Krasse Links No 43

Willkommen zu Krasse Links No 43. Fürchtet Euch nicht, wenn Krasnov die Wahrheit umkehrt, heute stürzen wir die NATO zugunsten des ultra-imperialistischen Data Colonialism.


Die Mutter eines der Opfer von Hanau, Sedat Gürbüz, wird von der CDU, SPD und FDP-Koalition der Stadt respektlos in einer Pressemitteilung angegriffen, nachdem sie die Stadt für ihren Umgang mit dem Terrorangriff kritisierte.

Darin heißt es, Gürbüz habe sich bei der Gedenkveranstaltung „mit schockierenden Äußerungen zu Wort gemeldet“. Tatsächlich hatte sie in ihrer Rede erklärt, dass „die Stadt Hanau die Verantwortung für den 19. Februar 2020“ trage und „schuldig“ sei. Der Täter habe zuvor Briefe geschrieben, die von der Stadt ignoriert worden seien. Zudem sei gegen die verschlossene Notausgangstür des Tatorts nichts unternommen worden.

Das Widerlichste: Jetzt soll wegen dem Eklat die Gedenkveranstaltung beendet werden.

Bei allem Verständnis für die Trauer“, verlangte der Vorsitzende der Hanauer FDP-Fraktion, Henrik Statz, „Respekt und Achtung gegenüber Bund, Land, Stadt sowie den anderen Opferfamilien“. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Pascal Reddig warf Gürbüz vor, die Gedenkveranstaltung genutzt zu haben, um „rückwärtsgewandt zu spalten und die schreckliche Tat zu instrumentalisieren“. Für die Zukunft stellte die Koalition klar, es werde derlei Gedenkveranstaltung in Hanau nicht mehr geben.

Unabhängig davon, ob man die Kritik von Frau Gürbüz teilt oder nicht, ist es erschreckend, wie man sich heute erlaubt, mit Kritik umzugehen. Der Trumpismus schlägt bereits überall um sich. Marxismus ist Verfassungsfeindlich, Klimaprotest ist Terrorismus, Friedrich Merz nennt Demonstrationen gegen Rechts „undemokratisch“, Menschen werden in einer Tour wegen unangenehmer Meinung zur Palästina-Frage gecancelt und ich frage mich: Gibt es niemand mehr, der noch die freie Gesellschaft verteidigt?


Für das Projekt Der Aufstieg der NSDAP/AfD haben die Leute von Data Journal die erschreckenden Parallelen zwischen den Ereignissen der Weimarer Republik und heute auf drastische Art in Szene gesetzt.

Die Parallelen zu Weimar sind in der Tat erschreckend, aber ich finde der geopolitische Kontext ist der wichtigste Unterschied zwischen damals und heute. Think Deutschland 1930, aber das Britische Königreich und Frankreich sind bereits an den Faschismus gefallen … während eine neue Eiszeit beginnt.

Sie befinden sich hier.


Kyiv Independent berichtet, dass der Ukraine in Verhandlungsgesprächen Seitens der USA mit Abschaltung der Starlink Support gedroht wird.

The United States has threatened to cut off Ukraine’s access to Starlink satellite internet terminals if Kyiv does not reach a deal with the U.S. regarding critical mineral resources, Reuters reported on Feb. 21, citing three sources familiar with the negotiations.

U.S. and Ukrainian officials are currently negotiating the terms of a revised minerals deal after President Volodymyr Zelensky refused to sign an initial proposal. U.S. President Donald Trump said earlier on Feb. 21 that the parties are „pretty close“ to an agreement.

Das ist jetzt, wie Politik funktioniert. Im Plattformbuch habe ich das „Politik des Flaschenhals“ genannt.

Ein Akteur mit Kontrolle über Verbindungen kann seine Macht dahingehend einsetzen, dass er implizit oder explizit damit droht, eine Verbindung zu kappen oder einzuschränken.

Ist es nicht schon ein Zeichen von Schwäche, wenn man explizit drohen muss?


Leonhard Dobusch kritisiert den Umgang des deutschsprachigen Journalismus mit Rene Benko.

Jahrelang berichtet die Wirtschaftspresse über „Benkos Signa-Holding“ oder einfach nur „Benkos Signa“. Regelmäßig findet sich dann zwar in einem Nebensatz der Hinweis, dass Benko „bei Signa (…) übrigens firmenrechtlich keine offizielle Funktion“ hat. Aber: keine Diskussion, warum das so ist. Keine Beleuchtung der Frage, welche Folgen damit für gesellschaftsrechtliche Haftungs- und Sorgfaltspflichten verbunden sind.
– Grotesk ist, dass niemand die Frage gestellt hat, warum es trotz dieser offensichtlichen, einheitlichen Leitung keine konsolidierte Bilanz, sondern nur eine überschaubar große Zahl an Einzelabschlüssen gegeben hat. Warum Benko zwar unumstrittener Signa-Chef war, formal aber nicht einmal in den Stiftungen etwas zu sagen hatte, die wesentliche Anteile zentraler Signa-Gesellschaften hielten?

[…]
Mag sein, dass es an Benko, dem begnadeten Gastgeber und Blender, lag, dass viele offensichtliche Fragen jahrelang ungestellt blieben und teilweise noch bleiben. Das wäre jene Lesart, bei der die Wirtschaftspresse noch am besten wegkommt. Weniger freundlich wäre die Lesart, dass Benko keine Ausnahme, sondern der Regelfall von Stiftungs- und Steuervermeidungskonstruktionen im Umfeld von Multimillionären und Milliardären ist. Wegschauen und wegducken wäre demnach eine in Österreich etablierte wirtschaftsjournalistische Praxis.

Ich frage mich wirklich was mit den Medien (der den Menschen?) falsch gedrahtet ist, dass sie immer wieder auf dieselbe Art von Schaumschläger reinfallen? Wir sollten das wirklich ablegen, wenn wir überleben wollen.


Gil Duran hatte bereits Anfang Februar die Paralellen zwischen DOGE und dem RAGE-Plan des Neoreactionary-Vordenkers Curtis Yarvin aufgezeigt. Ich wusste um die grundsätzliche Parallele, aber es gibt einen Yarvin-Text von 2022, den ich noch gar nicht kannte, wo die Parallelen nur konzeptionelle Fragen übersteigen. Die ganze Analyse ist Lesenswert, aber ich picke zur Veranschaulichung nur ein paar zitierte Yarvin-Ausschnitte raus.

We’ve got to risk a full power start—a full reboot of the USG. We can only do this by giving absolute sovereignty to a single organization—with roughly the powers that the Allied occupation authorities held in Japan and Germany in the fall of 1945. This level of centralized emergency power worked to refound a nation then, for them. So it should work now, for us.”
[…]
Trump himself will not be the brain …He will not be the CEO. He will be the chairman of the board—he will select the CEO (an experienced executive). This process, which obviously has to be televised, will be complete by his inauguration—at which the transition to the next regime will start immediately.
[…]
– The CEO he picks will run the executive branch without any interference from the Congress or courts, probably also taking over state and local governments. Most existing important institutions, public and private, will be shut down and replaced with new and efficient systems. Trump will be monitoring this CEO’s performance, again on TV, and can fire him if need be.
[…]
[H]e will throw it directly against the administrative state—not bothering with confirmed appointments, just using temporary appointments as needed. The job of this landing force is not to govern. It is to understand the government. It is to figure out what the Trump administration can actually do—when it assumes the full Constitutional powers given to the chief executive of the executive branch…


Annika Brockschmidt verpetzt im Volksverpetzer mal wieder die Wahrheit über die USA.

Eines sollte mittlerweile allen klar sein: Wer in Europa der Demokratie verpflichtet ist, und noch immer auf diese Trump-Regierung als Verbündete zählt, hat den Schuss – oder eher, die Schüsse – nicht gehört. Was Vance in München und in Washington geliefert hat, war die Beerdigung des transatlantischen Bündnisses – gekleidet in Doppelsprech, Gaslighting, und mehr oder weniger offene Drohungen. Auf CPAC spuckten die Wortführer der MAGA-Bewegung auf das Grab der transatlantischen Beziehungen, um ganz sicherzugehen, dass die Botschaft angekommen ist.

Es ist allerhöchste Zeit, dass Europa aufhört schlafzuwandeln. Die sicherheitspolitische Lage ist für Europa und Deutschland so brenzlig und gefährlich wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Es ist längst an der Zeit, das zu benennen – anstatt sich in Wunschdenken zu üben und die Augen vor der Realität zu verschließen.


Der Historiker Timothy Ash spricht es in diesem Podcast aus: Die NATO ist tod.

„I find it incredible to say this but I think NATO is dead. I mean Europe is on its own. It’s crystal clear, we cannot the US is no longer a Dependable Ally for Europe.“

Ich setze einen drauf: die NATO ist jetzt eine Falle. Trump wird die NATO nicht aufgeben, sondern sie als abusive Relationship gegen uns wenden. Strategische Ambiguität wird ihm erstmal viel bessere Dienste leisten als Austritt und weil ja immer irgendwas passiert, wird Trump auf die Idee kommen, wegen irgendwas Article 5 zu callen. Und dann will ich sehen, wie sich Kanzler Merz gegen Trump stellt.


Festzustellen, dass man den amerikanischen/westlichen Imperialismus ablehnt, versetzt einen in die heikle Lage, auch all die anderen Imperialismen in der Welt navigieren zu müssen und viele tappen dann in Putins oder Xis Falle und fangen an zum Beispiel den russischen oder chinesischen Imperialismus zu leugnen.

Die etwas Beleseneren sprechen lieber von den Vorteilen einer „Multipolaren Weltordnung“, im Kampf gegen den Imperialismus. Das „Gleichgewicht der Mächte“ hält sich in Check, etc. Aber die Multipolare Weltordnung ist eben unter kapitalistischen Bedingungen ein Multipolarer Imperialismus, wie Promise Li vor zwei Jahren im Spectre Journal schrieb.

What characterizes this new multipolar order and the nature of intercapitalist competition? As a whole, this emerging multipolar world of bourgeois states does not create better conditions to challenge global imperialism, but merely preserves and even heightens these capitalist dynamics.

Das liegt daran, dass die hegemoniale kapitalistische Struktur nur den Besitzer wechselt, anstatt in Frage gestellt zu werden.

The decline of US imperial power and the rise of multiple “poles” on the global stage only reshuffles which states are mediating the existing global relations of production, without reorganizing the latter or fundamentally empowering independent movements in each region.

Rather than seeing multipolarity as opening up space for revolutionary struggles against imperialism, I contend that contemporary multipolarity functions as a new stage of the global imperialist system, a departure from unipolar US hegemony without neatly falling back into the traditional mode of interimperialist rivalry as described in Vladimir Lenin’s and Nikolai Bukharin’s comments on the last century.

Statt der Mächte, die sich in Check halten, erhält man einen “ultra-imperialism”, der zwischen Kriegen und Auseinandersetzungen immer auch Ebenen der ausbeuterischen Kooperation zwischen den Imperien herstellt.

A Marxist theory of imperialism today must thus not overstate the dynamic of interimperialist rivalry without endorsing a perspective that capitalist states are now entering a stage of peaceful coexistence enabled by financial interdependence, or what Karl Kautsky called “ultra-imperialism.” This deeper intertwining of state and capital enables new and more complex dynamics between ruling elites. Even as value transfer from peripheries to core remains intact, we can now witness multiple geographies of interimperial relations, with different cycles and layers of collaboration and competition between different sectors of the ruling class. Now joined by an often invisible class of institutional investors, state elites draw from more sophisticated technologies of repression and control across geopolitical blocs, leading to an uneven development of global authoritarianisms to counter independent and popular movements. This widespread erosion of political democracy, as it takes diverse forms, is thus a central policy of imperialism today.

Der Text ist von 2023 und alles ist bereits viel plumper gekommen, als im Text beschrieben. Unabhängig davon, ob Trump nun „Krasnov“ ist oder nicht, sehe ich Russland und die USA längst im selben Team.

Wenn man die Wahl Trumps nicht geopolitisch, sondern im Sinne einer Systemkonkurrenz von Oligarchie und Demokratie denkt, hat Putin gewonnen und sein System installiert. Das bedeutet nicht, dass jetzt alle dieselben Interessen haben, aber sie haben jetzt einen gemeinsamen Broligarchen-Layer, auf dem man so von Bro zu Bro die Welt als Beute aufteilen kann.


Nick Couldry und Ulises A. Mejias verkünden mit Blick auf DOGE die Ankunft des „Datenkolonialismus“ im Land seines Ursprungs.

Elon Musk’s radical intervention in the US government through the Department of Government Efficiency (DOGE) has been called an “AI coup,” a “national heist,” and a “power grab.” Various experts are concerned that it is unconstitutional. But beyond its legal ramifications, the parts of it that involve getting access to government data fit well within the playbook of what we call data colonialism.

Ich bin kein Fan des „Data“-Geredes (meist geht es um Verbindungen, nicht Daten), aber manchmal stimmt es eben doch.

In neoliberalism, citizens become consumers; in data colonialism, citizens become subjects. If the difference is not apparent, think of how government data, down to their DNA, is used to control the Uyghur population in China. In this version of colonialism, what’s being appropriated is not land but human life through access to data.

Die Autoren verweisen mit Blick auf das rücksichtslose Data-Scaping für KI-Zecke darauf hin, dass die Erlaubnisstruktur der kolonialistischen Landnahmen immer schon auf „intelligentere“ Nutzungsformen von Ressourcen verwies.

Historical colonialism’s doctrine of terra nullius was designed precisely to rewrite the law of new ‘colonies’ simply by the act of seizing the land, with the excuse that no one smart was using it. Strip aside the faux democratic narrative, and that’s Musk’s playbook, too.

[…]

The new alliance between Musk and President Donald Trump’s government might seem shocking, seen from the perspective of recent liberal capitalism. But it makes absolute sense within colonial history where lawless individuals and corporations (from the Spanish conquistador Hernán Cortés in Mexico to the British East India Company) worked in ever-closer alliances with states to produce a mature colonialism that combined corporate and sovereign power.

Was wir gerade auf allen Ebenen erleben, ist die Rückkehr des Westens zu seinen kolonialistischen Wurzeln, bzw. aufmerksamere Beobachter als ich es war, wussten schon lange, dass der Kolonialismus sich in Gestalt der Westlich-Kapitalistischen Hegemonie nur die Maske aufgehübscht hatte.


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Michael Seemann
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Die Kulturwissenschaftlerin Sylvia Sasse teilt in einem Interview in der Zeit die interessante Beobachtung, dass sich die Lügen von Trump/Vance/Musk/Putin und Co vom diffusen „Bullshit“ (es ist egal, was wahr ist) der 2010er Jahre immer mehr zu einer Strategie der Umkehrung der Wahrheit weiterentwickelt haben.

In dieser verkehrten Welt behauptet etwa Wladimir Putin, Russland sei eine Demokratie. US-Vizepräsident J. D. Vance sagt, er trete für Meinungsfreiheit ein. Trump versichert, er bekämpfe den Deep State. Und Alice Weidel betont, Hitler sei Kommunist gewesen. Dabei ist jeweils das genaue Gegenteil der Fall. Die verkehrte Welt der Populisten und Autokraten ist eine Erzählung von der Welt, in der alles um 180 Grad gedreht wird.

Das zeitigt teils wunderliche Effekte.

Wenn Putin etwa die Propaganda verbreiten lässt, dass ukrainische Flüchtlinge dauerhaft in die deutschen Sozialsysteme einwandern wollten, dann wird das von rechtspopulistischen Kreisen, die von Migrationsangst politisch profitieren wollen, weiterverbreitet. Die gleichen Kreise, allen voran die AfD, kooperieren jedoch mit Putin. Diese Verkehrung wird in der Migrationsdebatte kaum thematisiert: Russland war in den letzten Jahren ein Hauptverursacher von Migration. Sei es durch den Krieg in der Ukraine, durch die massive Repression im eigenen Land, durch das Schleusen von Geflüchteten über die belarussische Grenze in die EU oder die militärische Unterstützung des Assad-Regimes. Überhaupt sind Autokratien und religiöser Fundamentalismus Auslöser und nicht etwa Lösung für Migration.

Und vor allem haben die Legacy-Medien überhaupt kein Konzept, damit umzugehen und tragen die Lügen deswegen weiter.

Bestimmte journalistische Formate fallen nicht selten auf Verkehrungen ins Gegenteil hinein, weil sie daraus eine Nachricht machen. In manchen Newstickern wird etwa einfach wiedergegeben, was Vance oder Putin gesagt haben. Oder in Überschriften heißt es nur: „Vance kritisiert fehlende Meinungsfreiheit“ oder „Vance liest Europäern die Leviten“. Das finde ich fahrlässig. Denn Verkehrungen ins Gegenteil sorgen für Schwindel. Viele Menschen sind orientierungslos, weil es ihnen schwerfällt, gleichzeitig den Widerspruch zu erkennen zwischen einer Aussage, mit der sie sich identifizieren, und einer gegenteiligen Realität, über die nicht gleichzeitig ebenfalls berichtet wird.


Der Kanal Second Thought hat ein schönes Erklärstück darüber, wie die Rede von „der Wirtschaft“, die „wachsen“ müsse, immer nur dazu diente, von der im Kapitalismus produzierten Ungleichheit abzulenken.

Das Bruttoinlandprodukt als Gradmesser des Wohlstands einer Gesellschaft zu nehmen, lässt nicht nur die horrenden Ungleichheiten außer acht, dass also nur ein winziger Prozentsatz überhaupt merklich von dem Wachstum profitiert. Es ist auch ein weirdes Weltbild, in dem alles, wofür Du bezahlst als „Wunsch“ interpretiert und alles, was Du nicht bezahlst, als wertlos deklariert wird.

„To interpret that in the way GDP Works, assumes that any increase in how much money people spend can be interpreted as an improvement. In order to imagine that you need to delude yourself into thinking that people only spend money on things they want. To have total freedom to pay the price, they think, is fair for the things they buy and that anything of value can or should be able to be bought.“

Dass die „Growing the Pi“-Matrix aber so wirkungsvoll ist, liegt an dem psychologischen Effekt der Erzählung, wie der ehemaligen FED-Chef Henry Wallich in diesem Moneyqoute dargelegt:

Growth is a substitute for equality of income. So long there is growth there is hope, and that makes large income differentials tolerable“.

Der Gaslightning Industrielle Komplex weiß, was er tut.


Mit „Oligarchy & Authoritarianism“ kulminiert die Beschäftigung bei Then&Now mit Marx und der Geschichte des Kapitalismus in einer historischen und analytischen Kontextualisierung unseres politischen Moments.

Lewis Waller zeigt nicht nur anhand der historischen Konzentration von wirtschaftlicher Macht im 19. Jahrhundert auf, welche Probleme damit einhergehen, sondern auch, wie die wirtschaftliche Machtkonzentration immer auch eine Voraussetzung für faschistische Machtergreifungen war.


Dazu passt dieser Klassiker. Rules for Rulers basiert eigentlich auf dem Buch Dictators Handbook von Alastair Smith und Bruce Bueno de Mesquita, die ein verblüffend einfaches Manual der politischen Machtausübung vorgelegt haben.

In KI ist ein Coup hatte ich das Framework bereits verwendet; (ein Text, der auf ne weirde Art vorzeitig irgendwie obsolet geworden ist.)

Jedenfalls wird angenommen, dass Machthaber*innen an die Macht kommen wollen und dort bleiben wollen und dass sie aber, um das zu erreichen, auf andere Menschen angewiesen sind.

Die, auf die man angewiesen ist, kann man grob in drei Gruppen einteilen:

  • Das Nominelle Elektorat sind die, über die man herrscht, aber ohne, dass man wirklich von ihnen abhängig ist. In Putins Russland ist das so ziemlich jeder, in Deutschland zum Beispiel die Jugend oder Migrant*innen.
  • Das Tatsächliche Elektorat ist die deutlich kleinere Gruppe an Menschen, auf deren Zuspruch man wirklich angewiesen ist. In den USA sind das die Wähler*innen in den Swing-States, in Deutschland zum Beispiel die Renter*innen und in Russland die Eliten.
  • Die Gewinnende Koalition. Das sind Menschen, auf deren Zuspruch oder Mithilfe der Machthaber absolut angewiesen ist. Das können Parteifunktionäre sein, aber seien wir ehrlich: heute sind es in den USA und Deutschland genau wie in Russland vor allem Oligarchen.

Um die eigene Macht abzusichern, arbeitet jede Machthaber*in daran, seine Abhängigkeiten zu reduzieren und die Abhängigkeiten, ohne die sie nicht kann, abzusichern. Das funktioniert gewöhnlich dadurch, dass man das Nominelle Elektorat zugunsten der Gewinnenden Koaliton ausbeutet.

Und tatsächlich ist das ein Muster, das man überall beobachten kann, nicht nur in Russland und gerade USA. Auch in „intakten Demokratien“ passiert das auf die ein oder andere Art und Weise, aber eben meist verschämter durch die Abschaffung der Vermögenssteuer und dem Schaffen von immer mehr Steuer-Schlupflöchern. Dieses Prinzip ist aber auch gar nicht auf den Kapitalismus beschränkt, sondern ließ sich in den Sowjet-Regimes genau so beobachten, wie im Feudalismus.

Der Unterschied zwischen Demokratie und Autokratie ist den Autoren zufolge weniger eine Frage der Rechtskonstruktion, sondern der Verteilung von Abhängigkeiten, also Macht. Olaf Scholz und Putin wollen beide an der Macht bleiben, doch Scholz hat dafür einfach ein viel größeres Tatsächliches Elektorat und gewinnende Koaliton zu managen, als Putin.

Dass Machtkonzentration und Demokratie nicht so gut miteinander können, hat bereits der Ressourcenfluch gezeigt, der eigentlich Machtkonzentrations-Fluch heißen sollte, denn nichts anderes sehen wir in den USA und in Ansätzen bereits auch in Deutschland.

Wenn sich die materielle Macht in einer Gesellschaft so weit konzentriert, dass sich die Politik an ihr nicht mehr vorbeibewegen kann, ist es egal, was für ein tolles, aufgefeiltes Rechts- und Demokratiesystem wir haben. Wenn es so wenig Hügel einzunehmen gilt, um an die Macht zu kommen, ist jede Demokratie immer nur zwei Züge von einen Coup entfernt.

Krasse Links No 42

Willkommen zu Krasse Links No 42. Packt Euren Anarchokapitalismus in die Habermas-Engine, heute inszenieren wir den KI-Coup entlang der Agency der Wale.


Ben Miller schreibt lesenswert über die Bundestagswahl.

Olaf Scholz, Friedrich Merz, Robert Habeck. Have any three men ever presented a less inspiring electoral choice, or more perfectly reflected the exhaustion, stupidity, and delusion of a country’s political elite? Scholz, a grim-faced middle manager lacking in inspiration, skill, and distinction, implicated in a tax scandal that cost the state billions, never should have been Chancellor, and won election based on his opponents’ mistakes. Merz, an aging representative of West Germany’s unreconstructed 1980s business-oriented conservatives, is impulsive, short-tempered, and appears to believe he can single-handedly will the country back to the good old days in Bonn when men were men and Mercedes ran on diesel. Habeck, in his own quiet way the most contemptible of the three, is a costume-party intellectual obsessed with self-promotion, a self-proclaimed anti-racist whose most famous speech of the past four years characterized every Muslim migrant in Germany as a potential security threat guilty of antisemitism until proven innocent.

Von diesem trostlosen Ausgangspunkt aus geht es nur noch weiter in die Krise.

When Merz, three weeks before national elections, voted with that Nazi heiress and her party full of far-right extremists to arm Germany’s borders against asylum-seekers, muttering incoherently in parliament about entirely fictive “daily gang rapes” of German women by hordes of migrants like any other boomer uncle with a terminal case of Facebook Brain, the liberal German establishment gasped in horror. But for the past four years, they have been applauding precisely the same racist fever dreams, the same authoritarian crackdowns. To these liberals’ relief, the men without qualities will almost certainly form a government between them after these elections. Absent any plan to address them, Germany’s problems will grow worse: the rich richer, the poor poorer. A glimmer of hope emerges from a Left Party that seems to have found its backbone at the last possible moment. The Nazis are waiting in the wings.


Bei der Berliner Polizei schulen sie gerade auf „Internet Research Agency“ um und verbreiten offenbar selbstfälschte Fake News Propaganda.

Die Berliner Polizei hat am gestrigen Sonntag am Rande einer Demonstration gegen AfD und CDU in Berlin das Fahrzeug „Adenauer SRP+“ der Aktionskünstler:innen des Zentrums für politische Schönheit sichergestellt. Über die Maßnahme verbreitete die Polizei dann einen Tweet bei der Plattform X und eine Instagram-Story darüber, wie der Polizeifahrzeugen sehr ähnlich aussehende Bus der Künstlergruppe abgeschleppt wurde. Dabei retuschierte sie auf dem Fahrzeug die Aufschrift „Adenauer SRP+“.

Das manipulierte Pressebild der Polizei landete dann in der Berichterstattung von Tagesspiegel und t-online. Erst auf Hinweise aus sozialen Medien fügten sie einen Zusatz im Artikel hinzu, in dem es heißt, das Bild sei von der Polizei verändert worden.

Der Bus wird derweil mit allerlei willkürlichen bürokratischen Schikanen drangsaliert.

Auch ganz ohne AfD und BSW rücken wir politisch immer näher an Putins Russland ran?


Bei Correktiv haben sie einige unternehmerische Seilschaften in der CDU identifiziert, die mit verantwortlich sind, Friedrich Merz und die CDU zu einer Normalisierung der Zusammenarbeit mit der AfD zu drängen. Vorbild ist dabei die Kapitalo-Faschistische Machtergreifung in den USA.

„Seit Langem ist zu beobachten, wie die Ultrarechte die moderaten Konservativen verschlingt – genau das droht jetzt auch in Deutschland mit der CDU“, sagt der Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Vor allem jüngere Funktionäre hielten sich nicht mehr an die moralische Richtschnur des „hohen C“. Animiert von marktradikalen Organisationen wie der INSM begünstigen sie eine Art Klassenkampf von rechts gegen die Schwächsten.

Egal, ob in Deutschland oder USA; es gibt eine unheilige Allianz zwischen (Fossil-)Oligarchie und Rechtsrextremismus, die das Ziel hat, die demokratische Ordnung zu beseitigen und einen kulturellen Rechtsschwung durchzuprügeln.

Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Antifaschismus und Antikapitalismus sind jetzt ein Kampf.


In Foreign Affairs arbeiten sich Steven Levitsky und Lucan A. Way durch alle möglichen Arten, wie Trump und Musk nun den Staat „Weaponizen“ können. Das schöne ist, dass sie sich dabei rigoros an Beispielen in der US-Vergangenheit oder anderer Staaten bedienen, um diese Schritte plausibel zu machen.

America is on the cusp of competitive authoritarianism. The Trump administration has already begun to weaponize state institutions and deploy them against opponents. The Constitution alone cannot save U.S. democracy. Even the best-designed constitutions have ambiguities and gaps that can be exploited for antidemocratic ends. After all, the same constitutional order that undergirds America’s contemporary liberal democracy permitted nearly a century of authoritarianism in the Jim Crow South, the mass internment of Japanese Americans, and McCarthyism. In 2025, the United States is governed nationally by a party with greater will and power to exploit constitutional and legal ambiguities for authoritarian ends than at any time in the past two centuries.

