Google vs. China – Postnationale Cyberwars

Eben noch, am Wochenende, haben wir im Rahmen des Lean Luc-Think Tanks über genau diese Dinge gesprochen. Wir haben Facebook in Relation gesetzt zu Staaten. Wir haben darüber spekuliert, wie dort die Legitimation funktioniert, ob man in Social Networks Politik macht, welche Form von Gesetz herrscht. Und wir haben die Frage gestellt: Was ist relevanter: Politik oder Google?

Die Realität hat uns eingeholt. Während sich Barack Obama als Vertreter der Politik erst kürzlich am Nasenring durch die chinesische Arena hat ziehen lassen, spricht Google jetzt Klartext: Man droht offen mit dem Rückzug aus dem chinesischen Markt. Man habe sich an die staatlichen Regeln zu halten versucht, habe entgegen eigener Anschauungen Suchergebnisse zensiert. Und dennoch war man zuletzt Ziel staatlicher Hackerangriffe.

Angeblich hat Google jetzt bereits den chinesischen Zensurfilter entfernt. Die Reaktion Chinas ist vorhersehbar. Sie werden Google aus der great Firewall aussperren. Aber dann? Nicht nur Netzpolitik fragt sich, was passieren würde, würde Google voll in diesen Krieg einsteigen. Würden sie ihre Armada an Ingenieuren Tunnel durch die Zensurmechanismen schlagen lassen. Torserverfarmen für China? Vielleicht hat Google ja bereits eine eigene Lösung in der Schublade? Zuzutrauen wäre es ihnen.

Man kann das auch wirtschaftlich nüchtern betrachten: Google krebste im chinesischen Markt bisher mit einem einem Marktanteil von 12% herum. Und das obwohl sie einige Anstrengungen unternommen haben, dort Fuß zu fassen. Mit einer von Google provideten zensurfreien Suchmaschine ließe sich dieser Wert enorm steigern und das mit vermutlich erheblich weniger Kosten. Man müsste eben nur mal die Datensouveränität (gibt es sowas?) von China missachten.

Entweder mit Euch, oder gegen Euch.

Google hätte mit Sicherheit die Macht dazu. (Natürlich müsste man sowas mit der amerikanischen Adminstration absprechen. Die können Google nach wie vor den Hahn abdrehen und wenn denen solch ein Cyberwar nicht in den Kram passt… andererseits bin ich mir fast sicher, dass Google längst mit Obama gesprochen hat. Auch über die Schritte jetzt. Sowas macht man nicht unvorbereitet. Vor allem nicht Google.)

Aber: es ist gar nicht auszudenken, was das für einen Rattenschwanz nach sich zöge. Nicht nur für China, dessen Regime sich wohl nicht halten könnte, wenn die Firedämme brächen und die Welt per Google in das Land einfiele. Nein, etwas anderes ist entscheidend:

Wenn China, warum dann nicht auch Iran? Was gäbe es da noch für eine Rechtfertigung? Google wäre in der moralischen Pflicht, Informationen überall dorthin zu bringen, wo Zensur herrscht. Warum also nicht auch nach England? Oder nach Australien? Wozu sich überhaupt noch an Gesetze halten? Wozu überhaupt noch die Regulierungsansprüche von Staaten ernst nehmen? Wozu überhaupt noch Staat/Nation?

Und auf einen Schlag sähe jegliche nationale Gesetzgebung das Internet betreffend aus, wie ein Wutanfall von Mickey Mouse. Die staatliche Souveränität wäre als Prinzip angekratzt, wenn nicht gar völlig diskreditiert. Und es gäbe eine neue strategische Großmacht auf der Welt. Google kann Staaten stürzen.

Damit wäre 2010 gebührlich eingeläutet. Das postnationale Zeitalter hätte begonnen.

PS: Keine Ahnung, ob das gut oder schlecht wäre. Keine Ahnung, wie dann die Machtprozesse ausgehandelt würden. Keine Ahnung, ob es dann noch Menschenrecht gibt oder ob wir dann alle sterben müssen. Oder vielleicht nie mehr? Und keine Ahnung ob das gut wäre.
Aber: Ist das nicht krass???

Eine zugegebenermaßen etwas wirre, aber nichtsdestotrotz irgendwie interessante Herleitung der Notwendigkeit des Hackens

Und dann fand ich mich wieder mal mitten drin, in der Diskussion um das Grundeinkommen. Es müsse doch Gerecht zugehen und das System momentan sei eben ungerecht! Der Begriff „Leistung“ ist nichts anderes, als die Verschleierung der Tatsache, dass … „ABER“, wendete meine Gesprächspartnerin ein: Was sei denn gerecht? Als ob man das einfach so für sich hindefinieren könne. Eine objektive Gerechtigkeit gebe es schließlich nicht.

Nagut, dachte ich. Dann lassen wir das mit der Gerechtigkeit, eben. Ich erinnerte mich an diesen tollen Podcast, den ich relativ frisch abonniert hatte. Das Philosophische Radio hatte eine schöne Sendung über John Stuard Mill und im Zuge der Erklärung seines philosophischen Programms, dem Utilarismus – sowas wie das kohlsche wichtig-ist-was-hinten-rauskommt-Paradigma in akademisch – wurde das Beispiel einer Bewertung für Gesellschaftstheorien angeführt: So wäre die Haltung solch eines Utilaristen, dass unter vollkommener Absehung der Umstände ihres Seins, jenes System das beste, dass das meiste Glück der meisten ermögliche. Hey, das MUSS doch das Grundeinkommen sein, oder?

Naja, Glück, gut, das ist jetzt auch nicht so sehr scharf umrissen, aber immerhin etwas besser als Gerechtigkeit. Es gibt immerhin eine immer ambitionierter werdende Glücksforschung. Glück wird, wenn es nicht schon der Fall ist, sicher demnächst messbar sein. Dann werden wir ja sehen!
Nun hatten meine Gesprächspartnerin und ich erst gestern über den Schirrmacher diskutiert und seine nicht zu unterschätzende aber im Buch „Payback“ leider etwas untergehende These, dass – egal ob denn nun philosophisch oder neurowissenschaftlich begründbar oder nicht – der Glaube an den „Freien Willen“ umbedingt aufrecht gehalten muss. Eben weil es der Gesellschaft als ganzes nutze, diesen Glauben zu haben und auf ihn zu beharren.
Und während sie diese These als antiwissenschftlich, rückschrittlich, ja vielleicht sogar antiaufklärerisch zurückwies und ich mit ethischer Argumentation dagegen hielt und Schirrmacher einen digitalen Humanisten schimpfte, hätte ich nicht daran gedacht was nun, einen Tag später geschehen sollte.

Sie wand nämlich an dieser Stelle unserer Diskussion ein, dass ein solches auf Glück der meisten optimiertes Gesellschaftssystem sich wohl am ehesten durch Desinformation und Drogenverbreichung bewerkstelligen lasse, und dass das ja nun nicht die Lösung sein könne.

„Ha!“, rief ich! Also verfechtest Du also doch den freien Willen! Denn aus utilaristischer Radikalsicht ist es ja völlig egal, wie der Zustand des Glücklichseins herbeigeführt wird. Hauptsache, er ist da.
Aber natürlich gab ich ihr recht. Wie auch anders? Der glaube und Wille zum freien Willen ist letztendlich stärker, als man gemeinhin meinen sollte. Ich erinnerte mich an einen anderen Podcast der selben Reihe, diesmal mit Jan Philipp Reemtsma, jener Tabakzögling, der nach seiner Entführung, statt den Familienkonzern weiterzuführen, lieber eine Stiftung für Soziologie in Hamburg eröffnete und seitdem am Thema Gewalt herumforscht.

Nachdem die Ausschreitungen aus dem Menschsein behandelt waren, die viele Individuen in totalitären und gewaltdomierten Gesellschaften überfällt, kam es zur obligatorischen Gretchenfrage der deutschen Nachkriegsgeschichte, nämlich wie er, Reemtsma, sich denn verhalten hätte, im dritten Reich? „Ich hätte Widerstand geleistet! Natürlich!“ schnellt es aus ihm heraus und ich saß erschrocken vor dem, äh, iPod, vor solch einem offensichtlichen Mangel an Selbstzweifeln. Natürlich hakte da der Moderator nach. Wie man sich denn sicher sein könne. Nein, sagte, Reemtsma, sicher könne man nie sein. Aber er empfinde es moralische als Pflicht, dies nicht nur von sich zu behaupten, sondern auch fest daran zu glauben. Alles andere käme ja bereits einer Kapitulation vor der Gewalt gleich.

