Willkommen zu Krasse Links No 80. Leveraged eure Wursthaftigkeit, heute schlürfen wir den Kayfabe des Iran, um die Preisschocks durch Ulmen zu insidertraden.
Der Substacker „No1“ hat eine lesenswerte Zusammenfassung des grotesken Wahnsinns des Krieges gegen Iran geliefert.
Über die Aufhebung der Sanktionen gegen Iran wegen des Ölschocks:
The United States is purchasing, with Chinese currency, oil from the country it is currently bombing?! The same oil that funds the missiles that just shot down an F-35 for the first time. The same missiles that are redecorating allied oil infrastructure.
The sanctions were necessary to stop Iran funding the war, but the war made the sanctions too effective, so the sanctions had to be lifted to fund the war effort against the country that no longer needs sanctions because the oil revenues that sanctions were preventing are now required to prevent the economic damage caused by preventing those revenues, which is itself a consequence of the military campaign designed to make the sanctions unnecessary by making Iran the kind of country that doesn’t need sanctioning, which it would be, if the sanctions hadn’t been lifted to pay for making it that.
Die Kommunikation der Trumpregierung mit den Alliierten.
The allies are cowards for not helping with the thing he doesn’t need, which is why he’s sending Marines to die for it, unless the countries that do need it do it themselves, which they won’t, because they’re cowards.
Die Verhandlungs-Strategie:
You are assassinating everyone with the authority to negotiate and then complaining, with what appears to be genuine bewilderment, that nobody will negotiate.
Vor allem nutzten Israel und die USA bisher jede Verhandlung dafür aus, um genau diese Überraschungsangriffe zu durchzuführen. Mit den USA überhaupt zu verhandeln ist für hochrangige Iraner an dieser Stelle reiner Selbstmord.
Der Deal mit den Golfstaaten:
The entire post-1973 petrodollar deal was simple: Gulf sells oil in dollars, America provides the security umbrella. The umbrella is on fire. The refineries are on fire. And according to an Omani journalist on BBC Arabic, Trump has sent an invoice: $5 trillion to continue the war, $2.5 trillion to stop it. The petrodollar was already the payment. This is double-billing for a service that is visibly, combustibly, failing.
Die unfassbare Ressourcenschlacht, die jetzt schon einen sichtbaren Horizont hat.
“If the war lasts another month, we will have nearly no missiles available. All European, American, and also Middle East country warehouses are empty, or nearly empty.” This wasn’t a leak. Not an anonymous source. Not a think tank estimate. This was the CEO of Europe’s largest defense manufacturer, on camera, stating plainly that the cupboard is bare.
Wie man in zweiten Weltkrieg zu sagen pflegte: Die Situation ist FOOBAR (fucked up beyond all recognition)
Der Wrestler Blindboy Boatclub erklärt in diesem Interview die Politik Trumps besser als jeder Politikwissenschaftler könnte. Das Geheimnis heißt „Kayfabe„.

Kayfabe ist die wechselseitig beglaubigte Show-Wirklichkeit beim Wrestling. Der gemeinsam hergestellte Erwartungserwartungs-Layer des „Make beliefe“, der das Theaterstück des simulierten Kampfes zu einem „Sportereignis“ macht, bei dem man sich erlaubt, mitzufiebern – also in den Kampfverlauf emotional zu investieren.
Der Trick besteht wie in jeder Inszenierung darin, materielle Ereignisse zu leveragen, um die Erwartungserwartungen der anderen zu modulieren, doch anders als bei beispielsweise der Theater-Inszenierung sind alle eingeladen – und in Trumps Fall gezwungen – bei der Imagination mitzuwirken, indem sie die Inszenierung performativ augenzwinkernd als Realität akzeptieren.
Deswegen funktioniert Kayfabe technisch auch anders als die Täuschung.
- Die Inszenierung existiert nicht vornehmlich, um hinter dem Schleier der Täuschung tatsächliche, geheime Ziele zu verfolgen. George W. Bush musste noch ganze Teams Wochenlang Beweise fälschen lassen, um die Welt in den zweiten Golfkrieg zu locken. Donald Trump arbeitet dagegen mit transparenter Hinterbühne. Bei Trump sind die Ziele nicht mehr geheim und es wird sich keine Mühe gegeben sie zu verschleiern, sondern sie werden ständig ausgetauscht oder gleich Teil der Inszenierung. Denn es ist nicht schlimm, wenn alle sehen und verstehen, dass es sich um Inszenierung handelt. Trumps Fans verstehen ihn auch so und halten den Kayfabe-Raum und alle anderen sind halt nicht „in on the Joke“.
