Frankieboy und seine apokalyptischen Ponyreiter

Wenn der Frankieboy einen Haufen setzt, dann ist das natürlich eine Vorlage, in die jeder mal rein treten will. Ich auch! Denn Frankie ist anders. Anders als die schaumgeifernden Feuilletonisten, die sich ob der Neudefinition des kulturellen Raums durch das Internet in ihrer Goethebüste festgebissen haben. Kein plattes „das ist doch alles nur Müll„, keine undemokratische „Da kann ja jeder kommen„-Haltung und auch keine dümmlichen „rechtsfreier Raum„-Platitüden kommen dem Frankie über die Lippen. Denn dazu ist er viel zu intelligent, zu wach – und zu belesen.

Schirrmacher hat sich da ganz schön was angeeignet, könnte man meinen. Während die meisten anderen Bildungsbürger ihre Netzratschläge noch bei Hegel suchen und nicht finden, hat Frankie sie alle gelesen, die Vordenker des Computers und des Internets wie wir es kennen. Leute, die zwar jedem Netcitizen ein Begriff, aber in den Feuilletons dieser Welt noch nicht existent sind. Und er hat sich wirklich bemüht, sie zu verstehen. Das muss man ihm hoch anrechnen. Das ist sehr viel mehr, als wir bisher von der etablierten Intellektuellenriege vorgesetzt bekamen.

Schirrmacher nimmt das Internet ernst. Er leugnet die Entwicklungen und die Schlagkraft der kommenden gesellschaftlichen Veränderungen nicht, sondern erkennt ihre Zwangsläufigkeit an. Er übertreibt sie sogar in seinem methusalemkomplottigen Alarmismus, aber ach, hier – in Sachen Internet – bleiben es auf Dauer ja sicher eh Untertreibungen. Dennoch gehen wie gewohnt die apokalyptischen Ponyreiter mit ihm durch. Irgendwo muss er doch aus dem Busch zu ziehen sein, der Weltuntergang, das Ende des Menschengeschlechts, oder sowas. Ganz egal ob es dem Text die Konsistenz und logische Stringenz kostet: Ein Gespenst muss umgehen im Schirrmacheraufsatz und zwar diesmal das Gespenst der Entmenschlichung durch Berechenbarkeit.

Seine These ist ungefähr folgende: Die Informationsflut, die das Internet erzeugt ist menschlich nicht zu bewältigen. Deswegen schaffen wir uns wiederum Algorithmen, die es uns erleichtern sollen, die Inhalte für uns zu filtern. Da aber also Maschinen für uns filtern, verlieren wir letztendlich die Kontrolle über das, was uns als Menschen definiert, unsere Weltperzeption. Diese Enteignung der menschlichen Perzeptions- und damit auch irgendwie Deutungshoheit über die Welt sieht er als kommende Gefahr. Wir werden somit von den alten Menschen, die in Zukunft die Weltherrschaft… Wir werden somit selber immer mehr zu Maschinen. Berechnend, berechenbar, irgendwie mechanisch.

„Wir brauchen die Software, die uns analysiert, um mit der Informationsflut fertig zu werden. Aber indem sie uns analysiert, reduziert sie immer mehr unser Gefühl dafür, dass wir wählen können und einen freien Willen haben.“

Natürlich hat er gewissermaßen recht. Wir lagern immer mehr Entscheidungsprozesse in die „Wolke“ aus. Wir lassen Datenbanken und Algorithmen unsere Vorlieben, Interessen und Themen lernen, verfeinern diese stets mit neuem Futter und schreiben so ein sehr komplexes und ein scheinbar sich immer weiter komplettierendes Bild unseres Geistes in den digitalen Hades. Ein Abbild, das zu arbeiten beginnt, das anfängt zu spuken, indem es uns unsere Wünsche direkt von den, äh, Datenbanktabellen abliest. Es ist das, was einige Futuristen bereits als die Anfänge des kommenden „Mind Upload“ bezeichnen, also die Austreibung der Geister aus dem „Meat space“. Hinein in die Wolke!

