Krasse Links No 90

Willkommen zu Krasse Links No 90. Erhöht die Filtersouveränität eures Cuck Porn, heute entlarven wir den Attraktor der Trojan Horse Propaganda als Phantombesitz von Woke One im Dungeon von Dark Disneyland.


Vorletzte Woche Samstag musste ein Poolevent für schwarze Kids in Berlin abgesagt werden, weil ein rassistischer Mob, angeführt von CDU, AfD, Springer und Nius, nicht damit klarkam, dass ihnen ein temporäres Popup-Schwimmbad vor der Volksbühne, zu dem sie eh nie gehen würden, einen Nachmittag lang nicht zur Verfügung stand.

Nun gibt es Frauenschwimmen, Schulschwimmen, sogar Hundeschwimmen und andere Events, die bestimmte Gruppen zu bestimmten Zeiten in beinahe jedem öffentlichen Bad ausschließen, aber die Tatsache, dass „Weiße“ einen Tag irgendwo nicht hinkönnen, löste eine solche Empörung aus, dass Hassmails und Gewaltandrohungen die Veranstalter zur Absage zwangen.

Was aus unserer Warte heraus klingt wie Schildbürgerstreich, ist in Dark Disneyland eine bierernste Angelegenheit. In Dark Disneyland sind es vor allem Weiße, die benachteiligt sind. Ihr Safespace (die gesamte Welt) wurde durch die Zutrittsbarriere verletzt. Wo soll das noch enden? Der Kampf gegen „Rassismus gegen Weiße“ und d.h. für „die Freiheit“ (der Weißen) immer überall sein zu können, ist tägliche Bürgerpflicht für Dark Disneyland-Bewohner*innen seit mindestens 1492.


In den USA ist die Expansion des Dark Disneylands bekanntlich noch weiter fortgeschritten. Die „Pundits„, wie Newskommentatoren dort genannt werden, „have completely lost the plot“ stellt der sonst bei der New York Times kolumnierende Journalist Jamelle Bouie in diesem sehenswerten Videokommentar treffend fest.


Jason Arday, ein Akademiker der Universität Cambridge, ist letzte Woche tot aufgefunden worden, nachdem eine Meute von rechten bis „liberalen“ Medien eine wochenlange Hetzkampagne gegen ihn veranstaltete, weil aufgedeckt wurde, dass er bei einigen seiner wissenschaftlichen Credentials geschummelt hat.

Die Plagiatsvorwürfe sind durchaus glaubwürdig (die Times of Higher Education hatte sie bereits letztes Jahr recherchiert aber wegen juristischer Intervention Ardays nicht veröffentlicht und Gideon M-K konnte die bemängelten Plagiatsstellen glaubwürdig verifizieren.), während z.B. die von der Presse im Zuge der Kampagne oft angezweifelten 30 Marathons in 35 Tagen offenbar gut belegt sind.

Wissenschaftliches Fehlverhalten schafft es selten in die News, es sei denn, es betrifft hochrangige Politiker*innen mit viel Macht – oder die Person ist schwarz. Über 200 Artikel wurden über den Fall geschrieben, hier allein die gesammelten Headlines des Telegraph.

Schon mal von Brian Wansink, Dan Ariely oder Professor Tessier-Lavigne gehört? Nein? Ich auch nicht, obwohl alle drei bei krassem wissenschaftlichen Fehlverhalten erwischt wurden, wie Gideon aufzählt. Aber weil sie weiß sind, erzeugen ihre Stories in Dark Disneyland keinen Handlungsdruck.

Anders bei Arday, dessen Fehlverhalten in Dark Disneyland als Beispiel herumgereicht wird, warum die Existenz von Schwarzen und anderen Minoritäten an Universitäten grundsätzlich in Frage zu stellen ist. Ardays Fall ist öffentlich so explodiert, weil es in Dark Disneyland ein dick gefülltes Buy-Orderbook für diese Art Story gibt. Der Pappmachébau des „Rassismus gegen Weiße“ braucht ständige Restauration, solange sich „die Freiheit“ (für Weiße) durch Diversity, Equity und Inclusion (DEI) eingeschränkt anfühlt.


Das Byline Magazin ordnet die Kampagne gegen Arday in einen ausführlichen Artikel in den Kontext einer größeren, teils von Peter Thiel finanzierten Bewegung von Eugenikern ein, die die Rassenlehre wieder an Universitäten salonfähig machen will. Thiel ist nicht der einzige, aber einer der wichtigsten Sponsoren von Dark Disneyland.

His (Ardays) coordinated targeting by an explicitly anti-black race science network did not come out of nowhere, Byline Times can reveal.

Backed by the pro-Trump Silicon Valley billionaire Peter Thiel, this network has spent a decade penetrating Cambridge University before reaching Reform UK, Restore Britain, and the pan-European far-right.

This phase of the campaign against Jason Arday began when academic and anti-black racist Nathan Cofnas raised claims of plagiarism in Arday’s work in a Substack post last month.

The story it fuelled was then dissected in more than 200 articles across the majority of the British press in the weeks that followed, both in print and online.
It was striking that many of these articles did not acknowledge that the central accusations were being made by a man who believes that inherited racial differences make black people less intelligent and would leave black people absent from virtually every elite position in public life outside of sport and entertainment.

Das Netzwerk unterwandert gezielt Universitäten und Medien, um ihre rassistische Suppe in die Universitäten und über diesen Transmissionsriemen in die Gesellschaft zu tragen.

Tech billionaire Peter Thiel has cultivated ties to key actors in this network: to Cambridge Professor James Orr, through whom he channelled a donation to Cambridge; to Orr’s Cambridge circle; to online magazine Quillette which published attacks on Arday; and directly to Nathan Cofnas and Aporia senior editor Noah Carl.
Orr linked this infrastructure to politics. Reform UK’s Head of Policy, and an advisor to the Free Speech Union organisation, he invited Aporia into national conservatism.
At The Sanctuary, a right wing hub in Westminster, Aporia and the Orr-backed Cambridge Scrutonian Society have separate offices provided by cryptobillionaire Ben Delo.

Nathan Cofnas, der mit seinem Substack die ganze Sache publik machte und auf X weiter befeuerte, genießt eine hohe Stellung in Dark Disneyland. In den Medien wird er gerne als „Whistleblower“, „Wissenschaftler“, „Akademiker“ oder „Philosoph“ vorgestellt aber ganz selten wird darauf verwiesen, dass er ein knallharter Eugeniker im fortgeschrittenen Stadium des Rassenwahns ist.

Five days before Arday was found dead on 14 August, in an interview with the historian David Starkey – himself renowned for a record of derogatory comments about black people – Nathan Cofnas said that Arday was “not intelligent in the way that a professor should be” and that “he’s not, like, that retarded that he can’t speak”.

Cofnas said he did not know whether Arday “could do addition”, called him “completely illiterate mathematically”, and later described him as “a black person who seems to be, in this case, literally mentally disabled”.

Cofnas suggested that Arday had merely “learned to talk their talk” and used accusations of racism to repel criticism. His comments fused Arday’s race, autism, and academic standing into a single racialised claim of innate incapacity.

Cofnas war zunächst selbst in Cambridge, bis er aufgrund eines rassistischen Blogposts rausgeworfen wurde, in dem er schwarzen Menschen grundsätzlich die Qualifikation absprach, in führenden gesellschaftlichen Positionen zu arbeiten und so Sprüche raushaute wie:

„Whites are the ones who brought blacks out of Africa and created the conditions where they failed to develop a culture of homework, respect for the law, and strong nuclear families”

In einem Podcast sagte Cofnas über sich selbst, dass er „nach der Revolution“ eine Stellung als Harvard-Professor für „Eugenics and Race Science“ anstrebe. Selbst jüdischer Herkunft ist Cofnas dennoch nicht scheu, dezidiert antisemitische Narrative in seine Rassenlehre zu integrieren und zitiert den bekannten Antisemiten Kevin MacDonald in seinen Papers, der sich prompt bedankt. Außerdem hängt er gern mit Silicon Valleys Fascho-Idol Curtis Yarvin rum.

Nach Cofnas‘ Rausschmiss aus Cambridge heuerte er bei der Universität Gent an, wo seine Einstellung prompt einen offenen Brief der Belegschaft triggerte, der seine Qualifikation anzweifelte und die Rechtmäßigkeit des Auswahlprozesses in Frage stellte.

Bouke de Vries, der ansässige Akademiker, der sich für Cofnas‘ Einstellung an der Uni Gent verantwortlich zeichnete, ist ebenfalls ein eugenisches Schwergewicht, mit etlichen Papers zu so wichtigen Themen wie der Frage, ob man mittels Datingapps den gesellschaftlichen IQ erhöhen kann, warum es schon ok ist, wenn Männer nicht im Haushalt helfen, aber dennoch den Klositz nach dem Pinkeln wieder runtermachen sollten. Auch der eugenischen Silicon Valley-Ideologie des Longtermism hängt de Vries an und hat offenbar unter Pseudonym ein Paper über den IQ von Flüchtlingen geschrieben, aber weil man die wegen Pflegekräftemangel ja nicht einfach allesamt abschieben kann, schlägt er vor, Oma und Opa gleich mitabzuschieben.

