Was man bereits ahnte: der „Wutbürger“ und die „German Angst“ gehen zusammen. Zwei großartige Texte flogen mir über das Wochende zu, die die beiden Phänomene jeweils genau analysieren und auf fast synchrone Art deuten.
Der Wutbürger und der Fahrrad-Nazi
Nach der Proklamation des Wutbürgers wurde es Zeit, ihn als ein psychosoziales Phänomen zu analysieren. Dietrich Diederichsen hat das ganz wunderbar in Angriff genommen. Er grenzt die Wut gegen Zorn und Empörung ab. Während Zorn und Empörung gerichtet und diskursiv sind, sei Wut aus der Rolle gefallener Zorn. Dieses aus der Rolle Gefallene sei das nicht mehr Streitbare, das nicht mehr Verargumentierbare der Wut:
„Verlieren Akteure im Streit jede Chance, verlieren sie ihre Position oder kann der Streit überhaupt nicht mehr geführt werden, dann tritt die gebundene Wut heraus und taucht frei, radikal und ein bisschen blöde anderswo wieder auf.“
Konstitutiv bescheinigt Diederichsen dem Wutbürger eine Nichtverortung, ein Verlorensein zwischen Gesetz und Willkür und dem diffusen Gefühl einer Ausgeliefertheit gegenüber einer Macht, der der Grund für seine hilflose, ungerichtete Wut ist. Anschaulich macht er das anhand der Wut des Fahrrad-Nazis, der im Machtkampf auf der Straße unterzugehen droht und glaubt, sich gegen jeden durchsetzen zu müssen:
„Der wütende Bürger glaubt ebenfalls nicht an die Garantierbarkeit seiner Rechte. Wie beim Fahrrad-Nazi liegt das daran, dass er dazwischen steht: Da er aus Erfahrung weiß, wie leicht es ist, an den Rechten der unter ihm Stehenden (oder an seinem Gewissen) vorbei auf diese zu treten, weiß er auch, wie leicht es sich die machen könnten, die stärker sind als er. Er kann sich weder ganz auf Willkür verlassen, weil er zu schwach ist, noch aufs Recht, weil ihn seine relative Stärke retten könnte. So fällt er aus einer Position, aus der er streiten könnte, und wird wütend. Seine Wut ist die aus dem stabilen Streit herausgefallene Unsicherheit über seinen wahren Status und den seiner Antipoden. Ist um mich herum Recht oder Chaos?“
Das Gefühl, sich sein Recht überall erkämpfen zu müssen, resultiert für den Wutbürger also aus der eigenen Erfahrung, sich immer dort alles – notfalls gewaltsam – anzueignen, wo man sich selber in der Machtposition wähnt. Seine Angst und seine Wut ist also eine extrem verräterisch, selbstspiegelnde:
„Er sieht immer nur punktuell seine Rechte in Gefahr und weiß, dass ihm genau an diesem Gefahrenpunkt dieselbe Wut droht, zu der er selber fähig ist: ob von bürokratisch unfassbar gewordenen Herrschenden, Spekulanten oder superfertilen Migrantenmassen, die »Wanderers Nachtlied« nicht schätzen.“
Die German Angst und das Atom
Nur wenig später wurde mir ein weiterer furioser Text in die Timeline gespült, der mit ersteren irgendwie unterirdisch verwandt ist, zumindest die zentralen Prämissen teilt.
Arno Widmann macht sich in einem längeren Stück daran, das was mal mehr mal weniger berechtigt die „German Angst“ bezeichnet wird zu analysieren. Natürlich, räumt er ein, haben die Deutschen mehr Angst vor der Atomkraft, als die Bewohner anderer Länder, wie man ja derzeit gut beobachten kann. Diese Angst aber habe eine Geschichte und seinen berechtigten Sinn.