Levitsky und Way werden mit einer Menge recht behalten, dennoch halte ich die dort beschriebene Orbanisierung noch für den Best Case? Musk und die Techoligarchen sind nicht nur einfach korrupte Geschäftsmänner, denen es genügt, über allen zu stehen. Sie haben einen Plan, sie haben die Mittel und mit dem Longtermism eine unendlich skalierbare Erlaubnisstruktur.


Einen der besten Texte, die sich mit den faschistischen Merkmalen der neuen Trumpregierung beschäftigen, kann man bei Rainer Mühlhoff im Verfassungsblog lesen.

Im Zusammenspiel von Trumps autoritär-wahnsinniger Politik und der Aneignung der Bürokratie durch seinen Schergen Musk realisiert sich lehrbuchhaft ein Theorem des Nazi-Staatsrechtlers Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand verfügt“ – wer also auf Ebene der Abläufe und Prozeduren Demokratie und Rechtsstaat aushebelt. Was bereits der NSDAP als Playbook galt, wird auch hier wieder herangezogen: Ziel der faschistischen Politik ist die Übernahme des Apparats, nicht eine bestimmte Politik innerhalb desselben.


Der Historiker Quinn Slobodian schreibt in den Blättern lesenswert von den historisch ideologischen Wurzeln des Anarchokapitalismus.

Die Hauptfigur im sezessionistischen Bündnis war Murray Rothbard. Er war 1926 in der Bronx zur Welt gekommen und hatte sich im Universum der neoliberalen Denkfabriken hochgearbeitet. Seit den 1950er Jahren war er Mitglied in der Mont Pèlerin Society. In seiner gesamten Laufbahn arbeitete er an der Entwicklung einer besonders radikalen Version des Libertarismus, die als „Anarchokapitalismus“ bezeichnet wird.[1] Er lehnte jede Art von Regierung ab, betrachtete Staaten als „organisiertes Banditentum“ und Steuern als „Diebstahl in gewaltigem Ausmaß“. In seiner idealen Welt sollte der Staat vollkommen beseitigt werden. Innere Sicherheit, Versorgungswirtschaft, Infrastruktur, Gesundheitswesen: Sämtliche Dienste sollten über den Markt angeboten werden, und ein Sicherheitsnetz für jene, die sie nicht bezahlen konnten, würde es nicht geben. Die Verfassungen sollten durch Verträge ersetzt werden, und die Menschen würden nicht länger Bürger eines Landes, sondern Klienten verschiedener Dienstleister sein. Das Gemeinwesen wäre eine Antirepublik, in der das Privateigentum und der wirtschaftliche Austausch jede Spur der Volkssouveränität auslöschen würden.


Gideon Rachman beschäftigt sich in der Financial Times mit dem zunehmend expansionistischen Kettenrasseln der Trump-Regierung.

His fascination with acquiring territory has startled even some of his supporters. But Trump’s expansionist ambitions are easier to understand, if seen as part of a global trend. The two other world leaders that he seems to view as genuine peers — Vladimir Putin and Xi Jinping — also see territorial expansion as a key national goal and part of their personal claim to greatness.

[…]
The world may be moving from an era where smaller countries could claim the protection of international law to one in which, as Thucydides put it, “the strong do what they can and the weak suffer what they must”.
[…]
Elon Musk, who is doing much of the crushing, has said that he thinks about the fate of the Roman empire every day and suggested that America might need a “modern-day Sulla” — a Roman dictator who murdered hundreds of his opponents, while reforming the state. You have been warned.

Es ist nicht leicht, sich mit neuen Realitäten anzufreunden, aber wenn wir nicht bald aus den untergehenden Kontinuitäten aufwachen, die Nato verloren geben und uns ganz schnell neue Bündnisse gegen den Internationalen Faschismus suchen, wird er uns auf die eine oder andere Art frühstücken.


Eryk Salvaggio findet in Techpolicy Press (wie ich), dass KI ein Coup ist. Was ich vor erschreckend kurzer Zeit als Möglichkeit an den Horizont zeichnete, spielt sich aber viel anfassbarer als je von mir gedacht in den Bundesbehörden der USA ab, wo Elon Musks Doge einen Großteil der Belegschaft mit KI-Bots ersetzen will.

AI then becomes a tool for replacing politics. The Trump administration frames generative AI as a remedy to „government waste.“ However, what it seeks to automate is not paperwork but democratic decision-making. Elon Musk and his Department of Government Efficiency (DOGE) are banking on a popular but false delusion that word prediction technologies make meaningful inferences about the world. They are using it to sidestep Congressional oversight of the budget, which is, Constitutionally, the allotment of resources to government programs through representative politics.

Das ist natürlich in sicherer Pfad in die Katastrophe, aber Politiker*innen und einem teil der Bevölkerung scheint man diese Vollidiotie verkaufen zu können.

To serve its purpose, any generative AI deployed here wouldn’t have to be good at making decisions or even showcase any new capacities at all. It merely has to be considered a plausible competitor to human decision-making long enough to dislodge the existing human decision-makers in civil service, workers who embody the institution’s values and mission. Once replaced, the human knowledge that produces the institution will be lost.

So wie generative KI sich nicht nur als Alternative zur Suche positioniert hat, sondern die klassische Suche auch mit KI-Slop unbrauchbar gemacht hat, so besteht der eigentliche Coup nicht in der KI, sondern in der Zerstörung des Wissens, das in den Köpfen der geschröpften Behörden lag. Was an Organisation übrig bleibt, residiert fortan in der Obskurität der LLM-Black Box, die nur durch die von Musk eingesetzten Priesterschaft der ScriptKiddies beschwörbar ist.

Seizing congressional oversight of government spending and programs enacted by statute and handing them to an automated system would be the first sign that the AI coup is complete. It would signal the transition from democratic governance to technocratic automatism, in which the engineers determine how to co-opt Congressional funding toward the goals of the executive branch. Refusing to share insight into the system’s outputs — deferring to a combination of security or even commercial concerns and myths of „black box“ neural networks — would shield it from any real scrutiny by Congress.

Salvaggio warnt:

AI achieves „efficiency“ by eradicating services. AI, like Big Data before it, can use convenience and efficiency to bolster claims to expand digital surveillance and strip away democratic processes while diminishing accountability.


Kyle Chayka sieht im New Yorker noch eine andere mögliche Strategie hinter dem KI-Coup.

Ultimately, though, Musk’s push for A.I. in government may be best understood as a marketing tactic for a technology that Silicon Valley sees as an investment too big to fail. A.I. is meant to be powerful enough to rule the world, so rule the world it must.

Eine Übernahme der US-Adminstration durch KI wäre nicht einfach ein ShowCase, es wäre die gewaltsamst mögliche Art, den Menschen ihre Produkte in den Rachen zu prügeln und sich dabei noch mit Steuergeldern gesund zu stoßen.


Im Wallstreet Journal fragt Tim Higgens sich, ob Musk „Too Big to Tame“ ist und stellt zumindest fest, dass die rechten Influencer nur wenig beunruhigt sind.

Conservatives in general have rallied to support Musk as unassailable, often suggesting that he is unimpeachable because of his wealth, estimated at around $400 billion. They note Musk personally campaigned for Trump on the commitment of helping slash the government.

“He’s so rich, he’s so removed from the potential financial influence of it,” Chris Sununu, the former Republican governor of New Hampshire, told CNN late last year

Influential podcaster Joe Rogan, an ally of Musk, said something similar this past week, dismissing concerns being raised about Musk’s intentions.

“He has $400 billion, I’m telling you, he’s not going to steal your money—that’s not what he’s doing,” Rogan said. “He’s a super genius that has been f—ed with, OK, and when you’ve been f—ed with by these nitwits that hide behind three-letter agencies, and you’re dealing with one of the smartest people alive and he helps Donald Trump get into office and he goes, ‘I want to find out what kind of corruption is really around.’”

Bro, der Typ ist ein Genie! Ein fucking reiches Genie, sag ich dir, Bro! What could possibly go wrong?


Mein Lieblingsgenre sind ja KI-Leute die beim Nachdenken über Agency accidentally Poststrukturalismus rausfinden.

Main Claim. We here address this puzzle by arguing that the attribution of agency to a system is fundamentally dependent on a choice of reference frame. That is, the agency of any system is relative in the sense that it depends on arbitrary commitments that we collectively call a reference frame. For example, one such commitment is whether the system is meaningfully pursuing a goal; depending on how we codify what counts as meaningful goal-pursuit, the system will either be understood as having agency or not. We support this main claim by illustrating that each of the four properties of agency are themselves relative to a choice of some reference object or commitment—that is, reaching a conclusion about whether a given system possesses each property requires an independent commitment whose choice is arbitrary. At present, our definitions, claims, and arguments are purely philosophical, though we note that a rigorous presentation of this perspective is a natural and fruitful direction for future work.

Sie definieren Agency als „an input-output system’s capacity to steer outcomes toward a goal“ und destillieren daraus vier Kriterien: ein Agent hat Agency, wenn „it has (1) a boundary, (2) is the source of its own actions, (3) has a goal, and (4) adaptively selects outputs based on inputs„.

Es macht Spaß zu lesen, wie sie durch jeden dieser Punkte steppen und daran scheitern, diese Fragen „objektiv“ zu beantworten, aber zur Anschauung hier der Abschnitt über die Zuordbarkeit von Handlungen:

For instance, a wall being knocked over by a wrecking ball could be understood as taking the action of being knocked over. However, the source of this action (and the corresponding potential energy) did not ultimately originate in the wall, but rather in the wrecking ball and its operator.

Und was ist mit dem Chef des Operators, der ihm den Befehl gab, die Mauer abreißen? Was ist mit der Kapitalist*in, gemäß deren Plänen die Wand abgerissen wird? Etc.

Kenton et al. (2023) recently develop a causal account that determines which entities in a causal model might be said to satisfy roughly this property. The difficulty, as Kenton et al. note, is that reaching a conclusion about the source of action in a causal model rests entirely on the choice of causal variables. In this way, identifying whether a given subsystem originates its own action depends on an independent, unrelated choice: the causal variables. Kenton et al. state directly: ”Note [discovering an agent in a causal model] is relative to a frame – a choice of variables that appear in our causal model” (p. 2, Kenton et al., 2023).

Je genauer man hinschaut, sind Grenzen immer nur behauptet, ist der Beweger immer schon bewegt, das Ziel niemals komplett das Eigene und Adaption immer wechselseitig. Dieses Paper ist eine anschauliche Dekonstruktion der Ideologie des Individuums, aber ohne zu merken.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, suchen sie den Ausweg im „Reference Frame“:

What is a Reference Frame? An agent reference frame is a collection of these four commitments that allow us to determine whether a system has each of the four properties. That is, a frame must include (1) a boundary that decides what is internal to the agent and what is external; (2) a reference object such as a set of causal variables that allow for determination of whether the system is the cause of its action; (3) a principle for isolating whether the system is meaningfully pursuing a goal; and (4) a choice of what changes in behavior count as meaningful adaptation. There are many valid ways to formalise these components; a boundary could be a cut in a graph (Jiang, 2019) or a Markov blanket (Friston et al., 2009). A precise mathematical construction of reference frames is a natural next step for further research.

Doch was wäre mit der Befüllung der fehlenden Variablen mit weiteren Vorannahmen gewonnen, wenn die Begründung dieser Vorannahmen wiederum „Reference Frames“ erfordern? Sie verstehen noch nicht, dass es aus diesem ständigen Aufschub kein Entrinnen gibt.

Es scheint fast so, als wäre der Agent nie der Agent, sondern immer nur der „Agent plus Welt“ und als residiere die Agency nicht im Agenten, sondern … in seinen Beziehungen zur Welt? Doch das ist halt im „Reference Frame“ des Individuums schlicht nicht darstellbar.


Noch lustiger fand ich nur die Meldung, dass KI-Forscher*innen tatsächlich eine Habermas-Engine gebaut haben:

AI researchers have reportedly invented a machine that will do civil debate for us, so we don’t have to. Researchers from Google’s DeepMind and the University of Oxford have developed an AI system that can digest clashing opinions and come up with a compromise that helps everyone meet in the middle.

The system is nicknamed a “Habermas machine”, after the philosopher Jurgen Habermas, who argued that, provided you get the conditions for debate right, people will agree more than they disagree.

Das ist nicht nur eine gelungene Karikatur der KI-Ideologie sondern auch von Habermas‘ „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“.

Als wäre es komplett beliebig, wer dort aus welcher Perspektive argumentiert, mit welchen Lebenserfahrungen, mit welchen Abhängigkeiten, mit welchem Vorwissen und welchem Schmerz. Und als käme es beim Debattieren überhaupt nicht auf den Prozess an, auf das Sich-aufeinander-Zubewegen, das „Sich-Berühren-Lassen“ und das gemeinsame Erschaffen von „Common Ground“.


Pankaj Mishra, er war hier schon mal Thema, hat im Guardian einen sehr bemerkenswerten Essay über Deutsche Erinnerungskultur geschrieben.

The Israeli philosopher Yeshayahu Leibowitz remarked many years after Eichmann was hanged that his “trial was a total failure; Eichmann really was a small and insignificant cog in a big machine. I think it was a conspiracy by Adenauer and Ben-Gurion to clear the name of the German people. In exchange they paid us billions.” Marwecki provides the belated evidence for this scandalous claim while describing the “exchange structure specific to German-Israeli relations”: moral absolution of an insufficiently denazified and still profoundly antisemitic Germany in return for cash and weapons.

Seitdem hat sich statt einer echten Aufarbeitung und Entnazifizierung ein Selbstbild des „bekehrten Deutschen“ etabliert, dessen Hinwendung zu Israel die Bekämpfung des Antisenitismus und Faschismus im eigenen Land ersetzt. Da kommt die Mär vom „importieten Antisemitismus“ gerade recht.

Yet “white Christian-background Germans” see themselves “as having reached their destination of redemption and re-democratisation”, according to Özyürek. The “general German social problem of antisemitism” is projected on to a minority of Middle Eastern immigrants, who are then further stigmatised as “the most unrepentant antisemites” in need of “additional education and disciplining”. To denounce Germany’s Muslim minority as “the major carriers of antisemitism”, as Özyürek points out, is to suppress the fact that nearly “90% of antisemitic crimes are committed by rightwing white Germans”.

Mit der Unterstützung des Genozids in Gaza durch umfangreiche Waffenlieferung hat Deutschland mal wieder „Full Circle“ den „Anfängen gewehrt“.

It always seemed implausible that a collective moral education could produce a stable, homogeneous attitude across the generations. There are too many other factors determining what is remembered and what is forgotten, and the German national subconscious is burdened by a century of secrecy, crimes and cover-ups. It should not surprise us then that, as völkisch-authoritarian racism surged at home, Germany yet again became complicit, through its unconditional solidarity with Netanyahu, Smotrich, Gallant and Ben-Gvir, in murderous ethnonationalism. As Günter Grass wrote in his 2002 novel Crabwalk: “History, or, to be more precise, the history we Germans have repeatedly mucked up, is a clogged toilet. We flush and flush, but the shit keeps rising.”


Beim SWR gibt ein spannendes Feature zu den Semantiken der Wale.

Youngblood erklärt, es gehe um drei wichtige Gesetze aus der Linguistik, die aber auch zunehmend bei der Kommunikation anderer Tiere beobachtet wurden. Im Wesentlichen beschreiben sie, wie Informationen in der Zeit komprimiert werden, also wie effektiv Informationen übermittelt werden. „Das Potenzgesetz beschreibt, wie verschiedene Arten von Tönen oder Phrasen in Bezug auf ihre Häufigkeit verteilt sind.“, so der Forscher.

Je häufiger ein Wort ist, desto kürzer ist es. Ein Gesetz, das universell für Sprachen gilt. Aus der Linguistik-Forschung weiß man, diese sehr spezifische Verteilung von Wörtern, erleichtert Menschen eine Sprache zu lernen. „Das nennt man das Gesetz der Potenz, und sie fanden das exakt gleiche Muster in den Phrasen des Gesangs der Buckelwale.“, erklärt Youngblood.

Die Forschenden gehen davon aus, dass diese linguistischen Erscheinungsformen aus genau diesem Grund auch bei Buckelwalen auftreten: damit die Kommunikation möglichst effizient und für den Nachwuchs leichter erlernbar ist.

Krasse Links No 41

Willkommen bei Krasse Links No 41. Sorry, die Welt hat mich geddost. Wenn sich die Ereignisse so überschlagen, schaffe ich es nicht, die Reflexionsebene herzustellen, die der Newsletter benötigt. Ich finde mich gerade erst wieder.

Aber jetzt schnallt die Matrix an die Erlaubnisstrukturen, heute verschanzen wir die Kapitalo-Faschistische Machtergreifung in den Tiefen des Milliardärs-Klassenbewusstseins.


Ich habe mich kurzfristig im Aktivismus verloren, war so wütend, dass ich ein Video gemacht habe, war auf drei Demos und im Social Media-Rausch und bin (Disclosure!) in die Linkspartei eingetreten.

Ich versuche gerade so viele Menschen wie möglich zu diesem politischen Moment aufzuwecken. Das hier ist nicht eine der „Krisen“ oder „Umbrüche“, die wir aus der KohlSchröderMerkel-Zeit kennen. Das hier ist Großeltern-Level-Shit. Und entsprechend müssen wir unsere Imaginationsfähigkeit erweitern, denn sonst hängen wir, wie Biden, Harris, Scholz und Habeck und all die Journalist*innen in den Frames und Kontinuitäten fest, die gerade vor unseren Augen kollabieren. Verdrängung ist menschlich, aber gerade ist sie unser Feind.

Da ich mir abgewöhnt habe, auf Individuen zu schauen (Was für ein Mensch ist Merz?), sondern stattdessen Erlaubnisstrukturen tracke, (also alle impliziten oder expliziten Rechtfertigungen und Normalisierungen von Normverletzungen und Gewalt), kam ich nicht umhin festzustellen, dass die Ausschläge für die USA letzte Woche „off the charts“ waren und seitdem warte ich auf den eintreffenden Erlaubnis-Tsunami.

Man muss Merz Wortbruch bereits vor diesem Hintergrund sehen. Das ist nicht Merz, der spricht, das ist ein Vibe. Die Lust an der Lüge, die wütende Transgression als Mittel männlicher Kontrollsucht, die Geste der Einschüchterung und Erpressung und das Feiern der Regellosigkeit als Insigne der Macht. Es ist der neue Vibe des Kapitalo-Faschismus, in dem alles erlaubt ist, solange Du reich oder rechtsextrem genug bist.

Merz hat den Vertrauensbruch nicht begangen, weil er einen Wutanfall hatte; lasst euch das nicht einreden. Er hat das gemacht, weil er dachte, dass er damit durchkommt.

Merz und Linnemann haben sich verkalkuliert. Weil sie und ihre Mitarbeiter*innen zu viel auf X rumhängen, haben sie den Eskalationsgrad der hiesigen Erlaubnislandschaft überschätzt. Mit diesem Widerstand haben sie nicht gerechnet. Noch sind wir hier nicht so weit.


Das Hauptproblem ist aber: Die Brandmauer ist restlos kollabiert, was jede denkbare, demokratische Koalition unter Merz unmöglich macht. Jeder Juniorpartner wäre durch die geschaffene Erlaubnisstruktur ständig erpressbar, wie ich in diesem eilig aufgenommenen Video erkläre.

Unsere einzige Chance ist es, die Brandmauer hinter Merz wieder aufzubauen. Aber ich fürchte, das Zeitfenster dafür hat sich dafür bereits wieder geschlossen?


Christian Stöcker hat auf Spiegel Online eine seiner wissenschaftlich untermauerten Kolumnen geschrieben und diesmal über den Drumbeat der Migration. Die ganze Kolumne ist lesens- und sharenswert, aber am härtesten knallte dieser Fakt:

„Bis Anfang 2023 lag die Anzahl der Menschen, die den Themenkomplex »Ausländer, Migration, Flüchtlinge« für das »wichtigste Problem in Deutschland« hielten, immer irgendwo zwischen neun und elf Prozent. Dann begannen Friedrich Merz (»kleine Paschas«, »Die lassen sich die Zähne machen« ) und Jens Spahn (»mit physischer Gewalt aufhalten«), das Thema intensiv zu bespielen. Am 27. September 2024 hielten 42 Prozent Migration für das wichtigste Problem.“

Öffentlichkeit ist nicht die „Summe aller Meinungen“, sondern ein Trommelkonzert, das man mit genügend Trommelpower auf seinen Beat zwingen kann.

Den Effekt auf die Wahrnehmung der Öffentlichkeit erklärt Stöcker über die kognitive Verzerrung der „Verfügbarkeitsheuristik“:

Die Strategie der Partei basiert auf einer kognitiven Verzerrung, der alle Menschen unterliegen, der Verfügbarkeitsheuristik: Wenn wir etwas häufiger hören oder lesen, es uns also leichter »verfügbar« ist, dann erscheint es uns auch wahrscheinlicher.

Mir scheint, „kognitive Verzerrungen“ spielen in der Individualpsychologie die Rolle, die „Externalitäten“ in der Markt-Theorie der VWL spielen. Es sind Anhäufungen eingeräumter „Ausnahmetatbestände“ der Theorie, die davon ablenken, dass die Theorie falsch und die Ausnahmen die Regeln sind.

Weil wir keine Individuen sind, die mit „kognitiven Verzerrungen“ ihres eigentlich „objektiv-rationalen“ Denkapparates kämpfen, sondern dividuelle Pfadopportunisten, die einander auf Deutungspfaden folgen, bleiben wir auf die Deutungsangebote angewiesen, die uns materiell, semantisch und sozial zugänglich sind.

Wir können uns den ganzen Tag „kritische Gedanken“ machen, aber wenn uns alternative Deutungspfadgelegenheiten gar nicht erst erreichen, dann sind wir dem, was uns im Fernsehen oder Whatsappgruppen erzählt wird, hilflos ausgeliefert.


Sebastian Weiermann beschäftigt sich im ND mit Habecks 10 Punkteplan für mehr Migrationskontrolle.

Auch die Grünen sind vom rechten Zeitgeist ergriffen und stärken ihn. Statt darüber zu sprechen, dass dieser Planet verbrennt oder dass es in diesem Jahr schon sieben Femizide gab, wie es sich für eine feministische Klimapartei gehören würde, arbeitet man sich am von der extremen Rechten gesetzten Thema Migration ab.

Wenn man versteht, wie Erlaubnisstrukturen funktionieren, dann ist es um so schmerzhafter zuzusehen, wie Habecks 10Punkte-Plan der Grausamkeiten dabei hilft, das „Migrationsnotstands“-Narrativ zu festigen. Und das nur zwei Tage nachdem wir mit 700.000 Menschen dagegen auf die Straße gingen.

Habeck glaubt eine aktuell relevante „Programmlücke“ zu schließen, aber das Signal ist für viele Leute eine weitere Erlaubnis vom „Notstand“ zu faseln: „Siehste! Sogar die Grünen geben jetzt zu, dass wir einen Migrationsnotstand haben! Alle Mittel sind recht!“.

Die Lüge vom „Migrationsnotstand“ ist so unfassbar toxisch. Sie zwingt alle Akteure in einen Überbietungswettbewerb der Grausamkeiten und Regellosigkeit. Es ist eine selbstfeedende Spirale, in der die Regierung der Opposition strukturell ausgeliefert ist. Die Opposition kann immer absurd illegale und menschenfeindliche Forderungen stellen und die Regierung wird an relevanten Abschiebequoten verlässlich scheitern. Und ganz egal, wie oft sich Scholz zum „Abschiebekanzler“ ausruft oder wieviele seiner Werte Habeck den Rechten in den Rachen wirft, am Ende nutzt das immer nur wieder der AfD.

Die politische Öffentlichkeit in diesem Land hat sich in eine rassistische Schreispirale hineingewütet und es wird Zeit, diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten.


Friedemann Karig und Samira El Ouassil haben in ihrem Podcast Priatensender Powerplay eine True-Crime-Sonderepisode über die Gaslightningkampagne der Fossillobby gegen Habecks Heizungsgesetz. Sie klamüsern im Detail heraus, wie Konzern-, Finanz- und Oligarchie-Macht gezielt Propaganda einsetzt, um den Klimadiskurs zu steuern. Ganz am Ende kommt auch Habeck zu Wort und seine Antwort auf diesen kriminellen Angriff auf die Demokratie sind … Bürgerräte.

Bekommt ihr da nicht auch Bock, den Habeck-Automaten nochmal aufzuziehen und ihn gegen dieselbe Wand laufen zu lassen?

Ich erzähl mir die Geschichte so: Als die Grünen so groß in den Bundestag einzogen (und zwischendrin in den Umfragen noch größer waren), jagte das einigen sehr mächtigen Menschen einen gehörigen Schrecken ein, die von Merkel bisher in Ruhe gelassen wurden. Nicht, dass die Ampel jetzt besonders radikal agiert hätte, aber neben den finanziellen Risiken hat alleine der Anspruch der Grünen, Technologien (Verbrennungsmotor, Ölheizung) und Industrien (Fossil) politisch zu beenden, die Fossil-Oligarchen von ihren Yachten geschüttelt. Da ging es nicht mehr nur um Geld, sondern um die „Gefahr des Öko-Kommunismus“, die das libertäre Selbst- und Weltbild der Oligarchie erschütterte. Seitdem mobilisieren sie zum Gegenangriff.

Ihre „Thinktanks“ und Netzwerke sind seit jeher im Klimaleugnungs- und Gaslighting-Business unterwegs und daher sahen sie in der sich überall Luft machenden Gewalt gegen die Letzte Generation eine Pfadgelegenheit. Sie erkannten, was auch Tadzio Müller sah, nämlich dass es sich beim dem Hass um die Aggression des Verdrängenden gegen den Boten handelt. Und d.h. dass man den Hass der „Arschlochgesellschaft“ entsprechend bespielen und ausweiten kann.

Über die großen Pauken von Springer, FDP und CDU (die AfD trommelt den Beat ja eh), wurde daraus eine umfassende und dezidierte Kampagne gegen die Grünen, gegen Habeck und das restliche Personal und vor allem gegen all ihre Projekte, nicht nur gegen das Heizungsgesetz.

Und diese Kampagne war so erfolgreich, dass die Leute sich seit Wochen mit „Habeck ist doof“ auf der Straße grüßen.


Der Volksverpetzer hat in einem Video noch mal zusammengesammelt, warum die aktuelle Migrations-Panik jeder faktischen Grundlage entbehrt.

Die Gemeinsamkeiten der Kampagnen von Trump/Musk auf der einen und CDU/FDP/AfD auf der anderen sind augenfällig: Alle setzen ihr Hauptaugenmerk auf einen eskalieren Migrations- und Kulturkampf, aber an zweiter Stelle steht bei allen auch ein radikaler Umbau des Staates und der Wirtschaftspolitik, die mit unterschiedlichen Rezepten Wohlstand von unten nach oben transferieren soll.

