Young Media Summit – Ägypten

Blick auf den Nil

Blick auf den Nil

Ich bin wieder da, aus Kairo, vom Young Media Summit 2011. Die Tastatur klebt noch etwas von Orangensaft, den ich über mein Macbook Air gekippt habe. Mein Magen rumpelt noch vor sich hin. Ich fiel ja quasi fiebrig und mit schlimmen Bauchschmerzen aus dem Flugzeug. Und zwar ausgerechnet in Schönefeld! So langsam sammle ich mich wieder und kann beginnen das Erlebte zu reflektieren. Das geht ja nicht so schnell bei mir.

Es war ein unglaublicher Trip. Es war eine großartige, intensive Zeit. Und auch, wenn ich jetzt noch nicht weiß, was diese Reise bei mir angestoßen hat, kann ich sagen, dass ich einiges anders sehe.

Ich bin natürlich mit dem Anspruch dahin gefahren, Dinge zu erfahren. Zu lernen. Aber auch das ist – jedenfalls in seiner naiven Vorstellung – schon vermessen gewesen. Ich war noch nie zuvor in einem arabischen Land. Mit anderen Worten: ich musste einen Großteil meiner Zeit und Ressourcen darauf verwenden mit der andauernden kognitiven Überforderung zurecht zu kommen. Und während die meisten anderen, auch die Deutschen, sich schnell zurechtfanden, weil sie bereits viel Vorwissen mitbrachten, Erfahrungen und teilweise sogar Sprachkenntnisse, war ich immer froh, wenn ich mich bei ihnen ranhängen, mich leiten lassen konnte. Ich habe mich deswegen trotz meiner stolpterhaften Fremdkörperhaftigkeit nie wirklich unwohl gefühlt, wofür ich sehr dankbar bin.

Al-Azhar Park

Al-Azhar Park

Das lag vor allem an den anderen. Die Teilnehmer waren durch die Bank weg großartige Menschen (Hier die Liste der Teilnehmer). Ich glaube, das hat die gesamte Gruppe so empfunden. Es gab kein Wort des Streits oder sonstiger schlechter Stimmung unter den Mitgliedern. Durchweg alle waren offene, in jeder Hinsicht am anderen interessierte Menschen und begeneten sich mit großem Repsekt und Verständnis, auch wenn die Meinungen hier und da deutlich auseinander gingen.

Den wohl intensivsten Austausch erlebte ich am 2. Tag, als wir in kleinen Gruppen aufgeteilt durch Kairo streiften und gemeinsam Themen erarbeiteten. Unsere Gruppe interviewte einige Jugendliche im Al-Azhar Park über die Veränderungen seit der Revolution. Ich bloggte im YMS-Blog darüber, die anderen auch. Jedenfalls entspann sich im Laufe der Interviews und anhand der Aussagen der Jugendlichen über die Situation in Ägypten auch eine Lebhafte Diskussion zwischen meinen Mitrechercheuren Hussein und Razan, die beide aus Syrien kommen. Das allgemeine aufkeimende Mißtrauen der ethischen und religiösen Gruppen in Ägypten gab ihnen zu denken, weil Syrien in dieser Hinsicht noch um ein vielfaches heterogener aufgestellt ist. Die Gespräche über die Entwicklung in Ägypten ließen sie sorgenvoll zurück, was wohl auf ihr Land zukommen werde, wenn/falls das Regime dort stürzt.

Da wurde mir schlagartig die völlige Andersheit ihrer Perspektive auf unser Tun hier bewusst. Für mich war es ein Moment der Teilnahme, des Ganz-nah-dran-seins, den Mitfühlenkönnens, der Sorge, des Kontextes, des Verstehens der Schwierigkeiten und ein Erahnen der Komplexität der Lage, in dem sich ihr Land und damit auch ihre Zukunft befindet. Und ich sah diese Menschen, ihre scheinbare Leichtigkeit und Unbeschwertheit, ihren lockeren Humor und ihre vollkommene Abwesenheit von irgendeiner Bitterheit oder Aggression mit anderen, viel respektvolleren Augen.

Teehaus

Teehaus

Das ist vielleicht das Erstaunlichste. Diese Menschen sind Blogger. In dem banalsten Sinne, den man dem Wort geben kann. Sie sind Menschen, die kommunikativ und offen durch die Welt laufen, gerne einen Witz reißen und sich für Popkultur interessieren und über all das gerne im Internet erzählen. Dass in ihren Ländern Revolutionen gegen Diktatoren passieren, dass ihr Leben und das ihrer Familie bedroht ist, merkt man ihnen nicht sofort an. Natürlich sind sie politisch! Sehr sogar. Aber dabei sind sie lange nicht so verbissen, aggressiv und rechthaberisch, wie ich es bei vielen politischen Aktivsten aus Deutschland kenne.

Wie gesagt, ich kann all diese Erfahrungen noch nicht wirklich einordnen. Ich kann die Dimensionen noch nicht erahnen, wie das mein Bild der Region, ihrer Menschen und ihrer Probleme verändert haben wird. Sobald ich da mehr habe, werde ich es natürlich nachreichen.

Na, Dings, ihr wisst schon

Na, Dings, ihr wisst schon

Bis dahin bleibt mir nur Matthias Spielkamp und den anderen Organisatoren und der Deutschen Welle Akademie danken, dass sie mir die Chance auf diese Erfahrung gegeben haben. Ich konnte leider lange nicht so viel beisteuern, wie ich mitgenommen habe, aber ich schätze, das geht den meisten deutschen Teilnehmern ähnlich.

Hallo

Es ist lange her, ich weiß. Es kam alles zusammen. Wer meinen Twitterstream verfolgt, hat mitbekommen, wie es umtrieb durch die Welt der Konferenzen. Frühling halt.

Und dann das Problem mit den Texten. Es ist nämlich gar nicht so, dass ich keine Ideen gehabt hätte. Ich hatte zu viele! Ich habe insgesamt 7 Texte über unterschiedliche Themen im Lauf. Kaum habe ich einen angefangen, fällt mir der nächste ein.