Dazu führt er die Formel des großen Kriegsphilosophen Donald Rumsfeld an, dass es eben neben dem Bekannten und dem Unbekannten, von dem wir wissen, dass wir es nicht kennen, noch dasjenige Unbekannte gäbe, von dem wir nicht wissen können. In Fukushima beispielsweise waren allerlei bekannte Gefahren und bekannte unbekannte Gefahren eingeplant. Sprich: die Erdbebensicherheit der Atomkraftwerke wurde für die übliche Stärke ausgelegt aber es konnte niemand ahnen (das unbekannte Unbekannte) dass neben einem noch viel stärkeren Erdbeben auch noch gleichzeitig ein Tsunami alle Kühlsysteme zerstören würde. Das unbekannte Unbekannte ist eben nicht beherrschbar, nicht kalkulierbar, es ist die Zukunft selbst. Das unbekannte Unbekannte sei aber auch eine Erfahrung, die wir Deutsche nur zu gut kennen:
„Die „German Angst“ ist das, was sich damit nicht beruhigen lässt. Die Erfahrung, dass, wenn wir uns selbst so unbekannt sind wie sich erwiesen hat, wir niemals so tun können, als gäbe es nicht hinter all den bekannten Bekannten und den bekannten Unbekannten nicht doch noch unbekannte Unbekannte. Wir haben nicht nur die Erfahrung gemacht, dass mit uns nicht – und darum mit niemandem und mit nichts – zu rechnen ist. Wir haben diese Erfahrung verinnerlicht, in ein Gefühl überführt, das uns bewahrt vor gar zu großer Gewissheit über den Gang der Geschichte.“
Die Unsicherheit um das unbekannte Unbekannte herum ist so groß, dass Kernenergie eigentlich nicht zu verantworten ist. Deswegen, so Widmann, sei die „German Angst“ etwas sehr berechtigtes und zu begrüßendes. Es ist im Grunde die Angst vor sich selbst:
„Wir wappnen uns stets nur gegen die Gefahren, die wir kennen, und da ist noch die andere Erfahrung, die gravierendste von allen. Die Erfahrung, dass wir uns nicht wappnen können gegen unseren größten Feind, gegen uns selbst. Wir wollen das vergessen. Wir wollen ihn loswerden, den Blick in den Abgrund, der wir selber sind.“
Der German Wut-Angst-Bürger
Vielleicht hat man die argumentative Verschränkung der beiden Analysen schon bemerkt? Ich fand sie jedenfalls bezeichnend. Die „German Angst“ und die Wut des Wutbürgers treffen sich auf zwei entscheidenden Ebenen:
1. Die generelle Ungerichtetheit der Wut/Angst. Die Angst, wo sie sich auf das unbekannte Unbekannte richtet, verliert dabei natürlich ihr Sujet. Sie wird diffus, zerstäubt sich im radikal Unbekannten und fällt damit aus jedem Rechtfertigungszwang und aus jedem Streit, aus jeder Argumentation heraus, ebenso wie es Diederichsen es für die Wut diagnostiziert.
2. Die Angst wie die Wut speisen sich aus der Erfahrung der eigenen Tyrannei. Diederichsen Wutbürger lehnt sich gegen die Mächtigeren vor allem aus dem Bewusstsein auf, wie er selbst als der Mächtige seine Macht zum eigenen Vorteil missbrauchte oder missbrauchen würde. Den selben Moment des Bewusstseins der Schuld und der Tyrannei steckt laut Widmann natürlich auch hinter der German Angst, die bezogen auf das Tätersein und das Täterseinkönnen der Welt und der Macht misstraut. Das radikal Unbekannte ist das radikal Unbekannte in uns selbst und damit auch das radikal böse.
Streetview und der Kontrollverlust
Der Wutbürger und die German Angst steckten unschwer zu erkennen auch hinter den 244.237 Widerprüchen gegen Google Street View und vermutlich hinter der ganzen aufgeregten Datenschutzdebatte in Deutschland. Da wären die Bürger, die sich eben auch nicht ihrer Rechte sicher sind und sie deswegen auch da durchzusetzen versuchen, wo sie gar keinen Anspruch darauf haben, sich aber diffus bedroht fühlen. Das Recht auf Privatheit wird auch da eingefordert, wo sie keine Grundlage hat: im öffentlichen Raum. Auch wurde in den Diskussionen immer wieder offenbar, dass es eher um ein diffuses Bedrohungsszenario gegenüber einem vermeintlich mächtigeren Gegner (Google) handelt, dass diese Wut schürte.