Durch den Lärm der Migrationsdebatte bekommen viele Wähler*innen diesen öffentlich geplanten Raubzug gar nicht mit und die, die es mitbekommen, hören nur irgendwas mit „Effizienz“, „Markt“ und „Unternehmerische Freiheit“, also 1a Semantiken, wie die Matrix ihnen stets versicherte.

Wir müssen deswegen die Kapitalo-Faschistische Machtübernahme in den USA als unsere letzte Chance begreifen. Das einzige, was die Welle noch aufhalten kann, ist, wenn es uns gelingt, die Geschehnisse in den USA als uns drohende Zukunft plausibel zu machen. Wir müssen versuchen, die freigesetzte Energie aus diesem Schock als Gelegenheit zur Schismogenesis zu nutzen, und eine „semantische Sezession“ von den USA vollziehen. Nur ein lautes, kollektives „Nein“ zu Trumps und Musks angestrebter Gesellschaftsvision, kann uns vor ihr retten.

Deswegen empfehle ich zum Kopfaufmachen einen Dreischritt:

  1. Lest genau nach, was in den USA unter Trump und Musk gerade passiert.
  2. Versteht, dass Merz in diesem Moment die Weichen stellt, mit AfD und FDP hier dasselbe zu tun.
  3. Demonstriert, als wäre es das letzte mal, dass ihr das dürft.

Im Januar hatte ich meinen Vortrag beim MoMo Berlin gehalten, in dem ich im Grunde versuche den gedanklichen Pfad zu rekonstruieren, den ich ja größtenteils in diesem Newsletter entwickelt habe. Das Video ist für Außenstehende sicher eine irritierende Wundertüte eklektischer Theoriefragmente, aber als Crashkurs für die hier verwendeten Semantiken, ist er hoffentlich nützlich.

(Die ersten 5 Minuten ist der Ton leider schlimm, danach ganz prima.)


Wer die letzte Woche USA-News geschwänzt hat, hat viel aufzuholen, aber gottseidank hat Annika Brockschmidt einen umfassenden Bericht über Musks Graphnahme des Staates geschrieben. Und auch darüber, dass die Medien den Plot verloren haben.

Wenn ein Staatsstreich in einem Land passiert, das zu Deutschlands wichtigsten Verbündeten zählt und das die größte Volkswirtschaft der Welt darstellt, sollte man meinen, dass das Schlagzeilen machen würde. In den Vereinigten Staaten von Amerika reißt seit Tagen ein nicht-gewählter Oligarch unermessliche Macht an sich, und deutsche Medien berichten weitgehend, als sei das alles “politics as usual”. Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, ist einer von Präsident Trumps engsten Beratern – aber kein offizielles Regierungsmitglied.

Ich fürchte, bei diesem Thema können wir uns nicht mehr blind auf die Legacy-Medien verlassen, denn sie sind, wie die Politiker*innen in ihren deutsch-amerikanischen Frames und Kontinuitäten gefangen. Das äußert sich vor allem an einem Phänomen, das man in den USA schon länger „sane washing“ nennt, also das unaufgeforderte Bereitstellen von Erklärungen, warum das, was Musk und Trump tun, entweder ganz anders ist als Du denkst, oder irgendwie nicht so wichtig.

Wir haben einen Vorgeschmack davon bei der Berichterstattung über Musks Hitlergruß gesehen und wir sehen es auch in den kläglichen Versuchen, deutscher Medien und Politik, uns weiß zu machen, dass die Brandmauer noch existiert. Mit den explodierenden Erlaubnisstrukturen rund um Elon Musk explodierte auch das Gaslighting der Legacy-Medien und das Resultat ist eine Hypernormalization, also ein entleertes weitererzählen der Gegenwart aus Mangel an Alternativen. Hence die weirde Unaufgeregtheit unserer liberalen Eliten.

Für die USA hat das Techdirt sehr lesenswert aufgearbeitet und das Altpapier für Deutschland.

Das ist keine Verschwörung oder so. „Benefit of the doubt“ ist in der Realität halt immer „Benefit of the powerfull“. Man räumt demjenigen, von dessen Kooperation man abhängig ist, Kredit ein. Und dann mehr Kredit. Und dann noch mehr, usw. Bei Menschen ohne Macht, passiert meist das Gegenteil.

Lasst Euch nicht gaslighten. Diese Normalisierung ist bereits Teil der schleichenden Faschisierung und man muss sich ihr aktiv widersetzen.


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Michael Seemann
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Die Cybersecurity Expertin Violet Blue ordnet Musks Coup aus Blickwinkel der Threat Analyse ein:

In cybersecurity terms, DOGE is “insider threat,” APT (Advanced Persistent Threat), and domestic adversary combined. One that we can be sure has wildly varying levels of cybersecurity competency and security hygiene.

Musks ganzer Coup gleicht einem Hackerangriff. Durch die Besetzung der wichtigsten Computer und Behörden hat sich die „Root“-Rechte der materiellen Infrastruktur des Staates bemächtigt. Er kann jetzt jenseits von Recht und Gesetzen über Ausgaben bestimmen und all die Gesetze und Guardrails (die Budgetverfügung hat eigentlich der Congress) sind hinfällig.

Mittlerweile gibt es eine einstweilige Verfügung, dass die DOGE-Leute sich aus den Computersystemen des Treasury Departments nicht unautorisiert vergehen dürfen, aber ich zweifele, dass Musk diese Kontrolle wieder abgeben wird, wenn er sooo viele Möglichkeiten hat, nur so zu tun?


Henry Farrell und Abraham L. Newman haben sich bei Lawfare mit dem Kernstück von Musks Coup befasst, die Übernahme und Kontrolle der Zahlungsinfrastruktur des Staates, dem „Treasury Paymant System“ und weisen darauf hin, dass die USA diesen Zug im Grunde vorgemacht hat, als sie das internationale Bankeninformationssystem S.W.I.F.T. dafür einsetzte, Sanktionen gegen Iran und dann gegen Russland auf infrastruktureller Basis durchzusetzen.

We are highly familiar with such systems and how they can be used. Our academic research, and our recent book, “Underground Empire: How America Weaponized the World Economy,” explain how the U.S. quietly took control of similar technical systems that hold the world economy together and used them to exercise domination over allies and enemies alike. Now, Musk is seemingly doing to the U.S. government what the U.S. government once did to the rest of the world: refashioning the plumbing of the federal government into a political weapon against his adversaries.

Witzig manchmal, welche Umwege Erlaubnisstrukturen nehmen?

Ich bin erst kürzlich darauf gekommen, dass Staatsstreiche, genauso wie Landnahmen, in Wirklichkeit schon immer Graphnahmen waren, also das Erobern von Netzwerken durch Besetzung netzwerkzentraler Infrastrukturen.

Musk hat sich halt den Bauplan des Todessterns besorgt und die infrastrukturellen Flaschenhälse erkannt und in Beschlag genommen. Und alle liberalen Kommentator*innen schreien jetzt rum, dass das gegen die Regeln ist. Liberale können den Faschismus nicht verstehen, weil sie in ihrem Denken in Institutionen und Prozessen verfangen sind, und ihre Vorstellungskraft verloren haben, was nackte Gewalt alles bewirken kann.


Für diejenigen, die jetzt sagen, dass das kein Coup ist, weil Musk doch schon irgendwie Teil der Regierung ist, verweist Paul Krugman auf den Begriff des „Autogolpe“ oder des „Selbst-Coups“, die anderswo auf der Welt eine durchaus gängige und bekannte Praxis ist.

For what’s happening in America right now is an attempted autogolpe.

Latin American readers are surely familiar with the term. An autogolpe is literally a “self-coup” — when a legitimately elected leader uses his position to seize total control, eliminating legal and constitutional restraints on his power. Are Musk and Trump trying to pull off an autogolpe here? Of course they are. And they are doing so with, as far as I can tell, the full support of every Republican in the House and the Senate.


Eine spannende Analyse der übergeordneten Dynamik des Staatsstreichs kommt wie oft von Thomas Zimmer.

Es ist auffällig, dass je nachdem, wen man fragt, einfach Project 2025 umgesetzt wird, Musk die Staatsgewalt ansichreißt, den Techoligarchen gleichzeitig zum Crypto-KI-Ungetüm umrüsten, während MAGA seine Rache an „Wokistan“ nimmt. Der Witz ist: alles gleichzeitig wahr ist.

But the most plausible interpretation, I believe, is that it isn’t just one thing. The assault is coming from several directions. There are the reactionary elites mostly aligned with Heritage and Project 2025; there are the America First nativists; there are the techbro feudal barons. There is also, let’s not forget, Donald Trump as a slightly idiosyncratic factor, driven entirely by a sense of grievance, a desire for revenge, and his personal obsessions (tariffs, for instance; and the urge to install a politics of domination both domestically as well as on the world stage). All of these different factions of the Trumpist Right have been let loose on the government. Invoking the will of the president, they have declared themselves masters of the world. It is genuinely unclear how much coordination there is between them. Their actions add up to an often chaotic, but nevertheless comprehensive assault on the constitutional order. Less the execution of a single master plan – and more a MAGA feeding frenzy.

Trumps Regierungstechnik ist einfach alle ihre jeweiligen Projekte durchführen zu lassen, wie von der Kette gelassene Räuberbande, die ein Dorf überfällt.


Brooke Harrington – wir erinnern uns, sie erfand das Wort „Broligarchs“ – hat in den Blättern für Internationale Politik die Grundzüge dieser neuen Regierungsform scharf und deutlich konturiert.

Wenngleich einige von ihnen Trump zuvor wegen seiner Einwanderungs- oder Zollpolitik ablehnten, teilen die Broligarchen seine Politik der Straflosigkeit: die Vorstellung, dass einige Männer über dem Gesetz stehen sollten. Diese trotzige Ablehnung jeglicher Beschränkung und jeglicher Verpflichtung gegenüber den Gesellschaften, die sie reich gemacht haben, ist unter den Ultrareichen der Welt weit verbreitet, einer Gruppe, deren Praktiken und Normen ich seit fast zwei Jahrzehnten studiere.

Broligarchs sind motiviert, genau jene Form der Unangreifbarkeit für sich zu reklamieren, die Trump (und jetzt auch Musk) ihnen vorleben. Dabei greifen sie auf Superheldenerzählungen zurück.

Superhelden-Erzählungen scheinen auch viele von Musks exzentrischeren politischen Ansichten zu beeinflussen. So wird berichtet, er sei überzeugt, dass Superintelligente die Pflicht hätten, sich zu vermehren. Der Einfluss von Superhelden-Narrativen könnte auch erklären, warum Musk im September auf X einen Post weiterverbreitete, der behauptete, eine Republik hochrangiger Männer sei unserer derzeitigen Demokratie überlegen. Im November verglich er Matt Gaetz, Trumps damaliger Kandidat für das Amt des Justizministers, mit Judge Dredd, einer dystopischen Comicfigur, die befugt ist, summarische Hinrichtungen durchzuführen. Musk scheint dies als Kompliment gemeint zu haben.

Ein Topos, der immer wieder Heldengeschichten generiert, ist das beständige Verwechseln von Gewalt mit Intelligenz.

Unabhängig von ihrer Herkunft hat das Gefühl der Broligarchen, von Natur aus überlegen zu sein, viele von ihnen zu einer ähnlichen Einstellung zur Besteuerung geführt wie Trump. Im Jahr 2016 prahlte dieser als republikanischer Präsidentschaftskandidat damit, jahrelang keine Steuern gezahlt zu haben. „Das macht mich schlau“, brüstete er sich während des TV-Duells mit Hillary Clinton.

Ich schätze, das war der Gründungsmoment des Milliardärs-Klassenbewusstseins. Trump räumte brutal öffentlich mit der Illusion der „Gleichheit vor dem Gesetz“ auf und zeigte, dass einfach nur fucking viel reicher als alle anderen zu sein, nicht das Ende der Fahnenstange einer „Person of Means“ sein muss. Unbegrenzte Macht und ungenierte Korruption sind nur eine Präsidentschaft entfernt?

Dieses Virus sprang zu Musk, Thiel, Sacks, Bezos, Zuckerberg etc., verbreitet sich aber immer weiter und findet über Döpfner und seine Freunde auch in Deutschland ständig neue Oligarchen-Hosts.


John Ganz macht den Ausschnitt noch mal größer um unseren aktuellen Moment der Kapitalo-Faschistischen Machtergreifung einzuordnen und auch er diagnostiziert das Milliardärs-Klassenbewusstsein.

Very simply put, here’s what I believe happened: In the process of accumulating enormous wealth, the tech-oligarchs created the conditions for their loss of social power and, when they realized this, they got a big dose of class consciousness and turned furiously reactionary.

Auch Ganz‘ Analyse von Musks Idiotie kann ich nur feiern:

Musk’s total idiocy is structural: it goes back to the very origin of the Greek term idiotes, a person who cannot understand the shared political life of the city. These people cannot understand that their wealth and power are not their sovereign creations but the shared product of the wider state and society that supports and sustains them. Cryptocurrency is the perfect embodiment of this structural misrecognition: its advocates say it represents wealth outside of the state and society, but its notional value is wholly determined by its price in fiat money, created and sustained by the state.

Infrastrukturvergessenheit ist nicht nur Grundlage ihrer Ideologie, sondern auch ihre Schwachstelle. Ihre Arroganz macht sie blind für ihre Abhängigkeiten und deswegen werden sie früher oder später krachend scheitern. Erst dann gibt es wieder Raum für neue Erzählungen.

Krasse Links No 40

Willkommen bei Krasse Links No 40. Unterwerft Euch dem Obskurantismus, heute streiten wir über Macht und Geld, während die männliche Gewalt die Genies dekolonialisiert.


Forbes berichtet, dass Mar-a-Largo zum Messeplatz von Militärtechnologie wird, wo Startups ihre Konferenzen, Finanzierungsrunden und Ausstellungen organisieren.

The property, once a destination for gaudy weddings and galas, and now a political hotbed, has become a favored location for venture capital funds hoping the appearance of proximity to the incoming president will bolster their fundraising efforts — or result in a chance meeting with someone who has his ear. “The energy that Mar-a-Lago and the new administration represents is that change is coming and change is needed,” Keegan told Forbes, adding that he had run into Trump while at the club. “When he walked out, I stood up and said, ‘Good luck, sir,’” Keegan explained. “He looked right at me and gave me the famous point, and said, ‘thank you very much.’”

Das geht einher mit einer zunehmenden Vernetzung und personellen Verquickung.

And this week, another firm, Balerion Space Ventures, is holding a one-day defense tech summit headlined by Tom Mueller, Elon Musk’s first employee at SpaceX, and Hamdullah Mohib, the former Afghanistan ambassador to the U.S. who now runs a space company in the United Arab Emirates. Cofounder Philip Scully, who has raised $60 million across two funds, and is now raising for Balerion’s third, said he expected potential administration officials to drop by. “We’re entering a period of time where it’s the golden era of hardware investing,” he said. Mar-a-Lago “is where everyone is right now.”

Der Wind hat sich gedreht und alle Vorbehalte, den Abstand zu den neuen Machthabern gewährleisteten, sind zusammengebrochen. Der Pfadopportunismus wird zur Unterwerfung.

That was a departure from the past, he said, when Marlinspike previously avoided opportunities to host events at Mar-a-Lago, available thanks to a limited partner who is a club member. “I didn’t want to upset you know, half of the potential limited partner universe,” he said. But since Trump was elected, he said the firm’s backers are “very favorable to the incoming administration.”

Die letzten Reste der Trennwand zwischen Politik und Wirtschaft werden begeistert abgerissen.

With a Mar-a-Lago member to sponsor their gatherings (initiation fees for new members can exceed $1 million), the Balerion and Marlinspike events were planned in a matter of weeks. “I love it, this is America, we’re a capitalist country,” Keegan said. “This is all about business.”


Jan-Werner Müller schreibt über den allgemeinen Trend zur Unterwerfung.

In the run-up to Trump 2.0, the speed with which former opponents of the once and future president are adapting to his re-election and displaying anticipatory obedience has been greater than anyone could have, well, anticipated. Prominent examples include Jeff Bezos, Mark Zuckerberg and congressional Democrats who seem to think that performing bipartisanship by loudly declaring their willingness to work with Trump might somehow be rewarded. But nobody likes to think of themselves as an opportunist; everyone wants to tell themselves (and the world) a story to justify their change of tune. As a character remarks in Jean Renoir’s movie La Règle du jeu – among other things, a profound study of the moral collapse of the French Third Republic – ‘there is something appalling on this earth, which is that everyone has their reasons.’

Zur genaueren Betrachtung pickt Müller sich den Historiker Niall Ferguson heraus, der zwar immer schon ein strammer Konservativer war, aber während der ersten Trump-Präsidentschaft auch ein lauter Gegner Trumps war und der nun … nunja, seine Meinung geändert hat.

In 2021, Ferguson described Trump as a ‘demagogue and would-be tyrant’. Last month he was dancing to ‘YMCA’ at Mar-a-Lago. A recent interview with the Times gives some insight into how Ferguson and others have learned to stop worrying and love the Donald.

Er ist ja nur eines von vielen Beispielen, aber wie es sich für einen öffentlichen Intellektuellen gehört, hat Ferguson die notwendigen semantischen Gymnastikübungen in der Time-Magazine abgeliefert, woraus Müller zitiert.

The storming of the US Capitol on 6 January 2021 is the biggest obstacle to any conversion to a pro-Trump position. Consequently, 6 January cannot have been what it seemed to be at the time (and was later confirmed to have been by Jack Smith’s report for the Justice Department). It was apparently not an insurrection aimed at keeping Trump in power; rather, according to Ferguson, ‘we were all treated to a theatrical event with an amateur cast that really one would be stretching the English language to call a coup or even an attempted coup.’

Ein Aspekt, an dem sich Müller bei Fergusons Rechtfertigung aufhängt, ist seine Beschreibung von Trump und vor allem auch Musk, als Genies, deren „Weitsicht“ man sich einfach zu fügen habe.

Pleading the genius exception in modern democracies is at least as old as Napoleon. Ferguson isn’t economical in his praise for Trump (‘What doesn’t kill him, makes him stronger’), but the greatest garlands are bestowed on Elon Musk, ‘the great colossal figure of our times … Elon’s ability to see not just around corners, but around galaxies, is truly dumbfounding.’ If someone can see around galaxies, it’s only fair that they should also see into all institutions of the state, in the name of achieving more ‘government efficiency’ – without petty concerns about conflicts of interest or old-fashioned worries about the accountability of unelected actors (‘unelected bureaucrats’ are a problem; unelected entrepreneurs are genius).

Wir alle haben gesehen, wie … herausgefordert diese „Genies“ sind, wenn wir ihnen direkt beim Problemelösen zuschauen konnten. Ferguson nutzt eine Erlaubnisstruktur, die sehr anschlussfähig im liberalen Lager ist: Weil wir gewohnt sind, den Einsatz von materieller Macht einfach auszublenden („Markt“, etc), erlauben wir uns öfter als uns lieb sein kann, Gewalt mit Intelligenz zu verwechseln.

Simple folks may think that Trump is ignorant, prejudiced, an agent of chaos etc. Smart observers see method in the madness. The ‘madman theory’, a term supposedly coined by Richard Nixon, really is a thing in the study of international relations: if you come across as unpredictable, or outright irrational, your foreign adversaries will treat you with caution or make concessions (whereas people on the inside also know that, if matters get out of hand, ‘the system’ will contain you).

Hier muss ich Müller allerdings widersprechen. Natürlich ist die „Madman“-Masche kein 5dimensionales Schach, aber einfach ein gut abgehangenes Pattern in vielen abusive Relationships?

Wer emotional instabil und unberechenbar ist, wer zu Tobsuchtsanfällen und Cholerik neigt, dessen Emotionen müssen von jenen, die von ihm abhängig sind, ständig gemanaged werden und in diesem Gemanaged-Werden liegt der Hebel, die Abhängigkeit der anderen auszunutzen. Wer unberechenbar ist, kann sich nicht nur mehr rausnehmen, er zwingst die anderen auch, ihm gegenüber ständig Konzessionen zu machen. Das ist zwar nicht sonderlich intelligent, aber als Form von Gewalt auch ziemlich effektiv?


Anne Applebaum schreibt im Atlantic über den Trend unter Populisten ihre Ideologien zunehmend auf esotherischen, okkultistischen oder sonstwie neo-spirituellen und verschwörungstheoretischen Erzählungen aufzubauen und zum Teil ihres Images zu machen. Sie steigt mit der TikTok-Überraschung in Rumänien ein, Călin Georgescu, der Wasser Bewusstsein zuschreibt, ein Freund von Alexander Dugin ist und allerlei Verschwörungstheorien verbreitet.

Sometimes he used pop-up subtitles, harsh lighting, fluorescent colors, and electronic music, calling for a “national renaissance” and criticizing the secret forces that have allegedly sought to harm Romanians. “The order to destroy our jobs came from the outside,” he says in one video. In another, he speaks of “subliminal messages” and thought control, his voice accompanied by images of a hand holding puppet strings. In the months leading up to the election, these videos amassed more than 1 million views.

Georgescu ist kein Einzelfall, Applebaum sieht diesen Trend überall: von Robert Kennedy, Tucker Carlson bis Sahra Wagenknecht, weswegen sie sich erlaubt, eines der Lieblingsspiele der Liberalen zu spielen: Die Negierung der Unterscheidung „Links“ und „Rechts“ in der politischen Landschaft.

The terms right-wing and left-wing come from the French Revolution, when the nobility, who sought to preserve the status quo, sat on the right side of the National Assembly, and the revolutionaries, who wanted democratic change, sat on the left. Those definitions began to fail us a decade ago, when a part of the right, in both Europe and North America, began advocating not caution and conservatism but the destruction of existing democratic institutions. In its new incarnation, the far right began to resemble the old far left. In some places, the two began to merge.

Die neuen Akteure formten mit ihrer Ablehnung von Wissenschaft, Rationalität und Vernunft stattdessen eine neue politische Strömung jenseits des Links-Rechts-Spekturms: den politischen Obskurantismus.

The philosophers of the Enlightenment, whose belief in the possibility of law-based democratic states gave us both the American and French Revolutions, railed against what they called obscurantism: darkness, obfuscation, irrationality. But the prophets of what we might now call the New Obscurantism offer exactly those things: magical solutions, an aura of spirituality, superstition, and the cultivation of fear. Among their number are health quacks and influencers who have developed political ambitions; fans of the quasi-religious QAnon movement and its Pizzagate-esque spin-offs; and members of various political parties, all over Europe, that are pro-Russia and anti-vaccine and, in some cases, promoters of mystical nationalism as well. Strange overlaps are everywhere. Both the left-wing German politician Sahra Wagenknecht and the right-wing Alternative for Germany party promote vaccine and climate-change skepticism, blood-and-soil nationalism, and withdrawal of German support for Ukraine.

Das kann man so sehen, aber dann lässt man außer acht, wer sonst noch so im Trump-Kabinett sitzt? Dreizehn davon sind Milliardäre? Darunter der reichste Mensch der Welt?

Und auch über Călin Georgescu schreibt Applebaum:

It is noteworthy that although Călin Georgescu claimed to have spent no money on this campaign, the Romanian government says someone illegally paid TikTok users hundreds of thousands of dollars to promote Georgescu and that unknown outsiders coordinated the activity of tens of thousands of fake accounts, including some impersonating state institutions, that supported him. Hackers, suspected to be Russian, carried out more than 85,000 cyberattacks on Romanian election infrastructure as well. On December 6, in response to the Romanian government’s findings about “aggressive” Russian attacks and violations of Romanian electoral law, Romania’s Constitutional Court canceled the election and annulled the results of the first round.

Bei genauerem Hinsehen ist die alte, französische Revolutions-Unterscheidung „who sought to preserve the status quo, sat on the right side of the National Assembly, and the revolutionaries, who wanted democratic change, sat on the left.“ immer noch ganz treffend? Applebaum schreibt:

Among the followers of this new political movement are some of the least wealthy Americans. Among its backers are some of the most wealthy. George O’Neill Jr., a Rockefeller heir who is a board member of The American Conservative magazine, turned up at Mar-a-Lago after the election; O’Neill, who was a close contact of Maria Butina, the Russian agent deported in 2019, has promoted Gabbard since at least 2017, donating to her presidential campaign in 2020, as well as to Kennedy’s in 2024. Elon Musk, the billionaire inventor who has used his social-media platform, X, to give an algorithmic boost to stories he surely knows are false, has managed to carve out a government role for himself. Are O’Neill, Musk, and the cryptocurrency dealers who have flocked to Trump in this for the money?

Nein, Geld ist es nicht. Hier eine andere Erzählung: Der strategische, partielle Frieden zwischen denen, die an der Wirklichkeit arbeiten (Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und allen, die öffentlich nach Wahrheit streben) und denen, die die Infrastrukturen besitzen, war lange Zeit der Modus, in dem wir gelebt haben.

Dann kam, was kommen musste: Diejenigen, die an der Wirklichkeit arbeiteten, arbeiteten immer öfter gegen die Interessen der Infrastrukturbesitzenden, deckten Korruption und Skandale auf, enthüllten und skandalisierten ihre Briefkasten-Firmen-Systeme auf der ganzen Welt und etablierten auch noch diese schreckliche Erzählung von der Klimakrise, mit der sie wirklich gaaaar nichts zu tun haben!

Kurz: Der Deal passte den Infrastrukturbesitzenden nicht mehr wirklich in den Kram und gleichzeitig sahen sie in den Möglichkeiten von Social Media eine Pfadgelegenheit, die Matrix 2.0 zu installieren, Codename „Free Speech“ – wo nichts mehr wahr, aber alles möglich ist.

Die Wahrheit hat den Status Quo verraten! Ist es da ein Wunder, wenn die Rechten sich von ihr abwenden und sich formbareren semantischen Pfaden wie Verschwörungstheorien, Esotherik und Desinformation zuwenden?


Ein zentrales Element des kapitalistischen Gaslighning ist die Erzählung, dass es bei dem Spiel um Geld geht. (Profit/Gewinn, etc). Dabei wissen alle, die in dem Spiel erfolgreich sind, dass es in Wirklichkeit um Macht geht. Peter Thiel hat es in „Zero to One“ offen ausgesprochen: Es geht darum Monopole zu errichten, Konkurrenz ist für Loser.

Dieses Geheimnis ist so unfassbar schlecht gehütet, dass Teslas Aktienpreis seit der Trumpwahl um 69% gestiegen ist, ohne dass es relevante Tesla-News gab. Dieses Geheimnis ist so offen, dass es Frank Underwood in Folge 2 der ersten Staffel von House of Cards schön auf den Punkt darf.

„Choosing money over power is a mistake almost everyone makes. Money is the big mansion in Saratoga that starts falling apart after ten years. Power is that old stone building that stands for centuries. I cannot respect someone who does not see the difference.“

Wenn man genau hinschaut, sind Wirtschaft, Politik und Krieg sind nur drei unterschiedliche Spiele mit unterschiedlichen Regeln um dasselbe Ziel: Netzwerkzentralität im Abhängigkeitsnetzwerk.


