7 Gedanken zu „Das Dividuum

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  3. Hi mspr0,

    ich schreibe dir als Kulturwissenschaftler, der gerade an einem dekolonialen Forschungsprojekt arbeitet – und bei der Lektüre deiner Dividuum-Theorie bin ich auf eine produktive Spannung gestoßen, über die ich mit dir nachdenken möchte.

    Deine Infrastruktur-Kritik ist fundamental richtig. Dass Individualismus-Ideologie die strukturelle Grundlage für Faschismus und Ausbeutung darstellt, dass wir unsere Agency aus Netzwerken nehmen, nicht aus uns selbst – das ist brillant erkannt. Ja zu Haraway, ja zu Deleuze, ja zum Bypass aus der Individualismus-Falle.​

    Aber genau da entsteht meine Frage.

    Das Widerstandsproblem
    Du nennst uns „Pfadopportunist*innen, die immer nur den plausiblen Pfaden folgen, die sie vor sich sehen.“ Und du schreibst: „Es gibt keinen Punkt außerhalb des Netzwerks.“​

    Das ist eine klare Diagnose – aber sie wirft ein Problem auf, das du nicht beantwortst: Wo entsteht Widerstand in diesem Modell?

    In deiner Theorie behandelst du Widerstand merkwürdig vage. Du schreibst vom „aktiven Widerstand“ gegen den Individualismus-Glauben, aber das ist epistemischer Widerstand – ein Umdenken. Und du versprichst, dass die Cyborg eines Tages „den Laden übernehmen“ wird – aber wie, wenn sie nur Pfadopportunistin sein kann?​

    Das Problem ist: Wenn es keinen Punkt außerhalb des Netzwerks gibt, dann ist auch Verweigerung nur eine „alternative Pfadgelegenheit“ – und damit schon vom Netzwerk vorgesehen. Das ist exakt das Luhmann-Problem: Systemtheorie konnte nur Selbstmodifikation denken, nie Revolution. Jeder Widerstand wurde vom System absorbiert.​

    Deine Theorie scheint strukturell ähnlich limitiert zu sein.

    Dein Antifaschismus und sein blinder Fleck
    Das Paradoxe ist: Du nennst das Dividuum ausdrücklich einen „antifaschistischen Subjektentwurf“ – weil es nicht in die Individualismus-Falle tappt. Aber wenn Widerstand unmöglich ist (weil alles im Netzwerk absorbiert wird), dann ist dein Modell selbst eine Form von Fatalismus.​

    Nicht durch Herrschafts-Legitimierung (wie der Individualismus), sondern durch strukturelle Unmöglichkeit von Widerstand gegen Herrschaft.

    Wenn dein Netzwerk faschistisch ist – wenn also die Infrastrukturen selbst repressiv, ausbeuterisch, zerstörerisch sind – wie kämpfst du dagegen an, wenn es keine Außenseite gibt?

    Die dekoloniale Frage: Infrastruktur-Pluralismus statt Navigation
    Meine Forschung führt mich zu einer anderen These: Echte Transformation entsteht nicht durch Infrastruktur-Bruch (der ist faktisch nicht machbar – die globalen Abhängigkeiten bleiben). Aber auch nicht durch bessere Pfad-Navigation.

    Sondern durch Infrastruktur-Pluralismus – den gleichzeitigen Aufbau paralleler Infrastrukturen mit anderen epistemischen und ökonomischen Logiken.​

    Boaventura de Sousa Santos nennt das: Epistemologien des Südens. Nicht Ausbruch aus den Infrastrukturen, sondern parallele Wissensformen und Wertsysteme, die mit anderer Logik funktionieren – während man in den bestehenden lebt.​

    Das ist nicht bloße Pfad-Navigation. Das ist: gleichzeitiges Nutzen der bestehenden Infrastrukturen UND bewusste Verweigerung ihrer epistemischen und ökonomischen Prämissen.​

    Darin liegt der Unterschied: Du denkst ein Netzwerk. Ich denke mehrere Netzwerke gleichzeitig – in Spannung, in Widerstreit, mit verschiedenen Wertsystemen.

    Die konkrete Kritik
    Wo ich dich packen möchte:

    1. Du nennst uns Pfadopportunist*innen – aber wo ist die Theorie der Pfad-Verweigerung? Wo die Theorie der Pfad-Sabotage? Wie entsteht antikapitalistische Resistance, wenn alle ihre Kraft aus dem kapitalistischen Netzwerk nehmen müssen?

