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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies
Einführung
Stellen wir uns die Gesellschaft als multidimensionales Netzwerk von Abhängigkeiten vor, in dem die Akteure wechselseitig abhängig voneinander sind und bei dem die Dimensionen die unterschiedlichen Arten der Abhängigkeit repräsentieren, seien es notwendige materielle Infrastrukturen, Informationen, Arbeit, Produkte, Transaktionen, Aufmerksamkeit oder Care.
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In dieses Netzwerk kann man dann mit unterschiedlichen Zoomstufen reinschauen.
Auf der Ebene des Haushalts kennen wir uns alle aus. Wir können die Spülmaschine nicht anstellen, weil wir erst noch Essen machen müssen, was aber nicht geht, weil die Teller nicht abgespült sind. Wir stellen fest: Abhängigkeiten sind verknüpft, also vernetzt und vertrackt und einen Haushalt (altgriechisch: „Oikos“) zu führen, bedeutet in erster Linie, materielle Abhängigkeiten zu managen.
Alle Handlungen sind vom Ergebnis anderer Handlungen abhängig, Menschen sind voneinander abhängig, Infrastrukturen, Institutionen, Bräuche und Sprache beschreiben interdependente Abhängigkeiten. Das Netz der Abhängigkeiten ist riesig, kleinteilig und filigran verzweigt und nur mit einem kleinen Teil davon – der, in dem die Abhängigkeiten Preise haben – befasst sich die (neo-)klassische Ökonomie.
Schaut man genauer hin, sieht man viele unterschiedliche Abhängigkeitsformationen als Beziehungsweisen zwischen den Menschen: Care, Lohnarbeit, Konsum, Liebe, Lieferketten, Status-Hierarchien, Gewalt etc. Wir alle sind ständig damit beschäftigt, unterschiedlichste Abhängigkeitsdimensionen zu navigieren und unser Geld hilft bei vielem, aber längst nicht bei allem davon weiter.
Auch wenn wir unsere Sicht auf den Kapitalismus beschränken, können wir die Abhängigkeits-Dimensionen noch differenzierter auflösen. Dann sieht man finanzielle, materielle, personelle und politische Abhängigkeiten und kann beobachten, wie die wiederum auf die internen Strukturen der Firmen zurückwirken.
Schauen wir auf die Wirkung von Unternehmen auf die Gesellschaft, sehen wir wie jede neue Produktkategorie neue, spezifische Abhängigkeiten in das Netzwerk einführt, denn Produkte finden ihren Platz in unseren Lebensritualen und Workflows, die dann ohne sie nicht mehr funktionieren.
Man kann sodann raus-zoomen und stellt fest, dass sowohl Haushalte als auch Unternehmen an allerlei Infrastrukturen gekoppelt sind. Straßen, Schulen, aber eben auch Geschirrspülmittelhersteller und Obstplantagen. Das Netzwerk der Abhängigkeiten wird in kapitalistischen Ökonomien entlang allerlei privater, aber auch einer Menge öffentlicher Infrastrukturen organisiert und diese Infrastrukturen nehmen jeweils relativ netzwerkzentrale Stellungen im Abhängigkeitsnetzwerk ein und sind selbst wieder in ein Netz von Abhängigkeiten verstrickt.
Das Netz der Infrastrukturen ist mit dem Netz der Abhängigkeiten eng verflochten, denn es hat sich in einer Art stetigen Ko-Evolution mit ihm zusammen entwickelt. Abhängigkeiten motivieren die Errichtung von Infrastrukturen und Infrastrukturen kreieren neue Abhängigkeitsbeziehungen.
Zoomen wir noch weiter raus, sehen wir aus dieser Makroperspektive das Netzwerk der Abhängigkeiten am klarsten als Handelsströme zwischen den Staaten und können z. B. an Donald Trumps Zollpolitik, an Russlands geostrategischer Gaspolitik oder Chinas Belt and Road Initiative nachvollziehen, wie Macht unter Staaten entlang von aggregierten Abhängigkeitsrelationen und ihren Infrastrukturen verhandelt wird und sehen, wie sich in diesen Strukturen noch die kolonialistischen Ursprünge des globalen Handelssystems abbilden.