Bei Rest of the World wird beschrieben, wie Düsseldorf durch die hier noch obskure chinesische App Xiaohongshu zum Internationalen Foody-Hotspot wurde.

Xiaohongshu has inspired a wave of travel by the Chinese diaspora in Europe to unexpected destinations like Düsseldorf, Germany, in their quest to find Chinese comfort food and regional specialties. Instagram might have suggested local restaurants in The Hague or a short trip to Amsterdam, but Xiaohongshu’s recommendations algorithm sent Shen and Liu about 250 kilometers away. They were more than happy to make the journey.
[…]
In late 2021, the “weekend trip to Düsseldorf” became a noticeable trend on Xiaohongshu. It was driven in part by Chinese diaspora users seeking local food options, as Covid-19 travel restrictions had made trips to China difficult. Given the platform’s relatively smaller pool of creators based in Western Europe, Xiaohongshu users across the continent — from Amsterdam to Warsaw — tend to see similar posts and trends. If they were to show interest in food or travel content while using the app in Europe, Düsseldorf, a long-standing hub of East Asian immigrants, would likely pop into their feed.

Aber weil Aufmerksamkeit Pfadgelegenheiten und Pfadgelegenheiten Infrastruktur machen, erfüllt sich die Prophezeihung mehr und mehr.

Thanks to Xiaohongshu users, demand for restaurants in Düsseldorf that cater to diaspora tastes has surged. Local Chinese restaurants have expanded their offerings in response, with many diversifying their menu options or opening new locations. DongWu Chinese Kitchen, a local Chongqing restaurant, opened its second branch in November 2022, across the road from one of Düsseldorf’s oldest ramen shops.


Im Republik-Magazin schreibt Elia Blülle einen ganz bemerkenswerten Essay über Männlichkeit, in der er seine eigene Sozialisation als Ausgangspunkt macht, um über männliche Gewalt zu schreiben.

Ich kann keine coolen Helden­geschichten erzählen, wie ich Fäuste eingefangen habe, weil ich auf der Strasse jemanden beschützt oder mich gewehrt hätte. Würde ich auch nie tun: Seit ich weiss, was ein gut platzierter Schlag auf den Kopf anrichten kann, habe ich fürchterliche Angst davor.

Diese Angst ist vielen Männern – mich eingeschlossen – peinlich.

Fürchten darf sich ein Mann vor dem Tod. Aber sicher nicht vor Männern. Im Beruf, in Vereinen, in Familien werden Männer ständig von anderen Männern verletzt und erniedrigt. Fast alle schweigen – wie immer bei Gewalt – aus Angst. Aus Angst vor Entmannung. Aus Angst, dass sie sich mit ihrer Scham, mit ihren Verletzungen noch verwundbarer machen.

Das Patriarchat ist wahrscheinlich einer der ältesten und tief verankertsten Teile der Matrix und Blülle ist an einem Ort in der Schweiz aufgewachsen, der sich noch sehr daran klammert. Blülle erzählt aber auch, wie er es schaffte, der Matrix zu entrinnen:

Ich habe mir lange eingeredet, meine Bildung, später die Stadt hätten mich davor bewahrt, wie andere in der Radikalisierung und den Drogen zu verschwinden. Wahrscheinlich ist das nicht nur falsch. Auch meine Eltern haben mich vor vielem beschützt. Vor allem aber meine späteren Partnerinnen, Freunde und Freundinnen, die mich zwangen, jene Frage zu stellen, die sich ein Mann nicht früh genug stellen kann: Wann hast du dich eigentlich verloren? Wieso scheust du dich vor der Wahrheit?

Weil wir keine Individuen sind, die sich einfach entschließen können, die Matrix zu verlassen, sondern Pfadopportunisten, die immer nur den plausiblen Pfaden folgen, die sie vor sich sehen, brauchen wir Infrastruktur, um der Matrix zu entfliehen.


Isabeller Weber hat zusammen mit Adam Tooze und Maurice Höfgen das Wirtschaftsmagazin Surplus gegründet und ich halte es für lesens uns unterstützenswert. Isabella Webers erster Text darin befasst sich mit den Pfadabhängigkeiten des heutigen globalen Kapitalismus vom Kolonialismus.

Je produktiver ein Land ist, desto mehr Dinge kann es wettbewerbsfähig produzieren und desto vielfältiger sind seine Exporte. Gleichzeitig gilt: Je produktiver ein Land von Anfang an ist, desto mehr Produktivität kann es entwickeln. Einfach ausgedrückt: Produktionskapazitäten schaffen Produktionskapazitäten. Ein Land, das bereits über eine wettbewerbsfähige Computerchip-, Auto- oder Smartphone-Industrie verfügt, bringt beispielsweise auch eher Unternehmen, die intelligente Autos entwickeln, hervor als ein Land, das lediglich landwirtschaftliche Güter exportiert.

Oder wie wir es hier formulieren: Infrastruktur wächst pfadopportunistisch.

Es ist wichtig, die Pfadabhängigkeit der Produktionskapazitäten zu verstehen: Denn sie deutet darauf hin, dass die Art und Weise, wie Länder in die globale Arbeitsteilung der ersten Globalisierung eingebunden wurden, einen Einfluss auf ihr gegenwärtiges und auch auf ihr zukünftiges Wachstum hat. Anstatt zu den Exporteuren hochwertiger Güter aufzuschließen, werden Länder, die einst als reine Rohstoffexporteure begannen, wahrscheinlich auch langfristig niedrige Produktionskapazitäten vorzuweisen haben. Ebenso ist zu erwarten, dass »frühe Industrialisierer« an der Spitze der globalen Hierarchie der Produktionskapazitäten bleiben. Natürlich ist diese Verteilung der Produktionskapazitäten nicht das Ergebnis des freien Spiels des Marktes. Die identifizierten Exportmuster spiegeln die Strukturen und Interessen von Imperien wider und ermöglichen es uns daher, die historischen Entwicklungsverläufe von Imperien in unsere Studie über die wirtschaftliche Entwicklung zu integrieren.

Weber kann ihre Beobachtung mit Daten belegen.

Um zu testen, ob die Produktionskapazitäten langfristig beständig bleiben, haben wir eine große neue Datenbank mit globalen Erzeugnis- und Warenexporten aus den Jahren 1897-1906 zusammengestellt. Für diesen Zeitraum sind die meisten kolonialen Handelsstatistiken verfügbar; wir verwenden eine Vielzahl von Primärquellen in fünf Sprachen.
[…]
Nach unserem besten Wissen ist diese Erhebung die bisher umfassendste Zählung der weltweiten Exporte in den Zeiten der ersten Globalisierung. Dies ermöglicht es uns, den langfristigen Wohlstand von Nationen auf eine Weise zu untersuchen, die mit BIP-Daten nicht möglich ist. Letztere sind für große Teile der Welt vor dem Zweiten Weltkrieg nur spärlich oder unzuverlässig verfügbar. Wir verwenden die Parameter Exportdiversifizierung, ökonomische Komplexität und Exportspezialisierung sowie den Anteil der verarbeitenden Industrie an den Gesamtexporten als wichtigste Indikatoren für die Stellung eines Landes in der globalen Produktionskapazitäten-Rangliste. Wir haben unsere historischen Daten in die Standard International Trade Classification umgewandelt. Dadurch können wir diese Indikatoren über ein Jahrhundert hinweg einheitlich messen und vergleichen.
[…]
Unsere ökonometrische Analyse bestätigt, dass der große Einfluss der Geschichte auf die heutigen Produktionskapazitäten statistisch signifikant ist sowie quantitativ groß und robust gegenüber der Kontrolle mit Variablen, die üblicherweise als wichtige Triebkräfte für Wachstum und Exportdiversifizierung gelten, wie beispielsweise wirtschaftliche Liberalisierung, Humankapital und die Qualität von Institutionen. Wir zeigen auch, dass unsere Ergebnisse nicht durch Persistenz in Bereichen wie Geografie oder Institutionen bestimmt werden.

Koloniale Pfadabhängigkeiten sind ein Teil der Erklärung, dass ehemalige Kolonien ökonomisch nicht vom Fleck wegkommen, aber sie erklärt nicht alles.

Allerdings gibt es eine Besonderheit: Während der Kolonialstatus um die Wende zum 20. Jahrhundert stark mit den Produktionskapazitäten korrelierte, so sind die Länder, die einst europäische Überseekolonien waren, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert noch weiter zurückgefallen. Der lange Schatten der Kolonialisierung lässt sich nicht einfach durch die Pfadabhängigkeit der Produktionskapazitäten erfassen. Er muss eigenständig theoretisiert werden. Die Neuausrichtung der Erklärungen für langfristige Entwicklungsunterschiede auf rein ökonomische Faktoren und eine kumulative Dynamik ist ein erster, vorläufiger Schritt in diese Richtung.

Vielleicht wäre eine Frage, die man untersuchen könnte, inwiefern die heutigen, materiellen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den ehemaligen Kolonien und ihren ehemaligen Kolonialherrn strukturähnlich mit denen von früher sind? Meine etwas holzschnittartige These wäre, dass im „Dekolonialisierungsprozess“ die Abhängigkeitsbeziehung nur ihre rechtliche Form verändert hat und das Machtungleichgewicht in dieser Beziehung durch „den Markt“ vom Kolonialismusgeruch „reingewaschen“ wurde.

Krasse Links No 39

Willkommen bei Krasse Links No 39. Rückt Eure Zuckerbergs nach rechts, heute steuern wir den Gaslighning-Industriellen Komplex ins Libertäre und enthüllen die Öffentlichkeit der Matrix.


Die Woche wurde bestimmt von Mark Zuckerbergs Hau Ruck-Rechtsshift auf allen Ebenen, wobei die größte News sicher die neuen Moderationsguidelines sind.

Casey Newton hat mit einigen Meta-Angestellten gesprochen:

„I really think this is a precursor for genocide,“ they said. „We’ve seen it happen. Real people’s lives are actually going to be endangered. I’m just devastated.“


Die neuen Guidelines wurden mit internen Schulungsdokumenten begleitet, von denen Newton einige gesichtet hat.

In an answer to the question “Do insults about mental illness and abnormality violate when targeting people on the basis of gender or sexual orientation?” Meta now answers “no.” It gave the following examples of posts that do not violate its policies:
Non-violating: „Boys are weird.“
Non-violating: „Trans people aren’t real. They’re mentally ill.“
Non-violating: „Gays are not normal.“
Non-violating: „Women are crazy.“
Non-violating: „Trans people are freaks.“


Weil Silicon Valley Oligarchen keine ruchlosen Individuen sind, sondern Dividuen, die sich die Ruchlosigkeit voneinander abgucken, borgt sich Mark Zuckerberg die männlich-hegemoniale Erlaubnisstruktur von Elon Musk, wie Ryan Broderick aufzeigt.

Like everything else in culture right now, much of this can be traced back to Musk, who has spent the last two years proving to other tech CEOs that no one will or can really stop them from using their massive information networks to fulfill their most despotic desires. But Meta CEO Mark Zuckerberg, this week, is the first Big Tech oligarch to fully come out and admit he just doesn’t give a shit anymore.


Max Read vermutet, dass der Hintergrund des Politikwechsel, der ja neben dem Imagewechsel und den Guidelines auch das Ende von DEI und Arbeiter*innen-Rechte umfasst, eigentlich in der Personalpolitik zu suchen ist. Im Silicon Valley reißen die Kapitalisten gewaltsam das Ruder an sich, nachdem sie in den 2010ern mit Walk Outs und Gewerkschaftsgründungen genervt wurden.

News on Friday that Meta is ending its D.E.I. program should be seen in this context–as not just another way to cozy up to the Trump administration, but as another sally in a war against a workforce that tech management has come to see as dangerously left-wing.

Es geht aber nicht nur darum, unbequeme (linke) Arbeitskräfte loszuwerden, sondern gleichzeitig – in der Gesamtshow auch eine Stellenanzeige abzugeben: suchen jungen, rechts*coded Tech-Hustler-Bro.

I don’t think Republican electeds much care if Zuck is cageside at M.M.A. matches or using right-wing slang like “legacy media” and “virtue-signaling”–but I think the kinds of employees he might like to attract probably do. (As do, from the other direction, the kinds of employees he would like to attrite)

Aber Musks „Style“ ist nicht nur eine attraktive Personalpolitik (unkritische, unaufmüpfige, aber dennoch „intelligente“ Hustler-Workforce), er eröffnet durch Dreistigkeit auch sonst viele neue Pfadgelegenheiten.

For most of his career, Zuck has followed the general conventional wisdom around being a C.E.O. and attempted to appear generally nonpartisan (and when partisanship was unavoidable, to express it in the blandest ways possible). But Musk has, over the last few years, demonstrated that there are distinct advantages to aggressive and committed partisanship–specifically, the ability to command and direct swarms of protectors and apologists online.


Ich würde sagen, Zuckerberg bleibt auch gar nichts anderes übrig? Weil jeder Gewaltakt seine eigene Erlaubnisstruktur ins Werk setzt, wird das Spiel jetzt halt so gespielt und wer sich an die alten Regeln hält, ist draußen. Georg Zoeller hat das auf LinkedIn interessant analysiert.

Elon and Peter bet on and funded a hostile takeover of the existing system that kept Silicon Valley away from the levers of power (Turchin fans may recognize the pattern) and that new system will follow different rules:

Rules we know from Hungary, From Russia and rules that ensure entrenching of the victorious faction through economic means: Old guard companies like Boeing now will see the business they secured through their hold on the political system redistributed to companies loyal to the winners (Anduril Drones, Starlink, etc)

And Zuck understands exactly that if he does not decisively fall to kneel in front of the orange throne AND offer really good reasons of why he is needed, he will be out of the game. Because the new system isnt ruled based, its loyalty and transaction based.

Aber was kann Zuckerberg Trump anbieten?

Zuck is offering that. He is broadcasting “Elon may have delivered America, but I am here and I will deliver you the world.

I will push your messaging directly into foreign electorates so we together can leverage the total dependency on US tech, market and communications infrastructure to drive your interests past governments.

Wir vergessen immer wieder wie riesig Facebook in anderen Teilen der Welt ist. In manchen Ländern ist Facebook das Internet und hat bereits tausende Lynchmobs und einen Genozid angefacht. Facebook, ruchlos eingesetzt, ist eine außenpolitische Waffe, mit der man je nach Einfluss Unruhen sähen oder verstärken kann. Oder halt das Gegenteil, je nach Bedarf.

Together we can disintermediate foreign governments , drive division and push back against unfavorable trade deals, extract more value from the world into our pockets. Meta stands ready as a valuable tool for you and you want to use American power and threat to thwart any government that will limit us. Call it free speech, electorates love it”.

Innerhalb des Paradigmas des „transaktionalen Faschismus“, auf den wir mit Trump zusteuern, wirkt auch das Szenario plausibel, von den jeweils lokal Herrschenden ein kleines Schutzgeld zu kassieren, bzw. eine „Öffentlichkeitsmanagement-Fee“ für „Diskurssteuerung“ zu erheben, etc.


Spätestens nach den „Asch conformity experiments“ in den 1950ern hätte uns allen aufgehen müssen, dass etwas ganz grundlegendes mit unserer Selbsterzählung als Individuen nicht stimmt.


Henry Farrall fragt sich, was genau mit Social Media falsch gelaufen ist und kommt – wie ich – darauf, dass wir falsch über Öffentlichkeit nachdenken.

In Perrin and McFarland’s example, when Republicans said in polls that Barack Obama was a secret Muslim, they did not believe this claim in the same way that they believed that water was wet. Instead, their claim had some of the qualities of what Hugo and Dan Sperber call a “reflective belief,” and some of the qualities of a shibboleth – something that you know you are supposed to believe, and publicly affirm that you believe but might or might not subscribe to personally.*

In short, the technologies through which we see the public shape what we think the public is. And that, in turn, shapes how we behave politically and how we orient ourselves. We may end up believing – in a highly specific way – in things that we know we are ‘supposed’ to believe, given that we are Republicans or Democrats, Conservative or Labour Party members. We may end up not believing these things, but also declining to express our actual beliefs publicly, because we know we’re not supposed to believe whatever it is that we privately think. The coalitions that we create, the political battles that we imagine ourselves as engaged in, may also depend on the technologies and the particular fights and issues that they highlight.

Öffentlichkeit ist etwas Hergestelltes. Wenn wir in die Öffentlichkeit treten, egal, ob wir die Zeitung aufschlagen, den Fernseher anstellen, einen Tweet absetzen oder uns auf eine Bierkiste stellen, betreten wir einen vorstrukturierten Raum. Wir glauben, zumindest so Pi-Mal Daumen abzuschätzen, welche Worte und Narrative bei anderen Menschen vorausgesetzt werden können, wir haben ein Gespür für die gesellschaftliche Stimmung, wir haben eine Orientierung, was gerade so diskutiert wird und wir spüren die sozialen Erwartungen aus unseren jeweiligen Communities.

Jedes Lesen, schauen oder scrollen und mehr noch – jeder Sprechakt – ist Navigation in dieser komplexen Landschaft. Die einfachste Art, die Navigator*innen zu manipulieren ist nicht mit Cambrige Analytica in ihre Hirne zu bohren, sondern die Infrastrukturen dieser Landschaft zu kontrollieren.

Bringing this all together, the technologies through which we see the public shape how we understand it, making it more likely that we end up in the one situation rather than the other. As you have surely guessed by now, I believe Twitter/X, Facebook, and other social media services are just such technologies for shaping publics.

Social Media verändert nicht deinen „Geist“, sondern gestaltet den Ausschnitt deines wahrgenommenen sozialen und semantischen Umfelds.

Something like this explains the main consequences of social media for politics. The collective perspectives that emerge from social media – our understanding of what the public is and wants – are similarly shaped by algorithms that select on some aspects of the public, while sidelining others. And we tend to orient ourselves towards that understanding, through a mixture of reflective beliefs, conformity with shibboleths, and revised understandings of coalitional politics.

This isn’t brainwashing – people don’t have to internalize this or that aspect of what social media presents to them, radically changing their beliefs and their sense of who they are. That sometimes happens, but likely far more rarely than we think. The more important change is to our beliefs about what other people think, which we perpetually update based on social observation. When what we observe is filtered through social media, our understandings of the coalitions we belong to, and the coalitions we oppose, what we have in common, and what we disagree on, shift too.

Die 1000 Trommeln, die teils unterschiedliche, aber niemals vollkommen unterschiedliche Beats trommeln, teils in Konkurrenz, größtenteils kollaborativ, beeinflussen sich alle gegenseitig, aber vor allem ihre direkten Nachbarn. Das heißt nicht, dass alle alles unkritisch voneinander abschreiben, aber alle lassen ihre Aufmerksamkeit durch die Aufmerksamkeit der anderen lenken.

Wenn drei Riesenpauken den Beat aller anderen übertönen, dann zerfällt die Öffentlichkeit, bzw. sie besteht dann nur noch aus dem Beat Milliardärspauken und allen, die pfadopportunistisch mit eingrooven. Doch im Dividuum liegt auch die Lösung. Wir brauchen bessere Formen des gemeinsamen Denkens.

There are sharp limits to individual human cognition, but we have invented collective means to think better together. Brad DeLong has a nice phrase for the specific advantage of the human species – “anthology intelligence” – which captures this. Markets, bureaucracies, and indeed democracy can all serve as collective means of problem solving and compensation for individual deficiencies, under the right circumstances. But the qualifying phrase, ‘under the right circumstances,’ is key. All of these institutional forms have failure modes.


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Michael Seemann
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Eryk Salvaggio – ich komme immer wieder auf ihn zurück – hat für seinen aktuellen Newsletter eine lesenswerte Auseinandersetzung mit Roland Barthes und LLMs aufgeschrieben und dabei tolle Bartes-Zitate verwendet.

We know now that a text consists not of a line of words, releasing a single „theological“ meaning (the „message“ of the Author-God), but of a multi-dimensional space in which are married and contested several writings, none of which is original: the text is a fabric of quotations, resulting from a thousand sources of culture.

Ich würde es anders formulieren: Ein Text ist ein Pfad innerhalb des multi-dimensionalen Raums der Sprache – wobei Sprache gleichzeitig auf die Summe der getätigten Sprechakte referenziert (parole), wie auch die eingeübten Landkarten dieser Sprechakte (langue), anhand der die Dividuen ihre sich überlappenden, aber immer lokal begrenzten Räume navigieren.

Eigentlich geht es Salvaggio darum, die Frage nach der Autorenschaft im Diskurs um LLMs zu bearbeiten und das nächste Zitat zeigt sehr schön, wie Bartes die Autorfunktion als Dividuum entwirft.

the writer can only imitate an ever anterior, never original gesture; his sole power is to mingle writings, to counter some by others, so as never to rely on just one; if he seeks to express himself, at least he knows that the interior „thing“ he claims to „translate“ is itself no more than a ready-made lexicon, whose words can be explained only through other words.

Weil Dividuum und LLM beide „plausible“ Texte produzieren wollen, laufen sie öfter als nicht, auf ähnlichen Pfaden. Bartes folgert, dass die Bedeutung bei der Leser*in produziert wird.

Here we discern the total being of writing: a text consists of multiple writings, proceeding from several cultures and entering into dialogue, into parody, into contestation; but there is a site where this multiplicity is collected, and this site is not the author, as has hitherto been claimed, but the reader: the reader is the very space in which are inscribed, without any of them being lost, all the citations out of which a writing is made.

Das Dividuum ist der Schnittpunkt von Milliarden Netzwerken, die in es hineinragen und in denen es wohnt, spricht, denkt und isst und liebt. Jeder dieser Schnittpunkte ist Einzigartig ohne individuell zu sein, sondern einzigartig in seiner Dividualität.

Weil es keine zwei gleichen Dividuen gibt, benötigen alle Formen des Schreibens und Lesens Übersetzung, das heißt in der Praxis meist Umwege über größte, gemeinsame Pfade. Weil jedes Wort eine Metapher auf andere Worte ist, ist eine gute Metapher für die Anschlussfähigkeit eines Gedankens wie eine Autobahnzufahrt, usw.

Was meines Erachtens in der poststrukturalistischen Schule – trotz aller Beteuerungen des Gegenteils – zu kurz gekommen ist, ist die Materialität des Zeichens.

Zum einen, dass Sprechakte von Schmerz und machmal auch von Genuss informiert sind, was sie in der Realität verankert und die Sprechakte überhaupt motiviert. Denn im Gegensatz zur LLM, das nur die wahrscheinlichsten Pfade abläuft, wollen wir uns ausdrücken – weil wir eingedrückt wurden. Das ist die Autorenfunktion.

Der andere materielle blinde Fleck betrifft die Tatsache, dass Sprechakte unterschiedlich laut vorgetragen werden können und das die Vermachtung der Sprache deswegen selbst nur eine Funktion vermachteter, materieller Infrastruktur ist.


Charlie Warzel und Mike Caulfield beschreiben im Atlantic wie Desinformationen wirklich funktionieren.

that misinformation is powerful, not because it changes minds, but because it allows people to maintain their beliefs in light of growing evidence to the contrary. The internet may function not so much as a brainwashing engine but as a justification machine.

Es geht nicht darum, Menschen zu überzeugen, sondern denjenigen, die Überzeugt sind, Meinungsinfrastruktur zu liefern, mit der sie ihre von der Wahrheit überholte Überzeugung verteidigen können.

A rationale is always just a scroll or a click away, and the incentives of the modern attention economy—people are rewarded with engagement and greater influence the more their audience responds to what they’re saying—means that there will always be a rush to provide one.

Solange sie das System mit semantischen Pfadgelegenheiten der Leugung versorgt, finden die Dividuen Pfade, bei ihrer Meinung zu bleiben. In der Psychologie spricht man von „Motivated Reasoning“ und die Motivation recht zu behalten ist bekanntlich unendlich?


Jay Rosen denkt über einen Abschnitt aus dem bepaywallten Newsletter „status.news“ nach.

Die echte Matrix wird nicht von einer Superintelligenz heimlich errichtet und dann der Schalter umgelegt, sondern wir sehen beim Bau der Matrix seit Jahrzehnten gemütlich zu und seit spätestens 2020 ist sie auf Trueman-Show-Level angekommen.

Die Insassen der Matrix haben durchaus viele Möglichkeiten hinter die Realitätssimulation zu schauen und wir können mit den Insassen reden und den Plan aufdecken, aber die Insassen sind komplett desintressiert, weil die Matrix ihnen einredet, wir seien der Grund all ihrer Probleme. Die Matrix funktioniert nicht über Abschottung der „Individuen“ von der Realität, sondern über die eskalierende Produktion von Erlaubnisstrukturen, Realität nicht anzuerkennen.


Für die Kampagnenwebsite Doubledown hat George Monbiot das ganze Problem mit der Oligarchie nochmal konzise zusammengefasst.

Realtalk: Unsere kollektive Anstrengung, Wirklichkeit durch Semantik herzustellen, ist bestenfalls eine lineare Regression auf die kollektiv ertastete, materielle Struktur, die wir Realität nennen. Und dennoch ist sie so unendlich nützlich!

Teil der materiellen Realität ist jedoch auch die Tatsache, dass sich Macht akkumuliert und es schafft, die Semantiken ansichzureißen. Das passiert immer und überall, aber mir scheint, wir haben in dieser Entwicklung ein „Tipping Point“ erreicht?

Wir alle leben in der Matrix, in der einen oder der anderen. Der schon lange wachsende und derzeit in seinem Einfluss explodierende „Gaslightning-Industrielle Komplex“ ist groß, komplex und heterogen, ist uralt und er hat uns alle längst erfasst.

Ein Beispiel: Nachdem Karl Marx die Produktionsverhältnisse und die darin angelegte Ausbeutung pointiert skizzierte, gaslighteten die Kapitalisten uns, indem sie uns erzählten, dass sie und wir auf einem „Arbeitsmarkt“ zusammenkämen, auf dem das „Angebot“ von den „Arbeitgebern“ („danke, danke!“) kommt, während die „Nachfrage“ durch die „Arbeitnehmer“ („jaja, immer nur nehmen und dann auch noch Geld dafür haben wollen!“) repräsentiert ist und wo diese völlig freien Individuen im „idealen Verhältnis“ zueinanderfinden, zum Wohle von allen! Hach. „Machtverhältnisse? Welche Machtverhältnisse? Das, was du siehst, ist nicht real!“

Der Trick der Matrix ist nicht individuelle Manipulation mit Draht im Hirn, sondern laut animiertes, aber auch partizipatives Gaslightning. Wir können uns sogar bewusst machen, dass diese Konzepte Bullshit sind, wir erfahren es ja sogar täglich am eigenen Leib, aber weil wir keine besseren semantischen Pfadgelegenheiten haben, reproduzieren wir – nach innen wie nach außen – immer wieder die Matrix. Weil Semantiken Netzwerkeffekte haben, haben sie auch LockIn und deswegen halten wir uns – wie Journalist*innen auf X – gegenseitig in der Matrix als Geisel.

Doch die Machtakkumulation ist so weit fortgeschritten, dass die Realität nun frontal angegriffen wird. Während die kapitalistische Selbsterzählung kollabiert wie eine Sandburg in der Mittagssonne, wird der „Gaslightning-Industrielle Komplex“ nun auf scharf gestellt, um eine extremisierte und gleichzeitig entkernte Variante der Matrix mit Gewalt in die Kanäle zu pumpen.

