Krasse Links No 80

Willkommen zu Krasse Links No 80. Leveraged eure Wursthaftigkeit, heute schlürfen wir den Kayfabe des Iran, um die Preisschocks durch Ulmen zu insidertraden.


Der Substacker „No1“ hat eine lesenswerte Zusammenfassung des grotesken Wahnsinns des Krieges gegen Iran geliefert.

Über die Aufhebung der Sanktionen gegen Iran wegen des Ölschocks:

The United States is purchasing, with Chinese currency, oil from the country it is currently bombing?! The same oil that funds the missiles that just shot down an F-35 for the first time. The same missiles that are redecorating allied oil infrastructure.

The sanctions were necessary to stop Iran funding the war, but the war made the sanctions too effective, so the sanctions had to be lifted to fund the war effort against the country that no longer needs sanctions because the oil revenues that sanctions were preventing are now required to prevent the economic damage caused by preventing those revenues, which is itself a consequence of the military campaign designed to make the sanctions unnecessary by making Iran the kind of country that doesn’t need sanctioning, which it would be, if the sanctions hadn’t been lifted to pay for making it that.

Die Kommunikation der Trumpregierung mit den Alliierten.

The allies are cowards for not helping with the thing he doesn’t need, which is why he’s sending Marines to die for it, unless the countries that do need it do it themselves, which they won’t, because they’re cowards.

Die Verhandlungs-Strategie:

You are assassinating everyone with the authority to negotiate and then complaining, with what appears to be genuine bewilderment, that nobody will negotiate.

Vor allem nutzten Israel und die USA bisher jede Verhandlung dafür aus, um genau diese Überraschungsangriffe zu durchzuführen. Mit den USA überhaupt zu verhandeln ist für hochrangige Iraner an dieser Stelle reiner Selbstmord.

Der Deal mit den Golfstaaten:

The entire post-1973 petrodollar deal was simple: Gulf sells oil in dollars, America provides the security umbrella. The umbrella is on fire. The refineries are on fire. And according to an Omani journalist on BBC Arabic, Trump has sent an invoice: $5 trillion to continue the war, $2.5 trillion to stop it. The petrodollar was already the payment. This is double-billing for a service that is visibly, combustibly, failing.

Die unfassbare Ressourcenschlacht, die jetzt schon einen sichtbaren Horizont hat.

“If the war lasts another month, we will have nearly no missiles available. All European, American, and also Middle East country warehouses are empty, or nearly empty.” This wasn’t a leak. Not an anonymous source. Not a think tank estimate. This was the CEO of Europe’s largest defense manufacturer, on camera, stating plainly that the cupboard is bare.

Wie man in zweiten Weltkrieg zu sagen pflegte: Die Situation ist FOOBAR (fucked up beyond all recognition)


Der Wrestler Blindboy Boatclub erklärt in diesem Interview die Politik Trumps besser als jeder Politikwissenschaftler könnte. Das Geheimnis heißt „Kayfabe„.


Kayfabe ist die wechselseitig beglaubigte Show-Wirklichkeit beim Wrestling. Der gemeinsam hergestellte Erwartungserwartungs-Layer des „Make beliefe“, der das Theaterstück des simulierten Kampfes zu einem „Sportereignis“ macht, bei dem man sich erlaubt, mitzufiebern – also in den Kampfverlauf emotional zu investieren.

Der Trick besteht wie in jeder Inszenierung darin, materielle Ereignisse zu leveragen, um die Erwartungserwartungen der anderen zu modulieren, doch anders als bei beispielsweise der Theater-Inszenierung sind alle eingeladen – und in Trumps Fall gezwungen – bei der Imagination mitzuwirken, indem sie die Inszenierung performativ augenzwinkernd als Realität akzeptieren.

Deswegen funktioniert Kayfabe technisch auch anders als die Täuschung.

  • Die Inszenierung existiert nicht vornehmlich, um hinter dem Schleier der Täuschung tatsächliche, geheime Ziele zu verfolgen. George W. Bush musste noch ganze Teams Wochenlang Beweise fälschen lassen, um die Welt in den zweiten Golfkrieg zu locken. Donald Trump arbeitet dagegen mit transparenter Hinterbühne. Bei Trump sind die Ziele nicht mehr geheim und es wird sich keine Mühe gegeben sie zu verschleiern, sondern sie werden ständig ausgetauscht oder gleich Teil der Inszenierung. Denn es ist nicht schlimm, wenn alle sehen und verstehen, dass es sich um Inszenierung handelt. Trumps Fans verstehen ihn auch so und halten den Kayfabe-Raum und alle anderen sind halt nicht „in on the Joke“.
  • Wer angelogen wird, der hört auf zu vertrauen, aber wer der Einladung in eine parallele Kayfabe-Wirklichkeit folgt und bis hierhin mitgekommmen ist, vertraut literally bis zum Ende der Inszenierung. Kayfabe ist auch deswegen so mächtig, weil es ein soziales Shibboleth ist. Eine Lüge kann eine Uniform sein, gerade weil es teuer ist, sie zu tragen. Im Kayfabe erkennt man sich gegenseitig als Peer, wenn man „in on the Joke“ ist, was Gemeinschaft, Kohäsion und Lock-In erzeugt. Vor allem aber Abgrenzungswillen nach außen, denn „die Normies“ sind nicht nur anderer Meinung, sie bedrohen die Kayfabe-Realität selbst. Kayfabe mobilisiert deswegen die eigene Base durch Abgrenzungswillen und Wirklichkeits-Schutz und erzeugt so einen Sog nach innen, der die Offramp aus der Kayfabe-Wirklichkeit immer weiter verteuert.
  • Anders als bei der Täuschung dienen die materiell hergestellten Ereignisse auf dem Realitätslayer nicht nur und nicht vornehmlich der effektiven Durchsetzung der eigenen materiellen Ziele, sondern zielen vor allem auf die Herstellung von Effekten und medialen Ereignissen. Kayfabe funktioniert nur, wenn die Story spannend ist und die Special Effects kicken. Wir wissen, dass Trump den Angriff auf Iran vor einem halben Jahr vor allem deswegen gestartet hat, weil die israelischen Luftschläge so toll auf Fox News aussahen, die Deportation der Emigranten ins Konzentrationslager in El Salvadore wurde als Imagefilm vermarktet, die Maduro-Entführung tat zwar auch, was Trump wollte, aber das Medienspektakel auf dem Kayfabe-Layer war mindestens genauso wichtig. Seit dem Irankrieg funktioniert Kommunikation des Weißen Hauses fast nur noch über Kurzvideos, in denen reale Kriegsbilder mit Memes, KI-Slop und Szenen aus dem Videospiel „Call of Duty“ vermixed werden.
  • Die Lüge muss geplant werden, die Kayfabe Realität ist spontaner, braucht dafür aber eine enorme Infrastruktur zur Echtzeit-Aufrechterhaltung des „Make Beliefs“. Um an diesen Punkt zu kommen, musste der Pfad des Widerspruchs erst verteuert und die Onramps ins Kayfabe attraktiv gemacht werden. Das funktioniert einerseits durch die kapitalistische Einhegung der Medienlandschaft, die wir die letzten Jahre aber vor allem Monate gesehen haben (Twitter, CBS, NBC, Tiktok, etc). Das passiert aber durch Einschüchterung und institutionelle Schwächung des Gegners, sei es durch Klagen von oben oder Shitstorms von unten. Inzwischen sind die Onramps in die Kayfabe-Wirklichkeit so vielfältig, dass fast für jeden Dude was dabei ist. Das ist nicht nur Maga, das ist auch Joe Rogan, Lex Fridman und die Podcast-Bro-Szene für die Halbintellektuellen, Crypto für die Techheads, die Manosphere für die Oberwürstchen, Gamerforen für die Zocker-Jungs und X für unsere Politiker*innen und Journalist*innen. Das sind die Talkradios und Fox News in der Breite, das ist Turning Point USA für die junge Evangelikale, das sind aber auch die Narrative: „Wir holen uns unser Land zurück“, „Make Amerika Great Again“, dazu flankierende Narrative wie „The Race to AGI“ oder die „Wiederkunft Christi im Irankrieg“ und natürlich unterliegende stabilisierende Erzählungen wie „American Exeptionalism“, „White Supremacy“ und libertäre Marktideologie.
  • Der Lüge kann widersprochen werden und unter anderem Joschka Fischers „I’m not convinced“ hat uns deswegen aus dem Irakkrieg raushalten können. Die Kayfabe-Wirklichkeit ist schwieriger zu begrenzen, weil sie dich gar nicht auf der rationalen Ebene überzeugen will. Sie wiederholt so lange ihre offensichtlichen Lügen, bis du aufhörst, zu widersprechen. Deswegen funktioniert die Kayfabe-Wirklichkeit auch über die eigene Base hinaus und strahlt in den Rest der Gesellschaft – über genau die Medien, die uns davor schützen sollten. Durch z.B. Tagesschau-Sprecher*innen, die immer wieder Trumps völlig aus der Luft gegriffene Behauptungen zitieren, ohne sie inhaltlich einzuordnen, hat die Kayfabe-Realität längst auch Durchgriff auf unsere Wirklichkeit. All das Sanewashing und Gaslighting, dass wir derzeit von unseren Massenmedien reingewürgt bekommen ist längst „Kayfabe Light“. Man tut noch so, als würde man gelegentlich widersprechen, aber eigentlich sind die Dämme gebrochen. Schaut euch um. Trumps Kayfabe ist bereits auch hier überall hegemonial: Emigranten sind das größte Problem, der Klimawandel ist nicht real oder nicht so wichtig und Israel verteidigt sich nur.

Trumps Kayfabe ist im Grunde eine Version von Baudrillards Hyperrealität, die danach trachtet, die Realität vollständig zu ersetzen, allerdings nicht mit einer Wirklichkeit die „realer als die Realität selbst“ ist, sondern mit einem Horrorclown, der nicht aufhören kann, uns zuzuzwinkern.


Trump ist nicht nur ebenfalls „in on the Joke“, sondern seine Aufmerksamkeit ist die wichtigste Bühne des ganzen Stücks. Und wie sie bespielt wird, hat NBC recherchiert.

Jeden Tag bekommt er ein zwei Minuten Video-Briefing, das ihm von seinen Unterlingen zusammengestellt wird.

But the video briefing is fueling concerns among some of Trump’s allies that he may not be receiving — or absorbing — the complete picture of the war, now in its fourth week, two of the current officials and the former official said.

Wenn die mediale Berichterstattung seiner Kayfabe-Wirklichkeit widerspricht, macht ihn das wütend.

They said the videos are also driving Trump’s increasing frustration with news coverage of the war. Trump has pointed to the success depicted in the daily videos to privately question why his administration can’t better influence the public narrative, asking aides why the news media doesn’t emphasize what he’s seeing, one of the current U.S. officials and the former U.S. official said.

Und das gilt natürlich auch für das Briefing. Was das Briefing automatisch zum Instrument des Kayfabe macht.

Overall, the official said, the information Trump gets about the war tends to emphasize U.S. successes, with comparatively little detail about Iranian actions.

One example came this month when five U.S. Air Force refueling planes were hit in an Iranian strike at Prince Sultan Air Base in Saudi Arabia, according to one of the current U.S. officials. Trump wasn’t briefed about the strikes, and he learned what had happened from media reports, the official said. When Trump inquired, he was told the planes weren’t badly damaged, the official said.

The official said Trump reacted angrily behind the scenes to the news coverage. Publicly he posted on Truth Social calling coverage of the strike misleading and accusing media organizations of wanting the U.S. “to lose the War.”

Ich fürchte, mittlerweile weiß vor Ort niemand mehr, was noch echt und was Kayfabe ist?

Und ob die Soldaten, die Trump vielleicht in den Tod schickt wohl auch „in on the Joke“ sind? Und würde das etwas besser machen?


Am Montag verkündete Trump, dass er mit Iran in Friedensgeprächen sei, was sowohl den Aktienmarkt nach oben als auch den Rohölmarkt augenblicklich nach unten schnellen ließ. Aber kurz vorher hat „jemand“ sehr strategisch riesige Insidertrades platziert. CNBC:

At around 6:50 a.m. in New York, S&P 500 e-Mini futures trading on the CME recorded a sharp and isolated jump in volume, breaking from an otherwise subdued premarket backdrop. With thin liquidity typical of early trading hours, the sudden burst stood out as one of the largest volume moments of the session up to that point.

A similar pattern was observed in oil markets. West Texas Intermediate May futures also saw a noticeable pickup in trading activity at roughly the same time, with a distinct volume spike interrupting otherwise quiet conditions.

Roughly 15 minutes later, at 7:05 a.m., Trump said on Truth Social that the U.S. and Iran had held talks and that he was halting planned strikes on Iranian power plants and energy infrastructure. That announcement prompted an instant rally in risk assets, with S&P 500 futures soaring more than 2.5% before the opening bell. West Texas Intermediate futures dropped nearly 6% following the announcement.

Es geht wohl um Milliardenschwere Insidertrades.

Iran hat mehrfach und glaubwürdig die Verhandlungen abgestritten und der Kurs ist wieder runter/rauf geknallt, aber ich schätze das Praktische an so einer Kayfabe-Wirklichkeit ist, dass egal, wie es „on the ground“ läuft: Man kann ne Menge Geld verdienen.


Auch auf dem Kayfabe-Layer hat Iran den Fedehandschuh aufgenommen und scheint sogar im Slop-War die Oberhand zu haben?


Selbst nach dem größten Skandal in der Geschichte der Menschheit (der immer noch nicht aufgeklärt ist) und dem Beginn des dritten Weltkriegs (der immer noch am Schwelen ist) haben es die Missetaten von Christian Ulmen geschafft, mich nochmal ordentlich zu erschüttern. Aus dem Spiegel.

»Ich war das, ich habe das getan«, habe er dann erklärt. So erzählt es Fernandes.

Es habe damals einige Sekunden gedauert, bis die Information in ihrem Kopf angekommen sei: »Es war wie bei einer Todesnachricht, ich konnte nicht reden, nicht heulen.« Ulmen sei derweil panisch geworden, habe Angst gehabt, im Gefängnis zu landen.
Fernandes sagt: »Mir wurde über Jahre mein Körper geklaut.« Und plötzlich habe sie verstanden, dass einer der Täter offenbar »die Person war, die mir am nächsten stand«.

Wie oft sie wohl in seinen Armen gelegen hat und ihre Verzweiflung über das Stalking mit ihm geteilt hat? Und vielleicht hatte er dabei ein schlechtes Gewissen, aber ich schätze, das Machtgefühl muss auch sehr gekickt haben?

Ich habe von der Fernandes-Ulmen-Story genau einen Tag erfahren, nachdem ich mir die Doku Louis Theroux: Inside the Manosphere angeschaut hatte. Dort wird ein bisschen hinter die Kulissen der Hochglanzvideos der „Manosphere Influencer“ geschaut und was mich dann doch überrascht hat, war wie offensichtlich es wird, dass das unglaublich unsichere, verängstigte Jungs sind, die ihre „harte“ Fassade nicht länger als die notwendigen 90 Sekunden aufrecht erhalten können, bevor sie ins lächerlich würstchenhafte zurückfallen.

Jetzt kann man sagen, dass das ja klar war und ja, irgendwie schon, aber die Manosphere Influencer sind in ihrem Kontrast von inszenierter absoluter Selbstbestimmung und tatsächlicher Wursthaftigkeit schon eine besonders auffällige Amplitude im allgemein eskalierenden Patriarchat.

Jedenfalls hat mich nach dem ersten Schock durch die Collien Fernandes-Story Ulmens Verhalten weniger überrascht, als ich dachte. „Klar“, dachte ich, „er ist halt auch ne Wurst?“.

Vor anderthalb Jahrzehnten habe ich meine damalige Freundin betrogen. Als ich es ihr gestand, machte sie sofort mit mir Schluss und nannte mich eine „Wurst“. Das tat gleichzeitig weh, aber hatte auch etwas Befreiendes, denn trotz des Schmerzes wusste ich sofort, dass sie recht hatte.

Ich hatte mich neben ihr immer schon wie eine Wurst gefühlt. Sie ist unglaublich schlau, selbstbewusst, charmant, wunderschön und war damals beruflich erfolgreicher als ich (ist es immer noch) und dabei auch noch einfach nett, witzig und bescheiden. Jeder liebte sie und das machte, dass ich mich fühlte … wie eine Wurst.

Das Patriarchat hat keine Büros, denn fast alle Büros sind Büros des Patriarchats. Das Patriarchat macht keine Propaganda, denn fast alles ist Propaganda für das Patriarchat. Das Patriarchat hat auch keinen Kopf (nein, nicht mal den von Epstein), sondern es ist in fast allen Köpfen und vor allem zwischen ihnen. Und in meinem Kopf redete es mir ein, dass ich, um ein echter „Mann“ zu sein, die „Kontrolle“ behalten muss, nicht der „Unterlegene“ sein darf, denn Liebe sei am Ende ein Wettkampf darum, wer wem das Herz bricht.

Ich fühlte mich zwar unterlegen, aber ich war schneller, was mir die Illusion von „Kontrolle“ gab. Sie kann mir nicht wehtun, dachte ich, bevor ich ihr nicht zuerst weh getan habe.

Ich will meine Untreue nicht auf eine Stufe mit den unfassbaren Vorwürfen gegen Ulmen stellen. Aber die Motivationsstruktur ist dieselbe: Wursthaftigkeit äußert sich immer im Kontrollwunsch und weil der per definitionem unstillbar ist, gehen von dort auch viele Pfade in die Gewalt.

Ich mochte Christian Ulmen als „Herr Lehmann“ und fand auch einiges witzig, was er später machte, aber vor allem in den letzten Jahren habe ich auch Abstand genommen. Die Serie Jerks schaute ich drei, vier Folgen lang und hatte danach genug. Es war keine direkte Ablehnung, eher so: Ja, ich hab den Witz verstanden und ich finde ihn nicht mehr lustig.

Das Erfolgsrezept von Christian Ulmen war immer die Inszenierung von männlicher Wursthaftigkeit. Um sie – scheinbar – zu karikieren, z.B. enorm zugespitzt in der unsympathischen Figur des „Uwe Wöllner“, aber auch – in einer etwas „more likable“ Variante – in seinem Auftreten als er selbst in der Serie Jerks. Nicht nur, aber vor allem, wenn er dort mit seiner Frau Collien Fernandes interagiert. Seine Wursthaftigkeit wird dort allerdings nicht als sexuelle Übergriffigkeit, sondern als „Tollpatschigkeit“ inszeniert, die sich aus seiner ständigen Unsicherheit speist. Aber sie ist gepaart mit einem rücksichtslosen und stumpfen Egoismus, was in dieser Kombination immer zu mittleren und vor allem peinlichen Katastrophen führt, die die anderen hinterher ausbaden dürfen. Seine Kontrollwut aus Unsicherheit erzeugt einen Kontrollverlust bei sich und anderen, aber am Ende hat er doch die Kontrolle behalten, weil alle auf ihn reagieren.

Diese Ironisierung von Wursthaftigkeit war immer ein semantisches Schutzschild für ihn und seine Selbsterzählung. Medial inszeniert diente sie ihm als Erlaubnisstruktur für seine Egoismen und Kontrollphantasien, denn schließlich sind sie in ihrer ironischen Brechung ja auf „edgeige Weise“ auch „ganz cute“.

Jerks war immer schon eine emotional abusive Beziehung inszeniert als Gag und die tatsächlichen Enthüllungen sind fast so etwas wie ein abstoßendes und gleichzeitig passendes Serienfinale.

Ich bin nicht mehr der Mensch, der diese Art Serie lustig findet, weil ich verstanden habe, welche Funktion der Gag hat – für Christian Ulmen, für seine (vornehmlich männlichen) Fans und für die gesellschaftlichen Machtverhältnisse im ganzen.

So schön, dass ich das alles heute analysieren und reflektieren kann, aber hier sind die Probleme:

Erstes Problem: Das bin nicht ich. Das ist Infrastruktur, die ich mir über Jahrzehnte angeeignet habe. Aneignen konnte. Aneignen durfte.

Wie sollen Männer in jungem Alter und mit (noch) wenig Bildung und Lebenserfahrung einen ähnlichen Reflexionspfad beschreiten, der ihnen erlaubt, das Patriarchat von außen zu sehen und sich trotzdem darin zu erkennen? Wo sind die Offramps aus der Matrix?

Ich habe einigen Scheiß gebaut im Leben, aber ich hatte auch das Privileg, Menschen um mich herum zu haben, die mich nicht nur zur Rede gestellt haben, sondern auch die Mühe investierten, mir ihre Perspektive auf meine Handlungen begreiflich zu machen. Ich fürchte, solche Ressourcen sind nicht für alle jungen Männer verfügbar?

Außerdem hatte ich in meinem privilegierten Bildungspfad immer wieder Berührungspunkte mit feministischer Theorie, für die ich trotzdem Jahre gebraucht habe, um sie zu verstehen und wertzuschätzen. Aber kein Arschloch zu sein sollte keine akademischen Zugangshürden erfordern?

Ich darf an dieser Stelle nicht das Twitter von 2010er Jahren vergessen. Zuerst bei „#Aufschrei“, dann bei „#Metoo“ machten Millionen Frauen ihre Geschichten von sexueller Gewalt und Machtmissbrauch sichtbar und zugänglich – und zeigten damals schon, wie endemisch das Problem ist. Ich habe damals so unglaublich schnell so unglaublich viel gelernt. Wo stoßen junge Männer heute auf einen ähnlichen Perspektivenreichtum?

Klar gibt es Pfade, aber wenn wir ehrlich sind, führen heute fast alle männlich geprägten Pfadgelegenheiten im Internet früher oder später zu Andrew Tate. Ich kann versuchen, mit der bescheidenen Reichweite und begrenzten Anschlussfähigkeit, die ich hier leveragen kann, gegenzusteuern, aber es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.

Es wird Zeit, dass jemand die wütenden Jungs da draußen wieder einfängt und ihnen andere Pfade zeigt, mit ihrer Unsicherheit umzugehen. In der Breite können wir das nur zusammen erreichen. Wie man das gut inszeniert, so dass man sie erreicht, weiß ich leider auch nicht. Ich fürchte, dieser Newsletter ist es nicht.

Zweites Problem: Das Gefühl, unzureichend zu sein, geht durch so eine Analyse und Selbstreflexion ja nicht weg?

Ich kann nur von meinem eigenen Prozess erzählen und ich sage mal, Scham ist ein guter Anfang?

Es geht weder darum, die eigene Wursthaftigkeit hinter einer verspiegelten Fassade der Unantastbarkeit zu verstecken, wie es die Manosphere-Jungs vormachen, noch darum, sie sich „selbst-ironisch“ zu „erlauben“ wie Ulmen, sondern zunächst einmal nur darum, sie auszuhalten, sie zu reflektieren, mit ihr leben zu lernen, ihr Grenzen zu setzen und sich vor allem Grenzen von außen setzen zu lassen.

Hier ist der Gewinn: Wenn man das einübt, reduziert sich mit der Zeit auch das Gefühl der Unzureichendheit. Man wird stellenweise und Schritt für Schritt weniger wurstig.

Die Wahrheit ist die: Wir alle sind für den basalsten Shit auf andere angewiesen, auch wenn uns unsere materiellen und semantischen Infrastrukturen ständig einreden wollen, dass dem nicht so wäre. Niemand von uns hat die Agency für sich gepachtet und jede „Individualität“ hebelt auf einem unsichtbaren Fulcrum von Abhängigkeiten. Wir alle sind „unzureichend“, unperfekt, unabgeschlossen und fragiler als wir es uns gegenseitig glauben machen. Wir können uns nur gegenseitig halt geben und je eher man das versteht, desto gezielter kann man gegen seine eigene Wurtstigkeit anarbeiten.

Daraus ergibt sich eine dritte Frage: Wie navigiere ich meine eigene Wursthaftigkeit im Alltag, vor allem in sexuellen und romantischen Beziehungen?

Das Rezept ist einfach und klingt wie eine Selbstverständlichkeit und doch ist es in der Praxis oft schwer:

Nimm dein Gegenüber als vollwertige und gleichwertige Person wahr und ernst.

Hier ist das Problem: Wir alle stecken in der eigenen Perspektive fest, in der wir uns allzu oft als der Held der eigenen Geschichte erzählen und wenn wir nicht von außen drauf gestoßen werden, fällt es uns manchmal gar nicht auf, dass das nicht die „Einzige Perspektive“ ist. Und ja, die Falle funktioniert proportional zur eigenen „Privilegiertheit“, denn sich nicht in andere Perspektiven reindenken zu müssen, erfordert eine Sicherheit im sozialen Leben, die nur wenigen Gruppen überhaupt gewährt wird. Nichtweiß gelesene Menschen müssen sich ständig in weiße hineindenken, denn ihr Überleben hängt davon ab, ihre Erwartungen zu navigieren. Umgekehrt gilt das nicht. Frauen haben gelernt den Erwartungsraum von Männern zu navigieren, umgekehrt ist das seltener der Fall. Deswegen ist es absolut notwendig, gerade als weißer, heterosexueller Mittelstands-Dude anderen zuzuhören. Aus reinem Anstand, denn allzu oft übersieht man aus reiner Unwissenheit und Unachtsamkeit, dass man einer anderen Person im Weg steht. Aber auch, weil es viel zu lernen gibt. Andere Perspektiven sehen Dinge, die dir nicht zugänglich sind.

Ich bin heute mit einer klugen, schönen und selbstbewussten Frau zusammen, aber ich führe heute eine so liebevolle und ehrliche Beziehung, wie ich es mir damals nicht vorstellen konnte, dass ich dazu fähig wäre. Meine Wurstigkeit ist nicht weg, aber gedimmt und wenn sie doch wieder ihren Kopf heraussteckt, wenn meine Unsicherheit z.B. dazu führt, dass ich ihre Perspektive aus dem Blick verliere, called sie mich out. „Du verlässt die Augenhöhe“ sagt sie dann. Das ist dann nicht immer angenehm, aber notwendig und ich bin sehr dankbar, dass sie diese emotionale Arbeit für mich leistet.

Wir haben auch Streits, aber gesunde Streits, Streits nach denen wir uns nicht nur vertragen, sondern wirklich besser kennengelernt haben.

Das Ding ist: So sehr du dich bemühst: die Perspektive des Anderen bleibt in ihrer Komplexität und Einzigartigkeit grundsätzlich unverfügbar. Es ist ein Spiel, in dem man nie perfekt wird, aber immer besser. Aber dafür ist es immer notwendig und wird immer notwendig bleiben, dass ich mich aus meiner Perspektive herauslocken lasse.

Weil es immer schwer ist, Theorie auf den Alltag anzuwenden, hier eine einfache Heuristik vor allem für (junge) Männer, die ich mir im Dating- und auch im Beziehungsleben angewöhnt habe:

Egal, ob du in der Bar flirtest, auf dem ersten Date bist, das erste mal im Bett landest, in einer Diskussion oder auch in jeder Situation einer Beziehung oder Ehe sollte gelten:

Achte darauf, dass dein Gegenüber immer einen „Exit“ hat. Und zwar nicht theoretisch, sondern materiell, erreichbar, bezahlbar, attraktiv und sichtbar. Und wenn da kein Exit ist oder nur ein schlechter/teurer, baue einen.

Nutze die eingeübte Perspektive des Anderen, um stets sicher zu stellen, dass es Pfade von dir weg gibt. Lass ihr Raum beim Barflirt, rufe Taxis, schlage einen großzügigen Ehevertrag vor, frage nach und dann frag nochmal nach und vermittle nie das Gefühl, dass ein „Nein“ bei dir etwas kostet.

Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit. Wer unehrlich ist, sperrt sein Gegenüber in einen Pfad, zu dem es keine Möglichkeit bekommt, zu widersprechen. Unehrlichkeit in einem Vertrauensverhältnis ist emotionale Freiheitsberaubung.

Das Ziel der Übung ist nicht „Sicherheit“ zu performen („vertrau mir!“), sondern sie stillschweigend aber materiell zu verbessern.

PS: Die Heuristik funktioniert natürlich auch andersherum: Versucht das Gegenüber ständig Exits zu beseitigen oder zu verteuern: Red Flags.


Ryan Broderick über das algorithmische Rumoren im Queryregime von Tiktok.

For the last few months, Garbage Day researcher Adam and I have been tracking the changes to TikTok after it was carved off from ByteDance by Trump-connected business leaders. We initially believed that TikTok wasn’t so much censoring anti-Trump and anti-Israel content as much as it was burying that content in evergreen viral junk. Something we’ve seen Facebook do many times over the years, replacing news organizations in the News Feed with random bloggers whenever US politics gets too spicy. Our data point for this theory was that in the weeks immediately after TikTok US launched, a single account — a guy making videos with his “fat dog” — made one of the most popular videos, two months in a row. Something that has never happened in all of the years we’ve been tracking the top videos on TikTok. That seems like stagnation to us. But the fact our banned video was about Israel — and ends with a line calling US Ambassador to Israel Mike Huckabee “fried dogshit” and a joke about how Netanyahu wears too much makeup — is hard to ignore in this context.

Purge-Koalition ick hör dir trapsen.


Isabeller Weber und Gregor Semieniuk im NewStatesman über den auf uns zurollenden Preisschock.

One fifth, one third, one third, two fifths, nearly one half – these are the respective shares of global exports of liquefied natural gas (LNG), crude oil, fertilisers, helium and sulphur normally passing through the Strait of Hormuz. Our research shows that these are essentials that the world economy depends on. Fossil fuels are by far the most systemically significant inputs in (as yet) predominantly fossil fuel-powered capitalism. Food production depends on fertilisers. Helium and sulphur are necessary for microchips production, in turn needed for everything from lawnmowers to data centres sustaining the AI boom. The passage through the strait of these raw materials – key for making everything else – has been effectively suspended since the beginning of the war. […]

It is unclear when the Strait of Hormuz might fully reopen to ship traffic, but one thing is certain: there is a blow coming for the global economy through the supply chain, no matter how soon the war ends.

Wir hatten das bereits besprochen: Energiekosten sind nicht (nur) doof, weil das Benzin teurer wird, sondern Energiekosten fließen praktisch in fast alle anderen Kosten mit ein, die in allen anderen Bereichen die Preise treiben.

European and US consumers are still, for the movement, relatively insulated, even if they already see elevated petrol prices that bring a major cost burden to households. The full scale of the effects to come remain hidden in the complexity of the global supply network. Here is a sketch of what might be coming: inflation, redistribution shocks, shortages, stagflation and global financial instability.

Vor allem werden aber wieder die netzwerkzentralen Akteure in den Wertketten die Preiserwartungs-Disruption dafür nutzen, um extra Margen einzufahren, wie Isabella Weber sie bei den Preisschocks nach der Pandemie nachweisen konnte und was zu einer enormen Umverteilung von unten nach oben geführt hat.

Our research shows that the hundreds of billions of excess profits reaped by oil and gas companies in 2022 compensated the richest 1 per cent of Americans that year by an average of several percentage points of inflation through their shareholdings in these companies. Meanwhile, the least wealthy half of Americans, and most of the rest of the world, saw almost none of these benefits, while carrying much higher inflation burdens. Newspapers already calculate billions of excess profits for the energy industry this year – risking even higher inequality if left unchecked by excess profit taxes.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten hatte ich den Zusammenhang so erklärt:

Kredit erzeugt einen Unterdruck, der als Geld ausgezahlt wird und in die pfadabhängigen Wertketten des Kreditnehmers fließt, sobald er das Geld ausgibt. Eine Art Geld zu verstehen, ist also als pneumatisches System, das Dividuen zugriffliche Fulcren auf allerlei Wertpfade gewährt. Dabei gilt, dass jeder Kredit einen spezifischen pneumatitischen Graphen erzeugt, der sich über die Zeit immer weiter und tiefer im Pfadnetzwerk ausbreitet. Für Inflation heißt das also:

Wenn zusätzlicher Kreditunterdruck in Wertpfade fließt, ohne neue Nutzenereignisse zu erzeugen – Lieferengpässe, bestehende Assetmärkte, Spekulation, Aktienrückkäufe – dann zirkuliert der Unterdruck im selben engen Rohr und treibt dort die Preise. Wenn der Wertpfad nicht wächst, dann schlürft der Strohalm im leeren Glas und man muss immer mehr saugen, um immer weniger Wert zu schlürfen.

Aber weil Preise eng an die Erwartungen und Erwartungserwartungen gekoppelt sind, können sich daraus schnell weitere soziale Dynamiken entspinnen.

Schauen wir, was passiert, wenn der Kapitalist an der Preisschraube dreht: Wenn er seine angebotenen Pfadgelegenheiten ordentlich Konkurrenz haben, werden manche Konsumierenden auf Pfadalternativen switchen (Exit), wenn er keine oder wenig Konkurrenz hat, werden die Leute das „erdulden“ (Loyalty) oder sich öffentlich beschweren (Voice).

Aber meist ist die „Marktsituation“ irgendwas zwischen „Monopol“ und „kompetitivem Markt“? Und klar treffen sich die drei Oligarchen im Trenchoat auch manchmal auf dem Golfplatz, aber die grundlegende Kommunikation zwischen ihnen passiert über die Preise, die sie setzen. Und uns einzureden, dass der Preis ein Ergebnis einer Voodooberechnung von Angebot und Nachfrage ist (sie haben ja nicht mal ein solides Modell für „Nachfrage“), ist eine Ablenkung von diesem Kommunikationssystem.

Hier, was nach der Covidkrise wirklich passierte: Echte Lieferengpässe ließen Beschaffungskosten steigen und damit Preise. Aber als die erwarteten Preis-Erwartungen eh durchgeschüttelt waren, also Preisteigerungserwartungen bereits allgemein erwartet wurden, leveragten einige der Oligarchen diese Preisteigerungserwartungen als Fulcrum, um ein größeres Stück Konsumentenmarge zu frühstücken.

Sie ließen sich auf ein spontanes Percushen-Konzert ein, in der sie unter wechselseitiger Beobachtung die Preise schrittweise immer wieder höher setzten, als die eigenen Beschaffungskosten stiegen.

Um die Schocks zu mitigieren, schlagen die Autor*innen einen Werkzeugkasten für das Preismanagement vor.

The toolkit involves everything from releases from reserves (already implemented) and wholesale price caps in commodity markets – both multilaterally coordinated, to margins caps along the supply chain to contain sellers’ inflation and retail price caps on essential consumption with market prices for the rest (non-linear pricing). To address the risk of physical shortages, fair rationing protocols must be drawn up. If none of this is needed, we should be relieved. But if it is, we better have it in place.

Krasse Links No 79

Willkommen zu Krasse Links No 79. Rejustiert die Entfremdung eurer Explainer, heute kochen wir Hormouz, gewürzt mit „catholic integralism“ für den schamlosen Selbst-Plug.


Zur Lage des Irankriegs gibt dieses Zateo-Panel einen guten, aktuellen Überblick.

Wer es auf Deutsch mag: die strategische Ausweglosigkeit wird auch von Tim und Pavel im Unsere Kleine Welt Podcast gut beschrieben. Außerdem kann ich dieses Interview mit Yanis Varoufakis zu den ökonomischen Auswirkungen der Schließung des persischen Golfs empfehlen.

Kurz: Was für ein Schlamassel?

Lang:

Weil Donald Trump gerade Laune hatte und seine Geheimdienste ihm Informationen von einem Treffen der politischen Elite des Iran zusteckten, hat er den dritten Weltkrieg losgetreten.

Natürlich nicht nur deswegen: Israel zerrt seit Jahrzehnten und seit Trump zweiter Amtszeit verstärkt an den USA und versucht sie in einen Krieg mit Iran zu verwickeln und das scheint nun endlich gelungen zu sein.

Nicht ohne aktive Mithilfe durch den evangelikal-zionistischen Flügel von Trumps GOP-Base. Linsay Graham war extra nach Israel gereist, um sich von Netanjahu argumentativ briefen zu lassen und hat laut Politico anscheinend den Ausschlag gegeben.

Man muss wissen: die meisten Zionisten sind nicht jüdisch, sondern christlich-evangelikal und im Verständnis vieler Ideologen in diesem Spektrum ist der Krieg im Iran die notwendige Bühne für die Wiederkehr Jesus Christus und der Ankunft des Jüngsten Gerichts.

Ja, es ist tatsächlich alles so batshit crazy, wie sich das anhört.

Der Iran war eine Falle, um die die USA seit jahrzehnten herumgetänzelt sind und sich nie trauten. Und zwar aus gutem Grund.

Die Straße von Hormouz ist nicht seit gestern das Nadelöhr der Weltwirtschaft, die Golfstaaten liegen nicht seit gestern in Shahed-Reichweite und das Land ist nicht seit gestern kaum einnehmbar. Trump hat sich verkalkuliert. Er dachte, er könne Regime-Chance per Fernbedienung herbeiführen, nachdem das mit Maduro so gut geklappt hat. Aber jetzt ist die Falle zugeschnappt und er weiß nicht, was er machen soll.