Nachdem die Ardaykampagne in der Öffentlichkeit explodierte, ist Cofnas jetzt auch bei der Universität Gent rausgeflogen, was zu einem offenen Brief geführt hat, den beim Schreiben des Newsletters ca. 950 Akademiker*innen unterschrieben haben. Unter den ersten 100 Unterzeichner*innen des Briefs für „die Wissenschaftsfreiheit“ (für Eugeniker), waren nur zwei, die sich auch gegen die brutalen staatlichen Crackdowns gegen pro-palästinensische Meinungsäußerungen an US-Unis ausgesprochen hatten, während 23 davon sie ausdrücklich begrüßten. Mit Steven Pinker und Lawrence Krauss (s. KL77) ist auch das Epsteinnetzwerk gut vertreten und mit Hanno Sauer (s. KL85) ist auch ein prominenter Deutscher unter den Opfern.

Nachtrag: Inzwischen gibt es einen Offenen Brief von Akademiker*innen der Cofnas Rausschmiss mit guten Gründen verteidigt.

Ich bin mir sicher, die nächsten Tage wird es auch im deutschen Feuilleton eine Menge Verteidigungsartikel für Cofnas regnen, Jochen Bittner von der Zeit teilt bereits fleißig Cofnas‘ Gegenangriff im Wallstreetjournal.

Dieser Fall ist deswegen so relevant, weil er so nah an der Grenze zwischen liberalem Bürgertum und völkischem Faschismus operiert und damit ein Grenzkampf des Dark Disneylands ist.

Dark Disneyland hat einen Core und eine Peripherie. Leute wie Thiel, Musk, de Vries und Cofnas arbeiten am Core, doch die Debatte streckt sich bis weit über die Peripherie hinaus und franzt sich bis in unsere Welt hinein. Und weil die meisten Menschen, die nahe der Peripherie wohnen, insbesondere aus dem bürgerlich liberalen Spektrum, eh mit einem Bein im Dark Disneyland stehen und kein Gespür für diesen Grenzverlauf haben, fallen sie schell auf so Topflappen-Sprüche wie „It’s about Ethics in Games JournalismAcademia“ rein, lassen sich von Narrativen der „Cancel Culture“ (die, again: immer nur gilt, wenn Weiße Ausschlüsse erfahren) beeindrucken und schließen sich vernünftig klingenden Forderungen an, wie: „In der Wissenschaft dürfen alle Differenzen ausschließlich argumentativ ausgetragen werden“ – was in diesem Fall aber nichts anderes bedeutet, als dass wir jetzt wieder ernsthaft Rassenlehre an Universitäten diskutieren sollen.

Weder alle an der Hetzjagd beteiligten Medien, noch alle Unterzeichner*innen des offenen Briefs für Cofnas verstehen, dass sie sich in eine Kampagne zur Rehabilitierung der Rassenlehre haben einspannen lassen und damit die Peripherie des Dark Disneyland massiv ausgeweitet haben.


Der Philosoph Olúfẹ́mi O. Táíwò mit einem lesenswerten Bluesky-Thread über die „Trojan Horse Propaganda„, die mit dem Ardayfall betrieben wurde.

Diese Form der Propaganda muss nicht lügen oder Tatsachen direkt verfälschen, sie muss nur die passende Story in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen, denn „it relies on the audience to do the dirty work.

I’ve watched the right use this communication strategy (and close cousins of it) my entire life – and of course, it is much older. quick examples: „solar panels fail at night“, „not all men“ etc. In each case a true statement is made, yet each is a case of the bad kind of propaganda.

Rassistisch ist nicht die Story selbst, sondern das dick gefüllte Buy-Orderbook, auf das sie fällt. Rassistisch ist nicht zu thematisieren, dass Arday seine qualifizierenden Arbeiten plagiiert hat, sondern der laute Knall, den die Nachricht macht. Alles, was Cofnas machen musste, ist den passenden Trigger zu finden.

All you have to do is find things that cue up the bigotry you want to promote, and make them salient – preferably, while avoiding the same for context that would complicate your intended narrative (in a distracted, low-participation political culture, the last bit comes practically for free).

Das Trojanische Pferd funktioniert deswegen als Gateway ins Dark Disneyland – weil so viele schon mit einem Fuß in dessen Peripherie stehen. Rassistische Deutungen und Narrative sind gesellschaftlich vorinstalliert und bilden die passenden Schnittstellen für anschlussfähige Triggernarrative. Das Triggernarrativ selbst bleibt dabei in sich „rein“, oft unangreifbar und jeder kann es gefahrlos posten, denn die „schmutzige Arbeit“ macht die durch es geleveragte „installed Base“.

The upsides of the strategy are clear: if you use Trojan horses, you not only do not have to defend the ideas you are promoting, but you don’t even have to cop to promoting them. Because, in an important sense, you *aren’t* – you are relying on history and your audience to do it for you.

Was Táíwò hier beschreibt ist nicht nur die Eventebene eines konkreten Social Media Schweinezyklus, sondern das Aufmerksamkeitsgeschäftsmodell rechter Medienangebote seit dem Internet on scale: als iterative Akkumulation von narrativem Kapital.

Das funktioniert, weil das Internet mit News quasi dasselbe wie mit Musikalben machte: es unbundlete sie. Nicht mehr das Outlet, sondern der Link zur einzelnen Newsstory im Netz wurde zum neuen Referenzpunkt und damit zum Grundbaustein neuer narrativer Portfoliostrukturen. Dabei kamen durchaus interessante Projekte raus, z.B. spezialisierte Newsaggregatoren für Interessen und Wissensgebiete aller Art.

Diese Umstrukturierung erlaubte aber eben auch spezielle News-Feeds für rechte Öffentlichkeiten zu bauen. So konnten z.B. Kriminalitätsdelikte, die zuvor fast ausschließlich in den Lokalnachrichten abgebildet wurden, aggregiert und konzentriert dargestellt werden, um ein übergeordnetes Narrativ zu füttern: „So geht Deutschland unter“, ausblendend, dass Kriminalität in Wirklichkeit rückläufig ist. Und wenn man dann nur die Gewaltakte herausfiltert, die von Menschen mit Migrationshintergrund begangen wurden, lässt sich die Botschaft auch leicht rassistisch zuspitzen.


In meinem 2014-Buch, Das Neue Spiel, ist eines der Konzepte, das ich gegen den digitalen Kontrollverlust in Stellung bringe, die „Filtersouveränität„.

Die Query stärkt auf technischem Weg die Möglichkeiten sowohl der positiven als auch der negativen Informationsfreiheit. Diese queryologisch erweiterte neue Selbstbestimmung nennen wir »Filtersouveränität«. Filtersouveränität ist das Right to Query oder das Recht auf die Filterblase – das Recht, öffentliche Daten zu nutzen und das Recht, sich gegen eintreffende Daten abschirmen zu dürfen. Sie wird uns noch in Varianten wiederbegegnen. Positive Filtersouveränität wäre das Recht, alle Quellen mit eigenen Querys auswerten zu dürfen. Negative Filtersouveränität wäre, Datenquellen mit eigenen Filtern ausselektieren zu dürfen.

Die von der Filtersouveränität etablierte „Query-Öffentlichkeit“ (siehe KL89) stellte ich mir damals als eine Befreiung vor, und das war sie ja auch, insbesondere für alle, die sich vom „Major Consensus Narrative“ der etablierten Massenmedien nicht hinreichend informiert und gesehen fühlten.

Doch weil auch ich ein Individualismusgeschädigter bin/war, dachte ich damals immer nur bis Layer 2, also dem subjektiven Erwartungsraum. Damals nahm ich das Konstrukt des „Individualismus“ ernst und erkannte noch nicht, dass jeder Freiheitsgrad des „Individuums“ nur in neue „Lockstep-Individualität“ auf Layer 3 führt, also in eine neue, andere Vergemeinschaftung entlang „erwarteter Erwartungen“ von anderen – etwa analog dazu, wie das Folgeleisten der Aufforderung „Do your own Research!“ über Googlelinks jedesmal in dieselben 12 Verschwörungstheorien führt.

So wurde aus der „Demokratisierung des Sendens“, von der damals viele (auch ich) sprachen, die „Deregulierung des Wahrheitsmarktes“, die gleichzeitig eine semantische Sezession von der Mainstream-Öffentlichkeit erlaubte.

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, ist man beim Medienkonsum immer schon Teil eines Trommelkonzerts; allein schon, wenn man sich mit dem Nachbarn über den Gartenzaun austauscht – aber noch viel mehr in Zeiten von Social Media.