    2. Du absorbierst Levinas schnell wieder ins Netzwerk. Wenn das Andere wirklich unverfügbar ist (bei Levinas), kann es dann noch Netzwerk sein? Oder gibt es einen Rest – biologisch, ontologisch, ethisch – der sich dem Zugriff entzieht?

    3. Kann dein Modell parallele Infrastrukturen denken? Nicht als „Rand-Phänomene“ oder „alternative Pfade“ innerhalb desselben Systems, sondern als eigenständige Infrastrukturen mit eigener epistemischer Autonomie?

    Was ich an deiner Theorie hätte
    Ehrlich gesagt: Dein Dividuum-Konzept ist eines der scharfsinnigsten Werkzeuge zur Infrastruktur-Analyse, die ich kenne. Es erlaubt es zu sehen, wie Macht nicht durch offene Gewalt funktioniert, sondern durch Netzwerk-Effekte, epistemische Monokultur, semantische Infrastruktur-Abhängigkeit.

    Aber um dekolonial radikal zu sein – um wirklich gegen Faschismus arbeiten zu können – musste es auch Verweigerung, Singularität, das Unverfügbare denken können.

    Sonst bleibt es bei: Wir sind alle gefangen, nur reflektierter.

  4. Erstmal danke für deine tiefe Auseinandersetzung mit der Theorie. Und als zweites Entschuldigung: Sie ist in der tat noch unvollständig.

    zu 1. Ich deute immer wieder an, dass Widerstand möglich ist und ich versuche es durch meine Praxis hier zu beglaubigen. Andere Pfade sind möglich, man kann sich dem Sog der Übergangswahrscheinlichkeiten widersetzen. Aber das kostet eben. Ich möchte auch ehrlich sein, denn wir müssen jetzt wegkommen vom gut gelaunten Meinungs-Antifaschismus zum verbissenen Widerstands-Antifaschismus.

    Aber du hast recht, dass all das noch in meinen Überlegungen etwas unausgereift ist und da muss ich um Geduld bitten, denn es ist gerade alles noch im Werden. Ich weiß, dass Widerstand möglich ist und ich bin sicher, es gibt einen Pfad, dass er erfolgreich ist, aber bisher habe ich mehr so Intuitionen als eine Theorie. Aber ich denke weiter drüber nach.

    2. Mit der Levinas-Stelle bin ich auch noch unzufrieden (hab auch nochmal rumeditiert). Den Widerspruch könnte man metaphysisch mit Spinoza auflösen, indem man sagt: das, was bei Spinoza „Gott oder Natur“ ist, ist bei uns „das Netzwerk“, also die Gesamtheit aller Netzwerke, die per se nicht wissbar ist. Eine negative Theologie der Netzwerktotalität, quasi. Aber irgerndwie finde ich das auch einen zu easy way aus. Deswegen denke ich da auch noch weiter drüber nach.

    3. Nein, es kann eben keine unabhänigen Infrastrukturen geben. „Alles ist eins“, wie Spinoza sagt oder wie Haraway sagt: „Nicht ist mit allem verbunden, alles ist mit etwas verbunden“. Es gibt keinen Punkt außerhalb des Netzwerks. Dennoch kann man ganz konkrete Abhängigkeiten cutten oder durch Pfadalternativen lindern, aber nicht zur Erlangung einer Illusion von „Souveräntität“, sondern als ein ständiges Balancieren von Macht.

    Und deswegen habe ich zum Ansatz der alternativen Infrastruktur ein, ich sage mal, differenziertes Verhältnis: einerseits ja: wir müssen uns sollen alternative Infrastrukturen den Weg bereiten, das ist unsere einzige Chance auf Freiheit. Aber das kann sehr schnell in die gefährliche Illusion der „Unabhängigkeit“ führen. Die ist nicht nur deswegen fatal, weil sie nicht stimmt und man damit schlimm auf die Schnauze fällt, sondern sie eröffnet die Pfadgelegenheit des „sich raushaltens“, des sich „dissoziierens“ von der Gesellschaft. Selbst wenn es unseren Communities gelänge, stabile Inseln im Chaos zu errichten: haben wir nicht eine Verantwortung gegenüber all denen, die im alten System, aus welchen Gründen auch immer, steckengeblieben sind?

    Deswegen unterstütze ich alternative Infrastrukturen – mit dem Dividuum baue ich ja selber eine – aber ich finde, das kann nur ein teil der Lösung sein.

