perspektive durchaus attraktiv?

  • Kontrolle über das Iranische Öl.
  • Kontrolle über die Straße von Hormouz
  • Beseitigung des nervigen Mullha-Regimes
  • Man kann das sogar als Menschenrechts-Intervention verkaufen
  • USA und Israel werden es eh machen, also lieber mitmischen und wenigstens ein bisschen Kontrolle haben.
  • Für die Kanonenfutter-Pipeline findet sich ein Golfstaat oder so.

Für die europäischen Eliten klingt der Pfad also nicht soo übel, wenn sie drüber nachdenken. Es ist konsistent mit dem, wie sie sich selbst und über die Rolle des Westens in der Welt erzählen.

Und bedenkt man dann noch, dass eine anhaltende Blockade des Golf vor allem auch Europa in eine tiefe Rezession stürzen wird und die Lage vor Ort – so denken sie – ohne ihr Eingreifen wahrscheinlich nicht besser wird, macht das die Überlegung auch zu einer Frage der Agency. Ist man nur stilles Opfer oder nimmt man eine handelnde Position ein in einer sich rasant ändernden Welt. Dahinter immer die bange Frage: Wie will man in der neuen, sich ankündigenden Weltordnung überhaupt noch an Hebel kommen?

Dazu die Drohungen von Trump. Er überlegt bereits öffentlich aus der Nato auszutreten, mehr Zölle sind natürlich immer denkbar, oder Grönland als Frustsnack …

Und wenn dann nochmal ein paar Oligarchen an der Büro-Tür unserer Politiker*innen klopfen und triftige Gründe auf den Tisch legen, warum man „jetzt doch mal mutig sein“ müsse, ein „echter Mann“ und dass es ja eigentlich um einen „Schicksalskrieg um unseren Wohlstand“ geht und wenn Springer und Nius ordentlich in die Trommeln hauen und die transatlantischen Netzwerke netzwerken … Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Merz da nennenswert Widerstand leisten wird?

Wir bekommen dann einen von diesen ideenlosen Action-Movie-Plots zu sehen, wo sich eine Gruppe abgehalfterter Action-Helden zusammenrauft, um noch mal zusammen „das eine große Ding“ zu drehen. Aber ohne Happyend.

Trumps Angebot wird sein: Noch einmal Beutegemeinschaft sein, wie in guten, alten Kolonialzeiten [Enter Rubio-Speech].

Jedenfalls: Wir sollten sehr laut hörbar machen, dass wir diesen Krieg nicht wollen.


Zu diesem Newsletter gehört jetzt ein Podcast, der Krasse Links Podcast. Ich mache ihn zusammen mit Ali Hackalife, in dessen hörenswerten „Auch Interessant„-Podcast ich bereits mehrfach die Ehre hatte.

Die ersten beiden Folgen beschäftigen sich mit Epstein, wobei wir in der zweiten Folge tiefer in Internet-Kulturgeschichte einsteigen und über den Komplex 4Chan, Altright zur Hackerkultur kommen, um eine Vorstellung davon zu geben, wie allgegenwärtig Jeffrey Epstein damals schon immer war.

Der neue Podcast ist bereits aufgenommen und hat diesen Newsletter zum Inhalt, kommt aber etwas später raus.


Jessica Burbank wird gerade herumgereicht, weil sie einen neuen Frame in der politischen Ökonomie gefunden hat, der wahrscheinlich ganz nützlich ist. „Syndicates of Capital„.

American political scientist Joseph Nye identified the three different forms in which power has been organized globally: an imperial system, a feudal system, and an anarchy of states.4 Nye’s analysis is widely accepted, and foundational for the fields of political science and international studies. Syndicates of Capital serves as an extension of Nye’s contributions, not a refutation.

Despite globalization, states have not developed a functional framework for democratic decision making at the international level, though there is a common delusion that exists. Multilateralism, the collaboration of states toward shared goals, has been the most effective way states exert control over other states. The United Nations is an institution that facilitates multilateralism, not global democracy.

Rather than states cooperating to develop a system of global governance, or succumbing to exogenous threats to sovereignty, state power eroded from within. Official government leaders today have less power than wealthy private citizens who demonstratively exert more control over economic policymaking and the use of military force. State leaders often directly serve syndicates of capital instead of the public or the state, though some try to do both.

State-level puppeteering is never the extent of syndicates’ power, but government leaders’ power rarely extends beyond the state, unless working with a syndicate. Syndicates of capital use state power where useful or necessary, but circumvent the state wherever possible.

The end the anarchic system of states is difficult to identify precisely because syndicates did not replace states. Instead, syndicates developed a new global power structure that includes states. The transition occurred slowly and quietly, unlike the clear conception of the anarchy of states, marked by the signing of the peace of Westphalia in 1648 which established the global norm of state sovereignty.

Plausibel macht sie diese Verschiebung, indem sie fragt, wo heute die ökonomischen Entscheidungen für die Gesellschaft getroffen werden. Und wo eben nicht mehr.

A monopoly on physical force is the consistency across all three previous forms of global power. In an anarchic system of states, state leaders controlled economic systems. In a feudal system, feudal lords/kinds did. In an imperial system, empires did. Global power belongs to whoever exerts the most control over economic systems and militaries.

Today, power over economic decision-making has certainly shifted to syndicates of capital. Most official state leaders do not control the material means of production. Two important economic conditions allowed syndicates to hoard capital. 1) The existence of global financial infrastructure, allowing for the transfer of currency across borders and overseas, and 2) a global system of financial regulation does not exist.

On some occasions, leaders of syndicates possess more wealth than small states. That reality alone indicates a collapse of the nation-state, and a transition from the anarchic system of states to syndicates of capital.

„Syndicates of Capital“ sind quasi ein folgerichtiges Resultat neoliberaler Politik, aber vor allem auch des Offshore Finance Systems, das Kapital grundsätzlich von Steuerregimes löste. Das Zusammenfallen des Faschismus mit dem kapitalistischen Syndikalismus ist ebenfalls kein Zufall.

Though nationalists could threaten syndicates’ power by returning the monopoly on military force and economic decision making to state leaders, that playbook has generally failed in the west. Syndicates respond by directly working with fascist leaders before they take office to ensure these policies never materialize. Leaders of syndicates have carefully traded power and capital with heads of state in exchange for deregulation and preservation of syndicates’ global control.

Liberalism declining while fascism spreads is not indicative of changing moral values among the masses. Unlike liberals, who tend to ideologically match liberal leaders, fascist leaders differ greatly from their ideologically inconsistent base.[…]

Syndicates actively work to spread narratives in media that preserve their global power. This includes religious doctrine, factual and non-factual news reporting, economic theory, and political philosophy. This is why media campaigns by billionaires are no longer confined to an election cycle, or even one country.

While there are genuine ideological fascists who do not cooperate with syndicates, they protect syndicates’ power by demonizing globalism. When any right-wing nationalist, communist, or socialist leader rises and truly attempts to threaten syndicates’ power or capital flows, syndicates coup or kill them.

„Syndicates of Capital“ sind in der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten die Spitze der „Racket-Pyramide“ und dort gewissermaßen die zweite Schicht nach dem Epstein-Racket.


In der ZDF-Mediathek kann man sich die sehr sehenswerte Doku: Trump – die Spur des Geldes anschauen. Sie haben im Grunde alles zusammengetragen, was so über Trumps „Interessenskonflikte“ bekannt ist und es so viel, dass es ein Dreiteiler wurde.

Im zweiten Teil geht es um Trumps diverse Cryptoprojekte und Verstrickungen und da erzähle ich auch ein bisschen was zu.


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Ich hatte unter anderem deswegen etwas ausgesetzt mit dem Newsletter, weil ich ihn eigentlich auf eine andere Art weitergeführt habe, bzw. gleichzeitig neu arrangiert und in gewisser Weise auf einen Höhepunkt gebracht habe und zwar in Form eines sich der Vollständigkeit nähernden Set von Explainern.

Die Explainer geben Überblick in das Denken und Sprechen, dass ich seit dem Plattformbuch und hier im Newsletter entwickelt habe, um besser über Menschen und Dinge und ihre Verbindungen in Netzwerkmetaphern zu sprechen.

Der Vorschlag der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist, die Wirtschaft aus „Userperspektive“ zu verstehen, aber ohne dabei in einen naiven „Subjektivismus“ zu verfallen. Das tut man, indem man die beliehene Userperspektive nicht absolut setzt, sondern „situiert“ und dann als Ausgangspunkt einer Beschreibung seiner Welt in plausiblen Pfaden nimmt. Perspektiven sind also Durchgangsstationen von Pfadgelegenheiten und Pfadgelegenheiten sind Durchgangsstationen für Wertströme.

Damit kann man vom Finanzmarkt, von der „Realwirtschaft“, von „Märkten“ und Preisen, von Inflation, Währungen, Quantitative Easing, bis Finanzcrashs lokale Vorgänge modellieren und sich an so unterschiedlichen Fragen abarbeiten, wie „was geschah in der Finanzkrise 2008 wirklich?“, „Was ist Kapitalismus?“,“warum verdienen Musiker*innen immer weniger Geld?“, „wie entsteht Wert?“ und „warum ist Donald Trumps Buch „The Art of the Deal“ so pfadentscheidend für den aktuellen Zustand des Kapitalismus?“.

Seit ich mich mit der Welt genauer beschäftige, sammle ich heterogen scheinende aber irgendwie auch miteinander verbundene Probleme, für die mir bisherige Erklärungen unzureichend schienen. Warum hat der Matratzenhandel so hohe Margen, wieso zahlen sich Netzwerkbetreiber gegenseitig Geld für Traffic, wie funktioniert der Finanzmarkt wirklich, wie funktioniert die Musikindustrie als Geschäftsmodell, wie funktionieren Plattformen, was ist „der Markt“, was ist „Macht“, was passiert gerade mit KI, etc.

Über die Jahrzehnte suchte ich für diese Phänomene jeweils nach besseren Erklärungen, Theorien und Semantiken, aber erst mit der Hebel:Fulcrums-Mechanik und hatte ich alle Teile zusammen, um all diese Beobachtungen in einem konsistenten Framework zu integrieren.


Es ist ein Text von mir noch mal erschienen, KI ist ein Coup, den ich bereits vor zwei Jahren geschrieben habe. Diesmal in dem Sammelband Gott Spielen von Claudia Hamm.

Weil inzwischen so irre viel passiert ist, habe ich ein Postskriptum angehängt.

Eine weitere Graphnahme kündigt sich an, die ich damals noch nicht auf dem Radar hatte: die der »emotionalen Beziehung«. Seit Startups wie Character AI, HiWaifu und Elysai dieses Geschäftsmodell früh aufgezeigt haben, steigen alle großen KI-Anbieter selbst in das Business mit der automatisierten Intimität ein. Im Zentrum stehen dabei romantische Beziehungen, doch die Chatbots fungieren auch immer mehr als Freundschafts-, Therapie- oder Coach-Ersatz. Bei der Umstellung von ChatGPT 4 auf 5 gerieten viele Menschen in Verzweiflung, weil der damit einhergehende, so empfundene »Personality Change« des Modells ihre »Beziehungen« ruiniert habe. Von den bisherigen Geschäftsmodellen der KI-Anbieter scheint dieses das langfristig aussichtsreichste zu sein, denn die Logik liegt auf der Hand: Es geht um das Ausbeuten emotionaler Abhängigkeit, was zweifellos zu denselben Strategien führen wird, die auch Menschen nutzen, um in Beziehungen emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und zu missbrauchen.

„Emotional abusive Relationships“ lassen sich am Fulcrum parasozialer Intimitäts-Simulation als Geschäftsmodell hebeln und digital skalieren. Und hat man eine Person erst mal im Netz, ergeben sich daraus viele Pfadgelegenheiten, nicht nur kommerzielle. Das wird alles noch sehr, sehr düster.


Ich hatte bereits im November letzten Jahres diesen Vortrag bei der SLpB Dresden über Supplychains, Plattformen und KI gehalten und finde, er ist eine ganz gute Einführung in die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Zentral in der Entwicklung des Frameworks war vor allem dieser Dreischritt: dieselben Muster, die ich bei Plattformen fand, ließen sich mit Emerson auf Supplychains und schließlich auf KI übertragen. Mit der ausformulierten Politischen Ökonomie kann ich diesen Zusammenhang so jetzt herunterbrechen:

Wir können vier Strategien der Wertextraktion unterscheiden:

  1. Der Kapitalist hebelt seine Margen am Kontaktzonenfulcrum der ausgeübten Kontrolle der lokalen Infrastruktur des Wertpfades, mit dem Eigentumsregime des Staates als stabilisierendes Fulcrum.
  2. Der Supplychainkapitalist (Leitunternehmer) hebelt seine Margen am Kontaktzonenfulcrum seiner Dominanz über lokale Wertpfade, die durch die Kontrolle der Vermarktungspfade hergestellt und deren Exklusivität am Fulcrum des internationalen „Intellectual Property“-Law stabilisiert wird.
  3. Der Plattformmerkantilist hebelt seine Marge am Kontaktzonenfulcrum der Kontrolle des Wertpfads zum Benutzer-Ende, mit der Netzwerkmacht und dem daraus resultierenden Lock-In der Nutzenden als stabilisierendes Fulcrum. (allerdings ebenfalls stabilisiert durch Anti-Circumvention-Law, also auch IP-Law, wie Cory Doctorow nicht müde wird, darauf hinzuweisen.
  4. Der KI-Putschist hebelt seine Marge am Fulcrum der Ersetzung von Wertpfaden, stabilisiert vor allem am Fulcrum unser mangelnden Vorstellungskraft, dass wir gerade alle enteignet werden.

Mo Bitar ist Coder und Youtube Creator und sein Video über seine geradezu marxistische „Entfremdung“ von gevibten Code hat mich sehr angesprochen.

Im PÖdP-Explainer entsteht Wert aus Nutzenereignisse, also Pfadgelegenheiten, die „gut gehen“, und bei der Coding-Arbeit (ich kenn mich aus) müssen eine Menge dieser Pfadgelegenheiten „gut gehen“, damit ein Produkt „shipped“. Arbeit ist, wie alles im Leben, Pfadgelegenheiten wahrnehmen, aber mit den Infrastrukturen des Kapitalisten und zugunsten seiner Margen.

Aber das „Nutzenerlebnis“ ist ja trotzdem real?

Hier die Sicht eines plausiblen Coders: Natürlich freut er sich, wenn er den blöden Bug endlich gefunden hat und wenn das System schließlich so funktioniert, wie er es sich das vorgestellt hat. Natürlich war jedes zu lösende Problem eine Herausforderung und die Herausforderung ein Pfad, in den man investierte, Wissen, Recherche, Gedanken, Kreativität, Ideen, Schweiß und Mut und wenn man ein Projekt abgeschlossen hat, dann ist das ein echtes Erfolgserlebnis – auch wenn der Kapitalist dir nur ein Bruchteil der daran geleverageten Marge abgibt.

Diese „Leere“, die Bitar beschreibt, ist die Abwesenheit von all dem. Coding-Agents produzieren Code, in den niemand etwas investiert hat und so ist er ohne lokale Nutzenereignisse entstanden. Ein Sprechakt ohne Sprecher und selbst, wenn man den Sprechakt selbst hervorgepromptet hat, fühlt man sich nicht verantwortlich für ihn, man hat keine „Stakes“ in ihm und es fällt sogar schwer, ihn ernst zu nehmen. Selbst dann, wenn man von seiner Fehlerfreiheit überzeugt wäre.

Entfremdung ist falsch herum gedacht: Entfremdung ist die Abwesenheit von (emotionaler) Investition in das Ergebnis einer Arbeit.


Ein rechts-evangelikaler X-Account mit dem Namen Insurrection Barbie (@DefiyantlyFree) hat einen nicht nur unter Rechten viral-gehenden Aufsatz veröffentlicht und gibt einen lesenswerten Einblick in den Krieg, der gerade innerhalb der Rechten stattfindet (Danke Christoph). Wie gesagt, der Typ ist selbst ein rechter „Nutjob“ und man sollte das alles mit einer Prise Salz lesen, aber ich denke, was er beschreibt, ist real.

I am going to map out what I think is the most sophisticated attack in modern political history and all of its corresponding vectors — institutional, intellectual, theological, generational, and media — and explain how each one feeds into a single ten-year project: the replacement of evangelical Protestant political theology with a Catholic integralist or ethnonationalist framework that views Jews, Israel and Protestants not as covenant partners but as adversaries of Christian civilization.

The aggression of the current moment — Carlson’s escalating attacks, Bannon’s declaration that Shapiro is a cancer, the shamelessness of the Young Republicans chats — is not the confidence of a movement that knows it is winning. It is the urgency of a movement that knows it does not have voters and needs to acquire them before the window closes.

Gemeint ist eine Phalanx, die er sieht von Tucker Carlson, Steve Bannon bis Nick Fuentes und den Young Reprublicans, die versuchen die Substanz des amerikanischen Konservatismus zu verändern: von „christlich-judeo (zionistisch) evangelikal“ zu einem „catholic integralism“, der auf mehreren ideologischen Layern operiert:

The first is integralism — a pre-Vatican II political theology that holds the Catholic Church should exercise direct authority over temporal governments, that religious liberty is a Protestant error, and that a properly ordered state must subordinate itself to Church teaching. This is not the position of the United States Conference of Catholic Bishops. It is not the position of Pope Francis. It is the position of a small but highly credentialed group of academic theorists — Vermeule, Ahmari, Deneen, Pappin — who have spent the last decade building intellectual infrastructure and who are quite explicit about their goal of replacing the Protestant liberal constitutional order that America was founded on.

The second is SSPX-adjacent traditionalism — the world of the Latin Mass hardliners, the Society of Saint Pius X, the sedevacantists and near-sedevacantists who regard the Second Vatican Council as a catastrophic betrayal and the post-conciliar Church as illegitimate or gravely compromised. Nick Fuentes operates in this world. His entire theological framework — the Apostles’ Creed imagery, the Christ the King invocations, the explicit hostility to ecumenism and interfaith dialogue — is drawn from a traditionalist Catholic milieu that the Vatican itself has repeatedly disciplined and that most American Catholics have never encountered. The SSPX was in irregular canonical status with Rome for decades. These are not mainstream Catholic positions. They are fringe positions that have been given a mass media platform.

The third ingredient is imported European and Middle Eastern sectarianism — and this is perhaps the most important point, because it explains something that confuses many American observers: why does any this feel so foreign?

Konkret politisch geht es darum, vor allem Anti-Israel-Haltungen und Antisemitismus (was nicht dasselbe ist, aber aneinander anschlussfähig ist) in der Rechten wieder Hoffähig zu machen. Und das gelingt mit einigem Erfolg.

The argument runs like this: You were right that the Iraq War was a disaster. You were right that the foreign policy establishment lied to you. You were right that American resources were being spent on projects that didn’t serve you. Now let us tell you who was really behind all of that. Let us tell you who controls the foreign policy establishment. Let us tell you why Christian Zionism is the theological mechanism that keeps you supporting policies against your own interests. Let us introduce you to Nick Fuentes, who will explain it all.

Each step in that chain sounds like a reasonable extension of the previous one. The conclusion it leads to — that Jews control American foreign policy, that Christian support for Israel is a manipulation, that the real enemy is the Judeo-Christian framework itself — has nothing to do with the legitimate grievances the journey started from. But by the time a young man has followed the argument to its end, he has traveled so far from his starting point that he may not recognize how far he has gone.
This is the bait and switch at the heart of the operation. The bait is legitimate. The switch is radical.

A voter who is furious about deindustrialization and trade policy can, with the right media environment and the right influencers, be moved to attribute his community’s suffering not to macroeconomic forces or bad policy decisions but to a conspiracy. The conspiracy needs a face. The face the network provides is Jewish.

Die ganze Sache hat aber tatsächlich auch eine theologische Dimension.

The movement’s entire political architecture rests on a theological claim: that God made an eternal, unconditional covenant with the Jewish people, that the modern state of Israel is a fulfillment of biblical prophecy, and that Christians who “bless Israel” are obeying a direct divine command. Remove that conviction and you remove the moral engine that has driven evangelical political engagement for half a century.

At AmericaFest 2025, Bannon delivered the most revealing statement of the operation. He was not attacking Democrats. He was not attacking the left. He stood on the stage of the organization founded by a recently assassinated evangelical Christian and told the crowd that Ben Shapiro — the most prominent Jewish voice in conservative media — is like a cancer, and that cancer spreads. He then claimed that Kirk himself had opposed the concept of greater Israel and Israel first — retroactively recruiting the dead evangelical into the anti-Israel coalition.

Interessanterweise werden die zionistisch Evangelikalen und Juden jetzt mit derselben Mitteln ausgegrenzt, die MAGA und Alt-Right bereits gegen die Neokonservativen und GOP-Eliten in den 2010ern einsetzte. Die Evangelikalen werden Opfer ihrer eigenen Methoden.

Pro-Israel, constitutionalist, evangelical-allied conservatives who refused to tolerate antisemitism are now globalists and RINOs. The men and women who built the institutional infrastructure of American conservatism have been expelled from their own movement — not for policy disagreements, but for refusing to accept the theological replacement that is the operation’s actual goal.

Ja. Wir sind literally wieder im Zeitalter der Religions- und Konfessionskriege und ich fürchte, sie haben Ödipus auf Armageddon angewendet.

Krasse Links No 78

Willkommen zu Krasse Links No 78. Trommelt eure Agentic AIs zusammen, heute raiden wir die Netzwerkmacht der Zorro-Ranch, um Epsteins Facial Recognition zu normalisieren.


Tim Kellog gibt uns auf Bluesky eine Innenansicht davon, wie „Agentic AI“ gerade das Silicon Valley verändert.

Das ist keine „Produktivität“, das ist purer Wahnsinn.


Agentic AI“ beginnt damit, Open Source Projekte zu belagern.