Der Explainer ist in drei Teile geteilt:
- Teil I: Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum [->]
- Teil II: Der Finanzmarkt [->]
- Teil III: Die „Realwirtschaft“ [->]
Teil I: Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum
Abhängigkeiten sind eigentlich nur „genommene Pfadgelegenheiten“. Wann immer wir vor der Wahl stehen, Pfad A, B oder C zu nehmen und wir gehen einen Schritt weiter, dann ist es nicht egal, ob wir Pfad A, B oder C genommen haben. Wir sind bei der Pfadentscheidung verschuldet.
Jede Abhängigkeit ist die Abhängigkeit eines Pfades, den man gegangen ist, ob freiwillig oder nicht.
Die Pfadgelegenheit
Für die Pfadgelegenheit selbst existiert ein eigener Expainer, in dem ich sie so definiere.
Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.
Pfadgelegenheit, Pfadentscheidung, Pfadabhängigkeit sind unterschiedliche Blickwinkel auf dieselbe Sache. Wir sind keine Individuen, die getrennt von ihrer Welt leben und deswegen machen und tun können, was sie wollen, sondern Dividuen, die immer nur auf den Pfaden unterwegs sind, die ihnen zur Verfügung stehen.
Die Hebel:Fulcrum-Mechanik
Die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten bekommt mit der Hebel:Fulcrums-Beziehung einen mechanischen Vektor, der uns hilft, viele Rätsel aufzulösen. Die Fulcrumsmeachik ist die Aktualisierung einer Pfadgelegenheit: aus einem Potential wird eine ein neuer Ort im Netzwerk.
Aus dem Fulcrum-Explainer.
Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.
Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.
Um diesen Explainer zu verstehen, lohnt es sich den Fulcrums-Eplainer ganz zu lesen, aber grob zusammengefasst kann man sagen (KL76):
Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.
Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird die Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.
Wie gesagt, es lohnt sich den vollen Explainer zu lesen. Aber um die Hebel:Fulcrums-Beziehung analytisch anwenden zu können, lohnt es sich, die unterschiedlichen Arten auf das Fulcrum zu schauen, noch einmal zusammenzufassen:
- inszeniertes Fulcrum[F0] = viabel / Die Pfadgelegenheit
- zugriffliches Fulcrum[F1] = Ansatzort / Zugriffs-Topologie /
- hegemoniales Fulcrum[F2] = die Verbreitung der Zugriffs-Topologie
- beliehenes Fulcrum[F3] = Wette auf die Gesamtinfrastruktur
- Kontaktzonenfulcrum[F4] = Kontaktzone / Steifheit / Robustheit / Verschleiß
- stabilisierendes Fulcrum[F5] = Stabilitätskern / Die Fulcren, die dem Kontaktzonenfulcrum Stabilitität verleihen
- verdrängtes Fulcrum[F6] = externalisiert / verdrängt
- verbuchtes Fulcrum[F7] = habituelles Pfadgelegenheit-Portfolio
- Fulcrums-Crash[F8] = Der Riss im Fulcrum und seine Geschichte.
- abgeschriebenes Fulcrum[F9] = Ruine
Kapitalismus aus Userperspektive
Die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten versucht, eine bessere Beschreibung des Kapiltalismus und seinen Strukturen zu erreichen, indem sie die Userperspektive auf seine Mechanismen und Strukturen beleiht.
Auf diese Weise verbindet sich das Dividuum über seine Pfadgelgenheiten mit den Strukturen und der Kapitalismus wird als begehbare Architektur von Hebel:Fulcrums-Beziehungen beschreibbar.
Als pfadabhängiger Teil des relationalen Materialismus basiert auch die politische Ökonomie der Pfadgelegenheit auf einem drei Schichtenmodell der Gesellschaft und des Dividuums. Aus dem den relationalen Materialsmus-Explainer.
Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:
- Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
- Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
- Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.