Der Filter im Core strukturiert den Beat, der bis in die Peripherie zum Mittrommeln einlädt. Das Trommeln wird nicht nur dadurch lauter, dass immer mehr Leute mittrommeln, sondern auch, weil das sich ansammelnde narrative Kapital (z.B. die vielen Stories, wo ein Nichtweißer mal gemein zu einem Weißen war) bei jedem Trommelschlag mitschwingt. In der Peripherie wird die „schmutzige Arbeit“ des trojanischen Pferds von all den Trojanischen Pferden besorgt, die zuvor ankamen.

Der Beat akkumuliert beides: narratives Kapital und Dividuen. Die Trommler*innen, die sich um den Filter sammeln, hatte ich anlässlich einer Untersuchung einmal „digitaler Stamm,“ genannt. Digitale Stämme sind Konnektive, die sich entlang von bestimmten Beats reproduzieren, denn jeder Trommelschlag weckt die Erwartung auf den nächsten. Trommler und Beaterwartung bilden eine materiell-semantische Einheit, die als prall gefülltes Buy-Orderbook rassistische Narrative verstärkt und das dann auch Fake News und Desinformationen anzieht.

Die Menschen in der semantischen Sezession glauben nun „der Matrix“ entkommen zu sein. Ihre neue Realität ist die „echte“ Realität, die ihnen von der „Lügenpresse“ verwehrt wurde. Die wenigsten Menschen haben sich je Gedanken über Medien gemacht und verstehen nicht, dass sie lediglich von einem L3-Filter in einen anderen gewechselt sind, denn die neue Realität fühlt sich „echter“ an, weil sie emotional tiefer resoniert.

Die Wut und der Hass auf den „Mainstream“ ist echt, denn sie glauben, bislang belogen worden zu sein. Und Wut und Abgrenzung ist ein noch besserer sozialer Klebstoff, als geteilte Narrative, weil sie die Wechselkosten (K_F_ab) erhöhen.

Was ich damals also nicht mitdachte: Unterliegende gesellschaftliche Strukturen wirken als Attraktoren auf die nun „befreite“ Aufmerksamkeit und entsprechend sinistere Akteure bieten dafür passende Andockstellen, um sie in ihren Bahnen zu ziehen.


Melissa Gira Grant im New Republic Magazin über die Diskussionen zu „Woke One„.

As in earlier iterations, the latest round of demands to repudiate all things (smeared as) “woke” is best understood as a desire to delegitimize opposition, brought about by a real challenge: the left building power. This time, that challenge arises from a few meaningful electoral victories by democratic socialists and their allies, which, going into the midterms and the next presidential election, have activated those who see their job in politics as protecting the Democratic Party from itself. Rather than enter head-on into a legitimate political struggle with the candidates to their left, rather than have a fight over substantive differences, some Democrats have instead decided to pin their problems on the rhetorical—hence the turn on “woke.” What started as shitposting—“woke 1.0” etc.—is being used as a tool with which to discipline the left. It is depressing to see elected officials who have benefited from this leftward shift, including AOC, indulge that nonsense.

Zur Erklärung: Ein wesentlicher Grundstein des materiell-semantischen Komplexes, den wir hier Dark Disneyland nennen, ist das Narrativ namens „Wokeness“. Ursprünglich als Aufforderung zwischen Schwarzen entstanden, sich trotz offizieller Gleichstellung vor den rassistischen Auswüchsen der weißen Mehrheitsgesellschaft zu hüten („stay woke!“), wurde es in den 2010er Jahren zum rechten Kampfbegriff, um alle möglichen Kämpfe um gesellschaftliche Gerechtigkeit zu diskreditieren. Im Sprachgebrauch der Rechten diente der Begriff dazu, diese Gerechtigkeitskämpfe als unverhältnismäßig zurückzuweisen und sie zurückzudrängen.

Und weil Narrative meistens dann adaptiert werden, wenn sie nützlich sind, hat sich die Rede vom unverhältnismäßig eskalierten Gerechtigkeitskampf auch bei den US-Establishment-Demokraten eingeschlichen, die seit neustem durch die „Democratic Socialists“ parteiintern unter Druck geraten sind. Die Übernahme von rechten Narrativen passiert bei den Demokraten natürlich nicht ohne Anpassung und so führten sie die Differenzierung zwischen „Woke 1“ und „Woke 2“ ein. Stichwortgeberin war hier Osse Chi, der im Mai dieses Jahres auf X postete:

“Woke 1 was crazyyyy.”

Die revisionistische Geschichtsschreibung von Dark Disneyland hat sich inzwischen also auch bei den Demokraten ausgebreitet, weswegen Grant sich aufgefordert fühlt, die Fakten nochmal klarzustellen.

So what did happen? A dam broke, and the routine police murder of Black people mobilized some white people, and that multiracial mobilization was scary to other white people. There was a groundswell of popular support for abolitionist projects, inspiring new connections between abolition and other social movements. For a moment, the summer of 2020 made people consider whether policing could ever keep us safe. The ongoing anti-woke revival is, in truth, an effort to make sure none of that ever happens again.

Each time the anti-woke crowd revive themselves, it is not because anything was stolen from them, but because they feel as if someone has challenged their presumed ownership. This is, as ever, an expression of white power, in particular an expression of its fears that it is losing its historical dominance. That is what happened in 2020. It is not complicated, even as it takes on other forms. It is MAGA crowds holding mass-produced signs reading “mass deportations now.” It is endless iterations of the same conspiracy theories about non-white usurpers and invaders stealing elections. It is Southern white prosecutors in Scottsboro.

Was mir aber augenscheinlich wurde: Während in der Peripherie lediglich opportunistische Sprechakt-Übernahmen geschehen, ist im Core eine andere Logik am Werk. In Grants „presumed ownership“ scheint Eva von Redeckers „Phantombesitz“ auf, der die gefühlte Leerstelle einer verloren gegangenen Agency markiert, und deren imaginierter Verlust als unterliegender Attraktor die Gefühlslandschaft der Rechten ordnet (siehe auch Road Grudge). Dieses „amputierte Glied“ ist die soziale Struktur, die dem weißen Mann über Jahrhunderte Verfügungsgewalt zusicherte, nicht nur über den Körper der Frau und die Körper der Kolonialisierten, sondern auch über so Dinge wie Relevanz im öffentlichen Diskurs, Hoheit über das Wissen und das Monopol auf gesellschaftliche Handlungsmacht.


John Ganz schreibt darüber, wie das Magic Kingdom Castle – Musks Plattform X – so zentral für die Gebietsgewinne des Dark Disneyland wurde und bezieht sich dabei auf einen anderen Newsletter von Vincent Bevins, den er ausgiebig zitiert:

By elevating the posts of his paying supporters Musk changed the rules of Twitter; that was the whole reason he bought it. Theoretical equality was abolished. Then, he simply programmed the website to promote himself and his ideological allies.

Elon Musk obviously succeeded. By purchasing Twitter, he made himself more central to global politics and was able to engineer a right-wing shift on the site. I barely log on anymore, but I still know far more about reactionary culture than I did in 2021. I am familiar with a wide range of flavors of racism now, and I understand all kinds of racist posts at a basic grammatical level. I know what London is actually like, but I also know what libertarian “founders” in Texas think London is like. All of that is inevitable if you have any contact with x.com. Musk used Twitter to help get Trump elected and exert even more personal control over the state. The SpaceX IPO in June briefly made him a trillionaire, so it’s not like revenue problems at a microblogging site he bought with funny money matter much to his overall project.

My own assertion, itself vibes-based and therefore entirely unfalsifiable, is that the “vibe shift” was the unconscious cognitive effect of hanging out on Twitter after Musk’s acquisition. It was experienced, and only needed to be experienced, in the minds of the US American media class. One of the main skills required of contemporary journalists is the ability to detect which way the wind is blowing, to carefully trace the hidden boundaries of discourse. For those who spent too much time on his platform over the last four years, Elon made the left appear less popular (in the middle-school sense).

Die These ist Leser*innen dieses Newsletters nicht neu, ich sage das quasi seit Anfang an (auch wenn ich irgendwann müde wurde…). Die Sache ist nur die: das, was jetzt der Core von Dark Disneyland ist, ist immer noch randvoll mit Journalist*innen, Politiker*innen und anderen netzwerkzentralen Eliten der Gesellschaft gefüllt, die bereits vor der Übernahme den Diskurs auf Twitter zu ihrer diskursiven Baseline gemacht hatten.

The collective perspectives that emerge from social media – our understanding of what the public is and wants – are similarly shaped by algorithms that select on some aspects of the public, while sidelining others. And we tend to orient ourselves towards that understanding, through a mixture of reflective beliefs, conformity with shibboleths, and revised understandings of coalitional politics.