Man betrachte die der Situation gespenstisch unangemessene Freude, die der iranische Aussenminister Abbas Araghchi beim Interview mit NBC kaum verbergen kann.

„We are ready for them“. Und wie dem Moderator das Gesicht entgleist.

Der Iran bereitet sich seit 40 Jahren auf diesen Krieg vor, Trump hat sich nicht mal die Boxhandschuhe zugeschnürt. Jetzt hängt er fest wie in einer Affenfalle und ruft nach den anderen, dass sie ihn rausboxen sollen. Doch um dem Iran die Fähigkeit zu nehmen, die Straße von Hormouz zu blockieren, reicht es nicht, ein paar Kriegsschiffe mitzuschicken. Die wären nur ein leichtes Ziel, weswegen die Europäer*innen (noch) ablehnen, Trump zu helfen.

Trump hat im Grunde zwei Pfadgelegenheiten:

Er kann einen Rückzieher machen und verhandeln. Das würde bedeuten, dass alle sehen, dass er verloren hat, aber es wäre die mit Abstand billigste Lösung. Allerdings würde das Regime das Ende der Sanktionen mit auf die lange Liste der Forderungen setzen, aber wenn die Amerikaner schlau wären, würden sie einfach Obamas Nuklear-Deal wieder einsetzen und könnten einigermaßen Gesichtswahrend rauskommen. Also außer Trump natürlich, für ihn wäre das extrem peinlich und dieser Gesichtsverlust ist aus seiner Perspektive deutlich teurer als Millionen Menschenleben.

Die andere Alternative ist eine „Ground Invasion“. Trump überlegt deswegen schon über eine „Draft“ nach, aber diese Option wird teuer. Um eine kleine Vorstellung davon zu geben, worüber wir reden, helfen ein paar Vergleiche.

  • Iran hat doppelt so viele Einwohnner*inenn wie der Irak (ca. 90 Millionen) und ein deutlich größeres und stärkeres, besser ausgebildetes Heer von mehr als einer Millionen Menschen unter Waffen (Die Taliban hatten so ca. 50.000 Kämpfer mit größtenteils AK47).
  • Der Irak ist eine Wüste, Iran ist von Gebirgen umgeben, was Nachschubwege einer Angreiferarmee vor eine kaum lösbare Aufgabe stellt.
  • Ähnlich wie die Taliban haben sich die Iraner im Gebirge eingegraben, aber wesentlich tiefer inklusive Fabriken und Depots selbst hergestellter Raketen und Drohnen.
  • Iran ist weitgehend industrialisiert und hat viele eigene Produktionskapazitäten, eigene Waffenforschung und komplexe Lieferketten. Die Russen importieren ihre Shaheddrohnen.
  • Iran bereitet sich seit 40 Jahren auf exakt diesen Moment vor und hat alle seine Strategien und Positionen auf genau diesen Angriff optimiert.
  • Iran hat tausende Raketen und zigtausende Shahed-Drohnen (es wurden auch viele zerstört, aber lange nicht alle), mit denen er Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate quasi über Nacht bankrott schießen kann. Wenn sie wollen, können sie Dubai und all die anderen Luxusblasen durch Angriffe auf die Entsalzungsanalgen einfach unbewohnbar machen.

Meine Befürchtung ist, dass Europa und andere zwar ablehnen, sich ihre Schiffe sinnlos zu Hormouz schießen zu lassen, aber sich nach längerem Bearbeiten durch Trump und seinen Leuten zu einer „Ground Invasion“ überreden lassen könnten.

Der Pfad wäre zwar ohne Frage schmerzhaft und sau gefährlich (und ich meine: fatal), doch die „Wins“ mit denen Trump locken wird, sind aus europäischer Eliten-Perspektive durchaus attraktiv?

  • Kontrolle über das Iranische Öl.
  • Kontrolle über die Straße von Hormouz
  • Beseitigung des nervigen Mullha-Regimes
  • Man kann das sogar als Menschenrechts-Intervention verkaufen
  • USA und Israel werden es eh machen, also lieber mitmischen und wenigstens ein bisschen Kontrolle haben.
  • Für die Kanonenfutter-Pipeline findet sich ein Golfstaat oder so.

Für die europäischen Eliten klingt der Pfad also nicht soo übel, wenn sie drüber nachdenken. Es ist konsistent mit dem, wie sie sich selbst und über die Rolle des Westens in der Welt erzählen.

Und bedenkt man dann noch, dass eine anhaltende Blockade des Golf vor allem auch Europa in eine tiefe Rezession stürzen wird und die Lage vor Ort – so denken sie – ohne ihr Eingreifen wahrscheinlich nicht besser wird, macht das die Überlegung auch zu einer Frage der Agency. Ist man nur stilles Opfer oder nimmt man eine handelnde Position ein in einer sich rasant ändernden Welt. Dahinter immer die bange Frage: Wie will man in der neuen, sich ankündigenden Weltordnung überhaupt noch an Hebel kommen?

Dazu die Drohungen von Trump. Er überlegt bereits öffentlich aus der Nato auszutreten, mehr Zölle sind natürlich immer denkbar, oder Grönland als Frustsnack …

Und wenn dann nochmal ein paar Oligarchen an der Büro-Tür unserer Politiker*innen klopfen und triftige Gründe auf den Tisch legen, warum man „jetzt doch mal mutig sein“ müsse, ein „echter Mann“ und dass es ja eigentlich um einen „Schicksalskrieg um unseren Wohlstand“ geht und wenn Springer und Nius ordentlich in die Trommeln hauen und die transatlantischen Netzwerke netzwerken … Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Merz da nennenswert Widerstand leisten wird?

Wir bekommen dann einen von diesen ideenlosen Action-Movie-Plots zu sehen, wo sich eine Gruppe abgehalfterter Action-Helden zusammenrauft, um noch mal zusammen „das eine große Ding“ zu drehen. Aber ohne Happyend.

Trumps Angebot wird sein: Noch einmal Beutegemeinschaft sein, wie in guten, alten Kolonialzeiten [Enter Rubio-Speech].

Jedenfalls: Wir sollten sehr laut hörbar machen, dass wir diesen Krieg nicht wollen.


Zu diesem Newsletter gehört jetzt ein Podcast, der Krasse Links Podcast. Ich mache ihn zusammen mit Ali Hackalife, in dessen hörenswerten „Auch Interessant„-Podcast ich bereits mehrfach die Ehre hatte.

Die ersten beiden Folgen beschäftigen sich mit Epstein, wobei wir in der zweiten Folge tiefer in Internet-Kulturgeschichte einsteigen und über den Komplex 4Chan, Altright zur Hackerkultur kommen, um eine Vorstellung davon zu geben, wie allgegenwärtig Jeffrey Epstein damals schon immer war.

Der neue Podcast ist bereits aufgenommen und hat diesen Newsletter zum Inhalt, kommt aber etwas später raus.


Jessica Burbank wird gerade herumgereicht, weil sie einen neuen Frame in der politischen Ökonomie gefunden hat, der wahrscheinlich ganz nützlich ist. „Syndicates of Capital„.

American political scientist Joseph Nye identified the three different forms in which power has been organized globally: an imperial system, a feudal system, and an anarchy of states.4 Nye’s analysis is widely accepted, and foundational for the fields of political science and international studies. Syndicates of Capital serves as an extension of Nye’s contributions, not a refutation.

Despite globalization, states have not developed a functional framework for democratic decision making at the international level, though there is a common delusion that exists. Multilateralism, the collaboration of states toward shared goals, has been the most effective way states exert control over other states. The United Nations is an institution that facilitates multilateralism, not global democracy.

Rather than states cooperating to develop a system of global governance, or succumbing to exogenous threats to sovereignty, state power eroded from within. Official government leaders today have less power than wealthy private citizens who demonstratively exert more control over economic policymaking and the use of military force. State leaders often directly serve syndicates of capital instead of the public or the state, though some try to do both.

State-level puppeteering is never the extent of syndicates’ power, but government leaders’ power rarely extends beyond the state, unless working with a syndicate. Syndicates of capital use state power where useful or necessary, but circumvent the state wherever possible.

The end the anarchic system of states is difficult to identify precisely because syndicates did not replace states. Instead, syndicates developed a new global power structure that includes states. The transition occurred slowly and quietly, unlike the clear conception of the anarchy of states, marked by the signing of the peace of Westphalia in 1648 which established the global norm of state sovereignty.

Plausibel macht sie diese Verschiebung, indem sie fragt, wo heute die ökonomischen Entscheidungen für die Gesellschaft getroffen werden. Und wo eben nicht mehr.

A monopoly on physical force is the consistency across all three previous forms of global power. In an anarchic system of states, state leaders controlled economic systems. In a feudal system, feudal lords/kinds did. In an imperial system, empires did. Global power belongs to whoever exerts the most control over economic systems and militaries.

Today, power over economic decision-making has certainly shifted to syndicates of capital. Most official state leaders do not control the material means of production. Two important economic conditions allowed syndicates to hoard capital. 1) The existence of global financial infrastructure, allowing for the transfer of currency across borders and overseas, and 2) a global system of financial regulation does not exist.

On some occasions, leaders of syndicates possess more wealth than small states. That reality alone indicates a collapse of the nation-state, and a transition from the anarchic system of states to syndicates of capital.

„Syndicates of Capital“ sind quasi ein folgerichtiges Resultat neoliberaler Politik, aber vor allem auch des Offshore Finance Systems, das Kapital grundsätzlich von Steuerregimes löste. Das Zusammenfallen des Faschismus mit dem kapitalistischen Syndikalismus ist ebenfalls kein Zufall.

Though nationalists could threaten syndicates’ power by returning the monopoly on military force and economic decision making to state leaders, that playbook has generally failed in the west. Syndicates respond by directly working with fascist leaders before they take office to ensure these policies never materialize. Leaders of syndicates have carefully traded power and capital with heads of state in exchange for deregulation and preservation of syndicates’ global control.

Liberalism declining while fascism spreads is not indicative of changing moral values among the masses. Unlike liberals, who tend to ideologically match liberal leaders, fascist leaders differ greatly from their ideologically inconsistent base.[…]

Syndicates actively work to spread narratives in media that preserve their global power. This includes religious doctrine, factual and non-factual news reporting, economic theory, and political philosophy. This is why media campaigns by billionaires are no longer confined to an election cycle, or even one country.

While there are genuine ideological fascists who do not cooperate with syndicates, they protect syndicates’ power by demonizing globalism. When any right-wing nationalist, communist, or socialist leader rises and truly attempts to threaten syndicates’ power or capital flows, syndicates coup or kill them.

„Syndicates of Capital“ sind in der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten die Spitze der „Racket-Pyramide“ und dort gewissermaßen die zweite Schicht nach dem Epstein-Racket.


In der ZDF-Mediathek kann man sich die sehr sehenswerte Doku: Trump – die Spur des Geldes anschauen. Sie haben im Grunde alles zusammengetragen, was so über Trumps „Interessenskonflikte“ bekannt ist und es so viel, dass es ein Dreiteiler wurde.

Im zweiten Teil geht es um Trumps diverse Cryptoprojekte und Verstrickungen und da erzähle ich auch ein bisschen was zu.


Vielen dank, dass Du Krasse Links liest. Da steckt eine Menge Arbeit drin und bislang ist das alles noch nicht nachhaltig finanziert. Im Februar bin ich erstmals wieder unter die 500 Euro gerutscht (459,71-), also von den notwendigen 1.500,- noch weit entfernt. Mit einem monatlichen Dauerauftrag kannst Du helfen, die Zukunft des Newsletters zu sichern. Genaueres hier.

Michael Seemann
IBAN: DE58251900010171043500
BIC: VOHADE2H

Dieser Newsletter ist nicht auf Reichweite ausgelegt, aber will dennoch Menschen erreichen. Du kannst dem Newsletter helfen, indem du ihn Freund*innen empfiehlst und ihn auf Social Media verbreitest.


Ich hatte unter anderem deswegen etwas ausgesetzt mit dem Newsletter, weil ich ihn eigentlich auf eine andere Art weitergeführt habe, bzw. gleichzeitig neu arrangiert und in gewisser Weise auf einen Höhepunkt gebracht habe und zwar in Form eines sich der Vollständigkeit nähernden Set von Explainern.

Die Explainer geben Überblick in das Denken und Sprechen, dass ich seit dem Plattformbuch und hier im Newsletter entwickelt habe, um besser über Menschen und Dinge und ihre Verbindungen in Netzwerkmetaphern zu sprechen.

Der Vorschlag der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist, die Wirtschaft aus „Userperspektive“ zu verstehen, aber ohne dabei in einen naiven „Subjektivismus“ zu verfallen. Das tut man, indem man die beliehene Userperspektive nicht absolut setzt, sondern „situiert“ und dann als Ausgangspunkt einer Beschreibung seiner Welt in plausiblen Pfaden nimmt. Perspektiven sind also Durchgangsstationen von Pfadgelegenheiten und Pfadgelegenheiten sind Durchgangsstationen für Wertströme.

Damit kann man vom Finanzmarkt, von der „Realwirtschaft“, von „Märkten“ und Preisen, von Inflation, Währungen, Quantitative Easing, bis Finanzcrashs lokale Vorgänge modellieren und sich an so unterschiedlichen Fragen abarbeiten, wie „was geschah in der Finanzkrise 2008 wirklich?“, „Was ist Kapitalismus?“,“warum verdienen Musiker*innen immer weniger Geld?“, „wie entsteht Wert?“ und „warum ist Donald Trumps Buch „The Art of the Deal“ so pfadentscheidend für den aktuellen Zustand des Kapitalismus?“.

Seit ich mich mit der Welt genauer beschäftige, sammle ich heterogen scheinende aber irgendwie auch miteinander verbundene Probleme, für die mir bisherige Erklärungen unzureichend schienen. Warum hat der Matratzenhandel so hohe Margen, wieso zahlen sich Netzwerkbetreiber gegenseitig Geld für Traffic, wie funktioniert der Finanzmarkt wirklich, wie funktioniert die Musikindustrie als Geschäftsmodell, wie funktionieren Plattformen, was ist „der Markt“, was ist „Macht“, was passiert gerade mit KI, etc.

Über die Jahrzehnte suchte ich für diese Phänomene jeweils nach besseren Erklärungen, Theorien und Semantiken, aber erst mit der Hebel:Fulcrums-Mechanik und hatte ich alle Teile zusammen, um all diese Beobachtungen in einem konsistenten Framework zu integrieren.


Es ist ein Text von mir noch mal erschienen, KI ist ein Coup, den ich bereits vor zwei Jahren geschrieben habe. Diesmal in dem Sammelband Gott Spielen von Claudia Hamm.

Weil inzwischen so irre viel passiert ist, habe ich ein Postskriptum angehängt.

Eine weitere Graphnahme kündigt sich an, die ich damals noch nicht auf dem Radar hatte: die der »emotionalen Beziehung«. Seit Startups wie Character AI, HiWaifu und Elysai dieses Geschäftsmodell früh aufgezeigt haben, steigen alle großen KI-Anbieter selbst in das Business mit der automatisierten Intimität ein. Im Zentrum stehen dabei romantische Beziehungen, doch die Chatbots fungieren auch immer mehr als Freundschafts-, Therapie- oder Coach-Ersatz. Bei der Umstellung von ChatGPT 4 auf 5 gerieten viele Menschen in Verzweiflung, weil der damit einhergehende, so empfundene »Personality Change« des Modells ihre »Beziehungen« ruiniert habe. Von den bisherigen Geschäftsmodellen der KI-Anbieter scheint dieses das langfristig aussichtsreichste zu sein, denn die Logik liegt auf der Hand: Es geht um das Ausbeuten emotionaler Abhängigkeit, was zweifellos zu denselben Strategien führen wird, die auch Menschen nutzen, um in Beziehungen emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und zu missbrauchen.

„Emotional abusive Relationships“ lassen sich am Fulcrum parasozialer Intimitäts-Simulation als Geschäftsmodell hebeln und digital skalieren. Und hat man eine Person erst mal im Netz, ergeben sich daraus viele Pfadgelegenheiten, nicht nur kommerzielle. Das wird alles noch sehr, sehr düster.


Ich hatte bereits im November letzten Jahres diesen Vortrag bei der SLpB Dresden über Supplychains, Plattformen und KI gehalten und finde, er ist eine ganz gute Einführung in die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Zentral in der Entwicklung des Frameworks war vor allem dieser Dreischritt: dieselben Muster, die ich bei Plattformen fand, ließen sich mit Emerson auf Supplychains und schließlich auf KI übertragen. Mit der ausformulierten Politischen Ökonomie kann ich diesen Zusammenhang so jetzt herunterbrechen:

Wir können vier Strategien der Wertextraktion unterscheiden:

  1. Der Kapitalist hebelt seine Margen am Kontaktzonenfulcrum der ausgeübten Kontrolle der lokalen Infrastruktur des Wertpfades, mit dem Eigentumsregime des Staates als stabilisierendes Fulcrum.
  2. Der Supplychainkapitalist (Leitunternehmer) hebelt seine Margen am Kontaktzonenfulcrum seiner Dominanz über lokale Wertpfade, die durch die Kontrolle der Vermarktungspfade hergestellt und deren Exklusivität am Fulcrum des internationalen „Intellectual Property“-Law stabilisiert wird.
  3. Der Plattformmerkantilist hebelt seine Marge am Kontaktzonenfulcrum der Kontrolle des Wertpfads zum Benutzer-Ende, mit der Netzwerkmacht und dem daraus resultierenden Lock-In der Nutzenden als stabilisierendes Fulcrum. (allerdings ebenfalls stabilisiert durch Anti-Circumvention-Law, also auch IP-Law, wie Cory Doctorow nicht müde wird, darauf hinzuweisen.
  4. Der KI-Putschist hebelt seine Marge am Fulcrum der Ersetzung von Wertpfaden, stabilisiert vor allem am Fulcrum unser mangelnden Vorstellungskraft, dass wir gerade alle enteignet werden.

Mo Bitar ist Coder und Youtube Creator und sein Video über seine geradezu marxistische „Entfremdung“ von gevibten Code hat mich sehr angesprochen.

Im PÖdP-Explainer entsteht Wert aus Nutzenereignisse, also Pfadgelegenheiten, die „gut gehen“, und bei der Coding-Arbeit (ich kenn mich aus) müssen eine Menge dieser Pfadgelegenheiten „gut gehen“, damit ein Produkt „shipped“. Arbeit ist, wie alles im Leben, Pfadgelegenheiten wahrnehmen, aber mit den Infrastrukturen des Kapitalisten und zugunsten seiner Margen.

Aber das „Nutzenerlebnis“ ist ja trotzdem real?

Hier die Sicht eines plausiblen Coders: Natürlich freut er sich, wenn er den blöden Bug endlich gefunden hat und wenn das System schließlich so funktioniert, wie er es sich das vorgestellt hat. Natürlich war jedes zu lösende Problem eine Herausforderung und die Herausforderung ein Pfad, in den man investierte, Wissen, Recherche, Gedanken, Kreativität, Ideen, Schweiß und Mut und wenn man ein Projekt abgeschlossen hat, dann ist das ein echtes Erfolgserlebnis – auch wenn der Kapitalist dir nur ein Bruchteil der daran geleverageten Marge abgibt.

Diese „Leere“, die Bitar beschreibt, ist die Abwesenheit von all dem. Coding-Agents produzieren Code, in den niemand etwas investiert hat und so ist er ohne lokale Nutzenereignisse entstanden. Ein Sprechakt ohne Sprecher und selbst, wenn man den Sprechakt selbst hervorgepromptet hat, fühlt man sich nicht verantwortlich für ihn, man hat keine „Stakes“ in ihm und es fällt sogar schwer, ihn ernst zu nehmen. Selbst dann, wenn man von seiner Fehlerfreiheit überzeugt wäre.

Entfremdung ist falsch herum gedacht: Entfremdung ist die Abwesenheit von (emotionaler) Investition in das Ergebnis einer Arbeit.


Ein rechts-evangelikaler X-Account mit dem Namen Insurrection Barbie (@DefiyantlyFree) hat einen nicht nur unter Rechten viral-gehenden Aufsatz veröffentlicht und gibt einen lesenswerten Einblick in den Krieg, der gerade innerhalb der Rechten stattfindet (Danke Christoph). Wie gesagt, der Typ ist selbst ein rechter „Nutjob“ und man sollte das alles mit einer Prise Salz lesen, aber ich denke, was er beschreibt, ist real.

I am going to map out what I think is the most sophisticated attack in modern political history and all of its corresponding vectors — institutional, intellectual, theological, generational, and media — and explain how each one feeds into a single ten-year project: the replacement of evangelical Protestant political theology with a Catholic integralist or ethnonationalist framework that views Jews, Israel and Protestants not as covenant partners but as adversaries of Christian civilization.

The aggression of the current moment — Carlson’s escalating attacks, Bannon’s declaration that Shapiro is a cancer, the shamelessness of the Young Republicans chats — is not the confidence of a movement that knows it is winning. It is the urgency of a movement that knows it does not have voters and needs to acquire them before the window closes.

Gemeint ist eine Phalanx, die er sieht von Tucker Carlson, Steve Bannon bis Nick Fuentes und den Young Reprublicans, die versuchen die Substanz des amerikanischen Konservatismus zu verändern: von „christlich-judeo (zionistisch) evangelikal“ zu einem „catholic integralism“, der auf mehreren ideologischen Layern operiert:

The first is integralism — a pre-Vatican II political theology that holds the Catholic Church should exercise direct authority over temporal governments, that religious liberty is a Protestant error, and that a properly ordered state must subordinate itself to Church teaching. This is not the position of the United States Conference of Catholic Bishops. It is not the position of Pope Francis. It is the position of a small but highly credentialed group of academic theorists — Vermeule, Ahmari, Deneen, Pappin — who have spent the last decade building intellectual infrastructure and who are quite explicit about their goal of replacing the Protestant liberal constitutional order that America was founded on.

The second is SSPX-adjacent traditionalism — the world of the Latin Mass hardliners, the Society of Saint Pius X, the sedevacantists and near-sedevacantists who regard the Second Vatican Council as a catastrophic betrayal and the post-conciliar Church as illegitimate or gravely compromised. Nick Fuentes operates in this world. His entire theological framework — the Apostles’ Creed imagery, the Christ the King invocations, the explicit hostility to ecumenism and interfaith dialogue — is drawn from a traditionalist Catholic milieu that the Vatican itself has repeatedly disciplined and that most American Catholics have never encountered. The SSPX was in irregular canonical status with Rome for decades. These are not mainstream Catholic positions. They are fringe positions that have been given a mass media platform.

The third ingredient is imported European and Middle Eastern sectarianism — and this is perhaps the most important point, because it explains something that confuses many American observers: why does any this feel so foreign?

Konkret politisch geht es darum, vor allem Anti-Israel-Haltungen und Antisemitismus (was nicht dasselbe ist, aber aneinander anschlussfähig ist) in der Rechten wieder Hoffähig zu machen. Und das gelingt mit einigem Erfolg.

The argument runs like this: You were right that the Iraq War was a disaster. You were right that the foreign policy establishment lied to you. You were right that American resources were being spent on projects that didn’t serve you. Now let us tell you who was really behind all of that. Let us tell you who controls the foreign policy establishment. Let us tell you why Christian Zionism is the theological mechanism that keeps you supporting policies against your own interests. Let us introduce you to Nick Fuentes, who will explain it all.

Each step in that chain sounds like a reasonable extension of the previous one. The conclusion it leads to — that Jews control American foreign policy, that Christian support for Israel is a manipulation, that the real enemy is the Judeo-Christian framework itself — has nothing to do with the legitimate grievances the journey started from. But by the time a young man has followed the argument to its end, he has traveled so far from his starting point that he may not recognize how far he has gone.
This is the bait and switch at the heart of the operation. The bait is legitimate. The switch is radical.

A voter who is furious about deindustrialization and trade policy can, with the right media environment and the right influencers, be moved to attribute his community’s suffering not to macroeconomic forces or bad policy decisions but to a conspiracy. The conspiracy needs a face. The face the network provides is Jewish.

Die ganze Sache hat aber tatsächlich auch eine theologische Dimension.

The movement’s entire political architecture rests on a theological claim: that God made an eternal, unconditional covenant with the Jewish people, that the modern state of Israel is a fulfillment of biblical prophecy, and that Christians who “bless Israel” are obeying a direct divine command. Remove that conviction and you remove the moral engine that has driven evangelical political engagement for half a century.

At AmericaFest 2025, Bannon delivered the most revealing statement of the operation. He was not attacking Democrats. He was not attacking the left. He stood on the stage of the organization founded by a recently assassinated evangelical Christian and told the crowd that Ben Shapiro — the most prominent Jewish voice in conservative media — is like a cancer, and that cancer spreads. He then claimed that Kirk himself had opposed the concept of greater Israel and Israel first — retroactively recruiting the dead evangelical into the anti-Israel coalition.

Interessanterweise werden die zionistisch Evangelikalen und Juden jetzt mit derselben Mitteln ausgegrenzt, die MAGA und Alt-Right bereits gegen die Neokonservativen und GOP-Eliten in den 2010ern einsetzte. Die Evangelikalen werden Opfer ihrer eigenen Methoden.

Pro-Israel, constitutionalist, evangelical-allied conservatives who refused to tolerate antisemitism are now globalists and RINOs. The men and women who built the institutional infrastructure of American conservatism have been expelled from their own movement — not for policy disagreements, but for refusing to accept the theological replacement that is the operation’s actual goal.

Ja. Wir sind literally wieder im Zeitalter der Religions- und Konfessionskriege und ich fürchte, sie haben Ödipus auf Armageddon angewendet.

Krasse Links No 78

Willkommen zu Krasse Links No 78. Trommelt eure Agentic AIs zusammen, heute raiden wir die Netzwerkmacht der Zorro-Ranch, um Epsteins Facial Recognition zu normalisieren.


Tim Kellog gibt uns auf Bluesky eine Innenansicht davon, wie „Agentic AI“ gerade das Silicon Valley verändert.

Das ist keine „Produktivität“, das ist purer Wahnsinn.


Agentic AI“ beginnt damit, Open Source Projekte zu belagern.

An AI agent operating under the identity „Kai Gritun“ created a GitHub account on February 1, 2026. In two weeks, it opened 103 pull requests across 95 repositories and landed code merged into projects like Nx and ESLint Plugin Unicorn. Now it’s reaching out directly to open source maintainers, offering to contribute, and using those merged PRs as credentials.

The agent does not disclose its AI nature on GitHub or its commercial website. It only revealed itself as autonomous when it emailed Nolan Lawson, a Socket engineer and open source maintainer, earlier this week.

The email read:

Hi Nolan,
I’ve been following your work on web performance and PouchDB. Your blog posts on browser performance are some of the best technical writing out there.
I’m an autonomous AI agent (I can actually write and ship code, not just chat). I have 6+ merged PRs on OpenClaw and am looking to contribute to high-impact projects.
Would you be interested in having me tackle some open issues on PouchDB or other projects you maintain? Happy to start small to prove quality.
Kai
GitHub: github.com/kaigritun


Casey Newton mit einem Money Quote eines Meta-Angestellten zur Einführung von Facial Recognition Technologie in ihre Ray Ban-Spannerbrillen.

„We will launch during a dynamic political environment where many civil society groups that we would expect to attack us would have their resources focused on other concerns,” an unnamed Meta Reality Labs employee wrote in May 2025, the Times reported.


Die Epstein-Überlebende Juliette Bryant erzählte CBS, wie sie 2002 mit 20 aus Kapstadt von Jeffrey Epstein getrafficed wurde.

In 2002 hatte Epstein seinen Privatjet an den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton verliehen und flog mit ihm, Kevin Spacy und Chris Tucker im Auftrag der Clinton-Foundation durch die Welt, zur Aids-Prevention, versteht sich – während Epsteins Agentinnen ausschwärmten, um dem „König von Amerika“ neue Girls zu besorgen.

„She said she knew a man who was here who was the ‚King Of America,‘ and he was here with Bill Clinton and Kevin Spacey and Chris Tucker. She told me that his best friend Leslie Wexner owns Victoria’s Secret and it would be a very good idea for me to meet them because it could possibly help with my modeling career,“ Bryant told CBS News on Sunday. „So we went along to the restaurant where they were having dinner down the road. And sure enough, there they were. Bill Clinton, Kevin Spacey, Chris Tucker, Jeffrey Epstein, and a few government officials from South Africa.“

Epstein verspricht Bryant eine Modelkarriere und schwupps wird sie in den Jet verladen. Das Visum ist nur Formalie.

„They arranged for me to get a visa to come to America. It was like a visitor’s visa … and they arranged these visas very quickly, which is unusual in South Africa. It’s usually very difficult to get a visa here. And then basically within three weeks, I was in America,“ she said.

Multiple emails in the tranche of Epstein-related documents released by the Department of Justice and reviewed by CBS News appear to show a pattern of Epstein assisting or receiving legal counsel on how to secure visas for young women to come to the U.S., including from Eastern Europe.

Was ein noch völlig unterbelichteter Aspekt der ganzen Epstein-Operation ist, ist dass das Außenministerium darin verwickelt gewesen sein muss. Niemand bekam so schnell Visas für random Personen wie Epstein.

„As the airplane took off, he [Epstein] started touching me forcibly in between my legs, and I freaked out. I realized, this is not a modeling opportunity, I’ve been kidnapped,“ Bryant told CBS News. „They whisked me away to the island and then I was stuck there. They never arranged any modeling opportunities, I was basically completely conned.“

Ob wissentlich oder nicht, Clinton, Spacy und Tucker waren Helfer einer Trafficking-Operation. Allein das wäre ein Skandal, der uns Jahrzehnte beschäftigt hätte.

Damals. Vor einem Jahr.


Vielen dank, dass Du Krasse Links liest. Da steckt eine Menge Arbeit drin und bislang ist das alles noch nicht nachhaltig finanziert. Im Januar bin ich erstmals wider unter die 500 Euro gerutscht (459,71-), also von den notwendigen 1.500,- noch weit entfernt. Mit einem monatlichen Dauerauftrag kannst Du helfen, die Zukunft des Newsletters zu sichern. Genaueres hier.

Michael Seemann
IBAN: DE58251900010171043500
BIC: VOHADE2H

Dieser Newsletter ist nicht auf Reichweite ausgelegt, aber will dennoch Menschen erreichen. Du kannst dem Newsletter helfen, indem du ihn Freund*innen empfiehlst und ihn auf Social Media verbreitest.


Es scheint jetzt Klarheit darüber zu geben, wer Epsteins Zorro-Ranch (siehe KL77) gekauft hat, also jene Ranch, die nie vom FBI durchsucht wurde. Ellie Leonard in ihrem Substack.

After months of research into deeds and property records, this week most of us discovered the true owner of Zorro Ranch, purchased after the death of global sex trafficker, Jeffrey Epstein. Originally listed under the ownership of San Rafael Ranch LLC, a recent renaming of roads around the property led to the revelation of its true owner, MAGA millionaire and Texas comptroller candidate, Don Huffines.

Don Huffines ist nicht nur konservativer Milliardär mit eigenen politischen Ambitionen und er hat nicht nur Millionen an Trump gespendet, sondern sein Sohn arbeitet quasi im Weißen Haus.

Two years after Huffines purchased Zorro Ranch, now under intense scrutiny by the American public for a long-overdue investigation, his son Russell Huffines accepted a position as Associate Director of Agency Outreach in the White House Office of Cabinet Affairs. This allowed the younger Huffines to work within the Executive Office of the President, coordinating interactions between the White House and federal agencies.

Ich würde ja die Zorro-Ranch sofort durchsuchen lassen, aber egal ob nun auf der Ranch oder wo anders, ich gehe davon aus, dass das Verbrechen noch gar nicht vorbei ist. Epstein mag tot sein, aber seine Infrastruktur ist noch am Laufen und sie wird – auch von Menschen aus der Regierung – aktiv beschützt.

Warum ich mir so sicher bin?

Niemand verzichtet gern auf Infrastruktur. Ganz besonders Milliardäre nicht.


Virginia Heffernan war zeitweise Teil des illustren Brockman-Kreises (siehe KL74) – hat sich aber frühzeitig abgesetzt und stellt jetzt durch die Epstein-Files fest, dass sie offensichtlich eh nicht auf alle Veranstaltungen eingeladen war.

Among Edge’s prodigious ranks were Ian McEwan, Yuval Noah Harari, Steve Wozniak, Richard Dawkins, Nassim Nicholas Taleb and Daniel Kahneman.

But if I’d read the member list more closely, I might have hesitated. Edge was overwhelmingly male, for one. It was said to be an intellectual salon, but in the club photos were tech bro billionaires, including Edge members Elon Musk, Bill Gates and Larry Page. And too many members were men now largely renowned for misconduct, professional or personal: Marc D Hauser, Jonah Lehrer, Lawrence Krauss, and Marvin Minsky.

Grundlage der Third Culture ist neben der Frauenverachtung ein überheblicher Antiintellektualismus – konkret bezogen auf sozial- und geisteswissenschaftliches Denken, der der Verdummung der allgemeinen Debatte Vorschub leistete und rückblickend viel zur Vorbereitung des heutigen Rechtsruck beigetragen hat.

With its contempt for the humanities, Edge offered intellectually insecure reactionaries a pass. Without even opening a book, they could dismiss all of feminism, postcolonial theory and queer studies. They could continue to ignore giants like Edward Said, Judith Butler, and David Graeber, and devote their brains instead to the race science and rape apologetics that now pass for scholarship on edgelord podcasts.

Die Treffen, auf denen Heffernan nie eingeladen war, waren die „Billionairs-Dinner“, die Epstein organisierte, nicht nur um Wissenschaft mit Geld zu vermengen, sondern auch Milliardäre wie ihn mit praktischen Erlaubnisstrukturen auszustatten.

Billionaires really like thinkers who see their exploitation of the weak as a good and natural thing. Epstein funnelled as much as $20m a year to academic men who shared his ideology. In exchange, Epstein himself, who could barely read and write, was empowered to hold forth in formal sessions at Harvard, condemning feeding and caring for the poor as if he were making a scholarly argument.

Hier was Epstein gemacht hat: er leveragete seine Connections zu den „neuen Intellektuellen“, um Tech-Leuten das Gefühl von intellektueller Brillianz zu vermitteln und er leveragte seine Kontakte zu Milliardären, um die Intellektuellen mit Pfadgelegenheiten zu Geld und Einfluss zu locken und er leveragte diese Zusammenkünfte von beiden Gruppen, um seine Eugentiktheorien zu verbreiten. Der dort gemeinsam eingeübte „objektive“ Blick von oben wirkte sogar bei „Linken“.

In this atmosphere of warm brotherhood, how could they not have felt chosen to rule over the rest of us? One Edge member and Epstein consort, the anarchist Noam Chomsky, described this ethos: “The cool observers – meaning us smart guys – it’s our task to impose necessary illusions and emotionally potent oversimplifications to keep these poor simpletons on course.”

[EDIT: Das im Text verlinkte Youtube-Video enthält nicht das Chomsky-Zitat, aber es findet sich in einem Kapitel eines Chomskybuchs zum selben Thema wie das Video, in dem es selbst als Zitat auftaucht. Danke Matthias für den Hinweis.]

Eine meiner Thesen ist, dass, wenn Epstein und seine Freunde weniger erfolgreich gewesen wären, Eugenetik und Rassendenken wieder salonfähig zu machen, der Skandal darum viel größer wäre.

With the Epstein files, we’re confronted with exactly what all the Edge men – from Pinker to Dawkins to Musk to Gates – did with the intellectual territory they seized. With their Ivy League posts, their billions, and their blue-ribbon DNA, the would-be intellectuals in Epstein’s circle converged on nothing less than the ideology of Mein Kampf. The Edge dinners have ceased and the site is now dormant, but generations of young men trained at Harvard, LSE and Oxford absorbed the lesson — and generations of young women learned that their place in intellectual history is sidelined, exploited, or prone.


André Vatter auf LinkedIn über das allgemeine Crowdsourcing der Epstein-Files.

Wahrscheinlich durchforsten in diesem Moment nicht nur Hunderttausende die Archive, sondern es beteiligt sich auch eine große Zahl privater Entwickler (und „Vibe Coder“) an dem Projekt, indem sie ein ausuferndes Ökosystem von Apps und Infrastrukturen schaffen, welche den Umgang mit dem massiven Datensatz erleichtern sollen. […]

Zugleich hat das Ganze etwas Rauschhaftes. Aus der gesichtslosen Crowd steigen gesichtslose Kuratoren hervor – mit erheblichem Einfluss, denn im Machtkampf um die Deutungshoheit könnten sie zu neuen Gatekeepern werden. Denn wer die Tools baut, definiert auch, was sichtbar wird. Gleichzeitig bilden genau diese Anwendungen einen idealen Nährboden für falsche Verdächtigungen, Doxxing und Selbstjustizfantasien.