Alle Akteure in diesem Netzwerk sind „Materiell-Semantische Komplexe“ (menschliche Dividuen, Unternehmen, Staaten, Redaktionen, Vereine, Organisationen, auf eine Art auch Tiere) und das heißt sie haben sowohl einen materiellen Körper (Menschliche Körper und materielle Infrastrukturen inklusive deren Fulcren) und einen semantischen Körper (Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Wissen, eine Geschichte über sich selbst und die Welt), bewohnen also als „Full Stack“-Implementation alle Layer des Netzwerks. Sie alle sind Fulcren (für jemanden), sie alle nutzen Hebel (an jemanden), nur sind Hebellänge und Fulcrumslast ungleich verteilt.
In diesem Geflecht aus Materialität und Semantik lassen sich plausible Userperspektiven auf Funktionsweisen und Mechanismen ableiten, die uns die Welt entlang aggregierter Dividuums-Perspektiven erklärt.
Was sind also Abhängigkeiten?
Der relational Materialismus erlaubt uns mehrere Arten, Abhängigkeiten zu definieren, die jeweils richtig sind und und auf jeder ihrer Ebenen eine Gültige Perpektive auf Abhängigkeiten formulieren.
Materielle Ebene: Abhängigkeiten sind die Fulcren unserer Hebel.
Erwartungs-Ebene: Abhängigkeiten sind Pfadabhängigkeiten, von denen unsere Pfadgelegenheiten abhängen.
Erwartungserwartungs-Ebene: Abhängigkeiten sind die gemeinsam beliehenen Erwartungs-Portfolios unserer Infrastrukturen.
Im Text wechsele ich die Ebenen fluide, denn so ist die Welt, wie wir sie wahrnehmen. Du nimmst diese Unterscheidungen nicht immer wahr, weil du immer nur in der Erwartungs-Ebene operierst, die die Eindrücke der materiellen Realität und deiner Erwartungserwartungen mit deinen Erwartungen zu „deiner Wirklichkeit“ verschmilzt.
Teil II: Der Finanzmarkt
Archimedes konnte nicht ahnen, dass seine Praxis des „Leveragen“ in der Finanzsprache beliehen werden würde, aber uns ist jetzt auch klar warum? Auch dort ist jeder Hebel eine Wette auf ein Fulcrum.
Leverage in der Finanzwelt
Für gewöhnlich bezieht sich das Wort „leverage“ am Finanzmarkt auf geliehenes Geld, das man seiner „Order“ beifügt. Sagen wir, ich habe 10.000 Euro Eigenkapital und leihe mir für eine „Order“ weitere 100.000 Euro, dann verstärkt das meinen Hebel 10x. Wenn also der Preis 1 % steigt, habe 10 % gewinn gemacht, wenn er um 1 % fällt, habe ich 10 % Verlust gemacht.
Wäre das Fulcrum fix und ein Punkt, dann könnte der Hebel unendlich groß sein, was wir als Hinweis darauf lesen können, dass wir es auch hier mit einem „komplexen Fulcrum“ zu tun haben.
Das erste, was ein Anleger macht, ist zu fragen: Ist ein Anlegepfad „viabel“?, Dafür inszeniert man eine Zukunft entlang einer bestimmten Erwartung: Wird der Preis für das Asset weiter steige? Kann ich mir das leisten? Wie sicher ist das? Das „Inszenierte Fulcrum“ [F0] ist die Eruierung der Anlegepfadgelegenheit.
Das nächste, was der Anleger tun muss, ist das „zugriffliche Fulcrum“ [F1] zu wählen, d.h. den Zeitpunkt/Kurs, an dem er sich entschließt zu kaufen/den Hebel anzusetzen. Manchmal ist das einfach so schnell wie möglich, aber viele haben ganz bestimmte Wertentwicklungszeitpunkte im Visier.
Die Hürden, die man an zugrifflichen Fulcren überwinden muss, um am Finanzmarkt auf eine Art hoch (denn als erstes braucht es „überflüssiges“ Geld), Kreditwürdigkeit, aber mit Apps wie Robin Hood und Trade Republic sind dafür andere Hürden gesunken. Diese Apps versuchen ihr Trading-zugriffliches Fulcrum hegemonial zu machen [F2], aber geleveragte Bets machen sie noch nicht in der Höhe, also geht der Anleger klassisch über einen „Broker“.