Aber wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Willensfreiheit und seine Begründung, nicht in ihrer Existenz, sondern in ihrer ethischen Notwendigkeit. Die Notwendigkeit muss zumindest in Form der roten und der blauen Pille gegeben sein. Dass heißt, dass ich Neo-gleich wie in Matrix entscheiden können muss, ob ich in der düsteren echten Realität gegen Robotermonster kämpfen will oder in der Gemütlichkeit einer bürgerlichen Existenz das Richtige im Falschen suche. Aber dafür vielleicht glücklich bin, weil mir der Name Adorno eh nie etwas gesagt hat.

Überhaupt die Bürgerliche Existenz! Jetzt, heute, kann ich es sagen! (Früher hätte man mir den Kopf gestreichelt und den wer-mit-20-kein-Sozialist-ist-Spruch über den Scheitel gezogen):
Zwischen Bauer sucht Frau und der Option auf den Abteilungsleiterposten befindet sich kein Fitzelchen Realtität! Niente! Gar nichts! Ich schwörs! Ich hab mit DENEN geprochen!

Und dann denke ich daran, wie ich zusammen mit Markus Beckedahl während des Hackerkongress 26c3 vor ein paar Tagen einfach mal über die Straße gegangen bin. Einfach nur die paar Meter vom BCC rüber in’s Alexa. Wir wollten Bier holen. Und was war das für ein Kultur-, Gesellschafts- und Realitätsschock! Was waren das für Leute! Die im Alexa. (Klar, die sind speziell genug, aber man bedenke, ich hatte drei Tage lang nichts als Nerds gesehen!)

Und hier muss man es eingestehen: Wir waren die Außerirdischen! Wir sind die shifting Reality. Wir sind die Blase und die Parallelgesellschaft. Wir sind es, die in die Realtät eingebrochen sind, nicht umgekehrt. Das war das eigentlich erschreckende.

Oder anders, etwas fairer: Auf so eine Art sind wir alle einander eine Martix. (Der Mensch ist dem Mensch eine Matrix! Was sachste, Hobbes?) Irgendwie leben wir alle in jeweils der Blase, in der wir uns am wohlsten fühlen. Eingelullt durch die Fehlwahrnehmung unserer Peergroups als Normalität. Und vielleicht ist das ja auch ganz gut so. Aber so ein Ausflug in’s Alexa führt einem hier und da dann auch die Pillenetscheidung wieder zu Gemüte. Auch das ist gut, denn man vergisst es, dass man selbst es war, der sich für blau oder rot, Bürgerlichkeit oder Szene, Sexuelle Ausrichtung und und Rollenmodelle entscheiden hat. Plomlompom aka Christian Heller nannte diese Vorgänge in seinem Vortrag „Identity Wars“.

Foucault hingegen nannte das „Individualisierung“ (PDF) und er nannte das nicht auf die platte Art, wie man sich denken könnte, sondern injizierte eine gute Portion Ironie. Denn die normativen Kräfte der Gesellschaft und ihre Schablonen sind das erste, was diesen Prozess überhaupt erst möglich macht. So meint der Begriff eben nicht Abgrenzung, Diversifizierung und Entfaltung der Persönlichkeit, sondern sein Gefügigmachen für die engen Korridore der gesellschaftlichen Dispositive. Erst ein gerbrochenes Individuum, dass die Grenzen seiner Welt gezeigt und infiltriert bekommen hat, wird zum Individuum im Foucaultschen Sinn.

Ein Freund von mir hat jetzt geheiratet. Dieser fundamentalste aller Initiationsriten der bürgerlichen Gesellschaft war das letzte, was ich von im erwartet hatte. Er war immer der, der kein gutes Haar an welcher Regel auch immer gelassen hat. Er war der Prototyp des Rebells und mein erstes Rolemodell. Und was er zu seiner Verteidigung sagte, geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Wenn man jung ist, hob er an, denkt man, man wäre total frei und könne alles neu denken, alles neu erfinden und das Leben würde sich schon bücken. Aber irgendwann merkt man, wie unfrei man damals war. Im Kopf. Wie man immer unbewusst die Schranken reproduzierte, die die Gesellschaft einem auferlegte.
Nach dieser Erkenntnis kann erst die eigentliche Revolutionsarbeit geleistet werden: Nämlich nietzscheanisch die Umwertung aller Werte. Erst wenn man sie alle Verstanden hat, kann man sie in Frage stellen und über sie hinausreichen.

Was sich ergibt, ist dann ein riesig großer Ozean. Ein Ozean an Möglichkeiten. Wenn man alles, nachdem man es gelernt hat, in Frage stellt, hat man die Freiheit alles andere auszuprobieren. Jeder Rebell wird kleinlaut, sobald er die Möglichkeiten ahnt. Denn: Here be Dragons!

Dennoch, einige, darunter ich, sind bereit, zumindest einige der neuen Möglichkeiten auszuloten. Neue formen der Arbeit, der Liebe, des Wohnens und und, und. Das grenzt fast an Fleisarbeit und ja, es ist schon anstrengend. Andere, wie mein Freund, begreifen, was sie da haben. Nämlich vor allem die Chance zu entscheiden. Dort, erst dort, wo alles in einem riesigen Ozean der Unentscheidbarkeit vor sich hinsuppt, kann man eine Entscheidung treffen, die eine wirkliche Willensentscheidung ist. Tja, so schnell kann es gehen.

Denn man muss eines begreifen: die Entscheidung für die Blase „brügerliches Leben“ ist so gut und so schlecht wie die Entscheidung für jede andere Blase. Wichtig ist allein, dass es eine echte Entscheidung ist. Und ja, ich BIN ein Verfechter des Freien Willens! Sonst hätte das alles für mich hier keinen Sinn.

Wo wir wieder bei Neo in Matrix sind. Als er am Schluss allmigthy wird, wird dies bebildert mit kryptischen Zeichenfolgen, die vertikal herunter laufend, seine Umgebung formen. Eine plakative Darstellung des Umstandes, dass er ein komplettes Tiefenverständnis für das System der Matrix entwickelt hat. Dass er, der Hacker, es nun gegen sich selbst und seine Gegner ausspielen kann. Dass er die Grenzen – Foucault würde sagen Dispositive – derart tief verstanden hat, ihre Schwachstellen, ihre Möglichkeiten, ihre Reaktionen und die Reaktionen auf ihre Reaktionen, dass er über sie hinausgehen kann, dort, wo die Drachen wohnen.

Und es ist kein Missverständnis, wenn uns Foucault kein Entrinnen bietet. Aus dem Prozess der Individualsierung, den Dispositiven, der Regierung und den Selbstpraktiken. Aber, das störte mich an Foucault schon immer, fatalistisch den Umstand hinnehmen will ich nicht. Wenn es immer ein System gibt, weil es immer ein System geben MUSS, dann ist nicht die Revolution, also die Abschaffung des Systems, die Antwort auf die Freiheit, sondern ihr Verstehen und das produktive Nutzen dieses Verstehens um das System gegen sich selbst zu wenden.

Dann ist Hacken als allumfassende, nicht nur auf Computer, sondern auf alle gesellschaftlichen Grenzen anzuwendende Praktik, die einzige Freiheitsoption des modernen Menschen.

max und mspro präsentieren: wir müssen reden II

Nachdem der erste Podcast so gut ankam, hatten wir uns gedacht: Ha! Das machen wir jetzt regelmäßig in kurzen Abständen immer wieder! Sofort!

[…]

Heute, mit den Augen eines alten Mannes, sehe ich diese Ankündigung dieser längst vergessenen Ära durch die Milde der gereiften Weisheit gegenüber dem jugendlichen Übermut von damals.

Aber dennoch: Wir haben es finaly geschafft. Ein zweiter Teil, in dem wir launisch von Thema zu Thema hüpfen und unsere Halbinformiertheit zu Meinungssurrogaten aufblasen, kann man hier herunterladen und oder direkt anhören. Und einen Namen haben wir uns auch ausgedacht!

wir müssen reden II

Des weiteren ist dies hier ein Platzhalter, denn es bohrten viele Twitterer Fragen in unsere Bäuche, eines angemessenen Podcastfeeds betreffend. Mit Recht! Und so bastelt Max ja bereits kräftig daran und sobald er fertig ist, werd ich auch den hier verlinken.

Offener Brief an Martin Steinkamp

An:
Martin Steinkamp,
Websuche Search Technology GmbH & Co KG
Martinistraße 3
DE-49080 Osnabrück

Betreff: Ihre Anfrage zur „rechtlichen Klärung wegen mspr0.co.de“

Lieber Martin Steinkamp,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 08.12.2009. Ich bin sehr angetan, dass Sie sich um meine Markenrechte sorgen und mir deswegen anbieten, bei Ihnen die Adresse mspr0.co.de vorsorglich schon mal für nur 99€ Pro Jahr zu sichern. So wie es ja schon lange „.co.uk“ gäbe, so gibt es nun eben auch „co.de“, wie sie mir kundtun und da ich ja eine der „wichtigsten Seiten im deutschen Markt“ betreibe, müsse ich ja schließlich auch und so. Sonst, so drohen schreiben Sie:

„Wenn Sie auf dieses Schreiben überhaupt nicht antworten, ist es möglich, dass die Domain mspr0.co.de in der Landrushphase durch einen Dritten registriert wird.“

Oh! Mein! Gott!