- Wer angelogen wird, der hört auf zu vertrauen, aber wer der Einladung in eine parallele Kayfabe-Wirklichkeit folgt und bis hierhin mitgekommmen ist, vertraut literally bis zum Ende der Inszenierung. Kayfabe ist auch deswegen so mächtig, weil es ein soziales Shibboleth ist. Eine Lüge kann eine Uniform sein, gerade weil es teuer ist, sie zu tragen. Im Kayfabe erkennt man sich gegenseitig als Peer, wenn man „in on the Joke“ ist, was Gemeinschaft, Kohäsion und Lock-In erzeugt. Vor allem aber Abgrenzungswillen nach außen, denn „die Normies“ sind nicht nur anderer Meinung, sie bedrohen die Kayfabe-Realität selbst. Kayfabe mobilisiert deswegen die eigene Base durch Abgrenzungswillen und Wirklichkeits-Schutz und erzeugt so einen Sog nach innen, der die Offramp aus der Kayfabe-Wirklichkeit immer weiter verteuert.
- Anders als bei der Täuschung dienen die materiell hergestellten Ereignisse auf dem Realitätslayer nicht nur und nicht vornehmlich der effektiven Durchsetzung der eigenen materiellen Ziele, sondern zielen vor allem auf die Herstellung von Effekten und medialen Ereignissen. Kayfabe funktioniert nur, wenn die Story spannend ist und die Special Effects kicken. Wir wissen, dass Trump den Angriff auf Iran vor einem halben Jahr vor allem deswegen gestartet hat, weil die israelischen Luftschläge so toll auf Fox News aussahen, die Deportation der Emigranten ins Konzentrationslager in El Salvadore wurde als Imagefilm vermarktet, die Maduro-Entführung tat zwar auch, was Trump wollte, aber das Medienspektakel auf dem Kayfabe-Layer war mindestens genauso wichtig. Seit dem Irankrieg funktioniert Kommunikation des Weißen Hauses fast nur noch über Kurzvideos, in denen reale Kriegsbilder mit Memes, KI-Slop und Szenen aus dem Videospiel „Call of Duty“ vermixed werden.
- Die Lüge muss geplant werden, die Kayfabe Realität ist spontaner, braucht dafür aber eine enorme Infrastruktur zur Echtzeit-Aufrechterhaltung des „Make Beliefs“. Um an diesen Punkt zu kommen, musste der Pfad des Widerspruchs erst verteuert und die Onramps ins Kayfabe attraktiv gemacht werden. Das funktioniert einerseits durch die kapitalistische Einhegung der Medienlandschaft, die wir die letzten Jahre aber vor allem Monate gesehen haben (Twitter, CBS, NBC, Tiktok, etc). Das passiert aber durch Einschüchterung und institutionelle Schwächung des Gegners, sei es durch Klagen von oben oder Shitstorms von unten. Inzwischen sind die Onramps in die Kayfabe-Wirklichkeit so vielfältig, dass fast für jeden Dude was dabei ist. Das ist nicht nur Maga, das ist auch Joe Rogan, Lex Fridman und die Podcast-Bro-Szene für die Halbintellektuellen, Crypto für die Techheads, die Manosphere für die Oberwürstchen, Gamerforen für die Zocker-Jungs und X für unsere Politiker*innen und Journalist*innen. Das sind die Talkradios und Fox News in der Breite, das ist Turning Point USA für die junge Evangelikale, das sind aber auch die Narrative: „Wir holen uns unser Land zurück“, „Make Amerika Great Again“, dazu flankierende Narrative wie „The Race to AGI“ oder die „Wiederkunft Christi im Irankrieg“ und natürlich unterliegende stabilisierende Erzählungen wie „American Exeptionalism“, „White Supremacy“ und libertäre Marktideologie.