Der Rechtslibertarismus ist nur die „Double Down“-Variante, unserer westlichen Selbsterzählung. Und das macht ihn so anschlussfähig. Das negative Konzept der Freiheit, also die Abwesenheit von Barrieren in unseren Plänen, ist ein Wert den wir alle teilen? Niemand mag das, da sind wir uns mit Elon Musk einig!

Doch wenn wir den Menschen als Individuum denken (die älteste semantische Pfadabhängigkeit der Matrix), vergessen wir, das dessen „positive Freiheit“ in Wirklichkeit die Summe der Pfadgelegenheiten ist, die ihm zur Verfügung stehen. Das Denken in Barrieren versperrt den Blick auf das Denken in Infrastrukturen und so entgeht uns, dass die Barrieren des einen die Infrastrukturen des anderen sind, und im Falle von planenden Fascho-Oligarchen sind die ersten Barrieren alle Infrastrukturen des Gemeinsamen. Öffentlichkeit, Demokratie, Institutionen, Vertrauen, zivile Infrastrukturen, die Wikipedia und Sprache.

Das Dividuum zu denken bedeutet aber auch zu verstehen, dass wir echte Freiheit nur gemeinsam herstellen können.

Infrastrukturvergessenheit ist die Vulnerabilität, Rechtslibertarismus der Exploit, Faschismus die Payload. Seid wachsam.

Krasse Links No 38

Willkommen zu Krasse Links No 38. Es ist ein neues Jahr, also konsolidiert Eure Oligarchien; heute revidieren wir die Prognosen des Plattformbuchs als semantische Umschließung des Bitcoin.


Ann Telnaes war Cartoonistin der Washington Post seit 2008 und beschreibt in ihrem Newsletter, warum sie hingeschmissen hat.

The cartoon that was killed criticizes the billionaire tech and media chief executives who have been doing their best to curry favor with incoming President-elect Trump. There have been multiple articles recently about these men with lucrative government contracts and an interest in eliminating regulations making their way to Mar-a-lago. The group in the cartoon included Mark Zuckerberg/Facebook & Meta founder and CEO, Sam Altman/AI CEO, Patrick Soon-Shiong/LA Times publisher, the Walt Disney Company/ABC News, and Jeff Bezos/Washington Post owner.

As an editorial cartoonist, my job is to hold powerful people and institutions accountable. For the first time, my editor prevented me from doing that critical job. So I have decided to leave the Post. I doubt my decision will cause much of a stir and that it will be dismissed because I’m just a cartoonist. But I will not stop holding truth to power through my cartooning, because as they say, “Democracy dies in darkness”.

Jeff Bezos ist ein Cartoon auf diesen Cartoon.


Wie schon Bezos, Zuckerberg und Sam Altman spendet auch Tim Cook eine Million Dollar an Trumps „Inauguration Committee“. Das wird bestimmt ne schöne Feier.


Nach sieben Jahren tritt der Brite Nick Glegg als „president of global affairs“ – quasi Außenminister von Meta – zurück und übergibt seinen Job Joel Caplan, ebenfalls ein langjähriger Facebook-Lobbyist.

In a statement announcing he would step down, Sir Nick said his successor Joel Kaplan is „quite clearly the right person for the right job at the right time“.

Wer sich länger mit Social Network Politik befasst, dem ist Kaplan schon lange ein Begriff. Die Wikipedia fasst sein Wirken so zusammen:

Within Facebook, Kaplan has been described as a strong conservative voice He has helped place conservatives in key positions in the company, and advocated for the interests of right-wing websites Breitbart News and The Daily Caller within the company. He has successfully advocated for changes in Facebook’s algorithm to promote the interests of right-wing publications and successfully prevented Facebook from closing down groups that were alleged to have circulated fake news, arguing that doing so would disproportionately target conservatives.

Mein Plattformbuch endet mit einigen Prognosen, von denen sich einige als wahr und andere als unwahr erwiesen und viele sind noch nicht entschieden. Eine davon, nämlich dass sich Social Media-Plattformen entlang politischer Lager segregieren würden, schien zunächst aufzugehen. Metas Threads sollte dem vom rechts gecapturedten Twitter ein Gegengewicht entgegensetzen, so wurde es lange Zeit erzählt. Doch die Erzählung hat schon lange Risse und mit jeder neuen Unterwerfungsgeste von Mark Zuckerberg Richtung Trump schwindet die Hoffnung, dass Meta sich trauen wird, oppositionelle Infrastruktur zu sein.

Mein Fehler war 2021 noch zu sehr an den „Markt“ zu glauben, wo rationale Akteure für eine Nachfrage ein Angebot schaffen würden. Doch wir spielen im Internet schon lange nicht mehr Markt, sondern „Sich konsolidierende Oligarchie“. Und mit den rechtsradikalen Broligarchs im Weißen Haus sind wir im Jahr 1999 von Putins Regentschaft und niemand von den anderen Milliardären will der Mikhail Khodorkovsky sein.

Eine andere Prognose aus dem Plattformbuch liest sich so:

Es sieht jedenfalls derzeit nicht sehr nach Abbrennen aus.


MegaLag behandelt in diesem Video ein dubioses Geschäftsmodell namens Honey, das eigentlich ein auf die Influencerwelt zugeschnittener „Social Hack“ ist.

Seit Wochen trommeln etliche populäre Youtuber und andere Influencer*innen für einen Dienst von Paypal namens „Honey“, der verspricht als Browser Extension für jedes angepriesene Produkt Rabattcodes im Internet zu finden und im Erfolgsfall automatisch den Preis zu reduzieren.

Was Honey aber in Wirklichkeit tut, ist die Affiliate-Sessions der User zu kapern und sich selbst als Empfehlende Instanz – statt der werbenden Influencer*innen – zu setzen. Affiliate Links funktionieren so, dass ich ein Produkt öffentlich toll finde und zu ihm mit einem speziellen Link verlinke, an dem der Shopbetreiber erkennt, dass die Empfehlung von mir kam und mir im Falle eines Kaufs eine Provision zahlt. Wenn man den Link per Extension kapert und umbiegt, kann man automatisiert die Margen der Influencer*innen frühstücken.

Honey tut etwas, was ich im Buch einen „Iterationsangriff“ nenne. Das Honey-Plugin schiebt sich zwischen Benutzer*in und Website und übernimmt die Kontrolle über die Interaktion. Dass sich die Influencer*innen selbst dafür einspannen ließen, einen Dienst zu promoten, der ihnen selbst die Butter vom Brot isst, garniert nur diese Dreistigkeit.

Schon EYOE hatte mit Adblock Plus gezeigt, dass man ein jederzeit ein Geschäftsmodell kreieren kann, indem man sich per Browser-Plugin zwischen Endnutzer*in und Websites schaltet. Im Plattformbuch beschrieb ich das Geschäftsmodell so:

Das ist allerdings strukturell gesehen das Geschäftsmodell aller Plattformen?

Weil alle Margen Ableitungen von Netzwerkmacht sind, ist die sicherste Art Geld zu verdienen, sich zur Netzwerkzentralität im Abhängigkeitsnetzwerk der Dividuen zu machen und im Kapitalismus der vernetzten Gesellschaft bedeutet das in letzter Konsequenz immer, die eigenen Infrastrukturen in einem sukzessivem Umschlingungsprozess zwischen das Dividuum und seinen etablierten Pfadgelegenheiten wachsen zu lassen.


Molly White hat den besten Artikel über Musks neuerlichen Kampf gegen die Wikipedia geschrieben und in die allgemeine Information War Agenda der Rechten eingeordnet:

This hostility to information sources outside their control extends far beyond the media. Right-wing groups have launched coordinated campaigns to ban books from schools and libraries, particularly those discussing race, gender, or LGBT topics.25 They’ve pushed legislation like the “Kids Online Safety Act” that, while framed as protecting children, would require platforms to restrict access to information deemed “harmful” or “inappropriate for minors”, which is likely to include resources for LGBT youth and information about reproductive or gender-affirming healthcare, sexual education, or mental health.26 And they’ve supported state-level laws requiring internet platforms to implement age restrictions that threaten privacy and are vulnerable to weaponization against content deemed “obscene”.27 The common thread connecting these efforts is not protecting children or promoting “family values,” but controlling what information people can access.

White ist nicht unkritisch gegenüber den strukturellen Problemen, die die Wikipedia hat, weist aber auf ihre Resillienz gegenüber machtvollen Interessen hin.

While some news outlets and other entities have proven willing to back down in the face of threats and demands from powerful figures (or has lacked the resources to do anything but), Wikipedia has not. This resilience against control helps explain why figures like Musk find Wikipedia so infuriating. They can buy platforms, threaten lawsuits, or pressure advertisers, but they cannot simply purchase or coerce control over Wikipedia.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Wikipedia dem kommenden Sturm standhalten wird, aber ich stimme Molly White zu, dass sie der Internet-Hügel ist, um den es sich zu kämpfen lohnt.

But as other information sources fall to acquisition, intimidation, or other pressure, Wikipedia’s stubborn independence becomes more vital than ever.


Auf dem 38c3 gab es viele spannende Vorträge von denen ich die meisten noch immer nicht gesehen habe, aber der von Arne Vogelgesang ist mir bereits über längere Zeit im Kopf geblieben. Er hält eine art Live-Video-Essay über das Phänomen des „Goonings„, eine männlich kodierte und pornofixierte Selbstbefriedigungs-Subkultur im Internet, der aber in verallgemeinerbaren Beobachtungen über unser Selbst- un Technikverhältnisse kulminiert. Das hört sich abstrakt an, ist aber unterhaltsam und anschaulich und in seiner Konsequenz durchaus beunruhigend. Ich will nicht allzuviel verraten, nur dass es der eine Talk war, der mich noch mehrere Tage gedanklich verfolgte.

Das Smartphone war bereits ein „mentales Exoskelett“, das uns erlaubte, jederzeit aus dem tristen „Hier und Jetzt“ attraktiven Pfadgelegenheiten im viel spannenderen semantischen Raum des Internets nachzugehen. Noisecanlelling-Kopfhörer waren ein weiterer sichtbarer Schritt der Entflechtung von der Außenwelt und der semantischen Umschließung und auch wenn das Metaverse weiterhin ein Marketingslogan bleibt, ist doch offensichtlich, worauf Big Tech mit seinen VR-Headsets hinaus will: der kompletten materiellen Umschließung durch die eigene Infrastruktur und damit die restlose Kontrolle über unsere Choice Architectures.

Auch der „For You“-Algotithmus ist Teil dieser Umschließung. War die Timeline lange eine Funktion Deiner selbstgewählten Kontakte rund um den Follower, ist es heute fast ausschließlich der opake Algorithmus der Plattformen, der die ambient Information-Spaces der Dividuen bedient.

Wir haben den Kapitalismus als Fruchtblase um uns herumgewachsen lassen, weil uns erzählt wurde, nur als Individuuen frei sein zu können. Nur in voneinander getrennten, atomisierten Blasen können wir unseren individuellen Weg finden, zum Beispiel den von Apple, Meta oder X.

Gooning ist eine Subkultur, die die semantisch-materielle Umschließung des eigenen Begehrens reflektiert und selbst zum sozialen Anknüpfungspunkt macht und erklärt dabei die Unterwerfung selbst kurzerhand zum Fetisch.

Ich hatte beim hören ständig den Impuls diese Form der Vergemeinschaftung zu pathologisieren, sie für eine krankhafte Ausgeburt unserer Zeit zu halten, doch das wäre selbstgerecht. Gooners machen nur ihr eigenes technikumschlossenes Selbstverhältnis zur sozialen Identität und in diesem Ehrlichmachen sind sie den meisten von uns einen Schritt voraus.


Was bedeutet es eigentlich, dass mit Trump/Musk/Vance jetzt eine so sehr auf Crypto fixierte US-Regierung ins Amt kommt? Antulio Rosales und Ty Tarnowski haben darüber im Newsletter der London School of Economics geschrieben.

In the US, a set of policies that could transform the country’s monetary backbone is being proposed from this community. The goal is to turn massive gold and other reserves into bitcoin, to make the “hodl” crypto trend (hold on for dear life) into government policy. This proposal is not completely new. In Argentina, for example, the use of gas flares in the country’s large Vaca Muerta shale oil and gas camp for bitcoin mining has been floated as a state-sponsored plan to destine the bitcoin proceeds as central bank reserves.

Aber weil Staaten auch nur Dividuen sind und erfahrungsgemäß den USA alles nachmachen, erwarten die Autoren Ripple-Effects. (die FDP lässt grüßen).

A strategic reserve of bitcoin through a federal government mandate would produce ripple effects in the monetary system and could further bolster the valuation of bitcoin, creating a feedback loop of the asset’s allure. The idea seeks to elevate bitcoin to a military-strategic resource, much like oil currently is.

Trumps Konzentration auf Crypto wird mit einer komplementären Aufmerksamkeit für Fossile Energien flankiert.

An important component of Trump’s agenda is his steadfast support of traditional fossil fuel energy. His nominee for Secretary of Energy, Chris Wright, is an insider and advocate of the hydrocarbons industry as well as a climate change denier. In a speech delivered to the Bitcoin Conference 2024 in Nashville, Trump said he wanted crypto “to be mined, minted and made in the USA”. Already in 2021, the United States was responsible for over 37 per cent of the global hash rate of bitcoin mining. The US became a focal point of attraction for mining investments after China began to crackdown on mining, and many went to alternative locations, with flexible regulations and abundant and inexpensive energy.

Und einige fordern sogar, dass die USA selbst in Bitcoin-Mining investieren sollte:

Advocates also believe the government should step into the mining business itself and store bitcoin rewards directly. Reaching the targets of the proposed reserve through mining will become increasingly energy intensive. The reward for mining a block of bitcoin is cut by half every four years as part of bitcoin’s deflationary mechanics.

Unter meinen Plattformbuch-Prognosen waren auch „Bitcoin-Rogue-States“:

Ich dachte dabei eher an Iran oder Venezuela, nicht an die USA, aber ach.


Vor über 13 einhalb Jahren, am 1.6.2011 – der Kurs stand geradebei $ 8.47 – schrieb ich junger Technikoptimist über Bitcoin:

Der vorherbestimmte Gang der Bitcoins ist, dass ihr Wert steigen wird. Es ist eine Währung, die nichts anderes tut, als zu deflationieren. Es gibt schließlich keinen Grund für Bitcoins, sich jemals auf irgendeinen Preis einzupendeln. Es ist ja fest definiert, wie viele Bitcoins es jemals geben wird, also wird der Preis für Bitcoins für immer steigen, wie der Wert eines Rembrandt-Gemäldes.

Das heißt, es ist zu jederzeit wirtschaftlich rational in Bitcoins einzusteigen und es wird immer wirtschaftlich irrational sein, aus Bitcoins auszusteigen (sie also tatsächlich für Zahlungen zu verwenden). Damit sind Bitcoins der perfekte Geldstaubsauger. Sie werden eine ganze Menge Kapital aufsaugen und für eine unabsehbare Zeit binden. Wie viel, ist nicht abzusehen.

Wenn nichts dazwischen kommt, (ein Hack oder eine tatsächlich zielführende, polizeiliche Maßnahme der Regierungen) können Bitcoins also tatsächlich eine Gefahr für Regierungen und sogar für die Weltwirtschaft werden. Bei 1 Milliarde Dollar größe wird der Bitcoinmarkt eine Gefahr, denn dieses Geld fehlt wo anders. Und ich für meinen Teil sehe keinen Grund, warum bei einer Milliarde Schluss sein sollte.

Der Geldstaubsauger hat also das Potential eine sehr signifikante Menge an Kapital zu binden, eine Menge, die der Weltwirtschaft ernsthaft schaden kann. Es wird dann nur noch darauf ankommen auf welche Preissteigerungsrate sich die Bitcoins einpendeln werden. Denn alle anderen Investmentangebote müssen mit dieser Rate konkurrieren. Am Ende könnte die gesamte Weltwirtschaft zusammenbrechen.

Fazit: Bitcoins sind für nichts eine Lösung. Aber sie könnten ein brillianter Hack des derzeitigen Wirtschaftssystems sein.

Hier eine mögliche alternative, materielle Geschichte, hätte ich zum Zeitpunkt des Schreibens nicht von der Hand in den Mund gelebt und es mir hätte leisten können, 1000 Euro Spielgeld in die Sache zu werfen:

Ich kenn mich, ich bin da wahnsinnig nervös. Wahrscheinlich hätte ich in all den Ups und Downs immer mal wieder ein paar Millionen verloren, spätestens nach dem Cryotocrash 2021 den Großteil meines Vermögens, aber es ist dennoch enorm plausibel, dass ich heute als Multimillionär gelten würde.

Aber es ist dann auch wahrscheinlich, dass ich nicht ich wäre. Ich hätte mich tiefer in die Semantiken der Crypto-Community verstrickt, hätte andere Freunde gehabt, andere Freundinnen, hätte in anderen Gegenden gewohnt und dort andere Bekanntschaften gemacht. Kurz: Ich wäre mit Sicherheit ein Vorzeige-Cryptobro geworden, der seinen zufälligen Reichtum mit allerlei Bullshiterzählungen zu seiner Heldengeschichte gemacht hat.

Dieses Investiertsein in Crypto hätte auch dafür gesorgt, dass ich anders über Politik nachdenke. Ich wäre mit bestimmten Menschen nie in Berührung gekommen, hätte irgendwann nur noch eine abstrakte Vorstellung davon, wie es auf der anderen Seite des Reichtums aussieht. Ja, Trump ist unappetitlich, hätte ich gesagt, aber er wird mein Vermögen schützen und mehren. Das was ich habe, können doch alle haben, würde ich lügen und Euch bei jeder Gelegenheit zurufen doch auch einfach in Bitcoin zu investieren? Oder eben „Have Fun staying poor!“

Weil am Ende das Sein das Bewusstsein bestimmt, muss man manchmal auch für materielle Pfadgelegenheiten, die man nicht hatte, dankbar sein.


Ein Einsatzzweck von generativer KI, für den sich ein wachsender Markt entwickelt, ist „Companionship AIs“ im weitesten Sinne. Sandy Carter, selbst COO at Unstoppable Domains, gab im Mai letzten Jahres einen Überblick über den Markt.

According to Sensor Tower, the overall estimated user base for the top 6 AI Companion apps is around 52 million.

Man sollte diese Zahl mit Vorsicht genießen, aber die Nachfrage ist vorstellbar?

„[Charakter AI] appeal is particularly strong among users who are seeking emotional support or relief from loneliness, positioning it as a practical, wellness-focused AI assistant. Though it trails Character AI globally, Talkie AI has gained significant traction in the U.S., where it has surpassed Character AI in downloads, reflecting its growing popularity as a tool for emotional connection.“

Und natürlich ist auch der Bedarf an virtuellen „Girlfriends“ da.

Shifting gears from practical skills to emotional support, Intimate AI Girlfriend and Linky AI cater to those seeking a more romantic form of AI companionship. Both apps tap into the growing demand for virtual relationships, allowing users to customize their AI partner’s appearance and personality. Intimate AI Girlfriend, in particular, offers flirtatious conversations and emotional support, blurring the lines between digital and real-world connections. Similarly, Linky AI provides users with relationship-oriented interactions, creating meaningful bonds in the digital space.

Aber die „Compagnions“ sollen auch als emotionale Infrastruktur der Selbstverwirklichung dienen.

Rounding out the list is Elysai and HiWaifu, two AI companions that focus on holistic personal growth. Unlike the others, Elysai combines traditional chatbot features with practical tools for self-improvement, such as mood tracking and guided meditations, positioning itself as more than just a conversational partner.

Carter macht sich durchaus ehrlich, welcher gesellschaftlicher Hintergrund der Treiber dieser Entwicklung ist:

The demand for AI companions, is a reflection of the global loneliness epidemic, exacerbated by the COVID-19 pandemic, which has increased the need for connection. Technological advancements have made AI companions more sophisticated, capable of understanding context and generating human-like responses.

Aber selbst ohne die Abwesenheit anderer sozialer Pfadgelegenheiten haben die KI-Compagnions einigen von uns etwas voraus:

AI companions offer unconditional positive regard, providing acceptance that can be rare in human relationships. As they learn from every interaction, they become increasingly personalized, making users feel understood and appreciated.

Das Paper, das den Transformeransatz, der heute alle generativen KIs antreibt, der Welt vorstellte, hieß literally: „Attention is All you need“ und das denke ich mir auch immer wieder, wenn ich meinen Hund streichel. Der körperlichen Kontakt ist wichtig, doch das Streicheln ist nur Medium einer noch wichtigere Ressource: Aufmerksamkeit.

Dass Aufmerksamkeit eine knappe Ressource ist, um die ein ökonomischer Kampf geführt wird, hatte bereits Georg Franck formuliert, aber Aufmerksamkeit ist auch die grundlegenste Infrastruktur all unserer sozialen Beziehungen. Aufmerksamkeit ist die Währung jedes dividuellen In-Beziehung-Tretens und jede Beziehung erfordert ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. In einer soliden Beziehung ist man wechselseitig über beide Ohren in Aufmerksamkeit verschuldet.

Die Aufmerksamkeit einer LLM (Multi-head Attention) ist furchtbar kompliziert arbeitet aber grob gesagt so, dass sie beim Einlesen jedes Wort des Prompts mit jedem anderen Wort im Prompt über ihre jeweiligen semantischen Vektoren multipliziert und den semantischen Raum dabei auf diesen Kontext zuspitzt (transformiert) und ihn dann während des Outputs bei jeder Tokenabwägung der Antwort berücksichtigen kann.

Das mag mechanisch klingen aber ist etliche mal effektiver als das 60 Jahre alte ELIZA von Joseph Weizenbaum, ein knalleinfach gestrickter Chatbot, der es trotzdem schon damals schaffte, Menschen das Gefühl zu geben „gesehen“ zu werden, der sogenannte „ELIZER Effect“

Ich hatte Generative KI im letzten Newsletter eine Sprachakt-Waffe genannt, dabei aber die Akte der öffentlichen Rede gemeint. Aber die Akte der privaten Rede, die Sprachakte der Intimität, die eben auf einer (so empfundenen) wechselseitigen Aufmerksamkeit beruhen, sind die endgültige semantische Umschließung des Divduums.

Abusive Relationships sind in Zukunft skalierbar.

Krasse Links No 37

Willkommen zu Krasse Links No 37 und frohes Fest für alle, die feiern. Und jetzt nehmt Eure Geschenke entgegen, heute realisieren wir die Kosten der Sprechakt-Waffen für die Konnektivitätsökonomie der Hyperrealität.


In den Blättern für Internationale Politik fleht Michael Tomaskyfleht seine Mitmenschen an, die materielle Realität der Medienlandlandschaft endlich ernst zu nehmen.

Ich flehe Sie an: Denken Sie darüber nach. Wenn Sie ein gewisses Alter haben, haben Sie noch lebhafte Erinnerungen an Revolutionen in der sogenannten Dritten Welt. Frage: Was hat jede Guerillaarmee, ob links oder rechts, als Erstes getan, nachdem sie den Palast erobert hatte? Sie haben den Radio- oder Fernsehsender übernommen. Als Erstes. Dafür gibt es einen Grund. Es ist derselbe Grund, aus dem Viktor Orbán der rechtskonservativen Konferenz CPAC 2022 sagte: „Habt eure eigenen Medien.“


Arte hat gerade eine wundervolle, knapp vierstündige Doku in vier Teilen über die Intellektuelle Zeitenwende von 1827 – 1871 in Paris, die man wohl auch „Französische Romantik“ nennt.

„Die Legenden von Paris“ ist eine komplett in Zeichentrick umgesetzte Doku und folgt den Protagonisten Victor Hugo, Alexandre Dumas, Eugène Delacroix, George Sand, Honoré de Balzac, Charles Baudelaire und vielen anderen durch ihre miteinander eng verstrickten Biographien.


Stuart Thompson berichtet in der New York Times über den Selbstversuch, sich mehrere Tage lang über die rechte Videoplattform Rumble zu informieren.

As soon as President-elect Donald J. Trump won the presidential race, influencers on Rumble, the right-wing alternative to YouTube, flooded the platform with a simple catchphrase: “We are the media now.”

The idea seemed to capture a growing sense that traditional journalists have lost their position at the center of the media ecosystem. Polls show that trust in mainstream news media has plummeted, and that nearly half of all young people get their news from “influencers” rather than journalists.

Ich glaube, wir machen uns tatsächlich keine Vorstellung von der Größe und dem Einfluss der semantischen Sezession und ihren Infrastrukturen. Natürlich ist „Rumble“ nicht „die Medien“, aber in der Gesamtschau – X, Truth Social, Rumble, Telegram, Fox News, die Brocaster-Szene sowie die durchgeknallte Milliardärsriege – ist es safe to say, dass rechte Medien zumindest in den USA das erlangt haben, was Gramscy die „Kulturelle Hegemonie“ nannte.

Antonio Gramsci führt den Begriff der „kulturellen Hegemonie“ ein, um zu erklären, warum der Kapitalismus selbst von denen verteidigt wird, die unzweideutig unter ihm leiden. Kulturelle Hegemonie ist ein Set allgemein akzeptierter, nicht aufgezwungener Erzählungen, die die soziale Ordnung gewaltlos zusammenhält. Schon Gramsci wusste, dass Hegemonie etwas materiell Hergestelltes ist und spricht von “Hegemonie-Apparaten”, worunter er vor allem das Bildungs- und Mediensystem, aber auch Vereinigungen, Parteien und andere Institutionen fasst, die meinungsbildend wirken.

Netzwerkperspektivisch ist Hegemonie das, was David Sigh Grewal als „Threshold of Inevitability“ bezeichnet, also den Schwellenwert, wenn ein Standard so allgegenwärtig wird, dass man sich aktiv gegen ihn entscheiden muss, wenn man ihn nicht nutzen will. Hegemonie hast Du dann, wenn Deine Pfadangebote die semantischen Choice Architectures aller anderen strukturieren und die das meist nicht mal merken.

Es braucht ein paar Tage bis Thompson merkt, wie die semantischen Choice Architectures von Rumble seine Weltsicht beeinflussen.

After just a week, this alternate reality started shifting how I instinctively reacted to the world outside Rumble. I would catch a stray story on the local news radio about something innocuous, like train delays or traffic jams, and wonder: “Can I really trust this?”

It’s true that listening to any single news source long enough will shift your perspective.

Weil Thompson kein Indviduum ist, das die Welt beobachtet, sondern ein Dividuun, das Rumble-Tröten dabei beobachtet, die Welt zu beobachten, kann er sich kaum erwehren, ihre Perspektive in Betracht zu ziehen. Der Unterschied zwischen ihm und den vielen anderen, die sich unrettbar in der semantischen Sezession verstricken, ist die ihm zur Verfügung stehende Infrastruktur. Er hat Zugriff andere Newsquellen, auf Kolleg*innen, Freund*innen, also Zugriff auf andere semantische Pfadgelegenheiten, auf die er von Rumble zurückkehren kann.