Als nächstes nimmt der Anleger Kredit auf und plaziert seine Wette. Um die 100.000 zu bekommen, beleiht der Anleger nicht nur das gekaufte Asset, sondern auch die „Sicherheiten“, die er für den Kredit braucht. Das „beliehene Fulcrum“ [F3] umfasst also nicht die Werterwartung des gekauften Assets, sondern auch die Werterwartung der beliehenen Vermögenswerte für den Kredit. Das alles steht jetzt zusammen auf dem Spiel.
Während der Hebelaktion verschiebt sich erstmal der Fokus auf das „Kontaktzonenfulcrum“ [F4]. Denn jetzt ist es nicht nur so, dass der Wert des investierten Assets eine Rolle spielt, sondern auch der Wert der anderen beliehenen Assets aus [F3]. Das Kontaktzonenfulcrum kommt in die Existenz, sobald es „belastet“ wird, also die Hebelaktion beginnt und seine tatsächliche Stabilität, besorgt das, womit die Wette [F3] beliehen wurde. Zum Kontaktzonenfulcrum gehört aber auch die erwartete Wertentwicklung des gekauften Assets, sowie die Wertentwicklungserwartung anderer, was die ganze Konstruktion fragil und teils volatil macht.
Deswegen dienen die für den Kredit beliehenen Assets als stabiliserendes Fulcrum [F5]. Ihre erwartbarkeit erlaubt höhere Volatilität und damit längere Hebel. Je stabiler das beliehene Asset ist, desto weniger macht sich eine Bank Gedanken, wie sehr die Gefährlichkeit des Hebels die Rückzahlungsfähigkeit gefährdet. Und umso größere Hebel kann man sich leihen. Aber das ist gleichzeitig die Vulnerabilität. Wird die Stabilität des stabilisierenden Fulcrums [F5] nicht eingelöst, droht das Konstrukt zu zerfallen. Wenn ich zum Beispiel Aktien als Sicherheit hinterlegt habe und die Aktien sinken im Wert, dann kann mich ein sogenannter „Margin Call“ erreichen. Die Bank fordert entweder mehr Assets ein, oder löst den Vertrag auf [F8] und verkauft meine hinterlegten Sicherheiten [F9]. D.h. die Stabilität meines Fulcrums basiert zu einem Gutteil auf der Stabilität der beliehenen Assets. Wie wir später herausarbeiten werden, fungieren Sicherheiten, deswegen als stablisierendes Fulcrum, weil es der Bank einen „Exit“ aus der Wette ermöglicht.
Das „verdrängte Fulcrum“ [F6] ist immer mit dabei und es ist vielfältig, auch dann, wenn die Hebelaktion gut geht. Ein besonders gern verdrängter Teil des Fulcrums bei Finanzgeschäften ist die Tatsache, dass man es sich leisten können muss, das Risiko einer gehebelten Wette überhaupt einzugehen. Auch die eigene sozioökonomische Situation wird bei jedem Kredit mitgeleveraged.
Das „verbuchte Fulcrum“ [F7] wird das ganze, wenn die Hebelaktion gelingt und das gehebelte Asset in gewünschter Höhe im Portfolio liegt, oder die Option aufgeht. Aber ebenfalls verbucht ist der Hebelpfad selbst. Ein geglückter Hebeleinsatz verleitet dazu, die Geste zu wiederholen. Die allgemeine Pfadgelegenheit „Hebeln“ wurde Nutzenaktualisiert gewinnt als „viabler Pfad“ an Wert im persönlichen Erwartungs-Portfolio.
Es sei denn, die Hebelaktion mißlingt. Sei es, weil die Wertentwicklung vom erwarteten Pfad abwich, sei es, dass das stabilisierende Fulcrum [F5] brach (Margin Call). Die Erwartungen an die Infrastruktur waren nicht durch die Realität „gebackt“. Was im Fuclrums-Crash [F8] zu Tage tritt sind die eigenen verdrängten Erwartungen und Erwartungserwartungen.
Der Margincall ertönt, ich habe keine Assets mehr zusätzlich zu hinterlegen, dann verkauft die Bank die hinterlegten Assets. Die Verluste werden zum „abgeschriebenen Fulcrum“ [F9]. Das „abgeschriebenen Fulcrum“ hat immer ein Nachleben, denn jede ehemalige Infrastruktur, die gebaut, steht in der Welt und hat Wege und so sucht man Anschlussverwendungen für abgeschriebene Fulcrumsruinen. Das heißt, es wird versucht, sie in neue Nutzenpfade zu integrieren und das gelingt mal schlecht, mal besser.