- Der Lüge kann widersprochen werden und unter anderem Joschka Fischers „I’m not convinced“ hat uns deswegen aus dem Irakkrieg raushalten können. Die Kayfabe-Wirklichkeit ist schwieriger zu begrenzen, weil sie dich gar nicht auf der rationalen Ebene überzeugen will. Sie wiederholt so lange ihre offensichtlichen Lügen, bis du aufhörst, zu widersprechen. Deswegen funktioniert die Kayfabe-Wirklichkeit auch über die eigene Base hinaus und strahlt in den Rest der Gesellschaft – über genau die Medien, die uns davor schützen sollten. Durch z.B. Tagesschau-Sprecher*innen, die immer wieder Trumps völlig aus der Luft gegriffene Behauptungen zitieren, ohne sie inhaltlich einzuordnen, hat die Kayfabe-Realität längst auch Durchgriff auf unsere Wirklichkeit. All das Sanewashing und Gaslighting, dass wir derzeit von unseren Massenmedien reingewürgt bekommen ist längst „Kayfabe Light“. Man tut noch so, als würde man gelegentlich widersprechen, aber eigentlich sind die Dämme gebrochen. Schaut euch um. Trumps Kayfabe ist bereits auch hier überall hegemonial: Emigranten sind das größte Problem, der Klimawandel ist nicht real oder nicht so wichtig und Israel verteidigt sich nur.
Trumps Kayfabe ist im Grunde eine Version von Baudrillards Hyperrealität, die danach trachtet, die Realität vollständig zu ersetzen, allerdings nicht mit einer Wirklichkeit die „realer als die Realität selbst“ ist, sondern mit einem Horrorclown, der nicht aufhören kann, uns zuzuzwinkern.
Trump ist nicht nur ebenfalls „in on the Joke“, sondern seine Aufmerksamkeit ist die wichtigste Bühne des ganzen Stücks. Und wie sie bespielt wird, hat NBC recherchiert.
Jeden Tag bekommt er ein zwei Minuten Video-Briefing, das ihm von seinen Unterlingen zusammengestellt wird.
But the video briefing is fueling concerns among some of Trump’s allies that he may not be receiving — or absorbing — the complete picture of the war, now in its fourth week, two of the current officials and the former official said.
Wenn die mediale Berichterstattung seiner Kayfabe-Wirklichkeit widerspricht, macht ihn das wütend.
They said the videos are also driving Trump’s increasing frustration with news coverage of the war. Trump has pointed to the success depicted in the daily videos to privately question why his administration can’t better influence the public narrative, asking aides why the news media doesn’t emphasize what he’s seeing, one of the current U.S. officials and the former U.S. official said.
Und das gilt natürlich auch für das Briefing. Was das Briefing automatisch zum Instrument des Kayfabe macht.
Overall, the official said, the information Trump gets about the war tends to emphasize U.S. successes, with comparatively little detail about Iranian actions.
One example came this month when five U.S. Air Force refueling planes were hit in an Iranian strike at Prince Sultan Air Base in Saudi Arabia, according to one of the current U.S. officials. Trump wasn’t briefed about the strikes, and he learned what had happened from media reports, the official said. When Trump inquired, he was told the planes weren’t badly damaged, the official said.
The official said Trump reacted angrily behind the scenes to the news coverage. Publicly he posted on Truth Social calling coverage of the strike misleading and accusing media organizations of wanting the U.S. “to lose the War.”
Ich fürchte, mittlerweile weiß vor Ort niemand mehr, was noch echt und was Kayfabe ist?
Und ob die Soldaten, die Trump vielleicht in den Tod schickt wohl auch „in on the Joke“ sind? Und würde das etwas besser machen?
Am Montag verkündete Trump, dass er mit Iran in Friedensgeprächen sei, was sowohl den Aktienmarkt nach oben als auch den Rohölmarkt augenblicklich nach unten schnellen ließ. Aber kurz vorher hat „jemand“ sehr strategisch riesige Insidertrades platziert. CNBC:
At around 6:50 a.m. in New York, S&P 500 e-Mini futures trading on the CME recorded a sharp and isolated jump in volume, breaking from an otherwise subdued premarket backdrop. With thin liquidity typical of early trading hours, the sudden burst stood out as one of the largest volume moments of the session up to that point.
A similar pattern was observed in oil markets. West Texas Intermediate May futures also saw a noticeable pickup in trading activity at roughly the same time, with a distinct volume spike interrupting otherwise quiet conditions.
Roughly 15 minutes later, at 7:05 a.m., Trump said on Truth Social that the U.S. and Iran had held talks and that he was halting planned strikes on Iranian power plants and energy infrastructure. That announcement prompted an instant rally in risk assets, with S&P 500 futures soaring more than 2.5% before the opening bell. West Texas Intermediate futures dropped nearly 6% following the announcement.
Es geht wohl um Milliardenschwere Insidertrades.
Iran hat mehrfach und glaubwürdig die Verhandlungen abgestritten und der Kurs ist wieder runter/rauf geknallt, aber ich schätze das Praktische an so einer Kayfabe-Wirklichkeit ist, dass egal, wie es „on the ground“ läuft: Man kann ne Menge Geld verdienen.