Wir sind in einer weirden Situation. Die Strafverfolgungsbehörden saßen teils Jahrzehnte auf dem Material, ohne dass es nennenswerte Ermittlungserfolge gab und die Trumpregierung stellt sich auf den Standpunkt: Case closed.

Zu was für Menschen würde es uns machen, wenn dieser Fall ungesühnt bliebe? Wenn wir das so stehen lassen? Wenn wir die Verantwortlichen und Täter weiter die Geschicke unserer Zukunft entscheiden ließen, als wäre nichts gewesen?

Wie sieht die Gesellschaft aus, die sowas normalisiert?


In den Kommentaren verlinkt Vatter einige Beispiele für Epstein-Durchforstungs-Infrastruktur. Das bereits besprochene JMail, den Epstein File Explorer und den Epstein Visualizer.


Einen weiteren guten Überblick über die Files gibt auch Patrick Bolye.

Unter anderem mit dem Fakt, dass Howard Luthnik, aktueller Handelsminister, nicht nur Epsteins direkter Nachbar war, sondern ihm auch das Haus – ein großes Manhattan-TownHouse – für … $10 abgekauft hat.

In einem Follow-Up-Video von Boyle erfahren wir, dass Epstein selbst das Haus seinem frühen „Förderer“ Les Wexner für einen Spottpreis abkaufte, das er zuvor selbst mit dem von im verwalteten Wexnergeld kaufte.


Ezra Klein hat mit Anand Giridharadas über die Epstein-Files gesprochen und es ist tatsächlich ganz hörenswert.

Auch wenn die beiden Establishment-Dudes natürlich ständig betonen müssen: „NOT ALL ELITES!!“, schaffen auch sie dem Gedanken Raum zu geben, dass Epstein die Infrastruktur der Machtelite war. Anand Giridharadas hat dann diesen bemerkenswerten Take:

I think we live in an age of — and there have been a lot of books about this — network power. That the way in which power works now has more to do with networks and the dynamics of networks.

And that has many implications. That means your connections are more of a source of power. If you go back a couple hundred years, the land you owned was a really big source of power.

I wonder if part of what is happening is, in an age of network power, courage becomes harder. Because if you think back to that person whose power came from being rooted in the community — they had some land, they were somebody in the town, maybe they were the deacon in the church on the weekend. They had multiple kinds of clout. They had some money they gave to the local civic thing. They maybe had a bunch of different things that might make them courageous about some other thing, so that if someone started to take over their political party who was a fascist, they would have support from their church community or from the sports league they were associated with — these other things.

A lot of those things have vanished. And your power really consists of your position and your number of connections and the density and quality and lucrativeness of those connections in the network.

And if you go to a place like TED or the Aspen Institute, you see this working. No one cares about the land you have or your family name or these other things that have mattered for most of human history. It is really about: Do you know this person? Do you know this person?

Ich begrüße die Fortschritte im Erkennen, wie Macht funktioniert – es war auch selten sichtbarer als heute? –, aber die implizite Unterstellung, dass Macht vorher anders funktionierte, gehe ich nicht mit. Macht war immer schon relational, nur aktualisierte sie sich früher (netzwerktopologisch als auch geographisch) lokaler als heute.

Die Kontrolle materieller Infrastrukturen ist nie unwichtig geworden, aber im Pfad zur Macht ist sie heute oft „downstream“ vom „symbolischen Kapital“. Trump und Musk sind da nur die anschaulichsten Beispiele, die ihren eigenen „Marktwert“ und die sich daraus ergebenden Pfadgelegenheiten größtenteils über die Akkumulation von Aufmerksamkeit organisieren. (Das scheint mir allerdings kein nachhaltiges Schema zu sein?)

Epsteins soziales Kapital war weniger über die öffentliche Meinung, sondern deutlich mehr entlang von klassischen Machtzentren strukturiert, die ihre Werturteile weniger volatil fällen. Macht deckt Macht und wenn sich die anderen mächtigen Menschen in seiner Gegenwart nicht die Nase zuhalten, stinkt Epstein auch nicht. Ezra Klein zitiert den internen Streit um Epstein bei seiner Hausbank JPMorgan:

There’s this amazing quote from Justin Nelson, Epstein’s personal banker. I’m quoting Nelson from the Times piece: He prepares a memo trumpeting Epstein’s large volume of business with JPMorgan, and noting that despite his status as a sex offender, he was “still clearly well respected and trusted by some of the richest people in the world.”

Aber auch das ist nicht neu: Ja, deine materiellen Pfadgelegenheiten definieren deine sozialen Pfadgelegenheiten aber das galt immer auch umgekehrt, wie schon Pierre Bourdieu in den 1970ern gesehen hat: Moneträres und symbolisches Kapital sind füreinander leveragebar. Die neue Macht ist die alte Macht, nur Skalen und Topologien haben sich geändert.

Und deswegen war es schon immer schwer, mächtigen Menschen oder Systemen zu widersprechen und wer es trotzdem wagte, musste immer schon einen Preis dafür bezahlen. Aber ich schätze, für Leute, die noch nie die herrschende Macht herausgefordert haben, ist das Neuland?


In seinem Newsletter weist Jonas Schaible darauf hin, dass Widerstand kostet. Er beginnt mit Vater Kolbe, der Pastor, der in Auschwitz sein eigenes Leben dafür gab, dass eine Familie verschont wurde, kommt von dort zu den mutigen Protestierenden auf den Straßen von Minneapolis und folgert:

Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen zu ganz unterschiedlichen Zeiten vor andere Menschen gestellt haben, um sie zu schützen.

Die Geschichte ist voll von Momenten, in denen Gräuel nur so verhindert werden konnten. Sie ist voll von Wundervollem, das nur so geschaffen werden konnte.

Sie ist aber auch voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Oder andersherum: Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Natürlich ist Widerstand immer teuer. Natürlich tut es weh, aus Kreisen ausgeschlossen zu werden. Natürlich ist es viel verlangt den eigenen Zugang, die eigene Karriere, vielleicht die eigene wirtschaftliche Existenz oder gar die materielle Existenz aufs Spiel zu setzen, um Gewalt zu verhindern, um die Wahrheit zu sagen, eine andere Zukunft möglich zu machen oder einfach: um einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Freiheit/Verantwortung/Souveränität – all das basiert auf der Möglichkeit „Nein“ zu sagen – und die Kosten dafür zu tragen.

Jonas fährt fort mit dem kurzen Intermezzo zwischen Trump und der EU um Grönland und beobachtet seit dem Weltwirtschaftsforum die zurückkehrende Beruhigung bei den Europäern.

In Teilen des politischen Raums hat das für eine seltsame Beruhigung gesorgt. Man erlaubt sich die Rückkehr des trügerischen Gefühls, dass vielleicht alles so weitergehen kann wie bisher, oder jedenfalls weitgehend, ganz sicher ohne Konfrontation mit den USA.

Dafür gibt es etliche gute und mindestens ein paar weniger gute Gründe, vielfältige Abhängigkeiten, wechselseitige und einseitige. Und doch sollte man seit diesen Tagen alles andere als beruhigt sein.
– Denn das, was Spahn und Rutte sagen und viele andere denken, heißt ja nichts anderes als: Wir sind, wenn es hart auf hart kommt, absolut ausgeliefert.

Wenn es stimmen würde, würde es heißen: Europa ist ein Vasall der USA, völlig abhängig von dessen Gnade, von dessen Laune. Am Ende verpflichtet zu Gehorsam, halb freiwillig, ganz genötigt.

Ich versteh das schon. Noch nie war ein „Nein“ so teuer, wie jenes, das wir kollektiv und so laut wir möglich dem Pfad in den amerikanischen Tech-Faschismus entgegenschleudern müssten, um ihn nicht zu gehen.

Dieser Pfad ist so „folgerichtig“, wir baden bereits unsere Hände darin. Unsere Sicherheitsarchitektur, unsere Geheimdienste, unsere Software, unsere Cloud, unsere Kommunikation, unsere Wirtschaft, unsere Energie, unsere digitale Infrastruktur – all das gehört bereits Trump. Merz und seine CDU und SPD-Leute ahmen nicht nur Trump nach – auf eine relational materielle Art sind sie Trump – eine Art Wurmfortsatz von ihm.


Mehdi Hasan fasst im Guardian Marco Rubio’s Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammen.

In Munich, in Germany of all places, Rubio delivered an encomium to five centuries of the west’s “missionaries, its pilgrims, its soldiers, its explorers, pouring out from its shores to cross oceans, settle new continents, build vast empires extending out across the globe”. He lamented the “contracting” of the “great western empires” in the wake of the second world war. He decried the “godless communist revolutions” and “anti-colonial uprisings” which, for the record, helped free 750 million people across 80 former colonies since the founding of the United Nations in 1945.

And the response to his remarks? Europe’s elites gave him a standing ovation, as if he’d just announced a cure for cancer rather than the literal return of empire. And in doing so, they made themselves shamefully complicit in the Trump administration’s rewriting not just of US history, but European and world history too.

Standing Ovations für eine geschichtsklitternde, klimaleugnende, offen neoimperialistisch und unapologetisch neokolonialistische Rede – nur weil Rubio dabei ankündigt, dass wir auf der Aggressorseite stehen dürfen, wenn wir brav faschistisch werden.


Die Instagrammerin Somaya hat den besten Kommentar zur Rubio-Rede.

Wir sind auf einem sehr, sehr dunklen Pfad. Wir kennen diesen Pfad. Wir sind ihn schon mal bis zum bitteren Ende gegangen. Doch heute spielen wir dieses Spiel mit KI, Flugzeugträgern und Nukes.


Ich schrieb im vorletzten Newsletter unter anderem deswegen so euphorisch über die Carney Rede, weil ich in ihr eine konkrete Pfadalternative dazu formuliert sah. Aber inzwischen lies mich folgende Beobachtung von Jonas Schaible innehalten.

Carney sagt „Mittelmächte“ und alle sagen selbstsicher „Mittelmächte“

Der Begriff „Mittelmächte“ (Middle Powers) war mir erst gar nicht so aufgefallen und ich schätze, Carney wird den Begriff irgendwo her haben, aber seit seine Rede in allen Zeitungen der Welt rauf- und runterzitiert wird und sich auch Spitzenpolitiker*innen auf den Begriff beziehen, ist „Mittelmacht“ jetzt offensichtlich „a thing“.

Und „zack“ leben wir in einer anderen Welt, in einer neuen semantischen und damit aber auch politischen Dreiteilung der Welt.

Das passiert nicht zum ersten Mal?

Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich die Rede von der „Ersten-„, „Zweiten-“ und „dritten Welt“, in der sich der Westen zuerst setzte, den sozialistischen Block aufs Zweite-Siegertreppchen und alle anderen zur „dritten Welt“ erklärte und damit sowas wie „Holzklasse“ meinte.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs setzte sich die Dreiteilung „Entwicklungs-„. „Schwellen-„, Industrie-Land durch, die so ziemlich dieselbe Hierarchie und universelle Entwicklungs-Richtung markiert und viele geographischen Überschneidungen mit der alten Ordnung aufweist, aber auf den Bezugsrahmen der „Wirtschaftsleistung“ setzt.

Carneys Mittelmächte implizieren die Existenz von „Klein-“ und „Großmächten“ und setzen damit einen neuen Bezugsrahmen: geopolitische Handlungsfähigkeit.

Jede einzelne dieser Einteilung ist nicht nur west-zentristisch und arbiträr, sondern jeweils auf ihre eigene Art und Weise arrogant und kolonialistisch/imperialistisch.

Semantik ist – wie andere Infrastruktur auch – immer „Handlungszeug“. Wir teilen uns die Welt gerne so ein, wie es uns im Moment „praktisch“ erscheint.

Carney fand den Begriff „Mittelmächte“ praktisch, um die Perspektive Canadas auf die Weltlage zu erklären, aber auch, um es als Solidaritätsangebot an andere „Mittelmächte“ (vornehmlich die Europäer) zu richten, die sich durch diese Perspektive ebenfalls angesprochen fühlen. Ein Bündnis der Mittelmächte gegen die Großmächte, denen man sonst ausgeliefert ist, klingt erstmal vernünftig.

Ob sich eine Semantik durchsetzt, liegt nicht nur an ihrer Reichweite, sondern vor allem welchen Nutzen andere Akteure darin sehen. Die USA und China werden sich ihren Großmacht-Status sicher gern ans Revers hängen. Russland, Indien und „die EU“ sind vermutlich Mittelmächte aber könnten durchaus Großmachtambitionen aus dem Framework ableiten. Russland Israel beweisen regelmäßig eine zumindest an ihrer ökonomischen Relevanz gemessene überproportional große geopolitische Agency – und das liegt nicht nur an Atomwaffen.

Das Framework würde also geopolitische Machtprojektion mit Statusgewinn belohnen, denn when a measure becomes a target, it ceases to be a good measure. Und niemand – absolut niemand – will in dieser Welt eine „Kleinmacht“ sein.

Was der Begriff „Mittelmacht“ aber auch sofort evoziert, ist ein Gefühl der Bedrängnis. Man ist mehr Beute, als Raubtier und findet sich irgendwo im Mittelteil der „Nahrungskette“.

Deswegen hat Carneys Solidaritätsangebot („Wir Mittelmächte müssen jetzt zusammenhalten“) auch etwas bedrohliches. Klar, wenn sich die Halbstarken zusammentun, haben sie bessere Chancen gegen den Starken, aber sie sind gleichzeitig eine größere Bedrohung für die Kleinen?

Carney formuliert geschickter als Rubio, aber der implizite Ausschluss der „Kleinen“ in seiner Geste lässt auch seinen imperialistischen Blick auf die Welt hervortreten.

Carney spielt ein doppeltes Spiel, wenn er das Schild des „Imperialismus“ aus dem Fenster nimmt. Er nimmt nur das Schild diesen – amerikanischen Imperialismus – aus dem Fenster, nicht das des Imperialismus ansich.

Das bedeutet nicht, dass wir Carneys Angebot ausschlagen sollten, aber wenn wir die Welt je wieder stabilisieren wollen, brauchen wir einen anderen Blick auf die Welt.


Letztes Wochenende lief am hamburger Thalia Theater der „Prozess gegen Deutschland“ und dort hat neben allerlei anderer Normalisierung von rechtsradikalen Akteuren und Diskursen vor allem Harald Martenstein einen „Splash“ mit seiner AfD-Verteidigungsrede hingelegt (kein Link), die danach ziemlich viral ging. Seine Rede kurz zusammengefasst: Schon Strauß war korrupter Rassist, also ist Rassismus als Ideologie doch schon irgendwie OK?

Weil diese Rede nicht unwidersprochen bleiben darf, hat sich LowerClassjane bereit erklärt, die Gegenrede zu schreiben und ich hoffe einfach, dass sie drei mal so viel geteilt wird, wie Martensteins schwerelose Hirnfürze.

Du inszenierst dich als Dissident, als mutigen Liberalen gegen vermeintliche Denkverbote. Tatsächlich riskierst du nichts. Deine Position bleibt abgesichert. Dein Status unangetastet. Du spielst mit Begriffen, während andere mit den Konsequenzen leben müssen.

Du theoretisierst über völkischen Nationalismus, während rechte Gewalt steigt. Während Menschen angegriffen, gejagt, ermordet werden – weil sie die falschen Namen tragen, die falsche Hautfarbe haben, nicht in das Bild passen, das du so beiläufig normalisierst.

Für dich ist das Theorie.
Für andere ist es Realität.

Die weiße bürgerliche „Mitte“ organisiert fleißig narrative Pfadgelegenheiten, um keine Verantwortung für den aufkommenden Faschismus übernehmen zu müssen.

Dass deine Rede gefeiert wird, sagt mehr über ihre Funktion als über ihren Mut. Sie beruhigt. Sie verwandelt Alarm in Übertreibung. Sie macht aus autoritären Projekten diskutable Geschmacksfragen.

Was auf dem Spiel steht, ist nicht, ob man konservativ sein darf.
Was auf dem Spiel steht, ist, ob Zugehörigkeit zur Verhandlungsmasse wird.

Wenn deine Rede tausendfach geteilt wird, dann nicht, weil sie mutig ist. Sondern weil sie Rechtsradikalismus als etwas Vertrautes tarnt.

Was vertraut wird, wird nicht mehr gefürchtet.
Was nicht mehr gefürchtet wird, wird irgendwann akzeptiert.

Und irgendwann umgesetzt.

Normalisierung ist die ein Pfad, der zur Infrastruktur wird. Erst wird er sagbar, dann wird er baubar, dann wird er hungrig. Und dann ist es zu spät.

Krasse Links No 77

Willkommen zu Krasse Links No 77. Ich müsste meinem Gehirn gerade echt etwas Ruhepause gönnen, aber die Nachrichtenlage lässt das nicht zu. Deswegen eine Sondersendung zu Epstein.

Vorsicht. Du solltest dir vorher überlegen, den Newsletter zu lesen, denn es wird auch um sexuelle Gewalt gehen und es wird generell emotional fordernd, für manche vielleicht triggernd und ganz allgemein … unangenehm.

Aber jetzt beleiht Eure Verschwörungstheorien, heute tracken wir das Patriarchat an 4chan, um mit Bannon auf dem Epstein die Omelas der antisemitschen Rackets zu heben.


Das DOJ hat letzten Freitag etwa die Hälfte der Epstein-Files veröffentlicht und seitdem wühl ich mich wie Millionen andere durch die Files und versuche seitdem wieder klarzukommen.

Ich verfolge den Fall seit den späten 2010er Jahre, hab ein, zwei Dokus gesehen und einen Podcast gehört und es war damals schon klar, dass die Ausmaße des ganzen sehr viel größer sind, als bekannt war. Insbesondere die Aussagen der Opfer machten klar, dass es sich hier um eine größere Operation handelt, in die viele mächtige Menschen involviert sind. Ich war also auf einiges gefasst, aber dennoch sprengte es alles, was ich mir vorstellen konnte. Und zwar in jeder Hinsicht. Es ist gleichzeitig alles größer, brutaler, tiefer und relevanter als ich es mir vorstellen konnte.

Da es die erste Hälfte der Files ist, dürfte die zweite Hälfte die krassere Hälfte sein. Einige Files wurden vom DOJ nachträglich wieder zurückgezogen und natürlich sind die Files immer noch heftig geschwärzt, allerdings manchmal auch an den falschen Stellen nicht, so dass einige Opferidentitäten und Datails enthüllt wurden, während die meisten Eingriffe sehr eindeutig vor allem Täter schützen.

Es fehlt also noch so vieles und doch reicht es. Es ist genug, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Es ist genug, sich eine Vorstellung davon zu machen, was vor Ort passierte, welche Kreise grob involviert sind und wie das ganze funktionierte. Und es reicht, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr wir manipuliert wurden und immer noch werden.

Die Erkenntnis ist: Beträchtliche Teile des einundzwanzigsten Jahrhunderts und wahrscheinlich auch des Ende des 20. Jahrhunderts müssen neu geschrieben werden. Epstein hat die Realität selbst zerbrochen.

Für Leute, die selbst durch die Files gehen wollen, eine Warnung. Da ist unglaublich viel Verstörendes dabei, unvorstellbare Bilder (selbst mit den geschwärzten Stellen), auf die ich hier nicht zeigen oder auch nur näher drauf eingehen will, vieles ist inzwischen wieder gelöscht, wie zum Beispiel die Dokumente mit den vom FBI gesammelten Anschuldigungen gegen Trump, die allein schon ob ihrer Vielzahl, ihres Detailreichtums und wechselseitiger Kohärenz so glaubwürdig wie schrecklich erscheinen. Aber hier gibt es gesicherte Screenshots.

Zu diesem Zeitpunkt finden sich 4.744 Erwähnungen von „Trump“ in den Files. Das Wort „torture“ taucht 521 auf, „Gynecologist“ 108 mal. Das FBI hatte bereits eine Liste mit prominenten Beschuldigten im Epstein-Fall zusammengestellt, ganz oben Donald Trump und dann die üblichen, Bill Clinton, Prince Andrew, aber Naomi Campbell und Kevin Spacy. Aber die eigentliche Liste ist viel, viel länger.

Das ist das hirnexplodierende: Epstein ist überall, kannte jeden, auch nach seiner ersten Verurteilung als Trafficer von Minderjährigen. Mehrere US-Präsidenten (mindesten Trump und Bill Clinton), prominente Demokraten wie Republikaner und die halbe globale Monarchie-Szene ist verstörend tief verstrickt, der britische (ehemals) Prince Andrew, Norwegens Mette-Marit, Schwedens Princess Sofia, Saudis Mohammed bin Salman, die halbe Milliardärskaste: Bill Gates, Richard Branson, Andrew Farkasm, Ian Osborne und natürlich etlichen Broligarchs. Staranwalt Ken Starr, Amerikas bekanntester Ökonom, ehemaliger Harvard Präsident und ehemaliger Finanzminsiter Larry Summers, aber auch der Trump Biograph Michael Wolff sind eng mit ihm.

Epstein hängt außerdem ständig mit Woody Allen ab, ehemaligen europäischen Staatschefs, allerlei Stars und andere Prominente. Es gab einen Talenttransfers zwischen Microsoft und Apple mit direktem Kontakt zu Tim Cook. Er ist mit Peter Thiel seit mindestens 2014 eng befreundet, mit Bannon seit 2017, er traf Moot und findet Bezos „is a very nic= person“, der heutige US-Finanzminister Howard Lutnick besucht ihn bereits 2011 auf der Insel, hat sogar Deals mit ihm, mit Robert F. Kennedy Jr. ist er natürlich auch eng, sogar Trumps neuer Pick für den FED-Chef, Kevin Warsh, taucht in den Files auf. Hier ein ausführlicher Wired Artikel über die Files zu Read Hoffmann, Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg. Der Regisseur der gerade verlachten Melania-Doku ist sogar mit inkriminierenden Fotos vertreten. Die Wikipedia führt eine Liste.

Man kann auch lesen, wie Musk Epstein immer wieder wie ein notgeiler Teenager anbettelt, ihn auf seine Sexparties auf der Insel und oder in New York einzuladen. Als ich in Krasse Links No 74 über den KI Forscher Joscha Bach schrieb, wusste ich noch nicht, dass er einen Trip nach Vergewaltigungs-Island gebucht hatte. Das und anderes hat der Spiegel gefunden, der Bachs tiefreichende Verbindungen zu Epstein zusammengefasst offengelegt. Und hier eine länger werdende Liste mit anderen Wissenschaftler*innen, die auf Epsteins Gehaltsliste standen. Das Magazin Nature hat einen längeren Bericht dazu, wie Tief Epsteins Einfluss in der Wissenschaft ging.

In diesem Emailthread versucht Epstein Noam Chomsky mehrfach zu überreden, ihn zu besuchen und lockt mit „interessanten Gesprächspartnern“, erst mit Thorbjorn Jagland, dem ehemaligen norwegischer Ministerpräsident und Juryteilnehmer des Friedensnobelpreiskommittees, dann zu einer exklusiven UN-Party bei sich nach Haus und dann, als er grad wieder mit Ehud Barak, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten rumhängt, ebenfalls ein Epstein-Regular.

Wir wissen bereits, dass Epstein seine Hände auch schon sehr früh in „KI“ hatte (seit 2002), dasselbe müssen wir jetzt auch für Bitcoin feststellen, und zwar zu entscheidenden Zeiten. Auch in die weitere Cryptoszene war er gut vernetzt: hier erzählen die Jungs von Crypto Critics‘ Corner die Geschichte der Freundschaft zwischen Crypto Milliardär Brock Pierce und Epstein, die so weit ging, dass sie sich gegenseitig „Mädchen“ als Gastgeschenk mitbrachten.

Überall werden gerade unzählige Geschichten nochmal neu und anders erzählt und egal ob Politik, Tech, Medien, KI, Crypto oder Wissenschaft, am Ende verschmelzen sie zu einer einzigen Geschichte: Die Elite ist nackt.


Hier eine Politico-Zusammenfassung der Einschläge in Europa.

In Norway, one prominent diplomat has already been suspended and a police investigation has been opened into a former prime minister. In the U.K., the former ambassador to the U.S. has been fired; on Tuesday, he resigned from the House of Lords. Police are reviewing reports he shared market-sensitive information with Epstein.

Andrew Mountbatten-Windsor, formerly known as Prince Andrew, was stripped of his royal titles and residence. A charity founded by his ex-wife Sarah Ferguson, the former Duchess of York, will shut down indefinitely following the release of emails where she called Epstein a “legend” and “the brother I have always wished for.”

Nur in den USA ist gibt es keine Regung. Aber es brodelt gewaltig.


Eine der erschütternsten Dinge, die ich gelesen habe, ist das dreiteilige Tagebuch von einem Mädchen, das offenbar in Kooperation mit seinen Eltern von Jeffrey Epstein auf seiner „Zorro Ranch“ in New Mexico festgehalten wurde. Es ist in „Geheimschrift“ verfasst und man liest es immer zweizeilig nach links nach rechts und von oben nach unten, das FBI hat aber jeweils auch Übersetzungen angefertigt.

In einem der Tagebücher (Original) beschreibt das Mädchen seine Rolle als Gebärmaschine in einer art eugenetischen Breeding-Experiment:

I am nothing but your property and incubator! .
You only trust me when I am under your complete CONTI t
I will never trust another man EVER! […]

Superior gene pool ?!? Wh e? Why my hair color and eye color?
g me on some days like Im the enemy but o be, warm.
confusing.

makees no sense.

That feels very Nazi like thin’nk[ing] about these stupid insane theories he has I guess in his mind it makes sense.

Und in einem anderen, (Original) wie sie nach und nach den Glauben an die Menschheit verliert:

Whether its with Jeffrey, Mr. Leonsis, Mr. Case, Mr. Snyder, the Gregorys, Mr. Colgan or one being borrowed by a seemingly „good“ federal worker and even rented,

it is all horror.

And nothing is as it seems.

I am so confused by everything and people you expect to be good like even old senators like George Mitchell who you think would be good like a grandpa are bad.

Es gibt noch ein drittes Tagebuch: Original, Übersetzung.

In allen Tagebüchern werden eine menge Namen genannt, von mächtigen Männern, die alle frei herumlaufen.


Auch T-Online hat sich die Zorro Ranch, wo die Tagebücher herkommen, genauer angeschaut.

Die Ranch sollte für Epstein jedoch darüber hinaus einen weiteren Nutzen erfüllen. Lange eiferte er einer Vision nach: der „Optimierung der Menschheit“. Berichten unter anderem der „New York Times“ zufolge wollte er die Ranch in New Mexico zu seiner persönlichen „Baby-Farm“ umfunktionieren, auf der er reihenweise Frauen mit seiner DNA befruchten wollte.

Er folgte damit einer Ideologie, die als Transhumanismus bezeichnet wird und die Optimierung des Menschen durch Gentechnik und Künstliche Intelligenz propagiert. Kritiker bezeichnen diese Vorstellung häufig als moderne Form der Eugenik, der Erbgesundheitslehre der Nationalsozialisten. Elon Musk, dessen Name auch in den Epstein-Dokumenten auftaucht, verfolgt ähnliche Visionen. Er will sich seine ganz persönliche „Legion“ an Nachkommen zeugen.

Aber dass es ein Eugenetik-Labor ist, heißt nicht, dass mächtige Männer dort keinen Spaß haben dürfen.

Zu den bekannten Gästen auf der Zorro Ranch zählten der ehemalige Prinz Andrew, der frühere Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, sowie Woody Allen, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Kind die Ranch besucht haben soll. Eine der Überlebenden erinnert sich zudem daran, in die Residenz des damaligen Gouverneurs gebracht worden zu sein, beschuldigte Richardson jedoch nie der sexuellen Ausbeutung. Eine einstige Mitarbeitende behauptet, auch die Clintons einmal vor Ort gesehen zu haben. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Der ehemalige US-Präsident sowie seine Frau sollen am Ende des Monats vor einem Untersuchungsausschuss zum Fall Epstein aussagen.

Es sollen auch Leichen auf dem Grundstück begraben sein. Die Zeugenaussagen sind schwer zu ertragen.

Eine weitere Überlebende berichtet, dass auf der Ranch Dinge geschehen seien, die „so schrecklich“ gewesen seien, dass sie bis heute nicht darüber sprechen könne. Sie beschreibt ihre Erinnerungen als brüchig. Woran sie sich jedoch erinnere, sei eine Reihe von pseudo-gynäkologischen Untersuchungen, die Epstein an ihr vorgenommen habe. Zudem sei sie eines Morgens in einer Art Labor aufgewacht, umringt von Menschen in Schutzanzügen. An Epsteins private Insel könne sie sich noch lebhaft erinnern – was die Ranch angehe, habe sie jedoch unerklärlicherweise massive Erinnerungslücken.

Im Gegensatz zu allen anderen Epstein-Anwesen wurde die Zorro Ranch nie durchsucht (Wie das FBI hier hintern selbst vermerkt) und privat verkauft. In New Mexicos Parlament gibt es bereits eine politische Initiative für eine Aufarbeitung, die vielleicht in ein paar Jahren ein Ergebnis präsentieren?

Aber man könnte auch einfach mal hinfahren und und wenigstens gucken, ob da noch wer festgehalten wird? Also: jetzt?


So schlimm das alles ist: Es ist fast noch schlimmer, in Epsteins Emails zu wühlen, wozu sich JMail anbietet, eine Website, die quasi die Innenansicht von Epsteins Gmailkonto darstellt.

Man findet so vieles, aber es ist gar nicht diese eine Smoking Gun, die mich gebrochen hat. Beim Browsen entfalten sich die habituellen Strukturen, der „Vibe“. Die Leichtigkeit ihrer Verbindungen, die Beiläufigkeit ihrer Verbrechen, der Zynismus ihrer „Währungen“ und die Selbstverständlichkeit ihres Blicks auf die Welt.

Aber vor allem die an allen Ecken und Enden hervortretende Frauen- und generelle Menschenfeindlichkeit, die junge Frauen und Kinder als konsumierbare Wegwerfware behandelt. Es gibt dafür viele Beispiele, etwa diese Mail an Epstein:

My russian friend is on holidays in Paris now 🙂 she is fun and gorgeous! Ahh…perfect skin and incredible shape. However, be gentle with her and not a naughty one plz!!!

Oder diese:

Thank you for a fun night…
Your littlest girl was a little naughty.

Oder diese Email an Epstein:

Do you remember the name of the Gynocologist that you used to send your victims to?

Aber am besten illustriert es dieses Zitat einer beiläufigen aus Email von Epstein an irgendjemanden.

„where arc you? are you ok , I loved the torture video“


Rebecca Watson hat ein Video darüber, wie sie erneut in den Epstein-Akten auftaucht und dadurch nachträglich versteht, wie sich mächtige Männer der Skeptiker-Szene damals zusammen mit Epstein gegen sie verschworen.

Der bekannte Physiker Lawrenbce Krauss und der noch bekanntere Evolutionsbiologe Richard Dawkins tauschten sich mit Epstein über den Fall aus. Ich hatte die Debatte damals am Rand verfolgt, denn es war eine dieser frühen, pfadentscheidenden Kulturkriegs-Schlachten und endete, wie diese Schlachten damals immer endeten: Frauen und ihre Perspektive wurden rausgedrängt.

In einer Mail an seinen Anwalt bezüglich seiner Fälle wegen sexuellen Fehlverhaltens, bittet Krauss seinen Anwalt doch bitte mal mit seinem superschlauen Kumpel Epstein zu sprechen, der eigene Ideen für die Verteidigung hat und kündigt ihn wie folgt an.

Bottom line is that Jeffrey is not only friends with most of the famous people from finance, to business, to Hollywood, who have either been brought down during #metoo and he also speaks regularly with people ranging from the awful white house people, who he is friends with, to ken starr etc.


Als der Trumpbiograph Michael Wolff und Epstein-Buddy ihn fragt, ob er einem Kollegen bei seinem Metoo-Fall helfen kann, ist Epstein auch gleich dran. Der Gurardian hat sich sich genauer angesehen:

Wolff wanted Epstein to support Stephen Elliott, a writer looking to sue the creator of the Shitty Media Men List, a crowd-sourced Google Doc that detailed anonymous allegations of misconduct against dozens of men who worked in the media industry.

“I have always thought that the way back from this climate is through specific instances of individuals successfully challenging their persecution,” Wolff wrote to Epstein, according to emails released in a tranche from the so-called Epstein files. “If his story is solid he might be worth supporting.”

Initially, Epstein was unmoved. In a single-word, no-punctuation email, the convicted sexual offender replied: “tough.”

“Give it some further thought, if you would,” wrote Wolff, who had originally received Elliott’s pitch through Lorin Stein, the former editor of the prestigious Paris Review and another name on the Shitty Media Men List. “I think there is an opening here. What you need is an excuse – or opportunity – to make the public argument.”

Epstein relented: “ill help anyway i can. if you like.”

Metoo war nicht nur schlecht für Epstein, wie er Gegenüber seim Freund Joi Ito, dem Gründer und Leiter vom MIT Media Lab, zugibt:

with all these guys getting busted for harassment , i have moved slightly up on the repuation ladder and have been asked everday for advice etc


Elizabeth Lopatto hat in the Verge die Files zusammengesammelt und eingeordnet, die Epstein als Kulturkrieger aus dem Hintergrund zeigen. Instrumental dafür war John Brockman und seine von Epstein finanzierte Edge-Foundation, dessen Netzwerk wir bereits in Krasse Links No 74 beleuchteten. Lopatto schreibt:

The boys’ club at the Edge Foundation created a jumping-off point for social contacts for Epstein. Their “Billionaires Dinner” in 2011, which Epstein attended, featured a number of familiar names that appear in the Epstein files: Musk, Sergey Brin, David Brooks, Marissa Mayer, Jeff Bezos, and Nathan Myhrvold (who would later introduce Epstein to Bill Gates). The “Billionaires Dinner” stopped after Epstein made his final donation to Edge.

Brockman also set up a dinner in 2012 with a very exclusive invite list, which included Bezos, Paul Allen, Brin, Anne Wojcicki, Larry Page, Evan Williams, and Myhrvold. “Please show up alone,” Brockman said to Epstein. MIT Media Lab’s Joichi Ito also seems to be willing to broker meetings between Epstein and Bezos or “Bill.” It’s not clear which Bill is referred to here, but Bill Gates was surely close with Epstein, close enough that the tranche of documents shows extensive contact between the two men.

Auch Lopatto schreibt über Lawrence Krauss.

The most extensive emailed advice seems to be to physicist Lawrence Krauss. When Krauss was contacted by journalist Peter Aldhous for comment on a BuzzFeed story about sexual harassment allegations, he forwarded the email to Epstein and repeatedly asked him for advice about how to handle Aldhous. (Krauss strenuously denies the allegations against him, and says he “sought out advice from essentially everyone I knew”.) Krauss sent drafts of his proposed emails about the story to Epstein as well. “Impossible to publish anything about metoo, even if the =uthor was acquitted,” Krauss wrote to Epstein. That was of particular interest to him, because Krauss was planning to write his own #MeToo book, he wrote in another email to Epstein. Later, he wrote to Epstein that a woman on a conciliation committee is “old.. not some young metoo bitch.” This is good news, Krauss notes.

Und folgert:

It’s hard not to read these files and come to the conclusion that Epstein helped engineer the ultimate elite impunity — in which our society has been totally destroyed so the richest and most powerful men in the world can do whatever they want.

Wenn man sich in Epstein und seine Kreise hineinversetzt, versteht man, welche Bedrohung eine Clinton-Präsidentschaft (nachdem Obama ihn bereits verschmäht hat) und später Metoo für sie bedeutete.

Epsteins Ablehnung gegenüber Frauen ist nicht nur habituell, sie ist materiell. Frauen an der Macht, oder auf Augenhöhe, oder überhaupt die Idee, Frauen als Menschen zu behandeln, bedrohen ganz direkt sein Businessmodell? Wenn man in Epsteins Emails nach Metoo sucht, kann man nachlesen, wie unangenehm das ist, wie er merkt, dass seine Infrastruktur ein „strandet Asset“ wird, wenn sich Feminismus in seinen Kreisen durchsetzt.

Und dann ist es wie überall: Misogynie ist das Gateway, Faschismus ist der Pfad. Schon 2015 wollte Epstein alles brennen sehen, nach dem Brexit schreibt er an seinen Kumpel Peter Thiel: „brexit, just the beginning“ und erläutert auf Nachfrage:

return to tribalism . counter to globalization= amazing new alliances. you and I both agree= zero interest rates were too high, and as i said in your office. =AO finding things on their way to collapse , was much easier than finding =he next bargain

Sein anderer Kumpel Steve Bannon berichtet ihm dann ab 2018 dann immer wieder über seine Fortschritte bei der Vernetzung der rechten Parteien in Europa.