Das wird sich ändern, versprochen! Es wird jetzt wieder losgehen, die 7 Texte gelangen nach und nach zur Reife. Ab nächster Woche hau ich sie raus. Alles mit dabei: Projekte, Texte, steile Thesen, der ganze Scheiß!

Aber zunächst etwas anderes. Ich bin nun also nächste Woche in Kairo mit dem Young Media Summit der Deutschen Welle. Ein Wahnsinn. Ich werde mit Bloggern sprechen, die direkt an den Protesten beteiligt waren. Ich werde versuchen, rauszufinden, wie groß die Rolle des Internets wirklich war. Und wie groß sie jetzt ist, beim Nationbuildingprozess.

Vielleicht komme ich in Kairo etwas zum Bloggen. Ich glaube aber kaum. Aber es werden sicher einige Texte bei rauskommen, die dann nach und nach veröffentlicht werden. Also macht euch auf einiges gefasst.

Politik 2.0 – der Staat ist nicht die Lösung

Der CCC hat sein Konzept zur Neugestaltung des Urheberrechts endlich mal rausgehauen. Wir haben ja schon länger darauf gewartet. Und es ist: naja.

Im Grunde (ja, Frank Rieger, ich habe den ganzen Text gelesen) ist es doch nur Flattr, auf ne Art. Flattr als irgendwie staatliches, zumindest öffentlich-rechtliches Modell. Eigentlich ja keine schlechte Idee, aber ich glaube, wir brauchen uns keinen Illusionen hinzugeben, dass sowas auch kommt. Und das ist auch nicht schlimm, denn wenn man es durchdenkt, ist es einfach nicht die Lösung.

Ganz abgesehen von den Details komm ich bei solchen Vorschlägen nämlich immer wieder an den Punkt, an dem ich denke: Nationale Lösungen sind doch gar nicht mehr zeitgemäß. Sie sind nicht nachhaltig, nicht langfristig, wahrscheinlich nicht mal mittelfristig, denn die Welt befindet sich in einer rasanten informationellen Globalisierung.

Wir reden ja schon lange über „Politik 2.0“ und solche Späße und gemeint ist dann, dass Politiker twittern oder Online-Petitionen ernster nehmen sollen. Ich bin der Meinung, dass das, was „Politik 2.0“ gewesen sein wird, noch erst erfunden werden muss. „Erfunden“ im Sinne einer Re-Invention von Politik.

Als erstes muss man sich vom Nationalstaat als institutionellen Rahmen verabschieden, denn was der da so tut, ist bestenfalls so Mickey Mouse. Und wenn er doch etwas tut, dann so langsam, dass das Problem längst auf anderen Wege gelöst ist oder sich alle Parameter wieder verschoben haben. (Langfristig werden alle Institutionen – auch die politischen – sowieso ja ganz andere Probleme bekommen.)

Internationale Institutionen wie die UN sind noch langsamer und darüber hinaus auch noch völlig zahnlos. (Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob ich das gut oder schlecht finde, dass es kein Internationales Gewaltmonopol gibt)

Wenn man aber von Staat und internationalen Institutionen absieht, bleiben nur noch Unternehmen. Nur noch? Es bleiben Startups und Konzerne, die die Geschicke der Welt wahrscheinlich heute schon weitreichender bestimmen, als die Politik. Wenn Apple ein neues Produkt rausbringt oder Google einen neuen Dienst startet, dann hat das mehr Impact auf Urheberrechte, Verwerter und Geschäftsmodelle weltweit, als alle politischen Bemühungen der Staaten zusammengenommen.

Wenn ich also, wie heute geschehen, MobileMacs höre, in dem es wie so oft um den Kampf der Plattformen im Mobilfunkmarkt geht: Apple vs. Android vs. HP vs. Motorola, vs. Microsoft, etc, dann sind das keine Nerdigkeiten und auch keine Wirtschaftsnachrichten sondern das, was heute in zunehmenden Maße Politik ist. Oder eher das, was die Politik gerade ablöst. Dort werden die Weichen für die Zukunft gestellt, dort wird entscheidend mitbestimmt, wie der Markt der Informationen weltweit aussehen wird. MobileMacs ist ein Politikpodcast!

An dieser Stelle eine kurze Durchsage an die „Linken“ unter uns: Ein Internet, das von demokratisch legitimierten Kräften gestaltet wird, glaubt es mir, das wollt ihr nicht!

Nicht in nur deswegen, weil es scheiße aussähe, kompliziert wäre und streng müffeln würde, sondern weil wir dann keinen Streit über die Einführung von Netzsperren hätten. Wir hätten nur den täglichen Kampf der Parteien untereinander, was denn jetzt noch alles zusätzlich mit auf die Sperrliste gesetzt werden muss. Denkt da also bitte einfach mal ein paar Sekunden über die Alternativen nach, wenn ihr mal wieder das Netz von den Konzernen befreien wollt.

</durchsage>

Insofern ist der Ansatz des CCC paradigmatisch. Das umbedingte Festhalten am Staat als Lösung für den Konflikt um das Urheberrecht markiert auch den Unterschied zu Flattr. Flattr hat die Idee einfach umgesetzt und – wenn alles bestens läuft und ich habe nicht aufgehört zu hoffen – wird es die Welt nachhaltiger verändern, als das Xte Modell und die Xte politische Forderung, die man an den Xten Nationalstaat heranträgt.

Wenn man (zumindest in bestimmten Bereichen) politisch sein will, dann sollte man Software schreiben. Man sollte ein Startup gründen oder ein OpenSourceProjekt. Damit kann man wirklich etwas verändern: effektiv, schnell und international. Und eigentlich war der CCC immer die Adresse, die genau das am besten wußte.

Aber auch darüber hinaus: mittelfristig kommt man politisch nicht an den Unternehmen und Konzernen vorbei. Man muss sie in die Rechnung einbeziehen, sie adressieren, in die Pflicht nehmen. Irgendwie. Man muss die Konzerne politisieren. Ja, das ist schwer, ja, das ist ein Problem. Aber es ist derzeit der einzige Weg und ich halte das nicht für unlösbar. (Ich gehe sogar so weit und unterstelle einigen Unternehmen, eine mehr oder weniger konsistent durchgehaltene aber nichtsdestotrotz vorhandene Ethik und teilweise sogar eine Agenda.)