Kurz habe ich gedacht, ihr Schreiben sei eine perfide Vertriebsstrategie, die einem versuchten Betrug verdammt ähnlich sieht. Es wird der Eindruck erweckt, als ginge es um eine Markenrechtsentscheidung in meiner Sache. Es wird unterschwellig suggeriert, co.de sei eine öffentliche Vergabestelle (so wie das in dem von Ihnen genannten Beispiel der co.uk-Vergabe eben durch den offiziellen Toplevel-Domain-Betreiber Nominet gehandhabt wird und wo es im Gegensatz zu „.de“ ja gar nicht möglich ist, eine Secondlevel-Domain zu betreiben), die im Zuge künftiger Geschäftsprozesse lediglich Rechtssicherheit herstellen wolle. Obwohl Sie doch eine private Firma betreiben, die nur das Glück hatte bei den am 23. Oktober diesen Jahres vergebenen Kurzdomains die „.co“-Adresse abgreifen zu dürfen, mit der sie nun privat ganz normale und einfache Subdomains, die Sie nichts kosten, für teures Geld verkloppen wollen.

Aber nein. Ich da habe ich mich geirrt. Ich glaube, ihre Interessen sind altruistischer Natur, ihr Ziel, meine Marke zu schützen, natürlich aufrichtig. Im Gegenteil, ich schäme mich. Ich schäme mich, weil ich es Ihnen genau so wenig wie all den anderen Millionen Markenrechtsinhabern noch nicht erlaubt habe, Ihren Namen bei mspr0.de als Subdomain zu führen. Deswegen biete ich Ihnen einen Tausch an.

Ich nehme die Adresse mspr0.co.de gerne an, zahle auch meine 99€ pro Jahr, wenn Sie ihrerseits die Domain co.mspr0.de für nur 999 € pro Jahr Feindschaftspreis bei mir erwerben. Ist das nicht fair?

Denn bedenken Sie: derzeit sind Ihre Markenrechte hier in meinem Namensraum nicht durchgesetzt. Im Gegenteil, es wird eklatant dagegen verstoßen! Aber schauen Sie selbst.

Tiefstachtungsvoll,

mspro

NACHTRAG: Oh, ich sehe gerade: das Schreiben hat anscheinend schon die Runde gemacht. Hier, hier, hier und hier. via journalist & optimist

Leistung! Da korreliert nix!

Es ist ja nicht so, als sei ich immer und überall gleich gut zu verstehen. Manchmal braucht es auch für mich einige Anläufe. Und so schreibe ich Blogeinträge noch und nöcher, die nie das Licht des Internets erblicken. Sie schimmeln meist als idee.txt auf meinem Desktop, aber nur kurz. Denn ich weiß sehr genau, dass ich sie nie zu ende schreiben werde. Entweder es flutscht heraus, oder nicht. Und entweder es flutscht am Stück oder nicht. Allzu oft eben nicht.

Und so harren einige Ideen ihres Geblogges aber keine Sorge, sie kehren wieder und wieder, ohne mein Zutun, denn sie lassen mich nicht los. Auf diese Geister ist Verlass, auf Ihre Wiederkehr, weil sie keine Ruhe finden, sich immer wieder manifestieren. Aber nie fest genug. Bis jetzt. Vielleicht. Vielleicht ist es mir ja dieses Mal vergönnt, darüber schreiben zu können.

Es geht nämlich um ein Thema gewichtigen Ausmaßes. Und eines einer gewissen Komplexität und dann gab es da diese Situation auf Twitter. Wir diskutierten und zwar über die Pläne der Politik um die GEZ-Gebühr, ungeliebtestes aller Kinder der Medienlandschaft. Ich plädierte für die nutzungsunabhängige Haushaltspauschale, weswegen mich natürlich alle hassten und @kosmar warf die Möglichkeit eines PayPerView in die Timeline, so als Diskussionsgrundlage. Folgende Antwort hat er aber sicher nicht erwartet:
tweet

HA! Da guckt ihr doof, wa?

Aber was meine ich nun damit? Irgendwie kam mir das ziemlich schlau vor, sowas zu fordern. Und klar liebe ich es, zu verwirren. Aber – Überraschung – nein, das ist nicht nur die Pose eines radikalen Sophisten oder sophistisch Radikalen. Ich hab mir tatsächlich etwas dabei gedacht. Auf so ne Art.

Es doch nämlich so, dass das Mißverhältnis von Leistung und Geld klar und offen jedem zu Tage liegt und dass die tollen Songs nie in die Charts kommen und dass es selten die Fleißigen sind, die viel Geld haben, dass es selten das Sinnvolle ist, was ökonomischen Erfolg hat, ja, dass man mit Scheiße Geld verdienen und sein Lebtag Großartiges schaffen kann, Tag für Tag, ohne je auch nur einen Cent dafür zu sehen – und: dass die FDP die „Leistungsträger“ entlasten will. (Und was die FDP will ist ja meist per se falsch.)

All diese Indikatoren sind bekannt, all diese Erscheinungen sind weltweit und gesamtgesellschaftlich tausendfach beklagt und beschimpft worden und dennoch! Dennoch, trotz allem, fangen wir immer wieder damit an, Geld an Leistung knüpfen zu wollen. Und zwar immer dann, wenn wir auf der Seite der Zahlenden stehen. Da wollen wir sekundengenaue Abrechnung, da legen wir die Qualität auf die Goldwaage, da leiten wir allenthalben Ansprüche davon ab, dass wir 70 Euro 50 statt 70 Euro gezahlt haben. Da muss über jeden Cent Rechenschaft abgelegt werden und wehe wir haben eine Leistung nicht genutzt, für die wir gezahlt haben. (Ein Freund von mir stellte sich selbst zur „Langen Nacht der Museen“ die stressige und nur durch logistische Meisterleistung überhaupt zu vollbringende Aufgabe, alle (wirklich alle!!!) beteiligten Museen besichtigen zu wollen. Einfach um die größte „Leistung“ für sein Geld zu bekommen. „Leistung“ ist oft auch ein Ersatz für Freude.)

Ich mein, haben wir sie noch alle?

Denn wenn wir – auf der anderen Seite – nicht müde werden das – in jeder Hinsicht sinnvolle – „Bedingungslose Grundeinkommen“ zu fordern, dann kommen wir nicht umhin, diesen allgemein gesellschaftlich in den Grundstein unserer Kultur eingelassenen und versiegelten Zusammenhang von Leistung und Geld in seiner Grundsätzlichkeit anzugehen. Und zwar radikal und allumfassend!

Wenn wir davon weg wollen – und es gibt viele gute Gründe dafür – dann sollten wir aufhören daran zu glauben. An die Leistung ansich, meine ich. Natürlich gibt es die Leistung in der Physik, wo sie eine berechenbare Größe darstellt. Aber die Qualität einer Arbeit, die Schnelligkeit, die Notwendigkeit, die Gebrauchbarkeit und die Freude, die sie auszulösen im Stande ist, all das lässt sich nun mal nicht in dieser Kategorie „Leistung“ fassen. Was soll das sein? Wie kann man sie messen und wie entlohnen? Und man sollte dabei auch berücksichtigen, dass Geld eben nicht das einzige Gratifikationssystem ist, vielleicht nicht einmal das wichtigste.

Jetzt brauchen wir uns gar nicht unterhalten, darüber, was ich für lau tue, für mich, für euch, oft mit Herzblut. Dass das nicht nur mir so geht, dass das normal ist, dass man das schwerlich messen kann und dass es seit langem und für lange Zeit schwierig finanzierbar ist und sein wird. Nein, all das wisst ihr genau so gut wie ich. Wir wissen das. Aber der Lack bröckelt auch überall anders, wo man hinschaut. Überall: Leistung und Geld – da korreliert nix!