This isn’t brainwashing – people don’t have to internalize this or that aspect of what social media presents to them, radically changing their beliefs and their sense of who they are. That sometimes happens, but likely far more rarely than we think. The more important change is to our beliefs about what other people think, which we perpetually update based on social observation. When what we observe is filtered through social media, our understandings of the coalitions we belong to, and the coalitions we oppose, what we have in common, and what we disagree on, shift too.

Im Dark Magic Kingdom Castle mag dir manche Attraktion nicht zusagen, und irgendwie wissen auch alle, dass das jetzt halt ne Nazikneipe ist, aber es ist auch nicht nötig, dass du auf jede Attraktion/jedes Narrativ aufspringst. Viel entscheidender ist, welche Narrative du für „normal“ zu halten gelernt hast und sie – bewusst oder unbewusst – auf die Gesellschaft at large überträgst.


Johannes Franzen schreibt in seinem Newsletter über die Radikalisierung von Harald Martenstein, der im Angesicht der Ereignisse in Ceuta vor ein paar Wochen öffentlich hardcore Nazi-Literatur empfiehlt.

Das ganze erste Drittel dreht sich nämlich um den Roman “Das Heerlager der Heiligen”, den der französische Autor Jean Raspail 1973 veröffentlichte, und der in der Folge zu einem Kultbuch der rechtsradikalen Szene avancierte. Quinn Slobodian etwa hat in seinem Buch “Hayek’s Bastards” nachgezeichnet, wie wichtig der Roman seit den 1970er Jahren für die US-amerikanische Rechte gewesen ist.

In “Das Heerlager der Heiligen” wird auf eine lustvolle Art die Überschwemmung Europas durch eine Flotte von Migranten evoziert. Die weichmütigen Europäer sind hilflos gegen den Ansturm der Massen, leiden unter dem, was der rechten Publizist Gad Saad gerade (in einem Lieblingsbuch von Elon Musk) als “suizidale Empathie” bezeichnet hat. Sie lassen sich aus emotionaler Weichheit und ideologischer Verblendung überrennen und beherrschen. Nur eine Elite aus Soldaten, Intellektuellen und Priestern leistet verzweifelten Widerstand.

Als Roman handelt sich sich – das gleich vorweg – um ausgesprochen schwere Kost: eine dümmlich-ausufernde und ziemlich pornographische Satire auf eine lebensmüde liberale Gesellschaft. Laura K. Field bezeichnet ihn in ihrem Buch über MAGA-Intellektuelle als “zutiefst rassistisch”, eine “entmenschlichende und Angst schürende Abhandlung über die künftige Unterwerfung Europas durch nicht-weiße Fremde“ (“a dehumanizing and fear-mongering tract about the future subjugation of Europe by nonwhite foreigners”). In einem Artikel über Viktor Orbán, der sich (wie auch Marine Le Pen) positiv auf den Roman bezog, vermittelt die Journalistin Cathy Young einen guten Eindruck von den Qualitäten, die Leser:innen von “Das Heerlager der Heiligen” erwarten. Der Roman ist geradezu besessen von Fäkalien, Inzest, Pädophilie und berauscht sich am Ekel seiner barocken Horrorvorstellungen:

“Im gesamten Buch werden die Migranten als abstoßende, brodelnde Masse dunkler Körper dargestellt; die einzige identifizierbare Person unter ihnen, eine Art Anführer, ist ein Mann, der als ‘der Scheißeschlucker’ bekannt ist – ein Riese, auf dessen Schultern sein grauenhaft entstellter Sohn wie ein ‘abscheuliches Totem’ thront. […] Wie zu erwarten, nimmt Raspails rassistisches Horrorspektakel oft die Form grotesker Pornografie an. Die indischen Flüchtlinge an Bord der Schiffe verbringen den Großteil ihrer Reise in wahllosen pansexuellen Orgien – ‘ein Gewirr aus Händen und Mündern, aus Phalli und Hinterteilen’.”

Johannes sieht darin einen bewusst schamverletzenden „locker-room-talk” unter Rechten.

Rechte Ästhetik zeichnet sich, wie Peter Hintz bereits 2020 in einem brillanten Essay gezeigt hat, oft durch eine solche Mischung von hochkulturellen Gesten und schamverletzender alberner Provokationen aus. Wer sich als Kenner von Raspail zu erkennen gibt, löst eine Eintrittskarte in den Kreis der Eingeweihten. Man kennt und teilt die Referenzen – rechtsintellektueller “locker-room-talk.”

Ich würde es noch etwas anders fassen: Im inneren Core von Dark Disneyland residiert ein Dungeon, allerdings nicht fürs Vergnügen, sondern als Transducer-Fabrik, die „Begehren“ in Schmerz und Scham verwandelt. Diese Emotionen bilden dann die unterliegenden Attraktoren für den narrativen Kapitalgrundstock, der den ganzen Überbau rechter Narrative auf seine vorgefassten Bahnen arretiert.


Cameran Cummins-Smith hat in Liberal Currents eine ganze Theorie rechter Psychologie auf sogenannten „Cuck Porn“ aufgebaut, der ihrer Meinung nach die libidinöse Grundierung des rechten Phantombesitzes besorgt. Hier sind wir im innersten Zentrum von Dark Disneylands Core angelangt, dem Dungeon.

The theory is that right-wing political narratives are significantly influenced by porn—specifically interracial cuck porn—and conversely the narratives of said porn are significantly influenced by right-wing politics. Pornography is the unseen dark matter molding and shaping how the online right speaks and thinks about politics, on anything from immigration to transgender people to higher education. Call it the interracial cuck porn theory of everything.

Bei sogenanntem „Cuck Porn“ geht es darum, dass ein gedemütigter männlicher Freund oder Ehemann, seiner Freundin/Frau beim Sex mit einem anderen Mann zuschauen muss, womit laut Cummins-Smith das psychologische Grundmotiv des Rechtsrucks benannt ist:

The modern right feels emasculated by the relative status gains of women, and in many this manifests as a feeling of being cuckolded.

Doch nicht nur der Antifeminismus zieht aus diesem künstlichen Schmerz seine Energie, auch der Rassismus und die generelle Abwehr gegen Migration speisen sich emotional aus diesem Bild, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Cuck Porn-Phantasien rassifiziert sind. Denn der Andere, der mit der Partnerin Sex hat, ist in diesen Pornos fast immer schwarz oder zumindest nicht weiß.

In particular, there is a common style of edit in which white European nations are anthropomorphized by overlaying their flag onto a submissive white woman being implicitly or explicitly “conquered” by refugees. The most popular nations represented are Scandinavian countries like Sweden or Norway with accompanying blonde-haired, blue-eyed women. This framing of immigration as an “invasion” or “replacement” of white Western nations is very familiar in our real-world politics. The Trump administration has used the language of invasion as legal justification for their overreaching immigration enforcement by invoking the Alien Enemies Act. Administration officials have made it clear that they do not perceive this threat to be limited to criminals.

Doch im Zentrum des Schmerzes steht die unabhängige Frau, die ihre eigenen Entscheidungen trifft und deren Agency die Leerstelle des Phantombesitzes markiert, die dem weißen Mann heute so zu schaffen macht.

Specifically, the online right harbors intense resentment for professionally successful women (i.e. “girlbosses”), and this explains at least part of the enthusiasm for programs like DOGE or Trump’s tariffs (more on that here). The story of gender economics for the past several decades has been the erosion of gender gaps, and in recent times the gap has essentially disappeared. Among workers aged 25-34 women earned 74% of male median earnings in 1982, compared to 95% in 2024. In several US cities the gap has actually reversed, with women under 30 earning more than their male counterparts. This is mostly explained by trends in higher education: women have been outperforming men in college graduation since the 2010s.

Dieser Phantomschmerz schlägt in allen möglichen tagespolitischen Agenden der aktuellen Trumpregierung durch. Für Zölle hatten wir das bereits in KL49 besprochen, doch Cummins-Smith sieht weitere Beispiele.

Everything from tariffs to defunding the Department of Education is in part motivated by this underlying misogyny. To the online right, tariffs are good because they will make the economy “manly” again. Fossil fuels are good because they require manly men to do hard work. DOGE is good because it’ll get rid of all those bullshit email jobs. Defunding academia is fine because it was just going towards useless degrees in gender studies. In the right-wing mythology universities are the source of all wokeness (the “Cathedral,” if you want to use their terminology). To a certain extent they’re right: higher education is in fact the biggest reason women have risen to economic parity with men and it does in fact make people more liberal. It is no surprise then that school makes a regular appearance in the interracial cuck porn cinematic universe.

Das verkrampfte Herauskehren der eigenen „Alpha“-Männlichkeit, das rechte Männer ihrer eigenen Erzählung nach immer gegen andere (Beta-)Männer in Stellung bringen, ist in Wirklichkeit libidinöse Phantombesitzverteidigung und richtet sich dementsprechend primär gegen Frauen und ihre Agency.