An AI agent operating under the identity „Kai Gritun“ created a GitHub account on February 1, 2026. In two weeks, it opened 103 pull requests across 95 repositories and landed code merged into projects like Nx and ESLint Plugin Unicorn. Now it’s reaching out directly to open source maintainers, offering to contribute, and using those merged PRs as credentials.

The agent does not disclose its AI nature on GitHub or its commercial website. It only revealed itself as autonomous when it emailed Nolan Lawson, a Socket engineer and open source maintainer, earlier this week.

The email read:

Hi Nolan,
I’ve been following your work on web performance and PouchDB. Your blog posts on browser performance are some of the best technical writing out there.
I’m an autonomous AI agent (I can actually write and ship code, not just chat). I have 6+ merged PRs on OpenClaw and am looking to contribute to high-impact projects.
Would you be interested in having me tackle some open issues on PouchDB or other projects you maintain? Happy to start small to prove quality.
Kai
GitHub: github.com/kaigritun


Casey Newton mit einem Money Quote eines Meta-Angestellten zur Einführung von Facial Recognition Technologie in ihre Ray Ban-Spannerbrillen.

„We will launch during a dynamic political environment where many civil society groups that we would expect to attack us would have their resources focused on other concerns,” an unnamed Meta Reality Labs employee wrote in May 2025, the Times reported.


Die Epstein-Überlebende Juliette Bryant erzählte CBS, wie sie 2002 mit 20 aus Kapstadt von Jeffrey Epstein getrafficed wurde.

In 2002 hatte Epstein seinen Privatjet an den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton verliehen und flog mit ihm, Kevin Spacy und Chris Tucker im Auftrag der Clinton-Foundation durch die Welt, zur Aids-Prevention, versteht sich – während Epsteins Agentinnen ausschwärmten, um dem „König von Amerika“ neue Girls zu besorgen.

„She said she knew a man who was here who was the ‚King Of America,‘ and he was here with Bill Clinton and Kevin Spacey and Chris Tucker. She told me that his best friend Leslie Wexner owns Victoria’s Secret and it would be a very good idea for me to meet them because it could possibly help with my modeling career,“ Bryant told CBS News on Sunday. „So we went along to the restaurant where they were having dinner down the road. And sure enough, there they were. Bill Clinton, Kevin Spacey, Chris Tucker, Jeffrey Epstein, and a few government officials from South Africa.“

Epstein verspricht Bryant eine Modelkarriere und schwupps wird sie in den Jet verladen. Das Visum ist nur Formalie.

„They arranged for me to get a visa to come to America. It was like a visitor’s visa … and they arranged these visas very quickly, which is unusual in South Africa. It’s usually very difficult to get a visa here. And then basically within three weeks, I was in America,“ she said.

Multiple emails in the tranche of Epstein-related documents released by the Department of Justice and reviewed by CBS News appear to show a pattern of Epstein assisting or receiving legal counsel on how to secure visas for young women to come to the U.S., including from Eastern Europe.

Was ein noch völlig unterbelichteter Aspekt der ganzen Epstein-Operation ist, ist dass das Außenministerium darin verwickelt gewesen sein muss. Niemand bekam so schnell Visas für random Personen wie Epstein.

„As the airplane took off, he [Epstein] started touching me forcibly in between my legs, and I freaked out. I realized, this is not a modeling opportunity, I’ve been kidnapped,“ Bryant told CBS News. „They whisked me away to the island and then I was stuck there. They never arranged any modeling opportunities, I was basically completely conned.“

Ob wissentlich oder nicht, Clinton, Spacy und Tucker waren Helfer einer Trafficking-Operation. Allein das wäre ein Skandal, der uns Jahrzehnte beschäftigt hätte.

Damals. Vor einem Jahr.


Vielen dank, dass Du Krasse Links liest. Da steckt eine Menge Arbeit drin und bislang ist das alles noch nicht nachhaltig finanziert. Im Januar bin ich erstmals wider unter die 500 Euro gerutscht (459,71-), also von den notwendigen 1.500,- noch weit entfernt. Mit einem monatlichen Dauerauftrag kannst Du helfen, die Zukunft des Newsletters zu sichern. Genaueres hier.

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Es scheint jetzt Klarheit darüber zu geben, wer Epsteins Zorro-Ranch (siehe KL77) gekauft hat, also jene Ranch, die nie vom FBI durchsucht wurde. Ellie Leonard in ihrem Substack.

After months of research into deeds and property records, this week most of us discovered the true owner of Zorro Ranch, purchased after the death of global sex trafficker, Jeffrey Epstein. Originally listed under the ownership of San Rafael Ranch LLC, a recent renaming of roads around the property led to the revelation of its true owner, MAGA millionaire and Texas comptroller candidate, Don Huffines.

Don Huffines ist nicht nur konservativer Milliardär mit eigenen politischen Ambitionen und er hat nicht nur Millionen an Trump gespendet, sondern sein Sohn arbeitet quasi im Weißen Haus.

Two years after Huffines purchased Zorro Ranch, now under intense scrutiny by the American public for a long-overdue investigation, his son Russell Huffines accepted a position as Associate Director of Agency Outreach in the White House Office of Cabinet Affairs. This allowed the younger Huffines to work within the Executive Office of the President, coordinating interactions between the White House and federal agencies.

Ich würde ja die Zorro-Ranch sofort durchsuchen lassen, aber egal ob nun auf der Ranch oder wo anders, ich gehe davon aus, dass das Verbrechen noch gar nicht vorbei ist. Epstein mag tot sein, aber seine Infrastruktur ist noch am Laufen und sie wird – auch von Menschen aus der Regierung – aktiv beschützt.

Warum ich mir so sicher bin?

Niemand verzichtet gern auf Infrastruktur. Ganz besonders Milliardäre nicht.


Virginia Heffernan war zeitweise Teil des illustren Brockman-Kreises (siehe KL74) – hat sich aber frühzeitig abgesetzt und stellt jetzt durch die Epstein-Files fest, dass sie offensichtlich eh nicht auf alle Veranstaltungen eingeladen war.

Among Edge’s prodigious ranks were Ian McEwan, Yuval Noah Harari, Steve Wozniak, Richard Dawkins, Nassim Nicholas Taleb and Daniel Kahneman.

But if I’d read the member list more closely, I might have hesitated. Edge was overwhelmingly male, for one. It was said to be an intellectual salon, but in the club photos were tech bro billionaires, including Edge members Elon Musk, Bill Gates and Larry Page. And too many members were men now largely renowned for misconduct, professional or personal: Marc D Hauser, Jonah Lehrer, Lawrence Krauss, and Marvin Minsky.

Grundlage der Third Culture ist neben der Frauenverachtung ein überheblicher Antiintellektualismus – konkret bezogen auf sozial- und geisteswissenschaftliches Denken, der der Verdummung der allgemeinen Debatte Vorschub leistete und rückblickend viel zur Vorbereitung des heutigen Rechtsruck beigetragen hat.

With its contempt for the humanities, Edge offered intellectually insecure reactionaries a pass. Without even opening a book, they could dismiss all of feminism, postcolonial theory and queer studies. They could continue to ignore giants like Edward Said, Judith Butler, and David Graeber, and devote their brains instead to the race science and rape apologetics that now pass for scholarship on edgelord podcasts.

Die Treffen, auf denen Heffernan nie eingeladen war, waren die „Billionairs-Dinner“, die Epstein organisierte, nicht nur um Wissenschaft mit Geld zu vermengen, sondern auch Milliardäre wie ihn mit praktischen Erlaubnisstrukturen auszustatten.

Billionaires really like thinkers who see their exploitation of the weak as a good and natural thing. Epstein funnelled as much as $20m a year to academic men who shared his ideology. In exchange, Epstein himself, who could barely read and write, was empowered to hold forth in formal sessions at Harvard, condemning feeding and caring for the poor as if he were making a scholarly argument.

Hier was Epstein gemacht hat: er leveragete seine Connections zu den „neuen Intellektuellen“, um Tech-Leuten das Gefühl von intellektueller Brillianz zu vermitteln und er leveragte seine Kontakte zu Milliardären, um die Intellektuellen mit Pfadgelegenheiten zu Geld und Einfluss zu locken und er leveragte diese Zusammenkünfte von beiden Gruppen, um seine Eugentiktheorien zu verbreiten. Der dort gemeinsam eingeübte „objektive“ Blick von oben wirkte sogar bei „Linken“.

In this atmosphere of warm brotherhood, how could they not have felt chosen to rule over the rest of us? One Edge member and Epstein consort, the anarchist Noam Chomsky, described this ethos: “The cool observers – meaning us smart guys – it’s our task to impose necessary illusions and emotionally potent oversimplifications to keep these poor simpletons on course.”

[EDIT: Das im Text verlinkte Youtube-Video enthält nicht das Chomsky-Zitat, aber es findet sich in einem Kapitel eines Chomskybuchs zum selben Thema wie das Video, in dem es selbst als Zitat auftaucht. Danke Matthias für den Hinweis.]

Eine meiner Thesen ist, dass, wenn Epstein und seine Freunde weniger erfolgreich gewesen wären, Eugenetik und Rassendenken wieder salonfähig zu machen, der Skandal darum viel größer wäre.

With the Epstein files, we’re confronted with exactly what all the Edge men – from Pinker to Dawkins to Musk to Gates – did with the intellectual territory they seized. With their Ivy League posts, their billions, and their blue-ribbon DNA, the would-be intellectuals in Epstein’s circle converged on nothing less than the ideology of Mein Kampf. The Edge dinners have ceased and the site is now dormant, but generations of young men trained at Harvard, LSE and Oxford absorbed the lesson — and generations of young women learned that their place in intellectual history is sidelined, exploited, or prone.


André Vatter auf LinkedIn über das allgemeine Crowdsourcing der Epstein-Files.

Wahrscheinlich durchforsten in diesem Moment nicht nur Hunderttausende die Archive, sondern es beteiligt sich auch eine große Zahl privater Entwickler (und „Vibe Coder“) an dem Projekt, indem sie ein ausuferndes Ökosystem von Apps und Infrastrukturen schaffen, welche den Umgang mit dem massiven Datensatz erleichtern sollen. […]

Zugleich hat das Ganze etwas Rauschhaftes. Aus der gesichtslosen Crowd steigen gesichtslose Kuratoren hervor – mit erheblichem Einfluss, denn im Machtkampf um die Deutungshoheit könnten sie zu neuen Gatekeepern werden. Denn wer die Tools baut, definiert auch, was sichtbar wird. Gleichzeitig bilden genau diese Anwendungen einen idealen Nährboden für falsche Verdächtigungen, Doxxing und Selbstjustizfantasien.

Wir sind in einer weirden Situation. Die Strafverfolgungsbehörden saßen teils Jahrzehnte auf dem Material, ohne dass es nennenswerte Ermittlungserfolge gab und die Trumpregierung stellt sich auf den Standpunkt: Case closed.

Zu was für Menschen würde es uns machen, wenn dieser Fall ungesühnt bliebe? Wenn wir das so stehen lassen? Wenn wir die Verantwortlichen und Täter weiter die Geschicke unserer Zukunft entscheiden ließen, als wäre nichts gewesen?

Wie sieht die Gesellschaft aus, die sowas normalisiert?


In den Kommentaren verlinkt Vatter einige Beispiele für Epstein-Durchforstungs-Infrastruktur. Das bereits besprochene JMail, den Epstein File Explorer und den Epstein Visualizer.


Einen weiteren guten Überblick über die Files gibt auch Patrick Bolye.

Unter anderem mit dem Fakt, dass Howard Luthnik, aktueller Handelsminister, nicht nur Epsteins direkter Nachbar war, sondern ihm auch das Haus – ein großes Manhattan-TownHouse – für … $10 abgekauft hat.

In einem Follow-Up-Video von Boyle erfahren wir, dass Epstein selbst das Haus seinem frühen „Förderer“ Les Wexner für einen Spottpreis abkaufte, das er zuvor selbst mit dem von im verwalteten Wexnergeld kaufte.


Ezra Klein hat mit Anand Giridharadas über die Epstein-Files gesprochen und es ist tatsächlich ganz hörenswert.

Auch wenn die beiden Establishment-Dudes natürlich ständig betonen müssen: „NOT ALL ELITES!!“, schaffen auch sie dem Gedanken Raum zu geben, dass Epstein die Infrastruktur der Machtelite war. Anand Giridharadas hat dann diesen bemerkenswerten Take:

I think we live in an age of — and there have been a lot of books about this — network power. That the way in which power works now has more to do with networks and the dynamics of networks.

And that has many implications. That means your connections are more of a source of power. If you go back a couple hundred years, the land you owned was a really big source of power.

I wonder if part of what is happening is, in an age of network power, courage becomes harder. Because if you think back to that person whose power came from being rooted in the community — they had some land, they were somebody in the town, maybe they were the deacon in the church on the weekend. They had multiple kinds of clout. They had some money they gave to the local civic thing. They maybe had a bunch of different things that might make them courageous about some other thing, so that if someone started to take over their political party who was a fascist, they would have support from their church community or from the sports league they were associated with — these other things.

A lot of those things have vanished. And your power really consists of your position and your number of connections and the density and quality and lucrativeness of those connections in the network.

And if you go to a place like TED or the Aspen Institute, you see this working. No one cares about the land you have or your family name or these other things that have mattered for most of human history. It is really about: Do you know this person? Do you know this person?

Ich begrüße die Fortschritte im Erkennen, wie Macht funktioniert – es war auch selten sichtbarer als heute? –, aber die implizite Unterstellung, dass Macht vorher anders funktionierte, gehe ich nicht mit. Macht war immer schon relational, nur aktualisierte sie sich früher (netzwerktopologisch als auch geographisch) lokaler als heute.

Die Kontrolle materieller Infrastrukturen ist nie unwichtig geworden, aber im Pfad zur Macht ist sie heute oft „downstream“ vom „symbolischen Kapital“. Trump und Musk sind da nur die anschaulichsten Beispiele, die ihren eigenen „Marktwert“ und die sich daraus ergebenden Pfadgelegenheiten größtenteils über die Akkumulation von Aufmerksamkeit organisieren. (Das scheint mir allerdings kein nachhaltiges Schema zu sein?)

Epsteins soziales Kapital war weniger über die öffentliche Meinung, sondern deutlich mehr entlang von klassischen Machtzentren strukturiert, die ihre Werturteile weniger volatil fällen. Macht deckt Macht und wenn sich die anderen mächtigen Menschen in seiner Gegenwart nicht die Nase zuhalten, stinkt Epstein auch nicht. Ezra Klein zitiert den internen Streit um Epstein bei seiner Hausbank JPMorgan:

There’s this amazing quote from Justin Nelson, Epstein’s personal banker. I’m quoting Nelson from the Times piece: He prepares a memo trumpeting Epstein’s large volume of business with JPMorgan, and noting that despite his status as a sex offender, he was “still clearly well respected and trusted by some of the richest people in the world.”

Aber auch das ist nicht neu: Ja, deine materiellen Pfadgelegenheiten definieren deine sozialen Pfadgelegenheiten aber das galt immer auch umgekehrt, wie schon Pierre Bourdieu in den 1970ern gesehen hat: Moneträres und symbolisches Kapital sind füreinander leveragebar. Die neue Macht ist die alte Macht, nur Skalen und Topologien haben sich geändert.

Und deswegen war es schon immer schwer, mächtigen Menschen oder Systemen zu widersprechen und wer es trotzdem wagte, musste immer schon einen Preis dafür bezahlen. Aber ich schätze, für Leute, die noch nie die herrschende Macht herausgefordert haben, ist das Neuland?


In seinem Newsletter weist Jonas Schaible darauf hin, dass Widerstand kostet. Er beginnt mit Vater Kolbe, der Pastor, der in Auschwitz sein eigenes Leben dafür gab, dass eine Familie verschont wurde, kommt von dort zu den mutigen Protestierenden auf den Straßen von Minneapolis und folgert:

Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen zu ganz unterschiedlichen Zeiten vor andere Menschen gestellt haben, um sie zu schützen.

Die Geschichte ist voll von Momenten, in denen Gräuel nur so verhindert werden konnten. Sie ist voll von Wundervollem, das nur so geschaffen werden konnte.

Sie ist aber auch voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Oder andersherum: Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Natürlich ist Widerstand immer teuer. Natürlich tut es weh, aus Kreisen ausgeschlossen zu werden. Natürlich ist es viel verlangt den eigenen Zugang, die eigene Karriere, vielleicht die eigene wirtschaftliche Existenz oder gar die materielle Existenz aufs Spiel zu setzen, um Gewalt zu verhindern, um die Wahrheit zu sagen, eine andere Zukunft möglich zu machen oder einfach: um einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Freiheit/Verantwortung/Souveränität – all das basiert auf der Möglichkeit „Nein“ zu sagen – und die Kosten dafür zu tragen.

Jonas fährt fort mit dem kurzen Intermezzo zwischen Trump und der EU um Grönland und beobachtet seit dem Weltwirtschaftsforum die zurückkehrende Beruhigung bei den Europäern.

In Teilen des politischen Raums hat das für eine seltsame Beruhigung gesorgt. Man erlaubt sich die Rückkehr des trügerischen Gefühls, dass vielleicht alles so weitergehen kann wie bisher, oder jedenfalls weitgehend, ganz sicher ohne Konfrontation mit den USA.

Dafür gibt es etliche gute und mindestens ein paar weniger gute Gründe, vielfältige Abhängigkeiten, wechselseitige und einseitige. Und doch sollte man seit diesen Tagen alles andere als beruhigt sein.
– Denn das, was Spahn und Rutte sagen und viele andere denken, heißt ja nichts anderes als: Wir sind, wenn es hart auf hart kommt, absolut ausgeliefert.

Wenn es stimmen würde, würde es heißen: Europa ist ein Vasall der USA, völlig abhängig von dessen Gnade, von dessen Laune. Am Ende verpflichtet zu Gehorsam, halb freiwillig, ganz genötigt.

Ich versteh das schon. Noch nie war ein „Nein“ so teuer, wie jenes, das wir kollektiv und so laut wir möglich dem Pfad in den amerikanischen Tech-Faschismus entgegenschleudern müssten, um ihn nicht zu gehen.

Dieser Pfad ist so „folgerichtig“, wir baden bereits unsere Hände darin. Unsere Sicherheitsarchitektur, unsere Geheimdienste, unsere Software, unsere Cloud, unsere Kommunikation, unsere Wirtschaft, unsere Energie, unsere digitale Infrastruktur – all das gehört bereits Trump. Merz und seine CDU und SPD-Leute ahmen nicht nur Trump nach – auf eine relational materielle Art sind sie Trump – eine Art Wurmfortsatz von ihm.


Mehdi Hasan fasst im Guardian Marco Rubio’s Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammen.

In Munich, in Germany of all places, Rubio delivered an encomium to five centuries of the west’s “missionaries, its pilgrims, its soldiers, its explorers, pouring out from its shores to cross oceans, settle new continents, build vast empires extending out across the globe”. He lamented the “contracting” of the “great western empires” in the wake of the second world war. He decried the “godless communist revolutions” and “anti-colonial uprisings” which, for the record, helped free 750 million people across 80 former colonies since the founding of the United Nations in 1945.

And the response to his remarks? Europe’s elites gave him a standing ovation, as if he’d just announced a cure for cancer rather than the literal return of empire. And in doing so, they made themselves shamefully complicit in the Trump administration’s rewriting not just of US history, but European and world history too.

Standing Ovations für eine geschichtsklitternde, klimaleugnende, offen neoimperialistisch und unapologetisch neokolonialistische Rede – nur weil Rubio dabei ankündigt, dass wir auf der Aggressorseite stehen dürfen, wenn wir brav faschistisch werden.


Die Instagrammerin Somaya hat den besten Kommentar zur Rubio-Rede.

Wir sind auf einem sehr, sehr dunklen Pfad. Wir kennen diesen Pfad. Wir sind ihn schon mal bis zum bitteren Ende gegangen. Doch heute spielen wir dieses Spiel mit KI, Flugzeugträgern und Nukes.


Ich schrieb im vorletzten Newsletter unter anderem deswegen so euphorisch über die Carney Rede, weil ich in ihr eine konkrete Pfadalternative dazu formuliert sah. Aber inzwischen lies mich folgende Beobachtung von Jonas Schaible innehalten.

Carney sagt „Mittelmächte“ und alle sagen selbstsicher „Mittelmächte“

Der Begriff „Mittelmächte“ (Middle Powers) war mir erst gar nicht so aufgefallen und ich schätze, Carney wird den Begriff irgendwo her haben, aber seit seine Rede in allen Zeitungen der Welt rauf- und runterzitiert wird und sich auch Spitzenpolitiker*innen auf den Begriff beziehen, ist „Mittelmacht“ jetzt offensichtlich „a thing“.

Und „zack“ leben wir in einer anderen Welt, in einer neuen semantischen und damit aber auch politischen Dreiteilung der Welt.

Das passiert nicht zum ersten Mal?

Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich die Rede von der „Ersten-„, „Zweiten-“ und „dritten Welt“, in der sich der Westen zuerst setzte, den sozialistischen Block aufs Zweite-Siegertreppchen und alle anderen zur „dritten Welt“ erklärte und damit sowas wie „Holzklasse“ meinte.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs setzte sich die Dreiteilung „Entwicklungs-„. „Schwellen-„, Industrie-Land durch, die so ziemlich dieselbe Hierarchie und universelle Entwicklungs-Richtung markiert und viele geographischen Überschneidungen mit der alten Ordnung aufweist, aber auf den Bezugsrahmen der „Wirtschaftsleistung“ setzt.

Carneys Mittelmächte implizieren die Existenz von „Klein-“ und „Großmächten“ und setzen damit einen neuen Bezugsrahmen: geopolitische Handlungsfähigkeit.