Wir sollten also anfangen den Zusammenhang zwischen Geld und Leistung nicht nur dort zu bezweifeln, wo wir unmittelbar davon profitieren würden, sondern überall wo sie uns eingebläut wird. Diese Ideologie, wie ich sie nennen würde, eine Ideologie – btw – die zwar meist in Kombination und in Begleitung eines sich „Liberalismus“ schimpfenden Ideensumpf einher kommt, aber ohne sich auch nur ein bisschen daraus herleiten zu lassen. Vielmehr – und dadurch ist diese Ideologie mit dem Liberalismus vielleicht doch verschwistert – entspringt sie dem Protestantismus, wie Max Weber richtig feststellte und ist für den Kapitalismus noch wegbereitender als die Idee des „Markts“. Sie hält uns alle in Trab, alle, die kein Auskommen haben, ohne sich in diese fesseln einspannen zu lassen. Ich würde mich sogar (jedenfalls probehalber) so weit hinein versteigen, dass ich sie für alles verantwortlich machen würde, was am Kapitalismus schlecht ist. Und doch reproduzieren auch wir immer und überall genau jene Ideologie, unter der wir leiden. Nichts anderes kann Nietzsche gemeint haben, wenn er uns Menschen eine „Sklavenmoral“ unterstellte. Eine „Moral“ der Tugend der „ehrlichen Arbeit“, mit der wir den Herrschaftsanspruch eben all jener sichern, die selber nicht arbeiten, sondern von unserer Arbeit leben.

Ohne das jetzt hier durch deklinieren zu wollen, ahnt man an dieser Stelle, dass sich wieder eine überraschende Wende einflechten ließe: Verstünde man den Liberalismus – auch den Marktliberalismus – jenseits, vielleicht sogar entgegen dieser Leistungsideologie, so ließe sich vielleicht doch so etwas wie ein Projekt des „linken Neoliberalismus“ denken? Einem Neoliberalismus, der entgegen seiner sonstigen Lesart den Menschen wirklich befreien will. Und zwar sowohl von seinen existentiellen Sorgen, als auch von dem Zwang, Arbeit zu verrichten, die er gar tun möchte.

Da sollte man demnächst mal drüber schreiben…

Schirrmacher II

Ich wurde gebeten, mich ein weiteres mal, diesmal etwas differenzierter, mit Schirrmachers Thesen zu beschäftigen. Wie das so ist, ein Text fordert einen zweiten. Wer weiß, vielleicht demnächst einen dritten. Bis dahin liegt er nun mal vor, in diesem Fall als Mail und wenn er schon mal da ist, so dachte ich mir, kann ich ihn auch Redundanzgetöse zum trotz, hier veröffentlichen.

Zunächst bin ich hoch erfreut, dass es dieses Buch gibt. Es transportiert einen seit über 10 Jahren in den USA in aller breite geführten Diskurs endlich nach Deutschland. Nicht, dass es ihn hier nicht gäbe. Nur spielte er sich fast ausschließlich in Blogs und Spezialmedien ab. Deswegen bin ich zweitens sehr dankbar, dass ausgerechnet Schirrmacher sich dieses Diskurses annimmt. Er ist einer der wenigen Menschen, die in der Lage sind, diesen Diskurs überhaupt auf die allgemeine Agenda zu setzen. Das liegt daran, dass hierzulande die Diskurse leider noch deutlich von den Feuilletons dominiert werden. Schirrmacher hat diese nun endlich aufgeschreckt und mit Hausaufgaben nach hause geschickt. Das begrüße ich sehr. Damit könnte es möglich sein, dass dieser Diskurs endlich auch in unserem verschlafenen Deutschland dort geführt wird, wo er hingehört: in der Mitte der Gesellschaft.

Ich bin also Herrn Schirrmacher zunächst sehr dankbar. Ich bin vor allem auch deswegen dankbar, weil man merkt, dass sich hier jemand auch tatsächlich tiefgreifend mit den Themen auseinander gesetzt hat. Das ist, siehe oben, gerade bei unseren selbsternannten Bildungsbürgern nicht üblich. Zudem schafft es Schirrmacher die Situation sehr gut zu beschreiben und teils sie treffsicher zu analysieren. Etwa 70 % sind schlicht wahr, weitere 20% zumindest halbwahr und nur 10% ist unbewiesener und hanebüchener Unsinn (Alle Zahlen sind Selbstgefühlt). Ich finde das ist eine gute Quote.

Was mir aber am meisten aufstößt: Seine größtenteils geschliffene Argumentation wird hier und dort unterbrochen von durch nichts zu rechtfertigender Alarmistik. Schirrmacher geht sogar so weit, seinen Text, seine Gedanken und seine Argumente ad absurdum zu führen, indem er ganz offensichtlich die gegenteiligen Schlüsse dessen formuliert, was er vorher aufwendig entwickelt hat. Und zwar – so hat man den Eindruck – nur des Geschreis wegen.

Das Beispiel mit dem Menschen und Berechenbarkeit habe ich versucht, im Blog aufzudröseln. Wenn es so ist, dass wir Gehirnfunktionen immer intensiver an die Maschinen auslagern – was ohne Frage stimmt – dann ist der Schluß, dass diese Maschinen uns und unsere Entscheidungen immer mehr berechenbarer und unkreativer machen, unser Menschsein einschränken, gerade zu absurd. Im Gegenteil eröffnet uns dieses „abnehmen“ der berechenbaren Hirnfunktionen durch die Maschinen ja viel mehr kreativen Freiraum, vielmehr Entscheidungsgewalt und -möglichkeit als es je zuvor der Fall war.

Gerade was die Informationsvermittlung angeht sollte er das doch am eigenen Verlag spüren. Das, womit nicht nur sein Haus zu kämpfen hat, dass der Journalismus nicht mehr die einzige Filter- und Gatekeepinstitution ist, ist doch gerade der Beweis dafür. Journalisten, als diejenigen wenigen Schaltstellen, die mir die Informationen vorselektierten, werden mehr und mehr abgelöst durch andere heterogenere Filtermechanismen. Diese sind meist keine einfachen Algorithmen, sondern speisen sich aus menschlichen Filtern die an Filtern hängen, die wiederum Filter sind und die zusammengeschaltet eben jenen personalisierten Filter ergeben, der /meine/ Entscheidung, /meine/ Entschiedenheit und /meine/ Vorlieben besser entsprechen und menschlicher und direkter bedienen kann, als es alle je auf der Erde gelebten Journalisten gekonnt hätten. Mein Entscheidungsspielraum wächst hier in Exorbitanten Maßstab an, anstatt, wie Schirrmacher es suggeriert, abnimmt.

Und falls Schirrmacher meiner Argumentation nicht folgen möchte, so sei ihm mit einem an Augustinus geschulten Derrida (den er ja studiert hat) gesagt, dass wir nur dort wirklich entscheiden, wo wir Unentscheidbares entscheiden. Dass wir also eben bei der Navigation im schier unendlichen Datenozean viel mehr entschieden haben werden, als wenn wir uns heute die „FAZ“ statt der „Welt“ kaufen.

Was die angeblichen Veränderungen unserer Hirne angeht: Geschenkt. Auch wenn ich die heutige Datenlage für solcherlei Behauptungen für äußerst Dürr halte, frage ich mich, was denn überhaupt so schlecht daran sein kann. Denn wenn Mediennutzung das Gehirn derart verändert, dann muss auch ab 1600 im Zuge der Alphabetisierung der Menschen eine solche Veränderung stattgefunden haben. Das lässt sich jetzt sicher nur noch schwerlich nachweisen, aber wenn, dann können wir davon ausgehen, dass wir alle diese Hirnveränderung keinesfalls rückgängig gemacht haben wollen. Wir rüsten uns also auch dieses mal für die Zukunft.

Aber auch jenseits solcher Überlegungen wirken die apokalyptischen Ponyreiter, die hier und da mit Schirrmacher durchgehen, sehr gewollt. Wie eine in den Text eingelassene PR-Note, die nichts tun soll, als eine irrationale Hysterie zu schüren, um den Absatz des Buches zu fördern. Plump, unausgegoren und logisch inkonsistent.

Mag sein, dass sowas nun mal zu dem Handwerkszeug eines echten Agendasetters gehört. Ich finde das peinlich und es nimmt dem eigentlich ja durchaus gut geführten Diskurs Schirrmachers die Glaubwürdigkeit und Sympathie, die es bräuchte, hier im Web, wo dieser Diskurs seit langem geführt wird, wirklich ernst genommen zu werden.

Aber klar. Für die Bild reicht das allemal. Und allein dafür sollten wir dankbar sein.

Frankieboy und seine apokalyptischen Ponyreiter

Wenn der Frankieboy einen Haufen setzt, dann ist das natürlich eine Vorlage, in die jeder mal rein treten will. Ich auch! Denn Frankie ist anders. Anders als die schaumgeifernden Feuilletonisten, die sich ob der Neudefinition des kulturellen Raums durch das Internet in ihrer Goethebüste festgebissen haben. Kein plattes „das ist doch alles nur Müll„, keine undemokratische „Da kann ja jeder kommen„-Haltung und auch keine dümmlichen „rechtsfreier Raum„-Platitüden kommen dem Frankie über die Lippen. Denn dazu ist er viel zu intelligent, zu wach – und zu belesen.