„Dies alles dient dem Zweck, dass die Maschinen wiederum den Einzelnen besser lesen können – ein Ziel, das viele von uns, man darf sich nichts vormachen, begrüßen, ja sehnsüchtig erwarten und das für das Funktionieren unserer digitalen Gesellschaft unerlässlich ist. Je besser der Computer uns kennt, desto besser die Suchergebnisse, mit denen er uns aus der Datenflut, die er selbst erzeugt, retten kann.“

Keine Frage, das tun wir jeden Tag. Und jeden Tag mehr. Aber was genau sind das für Prozesse und Daten, die wir auslagern? Welche Teile unseres Gehirns sind es, die wir automatisieren und vielleicht noch verschalten? Tun wir das unterschiedslos? Wo ist die Grenze? Gibt es die?

„Der Mensch ist eine statistische Datenmenge, die bei genügender Dichte nicht nur Rückschlüsse auf sein bisheriges, sondern auch auf sein zukünftiges Verhalten ermöglicht.“

Ist dem so? Ist das alles nur eine Frage des Algorithmus, der Rechenleistung und der Daten, die zur Verfügung stehen um all mein Denken, meine Wünsche und Vorstellungen und auch mein Handeln vorhersehen? Um das zu befragen, lohnt es sich mit den Grundlagen der Computerei genauer zu beschäftigen. Insbesondere mit jenen, die sich der Vorhersage der Zukunft beschäftigen.

Im zweiten Weltkrieg entwickelte Norbert Wiener ein mathematisches System, dass es möglich machen sollte, bewegte Objekte mit maschineller Präzision vom Himmel holen. Der Linear Prediction Code bekommt als Input die Position des Objektes zur Zeit t0 und schätzt heuristisch dessen zukünftige Position zum Zeitpunkt t1 ins blaue hinein. Sodann bekommt er zu t1 eine weitere, echte Positionsbestimmung, die mit dem Schätzwert verrechnet wird. Aus diesen Berechnungen wird wiederum eine neue Schätzung für t2 abgegeben und so weiter. Wenn man diesen rekursiven Prozess nun einige Male wiederholt kommt man irgendwann tatsächlich zu einer relativ präzisen Zukunftsvorhersage der Position eines sich bewegenden Objektes. Relativ. Wenn das Objekt nämlich auf seinem Flug einen Vogel streift sind auf einen Schlag alle Berechnungen umsonst. Es mag komplexer sein, ein sich bewegendes Objekt zu beschießen, als ein fest stehendes und in einer idealen Welt wäre jede Bewegung vorhersehbar, vor allem die von V2-Raketen. Aber es gibt in dieser Welt immer Koinzidenzen, immer gibt es Chaos, Kontingenz und Zufall oder wie ein späterer Wiener sagen würde: Noise. Noise ist nicht berechenbar. Es ist der Name des Nicht-berechenbaren und des Lebens.

Das bringt uns zu einem Zeitgenossen Wieners und dem eigentlichen theoretischen Begründer des Computers. Alan Turing suchte eigentlich nach einer Möglichkeit abstrakt zu beschreiben, welche mathematischen Probleme mit endlichen Rechenschritten lösbar seien und welche nicht. Zu diesem Zweck erdachte er sich in reiner Theorie eine Maschine, die Zeichen lesen, löschen und schreiben kann. Und dieses auch Rekursiv kann und so an selbst errechneten Ergebnissen wiederum rechnen kann. Und auch wenn er sich das ganze noch sehr „telegraphistisch“ mit Schreib- und Lesekopf auf Papierband vorstellte, war es eben doch diese Funktionsweise des Prozessors, wie er heute noch überall auf den Schreibtischen – und mittlerweile in den Hosentaschen – vor sich hintaktet.

Die Ironie der Geschichte will es nun, dass diese Turingmaschine, die nicht nur zwischen den berechenbaren und den unberechenbaren Problemen unterscheiden soll, sondern diese Unterscheidung ist, heute unser Leben bestimmt und genau jene Ängste Schirrmachers ermöglicht. Und zwar in dem sie alles, wirklich alles was berechenbar ist, berechnet. Nach und nach, natürlich. Aber stetig. Aber der Umstand, dass der Computer diese Unterscheidung zwischen berechenbar/nicht-berechenbar ist, heißt aber auch: was nicht berechenbar ist, wird nicht von Computern berechnet werden können. Niemals, nicht heute und auch morgen nicht, denn Computer sind per definitionem unfähig das unberechenbare zu berechnen.