The modern right feels cucked, but not by other men. They feel cucked by women. The 1915 film Birth of a Nation revolves around black men as rapacious threats to the innocence of white women that must be fended off by the brave Klu Klux Klan. By contrast, modern interracial cuck anxieties have women take on the role of the antagonist. White women are no longer hapless victims; they are the enablers and beneficiaries of white male emasculation. Today’s right-wing men can’t help but give female characters more agency, even in their porn fantasies. Score one for feminism! …

Women in the modern world have more agency than ever before and many men on the right don’t know how to cope. Out of spite they cling to an exaggerated vision of masculinity: a big, strong man who does whatever he wants to whoever he wants. The red pill sells young men on the idea that performing toxic masculinity hard enough will put women back in their place. With big enough muscles and enough commas in your bank account you can get a girlfriend who does nothing but cook, clean, and has sex on command. The psychology underlying interracial cuck porn theory is what happens if the red pill doesn’t pan out: the black pill—yes, pun intended.

Ebenso imaginiert sich auch der hiesige Feed-Konsument der semantischen Sezession als gehörnter Ehemann, der seiner „außer Kontrolle geratenen“ Braut beim Vögeln zusieht, wenn er den „Untergang Deutschlands“ in der personalisierten Query-Öffentlichkeit seines Stammes verfolgt. Im Kern von Dark Disneyland und unter Schichten um Schichten von narrativem Kapital lugt der Dungeon des libidinösen Phantombesitzes als Grundattraktor und mobilisiert Lust, Scham und Ekel zur Erledigung der „schmutzigen Arbeit“, von der Táíwò spricht.

Krasse Links No 89

Willkommen zu Krasse Links No 89. Akkumuliert euer Erlaubniskapital, heute trommeln wir den Unaccountable-Beat der Pfadgelegenheitserwartung, um den Phasenübergang von Antifragilität zu Troja zu betrauern.


Das bisher für den Nachfolgestaat des Nazireichs konstitutive Trennungsgebot von Polizei und Geheimdienst soll nach dem Willen der Regierungskoalition wieder aufgehoben werden. Ronen Steinke in der Sueddeutschen.

Es geht um etwas Historisches, nämlich darum, dass der CSU-Politiker Dobrindt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die Agenten des Verfassungsschutzes dazu ermächtigen möchte, heimlich in Wohnungen von Bürgern einzubrechen. Dass sie heimlich in Schränken wühlen oder unter Betten. Dass sie heimlich Gegenstände zerstören oder manipulieren. Die Inlandsspione, die seit der Gründung ihres Dienstes im Jahr 1950 immer nur im Stillen lauschen und spähen durften – sie sollen nun gegen Menschen, die sie für gefährlich halten, erstmals auch robust und mit Einbruchswerkzeug loslegen. …

Dobrindt plant mit diesem Entwurf zur inneren Sicherheit eine Parallelpolizei zur normalen Polizei, mit teilweise identischer Gefahrenabwehr-Mission. Nur ohne die rechtsstaatliche Kontrolle. Die Inlandsspione sollen sich, wenn sie eine Wohnung durchsucht haben, nur intern gegenüber einer im Berliner Regierungsviertel ansässigen Geheimbehörde mit dem Namen „Unabhängiger Kontrollrat“ erklären müssen. Und dieser „Kontrollrat“ spricht nie mit der Außenwelt.

Deutschlands schlechte Erfahrungen mit „geheimer Staatspolizei“ sind, wie so viele andere Failsafe-Mechanismen, die nach dem Krieg eingeführt wurden, nicht mehr relevant. Nazis gibt es ja nicht mehr und wir haben aus der Geschichte gelernt, ne?

Es wäre schon umwälzend genug, wenn dies alles wäre – aber dann kommt hinzu, dass Dobrindt diese Geheimpolizei mit Agenten aufbauen möchte, deren Job höchst politisiert ist. Der Verfassungsschutz hat seit jeher die Aufgabe, Akten über politische Oppositionelle zu führen, selbst wenn diese gegen kein Gesetz verstoßen haben. Siehe Linkspartei, siehe AfD, siehe Klimabewegung. Nach 1945 erlaubten die Alliierten den Westdeutschen nur unter strengen Auflagen, ihre eigene Bevölkerung präventiv politisch auszuspionieren, mit einer Stelle, die eng angebunden ist an die Weisungen eines Ministers. Streng befahlen sie Konrad Adenauer: „Diese Stelle soll keine Polizeibefugnisse haben.“

Kein Grund zur Panik. Nur weil Dobrindt nach eigener Aussage eine „Konservative Revolution“ anstrebt und bereits heute ganz ungeniert das Gesetz mit Füßen tritt und wir erst kürzlich und über viele Jahre einen rechtsradikalen Verschwörungstheoretiker auf dem Chefsessel des Verfassungsschutzes sitzen hatten, heißt das ja nicht, dass diese neue Geheimpolizei schief gehen muss?

What could possibly go wrong?


Die US-Regierung zahlt RWE 1,22 Milliarden Dollar, um ein Windpark-Projekt aufzugeben. Die New York Times.

The Trump administration will pay the German energy firm RWE $1.22 billion to abandon plans to build wind farms off the coasts of New York, California and Louisiana, the company announced on Thursday.
It was the fifth such deal the government has reached this year to halt the development of offshore wind, a source of renewable energy that President Trump has derided for decades.

Under the agreement, RWE will voluntarily surrender three leases it owned for wind farms in federal waters. Those projects were in the early stages of development and had little chance of moving forward under the Trump administration, which has halted all federal permitting for offshore wind.

Das Geld soll jetzt aber sinnvoll reinvestiert werden, nämlich in neue fossile Energieabhängigkeiten gegenüber den USA.

The firm will spend $900 million to acquire an indirect 16 percent stake in a liquefied natural gas project in Louisiana and sign a $300 million order for new gas turbines that generate electricity. The company said it was planning to build at least 15 natural gas peaking plants in the United States.

Man versteht die Notwendigkeit der Geheimpolizei besser, wenn man bedenkt, dass einige von uns sich vielleicht nicht freiwillig in die Klimaapokalypse zerren lassen wollen.


Ich hatte zum letzten Newsletter wieder einen Q&A-Twitchstream veranstaltet, den man hier nachschauen kann, in dem ich am Anfang mangels Zuschauerfragen erstmal die Trommelmetapher noch mal konkreter ins Pfadmodell integriere, wir aber dann gegen Ende über Nolans Odyssee diskutieren.

(Den nächsten Stream gibt es hier am Mittwoch den 19. August um 19:00 zu dieser Ausgabe, oder über welche Themen ihr am liebsten sprechen wollt.)

Ich habe mir Nolans Odyssee tatsächlich erst nach dem letzten Newsletter angeschaut, kann aber die von mir verlinkte Kritik darin durchaus sekundieren. Der Film hat meines Erachtens Nolantypische Stärken (Erzählung, Bilder) und Schwächen (Charaktertiefe, Dialoge, mangelnde weibliche Perspektiven …) aber was ich eh viel spannender finde, ist die Debatte, die sich darum entspinnt hat.

Emily Wilson, die die letzte Odyssee-Übersetzung ins Englische besorgte, hat sich direkt auf Nolan gestürzt, und den Film ziemlich übel verrissen. Ich finde, sie hat einige Punkte, aber ihr Urteil ist auch ziemlich harsch und teils ungerecht, auch weil sie sich auf die Unterkomplexität Nolans Odysseuscharakters kapriziert und seine politische Deutung nicht gelten lassen will. Das wird ihr auch von dem Kollegen Theo Nash vorgeworfen, der Nolan vor ihrer Kritik verteidigt. Auch er sieht die Xenia-Architektur (Im Film: Zeus‘ Gesetz der Gastfreundschaft) als entscheidend: Nicht nur die Freier, sondern die Griechen selbst brechen Zeus‘ Gastrecht, als sie sich im Pferd verstecken. Alles danach (die Irrfahrt, die Freier, die People from the Sea) ist Strafe. „The mess he cleans up is his own.“

Die beste schriftliche Rezension fand sich aber bei Stefano Rebeggiani, der einige der Punkte sah, die auch der Instagram-Rezensent geoff_aaaa aus der letzten Ausgabe ansprach und die ich nachwievor für gültig halte. Er verweist auf die Tragiker des 5. Jh., die Troja als Warnung vor der Hybris der Herrschaft deuteten und Nolan zieht genau die Parallele zur Gegenwart.

Wer noch mehr Troja-Dröhnung auf die Ohren braucht: Mein Podcast-Kollege Ali Hackalife hat auf seinem Mainfeed „Auch Interessant“ mit Prof. Dr. Boris Dreyer über geschichtliche und archäologische Hintergründe geredet und wer noch mal tiefer und gleichzeitig unterhaltsam in den Trojanischen Krieg eintauchen will, dem seien die schon etwas älteren Folgen von „Troja Alert“ empfohlen (entstanden von 2016 – 2021), in dem Stefan Thesing und Daniel Franz den ganzen Mythos im Detail nacherzählen und in der Tiefe diskutieren. Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV. Außerdem Odyssee Teil I, Teil II, Teil III.