Schirrmacher hat sich da ganz schön was angeeignet, könnte man meinen. Während die meisten anderen Bildungsbürger ihre Netzratschläge noch bei Hegel suchen und nicht finden, hat Frankie sie alle gelesen, die Vordenker des Computers und des Internets wie wir es kennen. Leute, die zwar jedem Netcitizen ein Begriff, aber in den Feuilletons dieser Welt noch nicht existent sind. Und er hat sich wirklich bemüht, sie zu verstehen. Das muss man ihm hoch anrechnen. Das ist sehr viel mehr, als wir bisher von der etablierten Intellektuellenriege vorgesetzt bekamen.

Schirrmacher nimmt das Internet ernst. Er leugnet die Entwicklungen und die Schlagkraft der kommenden gesellschaftlichen Veränderungen nicht, sondern erkennt ihre Zwangsläufigkeit an. Er übertreibt sie sogar in seinem methusalemkomplottigen Alarmismus, aber ach, hier – in Sachen Internet – bleiben es auf Dauer ja sicher eh Untertreibungen. Dennoch gehen wie gewohnt die apokalyptischen Ponyreiter mit ihm durch. Irgendwo muss er doch aus dem Busch zu ziehen sein, der Weltuntergang, das Ende des Menschengeschlechts, oder sowas. Ganz egal ob es dem Text die Konsistenz und logische Stringenz kostet: Ein Gespenst muss umgehen im Schirrmacheraufsatz und zwar diesmal das Gespenst der Entmenschlichung durch Berechenbarkeit.

Seine These ist ungefähr folgende: Die Informationsflut, die das Internet erzeugt ist menschlich nicht zu bewältigen. Deswegen schaffen wir uns wiederum Algorithmen, die es uns erleichtern sollen, die Inhalte für uns zu filtern. Da aber also Maschinen für uns filtern, verlieren wir letztendlich die Kontrolle über das, was uns als Menschen definiert, unsere Weltperzeption. Diese Enteignung der menschlichen Perzeptions- und damit auch irgendwie Deutungshoheit über die Welt sieht er als kommende Gefahr. Wir werden somit von den alten Menschen, die in Zukunft die Weltherrschaft… Wir werden somit selber immer mehr zu Maschinen. Berechnend, berechenbar, irgendwie mechanisch.

„Wir brauchen die Software, die uns analysiert, um mit der Informationsflut fertig zu werden. Aber indem sie uns analysiert, reduziert sie immer mehr unser Gefühl dafür, dass wir wählen können und einen freien Willen haben.“

Natürlich hat er gewissermaßen recht. Wir lagern immer mehr Entscheidungsprozesse in die „Wolke“ aus. Wir lassen Datenbanken und Algorithmen unsere Vorlieben, Interessen und Themen lernen, verfeinern diese stets mit neuem Futter und schreiben so ein sehr komplexes und ein scheinbar sich immer weiter komplettierendes Bild unseres Geistes in den digitalen Hades. Ein Abbild, das zu arbeiten beginnt, das anfängt zu spuken, indem es uns unsere Wünsche direkt von den, äh, Datenbanktabellen abliest. Es ist das, was einige Futuristen bereits als die Anfänge des kommenden „Mind Upload“ bezeichnen, also die Austreibung der Geister aus dem „Meat space“. Hinein in die Wolke!

„Dies alles dient dem Zweck, dass die Maschinen wiederum den Einzelnen besser lesen können – ein Ziel, das viele von uns, man darf sich nichts vormachen, begrüßen, ja sehnsüchtig erwarten und das für das Funktionieren unserer digitalen Gesellschaft unerlässlich ist. Je besser der Computer uns kennt, desto besser die Suchergebnisse, mit denen er uns aus der Datenflut, die er selbst erzeugt, retten kann.“

Keine Frage, das tun wir jeden Tag. Und jeden Tag mehr. Aber was genau sind das für Prozesse und Daten, die wir auslagern? Welche Teile unseres Gehirns sind es, die wir automatisieren und vielleicht noch verschalten? Tun wir das unterschiedslos? Wo ist die Grenze? Gibt es die?

„Der Mensch ist eine statistische Datenmenge, die bei genügender Dichte nicht nur Rückschlüsse auf sein bisheriges, sondern auch auf sein zukünftiges Verhalten ermöglicht.“

Ist dem so? Ist das alles nur eine Frage des Algorithmus, der Rechenleistung und der Daten, die zur Verfügung stehen um all mein Denken, meine Wünsche und Vorstellungen und auch mein Handeln vorhersehen? Um das zu befragen, lohnt es sich mit den Grundlagen der Computerei genauer zu beschäftigen. Insbesondere mit jenen, die sich der Vorhersage der Zukunft beschäftigen.

Im zweiten Weltkrieg entwickelte Norbert Wiener ein mathematisches System, dass es möglich machen sollte, bewegte Objekte mit maschineller Präzision vom Himmel holen. Der Linear Prediction Code bekommt als Input die Position des Objektes zur Zeit t0 und schätzt heuristisch dessen zukünftige Position zum Zeitpunkt t1 ins blaue hinein. Sodann bekommt er zu t1 eine weitere, echte Positionsbestimmung, die mit dem Schätzwert verrechnet wird. Aus diesen Berechnungen wird wiederum eine neue Schätzung für t2 abgegeben und so weiter. Wenn man diesen rekursiven Prozess nun einige Male wiederholt kommt man irgendwann tatsächlich zu einer relativ präzisen Zukunftsvorhersage der Position eines sich bewegenden Objektes. Relativ. Wenn das Objekt nämlich auf seinem Flug einen Vogel streift sind auf einen Schlag alle Berechnungen umsonst. Es mag komplexer sein, ein sich bewegendes Objekt zu beschießen, als ein fest stehendes und in einer idealen Welt wäre jede Bewegung vorhersehbar, vor allem die von V2-Raketen. Aber es gibt in dieser Welt immer Koinzidenzen, immer gibt es Chaos, Kontingenz und Zufall oder wie ein späterer Wiener sagen würde: Noise. Noise ist nicht berechenbar. Es ist der Name des Nicht-berechenbaren und des Lebens.

Das bringt uns zu einem Zeitgenossen Wieners und dem eigentlichen theoretischen Begründer des Computers. Alan Turing suchte eigentlich nach einer Möglichkeit abstrakt zu beschreiben, welche mathematischen Probleme mit endlichen Rechenschritten lösbar seien und welche nicht. Zu diesem Zweck erdachte er sich in reiner Theorie eine Maschine, die Zeichen lesen, löschen und schreiben kann. Und dieses auch Rekursiv kann und so an selbst errechneten Ergebnissen wiederum rechnen kann. Und auch wenn er sich das ganze noch sehr „telegraphistisch“ mit Schreib- und Lesekopf auf Papierband vorstellte, war es eben doch diese Funktionsweise des Prozessors, wie er heute noch überall auf den Schreibtischen – und mittlerweile in den Hosentaschen – vor sich hintaktet.

Die Ironie der Geschichte will es nun, dass diese Turingmaschine, die nicht nur zwischen den berechenbaren und den unberechenbaren Problemen unterscheiden soll, sondern diese Unterscheidung ist, heute unser Leben bestimmt und genau jene Ängste Schirrmachers ermöglicht. Und zwar in dem sie alles, wirklich alles was berechenbar ist, berechnet. Nach und nach, natürlich. Aber stetig. Aber der Umstand, dass der Computer diese Unterscheidung zwischen berechenbar/nicht-berechenbar ist, heißt aber auch: was nicht berechenbar ist, wird nicht von Computern berechnet werden können. Niemals, nicht heute und auch morgen nicht, denn Computer sind per definitionem unfähig das unberechenbare zu berechnen.

Damit sollte klar sein, welche Hirnfunktionen in den Computer oder die Wolke ausgelagert werden – ja werden können: alle berechenbaren. All das, was wir unwillkürlich tun. Unsere Sterotypen und Gewohnheiten. Alles vorhersagbare, ja das langweilige an uns.

Aber: Diese Dinge waren auch vor der Erfindung des Computers berechenbar. In der mathematischen Definition. Der Computer macht nichts berechenbarer als es vorher schon war – vor allem nicht uns. Die Computer enteignen uns mitnichten unserer Deutungs- und/oder Perzeptionshoheiten oder gar unserem Willen, sondern sie befreien uns vom Ballast des immer gleichen. Von Redundanz und all die Regelhaftigkeit des Alltags, unsere Pawlowskität und unser Stereotypismus. Vielleicht irgendwann auch unsere Vorurteile und unsere Plattitüden. Automatisierbare Kulturkritiker kann ich mir durchaus vorstellen. Ja, Schirrmacher wird vielleicht eines Tages sogar seinen reflexhaften Alarmismus in die Wolke auslagern können. Das wäre doch mal toll!