Damit sollte klar sein, welche Hirnfunktionen in den Computer oder die Wolke ausgelagert werden – ja werden können: alle berechenbaren. All das, was wir unwillkürlich tun. Unsere Sterotypen und Gewohnheiten. Alles vorhersagbare, ja das langweilige an uns.

Aber: Diese Dinge waren auch vor der Erfindung des Computers berechenbar. In der mathematischen Definition. Der Computer macht nichts berechenbarer als es vorher schon war – vor allem nicht uns. Die Computer enteignen uns mitnichten unserer Deutungs- und/oder Perzeptionshoheiten oder gar unserem Willen, sondern sie befreien uns vom Ballast des immer gleichen. Von Redundanz und all die Regelhaftigkeit des Alltags, unsere Pawlowskität und unser Stereotypismus. Vielleicht irgendwann auch unsere Vorurteile und unsere Plattitüden. Automatisierbare Kulturkritiker kann ich mir durchaus vorstellen. Ja, Schirrmacher wird vielleicht eines Tages sogar seinen reflexhaften Alarmismus in die Wolke auslagern können. Das wäre doch mal toll!

Denn, und das ist das eigentlich erschreckende an dem Text: Schirrmacher weiß all dies selber. So schreibt er uns als Aufgabe für die Zukunft ins Stammbuch:

„Es geht im besten Fall darum, Menschen das tun zu lassen, was sie am besten können – und das zu entrümpeln, was die Computer uns abnehmen.“

Und das ist eben alles, was Kreativität, Deutung und Willen nicht ist:

„Der Computer kann keinen einzigen kreativen Akt berechnen, voraussagen oder erklären. Kein Algorithmus erklärt Mozart oder Picasso oder auch nur den Geistesblitz, den irgendein Schüler irgendwo auf der Welt hat.“

Und so schließt Frankie sogar gekonnt daraus:

„Je stärker die Computer in unsere Sprache und in unsere Kommunikation eingreifen, desto dringender wird eine Erziehung, die zeigt, dass die wertvollsten menschlichen Verhaltensweisen durch Nicht-Vorausberechenbarkeit gekennzeichnet sind.“

Bei all dem kann ich ihm wiederum nur zustimmen. Aber wo waren jetzt noch mal die Gefahren? Wo drohte gerade noch der Weltuntergang? Das meine ich mit methusalemkomplottiger Alarmistik. Was wäre Frankieboy bloß ohne seine Apokalyptischen Ponyreiter?

Vermutlich weniger berechenbar.


11 Gedanken zu “Frankieboy und seine apokalyptischen Ponyreiter

  1. Herzlichen Dank! Wesentlich eloquenter und deutlich zitatreicher wiedergegeben, was ich gestern in der Zeit zwischen zwei Haltestellen nach der Lektüre gedacht habe!

    Es ist nämlich genau der Punkt: Der Mensch besteht nicht nur aus Algorithmen. Das was ihn ausmacht ist doch genau das was nicht logisch ist.

  2. Du hast Recht und auch wieder nicht. „Die Wolke“ ist nämlich noch etwas mehr als bloß eine riesige Turingmaschine. Sie hat eine soziale Komponente. In sie gehen die Eingaben von Milliarden von Menschen ein, die lauter kleine Unberechenbarkeiten beitragen und somit zum ersten Mal in der Geschichte die Bewußtseinswerdung der Menschheit möglich machen. Und das ist das wovor Irrmacher Angst hat. Und zwar zu recht, denn er und seine Leute sind es, die bisher ganz gut davon Leben, dass die Menschheit ziemlich unbewußt vor sich hinvegitiert und so ziemlich jeden denkbaren Scheiß mit sich machen lässt. FUD verbreiten ist deren Gegenstrategie seit einiger Zeit. Er verbreitet FUD auf hohem Niveau aber trotz allem FUD.

    Naja, davon musst Du jetzt eine gute Portion Verschwörungstheorie wieder abziehen, dann passts.