Auch auf dem Kayfabe-Layer hat Iran den Fedehandschuh aufgenommen und scheint sogar im Slop-War die Oberhand zu haben?
Selbst nach dem größten Skandal in der Geschichte der Menschheit (der immer noch nicht aufgeklärt ist) und dem Beginn des dritten Weltkriegs (der immer noch am Schwelen ist) haben es die Missetaten von Christian Ulmen geschafft, mich nochmal ordentlich zu erschüttern. Aus dem Spiegel.
»Ich war das, ich habe das getan«, habe er dann erklärt. So erzählt es Fernandes.
Es habe damals einige Sekunden gedauert, bis die Information in ihrem Kopf angekommen sei: »Es war wie bei einer Todesnachricht, ich konnte nicht reden, nicht heulen.« Ulmen sei derweil panisch geworden, habe Angst gehabt, im Gefängnis zu landen.
Fernandes sagt: »Mir wurde über Jahre mein Körper geklaut.« Und plötzlich habe sie verstanden, dass einer der Täter offenbar »die Person war, die mir am nächsten stand«.
Wie oft sie wohl in seinen Armen gelegen hat und ihre Verzweiflung über das Stalking mit ihm geteilt hat? Und vielleicht hatte er dabei ein schlechtes Gewissen, aber ich schätze, das Machtgefühl muss auch sehr gekickt haben?
Ich habe von der Fernandes-Ulmen-Story genau einen Tag erfahren, nachdem ich mir die Doku Louis Theroux: Inside the Manosphere angeschaut hatte. Dort wird ein bisschen hinter die Kulissen der Hochglanzvideos der „Manosphere Influencer“ geschaut und was mich dann doch überrascht hat, war wie offensichtlich es wird, dass das unglaublich unsichere, verängstigte Jungs sind, die ihre „harte“ Fassade nicht länger als die notwendigen 90 Sekunden aufrecht erhalten können, bevor sie ins lächerlich würstchenhafte zurückfallen.
Jetzt kann man sagen, dass das ja klar war und ja, irgendwie schon, aber die Manosphere Influencer sind in ihrem Kontrast von inszenierter absoluter Selbstbestimmung und tatsächlicher Wursthaftigkeit schon eine besonders auffällige Amplitude im allgemein eskalierenden Patriarchat.
Jedenfalls hat mich nach dem ersten Schock durch die Collien Fernandes-Story Ulmens Verhalten weniger überrascht, als ich dachte. „Klar“, dachte ich, „er ist halt auch ne Wurst?“.
Vor anderthalb Jahrzehnten habe ich meine damalige Freundin betrogen. Als ich es ihr gestand, machte sie sofort mit mir Schluss und nannte mich eine „Wurst“. Das tat gleichzeitig weh, aber hatte auch etwas Befreiendes, denn trotz des Schmerzes wusste ich sofort, dass sie recht hatte.
Ich hatte mich neben ihr immer schon wie eine Wurst gefühlt. Sie ist unglaublich schlau, selbstbewusst, charmant, wunderschön und war damals beruflich erfolgreicher als ich (ist es immer noch) und dabei auch noch einfach nett, witzig und bescheiden. Jeder liebte sie und das machte, dass ich mich fühlte … wie eine Wurst.
Das Patriarchat hat keine Büros, denn fast alle Büros sind Büros des Patriarchats. Das Patriarchat macht keine Propaganda, denn fast alles ist Propaganda für das Patriarchat. Das Patriarchat hat auch keinen Kopf (nein, nicht mal den von Epstein), sondern es ist in fast allen Köpfen und vor allem zwischen ihnen. Und in meinem Kopf redete es mir ein, dass ich, um ein echter „Mann“ zu sein, die „Kontrolle“ behalten muss, nicht der „Unterlegene“ sein darf, denn Liebe sei am Ende ein Wettkampf darum, wer wem das Herz bricht.
Ich fühlte mich zwar unterlegen, aber ich war schneller, was mir die Illusion von „Kontrolle“ gab. Sie kann mir nicht wehtun, dachte ich, bevor ich ihr nicht zuerst weh getan habe.
Ich will meine Untreue nicht auf eine Stufe mit den unfassbaren Vorwürfen gegen Ulmen stellen. Aber die Motivationsstruktur ist dieselbe: Wursthaftigkeit äußert sich immer im Kontrollwunsch und weil der per definitionem unstillbar ist, gehen von dort auch viele Pfade in die Gewalt.