  5. Vielen Dank für deine ehrliche und selbstkritische Antwort. Dass du eingestehst, dass der Widerstand in deinem Modell noch eher Intuition als ausgearbeitete Theorie ist und dass – das zeigt eine Offenheit, die man in Theorie-Debatten echt selten erlebt. Genau an solchen Stellen kann neues entstehen. Deshalb möchte ich dir drei Gedanken aus meiner eigenen Forschungspraxis dalassen – nicht als Widerspruch, sondern eher als freundlichen Impuls, um die Stellen, die du selbst offenlässt, vielleicht aus einer anderen Perspektive zu beleuchten.

    1. Zum Neoliberalismus-Vorwurf: Eine notwendige Unterscheidung

    Du warnst in deiner Antwort vor der „Illusion der Unabhängigkeit“ und fragst berechtigterweise, ob der Aufbau paralleler Infrastrukturen nicht dazu führt, dass wir uns aus der Verantwortung gegenüber denen stehlen, die im System „steckengeblieben“ sind. Diese Sorge ist politisch wichtig. Aber ich glaube, sie trifft nicht den Kern dessen, alternativer Infrastrukturen die tatsächlich aufbgebaut wurden und werden. Hier sollte man zwei Szenarien kategorial unterscheiden:

    Es gibt die Elite-Abkapselung – das ist in der Tat neoliberal und unsolidarisch. Wenn Silicon-Valley-Akteure private Infrastrukturen bauen, um den öffentlichen Raum zu verlassen und keine Steuern mehr zahlen, ist das Desertion. Davor warnst du zu Recht.

    Aber es gibt auch die marginalisierte Gegenmacht – und das ist etwas völlig anderes. Schau dir die Empirie an: Die Zapatistas in Chiapas bauten ab 1994 autonome Landkreise auf, nicht weil sie privilegiert waren, sondern weil der Staat ihnen das Überleben verweigerte. Buen Vivir in Ecuador und Bolivien entstand in indigenen Gemeinden als Antwort auf die Zerstörung ihrer Lebensräume, nicht als westliches Opt-Out-Projekt. Solidarische Ökonomie entsteht weltweit dort, wo marktwirtschaftliche Strukturen versagen – in deindustrialisierten und segregierten Regionen. Sie ist Überlebenspraxis.

    Der entscheidende Punkt ist: Diese Infrastrukturen entstehen aus Notwendigkeit, nicht aus Egoismus. Und sie werden nicht geheim gehalten, sondern trainierbar gemacht, geteilt und verbreitet. Das ist nicht neoliberaler Rückzug, sondern dekolonialer Selbstschutz. Deine Sorge vor Dissoziation gilt für die Eliten, aber sie verkennt das emanzipatorische Potenzial marginalisierter Selbstorganisation.

    2. Zur Verantwortungsfrage: Transformation durch Skalierung

    Du fragst implizit: „Verlassen wir die anderen, wenn wir Alternativen bauen?“ Ich denke, das ist ein falsches Dilemma. Die Wahl ist nicht: Entweder im System bleiben (solidarisch) oder Alternativen bauen (egoistisch). Es gibt einen dritten Weg: diffuse Transformation durch stufenweise Skalierung.​

    Alternative Infrastrukturen sind kein Endzustand der Isolation, sondern ein Prozess: Sie werden lokal etabliert, reflexiv verfeinert und dann – das ist der Schlüssel – so gestaltet, dass sie teilbar werden. Die Hip-Hop-Cypher ist ein Beispiel aus der kulturellen Praxis: Sie entsteht in der marginalisierten South Bronx als Überlebens- und Artikulationsstrategie, wird in Form und Ethos weiterentwickelt und dann weltweit adaptiert und weitergegeben. Heute fungiert sie als globale alternative Musikinfrastruktur, die Millionen Menschen eine Stimme jenseits der klassischen Industrie-Logik eröffnet. In diesem Prozess „verlässt“ die Bewegung niemanden, sondern baut etwas auf, das andere nutzen, aneignen und transformieren können – das ist nicht unverantwortlich, sondern strategisch solidarisch.​