Der Weg effektiven politischen Handelns wird über die Unternehmen gehen. Konzerne werden nicht mehr nur Lobbyisten schicken, sondern selber welche empfangen. Die Alternative wäre, zu warten bis @JensBest den Kapitalismus abgeschafft hat. Ich glaube aber, da würde ich dann trotz allem noch eher auf den Staat setzen.

Dienstagstermine

Dienstags ist das neue „da bin ich wo“-Tags. Jedenfalls die nächste Zeit. Termine, Termine, Termine! Dann wolln wir mal.

Dienstag, der 26.4. – 20:00 Uhr also quasi gleich, sitze ich zusammen mit @bosch auf dem Geburtstagslivepodcast von Küchenradio. Einer der ältesten, renomiertesten und überhaupt besten Podcasts in deutscher Sprache. Wir werden da wohl so rumhängen, quatschen, trinken und ein paar Tweets zum besten geben. Das wird sicher spaßig.

Soupanova
Stargarder Str. 24
10437 Berlin (Prenzlauer Berg)

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Dienstag, der 03.5. – 17:45 Uhr also die Woche drauf, machen Max und ich den Wir.Muessenreden Podcast ebenfalls live auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland. Wir haben auch diesmal wieder einen Gast, nämlich Robin Meyer-Lucht, Carta-Gründer und Intimkenner der Medienszene.

In der Mediacity, Leipzig.

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Gleich am nächsten Tag, ausnahmsweise Mittwoch, auch dort, werde ich um 11:30 noch auf einem Podium sitzen „Politische Partizipation im Netz – Mechanismen und Phänomene„. Ich versuch da mal meine Maximalposition zu vertreten. Vielleicht wird’s spannend.

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Dienstag, der 10.5. – 17.30 Uhr also in zwei Wochen, sitze ich – wieder in Leipzig – auf einem Podium, diesmal zum Datenschutz. Zur Verstärkung ist noch Plomlompom mit an Board. Wir werden unter anderem gegen den gefürchtetsten Gegner von Google Streetview antreten, Prof. Dr. Johannes Caspar, dem Datenschützer aus Hamburg.

Congress Center Leipzig

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Ab dem 23.05 bis zum 27.05 werde ich zusammen mit anderen Bloggern aus Deutschland im Rahmen der „Young Media Summit“ nach – ihr glaubt es nicht – Kairo (!!!) fahren. Organisiert wird das von der Deutschen Welle. Ich bin total gespannt, was uns da erwarten wird. Ein Land, direkt nach der Revolution. Eine Revolution bei der das Web auch noch einen indirekten, wenn auch sichtbaren Anteil hatte. Ich habe so viele Fragen. Vor allem, wie das „Nation Building“ nach so einer Erfahrung von statten geht. Welche Rolle wird das Web im neuen Ägypten spielen? (wobei man sich ja nicht zu früh freuen darf, noch sind nicht alle Steine aus dem Weg geräumt, bzw. türmen sich neu auf…) Egal, ich bin furchtbar gespannt.

RP11 – Der Aufbruch

Endlich auch meine Reflexion über die re:publica. Das hat lange gedauert und schon im Vorfeld kam von mir ja hier nicht viel neues, was man durchaus als Stressindikator begreifen kann, wenn man es denn möchte.

Natürlich fand ich es auch dieses Jahr einfach geil. Es ist natürlich einfach geil, wenn man teil dieses Klassentreffens ist. Wenn man auf allen re:publicen war, jedes Jahr einen Shitload an neuen Leuten kennengelernt hat und man all die Leute einfach auf einen Schlag wiedertrifft. Das sagt natürlich noch gar nichts über die Qualität der Veranstaltung aus aber viel darüber, dass ich natürlich einen geblendeten Blick dafür habe. Ich konnte ja quasi gar nicht enttäuscht werden.

Natürlich gibt es aber auch kritisches zu sagen, Räumlichkeiten, W-lan, der ein oder andere schlechte Vortrag, etc. Aber das wurde schon zu genüge diskutiert.

Weil ich auch wegen meiner eigenen Dinge (dazu gleich) viel um die Ohren hatte, habe ich mir selber leider nur sehr vereinzelt Sachen angucken können. Highlights – da stimme ich sicher mit den meisten überein – waren die Vorträge von Gunter Dueck und von Sascha Lobo.

Einige fanden sogar unsere Twitterlesung super. Ich fand die auch nicht schlecht. Aber wie letztes Jahr: Friedrichstadtpalast ist für humorvolle Unterhaltungsshows eine schwer zu knackende Nuss. Uns ist das einigermaßen gelungen, die Lesung war gut besucht und es gab viele Lacher (die man dort auf der Bühne schlecht hören kann) und mehr kann man schwerlich erwarten. Hier der Bericht.

Mein Vortrag, der unglücklicher Weise gleich am nächsten Morgen um 10:00 Uhr war trotz der Uhrzeit gut besucht, dass leider viele nicht mehr reingekommen sind. Sorry dafür. Aber die Infos sind gottseidank alle im Netz vorhanden. Hier mein Artikel bei Carta, wo es um die technischen Grundlagen des Kontrollverlusts im Digitalen geht und hier die Ergänzug, die über den Carta-Artikel hinausgeht und den Kontrollverlust auf eine neue, abstraktere Ebene hievt und mit dem Postdemokratiediskurs verknüpft.

Überrascht hat mich, dass am Tag zuvor Gunter Duecks Vortrag in eine sehr ähnliche Richtung ging, wie mein Vortrag. Teilweise andere Schwerpunkte, teilweise andere Begrifflichkeiten, aber auch bei ihm ging es darum, dass das Internet einen ganzen Haufen an Organisationsaufwand, der durch Institutionen geleistet wird, überflüssig macht. Unsere beiden Vorträge waren also Vorträge über das Legitimationsporblem von Institutionen in Zeiten des Internets. Leider konnte ich nicht ganz so reüssieren, aber ich übe ja noch.