Denn, und das ist das eigentlich erschreckende an dem Text: Schirrmacher weiß all dies selber. So schreibt er uns als Aufgabe für die Zukunft ins Stammbuch:

„Es geht im besten Fall darum, Menschen das tun zu lassen, was sie am besten können – und das zu entrümpeln, was die Computer uns abnehmen.“

Und das ist eben alles, was Kreativität, Deutung und Willen nicht ist:

„Der Computer kann keinen einzigen kreativen Akt berechnen, voraussagen oder erklären. Kein Algorithmus erklärt Mozart oder Picasso oder auch nur den Geistesblitz, den irgendein Schüler irgendwo auf der Welt hat.“

Und so schließt Frankie sogar gekonnt daraus:

„Je stärker die Computer in unsere Sprache und in unsere Kommunikation eingreifen, desto dringender wird eine Erziehung, die zeigt, dass die wertvollsten menschlichen Verhaltensweisen durch Nicht-Vorausberechenbarkeit gekennzeichnet sind.“

Bei all dem kann ich ihm wiederum nur zustimmen. Aber wo waren jetzt noch mal die Gefahren? Wo drohte gerade noch der Weltuntergang? Das meine ich mit methusalemkomplottiger Alarmistik. Was wäre Frankieboy bloß ohne seine Apokalyptischen Ponyreiter?

Vermutlich weniger berechenbar.

Liebe SPD, vorne ist…

Ich fahre morgen mitten hinein, in den Sturm aus Scheiße. In all dem Dreck werde ich versuchen, die SPD ausfindig zu machen. Mal schauen, wie es ihr geht. Naja, wie geht’s ihr wohl? Schlecht. Schlechter als schlecht. Ich würde sagen, ihr geht es so schlecht wie seit 1933 nicht mehr. Und obwohl sie mir wirklich und aufrichtig leid tut, hab ich doch keinen Zweifel daran, dass sie sich diesen Zustand selbst zu Schulden hat kommen lassen. Neben der Arroganz der Macht und den neoliberalen Richtungsfehlentscheidungen ist es vor allem die fehlende Innovationskraft, die diese Partei in Grund und Boden gewirtschaftet hat.

Jahrzehnte ist man immer nur den Diskursen der anderen hinterher gelaufen. Jahrzehnte hat man sich vom politischen Gegner die Parolen ins Stammbuch schreiben lassen. Man ist sofort gekuscht, wenn die CDU eine dümmliche Antilinkskampagne nach der anderen veranstaltete. Man ist zusammengezuckt, wenn man ihr innenpolitisch einen zu laschen Kurs vorwarf und hetzte nach dem Erfolg der Linken deren Themen hinterher, dass es nur noch peinlich war.

Jetzt ist die Regierungszeit vorbei und man könnte meinen, dass dies der SPD wenigstens eine Atempause lässt. Zeit zum gesunden. Weit gefehlt. Gerade jetzt, gerade in dieser Situation ist Innovationskraft gefordert, wie vorher nicht. Es gibt keine Zeit zu verschnaufen. Die SPD muss jetzt innovativ sein, muss jetzt zeigen, was sie kann. Sonst wird diese Oppostion der Schlußstrich unter dem Kapitel „SPD“. Aber dafür muss ich etwas ausholen:

Die SPD sitzt seit geraumer Zeit zwischen den Stühlen. Als Schröder seinen Arsch, und damit den der ganzen SPD, unter dem Schlachtruf der „Neuen Mitte“ nach rechts schwang und die Union plötzlich, völlig überrumpelt von diesem Manöver mit einer Arschbacke im leeren hing, glaubte man noch, dass dieses Ergebnis von Dauer sein könnte. Aber warum sollten Konservative und Neoliberale auf Dauer eine sozialdemokratische Partei unterstützen, die sich nur durch biegen und brechen zu ihrem Lakai machen konnte? Das ging zwar eine Wahl lang ganz gut, sicher. Aber schon bei der nächsten Wahl nimmt man dann doch lieber das Original, die CDU und die FDP. Die bücken sich auch viel geräuschloser und ohne diese großen Debatten.

Und schon war der rechte Stuhl wieder weggerückt und diesmal saß die SPD mit halber Arschbacke im luftleeren Raum. Das wäre nun kaum ein Problem, wäre die SPD nun eben wieder zurück nach links gerückt und hätte so ihre Stammwählerschaft wieder aktiviert. Die hätten der SPD den kurzen Ausflug nach rechts durchaus verziehen. Aber das sah man in der Parteiführung anders. Immer autoritärer wurde der Führungsstil, immer abgehobener die Funktionäre. Gegen die eigene Basis und auch gegen den Willen der Bevölkerung wurde diese Politik eisern durchgezogen. Der Wille ein paar verwirrter Männer mit Profilneurose.

Auch das wäre einigermaßen gut gegangen, wäre da nicht der Oskar gewesen. Der hat einfach einen weiteren Stuhl links neben die SPD gestellt und sich mit einer Arschbacke auf diesen und mit der anderen auf die freie, unbesetzte Hälfte des SPDstuhls gesetzt. Ein kurzer Ruck nach links und Zack: Die SPD hängt komplett in der Luft.

So lange sie an der Regierung war, konnte sie diesen Umstand mit Sachzwangausreden notdürftig verdecken. Nun, in der Opposition kommt diese Stuhllosigkeit voll zum tragen. Zwar wären die Feinbilder wieder klar verteilt – Schwarz-Gelb eignet sich dafür prima – doch auf der Oppositionsbank sitzt man nicht mehr alleine. Die Grünen haben viele linke Zukunftsthemen ganz gut besetzt und „Sozialdemokratie“ konnte die Linke zuletzt besser als SPD.

Wie kann es die SPD also schaffen einerseits eine kraftvolle Opposition gegenüber von Schwarz-Gelb zu entfalten und sich gleichzeitig gegen „die Linke“ und die Grünen abgrenzen? Das geht nicht mit den klassischen Inhalten. Die Linke spielt darauf nämlich mindestens genau so gut und hat einen hier Glaubwürdigkeitsvorsprung.

Das ist so ziemlich das ganze Schlamassel in dem die SPD heute sitzt. Weder links noch rechts ist ein Plätzchen frei. Die Reise nach Jerusalem geht ohne die SPD weiter. Es sei denn, die SPD schafft es, einen weiteren Stuhl hervor zu zaubern. Sich einen Stuhl zu erfinden, sozusagen. Einen Stuhl, der noch nirgends steht, den noch niemand ins Spiel gebracht hat, der aber einzubringen ist. Einen Stuhl der Zukunft, sozusagen.

Dass das nicht ganz unmöglich sein könnte, lässt sich an der riesigen Menge der Zukunftsthemen ablesen, die noch lange keine Berücksichtigung in der Politik gefunden haben. Größte Herausforderung: Die Postarbeitsgesellschaft. Ein Thema vor dem bisher noch jeder Politiker so fest er kann die Augen verschließt. Dabei steht es überhaupt nicht in Frage, dass sie zwangsläufig kommt. Die Frage ist nur, wie man sie organisiert. Mit den klassischen, politischen Werten, die sich alle an dem Ziel „Vollbeschäftigung“ ausrichten, wird da nur noch mehr Schaden angerichtet. Hartz4 ist so ein Desaster, dass die SPD mit dem Motto „sozial ist, was Arbeit schafft“ verursachte. Dieses Denken gilt es zu überwinden, wenn man die SPD zur Zukunft hin ausrichten will.

Eine neue SPD kann keine Arbeiterpartei mehr sein. Sie kann nur eine Umverteilungspartei sein und eine solche braucht es heute dringender als zuvor. Denn wenn die Wertschöpfung sich immer weiter von der menschlichen Arbeitskraft entkoppelt hat, gehen auch die Profite umso ausschließlicher an die Kapitalisten, also an die wenigsten. Es gilt hier zu einem wirklich solidarischen Gesellschaftsbild zu kommen, in dem die wachsenden, von der Wertschöpfung entkoppelten Bevölkerungsanteile ebenso Nutznießer der digitalen Revolution sein müssen. Technologie muss dem Menschen nutzen. Und dem Menschen meint eben nicht: einigen Menschen, sondern möglichst allen.

Von diesen Zukunftsthemen gibt es noch eine ganze Reihe weiterer. Und sie sind dringend. Ein Großteil davon lässt sich nur solidarisch sinnvoll lösen. Die SPD könnte hier auftrumpfen, wenn sie eine neue, zukunftsfähige Version der Solidarität schafft. (Die Zukunft der Solidarität ist so ein Blogthema, dass ich seit Monaten mit mir rum schleppe…)

Es werden sehr bald, sehr konkrete Zukunftskonzepte gefordert sein, die weit, weit, weit alle politischen Horizonte sprengen werden. Und zwar die aller Parteien. Wer hier als erster eine Position entwickelt, wird den Diskurs dominieren. Eine starke neue Sozialdemokratie ist das, was man auch und gerade in der Zukunft brauchen wird.