Die Angst vor der Datensammelei des mächtig empfundenen Gegners wird auch deshalb als Bedrohlich empfunden, weil Daten nicht nur das bekannte unbekannte, sondern auch sehr anschaulich das unbekannte Unbekannte sind. Der Kontrollverlust ist die Definition des unbekannten Unbekannte der Daten, ihre heute noch unbekannten Möglichkeiten in der Zukunft, ihre Verknüpfbarkeit mit anderen Daten und somit ihre unendliche Aussagekraft die zu keinem Zeitpunkt X eingegrenzt werden kann. Die Unbekanntheit, die sich nur noch auf den Anderen als radikal anderen beziehen kann, weil er es ist (eher: sein wird), der die Fragen (Querys) stellt.
Das Misstrauen gegenüber dem Anderen wiederum – das machen ja sowohl Diederichsen und Widmann klar – ist in Wirklichkeit das Misstrauen sich selbst gegenüber. Man misstraut sich selbst, wegen der (kollektiven) Vergangenheit im Nazireich oder der zeitweisen individuellen Verwandlung zum „Fahrrad-Nazi“. Man weiß deswegen, dass man selbst nicht vertrauenswürdig ist. Und wenn ich es nicht bin, dann ist es der Andere erst recht nicht und gehört bekämpft.
Im Gegenteil! – würde ich hier ergänzen. Ich identifiziere im Anderen das Arschloch/den Nazi, für das ich mich selbst halte, vor allem und in erster Linie, um mich von mir selbst abzulenken. Indem ich dem Anderen diese Rolle zuweise und ihn symbolisch bekämpfe, kann ich mir einbilden auf der „guten Seite“ zu sein. Dann bin ich das Opfer. Egal ob Bahn und Mappus bei S21, die böse „Atommafia“ oder Google – bishin zu den „faschistischen Moslems“ – sie taugen jeweils als Feindbilder gegen die ich mich als der gute, aber hilflose, ausgelieferte Widerpart inszenieren kann. Und zwar auch vor mir selbst inszenieren.
Der unbekannte Andere als Chance
Nun vertrete ich ja die Position in Sachen Daten, dass jenes unbekannte Unbekannte eben nicht per se schlecht sein muss. Dass in dem radikal Unbekannten der Daten ungeahnte Chancen stecken, die es auszuloten gilt. Dass wir, weil wir diese Chancen noch gar nicht kennen können, kein Recht haben, diesen potentiellen Schatz, den die Daten beherbergen, oder in Zukunft beherbergen werden, vorzeitig zu vernichten oder unzugänglich zu machen. Dass es im Gegenteil das radikale Recht dieses unbekannten Anderen sein muss, zu entscheiden, wie er Daten bewertet. Es ist also quasi die direkte Antithese zu der German Angst und dem Wutbürger.
Wie kann ich es also wagen, eine positive Zukunfterwartung zu hegen? Wie kann ich dem Anderen nicht nur Vertrauen, sondern ihm das radikale Recht auf die Bewertung und Nutzung von Daten – meinen Daten – einräumen? (und auch vor der Atomkraft habe ich nicht sooo eine große Angst.) Bin ich total naiv? Habe ich denn nichts gelernt, aus der Geschichte? Jede Technologie kann schließlich zur Waffe des nächsten Nazis werden (Der Datenschutzdiskurs beruft sich tatsächlich auffallend oft genau auf dieses Argument). Also müssen wir die Technologien doch verhindern!
Ich glaube, am Anfang allen Hasses stehen Angst und Wut. Das zeigt vor allem auch der Diskurs des Thilo Sarrazin sehr deutlich, der eben dieser German Angst und der Wut eine gefährliche Richtung zu geben wußte. Ich halte es deswegen grundsätzlich für die falsche Strategie, sich selbst und allen anderen zu misstrauen. Misstrauen verhindert keine Thilo Sarrazins, sondern züchtet sie. Ich glaube, ein Klima der Angst und der frei schwebenden Wut ist nicht hilfreich eben das zu verhindern, wogegen sich die Angst richtet. Ich glaube, man sollte seine Technologien – die Risiken und die Chancen – nüchtern betrachten, ohne überall den bösen Nazi (oder related) aufblitzen zu sehen oder eine Verschwörung zu wittern. Man sollte seine Angst und auch seine Wut jederzeit kritisch hinterfragen.
Ich würde lieber den Hass, als die Technologien verhindern. Und da braucht man gar nicht mal für auf die Straße gehen, sondern kann prima bei sich selbst anfangen.