Verpasst habe ich übrigens die Veranstaltung zur Gründung der „Digitalen Gesellschaft“. Ich kann die emotionalen Diskussionen um diese Gründung nur teilweise nachvollziehen. (wir haben darüber im aktuellen WMR diskutiert) Ich glaube, das ganze Ding wird etwas wichtiger genommen, als es ist. „Digitale Gesellschaft“ klingt zwar durchaus bold, aber wenn man sich vergegenwärtigt, wozu sie da ist, weiß man auch, warum das so sein muss. Man will ja schließlich ernst genommen werden, da draußen.

Dass die „Digitale Gesellschaft“ dann doch nicht wirklich diesen Alleinvertretungsanspruch für „die Netzszene“ hat, die der Name suggeriert, sollte aber ebenso klar sein. Wie sollte das denn auch gehen? Also versteht das Ding doch einfach als ein zusätzliches Interface mit dem man besser und effektiver mit den (ja immer noch bestehenden und immer noch mächtigen) Institutionen kommunizieren kann. Es ist ein zusätzliches Schnittstellen-Angebot zu all dem anderen grassrootsartigen und nach wie vor wichtigen Bündnissen um die Netzpolitik.

Es ist also eigentlich das, wonach Sascha Lobo in seinem Eröffnungs-Rant förmlich geschrien hat: eine tolerante, effektive Offensive, die die Netzpolitik nach außen, in die Gesellschaft vermittelt. Und sicher auch ein Garant, dass er nicht mehr als einziger angerufen wird (was er auch eh schon jetzt nicht wird).

Die Situation ist doch folgende: Wir haben Jahrelang geschrieen, dass das Internet wichtig ist, dass man uns zuhören soll, dass man da nicht wie ein Volldepp irgendwelche politischen Meßlatten anbringen darf, sondern, dass man versuchen muss, das Netz zu verstehen.

Und jetzt ist es so weit! Man hört uns zu! Alle haben es kapiert. Wirklich: ALLE! Jeder weiß seit Wikileaks, seit Tunesien und Ägypten, seit der Zeitungskrise und und und, dass das Internet scheißfucking wichtig ist. Und sie haben auch kapiert, dass das Internet seine eigenen Regeln hat, dass man nicht einfach den Rundfunksgedöns rechtlich ausweiten kann, wenn man es mit dem Netz zu tun hat. Die Massenmedien richten Kolumnen ein, der CCC schreibt für die FAZ und der Innenminister und die Faminlienministerin streiten sich darum, wer mit den prominentesten Netzakteuren reden darf. Wie angekommener kann man sein?

Und Sascha hat vollkommen recht, wenn er feststellt, dass wir uns – wärend alle fragenden Augen der Gesellschaft auf uns gerichtet sind – schlicht zu doof anstellen, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Statt dass wir versuchen an allen Ecken und Enden unsere Kompetenz dafür einzusetzen, unsere Erfahrungen zu vermitteln, ergehen wir uns in Streitereien darüber, ob denn nun die „Digitale Gesellschaft“ die Volksfront von Judäa oder doch die Judäische Volksfront ist. Wir führen uns wie auf ein Kindergarten, statt die einmalige Chance zu nutzen, diese Gesellschaft entscheident mitzuprägen.

Aber das ist aber unsere fucking Aufgabe! Das ist das, worauf Dueck dann auch hinauswollte, als er sagte: „Werdet politisch!“ und das sei seine einzige Bitte an uns. Das heißt eben nicht, dass wir in die Parteien rennen sollen oder eine neue Piratenpartei gründen sollen, sondern dass wir unsere Kompetenzen aus dem Netz dazu nutzen sollen, mit diesen veränderten Situationen, die wir durch das Netz bekommen, umzugehen. Kurz vorher hatte er ja skizziert, warum unser ganzes Gesellschaftssystem grundlegend umgekrempelt werden muss. Wir sind diejenigen, die es umkrempeln müssen. Wer denn auch sonst?

Ja, und da ist sie wieder, die Elite. Natürich ist das ein Elitendiskurs und natürlich hat da die Netzszene kein Bock drauf. „Eliten sind scheiße!“ Natürlich shitstormen wir lieber jeden nieder, der uns zu laut spricht. „Keep it down! Keep it calm!“ – wir wollen keine Elite sein.

Sorry, zu spät. Es ist unsere Aufgabe, diese Verantwortung anzunehmen. Die anderen da draußen kennen auf jedes gesellschaftliche Problem nur die „Institution“ als Lösung. Wir sind es, die im Internet andere Erfahrungen gemacht haben. Wir wissen, wie sich Menschen komplexer organisieren können. Wir haben erfahren, wie das geht. Wir müssen – so Dueck – jetzt umkehren, rausgehen und den anderen in der Höhle davon erzählen.

Aber ehrlich, ich mache mir keine Sorgen. Natürlich wird es immer Schreihälse geben, die eifersüchtig alles versuchen niederzuschreien, was ihnen nicht passt. Aber man sieht ja auch, was aus denen wird. Sie verenden in irgend einer Nische, wo ihnen eh keiner mehr zuhört, als ihrer eigenen Kommentarmeute. Und die anderen, die Markus Beckedahls und andere, die lieber machen und nach vorn gehen, werden sich nicht abschrecken lassen.

Und deswegen war für mich diese re:publica ein deutliches Zeichen des Aufbruchs. Es wird Zeit, diese Sache mal ernsthafter voranzutreiben, die schmerzhaften Fragen zu stellen und mehr Gestaltungsspielraum einzufordern und dabei den Kindergarten links liegen zu lassen. Wer nicht mitmachen will, soll es eben lassen. Ich würde da jedenfalls keine Rücksicht drauf nehmen.