Wenn ich der SPD also einen Rat geben dürfte:

Vorwärts! Flieht nach vorn!

Die Multipedia: Schafft ein, zwei, viele Wikipedien!

/*** UPDATE: Was natürlich wieder klar war: Die Idee hatte nicht nur ich, sondern auch jemand, der nicht so lange zögert, sondern sich gleich in den Code vertieft. Ich bin gespannt was dabei raus kommt. Danke jedenfalls, Tim Weber für die Gitpedia und viel Glück für das Projekt!
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Ich bin gerade in Köln. Der Weg von Berlin ist relativ weit und aufwändig, auch dann, wenn man fliegt. Ich fahre normalerweise Bahn. Ich mag es mit der Bahn zu fahren, denn die Bahnfahrten sind bei mir nie verlorene Zeit, denn selten gelingt es mir so gut Bücher lesen, wie auf Bahnfahrten. Diesmal bin ich aber geflogen. Das ist billiger, sogar mit Bahncard 50. Und es geht schneller. Aber mit lesen ist es eben schlecht. Diese vielen Stationen, die man da durchläuft. Zwei mal Umsteigen bis man überhaupt am Flughafen ist. Dann Checkin, Warten, Boading, Warten, Fliegen, Gepäckband, etc. Da kommt man schlecht zum lesen, bei dieser ganzen Hektik.

Deswegen hab ich ganz viele Podcasts gehört. Das klappt nämlich super. Zwei der Podcasts, der letzte Chaosradio Podcast sowie ein relativ (relativ ist hier auch ziemlich relativ, nicht Tim Pritlove? ;)) neuer Chaosradio Express-Podcast waren ziemlich inspirierend. Und zwar in Sachen Wikipediadiskussion. Klar, der Chaosradiopodcast ging genau darum. Aber der andere, der Express handelte eigentlich von was ganz anderem und war dennoch wegweisend für diese Debatte. Und zwar ging es um verteilte Versionskontrollsysteme. Dort wurde ein neuer Ansatz diskutiert, um dezentral und kollaborativ an Dokumenten (ok, meist Programmquellcode) zu arbeiten. Ich kann diesen Podcast nur jedem empfehlen, auch Nichtprogrammierern. Die Materie ist einigermaßen Komplex und es ist nicht einfach sich in die abstrakten Probleme der Versionskontrolle rein zu arbeiten. Aber wenn man sich darauf einlässt, dann wird man mit den Sprechern zusammen zur Hälfte hin merken, dass der Ansatz den „Git„, eine relativ neue Software in diesem Bereich, verflogt, tatsächlich revolutionär und zukunftsweisend ist. Und zwar über das Versionieren von Programmcode hinaus.

Die Idee ist recht einfach. Anstatt, dass man alle Dateien des Codes zentral verwaltet und die Programmierer sich nur zum editieren die einzelnen Dateien für die Zeit der Bearbeitung „auschecken“, zieht man sich von Anfang an eine ganze Kopie des Kontens, sowie der Bearbeitungshistorie und sonstigen Metadaten direkt lokal auf die Platte. Man macht so zu sagen sofort einen eigenen Fork auf, sobald man anfängt zu programmieren. Wenn man seine Änderung also lokal getan hat, kann man sie direkt auch lokal testen. Und wenn die Instanz, von der man den Code bezogen hat, selber auch von der Änderung überzeugt ist, kann sie sie einfach wieder bei sich einpflegen.

Der Witz ist nun, dass der Alptraum eines jeden offenen Projekts – der Fork – nicht mehr einerseits schwierig zu bewerkstelligen, andererseits schwierig rückgängig zu machen ist, sondern dass das System genau forken und wieder eingliedern erleichtert, ja sogar fördert. Das vereinfacht nicht nur die üblichen Kompatibilitätsprobleme, sondern lindert effektiv die sozialen Spannungen, die in solchen Projekten immer schnell entstehen.

Und hier kommen wir zur Wikipedia, bei der gerade die sozialen Spannungen so schlimme Ausmaße angenommen haben, dass ein weiterer Fork derzeit heiß diskutiert wird.

Aber vorher etwas Küchensoziologie:

Was die Wikipediadiskussion zeigt, ist, dass die Krise in der die Wikipedia steckt, eigentlich keine ideologische ist. Sie ist eine soziale.

Es ist jenes alt bekannte soziale Phänomen, wenn ein Biotop sich zunehmend gegen außen abschießt, ein inneres Eigenleben entwickelt und dann – einem Tümpel gleich – biologisch umkippt. Das riecht dann streng. So wie die Wikipedia derzeit von innen.

Wann immer sich Gruppen definieren, die zum Beispiel ein gemeinsames Hobby oder Ziel haben, gibt es solche und solche Menschen, die sich am Projekt beteiligen. Es gibt die Engagierten und die weniger Engagierten. Die Beweggründe für das Engagement sind so unterschiedlich wie die Intensitäten. Und so kristallisieren sich zunehmend Funktionäre heraus. Das sind Menschen, die sich „verdient“ gemacht haben. Sie proklamieren – mit einem gewissen Recht – eine Meinungsführerschaft. Und mit der Zeit fühlen sie sich nicht nur völlig berechtigt, sondern gar verpflichtet – ja ganz unabdingbar und unersetzlich, diese Führerschaft inne zu haben. Wo soll das denn sonst hinführen. Nur sie kümmern sich ja schließlich. Denn – so die nachvollziehbare Argumentation – es macht ja sonst keiner. Das stimmt. Die anderen Mitglieder werden zunächst beruhigt feststellen, dass die Engagierten die Sache gut im Griff haben. Warum denen also ins Handwerk pfuschen? Neulinge werden entweder gleich abgeschreckt ob der Bissigkeit mit der die Engagierten ihre Regeln (die sich natürlich über die Jahre entwickeln und kumulieren zu einem dicken Wälzer an Do’s und Don’ts, die kein Nutzer sich von Anfang an draufschaffen kann…) verteidigen. Das ganze geriert zu einem nur noch sich selbst bestätigenden Sumpf an Eitelkeiten und Animositäten und wird zunehmend unattraktiv für jeden Außen stehenden. Was dann die Abwärtsspirale nur noch beschleunigt. Es entsteht ein Nachwuchsproblem und selbst Hartgesottene verlieren die Lust an dem Projekt.

Das ist jetzt, wie gesagt, nicht neu. Das erlebt man in jedem Forum, jedem Verein, jeder Partei, sogar Staaten, schlicht: jedem Zusammenschluss von Menschen zu einer festgefügten Gruppe. Mehr oder weniger. Dann gibt es Kämpfe und Revolutionen, Neuanfänge und neue Einigungen. Und dann geht das Spiel von neuem los.

Deswegen kann die Lösung kein Fork sein, wo sich eben diese Probleme, vielleicht abgewandelt, aber doch genau so ähnlich wieder einstellen werden, früher oder später. Mit anderen Worten, es kann nur eine technische Lösung sein.

Mein Vorschlag: Man schafft eine Wikipediasortware, die weit über das Mediawiki hinausgeht aber darauf aufsetzt. Eine extra Software zur Verwaltung der Wikipedia und ihrer noch zu gebärenden Töchtern. Und zwar zur freien Installation für jederman, selbstredend open source. Natürlich hat keine Privatperson die Mittel die Wikipedia ordentlich zu hosten oder gar zu pflegen. Aber das ist auch nicht nötig, denn die Software ist eine dezentrale, verteilte Multipedia.

Bei Neuinstallation auf eigenem Server generiert sie aus einer bestehenden Wikipediasinstallation (die frei angebbar ist, aber zunächst natürlich die klassische Wikipedia sein wird) einen Index, der lokal gespeichert wird und verweist darin nur auf die Inhalte der Mutterpedia, ohne sie aber lokal zu importieren. Sodann kann man hingehen und diesen Stamm an Daten ändern und erweitern. Das ganze funktioniert dann wie ein Versionskontrolsystem. Man checkt einen einzelnen Artikel aus, dieser wird dann auf den eigenen Server kopiert. Sodann kann man ihn umarbeiten. Neue Artikel werden auch auf dem eigenen Server gespeichert. Nur alle anderen Inhalte verweisen erstmal auf die Mutterinstallation (Wenn diese wiederum nur verweist, dann linkt die eigene natürlich bis zum originären Inhalt durch). So kann sich dann ohne große Kosten jeder seinen eigenen Fork machen. Ist das nicht Prima?

Es ist natürlich so, dass dann viele, unendlich viele Forks im Internet entstünden und sich völlig unabhängig entwickeln würden. Naja, nicht ganz. Denn der besprochene Index ist nicht nur offen für eigene Änderungen und eigene Artikel. Man kann jeden Link des Indexes zu einem Artikel auch auf den Artikel einer völlig anderen Installation umbiegen. Da ist man völlig frei.