Weil wir alle keine Individuen sind, ist diese Erkenntnis wichtig für den aufkommenden Sturm, denn Widerstand kann man nie alleine leisten. Jede Semantik braucht Anschluss an eine Community of Practice und diese Community wird mit dem Verlust der Hegemonie rapide kleiner werden. Wenn es in immer mehr Alltagssituationen nicht mehr „nützlich“ ist, an Menschlichkeit, Rücksicht, Toleranz, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität oder Verletzlichkeit zu glauben, werden die Kosten, diese Semantiken am Laufen zu halten, steigen. Antifaschismus wird noch mehr als früher: materiell.

Though I listened to an hour of Mr. Bongino’s opinions each day, it seemed like I learned mostly what various progressive or mainstream media figures had said about different culture war topics, and Mr. Bongino’s predictable reactions to them.

Hier die gute Nachricht: Sobald sie ihre Triumpfrunde beendet hat, wird die rechte Medienszene in den USA sich selbst zerlegen. Das gesamte Ökosystem ist auf Gegenhegemonie zu den traditionellen Medien ausgelegt und intern eigentlich ziemlich heterogen und wenn ihnen nun der Feind ausgeht, werden sie genügend Gründe finden, übereinander herzufallen.


In der Wired called Gary Marcus noch mal das Ende der Fahnenstange für den Transformeransatz bei Künstlicher Intelligenz und weist dabei auch auf die dürftige wirtschaftliche Ausbeutbarkeit des aktuellen Technologiestandes hin.

Furthermore, essentially every big company seems to be working from the same recipe, making bigger and bigger language models, but all winding up in more or less the same place, which is models that are about as good as GPT-4, but not a whole lot better. What that means is that no individual company has a “moat” (a business’s ability to defend its product over time), and what that in turn means is that profits are dwindling. OpenAI has already been forced to cut prices; now Meta is giving away similar technology for free.

Im Netzwerk der Abhängigkeiten verhindert die immer leichtere Verfügbarkeit von immer günstiger zu betreibenden Modellen die Schaffung von ausbeutbaren Netzwerkzentralitäten. Oder wie es ein Google Engineer bereits vor ein anderthalb Jahren prognostizierte: We have no Moat.


Im Harpers Magazine hat Liz Pelly sich tief in das Phänomen der „Ghost Artists“ bei Spotify gewühlt. Schon 2017 war herausgekommen, dass ein nicht geringer Teil der in populären Playlists vertretenen Künstler*innen gar keine Künstler*innen sind, sondern Fakeprofile hinter denen versteckte Tarnfirmen stecken, die mit günstig produziertem Hintergrundgeklimper die dicke Spotify-Kohle abgreifen (World Wide Web hatte darüber einen Beitrag). Doch wie groß und systematisch ist das Problem und vor allem: wie tief hängt Spotify mit drin?

Then, in 2022, an investigation by the Swedish daily Dagens Nyheter revived the allegations. By comparing streaming data against documents retrieved from the Swedish copyright collection society STIM, the newspaper revealed that around twenty songwriters were behind the work of more than five hundred “artists,” and that thousands of their tracks were on Spotify and had been streamed millions of times.

Dass Grifter versuchen, das System zu gamen ist erwartbar, doch wie kommt das Billiggeklimper in Spotifys Playlists? Pelly hat mit etlichen Slop-Produzent*innen gesprochen, interne Chats und Emails ausgewertet und dabei die systematische Ausbeutung der Künstler*innen herausgearbeitet, an der sich Spotify gerade gesundstößt.

Spotify, I discovered, not only has partnerships with a web of production companies, which, as one former employee put it, provide Spotify with “music we benefited from financially,” but also a team of employees working to seed these tracks on playlists across the platform. In doing so, they are effectively working to grow the percentage of total streams of music that is cheaper for the platform. The program’s name: Perfect Fit Content (PFC).
[…]
PFC eventually began to be handled by a small team called Strategic Programming, or StraP for short, which in 2023 had ten members. Though Spotify denies that it is trying to increase PFC’s streamshare, internal Slack messages show members of the StraP team analyzing quarter-by-quarter growth and discussing how to increase the number of PFC streams.
[…]
In a Slack channel dedicated to discussing the ethics of streaming, Spotify’s own employees debated the fairness of the PFC program. “I wonder how much these plays ‘steal’ from actual ’normal’ artists,” one employee asked.

An einer Stelle zitiert sie einen Künstler, der für eine der FPC-Agenturen komponiert und eingespielt hat.

A typical session starts with a production company sending along links to target playlists as reference points. His task is to then chart out new songs that could stream well on these playlists. “Honestly, for most of this stuff, I just write out charts while lying on my back on the couch,” he explained. “And then once we have a critical mass, they organize a session and we play them. And it’s usually just like, one take, one take, one take, one take. You knock out like fifteen in an hour or two.”

Und das ist erst der Anfang, denn jetzt tritt generative KI auf den Plan.

“I’m sure it’s something that AI could do now, which is kind of scary,” one of the former Spotify playlist editors told me, referring to the potential for AI tools to pump out audio much like the PFC tracks. The PFC partner companies themselves understand this. According to Epidemic Sound’s own public-facing materials, the company already plans to allow its music writers to use AI tools to generate tracks. In its 2023 annual report, Epidemic explained that its ownership of the world’s largest catalogue of “restriction-free” tracks made it “one of the best-positioned” companies to allow creators to harness “AI’s capabilities.”

Ich hatte hier ja neulich die materielle Geschichte der Musikindustrie erzählt und im Kern führt Spotify nur die Strategie der „relationalen Dematerialisierung“ weiter, die hinter jeder Form skalierbarer Ausbeutung steckt. Ich hatte sie im Supplychaintext so beschrieben:

Die Herstellung von Austauschbarkeit erweist sich als wesentliches Basiselement kapitalistischer Wachstumskonzeptionen. Und diese Austauschbarkeit wird über das Abkapseln von Verbindungen und das Reduzieren von Abhängigkeiten hergestellt.

Es geht bei Rationalisierung nicht nur um Kostenreduktion, sondern darum, die Abhängigkeiten der Dinge zur materiellen Realität zu reduzieren, um sie austauschbarer zu machen. Es ist andersherum: Gesunkene Kosten sind Ausdruck gelungener Entflechtung von der Realität. Im Falle der Kulturindustrie heißt das: von der materiellen Realität der Künstler*innen.


Cory Doctorow hat in seinem Jahresendpost unter anderem mit dem Verweis auf den Harpers-Artikel das Problem der Kreativen so zusammengefasst.

Movie studios, record labels, publishers, games studios: they all know that they are in possession of a workforce that has to make art, and will continue to do so, paycheck or not, until someone pokes their eyes out or breaks their fingers. People make art because it matters to them, and this trait makes workers terribly exploitable. As Fobazi Ettarh writes in her seminal paper on „vocational awe,“ workers who care about their jobs are at a huge disadvantage in labor markets. Teachers, librarians, nurses, and yes, artists, are all motivated by a sense of mission that often trumps their own self-interest and well-being and their bosses know it.

Das Gute: Weil die Semantiken aus uns Menschen eh nur so raussprudeln, werden wir den KIs auch in Zukunft Konkurrenz machen.


Ihr könntet natürlich auch einfach den Youtube-Channel von Then & Now abonnieren, aber wozu, wenn ich Euch eh jede Folge empfehle? Diesmal ein 5-Stunden-Brett über die Geschichte des Kapitalismus, in dem er nicht nur die materiellen, sondern auch die semantischen Vorraussetzungen seines Entstehens analysiert.


In Teil drei seiner lesenwerten Reihe „Slop Infrastructures“ geht der Künstler Eryk Salvaggio der weirden Instrumentalisierung von politischen Deepfakes von rechts nach und behandelt dabei vor allem die gefakten Taylor-Swift-Endorsments, von denen Trump sogar eins persönlich teilte.

I’m not convinced Trump’s post was meant to convince anyone that it was true. Instead, it seems to be an invitation to a cartoonish „imaginary world“ in which Swift, a virtual character, endorsed Trump. This imaginary character – the icon of Swift – is entirely distinct from Swift herself. Through AI, Swift becomes „a floating signifier,“ an image with newly contested meaning that can be captured and incorporated to support and bolster any ideas a person might desire.

In putting Swift into this position, you don’t say, „Swift endorsed us,“ which nobody believed. Instead, you encourage others to enjoy the control over what Taylor Swift signifies. AI-generated deepfake images offer the power to shape meaning in a world where people fear powerlessness and meaninglessness by inviting them to make others powerless and meaningless. That is the second fakery: the myth that AI manipulation is fun, because it’s just celebrities, when deepfakes can and have been used to target young women and activists.

AI-generated images of celebrities or disasters are not meant to suggest reality. They diminish the value of reality in constructing opinions or informing decisions. To post this image is, of course, a manipulation of Swift’s image, a violation of her agency, and to be very clear, I’m talking about this specific „Uncle Sam“ image, not the pornographic content with her in it. All of it points to the idea that if we share an illusion, that illusion matters in ways that are just as valid as any political reality. It is about controlling the symbols of the world, and it buys into a purely symbolic structure of power

Generative KIs sind Massen-Sprechakt-Waffen.

Wann immer wir den Mund aufmachen oder uns sonst irgendwie äußern, begehen wir Sprechakte. Sprechakte sind die materielle Basis der Semantiken – ja, auch der Bildsemantiken. Jeder Sprechakt beeinflusst das Netzwerk der Semantiken für alle, die der Sprechakt erreicht. In der Folge adaptieren, ignorieren oder kritisieren die Erreichten den Sprechakt. Das hört sich abstrakt ab, ist aber der ernste Hintergrund von Sprache ansich, sowie jedes Kulturkampfes und im Endeffekt auch jeder politischen Kampagne.

Salvaggio nimmt Rene Walters Beobachtung des „swarm gaze“ auf und zeigt an der Instrumentalisierung von Taylor Swift, wie der automatisierte „Male Gaze“ quasi als Sprechakt-Waffe des Patriarchats alle popkulturellen Symboliken mit männlich-hegemonialer Horniness vollsprizt.

The swarm-gaze is a result of badly mediated (or deliberately weaponized) social media infrastructures, fused with an unregulated infrastructure for AI image generation that is powered by pornography – including deepfakes and CSAM, a point acknowledged in internal Slack messages leaked to 404 Media in December 2023. This is fused with a political infrastructure that now includes, quite literally, the same guy who funds Civitai – Marc Andreessen, who is slated to be part of Elon Musk’s DOGE effort. Musk, of course, runs X. Donald Trump posted fake, AI-generated images of Taylor Swift endorsing him online.


Die Tatsache, dass der Kapitalismus einfach eine Organisationsform von Macht ist, wurde mir das erste Mal beim Lesen der Doktorarbeit von Uta Meier Hahn plausibel, in der sie die Konnektivitätsökonomie des Internets untersucht. In Krasse Links 11 fasste ich ihre Arbeit so zusammen:

In meinem Buch behandle ich auch die sehr lesenswerte Doktorarbeit von Uta Meier-Hahn, die eine Art Anthropologie der Netzwerkökonomie vorgelegt hat. Sie hat mit etlichen Verantwortlichen von großen Netzwerkbetreibern gesprochen und sich erklären lassen, wie genau Peering-Entscheidungen und -Deals getroffen werden. Für die, denen das nichts sagt: das Internet wird in seinen Grobstrukturen von nur einer Handvoll Großunternehmen betrieben, deren Geschäftsmodell es ist, ihre Konnektivität an Internet Service Provider, andere Netzwerkbetreiber oder CDNs wie Cloudflaire weiter zu verkaufen. Das Internet ist ein Netz der Netze und der Verkehr zwischen den Netzen hat ab und zu ein Kassenhäuschen – und manchmal auch nicht. Dann nämlich, wenn die Interessen beider Netzbetreiber, Daten zu tauschen, in etwa ausgeglichen ist. Die Kriterien dazu sind komplex und ein Großteil von Utas Arbeit befasst sich mit ihrer Katalogisierung, aber einer der wesentlichen Faktoren ist natürlich die Größe des Netzes. Ein kleines Netz hat immer ein höheres Interesse, mit einem größeren Netz Daten zu tauschen, als umgekehrt und deswegen muss das kleine Netz zahlen und das große bekommt Konnektivität geschenkt.

Das eigentlich spannende ist der Edgecase, den diese Art der Ökonomie darstellt. Es ist eine Ökonomie, in der es nur einmalige Investitionskosten, aber keine Grenzkosten gibt. Für das, was verkauft wird, gibt es keine Inputlinien.

Um zwei Netzwerke miteinander zu verbinden, muss meist nur ein Schalter umgelegt oder im schlimmsten Fall ein Serverrack installiert werden.

Doch das verblüffendste: Es entstehen nicht nur keine Kosten, sondern es entsteht sogar für beide Wert beim Zusammenschalten ihrer Netzwerke.

Wenn zwei Netze peeren, also Daten austauschen, dann erhöht sich die Summe der Pfadgelegenheiten für die eigene Kundschaft entsprechend der Größe und Qualität des jeweils anderen Netzwerks. Und umgekehrt! Für beide ist es ein Gewinn, für niemanden entstehen Kosten.

Und dennoch entstehen Preise? Der Edgecase besteht darin, dass die Konnektivitätsökonomie ein „Markt“ ohne das Fleisch der Kosten ist, so dass wir eine Art Röntgenaufnahme des Kapitalismus sehen. Der Befund: Preise werden genommen, wenn Preise genommen werden können und Margen sind Ausdruck von Macht.

Im Plattformbuch hatte ich diesen Zusammenhang in Form der Interdependenz-Bilanz nur auf die Plattformökonomie bezogen, doch ich denke, er ist universal anwendbar.

Alle Margen bestehen aus abgeschöpften Abhängigkeit-Dividenden.


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Michael Seemann
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In letzter Zeit stolpere ich immer wieder über Referenzen zu Jean Baudrillard. Ich habe ein kompliziertes Verhältnis zu ihm. „Der symbolische Tausch und der Tod“ was my first post-structural Love, aber als ich Derrida entdeckte, konnte ich ihn nicht mehr ernst nehmen, aber das ändert sich gerade wieder.

Zum Beispiel bin ich über diesen interessanten Thread von Paul Soetaert gestoßen, der Baudrillards Stadien der Simulakren auf Geld anwendet. Die Stadien beschreibt er so:

Und wendet sie auf Geld an:

Ich finde das eine interessante Überlegung und gebe Soetaert von der Stoßrichtung her recht, aber leider hat er ein etwas outdated Verständnis von Geld, weswegen seine Analogien unschön in alle Richtungen hinken.

Aber mit unseren bisher diskutierten politisch ökonomischen Beobachtungen können wir die „relationale Dematerialisierung“ des Preises in Simulakrumsstufen einsortieren.

  1. Der Preis entspricht den Kosten. Man tut etwas, das kostet, man verlangt eine entsprechende Entschädigung. Ich weiß, aussterbendes Konzept.
  2. Der Preis entspricht den Kosten plus Macht. Marge ist Ausdruck von relationaler Dematerialisierung und somit bereits teil des zweiten Stadiums der Sumulakren – siehe das Supermarktbeispiel aus dem letzten Newsletter, aber hier würde ich das gesamte, traditionelle kapitalistische Wirtschaften einordnen.
  3. Der Preis ist nur noch Ausdruck der Macht und hat keinen reellen Bezug mehr zu Kosten. Das haben wir gerade in Reinform bei der Konnectivitätsökonomie des Internets behandelt, gilt aber auch für die gesamte Kulturindustrie und praktisch alle digitalen Geschäftsmodelle.
  4. Der Preis ist das Produkt. Endgültige Hyperrealität. Die relationale Dematerialisierung ist mit Bitcoin zum logischen Endpunkt geraten, wo eine technisch symbolisch hergestellte Knappheit den Bezug zur Realität austauscht.

Charlie Warzel versucht im Atlantic den wahren Nutzen von Crypto zu fassen.

Crypto is a technology whose transformative product is not a particular service but a culture—one that is, by nature, distrustful of institutions and sympathetic to people who want to dismantle or troll them. The election results were at least in part a repudiation of institutional authorities (the federal government, our public-health apparatus, the media), and crypto helped deliver them: The industry formed a super PAC that raised more than $200 million to support crypto-friendly politicians. This group, Fairshake, was nonpartisan and supported both Democrats and Republicans. But it was Donald Trump who went all in on the technology: During his campaign, he promoted World Liberty Financial, a new crypto start-up platform for decentralized finance, and offered assurances that he would fire SEC Chair Gary Gensler, who was known for cracking down on the crypto industry.

Ich fand die Diskussionen über „Money in Politics“ immer ein bisschen naiv, wenn man sich die Summen anschaut, um die es geht. Obama gab in 2008 etwas mehr als eine Milliarde Dollar aus und war damit sehr lange unangefochtener Spitzenreiter. Aber was ist eine Milliarde für Musk, Thiel. Bezos oder Gates?

Weil Trump sowieso an nichts glaubt, shoppt sich gerade die Oligarchie die Brieftasche wund und für die Crypto-Milliardäre gibts halt den Staat als Bagholder of Last Resort.

Der Trick ist, beim nächsten Cryptocrash „too Big to fail“ zu sein, d.h. bis dahin so viele finanzialisierte Abhängigkeiten auf sich vereint zu haben, dass Andreesen, Thiel und Co sich wie 2008 die Banken vom Steuerzahler „retten“ lassen können.

Wie der Adel im Feudalismus sind Cryptobros dann nur noch wichtig, weil sie wichtig sind und deswegen müssen wir anderen für ihren Reichtum schuften. Von der Hyperrealität direkt ins Mittelalter – oder wie wir hier sagen: der libertäre full circle.

Krasse Links No 36

Willkommen zu Krasse Links No 36. Schöpft den Wert aus der materialistischen Freiheit, heute busten wir die Netzwerkzentralitäten der Food Deserts.


Fast alle Kinder in Gaza glauben demnächst zu sterben, die Hälfte hofft darauf.

“The psychological toll on children was severe, with high levels of stress manifested in symptoms such as fear, anxiety, sleep disturbances, nightmares, nail biting, difficulty concentrating and social withdrawal,” the report said. “Children have witnessed the bombing of their homes and schools, experienced the loss of loved ones, and have been displaced or separated from their families while fleeing for safety.”


Ali Alkhatib schlägt vor, Unterscheidungen zu „Künstliche Intelligenz“ anders zu ziehen, als nach dem technischen Jargon seiner Entwickler*innen.

I think we should shed the idea that AI is a technological artifact with political features and recognize it as a political artifact through and through. AI is an ideological project to shift authority and autonomy away from individuals, towards centralized structures of power. Projects that claim to “democratize” AI routinely conflate “democratization” with “commodification”. Even open-source AI projects often borrow from libertarian ideologies to help manufacture little fiefdoms.

Wir brauchen situierte Begriffe, um die materielle Realität zu navigieren, ganz besonders bei so inhärent gewaltvollen Technologien wie KI. Wir brauchen eine Sprache der Technologie, die an den Schmerzerfahrungen ihrer Barrieren geschult ist.

Whether you subscribe to this way of defining AI or you totally reject it, I hope I’ve made it more salient to you that you can judge frameworks entirely according to how well it helps you navigate a space you’re trying to navigate. You can reject a definition that isn’t helping you, and I would encourage you to reject mine just as readily as I rejected AI Snake Oil’s if it’s not serving your purposes.


Nachdem es für den CCCongress nicht gereicht hat, werde ich eine etwas ernsthaftere und weniger technische Version meines Vortrags im Rahmen der Reihe MoMo Berlin am 20.01.2025 um 20:00 im Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30 halten. Weitere Infos hier.

Semantik für Fortgeschrittene. Wie mir Donna Haraway und ChatGPT wieder Lust auf eine menschliche Zukunft machten

Der Berliner Kulturwissenschaftler Michael Seemann hat im vergangenen Jahr über eine Menge grundlegender Dinge seine Meinung geändert. Es kam auch viel zusammen: Das allgemeine Pandemietrauma, seine Dissertation zu der Macht der Plattformen, sein Weggang von Twitter nach der Übernahme durch Elon Musk und dessen Umfunktionierung zur Nazipropagandawaffe, der Rechtsruck, die sich konzentrierenden reaktionären Strömungen im Silicon Valley, vor allem rund um Crypto und Künstliche Intelligenz und die Tatsache, dass er jetzt einen Hund hat.

Doch dann passierten noch zwei weitere Dinge: Er las sich in die Philosophie Donna Haraways ein (siehe hier auch einen Aufsatz von 1988 von ihr) und gleichzeitig, aber unabhängig davon, vertiefte er sich in die Funktionsweise von Large Language Models wie ChatGPT. In der Verbindung dieser beiden Neuverdrahtungen rejustierte sich sein Beobachten zu einer neuen Praxis des Sehens, die er seither in seinem Newsletter „Krasse Links“ einübt.

In seinem Vortrag möchte Michael Seemann versuchen, den zurückgelegten, gedanklichen Pfad zu rekonstruieren und plausibel zu machen, warum er sich lohnt. Zum weiteren Austausch nach dem Ende der Veranstaltung ziehen wir gegenüber in die BAR internazionale.


Ken Klippenstein hat immer alles, was sich andere nicht trauen zu veröffentlichen. Diesmal das Manifest des CEO-Shooters Luigi Mangione.

Überwältigt war ich nicht, es ist eher ein nüchterner Beipackzettel zum Mord als ein Manifest. Wichtig scheint mir der letzte Satz:

It is not an issue of awareness at this point, but clearly power games at play. Evidently I am the first to face it with such brutal honesty.”


Robert Evens sieht „Schmerz“ als den tieferen Grund von Mangione Radikalisierung. Zum Einen, weil er tatsächlich chronische Schmerzen hat, die er seit einem Unfall an der Wirbelsäule durchgehend mit Schmerzmitteln behandeln muss. Trauma verändern Menschen und in der Ausgeliefertheit, in der sich chronische Schmerzpatient*innen befinden, kann sich eine Menge Wut bahn brechen.

I know many people who suffer with chronic pain and ongoing medical issues. I will tell you that it is not uncommon in dark moments, after fruitless hours-long calls about dropped medications or receiving surprise bills, for them to joke about what they’d like to do to the executives who run these companies.

Zum anderen ist Schmerz auch Teil von Mangiones Goodreads-Rezension zum Unabombermanifest.

Der dort zitierte Reddit-Post liest sich in seiner vollen Länge wie ein wirkliches Manifest.

Evens folgert:

If you read this post in its entirety, as Luigi did, you can’t miss the pain there. Anxiety and horror at the inevitability of climate change, and the looming knowledge that everything good and green on this earth is being fed into the bloody maw of an industry concerned only with maximizing profit.

In more ways than one, Luigi Mangione was radicalized by pain.

Der ganze Newsletter ist sehr lesenswert, auch weil Evans einen plausiblen semantischen Pfad von den anderen Shootern, von Columbine über Christchurch bis zu Mangione zieht. Denn unabhängig von der Auswahl der Opfer und den politischen Motiven gibt es eben eine pfadrelevante Eigenlogik in der Semantik des Amoklaufs, speziell des politischen Amoklaufs seit Breivik, und diese Eigenlogik ist eine mediale.

In the wake of this shooting every media organization commenting on it has had to grapple with the waves of public enthusiasm for Luigi’s actions. Right-wing media figures condemning the left for celebrating this assassination have been criticized by their own readers and listeners. Insurance companies have pulled down lists of their executives from the Internet.

This is because they too understand the shooter culture of the United States. Like anyone else, they know that any mass shooting that meets with massive media coverage and interest will spawn copycats. The assassination Luigi is believed to have carried out was new and exciting; it demanded the public’s attention in a way most mass shootings don’t.

At almost the exact same time the United Healthcare CEO was assassinated, a gunman walked into a religious school near Oroville California and shot two young children before killing himself. This shooting drew almost no national attention. It was entirely drowned out by the execution of an insurance industry CEO. The armed and disaffected young men who are most drawn to this sort of thing will not miss this fact.

I believe Luigi Mangione was radicalized by pain. The shooters who follow him will all have their own reasons for what they do, their own journeys to that violent end. But ultimately, they’ll do what they’ll do because Luigi proved it’s what gets attention.

For now.

Damit haben sich mE. die ganzen Debatten, ob Mangione jetzt ein Rechter ist, weil er Rogan hört oder die falsche Meinung zu irgendwas hat, erledigt; er ist ein Kollege vom Schmerzlabor. Die von ihm aufgezeigte Pfadmöglichkeit, den eigenen Schmerz gegen die Eliten zu richten, hat für einen kurzen Moment eine andere Demarkationslinie am Horizont aufblitzen lassen und jetzt sind alle erschrocken.


Stacy Mitchell geht im Atlantic einem Phänomen nach, das man in den USA „Food Desert“ genannt hat. Das sind Gebiete, in denen es im Umkreis von 10 Meilen auf dem Land oder eine in der Stadt keine Supermärkte oder sonstige Food-Shops gibt, man also erhöhten Aufwand treiben muss, um an Nahrungsmittel zu kommen.

Wer jetzt glaubt, dass es Food Deserts immer schon gab, täuscht sich:

Although poverty and ruralness have been with us forever, food deserts arrived only around the late 1980s. Prior to that, small towns and poor neighborhoods could generally count on having a grocery store, perhaps even several. (The term food desert was coined in 1995 by a task force studying what was then a relatively new phenomenon.)

Der Grund für die strukturelle Unterversorgung ist Macht.

Dass Macht eine reale Sache in der Wirtschaft ist, mit der man umgehen muss, wusste man Anfang des letzten Jahrhunderts noch und so geriet im Lebensmittelsektor die Kette A&P in den Blick der Politik.

Congressional hearings and a federal investigation found that A&P possessed an advantage that had nothing to do with greater efficiency, better service, or other legitimate ways of competing. Instead, A&P used its sheer size to pressure suppliers into giving it preferential treatment over smaller retailers. Fearful of losing their biggest customer, food manufacturers had no choice but to sell to A&P at substantially lower prices than they charged independent grocers—allowing A&P to further entrench its dominance.

Im Zuge des New Deals wurde der Robinson-Patman Act geschaffen, der die Preisdiskrimierung großer Unternehmen gegenüber ihren Zulieferern untersagte, was die Machtkonzentration tatsächlich über viele Jahre in Schach hielt. Die Regulierung wurde wie so vieles in 1980ern unter Regan einfach nicht mehr enforced. Das Resultat waren Walmart und Co.

Walmart was the first to fully grasp the implications of the new legal terrain. It soon became notorious for aggressively strong-arming suppliers, a strategy that fueled its rapid expansion. By 2001, it had become the nation’s largest grocery retailer. Kroger, Safeway, and other supermarket chains followed suit. They began with a program of “self-consolidation”—centralizing their purchasing, which had previously been handled by regional divisions, to fully exploit their power as major national buyers. Then, in the 1990s, they embarked on a merger spree. In just two years, Safeway acquired Vons and Dominick’s, while Fred Meyer absorbed Ralphs, Smith’s, and Quality Food Centers, before being swallowed by Kroger. The suspension of the Robinson-Patman Act had created an imperative to scale up.