Werte und Risiken

Ich habe mich ja letztens zur German Angst geäußert. Auch übrigens im aktuellen Podcast. Jetzt ist ein neuer Artikel bei SpOn erschienen, der das besondere Verhältnis der Deutschen zum Risiko beleuchtet. Herfried Münkler leitet dabei – etwas anders – aber doch auch, diese Besonderheit aus der deutschen Geschichte her.

Ich glaube übrigens, dass es in diesen Sachen kein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Völlige Unwägbarkeiten kann sich eben jeder selbst ausmalen und bewerten wie er will. Es gibt keinen „rationalen“ Umgang mit dem Risiko. Jeder, der ein Risiko eingeht ist im Grunde verrückt, nichts kann das rechtfertigen. Man kann Risiken zwar aufgrund von statistischen Wahrscheinlichkeiten miteinander vergleichen, aber dem ungewissen anderen, dem „unbekannten Unbekannten“ wird man damit eben nicht gerecht. Statistik kann sich per Definitionem immer nur auf die Vergangenheit beziehen. So wie sich die Konstruktion des AKWs in Fukushima eben nur auf vergangene Erdbeben und Tsunamis hat stützen können und damit den aktuellen Bedrohungen eben nicht gerecht wird. Die Zukunft selbst ist verrückt, sie hält sich nicht an Statistiken, sie ist nicht rationalisierbar.

Dann ging heute noch auf Twitter etwas ganz anderes rum. Naja, nichts völlig anderes, irgendwie hat das damit auch zu tun. In einer Schule wurde vor den Augen der Kinder ein Kaninschen geschlachtet. Die Eltern liefen Sturm und eine pädagogische Diskussion brandete auf.

Die Reaktionen auf Twitter waren recht hämisch. Schließlich ist es nicht lange her, dass das Schlachten eines Tieres zum Alltag vieler Menschen – auch von Kindern gehörte. Hierzu auf so ne Art sehr richtig, Ennomane. Ich weiß gar nicht, ob das noch irgendwo praktiziert wird, aber ich weiß, dass zu meiner Schulzeit auch lebende Frösche seziert wurden. Von den Schülern selbst. Und da wir mit dem Resultat von geschlachtetem Getier ja durchaus auch täglich zu tun haben, liegt es nahe zu unterstellen, dass das Zuschauen beim Schlachten eines Tieres eine durchaus pädagogisch wertvolle Lehre sein kann.

Ich bin mir da nicht so sicher. Nur weil etwas früher als „normal“ galt und vielleicht sogar noch in unserem Wertempfinden nicht schlimm ist, muss es ja noch lange nicht richtig sein. Wir glauben immer – wie auch unsere Eltern ihrerseits – dass unser Wertmaßstab der richtige (vielleicht sogar „natürliche„) ist. Wer gibt uns dieses Recht?

Die beschriebene Reaktion der betroffenen Kinder waren vor allem Tränen. Ein Kind soll sogar in Ohnmacht gefallen sein. Der Schock jedenfalls sitzt tief und wer kann es ihnen verübeln? Es ist heute eben nicht mehr „normal“ mit der Tötung von Tieren in Berührung zu kommen. Und ich finde beim Nachdenken darüber auch keinen Grund, warum das schlecht sein sollte. Denn das bleibt ja auch nicht ohne Konsequenzen. Das Vegetariertum ist ja nicht umsonst ein anhaltend starker Trend – ich denke schon, dass das zusammenhängt (Anmerkung: ich selbst bin eher so das Gegenteil eines Vegetariers. Ich weiß aber von der Umweltschädlichkeit meiner Essgewohnheiten, würde aber nicht zögern ein Tier zu töten, um es zu essen, wenn es sein müsste.)

Ich erinnere mich da an Jan Phillipp Reemtsma, der von einer Konditionierung durch Gewalt spricht. Die Frage, wie es zu den Gräultaten der Nazis, aber auch zu denen in anderen Kriegen kommt, beantwortet er damit, dass der Mensch sich an eine Lebenswelt der alltäglichen Gewalt zu gewöhnen im Stande ist. Wenn man in einer Welt der Gewalt lebt, gewöhnt man sich daran, dann wird es eben etwas normales. Die Empfindlichkeit nimmt ab und die Schwelle selber gewalttätig zu werden, sinkt.

Wir leben auch heute mit Gewalt, in eingegrenzten, dafür gesellschaftlich eingerichteten Bereichen, wie dem Boxsport. Aber insgesamt haben wir uns als Gesellschaft von der Gewalt sehr entwöhnt. Das ist keine Garantie für irgendwas, das kann wieder umschlagen. Aber derzeit sind wir Gewalt gegenüber extrem viel intoleranter, als es zum Beispiel noch unsere Elterngeneration war.

Es ist auch erstaunlich, dass die Leute sich von Kriminalität, obwohl sie seit den 70er Jahren rückläufig ist, immer mehr bedroht fühlen. Kaum wird irgendwo jemand niedergeschlagen, wird wieder eine große Law&Order-Diskussion losgetreten, ob wir härtere Gesetze brauchen. Die Abwesenheit von Verbrechen bedeutet nicht umbedingt ein Mehr an gefühlter Sicherheit. Gefühlte Sicherheit scheint sich überhaupt gar nicht durch echte Sicherheit herstellen lassen.

Auch anderen Gefahren gegenüber wird die Gesellschaft zunehmend intoleranter. Allein wie sich in den letzen 10 bis 20 Jahren das Verhältnis der Gesellschaft gegenüber dem Rauchen gewandelt hat, ist ja erstaunlich. Als ich jung war, haben die Leute noch im Flugzeug und in Zügen geraucht. Im Büro sowieso, egal ob da Nichtraucher saßen. Das wäre heute undenkbar. Einige Menschen fühlen sich mehr als nur belästigt, wenn jemand in ihrer Gegenwart raucht; sie fühlen sich bedroht. Ich schaue derzeit die Serie Madmen, die in den frühen 60er Jahren spielt, wo alle Protagonisten den ganzen Tag rauchen und saufen – auch bei der Arbeit und alles andere als heimlich, als ob es kein Morgen gibt. Ich glaube nicht, dass die Serie übertreibt.