Hier die These:

Ein wesentlicher Kern des Rechtsrucks den wir die letzten Jahre erlebt haben, wurde von einer Gruppe lose vernetzter Milliardäre und „Shitty Men in Media“ „engineered“, die sich als loses Netzwerk von Kulturkriegern zusammenfanden, weil sie Angst vorm Feminismus hatten.

Aber so peinlich, weinerlich und pennälerhaft, wie all das Zustandekommen wirkt: Ihre Pfadgelegenheiten von damals sind unsere diskursiven Infrastrukturen von heute.

Und so lernen wir, wie Verschwörungen wirklich funktionieren.

Mächtige Männer vernetzen sich entlang ihrer Interessen, nutzen einander als Pfadgelegenheiten, die dann zu unseren Infrastrukturen werden. Sie treffen sich dafür nicht in verrauchten Hinterzimmern und sie schmieden auch nicht den „großen Plan“, sondern „lauern“ vernetzt wie 4Chan-Shitposter auf ankommende Pfadgelegenheiten und suchen nach idealen Fulcren, um die Wirkung ihrer Hebel zu maximieren.

Eine Verschwörung ist, wie jede andere menschliche Handlung auch, eine iterative Pfadoperation.


Und jetzt können wir so tun, als würden sich „die Guten“ jetzt als „die Bösen“ rausstellen, aber wer dieser Interpretation folgt, hat nicht aufgepasst, sagt Pissed magitus.

Ihr müsst entschuldigen. Als westdeutscher, weißer, heterosexueller Gen-X-Dude bin ich rückblickend in einer zeitlich und räumlich unnatürlich stabilen und behüteten Blase aufgewachsen, die in mir eine Erwartungsstabilität herstellt hat, aus der der momentane Fall in die Realität wahrscheinlich tiefer als bei manch anderen ist?

Ich bin jedenfalls wirklich erschüttert, aber auch nicht erst seit den Epstein-Files, sondern eigentlich seit ich in Krasse Links das Ende des Westens dokumentiere, und das Feedback auf den Newsletter zeigt, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin.

Aber wenn, wie ich glaube, das System vor allem auf der Erwartungsstabilität gerade von Menschen wie mir basiert, werden wir bald noch viel mehr kollabieren sehen, als nur Erwartungen.


Die Times hat einen Artikel über Epsteins Israel-Connetions und natürlich war er ein israelischer Spion. Auch das FBI glaubte, dass Epstein ein coopted Mossad-Spy war. Die Times schreibt:

The files include claims from a confidential informant to the FBI that, far from disliking Israel, Epstein was in fact employed by its spy agency, Mossad. An FBI report from the Los Angeles field office written in October 2020 said the bureau’s source had become “convinced that Epstein was a co-opted Mossad agent”.

It said the Wall Street financier had been “trained as a spy” for Mossad, alleging that Epstein had ties to US and allied intelligence operations through his longtime personal lawyer Alan Dershowitz, a Harvard law professor whose orbit included “many students from wealthy families”. It said Jared Kushner, President Trump’s son-in-law and his brother, Josh, a financier, were “both his students”.

Die Hinweise auf Epsteins Israels-Connections brauchen bald eine eigene Wikipedieseite. Hier ein paar.

  • Seinen frühen Kontakt zu Anan Khashoggi dem zwielichtigen Waffenhändler der in der Iran Kontra-Affaire verstrickt ist.

    In 1989, Ben-Menashe spent a year in prison for allegedly selling three Israeli military planes to the Khomeini regime (he was later acquitted). In the same years, Epstein had been hired by the ultra-rich businessman Adnan Khashoggi from the Kingdom of Saudi Arabia – coincidentally, the place of residence in Epstein’s fake passport. And it is precisely Adnan Khashoggi who ended up in the sights of the federal Iran-Contra federal investigators as a middleman in the sale of U.S. weapons to Iran through Israel.

  • Die zentrale Rolle von Leslie Wexner in seinem frühen Aufstieg, ein pro-zionistischer Philantrop mit eigener Israel-Naher Stiftung.
  • Der weirde Zufall, dass er sein Sexbussiness zusammen mit der steinreichen Tochter von Robert Maxwell gründete, der britische Medienmogul, der eine zentrale Rolle in der Gründung Israels spielte auch später für den Mossad arbeitete.
  • Oder dass der Name Alan Dershowitz praktisch überall auftaucht, nicht nur in Epsteins engeren Kreis, sondern auch vor allem im Zusammenhang mit seiner Verurteilung, und der ebenfalls offen für Israel arbeitet.
  • Und klar, seine definitiv als „eng“ zu beschreibende Beziehung zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Edmud Barak, mit dem er im ständigen Austausch stand und dem gegenüber er in 2018 witzelte:

    you should make clear that i dont work for mossad. 🙂

  • Hier ein fast einstündiges Telefonat zwischen Epstein und Edmud Brarak über Obama, Iran und alles mögliche.

Nussbacher, ein britischer Nachrichtendienst Kontakt, bringt in der Times etwas Nuance in die Debatte:

“Every intelligence agency has people who work for the agency, who are on salary, who have their pension paid for by the agency, we call them officers,” she said. “Then there are people whose officers influence them to do work for their agency; sometimes paid, sometimes manipulated, sometimes blackmailed — they’re called agents.

“And then there are people who are assets. They are just useful. Is it possible that Epstein was an asset to the Mossad? Yes. Do I think he was an agent of any intelligence agency, I think it was unlikely. Was he an officer? No.”

Ok, also Epstein war mindestens ein israelisches Asset.

Aber auch ein russisches, wie es aussieht?

Ein amerikanisches Asset sowieso? Als Alan Acosta, der damalige Staatsanwalt und spätere Arbeitsmisister in Trumps erster Adminsistration rechtfertigte sich rückblickend für Epsteins Sweetheart-Deal, den er eingetütet habe, mit den Worten: I Was Told Epstein ‘Belonged to Intelligence’ And to Leave It Alone. Und kann sich jemand vorstellen, dass die CIA das in den USA stattfinden lässt nichts wusste?

Außerdem hatte Epstein noch Geheimdienstkontakte zu ehemaligen britischen Spionen.

Ich denke die Wahrheit ist komplizierter. Epstein war öffentliche Infrastruktur. Nicht nur für Milliardäre, für Spitzenpolitiker, für Top-Wissenschaftler sonder auch für Geheimdienste. Das musste er sein, denn nur so war er für alle Beteiligten am nützlichsten.


In der taz navigiert Matthias Kalle gekonnt waghalsige semantische Manöver, um über die Enthüllung des Systems Epstein sprechen zu können.

Die Elite der Gegenwart funktioniert fundamental anders. Sie ist keine Kaste, kein Stand, kein Zirkel. Sie ist ein Netzwerk: ein Geflecht aus ökonomischem Kapital, politischem Einfluss, technologischer Infrastruktur und kulturellem Symbolkapital. Wer dazugehört, muss nicht reich oder adlig oder gewählt sein. Er muss nützlich, verknüpft und verfügbar sein. Denn was früher Herkunft war, ist heute Zugang. Was früher Kaste war, ist heute Code. Und was früher Loyalität war, ist heute Funktion. Diese Struktur lässt sich exemplarisch an zwei Fällen zeigen – einem brutalen und einem subtilen.

Ihr müsst euch die alltägliche Nutzerperspektive auf Epstein so vorstellen, dass ihr etwas interessantes in der Zeitung lest und da taucht ein Name auf, der wichtig ist, den ihr aber noch nicht kanntet, dann sind die Chancen hoch, dass der „Jeff“ seine Nummer hat oder zumindest jemanden kennt, der seine Nummer hat, vielleicht ein Treffen arrangieren kann.

Epstein war das Google und das LinkedIn der Elite, die Pfadabkürzung zu Mädchen, Macht, Ruhm, Ideen und wer mit ihm zu tun hatte, wurde Teil des größeren Games.

Egal ob im Finanzwesen, in der Politik, in der Wissenschaft – Epstein hat immer gezielt die jeweils lokalen Netzwerkzentralitäten geleveraged und immer nur die größten Hubs integriert und auf diese Weise seine soziale „Clout“ auf das menschlich mögliche getrieben.

Epsteins ganze Strategie dabei bestand also darin, seine soziale Eigenvector/Katzzentralität zu optimieren, also nicht nur viele Leute kennen, und nicht nur mächtige Leute kennen, sondern viele mächtige Leute kennen, die viele mächtige Leute kennen, usw, also in etwa, wie der Page-Rank-Algorithmus funktioniert, der Google groß gemacht hat.

Man kann die ganze Geschichte des 21. Jahrhunderts als die Entdeckung und gezielten kapitalistischen und politischen Urbarmachtung von Netzwerkeffekten erzählen (was ich im Plattformbuch von der Plattformseite versucht habe).

Kalle fährt fort:

An dieser Stelle – Sie ahnen es wahrscheinlich – muss man einmal kurz innehalten, sehr exakt werden und mögliche Einfallstore für antisemitische Verschwörungstheorien mit Schwung aus dem Weg räumen. Denn die Bilder von „Strippenziehern“, „Schattenmächten“ oder „globalistischen Kräften“, die im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von „Eliten“ auftauchen, führen hier nicht weiter, weil sie reale Machtkritik mit antisemitischer Projektion vermischen.

„Hollywood“ galt und gilt bis heute als „jüdisch“, ebenso „die Finanzwelt“ und „die Medien“. Das ist aber natürlich ein ideologischer Kurzschluss, der Strukturen ethnisiert und die Verantwortung personalisiert. Deshalb braucht es absolute Präzision: Es gibt wirtschaftliche, politische, kulturelle, technologische Eliten. Sie überschneiden sich, aber sie sind nicht homogen. Wer aber das vermischt, will keine Analyse, sondern Hetze.

Draußen im Internet tobt der antisemitische Mob. Sie nutzen die Epstein-Files, um ihre These der „Jüdischen Weltverschwörung“ zu verbreiten. Dass das Quatsch ist, zeigen die Files selbst, wenn man sich die Mühe macht, sie zu lesen.

Wenn Epstein etwas enthüllt, dann dass in der hinter dem Vorhang der liberalen Weltordnung das Patriarchats die Strippen zieht?

Und klar, diese Enthüllung ist nicht wahnsinnig neu, Feminist*innen sprechen seit mindestens einem Jahrhundert davon, aber selten konnte man diesen Zusammenhang so offen und nachvollziehbar – ohne jede Theorie – einfach in Originaldokumenten nachlesen?

Ich mein: die halbe Armee der „Free Speech“ Culture Warriors der letzten Jahrzehnte steht in den Epsteinfiles, teils beim direkten „Konspirieren“ gegen die Opfer ihrer sexuellen Missetaten oder gegen „unangenehme“ Feministinnen und ihre kritischen Fragen.

Aber gut, stellen wir die unangenehme Frage:

Warum – ausgerechnet – ein Jude?

Und jetzt könnte man diese Frage von vornherein als „antisemitisch“ ablehnen und das ist fair, aber sie wird ja dennoch gestellt werden? Und, ich bin ehrlich, auch ich stelle sie mir?

Aber den ersten Einwand, den man hier machen muss, ist der, das „System Epstein“ eben nicht „jüdisch“ war. Unter seinen Kooperationspartnern, im inneren Kreis seiner Kontakte und unter den beschuldigten Tätern und denen, die alles unterm Deckel gehalten hqben finden sich deutlich mehr weiße Christen, als Juden. Epstein war keine „jüdische“ Verschwörung, wenn überhaupt eine im weitesten Sinne „westliche“ Verschwörung.

Ein weiterer Einwand, den man machen muss, ist, dass der Epstein-Fall zwar eine unglaubliche weitreichende Verschwörung ist, aber eben nicht die einzige? Wie viele Verschwörungen da draußen gibt es noch? In wie vielen davon sind Nicht-Juden die Netzwerkzentralität? Allein Koch-Familie hat sich jahrzehntelang unzählige Male gegen uns alle verschworen, um ihre Fossilmilliarden auf Kosten unserer Zukunft zu verteidigen.

Nein, es sind nicht „die Juden“, es sind „die Eliten“. Ja, das darf man wieder sagen und wer euch was anderes einredet, hat entweder nicht hingeguckt, oder will euch gaslighten.

Aber gut, gehen wir noch weiter und nehmen an, dass es trotzdem „kein Zufall“ ist, dass es ein Jude war, der das alles organisierte.

Selbst dafür finden sich nicht antisemitsche Erklärungen?

Zum Einen könnte sich sich hier schlicht eine antisemitische Geste wiederholen, die wir schon aus dem Mittelalter kennen. Damals übernahmen Juden den Geldverleih, weil Zinsen zu nehmen unter Christen als moralisch verwerflich, als „dreckiges Geschäft“ galt. Das ist der Grund für den „Head Start“ jüdischer Banker, dessen pfadabhängige Weiterentwicklung heute noch gut im Bankensektor beobachtbar ist.

Ich will jetzt keineswegs „Zinsen nehmen“ und „Kinder vergewaltigen“ vergleichen, aber mir scheint plausibel, dass, wenn eine Runde westlicher Elite-Arschlöcher beieinander sitzen und sich fragen, wer „das dreckige Geschäft“ übernehmen soll, „der Jude“ nach wie vor nicht die unwahrscheinlichste Antwort ist?

Zum anderen kann ich mir auch gut vorstellen, wie man gegenüber Epstein diese Entscheidung begründet haben könnte:

Es ist das perfekte Cover. Der Verdacht wird gesellschaftlich „unaussprechbar“ und wer es dennoch versucht, stellt sich quasi von selbst jenseits des Diskurses.

Hier also meine schlimmste Verschwörungstheorie:

Die Eliten leverageten den Anti-Antisemitismus, um ihre echte Verschwörung im Raum des Unsagbaren zu verstecken.


Während die USA gerade wegen Epstein implodiert, gibt es eine merkwürdige Zurückhaltung in der Deutschen Debatte zu dem Thema? Die liegt nicht (nur) an dem vermienten semantischen Terrain, sondern auch daran, dass gewisse Chefredakteure und Herausgeber selbst inkriminiert sind und zwar aufgrund von John Brockman und seiner zusammen mit Epstein betriebenen „Edge Foundation“.

Boris Rosenkranz hatte bei Übermedien bereits 2019 offengelegt, wie die FAZ aber vor allem die Sueddeutsche auch aus Eigeninteresse bei dem Thema Zurückhaltung üben.


Thorsten Fuchshuber hatte bereits vor ein paar Jahren Max Horkheimers Racket-Theorie, die ja an der Beobachtung des Faschismus entwickelt wurde, als politisch Ökonomie gedeutet.

Denn nicht nur gab im Nationalsozialismus einen Zusammenbruch des Staates als souveräne Gesellschaft, sondern die Banden-Dynamiken, die im Faschismus den Staat als Beute einkassierten, sieht man strukturell in liberalen Gesellschaften immer schon am Machen.

Von den Debatten in den USA ließ er sich insofern leiten, als er das Racket als Agentur zur aggressiven Durchsetzung partikularer Interessen auf Kosten der ohnmächtigen Einzelnen ebenso wie der Allgemeinheit betrachtet. Doch galt ihm der Begriff Racket weniger im Sinne konkret benennbarer, ökonomisch orientierter Banden oder politischer Zusammenschlüsse in der beziehungsweise gegen die Gesellschaft, sondern als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Dieses resultierte ihm zufolge aus der zunehmenden Konzentration und Zentralisierung der kapitalistischen Produktionsweise, war also mit einem Prozess verbunden, den Karl Marx als steigende organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet hatte.

Wir wissen, dass es auch im Vorfeld des Nationalsozialismus enorme Vermögenskonzentration gegeben hatte, in der einzelne Rackets bereits sichtbar waren und wiederum andere dazu zwangen, sich ebenfalls in Rackets zu organisieren.

Durch die Konzentrations- und Zentralisationsprozesse des Kapitals werde diese Konkurrenz zwar nicht abgeschafft, es verändere sich jedoch die Struktur der Konkurrent*innen: Diese treten nicht mehr als unzählige Individuen auf, sondern schließen sich in Rackets zusammen. Und die haben es dank ihrer herausragenden gesellschaftlichen Stellung vermehrt gar nicht mehr nötig, die eigenen partikularen Interessen mit jenen anderer sowie mit denen der gesellschaftlichen Gesamtheit zu vermitteln. Daher, so Horkheimer, haben sie auch kein »Interesse am Funktionieren des allgemeinen Rechtssystems und an seiner unparteiischen Verwaltung« mehr: Die Rackets führen vielmehr den »Kampf gegen das Recht« wie gegen »alle Vermittlungen«, die im Liberalismus »ihr eigenes Leben gewannen«.

Ich würde inzwischen weitergehen und jeder „liberalen Ordnung“ offene, aber auch versteckte Racketstrukturen unterstellen und mit Horkheimer allgemein sagen:

„Die Grundform der Herrschaft ist das Racket.“

Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.

Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.

Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.

Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.

Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.

Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.

Aber das ist für „arme“ Rackets.

Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.

Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.

Nein, das ist keine „jüdische Weltverschwörung“.

Das sind wir. Das ist unser System. Das sind unsere gesellschaftlichen Strukturen. Unsere „Kultur“. Das ist der Keller unseres Omelas.


Ryan Broderick hat auf Garbage Day eine plausible Aufschlüsselung der Moot-Bannon-4Chan-Epstein-Connection.

One of the central internet mysteries of the last 15 years is why 4chan creator Christopher Poole reversed course in 2011 and brought back the site’s politics board, which is called /pol/, or “Politically Incorrect.” It would become the staging ground for Gamergate, the 2016 Trump campaign, and the far-right populism wave that swept the world in the back half of the 2010s.

A version of /pol/ was attempted two times before it finally stuck. First, as /n/, which was meant to be a section for news content. Which ultimately became the “transportation” board in 2008. And then again, in 2010, when Poole launched /new/, largely as a way to quarantine the overwhelming amount of support on the site for Ron Paul’s 2008 presidential campaign. Poole shutdown /new/ in January 2011, telling users at the time, “As for /new/, anybody who used it knows exactly why it was removed. When I re-added the board last year, I made a note that if it devolved into /stormfront/, I’d remove it.” (Stormfront is one of the oldest Neo-Nazi communities on the web.)
So it has never made much sense as to why Poole would ban /new/ for being a racist hell hole and then, barely a year later, launch /pol/, a board specifically designed to be a racist hell hole. But buried inside the newest batch of files related to the Epstein investigation is a possible hint as to what made Poole change his mind. He met with Epstein the day before /pol/ was created.

On October 20th, 2011, Boris Nikolic, a venture capitalist and former advisor to Bill Gates, sent Epstein the Wikipedia page for Christopher Poole, writing, “There is a cool guy (KID) that you should meet.” Four days later, Nikolic followed up, asking Epstein, “How did you like moot? He is very sensitive so be gentile.” (Poole’s username for years was moot or m00t.) “I liked [him a lot]. I drove him home, he is very bright,” Epstein replied. Nikolic went on to write that, “he will be a friend” and that he is “one of the greatest hackers.”

According to Epstein’s emails, that appears to be the only time Epstein successfully made contact with Poole. It seems like organizing a simple lunch meeting with Poole was a genuine nightmare for Epstein and his team. Nikolic said he planned to meet Poole again in early November. And according to a reminder Epstein set, it seems like he planned to meet Poole at the same time. There’s also a separate email thread from October 31st with an unidentified correspondent, where the redacted sender takes credit for introducing Nikolic and Poole, writing, “I introduced Boris to Chris Poole and got them talking, encouraged Boris to get to know him. Boris said the two of you really hit it off. ;-)” Epstein had subsequent meetings scheduled with Poole on November 23rd, January 27th, 2012, which Poole canceled last minute, and, again, in February. There are nearly a hundred emails going back and forth about how Poole kept flaking on them.
But Epstein didn’t forget about 4chan. We can’t say for sure if he was an active user, but, in 2017, he sent Karyna Shuliak, his girlfriend at the time, a 4chan link containing Five Nights At Freddy’s porn.

Meanwhile in March 2012, Bannon, following the death of conservative blogger Andrew Breitbart, was installed as the editor-in-chief of Breitbart News. In 2014, 4chan’s video game board, /v/, and /pol/ started lighting up about the Gamergate conspiracy theory. Milo Yiannopoulos, then a young tech writer for Breitbart, would transform Gamergate from fringe message board drama into the cornerstone of the global far-right movement by repackaging it in articles optimized for Facebook traffic.
Which was perfect timing, because Epstein was beginning to work his way into Silicon Valley.

Lasst es mich so formulieren: Das Narrativ, „anonyme Shitposter auf 4chan emergieren zufällig (halb-)richtige Verschwörungstheorie“ klingt für mich als QAnon-Erklärung nicht mehr plausibel? Dafür sind die Q-Drops zu nahe dran?


In Vanity Fair machen sie sogar die Pizza-Gate Akten wieder auf.

The references span years—from long before Pizzagate existed to long after it was broadly considered debunked.

“What time do you want to get pizza and grape soda tomorrow?” one associate asks Epstein in 2018.

A 2015 subject line reads: “Your Pizza Is YUMMY YUMMY!!”
“This is better than a Chinese cookie!… lets go for pizza and grape soda again. No one else can understand,” a redacted sender writes to Epstein in 2018.

Das deckt sich mit vielen meiner Funde. Beispiel:

Betreff: The Pizza Monster, Epsteins Reply: „she looks pregnant“.

Oder diese merkwürdige … Pizzabestellung? an Jeffrey Epstein.

I know Bobby LOVES =rturo’s pizza on Houston…they open at 4pm..l could send =ojo down to arrive 4pm at Arturo’s, pick up a large cheese and =ake to 301? Bobby says his day is busy but he might be back to =he apartment sometime between 4-6pm…he is at the Friar’s =tub for lunch 2-4 then meeting a friend at 6pm…

(He also likes Patsy’s Columbus and 72nd and Angelo’s =17 W. 57th)

Epstein antwortet nur „Ok“ und genehmigt damit eine … Pizzabestellung zu jemanden in sein Appartment nach Houston?

Das Wort „Pizza“ hat 845 Treffer in den Epstein-Files und Jmail findet 200 davon, sehr viele extrem … „weird“.

Der Artikel zitiert einen Redditor mit einer Verschwörungstheorie, die mir auch sofort in den Sinn kam.

“QAnon was an op to hide this shit in plain sight and make anyone who said anything about it sound like a lunatic. They masked it in a far-right ‘it’s only the dems’ cover,’” argued one Reddit user. “Gloating about projection people fell for. The pizza basement was Epstein island all along,” wrote another.

Also ich bemühe mich ja, zu widerstehen, aber dass Epstein, oder Bannon, vielleicht in Zusammenarbeit mit Maxwell hinter den ersten Q-Drops stand, ist einfach zu verlockend plausibel?

Schaffe eine populäre Verschwörungstheorie über das, was du machst, häng alles dem politischen Gegner an und promote deinen besten Kumpel als „Aufklärer der Verschwörung“ ins Weiße Haus.

Der Backlash gegen die Verschwörungstheorie bereitet das beste Cover für deine Operation und da du eh die hälfte der Elite im Sack hast, finden sich immer Hebel, alles unterm Deckel zu halten.

Ich halte es für möglich, dass Epstein hinter Pizzagate und später auch Qanon stand. Ich halte es aber fast für wahrscheinlicher, dass es Bannon war (er war der eigentliche digital Culture War erfahrene, seit er als Breitbart-Chefredakteur „Gamergate“ orchestrierte), vllt in Zusammenarbeit oder mit Wissen Epsteins. Oder Ghislane Maxwell bereits Pizzagate initiiert, wie viele Glauben oder vielleicht waren auch Roger Stone oder Paul Manafort involviert?

So oder so, meine Verschwörungsthese ist: es war ein Insider.

Und vielleicht war es zuerst auch nur Spaß, vielleicht eine Provokation, vielleicht war das zuerst alles gar nicht koordiniert und wahrscheinlich haben sie dann schnell die Kontrolle verloren, spätestens, als das Ding zu 8chan umgezogen ist.

Aber diejenigen, die das aufgleist haben, waren Insider: dafür sind Pizzagate und die Q-Drops zu nahe dran.


Seit dem letzten DOJ-Drop bin ich mir sicher, dass die Files alle ans Licht kommen werden und ich habe sogar Hoffnung, dass neue Ermittlungen aufgenommen werden und dass der Fall wirklich aufgearbeitet wird.

Der Grund ist einfach:

Das, was die Files so lange unter Verschluss gehalten hat – die Interessen vieler mächtiger Männer – wendet sich nun gegen die Verheimlichung.

Die gesamte amerikanische Elite ist jetzt mit Kacke bespritzt und weil den meisten, der in den Files Genannten wahrscheinlich keine Verbrechen getan haben, verschiebt sich die Balance Richtung Aufklärungsinteresse. Sie alle wissen, dass sie sich von dieser Shitshow nur „reinwaschen“ können (so richtig wird das natürlich nie gelingen), wenn alle Files released, am besten alle Verbrechen aufgeklärt und alle Täter benannt sind.

Derweil werden auch weiterhin überall um uns herum die Truth-Bombs hochgehen.

Weil sich Wissen pfadabhängig fortpflanzt, generieren die Milliarden Daten-Enden der Epstein Files (Daten, Namen, Orte, Emailadressen, Kontonummern, Telefonnummern, etc.) hochreaktive Pfadgelegenheiten zur Verknüpfung mit anderen Daten, aus denen dann neue „Leads“ in „kalten“ Geschichten hervortreten.

Epstein war ein riesiges vieldimensionales Puzzelteil in soo vielen Puzzeln und dieses Puzzelteil löst jetzt eine Kettenreaktion in unzähligen umliegenden Geschichten aus.

Krasse Links No 76

Willkommen zu Krasse Links No 76. Sorry, dass so lange nichts kam, aber erst war ich ausgebrannt, dann passierte alles auf einmal und dann musste ich erstmal meine Gedanken auf Mastodon neu sortieren. Aber jetzt arretiert Eure Souveränität, heute leveragen wir Henry Farrell als Pfadgelegenheit, um der Dollar-Hegemonie das Fulcrum aus dem Fenster zu klauen.


Durch das Weltereignis-DDos sind einige newsletterrelevante Entwicklungen undokumentiert geblieben, die ich, sorry, hier kurz nachreiche:

  • Purge-Koalition: Der Tiktok-Deal ist nun unter Dach und Fach und damit sind alle notwendigen „Infinity Stones“ im Purge-Handschuh. Und während wir warten, dass Trump „Schnipp“ macht und Larry Ellison (die Eigentümerstruktur ist komplizierter, aber allgemein jetzt sehr Trumpnah), Mark Zuckerberg und Elon Musk alle linken, pro-palästinensischen und antifaschistischen Accounts den Hahn zudrehen, wurden um Weihnachten die ersten Vorboten des Purges auch in Deutschland spürbar, als die Macherinnen von HateAid auf die Sanktionsliste gesetzt wurden und der Roten Hilfe und anderen antifaschistischen Organisationen die Konten gekündigt wurden.
  • Massensprechaktwaffen: Elon Musk hat Grok nun mit einer Image-Engine ausgestattet, die Menschen „ausziehen“ kann und mit der die User bereits Jagd auf etliche Frauen und Kinder machen. Inzwischen hat Musk „reagiert“ und das Feature nur noch für Pro-User freigeschaltet. Das ist folgerichtig: jetzt, wo auch für MAGA offensichtlich ist, dass ihre halbe Polit- und Wirtschafts-Elite in den Epstein-Files steht, aber niemand irgendwas deswegen tut, ist der Markt reif für „Epstein as Service“ als exklusives KI-Feature. Immerhin will die EU jetzt einschreiten?
  • Fossilimperium: Trump hat völkerrechtswidrig Venezuela überfallen, den Präsidenten Maduro entführt und behauptet, er würde das Land jetzt per Fernbedienung steuern, aber ich habe Zweifel. Allerdings nicht daran, dass es ihm um das Öl geht – er erzählt es jedem, der es nicht hören will. Auch wenn abzuwarten bleibt, was die Aktion überhaupt gebracht hat, steht fest: Trump konsolidiert die Weltordnung weiter in Richtung PetroStates vs. ElectroStates.
  • Trumpfaschismus: Die USA gleiten auch innenpolitisch immer tiefer in den Faschismus ab. Die Morde an Renee Good Und Alex Pretti sind nur die Spitze des Eisbergs. Seit der Trump-Präsidentschaft sind bereits mehr als 40 Menschen unter ICE Einwirkung zu Tode gekommen. Die meisten davon nicht weiß.
  • Genozid in Gaza: das „Board of Peace“ wurde gegründet, um der Ethnischen Säuberung den Anschein internationaler Legitimation zu verleihen, ohne dabei zu verheimlichen, dass es hier eigentlich um einen Realestate-Deal geht. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner stellte jüngst den „Masterplan„, zur Neu-Bebauung von Gaza vor, mit Hotels, 180 Wolkenkratzern und etlichen Golfplätzen. Gaza wird damit zum Symbol gewaltsamer Gentrifizierung auf globalem Level.
  • Derweil kündigt sich der nächste mögliche Genozid an: Kobanê wird von den Truppen des neuen syrischen Machthabers Ahmed al-Scharaa bedroht, der zusammen mit von der Türkei unterstützten Islamisten gegen die kurdische Autonomieregion vorrückt und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet – unter Billigung Trumps. Vor wenigen Jahren waren es vor allem die Kurden, die den USA und der westlichen Allianz halfen, ISIS aus Syrien und Irak zu vertreiben. Jetzt lassen die Amerikaner ihre ehemaligen Verbündeten von Islamisten abschlachten. Und die Bundesregierung schiebt dorthin wieder ab?

„Hours after an ICE agent killed the mother of three, Elon Musk’s chatbot was undressing her.“

Was für ein Satz. Was für eine Welt.


Garbage Day über weirde Shaddow Bans seit der Tiktok-Übernahme.

TikTok users are reporting that political posts are being complete throttled on the platform right now. There’s screenshot circulating on X of the producer Finneas’ account showing 0 view counts on his most recent videos. Which showed up for me, as well, when I checked it. But after a few refreshes, the page did start loading properly. […]

Normally, I would say that it would take a considerable amount of time to completely overhaul the algorithm for site like TikTok. But now that we’ve seen how fast X, formerly Twitter, changes due to the whims of its own mad king, Elon Musk, I wouldn’t say it’s totally impossible.

Gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der nervös ist.


Weihnachten war ich geDDosed von der Welt, im neuen Jahr von meinen eigenen Gedanken.

Ich nahm ich mir den Begriff „Leveragevor, der sich mir schon seit längerem aufdrängte, den ich mir aber nie wirklich traute, ernsthaft zu adaptieren und analytisch zu durchmessen, was ich dann in einem öffentlichen, etwas eskalierten Nachdenkt-Prozess auf Mastodon über knapp 10 Tage nachholte und was soll ich sagen: Der Hebel war das fehlende Puzzelteil des Relationalen Materialismus und der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Das Interessante am Hebel ist nicht der Hebel selbst, sondern das Fulcrum, also der sogenannte „Dreh und Angelpunkt“, gegen den ein Hebel hebt und als ich genauer hinschaute, entfaltete sich das Fulcrum in einer ähnlichen Tiefe und Komplexität, wie bereits die Pfadgelegenheit und wird dadurch gleichzeitig erstaunlich übertrag- und universell einsetzbar.

Ich schreibe gerade an einem längeren Explainer dazu, aber ganz grob runtergebrochen werden Hebel und Fulcrum zu Rollen: Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.

Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Da die Pfadgelegenheit bekannter Maßen ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, also mit weiteren Pfadgelegenheiten bebaut wird, quasi „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Das macht jede Pfadgelegenheit aber auch zu einer Weiche. Wenn die Pfadgelegenheit beschritten, also der Hebel umgelegt wurde, hat man den Pfad gewechselt und in einen neuen Pfad „investiert“, ob man will oder nicht. Das mag in vielen Situationen keine soo große Rolle spielen und Pfadkorrekturen sind in den meisten Fällen auch möglich, in anderen kann so eine Pfadentscheidung auch zum Verhängnis werden.

Deswegen gibt es zwei ganz besonders relevante Typen von Pfadgelegenheiten:

Onramps und Offramps. Onramps etablieren eine habituelle Hebelnutzung, Offramps beenden sie. Allerdings erwarten Offramps eine Pfadalternative als Argument.


Mark Carneys Davos-Rede ist aller Munde und auch ich konnte nicht anders, als einen kleinen Freudenschrei auszustoßen, wenn so offensichtliche Wahrheiten endlich einmal so klar formuliert von einem westlichen Staatschef ausgesprochen werden.

We knew the story of the international rules-based order was partially false that the strongest would exempt themselves when convenient, that trade rules were enforced asymmetrically. And we knew that international law applied with varying rigour depending on the identity of the accused or the victim.

This fiction was useful, and American hegemony, in particular, helped provide public goods, open sea lanes, a stable financial system, collective security and support for frameworks for resolving disputes.

Hegemonie ist nie gerecht, aber für viele nützlich (oft sogar für ihre Gegner*innen), denn sie schafft leveragebare Erwartungsstabilität. Die Erwartungsstabilität wird zur Infrastruktur, auf der sich die Akteure in der Welt verständigen, Konflikte lösen und Handel treiben, etc. Und so lange man auf der „guten Seite“ der USA stand, konnte man als „westliches Land“ und teil des ein oder anderen Bündnisses, diese Früchte genießen – auf Kosten derjenigen, die nicht zum engeren Kreis gehörten.

This bargain no longer works. Let me be direct. We are in the midst of a rupture, not a transition.

Over the past two decades, a series of crises in finance, health, energy and geopolitics have laid bare the risks of extreme global integration. But more recently, great powers have begun using economic integration as weapons, tariffs as leverage, financial infrastructure as coercion, supply chains as vulnerabilities to be exploited.

You cannot live within the lie of mutual benefit through integration, when integration becomes the source of your subordination.

The multilateral institutions on which the middle powers have relied – the WTO, the UN, the COP – the architecture, the very architecture of collective problem solving are under threat. And as a result, many countries are drawing the same conclusions that they must develop greater strategic autonomy, in energy, food, critical minerals, in finance and supply chains. […]

Hegemons cannot continually monetize their relationships.

Das Ende einer infrastrukturellen Hegemonie ist teuer für alle, aber wenn Donald Trump den in seinem Sinne gezinkten Pokertisch umwirft, weil er nicht mal mehr Lust hat, so zu tun, als hätte irgendwer anderes mitzureden, dann wird es Zeit, Offramps zu organisieren.


Hier sollte eigentlich auch etwas zu Friedrich Merz‘ Davos-Rede stehen, aber alles, was ich schrieb, war zu viel.


Henry Farrell hat zusammen mit Daniel Davies ein neues Paper draußen, dass sich der „weaponization“ der „Dollar-Zentralitätwidmet.

Ein paar Worte zu Farrell: Sein Paper zu „Weaponized Interdepdence“ (2019) zusammen mit Abraham L. Newman war ein wesentlicher Baustein für meine Analyse im Plattformbuch, wie Plattformen politische Macht ausüben und könnte nebenbei auch die intellektuelle Vorlage der Carney-Rede gewesen sein.

Jedenfalls analysieren Davies und Farrell in ihrem neuen Paper die Weaponization der Dollarhegemonie, indem sie sie als kybernetischen Feedbackmeachnismus also quasi als Netzwerkeffekte denken.

In cybernetic terms, collective judgements, incentives, and expectations form a regulatory subsystem. However, where positive feedback loops develop and spread, changes are amplified and existing orders will be often weakened and perhaps even collapse.

Und auch Farrell und Davis merken, dass das alles mit Netzwerkzentralität zu tun hat.

‘Dollar centrality’ is a political-economic concept that refers to the extreme attractiveness of the US dollar as a currency for transactions and investment. […]

The conveniences of dollar centrality for facilitating financial transactions are inseparable from the dollar payment system and its rules as set by the US government. International actors might prefer not to follow these rules, but it would be very painful to lose the enormous benefits of dollar centrality. Many international commercial payments take place in dollars, for ease and convenience. Even those that are not denominated in dollars often touch the dollar payment system, because the dollar is the ‘vehicle’ currency for foreign exchange – a trade of yen for pesos will usually exchange yen for dollars and then dollars for pesos to take advantage of the more liquid dollar markets.

Ich würde konkreter sagen: der Dollar nimmt eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein und das heißt in diesem Zusammenhang konkret, dass man die Pfadgelegenheit Dollar 1.) leichter als jedes andere Geld in alle möglichen anderen Pfadgelegenheiten verwandeln kann (transitive Liquidität) und man 2. Dollar braucht, um einen ganzen Strauß von Pfadgelegenheiten überhaupt nehmen zu können (pfadvoraussetzende Liquidität). Daraus ergibt sich ein erheblicher Lock-In, mit erheblichen Vorteilen für die USA. Alle wollen Dollar und handeln daher mit ihnen, denn das ist der beste Weg, an Dollar zu kommen. Und während alle anderen echte, materielle „Goods & Services“ nach drüben schiffen, müssen die Amerikaner nur das Spreadsheet der Federal Reserve mit Nullen auffüllen, um all das zu bezahlen, wie Cory Doctorow so schön zusammenfasst.