Jede einzelne dieser Einteilung ist nicht nur west-zentristisch und arbiträr, sondern jeweils auf ihre eigene Art und Weise arrogant und kolonialistisch/imperialistisch.

Semantik ist – wie andere Infrastruktur auch – immer „Handlungszeug“. Wir teilen uns die Welt gerne so ein, wie es uns im Moment „praktisch“ erscheint.

Carney fand den Begriff „Mittelmächte“ praktisch, um die Perspektive Canadas auf die Weltlage zu erklären, aber auch, um es als Solidaritätsangebot an andere „Mittelmächte“ (vornehmlich die Europäer) zu richten, die sich durch diese Perspektive ebenfalls angesprochen fühlen. Ein Bündnis der Mittelmächte gegen die Großmächte, denen man sonst ausgeliefert ist, klingt erstmal vernünftig.

Ob sich eine Semantik durchsetzt, liegt nicht nur an ihrer Reichweite, sondern vor allem welchen Nutzen andere Akteure darin sehen. Die USA und China werden sich ihren Großmacht-Status sicher gern ans Revers hängen. Russland, Indien und „die EU“ sind vermutlich Mittelmächte aber könnten durchaus Großmachtambitionen aus dem Framework ableiten. Russland Israel beweisen regelmäßig eine zumindest an ihrer ökonomischen Relevanz gemessene überproportional große geopolitische Agency – und das liegt nicht nur an Atomwaffen.

Das Framework würde also geopolitische Machtprojektion mit Statusgewinn belohnen, denn when a measure becomes a target, it ceases to be a good measure. Und niemand – absolut niemand – will in dieser Welt eine „Kleinmacht“ sein.

Was der Begriff „Mittelmacht“ aber auch sofort evoziert, ist ein Gefühl der Bedrängnis. Man ist mehr Beute, als Raubtier und findet sich irgendwo im Mittelteil der „Nahrungskette“.

Deswegen hat Carneys Solidaritätsangebot („Wir Mittelmächte müssen jetzt zusammenhalten“) auch etwas bedrohliches. Klar, wenn sich die Halbstarken zusammentun, haben sie bessere Chancen gegen den Starken, aber sie sind gleichzeitig eine größere Bedrohung für die Kleinen?

Carney formuliert geschickter als Rubio, aber der implizite Ausschluss der „Kleinen“ in seiner Geste lässt auch seinen imperialistischen Blick auf die Welt hervortreten.

Carney spielt ein doppeltes Spiel, wenn er das Schild des „Imperialismus“ aus dem Fenster nimmt. Er nimmt nur das Schild diesen – amerikanischen Imperialismus – aus dem Fenster, nicht das des Imperialismus ansich.

Das bedeutet nicht, dass wir Carneys Angebot ausschlagen sollten, aber wenn wir die Welt je wieder stabilisieren wollen, brauchen wir einen anderen Blick auf die Welt.


Letztes Wochenende lief am hamburger Thalia Theater der „Prozess gegen Deutschland“ und dort hat neben allerlei anderer Normalisierung von rechtsradikalen Akteuren und Diskursen vor allem Harald Martenstein einen „Splash“ mit seiner AfD-Verteidigungsrede hingelegt (kein Link), die danach ziemlich viral ging. Seine Rede kurz zusammengefasst: Schon Strauß war korrupter Rassist, also ist Rassismus als Ideologie doch schon irgendwie OK?

Weil diese Rede nicht unwidersprochen bleiben darf, hat sich LowerClassjane bereit erklärt, die Gegenrede zu schreiben und ich hoffe einfach, dass sie drei mal so viel geteilt wird, wie Martensteins schwerelose Hirnfürze.

Du inszenierst dich als Dissident, als mutigen Liberalen gegen vermeintliche Denkverbote. Tatsächlich riskierst du nichts. Deine Position bleibt abgesichert. Dein Status unangetastet. Du spielst mit Begriffen, während andere mit den Konsequenzen leben müssen.

Du theoretisierst über völkischen Nationalismus, während rechte Gewalt steigt. Während Menschen angegriffen, gejagt, ermordet werden – weil sie die falschen Namen tragen, die falsche Hautfarbe haben, nicht in das Bild passen, das du so beiläufig normalisierst.

Für dich ist das Theorie.
Für andere ist es Realität.

Die weiße bürgerliche „Mitte“ organisiert fleißig narrative Pfadgelegenheiten, um keine Verantwortung für den aufkommenden Faschismus übernehmen zu müssen.

Dass deine Rede gefeiert wird, sagt mehr über ihre Funktion als über ihren Mut. Sie beruhigt. Sie verwandelt Alarm in Übertreibung. Sie macht aus autoritären Projekten diskutable Geschmacksfragen.

Was auf dem Spiel steht, ist nicht, ob man konservativ sein darf.
Was auf dem Spiel steht, ist, ob Zugehörigkeit zur Verhandlungsmasse wird.

Wenn deine Rede tausendfach geteilt wird, dann nicht, weil sie mutig ist. Sondern weil sie Rechtsradikalismus als etwas Vertrautes tarnt.

Was vertraut wird, wird nicht mehr gefürchtet.
Was nicht mehr gefürchtet wird, wird irgendwann akzeptiert.

Und irgendwann umgesetzt.

Normalisierung ist die ein Pfad, der zur Infrastruktur wird. Erst wird er sagbar, dann wird er baubar, dann wird er hungrig. Und dann ist es zu spät.

Krasse Links No 77

Willkommen zu Krasse Links No 77. Ich müsste meinem Gehirn gerade echt etwas Ruhepause gönnen, aber die Nachrichtenlage lässt das nicht zu. Deswegen eine Sondersendung zu Epstein.

Vorsicht. Du solltest dir vorher überlegen, den Newsletter zu lesen, denn es wird auch um sexuelle Gewalt gehen und es wird generell emotional fordernd, für manche vielleicht triggernd und ganz allgemein … unangenehm.

Aber jetzt beleiht Eure Verschwörungstheorien, heute tracken wir das Patriarchat an 4chan, um mit Bannon auf dem Epstein die Omelas der antisemitschen Rackets zu heben.


Das DOJ hat letzten Freitag etwa die Hälfte der Epstein-Files veröffentlicht und seitdem wühl ich mich wie Millionen andere durch die Files und versuche seitdem wieder klarzukommen.

Ich verfolge den Fall seit den späten 2010er Jahre, hab ein, zwei Dokus gesehen und einen Podcast gehört und es war damals schon klar, dass die Ausmaße des ganzen sehr viel größer sind, als bekannt war. Insbesondere die Aussagen der Opfer machten klar, dass es sich hier um eine größere Operation handelt, in die viele mächtige Menschen involviert sind. Ich war also auf einiges gefasst, aber dennoch sprengte es alles, was ich mir vorstellen konnte. Und zwar in jeder Hinsicht. Es ist gleichzeitig alles größer, brutaler, tiefer und relevanter als ich es mir vorstellen konnte.

Da es die erste Hälfte der Files ist, dürfte die zweite Hälfte die krassere Hälfte sein. Einige Files wurden vom DOJ nachträglich wieder zurückgezogen und natürlich sind die Files immer noch heftig geschwärzt, allerdings manchmal auch an den falschen Stellen nicht, so dass einige Opferidentitäten und Datails enthüllt wurden, während die meisten Eingriffe sehr eindeutig vor allem Täter schützen.

Es fehlt also noch so vieles und doch reicht es. Es ist genug, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Es ist genug, sich eine Vorstellung davon zu machen, was vor Ort passierte, welche Kreise grob involviert sind und wie das ganze funktionierte. Und es reicht, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr wir manipuliert wurden und immer noch werden.

Die Erkenntnis ist: Beträchtliche Teile des einundzwanzigsten Jahrhunderts und wahrscheinlich auch des Ende des 20. Jahrhunderts müssen neu geschrieben werden. Epstein hat die Realität selbst zerbrochen.

Für Leute, die selbst durch die Files gehen wollen, eine Warnung. Da ist unglaublich viel Verstörendes dabei, unvorstellbare Bilder (selbst mit den geschwärzten Stellen), auf die ich hier nicht zeigen oder auch nur näher drauf eingehen will, vieles ist inzwischen wieder gelöscht, wie zum Beispiel die Dokumente mit den vom FBI gesammelten Anschuldigungen gegen Trump, die allein schon ob ihrer Vielzahl, ihres Detailreichtums und wechselseitiger Kohärenz so glaubwürdig wie schrecklich erscheinen. Aber hier gibt es gesicherte Screenshots.

Zu diesem Zeitpunkt finden sich 4.744 Erwähnungen von „Trump“ in den Files. Das Wort „torture“ taucht 521 auf, „Gynecologist“ 108 mal. Das FBI hatte bereits eine Liste mit prominenten Beschuldigten im Epstein-Fall zusammengestellt, ganz oben Donald Trump und dann die üblichen, Bill Clinton, Prince Andrew, aber Naomi Campbell und Kevin Spacy. Aber die eigentliche Liste ist viel, viel länger.

Das ist das hirnexplodierende: Epstein ist überall, kannte jeden, auch nach seiner ersten Verurteilung als Trafficer von Minderjährigen. Mehrere US-Präsidenten (mindesten Trump und Bill Clinton), prominente Demokraten wie Republikaner und die halbe globale Monarchie-Szene ist verstörend tief verstrickt, der britische (ehemals) Prince Andrew, Norwegens Mette-Marit, Schwedens Princess Sofia, Saudis Mohammed bin Salman, die halbe Milliardärskaste: Bill Gates, Richard Branson, Andrew Farkasm, Ian Osborne und natürlich etlichen Broligarchs. Staranwalt Ken Starr, Amerikas bekanntester Ökonom, ehemaliger Harvard Präsident und ehemaliger Finanzminsiter Larry Summers, aber auch der Trump Biograph Michael Wolff sind eng mit ihm.

Epstein hängt außerdem ständig mit Woody Allen ab, ehemaligen europäischen Staatschefs, allerlei Stars und andere Prominente. Es gab einen Talenttransfers zwischen Microsoft und Apple mit direktem Kontakt zu Tim Cook. Er ist mit Peter Thiel seit mindestens 2014 eng befreundet, mit Bannon seit 2017, er traf Moot und findet Bezos „is a very nic= person“, der heutige US-Finanzminister Howard Lutnick besucht ihn bereits 2011 auf der Insel, hat sogar Deals mit ihm, mit Robert F. Kennedy Jr. ist er natürlich auch eng, sogar Trumps neuer Pick für den FED-Chef, Kevin Warsh, taucht in den Files auf. Hier ein ausführlicher Wired Artikel über die Files zu Read Hoffmann, Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg. Der Regisseur der gerade verlachten Melania-Doku ist sogar mit inkriminierenden Fotos vertreten. Die Wikipedia führt eine Liste.

Man kann auch lesen, wie Musk Epstein immer wieder wie ein notgeiler Teenager anbettelt, ihn auf seine Sexparties auf der Insel und oder in New York einzuladen. Als ich in Krasse Links No 74 über den KI Forscher Joscha Bach schrieb, wusste ich noch nicht, dass er einen Trip nach Vergewaltigungs-Island gebucht hatte. Das und anderes hat der Spiegel gefunden, der Bachs tiefreichende Verbindungen zu Epstein zusammengefasst offengelegt. Und hier eine länger werdende Liste mit anderen Wissenschaftler*innen, die auf Epsteins Gehaltsliste standen. Das Magazin Nature hat einen längeren Bericht dazu, wie Tief Epsteins Einfluss in der Wissenschaft ging.

In diesem Emailthread versucht Epstein Noam Chomsky mehrfach zu überreden, ihn zu besuchen und lockt mit „interessanten Gesprächspartnern“, erst mit Thorbjorn Jagland, dem ehemaligen norwegischer Ministerpräsident und Juryteilnehmer des Friedensnobelpreiskommittees, dann zu einer exklusiven UN-Party bei sich nach Haus und dann, als er grad wieder mit Ehud Barak, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten rumhängt, ebenfalls ein Epstein-Regular.

Wir wissen bereits, dass Epstein seine Hände auch schon sehr früh in „KI“ hatte (seit 2002), dasselbe müssen wir jetzt auch für Bitcoin feststellen, und zwar zu entscheidenden Zeiten. Auch in die weitere Cryptoszene war er gut vernetzt: hier erzählen die Jungs von Crypto Critics‘ Corner die Geschichte der Freundschaft zwischen Crypto Milliardär Brock Pierce und Epstein, die so weit ging, dass sie sich gegenseitig „Mädchen“ als Gastgeschenk mitbrachten.

Überall werden gerade unzählige Geschichten nochmal neu und anders erzählt und egal ob Politik, Tech, Medien, KI, Crypto oder Wissenschaft, am Ende verschmelzen sie zu einer einzigen Geschichte: Die Elite ist nackt.


Hier eine Politico-Zusammenfassung der Einschläge in Europa.

In Norway, one prominent diplomat has already been suspended and a police investigation has been opened into a former prime minister. In the U.K., the former ambassador to the U.S. has been fired; on Tuesday, he resigned from the House of Lords. Police are reviewing reports he shared market-sensitive information with Epstein.

Andrew Mountbatten-Windsor, formerly known as Prince Andrew, was stripped of his royal titles and residence. A charity founded by his ex-wife Sarah Ferguson, the former Duchess of York, will shut down indefinitely following the release of emails where she called Epstein a “legend” and “the brother I have always wished for.”

Nur in den USA ist gibt es keine Regung. Aber es brodelt gewaltig.


Eine der erschütternsten Dinge, die ich gelesen habe, ist das dreiteilige Tagebuch von einem Mädchen, das offenbar in Kooperation mit seinen Eltern von Jeffrey Epstein auf seiner „Zorro Ranch“ in New Mexico festgehalten wurde. Es ist in „Geheimschrift“ verfasst und man liest es immer zweizeilig nach links nach rechts und von oben nach unten, das FBI hat aber jeweils auch Übersetzungen angefertigt.

In einem der Tagebücher (Original) beschreibt das Mädchen seine Rolle als Gebärmaschine in einer art eugenetischen Breeding-Experiment:

I am nothing but your property and incubator! .
You only trust me when I am under your complete CONTI t
I will never trust another man EVER! […]

Superior gene pool ?!? Wh e? Why my hair color and eye color?
g me on some days like Im the enemy but o be, warm.
confusing.

makees no sense.

That feels very Nazi like thin’nk[ing] about these stupid insane theories he has I guess in his mind it makes sense.

Und in einem anderen, (Original) wie sie nach und nach den Glauben an die Menschheit verliert:

Whether its with Jeffrey, Mr. Leonsis, Mr. Case, Mr. Snyder, the Gregorys, Mr. Colgan or one being borrowed by a seemingly „good“ federal worker and even rented,

it is all horror.

And nothing is as it seems.

I am so confused by everything and people you expect to be good like even old senators like George Mitchell who you think would be good like a grandpa are bad.

Es gibt noch ein drittes Tagebuch: Original, Übersetzung.

In allen Tagebüchern werden eine menge Namen genannt, von mächtigen Männern, die alle frei herumlaufen.


Auch T-Online hat sich die Zorro Ranch, wo die Tagebücher herkommen, genauer angeschaut.

Die Ranch sollte für Epstein jedoch darüber hinaus einen weiteren Nutzen erfüllen. Lange eiferte er einer Vision nach: der „Optimierung der Menschheit“. Berichten unter anderem der „New York Times“ zufolge wollte er die Ranch in New Mexico zu seiner persönlichen „Baby-Farm“ umfunktionieren, auf der er reihenweise Frauen mit seiner DNA befruchten wollte.

Er folgte damit einer Ideologie, die als Transhumanismus bezeichnet wird und die Optimierung des Menschen durch Gentechnik und Künstliche Intelligenz propagiert. Kritiker bezeichnen diese Vorstellung häufig als moderne Form der Eugenik, der Erbgesundheitslehre der Nationalsozialisten. Elon Musk, dessen Name auch in den Epstein-Dokumenten auftaucht, verfolgt ähnliche Visionen. Er will sich seine ganz persönliche „Legion“ an Nachkommen zeugen.

Aber dass es ein Eugenetik-Labor ist, heißt nicht, dass mächtige Männer dort keinen Spaß haben dürfen.

Zu den bekannten Gästen auf der Zorro Ranch zählten der ehemalige Prinz Andrew, der frühere Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, sowie Woody Allen, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Kind die Ranch besucht haben soll. Eine der Überlebenden erinnert sich zudem daran, in die Residenz des damaligen Gouverneurs gebracht worden zu sein, beschuldigte Richardson jedoch nie der sexuellen Ausbeutung. Eine einstige Mitarbeitende behauptet, auch die Clintons einmal vor Ort gesehen zu haben. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Der ehemalige US-Präsident sowie seine Frau sollen am Ende des Monats vor einem Untersuchungsausschuss zum Fall Epstein aussagen.

Es sollen auch Leichen auf dem Grundstück begraben sein. Die Zeugenaussagen sind schwer zu ertragen.

Eine weitere Überlebende berichtet, dass auf der Ranch Dinge geschehen seien, die „so schrecklich“ gewesen seien, dass sie bis heute nicht darüber sprechen könne. Sie beschreibt ihre Erinnerungen als brüchig. Woran sie sich jedoch erinnere, sei eine Reihe von pseudo-gynäkologischen Untersuchungen, die Epstein an ihr vorgenommen habe. Zudem sei sie eines Morgens in einer Art Labor aufgewacht, umringt von Menschen in Schutzanzügen. An Epsteins private Insel könne sie sich noch lebhaft erinnern – was die Ranch angehe, habe sie jedoch unerklärlicherweise massive Erinnerungslücken.

Im Gegensatz zu allen anderen Epstein-Anwesen wurde die Zorro Ranch nie durchsucht (Wie das FBI hier hintern selbst vermerkt) und privat verkauft. In New Mexicos Parlament gibt es bereits eine politische Initiative für eine Aufarbeitung, die vielleicht in ein paar Jahren ein Ergebnis präsentieren?

Aber man könnte auch einfach mal hinfahren und und wenigstens gucken, ob da noch wer festgehalten wird? Also: jetzt?


So schlimm das alles ist: Es ist fast noch schlimmer, in Epsteins Emails zu wühlen, wozu sich JMail anbietet, eine Website, die quasi die Innenansicht von Epsteins Gmailkonto darstellt.

Man findet so vieles, aber es ist gar nicht diese eine Smoking Gun, die mich gebrochen hat. Beim Browsen entfalten sich die habituellen Strukturen, der „Vibe“. Die Leichtigkeit ihrer Verbindungen, die Beiläufigkeit ihrer Verbrechen, der Zynismus ihrer „Währungen“ und die Selbstverständlichkeit ihres Blicks auf die Welt.

Aber vor allem die an allen Ecken und Enden hervortretende Frauen- und generelle Menschenfeindlichkeit, die junge Frauen und Kinder als konsumierbare Wegwerfware behandelt. Es gibt dafür viele Beispiele, etwa diese Mail an Epstein:

My russian friend is on holidays in Paris now 🙂 she is fun and gorgeous! Ahh…perfect skin and incredible shape. However, be gentle with her and not a naughty one plz!!!

Oder diese:

Thank you for a fun night…
Your littlest girl was a little naughty.

Oder diese Email an Epstein:

Do you remember the name of the Gynocologist that you used to send your victims to?

Aber am besten illustriert es dieses Zitat einer beiläufigen aus Email von Epstein an irgendjemanden.

„where arc you? are you ok , I loved the torture video“


Rebecca Watson hat ein Video darüber, wie sie erneut in den Epstein-Akten auftaucht und dadurch nachträglich versteht, wie sich mächtige Männer der Skeptiker-Szene damals zusammen mit Epstein gegen sie verschworen.

Der bekannte Physiker Lawrenbce Krauss und der noch bekanntere Evolutionsbiologe Richard Dawkins tauschten sich mit Epstein über den Fall aus. Ich hatte die Debatte damals am Rand verfolgt, denn es war eine dieser frühen, pfadentscheidenden Kulturkriegs-Schlachten und endete, wie diese Schlachten damals immer endeten: Frauen und ihre Perspektive wurden rausgedrängt.

In einer Mail an seinen Anwalt bezüglich seiner Fälle wegen sexuellen Fehlverhaltens, bittet Krauss seinen Anwalt doch bitte mal mit seinem superschlauen Kumpel Epstein zu sprechen, der eigene Ideen für die Verteidigung hat und kündigt ihn wie folgt an.

Bottom line is that Jeffrey is not only friends with most of the famous people from finance, to business, to Hollywood, who have either been brought down during #metoo and he also speaks regularly with people ranging from the awful white house people, who he is friends with, to ken starr etc.


Als der Trumpbiograph Michael Wolff und Epstein-Buddy ihn fragt, ob er einem Kollegen bei seinem Metoo-Fall helfen kann, ist Epstein auch gleich dran. Der Gurardian hat sich sich genauer angesehen:

Wolff wanted Epstein to support Stephen Elliott, a writer looking to sue the creator of the Shitty Media Men List, a crowd-sourced Google Doc that detailed anonymous allegations of misconduct against dozens of men who worked in the media industry.

“I have always thought that the way back from this climate is through specific instances of individuals successfully challenging their persecution,” Wolff wrote to Epstein, according to emails released in a tranche from the so-called Epstein files. “If his story is solid he might be worth supporting.”

Initially, Epstein was unmoved. In a single-word, no-punctuation email, the convicted sexual offender replied: “tough.”

“Give it some further thought, if you would,” wrote Wolff, who had originally received Elliott’s pitch through Lorin Stein, the former editor of the prestigious Paris Review and another name on the Shitty Media Men List. “I think there is an opening here. What you need is an excuse – or opportunity – to make the public argument.”

Epstein relented: “ill help anyway i can. if you like.”