Finanzassets
Doch man kann den Hebel auch in allen „ungeleveragten“ Finanzgeschäften finden (1x Hebel sind auch Hebel) und das erlaubt uns, mit der Analyse noch tiefer gehen.
Ökonom*innen haben sich immer gefragt, worauf genau Investor*innen wetten und haben so Antworten wie „Fundamentuals“, „aktuelle und zukünftige Cashflows“ gegeben und es wurden Formeln aufgestellt wie Discounted Cash Flow, oder einfach P/E-Ratios (Preis/Gewinn) oder ähnliches.
Klammern wir für einen Moment die Tatsache aus, dass wir mit unseren Erwartungen und Preisen immer schon im Raum der Erwartungserwartungen operieren (Wie „Memestocks“ und Techwerte regelmäßig belegen, indem sie auf Fundamentuals scheißen).
Nehmen wir klassischer Weise an, dass es um „Fundamentials“ geht, wir also einen möglichst „rationalen Blick“ auf den Pfadwert eines Unternehmens werfen wollen, dann fällt als erstes auf, dass die Investition eben nicht nur eine Wette [F3] auf das Asset selbst, sondern auch auf den seines Kontextes ist.
Das stabilisierende Fulcrum [F5] und damit der Werterwartung von Asset X basiert auf der Stabilität der Erwartungen, von denen die Werterwartung abhängig ist und das umfasst alle notwendigen Infrastrukturen des Unternehmens X. Wie funktionsfähig und robust ist das Geschäftsmodell, wie entwickelt sich die „Stimmung am Markt“, wie verändert sich die Konkurrenzsituation, wie gut liefert das Management, wie verändern sich die politischen Rahmenbedingungen – all den Kram, den Analysten für eine detaillierte Pfadbewertung so zusammentragen.
Doch da ist mehr: Die betreffende Firma ist selbst wiederum abhängig von der wirtschaftlichen Gesamtlage, davon, dass seine Zulieferer verlässlich liefern, die Banken verlässlich Liquidität bereitstellen, die Mitarbeiter*innen (größtenteils) gesund sind, nicht streiken und verlässlich zur Arbeit kommen, dass die Straßen und Schienen für die Logistik nutzbar sind und dass die Sicherheit der Projekte gewährleistet ist. Außerdem, dass das politische System, in dem die Firma operiert, stabil bleibt, ihr Geschäftsmodell auch morgen noch legal ist und die Gesetze morgen noch gelten. Auch ein halbwegs stabiles Klima gehört für Firmen oft zum verdrängten Fulcrum.
All das wird durch eine einfache „Order“ „geleveraged“.
Wenn ein Kurs fällt, dann oft, weil sich bestimmte Kontextbedingungen änderten, die man gar nicht so sehr auf den Schirm hatte. Die Pfadbewertung ist immer implizite Fulcrumsbewertung.
Finanzmarkt
Der Finanzmarkt ist überall wo er auftritt eine künstliche geschaffene Infrastruktur, die bereits seit den 1970ern größtenteils in Software umgesetzt ist und eine für jeden anderen „Markt“ unübliche Übersicht über die Marktteilnehmer*innen erlaubt und momentane, in Echtzeit erfasste Preisbewegungen abbildet.
Auf dem Finanzmarkt kann man auf Pfade wetten, indem man in Unternehmen investiert, die den Assets unterlegt sind. Was man dabei konkret beleiht, hängt von einem selbst ab: Ist es eine Analyse der „Fundamentials“, ist es die Geschichte, die der CEO erzählt (zum Beispiel Musks Stories), oder es ist einfach das, worauf „alle vertrauen“ (ETFs), oder es beleiht gar eine Identität (Bitcoin, Crypto, Memestocks), andere wollen einfach generell in „KI“ investieren, weil sie an die AGI story glauben. Am Ende wetten alle auf Geschichten.