Zunächst wurde dieses Asset von den USA gehegt und gepflegt und es wurde acht darauf gegebenen, dass die Security Agencies der wachsenden Infrastrukturmacht nicht ins Handwerk pfuschen, doch spätestens seit dem 11. September wurde die Dollar-Zentralität immer mehr zum Fulcrum für allerlei Sicherheitshebel, speziell Geldwäscheüberwachung und Sanktionsmechanismen.

Diese Hebel waren langfristig zu attraktiv? Schließlich kann man dadurch nicht nur Banken und Staaten disziplinieren, sondern eigentlich alle wirtschaftlichen Akteure, sofern sie auf Banken angewiesen sind.

Dollar hegemony and US law generated powerful incentives for compliance across the world. Although the legal basis for many actions against non-US actors was surprisingly weak, the fear of being denied access to dollar clearing was sufficient incentive to comply, especially for financial institutions. […]

Financial institutions’ aversion to risk worked as a force multiplier of US coercion. Sanctions compliance, like other forms of anti-money laundering policy but unlike most bank regulation, is enforced by sometimes unpredictable ex post regulatory punishments rather than exante provision of a checklist of required actions.

Doch je mehr diese Hebel bedient werden, desto deutlicher erodiert ihr Fulcrum – also die Akzeptanz der Dollar-Hegemonie. Insbesondere China und die EU werden mittel bis langfristig Pfadalternativen zur Dollarabhängigkeit suchen und schaffen.

This plausible near-future scenario has all the characteristics of a positive feedback loop. Under current circumstances, the EU has strong reasons to do everything it can to escape American hegemony. The US, for its part, has strong reasons to do everything it can to prevent this from happening. The more that the EU tries to get away, the more the US will do to pin it down. In this scenario, there do not appear to be any players, systems, or entities who combine the three necessary features to play a stabilisierung role: the capacity to model the effects of their actions on the overall system, the power to generate sufficiently strong feedback, and the incentive to maintain the current system rather than watch it tear itself apart.

Beim Nachdenken über „Leverage“ merkte ich, dass ich die Hebel-Fulcrums-Logik bereits im Plattformbuch impliziert hatte: Plattformmacht ist Netzwerkmacht + Kontrollregimes, wobei ich erst nachträglich gemerkt habe, dass die Netzwerkmacht (der durch die Netzwerkeffekte erzeugte allgemeine Lock-In) das „Kontaktzonen-Fulcrum“ ist, auf dem die Hebel der Kontrollregimes (Infrastrukturregime, Zugangsregime, Query-Regime, etc.) ansetzen.

Die Hebel der Kontrollregimes ermöglichen wiederum weitere, übergeordnete Hebel – unterschiedliche „Politiken“ – etwa die „Politik der Pfadentscheidung“, die das Infrastrukturregime leveraged, um die Pfade der Nutzenden im eigenen Sinne vorzudefinieren. Die USA haben diese Politik lange als den wichtigsten Hebel in ihrer Außenpolitik betrachtet (Dollarhegemonie, Etablierung und Kontrolle internationaler Institutionen, Handelsverträge, „Soft Power“ und „semantische Hegemonie“ in Tech, Hollywood und Popkultur, etc.)

Daneben beschreibe ich aber auch einen anderen Hebel und der ist direkt von Farrell/Newman 2019 abgeleitet: „Die Politik des Flaschenhals“ (Chokepoint Politics). Man nutzt Netzwerkzentralitäten im Pfadgelegenheitsnetzwerk, um anderen Zugang dazu zu verwehren, oder damit zu drohen, um Zugeständnisse und Disziplin zu erpressen. Das ist das Geschäftsmodell aller Plattformen (Enshittyfication), aber wie mir später bald aufging, eigentlich aller Transaktionen im Kapitalismus, wenn man Netzwerkzentralität nicht „total“ denkt (dann denkt man sie eh falsch), sondern als „relative Netzwerkzentralität“ in konkreten Zusammenhängen und sich nicht an „Profiten“ orientiert, sondern an „Margen“.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist der Fall also klar: Seit Donald Trump am Ruder ist, nutzt er die in dem Paper von Steven Miran beschriebenen Hebel, um aus dem Fulcrum amerikanischer Dollarhegemonie (und alle anderen Abhängigkeiten) per „Politik des Flaschenhals“ die aus der Weltgemeinschaft extrahierbare Marge zu optimieren.

Donald Trump denkt, er sei im Schlaraffenland, denn er hat das Hebeln als „Unternehmer“ im Kapitalismus gelernt, weswegen er kein Gespür für das Fulcrum hat. In seiner Welt werden die Fulcrums-Kosten seiner Hebel für gewöhnlich als „Externalität“ auf die Gesellschaft abgewälzt und die kann viel absorbieren, wie wir alle ständig feststellen. Hence, „Libertarian Mindset“.

Doch inzwischen sind Trumps Hebel so groß und schmerzhaft, dass das Fulcrum, auf dem er leveraged, bereits Anzeichen von Brüchigkeit zeigt, wie Farrell und Davis im Paper aufzeigen.

Such a feedback loop would help destabilise the US dollar. A digital euro might create an alternative to dollar clearing that is stabilised by the rule of law and hence less open to political influence and weaponisation. It is equally possible that the EU eventually will find itself obliged to acquiesce to US hegemony. There is no reason to necessarily believe that the system will soon settle down to one or the other equilibrium (or to some other stable state): continued oscillation and uncertainty is a perfectly possible outcome.

Ob es so kommt, bleibt abzuwarten. Meiner Erfahrung nach sollte man die Beharrungskräfte der Netzwerkmacht nicht unterschätzen?


Henry Farrall hat auch einen sehr lesenswerten Newsletter und in der letzten Ausgabe denkt er lesenswert kulturanthropologisch über Davos als Ritual und auch Carneys Rede nach.

Dafür führt er das Buch Rational Ritual: Culture, Coordination, and Common Knowledge, des Kulturtheoretikers Michael Suk-Young Chwe an, der Rituale in ihrer Funktion zur Synchronisierung von Erwartung analysiert und als Beispiel nimmt Chwe die Praxis von Königen, durch ihr Land zu fahren, um sich als Machthaber dem Volk zu zeigen.

Our interpretation focuses exactly on publicity, the common knowledge that ceremonies create, with each onlooker seeing that everyone else is looking too. Progresses are mainly a technical means of increasing the total audience, because only so many people can stand in one place; common knowledge is extended because each onlooker knows that others in the path of the progress have seen or will see the same thing.

Machtprojektionen funktionieren nie individuell, sondern immer dividuell: Sehen ist performativ: Dein Sehen erlaubt und beglaubigt mein Sehen und umgekehrt.

Wenn also die Davos-Interpretationen von Adam Tooze und Paul Krugman stimmen, dass Trump dort alle Türen mit dem großen Hebel einrennen wollte, um sich vor der Weltelite zum König der Welt zu krönen, mit Grönland als Krone, und dabei merkte, dass er ins Leere hebelt, dann ist mehr schief gegangen, als nur eine mißlungene Gelegenheit, Macht zu projizieren, so Farrell:

We should think about Davos as a site and moment of ceremony, in the terms that Chwe lays out, which cements common knowledge about who is in charge, and what the principles of rule are. That, in turn provided Trump with a possible opportunity to anoint himself as the central figure in a new vision of the West […]

The ceremony was disrupted, by European threats of retaliation, which in turn led the market audience to express its unhappiness, and by Carney’s quite deliberate and self-conscious effort to crack the illusion of inevitability.

Das ist, was eigentlich passierte: Die Illusion von Unabwendbarkeit/inevitability wurde zerstört. Carney macht das expklizit, indem er Václav Havels bekannte Greengrocer-Geschichte beleiht:

Every morning, this shopkeeper places a sign in his window: “Workers of the world, unite!” He doesn’t believe it. No one does. But he places the sign anyway to avoid trouble, to signal compliance, to get along. And because every shopkeeper on every street does the same, the system persists.

Not through violence alone, but through the participation of ordinary people in rituals they privately know to be false.

Havel called this “living within a lie.” The system’s power comes not from its truth but from everyone’s willingness to perform as if it were true. And its fragility comes from the same source: when even one person stops performing — when the greengrocer removes his sign — the illusion begins to crack.

Weil wir keine Individuen sind, die Macht beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie Macht beobachten, operiert Macht immer schon im Raum der vernetzten Erwartungen und ganz besonders Trump. Das ist gleichzeitig seine größte Stärke, und größte Schwäche/Angreifbarkeit.

All das was Carney sagt, sagen Linke seit Jahrzehnten, aber das in diesem spezifischen sozialen und diskursiven Raum – ein zeitlicher und örtlicher Glutpunkt eben jener Ordnung, dessen Schild Carney gerade aus dem Fenster nimmt –, aus dem Mund eines Eststablishment-Bürokraten wie ihm, reißt nicht nur ein Loch in Trumps Machtprojektion, sondern eröffnet gleichzeitig für alle anderen einen möglichen alternativen Pfad aus dem Wahnsinn, als Offramp aus der „amerikanischen Ordnung“.


Hab noch nicht reingehört, aber Farrell war auch gerade zum Thema bei Ezra Klein.


Weil Canada seine Bestellung von F35-Fighterjets reduziert, droht Trump mit der Beendigung militärischer Zusammenarbeit.

Ich schlage eine andere Definition von „Souveränität“ vor:

Souveränität ist, einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Souveränität oder nicht ist also eine Frage, die sich nicht allgemein, sondern immer nur spezifisch und situativ entscheiden lässt. „Souverän“ ist man nur gegenüber Pfaden, oder eben nicht.

Die Bedingung der Möglichkeit der Souveränität ist also die Möglichkeit „Nein“ zu sagen und die beruht auf zwei Pfeilern:

  1. Die Vorhandenheit von Pfadalternativen und/oder
  2. die Bereitschaft zu verzichten und die Kosten dafür zu tragen.

In der Realität braucht es immer eine Mischung aus beidem, denn Pfadalternativen sind selten gleichwertig und ohne Pfad geht es sowieso nicht, also werden die meisten Pfadalternativen mit erheblichen Wechselkosten bezahlt.

Ja, die Kosten, sich vom Empire loszusagen sind ohne Frage hoch. Aber die Kosten, diesen Pfad in Trumps faschistischen Wahnsinn weiter mitzumarschieren, werden unendlich viel höher sein. Das sagt jedenfalls meine Q-Function.


Mattew Remski warnt aus marxistischer Perspektive davor, Mark Carney nach seiner Ansprache als Genossen zu feiern.

Carney nimmt zwar sein Schild aus dem Fenster, was den Ordnungsanspruch durch die USA angeht, ist aber sonst very much Pro-Kapitalistisch und wer die Rede zu Ende gehört hat, wird bemerkt haben, dass er damit vor allem auch Stimmung für Canada unter den anwesenden Investor*innen machen wollte (wie alle, die in Davos sprechen).

Remski hat natürlich recht, aber erstens bin ich derzeit einfach froh über jede Offramp, die sich auftut und wenn sie irgedwie erfolgreich sein soll, sorry, dann muss sie aus dem bürgerlichen Lager kommen.

Außerdem ist der Riss, den Carney aufmacht, ein Fulcrum für weitere Hebel? Ist die Geste des „Schild aus dem Fenster nehmens“ erstmal eingeübt, wird sie zur Plattform für weitere Widerstandspfadgelegenheiten und da ich eh glaube, dass der Riss eigentlich bis hinunter ins „Individuum“ reicht, wird es da noch vieles zu Hebeln geben.

Also vergesst doch mal für einen Moment die Utopien und eure genauen Vorstellungen einer „idealen und gerechten Gesellschaft“. Ich schau stattdessen auf den Riss und sehe darin die Pfadgelegenheit für weitere Risse.


Es war wieder CCC-Congress und auch wenn ich lange nicht alle sehenswerten Talks geschaut habe, hier meine persönlichen Empfehlungen.

Cory Doctorow war wieder da und stellte seine Pfadgelegenheit vom „Post American Internet“ vor. Er reiterierte seinen Vorschlag, den Tech-Imperien ihre Unverwundbarkeitsklasusel zu nehmen: die „Anti-Circumvention“ Laws des Urheberrechts, die quasi weltweit per Handelsverträge festgeklopft wurden, auch bei uns.

Ich hatte seinen Vorschlag bereits im Plattformbuch übernommen, aber jetzt präsentierte er ein wunderbar eingängig gecraftetes Narrativ, wie sich daraus ein entscheidender Schlag gegen die techfaschistische Hegemonie entwickeln ließe.

Außerdem empfehlenswert: Helena Steinhaus von Sanktionsfrei über soziale Ungleichheit, Udbhav Tiwari and Meredith Whittaker über die Securityaspekte „agentischer KI“ im Betriebsystem und allgemein, Rainer Rehak mit einem Update seines Talks über Israels statistische Tötungsautomations-Systeme und Arne Semsrott über Gegenmacht.


Außerdem sei ganz herzlich auch die Känguru-Rebellion und der Digital Independence Day von Marc Uwe Kling und Linus Neumann empfohlen.

Die Idee ist einfach: Jeden ersten Sonntag im Monat widmen wir uns der Migration eines Dienstes oder Plattform weg von amerikanischen Tech-Monopolisten zu weniger toxischen Alternativen, bzw. helfen einander dabei.

Aus Pfad-Ingenieurs-Perspektive ist das prima gebaut: Wie bekomme ich einen möglichst großen Strom von Leuten vom Set der Plattformen A zum Set der Plattformen B? Eine Figur wie Marc Uwe Kling wirkt nicht nur links, sondern bis weit in junge bürgerliche Schichten rein und ist damit ein tragfähiger Pfeiler für eine breite Migrations-Brücke. Zur Brücke gehört nicht nur die Website, sondern auch ein kleines Heer an freiwilligen Nerds, die deutschlandweit praktische Hilfe anbieten. Perfekt.

Das Problem ist nicht die Onramp oder die Brücke, sondern die Offramp: Die Wechselkosten sind insbesondere im Social Media Bereich noch enorm hoch und egal was Mastodon- oder Bluesky-Fans behaupten, dezentrale Dienste sind derzeit keine gleichwertigen Pfadalternativen.

Das größte Problem: Eröffnet man einen neuen Account, sieht man dort nur Leere, ist verloren und finden tut man auch keinen. Ich hab es so oft gesehen: die Leute kommen, gucken, gehen.

Hier hilft die dividuelle Perspektive, die versteht, dass Social Media nicht ein „Tool“ ist, das „Individuen“ benutzen, „um zu kommunizieren“, sondern dass jeder Account ein Teil eines gewachsenen Geflechts ist. Accounts sind Pflanzen, die Wurzeln geschlagen haben und ein einfacher Umzug lässt sie als abgerissenen Stängel ankommen.

Der Trick ist, Communities umzutopfen, statt Individuen „umzuziehen“. Auf Social Media sind wir in immer mindestens einer, meisten mehreren Communities unterwegs, deren Debatten und Narrativen man mehr oder weniger intensiv verfolgt, oder aktiv daran teilnimmt.

Ich hatte deswegen bereits vor Monaten eine Step-by-Step-Anleitung aufgeschrieben, wie man Communities umtopfen kann.

Aufgrund der digitalen Algorithmen haben wir ein bisschen die Macht der sozialen Algrorithmen aus den Augen verloren, wie Kettenbriefe, Telefonlavienen (danke ???), bzw. sie wurden zu oft missbraucht, so dass sie in einen schlechten Ruf gerieten?

Aber andersrum ist es wohl richtiger: sie wurden als Hebel deswegen so oft missbraucht, weil sie so mächtig sind. Es wird Zeit, sie als strategisches Asset wieder zu rehabilitieren.


2026 wird so hart wie alle befürchten. Aber es wird auch das Jahr, an dem sich effektiver Widerstand zu formen begann.

Krasse Links No 75

Willkommen zu Krasse Links No 75. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, habe ich mich die letzten Monate etwas verausgabt und bin jetzt zum Jahresende – Überraschung – doch merklich erschöpft. Ich weiß nicht, on ob ich dieses Jahr noch eine weitere Ausgabe schaffe, aber spätestens nächstes Jahr geht frisch weiter. Deswegen schon mal: Schöne Feiertage euch.

Aber jetzt haltet Eure Feedback Loops bereit, heute homogenisieren wir den Hivemind-Effect der Totalüberwachung mit “the buzz”.


In diesem sehr lesenswerten Essay auf Aeon spannt der indischstämmige KI-Researcher Deepak Varuvel Dennison einen weiten Bogen von der lokalen Situiertheit eines großteils des menschlichen Weltwissens zur Homogenisierung des Weltwissens durch LLMs.

The irony isn’t lost on me that this dilemma has emerged through my research at a university in the United States, in a setting removed from my childhood and the very context where traditional practices were part of daily life. At Cornell University in New York, I study what it takes to design responsible AI systems. My work has been revealing to me how the digital world reflects profound power imbalances in knowledge, and how this is amplified by generative AI (GenAI). The early internet was dominated by the English language and Western institutions, and this imbalance has hardened over time, leaving whole worlds of human knowledge and experience undigitised. Now with the rise of GenAI – which is trained on this available digital corpus – that asymmetry threatens to become entrenched.

Dennison hat einen erfrischend materialistischen Blick auf Sprache und damit auf die Wissensstrukturen, die sich in LLMs abbilden.

To understand why this matters, we must first recognise that languages serve as vessels for knowledge – they are not merely communication tools, but repositories of specialised understanding. Each language carries entire worlds of human experience and insight developed over centuries: the rituals and customs that shape communities, distinctive ways of seeing beauty and creating art, deep familiarity with specific landscapes and natural systems, spiritual and philosophical worldviews, subtle vocabularies for inner experiences, specialised expertise in various fields, frameworks for organising society and justice, collective memories and historical narratives, healing traditions, and intricate social bonds. […]

When AI systems lack adequate exposure to a language, they have blind spots in their comprehension of human experience. For example, data from Common Crawl, one of the largest public sources of training data, reveals stark inequalities. It contains more than 300 billion web pages spanning 18 years, but English dominates with 44 per cent of the content. What’s even more concerning is the imbalance between how many people speak a language in the physical world and how much that language is represented in online data. Take Hindi, for example, the third most spoken language globally, spoken by around 7.5 per cent of the world’s population. It accounts for only 0.2 per cent of Common Crawl’s data. The situation is even more dire for Tamil, my own mother tongue. Despite being spoken by more than 86 million people worldwide, it represents just 0.04 per cent of the data. In contrast, English is spoken by approximately 20 per cent of the global population (including both native and non-native speakers), but it dominates the digital space by an exponentially larger margin. Similarly, other colonial languages such as French, Italian and Portuguese, with far fewer speakers than Hindi, are also better represented online.

The underrepresentation of Hindi and Tamil, troubling as it is, represents just the tip of the iceberg. In the computing world, approximately 97 per cent of the world’s languages are classified as ‘low-resource’. This designation is misleading when applied beyond computing contexts: many of these languages boast millions of speakers and carry centuries-old traditions of rich linguistic heritage. They are simply underrepresented online or in accessible datasets. In contrast, ‘high-resource’ languages have abundant and diverse digital data available. A study from 2020 showed that 88 per cent of the world’s languages face such severe neglect in AI technologies that bringing them up to speed would require herculean – perhaps impossible – efforts. It wouldn’t be surprising if the status quo is not too different even now.

Für die Effekte der Verzerrungen durch die westlich-hegemoniale Perspektive bringt Dennison mit den „Glasfassaden“ ein Beispiel aus der Architektur. In der westeuropäischen Moderne wurden Glasfassaden als funktionaler und effizienter Entwurf erdacht und beworben, weil sie Energie dadurch sparen, dass sie natürliches Licht zur Beleuchtung und auch Beheizungszwecken nutzen. Durch die westliche Hegemonie habe sich das Bauprinzip aber auch in Regionen durchgesetzt, wo Glasbauten das Gegenteil von effizient sind, weil sie in heißem Klima aufwändig von innen gekühlt werden müssen.

Epistemologies are not just abstract and cognitive. They are physically embodied around us, with a direct impact on our bodies and lived experiences. To understand why, let’s consider an example that contrasts sharply with the kind of Indigenous construction practices that Dharan seeks to revive: high-rise buildings with glass façades in the tropics.

Es ist aber eben nicht nur so, dass maginales und lokales Wissen aus Chatbots nur durch die Trainingsdaten unterrepräsentiert ist, sondern auch, dass LLMs einen eingebauten Bias für die populärsten Pfade hat, der den Effekt der Unterrepräsentationen und populären Überbetonungen noch mal vervielfacht.

The problem is far deeper than gaps in training data. By design, LLMs also tend to reproduce and reinforce the most statistically prevalent ideas, creating a feedback loop that narrows the scope of accessible human knowledge.

Why so? The internal representation of knowledge in an LLM is not uniform. Concepts that appear more frequently, more prominently, or across a wider range of contexts in the training data tend to be more strongly encoded. For example, if pizza is commonly mentioned as a favourite food across a broad set of training texts, the model is more likely to respond with ‘pizza’ when asked ‘What’s your favourite food?’ Not because the LLM likes pizza, but because that association is more statistically prominent.

More subtly, the model’s output distribution does not directly reflect the frequency of ideas in the training data. Instead, LLMs often amplify dominant patterns in a way that distorts their original proportions. This phenomenon can be referred to as ‘mode amplification’. Suppose the training data includes 60 per cent references to pizza, 30 per cent to pasta, and 10 per cent to biriyani as favourite foods. One might expect the model to reproduce this distribution if asked the same question 100 times. However, in practice, LLMs tend to overproduce the most frequent answer. Pizza may appear more than 60 times, while less frequent items like biriyani may be underrepresented or omitted altogether. This occurs because LLMs are optimised to predict the most probable next ‘token’ (the next word or word fragment in a sequence), which leads to a disproportionate emphasis on high-likelihood responses, even beyond their actual prevalence in the training corpus. Together, these two principles – uneven internal knowledge representation and mode amplification in output generation – help explain why LLMs often reinforce dominant cultural patterns or ideas. […]

Ask ChatGPT about a controversial topic and you’ll get a diplomatic response that sounds like it was crafted by a panel of lawyers and HR professionals who are overly eager to please you. Ask Grok the same question and you might get a sarcastic quip followed by a politically charged take that would fit right in at a certain tech billionaire’s dinner party.

Das ganze Endet in einem selbstverstärkenden Loop der Homogenisierung und extremen Streamlinging von Wissensrepräsntation und damit eine Verarmung von uns allen.

The internet, as the primary source of knowledge for AI models, becomes recursively influenced by the very outputs those models generate. With each training cycle, new models increasingly rely on AI-generated content, reinforcing prevailing narratives and further marginalising less prominent perspectives. This risks creating a feedback loop where dominant ideas are continuously amplified while long-tail or niche knowledge fades from view.

Was wir als Wissensrevolution feiern, ist in Wirklichkeit eine semantische Verarmungs-Revolution auf globalem Level, die die Vielfalt des menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrungswelten auf ein verslopptes JPEG des Internets reduziert.

Maybe the intelligence we most need is the capacity to see beyond the hierarchies that determine which knowledge counts. Without that foundation, regardless of the hundreds of billions we pour into developing superintelligence, we’ll keep erasing knowledge systems that took generations to develop.


Eine Studie über den Hivemind-Effect: einer reproduzierbare Homogenität von reproduzierten semantischen Pfaden innerhalb von LLMs, als auch zwischen unterschiedlichen LLMs.

Language models (LMs) often struggle to generate diverse, human-like creative content, raising concerns about the long-term homogenization of human thought through repeated exposure to similar outputs. Yet scalable methods for evaluating LM output diversity remain limited, especially beyond narrow tasks such as random number or name generation, or beyond repeated sampling from a single model. We introduce Infinity-Chat, a large-scale dataset of 26K diverse, real-world, open-ended user queries that admit a wide range of plausible answers with no single ground truth. […]
Using Infinity-Chat, we present a large-scale study of mode collapse in LMs, revealing a pronounced Artificial Hivemind effect in open-ended generation of LMs, characterized by (1) intra-model repetition, where a single model consistently generates similar responses, and more so (2) inter-model homogeneity, where different models produce strikingly similar outputs.


An der Universtität von Texas werden LLMs verwendet, um Kursbeschreibungen nach „woken“ Begrifflichkeiten zu checken und zu zensieren.

At Texas A&M, internal emails show staff are using AI software to search syllabi and course descriptions for words that could raise concerns under new system policies restricting how faculty teach about race and gender.

At Texas State, memos show administrators are suggesting faculty use an AI writing assistant to revise course descriptions. They urged professors to drop words such as “challenging,” “dismantling” and “decolonizing” and to rename courses with titles like “Combating Racism in Healthcare” to something university officials consider more neutral like “Race and Public Health in America.”


Vielen dank, dass Du Krasse Links liest. Da steckt eine Menge Arbeit drin und bislang ist das alles noch nicht nachhaltig finanziert. Diesen Monat bin ich jetzt schon über 700 Euro. Das Ziel von 1500/M ist zwar noch weit entfernt, aber meine Abonnent*innen/Einnahmen Ratio ist schon ungewöhnlich hoch. Habt vielen, vielen Dank dafür! Mit einem monatlichen Dauerauftrag kannst Du helfen, die Zukunft des Newsletters zu sichern. Genaueres hier.

Michael Seemann
IBAN: DE58251900010171043500
BIC: VOHADE2H

Dieser Newsletter ist nicht auf Reichweite ausgelegt, aber will dennoch Menschen erreichen. Du kannst dem Newsletter helfen, indem du ihn Freund*innen empfiehlst und ihn auf Social Media verbreitest.


Francesca Bria und ihr Team vom Autonomy Institute haben die Broligarchie des neuen Techfaschismus in dieser anschaulichen Info-Grafik-Website aufgearbeitet, The Authoritarian Stack. Man kann zum Beispiel alle die ideologischen, politischen und geschäftlichen Verbindungen der wichtigsten Akteure anhand interaktiver Grafiken und Charts nachvollziehen.

Anschaulich auch der Pfad, den sie durch die verschiedenen Layer tracken.

Silicon Valley’s Authoritarian Tech Right is not theorizing this world. They are already building it. The pipelines are operational. The feedback loops are functioning. The sovereignty transfers are completing.

Democracy persists as a legacy interface— maintained for stability, while being systematically hollowed out and replaced.

The question now is whether democratic societies can recognize this formation for what it is—and build alternatives before the infrastructure of control becomes too deeply embedded to dislodge.

Michael Bruns hat einen sehenswerten Videoexplainer zum Projekt gemacht.


Mohammed R. Mhawish ist einer der wenigen noch überlebenden palästinensischen Journalisten in Gaza und schreibt im NY Mag darüber, wie die israelische Totalüberwachung in Gaza seine Welt verändert hat.

One of these people, Marwan, a 60-year-old hospital administrator in Gaza City, at first objected to my line of questioning. (I’m using only first names. Giving their full names in a report about surveillance feels like an offering to the occupation.) “In the face of mass slaughter,” Marwan said, “what difference does it make that they can see my Facebook posts or hack my calls or monitor my home?”
But soon Marwan could not stop talking about how the constant awareness of being watched had twisted and narrowed his world. He said he now avoids calling his brother “lest he ask whether any rockets were fired from the area or whether the Israelis had arrived in the area,” and those words be misread or distorted by unseen listeners. He described the collapse of connection itself: the way fear moves into a family, one phone call at a time, until even expressions of love begin to feel dangerous.
Khaled, who worked for nearly three decades as an ambulance driver for Al-Awda Hospital, said that during an interrogation, an officer showed him a private text message he’d sent his family. “Everything we say, they can see,” Khaled said. The text was mundane; the point, he felt, was to show this 61-year-old father of seven how deeply they could peer into his private life. People told me they have even extinguished their own thoughts, as if the interrogators and listeners could see inside their heads. “Nobody doesn’t have political leanings,” one man named Mohammed told me. “But I’ve killed it. I’ve prohibited myself from speaking on this. I’ve locked it with a key.”

In Gaza kann man anfangen zu verstehen, was es bedeutet, wenn dein Kommunikations-Provider nicht nur ein gewinnmaximierendes Unternehmen ist, das dich ausnehmen will, sondern Teil eines technisch-militätrischen Komplexes ist, der dich jederzeit auslöschen kann.

Everyone had stories of being watched. Mary, a 26-year-old writer, grew up in a two-story house on the more affluent side of Gaza City, where people went to stroll near the sea on streets lined with shops and airy schoolyards. It had a simple white façade, tall windows, a small balcony, and eight old araucaria trees her father had diligently cared for shading the gate. Before the war, passersby slowed to admire them. By this summer, the bombardment had cracked part of the roof open. At around 4:30 a.m. on July 27, while she slept in one of the remaining rooms, Mary woke to a faint buzz that seemed to come from just beside her. “I froze,” she told me. “I could not move. I could not scream.” A dark square hovered near the ceiling. She stared at it, motionless, until it drifted out of the room and exited through a window. If they could fly a drone to her bedside, they could see everything, she told me. Weeks later, her 35-year-old neighbor was shot dead by an armed drone while drying laundry on her balcony, standing beside her 4-year-old son, Mary said. “It is not death that we fear,” she told me. “It is the terror that comes before it.”

Nicht nur die Gebäude liegen in Schutt und Asche, sondern auch das Vertrauen in die Kommunikationsinfrastruktur und damit auch großer Bereich der sozialen Beziehungen.

Life in Gaza for the past two years has been a process of losing everything visible — our families, homes, streets. It also means losing what cannot be seen: the private space of the mind, the intimacy between people, and the ability to speak without fear of being monitored by a machine. A poll conducted just weeks before the October cease-fire by the Palestine-based research organization Institute for Social and Economic Progress found that nearly two-thirds of Gazans believed they were constantly watched by the Israeli government. This is the dystopian consequence of technology, supplied in part by American companies, being placed into the hands of authorities who have virtually unlimited control over a captive population they have openly villainized. It is the culmination of decades of monitored occupation, a totalitarian nightmare spliced with genocidal terror, a system that is already evolving and growing for whatever comes next. The old admonition of authoritarian regimes everywhere — If you have nothing to hide, you have nothing to be afraid of — has no meaning in Gaza.

Mhawish erzählt anschaulich, dass die Total-Überwachung nicht neu ist. Die Ursprünge des Systems gehen auf die Gründung Israels zurück und wurden einfach beständig weiterentwickelt. Mit Palantir, Microsoft Cloud und der vollständigen Überwachung von allem und jedem per KI ist das System lediglich zu seinem vorläufigen Höhepunkt gekommen.

Palantir, which had purchased an ad in the New York Times proclaiming that PALANTIR STANDS WITH ISRAEL, entered into an agreement to provide Israel’s military with technology “in support of war-related missions,” according to Bloomberg. Israel’s military intelligence unit reportedly used Google Photos, combined with tech from Israeli company Corsight AI, to enable its facial-recognition program to identify faces from a crowd and footage. Google and Amazon, which supply the Israeli government with advanced cloud-storage services and AI capabilities, were reported to have included a covert system in their contract to warn Israel when foreign courts compelled the companies to hand over Israeli government data but barred them from notifying Israel directly.

Die Lücken in den Daten werden laufend durch Foto-ID-Apps der Soldaten am Boden und ständige random Kidnappings und Folter durch die IDF ergänzt.

A woman in her early 40s who asked to remain anonymous worked at a beauty salon before the war. She was detained as she was marching south from where she was sheltering in the north of Gaza. She was positioned before two devices to log features of her face: a phone to capture her image and another screen to process it, she surmised. She turned her head away, refusing to look at the camera. A soldier forced her face toward it. Then a rifle butt struck her skull.

Her full name surfaced instantly. A soldier read aloud her first name, her father’s name, her grandfather’s, and her family name. “He did not ask me for anything, no ID, nothing, to know who I was,” she said. An officer glanced at the result and said they were taking her. In a pen, soldiers stripped her to her undergarments, she said. When her blindfold slipped, she saw four soldiers pointing a camera at her. She screamed, tried to cover herself, cried, and was struck in the chest as the blindfold was yanked back over her eyes. They called her “slut,” shoved her into a small cage, and warned that she would be beaten if she disobeyed. “What if we publish these?” a soldier said in Arabic while photographing her. Phones, cameras, watches — everything around was recording, she believed.

She said she was shuttled between the cages, the Sde Teiman facility, and Damon prison in Israel. At Sde Teiman — now notorious for scores of reports of horrific abuse — she was raped four times, she said. During her period, guards mocked her bleeding and shouted, “You smell.” They knew she had a teenage daughter. They knew she had worked at a beauty salon. They cut off her hair. “They’ve weaponized our information,” she said. After 32 days in detention, she was released.

Aber seit automatisierte Tötungs-Systeme wie Lavender auf dem Total-Überwachungssystem aufbauen, wird es noch sehr viel ernster genommen

Algorithms sorted people by perceived threat, according to reporting by +972 Magazine and Local Call. Each score could determine who would live or die. Intelligence sources told reporters that one of these systems, designed to score individuals by supposed affiliation with a Palestinian armed group, produced tens of thousands of names. Approval for a strike could reportedly take less than 30 seconds. Another program classified buildings by type and occupancy, marking them for strikes. AI tools, created in partnership with enlisted soldiers in Unit 8200 and reserve soldiers working at companies such as Google, Microsoft, and Meta, analyzed Arabic text messages and social-media posts, according to the New York Times. When those classifications were combined with targeting a suspected fighter at home rather than when alone, the result was the annihilation of families whose only fault was proximity. These advanced systems were mixed with older ones: the use of informants and spies and searches of homes and offices. I heard story after story of soldiers separating people, photographing them, and searching phones, part of broader screening and detention practices during the war.

Mit dem vermehrten Einsatz von bewaffneten Quad-Copter-Drohnen hat die Lage nochmal verschärft.

In Gaza, we call the drone zanana — “the buzz.” After October 2023, it became the soundtrack to our lives. We could tell the difference between the models that could kill and those that only watched. People in Gaza later told me they avoided the notorious Gaza Humanitarian Foundation distribution sites (which shuttered in November) not only because they feared being shot and killed, as hundreds of people were, but also because they feared the same cameras watching the crowds were matching their faces to databases — that even the act of seeking food could expose them. (In July, two unnamed contractors working as security for the distribution sites told the Associated Press that this is exactly what was happening.) A machine could look into people’s homes, register their presence, and flag them. If we tried to live our lives as if the surveillance did not exist, it could lead to our deaths.

“We’ve adapted to having our entire lives under surveillance,” he said. He even avoided using opaque bags when going to the market. “I’d try to have a transparent bag,” he said. “I wouldn’t leave with a backpack, lest they misinterpret it.” In his apartment overlooking the sea, Mohammed struggled with whether to close the curtains to hide from the drones outside. Safety, he had come to believe, depended on leaving nothing to interpretation.

Mhawish wird immer wieder selbst durch die IDF mit dem Tod bedroht, wie so viele andere der wenigen noch lebenden Journalist*innen und irgendwann merkt er, dass er selbst auf der Abschussliste steht. Als er am Checkpoint Netzarim auf der Flucht mit seiner Familie nach Ägypten herausgepickt und befragt wird, erfährt er am eigenen Leib, was die IDF alles über ihn weiß.

He started to move through my life: studies and work as well as the places I’d reported from — Al-Shifa, Al-Awda, Al-Daraj — naming them in sequence. He asked me about my relatives. When I hesitated, he filled in my cousins’ names, naming a neighborhood where my family sheltered. Whether I answered or faltered, his notes absorbed it all the same. The interrogation lasted hours. Over those endless minutes, what became clear to me was that the interrogator held on the screen before him a copy of my life built from relentless watching, compiled from calls, cameras, and coordinates.

Then he began talking about my son. “Is Rafik still out there? How is his chest?” For a moment, my mind went blank. It was a question from inside my own house. It took me back to 2022, when Rafik was just 11 months old, during our time in the UAE. Rafik had contracted a lung infection and he spent two nights in a Dubai hospital. It was not a big deal. He was fine. But here it was, an episode from my life I’d never written about or broadcast. The interrogator said it like a box he was checking. Their knowledge of my son’s brief illness had to come from somewhere. Hospital records from the UAE? Recordings they’d kept of my phone calls? Copies of my emails? It felt like they had stepped inside my mind.

The interrogation intensified. A soldier behind me struck the base of my neck with his rifle when I denied participating in attacks on Israel. “Tell the truth,” he said in English. Each question from the interrogator landed like a test. I stuck to the mundane: that we’d moved south for food and that we were “following orders” — their phrase, returned to them in the hope it would spare my family. Then he brought up the bombing of our home. He called my reporting “advertisements.” He said I’d nearly gotten my family killed.

Am Ende wurde er wieder entlassen und konnte nach Ägypten fliehen, weswegen wir seine Geschichte kennen.