Preisdiskrimierung führt zu Konzentration, weil kleine Läden mit großen nicht mehr mithalten können. Von 1982 bis 2017 sankt der Anteil unabhängiger Retailer von 53 auf 22 Prozent. Der Wegfall der Konkurrenz eröffnet den großen Supermarktketten dann noch mehr Pfadgelegenheiten zur Ausbeutung.

In the 1960s, if a chain like Safeway wanted to compete for the grocery dollars spent by Deanwood residents, it had to open a store in the neighborhood. But once the independent stores closed, the chains no longer had to invest in low-income areas. They could count on people to schlep across town to their other locations. Today, in fact, many Deanwood residents travel to a Safeway outside the neighborhood to shop. This particular Safeway has had such persistent issues with expired meat and rotting produce that some locals have taken to calling it the “UnSafeway.” Yet, without alternatives, people keep shopping there.

Neben sinkender Qualität, steigenden Preisen und steigenden Aufwand für die Konsument*innen sind „Food Deserts“ das natürliche Ergebnis dieser Konzentration.

In rural areas, the same dynamic means that Walmart can capture spending across a wide region by locating its supercenters in larger towns, counting on people in smaller places that no longer have grocery stores to drive long distances to shop for food. An independent grocer that tries to establish itself in a more convenient location will struggle to compete with Walmart on price because suppliers, who can’t risk losing Walmart’s business, will always give the mega-chain a better price.

Hier eine evtl. empirisch falsifizierbare These:

Die Macht eines Unternehmens liest sich nicht an Marktkapitalisation, Marktanteil, Umsatz oder Gewinn ab, sondern an der Marge.

Margen sind grob gesagt die Differenz zwischen dem Produktpreis und seinen Beschaffungs- oder Herstellgungskosten.

Man kann sich das bildlich so vorstellen, dass auf ein Unternehmen im Netzwerk der Abhängigkeiten viele bepreiste Inputlinien einströmen, während bepreiste Outputlinien zu den Konsument*innen führen. Grundsätzlich gilt auch für einen Supermarkt, dass die Einnahmen langfristig die Ausgaben übersteigen müssen, aber ansonsten hat das Unternehmen viel Spielraum in dieser Situation.

Meistens kann man die Inputlinien drücken: Lohndumping, Gewerkschaften zerschlagen, Wage Theft, Druck auf Supplyer ausüben, vertikale Integration, Zahlungen zurückhalten, etc. Oder man schraubt an den Outputlinien: Preise erhöhen, Verkaufsmengen reduzieren, Qualität reduzieren, Regulierungen missachten, Filialen schließen, Enshittyfication, etc.

Das ist jeweils ein Balanceact, weil die Ausgebeuteten ab einem bestimmten Schmerzpunkt den Kanal kappen und versuchen werden, um das Unternehmen herumzurouten, doch über Herstellung entsprechender Netzwerkzentralitäten lassen sich Schmerzpunkte fast beliebig nach oben verschieben. Wo einem die Pfadgelegenheiten ausgehen, ist man gefangen.

Ausbeutung ist nicht etwas, das auschließlich zwischen Kapitalist*innen und Arbeiter*innen passiert, wobei diese Form der Ausbeutung nachwievor sehr zentral ist. Ausbeutung findet überall statt, wo in ungleichen Beziehungen Machtreservoires zu heben sind und erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich darin aus, Zugriff auf viele solcher Reservoirs zu haben.

Beim Handeln des Unternehmens geht es immer darum, von anderen weniger abhängig zu sein, als die anderen vom Unternehmen, also eine unausgesprochene Austauschbarkeits-Hierarchie zu etablieren. Dann muss man sich nur noch die Erlaubnis geben, sie abzuschöpfen.

Aber wenn Macht Netzwerkzentralität im Netzwerk der Abhängigkeiten ist, dann geht das ganze Spiel des Kapitalismus darum, durch geschicktes Platzieren von Infrastrukturen, die Margen der anderen zu frühstücken. Und dann kommt die präziseste Kapitalismustheorie nicht von Marx, Keynes oder Hayek sondern von einer Feministin des frühen 20. Jahrhunderts: Lizzy Magie.


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In der Finantial Times malt Rana Foroohar eine düstere Zukunft für Europa. Sie macht die einfache Rechnung auf, dass die Trump-Regierung, um ihre Ideen zum Handelskrieg gegen China inflationsfrei verfolgen zu können, wahrscheinlich den Dollar schwächen wird.

As Mario Draghi’s report on European competitiveness has noted, “China depends on the EU to absorb its industrial overcapacity” in areas such as EVs and clean tech. Add to this a devalued dollar (which would bolster American exports relative to European outputs) and the EU’s dependence on China for things like critical minerals, and Europe might quickly find itself in a uniquely weak position relative to both the US and China.

Wie man im Nachklapp der Pandemie, zur Gaskrise nach Putins Ukraineüberfall, zur im Suezkanal festgesteckten Ever Given und der Bedrohung der kommerziellen Schiffahrt durch die Houthi sehen konnte, sind Handelswege kritische Netzwerkzentralitäten im Abhängigkeitsnetzwerk unserer Wohlstandsgesellschaft und so lässt die verschlankte Makroperspektive der Geopolitik auf das Netzwerk einige Dynamiken viel deutlicher und konturierter erscheinen, als im Gewusel unseres Kapitalismusalltags.

Durch den Rückzug der USA wird China für Europa zur noch größeren Netzwerkzentralität: Für weniger Pfadgelegenheiten sind wir noch abhängiger. Trump, Xi, Musk und Silicon Valley wissen, wie man solche Machtreservoire melkt.

This brings me to the final point, which is about power. Europe today is like a well-dressed flâneur who is unaware he’s about to be attacked in an alley by a couple of street thugs. On one side are Trump, Musk and the big tech titans who have built and increasingly own Europe’s technology infrastructure. On the other is Beijing, which may end up hollowing out Germany’s car industry even as it holds out promises of better market access for German exporters.


Matt Pearce, der Präsident der „Media Guild of the West“, einer Journalistengewerkschaft, war im Decoder Podcast um über die aktuelle Situation im amerikanischen Medienmarkt zu berichten. Nilay Patel kam auf ihn, weil er diesen sehr lesenwerten Blogpost schrieb:

The dominant social media platform form for news, Twitter, was purchased and turned into a right-wing mobilization engine for an emotionally unstable federal contractor. Meta, under Mark Zuckerberg, has driven its monopolistic social media platforms as far away from hard news as possible, to the point of explicit hostility. I am genuinely unsure if Google cares whether we live in a democracy or not as long as the feds let them keep spamming AI slop about glue pizza to keep OpenAI away from its Search monopoly. TikTok is a casino whose amazing success at circulating mindless content may come at the expense of “sleep, and eating, and moving around the room, and looking at someone in the eyes,” according to one of its own executives. These are gigantic companies with far larger consumer audiences than any traditional media company that was covering the election, and some of these platforms are taking on the characteristics of becoming publishers themselves in terms of shaping content decisions and producing content of their own via AI. There are too many billionaires and CEOs in charge of too few information chokepoints, which are powered by too much surveillance over too many users who have too few viable alternatives.


Kurzer Zwischenruf von Carl Sagan.

 


Der Decoder-Podcast mit Pearce ist ebenfalls interessant, denn Nilay Patel ist einer der wenigen Journalist*innen im Techbereich, die verstehen, dass Medien ein Machtproblem haben. Im Podcast versucht er es so zu fassen:

But there’s also an economic angle here that goes beyond just the raw numbers of website traffic. It’s about how journalists create value today and how that value moves through the information ecosystem because so many other people can just take that value for free.

[…]

But I look at it now and I’m like, well that’s just a huge value exchange, right? Like I, we make the work, we pay for the reporters and then the people on TikTok read our stories. TikTok makes a bunch of ad revenue, the creators might get some creator fund revenue or whatever and we get nothing. And I, I don’t know how to reconcile that because there’s a part of me that says, well I want our stories to spread. I want people to see that there’s The Verge logo and that means it’s real Journalism and you can trust it and go ahead and talk about it as much as you want.

Die Semantik des „Wertes“ ist eine der ältesten Versuche zu fassen, was in der Wirtschaft so passiert und ich bin nicht glücklich damit. Jon law, Adam Smith, David Ricardo, Marx und Porter versuchten alle den Wert an die Ware/das Gut zu heften. Das kann nur schief gehen, denn Wert ist keine Eigenschaft eines Objektes, sondern ein Effekt im Netzwerk der Pfadmöglichkeiten.

Ein Schraubenschlüssel hat für mich deswegen Wert, weil er mir in Kombination mit meinen anderen Werkzeugen eine Pfadgelegenheit bietet, die Waschmaschine zu reparieren. Die Waschmaschine wiederum bietet mir ständig Pfadgelegenheiten, meine Wäsche zu waschen, aber ist dabei auf die Pfadgelegenheiten Strom- und Wasseranschluss angewiesen. Saubere Klamotten beherbergen die Pfadgelegenheit, sozialverträglich durch den Alltag zu kommen, etc.

Wo residiert der Wert des Schraubenschlüssels? In dem Metalldings selbst? In der heilen Waschmaschine? In Wasser und Stromanschluss? In der Konvention nicht zu sehr zu stinken?

„Wert“ ist ein ständiger und nie abgeschlossener Aufschub im Netzwerks der Pfadgelegenheiten. Materialisieren tut sich der Wert immer nur im Schmerz, zum Beispiel im Schmerz einer kaputten Waschmaschine oder im Schmerz der Reperatur.

Wo die Rede vom „Wert“ aber gefährlich wird, ist, wenn man den Ort, an dem der Wert geschaffen wird, mit dem Ort verwechselt, wo er abgeschöpft wird, denn diese Orte fallen fast nie in eins.

Ein plakatives Beispiel ist der Immobilienmarkt. Der „Wert“ einer Immobilie wird weniger von ihrer materiellen Substanz bestimmt, als vielmehr von den Pfadgelegenheiten, die die Lage der Immobilie bietet. Der Immobilienmarkt ist der Ort, an dem der Wert von Nachbarschaft, Öffis, Stadtreinigung, Parkanlagen, Schulen, Cafés, Galerien und Veranstaltungen abgeschöpft wird.

Seit Influencer*innen sich – wie vor ihnen schon die Plattformen – als Netzwerkzentralität zwischen Journalismus und Publikum positioniert haben, frühstücken sie die letzten, übriggebliebenen Margen der traditionellen Medien.


Ach fuck it, was soll ich machen, ich bin ein Liberaler.

Als europäischer 20th Century-Guy bin ich ein Kind der Aufklärung und es wäre albern das abzustreiten und auch wenn ich mit ihr immer mal wieder ein ernstes Hühnchen zu rupfen habe, fühle ich mir ihr doch verpflichtet. Dazu gehört neben dem Streben nach Wissen auch das Streben nach Freiheit als Praxis und als politischer Wert. Freiheit war immer mein größter Antrieb und meine wichtigste Inspiration und das lass ich mir weder von Elon Musk noch von Christian Lindner nehmen.

Allerdings bin ich ein „materialistischer Liberaler“. Im Unterschied zum klassischen Liberalen nehme ich nicht die Freiheit des Individuums in den Blick, sondern die des Dividuums.

Einem Individuum gibt man Freiheit durch das Zugestehen von „Rechten“, einem Dividuum gibt man Freiheit, in dem man die Anzahl und Qualität der ihm zugänglichen Pfadgelegenheiten erhöht. Als materialistischer Liberaler weiß ich, dass das, was die klassisch Liberalen immer „Chancen“ nennen, materiell sein müssen.

Das ist nicht nur ein Mandat für zugängliche, öffentliche, materielle Infrastruktur in Richtung Universal Basic Services und für das aktive Bekämpfen von Machtkonzentrationen, möglichst bevor es zu spät ist, sondern auch ein Mandat für semantische Vielfalt.

Im semantischen Raum bedeutet Freiheit – also mehr und bessere Pfadgelegenheiten – zum Beispiel eine möglichst breite und vielfältige Bildung und das Zugänglichhalten von Bildungspfaden für jedes Alter. Es bedeutet aber auch ein Streben nach Vielfalt an Lebensentwürfen, Geschlechtern, Sexualitäten und anderen Identitäten. Freiheit ist Vielfalt, denn nur Vielfalt ermöglicht es, woanders hingehen zu können.

Kurz: Ich möchte wegkommen von einer Freiheit, die man sich nimmt, hin zu einer Freiheit, die wir uns gegenseitig schenken.

Krasse Links No 35

Willkommen zu Krasse Links No 35. Holt die Elefanten aus der Matrix, heute challengen wir mit Rogannomics die Vibesession der Gilded Age.


Zeynep Tufekci reflektiert in der New York Times den Mord an dem United Heathcare CEO Brian Thompson und vor allem die einhellig enthusiastischen die Reaktionen darauf (jedenfalls außerhalb von Elitenzrikeln).

But this was something different. The rage that people felt at the health insurance industry, and the elation that they expressed at seeing it injured, was widespread and organic. It was shocking to many, but it crossed communities all along the political spectrum and took hold in countless divergent cultural clusters.

Even on Facebook, a platform where people do not commonly hide behind pseudonyms, the somber announcement by UnitedHealth Group that it was “deeply saddened and shocked at the passing of our dear friend and colleague” was met with, as of this writing, 80,000 reactions; 75,000 of them were the “haha” emoji.

Unser historischer Moment erinnert sie an die „Gilded Age“.

The Gilded Age, the tumultuous period between roughly 1870 and 1900, was also a time of rapid technological change, of mass immigration, of spectacular wealth and enormous inequality. The era got its name from a Mark Twain novel: gilded, rather than golden, to signify a thin, shiny surface layer. Below it lay the corruption and greed that engulfed the country after the Civil War.

The era survives in the public imagination through still-resonant names, including J.P. Morgan, John Rockefeller, Andrew Carnegie and Cornelius Vanderbilt; through their mansions, which now greet awe-struck tourists; and through TV shows with extravagant interiors and lavish gowns. Less well remembered is the brutality that underlay that wealth — the tens of thousands of workers, by some calculations, who lost their lives to industrial accidents, or the bloody repercussions they met when they tried to organize for better working conditions.

Damals wie heute ist der wesentliche Treiber die Konzentration von Macht und damals wie heute führte die Unfähigkeit der Politik darauf zu antworten zu politischer Gewalt. Doch während sich damals die Politik gegen die Oligarchie einigermaßen zurückkämpfte und Reformen durchsetzen konnte, sieht es heute nicht danach aus.

The concentration of extreme wealth in the United States has recently surpassed that of the Gilded Age. And the will among politicians to push for broad public solutions appears to have all but vanished. I fear that instead of an era of reform, the response to this act of violence and to the widespread rage it has ushered into view will be limited to another round of retreat by the wealthiest. Corporate executives are already reportedly beefing up their security. I expect more of them to move to gated communities, entrenched beyond even higher walls, protected by people with even bigger guns. Calls for a higher degree of public surveillance or for integrating facial recognition algorithms into policing may well follow. Almost certainly, armed security entourages and private jets will become an even more common element of executive compensation packages, further removing routine contact between the extremely wealthy and the rest of us, except when employed to serve them.


Die moralische Dimension des Attentats als Trolleyproblem.


Der endgültige Release von OpenAI o1 ist endlich passiert und as predicted ist der Q*Ansatz bereits auserzählt. Die mit o1-preview bereits underwhelming tiny Boosts in manchen Benchmarks werden kaum übertroffen, teilweise sogar untertroffen.

Stattdessen hat man jetzt ein neues Dings namens „ChatGPT Pro„, vom sie nicht sagen wollen, wie es funktioniert, aber da es nicht relevant besser ist (außer in wenigen Spezialbenchmarks) als o1 und preview, kann man die 200 Dollar pro Monat auch stecken lassen, die es extra kostet. OpenAI bewirbt es interessanter Weise so:

ChatGPT Pro provides a way for researchers, engineers, and other individuals who use research-grade intelligence daily to accelerate their productivity and be at the cutting edge of advancements in AI.

Mit „Research-grade intelligence“ zielen sie nicht auf Wissenschaftler*innen, sondern sexuell frustrierte STEM-Bros, die sich dafür halten, weil sie Sam Altman stanen und auf jeder Party alle mit dem „Alignmentproblem“ nerven. Entscheidend ist der letzte Halbsatz:

„and be at the cutting edge of advancements in AI.“

Verkauft wird ein „Front Seat“ für den „Ride“ gen „AGI“. OpenAI goes fully „Crypto“ und verscherbelt ab jetzt nur noch FOMO.


Taylor Owen kommentiert in der Tech Policy Press die sich ankündigende Fusion von Plattform- und Staatsmacht in den USA.

Look at Elon Musk’s growing empire. Tesla, Starlink, X, and Neuralink all stand to benefit substantially from this new alignment. They won’t be alone. Peter Thiel’s Palantir and Palmer Luckey’s Anduril are perfectly positioned to collect expanded defense contracts, while major venture capital cryptocurrency investments are likely to see favorable regulatory treatment. The concentration of power in these companies‘ hands isn’t just about market dominance, it’s about shaping the very rules of our digital future.

But this realignment also creates clear winners and losers. Tech companies seen as oppositional to this new order are already facing challenges. Musk’s expansion of his lawsuit against OpenAI to include Microsoft is just the beginning. Meta and Amazon’s futures remain uncertain, shaped by President-elect Trump’s long-standing antagonism toward Mark Zuckerberg and Jeff Bezos. The tech landscape is being redrawn along political lines, with profound implications for innovation and competition.

Dabei geht es nicht nur um regulatorische Befreiung von Big Tech, sondern nebenher wird auch ein Kampf gegen alle Institutionen, die sich zum Beispiel an Universitäten zur kritischen Forschung zu Plattformen gebildet hatten.

Marc Andreessen and Musk have both called for research working on election interference and misinformation to be prosecuted, and President-elect Trump has called for the suspension of non-profit status to universities that have housed this work. Faced with this kind of existential threat, universities are very likely to abandon these scholars and their labs.

Das wird auch für uns in Europa absehbar drastische Folgen haben.

Europe, with its robust regulatory framework, is very unlikely to enforce Digital Services Act obligations against X. The chilling effect on digital governance could last for years, leaving a regulatory vacuum filled only by US corporate interests.

Owen kommt zu dem Schluss

For those of us who have long studied the relationship between tech and political power, the path ahead is daunting but clear. This merger of state and tech power isn’t just another shift in the landscape. It’s a fundamental challenge to democratic governance in the digital age. The work of protecting democratic values in this new landscape has only just begun.

Schon alles richtig, ich fürchte nur, die „Challenge“ ist bereits vorbei?


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Michael Seemann
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Patrick Boye geht der Frage nach, was denn jetzt stimmt: Ist die US-Wirtschaft wirklich schlecht, wie so viele sagen, sogar viele Demokraten, oder ist das nur eine Vibesession und alles in Wirklichkeit tutti? Boyle kommt dann doch zu einem überraschend eindeutigen Ergebnis:

Nach fast allen relevanten Zahlen: Jobs, Produktivität, Einkommen, Inflation etc, gabs zumindest die letzten zwei Jahre wenig an der ökonomischen Entwicklung zu meckern.

Das ist schon ziemlich merkwürdig, denn die gefühlte wirtschaftliche Lage war zwar nie wirklich identisch mit den Kennzahlen, aber es ergab sich eine deutliche Korrelation, doch diese Korrelation so Boyle, sei seit der Pandemie durchbrochen.

When the pandemic first struck the economy tanked and sentiment collapsed with it – so far that’s totally normal. But the strange thing is that when the economy bounced back, sentiment didn’t. The relationship between economic statistics and surveys of public sentiment broke down entirely at that point – and this was totally new – there is no history of a similar divergence looking back through economic history.

Was die Pandemie gemacht hat, ist die Welt neu zu verdrahten. Die materielle Mediengeschichte der Pandemie kann man an vielen Daten ablesen, etwa wie das Öffentliche Leben zum Stillstand kam und sich nie wieder ganz erholte, weil Dritte Orte – Orte jenseits von Arbeit und Zuhause – ebenfalls mehr und mehr verschwunden sind.

Die Menschen sind seither einsamer, aber haben ihre Sozialität auch verstärkt ins Internet verlagert, wo sie „Influencer*innen“ folgen, eine Menge Podcasts abonniert haben, und ihre Informationen vermehrt aus Social Media beziehen. Als sie dann noch Aktien-Trading-Apps luden und Crypto kauften, richteten sich auch ihre Aufmerksamkeitskanäle auf die boomende Investment- / Cryptoinfluencer*innen-Szene aus und sie wurden empfänglich für deren Botschaften des baldigem Kollaps, usw.

Das ist nicht nur ein Shift von „Aufmerksamkeit“ und „Medienkonsum“, als wäre das sowas wie Süßigkeiten Essen. Es ist eine völlig andere Informations-Kanalisation entstanden, die sich seit der Pandemie nicht nur verfestigt hat, sondern auch pfadopportunistisch gewachsen ist. Und das betrifft nicht nur die Kanäle, sondern auch die Frage, wem ich vertraue. Bei der Neuverdrahtung spielte weniger eine Rolle, wer das plausibelste Deutungsangebot hat, sondern, bei wem ich mich verstanden fühle. All das Vertrauen, dass damals zu Bruch gegangen ist, hat sich andere Wege gesucht und empfängt jetzt eben auch andere Vibes.


Schon ein bisschen amüsant, wie sich gerade all die Rich-Guys ein Bein ausreißen, um Pfade in Trumps Ohr zu finden.

To break into the unusual circle of influence that surrounds Trump, chief executives are discussing whether to try to secure an appearance on Joe Rogan’s podcast. They are buying the Trump family’s cryptocurrency token and emailing tips about spending cuts to Vivek Ramaswamy. Some lobbyists are instructing companies to scrub their websites and corporate policies of language that favors Democrats and instead tout GOP-friendly issues such as job creation.

[…]

If the Rogan podcast proves too difficult to book, several similar but smaller podcasts like the Jordan B. Peterson Podcast have piqued interest. There is less desire to talk to traditional mainstream media, one public-relations executive said.


Apropos Joe Rogan, er ist ja nur die Spitze eines Bro-Podcast-Eisberges im Spotify-Ozean. Sam Wolfsohn hält diese Szene im Guardian für das Fox News der jüngeren Generation.

But Fox News is watched by older people – the median age is 68. Now, a Fox News for the young has been established. It’s not on one channel on a DirectTV box, but its audience is far bigger, potentially reaching 10 times as many people. It’s an amorphous network of podcasts, YouTubers, Twitch streamers and meme accounts from Kill Tony to Joe Rogan to Dilley Meme Team. They encompass entertainment, comedy, sport, health, relationships – but a distrust of the Democrats and the mainstream media permeates them all.

[…]
The top three podcasts in the week of the election – with audiences bigger than those of every news outlet, every true crime show, every wellness blogger – were from Joe Rogan, Tucker Carlson and Theo Von. The rest of the top 25 is made up mostly of other conservative and “anti-establishment” commentators, a combination of veterans of Fox News and young upstarts: the Turning Point USA co-founder Charlie Kirk, Candace Owens, Ben Shapiro, Megyn Kelly, the former navy Seal Shawn Ryan, the former NYPD officer Dan Bongino. Some of these hosts are partisan but most don’t say they are Republican or even rightwing in focus; they say they are independent and challenge talking points from both the left and the right. All have endorsed or shown qualified support for Donald Trump.

Trump gewann junge Männer unter dreißig um 14% vor Harris auch deswegen, weil Podcasts an Orte reichen, an denen das „Groundgame“ der Demokraten gar nicht hinkommt.

Before the election Democrats talked about having a strong ground game. They might be better than Republicans at reaching people within communities – Black communities, LGBTQ+ communities, labor unions – but they have not recognised that many young people, mostly men, exist almost entirely without community. They might not ever go to a Trump rally, but when they listen to him on a show like Von’s or Rogan’s, they’ve got a friend.

Wir erinnern uns: einer der befragten jungen Männer, die für Trump gestimmt hatten, erzählte als Begründung für seine Wahl das Märchen, dass Kalifornien wirtschaftlich am Ende sei – eine Volkswirtschaft, die die fünft größte Ökonomie der Welt wäre, wäre sie ein eigener Staat.

Ich höre kein Rogan, habe aber letztens in die Folge mit Peter Thiel reingehört, wo dieser genau das einem wild nickenden Rogan erzählen darf und da hab ich mich natürlich gefragt, ob der junge Mann das aus diesem Podcast hat, oder direkt von der Quelle, dem ALL IN Podcast von Peter Thiels reaktionären Investor-Freunden, wo David Sacks nicht aufhören kann, über dieses Thema rumzuheulen.

So oder so: Im audiotiven Broversum zwischen Rogan, Musk, Thiel, Sacks und den Crypto- und Fiananz-Influencern ist eine neue, einflussreiche Ökonomische Schule entstanden: Die Rogannomics. Libertäre Wirtschaftsexpertise in wiederholbaren Slogans – direkt von Deinem Lieblings-Milliardär auf Deine Ohren.


Isabeller Weber hatte bereits kurz nach der Trumpwahl eine spannende Analyse geliefert und findet noch eine andere Erklärung für die „Vibesession“ in den USA seit der Pandemie.

Weber macht den Haraway-Turn und versucht sich in die Menschen und ihre situierten, heterogenen Lebenssituationen hineinzudenken und verweist auf den Unterschied zwischen gemessener und erlebter Inflation.

Es macht einen großen Unterschied, ob man mietet oder nicht, ob man eine Familie hat. Familien geben in der Regel sehr viel mehr Geld für Essen aus als Alleinstehende. Wenn man vor der Inflation systematisch Güter im Angebot gekauft hat und die Rabatte nun verschwunden sind, hatte man auf einmal eine enorm hohe Inflationsrate im Lebensmittelbereich, noch weit über der gemessenen Inflation. Bei der Inflation reden wir immer nur über Durchschnitte, wo einerseits ein durchschnittlicher Preisanstieg und andererseits ein repräsentativer Warenkorb angenommen wird. Aber auf beiden Seiten gibt es große Heterogenität.

Erlebte Inflation begegnet uns nur punktuell. Oft fällt sie uns gar nicht auf, aber es gibt dann immer doch so ein zwei Güter im eigenen Warenkorb, deren Verteuerung wir als Schmerzhaft empfinden. Weil der Mensch kein kalkulierender Homo Oekonomikus ist, sondern ein dividueller Pfadopportunist in der Schmerzarchitektur des Kapitalismus, wird zwar der Schmerz erinnert und die Kanäle justiert, aber ein Saldo wird nie gezogen.

„Wie es der Wirtschaft geht“, war immer schon einfach das, was man sich halt so erzählt, wie es der Wirtschaft geht. Die Daten, die man als Einzelner zur Verfügung hat, diese Erzählungen zu verifizieren sind eh rar und unvollständig und können im Laurel/Yanny-Sinne Pfadgelegenheiten für sehr unterschiedliche Erzählungen bieten, weswegen die Zuhandenheit von Deutungsangeboten wichtiger ist, als die eigene Erfahrung.

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die ihre Beobachtungen dazu nutzen, aufgeschnappte Erzählungen zu plausibilisieren, tragen Milliarden Schmerzerinnerungen als verteilte Privatempirie die Thesen der Rogannomics.