Auch der Podcast unterstützt Nolans Lesart der Ilias und der Odyssee durchaus – nicht nur bezüglich der Rolle der Trauer, etwa wenn Achill sich durch die trauernde Unterwerfungsgeste des Priamos erweichen lässt, als er ihn um den Leichnam seines Sohnes Hektor anfleht. Es ist die Trauer, die Achills Menschlichkeit wieder hervorbringt auf Basis derer sich die beiden trotz ihrer Feindschaft begegnen können.

Aber entscheidender finde ich, wie Stefan und Daniel in der letzten Folge den Regimewechsel besprechen, der sich auf Seiten der Griechen nach Achills Tod vollzieht. Um das hinterlassene Machtvakuum streiten sich noch während des Krieges Ajax und Odysseus, wobei Ajax an die ruhmvolle, aber ineffektive Kriegsführung „mit offenem Visier aber auch mit dem Kopf durch die Wand“ anknüpfen will, die schon Achill vertreten hat und für die der Kriegsgott Ares steht, das dem neuen Regime von Odysseus „Hinterlistig, aber brutal bis Genozidal“ schließlich unterliegt, und für das die Göttin Athene steht. Die Einnahme und Zerstörung von Troja, die Odysseus schließlich gelingt, wird auch bei den Tragikern wie Sophocles und Euripides schon unter der Preisgabe von Ehre, Tradition und ja, Menschlichkeit errungen. Odysseus‘ Schuldgefühle und sein PTSD und Tätertrauma, das Nolan Odysseus nicht nach hause kehren lässt, sind aus dieser Warte heraus völlig plausibel?

Sagen und Mythen versuchen immer festzuhalten, was verloren ging. So wie die Lieder um den Trojakrieg das Ende der Bronzezeit besingen, erzählt das Nibelungenlied von den Bräuchen und Werten der völkerwandernden Germanen, deren Kultur durch das Mittelalter beendet wurde und die Thora/Das Alte Testament erzählt die Geschichten der Vorfahren der Juden aus Perspektive ihrer Nachfahren im babylonischen Exil. Das wesentliche – und wie ich finde – besonders antifaschistische Moment der Trojasaga ist jedoch, dass die Trauer vom Täter kommt.


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Stephan Kaufmann bespricht in der Frankfurter Rundschau eine Studie des Ökonom Daron Acemoğlu zur politischen Ökonomie der Aufrechterhaltung von Ungleichheit.

In ihrem Modell erhöht die Automatisierung die Ungleichheit und damit die Wahrscheinlichkeit einer Revolte. Ist sie erfolgreich, „wird der Kapitalstock für immer enteignet – ein erhebliches politisches Risiko, das die Kapitalisten berücksichtigen müssen“, so die Studie. Der „kapitalistische Staat“ stehe daher vor der Alternative, entweder den neuen Reichtum per Besteuerung umzuverteilen oder die Bevölkerung schlicht zu unterdrücken „und so mehr Spielraum für weitere Automatisierung zu schaffen“.

Unterdrückung, turns out, ist einfach billiger als Umverteilung. Ganz besonders, wenn dafür zunehmend effektive digitale Tools zur Verfügung stehen. Während das potentielle K_F_a der Eliten von Umverteilung proportional zur Ungleichheit wächst, wird das K_F_a von Unterdrückung durch Automatisierung immer kleiner.

Verteile die Regierung um, könne sie das Ausmaß der Automatisierung erhöhen, ohne einen Aufstand zu riskieren. Allerdings, so die Studie, wird mit zunehmendem Automatisierungsgrad und/oder wachsendem Kapitalstock eine stärkere Umverteilung notwendig, die aus Sicht der Kapitalisten zunehmend kostspielig wird. Daher könnte der Staat den Weg der Repression wählen. Auch sie koste Geld, allerdings seien die Kosten als Anteil vom Output fix und stiegen nicht mit dem Grad der Automatisierung. „Da die Umverteilung im Vergleich zur Repression zusätzliche Kosten verursacht – weil mehr Automatisierung mehr Umverteilung erfordert –, begünstigt zunehmende Automatisierung die Repression“, erklärt die Studie.

Auch die Hinwendung der Oligarchenklasse zu antidemokratischen Einstellungen wird dadurch rational.

Und schließlich zeigt die Studie, dass – ausgehend von einer Demokratie – es mit zunehmender Automatisierung und Kapitalakkumulation für die Kapitalisten rational sein kann, „einen Staatsstreich gegen die Demokratie zu unterstützen und ein repressives System zu errichten“. Dies ist laut Acemoglu kein reines Gedankenspiel. „Man wird eine Welt erleben, in der es leider viel Kontrolle, viel Überwachung und viel erzwungene Gefügigkeit geben wird“, zitiert er den ehemaligen Google-Manager Mo Gawdat. Und Palantir-Gründer Alex Karp sagte: „Es findet eine Revolution statt. Manche Leute werden geköpft werden. Wir rechnen damit, wirklich unerwartete Dinge zu erleben – und zu gewinnen.“

Verändert sich die Kostenstruktur auf Layer 1, verändern sich auch die erwarteten Erwartungen (Layer 3) und damit auch die politischen Motivationslagen der politischen Akteure (Layer 2).


Einen ähnlichen Punkt macht Cory Doctorow in seinem Essay Surveillance vs Guillotines. Ausgehend vom Jahr 2013 in dem sowohl die Snowden-Leaks, als auch Thomas Pikettys „Capital in the 21. Century“ herauskam, verbindet Doctorow Massenüberwachung und Kapitalkonzentration.

This is where Piketty and Snowden converge. When the Snowden leaks broke, there was a lot of talk about the mechanics and the legality of the NSA’s global digital surveillance, but precious little consideration was given to the reason for all this surveillance. In 2013, the idea that this spying was about „security“ was so obvious as to be self-evident. The questions at the time were whether spying could produce security. We weren’t asking why things were so insecure.

In retrospect, the answer is to be found in Piketty. Piketty’s Capital includes a long, impassioned plea to both lawmakers and aristocrats to consider redistributive policies (like a wealth tax) as the most affordable way to achieve political stability. Fundamentally, Piketty argues that the cheapest way to stop people from building a guillotine on your lawn is to build hospitals and schools; this is cheaper than paying for guards and prisons to lock up would-be guillotine builders.

Wie sich die Kostenstruktur der Massenüberwachung verändert hat, zeigt ein anschaulicher Vergleich zwischen der DDR und der NSA.

Of course, the GDR was already paying more than 1.2% of its population to spy on everyone else. It’s likely that East Germany’s leaders believed that their society simply lacked the fiscal space to hire more spies, even if short-staffing the Stasi risked societal collapse. Now, if Piketty is right, East Germany’s leaders could have solved this problem by giving people fewer reasons to want to overthrow the state. They could have taken their hands out of the cookie jar, could have instituted democratic reforms – they could have made a bid for democratic legitimacy and public material comfort. But that would have come at the leaders‘ own power and wealth, and, lacking the stomach for this sacrifice, they lost everything.

Enter the NSA: the digitization of human civilization has drastically reduced the cost of surveillance, and – again, per Piketty – this vastly increases the amount of inequality the world can sustain before the illegitimacy, incompetence and cruelty of rule by the neoaristocratic winners of the orifice lottery brings the whole thing crashing down.

Trump und alle Morbiditäten, in denen wir aktuell leben, können als direktes Resultat der Massenüberwachung gelesen werden.

The Trump years are proof of this. We’ve reached a high-water mark for rule by illegitimate billionaire dilettantes. The second Trump admin began with DOGE’s Bonfire of the Stupidities, where Musk cultists dismantled vast swathes of the American administrative state. Musk didn’t just attack foreign aid – though the fact that the world’s richest man murdered hundreds of thousands of the world’s poorest children for the lulz isn’t merely cruel, but also massively destabilizing in a way that will shake the world’s politics for generations – but also domestic institutions.


Ich bin ja eigentlich immer skeptisch gegenüber den Warnungen, das Smartphone mache die Menschen bekloppt, à la Manfred Spitzer oder Jonathan Haidt, aber dieses Video von Prof. Lemeshko über den Zusammenhang von Teenagerschwangerschaften und Smartphoneverbreitung hat mich dann doch aufgeschreckt, auch deswegen, weil er eben nicht Kognitions-Psychologisch, sondern Pfadpsychologisch argumentiert.

Lemeshko bespricht dort diese Studie von Nathan Hudson und Hernan J. Moscoso Boedo, die hier eine ganze Menge Daten unter einer für mich durchaus nachvollziehbaren Hypothese zusammenfassen.

Aber zunächst zu den Daten: Das Paper zeigt nicht nur, dass der Rückgang an Teenanger-Schwangerschaften nur der extremste Drop ist, in einer gesamtgesellschaftlichen Verschiebung, die sich als Gradient über die Altersverteilung zieht (siehe Screenshot), sondern auch, dass derselbe Shift sich auch in vielen anderen Ländern zeigen lässt und auch mit anderen Shifts im allgemeinen Verhalten korreliert.