Krasse Links No 74

Willkommen zu Krasse Links No 74. Dies ist gewissermaßen eine Sonderausgabe zu Sprache, Denken und Handeln, an der ich ziemlich lange gesessen habe und die etwas länger geworden ist, deswegen sorry für die lange Stille und den langen Newsletter, aber da musste ich gerade mal durch. Aber nun haltet euch an euren Paradigmen fest, heute verfolgen wir Jeffrey Epstein durch die Evolution des Unterschieds und differenzieren den Kognitivismus mit der Proto-Semantik der Intelligenz.


Ich war kurz erschrocken, als Benjamin Riley in The Verge berichtete, dass Wissenschaftler*innen zweifelsfrei zeigen können, dass Denken und Sprechen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge seien, die rein gar nichts miteinander zu tun hätten und dann war ich fast enttäuscht, wie wenig sie aufzubieten hatten.

The problem is that according to current neuroscience, human thinking is largely independent of human language — and we have little reason to believe ever more sophisticated modeling of language will create a form of intelligence that meets or surpasses our own. Humans use language to communicate the results of our capacity to reason, form abstractions, and make generalizations, or what we might call our intelligence. We use language to think, but that does not make language the same as thought.

„Brain-Scans“ zeigen, dass Sprache ein Areal im Hirn beansprucht, dass bei bestimmten kognitiven Aufgaben kaum benutzt wird, außerdem sind Menschen mit kognitiven Störungen ihrer Sprachfähigkeit unabhängig davon durchaus fähig, komplexe Aufgaben zu lösen und auch Babies zeigen kognitive Fähigkeiten lange vor dem Spracherwerb u.s.w.

Second, studies of humans who have lost their language abilities due to brain damage or other disorders demonstrate conclusively that this loss does not fundamentally impair the general ability to think. “The evidence is unequivocal,” Fedorenko et al. state, that “there are many cases of individuals with severe linguistic impairments … who nevertheless exhibit intact abilities to engage in many forms of thought.” These people can solve math problems, follow nonverbal instructions, understand the motivation of others, and engage in reasoning — including formal logical reasoning and causal reasoning about the world.

Interessant ist, was sie als „nicht-sprachliche kognitive Fähigkeiten“ ansehen:

Aus dem zitierten Paper:

mathematical reasoning, formal logical reasoning, performing demanding executive function tasks such as working memory or cognitive control tasks, understanding computer code, thinking about others’ mental states, and making semantic judgments about objects or events.

Ich komm nicht darüber hinweg, wie eng diese Menschen „Sprache“ definieren. Als wäre formale Sprache, mathematische Formeln, Zahlen, Computer Code, etc. nicht teil der Sprache.

Wie man diesem Newsletter ab und an anmerkt bin in meinem Denken eher von der (post-)strukturalistischen Schule geprägt, die das alles ganz anders sieht.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Aus Saussures Erkenntnis sprudelte in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ein ganzes Feld von neuen Weltbetrachtungsweisen, die man später unter dem Wort „Strukturalismus“ fasste: Claude Levi-Strauss wandte das Framework in der Ethnologie an, um die kulturellen Praktiken indigener Völker in Beziehung zur eigenen zu setzen, Lacan zur Erforschung des Unbewussten, Roland Bartes nutzte es, um unsere Konsum-Alltagswelt semiotisch aufzuschlüsseln, Pierre Bourdieu wandte das Framework auf Klasse an, Foucault zur Identifikation und Beschreibung von vergangenen und gegenwärtigen Diskursformationen, Judith Buttler für „Geschlecht“ und Umberto Eco für alles mögliche.

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Aber das war das Paradigma, das Mitte der 1990er Jahre vom Kognitivismus abgelöst wurde, der heute überall hegemonial ist. Das Stück von Riley fährt fort:

We can credit Thomas Kuhn and his book The Structure of Scientific Revolutions for our notion of “scientific paradigms,” the basic frameworks for how we understand our world at any given time. He argued these paradigms “shift” not as the result of iterative experimentation, but rather when new questions and ideas emerge that no longer fit within our existing scientific descriptions of the world. Einstein, for example, conceived of relativity before any empirical evidence confirmed it. Building off this notion, the philosopher Richard Rorty contended that it is when scientists and artists become dissatisfied with existing paradigms (or vocabularies, as he called them) that they create new metaphors that give rise to new descriptions of the world — and if these new ideas are useful, they then become our common understanding of what is true. As such, he argued, “common sense is a collection of dead metaphors.”

Moment, eben noch waren Sprache und Denken zwei kommplett verschiedene Dinge und jetzt sagt derselbe Autor, dass wir andere Fragen stellen können, wenn wir andere Unterscheidungen machen? Und zitiert dazu noch zwei strukturalistisch beeinflusste Denker: Kuhn und Rorty? Wie passt das zusammen?

Ich möchte folgende Definition vorschlagen:

Ein „wissenschaftliches Paradigma“ ist eine (im jeweiligen Kontext) hegemonial gewordene erkenntnisleitende Unterscheidung und alle die sich daraus ergebenden Forschungspfadgelegenheiten, inklusive ihrer materiellen und semantischen Infrastrukturen.

Ein Paradigma entsteht, wenn eine bestimmte Unterscheidung nützlich scheinende Pfadgelegenheiten eröffnet: Dann fließen Forschungsgelder und Paper und im besten Fall auch „Erkenntnisse“. Doch wie das immer so ist: das neue Paradigma – die neue fancy Unterscheidung, so toll sie auch ist – birgt meist nur eine begrenzte Zahl an beforschbaren Pfaden und wenn die „Low Hanging Fruits“ bereits geerntet sind und die „Erkenntnisse“ nicht mehr so purzeln, geht das Paradigma in den Selbstverteidigungsmodus über.

Ich stell mir das so vor: Jede erkenntnisleitende Unterscheidung produziert pfadabhängige „blinde Flecke“, denn es gibt immer auch Millionen Möglichkeiten, anders zu unterscheiden und diese anderen Möglichkeit zu unterscheiden hätten aber ebenso Pfadgelegenheiten eröffnet, die aber deswegen unbeforscht blieben, weil das bestehende Paradigma die Aufmerksamkeit, das Geld und die Infrastrukturen bei sich konzentriert. Ein Paradigmenwechsel passiert also dann, wenn eine grundlegende Art zu unterscheiden, eine andere Art zu unterscheiden ablöst.

It [the LLM] will be forever trapped in the vocabulary we’ve encoded in our data and trained it upon — a dead-metaphor machine. And actual humans — thinking and reasoning and using language to communicate our thoughts to one another — will remain at the forefront of transforming our understanding of the world.

Das ist zwar eine richtige Beschreibung von LLMs, es ist aber auch zu einem gewissen Maß richtig für uns alle. Wir alle leben in den toten Metaphern unserer Vorfahren und kommen da schwer raus. Derrida würde zudem darauf bestehen, dass die Metaphern nicht wirklich tot sind, sondern unsere Sprache entlang ihrer iterativen Pfadabhängigkeiten als Gespenster heimsuchen. In einem ganz besonderen Maße ist das richtig für das Paradigma des Kognitivismus, das in Wirklichkeit noch vom Geist Descartes heimgesucht wird. Zeit für was Neues.


Ich habe angefangen, Schneisen in den semantischen Dschungel zu schlagen, der im Laufe des Newsletters so vor sich hinwucherte, indem ich ausführliche und möglichst einsteigerfreundliche Explainer geschrieben habe: Angefangen habe ich mit den beiden wichtigsten Begriffen: Dividuum und Pfadgelegenheit, weitere werden folgen.

Außerdem gibt es noch einen Explainer dazu, wie man von der Macht-Inderdependenz-Theorie zur Macht/Wert-Formel kommt.


Heise fasst ein Interview mit dem Richter am internationalen Strafgerichtshof in Le Monde, Nicolas Guillou, zusammen, der wegen seiner Untersuchungen des Genozids in Gaza auf die Sanktionsliste der US-Regierung fiel und deswegen Zugang zu Services und Bankverbindungen verlor.

Im Alltag von Guillou bedeutet das, dass er vom digitalen Leben und vielem, was heute als Standard gilt, ausgeschlossen ist, schilderte er der französischen Zeitung Le Monde. All seine Konten bei US-Unternehmen wie Amazon, Airbnb oder PayPal wurden von den Anbietern sofort geschlossen. Online-Buchungen, wie über Expedia, werden sofort storniert, selbst wenn es um Hotels in Frankreich geht. Auch die Teilnahme am E-Commerce sei ihm praktisch nicht mehr möglich, da US-Unternehmen auf die eine oder andere Weise immer eine Rolle spielen, und es diesen strikt untersagt ist, mit Sanktionierten in irgendeine Handelsbeziehung zu treten.

Als drastisch beschreibt er auch die Auswirkungen, am Bankenwesen teilzunehmen. Zahlungssysteme seien für ihn blockiert, da US-Unternehmen wie American Express, Visa und Mastercard quasi über ein Monopol in Europa verfügten. Auch das restliche Banking beschreibt er als stark eingeschränkt. So seien auch Konten bei nicht-amerikanischen Banken teilweise geschlossen worden. Transaktionen in US-Dollar oder über Dollar-Konversion sind ihm verboten.

Ich denke ja schon länger, dass das Mittel der Wahl wird, wie der Techfaschismus seine Gegener*innen kontrolliert. Wer unbequem wird, landet auf „der Liste“ und die Plattformen und Zahlungsanbieter machen den Rest.

Wie neulich hier besprochen arbeitet die Trumpregierung bereits an einer inländischen Implementierung zum „War against Antifa“. Wobei die Schwammigkeit des Targets dieser Form der Unterdrückung durchaus entgegenkommt. Millionen zerstörter Einzelschicksale, weil „Antifa“. Gleichzeitig kann man mit solchen Listen prima am Gesetz vorbei unterdrücken: Die Plattformen setzen nur ihr Hausrecht durch und wer will schon „Terroristen“ unterstützen?

Die kommende Purge-Koalition wird nur ein Teil des Problems sein und wenn sich all diese Plattformen koordinieren, knallt der Thanos-Effekt an die Decke. Unsere Abhängigkeiten von der amerikanischen Tech-Oligarchie sind eine tickende Zeitbombe.


Jason Pargin hat ein kurzes Erklärvideo über die psychologische Ökonomie des Kulturkampfes.

Wenn wir die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten auf die Konsumwelt anlegen, dann sehen wir, dass die zusätzlichen Kaffee-Pfadgelegenheiten zwar nichts an der Verfügbarkeit der materiellen Pfadgelegenheit „Coffee, Black“ ändert, wohl aber an ihrem Wert, denn die Macht-Wert-Formel teilt immer durch die Pfadalternativen.

Und das gilt für die semantische Ebene erst recht: Der Orientierungspunkt „Kaffee“ wird ambivalent, verzweigt sich, verliert damit einen Gutteil seines Werts als Erwartungs-Koordinationsanker.

Jede Pfadalternative ist semantisch dem Spiel der Differenzen ausgeliefert: Neue Kaffee-Pfadgelegenheiten sind auch Pfadgelegenheiten zur Distinktion und das wird von den semantisch Zurückgelassen gespürt und machmal als Pfadgelegenheit genutzt, in dem geänderten Verhalten um sich herum eine Form der Herabsetzung ihrer Art zu leben zu lesen. Der semantische Ausdruck dieser Herabsetzung ist die Degradierung ihres Kaffees von „universeller, voll oker Kaffee, den halt alle trinken“ zur „Basic-Variante“.


Im Zuge der Veröffentlichung interner Untersuchungen am MIT kamen ein Haufen E-Mails zwischen dem deutschen KI-Forscher Joscha Bach und Jeffrey Epstein zu Tage. Bach und seine Theorien waren bereits mehrfach Thema hier, das erste Mal 2016, aber auch in Krasse Links No 31. Aus dem Boston Globe:

“In the US, black children outperform white children in motor development, even in very poor and socially disadvantaged households, but they lag behind (and never catch up) in cognitive development even after controlling for family income,” he wrote. […]

In another email, sent to Epstein about two weeks later in 2016, Bach claimed that women “tend to find abstract systems, conflicts and mechanisms intrinsically boring” and attributed gender disparities in scientific involvement to this.

“Most women in computer science do not write programs because they enjoy solving puzzles, but because they want to help people, get approval etc,” he wrote. “There are almost no women in math, because it does not help people or yield social attention.”

He also drew further generalizations about the differences between racial groups and mused about fascism, describing it as “probably the most efficient and rationally stringent way of governance,” but adding that it “makes romantic doo-gooders like me very uncomfortable.”

Aber auch der größere Kontext ist interessant:

According to the MIT report on Epstein’s interactions with the institute, Epstein introduced Bach to Ito, the Media Lab leader, in 2013. Bach was hired by the lab “in large part because Epstein subsidized the cost,” the report said. Epstein made donations in November 2013, July 2014, and September 2014 totaling $300,000 to support Bach’s research, according to the report.

Epstein also introduced Bach to Martin Nowak, a professor of mathematics and biology at Harvard University, according to the school’s report into its connections to Epstein. (Like MIT, Harvard commissioned a review into the university’s connections to Epstein and released the findings in 2020.)
Nowak, who led Harvard’s Program for Evolutionary Dynamics, which was funded by a multimillion-dollar gift from Epstein, was sanctioned by Harvard in 2021. He was barred from leading new research projects and taking on advisees for two years, and the program was shut down.

Nowak gave Bach access to the program’s offices from 2014 to 2019, and the program listed Bach as a research scientist on its website, according to the Harvard report. The report said Harvard did not pay Bach or provide funds to support his research. After leaving MIT in 2016, Bach continued to intermittently use the program’s office space, including to meet with Epstein, according to the report.

Was weniger Gegenstand der allgemeinen Diskussion um Epstein ist, aber zur Wahrheit unbedingt dazugehört, ist die Tatsache, dass er eine einflussreiche Figur in der Wissenschaftspolitik der USA war. Epstein war sehr engagiert, Teil eines intellektuellen Zirkels zu werden, der sich um den Literaturagenten John Brockman versammelt hatte und den dieser mal in seinem gleichnamigen Buch als „Third Culture“ bezeichnete. Da versammelte sich ein neuer Typ des Intellektuellen, der nicht mehr diesen papierverstaubten kulturwissenschaftlichen Background hat, sondern aus der „echten Wissenschaft“ kommt und die Aura des „Innovators“ trägt: Richard Dawkins, Daniel Dennet, Marvin Minsky, Roger Penrose und Steven Pinker und so weiter. Also das, wovon Jordan Peterson und das „intellektual Dark Web“ die pfadanhängigen Ausläufer in unsere Zeit sind.

Brockman und seine neuen Intellektuellen etablierten aber auch die Erlangung der Deutungshoheit der „Hard Science“ über eigentlich traditionell kultur- und geisteswissenschaftlichen Fragen, unter anderem: Was ist Erkennen, was ist Denken, was ist Bedeutung, was ist Sprache? Diese Fragen wurden jetzt zunehmend von „Cognitive Scientists“, also Psycholog*innen, Neurowissenschaftler*innen und im weitesten Sinne auch KI-Forscher*innen beantwortet.

In seinem Buch „Language Machines“ macht Leif Weatherby den Showdown dieses Paradigmenwechsels an der Popularisierung von Noam Chomskys Konzept der „Generativen Grammatik“ fest. Ich tue ihm sicherlich unrecht, aber verkürzt sagt Chomsky, dass wir eine Art evolutionären Sprachprozessor im Hirn hätten, der zwischen Gedanken und gelernter Sprache übersetzt. Dabei ist das Language-Modul nur ein Modul unter vielen und wird eigentlich nur zur Kommunikation verwendet. Wichtig ist: Denken und Sprechen sind zwei voneinander unabhängige Vorgänge.

Es war aber Steven Pinker, der in seinem Bestseller von 1994 „The Language Instinct“ die Ideen Chomskys in einer abgespeckten Form popularisierte und damit den „Cognitive Turn“ (mein Wort) einleitete, der bis heute das Wissenschaftsfeld und die gesamte Debatte prägt. Weatherby führt den Sieg der Kognitivisten letztlich darauf zurück, dass niemand aus dem kulturwissenschaftlichen Lager wirklich auf Pinkers evolutionspsychologische Thesen antworten wollte.

Ende der 1990er Jahre kommt dann nach und nach Jeffrey Epstein ins Bild. Er war fasziniert von den großen Ideen um Bewusstsein, Sprache, Evolution und Intelligenz und natürlich: Künstlicher Intelligenz. Auch er wird wie Brockman ein Broker in diesem neuen wissenschaftlichen Paradigma, aber statt mit Buchverträgen und Ruhm, stattet Epstein diese Szene mit Geld und Kontakten zu seinen Milliardärs-Freunden und Politeliten aus. Er veranstaltet Dinner, Partys, Dinnerpartys, Hintergrundrunden und verweißnochwas. Er finanziert quasi im Alleingang Brockmans Edge Foundation, Projekte an der Harvard-Universität und am MIT, den Psychologen Howard Gardner, Martin Nowak und eben Joscha Bach (auf Anraten von Marvin Minsky), er freundet sich mit Noam Chomsky an und hängt mit Steven Pinker, Minsky, Brockman und vielen anderen aus der Klicke rum. Aber vor allem vermittelte er Kontakte von und zu der neuen Intelligenzija, zu Geld, zur Tech-Szene, zur höchsten Politik und naja, zu … Minderjährigen.

Ich will niemandem Dinge unterstellen, die er oder sie nicht getan hat (nachgewiesen ist konkreter sexueller Missbrauch nur bei Marvin Minsky) und Jeffrey Epsteins Einfluss auf die Hegemonialwerdung des kognitiven Paradigmas kam relativ spät und man sollte ihn auch nicht zu hoch hängen, aber die semantischen Pfadabhängigkeiten und ideologischen Übergangswahrscheinlichkeiten sollten uns dennoch zu Denken geben.

Der Kognitivismus als verwissenschaftlichter Individualismus konnte das descartsche Individuum gegen den Angriff der Poststrukturalisten nicht nur verteidigen, sondern ein eigenes Paradigma auf diesem Sieg errichten.

Solange die Sprache nur Übersetzung innerer Geisteszustände ist, bleibt die „Res Cogitans“ intakt, bleibt das Individuum unteilbar, denn nur durch diese Unteilbarkeit, so die Vorstellung, hat der Mensch „Agency“. Chomsky steht in einer „anarchistisch-liberalen Tradition“ und da gehört das Individuum zum pfadabhängigen Erbe und wie anschlussfähig diese Position nach rechts ist, war zu seiner Zeit weniger klar als heute.

Gleichzeitig öffnet sich diese undefiniert gelassene Stelle des Denkens, das nicht Sprache ist, der pfadabhängigen Imagination: Mit dem „Bewusstsein“ und seiner „Intelligenz“ hatte man eine mit der Welt (von der Genetik abgesehen) unkorrelierte „Qualia“, der man jetzt versuchte, mit Brain-Scans, Zwillingsstudien, „Intelligenz-Tests“ und „evolutionärer Psychologie“ auf die Spur zu kommen.

Auch wenn man sich nach wie vor nicht sicher ist, was Intelligenz oder Bewusstsein überhaupt sind, ist man sich sicher, dass es etwas mit Skalierung zu tun hat, eine These, die sich oberflächlich gesehen mit „KI“ zu bewahrheiten scheint. Hinter all dem steht eine Vorstellung von „Intelligenz“ als lineare Qualitäts-Hierarchie der Bewusstseine – von der Amöbe über Albert Einstein bis zum Cognitive Scientist der Third Culture und mit „AGI“ vielleicht demnächst sogar darüber hinaus.

Dabei gilt so grob: Je Intelligenz desto Agency und je Agency desto Individuum.

Damit wird folgendes Narrativ möglich: der Ort in der Gesellschaft, den du (und die Gruppe, zu der du gehörst) einnimmst, reflektiert deine Agency (statt, wie es wirklich ist: andersrum) und deine Agency (und die deiner Gruppe) reflektiert deine Intelligenz.

Wer hat wohl Interesse an so einem Weltbild?

Hm, reiche Menschen?

Rassisten?

Sexisten?

Aber vor allem: reiche, sexistische Rassisten?

Der Kognitivismus ist nicht nur das vorherrschende wissenschaftliche Paradigma, sondern auch Grundlage der neoliberalen Eliten-Vorstellung von der Gesellschaft als „Meritokratie“ und über Bande daher auch, wo der „Scientific Racism“ seinen Most holt. Außerdem ist er der semantische Ort, von dem die KI-Bros ihre naive Vorstellung von Intelligenz beziehen und nicht zuletzt bietet er auch die Erlaubnisstruktur für das neuerliche Milliardärs-Klassenbewusstsein.

Jeffrey Epstein war ein echtes Individuum, ein Superindividuum das andere „Individuen“ wie Dividuen aussehen lässt, wie Joscha bewundernd bemerkte:

“I find your ‘political incorrectness’ very fascinating,” Bach wrote. “In the beginning, I thought it is a form of costly signaling, but now I think you are simply entirely unconstrained in your thoughts.”
He added, “I wonder what kind of person you want to transform into.”


Dieser Video-Explainer über KI dreht sich eigentlich um die Frage, in wie weit Schmerz die wesentliche Zutat ist, die Lernen ermöglicht, kommt dabei aber immer wieder auf die sogenannte „Value Function“ moderner Machine Learning-Systeme zurück.

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Q-Function errechnet also den subjektiven „Wert“ von Pfadgelegenheiten.


Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionsbiologischen Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Um zu verstehen, wo die Semantik sich versteckt, müssen wir Gregory Batesons elegante und treffende Definition von „Information“ nehmen und sie zu einer strukturalistischen Evolutionstheorie erweitern. Die Definition lautet:

Information is a difference, that makes a difference.

Aber welche Difference maked die Difference? Spoiler: Sie verändert Erwartungen.

Das symbolische System der Amöbe unterscheidet ihre Umwelt in Grenze, Gefahr und Lecker, indem sie die projizierten Handlungen „Richtung ändern“, „Run“ und „Absorbieren“ als Heuristik verwendet, als Q-Function, um für jeden sich ihr bietenden Pfad den „Wert“ zu bestimmen, bevor sie sich dafür oder dagegen entscheidet.

Doch um zu funktionieren, müssen die projizierten Handlungen zu wiedererkennenbaren Symbolen werden, die voneinander hinreichend unterscheidbar sind und die bei jedem Kontakt mit der Welt eine Iteration aus Generalisierung und Differenzierung vollziehen. Das heißt, Grenze, Gefahr, Lecker sind bereits notwendig dem Spiel der Zeichen nach Saussure/Derrida ausgesetzt und der Evolutionsdruck richtet sich von nun an auch danach, wie gut dieses Generalisieren und Differenzieren klappt und der Amöbe dabei hilft, ihre Umwelt erfolgreich zu navigieren.

Von diesen Unterscheidungen können wieder weitere Unterscheidungen abgezweigt werden:

Lecker auf die eine oder andere Weise, gefährlich auf die eine oder andere Weise, Ausweichen nach rechts, links, geradeaus? Jede Differenz ist eine Pfadgelegenheit, um weitere Differenzen daran anzuschließen.

Deswegen ist die Pfadgelegenheit selbst bereits „proto-semantisch„: Sobald wir eine Wahl haben, tragen die Pfade, die wir ein- oder ausschlagen „Bedeutung“, insofern, dass wir jeden Pfad mit einer bestimmten Erwartung verbinden.

Noch bevor wir ein Wort sprechen können, sind wir in ein Netzwerk der Erwartungen eingebunden, das uns an uns selbst, aber auch mit der Welt und mit den Menschen um uns herum verbindet.

Strukturalismus evolutionär gesehen, bedeutet also: Erwartungen differenzieren sich aus, indem sie einander als differenzielle Infrastruktur verwenden: Aus Strukturen werden Metastrukturen, werden Metastrukturen, werden Metastrukturen etc. Nach Bateson: A Second Order Information is a difference making difference, that makes a Difference compared to the other the difference making differences, etc.

Erwartungen sind intern vernetzt. Nicht nur orientieren sich unsere Erwartungen an den Erwartungen der Menschen um uns herum, sondern eine Erwartung baut immer auch auf ein Netz pfadabhängiger Erwartungen auf, ob unbewusst oder unbewusst. Ich erwarte, dass die Zeichen, die ich hier schreibe, gespeichert werden, weil ich erwarte, dass WordPress sie abspeichert, was die Erwartung voraussetzt, dass der Server erreichbar ist, was erwartet, dass der Strom funktioniert, usw. Ändert sich ganz unten was in der Kette – etwa mit dem Strom – dann ist das eine mächtige „Information“, denn sie verändert alle davon pfadabhängigen Erwartungen.

Auch mein Hund Cobi unterscheidet Dinge, Menschen, Tiere und nutzt diese Unterscheidungen als Pfadgelegenheit zu unterschiedlichem Verhalten. Ein Baum ist auch für ihn nicht nur dieser eine Baum, sondern er hat eine zur Erwartung geronnene Erfahrung von „Baum“, die er aus all seinen Begegnungen mit „Baum“ generalisiert und differenziert hat. „Baum“ ist bei ihm vor allem mit der Pfadgelegenheit zur Kommunikation assoziiert. Weil er und andere Hunde bevorzugt gegen Bäume pinkeln ist sein ausgiebiges Schnüffeln seine Art der Morgenlektüre der Lokalnachrichten. Seine feine Nase ermöglicht ihm alle möglichen Aspekte des Geruchs zu unterscheiden und feine Differenzen darin wiederum als Pfadgelegenheiten zu nutzen, um sich zu Verhalten, zB. selbst eine Antwort zu hinterlassen.

Natürlich hat Cobi eine ganz andere (Proto-)Semantik von „Baum“ als ich. Die Unterscheidung zwischen Mast und Baum empfände er wahrscheinlich als eine lächerliche Spitzfindigkeit und ich glaube über solche Sachen würden wir uns den ganzen Tag streiten, wenn er meine Sprache spräche. Dann würde ich mich aufspielen, dass meine Unterscheidung viel besser, viel differenzierter sei, als seine Unterscheidung und ich würde mir toll vorkommen, dass wir Menschen mit dem Wort „Baum“ eine viel bessere semantische Infrastruktur zur Verfügung hätten, als seine zusammengewürfelte Privatempirie der Erscheinungen.

Dann würde mich aber Cobi darauf hinweisen, dass „Baum“ biologisch und damit in gewisser weise auch „ontologisch“ eine falsche Bezeichnung ist. Es gibt nicht die Spezies „Baum“, sondern nur einen heterogenen Mix aus unterschiedlichen und größtenteils kaum verwandten Pflanzenarten, die jeweils parallel auf den evolutionären Pfad der „Verholzung“ eingeschwungen sind.

Das habe er sich doch gerade erst angelesen, würde ich ihm entgegenrufen, um den Punkt zu machen, dass nur menschliche Semantik die notwendigen Infrastrukturen bietet, um solche Dinge wie „Spezies“ überhaupt zu unterscheiden!

Ach ja, sagt Cobi? Also er habe diese Unterscheidung schon immer gerochen. „Fichte, Buche, Eiche, Tanne für mich war das schon immer ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Auf Fichte komme zum Beispiel sein Geruch am besten zur Geltung. „Aber ihr Menschen seht nur Holz. Hauptsache brennt gut, was?“ Er ist so ein Klugscheißer!

Here is the Thing: Das, worauf Saussure und die (Post-)Strukturalist*innen gestoßen sind, ist mehr als nur „Sprache“ in dem sehr engen Sinn, wie die Kognitivist*innen sie wegerklären. Sprache, im universell Saussure’schen Sinn, fängt dort an, wo wir Unterscheidungen machen und sie für unterschiedliche Pfadgelegenheiten nutzen. Deswegen irritieren mich die Befunde und Brainscans der Kognitivisten gar nicht: Es gibt keine kognitiven Fähigkeiten, für die die Fähigkeit zu Unterscheiden und diese Unterscheidung als Infrastruktur für weitere Unterscheidungen zu verwenden, nicht eine pfadabhängige Infrastruktur wäre.

Aber wie entsteht das, was wir normaler weise „Semantik“ nennen: also intersubjektive Bedeutung?

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Wenn Pfadgelegenheiten Proto-Semantiken sind, weil sie projizierte Handlungen sind, die erwarteten Pfaden in vorhandenen Infrastrukturen folgen, dann sind semantische Pfadgelegenheiten, projizierte Pfade in den erwarteten Erwartungen meines Gegenübers – also seiner und meinen gemeinsamen wechselseitig erwarteten semantischen Infrastrukturen. Wenn ich unterscheide, was Menschen erwarten, kann ich ihre Erwartung als Pfadgelegenheit nutzen, mich zu ihnen in für sie erwartbarer oder auch unerwartbarer Weise zu verhalten und mich damit unter umständen auszudrücken.

Semantiken sind Pfadgelegenheiten zur Modifikation von Erwartungen, die die erwarteten oder formulierten Unterscheidungen anderer als Infrastruktur nutzen.

Nun ist es aber so, dass ich die Worte, die ich Cobi zurufe nicht erfunden habe. „Sitz“, „Platz“, „Hier“ – das sind geläufige Formen seinen Hund konditionieren und weil ich kein Individuum bin, das sich die Mühe macht, eine Privatsprache für sowas zu erfinden, sondern nur ein Dividuum, das die Sprache der anderen nutzt, wie es sie vorfindet, ist Cobis Verständnis von der Welt stellenweise semantisch verwoben mit dem Netzwerk der menschlichen Erwartungserwartungen. Das macht manchmal auch Probleme, zum Beispiel wenn ich nach Cobi rufe und Menschen drumrum sich umdrehen, weil sie zufällig „Tobi“ heißen.

Im Gegensatz zu Hunden betreiben wir mit den „gesellschaftlichen Semantiken“ ein morphologisches Feld lokal stabilisierter, aber sich dennoch ständig wandelnder Erwartungserwartungen, von dem ich geprägt bin, noch bevor ich meine „eigenen“ Unterscheidungen überhaupt hätte treffen können. Das heißt, die Unterscheidungen, mit denen ich die Welt betrachte, sind durch die Sprache, in der ich denken und sprechen gelernt habe, überformt und vordefiniert. Jede Unterscheidung ist ihr eigenes Paradigma und ich erbe diese Paradigmen, ohne mich wirklich kritisch mit diesem Erbe zu befassen (ist auch nicht so leicht, tbh.)

Aber das heißt, wir sind erstmal geprägt von den Unterscheidungen, die andere vor uns und für uns getroffen haben. Unser Verständnis der Welt ist durch die vorhandenen semantischen Pfadgelegenheiten vorstrukturiert und da kommen wir nur raus, wenn wir alternative semantische Pfade suchen und schaffen.


Dass das Resultat der KI-Anstrengungen der Kognitivisten ausgerechnet in der LLM mündete, die den endgültigen empirischen Beweis für die Richtigkeit des poststrukturalistischen Ansatzes erbracht hat, ist eine Ironie der Geschichte, auf die als erster Ted Underwood hinwies und die auch ich im KI-Paper für die Hans-Böcklerstiftung und dann im Aufsatz „Im Dickicht der Bedeutung“ genauer erklärt habe und die jetzt Leif Weatherby in seinem absolut lesenswerten Buch „Language Machines“ genaustens seziert.

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Das bedeutet aber auch, dass es „AGI“ so, wie es sich die Kognitivisten vorstellen, nicht geben kann. Wenn Intelligenz nicht die Eigenschaft eines Systems, sondern eine Beziehung zwischen System und Umwelt ist, dann gibt es „bessere Intelligenz“ in unserem (post-)strukturalistischen Framework nicht durch „Skalierung von Kognition“, sondern nur durch neue und bessere Unterscheidungen.

Das Platzen der KI-Blase, so meine Hoffnung, wird damit hoffentlich auch das Ende des Kognitivismus einleiten und vielleicht sogar das Königreich des Individuums endgültig kollabieren lassen. Und so notwendig das ist: das wird nicht schön.

Krasse Links No 73

Willkommen zu Krasse Links No 73. Absorbiert eure Supply-Schocks, heute drohen wir Mamdani mit Übergangswahrscheinlichkeiten, um in der Informations-Kanalisation eine antifaschistische Ökonomie zu errichten.


Ryan Broderick mit der Vogelperspektive auf die Mamdani-Wahl.

As chaotic as all of this is — and will continue to be until the midterms — there is one very clear conclusion here. American politics has changed. The Republicans felt it first. And the same way the Tea Party ate the GOP out from the inside, laying the groundwork for Trump and his MAGA rebrand, so too has what we once called The Dirtbag Left begun devouring the Democrats. The effects of the internet, a deeply alienating globalized economy, and the rise of a technofeudal billionaire class have finally cracked American Democrats wide open. We’re in a class war and it plays out on video feeds and those same billionaires own the algorithms that decide what side of it you end up on. And Mamdani and his team — and the burgeoning DSA political machine — arrived at the exact moment Americans were ready to talk about class and found the best way to hijack our new world of short-form (and long-form) video to make sure you actually heard them. Successfully turning his mayoral campaign into not just a referendum on President Donald Trump and the horrors of his second first year in office, but also the Democratic establishment. And with Mamdani’s big win this week, it’s safe to assume the Democratic civil war will be arriving on a ballot near you soon.

Wenn jemand wie Mamdani auftaucht, sortiert sich um ihn das politische Feld neu und machmal auch „besser“, in dem Sinne, dass die Bruchkanten des eigentlichen Konfliktes deutlicher zur Geltung kommen. In allen heute dafür relevanten Dimensionen ist Mamdani eine wichtige Orientierungsschneise für kommende Konflikte.


Netzwerkdenken bedeutet, Strukturen zu sehen, statt nur Objekte oder Leute. Es bedeutet, sich immer wieder die eigene Verortetheit im Netzwerk vor Augen zu führen. Netzwerkdenken bedeutet in Pfaden zu denken, denn der Pfad ist der einzige Weg durch das Netzwerk, den wir kennen. Netzwerkdenken bedeutet aber auch, in Dimensionen, statt in Kategorien zu denken und in Übergangswahrscheinlichkeiten, statt in Kausalitäten.

Das Gute ist, dass wir alle ein bisschen Netzwerkdenken gelernt haben. Ganz besonders in der Zeit Pandemie wurden wir angehalten, uns als Teil von exponentiellen Graphen zu imaginieren, die wiederum auf einem Netzwerkmodell von Ansteckungsereignissen basiert.


(Aktuelle Inzuidenz)

Das, was wir als den „R-Wert“ (oder auch R0) kennengelernt haben, ist die Übergangswahrscheinlichkeit für unfinfizierte Menschen, in der Gruppe der Infizierten zu landen.

An R können wir uns klar machen, was eine Übergangswahrscheinlichkeit ist. R bedeutet nicht, dass du dich auf jedenfalls ansteckst und es bedeutet nicht, dass du auf keinen Fall ansteckst. Übergangswahrscheinlichkeiten funktionieren anders als Kausalitäten.

R0 ist zudem ein Durchschnittswert und sehr unpräzise, wenn man ihn auf sich selbst anwendet. Übergangswahrscheinlichkeiten sind in Wirklichkeit zusammengesetzt aus den Übergangswahrscheinlichkeiten der heterogenen Strukturen, in denen Übergänge tatsächlich stattfinden.

Auf das Dividuum heruntergebrochen gibt es große Unterschiede des persönlichen R-Wertes: Gehst du wenig aus dem Haus, senkt das dein R, trägst du Maske, senkt das dein R, lässt du dich Impfen senkt das dein R, usw.

Man kann das sogar bis herunter auf Ereignisse auflösen: Eine Veranstaltung mit vielen Leuten besuchen erhöht dein R, Zugfahren erhöht dein R, mit Menschen draußen statt drinnen treffen, reduziert dein R.

Ein Beispiel: Ich war die bis letzte Woche zwei Wochen lang unterwegs, von Berlin, nach München, nach Hannover, nach Köln, nach Stuttgard und über Hannover wieder zurück. Ich war auf Theaterveranstaltungen, auf einer Hochzeit, habe ein Seminar gegeben und habe dabei ca. 6 längere Bahnfahrten zurückgelegt und ich habe nie Maske getragen und dennoch bin ich ohne eine Infektion durchgekommen.

Ein anderes Beispiel: Am Wochenende habe ich einen Freund auf dem Land besucht und zusammen haben wir ein bisschen draußen gearbeitet. Es waren auch zwei andere da, aber vor allem habe ich mit meinem Freund Zeit verbracht und vor allem draußen. Aber meinem Freund ging zum Abend hin immer schlechter und als ich schon wieder zu hause war, schickte er mir das Foto mit dem positiven Test. Und jetzt sitze ich hier mit meiner Covid Infektion.

Das scheint erstmal der Aussage von R zu widersprechen, oder?

Tja, das ist das Problem, wenn man in Kausalitäten denkt. Übergangswahrscheinlichkeiten produzieren contra-intuitive Ereignisse schon zum Frühstück!