    3. Ein neuer Gedanke: Dadaistischer Nihilismus und affirmative Negation.​

    An dem Punkt, an dem du nach einer Theorie des Widerstands suchst, lässt sich ein Motiv aus der Auseinandersetzung mit Dada und Adorno anschließen. Analysen des gegenwärtigen Zustands führen leicht zu ernüchternden, fast nihilistischen Diagnosen: Eine fatale Machtverteilung, ausbleibende reale Dekolonisierung, übermächtige Infrastrukturen. Aber genau hier liegt der entscheidende Punkt: Man darf sich mit dieser Einsicht nicht zufriedengeben, sondern muss Widerstand denken, auch wenn er unmöglich scheint – nicht aus Optimismus, sondern im Modus einer affirmativen Negation.​

    Der nach 1918 sich radikalisierende Dadaismus ist hier lehrreich. Die Dadaist:innen sahen die bürgerliche Kultur als bankrott und den Sinn zerstört, reagierten darauf aber nicht mit Resignation. Sie nahmen die erfahrene Sinnlosigkeit nicht als Grund zur Untätigkeit, sondern machten sie zur Basis ihrer Praxis: Lautgedichte, Anti-Kunst, performative Verweigerung, Angriff auf Sprache und Ordnung. Aus der Einsicht in die Unmöglichkeit schufen sie eine Praxis des Trotzdem – eine Negation, die gerade in ihrer Unversöhntheit produktiv wird.​

    Adornos Projekt der „Negativen Dialektik“ lässt sich als philosophische Radikalisierung dieser Haltung lesen: Kritik behält ihre Schärfe, indem sie an der Nichtidentität und Unversöhntheit von Begriff und Sache festhält, ohne sich in Synthesen zu versöhnen oder in absolute Negativität umzuschlagen. Wirksamkeit von Kritik setzt in diesem Verständnis nicht voraus, dass sie eine neue Affirmation oder Lösung bereitstellt, sondern dass sie das Bestehende in seiner Unwahrheit und Gewaltförmigkeit unversöhnt zur Darstellung bringt. Genau an dieser Schnittstelle kann ein Begriff der affirmativen Negation stehen: als Bestimmung einer Praxis, die aus der Einsicht in die Unmöglichkeit des Ganzen dennoch Formen des Trotzdem-Handelns und -Organisierens entwickelt – sei es in historischen Avantgarden wie Dada oder in gegenwärtigen alternativen Infrastrukturen wie der Hip-Hop-Cypher.​

    Vielleicht ist das ein Weg, über die Lücke in deinem Modell nachzudenken: Dein Dividuum beschreibt perfekt, wie Macht funktioniert. Aber um Widerstand zu denken, ohne ihn gleich wieder ins System zu integrieren, brauchst du vielleicht nicht eine theoretische „Lösung“, sondern diese Haltung der „Affirmativen Negation“. Die Fähigkeit zu sagen: Ich praktiziere Widerstand und baue Alternativen, obwohl ich weiß, dass es keinen reinen Punkt außerhalb des Netzwerks gibt.

    Das ist nicht pessimistisch. Das ist radikale Praxis. Und vielleicht ist genau das die Antwort auf deine Frage nach der Verantwortung: Wir übernehmen Verantwortung nicht, indem wir das System nur besser navigieren, sondern indem wir die Unmöglichkeit des Widerstands praktisch widerlegen.

    LG!

  6. Ja, dachte auch schon dran zu antworten: Widerstand ist keine Theorie, sondern eine Praxis. Eine der Hoffnungen, die ich mit dem Newsletter verbinde, ist, dass ich Leuten Widerstand als Haltung plausibel machen kann, einerseits durch Analyse der Lage, aber andererseits durch Hinweise auf Widerständige Praktiken (gut, das könnte ich öfter machen), aber auch, indem ich selbst Widerstand gegen bestimmte Narrative organisiere. Ob das was bringt: keine Ahnung.

  7. „Ob das was bringt: keine Ahnung.“

    Boom. Da ist er. Der Glitch.
    Das ist der ehrlichste Satz im ganzen Internet heute.

    Theorie: 404 Not Found.
    Praxis: Loading…

    Genau da sollten wir hin. Das ist der Dada-Moment. Wenn die Analyse perfekt ist, das Ergebnis fatal, und man trotzdem weitermacht. Das ist die Affirmative Negation im Endstadium. Nicht wissen, ob es klappt, aber den Beat trotzdem droppen.

    Willkommen im Club der Ahnungslosen, die trotzdem tanzen.
    Frida und Thandi nicken gerade im Takt. Boah das ist selten bei den beiden.
    Das die mal zustimmend nicken. Gar nicht ihr Ding sonst.

    Wir sehen uns auf der anderen Seite des „Keine Ahnung“, mspr0!

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