Metoo war nicht nur schlecht für Epstein, wie er Gegenüber seim Freund Joi Ito, dem Gründer und Leiter vom MIT Media Lab, zugibt:

with all these guys getting busted for harassment , i have moved slightly up on the repuation ladder and have been asked everday for advice etc


Elizabeth Lopatto hat in the Verge die Files zusammengesammelt und eingeordnet, die Epstein als Kulturkrieger aus dem Hintergrund zeigen. Instrumental dafür war John Brockman und seine von Epstein finanzierte Edge-Foundation, dessen Netzwerk wir bereits in Krasse Links No 74 beleuchteten. Lopatto schreibt:

The boys’ club at the Edge Foundation created a jumping-off point for social contacts for Epstein. Their “Billionaires Dinner” in 2011, which Epstein attended, featured a number of familiar names that appear in the Epstein files: Musk, Sergey Brin, David Brooks, Marissa Mayer, Jeff Bezos, and Nathan Myhrvold (who would later introduce Epstein to Bill Gates). The “Billionaires Dinner” stopped after Epstein made his final donation to Edge.

Brockman also set up a dinner in 2012 with a very exclusive invite list, which included Bezos, Paul Allen, Brin, Anne Wojcicki, Larry Page, Evan Williams, and Myhrvold. “Please show up alone,” Brockman said to Epstein. MIT Media Lab’s Joichi Ito also seems to be willing to broker meetings between Epstein and Bezos or “Bill.” It’s not clear which Bill is referred to here, but Bill Gates was surely close with Epstein, close enough that the tranche of documents shows extensive contact between the two men.

Auch Lopatto schreibt über Lawrence Krauss.

The most extensive emailed advice seems to be to physicist Lawrence Krauss. When Krauss was contacted by journalist Peter Aldhous for comment on a BuzzFeed story about sexual harassment allegations, he forwarded the email to Epstein and repeatedly asked him for advice about how to handle Aldhous. (Krauss strenuously denies the allegations against him, and says he “sought out advice from essentially everyone I knew”.) Krauss sent drafts of his proposed emails about the story to Epstein as well. “Impossible to publish anything about metoo, even if the =uthor was acquitted,” Krauss wrote to Epstein. That was of particular interest to him, because Krauss was planning to write his own #MeToo book, he wrote in another email to Epstein. Later, he wrote to Epstein that a woman on a conciliation committee is “old.. not some young metoo bitch.” This is good news, Krauss notes.

Und folgert:

It’s hard not to read these files and come to the conclusion that Epstein helped engineer the ultimate elite impunity — in which our society has been totally destroyed so the richest and most powerful men in the world can do whatever they want.

Wenn man sich in Epstein und seine Kreise hineinversetzt, versteht man, welche Bedrohung eine Clinton-Präsidentschaft (nachdem Obama ihn bereits verschmäht hat) und später Metoo für sie bedeutete.

Epsteins Ablehnung gegenüber Frauen ist nicht nur habituell, sie ist materiell. Frauen an der Macht, oder auf Augenhöhe, oder überhaupt die Idee, Frauen als Menschen zu behandeln, bedrohen ganz direkt sein Businessmodell? Wenn man in Epsteins Emails nach Metoo sucht, kann man nachlesen, wie unangenehm das ist, wie er merkt, dass seine Infrastruktur ein „strandet Asset“ wird, wenn sich Feminismus in seinen Kreisen durchsetzt.

Und dann ist es wie überall: Misogynie ist das Gateway, Faschismus ist der Pfad. Schon 2015 wollte Epstein alles brennen sehen, nach dem Brexit schreibt er an seinen Kumpel Peter Thiel: „brexit, just the beginning“ und erläutert auf Nachfrage:

return to tribalism . counter to globalization= amazing new alliances. you and I both agree= zero interest rates were too high, and as i said in your office. =AO finding things on their way to collapse , was much easier than finding =he next bargain

Sein anderer Kumpel Steve Bannon berichtet ihm dann ab 2018 dann immer wieder über seine Fortschritte bei der Vernetzung der rechten Parteien in Europa.

Hier die These:

Ein wesentlicher Kern des Rechtsrucks den wir die letzten Jahre erlebt haben, wurde von einer Gruppe lose vernetzter Milliardäre und „Shitty Men in Media“ „engineered“, die sich als loses Netzwerk von Kulturkriegern zusammenfanden, weil sie Angst vorm Feminismus hatten.

Aber so peinlich, weinerlich und pennälerhaft, wie all das Zustandekommen wirkt: Ihre Pfadgelegenheiten von damals sind unsere diskursiven Infrastrukturen von heute.

Und so lernen wir, wie Verschwörungen wirklich funktionieren.

Mächtige Männer vernetzen sich entlang ihrer Interessen, nutzen einander als Pfadgelegenheiten, die dann zu unseren Infrastrukturen werden. Sie treffen sich dafür nicht in verrauchten Hinterzimmern und sie schmieden auch nicht den „großen Plan“, sondern „lauern“ vernetzt wie 4Chan-Shitposter auf ankommende Pfadgelegenheiten und suchen nach idealen Fulcren, um die Wirkung ihrer Hebel zu maximieren.

Eine Verschwörung ist, wie jede andere menschliche Handlung auch, eine iterative Pfadoperation.


Und jetzt können wir so tun, als würden sich „die Guten“ jetzt als „die Bösen“ rausstellen, aber wer dieser Interpretation folgt, hat nicht aufgepasst, sagt Pissed magitus.

Ihr müsst entschuldigen. Als westdeutscher, weißer, heterosexueller Gen-X-Dude bin ich rückblickend in einer zeitlich und räumlich unnatürlich stabilen und behüteten Blase aufgewachsen, die in mir eine Erwartungsstabilität herstellt hat, aus der der momentane Fall in die Realität wahrscheinlich tiefer als bei manch anderen ist?

Ich bin jedenfalls wirklich erschüttert, aber auch nicht erst seit den Epstein-Files, sondern eigentlich seit ich in Krasse Links das Ende des Westens dokumentiere, und das Feedback auf den Newsletter zeigt, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin.

Aber wenn, wie ich glaube, das System vor allem auf der Erwartungsstabilität gerade von Menschen wie mir basiert, werden wir bald noch viel mehr kollabieren sehen, als nur Erwartungen.


Die Times hat einen Artikel über Epsteins Israel-Connetions und natürlich war er ein israelischer Spion. Auch das FBI glaubte, dass Epstein ein coopted Mossad-Spy war. Die Times schreibt:

The files include claims from a confidential informant to the FBI that, far from disliking Israel, Epstein was in fact employed by its spy agency, Mossad. An FBI report from the Los Angeles field office written in October 2020 said the bureau’s source had become “convinced that Epstein was a co-opted Mossad agent”.

It said the Wall Street financier had been “trained as a spy” for Mossad, alleging that Epstein had ties to US and allied intelligence operations through his longtime personal lawyer Alan Dershowitz, a Harvard law professor whose orbit included “many students from wealthy families”. It said Jared Kushner, President Trump’s son-in-law and his brother, Josh, a financier, were “both his students”.

Die Hinweise auf Epsteins Israels-Connections brauchen bald eine eigene Wikipedieseite. Hier ein paar.

  • Seinen frühen Kontakt zu Anan Khashoggi dem zwielichtigen Waffenhändler der in der Iran Kontra-Affaire verstrickt ist.

    In 1989, Ben-Menashe spent a year in prison for allegedly selling three Israeli military planes to the Khomeini regime (he was later acquitted). In the same years, Epstein had been hired by the ultra-rich businessman Adnan Khashoggi from the Kingdom of Saudi Arabia – coincidentally, the place of residence in Epstein’s fake passport. And it is precisely Adnan Khashoggi who ended up in the sights of the federal Iran-Contra federal investigators as a middleman in the sale of U.S. weapons to Iran through Israel.

  • Die zentrale Rolle von Leslie Wexner in seinem frühen Aufstieg, ein pro-zionistischer Philantrop mit eigener Israel-Naher Stiftung.
  • Der weirde Zufall, dass er sein Sexbussiness zusammen mit der steinreichen Tochter von Robert Maxwell gründete, der britische Medienmogul, der eine zentrale Rolle in der Gründung Israels spielte auch später für den Mossad arbeitete.
  • Oder dass der Name Alan Dershowitz praktisch überall auftaucht, nicht nur in Epsteins engeren Kreis, sondern auch vor allem im Zusammenhang mit seiner Verurteilung, und der ebenfalls offen für Israel arbeitet.
  • Und klar, seine definitiv als „eng“ zu beschreibende Beziehung zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Edmud Barak, mit dem er im ständigen Austausch stand und dem gegenüber er in 2018 witzelte:

    you should make clear that i dont work for mossad. 🙂

  • Hier ein fast einstündiges Telefonat zwischen Epstein und Edmud Brarak über Obama, Iran und alles mögliche.

Nussbacher, ein britischer Nachrichtendienst Kontakt, bringt in der Times etwas Nuance in die Debatte:

“Every intelligence agency has people who work for the agency, who are on salary, who have their pension paid for by the agency, we call them officers,” she said. “Then there are people whose officers influence them to do work for their agency; sometimes paid, sometimes manipulated, sometimes blackmailed — they’re called agents.

“And then there are people who are assets. They are just useful. Is it possible that Epstein was an asset to the Mossad? Yes. Do I think he was an agent of any intelligence agency, I think it was unlikely. Was he an officer? No.”

Ok, also Epstein war mindestens ein israelisches Asset.

Aber auch ein russisches, wie es aussieht?

Ein amerikanisches Asset sowieso? Als Alan Acosta, der damalige Staatsanwalt und spätere Arbeitsmisister in Trumps erster Adminsistration rechtfertigte sich rückblickend für Epsteins Sweetheart-Deal, den er eingetütet habe, mit den Worten: I Was Told Epstein ‘Belonged to Intelligence’ And to Leave It Alone. Und kann sich jemand vorstellen, dass die CIA das in den USA stattfinden lässt nichts wusste?

Außerdem hatte Epstein noch Geheimdienstkontakte zu ehemaligen britischen Spionen.

Ich denke die Wahrheit ist komplizierter. Epstein war öffentliche Infrastruktur. Nicht nur für Milliardäre, für Spitzenpolitiker, für Top-Wissenschaftler sonder auch für Geheimdienste. Das musste er sein, denn nur so war er für alle Beteiligten am nützlichsten.


In der taz navigiert Matthias Kalle gekonnt waghalsige semantische Manöver, um über die Enthüllung des Systems Epstein sprechen zu können.

Die Elite der Gegenwart funktioniert fundamental anders. Sie ist keine Kaste, kein Stand, kein Zirkel. Sie ist ein Netzwerk: ein Geflecht aus ökonomischem Kapital, politischem Einfluss, technologischer Infrastruktur und kulturellem Symbolkapital. Wer dazugehört, muss nicht reich oder adlig oder gewählt sein. Er muss nützlich, verknüpft und verfügbar sein. Denn was früher Herkunft war, ist heute Zugang. Was früher Kaste war, ist heute Code. Und was früher Loyalität war, ist heute Funktion. Diese Struktur lässt sich exemplarisch an zwei Fällen zeigen – einem brutalen und einem subtilen.

Ihr müsst euch die alltägliche Nutzerperspektive auf Epstein so vorstellen, dass ihr etwas interessantes in der Zeitung lest und da taucht ein Name auf, der wichtig ist, den ihr aber noch nicht kanntet, dann sind die Chancen hoch, dass der „Jeff“ seine Nummer hat oder zumindest jemanden kennt, der seine Nummer hat, vielleicht ein Treffen arrangieren kann.

Epstein war das Google und das LinkedIn der Elite, die Pfadabkürzung zu Mädchen, Macht, Ruhm, Ideen und wer mit ihm zu tun hatte, wurde Teil des größeren Games.

Egal ob im Finanzwesen, in der Politik, in der Wissenschaft – Epstein hat immer gezielt die jeweils lokalen Netzwerkzentralitäten geleveraged und immer nur die größten Hubs integriert und auf diese Weise seine soziale „Clout“ auf das menschlich mögliche getrieben.

Epsteins ganze Strategie dabei bestand also darin, seine soziale Eigenvector/Katzzentralität zu optimieren, also nicht nur viele Leute kennen, und nicht nur mächtige Leute kennen, sondern viele mächtige Leute kennen, die viele mächtige Leute kennen, usw, also in etwa, wie der Page-Rank-Algorithmus funktioniert, der Google groß gemacht hat.

Man kann die ganze Geschichte des 21. Jahrhunderts als die Entdeckung und gezielten kapitalistischen und politischen Urbarmachtung von Netzwerkeffekten erzählen (was ich im Plattformbuch von der Plattformseite versucht habe).

Kalle fährt fort:

An dieser Stelle – Sie ahnen es wahrscheinlich – muss man einmal kurz innehalten, sehr exakt werden und mögliche Einfallstore für antisemitische Verschwörungstheorien mit Schwung aus dem Weg räumen. Denn die Bilder von „Strippenziehern“, „Schattenmächten“ oder „globalistischen Kräften“, die im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von „Eliten“ auftauchen, führen hier nicht weiter, weil sie reale Machtkritik mit antisemitischer Projektion vermischen.

„Hollywood“ galt und gilt bis heute als „jüdisch“, ebenso „die Finanzwelt“ und „die Medien“. Das ist aber natürlich ein ideologischer Kurzschluss, der Strukturen ethnisiert und die Verantwortung personalisiert. Deshalb braucht es absolute Präzision: Es gibt wirtschaftliche, politische, kulturelle, technologische Eliten. Sie überschneiden sich, aber sie sind nicht homogen. Wer aber das vermischt, will keine Analyse, sondern Hetze.

Draußen im Internet tobt der antisemitische Mob. Sie nutzen die Epstein-Files, um ihre These der „Jüdischen Weltverschwörung“ zu verbreiten. Dass das Quatsch ist, zeigen die Files selbst, wenn man sich die Mühe macht, sie zu lesen.

Wenn Epstein etwas enthüllt, dann dass in der hinter dem Vorhang der liberalen Weltordnung das Patriarchats die Strippen zieht?

Und klar, diese Enthüllung ist nicht wahnsinnig neu, Feminist*innen sprechen seit mindestens einem Jahrhundert davon, aber selten konnte man diesen Zusammenhang so offen und nachvollziehbar – ohne jede Theorie – einfach in Originaldokumenten nachlesen?

Ich mein: die halbe Armee der „Free Speech“ Culture Warriors der letzten Jahrzehnte steht in den Epsteinfiles, teils beim direkten „Konspirieren“ gegen die Opfer ihrer sexuellen Missetaten oder gegen „unangenehme“ Feministinnen und ihre kritischen Fragen.

Aber gut, stellen wir die unangenehme Frage:

Warum – ausgerechnet – ein Jude?

Und jetzt könnte man diese Frage von vornherein als „antisemitisch“ ablehnen und das ist fair, aber sie wird ja dennoch gestellt werden? Und, ich bin ehrlich, auch ich stelle sie mir?

Aber den ersten Einwand, den man hier machen muss, ist der, das „System Epstein“ eben nicht „jüdisch“ war. Unter seinen Kooperationspartnern, im inneren Kreis seiner Kontakte und unter den beschuldigten Tätern und denen, die alles unterm Deckel gehalten hqben finden sich deutlich mehr weiße Christen, als Juden. Epstein war keine „jüdische“ Verschwörung, wenn überhaupt eine im weitesten Sinne „westliche“ Verschwörung.

Ein weiterer Einwand, den man machen muss, ist, dass der Epstein-Fall zwar eine unglaubliche weitreichende Verschwörung ist, aber eben nicht die einzige? Wie viele Verschwörungen da draußen gibt es noch? In wie vielen davon sind Nicht-Juden die Netzwerkzentralität? Allein Koch-Familie hat sich jahrzehntelang unzählige Male gegen uns alle verschworen, um ihre Fossilmilliarden auf Kosten unserer Zukunft zu verteidigen.

Nein, es sind nicht „die Juden“, es sind „die Eliten“. Ja, das darf man wieder sagen und wer euch was anderes einredet, hat entweder nicht hingeguckt, oder will euch gaslighten.

Aber gut, gehen wir noch weiter und nehmen an, dass es trotzdem „kein Zufall“ ist, dass es ein Jude war, der das alles organisierte.

Selbst dafür finden sich nicht antisemitsche Erklärungen?

Zum Einen könnte sich sich hier schlicht eine antisemitische Geste wiederholen, die wir schon aus dem Mittelalter kennen. Damals übernahmen Juden den Geldverleih, weil Zinsen zu nehmen unter Christen als moralisch verwerflich, als „dreckiges Geschäft“ galt. Das ist der Grund für den „Head Start“ jüdischer Banker, dessen pfadabhängige Weiterentwicklung heute noch gut im Bankensektor beobachtbar ist.

Ich will jetzt keineswegs „Zinsen nehmen“ und „Kinder vergewaltigen“ vergleichen, aber mir scheint plausibel, dass, wenn eine Runde westlicher Elite-Arschlöcher beieinander sitzen und sich fragen, wer „das dreckige Geschäft“ übernehmen soll, „der Jude“ nach wie vor nicht die unwahrscheinlichste Antwort ist?

Zum anderen kann ich mir auch gut vorstellen, wie man gegenüber Epstein diese Entscheidung begründet haben könnte:

Es ist das perfekte Cover. Der Verdacht wird gesellschaftlich „unaussprechbar“ und wer es dennoch versucht, stellt sich quasi von selbst jenseits des Diskurses.

Hier also meine schlimmste Verschwörungstheorie:

Die Eliten leverageten den Anti-Antisemitismus, um ihre echte Verschwörung im Raum des Unsagbaren zu verstecken.


Während die USA gerade wegen Epstein implodiert, gibt es eine merkwürdige Zurückhaltung in der Deutschen Debatte zu dem Thema? Die liegt nicht (nur) an dem vermienten semantischen Terrain, sondern auch daran, dass gewisse Chefredakteure und Herausgeber selbst inkriminiert sind und zwar aufgrund von John Brockman und seiner zusammen mit Epstein betriebenen „Edge Foundation“.

Boris Rosenkranz hatte bei Übermedien bereits 2019 offengelegt, wie die FAZ aber vor allem die Sueddeutsche auch aus Eigeninteresse bei dem Thema Zurückhaltung üben.


Thorsten Fuchshuber hatte bereits vor ein paar Jahren Max Horkheimers Racket-Theorie, die ja an der Beobachtung des Faschismus entwickelt wurde, als politisch Ökonomie gedeutet.

Denn nicht nur gab im Nationalsozialismus einen Zusammenbruch des Staates als souveräne Gesellschaft, sondern die Banden-Dynamiken, die im Faschismus den Staat als Beute einkassierten, sieht man strukturell in liberalen Gesellschaften immer schon am Machen.

Von den Debatten in den USA ließ er sich insofern leiten, als er das Racket als Agentur zur aggressiven Durchsetzung partikularer Interessen auf Kosten der ohnmächtigen Einzelnen ebenso wie der Allgemeinheit betrachtet. Doch galt ihm der Begriff Racket weniger im Sinne konkret benennbarer, ökonomisch orientierter Banden oder politischer Zusammenschlüsse in der beziehungsweise gegen die Gesellschaft, sondern als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Dieses resultierte ihm zufolge aus der zunehmenden Konzentration und Zentralisierung der kapitalistischen Produktionsweise, war also mit einem Prozess verbunden, den Karl Marx als steigende organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet hatte.

Wir wissen, dass es auch im Vorfeld des Nationalsozialismus enorme Vermögenskonzentration gegeben hatte, in der einzelne Rackets bereits sichtbar waren und wiederum andere dazu zwangen, sich ebenfalls in Rackets zu organisieren.

Durch die Konzentrations- und Zentralisationsprozesse des Kapitals werde diese Konkurrenz zwar nicht abgeschafft, es verändere sich jedoch die Struktur der Konkurrent*innen: Diese treten nicht mehr als unzählige Individuen auf, sondern schließen sich in Rackets zusammen. Und die haben es dank ihrer herausragenden gesellschaftlichen Stellung vermehrt gar nicht mehr nötig, die eigenen partikularen Interessen mit jenen anderer sowie mit denen der gesellschaftlichen Gesamtheit zu vermitteln. Daher, so Horkheimer, haben sie auch kein »Interesse am Funktionieren des allgemeinen Rechtssystems und an seiner unparteiischen Verwaltung« mehr: Die Rackets führen vielmehr den »Kampf gegen das Recht« wie gegen »alle Vermittlungen«, die im Liberalismus »ihr eigenes Leben gewannen«.

Ich würde inzwischen weitergehen und jeder „liberalen Ordnung“ offene, aber auch versteckte Racketstrukturen unterstellen und mit Horkheimer allgemein sagen:

„Die Grundform der Herrschaft ist das Racket.“

Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.

Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.

Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.

Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.

Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.

Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.

Aber das ist für „arme“ Rackets.

Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.

Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.

Nein, das ist keine „jüdische Weltverschwörung“.

Das sind wir. Das ist unser System. Das sind unsere gesellschaftlichen Strukturen. Unsere „Kultur“. Das ist der Keller unseres Omelas.


Ryan Broderick hat auf Garbage Day eine plausible Aufschlüsselung der Moot-Bannon-4Chan-Epstein-Connection.

One of the central internet mysteries of the last 15 years is why 4chan creator Christopher Poole reversed course in 2011 and brought back the site’s politics board, which is called /pol/, or “Politically Incorrect.” It would become the staging ground for Gamergate, the 2016 Trump campaign, and the far-right populism wave that swept the world in the back half of the 2010s.

A version of /pol/ was attempted two times before it finally stuck. First, as /n/, which was meant to be a section for news content. Which ultimately became the “transportation” board in 2008. And then again, in 2010, when Poole launched /new/, largely as a way to quarantine the overwhelming amount of support on the site for Ron Paul’s 2008 presidential campaign. Poole shutdown /new/ in January 2011, telling users at the time, “As for /new/, anybody who used it knows exactly why it was removed. When I re-added the board last year, I made a note that if it devolved into /stormfront/, I’d remove it.” (Stormfront is one of the oldest Neo-Nazi communities on the web.)
So it has never made much sense as to why Poole would ban /new/ for being a racist hell hole and then, barely a year later, launch /pol/, a board specifically designed to be a racist hell hole. But buried inside the newest batch of files related to the Epstein investigation is a possible hint as to what made Poole change his mind. He met with Epstein the day before /pol/ was created.