Ich mochte Christian Ulmen als „Herr Lehmann“ und fand auch einiges witzig, was er später machte, aber vor allem in den letzten Jahren habe ich auch Abstand genommen. Die Serie Jerks schaute ich drei, vier Folgen lang und hatte danach genug. Es war keine direkte Ablehnung, eher so: Ja, ich hab den Witz verstanden und ich finde ihn nicht mehr lustig.
Das Erfolgsrezept von Christian Ulmen war immer die Inszenierung von männlicher Wursthaftigkeit. Um sie – scheinbar – zu karikieren, z.B. enorm zugespitzt in der unsympathischen Figur des „Uwe Wöllner“, aber auch – in einer etwas „more likable“ Variante – in seinem Auftreten als er selbst in der Serie Jerks. Nicht nur, aber vor allem, wenn er dort mit seiner Frau Collien Fernandes interagiert. Seine Wursthaftigkeit wird dort allerdings nicht als sexuelle Übergriffigkeit, sondern als „Tollpatschigkeit“ inszeniert, die sich aus seiner ständigen Unsicherheit speist. Aber sie ist gepaart mit einem rücksichtslosen und stumpfen Egoismus, was in dieser Kombination immer zu mittleren und vor allem peinlichen Katastrophen führt, die die anderen hinterher ausbaden dürfen. Seine Kontrollwut aus Unsicherheit erzeugt einen Kontrollverlust bei sich und anderen, aber am Ende hat er doch die Kontrolle behalten, weil alle auf ihn reagieren.
Diese Ironisierung von Wursthaftigkeit war immer ein semantisches Schutzschild für ihn und seine Selbsterzählung. Medial inszeniert diente sie ihm als Erlaubnisstruktur für seine Egoismen und Kontrollphantasien, denn schließlich sind sie in ihrer ironischen Brechung ja auf „edgeige Weise“ auch „ganz cute“.
Jerks war immer schon eine emotional abusive Beziehung inszeniert als Gag und die tatsächlichen Enthüllungen sind fast so etwas wie ein abstoßendes und gleichzeitig passendes Serienfinale.
Ich bin nicht mehr der Mensch, der diese Art Serie lustig findet, weil ich verstanden habe, welche Funktion der Gag hat – für Christian Ulmen, für seine (vornehmlich männlichen) Fans und für die gesellschaftlichen Machtverhältnisse im ganzen.
So schön, dass ich das alles heute analysieren und reflektieren kann, aber hier sind die Probleme:
Erstes Problem: Das bin nicht ich. Das ist Infrastruktur, die ich mir über Jahrzehnte angeeignet habe. Aneignen konnte. Aneignen durfte.
Wie sollen Männer in jungem Alter und mit (noch) wenig Bildung und Lebenserfahrung einen ähnlichen Reflexionspfad beschreiten, der ihnen erlaubt, das Patriarchat von außen zu sehen und sich trotzdem darin zu erkennen? Wo sind die Offramps aus der Matrix?
Ich habe einigen Scheiß gebaut im Leben, aber ich hatte auch das Privileg, Menschen um mich herum zu haben, die mich nicht nur zur Rede gestellt haben, sondern auch die Mühe investierten, mir ihre Perspektive auf meine Handlungen begreiflich zu machen. Ich fürchte, solche Ressourcen sind nicht für alle jungen Männer verfügbar?
Außerdem hatte ich in meinem privilegierten Bildungspfad immer wieder Berührungspunkte mit feministischer Theorie, für die ich trotzdem Jahre gebraucht habe, um sie zu verstehen und wertzuschätzen. Aber kein Arschloch zu sein sollte keine akademischen Zugangshürden erfordern?
Ich darf an dieser Stelle nicht das Twitter von 2010er Jahren vergessen. Zuerst bei „#Aufschrei“, dann bei „#Metoo“ machten Millionen Frauen ihre Geschichten von sexueller Gewalt und Machtmissbrauch sichtbar und zugänglich – und zeigten damals schon, wie endemisch das Problem ist. Ich habe damals so unglaublich schnell so unglaublich viel gelernt. Wo stoßen junge Männer heute auf einen ähnlichen Perspektivenreichtum?
Klar gibt es Pfade, aber wenn wir ehrlich sind, führen heute fast alle männlich geprägten Pfadgelegenheiten im Internet früher oder später zu Andrew Tate. Ich kann versuchen, mit der bescheidenen Reichweite und begrenzten Anschlussfähigkeit, die ich hier leveragen kann, gegenzusteuern, aber es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.