Und der Finanzmarkt funktioniert dann so, dass eine Investition nicht nur eine persönliche und private Einlage deines Gelds (und deiner Erwartungen) ist, sondern diese Investition verändert den Preis (wenn bei uns Normalos auch nur minimal) und damit auch die Werterwartungen aller anderen.
Praktisch funktioniert das dann wie die Öffentlichkeit (siehe oben), als Trommelkonzert. Krasse Links No 23:
Der „Wert“ von gehandelten „Assets“ wird durch Öffentlichkeitsmechanismen bestimmt.
Zentrale Handelsmärkte für Anlagegüter sind in Infrastruktur gegossene Ideologie. Anders als der Markt für bsw. Waschmaschinen sind Handelsplätze keine gewachsenen infrastrukturellen Gegebenheiten, sondern dem künstlich dem Idealbild des neoklassischen Marktes nachempfunden, alle Anbieter und alle Nachfrager kommen zusammen finden einen Preis. In der Theorie werden „Signale“ dadurch „verarbeitet“, dass sich alle Akteure gegenseitig versuchen „outzusmarten“, doch in der Praxis geht es meist darum, wer die größere Trommel hat.
Hier, wie ich glaube, dass der Aktienmarkt wirklich funktioniert: Unternehmen präsentieren sich der Öffentlichkeit als Projekte, die davon erzählen, wie sie ihre bereits vorweisbaren Infrastrukturen dazu leveragen werden, um noch mehr Abhängigkeiten zu schaffen oder zu konzentrieren. Mit anderen Worten: Am Aktienmarkt werden Geschichten gehandelt, also getrommelt.
Und natürlich gibt auch es hier die übermäßig großen Pauken, die den Beat vorgeben und eine wilde Schaar von kleinen bis mittelkleinen dazu improvisierenden Percussions. Wenn Goldman Sachs mit einem von den Erwartungen abweichenden Preis in ein Projekt reingeht, sortiert das die Karten neu und die Percussions passen ihren Beat an. Die Finanz-Oligarchie gibt mehr oder weniger die Shots vor, und alle anderen Wetten nur darauf, welche Geschichten sich ein paar ultrareiche Männer auf dem Golfplatz erzählen.
Egal, ob ich Aktien, Bitcoin, NFTs, ETFs, oder Optionen kaufe, ich investiere in ein Narrativ (einen imaginären Pfad) und meine Kaufentscheidung ist zugleich ein Signal an andere, dass ich einen Pfad für Wertvoll erachte. Bei jeder Finanztransaktion beleiht man also immer auch die Erwartungen der anderen, ihren Glauben an die gemeinsam finanzierten Geschichten.
Insofern kann man das ganze Memestock-Gerede getrost beiseite legen, denn, turns out: Jede „Stock“ ist ein Memestock. It’s storys all the way down. Insofern ist an der Robinhood/Memestock-Selbsterzählung etwas dran: Die organisierten Kleinanleger-Trommler, die sich auf Reddit zusammengetan haben, mischten die Rich Mens Memes auf und schafften es, zumindest temporär, einen eigenen Beat zu setzen und durchzuhalten.
Doch im Gegensatz zu ihrer Selbsterzählung bilden sie damit keinen echten Wert ab, sondern legen offen, wie das System wirklich funktioniert.
Man muss nur immer weiter trommeln: Hodl, Hodl, Hodl, buy the dip! Und achtet auf den Beat, den Beat! Diamond Hands! FOMO! Und der Beat, der Beat, der Beat! Do your Own research! Einfach immer weiter trommeln, FUD! FUD! FUD! Don’t trust, verify! Im Trommeln liegt die Wahrheit, we all gonna make it!, etc.
Der Finanzmarkt ist ein Kommunikationssystem das aus einer dynamischen Transitionsmatrix besteht, in der sich die verteilten Erwartungen der Anleger*innen über bestimmte kapitalistische Erzählungen durch Geld oder Securities „gebackte“ Sprachakte (Orders/Trades) zu Erwartungserwartungen (Keynes’ Beauty Contest) synchronisieren.