On October 20th, 2011, Boris Nikolic, a venture capitalist and former advisor to Bill Gates, sent Epstein the Wikipedia page for Christopher Poole, writing, “There is a cool guy (KID) that you should meet.” Four days later, Nikolic followed up, asking Epstein, “How did you like moot? He is very sensitive so be gentile.” (Poole’s username for years was moot or m00t.) “I liked [him a lot]. I drove him home, he is very bright,” Epstein replied. Nikolic went on to write that, “he will be a friend” and that he is “one of the greatest hackers.”

According to Epstein’s emails, that appears to be the only time Epstein successfully made contact with Poole. It seems like organizing a simple lunch meeting with Poole was a genuine nightmare for Epstein and his team. Nikolic said he planned to meet Poole again in early November. And according to a reminder Epstein set, it seems like he planned to meet Poole at the same time. There’s also a separate email thread from October 31st with an unidentified correspondent, where the redacted sender takes credit for introducing Nikolic and Poole, writing, “I introduced Boris to Chris Poole and got them talking, encouraged Boris to get to know him. Boris said the two of you really hit it off. ;-)” Epstein had subsequent meetings scheduled with Poole on November 23rd, January 27th, 2012, which Poole canceled last minute, and, again, in February. There are nearly a hundred emails going back and forth about how Poole kept flaking on them.
But Epstein didn’t forget about 4chan. We can’t say for sure if he was an active user, but, in 2017, he sent Karyna Shuliak, his girlfriend at the time, a 4chan link containing Five Nights At Freddy’s porn.

Meanwhile in March 2012, Bannon, following the death of conservative blogger Andrew Breitbart, was installed as the editor-in-chief of Breitbart News. In 2014, 4chan’s video game board, /v/, and /pol/ started lighting up about the Gamergate conspiracy theory. Milo Yiannopoulos, then a young tech writer for Breitbart, would transform Gamergate from fringe message board drama into the cornerstone of the global far-right movement by repackaging it in articles optimized for Facebook traffic.
Which was perfect timing, because Epstein was beginning to work his way into Silicon Valley.

Lasst es mich so formulieren: Das Narrativ, „anonyme Shitposter auf 4chan emergieren zufällig (halb-)richtige Verschwörungstheorie“ klingt für mich als QAnon-Erklärung nicht mehr plausibel? Dafür sind die Q-Drops zu nahe dran?


In Vanity Fair machen sie sogar die Pizza-Gate Akten wieder auf.

The references span years—from long before Pizzagate existed to long after it was broadly considered debunked.

“What time do you want to get pizza and grape soda tomorrow?” one associate asks Epstein in 2018.

A 2015 subject line reads: “Your Pizza Is YUMMY YUMMY!!”
“This is better than a Chinese cookie!… lets go for pizza and grape soda again. No one else can understand,” a redacted sender writes to Epstein in 2018.

Das deckt sich mit vielen meiner Funde. Beispiel:

Betreff: The Pizza Monster, Epsteins Reply: „she looks pregnant“.

Oder diese merkwürdige … Pizzabestellung? an Jeffrey Epstein.

I know Bobby LOVES =rturo’s pizza on Houston…they open at 4pm..l could send =ojo down to arrive 4pm at Arturo’s, pick up a large cheese and =ake to 301? Bobby says his day is busy but he might be back to =he apartment sometime between 4-6pm…he is at the Friar’s =tub for lunch 2-4 then meeting a friend at 6pm…

(He also likes Patsy’s Columbus and 72nd and Angelo’s =17 W. 57th)

Epstein antwortet nur „Ok“ und genehmigt damit eine … Pizzabestellung zu jemanden in sein Appartment nach Houston?

Das Wort „Pizza“ hat 845 Treffer in den Epstein-Files und Jmail findet 200 davon, sehr viele extrem … „weird“.

Der Artikel zitiert einen Redditor mit einer Verschwörungstheorie, die mir auch sofort in den Sinn kam.

“QAnon was an op to hide this shit in plain sight and make anyone who said anything about it sound like a lunatic. They masked it in a far-right ‘it’s only the dems’ cover,’” argued one Reddit user. “Gloating about projection people fell for. The pizza basement was Epstein island all along,” wrote another.

Also ich bemühe mich ja, zu widerstehen, aber dass Epstein, oder Bannon, vielleicht in Zusammenarbeit mit Maxwell hinter den ersten Q-Drops stand, ist einfach zu verlockend plausibel?

Schaffe eine populäre Verschwörungstheorie über das, was du machst, häng alles dem politischen Gegner an und promote deinen besten Kumpel als „Aufklärer der Verschwörung“ ins Weiße Haus.

Der Backlash gegen die Verschwörungstheorie bereitet das beste Cover für deine Operation und da du eh die hälfte der Elite im Sack hast, finden sich immer Hebel, alles unterm Deckel zu halten.

Ich halte es für möglich, dass Epstein hinter Pizzagate und später auch Qanon stand. Ich halte es aber fast für wahrscheinlicher, dass es Bannon war (er war der eigentliche digital Culture War erfahrene, seit er als Breitbart-Chefredakteur „Gamergate“ orchestrierte), vllt in Zusammenarbeit oder mit Wissen Epsteins. Oder Ghislane Maxwell bereits Pizzagate initiiert, wie viele Glauben oder vielleicht waren auch Roger Stone oder Paul Manafort involviert?

So oder so, meine Verschwörungsthese ist: es war ein Insider.

Und vielleicht war es zuerst auch nur Spaß, vielleicht eine Provokation, vielleicht war das zuerst alles gar nicht koordiniert und wahrscheinlich haben sie dann schnell die Kontrolle verloren, spätestens, als das Ding zu 8chan umgezogen ist.

Aber diejenigen, die das aufgleist haben, waren Insider: dafür sind Pizzagate und die Q-Drops zu nahe dran.


Seit dem letzten DOJ-Drop bin ich mir sicher, dass die Files alle ans Licht kommen werden und ich habe sogar Hoffnung, dass neue Ermittlungen aufgenommen werden und dass der Fall wirklich aufgearbeitet wird.

Der Grund ist einfach:

Das, was die Files so lange unter Verschluss gehalten hat – die Interessen vieler mächtiger Männer – wendet sich nun gegen die Verheimlichung.

Die gesamte amerikanische Elite ist jetzt mit Kacke bespritzt und weil den meisten, der in den Files Genannten wahrscheinlich keine Verbrechen getan haben, verschiebt sich die Balance Richtung Aufklärungsinteresse. Sie alle wissen, dass sie sich von dieser Shitshow nur „reinwaschen“ können (so richtig wird das natürlich nie gelingen), wenn alle Files released, am besten alle Verbrechen aufgeklärt und alle Täter benannt sind.

Derweil werden auch weiterhin überall um uns herum die Truth-Bombs hochgehen.

Weil sich Wissen pfadabhängig fortpflanzt, generieren die Milliarden Daten-Enden der Epstein Files (Daten, Namen, Orte, Emailadressen, Kontonummern, Telefonnummern, etc.) hochreaktive Pfadgelegenheiten zur Verknüpfung mit anderen Daten, aus denen dann neue „Leads“ in „kalten“ Geschichten hervortreten.

Epstein war ein riesiges vieldimensionales Puzzelteil in soo vielen Puzzeln und dieses Puzzelteil löst jetzt eine Kettenreaktion in unzähligen umliegenden Geschichten aus.

Krasse Links No 76

Willkommen zu Krasse Links No 76. Sorry, dass so lange nichts kam, aber erst war ich ausgebrannt, dann passierte alles auf einmal und dann musste ich erstmal meine Gedanken auf Mastodon neu sortieren. Aber jetzt arretiert Eure Souveränität, heute leveragen wir Henry Farrell als Pfadgelegenheit, um der Dollar-Hegemonie das Fulcrum aus dem Fenster zu klauen.


Durch das Weltereignis-DDos sind einige newsletterrelevante Entwicklungen undokumentiert geblieben, die ich, sorry, hier kurz nachreiche:

  • Purge-Koalition: Der Tiktok-Deal ist nun unter Dach und Fach und damit sind alle notwendigen „Infinity Stones“ im Purge-Handschuh. Und während wir warten, dass Trump „Schnipp“ macht und Larry Ellison (die Eigentümerstruktur ist komplizierter, aber allgemein jetzt sehr Trumpnah), Mark Zuckerberg und Elon Musk alle linken, pro-palästinensischen und antifaschistischen Accounts den Hahn zudrehen, wurden um Weihnachten die ersten Vorboten des Purges auch in Deutschland spürbar, als die Macherinnen von HateAid auf die Sanktionsliste gesetzt wurden und der Roten Hilfe und anderen antifaschistischen Organisationen die Konten gekündigt wurden.
  • Massensprechaktwaffen: Elon Musk hat Grok nun mit einer Image-Engine ausgestattet, die Menschen „ausziehen“ kann und mit der die User bereits Jagd auf etliche Frauen und Kinder machen. Inzwischen hat Musk „reagiert“ und das Feature nur noch für Pro-User freigeschaltet. Das ist folgerichtig: jetzt, wo auch für MAGA offensichtlich ist, dass ihre halbe Polit- und Wirtschafts-Elite in den Epstein-Files steht, aber niemand irgendwas deswegen tut, ist der Markt reif für „Epstein as Service“ als exklusives KI-Feature. Immerhin will die EU jetzt einschreiten?
  • Fossilimperium: Trump hat völkerrechtswidrig Venezuela überfallen, den Präsidenten Maduro entführt und behauptet, er würde das Land jetzt per Fernbedienung steuern, aber ich habe Zweifel. Allerdings nicht daran, dass es ihm um das Öl geht – er erzählt es jedem, der es nicht hören will. Auch wenn abzuwarten bleibt, was die Aktion überhaupt gebracht hat, steht fest: Trump konsolidiert die Weltordnung weiter in Richtung PetroStates vs. ElectroStates.
  • Trumpfaschismus: Die USA gleiten auch innenpolitisch immer tiefer in den Faschismus ab. Die Morde an Renee Good Und Alex Pretti sind nur die Spitze des Eisbergs. Seit der Trump-Präsidentschaft sind bereits mehr als 40 Menschen unter ICE Einwirkung zu Tode gekommen. Die meisten davon nicht weiß.
  • Genozid in Gaza: das „Board of Peace“ wurde gegründet, um der Ethnischen Säuberung den Anschein internationaler Legitimation zu verleihen, ohne dabei zu verheimlichen, dass es hier eigentlich um einen Realestate-Deal geht. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner stellte jüngst den „Masterplan„, zur Neu-Bebauung von Gaza vor, mit Hotels, 180 Wolkenkratzern und etlichen Golfplätzen. Gaza wird damit zum Symbol gewaltsamer Gentrifizierung auf globalem Level.
  • Derweil kündigt sich der nächste mögliche Genozid an: Kobanê wird von den Truppen des neuen syrischen Machthabers Ahmed al-Scharaa bedroht, der zusammen mit von der Türkei unterstützten Islamisten gegen die kurdische Autonomieregion vorrückt und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet – unter Billigung Trumps. Vor wenigen Jahren waren es vor allem die Kurden, die den USA und der westlichen Allianz halfen, ISIS aus Syrien und Irak zu vertreiben. Jetzt lassen die Amerikaner ihre ehemaligen Verbündeten von Islamisten abschlachten. Und die Bundesregierung schiebt dorthin wieder ab?

„Hours after an ICE agent killed the mother of three, Elon Musk’s chatbot was undressing her.“

Was für ein Satz. Was für eine Welt.


Garbage Day über weirde Shaddow Bans seit der Tiktok-Übernahme.

TikTok users are reporting that political posts are being complete throttled on the platform right now. There’s screenshot circulating on X of the producer Finneas’ account showing 0 view counts on his most recent videos. Which showed up for me, as well, when I checked it. But after a few refreshes, the page did start loading properly. […]

Normally, I would say that it would take a considerable amount of time to completely overhaul the algorithm for site like TikTok. But now that we’ve seen how fast X, formerly Twitter, changes due to the whims of its own mad king, Elon Musk, I wouldn’t say it’s totally impossible.

Gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der nervös ist.


Weihnachten war ich geDDosed von der Welt, im neuen Jahr von meinen eigenen Gedanken.

Ich nahm ich mir den Begriff „Leveragevor, der sich mir schon seit längerem aufdrängte, den ich mir aber nie wirklich traute, ernsthaft zu adaptieren und analytisch zu durchmessen, was ich dann in einem öffentlichen, etwas eskalierten Nachdenkt-Prozess auf Mastodon über knapp 10 Tage nachholte und was soll ich sagen: Der Hebel war das fehlende Puzzelteil des Relationalen Materialismus und der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Das Interessante am Hebel ist nicht der Hebel selbst, sondern das Fulcrum, also der sogenannte „Dreh und Angelpunkt“, gegen den ein Hebel hebt und als ich genauer hinschaute, entfaltete sich das Fulcrum in einer ähnlichen Tiefe und Komplexität, wie bereits die Pfadgelegenheit und wird dadurch gleichzeitig erstaunlich übertrag- und universell einsetzbar.

Ich schreibe gerade an einem längeren Explainer dazu, aber ganz grob runtergebrochen werden Hebel und Fulcrum zu Rollen: Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.

Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Da die Pfadgelegenheit bekannter Maßen ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, also mit weiteren Pfadgelegenheiten bebaut wird, quasi „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Das macht jede Pfadgelegenheit aber auch zu einer Weiche. Wenn die Pfadgelegenheit beschritten, also der Hebel umgelegt wurde, hat man den Pfad gewechselt und in einen neuen Pfad „investiert“, ob man will oder nicht. Das mag in vielen Situationen keine soo große Rolle spielen und Pfadkorrekturen sind in den meisten Fällen auch möglich, in anderen kann so eine Pfadentscheidung auch zum Verhängnis werden.

Deswegen gibt es zwei ganz besonders relevante Typen von Pfadgelegenheiten:

Onramps und Offramps. Onramps etablieren eine habituelle Hebelnutzung, Offramps beenden sie. Allerdings erwarten Offramps eine Pfadalternative als Argument.


Mark Carneys Davos-Rede ist aller Munde und auch ich konnte nicht anders, als einen kleinen Freudenschrei auszustoßen, wenn so offensichtliche Wahrheiten endlich einmal so klar formuliert von einem westlichen Staatschef ausgesprochen werden.

We knew the story of the international rules-based order was partially false that the strongest would exempt themselves when convenient, that trade rules were enforced asymmetrically. And we knew that international law applied with varying rigour depending on the identity of the accused or the victim.

This fiction was useful, and American hegemony, in particular, helped provide public goods, open sea lanes, a stable financial system, collective security and support for frameworks for resolving disputes.

Hegemonie ist nie gerecht, aber für viele nützlich (oft sogar für ihre Gegner*innen), denn sie schafft leveragebare Erwartungsstabilität. Die Erwartungsstabilität wird zur Infrastruktur, auf der sich die Akteure in der Welt verständigen, Konflikte lösen und Handel treiben, etc. Und so lange man auf der „guten Seite“ der USA stand, konnte man als „westliches Land“ und teil des ein oder anderen Bündnisses, diese Früchte genießen – auf Kosten derjenigen, die nicht zum engeren Kreis gehörten.

This bargain no longer works. Let me be direct. We are in the midst of a rupture, not a transition.

Over the past two decades, a series of crises in finance, health, energy and geopolitics have laid bare the risks of extreme global integration. But more recently, great powers have begun using economic integration as weapons, tariffs as leverage, financial infrastructure as coercion, supply chains as vulnerabilities to be exploited.

You cannot live within the lie of mutual benefit through integration, when integration becomes the source of your subordination.

The multilateral institutions on which the middle powers have relied – the WTO, the UN, the COP – the architecture, the very architecture of collective problem solving are under threat. And as a result, many countries are drawing the same conclusions that they must develop greater strategic autonomy, in energy, food, critical minerals, in finance and supply chains. […]

Hegemons cannot continually monetize their relationships.

Das Ende einer infrastrukturellen Hegemonie ist teuer für alle, aber wenn Donald Trump den in seinem Sinne gezinkten Pokertisch umwirft, weil er nicht mal mehr Lust hat, so zu tun, als hätte irgendwer anderes mitzureden, dann wird es Zeit, Offramps zu organisieren.


Hier sollte eigentlich auch etwas zu Friedrich Merz‘ Davos-Rede stehen, aber alles, was ich schrieb, war zu viel.


Henry Farrell hat zusammen mit Daniel Davies ein neues Paper draußen, dass sich der „weaponization“ der „Dollar-Zentralitätwidmet.

Ein paar Worte zu Farrell: Sein Paper zu „Weaponized Interdepdence“ (2019) zusammen mit Abraham L. Newman war ein wesentlicher Baustein für meine Analyse im Plattformbuch, wie Plattformen politische Macht ausüben und könnte nebenbei auch die intellektuelle Vorlage der Carney-Rede gewesen sein.

Jedenfalls analysieren Davies und Farrell in ihrem neuen Paper die Weaponization der Dollarhegemonie, indem sie sie als kybernetischen Feedbackmeachnismus also quasi als Netzwerkeffekte denken.

In cybernetic terms, collective judgements, incentives, and expectations form a regulatory subsystem. However, where positive feedback loops develop and spread, changes are amplified and existing orders will be often weakened and perhaps even collapse.

Und auch Farrell und Davis merken, dass das alles mit Netzwerkzentralität zu tun hat.

‘Dollar centrality’ is a political-economic concept that refers to the extreme attractiveness of the US dollar as a currency for transactions and investment. […]

The conveniences of dollar centrality for facilitating financial transactions are inseparable from the dollar payment system and its rules as set by the US government. International actors might prefer not to follow these rules, but it would be very painful to lose the enormous benefits of dollar centrality. Many international commercial payments take place in dollars, for ease and convenience. Even those that are not denominated in dollars often touch the dollar payment system, because the dollar is the ‘vehicle’ currency for foreign exchange – a trade of yen for pesos will usually exchange yen for dollars and then dollars for pesos to take advantage of the more liquid dollar markets.

Ich würde konkreter sagen: der Dollar nimmt eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein und das heißt in diesem Zusammenhang konkret, dass man die Pfadgelegenheit Dollar 1.) leichter als jedes andere Geld in alle möglichen anderen Pfadgelegenheiten verwandeln kann (transitive Liquidität) und man 2. Dollar braucht, um einen ganzen Strauß von Pfadgelegenheiten überhaupt nehmen zu können (pfadvoraussetzende Liquidität). Daraus ergibt sich ein erheblicher Lock-In, mit erheblichen Vorteilen für die USA. Alle wollen Dollar und handeln daher mit ihnen, denn das ist der beste Weg, an Dollar zu kommen. Und während alle anderen echte, materielle „Goods & Services“ nach drüben schiffen, müssen die Amerikaner nur das Spreadsheet der Federal Reserve mit Nullen auffüllen, um all das zu bezahlen, wie Cory Doctorow so schön zusammenfasst.

Zunächst wurde dieses Asset von den USA gehegt und gepflegt und es wurde acht darauf gegebenen, dass die Security Agencies der wachsenden Infrastrukturmacht nicht ins Handwerk pfuschen, doch spätestens seit dem 11. September wurde die Dollar-Zentralität immer mehr zum Fulcrum für allerlei Sicherheitshebel, speziell Geldwäscheüberwachung und Sanktionsmechanismen.

Diese Hebel waren langfristig zu attraktiv? Schließlich kann man dadurch nicht nur Banken und Staaten disziplinieren, sondern eigentlich alle wirtschaftlichen Akteure, sofern sie auf Banken angewiesen sind.

Dollar hegemony and US law generated powerful incentives for compliance across the world. Although the legal basis for many actions against non-US actors was surprisingly weak, the fear of being denied access to dollar clearing was sufficient incentive to comply, especially for financial institutions. […]

Financial institutions’ aversion to risk worked as a force multiplier of US coercion. Sanctions compliance, like other forms of anti-money laundering policy but unlike most bank regulation, is enforced by sometimes unpredictable ex post regulatory punishments rather than exante provision of a checklist of required actions.

Doch je mehr diese Hebel bedient werden, desto deutlicher erodiert ihr Fulcrum – also die Akzeptanz der Dollar-Hegemonie. Insbesondere China und die EU werden mittel bis langfristig Pfadalternativen zur Dollarabhängigkeit suchen und schaffen.

This plausible near-future scenario has all the characteristics of a positive feedback loop. Under current circumstances, the EU has strong reasons to do everything it can to escape American hegemony. The US, for its part, has strong reasons to do everything it can to prevent this from happening. The more that the EU tries to get away, the more the US will do to pin it down. In this scenario, there do not appear to be any players, systems, or entities who combine the three necessary features to play a stabilisierung role: the capacity to model the effects of their actions on the overall system, the power to generate sufficiently strong feedback, and the incentive to maintain the current system rather than watch it tear itself apart.

Beim Nachdenken über „Leverage“ merkte ich, dass ich die Hebel-Fulcrums-Logik bereits im Plattformbuch impliziert hatte: Plattformmacht ist Netzwerkmacht + Kontrollregimes, wobei ich erst nachträglich gemerkt habe, dass die Netzwerkmacht (der durch die Netzwerkeffekte erzeugte allgemeine Lock-In) das „Kontaktzonen-Fulcrum“ ist, auf dem die Hebel der Kontrollregimes (Infrastrukturregime, Zugangsregime, Query-Regime, etc.) ansetzen.