Die Werte wandeln sich. Die Gesellschaft verändert ihre Sicht auf Gefahren, auf Gesundheit und gegenüber Gewalt. Gewalt gegenüber Menschen und Tieren. Dabei kann es extreme Unterschiede zwischen den Zeiten und den Orten geben.

Man kann ja mal wetten, aber ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Japaner die Atomkraft aufgeben werden. Trotz zwei Atombomben und dem (bisher) zweitschlimmsten Störfall in der Nukleargeschichte.

Sind die Japaner dann dumm? Sind die Kinder „falsch“ erzogen? Waren die Menschen früher lebensmüde?

Wir leben immer nur im heute und im hier. Und haben recht.

Netzkommentar: isharegossip

Hier, der Text zu meinem dradio.wissen Netzkommentar zu isharegossip.

Letzten Samstag wurde ein Jugendlicher von 20 anderen brutal zusammengeschlagen. Er hatte ein Schlichtungsgespräch gesucht, weil seine Freundin unter dem Mobbing einiger Mitschüler litt. Im Internetforum Isharegossip.com wurde sie als „Schlampe“ verunglimpft.

Kinder können grausam sein. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, auch ich habe darunter gelitten. Und ich kenne einige, denen es noch schlimmer erging.

Der Schulhof ist nun in das Internet erweitert worden. Wenn aber auf dem Schulhof getuschelt wird, dass X eine Schlampe ist, dann ist das schlimm. Wenn es im Internet für die ganze Welt auffindbar steht, kann das schlimmer sein.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat jetzt angekündigt zu prüfen, ob Websites wie Isharegossip in Deutschland verboten werden können. Als ob das irgendetwas helfen würde!
Egal, ob die Jugendlichen die Gerüchte dann auf schuelerVZ, 4chan oder völlig anderen Kanälen veröffentlichen, das Problem wird damit kaum in den Griff zu bekommen sein.

Was kann ein Verbot, was kann ein Gesetz, was kann der Datenschutz schon dagegen tun, wenn Menschen andere Menschen im Internet verleumdnen wollen?

In den USA ist das sogenannte „cyber bullying“ – also das Mobbing von Jugendlichen im Internet – längst zu einem ernsten gesellschaftlichen Problem ausgewachsen. Es ist so schlimm, dass Präsident Obama das Thema mehrmals ganz persönlich aufgegriffen hat.

Wenn wir etwas tun wollen, dann sollten wir den Jugendlichen die Stärke und die Fähigkeiten geben, Beschimpfungen und Verleumdungen zu ertragen. In den USA versucht die Plattform „It Gets Better“ genau das. Erwachsene sprechen in der Öffentlichkeit von ihren schlimmsten Demütigungen aus ihrer Jugend und zeigen den Jugendlichen, dass sie nicht allein sind und dass es besser wird.

Langfristig müssen wir aber eine Gesellschaft und eine Kultur schaffen, in der Daten keine Existenzen gefährden können. In denen intimste Informationen – egal ob wahr oder Gerücht – nur ein Schulterzucken hervorrufen.

Wir brauchen eine tolerante und diskriminierungsfreie Gesellschaft und zwar bald!

Der Hass des german ängstlichen Wutbürgers

Was man bereits ahnte: der „Wutbürger“ und die „German Angst“ gehen zusammen. Zwei großartige Texte flogen mir über das Wochende zu, die die beiden Phänomene jeweils genau analysieren und auf fast synchrone Art deuten.

Der Wutbürger und der Fahrrad-Nazi

Nach der Proklamation des Wutbürgers wurde es Zeit, ihn als ein psychosoziales Phänomen zu analysieren. Dietrich Diederichsen hat das ganz wunderbar in Angriff genommen. Er grenzt die Wut gegen Zorn und Empörung ab. Während Zorn und Empörung gerichtet und diskursiv sind, sei Wut aus der Rolle gefallener Zorn. Dieses aus der Rolle Gefallene sei das nicht mehr Streitbare, das nicht mehr Verargumentierbare der Wut:

„Verlieren Akteure im Streit jede Chance, verlieren sie ihre Position oder kann der Streit überhaupt nicht mehr geführt werden, dann tritt die gebundene Wut heraus und taucht frei, radikal und ein bisschen blöde anderswo wieder auf.“

Konstitutiv bescheinigt Diederichsen dem Wutbürger eine Nichtverortung, ein Verlorensein zwischen Gesetz und Willkür und dem diffusen Gefühl einer Ausgeliefertheit gegenüber einer Macht, der der Grund für seine hilflose, ungerichtete Wut ist. Anschaulich macht er das anhand der Wut des Fahrrad-Nazis, der im Machtkampf auf der Straße unterzugehen droht und glaubt, sich gegen jeden durchsetzen zu müssen:

„Der wütende Bürger glaubt ebenfalls nicht an die Garantierbarkeit seiner Rechte. Wie beim Fahrrad-Nazi liegt das daran, dass er dazwischen steht: Da er aus Erfahrung weiß, wie leicht es ist, an den Rechten der unter ihm Stehenden (oder an seinem Gewissen) vorbei auf diese zu treten, weiß er auch, wie leicht es sich die machen könnten, die stärker sind als er. Er kann sich weder ganz auf Willkür verlassen, weil er zu schwach ist, noch aufs Recht, weil ihn seine relative Stärke retten könnte. So fällt er aus einer Position, aus der er streiten könnte, und wird wütend. Seine Wut ist die aus dem stabilen Streit herausgefallene Unsicherheit über seinen wahren Status und den seiner Antipoden. Ist um mich herum Recht oder Chaos?“

Das Gefühl, sich sein Recht überall erkämpfen zu müssen, resultiert für den Wutbürger also aus der eigenen Erfahrung, sich immer dort alles – notfalls gewaltsam – anzueignen, wo man sich selber in der Machtposition wähnt. Seine Angst und seine Wut ist also eine extrem verräterisch, selbstspiegelnde:

„Er sieht immer nur punktuell seine Rechte in Gefahr und weiß, dass ihm genau an diesem Gefahrenpunkt dieselbe Wut droht, zu der er selber fähig ist: ob von bürokratisch unfassbar gewordenen Herrschenden, Spekulanten oder superfertilen Migrantenmassen, die »Wanderers Nachtlied« nicht schätzen.“

Die German Angst und das Atom

Nur wenig später wurde mir ein weiterer furioser Text in die Timeline gespült, der mit ersteren irgendwie unterirdisch verwandt ist, zumindest die zentralen Prämissen teilt.