Es wird Zeit, dass jemand die wütenden Jungs da draußen wieder einfängt und ihnen andere Pfade zeigt, mit ihrer Unsicherheit umzugehen. In der Breite können wir das nur zusammen erreichen. Wie man das gut inszeniert, so dass man sie erreicht, weiß ich leider auch nicht. Ich fürchte, dieser Newsletter ist es nicht.
Zweites Problem: Das Gefühl, unzureichend zu sein, geht durch so eine Analyse und Selbstreflexion ja nicht weg?
Ich kann nur von meinem eigenen Prozess erzählen und ich sage mal, Scham ist ein guter Anfang?
Es geht weder darum, die eigene Wursthaftigkeit hinter einer verspiegelten Fassade der Unantastbarkeit zu verstecken, wie es die Manosphere-Jungs vormachen, noch darum, sie sich „selbst-ironisch“ zu „erlauben“ wie Ulmen, sondern zunächst einmal nur darum, sie auszuhalten, sie zu reflektieren, mit ihr leben zu lernen, ihr Grenzen zu setzen und sich vor allem Grenzen von außen setzen zu lassen.
Hier ist der Gewinn: Wenn man das einübt, reduziert sich mit der Zeit auch das Gefühl der Unzureichendheit. Man wird stellenweise und Schritt für Schritt weniger wurstig.
Die Wahrheit ist die: Wir alle sind für den basalsten Shit auf andere angewiesen, auch wenn uns unsere materiellen und semantischen Infrastrukturen ständig einreden wollen, dass dem nicht so wäre. Niemand von uns hat die Agency für sich gepachtet und jede „Individualität“ hebelt auf einem unsichtbaren Fulcrum von Abhängigkeiten. Wir alle sind „unzureichend“, unperfekt, unabgeschlossen und fragiler als wir es uns gegenseitig glauben machen. Wir können uns nur gegenseitig halt geben und je eher man das versteht, desto gezielter kann man gegen seine eigene Wurtstigkeit anarbeiten.
Daraus ergibt sich eine dritte Frage: Wie navigiere ich meine eigene Wursthaftigkeit im Alltag, vor allem in sexuellen und romantischen Beziehungen?
Das Rezept ist einfach und klingt wie eine Selbstverständlichkeit und doch ist es in der Praxis oft schwer:
Nimm dein Gegenüber als vollwertige und gleichwertige Person wahr und ernst.
Hier ist das Problem: Wir alle stecken in der eigenen Perspektive fest, in der wir uns allzu oft als der Held der eigenen Geschichte erzählen und wenn wir nicht von außen drauf gestoßen werden, fällt es uns manchmal gar nicht auf, dass das nicht die „Einzige Perspektive“ ist. Und ja, die Falle funktioniert proportional zur eigenen „Privilegiertheit“, denn sich nicht in andere Perspektiven reindenken zu müssen, erfordert eine Sicherheit im sozialen Leben, die nur wenigen Gruppen überhaupt gewährt wird. Nichtweiß gelesene Menschen müssen sich ständig in weiße hineindenken, denn ihr Überleben hängt davon ab, ihre Erwartungen zu navigieren. Umgekehrt gilt das nicht. Frauen haben gelernt den Erwartungsraum von Männern zu navigieren, umgekehrt ist das seltener der Fall. Deswegen ist es absolut notwendig, gerade als weißer, heterosexueller Mittelstands-Dude anderen zuzuhören. Aus reinem Anstand, denn allzu oft übersieht man aus reiner Unwissenheit und Unachtsamkeit, dass man einer anderen Person im Weg steht. Aber auch, weil es viel zu lernen gibt. Andere Perspektiven sehen Dinge, die dir nicht zugänglich sind.
Ich bin heute mit einer klugen, schönen und selbstbewussten Frau zusammen, aber ich führe heute eine so liebevolle und ehrliche Beziehung, wie ich es mir damals nicht vorstellen konnte, dass ich dazu fähig wäre. Meine Wurstigkeit ist nicht weg, aber gedimmt und wenn sie doch wieder ihren Kopf heraussteckt, wenn meine Unsicherheit z.B. dazu führt, dass ich ihre Perspektive aus dem Blick verliere, called sie mich out. „Du verlässt die Augenhöhe“ sagt sie dann. Das ist dann nicht immer angenehm, aber notwendig und ich bin sehr dankbar, dass sie diese emotionale Arbeit für mich leistet.