Die Hebel der Kontrollregimes ermöglichen wiederum weitere, übergeordnete Hebel – unterschiedliche „Politiken“ – etwa die „Politik der Pfadentscheidung“, die das Infrastrukturregime leveraged, um die Pfade der Nutzenden im eigenen Sinne vorzudefinieren. Die USA haben diese Politik lange als den wichtigsten Hebel in ihrer Außenpolitik betrachtet (Dollarhegemonie, Etablierung und Kontrolle internationaler Institutionen, Handelsverträge, „Soft Power“ und „semantische Hegemonie“ in Tech, Hollywood und Popkultur, etc.)

Daneben beschreibe ich aber auch einen anderen Hebel und der ist direkt von Farrell/Newman 2019 abgeleitet: „Die Politik des Flaschenhals“ (Chokepoint Politics). Man nutzt Netzwerkzentralitäten im Pfadgelegenheitsnetzwerk, um anderen Zugang dazu zu verwehren, oder damit zu drohen, um Zugeständnisse und Disziplin zu erpressen. Das ist das Geschäftsmodell aller Plattformen (Enshittyfication), aber wie mir später bald aufging, eigentlich aller Transaktionen im Kapitalismus, wenn man Netzwerkzentralität nicht „total“ denkt (dann denkt man sie eh falsch), sondern als „relative Netzwerkzentralität“ in konkreten Zusammenhängen und sich nicht an „Profiten“ orientiert, sondern an „Margen“.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist der Fall also klar: Seit Donald Trump am Ruder ist, nutzt er die in dem Paper von Steven Miran beschriebenen Hebel, um aus dem Fulcrum amerikanischer Dollarhegemonie (und alle anderen Abhängigkeiten) per „Politik des Flaschenhals“ die aus der Weltgemeinschaft extrahierbare Marge zu optimieren.

Donald Trump denkt, er sei im Schlaraffenland, denn er hat das Hebeln als „Unternehmer“ im Kapitalismus gelernt, weswegen er kein Gespür für das Fulcrum hat. In seiner Welt werden die Fulcrums-Kosten seiner Hebel für gewöhnlich als „Externalität“ auf die Gesellschaft abgewälzt und die kann viel absorbieren, wie wir alle ständig feststellen. Hence, „Libertarian Mindset“.

Doch inzwischen sind Trumps Hebel so groß und schmerzhaft, dass das Fulcrum, auf dem er leveraged, bereits Anzeichen von Brüchigkeit zeigt, wie Farrell und Davis im Paper aufzeigen.

Such a feedback loop would help destabilise the US dollar. A digital euro might create an alternative to dollar clearing that is stabilised by the rule of law and hence less open to political influence and weaponisation. It is equally possible that the EU eventually will find itself obliged to acquiesce to US hegemony. There is no reason to necessarily believe that the system will soon settle down to one or the other equilibrium (or to some other stable state): continued oscillation and uncertainty is a perfectly possible outcome.

Ob es so kommt, bleibt abzuwarten. Meiner Erfahrung nach sollte man die Beharrungskräfte der Netzwerkmacht nicht unterschätzen?


Henry Farrall hat auch einen sehr lesenswerten Newsletter und in der letzten Ausgabe denkt er lesenswert kulturanthropologisch über Davos als Ritual und auch Carneys Rede nach.

Dafür führt er das Buch Rational Ritual: Culture, Coordination, and Common Knowledge, des Kulturtheoretikers Michael Suk-Young Chwe an, der Rituale in ihrer Funktion zur Synchronisierung von Erwartung analysiert und als Beispiel nimmt Chwe die Praxis von Königen, durch ihr Land zu fahren, um sich als Machthaber dem Volk zu zeigen.

Our interpretation focuses exactly on publicity, the common knowledge that ceremonies create, with each onlooker seeing that everyone else is looking too. Progresses are mainly a technical means of increasing the total audience, because only so many people can stand in one place; common knowledge is extended because each onlooker knows that others in the path of the progress have seen or will see the same thing.

Machtprojektionen funktionieren nie individuell, sondern immer dividuell: Sehen ist performativ: Dein Sehen erlaubt und beglaubigt mein Sehen und umgekehrt.

Wenn also die Davos-Interpretationen von Adam Tooze und Paul Krugman stimmen, dass Trump dort alle Türen mit dem großen Hebel einrennen wollte, um sich vor der Weltelite zum König der Welt zu krönen, mit Grönland als Krone, und dabei merkte, dass er ins Leere hebelt, dann ist mehr schief gegangen, als nur eine mißlungene Gelegenheit, Macht zu projizieren, so Farrell:

We should think about Davos as a site and moment of ceremony, in the terms that Chwe lays out, which cements common knowledge about who is in charge, and what the principles of rule are. That, in turn provided Trump with a possible opportunity to anoint himself as the central figure in a new vision of the West […]

The ceremony was disrupted, by European threats of retaliation, which in turn led the market audience to express its unhappiness, and by Carney’s quite deliberate and self-conscious effort to crack the illusion of inevitability.

Das ist, was eigentlich passierte: Die Illusion von Unabwendbarkeit/inevitability wurde zerstört. Carney macht das expklizit, indem er Václav Havels bekannte Greengrocer-Geschichte beleiht:

Every morning, this shopkeeper places a sign in his window: “Workers of the world, unite!” He doesn’t believe it. No one does. But he places the sign anyway to avoid trouble, to signal compliance, to get along. And because every shopkeeper on every street does the same, the system persists.

Not through violence alone, but through the participation of ordinary people in rituals they privately know to be false.

Havel called this “living within a lie.” The system’s power comes not from its truth but from everyone’s willingness to perform as if it were true. And its fragility comes from the same source: when even one person stops performing — when the greengrocer removes his sign — the illusion begins to crack.

Weil wir keine Individuen sind, die Macht beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie Macht beobachten, operiert Macht immer schon im Raum der vernetzten Erwartungen und ganz besonders Trump. Das ist gleichzeitig seine größte Stärke, und größte Schwäche/Angreifbarkeit.

All das was Carney sagt, sagen Linke seit Jahrzehnten, aber das in diesem spezifischen sozialen und diskursiven Raum – ein zeitlicher und örtlicher Glutpunkt eben jener Ordnung, dessen Schild Carney gerade aus dem Fenster nimmt –, aus dem Mund eines Eststablishment-Bürokraten wie ihm, reißt nicht nur ein Loch in Trumps Machtprojektion, sondern eröffnet gleichzeitig für alle anderen einen möglichen alternativen Pfad aus dem Wahnsinn, als Offramp aus der „amerikanischen Ordnung“.


Hab noch nicht reingehört, aber Farrell war auch gerade zum Thema bei Ezra Klein.


Weil Canada seine Bestellung von F35-Fighterjets reduziert, droht Trump mit der Beendigung militärischer Zusammenarbeit.

Ich schlage eine andere Definition von „Souveränität“ vor:

Souveränität ist, einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Souveränität oder nicht ist also eine Frage, die sich nicht allgemein, sondern immer nur spezifisch und situativ entscheiden lässt. „Souverän“ ist man nur gegenüber Pfaden, oder eben nicht.

Die Bedingung der Möglichkeit der Souveränität ist also die Möglichkeit „Nein“ zu sagen und die beruht auf zwei Pfeilern:

  1. Die Vorhandenheit von Pfadalternativen und/oder
  2. die Bereitschaft zu verzichten und die Kosten dafür zu tragen.

In der Realität braucht es immer eine Mischung aus beidem, denn Pfadalternativen sind selten gleichwertig und ohne Pfad geht es sowieso nicht, also werden die meisten Pfadalternativen mit erheblichen Wechselkosten bezahlt.

Ja, die Kosten, sich vom Empire loszusagen sind ohne Frage hoch. Aber die Kosten, diesen Pfad in Trumps faschistischen Wahnsinn weiter mitzumarschieren, werden unendlich viel höher sein. Das sagt jedenfalls meine Q-Function.


Mattew Remski warnt aus marxistischer Perspektive davor, Mark Carney nach seiner Ansprache als Genossen zu feiern.

Carney nimmt zwar sein Schild aus dem Fenster, was den Ordnungsanspruch durch die USA angeht, ist aber sonst very much Pro-Kapitalistisch und wer die Rede zu Ende gehört hat, wird bemerkt haben, dass er damit vor allem auch Stimmung für Canada unter den anwesenden Investor*innen machen wollte (wie alle, die in Davos sprechen).

Remski hat natürlich recht, aber erstens bin ich derzeit einfach froh über jede Offramp, die sich auftut und wenn sie irgedwie erfolgreich sein soll, sorry, dann muss sie aus dem bürgerlichen Lager kommen.

Außerdem ist der Riss, den Carney aufmacht, ein Fulcrum für weitere Hebel? Ist die Geste des „Schild aus dem Fenster nehmens“ erstmal eingeübt, wird sie zur Plattform für weitere Widerstandspfadgelegenheiten und da ich eh glaube, dass der Riss eigentlich bis hinunter ins „Individuum“ reicht, wird es da noch vieles zu Hebeln geben.

Also vergesst doch mal für einen Moment die Utopien und eure genauen Vorstellungen einer „idealen und gerechten Gesellschaft“. Ich schau stattdessen auf den Riss und sehe darin die Pfadgelegenheit für weitere Risse.


Es war wieder CCC-Congress und auch wenn ich lange nicht alle sehenswerten Talks geschaut habe, hier meine persönlichen Empfehlungen.

Cory Doctorow war wieder da und stellte seine Pfadgelegenheit vom „Post American Internet“ vor. Er reiterierte seinen Vorschlag, den Tech-Imperien ihre Unverwundbarkeitsklasusel zu nehmen: die „Anti-Circumvention“ Laws des Urheberrechts, die quasi weltweit per Handelsverträge festgeklopft wurden, auch bei uns.

Ich hatte seinen Vorschlag bereits im Plattformbuch übernommen, aber jetzt präsentierte er ein wunderbar eingängig gecraftetes Narrativ, wie sich daraus ein entscheidender Schlag gegen die techfaschistische Hegemonie entwickeln ließe.

Außerdem empfehlenswert: Helena Steinhaus von Sanktionsfrei über soziale Ungleichheit, Udbhav Tiwari and Meredith Whittaker über die Securityaspekte „agentischer KI“ im Betriebsystem und allgemein, Rainer Rehak mit einem Update seines Talks über Israels statistische Tötungsautomations-Systeme und Arne Semsrott über Gegenmacht.


Außerdem sei ganz herzlich auch die Känguru-Rebellion und der Digital Independence Day von Marc Uwe Kling und Linus Neumann empfohlen.

Die Idee ist einfach: Jeden ersten Sonntag im Monat widmen wir uns der Migration eines Dienstes oder Plattform weg von amerikanischen Tech-Monopolisten zu weniger toxischen Alternativen, bzw. helfen einander dabei.

Aus Pfad-Ingenieurs-Perspektive ist das prima gebaut: Wie bekomme ich einen möglichst großen Strom von Leuten vom Set der Plattformen A zum Set der Plattformen B? Eine Figur wie Marc Uwe Kling wirkt nicht nur links, sondern bis weit in junge bürgerliche Schichten rein und ist damit ein tragfähiger Pfeiler für eine breite Migrations-Brücke. Zur Brücke gehört nicht nur die Website, sondern auch ein kleines Heer an freiwilligen Nerds, die deutschlandweit praktische Hilfe anbieten. Perfekt.

Das Problem ist nicht die Onramp oder die Brücke, sondern die Offramp: Die Wechselkosten sind insbesondere im Social Media Bereich noch enorm hoch und egal was Mastodon- oder Bluesky-Fans behaupten, dezentrale Dienste sind derzeit keine gleichwertigen Pfadalternativen.

Das größte Problem: Eröffnet man einen neuen Account, sieht man dort nur Leere, ist verloren und finden tut man auch keinen. Ich hab es so oft gesehen: die Leute kommen, gucken, gehen.

Hier hilft die dividuelle Perspektive, die versteht, dass Social Media nicht ein „Tool“ ist, das „Individuen“ benutzen, „um zu kommunizieren“, sondern dass jeder Account ein Teil eines gewachsenen Geflechts ist. Accounts sind Pflanzen, die Wurzeln geschlagen haben und ein einfacher Umzug lässt sie als abgerissenen Stängel ankommen.

Der Trick ist, Communities umzutopfen, statt Individuen „umzuziehen“. Auf Social Media sind wir in immer mindestens einer, meisten mehreren Communities unterwegs, deren Debatten und Narrativen man mehr oder weniger intensiv verfolgt, oder aktiv daran teilnimmt.

Ich hatte deswegen bereits vor Monaten eine Step-by-Step-Anleitung aufgeschrieben, wie man Communities umtopfen kann.

Aufgrund der digitalen Algorithmen haben wir ein bisschen die Macht der sozialen Algrorithmen aus den Augen verloren, wie Kettenbriefe, Telefonlavienen (danke ???), bzw. sie wurden zu oft missbraucht, so dass sie in einen schlechten Ruf gerieten?

Aber andersrum ist es wohl richtiger: sie wurden als Hebel deswegen so oft missbraucht, weil sie so mächtig sind. Es wird Zeit, sie als strategisches Asset wieder zu rehabilitieren.


2026 wird so hart wie alle befürchten. Aber es wird auch das Jahr, an dem sich effektiver Widerstand zu formen begann.

Krasse Links No 75

Willkommen zu Krasse Links No 75. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, habe ich mich die letzten Monate etwas verausgabt und bin jetzt zum Jahresende – Überraschung – doch merklich erschöpft. Ich weiß nicht, on ob ich dieses Jahr noch eine weitere Ausgabe schaffe, aber spätestens nächstes Jahr geht frisch weiter. Deswegen schon mal: Schöne Feiertage euch.

Aber jetzt haltet Eure Feedback Loops bereit, heute homogenisieren wir den Hivemind-Effect der Totalüberwachung mit “the buzz”.


In diesem sehr lesenswerten Essay auf Aeon spannt der indischstämmige KI-Researcher Deepak Varuvel Dennison einen weiten Bogen von der lokalen Situiertheit eines großteils des menschlichen Weltwissens zur Homogenisierung des Weltwissens durch LLMs.

The irony isn’t lost on me that this dilemma has emerged through my research at a university in the United States, in a setting removed from my childhood and the very context where traditional practices were part of daily life. At Cornell University in New York, I study what it takes to design responsible AI systems. My work has been revealing to me how the digital world reflects profound power imbalances in knowledge, and how this is amplified by generative AI (GenAI). The early internet was dominated by the English language and Western institutions, and this imbalance has hardened over time, leaving whole worlds of human knowledge and experience undigitised. Now with the rise of GenAI – which is trained on this available digital corpus – that asymmetry threatens to become entrenched.

Dennison hat einen erfrischend materialistischen Blick auf Sprache und damit auf die Wissensstrukturen, die sich in LLMs abbilden.

To understand why this matters, we must first recognise that languages serve as vessels for knowledge – they are not merely communication tools, but repositories of specialised understanding. Each language carries entire worlds of human experience and insight developed over centuries: the rituals and customs that shape communities, distinctive ways of seeing beauty and creating art, deep familiarity with specific landscapes and natural systems, spiritual and philosophical worldviews, subtle vocabularies for inner experiences, specialised expertise in various fields, frameworks for organising society and justice, collective memories and historical narratives, healing traditions, and intricate social bonds. […]

When AI systems lack adequate exposure to a language, they have blind spots in their comprehension of human experience. For example, data from Common Crawl, one of the largest public sources of training data, reveals stark inequalities. It contains more than 300 billion web pages spanning 18 years, but English dominates with 44 per cent of the content. What’s even more concerning is the imbalance between how many people speak a language in the physical world and how much that language is represented in online data. Take Hindi, for example, the third most spoken language globally, spoken by around 7.5 per cent of the world’s population. It accounts for only 0.2 per cent of Common Crawl’s data. The situation is even more dire for Tamil, my own mother tongue. Despite being spoken by more than 86 million people worldwide, it represents just 0.04 per cent of the data. In contrast, English is spoken by approximately 20 per cent of the global population (including both native and non-native speakers), but it dominates the digital space by an exponentially larger margin. Similarly, other colonial languages such as French, Italian and Portuguese, with far fewer speakers than Hindi, are also better represented online.

The underrepresentation of Hindi and Tamil, troubling as it is, represents just the tip of the iceberg. In the computing world, approximately 97 per cent of the world’s languages are classified as ‘low-resource’. This designation is misleading when applied beyond computing contexts: many of these languages boast millions of speakers and carry centuries-old traditions of rich linguistic heritage. They are simply underrepresented online or in accessible datasets. In contrast, ‘high-resource’ languages have abundant and diverse digital data available. A study from 2020 showed that 88 per cent of the world’s languages face such severe neglect in AI technologies that bringing them up to speed would require herculean – perhaps impossible – efforts. It wouldn’t be surprising if the status quo is not too different even now.

Für die Effekte der Verzerrungen durch die westlich-hegemoniale Perspektive bringt Dennison mit den „Glasfassaden“ ein Beispiel aus der Architektur. In der westeuropäischen Moderne wurden Glasfassaden als funktionaler und effizienter Entwurf erdacht und beworben, weil sie Energie dadurch sparen, dass sie natürliches Licht zur Beleuchtung und auch Beheizungszwecken nutzen. Durch die westliche Hegemonie habe sich das Bauprinzip aber auch in Regionen durchgesetzt, wo Glasbauten das Gegenteil von effizient sind, weil sie in heißem Klima aufwändig von innen gekühlt werden müssen.

Epistemologies are not just abstract and cognitive. They are physically embodied around us, with a direct impact on our bodies and lived experiences. To understand why, let’s consider an example that contrasts sharply with the kind of Indigenous construction practices that Dharan seeks to revive: high-rise buildings with glass façades in the tropics.

Es ist aber eben nicht nur so, dass maginales und lokales Wissen aus Chatbots nur durch die Trainingsdaten unterrepräsentiert ist, sondern auch, dass LLMs einen eingebauten Bias für die populärsten Pfade hat, der den Effekt der Unterrepräsentationen und populären Überbetonungen noch mal vervielfacht.

The problem is far deeper than gaps in training data. By design, LLMs also tend to reproduce and reinforce the most statistically prevalent ideas, creating a feedback loop that narrows the scope of accessible human knowledge.

Why so? The internal representation of knowledge in an LLM is not uniform. Concepts that appear more frequently, more prominently, or across a wider range of contexts in the training data tend to be more strongly encoded. For example, if pizza is commonly mentioned as a favourite food across a broad set of training texts, the model is more likely to respond with ‘pizza’ when asked ‘What’s your favourite food?’ Not because the LLM likes pizza, but because that association is more statistically prominent.

More subtly, the model’s output distribution does not directly reflect the frequency of ideas in the training data. Instead, LLMs often amplify dominant patterns in a way that distorts their original proportions. This phenomenon can be referred to as ‘mode amplification’. Suppose the training data includes 60 per cent references to pizza, 30 per cent to pasta, and 10 per cent to biriyani as favourite foods. One might expect the model to reproduce this distribution if asked the same question 100 times. However, in practice, LLMs tend to overproduce the most frequent answer. Pizza may appear more than 60 times, while less frequent items like biriyani may be underrepresented or omitted altogether. This occurs because LLMs are optimised to predict the most probable next ‘token’ (the next word or word fragment in a sequence), which leads to a disproportionate emphasis on high-likelihood responses, even beyond their actual prevalence in the training corpus. Together, these two principles – uneven internal knowledge representation and mode amplification in output generation – help explain why LLMs often reinforce dominant cultural patterns or ideas. […]

Ask ChatGPT about a controversial topic and you’ll get a diplomatic response that sounds like it was crafted by a panel of lawyers and HR professionals who are overly eager to please you. Ask Grok the same question and you might get a sarcastic quip followed by a politically charged take that would fit right in at a certain tech billionaire’s dinner party.

Das ganze Endet in einem selbstverstärkenden Loop der Homogenisierung und extremen Streamlinging von Wissensrepräsntation und damit eine Verarmung von uns allen.

The internet, as the primary source of knowledge for AI models, becomes recursively influenced by the very outputs those models generate. With each training cycle, new models increasingly rely on AI-generated content, reinforcing prevailing narratives and further marginalising less prominent perspectives. This risks creating a feedback loop where dominant ideas are continuously amplified while long-tail or niche knowledge fades from view.

Was wir als Wissensrevolution feiern, ist in Wirklichkeit eine semantische Verarmungs-Revolution auf globalem Level, die die Vielfalt des menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrungswelten auf ein verslopptes JPEG des Internets reduziert.

Maybe the intelligence we most need is the capacity to see beyond the hierarchies that determine which knowledge counts. Without that foundation, regardless of the hundreds of billions we pour into developing superintelligence, we’ll keep erasing knowledge systems that took generations to develop.


Eine Studie über den Hivemind-Effect: einer reproduzierbare Homogenität von reproduzierten semantischen Pfaden innerhalb von LLMs, als auch zwischen unterschiedlichen LLMs.

Language models (LMs) often struggle to generate diverse, human-like creative content, raising concerns about the long-term homogenization of human thought through repeated exposure to similar outputs. Yet scalable methods for evaluating LM output diversity remain limited, especially beyond narrow tasks such as random number or name generation, or beyond repeated sampling from a single model. We introduce Infinity-Chat, a large-scale dataset of 26K diverse, real-world, open-ended user queries that admit a wide range of plausible answers with no single ground truth. […]
Using Infinity-Chat, we present a large-scale study of mode collapse in LMs, revealing a pronounced Artificial Hivemind effect in open-ended generation of LMs, characterized by (1) intra-model repetition, where a single model consistently generates similar responses, and more so (2) inter-model homogeneity, where different models produce strikingly similar outputs.


An der Universtität von Texas werden LLMs verwendet, um Kursbeschreibungen nach „woken“ Begrifflichkeiten zu checken und zu zensieren.