Arno Widmann macht sich in einem längeren Stück daran, das was mal mehr mal weniger berechtigt die „German Angst“ bezeichnet wird zu analysieren. Natürlich, räumt er ein, haben die Deutschen mehr Angst vor der Atomkraft, als die Bewohner anderer Länder, wie man ja derzeit gut beobachten kann. Diese Angst aber habe eine Geschichte und seinen berechtigten Sinn.

Dazu führt er die Formel des großen Kriegsphilosophen Donald Rumsfeld an, dass es eben neben dem Bekannten und dem Unbekannten, von dem wir wissen, dass wir es nicht kennen, noch dasjenige Unbekannte gäbe, von dem wir nicht wissen können. In Fukushima beispielsweise waren allerlei bekannte Gefahren und bekannte unbekannte Gefahren eingeplant. Sprich: die Erdbebensicherheit der Atomkraftwerke wurde für die übliche Stärke ausgelegt aber es konnte niemand ahnen (das unbekannte Unbekannte) dass neben einem noch viel stärkeren Erdbeben auch noch gleichzeitig ein Tsunami alle Kühlsysteme zerstören würde. Das unbekannte Unbekannte ist eben nicht beherrschbar, nicht kalkulierbar, es ist die Zukunft selbst. Das unbekannte Unbekannte sei aber auch eine Erfahrung, die wir Deutsche nur zu gut kennen:

„Die „German Angst“ ist das, was sich damit nicht beruhigen lässt. Die Erfahrung, dass, wenn wir uns selbst so unbekannt sind wie sich erwiesen hat, wir niemals so tun können, als gäbe es nicht hinter all den bekannten Bekannten und den bekannten Unbekannten nicht doch noch unbekannte Unbekannte. Wir haben nicht nur die Erfahrung gemacht, dass mit uns nicht – und darum mit niemandem und mit nichts – zu rechnen ist. Wir haben diese Erfahrung verinnerlicht, in ein Gefühl überführt, das uns bewahrt vor gar zu großer Gewissheit über den Gang der Geschichte.“

Die Unsicherheit um das unbekannte Unbekannte herum ist so groß, dass Kernenergie eigentlich nicht zu verantworten ist. Deswegen, so Widmann, sei die „German Angst“ etwas sehr berechtigtes und zu begrüßendes. Es ist im Grunde die Angst vor sich selbst:

„Wir wappnen uns stets nur gegen die Gefahren, die wir kennen, und da ist noch die andere Erfahrung, die gravierendste von allen. Die Erfahrung, dass wir uns nicht wappnen können gegen unseren größten Feind, gegen uns selbst. Wir wollen das vergessen. Wir wollen ihn loswerden, den Blick in den Abgrund, der wir selber sind.“

Der German Wut-Angst-Bürger

Vielleicht hat man die argumentative Verschränkung der beiden Analysen schon bemerkt? Ich fand sie jedenfalls bezeichnend. Die „German Angst“ und die Wut des Wutbürgers treffen sich auf zwei entscheidenden Ebenen:

1. Die generelle Ungerichtetheit der Wut/Angst. Die Angst, wo sie sich auf das unbekannte Unbekannte richtet, verliert dabei natürlich ihr Sujet. Sie wird diffus, zerstäubt sich im radikal Unbekannten und fällt damit aus jedem Rechtfertigungszwang und aus jedem Streit, aus jeder Argumentation heraus, ebenso wie es Diederichsen es für die Wut diagnostiziert.

2. Die Angst wie die Wut speisen sich aus der Erfahrung der eigenen Tyrannei. Diederichsen Wutbürger lehnt sich gegen die Mächtigeren vor allem aus dem Bewusstsein auf, wie er selbst als der Mächtige seine Macht zum eigenen Vorteil missbrauchte oder missbrauchen würde. Den selben Moment des Bewusstseins der Schuld und der Tyrannei steckt laut Widmann natürlich auch hinter der German Angst, die bezogen auf das Tätersein und das Täterseinkönnen der Welt und der Macht misstraut. Das radikal Unbekannte ist das radikal Unbekannte in uns selbst und damit auch das radikal böse.

Streetview und der Kontrollverlust

Der Wutbürger und die German Angst steckten unschwer zu erkennen auch hinter den 244.237 Widerprüchen gegen Google Street View und vermutlich hinter der ganzen aufgeregten Datenschutzdebatte in Deutschland. Da wären die Bürger, die sich eben auch nicht ihrer Rechte sicher sind und sie deswegen auch da durchzusetzen versuchen, wo sie gar keinen Anspruch darauf haben, sich aber diffus bedroht fühlen. Das Recht auf Privatheit wird auch da eingefordert, wo sie keine Grundlage hat: im öffentlichen Raum. Auch wurde in den Diskussionen immer wieder offenbar, dass es eher um ein diffuses Bedrohungsszenario gegenüber einem vermeintlich mächtigeren Gegner (Google) handelt, dass diese Wut schürte.

Die Angst vor der Datensammelei des mächtig empfundenen Gegners wird auch deshalb als Bedrohlich empfunden, weil Daten nicht nur das bekannte unbekannte, sondern auch sehr anschaulich das unbekannte Unbekannte sind. Der Kontrollverlust ist die Definition des unbekannten Unbekannte der Daten, ihre heute noch unbekannten Möglichkeiten in der Zukunft, ihre Verknüpfbarkeit mit anderen Daten und somit ihre unendliche Aussagekraft die zu keinem Zeitpunkt X eingegrenzt werden kann. Die Unbekanntheit, die sich nur noch auf den Anderen als radikal anderen beziehen kann, weil er es ist (eher: sein wird), der die Fragen (Querys) stellt.