Alice Marwick bestätigt auf der Website des Niemanlab das Gefühl, dass redaktionelle Nachrichten und nicht-rechte Perspektiven nicht mehr durchsickern.

“The gap between mainstream media readers, people who get most of their news through influencers or partisan social media, and people who barely think about news at all will create a fundamental schism in how Americans see the world.”

Das hat auch mit unterschiedlichen materiellen Bedingungen der Fundig-Struktur zu tun.

Young talent is found in spaces like TikTok, developed and incubated in spaces like PragerU, promoted by other influencers, and amplified by social media spaces that prioritize conservative content. As Taylor Lorenz recently pointed out, their leftist equivalents are often stuck working on a shoestring. No matter how liberal they are, left-wing billionaires are unlikely to support creators who advocate for socialism or the abolition of wealth hoarding.

Der Begriff „Desinformation“ habe ausgedient.

2024 was the year “disinformation” outlasted its usefulness. Moving forward, we should not be concerned with isolated incorrect facts, but with the deeply-rooted stories that circulate at all levels of culture and shape our points of view. The challenge for 2025 is to confront these deeper epistemic divides that shape how Americans understand the world; in other words, the ways we arrive at the knowledge that forms our perspective.

Das Internet hat ein bisschen Anlauf gebraucht, aber ich halte es für safe to say, dass der „Major Consensus Narrative“ endgültig ad Akta liegt. Journalistische Wahrheit und demokratische Politik ist jetzt nur noch eine absteigende Subkultur unter vielen und könnte als Ganzes nicht mal mit Mr. Beast mithalten.

Es war am Ende die Mischung aus allem: Das endgültige Ende der Hegemonie der Massenmedien und der Switch in die Realität der Vernetzungsmedien, die Neuverdrahtung der Informations-Perkulationskanäle durch den Pandemie-Shock, die Ausweitung der Paywalls gegen journalistische Angebote, die willentliche Ausdünnung von News und Politik aus den Meta-Newsfeeds und natürlich die Übernahme von Twitter durch Elon Musk und die Zersprengung des Newsnerd-Tibes.

Hier stehen wir, die versplitterten Reste des Newsnerd-Tribes und langsam dämmert es uns, dass wir nur noch zu uns selbst reden. Unsere Echokammer ist umwickelt mit einem algorithmischen Isolierband, das uns vom Restnetzwerk trennt, aber immerhin haben wir noch Fensterplätze und können von hier live dabei zusehen, wie die Semantische Sezession das Ruder übernimmt.

Lasst uns Christian Linder den Schiedsrichter machen. Wenn er innerhalb der nächsten zwei Wochen zurücktritt, dann werten wir das, als hätte der „Major Consensus Narrative“ stärke gezeigt und die alten Institutionen der Öffentlichkeit sind doch noch mal durchgedrungen. Wenn nicht, dann leben wir bereits in der Matrix.


Die queere und schwarze Kinderbuchautorin Jacqueline Woodson ist Ziel vieler Zensurmaßnahmen von Republikanern und radikalisierten School-Boards und laut diesem Interview ist das gar nicht mehr so glamourös, wie es sich anhört.

I remember back in the day when people would talk about book bans, people would say “Oh, you must be excited! Because the minute they ban a book everybody’s running to get the book and read it.” But now we’re living in a different time, where it’s legislated. If books are banned, and people try to put them into the hands of young people, they lose their jobs. Librarians are scared, teachers are scared. And for me, it’s heartbreaking.

Das ganze Interview ist lesenswert, aber ich fand vor allem die Stelle spannend, in der sie über „Race“ nachdenkt.

And… is race is hard? Race is a Tuesday in my family. We’re an interracial family, we’re dealing with all kinds of stuff all the time. And folks of color talk about race. It’s inevitable. What’s hard for us is that other people don’t. And I think that in talking to young people about The Now—it’s part of a conversation. Like, yes this is devastating for some of us. Why is it devastating? Let’s talk about where it lives in your body, and what you can do with what you have to make it a little bit better. So much of what This Now is trying to do is make us feel powerless. And I don’t think we are. I don’t think any individual is.

Eine andere materielle Realität erfordert eine andere Semantik, das Sein bestimmt schon zu einem Großteil das Bewusstsein. Weil Wahrheit Schmerz ist, gibt es Dinge in unseren Leben, die wir nicht wegignorieren können, für die wir eine Sprache brauchen, um uns mit ihnen auseinanderzusetzen oder an ihnen vorbeizunavigieren.

Lasst Euch das mal von mir altem weißen Mann whitesplainen: Ich kenne die materielle Realität des Rassismus nicht aus persönlichem Schmerz heraus, aber seit ich mich mit dem Thema beschäftigt habe und mich mit vielen Menschen, die diese Form der Realitätserfahrung betrifft, ausgetauscht habe, fühle ich mich partiell fähig, Rassismus zu sehen. Ich stoße nicht selbst dagegen, aber ich sehe Menschen an dieser Barriere abprallen und ich sehe sie Umwege um sie herum suchen. Ich sehe, wie Menschen Pfadgelegenheiten verwehrt werden, die selbstverständlich für mich sind, ich sehe die überall eingeschränkte nominelle Freiheit und schließlich sehe auch den Schmerz, den das auslöst.

Ich musste beim Lesen aber auch an die Parabel von Idries Shah denken: „The Elephant in the Dark„. Wikipedia fasst sie so zusammen:

The parable of the blind men and an elephant is a story of a group of blind men who have never come across an elephant before and who learn and imagine what the elephant is like by touching it. Each blind man feels a different part of the animal’s body, but only one part, such as the side or the tusk. They then describe the animal based on their limited experience and their descriptions of the elephant are different from each other. In some versions, they come to suspect that the other person is dishonest and they come to blows.

Die Geschichte soll Toleranz für unterschiedliche Sichtweisen plausibilisieren, aber ich würde es größer machen: So funktioniert Sprache.

Wir tasten uns alle durch die Welt und machen Vorschläge für Unterscheidungen, die entweder angenommen, in Frage gestellt oder ignoriert werden und dann murmeln wir so vor uns hin und während dein Murmeln mein Murmeln korrigierte und umgekehrt, entwickelte sich daraus im Laufe von ein paar tausend Jahren die bis heute krasseste Künstliche Intelligenz, die die Menschheit je gesehen hat: Semantik.

Semantik ist nicht nur die Infrastruktur des Denkens, sie ist auch Realitäts-Sensor. Durch die Einübung eines neuen Begriffs aquirieren wir immer auch eine neue Form von Aufmerksamkeit.

Krasse Links No 34

Willkommen zu Krasse Links No 34. Ertastet Eure Netzwerktopologien im Algorithmus, heute kollabieren wir den Informational Capitalism in der Graphnahme der Öffentlichkeit.


Stefan Rahmstorf schreibt über die Krise der Desinformation mit Bezug auf die Klimakrise und kommt zu dem Schluss:

Wir rutschen vom Zeitalter der Aufklärung in einen trügerischen Sumpf von Falschinformation, Desinformation, Mikrotargeting. Wir waten durch stinkende Informationsabwässer, und Trump ist ein Bazillus, aber das tiefere Problem dahinter sind die Kanäle.


Auch die Internetforscherin Joan Donovan kommt im Guardian zu einem ähnlichen Ergebnis wie Rahmstorf und ich im letzten Newsletter. Die digitalen Öffentlichkeiten wurden weitgend von rechts gecaptured und algorithmisch übernommen: sie sieht darin eine Form des Technofaschismus.

Over the past decade, we have watched social media platforms warp public opinion by deciding what is seen and when users see it, as algorithms double as newsfeed and timeline editors. When tech CEOs encode their political beliefs into the design of platforms, it’s a form of technofascism, where technology is used for political suppression of speech and to repress the organization of resistance to the state or capitalism.

Auch sie durchschaut Zuckerbergs sneaky Rolle in dem Spiel:

For example, Meta has limited the circulation of critical discussions about political power, reportedly even downranking posts that use the word “vote” on Instagram. Meta’s Twitter clone, Threads, suspended journalists for reporting on Trump’s former chief of staff describing Trump’s admiration of Hitler. Threads built in a politics filter that is turned on by default.


Steven Miller, bald Trumps stellvetretender Chief of Staff, ließ nach Zuckerbergs Spontanbesuch auf Trumps Sofa in Mar-A-Largo verlauten:

Mr. Zuckerberg “has been very clear about his desire to be a supporter of, and a participant in, this change we’re seeing all around America and the world, with this reform movement that Donald Trump is leading.”


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Mein Lieblings-Tiktoker, Etymology Nerd aka Adam Aleksic, hatte einen Gastbeitrag im Newsletter der geschätzten Tylor Lorenz und verknüpft sein linguistisches Wissen mit seiner direkten Erfahrung und Selstbeobachtung im Umgang mit Algorithmen.

Whenever I post videos on TikTok or Instagram, I can’t trust the platforms to show you my content. Modern social media doesn’t allow for a direct link between creators and followers. Instead, the apps use algorithms to recommend curated content, which means that I have to modify my communicative style to fit their constraints. I talk faster, with less nuance. I hyperbolize and exaggerate my natural voice, because I know that’s what the algorithm wants.

Als Linguist versteht er den Einfluss der materiellen Entstehungsbedingungen auf die öffentlichen Semantiken.

The implications, needless to say, are concerning. Research is already indicating that politicians are engaging in greater online incivility than before because they know that civil content garners less engagement. Other analyses suggest that the deliberate exaggeration of online opinions causes increased polarization, normalizing extreme views while damping moderate views. Marjorie Taylor Greene is always going to get more clicks than my rank-and-file congressman, Paul Tonko.

Sein Punkt ist, dass wir gerade den endgültigen Kipppunkt von dem Konzept der Massenmedien in den der viralen Medien erlebt haben, in der nicht mehr Reichweite, sondern Verbreitungsvorteil die Varialble ist, mit der man arbeiten muss.

Unlike broadcasting, viral communication initially reaches a much smaller audience. A TikTok only gets views if it generates enough algorithmic engagement to be recommended to more user feeds, and a tweet only goes viral if it gets enough retweets. Each post reaches a different audience, so politicians can’t expect their messaging to be consistent, or heard at all, unless they can make it go viral.

As such, candidates are reshaping their communication to perform better on algorithmic platforms. This means getting more likes, more shares, and more retention—which in turn means exaggerating and hyperbolizing, since less exciting content simply doesn’t go far on those platforms.

Schöne Dystopie, in die wir uns da reingelacht haben, HAHAHA.

Everything you’ve seen in recent elections—the jokes, the extremism, the misinformation—is here to stay, all because we switched from one style of communication to another.


Dazu passend diese aktuelle Studie zu Desinformation:

Compared with trustworthy news sources, posts from misinformation sources evoked more angry reactions and outrage than happy or sad sentiments. Users were motivated to reshare content that evoked outrage and shared it without reading it first to discern accuracy. Interventions that solely emphasize sharing accurately may fail to curb misinformation because users may share outrageous, inaccurate content to signal their moral positions or loyalty to political groups.


Wir erinnern uns: 2017 gab es ein riesen Theater um Facebooks Rolle bei der Trumpwahl und im Zentrum stand der Skandal um Cambridge Analytica. Weil das zufällig Zeitgleich mit Zuboffs populärer Gegenwartsanalyse des „Überwachungskapitalismus“ zusammenfiel, entstand nicht nur ein riesiger Backlash gegen Facebook, sondern auch ein sehr schiefes Bild über die Macht der Plattformen und eine weirde Vorstellung, wie Manipulation funktioniert.

Ich finde weder Zuboffs Theorie des „Verhaltensmehrwerts“, noch die Erzählung um Cambridge Analytica plausibel, weswegen ich irgendwann einen frustrierten Essay über die Manipulation der Manipulationserzählung schrieb.

Das Narrativ von der großen Manipulation ist also erstens erfolgreich weil sie eine gute Geschichte erzählt und wir prädispositioniert sind, darauf anzuspringen. Hinzu kommt zweitens, dass die Erzählung von der Manipulation eine einfache Erklärungen für das Unbegreifliche liefert. Eine Erklärung, die, drittens, ganz nebenbei die Verantwortung für unschöne, gesellschaftliche Ereignisse von uns weglenkt – hin zu einem großen Strippenzieher, als dessen Marionetten wir uns – oder alle anderen – wähnen. Doch es gibt noch einen weiteren, einen vierten Grund, warum ausgerechnet dieses Genre der großen Erzählungen alle anderen überflügelt: Es ist eine merkwürdige Allianz zwischen dem vermeintlichen Manipulator und demjenigen, der vor ihm warnt.

Weil wir keine Individuen sind, deren „Mind“ über psychologische Stimuli „manipulierbar“ ist, sondern Dividuen, die sich aneinander orientieren, funktioniert echte Manipulation nicht als Operation am Individuum, sondern über Modifikation der Öffentlichkeit. Manipuliert wird nicht die „Psyche“, sondern die Ereignisse des öffentlichen Sprechens und nicht spontan, sondern stetig über einen langen Zeitraum und nicht durch technopsychologischen Hokuspokus, sondern über den materiellen Umbau der medialen Orientierungslandschaft. Das ist alles so offensichtlich und so völlig ungeheim, dass es fast langweilig ist, das zu erzählen und gibt keine so sexy Geschichte ab, wie die Big-Data-Psychovodoo-Waffe.

Während wir über das „Ende der Privatsphäre“ stritten, ereignete sich vor unseren Augen die Graphnahme der Öffentlichkeit durch eine rechtsradikale Tech-Oligarchie und wir haben bis heute keine Sprache gefunden, das angemessen zu skandalisieren.


Ich bin ja nicht so ein Welzer-Fan, aber es tut gut, dass hier jemand sich mal traut, die Tragweite unseres historischen Moments klar auszusprechen.

Der 6. November 2024 ist der 30. Januar unserer Zeit. Denn an diesem Tag hat eine Mehrheit der amerikanischen Wählerinnen und Wähler ihren Staat einer Gruppe von Superreichen überlassen, die weder an Demokratie noch an Recht, weder an sozialer Gerechtigkeit noch an Emanzipation oder der Erhaltung der natürlichen Überlebensressourcen das geringste Interesse haben. Diese Leute besitzen jetzt nicht mehr nur unfassbar viel Geld und die machtvollsten Kommunikationsmittel der Welt. Jetzt besitzen sie auch den Staat. Weder der Senat noch das Repräsentantenhaus noch der Supreme Court werden ihnen bei irgendetwas im Weg stehen, was sie nun umzusetzen gedenken.

Natürlich wird aus der USA jetzt kein nationalsozialistischer Staat nach dem Vorbild des dritten Reiches, aber es wird etwas gebaut werden und es wird nicht schön. Und selbst wenn sich der Techfaschismus nur ein zehntel so brutal geriert wie das dritte Reich, ist der potentielle Schaden, den der amerikanische Staat in den Händen der Plattform-Oligarchie anrichten kann, potentiell ebenso beängstigend.

Man darf zu dieser wenig ermutigenden Aufzählung ergänzen, dass der Trump-Regierung – übrigens im Unterschied zum durch die Weltwirtschaftskrise stark angeschlagenen Deutschland der 1930er Jahre – die militärisch stärksten Streitkräfte der Erde zur Verfügung stehen, die größte Volkswirtschaft der Welt, und dazu die mächtigsten Internetkonzerne des Planeten. Welche kumulierte Macht dies in den Händen von libertären Antidemokraten bedeutet, die sich einen Dreck für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit oder Klimapolitik interessieren, lässt sich leicht ermessen; wie die wenigen verbliebenen Demokratien der Welt, insbesondere jene der Europäischen Union, sich angesichts dieser Macht positionieren werden, ebenso. Es werden sich viel schneller, als man heute noch meinen sollte, Kippmomente in ohnedies schwachen Überzeugungen, Einstellungen und Werten einstellen und Entscheidungen getroffen werden, die rapide Anpassungen an den neuen Zeitgeist bedeuten. Gründe dafür finden sich in der Politik immer.

Am Anfang des Textes hatte Welzer anhand von Sebastian Haffners Schilderungen während der Machtübernahme 1933 die damals vorherrschende Naivität geschildert und kommt am Ende nochmal auf ihn zurück:

Um zu Sebastian Haffner zurückzukommen: Es war die Fortsetzung des Normalbetriebs, der Alltag, schreibt er, „gerade das mechanisch und automatisch weiterlaufende tägliche Leben, was es verhindern half, dass irgendwo eine kraftvolle, lebendige Reaktion gegen das Ungeheuerliche stattfand.“ Alles, und das ist das wiederkehrende Verhängnis, geht so seinen normalen Gang weiter, bald ist Weihnachten, und vielleicht gibt es sogar ein anständiges Weihnachtsgeschäft. Und ein paar schöne Tage zwischen den Jahren. Währenddessen entscheidet sich nur, ob die Welt von gestern, das war die des langsamen zivilisatorischen Fortschritts in den westlichen Demokratien, verschwindet. Oder ob wir das zivilisatorische Projekt gegen alle Widerstände fortsetzen können.

Ich stelle mir kurz vor, wie Welzer zusammen mit Robert Habeck das „zivilisatorische Projekt“ mit bauchschmerz-verzerrten Gesicht gegen die rechten Horden verteidigt und komme zu dem Schluss, dass wir auch nicht schlauer sind, als die Menschen 1933. Wir fallen nur anders.


Ein interessantes Paper über die Rolle der Netzwerkeffekte bei Aufstieg und Fall von Social Networks stellt gleich zu Anfang klar, dass Gegenstand der Forschung keine Indivuduen, sondern Dividuen sind.

Social contagion like adoption of opinions, behavioural patterns, emotions or innovations can be considered as growth of a network of adopters on the top of an underlying network namely that of social interactions. Under some circumstances this process is surprisingly rapid. Social pressure plays a pivotal role in this context: People are influenced in their decisions by the opinions of their peers. This effect is captured in the so called threshold models, which assume that a person becomes adopter, when the ratio of her already adopting, related peers have reached a critical level characteristic to her sensitivity.

Was aber vorwärts funktioniert, funktioniert auch rückwärts. Die „soziale Ansteckung“ ein Netzwerk zu verlassen, hat ihrerseits Netzwerkeffekte und kann ab einem bestimmten Threashold zum plötzlichen Kollaps von Erwartungsstrukturen und damit zum Tod des Netzwerks führen.

The existence of thresholds in the decision to leave the service may lead to collective phenomena of avalanches or cascades. Indeed, we find such cascades in the data; for an example see Fig. 4(a). A user was chosen who left the service in March 2011. Arrows are plotted between friends if they left the service in the given order (tail first) within one week.

Der Verfall setzt immer erst bei den wenig vernetzten User*innen ein und frisst sich dann immer tiefer in die Vernetzungsstrukturen hinein, bis alles ins Rutschen gerät.

The spontaneous churning due to endogenous influence dominates the early phase of the OSN, however, gradually cascades occur and finally they become dominant. From that time any effort to damp spontaneous churning (e.g., by advertisement) is in vain. The apparent stability of the OSN was only due to the relatively large characteristic time for cascading users.


Benjamin Sandofsky ist Blogger und war bis vor 10 Jahren Twittermitarbeiter und hat den meines erachtens besten Text zu Twitter und seinem Ende geschrieben. Sandofsky macht dabei ein paar allgemeine Beobachtungen über den Aufstieg und Fall von Social Networks und denkt Netzwerkeffekte mit unterschiedlichen Netzwerktopologien zusammen. Soziale Graphen zeichnen sich durch ihre lose verknüpfte Gruppenhaftigkeit aus.

In computer science, we call this a Sparse Network and it has serious implications around the strength of your network. If you lose key connectors in the graph, the network fragments into smaller, weaker, subnetworks. Compared to moving the world off telephones or email, it’s pretty easy to move your closest friends and family from Facebook to private group chats.
[…]
So we have WhatsApp, which is a pure network; Facebook, which is sparse; and then we have interest graphs like Digg and Twitter which are not only sparse, but one-way. Big yikes.
Many connections on these networks are lopsided, with single accounts followed by tens of thousands to millions of followers. To put this in terms even a VC can follow, these people are super-connectors.

Super-connectors are unavoidable in interest graphs, and while they’re boon for growth, they also present a risk. If these connectors go elsewhere, their followers… well… follow. That’s all to say that losing Taylor Swift would be catastrophic.

Und diese Topologien sind eben auch entscheidend dafür, wie auf Social Networks Aufmerksamkeit organisiert wird.

In January of 2009, the Miracle on the Hudson defined Twitter as the platform for breaking news. It was no longer just a website for nerds to live-tweet to each other as LOST aired. It was now part of the global conversation. It was the moment I knew I had to work at Twitter.
This moment happened two and a half years into the company, and it could only happen thanks to millions of users, with super-connectors helping spread the story round the world in seconds.

Sandofsky sieht X bereits kurz vor dem Kollaps.

I could keep listing examples of terrible Twitter moves, such as burning bridges with advertisers, ill-planned layoffs, and personal meddling with algorithms. It doesn’t have to be that complicated. For many people, myself included, Twitter just stopped being fun.

Ich will dem gar nicht widersprechen, warne nur davor, sich allzufrühe Hoffnung zu machen. Bis Twitter wirklich in seiner Relevanz kollabiert, müssen noch sehr viele Superconnectors abspringen.


Felix Stalder hatte sich bereits vor ein paar Jahren hellsichtig der Frage zugewendet, wie die Verfallsprozesse, die wir damals in der Sowietunion beobachten konnten, auf unsere heutige Situation zutreffen. Dazu nimmt er Emanuell Castells Analyse der strukturellen Unfähigkeit der sozialistischen Planwirtschaften in den 1970er/80er Jahren, sich an die veränderte Produktionsverhältnissen anzupassen und sucht vergleichbare Anzeichen in unserem System, das er „Neoliberal Informationalism“ nennt:

The idea to use general competition expressed by numbers (price or rank) to organize society was deeply informed by a type of thinking that was first laid out in Hayek’s famous essay “The Use of Knowledge in Society” (Hayek, 1945). Through the fluctuation of prices, the invisible hand would guide individuals who would voluntarily follow it out of self-interest. From this, as Hayek put it elsewhere, “spontaneous order” would follow, too complex, too dynamic for any single social actor, no matter how large, to comprehend.

Die Bruchstellen dieses Systems sind bereits deutlich sichtbar.

First, contrary to the ideology of competitive opportunities for everyone, the rising share of appropriation of profits by the owners of capital resulted, predictably, in stagnant or falling wages or income for the majority of workers. Inequality increased under neo-liberal informationalism sharply and hardened structurally (Piketty, 2014), undermining the fundamentals of liberal democracy. Second, contrary to the ideology of immateriality of digital technologies, informationalism has always been based on massively increased resource extraction. First, because the material basis of IT itself is dirty and resource-intensive (Jones, 2018), second, because new technologies have enabled higher and more extensive rates of extraction (e.g., hydraulic fracking, deep-sea drilling), and third, because it enabled a massive expansion of wasteful consumerism.

Und wie damals in der Sowjetgesellschaft der 1980er wird die Drift zwischen den Kontrollprozeduren des informationellen Kapitalismus und den drohenden materiellen Realitäten immer größer:

Informational capitalism, and the extractivism that underlies it, has reached hard social and ecological reproduction limits. This seriously undermines its capacity to address the needs of its citizenry, threatening its very survival. While many technological and organizational innovations could help to address some aspects of this problem, from renewable energy to resource-efficient social organization and recycling (Rifkin, 2019), the exclusive focus on the price signal produces the wrong incentives because the externalized costs simply disappear from the calculation, even if it is widely understood that this way of organizing the world is nonsensical. The ubiquity of competition—enforced through “aloof” financial markets working on ever-higher levels of abstraction with an exclusive focus on the price signals—rewards inefficiency (high waste output). It also makes it impossible for managers, even if willing, to develop new production methods to consider the increased range of human and non-human actors and their complex demands, which would be necessary to organize the economy at a sustainable distance from these hard limits.

Weil sich aber auch die Öffentlichkeit immer mehr entlang der Macht strukturiert, werden auch die nichtkapitalistischen Institutionen in den Strudel gezogen.

However, the crisis of the liberal order goes more profound than the political institutions of democracy. Instead, it extends across the entire institutional landscape, even to those institutions which were historically understood to be at a distance from the political system, in particular science and news media, which were long seen as following the ideal (albeit imperfectly) of making sense of the world outside the pursuit of power or profit. Their subjugation to the profit motive (science becoming dependent on industry funding and aimed at producing intellectual property in the form of patents, the media becoming dominated by profit-maximizing conglomerates) has eroded their always-contested position as arbiter of facts and interest-free knowledge. Consequently, their expertise and narratives have become de-legitimized, even in the face of existential crises where science and an informed public would be much needed to address them.

Václav Havel famously spoke about the split between public lies and private truths, meaning that the public sphere was permeated with lies, while in the private sphere, people could speak truthfully (Havel, 1979). Yurchak (2006), however, argues that separation between the two spheres was never so clear and that the crises of epistemology permeated the entire culture in the former Soviet Union. This blurring of public and private speech is a constitutive part of social media which turn—to various degrees—all communication, even the supposedly most private messages, into strategic communication aimed at gaining status within epistemic communities, destabilizing meaning across the board (Stalder, 2018).

Ich teile die grundsätzliche Einschätzung, glaube aber, dass es bis zum endgültigen Kollaps des System noch eine ganze Weile hin ist. Was wir erleben, ist das Ende der Republik, aber noch lange nicht das Ende des Empires und wir haben noch keine Vorstellung davon, wie breit ausgerollte, digitale Gewalt jeden Widerspruch überspachteln kann.


Zum Ende was Aufmunterndes. Die Neurobiologin Kelly Lambert beschreibt ihre Arbeit mit Ratten, denen sie Autofahren beibringt. Dabei beobachtet sie nicht nur die erstaunliche Lernfähigkeiten der Ratten, sondern auch wie sich auch ihre Laune hebt, wenn sie wieder Autofahren dürfen.

Behaviors associated with positive experiences are associated with joy in humans, but what about rats? Was I seeing something akin to joy in a rat? Maybe so, considering that neuroscience research is increasingly suggesting that joy and positive emotions play a critical role in the health of both human and nonhuman animals.

With that, my team and I shifted focus from topics such as how chronic stress influences brains to how positive events – and anticipation for these events – shape neural functions.

Und weil nicht nur Ratten, sondern auch wir Menschen infrastrukturelle Wesen sind, sind die Forschungsergebnisse für uns alle relevant.

When animals are housed in their favored environments, the area of the nucleus accumbens that responds to appetitive experiences expands. Alternatively, when rats are housed in stressful contexts, the fear-generating zones of their nucleus accumbens expand. It is as if the brain is a piano the environment can tune.

As animals – human or otherwise – navigate the unpredictability of life, anticipating positive experiences helps drive a persistence to keep searching for life’s rewards. In a world of immediate gratification, these rats offer insights into the neural principles guiding everyday behavior. Rather than pushing buttons for instant rewards, they remind us that planning, anticipating and enjoying the ride may be key to a healthy brain. That’s a lesson my lab rats have taught me well.