At Texas A&M, internal emails show staff are using AI software to search syllabi and course descriptions for words that could raise concerns under new system policies restricting how faculty teach about race and gender.

At Texas State, memos show administrators are suggesting faculty use an AI writing assistant to revise course descriptions. They urged professors to drop words such as “challenging,” “dismantling” and “decolonizing” and to rename courses with titles like “Combating Racism in Healthcare” to something university officials consider more neutral like “Race and Public Health in America.”


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Francesca Bria und ihr Team vom Autonomy Institute haben die Broligarchie des neuen Techfaschismus in dieser anschaulichen Info-Grafik-Website aufgearbeitet, The Authoritarian Stack. Man kann zum Beispiel alle die ideologischen, politischen und geschäftlichen Verbindungen der wichtigsten Akteure anhand interaktiver Grafiken und Charts nachvollziehen.

Anschaulich auch der Pfad, den sie durch die verschiedenen Layer tracken.

Silicon Valley’s Authoritarian Tech Right is not theorizing this world. They are already building it. The pipelines are operational. The feedback loops are functioning. The sovereignty transfers are completing.

Democracy persists as a legacy interface— maintained for stability, while being systematically hollowed out and replaced.

The question now is whether democratic societies can recognize this formation for what it is—and build alternatives before the infrastructure of control becomes too deeply embedded to dislodge.

Michael Bruns hat einen sehenswerten Videoexplainer zum Projekt gemacht.


Mohammed R. Mhawish ist einer der wenigen noch überlebenden palästinensischen Journalisten in Gaza und schreibt im NY Mag darüber, wie die israelische Totalüberwachung in Gaza seine Welt verändert hat.

One of these people, Marwan, a 60-year-old hospital administrator in Gaza City, at first objected to my line of questioning. (I’m using only first names. Giving their full names in a report about surveillance feels like an offering to the occupation.) “In the face of mass slaughter,” Marwan said, “what difference does it make that they can see my Facebook posts or hack my calls or monitor my home?”
But soon Marwan could not stop talking about how the constant awareness of being watched had twisted and narrowed his world. He said he now avoids calling his brother “lest he ask whether any rockets were fired from the area or whether the Israelis had arrived in the area,” and those words be misread or distorted by unseen listeners. He described the collapse of connection itself: the way fear moves into a family, one phone call at a time, until even expressions of love begin to feel dangerous.
Khaled, who worked for nearly three decades as an ambulance driver for Al-Awda Hospital, said that during an interrogation, an officer showed him a private text message he’d sent his family. “Everything we say, they can see,” Khaled said. The text was mundane; the point, he felt, was to show this 61-year-old father of seven how deeply they could peer into his private life. People told me they have even extinguished their own thoughts, as if the interrogators and listeners could see inside their heads. “Nobody doesn’t have political leanings,” one man named Mohammed told me. “But I’ve killed it. I’ve prohibited myself from speaking on this. I’ve locked it with a key.”

In Gaza kann man anfangen zu verstehen, was es bedeutet, wenn dein Kommunikations-Provider nicht nur ein gewinnmaximierendes Unternehmen ist, das dich ausnehmen will, sondern Teil eines technisch-militätrischen Komplexes ist, der dich jederzeit auslöschen kann.

Everyone had stories of being watched. Mary, a 26-year-old writer, grew up in a two-story house on the more affluent side of Gaza City, where people went to stroll near the sea on streets lined with shops and airy schoolyards. It had a simple white façade, tall windows, a small balcony, and eight old araucaria trees her father had diligently cared for shading the gate. Before the war, passersby slowed to admire them. By this summer, the bombardment had cracked part of the roof open. At around 4:30 a.m. on July 27, while she slept in one of the remaining rooms, Mary woke to a faint buzz that seemed to come from just beside her. “I froze,” she told me. “I could not move. I could not scream.” A dark square hovered near the ceiling. She stared at it, motionless, until it drifted out of the room and exited through a window. If they could fly a drone to her bedside, they could see everything, she told me. Weeks later, her 35-year-old neighbor was shot dead by an armed drone while drying laundry on her balcony, standing beside her 4-year-old son, Mary said. “It is not death that we fear,” she told me. “It is the terror that comes before it.”

Nicht nur die Gebäude liegen in Schutt und Asche, sondern auch das Vertrauen in die Kommunikationsinfrastruktur und damit auch großer Bereich der sozialen Beziehungen.

Life in Gaza for the past two years has been a process of losing everything visible — our families, homes, streets. It also means losing what cannot be seen: the private space of the mind, the intimacy between people, and the ability to speak without fear of being monitored by a machine. A poll conducted just weeks before the October cease-fire by the Palestine-based research organization Institute for Social and Economic Progress found that nearly two-thirds of Gazans believed they were constantly watched by the Israeli government. This is the dystopian consequence of technology, supplied in part by American companies, being placed into the hands of authorities who have virtually unlimited control over a captive population they have openly villainized. It is the culmination of decades of monitored occupation, a totalitarian nightmare spliced with genocidal terror, a system that is already evolving and growing for whatever comes next. The old admonition of authoritarian regimes everywhere — If you have nothing to hide, you have nothing to be afraid of — has no meaning in Gaza.

Mhawish erzählt anschaulich, dass die Total-Überwachung nicht neu ist. Die Ursprünge des Systems gehen auf die Gründung Israels zurück und wurden einfach beständig weiterentwickelt. Mit Palantir, Microsoft Cloud und der vollständigen Überwachung von allem und jedem per KI ist das System lediglich zu seinem vorläufigen Höhepunkt gekommen.

Palantir, which had purchased an ad in the New York Times proclaiming that PALANTIR STANDS WITH ISRAEL, entered into an agreement to provide Israel’s military with technology “in support of war-related missions,” according to Bloomberg. Israel’s military intelligence unit reportedly used Google Photos, combined with tech from Israeli company Corsight AI, to enable its facial-recognition program to identify faces from a crowd and footage. Google and Amazon, which supply the Israeli government with advanced cloud-storage services and AI capabilities, were reported to have included a covert system in their contract to warn Israel when foreign courts compelled the companies to hand over Israeli government data but barred them from notifying Israel directly.

Die Lücken in den Daten werden laufend durch Foto-ID-Apps der Soldaten am Boden und ständige random Kidnappings und Folter durch die IDF ergänzt.

A woman in her early 40s who asked to remain anonymous worked at a beauty salon before the war. She was detained as she was marching south from where she was sheltering in the north of Gaza. She was positioned before two devices to log features of her face: a phone to capture her image and another screen to process it, she surmised. She turned her head away, refusing to look at the camera. A soldier forced her face toward it. Then a rifle butt struck her skull.

Her full name surfaced instantly. A soldier read aloud her first name, her father’s name, her grandfather’s, and her family name. “He did not ask me for anything, no ID, nothing, to know who I was,” she said. An officer glanced at the result and said they were taking her. In a pen, soldiers stripped her to her undergarments, she said. When her blindfold slipped, she saw four soldiers pointing a camera at her. She screamed, tried to cover herself, cried, and was struck in the chest as the blindfold was yanked back over her eyes. They called her “slut,” shoved her into a small cage, and warned that she would be beaten if she disobeyed. “What if we publish these?” a soldier said in Arabic while photographing her. Phones, cameras, watches — everything around was recording, she believed.

She said she was shuttled between the cages, the Sde Teiman facility, and Damon prison in Israel. At Sde Teiman — now notorious for scores of reports of horrific abuse — she was raped four times, she said. During her period, guards mocked her bleeding and shouted, “You smell.” They knew she had a teenage daughter. They knew she had worked at a beauty salon. They cut off her hair. “They’ve weaponized our information,” she said. After 32 days in detention, she was released.

Aber seit automatisierte Tötungs-Systeme wie Lavender auf dem Total-Überwachungssystem aufbauen, wird es noch sehr viel ernster genommen

Algorithms sorted people by perceived threat, according to reporting by +972 Magazine and Local Call. Each score could determine who would live or die. Intelligence sources told reporters that one of these systems, designed to score individuals by supposed affiliation with a Palestinian armed group, produced tens of thousands of names. Approval for a strike could reportedly take less than 30 seconds. Another program classified buildings by type and occupancy, marking them for strikes. AI tools, created in partnership with enlisted soldiers in Unit 8200 and reserve soldiers working at companies such as Google, Microsoft, and Meta, analyzed Arabic text messages and social-media posts, according to the New York Times. When those classifications were combined with targeting a suspected fighter at home rather than when alone, the result was the annihilation of families whose only fault was proximity. These advanced systems were mixed with older ones: the use of informants and spies and searches of homes and offices. I heard story after story of soldiers separating people, photographing them, and searching phones, part of broader screening and detention practices during the war.

Mit dem vermehrten Einsatz von bewaffneten Quad-Copter-Drohnen hat die Lage nochmal verschärft.

In Gaza, we call the drone zanana — “the buzz.” After October 2023, it became the soundtrack to our lives. We could tell the difference between the models that could kill and those that only watched. People in Gaza later told me they avoided the notorious Gaza Humanitarian Foundation distribution sites (which shuttered in November) not only because they feared being shot and killed, as hundreds of people were, but also because they feared the same cameras watching the crowds were matching their faces to databases — that even the act of seeking food could expose them. (In July, two unnamed contractors working as security for the distribution sites told the Associated Press that this is exactly what was happening.) A machine could look into people’s homes, register their presence, and flag them. If we tried to live our lives as if the surveillance did not exist, it could lead to our deaths.

“We’ve adapted to having our entire lives under surveillance,” he said. He even avoided using opaque bags when going to the market. “I’d try to have a transparent bag,” he said. “I wouldn’t leave with a backpack, lest they misinterpret it.” In his apartment overlooking the sea, Mohammed struggled with whether to close the curtains to hide from the drones outside. Safety, he had come to believe, depended on leaving nothing to interpretation.

Mhawish wird immer wieder selbst durch die IDF mit dem Tod bedroht, wie so viele andere der wenigen noch lebenden Journalist*innen und irgendwann merkt er, dass er selbst auf der Abschussliste steht. Als er am Checkpoint Netzarim auf der Flucht mit seiner Familie nach Ägypten herausgepickt und befragt wird, erfährt er am eigenen Leib, was die IDF alles über ihn weiß.

He started to move through my life: studies and work as well as the places I’d reported from — Al-Shifa, Al-Awda, Al-Daraj — naming them in sequence. He asked me about my relatives. When I hesitated, he filled in my cousins’ names, naming a neighborhood where my family sheltered. Whether I answered or faltered, his notes absorbed it all the same. The interrogation lasted hours. Over those endless minutes, what became clear to me was that the interrogator held on the screen before him a copy of my life built from relentless watching, compiled from calls, cameras, and coordinates.

Then he began talking about my son. “Is Rafik still out there? How is his chest?” For a moment, my mind went blank. It was a question from inside my own house. It took me back to 2022, when Rafik was just 11 months old, during our time in the UAE. Rafik had contracted a lung infection and he spent two nights in a Dubai hospital. It was not a big deal. He was fine. But here it was, an episode from my life I’d never written about or broadcast. The interrogator said it like a box he was checking. Their knowledge of my son’s brief illness had to come from somewhere. Hospital records from the UAE? Recordings they’d kept of my phone calls? Copies of my emails? It felt like they had stepped inside my mind.

The interrogation intensified. A soldier behind me struck the base of my neck with his rifle when I denied participating in attacks on Israel. “Tell the truth,” he said in English. Each question from the interrogator landed like a test. I stuck to the mundane: that we’d moved south for food and that we were “following orders” — their phrase, returned to them in the hope it would spare my family. Then he brought up the bombing of our home. He called my reporting “advertisements.” He said I’d nearly gotten my family killed.

Am Ende wurde er wieder entlassen und konnte nach Ägypten fliehen, weswegen wir seine Geschichte kennen.

Krasse Links No 74

Willkommen zu Krasse Links No 74. Dies ist gewissermaßen eine Sonderausgabe zu Sprache, Denken und Handeln, an der ich ziemlich lange gesessen habe und die etwas länger geworden ist, deswegen sorry für die lange Stille und den langen Newsletter, aber da musste ich gerade mal durch. Aber nun haltet euch an euren Paradigmen fest, heute verfolgen wir Jeffrey Epstein durch die Evolution des Unterschieds und differenzieren den Kognitivismus mit der Proto-Semantik der Intelligenz.


Ich war kurz erschrocken, als Benjamin Riley in The Verge berichtete, dass Wissenschaftler*innen zweifelsfrei zeigen können, dass Denken und Sprechen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge seien, die rein gar nichts miteinander zu tun hätten und dann war ich fast enttäuscht, wie wenig sie aufzubieten hatten.

The problem is that according to current neuroscience, human thinking is largely independent of human language — and we have little reason to believe ever more sophisticated modeling of language will create a form of intelligence that meets or surpasses our own. Humans use language to communicate the results of our capacity to reason, form abstractions, and make generalizations, or what we might call our intelligence. We use language to think, but that does not make language the same as thought.

„Brain-Scans“ zeigen, dass Sprache ein Areal im Hirn beansprucht, dass bei bestimmten kognitiven Aufgaben kaum benutzt wird, außerdem sind Menschen mit kognitiven Störungen ihrer Sprachfähigkeit unabhängig davon durchaus fähig, komplexe Aufgaben zu lösen und auch Babies zeigen kognitive Fähigkeiten lange vor dem Spracherwerb u.s.w.

Second, studies of humans who have lost their language abilities due to brain damage or other disorders demonstrate conclusively that this loss does not fundamentally impair the general ability to think. “The evidence is unequivocal,” Fedorenko et al. state, that “there are many cases of individuals with severe linguistic impairments … who nevertheless exhibit intact abilities to engage in many forms of thought.” These people can solve math problems, follow nonverbal instructions, understand the motivation of others, and engage in reasoning — including formal logical reasoning and causal reasoning about the world.

Interessant ist, was sie als „nicht-sprachliche kognitive Fähigkeiten“ ansehen:

Aus dem zitierten Paper:

mathematical reasoning, formal logical reasoning, performing demanding executive function tasks such as working memory or cognitive control tasks, understanding computer code, thinking about others’ mental states, and making semantic judgments about objects or events.

Ich komm nicht darüber hinweg, wie eng diese Menschen „Sprache“ definieren. Als wäre formale Sprache, mathematische Formeln, Zahlen, Computer Code, etc. nicht teil der Sprache.

Wie man diesem Newsletter ab und an anmerkt bin in meinem Denken eher von der (post-)strukturalistischen Schule geprägt, die das alles ganz anders sieht.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Aus Saussures Erkenntnis sprudelte in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ein ganzes Feld von neuen Weltbetrachtungsweisen, die man später unter dem Wort „Strukturalismus“ fasste: Claude Levi-Strauss wandte das Framework in der Ethnologie an, um die kulturellen Praktiken indigener Völker in Beziehung zur eigenen zu setzen, Lacan zur Erforschung des Unbewussten, Roland Bartes nutzte es, um unsere Konsum-Alltagswelt semiotisch aufzuschlüsseln, Pierre Bourdieu wandte das Framework auf Klasse an, Foucault zur Identifikation und Beschreibung von vergangenen und gegenwärtigen Diskursformationen, Judith Buttler für „Geschlecht“ und Umberto Eco für alles mögliche.

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Aber das war das Paradigma, das Mitte der 1990er Jahre vom Kognitivismus abgelöst wurde, der heute überall hegemonial ist. Das Stück von Riley fährt fort:

We can credit Thomas Kuhn and his book The Structure of Scientific Revolutions for our notion of “scientific paradigms,” the basic frameworks for how we understand our world at any given time. He argued these paradigms “shift” not as the result of iterative experimentation, but rather when new questions and ideas emerge that no longer fit within our existing scientific descriptions of the world. Einstein, for example, conceived of relativity before any empirical evidence confirmed it. Building off this notion, the philosopher Richard Rorty contended that it is when scientists and artists become dissatisfied with existing paradigms (or vocabularies, as he called them) that they create new metaphors that give rise to new descriptions of the world — and if these new ideas are useful, they then become our common understanding of what is true. As such, he argued, “common sense is a collection of dead metaphors.”

Moment, eben noch waren Sprache und Denken zwei kommplett verschiedene Dinge und jetzt sagt derselbe Autor, dass wir andere Fragen stellen können, wenn wir andere Unterscheidungen machen? Und zitiert dazu noch zwei strukturalistisch beeinflusste Denker: Kuhn und Rorty? Wie passt das zusammen?

Ich möchte folgende Definition vorschlagen:

Ein „wissenschaftliches Paradigma“ ist eine (im jeweiligen Kontext) hegemonial gewordene erkenntnisleitende Unterscheidung und alle die sich daraus ergebenden Forschungspfadgelegenheiten, inklusive ihrer materiellen und semantischen Infrastrukturen.

Ein Paradigma entsteht, wenn eine bestimmte Unterscheidung nützlich scheinende Pfadgelegenheiten eröffnet: Dann fließen Forschungsgelder und Paper und im besten Fall auch „Erkenntnisse“. Doch wie das immer so ist: das neue Paradigma – die neue fancy Unterscheidung, so toll sie auch ist – birgt meist nur eine begrenzte Zahl an beforschbaren Pfaden und wenn die „Low Hanging Fruits“ bereits geerntet sind und die „Erkenntnisse“ nicht mehr so purzeln, geht das Paradigma in den Selbstverteidigungsmodus über.

Ich stell mir das so vor: Jede erkenntnisleitende Unterscheidung produziert pfadabhängige „blinde Flecke“, denn es gibt immer auch Millionen Möglichkeiten, anders zu unterscheiden und diese anderen Möglichkeit zu unterscheiden hätten aber ebenso Pfadgelegenheiten eröffnet, die aber deswegen unbeforscht blieben, weil das bestehende Paradigma die Aufmerksamkeit, das Geld und die Infrastrukturen bei sich konzentriert. Ein Paradigmenwechsel passiert also dann, wenn eine grundlegende Art zu unterscheiden, eine andere Art zu unterscheiden ablöst.

It [the LLM] will be forever trapped in the vocabulary we’ve encoded in our data and trained it upon — a dead-metaphor machine. And actual humans — thinking and reasoning and using language to communicate our thoughts to one another — will remain at the forefront of transforming our understanding of the world.

Das ist zwar eine richtige Beschreibung von LLMs, es ist aber auch zu einem gewissen Maß richtig für uns alle. Wir alle leben in den toten Metaphern unserer Vorfahren und kommen da schwer raus. Derrida würde zudem darauf bestehen, dass die Metaphern nicht wirklich tot sind, sondern unsere Sprache entlang ihrer iterativen Pfadabhängigkeiten als Gespenster heimsuchen. In einem ganz besonderen Maße ist das richtig für das Paradigma des Kognitivismus, das in Wirklichkeit noch vom Geist Descartes heimgesucht wird. Zeit für was Neues.


Ich habe angefangen, Schneisen in den semantischen Dschungel zu schlagen, der im Laufe des Newsletters so vor sich hinwucherte, indem ich ausführliche und möglichst einsteigerfreundliche Explainer geschrieben habe: Angefangen habe ich mit den beiden wichtigsten Begriffen: Dividuum und Pfadgelegenheit, weitere werden folgen.

Außerdem gibt es noch einen Explainer dazu, wie man von der Macht-Inderdependenz-Theorie zur Macht/Wert-Formel kommt.


Heise fasst ein Interview mit dem Richter am internationalen Strafgerichtshof in Le Monde, Nicolas Guillou, zusammen, der wegen seiner Untersuchungen des Genozids in Gaza auf die Sanktionsliste der US-Regierung fiel und deswegen Zugang zu Services und Bankverbindungen verlor.

Im Alltag von Guillou bedeutet das, dass er vom digitalen Leben und vielem, was heute als Standard gilt, ausgeschlossen ist, schilderte er der französischen Zeitung Le Monde. All seine Konten bei US-Unternehmen wie Amazon, Airbnb oder PayPal wurden von den Anbietern sofort geschlossen. Online-Buchungen, wie über Expedia, werden sofort storniert, selbst wenn es um Hotels in Frankreich geht. Auch die Teilnahme am E-Commerce sei ihm praktisch nicht mehr möglich, da US-Unternehmen auf die eine oder andere Weise immer eine Rolle spielen, und es diesen strikt untersagt ist, mit Sanktionierten in irgendeine Handelsbeziehung zu treten.

Als drastisch beschreibt er auch die Auswirkungen, am Bankenwesen teilzunehmen. Zahlungssysteme seien für ihn blockiert, da US-Unternehmen wie American Express, Visa und Mastercard quasi über ein Monopol in Europa verfügten. Auch das restliche Banking beschreibt er als stark eingeschränkt. So seien auch Konten bei nicht-amerikanischen Banken teilweise geschlossen worden. Transaktionen in US-Dollar oder über Dollar-Konversion sind ihm verboten.

Ich denke ja schon länger, dass das Mittel der Wahl wird, wie der Techfaschismus seine Gegener*innen kontrolliert. Wer unbequem wird, landet auf „der Liste“ und die Plattformen und Zahlungsanbieter machen den Rest.

Wie neulich hier besprochen arbeitet die Trumpregierung bereits an einer inländischen Implementierung zum „War against Antifa“. Wobei die Schwammigkeit des Targets dieser Form der Unterdrückung durchaus entgegenkommt. Millionen zerstörter Einzelschicksale, weil „Antifa“. Gleichzeitig kann man mit solchen Listen prima am Gesetz vorbei unterdrücken: Die Plattformen setzen nur ihr Hausrecht durch und wer will schon „Terroristen“ unterstützen?

Die kommende Purge-Koalition wird nur ein Teil des Problems sein und wenn sich all diese Plattformen koordinieren, knallt der Thanos-Effekt an die Decke. Unsere Abhängigkeiten von der amerikanischen Tech-Oligarchie sind eine tickende Zeitbombe.


Jason Pargin hat ein kurzes Erklärvideo über die psychologische Ökonomie des Kulturkampfes.