Nach und nach entstünde so ein riesiges, dezentrales Netzwerk von Wikipedien, die teils eigene Inhalte hosten, und aus einem bunten Strauss an Links zu allen möglichen anderen Wikipedien bestünden. Wahrscheinlich zunächst immer mit einem Hauptstamm auf die alte Wikipedia, aber von Anfang an dezentral und vom Stamm prinzipiell unabhängig.

Da jede Installation die Erweiterungen und Änderungen jeder anderen Installation wiederum importieren kann, entsteht so eine ständige Kollaboration, mit gleichzeitigem, ständigen Wettbewerb der einzelnen Artikel untereinander. Auch die Stammwikipedia soll sich die ihrer Meinung nach besten Änderungen auch jeder zeit Zurückeinverleiben können. Auch die Stammwikipedia würde davon enorm profitieren.

Man könnte einwenden, dass das ja eine für den Benutzer unzumutbare Vielfalt an unautorisierten und völlig beliebigen Wikipedien sei, die jeden überfordere. Da aber doch eigentlich jede Wikipedia für sich eine relative Vollständigkeit geniest (sie bleibt ja hauptsächlich ein Import), und weil die Stammwikipedia gerade für Neulinge zunächst die Anlaufstelle bleiben wird, glaube ich, dass man sich erst durch zunehmenden Gebrauch nach und nach die Wikipediainstallation suchen wird, die am besten den eigen Ansprüchen gerecht wird, bzw. eine eigene startet.

Mit anderen Worten: Macht nicht einen Fork. Macht viele! Unendlich viele! Macht es jedem DAU möglich seinen eigenen Fork zu starten. Dann hat niemand mehr die Macht über das Wissen, bzw. jeder hat es. Und nur der Nutzer entscheidet, wo er was lesen möchte.

Ein vollkommen irrelevanter Artikel über die Wikipedia

Dieser Artikel ist so überflüssig wie ein Kropf. Alles was hier steht, wurde das ein oder andere Mal bereits viel besser gesagt. Wie so oft eben. Und dennoch steht es hier. Einfach so. Weil es mich nichts kostet, weil ich es kann und weil ich es will. Ich finde es wichtig darüber zu schreiben, denn es beschäftigt mich. Der ein oder andere fragt mich (jetzt nicht zu diesem Thema, sondern generell) wen denn das denn interessiere, was ich ins Internet schreibe. Na, die, die es halt interessiert, wende ich dann ein. Was weiß ich? Frisierte, Klempner, Mütter, Einäugige, T-Shirtträger und Klobürstenbenutzer. Ganz selten auch Nicht-Klobürstenbenutzer. Leute eben.

Es gibt Menschen, für die ist das schlimm, dass ich sowas ins Internet schreibe, denn so vermüllt es ja schließlich, das arme Internet. Ich nähme mich damit insgesamt zu wichtig, meine Meinung sowieso. Im endeffekt sei das ja nur belangloses Geschnatter. Vollkommen irrelevant.

Diese Menschen haben recht, machen aber einen Denkfehler. Sie meinen, nur weil ein Angebot da sei, müsse man sich damit beschäftigen. Nein, niemand wird gezwungen das hier zu lesen. Nicht mal meine Freunde. Das hier lesen ausschließlich Menschen, die das hier lesen wollen. Freiwillig und aus den unterschiedlichsten Beweggründen, die mich nicht mal etwas angehen. Und alle anderen haben selber schuld.

So funktioniert das Internet. Um etwas zu veröffentlichen braucht es keinen Relevanznachweis, denn es erreicht eben eh nur die Menschen, die es interessiert. Und seien es nur 10. Oder 5. Vielleicht niemand. Auch Okay!

Ich hab mir damals immer das Weltwissen in mein Zimmer gewünscht. Immer verfügbar. Aber hat damals in den 90ern mal jemand geguckt, was so ein ausgewachsener Brockhaus so kostete? 10.000 Mark! Das war als Schüler nicht zu machen. 24 Bände! Zwei ganze Regalmeter! Uff!

Das aber verängstigte mich als Schüler weit weniger als zum Beispiel die zwölf Bände von „Auf der Suche nach der Verlorenen Zeit“ von Proust. Denn ich wusste ja, dass nur ein Lemma aufschlagen musste und nicht gezwungen war, jedes mal auf’s neue den Brockhaus durchzulesen. Nein, es war sogar genau dieser Überfluss an Information, der mich begeisterte. Der Brockhaus hätte noch viel Dicker sein können!

Heute haben wir die Wikipedia. Sie ist unglaublich! Hätte ich damals so etwas geahnt, ich hätte den Brockhaus sofort stehen und liegen gelassen. Dabei ist die Wikipedia etwas ganz anderes. Ihre schiere Größe ist gar nicht mehr darstellbar. Vor allem weil ihm das Trägermedium dafür fehlt. Wenn ich ein Wort in das Suchfeld eingebe, habe ich keinen Schimmer wie viele Artikel noch in der Wikipedia stecken – über alles mögliche! Es ist mir auch egal. Denn das Mehr an Wissen steht nicht vor dem gesuchten Wissen, nicht mal daneben, sondern es schlummert unsichtbar in der Tiefe und wird erst aktiv, wenn ich seinen Namen rufe.

Wenn ich „MOGIS“ in das Suchfeld eingebe, dann ist für mich der Verein relevant genug, mich darüber zu informieren. Und selbst wenn der Artikel weder vollständig noch gut ist, werde ich mich immerhin über den einen oder anderen Anhaltspunkt freuen. Vielleicht auch nur über einen weiterführenden Link. Und sei es, dass ich durch diese Recherche den Eindruck bekäme, der Verein sei irrelevant. Auch das ist ein Ergebnis. Egal was dort über Mogis steht: Ein Nichts ist in jedem Fall enttäuschender.

Und wer hat den Wikipedianern eigentlich einmal eingeredet, dass die Wikipedia jemals etwas anderes sein könnte, als Informationshaufen zu verschiedenen Themen, die von anonymen Menschen zusammengetragen wurden? Wikipedia wird niemals mehr sein. Aber auch nicht weniger. Denn dieser Informationshaufen, so wenig man ihm den Stempel „Wahrheit“ aufdrücken kann, ist dennoch enorm hilfreich. Es ist immer die erste Anlaufstelle zu neuen Themen. Niemals aber die Letzte. Das offene Prinzip erlaubt eine ungeahnte Breite und Tiefe der Information, niemals aber gewährleistet sie Verlässlichkeit. Von diesem Traum sollten sich alle gründlich verabschieden.

Man kann hingegen einen anderen Traum träumen. Einen zeitgemäßeren. Nämlich den, möglichst alle bekannten Aspekte eines Themas zu sammeln. Und alle Themen zu behandeln. In Breite und Tiefe unbeschränkt zu informieren. Aber nur unbeschränkt vom Angebot her, also diese Information den Nutzer so zugänglich zu machen, dass er selber bestimmen kann, wie breit und tief er sich über ein Thema informieren will. Will, nicht kann: das ist wichtig.

Und man komme mir nicht mit dem Argument, dass sich die Wikipedia dies personell nicht leisten könne. Denn was für den Leser gilt (relevant ist, was nachgefragt wird) gilt bei einem wirklich offenen System auch für die Autorenseite (geschrieben und redigiert wird, was nachgefragt wird). Und wenn jetzt noch jemand mit der beschränkten aktiven Nutzeranzahl kommt, der sollte sich Fragen, warum eben jene potentielle Autoren und Lektoren für vermeintlich irrelevante Themen wegbleiben? Könnte es vielleicht unter Umständen damit zu tun haben, dass ihnen ihre Artikel meist sofort unter dem Arsch weggelöscht werden? Nee, oder?

Entweder man glaubt, dass das System Wikipedia funktioniert: Das heißt, dass das offene System von vielen, die vieles bearbeiten einen hinreichenden Informationsstandard bietet, mit dem man „arbeiten“ kann, oder man glaubt es nicht. Wenn man es glaubt, dann sollte man es auch für eben jene Randthemen glauben, die nicht in allen Augen sofort relevant erscheinen. Alles andere stellt die Wikipedia ansich in Frage.

Die Wikipedia steht vor einer Entscheidung: Will sie Vorreiter sein, oder Nachläufer? Will sie eine schlechtere Kopie des Brockhauses im Internet sein, oder die Enzyklopädie der Zukunft? Will sie Maßstäben einer untergehenden Medienwelt genügen oder Maßstab für die Neue sein? Will sie in die eine Richtung vorangehen oder in einer anderen hinterherlaufen?

Das ist derzeit eine spannende Richtungsentscheidung, die getroffen werden muss. Wenn ich in Berlin wäre, würde ich da hingehen, zur Diskussion dazu.