Das Misstrauen gegenüber dem Anderen wiederum – das machen ja sowohl Diederichsen und Widmann klar – ist in Wirklichkeit das Misstrauen sich selbst gegenüber. Man misstraut sich selbst, wegen der (kollektiven) Vergangenheit im Nazireich oder der zeitweisen individuellen Verwandlung zum „Fahrrad-Nazi“. Man weiß deswegen, dass man selbst nicht vertrauenswürdig ist. Und wenn ich es nicht bin, dann ist es der Andere erst recht nicht und gehört bekämpft.

Im Gegenteil! – würde ich hier ergänzen. Ich identifiziere im Anderen das Arschloch/den Nazi, für das ich mich selbst halte, vor allem und in erster Linie, um mich von mir selbst abzulenken. Indem ich dem Anderen diese Rolle zuweise und ihn symbolisch bekämpfe, kann ich mir einbilden auf der „guten Seite“ zu sein. Dann bin ich das Opfer. Egal ob Bahn und Mappus bei S21, die böse „Atommafia“ oder Google – bishin zu den „faschistischen Moslems“ – sie taugen jeweils als Feindbilder gegen die ich mich als der gute, aber hilflose, ausgelieferte Widerpart inszenieren kann. Und zwar auch vor mir selbst inszenieren.

Der unbekannte Andere als Chance

Nun vertrete ich ja die Position in Sachen Daten, dass jenes unbekannte Unbekannte eben nicht per se schlecht sein muss. Dass in dem radikal Unbekannten der Daten ungeahnte Chancen stecken, die es auszuloten gilt. Dass wir, weil wir diese Chancen noch gar nicht kennen können, kein Recht haben, diesen potentiellen Schatz, den die Daten beherbergen, oder in Zukunft beherbergen werden, vorzeitig zu vernichten oder unzugänglich zu machen. Dass es im Gegenteil das radikale Recht dieses unbekannten Anderen sein muss, zu entscheiden, wie er Daten bewertet. Es ist also quasi die direkte Antithese zu der German Angst und dem Wutbürger.

Wie kann ich es also wagen, eine positive Zukunfterwartung zu hegen? Wie kann ich dem Anderen nicht nur Vertrauen, sondern ihm das radikale Recht auf die Bewertung und Nutzung von Daten – meinen Daten – einräumen? (und auch vor der Atomkraft habe ich nicht sooo eine große Angst.) Bin ich total naiv? Habe ich denn nichts gelernt, aus der Geschichte? Jede Technologie kann schließlich zur Waffe des nächsten Nazis werden (Der Datenschutzdiskurs beruft sich tatsächlich auffallend oft genau auf dieses Argument). Also müssen wir die Technologien doch verhindern!

Ich glaube, am Anfang allen Hasses stehen Angst und Wut. Das zeigt vor allem auch der Diskurs des Thilo Sarrazin sehr deutlich, der eben dieser German Angst und der Wut eine gefährliche Richtung zu geben wußte. Ich halte es deswegen grundsätzlich für die falsche Strategie, sich selbst und allen anderen zu misstrauen. Misstrauen verhindert keine Thilo Sarrazins, sondern züchtet sie. Ich glaube, ein Klima der Angst und der frei schwebenden Wut ist nicht hilfreich eben das zu verhindern, wogegen sich die Angst richtet. Ich glaube, man sollte seine Technologien – die Risiken und die Chancen – nüchtern betrachten, ohne überall den bösen Nazi (oder related) aufblitzen zu sehen oder eine Verschwörung zu wittern. Man sollte seine Angst und auch seine Wut jederzeit kritisch hinterfragen.

Ich würde lieber den Hass, als die Technologien verhindern. Und da braucht man gar nicht mal für auf die Straße gehen, sondern kann prima bei sich selbst anfangen.

Sowas alles

Witzig, wie auf einmal das Thema Kontrollverlust/Post-Privacy in aller Munde ist, dank der Spackeria. Auf CRTL-Verlust habe ich meine Einschätzungen dazu mal aufgeschrieben.

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Ebenso habe ich schon bei unserem letzten Podcast wmr19 auf auf die Spackeria hingewiesen. Apropos Podcast. Max und ich machen uns selbstständig. Mit anderen Worten: wir sparen auf eigenes Equipment. Das ist alles furchtbar teuer, weswegen wir zu Spenden aufgerufen haben. Das wird alles zwar trotzdem nicht reichen und wir werden wohl oder übel was drauf legen müssen, dennoch würden wir uns über jede Spende freuen.

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Und dann noch eine Ankündigung:

Nächste Woche bin ich wieder mal in Köln. Diesmal auf einer Konferenz. Auf dem World Business Dialogue, einer Art studentisch organinisiertem Weltwirtschaftsforum sitze ich auf einem Pannel zu dem Thema: „Modern Communication- The βετα Way to Talk„. Ist also ein englischsprachiges Pannel, was mich etwas ängstigt, denn mein Englisch ist so … naja.

Und das auch noch mit so wichtig, mega-wichtigen Leuten wie Dr. Dorothee Ritz, Mitglied der Geschäftsführung Microsoft Deutschland, Herr Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer, Präsident der BITKOM und Vize Präsident des BDI sowie Herr Jochen Schmalholz, Head of Marketing Innovations der BMW Group. Uff!

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht ob es einen Livestream oder eine Aufzeichnung geben wird[die Orga meldet sich in den Kommentaren: es wird einen Livestream geben – vermutlich einfach die Website checken], wer aber meine Angstschweißperlen einzeln abzählen will, kann ja am Mittwoch den 16. März einfach vorbei kommen.

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Und noch ne Ankündigung:

Für die re:publica habe ich auch schon eine Zusage. Da werde ich einen Talk halten über – na was? – den Kontrollverlust. Insgesamt schwebt mir vor, mal eine kohärente Thesensammlung zum Kontrollverlust vorzulegen. Endlich! Außerdem wieder dabei: Twitterlesung! Auch da wollen wir uns noch was spezielles ausdenken. Anregungen bitte in die Kommentare.