Wir haben auch Streits, aber gesunde Streits, Streits nach denen wir uns nicht nur vertragen, sondern wirklich besser kennengelernt haben.
Das Ding ist: So sehr du dich bemühst: die Perspektive des Anderen bleibt in ihrer Komplexität und Einzigartigkeit grundsätzlich unverfügbar. Es ist ein Spiel, in dem man nie perfekt wird, aber immer besser. Aber dafür ist es immer notwendig und wird immer notwendig bleiben, dass ich mich aus meiner Perspektive herauslocken lasse.
Weil es immer schwer ist, Theorie auf den Alltag anzuwenden, hier eine einfache Heuristik vor allem für (junge) Männer, die ich mir im Dating- und auch im Beziehungsleben angewöhnt habe:
Egal, ob du in der Bar flirtest, auf dem ersten Date bist, das erste mal im Bett landest, in einer Diskussion oder auch in jeder Situation einer Beziehung oder Ehe sollte gelten:
Achte darauf, dass dein Gegenüber immer einen „Exit“ hat. Und zwar nicht theoretisch, sondern materiell, erreichbar, bezahlbar, attraktiv und sichtbar. Und wenn da kein Exit ist oder nur ein schlechter/teurer, baue einen.
Nutze die eingeübte Perspektive des Anderen, um stets sicher zu stellen, dass es Pfade von dir weg gibt. Lass ihr Raum beim Barflirt, rufe Taxis, schlage einen großzügigen Ehevertrag vor, frage nach und dann frag nochmal nach und vermittle nie das Gefühl, dass ein „Nein“ bei dir etwas kostet.
Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit. Wer unehrlich ist, sperrt sein Gegenüber in einen Pfad, zu dem es keine Möglichkeit bekommt, zu widersprechen. Unehrlichkeit in einem Vertrauensverhältnis ist emotionale Freiheitsberaubung.
Das Ziel der Übung ist nicht „Sicherheit“ zu performen („vertrau mir!“), sondern sie stillschweigend aber materiell zu verbessern.
PS: Die Heuristik funktioniert natürlich auch andersherum: Versucht das Gegenüber ständig Exits zu beseitigen oder zu verteuern: Red Flags.
Ryan Broderick über das algorithmische Rumoren im Queryregime von Tiktok.
For the last few months, Garbage Day researcher Adam and I have been tracking the changes to TikTok after it was carved off from ByteDance by Trump-connected business leaders. We initially believed that TikTok wasn’t so much censoring anti-Trump and anti-Israel content as much as it was burying that content in evergreen viral junk. Something we’ve seen Facebook do many times over the years, replacing news organizations in the News Feed with random bloggers whenever US politics gets too spicy. Our data point for this theory was that in the weeks immediately after TikTok US launched, a single account — a guy making videos with his “fat dog” — made one of the most popular videos, two months in a row. Something that has never happened in all of the years we’ve been tracking the top videos on TikTok. That seems like stagnation to us. But the fact our banned video was about Israel — and ends with a line calling US Ambassador to Israel Mike Huckabee “fried dogshit” and a joke about how Netanyahu wears too much makeup — is hard to ignore in this context.
Purge-Koalition ick hör dir trapsen.
Isabeller Weber und Gregor Semieniuk im NewStatesman über den auf uns zurollenden Preisschock.
One fifth, one third, one third, two fifths, nearly one half – these are the respective shares of global exports of liquefied natural gas (LNG), crude oil, fertilisers, helium and sulphur normally passing through the Strait of Hormuz. Our research shows that these are essentials that the world economy depends on. Fossil fuels are by far the most systemically significant inputs in (as yet) predominantly fossil fuel-powered capitalism. Food production depends on fertilisers. Helium and sulphur are necessary for microchips production, in turn needed for everything from lawnmowers to data centres sustaining the AI boom. The passage through the strait of these raw materials – key for making everything else – has been effectively suspended since the beginning of the war. […]
It is unclear when the Strait of Hormuz might fully reopen to ship traffic, but one thing is certain: there is a blow coming for the global economy through the supply chain, no matter how soon the war ends.
Wir hatten das bereits besprochen: Energiekosten sind nicht (nur) doof, weil das Benzin teurer wird, sondern Energiekosten fließen praktisch in fast alle anderen Kosten mit ein, die in allen anderen Bereichen die Preise treiben.