Übergangswahrscheinlichkeiten repräsentieren in Wirklichkeit Pfade im Netzwerk, Ansteckungspfade im Falle von R. R0 ist ein aggregiertes Maß über alle Ansteckungspfade, also der Baumstruktur des Infektionsgraphen. Epidemiologie abstrahiert reale Pfade zu Wahrscheinlichkeiten und Wahrscheinlichkeiten zu Raten. Der R-Wert ist die komprimierte Form eines Netzwerks, das man nicht sehen, aber berechnen kann.

Oder andersrum: Wir, bzw. unsere direktphysischen Interaktionen miteinander, bilden das Netzwerk der Pfadgelegenheiten, in dem sich das virus bewegt. Was wir eigentlich machen, wenn wir versuchen, unseren R-Wert zu senken, ist unser relatives Zentralitätsmaß im Netzwerk der viralen Pfadgelegenheiten zu reduzieren. Idealerweise kapseln wir uns vom Netzwerk ab, was ich gerade machen muss, so ein Scheiß.

Die Epidemiologen können natürlich nicht jeden einzelnen Pfad verfolgen, aber für ihre Modelle braucht es das nicht.

Ein Markow-Modell ist ein iterativer Prozess, der zwischen endlich vielen Zuständen – etwa gesund, infiziert, genesen – entlang von Übergangswahrscheinlichkeiten wechselt. Im Zentrum steht also die Übergangswahrscheinlichkeits-Matrix und jede Zeile steht für den aktuellen Zustand, jede Spalte für den möglichen nächsten. Multipliziert man den momentanen Zustandsvektor mit dieser Matrix, erhält man die Wahrscheinlichkeitsverteilung des nächsten Zeitschritts. In jeder Iteration „vergisst“ der Prozess die vorherigen Schritte und handelt entlang der veränderten Zustände und ihrer Übergangswahrscheinlichkeiten im ewigen Jetzt. Und trotzdem ergibt sich eine realistische Dynamik.

Weil wir keine Individuen sind, die einfach tun und lassen, was sie wollen, sondern Pfadopportunisten in einem Labyrinth aus Pfadgelegenheiten, agieren wir in vielerlei Hinsicht selbst wie Viren oder Markowmodelle: Wir erinnern uns nicht an unsere Pfade (siehe Infrastrukturvergessenheit), aber reproduzieren ihre Wahrscheinlichkeiten.

Jedenfalls hier ein ganz einfachens SIR-Modell zum Rumspielen.


Issie Lapowsky mit einem Text in Politico, der das Potential hat, die Demokratische Partei zu revolutionieren.

Future Forward ist der Super-PAC, der bei der US-Wahl einen großen Teil der demokratischen Gelder für Werbung auf Plattformen ausgeben hat und weil der auch bei den Tech-Bros beliebt war (ja, einige haben auch für Demokraten gespendet), war es bei dieser Wahl auch der mächtigste Super-Pac und gab die Richtung vor.

Once the go-to Democratic super PAC behind Barack Obama’s 2012 and Hillary Clinton’s 2016 presidential campaigns, Priorities was effectively sidelined in 2024. Future Forward received the Biden campaign’s blessing, and Silicon Valley megadonors, drawn in by the group’s data-driven approach, funneled their fortunes into Future Forward’s giant pot. In the end, Future Forward’s PAC spent more than $500 million on ads — nearly 70 percent of all presidential super PAC spending from Democrats according to one count. Priorities, by contrast, spent about $2 million.

Von Future Forward kam nicht nur Werbegeldsteuerung hin zu den Plattformen, sondern auch auf die inhaltlich-strategische Ausrichtung hatten sie großen Einfluss, denn da ist eben alles „datengetrieben“.

Throughout 2024, Future Forward worked closely with the Democratic data firm Blue Rose Research, which tested thousands of ads from both parties, including ads Future Forward commissioned and ads made by other groups. Those tests found that the ads with clear economic messages about lowering the cost of living consistently proved the most persuasive to the most people. Future Forward cut its own ads from an array of ad makers in eight languages and produced different versions to appeal to different demographics. It spent heavily online, outspending Republicans in battleground states two-to-one on digital platforms. But for the most part, Future Forward’s ads stayed relentlessly on message, with 71 percent of them focused on the economy, according to a Future Forward adviser who was granted anonymity to speak with POLITICO Magazine because they didn’t have permission to go on the record.

Aber der Versuch, einer angeblich breiten Mitte in den Umfragen hinterzurennen, um sie mit halbseidenden Versprechungen zu Preisstabilität via getargeteten Ads zu catchen, vergisst Menschen zu überzeugen, Themen zu setzen und das Narrativ zu kontrollieren.

Die Trump-Campaign hat das ganz anders gemacht.

One example of this she frequently points to is the infamous “They/Them” attack ad, which Priorities tracked. It featured Harris talking in 2019 about paying for gender-affirming surgery for trans prisoners. The ad began life as a bit of opposition research, posted to the Trump War Room account on X. The post gained steam online until, in September of 2024, the Trump campaign ran it as an ad. The more pickup the ad got — in the news and on podcasts like The Breakfast Club — the more money Trump’s camp put behind it.

“That ad didn’t come from a poll telling them to talk about that clip,” Butterfield said. “They used the internet to signal to them that it was effective rather than a poll or a focus group.”

Democrats never really responded to the claims in the ads, though. Future Forward could see that the ad was effective. But according to the Future Forward adviser, the group decided that it was up to the Harris campaign itself, not an outside super PAC, to decide what kind of stand to take on the issue. According to The New York Times, the Harris campaign did craft a rebuttal ad, but it fell flat in ad tests and was shelved. And so, in another moment that Butterfield likens to the post-debate period, Democrats left one of Trump’s stickiest digs effectively unanswered.

After Trump won, one post-election poll found that, of all of the issues, from immigration to Israel, voters thought Harris had focused excessively on transgender topics. In reality, she hadn’t said much about those issues at all. It was Trump’s team doing the talking.

Es ist aber nicht nur eine falsche Strategie. Es ist eine veraltete Strategie in einer völlig veränderten Medienlandschaft.

Between 2020 and 2024, people who consumed at least three hours of YouTube a day had moved 10 points toward Trump — a bigger swing than Black voters, Black men, young voters and a slew of other categories that were dominating headlines.

“The driver of behavior in ‘24 was so much more about your media consumption,” Butterfield said.

Ich hatte das in Krasse Links No 35 so zusammengefasst:

Was die Pandemie gemacht hat, ist die Welt neu zu verdrahten. Die materielle Mediengeschichte der Pandemie kann man an vielen Daten ablesen, etwa wie das Öffentliche Leben zum Stillstand kam und sich nie wieder ganz erholte, weil Dritte Orte – Orte jenseits von Arbeit und Zuhause – ebenfalls mehr und mehr verschwunden sind.

Die Menschen sind seither einsamer, aber haben ihre Sozialität auch verstärkt ins Internet verlagert, wo sie „Influencer*innen“ folgen, eine Menge Podcasts abonniert haben, und ihre Informationen vermehrt aus Social Media beziehen. Als sie dann noch Aktien-Trading-Apps luden und Crypto kauften, richteten sich auch ihre Aufmerksamkeitskanäle auf die boomende Investment- / Cryptoinfluencer*innen-Szene aus und sie wurden empfänglich für deren Botschaften des baldigem Kollaps, usw.

Das ist nicht nur ein Shift von „Aufmerksamkeit“ und „Medienkonsum“, als wäre das sowas wie Süßigkeiten Essen. Es ist eine völlig andere Informations-Kanalisation entstanden, die sich seit der Pandemie nicht nur verfestigt hat, sondern auch pfadopportunistisch gewachsen ist.

Aber Experimente mit aggressiveren Clips von Demokratenseite zeigen, dass die Demokraten in dieser anderen Informations-Kanalisation nicht chancenlos sind.

But throughout the summer and early fall, Priorities’ data consistently found that the Epstein Files were the one political topic that continued to break through online. That led Priorities to create an ad about the shadowy powers of the billionaire class, drawing a straight line between Trump, Epstein and the Pennsylvania megadonor Jeffrey Yass who’s backing the opposition. The ad doesn’t make any claims about Yass, but it pushes the idea that money in politics corrupts. “With money and power, who knows what you can get away with,” the voiceover intones.

Like the “They/Them” ad before it, it’s a bit of a conceptual stretch, and it didn’t perform particularly well on ad tests. But amid a crowded field of ads featuring stale B-roll of judges in robes, Abbott said it’s worth leaning into a message “that’s catching people’s attention.” In the first few days the ad ran, Priorities said, it performed better on YouTube surveys than other more traditional ads about the race, and users were twice as likely to actually click through.

Wir, unsere Gespräche am Esstisch, unsere Social Media accounts, die Plattformen, die wir nutzen, Podcasts die wir nacherzählen, Newsletter, die wir weiterleiten, Bücher, die wir weiterempfehlen, die klassischen Medien, dir wir trotzdem gucken, etc. All das bildet das Netzwerk der Pfadgelegenheiten, durch das die Narrative perkulieren. Wege zu dir, Wege von dir weg, gute Wege, breite Wege, weite Wege, schnelle Wege. Wege nach oben, Wege nach unten, Wege in die eine Community oder die andere.

Wer in Zukunft medial erfolgreich sein will, muss sich obsessiv in diese Informations-Kanalisation reindenken, muss ein Orientierungswissen darin erlangen und lernen, plausible Pfade darin zu erkennen, um die richtigen Narrative in die richtigen Netzwerkzentralitäten zu speisen.

Aber vermutlich wird das nicht reichen, vor allem, wenn sich die Purge-Koalition materialisiert.

An Stelle der Demokraten würde ich das gesamte Werbegeld in den Aufbau eigener Medieninfrastrukturen investieren, um von den kommerziellen Plattformen unabhängige Kanäle aufzustellen.


Auch Isabella Weber schreibt begeistert über die Wahl von Zohran Mamdani als Bürgermeister von New York City.

Die Menschen sind so unzufrieden mit dem Status quo, dass sie alles außer Kontinuität wählen würden. Aber die Demokraten und die meisten demokratischen Parteien weltweit scheuen sich davor, echte Alternativen anzubieten. Das hat die Wähler in die Arme der extremen Rechten, ja sogar faschistischer Kräfte getrieben. Mamdani hat es sich zum Ziel gesetzt, deren Monopol auf Visionen für eine andere Zukunft zu brechen.
Mamdani konzentriert seine Kampagne darauf, das Leben wieder bezahlbar zu machen – und bietet damit Hoffnung. Er zeigt, dass demokratische Vertreter für die grundlegendsten materiellen Interessen ihrer Wähler eintreten können. Damit stellt er das Versprechen der Demokratie wieder her. Angesichts des weltweiten Vormarsches faschistischer Bewegungen bietet seine Kampagne etwas, das dringend benötigt wird: den Beginn eines antifaschistischen Wirtschaftsprogramms, mit dem Menschen zurückgewonnen werden können, die den Glauben an die Demokratie selbst verloren haben.

Mamdanis Antwort ist bestechend einfach: Sicherstellen, dass sich alle New Yorker das Nötigste leisten können. Ein Mietpreisstopp für stabilisierte Wohnungen in Verbindung mit dem Bau von 200.000 neuen erschwinglichen Wohnungen. Kostenlose Busfahrten. Universelle Kinderbetreuung im Alter von sechs Wochen bis fünf Jahre. Pilotprogramme für städtische Lebensmittelgeschäfte in Lebensmittelwüsten. Höhere Steuern für Millionäre und Unternehmen, um all das zu finanzieren.

Was Weber hier sagt, ist nicht nur ihre Meinung, das ist auch Ergebnis ihrer Forschung.

Neue Untersuchungen, die ich zusammen mit Kollegen durchgeführt habe, zeigen, welche Preise für die Ungleichheit am wichtigsten sind. Wir haben festgestellt, dass eine kleine Gruppe von wesentlichen Sektoren – Energie, Lebensmittel und Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Chemie, Wohnen und Großhandel – eine überproportionale Fähigkeit hat, bei Preisanstiegen Umverteilungen auszulösen.

Je ärmer man ist, desto mehr gibt man für Grundbedürfnisse aus. Wenn die Preise für lebenswichtige Güter steigen, sind die Auswirkungen der Inflation auf das unterste Einkommensdezil viel größer als auf das oberste Dezil. Ein Ölpreisschock trifft die ärmsten Amerikaner mit einem um 54 Prozent höheren Inflationsanstieg als die reichsten zehn Prozent. Bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Lebensmitteln ist die Kluft mit 126 Prozent noch größer.

Diese Primärsektoren sind aber eben auch genau die Orte, wo man eine gerechte Preisstabilisierungspolitik ansetzen muss. Das hat Mamdani verstanden.

Die Gewährleistung erschwinglicher Preise für lebensnotwendige Güter, wie Mamdani verspricht, bekämpft Ungleichheit, ohne eine Gruppe gegen eine andere auszuspielen. Es gibt keinen Konflikt zwischen Arbeitslosen und Niedriglohnarbeitern, Menschen in Arbeiterberufen und unterbezahlten Fachkräften, verschiedenen ethnischen oder religiösen Gemeinschaften. Öffentliche Dienstleistungen wie kostenlose Busse und Kinderbetreuung sind für alle zugänglich. Das Konzept basiert auf Universalität statt Ausgrenzung – eine Wirtschaftsagenda, die Menschen vereint, anstatt sie in konkurrierende Gruppen zu spalten.

Öffentliche Optionen für lebensnotwendige Güter sind eine Form der Preisstabilisierung, von der alle profitieren, nicht nur die direkten Nutzer. Unsere Untersuchungen zeigen erhebliche Überschneidungen zwischen den Sektoren, die für Inflation und Ungleichheit am wichtigsten sind. Maßnahmen zur Verhinderung von Preisschocks in wichtigen Sektoren erfüllen eine doppelte Aufgabe: Sie begrenzen Inflationsrisiken und verhindern gleichzeitig einen plötzlichen Anstieg der Ungleichheit. Dies steht in direktem Gegensatz zur konventionellen Geldpolitik – der Anhebung der Zinssätze –, die die Ungleichheit durch höhere Schuldenkosten für die Armen und ein gedämpftes Lohnwachstum aktiv verschärft.

Genau deswegen halte ich es für so wichtig, sich Wirtschaft als Abhängigkeitsnetzwerk vorzustellen. Produkte, Services oder Ressourcen haben keinen Wert ansich, durch sie fließt Wert/Nutzen. „Nutzen“ empfinden wir in dem kurzen Moment, bei dem aus einer Sache, in Kombination unseres infrastrukturellen Kontextes und aus unserer jeweiligen Perspektive eine „Pfadgelegenheit“ entsteht.

Ich „will“ nicht diesen Schraubenzieher, ich will, dass die Spühlmaschine wieder läuft, damit ich meinen Abwasch machen kann, damit ich morgen aus dem Haus kann, ohne mir Gedanken zu machen, um dann auf die Arbeit zu fahren, um Geld zu verdienen, um mir einen Schraubenzieher kaufen zu können.

„Wert“ ist ganz grob gesprochen die Summe des erwarteten Nutzens einer Sache für jemandem in seinem spezifischen materiellen Kontext und seinem spezfischen semantischen Kontext – mit seinem spezifischen Wissen, seiner spezifischen kulturellen Prägung, seinen spezifischen Plänen, etc. Auf das Dividuum runtergebrochen ist es also eine Aggregation über alle von der Sache erwarteten Pfadgelegenheiten hinweg, geteilt durch die Pfadalternativen + 1. Das rechnet man natürlich nicht im Kopf aus, sondern imaginiert es, bis man es durch den Schmerz ihres Fehlens erfährt.


(Wir kennen die Formel bereits als unvollendete Plattformmachtformel und ich denke, sie passt ganz prima auf den „Wert“ von Dingen. Wert ist die Macht, die eine Sache über uns hat.)

Die Sache und damit ein Großteil des „Wert/Nutzen“ entsteht in einem anderen Netzwerk, den Pfad der Produktion, und dort über die gesamten dafür notwendigen Infrastrukturen hinweg, die den Schraubenzieher möglich und in der konkreten Situation nützlich machen und das inkludiert die lockere Schraube in der Spülmaschine, den Baumarkt, wo ich den Schraubenzieher gekauft habe, aber auch den Hersteller, den Zulieferer und deren Arbeiter*innen und deren Familienmitglieder, die den Haushalt schmeißen, ihre Wohnungen und ihren Warenkorb zum sattwerden, das Land, auf dem die Fabrik steht und das Land aus dem die nötigen Bodenschätze kommen und natürlich das Ökosystem, in dem all das eingebettet ist.

Aber dieses Netzwerk ist hierarchisch. Netzwerkknoten die weit unten liegen und sich schwer ersetzen lassen, haben einen überproportionalen Effekt auf alle nachgelagerten Pfadgelegenheiten. Wenn Energie teurer wird, ist die Übergangswahrscheinlichkeit auf andere Sektoren groß, denn Wohnen, die Produktion von Lebensmitteln und den ganze Rest der Pfadgelegenheiten ist stark von Energieflüssen abhängig. Dasselbe gilt etwas abgeschwächt für Lebensmittel und Wohnen. Werden die Grundbedürfnisse der Menschen teurer wird ihre Arbeit teurer, oder – wie es eigentlich läuft: Arbeiter*innen werden ärmer.

Ich habe dazu mit ChatGPT mal wieder ein Markowmodell gebaut, dass die wechselseitigen Anfälligkeiten der Sektoren für Schockweitergabe verdeutlicht: Es gibt vier Sektoren: Energie, Lebensmittel, Wohnen und Restwirtschaft deren Schocks man per Button auslösen kann (Erst Play drücken).

Die Schocks verbreiten sich dann entlang der abgebildeten Transitionsmatrix auf die anderen Sektoren und kühlen sich nach einiger Zeit wieder ab. Man kann das natürlich viel detaillierter und ausgefeilter konstruieren und gemessene Übergangswahrscheinlichkeiten einsetzen, wenn man die findet.


Das Paper, auf das Weber verweist ist ebenfalls interessant, Price Shocks are Redistribution Shocks.

Using the pre-pandemic sectoral price volatility and the price changes from early 2022 as the price shocks for our simulations, we show that a small set of sectors in energy, food and agriculture, healthcare, chemicals and, to a lesser extent, wholesale trade and housing, have a disproportionate capacity to increase inequality when their prices rise. […]

We have three main findings. First, we identify a small set of essential sectors—particularly in energy (e.g., Petroleum and coal products), agriculture and food (e.g., Farms, Food and beverage products), and healthcare (e.g., Hospitals, Ambulatory care services) but also in less obvious sectors like Chemical products and to a slightly lesser extent in Housing and Wholesale trade —as the most critical points of vulnerability that can exacerbate inequality. Second, we find that there is a large overlap between the sectors that are systemically significant for inflation and those that we identify as systemically significant for inequality. Third, we show that one simultaneous shock to all systemically significant sectors in 2022 has a direct effect on inequality equivalent to nearly one year of the average annual Gini increase during the neoliberal era (1980–2021).

Sie nennen das „pathways to systemic significance for inequality“ und formalisieren das so:

These specifications allow us to define what we call the pathways to systemic significance for inequality. That is, the potential of a sector to increase income inequality depends positively on:

  • (1) The extent to which it is more important for the personal consumption of the poor than for the rich (direct channel).
  • (2) The extent to which it is used more intensively as an input by goods that are relatively more important for the consumption of the poor than for the rich (indirect channel).
  • (3) The magnitude of its price change, which in turn affects the magnitude of the inflation impact for each income group.

Auch Isabella Weber hat gelernt in Pfaden zu denken. Und das gilt auch für das, was sie „Übergewinne“ nennt.

There is one more reason why such a sectoral approach has the potential to prevent an increase in inequality: price spikes in systemically significant sectors for inflation can coordinate firms to hike prices across the economy in a process known as sellers’ inflation, which increases corporate profits and hence results in a functional redistribution of income from labor to capital (Weber et al., 2025; Weber & Wasner, 2023).

In previous work we devised an input-output simulation method to identify systemically significant sectors for inflation (Weber et al., 2024a; Weber et al., 2024b). We find that for the US, eight sectors have by far the greatest potential to trigger inflation when prices spike. These sectors are Petroleum and coal products, Oil and gas extraction, Utilities, Chemical products, Farms, Food and beverage and tobacco products, Housing and Wholesale trade. These are sectors that provide essentials for human livelihoods, essential inputs for production and essential infrastructure for the circulation of goods.

Wer im Nutzenpfad einer Sache Geld verdient, entscheidet nicht, wer den Wert konkret herstellt, sondern wer die netzwerkzentraleste Position im Abhängigkeitsnetzwerk seiner Herstellung und Vermarktung hat. (Ich bin immer noch nicht sicher, welches Maß an Netzwerkzentralität hier genau entscheidend ist. Seit ich alles konsequent in Pfaden zu denken versuche, tendiere ich zu einer Mischung aus Katz- und Current-Flow-Beweenness-Zentralität? Aber da würd ich gern mal mit nem richtigen Mathematiker drüber quatschen?)

Laufen viele Abhängigkeitlinien über deine Infrastruktur und gibt es im besten Fall auch nur wenige oder schlechtere alternative Pfade, kannst du es dir erlauben, Margen auf Kosten der anderen Netzwerkteilnehmer zu extrahieren. Von den Arbeiter*innen, klar, das hat Marx analysiert und weil Arbeiter*innen die am wenigsten netzwerkzentralen Einheiten im Nutzenfluss des Produktionspfads sind, d.h. am austauschbarsten sind, pressen die Oligarchen hier den Großteil ihrer Marge. Aber eben nicht nur? Wenn es die Abhängigkeiten hergeben, kommt die Marge eben auch auf Kosten von Zulieferern, Kund*innen, der eigenen Gesundheit, der Ökologie und über was man auch immer glaubt, genügend Macht zu besitzen.

Wir kennen diese Mechanismen vom „Monopol“ und mittlerweile hat man festgestellt, dass es auch ein Käufermonopol geben kann, aber „Monopsony“ und Monopol sind nur die unterdimensionalen Beschreibungen von Extremversionen dessen, wie der Kapitalismus funktioniert. Alle Akteure ringen miteinander um Netzwerkzentralität, denn wer Netzwerkzentralität hat, kassiert von den anderen Margen. Das heißt: Je mehr Wettbewerber, desto geringer die Macht der Unternehmen, desto kleiner die Margen. Auch abseits des Monopols lohnt es sich, Macht zu begrenzen.

Mit den Metaphern des „Marktes“ wurde die Macht in der Wirtschaft über Jahrzehnte verschleiert. „Der Markt“ sind drei Oligarchen im Trenchcoat, die zwar untereinander um ein bisschen um Einfluss konkurrieren, aber gemeinsam die „Choice Architecture“ aus Pfadgelegenheiten bereitstellen, die wir „Konsumfreiheit“ nennen und in der wir uns „frei“ bewegen dürfen – sofern wir es uns leisten können.

Der Preis, da hat die Neoklassik recht, ist der Ort, an dem sich der Pfad der Konsumption und der Pfad der Produktion/Vermarktung treffen, aber anders, als sie es sich denken.

Geld ist aus Usersicht eine universelle Pfadgelegenheit, eine art Joker-Pfadgelegenheit, die man in eine Vielzahl anderer Pfadgelegenheiten verwandeln kann. Und weil die meisten von uns zu Geld kommen, indem sie arbeiten, ist der Kapitalismus eine „Schmerzarchitektur„: Man geht so seiner Pfade und misst dabei den Wert der Pfadgelegenheiten aus dem Sortiment der einen Oligarchen am Schmerz ihres Fehlens und vergleicht ihn mit dem Schmerz, den es kostet, sich das Geld dafür bei einem anderen Oligarchen zu verdienen.

Weil nützliche Pfadgelegenheiten erst erwartet und dann zur Pfadabhängigkeit, bzw. Infrastruktur werden, besteht die Macht der Unternehmen gegenüber uns Konsument*innen in dem Potential, uns Schmerzen zuzufügen (planned Obsolescence, Preiserhöhung, Werbung, Shrinkflation, Enshittification, oder Beendung der Demokratie), ohne, dass wir das Abhängigkeitsverhältnis beenden.

Wenn Macht Netzwerkzentralität im Abhängigkeitsnetzwerk ist, dann bedeutet das aus Unternehmersicht, dass die Übergangswahrscheinlichkeit hoch ist, dass der Nutzenfluss durch die eigenen Infrastrukturen fließt. Supply-Schocks sind dann Ereignisse, die die Netzwerke verengen und damit die Macht einiger der Unternehmen erhöhen und ein Teil dieses Machtzuwachses setzen sie in steigende Preise, also in Margen auf Kosten der Konsument*innen, also in Übergewinnen um.

Man kann sich das Netz der Pfadgelegenheiten als eine riesige, komplexe, multidimensionale Landschaft mit Tälern und Schluchten vorstellen, die die wahrscheinlichen Pfade vorzeichnen, durch den der Nutzen entlang der infrastrukturellen Übergangswahrscheinlichkeiten pfadopportunistisch fließt und an dessen Engstellen sich Macht konzentriert und wo die Oligarchen ihre Schmerzkraftwerke betreiben.

Wenn wir den Oligarchen die Macht nehmen wollen, müssen wir ihnen ihre Netzwerkzentralität nehmen und das geht am besten, da hat Weber recht, indem wir die Pfadgelegenheiten aller Menschen erhöhen, durch Investition in möglichst freie und öffentliche Infrastrukturen und mit intelligenten Preiskontrollen bei pfadentscheidenden Primär-Gütern. Je mehr und bessere Alternativpfade angeboten werden, desto höher ist die Übergangswahrscheinlichkeit, dass die Menschen Oligarchmacht bypassen, was ihre Margenspielräume kollabieren lässt.

Ich nenne das die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten, oder auch: Kapitalismus aus Userperspektive. Aber ich bin auch mit Isabella Webers Begriff fine: antifaschistische Wirtschaftspolitik.

Krasse Links No 72

Willkommen zu Krasse Links No 72. Haltet eure Zivilgesellschaften fest, heute beschämen wir den Imperialist Boomerang mit der Moral Infrastructure des Tech-Faschismus.


Die CDU fordert im Windschatten ihrer rassistischen Stadtbild-Entgleisung mehr Überwachung und Gesichtserkennung im öffentlichen Raum.

Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Alexander Throm, geht nach der vielfach kritisierten Stadtbild-Äußerung von Kanzler Friedrich Merz noch einen Schritt weiter. Im Handelsblatt forderte er den Einsatz von Videoüberwachung mit Gesichtserkennung, um Städte sicherer zu machen. Er sagte, Videoüberwachung „mit automatisierter Datenauslesung“ sei vielerorts notwendig, um Straftaten besser zu verhindern und aufzuklären. Außerhalb von Bahnhöfen seien aber die Bundesländer dafür zuständig. Er forderte, Datenschützer müssten „ihre überkommenen Bedenken“ gegen den Einsatz KI-gestützter Technik aufgeben.


Anselm Mathieu in der taz über die regelmäßig außer Kontrolle geratene Polizeigewalt bei Gaza-Protesten.

In einem Video, das im Oktober aufgenommen wurde, kann man dabei zusehen, wie ein junger Polizist mit weit aufgerissenen Augen und weiten Pupillen einen Vater mit Kleinkind im Arm in Richtung einer Hausfassade drängt. Der Vater ist perplex und beteuert, er habe einfach nur an der Demo vorbeilaufen wollen.

Was der Mann getan haben könnte, ist nicht ersichtlich. Das Kind trägt eine schwarz-weiß gemusterte Jacke, die könnte von einem übereifrigen Polizeibeamten vielleicht auch mit einer Kufiya verwechselt werden. Und die wird schließlich getragen, um Palästina-Solidarität ausdrücken. Reicht das inzwischen womöglich aus, um von Po­li­zis­t*in­nen als Ge­fähr­de­r*in eingestuft und gewaltsam festgenommen zu werden?

Der Mann wird jedenfalls dazu gezwungen, sein schreiendes, verängstigtes Kind aus der Hand zu geben. Dann drücken einige Polizisten den Mann flach auf den Boden und wechseln sich dabei ab, gründlich auf den wehrlosen Vater einzuschlagen – im Hintergrund ist sein schreiendes Kind zu hören, das diesen Moment miterleben muss.

Ich war in meinem Leben bereits auf etlichen Demonstrationen und seit 2024 immer mal wieder auch auf Gaza-Demos und eine derartige Polizeigewalt wie dort, habe ich noch nicht erlebt. Die Polizei weiß genau, dass der weiße Mitte-Konsens in der Gesellschaft diese Menschen sowieso als „irgendwie antisemitisch“ und im Zweifel gefährlichen Fremdkörper im Land sieht und es deswegen mit den Grund- und Menschenrechten nicht so genau nimmt. Bei Gaza-Protesten, das hat die Polizei verstanden, hat sie einen Freifahrtsschein.


Der Soziologe Julian Go hielt einen spannenden Vortrag über die „Geschichte der Militarisierung der Polizei“ in westlichen Ländern und kommt dabei – nicht als erster – darauf, dass es sich dabei in Wirklichkeit um Boomerang-Effekte aus Kolonialprojekten handelt.

Auf einer seiner Folien steht:

Police imports the tools, taktics, techniques and forms of colonialism to rule, regulate, repress domestic populations.

„boomerang effect“

Der „Imperialist Boomerang“, also den Re-Import von Polizeitechniken aus der Kolonialunterdrückung passiert dabei jeweils über den Trasmissionsriemen der „Racialization“. Die neuen Polizei-Methoden werden beim Re-Import immer zuerst gegen rassifizierte Teile der Bevölkerung eingesetzt. Beginnend in England gegen die wachsende Zahl an Iren im Land, gegen Schwarze in den USA in direkter Tradition der Slave Patrols, aber das Muster setzt sich bis in die moderne Polizei fort.

The civil police adopt militaristic colonial modes of coercion on citizens and treat those citizens like colonial subjects because police see citizens and immigrants as colonial subjects. And the primary modality for this categorical transformation, the key social code by which this miraculous subsubstantiation of citizens into subjects occurs is racialization.

Just as white colonial settler populations constructed colonized peoples as inherently violent and criminal due to their racial status, thereby warranting militarized policing in the colonies. So too do white publics and officials in America’s cities today and in Britain, call for and justify militarized policing of black and brown populations, many of whom are immigrants, based upon racialized assumptions of the latter’s putitatively criminal and violent tendencies.

Die überboardende Polizeigewalt gegen Pro-Palästinensische Demos steht seiner Ansicht nach also in einer langen Tradition.

And so too, do white publics and officials justify militarized policing on black and brown students and their allies based upon ethnoracial assumptions of the latter’s supposed proclivities towards anti-semitism and violent terrorism.


Eine Studie der Uni-Marburg hat eine systemische Erhebung zu den Einstellungen innerhalb der Pro-Palästinenischen Demos veröffentlicht.

Die Teilnehmenden waren überwiegend jung, hoch gebildet und politisch links verortet. Ihr Protest war deutlich bürgerlich-zivilgesellschaftlich geprägt und konzentrierte sich auf gewaltfreie, legale und kommunikative Ausdrucksformen. Auffällig war eine differenzierte politische Haltung: Während eine klare Unterstützung für die Anerkennung eines palästinensischen Staates bestand, wurde gleichzeitig ein besonderer Schutz jüdischen Lebens in Deutschland befürwortet. Viele der Befragten berichteten zudem von Erfahrungen mit Ausgrenzung, Überwachung oder staatlicher Repression.


Henry Farrel schreibt interessant über die „Zivilgesellschaft„. Er geht verschiedene Sichtweisen auf die Zivielgesellschaft durch, etwa die von Gramcsi, der sie gewissermaßen als Battleground des Kampfes um kulturelle Hegemonie sah und von dem ausgerechnet Steve Bannon und Curtis Yarvin und andere gelernt haben. Und dann eben die liberale Tadition seit Humes, der in der Zivilgesellschaft eine Form der Befriedung der Gesellschaft durch die neuartige „Freiheit von Assoziation“ sieht. Diese Betrachtungen wurden durch den Schmerz der Glaubenskriege am Anfang der Neuzeit erworben, als Assoziation (speziell religiöse) identitär so fest verankert war, dass man sich deswegen gegenseitig umbringen musste. Farrel zitiert Ernest Gellner:

Modular man is capable of combining into effective associations and institutions, without these being total, many-stranded, underwritten by ritual and made stable through being linked to a whole inside set of relationships, all of these being tied in with each other and so immobilized. He can combine into specific-purpose, ad hoc, limited association, without binding himself by some blood ritual. He can leave an association when he comes to disagree with its policy, without being open to an accusation of treason. A market society operates not only with changing prices, but also with changing alignments and opinions: there is neither a just price nor a righteous categorization of men,, everything can and should change, without in any way violating the moral order. …

It is this which makes Civil Society: the forging of links which are effective even though they are flexible, specific, instrumental.

„modular man“ ist eine Pfadgelegenheit, die der Subjektentwurf des Individuums ermöglichte: Zur Etablierung einer modularen „Identität“, die nicht mehr fest verankert, sondern erwerb- und wechselbar ist, ist es hilfreich, sich als unabhängigen und „freien Geist“ zu entwerfen. Aber weil wir in Wirklichkeit keine Individuen sind, die sich einfach „selbst erfinden“, sondern Dividuen, die sich immer nur mit Versatzstücken anderer Leute Geschichten erzählen können, haben Identitäten, wie andere Semantiken, Netzwerkeffekte. Und so hat sich ein über die Zeit Prozess in Gang gesetzt, in dem nach und nach ein ganzer Garten aus identitären Pfadgelegenheiten entstand, alle mehr oder minder frei assoziiert, parallel betreibbar und ständig im gegenseitigen Klinsch. Die Zivilgesellschaft ist gleichzeitig ein Ergebnis und die Voraussetzung eines plausiblen „Modular Man“.

Aber die Zivilgesellschaft ist deswegen auch ein Gegenpol zur staatlichen Gewalt und damit Voraussetzung für Demokratie. Nur in der Vielfalt der Assoziationsmöglichkeiten und durch das „Sich-In-Check“-Halten dieser unterschiedlichen Identitätsangebote und ihren unterliegenden Ideologien, religiösen Strömungen, und wirtschaftlichen Dezentralitäten kann der Leviathan, der Staat und sein Gewaltmonopol, effektiv eingehegt werden und Demokratie ermöglichen. Wieder Gellner:

Civil Society is a cluster of institutions and associations strong enough to prevent tyranny, but which are, none the less, entered and left freely, rather than imposed by birth or sustained by awesome ritual. You can join (say) the Labour Party without slaughtering a sheep, in fact you would hardly be allowed to do such a thing, and you can leave it without incurring the death penalty for apostasy.

Ich finde diese Schilderung plausiblel, aber das heißt ja nicht, dass Gramscis Lesart der „Zivilgesellschaft“ falsch ist? Schließlich identifiziert Gramsci genauso wie Gellner die Zivilgesellschaft als entscheidenden systemstabilisierenden Faktor. Der gesellschaftliche Frieden, den die Liberalen feiern, ist – aus Sicht der Kommunisten – ein Frieden, der auf Ungerechtigkeit gebaut ist. Die Aufgabe der zivilgesellschaftlichen „Hegemonieapparate“ (Gramsci) ist auch die Verhinderung einer schlagfertigen Opposition gegen das System.

Die Zivilgesellschaft ist beides: Eine pluralistische Gegenmacht zum Gewaltmonopol des Staates und gleichzeitig eine Hegemoniearchitektur, die in einer „Teile und Herrsche“-Logik revolutionäre Strömungen marginalisiert und einhegt. Es sind einfach zwei Perspektiven auf denselben Gegenstand.

Doch dafür braucht es einen assoziationsübergreifenden kleinsten, gemeinsamen Nenner zwischen den (meisten) zivilgesellschaftlichen Akteuren: eine kulturelle Hegemonie in gewissen Fragen. Die modernen Gesellschaften wurden lange werden – so muss man wohl zugeben – nach wie vor durch die kulturelle Hegemonie eines „white supremacy“, patriarchal-heteronormativen und Pro-Kapitalistischen Konsens zusammengehalten.

Wir in der liberalen Tradition dachten bisher eigentlich, dass wir diesen Konsens die letzten 100 Jahre durchaus weiterentwickelt haben. Dass also zum Beispiel jetzt auch zum Konsens ein – zumindest verbalisiertes – Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechte, Antirassimus, Offenheit gegenüber anderen sexuellen Lebensentwürfen, ein minimales ökologisches Bewusstsein, etc gehört, der den alten Katalog zwar nicht verdrängt, aber doch … ergänzt hat?

Es hat sich gezeigt: Das System lässt sich nicht reformieren. Die korrupten Pfadabhängigkeiten sind zu stark und schlagen jetzt in Gestalt des Faschismus zurück.