Wir haben es hier mit einem Phasenübergang zu tun, einem Wechsel von einem Regime in ein anderes, für das das Smartphone nur der Transducer ist, der analoge soziale Pfadgelegenheitserwartungen in digitale soziale Pfadgelegenheitserwartungen wandelt. In Wirklichkeit geht es um die Frage, wie die Menschen ihre „unstrukturierte Zeit“ verbringen. Ihr wisst schon, das was man als Jugendlicher zu Hauf hat und mit dem Erwachsenwerden immer weniger. Wir nannten es „rumhängen“, oder wenn wir es draußen machten: „cornern“.

Gemeinsam verbrachte unstrukturierte Zeit ist, wo Freundschaften her kommen, aber eben auch Teenagerschwangerschaften. Jedenfalls kamen, denn der Phasenwechsel, von dem wir sprechen ist der zwischen offline Cornern und online Lurken. Der Witz ist, dass die Frage wo man seine Zeit verbringt, eben keine „individuelle“ Entscheidung ist, sondern durch Netzwerkeffekte bestimmt ist. Wenn 90% deiner Freunde online sind, dann wirst du gar nicht erst vorschlagen, dich an der Bushaltestelle zu treffen. Oder wie es im Paper beschrieben wird:

The smartphone case is distinguished by a coordination externality in peer-time allocation:a smartphone is valuable only to the extent one’s peers are on the platform, and in-person socializing is valuable only to the extent peers are physically available. The resulting strategic complementarity generates the tipping dynamic absent from appliance or tractor diffusion paths.

Diese Netzwerkeffekte gelten natürlich online wie offline. In meiner Jugend kam ebenfalls nicht die frage auf, ob wir uns „offline“ treffen, denn den Begriff kannten wir gar nicht? Meine Jugend war größtenteils noch analog.

The key symmetry is that both activities exhibit positive own-network externalities: in-person is more valuable when others are in person, and phone is more valuable when others are on phones. This is the standard supermodular-game structure of Katz and Shapiro (1985) and Milgrom and Roberts (1990), but applied here to the medium of peer communication rather than to technology adoption per se.

Aber das entscheidende ist die K_F_a des Zugangs zu beiden Orten: Jede Offlineaktivität braucht ein Mindestmaß an Koordination, Anstrengung einer Wegstreckenüberwindung, eine Erlaubnis der Eltern und eine Rückkehrmöglichkeit. Scheiße aufwändig. Online ist dagegen einfach: Mit dem Smartphone sind alle immer schon da, ohne sich überhaupt bewegen zu müssen.

Das Problem ist nur die K_F_a des Smartphonebesitzes selbst. Deswegen sehen wir eine klare Korrelation zwischen Smartphonepreis und Phasenübergang. Erreicht der Preis einen bestimmten Schwellenwert, wo sich die meisten Jugendlichen eines leisten können, sehen wir kaskadierende Effekte.

Cumulatively, from 2007 to 2019, the quality- adjusted price of a smartphone fell roughly 84 percent in real terms, and the series had already been falling for several years before 2007. This decline reflects falling hardware costs, rising processor and display performance per dollar, and growing carrier subsidies. The price trajectory is smooth. What is not smooth is the endogenous adoption response: as p falls past successive thresholds of the preference distribution F(θ), adoption m accelerates, and once m grows large enough the network externality δ m on the phone side exceeds the in-person externality α (1 − m) for the marginal agent, triggering a cascade and an equilibrium switch. The tipping date is a feature of where the endogenous response function crosses critical mass, not a feature of any kink or discontinuity in p itself.

In unserem Pfadmodell fangen soziale Phasenwechsel immer mit einer veränderten Kostenstruktur auf Layer 1 an, führen zu einer anderen Pfadgelegenheitsmatrix auf Layer 2, also verändertem Verhalten, vollziehen sich aber erst auf Layer 3, also wenn die erwarteten Erwartungen sich ändern. So lange der Preis des Smartphones unterhalb einer bestimmten Schwelle bleibt, die für die meisten Kids prohibitiv hoch ist (also nur Schnösel eines haben), werden die anderen im Offlineraum erwartet. Erst ab einer bestimmten Schwelle ist die Erwartung da, online erwartet zu werden und der Default switcht.



In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel von 2014, sprach ich über den Phasenwechsel im Umgang mit Informationen, den ich im „Kontrollverlust“ von Informationen ausmachte, die die digitale Welt bringt: Die These ist im Einzelnen komplex, wandert über Sensoren überall, Moores Law und „Big Data“ zu der Erkenntnis, dass wir nicht mehr wissen können, was Daten über uns sagen werden, aber heruntergedampft kann man die These zusammenfassen als:

Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen wären.

Der Phasenübergang begegnet uns im Alltag in Form der Erwartungs-„Ent-täuschung“. Unser Layer 2 ist noch von einer Welt geprägt, die aufgehört hat, zu existieren. In dem „Lag“ zwischen veränderten L1-Kostenstruktur und nachziehender L3-Erwartungserwartung und unserer daraus resultierenden L2-Hilflosigkeit, liegt der eigentliche Kontrollverlust.

Das alte Spiel beruhte auf der einfachen Tatsache, dass Informationen früher nicht frei fließen konnten. Informationsvermittlung war ein aufwendiger und deswegen immer ein bewusster Akt. Interessen und Bedürfnisse anzeigen und sammeln, Informationen innerhalb und außerhalb von Organisationen verbreiten und verarbeiten: Das waren aus gutem Grund ausgehandelte, gestaltete und kulturell eingeschliffene Prozesse. Datenschutz, Jugendschutz, Zensur, Staatsgeheimnisse, Urheberrecht, Unternehmensgeheimnisse, Öffentlichkeitsarbeit etc. sind Strategien, die noch auf dieser behäbigen Mechanik von Informationen beruhen. Diese Strategien versagen zunehmend ihren Dienst. Im Neuen Spiel entsteht Wissen frei und fließt schnell und unkon- trollierbar. Wir müssen uns auf eine Welt einstellen, in der wir nicht mehr wissen können, wer auf welche Daten Zugriff hat. Das stellt alle Institutionen und gesellschaftlichen Prozesse infrage, die sich bislang auf diese Informationskontrolle verlassen haben.

Ich nannte das Buch „Das Neue Spiel“, weil mir klar war, dass sich etwas ganz Grundlegendes unserer Art mit Informationen umzugehen geändert hatte und dass wir möglichst schnell die neuen Spielregeln lernen müssen, um nicht ständig von einem Unglück zum anderen zu stolpern.

Dabei muss dazu gesagt werden, dass ich diesen auf L3 immer noch nicht völlig eingepreisten Phasenshift nicht nur negativ betrachtete. Wikileaks, Snowden, die #Aufschrei-Kampagne und die vielen Skandale um Politiker*innen und Unternehmen, die mit und durch das Internet ans Licht kamen, versprachen auch ein neues Zeitalter der Transparenz und Occupy Wall Street sowie der arabische Frühling zeigten, dass digitale Tools in den Händen der einfachen Menschen fähig sind, festgefügte Machthierarchien herauszufordern.

Für diese neue Welt versuchte ich neue Strategien zu finden und zentral war dabei Nassim Nicholas Talebs Idee der Antifragilität. Wenn die K_F_a für Informationskontrolle von geringfügig zu prohibitiv springt, so meine Überlegung, dann muss man sich gegen Informationsleaks immunisieren.

In seinem neueren Buch Antifragilität behandelt Nikolas Taleb die Frage, wie mit schwarzen Schwänen – also absolut unvorhersehbaren Ereignissen – am besten umzugehen ist. Sie sind nicht zu verhindern. Statt Risikomanagement zu betreiben, so Taleb, müsse darum viel- mehr dafür gesorgt werden, dass die Systeme – die Unternehmen, die Finanzwirtschaft, die Gesellschaft und das eigene Leben – nicht »fragil« konstruiert seien. Robuste Systeme halten Anomalien und Störungen stand, sie sind nach Störungen noch im selben Zustand wie zuvor. Fragil hingegen sind Systeme, bei denen Störungen bewirken, dass sie sich verschlechtern oder gar komplett in sich zusammenbrechen. Das Gegenteil davon sind antifragile Systeme, die sich durch Störeinwirkungen verbessern. Das mythologische Vorbild des Antifragilen ist die Hydra. Wir erinnern uns: Wird der Hydra ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue nach.

Taleb gibt ein Beispiel für eine antifragile Strategie, die den Kontrollverlust direkt betrifft. Seine eigene Profession als Autor beschreibt er als antifragil gegenüber Gerüchten und negativer Berichterstattung. Er könne jederzeit einen Skandal vom Zaun brechen, und anstatt dass er daraufhin zurücktreten müsste – wie das beispielsweise Politikerinnen und Manager in der Regel tun müssen – würde sich sein Buch dadurch nur noch besser verkaufen.