European and US consumers are still, for the movement, relatively insulated, even if they already see elevated petrol prices that bring a major cost burden to households. The full scale of the effects to come remain hidden in the complexity of the global supply network. Here is a sketch of what might be coming: inflation, redistribution shocks, shortages, stagflation and global financial instability.
Vor allem werden aber wieder die netzwerkzentralen Akteure in den Wertketten die Preiserwartungs-Disruption dafür nutzen, um extra Margen einzufahren, wie Isabella Weber sie bei den Preisschocks nach der Pandemie nachweisen konnte und was zu einer enormen Umverteilung von unten nach oben geführt hat.
Our research shows that the hundreds of billions of excess profits reaped by oil and gas companies in 2022 compensated the richest 1 per cent of Americans that year by an average of several percentage points of inflation through their shareholdings in these companies. Meanwhile, the least wealthy half of Americans, and most of the rest of the world, saw almost none of these benefits, while carrying much higher inflation burdens. Newspapers already calculate billions of excess profits for the energy industry this year – risking even higher inequality if left unchecked by excess profit taxes.
In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten hatte ich den Zusammenhang so erklärt:
Kredit erzeugt einen Unterdruck, der als Geld ausgezahlt wird und in die pfadabhängigen Wertketten des Kreditnehmers fließt, sobald er das Geld ausgibt. Eine Art Geld zu verstehen, ist also als pneumatisches System, das Dividuen zugriffliche Fulcren auf allerlei Wertpfade gewährt. Dabei gilt, dass jeder Kredit einen spezifischen pneumatitischen Graphen erzeugt, der sich über die Zeit immer weiter und tiefer im Pfadnetzwerk ausbreitet. Für Inflation heißt das also:
Wenn zusätzlicher Kreditunterdruck in Wertpfade fließt, ohne neue Nutzenereignisse zu erzeugen – Lieferengpässe, bestehende Assetmärkte, Spekulation, Aktienrückkäufe – dann zirkuliert der Unterdruck im selben engen Rohr und treibt dort die Preise. Wenn der Wertpfad nicht wächst, dann schlürft der Strohalm im leeren Glas und man muss immer mehr saugen, um immer weniger Wert zu schlürfen.
Aber weil Preise eng an die Erwartungen und Erwartungserwartungen gekoppelt sind, können sich daraus schnell weitere soziale Dynamiken entspinnen.
Schauen wir, was passiert, wenn der Kapitalist an der Preisschraube dreht: Wenn er seine angebotenen Pfadgelegenheiten ordentlich Konkurrenz haben, werden manche Konsumierenden auf Pfadalternativen switchen (Exit), wenn er keine oder wenig Konkurrenz hat, werden die Leute das „erdulden“ (Loyalty) oder sich öffentlich beschweren (Voice).
Aber meist ist die „Marktsituation“ irgendwas zwischen „Monopol“ und „kompetitivem Markt“? Und klar treffen sich die drei Oligarchen im Trenchoat auch manchmal auf dem Golfplatz, aber die grundlegende Kommunikation zwischen ihnen passiert über die Preise, die sie setzen. Und uns einzureden, dass der Preis ein Ergebnis einer Voodooberechnung von Angebot und Nachfrage ist (sie haben ja nicht mal ein solides Modell für „Nachfrage“), ist eine Ablenkung von diesem Kommunikationssystem.
Hier, was nach der Covidkrise wirklich passierte: Echte Lieferengpässe ließen Beschaffungskosten steigen und damit Preise. Aber als die erwarteten Preis-Erwartungen eh durchgeschüttelt waren, also Preisteigerungserwartungen bereits allgemein erwartet wurden, leveragten einige der Oligarchen diese Preisteigerungserwartungen als Fulcrum, um ein größeres Stück Konsumentenmarge zu frühstücken.
Sie ließen sich auf ein spontanes Percushen-Konzert ein, in der sie unter wechselseitiger Beobachtung die Preise schrittweise immer wieder höher setzten, als die eigenen Beschaffungskosten stiegen.
Um die Schocks zu mitigieren, schlagen die Autor*innen einen Werkzeugkasten für das Preismanagement vor.
The toolkit involves everything from releases from reserves (already implemented) and wholesale price caps in commodity markets – both multilaterally coordinated, to margins caps along the supply chain to contain sellers’ inflation and retail price caps on essential consumption with market prices for the rest (non-linear pricing). To address the risk of physical shortages, fair rationing protocols must be drawn up. If none of this is needed, we should be relieved. But if it is, we better have it in place.







