Wenn wir die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten auf die Konsumwelt anlegen, dann sehen wir, dass die zusätzlichen Kaffee-Pfadgelegenheiten zwar nichts an der Verfügbarkeit der materiellen Pfadgelegenheit „Coffee, Black“ ändert, wohl aber an ihrem Wert, denn die Macht-Wert-Formel teilt immer durch die Pfadalternativen.

Und das gilt für die semantische Ebene erst recht: Der Orientierungspunkt „Kaffee“ wird ambivalent, verzweigt sich, verliert damit einen Gutteil seines Werts als Erwartungs-Koordinationsanker.

Jede Pfadalternative ist semantisch dem Spiel der Differenzen ausgeliefert: Neue Kaffee-Pfadgelegenheiten sind auch Pfadgelegenheiten zur Distinktion und das wird von den semantisch Zurückgelassen gespürt und machmal als Pfadgelegenheit genutzt, in dem geänderten Verhalten um sich herum eine Form der Herabsetzung ihrer Art zu leben zu lesen. Der semantische Ausdruck dieser Herabsetzung ist die Degradierung ihres Kaffees von „universeller, voll oker Kaffee, den halt alle trinken“ zur „Basic-Variante“.


Im Zuge der Veröffentlichung interner Untersuchungen am MIT kamen ein Haufen E-Mails zwischen dem deutschen KI-Forscher Joscha Bach und Jeffrey Epstein zu Tage. Bach und seine Theorien waren bereits mehrfach Thema hier, das erste Mal 2016, aber auch in Krasse Links No 31. Aus dem Boston Globe:

“In the US, black children outperform white children in motor development, even in very poor and socially disadvantaged households, but they lag behind (and never catch up) in cognitive development even after controlling for family income,” he wrote. […]

In another email, sent to Epstein about two weeks later in 2016, Bach claimed that women “tend to find abstract systems, conflicts and mechanisms intrinsically boring” and attributed gender disparities in scientific involvement to this.

“Most women in computer science do not write programs because they enjoy solving puzzles, but because they want to help people, get approval etc,” he wrote. “There are almost no women in math, because it does not help people or yield social attention.”

He also drew further generalizations about the differences between racial groups and mused about fascism, describing it as “probably the most efficient and rationally stringent way of governance,” but adding that it “makes romantic doo-gooders like me very uncomfortable.”

Aber auch der größere Kontext ist interessant:

According to the MIT report on Epstein’s interactions with the institute, Epstein introduced Bach to Ito, the Media Lab leader, in 2013. Bach was hired by the lab “in large part because Epstein subsidized the cost,” the report said. Epstein made donations in November 2013, July 2014, and September 2014 totaling $300,000 to support Bach’s research, according to the report.

Epstein also introduced Bach to Martin Nowak, a professor of mathematics and biology at Harvard University, according to the school’s report into its connections to Epstein. (Like MIT, Harvard commissioned a review into the university’s connections to Epstein and released the findings in 2020.)
Nowak, who led Harvard’s Program for Evolutionary Dynamics, which was funded by a multimillion-dollar gift from Epstein, was sanctioned by Harvard in 2021. He was barred from leading new research projects and taking on advisees for two years, and the program was shut down.

Nowak gave Bach access to the program’s offices from 2014 to 2019, and the program listed Bach as a research scientist on its website, according to the Harvard report. The report said Harvard did not pay Bach or provide funds to support his research. After leaving MIT in 2016, Bach continued to intermittently use the program’s office space, including to meet with Epstein, according to the report.

Was weniger Gegenstand der allgemeinen Diskussion um Epstein ist, aber zur Wahrheit unbedingt dazugehört, ist die Tatsache, dass er eine einflussreiche Figur in der Wissenschaftspolitik der USA war. Epstein war sehr engagiert, Teil eines intellektuellen Zirkels zu werden, der sich um den Literaturagenten John Brockman versammelt hatte und den dieser mal in seinem gleichnamigen Buch als „Third Culture“ bezeichnete. Da versammelte sich ein neuer Typ des Intellektuellen, der nicht mehr diesen papierverstaubten kulturwissenschaftlichen Background hat, sondern aus der „echten Wissenschaft“ kommt und die Aura des „Innovators“ trägt: Richard Dawkins, Daniel Dennet, Marvin Minsky, Roger Penrose und Steven Pinker und so weiter. Also das, wovon Jordan Peterson und das „intellektual Dark Web“ die pfadanhängigen Ausläufer in unsere Zeit sind.

Brockman und seine neuen Intellektuellen etablierten aber auch die Erlangung der Deutungshoheit der „Hard Science“ über eigentlich traditionell kultur- und geisteswissenschaftlichen Fragen, unter anderem: Was ist Erkennen, was ist Denken, was ist Bedeutung, was ist Sprache? Diese Fragen wurden jetzt zunehmend von „Cognitive Scientists“, also Psycholog*innen, Neurowissenschaftler*innen und im weitesten Sinne auch KI-Forscher*innen beantwortet.

In seinem Buch „Language Machines“ macht Leif Weatherby den Showdown dieses Paradigmenwechsels an der Popularisierung von Noam Chomskys Konzept der „Generativen Grammatik“ fest. Ich tue ihm sicherlich unrecht, aber verkürzt sagt Chomsky, dass wir eine Art evolutionären Sprachprozessor im Hirn hätten, der zwischen Gedanken und gelernter Sprache übersetzt. Dabei ist das Language-Modul nur ein Modul unter vielen und wird eigentlich nur zur Kommunikation verwendet. Wichtig ist: Denken und Sprechen sind zwei voneinander unabhängige Vorgänge.

Es war aber Steven Pinker, der in seinem Bestseller von 1994 „The Language Instinct“ die Ideen Chomskys in einer abgespeckten Form popularisierte und damit den „Cognitive Turn“ (mein Wort) einleitete, der bis heute das Wissenschaftsfeld und die gesamte Debatte prägt. Weatherby führt den Sieg der Kognitivisten letztlich darauf zurück, dass niemand aus dem kulturwissenschaftlichen Lager wirklich auf Pinkers evolutionspsychologische Thesen antworten wollte.

Ende der 1990er Jahre kommt dann nach und nach Jeffrey Epstein ins Bild. Er war fasziniert von den großen Ideen um Bewusstsein, Sprache, Evolution und Intelligenz und natürlich: Künstlicher Intelligenz. Auch er wird wie Brockman ein Broker in diesem neuen wissenschaftlichen Paradigma, aber statt mit Buchverträgen und Ruhm, stattet Epstein diese Szene mit Geld und Kontakten zu seinen Milliardärs-Freunden und Politeliten aus. Er veranstaltet Dinner, Partys, Dinnerpartys, Hintergrundrunden und verweißnochwas. Er finanziert quasi im Alleingang Brockmans Edge Foundation, Projekte an der Harvard-Universität und am MIT, den Psychologen Howard Gardner, Martin Nowak und eben Joscha Bach (auf Anraten von Marvin Minsky), er freundet sich mit Noam Chomsky an und hängt mit Steven Pinker, Minsky, Brockman und vielen anderen aus der Klicke rum. Aber vor allem vermittelte er Kontakte von und zu der neuen Intelligenzija, zu Geld, zur Tech-Szene, zur höchsten Politik und naja, zu … Minderjährigen.

Ich will niemandem Dinge unterstellen, die er oder sie nicht getan hat (nachgewiesen ist konkreter sexueller Missbrauch nur bei Marvin Minsky) und Jeffrey Epsteins Einfluss auf die Hegemonialwerdung des kognitiven Paradigmas kam relativ spät und man sollte ihn auch nicht zu hoch hängen, aber die semantischen Pfadabhängigkeiten und ideologischen Übergangswahrscheinlichkeiten sollten uns dennoch zu Denken geben.

Der Kognitivismus als verwissenschaftlichter Individualismus konnte das descartsche Individuum gegen den Angriff der Poststrukturalisten nicht nur verteidigen, sondern ein eigenes Paradigma auf diesem Sieg errichten.

Solange die Sprache nur Übersetzung innerer Geisteszustände ist, bleibt die „Res Cogitans“ intakt, bleibt das Individuum unteilbar, denn nur durch diese Unteilbarkeit, so die Vorstellung, hat der Mensch „Agency“. Chomsky steht in einer „anarchistisch-liberalen Tradition“ und da gehört das Individuum zum pfadabhängigen Erbe und wie anschlussfähig diese Position nach rechts ist, war zu seiner Zeit weniger klar als heute.

Gleichzeitig öffnet sich diese undefiniert gelassene Stelle des Denkens, das nicht Sprache ist, der pfadabhängigen Imagination: Mit dem „Bewusstsein“ und seiner „Intelligenz“ hatte man eine mit der Welt (von der Genetik abgesehen) unkorrelierte „Qualia“, der man jetzt versuchte, mit Brain-Scans, Zwillingsstudien, „Intelligenz-Tests“ und „evolutionärer Psychologie“ auf die Spur zu kommen.

Auch wenn man sich nach wie vor nicht sicher ist, was Intelligenz oder Bewusstsein überhaupt sind, ist man sich sicher, dass es etwas mit Skalierung zu tun hat, eine These, die sich oberflächlich gesehen mit „KI“ zu bewahrheiten scheint. Hinter all dem steht eine Vorstellung von „Intelligenz“ als lineare Qualitäts-Hierarchie der Bewusstseine – von der Amöbe über Albert Einstein bis zum Cognitive Scientist der Third Culture und mit „AGI“ vielleicht demnächst sogar darüber hinaus.

Dabei gilt so grob: Je Intelligenz desto Agency und je Agency desto Individuum.

Damit wird folgendes Narrativ möglich: der Ort in der Gesellschaft, den du (und die Gruppe, zu der du gehörst) einnimmst, reflektiert deine Agency (statt, wie es wirklich ist: andersrum) und deine Agency (und die deiner Gruppe) reflektiert deine Intelligenz.

Wer hat wohl Interesse an so einem Weltbild?

Hm, reiche Menschen?

Rassisten?

Sexisten?

Aber vor allem: reiche, sexistische Rassisten?

Der Kognitivismus ist nicht nur das vorherrschende wissenschaftliche Paradigma, sondern auch Grundlage der neoliberalen Eliten-Vorstellung von der Gesellschaft als „Meritokratie“ und über Bande daher auch, wo der „Scientific Racism“ seinen Most holt. Außerdem ist er der semantische Ort, von dem die KI-Bros ihre naive Vorstellung von Intelligenz beziehen und nicht zuletzt bietet er auch die Erlaubnisstruktur für das neuerliche Milliardärs-Klassenbewusstsein.

Jeffrey Epstein war ein echtes Individuum, ein Superindividuum das andere „Individuen“ wie Dividuen aussehen lässt, wie Joscha bewundernd bemerkte:

“I find your ‘political incorrectness’ very fascinating,” Bach wrote. “In the beginning, I thought it is a form of costly signaling, but now I think you are simply entirely unconstrained in your thoughts.”
He added, “I wonder what kind of person you want to transform into.”


Dieser Video-Explainer über KI dreht sich eigentlich um die Frage, in wie weit Schmerz die wesentliche Zutat ist, die Lernen ermöglicht, kommt dabei aber immer wieder auf die sogenannte „Value Function“ moderner Machine Learning-Systeme zurück.

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Q-Function errechnet also den subjektiven „Wert“ von Pfadgelegenheiten.


Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionsbiologischen Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Um zu verstehen, wo die Semantik sich versteckt, müssen wir Gregory Batesons elegante und treffende Definition von „Information“ nehmen und sie zu einer strukturalistischen Evolutionstheorie erweitern. Die Definition lautet:

Information is a difference, that makes a difference.

Aber welche Difference maked die Difference? Spoiler: Sie verändert Erwartungen.

Das symbolische System der Amöbe unterscheidet ihre Umwelt in Grenze, Gefahr und Lecker, indem sie die projizierten Handlungen „Richtung ändern“, „Run“ und „Absorbieren“ als Heuristik verwendet, als Q-Function, um für jeden sich ihr bietenden Pfad den „Wert“ zu bestimmen, bevor sie sich dafür oder dagegen entscheidet.

Doch um zu funktionieren, müssen die projizierten Handlungen zu wiedererkennenbaren Symbolen werden, die voneinander hinreichend unterscheidbar sind und die bei jedem Kontakt mit der Welt eine Iteration aus Generalisierung und Differenzierung vollziehen. Das heißt, Grenze, Gefahr, Lecker sind bereits notwendig dem Spiel der Zeichen nach Saussure/Derrida ausgesetzt und der Evolutionsdruck richtet sich von nun an auch danach, wie gut dieses Generalisieren und Differenzieren klappt und der Amöbe dabei hilft, ihre Umwelt erfolgreich zu navigieren.

Von diesen Unterscheidungen können wieder weitere Unterscheidungen abgezweigt werden:

Lecker auf die eine oder andere Weise, gefährlich auf die eine oder andere Weise, Ausweichen nach rechts, links, geradeaus? Jede Differenz ist eine Pfadgelegenheit, um weitere Differenzen daran anzuschließen.

Deswegen ist die Pfadgelegenheit selbst bereits „proto-semantisch„: Sobald wir eine Wahl haben, tragen die Pfade, die wir ein- oder ausschlagen „Bedeutung“, insofern, dass wir jeden Pfad mit einer bestimmten Erwartung verbinden.

Noch bevor wir ein Wort sprechen können, sind wir in ein Netzwerk der Erwartungen eingebunden, das uns an uns selbst, aber auch mit der Welt und mit den Menschen um uns herum verbindet.

Strukturalismus evolutionär gesehen, bedeutet also: Erwartungen differenzieren sich aus, indem sie einander als differenzielle Infrastruktur verwenden: Aus Strukturen werden Metastrukturen, werden Metastrukturen, werden Metastrukturen etc. Nach Bateson: A Second Order Information is a difference making difference, that makes a Difference compared to the other the difference making differences, etc.

Erwartungen sind intern vernetzt. Nicht nur orientieren sich unsere Erwartungen an den Erwartungen der Menschen um uns herum, sondern eine Erwartung baut immer auch auf ein Netz pfadabhängiger Erwartungen auf, ob unbewusst oder unbewusst. Ich erwarte, dass die Zeichen, die ich hier schreibe, gespeichert werden, weil ich erwarte, dass WordPress sie abspeichert, was die Erwartung voraussetzt, dass der Server erreichbar ist, was erwartet, dass der Strom funktioniert, usw. Ändert sich ganz unten was in der Kette – etwa mit dem Strom – dann ist das eine mächtige „Information“, denn sie verändert alle davon pfadabhängigen Erwartungen.

Auch mein Hund Cobi unterscheidet Dinge, Menschen, Tiere und nutzt diese Unterscheidungen als Pfadgelegenheit zu unterschiedlichem Verhalten. Ein Baum ist auch für ihn nicht nur dieser eine Baum, sondern er hat eine zur Erwartung geronnene Erfahrung von „Baum“, die er aus all seinen Begegnungen mit „Baum“ generalisiert und differenziert hat. „Baum“ ist bei ihm vor allem mit der Pfadgelegenheit zur Kommunikation assoziiert. Weil er und andere Hunde bevorzugt gegen Bäume pinkeln ist sein ausgiebiges Schnüffeln seine Art der Morgenlektüre der Lokalnachrichten. Seine feine Nase ermöglicht ihm alle möglichen Aspekte des Geruchs zu unterscheiden und feine Differenzen darin wiederum als Pfadgelegenheiten zu nutzen, um sich zu Verhalten, zB. selbst eine Antwort zu hinterlassen.

Natürlich hat Cobi eine ganz andere (Proto-)Semantik von „Baum“ als ich. Die Unterscheidung zwischen Mast und Baum empfände er wahrscheinlich als eine lächerliche Spitzfindigkeit und ich glaube über solche Sachen würden wir uns den ganzen Tag streiten, wenn er meine Sprache spräche. Dann würde ich mich aufspielen, dass meine Unterscheidung viel besser, viel differenzierter sei, als seine Unterscheidung und ich würde mir toll vorkommen, dass wir Menschen mit dem Wort „Baum“ eine viel bessere semantische Infrastruktur zur Verfügung hätten, als seine zusammengewürfelte Privatempirie der Erscheinungen.

Dann würde mich aber Cobi darauf hinweisen, dass „Baum“ biologisch und damit in gewisser weise auch „ontologisch“ eine falsche Bezeichnung ist. Es gibt nicht die Spezies „Baum“, sondern nur einen heterogenen Mix aus unterschiedlichen und größtenteils kaum verwandten Pflanzenarten, die jeweils parallel auf den evolutionären Pfad der „Verholzung“ eingeschwungen sind.

Das habe er sich doch gerade erst angelesen, würde ich ihm entgegenrufen, um den Punkt zu machen, dass nur menschliche Semantik die notwendigen Infrastrukturen bietet, um solche Dinge wie „Spezies“ überhaupt zu unterscheiden!

Ach ja, sagt Cobi? Also er habe diese Unterscheidung schon immer gerochen. „Fichte, Buche, Eiche, Tanne für mich war das schon immer ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Auf Fichte komme zum Beispiel sein Geruch am besten zur Geltung. „Aber ihr Menschen seht nur Holz. Hauptsache brennt gut, was?“ Er ist so ein Klugscheißer!

Here is the Thing: Das, worauf Saussure und die (Post-)Strukturalist*innen gestoßen sind, ist mehr als nur „Sprache“ in dem sehr engen Sinn, wie die Kognitivist*innen sie wegerklären. Sprache, im universell Saussure’schen Sinn, fängt dort an, wo wir Unterscheidungen machen und sie für unterschiedliche Pfadgelegenheiten nutzen. Deswegen irritieren mich die Befunde und Brainscans der Kognitivisten gar nicht: Es gibt keine kognitiven Fähigkeiten, für die die Fähigkeit zu Unterscheiden und diese Unterscheidung als Infrastruktur für weitere Unterscheidungen zu verwenden, nicht eine pfadabhängige Infrastruktur wäre.

Aber wie entsteht das, was wir normaler weise „Semantik“ nennen: also intersubjektive Bedeutung?

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Wenn Pfadgelegenheiten Proto-Semantiken sind, weil sie projizierte Handlungen sind, die erwarteten Pfaden in vorhandenen Infrastrukturen folgen, dann sind semantische Pfadgelegenheiten, projizierte Pfade in den erwarteten Erwartungen meines Gegenübers – also seiner und meinen gemeinsamen wechselseitig erwarteten semantischen Infrastrukturen. Wenn ich unterscheide, was Menschen erwarten, kann ich ihre Erwartung als Pfadgelegenheit nutzen, mich zu ihnen in für sie erwartbarer oder auch unerwartbarer Weise zu verhalten und mich damit unter umständen auszudrücken.

Semantiken sind Pfadgelegenheiten zur Modifikation von Erwartungen, die die erwarteten oder formulierten Unterscheidungen anderer als Infrastruktur nutzen.

Nun ist es aber so, dass ich die Worte, die ich Cobi zurufe nicht erfunden habe. „Sitz“, „Platz“, „Hier“ – das sind geläufige Formen seinen Hund konditionieren und weil ich kein Individuum bin, das sich die Mühe macht, eine Privatsprache für sowas zu erfinden, sondern nur ein Dividuum, das die Sprache der anderen nutzt, wie es sie vorfindet, ist Cobis Verständnis von der Welt stellenweise semantisch verwoben mit dem Netzwerk der menschlichen Erwartungserwartungen. Das macht manchmal auch Probleme, zum Beispiel wenn ich nach Cobi rufe und Menschen drumrum sich umdrehen, weil sie zufällig „Tobi“ heißen.

Im Gegensatz zu Hunden betreiben wir mit den „gesellschaftlichen Semantiken“ ein morphologisches Feld lokal stabilisierter, aber sich dennoch ständig wandelnder Erwartungserwartungen, von dem ich geprägt bin, noch bevor ich meine „eigenen“ Unterscheidungen überhaupt hätte treffen können. Das heißt, die Unterscheidungen, mit denen ich die Welt betrachte, sind durch die Sprache, in der ich denken und sprechen gelernt habe, überformt und vordefiniert. Jede Unterscheidung ist ihr eigenes Paradigma und ich erbe diese Paradigmen, ohne mich wirklich kritisch mit diesem Erbe zu befassen (ist auch nicht so leicht, tbh.)

Aber das heißt, wir sind erstmal geprägt von den Unterscheidungen, die andere vor uns und für uns getroffen haben. Unser Verständnis der Welt ist durch die vorhandenen semantischen Pfadgelegenheiten vorstrukturiert und da kommen wir nur raus, wenn wir alternative semantische Pfade suchen und schaffen.


Dass das Resultat der KI-Anstrengungen der Kognitivisten ausgerechnet in der LLM mündete, die den endgültigen empirischen Beweis für die Richtigkeit des poststrukturalistischen Ansatzes erbracht hat, ist eine Ironie der Geschichte, auf die als erster Ted Underwood hinwies und die auch ich im KI-Paper für die Hans-Böcklerstiftung und dann im Aufsatz „Im Dickicht der Bedeutung“ genauer erklärt habe und die jetzt Leif Weatherby in seinem absolut lesenswerten Buch „Language Machines“ genaustens seziert.

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Das bedeutet aber auch, dass es „AGI“ so, wie es sich die Kognitivisten vorstellen, nicht geben kann. Wenn Intelligenz nicht die Eigenschaft eines Systems, sondern eine Beziehung zwischen System und Umwelt ist, dann gibt es „bessere Intelligenz“ in unserem (post-)strukturalistischen Framework nicht durch „Skalierung von Kognition“, sondern nur durch neue und bessere Unterscheidungen.

Das Platzen der KI-Blase, so meine Hoffnung, wird damit hoffentlich auch das Ende des Kognitivismus einleiten und vielleicht sogar das Königreich des Individuums endgültig kollabieren lassen. Und so notwendig das ist: das wird nicht schön.