Was 2014, als ich das Buch schrieb, noch nicht klar war: Der arabische Frühling wurde erfolgreich niedergeschlagen und die Freiheit wurde in den meisten Ländern mittels neuer Digitalüberwachung radikal eingeschränkt, die Wikileaks-Enthüllungen hatten kaum politischen und hauptsächlich popkulturellen Impact, Julian Assange wurde festgesetzt, die illegalen Abhörmaßnahmen, die Snowden aufdeckte, wurden einfach nachträglich legalisiert (in den USA wie auch hier) und auch die vielen folgenden Leaks, etwa die Panamaleaks über die Offshorevermögen der Eliten, machten großes Trara, aber auch sie blieben weitgehend folgenlos.

Und dann kam Donald Trump.

Spätestens nach dem Access Hollywood Tape und seinem Ausspruch, er könne jemanden am hellichten Tag auf der 5th Avenue erschießen, ohne die Konsequenzen zu tragen, war mir klar, dass wir es bei ihm mit einem Paradebeispiel eines antifragilen Politikers zu tun haben, dem keine Enthüllung je etwas anhaben kann. (Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich bis zur Veröffentlichung des Großteils der Epsteinfiles letztes Jahr noch leichte Zweifel hatte.)

Trump ist seitdem ein Rolemodel sowohl für die Techoligarchie, als auch für AfD, CDU und Konservative weltweit geworden. Zu Trumps Unaccountable-Beat schwingen inzwischen auch Elon Musk, Mark Zuckerberg, Friedrich Merz und Jens Spahn und natürlich auch Dobrindt.

Heute weiß ich: Jeder ungesühnte Skandal ist rückblickend eine Erlaubnis und Erlaubnisstrukturen sind materiell, also akkumulierbar. Trump ist nicht nur „robust“ gegen Skandale; mit jedem überlebten Skandal stieg sein Erlaubniskapital.

Es ist also nicht nur die Massenüberwachung und es ist nicht nur die monetäre Kapitalkonzentration, die uns in diese Scheiße geritten hat. Was ich 2014 noch nicht ahnte, ist, wie toxisch Transparenz auf die Gesellschaft wirken kann, wenn sie keine Mechanismen in Gang setzt, Verantwortlichkeit herzustellen. Alles, was man dann noch sieht, ist eine Elite, die all ihre Kosten auf uns externalisiert – bis wir auf Layer 3 nichts mehr anderes erwarten.

Der Phasenübergang ist erst jetzt so richtig vollzogen, wo niemand mehr erwartet, Privatsphäre zu haben, weil privatisierte Massenüberwachung und die Bildung von Geheimpolizeien normalisiert wurden, während „Verantwortlichkeit“ für Menschen mit Macht zur absurden Idee wurde.


Die Datenwissenschaftlerin Lauren Leek beschreibt in ihrem Newsletter eine andere Form von Phasenübergang, dem wir seit etwa derselben Zeit ausgeliefert sind, den ich im Neuen Spiel die „Query-Öffentlichkeit“ nannte. Meine Intuition war, dass wir durch personalisierte Feeds mehr Varianz und Freiheit in der kulturellen Kommunikation bekommen, einfach weil sie Empfänger- nicht Senderbestimmt funktioniert. Wie viele andere, dachte ich, dass das dem „Long Tail“ der Spezialinteressen zu gute käme.

Turns out: das Gegenteil ist der Fall: die algorithmische Ordnung der Feeds macht unsere ganze Welt immer homogener und das kann man an vielen unterschiedlichen Stellen beobachten. Dabei ist es fast egal, wie genau der Algorithmus die Vorselektion organisiert, am Ende kommt immer ein Prozess raus, der ungefähr so funktioniert:

Imagine forty options, cuisines, genres, shop types, and a standard algorithm: predict what people want, show them more of it, watch what they pick, update. Then let the loop run.

Dinge, die bereits populär sind, werden verstärkt, Dinge, die von Erwartungen abweichen, werden weiter reduziert, weil sie ein Risiko sind. Heraus kommt ein langsamer aber stetiger Phasenübergang, der weniger als plötzliche Hysterese agiert, sondern als eine kontinuierliche Ratsche in den Varianz-Kollaps.

The mode gets shown more, so it gets picked more, so the model grows more confident the mode is what people want, and the tails starve. Within a few dozen rounds, a catalogue that began almost perfectly even collapses onto one dominant option. But why does it collapse toward the mode rather than fan out across all that individual data?

Almost every recommender is trained to minimise a prediction error, get the rating wrong by as little as possible, or maximise the chance you click. But the problem is that under squared-error loss, the prediction that minimises your expected error is the conditional mean. So an algorithm that is uncertain about you, and it is always at least a little uncertain, hedges toward the average. The more uncertain it is, the harder it pulls you toward the crowd. This is why more data doesn’t save us.
– Personalisation under a standard loss function is regression to the collective mean with extra steps. Variance, the technical word for the stuff that makes you you, is expensive to predict. Basically, diversity is variance, and optimisers are built to minimise variance.

Das wiederum spiegelt sich im Verhalten aller, die mit dem Algorithmus zu tun haben, denn der Algorithmus steigert beides: das U_gelingt von Konformität und die K_F_a der Abweichung. Auch hier ist der Phasenwechsel erst erreicht, wenn die veränderte Kostenstruktur die erwarteten Erwartungen auf Layer 3 umgestaltet.

What makes this political economy (and hence why I decided to write about it) is that the system doesn’t have to be right, it only has to be listened to. A recommender that’s a mediocre predictor of what you’d love in a rich, diverse world becomes an excellent predictor of what you’ll click in the impoverished one it creates.

Leek zeigt für die Effekte viele Beispiele auf, etwa die Homogenisierung von Innenstädten (die immer gleichen Ketten in den immer ähnlicher werdenden Straßen), die Wortvarianz in Popsongs, die Filmauswahl bei Streamingdiensten und die gestreamlineten Antworten der LLMs.

Aber wir hatten bereits Beispiele dafür in diesem Newsletter, etwa in Ausgabe No 3, wo ich über Kyle Chaykas Beobachtung den Durchschlag dieses Phänomens auf das Design von Coffeeshops zitierte.

My theory was that all the physical places interconnected by apps had a way of resembling one another. In the case of the cafes, the growth of Instagram gave international cafe owners and baristas a way to follow one another in real time and gradually, via algorithmic recommendations, begin consuming the same kinds of content. One cafe owner’s personal taste would drift toward what the rest of them liked, too, eventually coalescing. On the customer side, Yelp, Foursquare and Google Maps drove people like me – who could also follow the popular coffee aesthetics on Instagram – toward cafes that conformed with what they wanted to see by putting them at the top of searches or highlighting them on a map.

Oder in Ausgabe No 75, wo ich Deepak Varuvel Dennisons klugen Essay über LLMs zu Wort kommen lasse.

The internal representation of knowledge in an LLM is not uniform. Concepts that appear more frequently, more prominently, or across a wider range of contexts in the training data tend to be more strongly encoded. For example, if pizza is commonly mentioned as a favourite food across a broad set of training texts, the model is more likely to respond with ‘pizza’ when asked ‘What’s your favourite food?’ Not because the LLM likes pizza, but because that association is more statistically prominent.

Aber streamlinende Algorithmen müssen nicht unbedingt digital sein, um zu wirken. In Ausgabe No 29 bespreche ich das Instagramvideo von Adam Aleksic, aka etymologynerd, der zeigt, wie sich Männliche Vornamen seit den 1970er Jahren immer mehr angenähert haben, paradoxerweise, weil Eltern bei der Benenung ihrer Kinder von Traditionen abwichen, um besonders „originell“ zu sein, dann aber doch nur wieder Männlichkeitsmarker in die Vornamen reinforcten und wo ich das Wort „Lockstep Individualism“ lernte.

In diesem Video beschreibt er das Phänomen, dass Jungennamen in den USA immer häufiger mit „n“ enden und dieser Trend zur Uniformität lässt sich paradoxerweise auf einen Abgrenzungswillen zurückführen. Es wurden ganz viele neue Namen kreiert, aber meist welche, die auf „n“ enden, weil das irgendwie „low key“ männlich wahrgenommen wird. Das führte zu mehr Männern mit „n“ am Namensende, was den Eindruck verstärkte, etc. Network effects all over again.

Die sozialen Kosten einen nicht-standard Vornamen für sein Kind auszusuchen, sanken in den 1970er Jahren dramatisch, was zu einer neuen Freiheit und damit Vornamenvarianz führte. Doch weil auch das Patriarchat eine algorithmische Reproduktionsschicht betreibt, schleichen sich Lockstep-Individualismen in der Benamung ein, die die Varianz auf anderer Ebene kollabieren ließen.