  3. Ähm, naja, die philosophische Richtung des Determinismus ist ja auch nicht erst von gestern sondern schon ein paar Jahrhunderte alt. Und ich kann, als ein Sympathisant dieser, wirklich nichts schlimmes darin erkennen 😉

    Schöner Post, gut geschrieben! :)

  4. Benni, das schließt sich meiner Meinung nach nicht aus. So lange die Hirne weiterhin Kontingenz in die Wolke pumpen, kann vielleicht mal eine Überindividualität entstehen, die heute, naja, scary wirkt. Und klar ist auch: das ist dann das Ende der Intellektuellen.

  5. @acid Ob Determinsmus herrscht oder nicht, ist genau so wenig jemals beweisbar wie ob es einen Gott gibt, oder nicht. Gibt es ihn (den Determinismus), sind meine Gedanken, alle Gedanken, eigentlich eh alles obsolet. Deswegen bin ich kein Anhänger dieser Theorie. 😉

  6. Mit der Beweißbarkeit muss ich dir zustimmen. Aber falls der Determinismus vorliegt heißt das ja nicht, dass deine Gedanken obsolet sind. Es heißt ja nur, dass man deine Gedankengänge nachvollziehen kann, wenn man alle Vorraussetzungen betrachten und berücksichtigen kann :)

    Ich finde den Determinismus einleuchtend, aber für unser tägliches Leben ziemlich unbedeutend. Außer für die Einsicht, und jetzt kommt der Knackpunkt weshalb ich den Determinismus überhaupt angeführt habe, dass wir auch nur Tiere sind, die diese ganze tolle Denkleistung aus sich selbst heraus und ohne irgend eine komische, per Definition nicht zu fassende, „Seele“ erbringen können. Da empfinde ich den evolutionären Humanismus als weitaus wichtiger.

  7. > Wir lassen Datenbanken und Algorithmen unsere Vorlieben, Interessen und Themen lernen

    Das lustige ist ja, daß der Rechner eben nicht einmal das kann. Denn wir schreiben zwar tatsächlich dieses „sehr komplexe“ und „scheinbar sich immer weiter komplettierendes Bild unseres Geistes in den digitalen Hades“ aber meine Vorlieben lernen tut er deswegen nicht. Er lernt höchstens raten, welches andere Ding zu einen von mir als Vorliebe genannten ähnlich ist.
    Die Vorschläge, die mir zumindest heute aus solchen Datenverarbeitungen angeboten werden, kenne ich meistens schon und ignoriere ich, denn die habe ich oft schon vorher aussortiert weil ich sie z.b. nicht mag oder sogar ablehne. Das Bild von mir, das man sich errechnen kann, ist somit völlig unbrauchbar, sogar für mich.
    Was also der Rechner kann ist – wie Du schon sagst – die unwichtigsten Details über Dinge speichern. Daraus kann man vielleicht einmal in vielen Jahren auch das ableiten, was man eh schon weiß. Aber das kann man jetzt nicht einmal über die Leute, die wirklich _alles_ vom Netz Tracken lassen, was geht.
    Das Lustigste an der Entwicklung ist ja sogar, daß dadurch, daß wir immer besser steuern können, wie unsere berechnete Netz-Persönlichkeit aussieht, unsere tatsächliche Persönlichkeit immer unberechenbarer wird. Wenn sich Politiker und Behörden, Vermarkter und was weiß ich noch für Datensammler so sehr darauf verlassen, was ihnen vorgerechnet wird, sind wir in Wahrheit viel näher an einer ungestörten Privatsphäre als sie glauben.

  8. Eben. Was der Computer nicht kann und wohl niemals können wird: mich wirklich überraschen. Und wenn ich Empfehlungen entgegennehme, dann will ich doch genau das: überrascht werden.

    Die das Bild der eigenen Netzpersönlichkeit scheint sich derzeit in der tat gut beeinflussen zu lassen. Aber wird das so bleiben? ich sehe immer wieder im kleinen, wie mir die Deutungshoheit sogar meiner eigenen Texte entflieht. Man kann nur Spuren legen. Aber sobald sie liegen, hat man nicht mehr wirklich viel in der Hand. Man kann nur hoffen, dass die Menschen sie im eigenen Sinne auslegen.

    Und ob ich meine Privatssphäre, mein wirkliches „Ich“ nun gut oder schlecht verschleiert habe, ist mir dann auch egal, wenn mich jemand aufgrund eigenenwilliger Lesarten meiner Spuren verleumdet. Nur so als Beispiel.

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