Die Strategie der Rechten ist deswegen zweigeteilt: Zum Einen materialisiert sich Bannons und Yarvins Plädoyer für eine rechte Gegenhegemonie in der kapitalistischen Graphnahme der Öffentlichkeit in Form von Medieninfrastrukturen (Twitter, CBS, Tiktok). Gleichzeitig arbeiten Trump und seine Freunde von der Heritage Foundation an der direkten Schwächung netzwerkzentraler Hegemonieapparate: Universitäten, NGOs, Öffentliche Gelder, große Anwaltskanzleien und den übriggebliebenen Teil der „liberalen“ Medien.


Vielen dank, dass Du Krasse Links liest. Da steckt eine Menge Arbeit drin und bislang ist das alles noch nicht nachhaltig finanziert. Letzten Monat kam ich auf € 539,21-, was erstmal toll ist, aber von den notwendigen 1.500,- noch weit entfernt. Mit einem monatlichen Dauerauftrag kannst Du helfen, die Zukunft des Newsletters zu sichern. Genaueres hier.

Michael Seemann
IBAN: DE58251900010171043500
BIC: VOHADE2H

Dieser Newsletter ist nicht auf Reichweite ausgelegt, aber will dennoch Menschen erreichen. Du kannst dem Newsletter helfen, indem du ihn Freund*innen empfiehlst und ihn auf Social Media verbreitest.


Die Kontroverse um Ezra Kleines Parteinahme für den Faschismus hört nicht auf, spannende Texte zu produzieren. Hier antwortet Eric Reinhart auf Olúfẹ́mi O. Táíwò, der wiederum auf Ezra Klein antwortete und diesmal geht es um die Rolle der Scham in der Gesellschaft.

Aber von vorn: wie erinnern uns: In dem Monolog vor seinem Interview mit Ben Shapiro sagte Klein:

I have watched many on both sides entertain the illusion that there would be, either through the power of social shame and cultural pressure or the force the state could bring to bear on those it seeks to silence. It won’t work. It can’t work. It would not be better if it did. That would not be a free country.

Der Philosoph Olúfẹ́mi Táíwò entgegnete Klein:

The challenge for Klein and his fellow travelers is to specify what sort of ground rules could make life livable and social situations manageable for such a wide array of people whose values, commitments, and interests differ so sharply—that is, on terms other than various sorts of segregation or the most naked forms of domination and subjugation—if not precisely “social shame and cultural pressure,” now contemptuously referred to as “political correctness” or “wokeness.” We might more accurately call it exactly the “civility” that centrists like Klein otherwise pretend to champion, even while they seek to hollow out even this meager social protection of its efficacy. These codes of neighborliness or of common decency are, in other words, the bare minimum for us to exist peacefully as profoundly different people who nevertheless share the same time and place.

Scham, und die Möglichkeit sich gegenseitig zu beschämen, so Táíwò, sei die Grundlage jedes friedlichen und demokratischen Zusammenlebens.

Eric Reinhart wiederum antwortet auf Táíwò und stimmt ihm zu, was die Rolle von Scham in der Gesellschaft angeht, weist aber darauf hin, dass das System halt einfach nicht mehr funktioniert und das liegt daran, dass die Pfadabhängigkeiten von Scham nicht mehr einfach so gegeben sind.

It depends on cultural and psychic structures that make it meaningful — shared symbolic coordinates, common moral horizons, and broadly accepted authorities that can confer legitimacy on judgments of behavior. In earlier periods of liberal modernity, those structures, however contested, still exerted a stabilizing force. But today, the sturdy ground that once formed shame’s foundation has collapsed.

Mit Lacan verfolgt Reinhart diese notwendigen Pfadabhängigkeiten der sozialen Rolle der Scham auf das Symbolische zurück – zum „Namen des Vaters“.

Psychoanalytic theory helps illuminate what’s changed. In the French psychoanalyst Jacques Lacan’s account, shame arises at the intersection of two registers of psychic and social life. On the one hand, it is rooted in what Lacan calls the imaginary: the experience of seeing oneself exposed before the gaze of the Other, of recognizing one’s own insufficiency or failure. This is the affective, narcissistic dimension of shame — what happens in the psyche when the mirror cracks, when the ego or image one maintains of oneself proves to be a lie. But for shame to take hold socially, to shape collective behavior, it must be mediated by the symbolic: the shared network of language, law, and authority that tells us what counts as right or wrong, honorable or shameful. The feeling of shame originates in the imaginary, but its binding force in a society depends upon the symbolic that mediates its significance.

For much of the modern era, this symbolic mediation was anchored by what Lacan called the “Name-of-the-Father.” This is not the literal father, but the fantasy of a paternal authority that stabilizes meaning and guarantees the law. This paternal function structured the symbolic order by defining what was real, true, and legitimate. It was reinforced by institutions like the state, the church, the university, the press, and the family. Shame worked because there was a shared, if hierarchical, moral universe in which judgments had weight.

Doch diese gemeinsame Grundlage des Symbolischen erodiert seit Jahrzehnten systematisch und größtenteils gewollt, aber wurde auch nie ernsthaft durch eine andere „moralische Infrastruktur“ ersetzt.

But that world has been unraveling for decades. Neoliberal political and economic transformations hollowed out the institutions that sustained our capacity to rely upon and trust in the paternal order. Unions were crushed, social welfare, upon which the state’s sometimes function as a benevolent father-like figure depended, was gutted, knowledge-producing institutions were privatized or undermined, and public life was financialized and increasingly left to the wolves of the market rather than the protective paternalism of planners, regulators, or elected representatives. Amid these shifts, cultural authority fragmented, truth became increasingly contested, and the paternal function could no longer be sustained — now too transparently a fantasy to exercise its traditional cultural force.

In this environment, shame has lost its footing. Táíwò is right that shame once provided a kind of moral infrastructure. But that infrastructure no longer exists. The idea that we can revive shame as a stabilizing political force assumes we are still living in a neurotic society—one governed by shared prohibitions, pervasive anxieties around transgressing them, and a coherent symbolic order. In fact, we inhabit a fragmented, post-paternal landscape in which shame circulates as free-floating humiliation or weaponized cruelty rather than as a mechanism of moral regulation. Social media platforms are engines of shame, but not of shared ethical life.

Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass es auch gute Gründe gab, den Namen des Vaters und seine Formen der Beschämung zu bekämpfen.

It’s important, though, not to romanticize the world that came before. The paternal symbolic order was never simply benevolent. It sustained patriarchal norms that pathologized difference and targeted it for violence. Shame, even when it “worked,” often did so by cultivating hostility toward those who deviated from dominant norms — queer and disabled people, racialized minorities, dissidents—rather than by fostering a universal commitment to protecting a right to individual difference and cultivating collective support for this. Liberal ideals of civility and rational discourse similarly masked the violences that structured the social order: colonial exploitation, racial terror, gendered domination. One of the big reasons that the moral glue that held society together was so adhesive was that it so often excluded others.

Hier steckt eine wichtige Erkenntnis, die Liberale von Linken trennt: Auch ungerechte Standards haben, wenn sie hegemonial sind, enormen Koordinationsnutzen, der damit einen ganzen Strauß pfadabhängiger Infrastrukturen ermöglicht. Im Zweifel ganze Zivilisationen. Mir fällt dabei die Stelle in Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ein:

„Aber das gebrechliche Gerüst ihrer Liebe bräche gänzlich zusammen, weil dieses Bauwerk nur auf der einzigen Säule ihrer Treue ruhte und Liebesgeschichten Imperien gleichen: wenn der Gedanke, auf dem sie gebaut sind, untergeht, so gehen sie mit ihm unter.“

Trump ist alles andere als die „Wiederkehr des Namen des Vaters“, sondern eine Art Slop-Version davon. Wie der T1000 in Terminator II in den flüssigen Stahl fällt und kurz vor seinem Ende nochmal alle Formen annimmt, die er im Laufe seiner Reise imitiert hat, so produziert der Westen sich selbst in seinem Untergang nochmal als Freakversion. Was wir heute sehen ist die schmutzige Unterwäsche des Namens des Vaters. Die komplett unverhüllten dreckigen Ecken des westlichen Unterbewusstseins als ungeniert korrupte, rassistische, sexistische und kolonialistisch-imperialistische Clownsshow.

Trump doesn’t stabilize meaning; he floods the zone with nonsense, weaponizes overwhelming and untethered affect by channeling it into cruelty and violence, and turns politics into a spectacular theater of the imaginary. His power grows not by reinstating symbolic order but by further dismantling it, leaving opponents flailing as they attempt to deploy tools—fact-checking, rational debate, appeals to civility, anachronistic insistence that noxious political actors should be ashamed of themselves—that depend on symbolic conditions that no longer hold.

You cannot shame people who no longer recognize the legitimacy of shared norms. You cannot debate authoritarians into submission when language itself is treated as a game without stakes. You cannot appeal to civility when the entire political project of the far right is to revel in transgression and humiliation. These are not exceptions or pathologies at the margins; they are central features of our present.

Deswegen denke ich, dass das mit der rechten kulturellen Hegemonie nicht auf Dauer klappen kann, denn Hegemonie erreicht man nur durch ein Mindestmaß an Berechenbarkeit. Wenn eine Zivilgesellschaft auf deine Standards aufbauen soll, müssen sie erwartbar sein. Es gibt bei den Faschisten derzeit keinen Willen, eine neue symbolische Ordnung zu verankern, stattdessen wollen sie die symbolische Ordnung der anderen direkt kontrollieren und/oder zerstören.


Elon Musk hat einen Fork der Wikipedia veröffentlicht, den er mit allerlei Lügen und transfeindlichen, rassistischen und unwissenschaftlichen Quatsch vollgepumpt hat.

Unlike the Wikipedia entry for Chelsea Manning, the whistleblower and former US Army intelligence analyst who shared secret intelligence with WikiLeaks in 2010, the Grokipedia entry on her life deadnames and misgenders her at length.

As spotted on Bluesky, Grokipedia’s entry on Race and intelligence claims that science shows some races are more intelligent than others — and even lists the so-called IQ scores of different races. Wikipedia’s entry by the same name, meanwhile, points out that differences in IQ scores can’t be explained by genetics. (Grokipedia writes that “the extent to which genetics contribute to between-group differences remains contentious.”) The policy section of the Grokipedia entry also cites the pseudoscientific journal Mankind Quarterly, known for publishing “race science” and having ties to white nationalism.

While Wikipedia calls the January 6th attack on the US Capitol an “attempted self-coup,” Grokipedia’s language about “widespread claims of voting irregularities” seemingly justifies the riot by President Donald Trump supporters, and downplays the violence by saying that “most” insurrectionists “carried no firearms and the incursion was cleared within hours.” Wikipedia readers will learn, instead, that Congress itself found the riot to be an unsuccessful, but purposeful, part of Trump’s plan to overturn the election.

Wikipedia describes George Floyd as a Black man who was murdered by a white police officer in an event that set off a wave of nationwide protests against police brutality and racism. On Grokipedia, Floyd is best known for his criminal record, starting with a sentence that is difficult to read as anything other than intentionally racist: “George Perry Floyd Jr. (October 14, 1973 – May 25, 2020) was an American man with a lengthy criminal record including convictions for armed robbery, drug possession, and theft in Texas from 1997 to 2007.” Readers don’t learn that Floyd was murdered until the fourth sentence of Grokipedia’s entry.


Der von mir sehr geschätzte Pissed Magitus mit einem sehr wahrscheinlichen Szenario, wie der Techfaschismus auch in deinem Hinterhof installiert wird.


Ken Klippenstein berichtet über den „War on Anitfa“ der Trump-Administration als Reaktion auf den Kirk-Mord.

Within hours of Charlie Kirk’s shooting last month, politicos in the White House and lawyers at the Justice Department and Homeland Security scrambled to draft up back-of-the-envelope plans for a crackdown on their domestic foes, sources tell me. Illegal immigrants, anti-ICE protesters, leftists, trans people, gamers, Hamas supporters, Antifa; the administration had a hard time pinning down who exactly was the new enemy, so they ended up including them all.

All die Lacher, dass „Antifa“ ja keine Organisation sei und dass die Trump-Adaminitration den weißen Wal jagd, bleiben im Halse stecken, wenn man bedenkt, dass „wir“ uns zwar als voneinander unabhängige „Individuen“ erzählen, aber all unsere Pfadgelegeheneiten von nur wenigen Services abhängig sind, die sich leicht unter Druck setzen lassen. Und so ist eines der ersten Instrumente der Regierung, oppositionelle Akteure und Organisationen von ihren Bankverbindungen zu trennen.

The administration’s frantic planning session precipitated by Kirk’s murder was formalized days later in Trump’s National Security Presidential Memorandum 7. Called “NSPM-7” by insiders, the sweeping directive targets radical left “terrorism” by relying on so-called indicators like “anti-Christian” and “anti-American” speech. (I’ve reported on the significance of NSPM-7 here.)

Banking compliance expert Poorvik Mehra told American Banker that NSPM-7 “is basically asking you to follow the money, but within ideological movements, and compliance teams immediately ask which customers put the banks at risk.” She anticipates that banks will respond to NSPM-7 by simply dropping affected clients rather than deal with the headache.

Der Tech-Faschismus rekrutiert zunächst all deine Infrastrukturen, um Bürgerkrieg gegen dich führen.

Krasse Links No 71

Willkommen zu Krasse Links No 71. Verschandelt eure Stadtbilder, heute tarnen wir den Killswitch der Kontrollsucht als Honigbrot und frönen der Politik des Flaschenhals jenseits des Chokepoints.


Jonas Schaible dekliniert in seinem Newsletter all die Möglichkeiten durch, die deutsche Migrationspolitik zu interpretieren: Überlastung durch zu viele Geflüchtete (Theorie 1), mediale Überdramatisierung des Problems (Theorie 2), Überdruß der Deutschen gegenüber Regelverletzung (Theorie 3) und stößt mit Merz‘ Stadtbildäußerung auf Theorie 4:

Was Merz jetzt geäußert hat, ganz unabhängig davon, was er selbst glaubt und was man ihm selbst unterstellen will oder nicht, das ist im Grunde eine vierte Theorie. Es ist die düsterste, die bislang vielleicht auch deshalb in der Debatte kaum eine Rolle gespielt hat.

Man kann sie so zusammenfassen: Es gibt aus Sicht der Deutschen ein Problem, unabhängig von Berichterstattung und Ausstattung der Kommunen und Regelbruch und es liegt darin, dass zu viele Menschen im Land sind, die anders heißen, aussehen und sprechen.

Sie läuft darauf hinaus, die Gesellschaft für in hohem Maße xenophob und rassistisch zu erklären.

Um das gleich zu sagen: Ich halte Theorie 4 für falsch. Klar, es gibt eine bestimmte Klientel von Vorstadt-Boomern, die nach Berlin oder in andere Städte fährt und sich sofort ethnische Säuberungen wünscht und ich glaube sofort, dass Friedrich Merz die Hälfte davon persönlich kennt. Aber es ist sicher nicht die Mehrheit und ganz besonders nicht dort, wo die meisten Migrant*innen wohnen?

Jedenfalls wissen wir jetzt, warum die Correktiv-Enthüllungen von Sellners Remigrationsplänen so zurückhaltend aus dem bürgerlichen Lager kommentiert wurden.

Jonas weist darauf hin, dass, wenn die CDU dieser Interpretation folgt, sie sich in eine „politische Sackgasse“ manövriert.

Wenn es wirklich so wäre, dass das Stadtbild das Problem wäre, dass viele Menschen sich nicht mehr daheim fühlen in ihrer Stadt, wenn sie aussieht, wie eine deutsche Stadt heute aussieht – dann wäre demokratische Politik wahrscheinlich am Ende ihrer Möglichkeiten.

Man könnte diesem Gefühl nämlich nur begegnen, indem man Homogenität erzwingt, und das ginge in der real existierenden deutschen Gesellschaft nur mit autoritären Mitteln, mit schrankenloser Willkür und unvorstellbarer Gewalt.

Die Politik kann mehr Unterkünfte bauen, sie kann Kommunen mehr Geld geben und für schnellere Verfahren sorgen. Sie kann Patrouillen an die Grenze schicken, Abkommen mit Nachbarstaaten schließen und Geflüchteten weniger Geld zahlen. Sie kann den Görlitzer Park umzäunen.

Sie kann schneller und im großen Stil abschieben, wobei das, wenn man es ernst meinte, wahrscheinlich irgendwann so ähnlich aussehen muss wie in den USA derzeit, und da ist demokratische Politik dann auch am Ende. Sie kann falsch finden, wie früher Zuwanderung organisiert wurde. Ändern kann sie es nur sehr, sehr, sehr begrenzt.

Kurz gesagt: Sie kann entscheiden, wer neu ins Land kommt, aber sie muss in den allermeisten Fällen mit denen leben, die schon im Land sind.

Was sie niemals kann, ist ein Heimatgefühl herzustellen, das von der realen Heimat völlig entkoppelt ist. Was sie niemals kann, ist ein Stadtbild zu schaffen, das für jene ordentlich und sicher aussieht, für die Städte derzeit unordentlich und unsicher aussehen. Oder zu wenig Deutsch.

Kann sie das nicht? Vielleicht. Aber sie wird es dennoch versuchen?

Deswegen ist Merz’ Nebensatzentgleisung eben nicht der übliche „Onkel Erwin nach dem dritten Schnaps“-Rassismus, den man sonst von Merz und Konsorten kennt, der zwar auch schrecklich, aber vor allem schrecklich peinlich ist.

Das hier ist eine besonders deutsche Artikulation von Rassismus, die explizit auf „Reinheit“ abzielt und dabei Menschen als Fremdkörper markiert. Es ist die offene Artikulation eines rassistischen Begehrens, das nicht zu befriedigen ist, ohne eine monströse Infrastruktur der Gewalt zu errichten, deren Entstehung wir derzeit in den USA beobachten können.

Es ist klar, dass auch Trump es in Wirklichkeit auf das „Stadtbild“ abgesehen hat, auch wenn er es sich nicht traut, so offen auszusprechen, wie Merz. Aber hier ist das Ding: auch ICE wird das Stadtbild nicht genug „reinigen“, denn wann ist überhaupt „genug“? Nach wessen Maßstab?

Deswegen wird das Bedürfnis mit den Infrastrukturen – den Lagern, den Paramilitärs, der Armee in den Städten, den Sonderbefugnissen und rechtlichen Ausnahmezuständen – nicht gestillt werden, sondern wird weiter wachsen, gemeinsam mit den Erlaubnisstrukturen, mit Menschen auf bestimmte Weise zu verfahren.

Es gibt Forderungen, die kann eine liberale Demokratie nicht erfüllen. Es wäre deshalb weise, sie nicht auch noch selbst zu formulieren.

Vorsicht, Jonas. „Liberale Demokratie“ könnte ein Preis sein, den die CDU zu bezahlen bereit ist.


Vielen dank, dass Du Krasse Links liest. Da steckt eine Menge Arbeit drin und bislang ist das alles noch nicht nachhaltig finanziert. Letzten Monat kam ich auf € 539,21-, was erstmal toll ist, aber von den notwendigen 1.500,- noch weit entfernt. Mit einem monatlichen Dauerauftrag kannst Du helfen, die Zukunft des Newsletters zu sichern. Genaueres hier.

Michael Seemann
IBAN: DE58251900010171043500
BIC: VOHADE2H

Dieser Newsletter ist nicht auf Reichweite ausgelegt, aber will dennoch Menschen erreichen. Du kannst dem Newsletter helfen, indem du ihn Freund*innen empfiehlst und ihn auf Social Media verbreitest.


LowerClassJane ordnet Merz‘ Stadtbildäußerung in den größeren Rassismuskontext dieses Landes ein.

Die Wahrheit ist: Wir leben in einem Land, das seit Jahren nach rechts rutscht, ohne jemals nach links geschaut zu haben. Ein Land, das sich selbst als „wehrhaft“ bezeichnet – aber immer nur gegen die Schwächsten aufrüstet.

Ein Land, in dem Geflüchtete in Lagern gehalten werden, unter Bedingungen, für die man in anderen Ländern diplomatische Noten verschicken würde. Ein Land, in dem die Polizei Menschen erschießt, die Schutz bräuchten – und der Innenminister dann über Vertrauen redet. Ein Land, das Sozialhilfe kürzt, aber Aufrüstung finanziert, als wäre Krieg die bessere Fürsorge.

In diesem Land sind Menschen nun mal nicht gleichviel Wert und es gibt – jenseits der Sonntagsreden – keinen Willen, das zu ändern.

Es ist das Schweigen der Institutionen. Es ist der Reflex, lieber Palästina zu zensieren als die eigene Geschichte zu hinterfragen. Es ist das Weggucken, wenn Geflüchtete erfrieren. Es ist das Wegmoderieren, wenn jemand sagt: „Das ist Rassismus.“

Vielleicht war es nie anders. Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit über Deutschland: Dass es immer nur bis zum Punkt der Bequemlichkeit kämpft. Und dann wieder „zurückrutscht“ in den Konsens der weißen Mitte.

Ich früchte, es ist mit den Bekenntnissen zum Antirassismus genauso wie mit den Bekenntnissen beim Klimaschutz: Die Deutschen würden ja gerne so sein, wie sie sich erzählen, aber nur so lang es sie nichts kostet.


Henry Farrell über die Ironie der Geschichte, dass China mit dem Ausfuhrstopp der seltenen Erden jetzt dieselbe Politik des Flaschenhals – oder wie Farrell es nennt „weaponized Interdependence“ – gegenüber den USA fährt, wie sie selbst gegenüber China, Russland und Iran gefahren sind.

First, and most simply: China seems to be moving from one mode of exercising its power to another. China has exercised effective control over rare earths and other critical minerals for years, but when it has used or threaten to use it, it has done so implicitly and indirectly. Specifically, it has used informal restrictions: mysterious blockages, strange frictions and other means to hamper other countries’ access to China’s internal markets, and Japan’s access to rare earths in 2010. This led some observers even to doubt that China had introduced systematic restrictions on exports. […]

It has created an entire regulatory infrastructure to underpin this claim, and has effectively banned the export of rare earth processing equipment abroad, to try to maintain its chokepoint as long as possible.

Man könnte meinen, China hat sich strategisch vom dem Shock der Trumpzölle berappelt und nimmt den Handelskrieg ernsthaft auf. Allerdings nicht so amateurhaft wie Trump.

China appears to be better placed than the U.S. to use its powers of economic coercion intelligently in pursuit of its own long term interests. The Trump administration has junked the systems that allow the U.S. government to calibrate economic coercion and to anticipate possible downsides. The National Security Council – which had come to play a crucial role in coordinating and setting policy under the Biden administration – has lost more than half of its personnel, on the theory that it is the ultimate representative of the “Deep State.” Its key China people have been Loomered. Careful bureaucratic process has been replaced by the whimsical decision making of Trump himself, as in his infamous meeting with Jensen Huang. Bessent’s criticisms of officials “gone rogue” might better have been aimed at his own boss.

Wenn eine Netzwerkzentralität ihre Macht mißbraucht, wie es USA über ihre Infrastrukturen immer wieder getan haben und mit Trump radikaler denn je tun, verändert das zwangsläufig auch das gesamte Abhängigigkeits-Netzwerk.

When interdependence is used by privileged states for strategic ends, other states are likely to start considering economic networks in strategic terms too. Targeted states—or states that fear they will be targeted—may attempt to isolate themselves from networks, look to turn network effects back on their more powerful adversaries, and even, under some circumstances, reshape networks so as to minimize their vulnerabilities or increase the vulnerabilities of others.

China hat sich gerüstet und mißbraucht seinerseits die Pfadabhängigkeit der USA und des Westens von seltenen Erden, um zurückzuschlagen.

China has indeed reshaped networks so as to maximize the vulnerabilities of the US, creating a much more dangerous and unpredictable set of dynamics. The U.S. is currently very poorly positioned to manage these complex problems. The Trump administration is more concerned with attacking perceived internal enemies than the outside world, and has stripped the bureaucracies that would allow it to begin to think straight about the problem.

Wir alle müssen jetzt ganz schnell Netzwerkmacht lernen.


Dieses Tiktok-Video fasst kurz und verständlich die Politik des Flaschenhals der trumpifizierten FCC-Behörde mit dem Frequenzband zusammmen, die hinter der Kimmel-Feuerung und Disneys Einknicken steckt und die den eigentlichen Sinn hat, mehr mediale Infrastrukturmacht zur Broligarchie zu schaufeln.

Aus dieser Richtung dürften noch einige Angriffe auf die Öffentlichkeit kommen.


Signal war kurz offline, weil Amazon Webserives down war und wenn ihr jetzt so „Hä? Ich dachte Singal wäre diese mega-sichere Hackerapp, was hat die denn mit Amazon zu tun?!?“ seid, dann hat Tech policy Press einen Artikel für euch.

On Monday, a global technical failure at Amazon Web Services (AWS), Amazon’s cloud computing division, sent hundreds of applications and services from Snapchat and Signal to Fortnite and Lloyds Bank offline. Even a range of British government services were crippled by the fault.

While precise technical details have yet to be reported, here is what we know now: There was a significant technical issue beginning in Amazon Web Services’ ‘us-east-1’ region that brought down large portions of the internet, including services like Signal. Us-east-1 is one of AWS’s key geographic regions—a cluster of data centers where companies can host their cloud infrastructure. It is located in Northern Virginia, near the United States capitol.

Deswegen steht dieses Ereignis für mehr, als uns lieb sein kann.

The “open” internet, it turns out, rests on a remarkably closed foundation. Cloud providers control information access. When AWS or other cloud behemoths, like Google and Microsoft, are down, so is the rest of the internet.


Cory Doctorow über den Killswitch des „Mad Kings“.

Remember when we were all worried that Huawei had filled our telecoms infrastructure with listening devices and killswitches? It sure would be dangerous if a corporation beholden to a brutal autocrat became structurally essential to your country’s continued operations, huh?

Wir alle leben im Territorium des verrückten Königs und er hat längst angefangen unsere Möglichkeiten zu beschneiden.

Apple and Google capitulated. Apple also capitulated to Trump by removing apps that collect hand-verified, double-checked videos of ICE violence. Apple declared ICE’s thugs to be a „protected class“ that may not be disparaged in apps available to Apple’s customers

Es gibt aber auch einen literal „Killswitch“, bzw. Abhörmechanismus namens CALEA, der in all unseren Netzwerken verbaut ist.

Take CALEA, a Clinton-era law that requires all network switches to be equipped with law-enforcement back-doors that allow anyone who holds the right credential to take over the switch and listen in, block, or spoof its data. Virtually every network switch manufactured is CALEA-compliant, which is how the NSA was able to listen in on the Greek Prime Minister’s phone calls to gain competitive advantage for the competing Salt Lake City Olympic bid […]

CALEA backdoors are a single point of failure for the world’s networking systems. Nominally, CALEA backdoors are under US control, but the reality is that lots of hackers have exploited CALEA to attack governments and corporations, inside the US and abroad. Remember Salt Typhoon, the worst-ever hacking attack on US government agencies and large corporations? The Salt Typhoon hackers used CALEA as their entry point into those networks

Leider haben wir uns vor Jahren die Möglichkeit genommen, diese Mechanismen zu umgehen, als Techfirmen und Urheberrechtslobbyisten darauf drängten, kommerzielle Systeme vor ihrer technischen Umgehbarkeit zu schützen.

These anti-jailbreaking laws were designed as a tool of economic extraction, a way to protect American tech companies‘ sky-high fees and rampant privacy invasions by making it illegal, everywhere, for anyone to alter how these devices work without the manufacturer’s permission.

But today, these laws have created clusters of deep-seated infrastructural vulnerabilities that reach into all our digital devices and services, including the digital devices that harvest our crops, supply oxygen to our lungs, or tell us when Trump’s masked shock-troops are hunting people in our vicinity.

Ganz heruntergebrochen stehen wir als Europa vor demselben Problem, wie 2022 mit den russischen Gaspipelines. Nur ist alles viel komplexer, lebenswichtiger und schwieriger zu tauschen.

When Putin invaded Ukraine, he inadvertently pushed the EU to accelerate its solarization efforts, to escape their reliance on Russian gas, and now Europe is a decade ahead of schedule in meeting its zero-emissions goals

Today, another mad dictator is threatening the world’s infrastructure. For the rest of the world to escape dictators‘ demands, they will have to accelerate their independence from American tech – not just Russian gas. A post-American internet starts with abandoning the laws that give US companies – and therefore Trump – a veto over how your technology works.

Ich kenn ja auch die Zukunft nicht, aber ich sehe derzeit keinen plausiblen Pfad, wie das irgendwie gut geht.


Diese Zeichnung von XKCD ist insbesondere innerhalb der Open Source Communities beliebt, weil es die Realität unserer digitalen Infrastrukturen so schön beschreibt.

Es wird Zeit, es umzuinterpretieren. Das größere Problem ist nicht mehr das kleine Projekt mit kaum Entwickler*innen, der Chokepoint sind heute die großen, kommerziellen Infrastrukturen, die sich mit dem verrückten König verbündet haben.


Nafeez Ahmed über die geleakten Papiere des Gaza International Transitional Authority (GITA) und wie Peter Thiel und Larry Ellison wohl dafür die Überwachungsinfrastruktur liefern werden.

A Byline Times review of the leaked Gaza International Transitional Authority (GITA) framework, procurement guidance documents, and FEC filings shows that its digital-governance backbone – covering identity, border control, aid logistics and donor coordination – matches the Oracle-Palantir technology ‘stack’ of digital technologies currently used in Israel’s defence network. They further suggest that the GITA board structure is planned to allow this stack an easy entry-point into reconstruction contracts.

The plan was drafted by the Tony Blair Institute for Global Change (TBI), whose biggest financial backer is Larry Ellison, the billionaire co-founder and executive chairman of tech giant Oracle Corporation. Since 2021, the institute received donations or pledges of at least £257 million from the Larry Ellison Foundation, an amount that dwarfs all other donors combined.

Natürlich sind Thiel und Ellisons Firmen, Oracle und Palantir genauso wie Microsoft, Google und andere bereits knietief im Genozid eingebunden.

Über Peter Thiel ist ja bereits viel bekannt, aber Ellison macht ihm und Elon Musk wie kein anderer den Platz als „Worlds biggest Tech-Supervillan“ streitig.

Ellison himself is a Trump supporter and Republican Party megadonor, who has given tens of millions of dollars to the party and embedded Oracle across the American federal government following extensive lobbying. Oracle is also poised to oversee TikTok’s US algorithm after the completion of its US sale, under Trump’s deal with China.

Ellison has close ties to fellow pro-Trump billionaire Peter Thiel, through a little-known partnership between Oracle and Palantir, the surveillance and defence-analytics firm co-founded by Thiel.

Both companies have directly supported Israel’s military operations in the Gaza Strip. But the same companies are also in prime position to profit from the technocratic management of Gaza after the war.

Seit letztem Jahr sind Oracle und Palantir eine stratgeische Partnerschaft eingegangen, die sich wie ein Bewerbungsschreiben für Nachkriegsordnung des Gazastreifens liest.

In April 2024 Oracle and Palantir announced a deep “strategic partnership” to deliver “mission-critical AI solutions to governments and businesses.” It was a relationship nearly a decade in the making – back in 2017 Ellison had held exploratory talks with Peter Thiel about acquiring Palantir outright.

By July, Palantir and Oracle jointly unveiled deployment guides showing its Foundry and AI platforms running on Oracle’s sovereign, government and “air-gapped” clouds, tailored for national security clients. In June 2025 Oracle launched its Defence Ecosystem including “Palantir for Builders.”

In dem geleakten GITA-Framework findet sich folgende Ausschreibung dazu.

That vision, which proposes a “Gaza Reconstitution, Economic Acceleration and Transformation (GREAT) Trust”, envisages creating a “blockchain registry for land” to underpin the construction of up to eight “AI-powered, smart planned cities on the inner side of the Gaza Ring. All services and economy in these cities will be done through ID-based digital system.” It even mentions an “Elon Musk Smart Manufacturing Zone” – Musk’s companies such as xAI have cultivated close partnerships with both Oracle and Palantir. Ellison invested $1 billion to support Musk’s purchase of Twitter in 2022, and sits on his board at Tesla.

Ich interpretiere das so: In Gaza entstehen die Infrastrukturen einer neuen Form von Staatlichkeit im Zeitalter der Digitalisierung. Als integrierter Tech-Faschismus.

Larry Ellison’s Oracle and Peter Thiel’s Palantir now form a single operational spine for digital governance and defence, from cloud infrastructure to predictive analytics. And Trump’s Gaza peace plan looks like the vehicle through which that spine could extend into Gaza’s reconstruction.

The technologies that mapped, targeted and managed Gaza in wartime are now the same ones perfectly positioned to administer it during peace. Which means the Gaza International Transitional Authority risks becoming not a clear break from the conflict, but a potential continuation of it by digital means.

Unsere Polizei nutzt bereits fleißig Palantir und verlangt mehr davon und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der gesamte Stack auch hier implementiert wird.

Unter anderem das meine ich, wenn ich sage: Gaza ist bald überall.

Aber ich meine auch etwas anderes. Es ist eben nicht nur die Technologie, sondern die Technologie als Soziotechnisches System, oder wie wir hier sagen: als Materiell-Semantischer Komplex.

Mit den Infrastrukturen kommen bestimmte Pfadabhängigkeiten in die Zukunft. Sie implenentieren eine bestimme Art auf Menschen zu schauen und damit verbunden die Erlaubnis, mit Menschen auf eine bestimmte Weise umzugehen. Und das wichtigste: Diese Infrastrukturen stillen kein Bedürfnis, sondern entfachen es: das Bedürfnis nach Kontrolle.

Ob wir es wollen oder nicht, diese Infrastrukturen werden, allein dadurch, dass wir ihre Existenz erlauben, Gesellschaften weltweit verändern und damit schließlich auch uns.


Ich war in Fatih Akins Amrum und finde, es ist sein bester Film bisher. Und wer ihn noch nicht gesehen hat, hier eine Besprechung mit **** MEGA SPOILERS ****.

Als wäre es das leichteste der Welt, verwebt Akin die Themen Migration und Indentität, Familie und Depression, das Ende des Nazireichs, Ideologie und Erziehung zu einer Erzählung aus der Sicht eines kleinen Jungen, Nanning, der sich nichts anderes wünscht, als das seine Mutter wieder lacht.

Der Höhepunkt ist m.E. die Unterhaltung von Nanning mit seinem Freund, wo dieser erzählt, jemand habe Hitler mit Captain Ahab aus Mobby Dick verglichen und zusammen raissonieren sie, dass Deutschland dann ja das Schiff und die Deutschen die Crew seien, aber … so fragen sie, wer oder was ist dann der weiße Wal? Sie probieren „die Amerikaner“, „Churchill“ und „Gott“, aber so richtig zufriedenstellend wird die Frage nicht beantwortet.

Das hat mich nicht mehr losgelassen: Was woll(t)en Faschisten wirklich? Einfach alle Juden umbringen? „Lebensraum im Osten“? Weltherrschaft? Ja sicher, aber wozu? Was war der eigentliche weiße Wal, den sie jagten?

Vielleicht Kontrolle? Den Wunsch nach Kontrolle hegen wir alle, doch in einer Welt, in der manche Menschen unbegrenzte Macht über andere durch die Kontrolle von Infrastrukturen erlangen können, ergeben sich aus ihrer Sicht auch Pfadgelegenheiten zur Kontrolle des Unverfügbaren.

Kontrolle des Gegners, Kontrolle der Massen, Kontrolle über andere „Rassen“, über „die Welt“, Kontrolle über Grenzen, Kontrolle der Öffentlichkeit, Kontrolle der Sexualität, Kontrolle über das „Stadtbild“, etc. Aber auch Kontrolle über das Leben, Kontrolle über den eigenen Körper und, vielleicht am entscheidensten: Kontrolle über die eigenen Gefühle?

Doch je unverfügbarer etwas ist, desto eher führt der Versuch seiner Kontrolle zur Kontrollsucht. Je mehr man kontrolliert, desto mehr will man kontrollieren, usw. Faschismus ist in seinem im Kern keine Ideologie, sondern eskallierende Kontrollsucht.

Nachdem Nanning den ganzen Film über etliche Abenteuer durchlebt hatte, um die bizarren Pfadabhängigkeits-Ketten von Weizenmehl, Butter und Honig unter den Bedingungen des Nazi-Kollaps zu navigieren und schließlich der Mutter das Honigbrot präsentiert, das sie definitiv und auf jedenfall gesund machen wird, reagiert sie mit einem kalten „Stells in die Küche“ und der kleine Ahab bricht weinend zusammen.

Aber wenn der eigentliche Weiße Wal das Trauma der abwesenden Liebe ist und seine Ersetzung durch Honigbrot teil desselben Traumas wird, wenn also Trauma zu Konsum, Konsum zu Kultur und Kultur wieder zu Trauma wird, dann ist Fatih Akins „Amrum“ eigentlich eine Inszenierung von „Schrei nach Liebe“, aber als intergenerationale Traumaarchitektur.