Das Ergebnis dieser Synchronisation (Preise, Spreads, Volas, Kurven) sind nicht „die Wahrheit“, sondern oftmals die Fieberkurven der allgemeinen Trommel-Trance, wenn die Oligarchen mit ihren Riesen-Pauken mal wieder bestimmte Narrative (E-Commerce, Crypto, AGI, „Wachstum“ als „Wohlstandsgarant“) als handlungsleitende Attraktoren aufgegleist haben.
Blase
Wie jede Pfadgelegenheit ist auch das Asset eine Wette auf die Zukunft, doch sie ist vergleichsweise riskant. Pfade haben es so an sich, dass sie von Erwartungen abweichen und das kann offensichtlich passieren: der Wert meine Aktie sinkt – oder erstmal weniger offensichtlich: das, was meine Aktie wertvoll macht, sinkt. Dabei kann sich ein „Spread“ entwickeln zwischen der allgemeinen Erwartungen an ein Fulcrum und seiner tatsächlichen Stabilität.
Das nennen wir „Blase“.
Der Ökonom Hyman P. Minsky argumentiert, dass es die alltäglich erfahrene Kontaktfulcrums-Stabilität [F4] ist, die die Leute dazu verleitet, immer mehr und immer größere Hebel daran anzusetzen: „Stability is destabilizing“ sagt er in „Stabilizing an Unstable Economy“ von 1986.
Die Finanzkrise von 2008 fing nicht mit „Lehman Brothers“ an, auch nicht mit Fannie Mae and Freddie Mac, sondern mit dem Bruch [F8] eines verdrängten [F6] aber tiefersitzenden stabilisierenden [F5] Fulcrums: dem Spread zwischen der realen Rückzahlungsfähigkeit der Haushalte, die eine Hypothek aufgenommen hatten und der Rückszahlungserwartung ihrer Gläubiger. Deren nun wertlosgewordene Kredite wurden oft als „Subprime Mortages“ mit allerlei anderen Krediten vermischt und verpackt verkauft. Aber als diese Kredite durch erhöhte Ausfallraten „faul“ wurden und man nachschaute, was da los ist, crashte auch das Vertrauen in die Rating-Agenturen, die, wie sich herausstellte, gar nicht hingeguckt haben. Die Kontrollverlustschulden durch ineffektive Korrekturhebel wurden plötzlich offenbar. Auf einmal war nicht mehr klar, welcher Kredit betroffen ist – also waren alle Kredite betroffen.
Die Stabilität aber, die diese Instabilität hergestellt hat, war die vermeintliche Verlässlichkeit des Immobilienmarktes bezüglich seines Return of Investment. Der Markt hatte einige Jahrzehnte einen stetiges Wertwachstum erfahren und Kredite in Immobilienfinanzierung galten als „safe Bet“ – als Stabilitätsanker einer sonst volatilen Finanzwelt.
Das heißt, sie wurden zum stablisierenden Fulcrum anderer finanzieller Infrastruktur, also weiteren, darauf aufbauenden Wetten. Konkret: Finanz-Derivate (MBS, CDO, Repo-Collateral, CDS-Versicherungen) die diese Schulden als Stabilitätsanker ihrer ansonsten riskanteren Hebel nutzen. Diese Hebel waren besonders bei Banken beliebt, wo die toxischen Assets überall in den Büchern standen (verbuchtes Fulcrum [F6]), um andere Investitionen rechtfertigten.
Minsky bedeutet: Die erfahrene Kontaktfulcrum-Stablität erzeugt Erwartungs-Stablität und Erwartungserwartungs-Stabilitität, die die Akteure dazu verleitet, sich zu erlauben, immer größere und riskantere Hebel an das Fulcrum anzusetzen, ohne dabei die sie stabilisierenden Fulcren im Blick zu behalten.
Minsky identifiziert den Moment wo die Finanzierung in die Blase kippt an dem Punkt, an dem die Gewinne aus der Preissteigerung der Assets größer werden, als die aus Nutzung des Assets. Dann kommt es zu einem Kreislauf: Geld erzeugt Erwartung und Erwartung erzeugt Geld.
Minsky führt drei Phasen ein:
- Hedge Finance = stabile Pfadgelegenheit, die Schuld kann aus laufendem Cashflow bedient werden.
- Speculative Finance = instabile Fulcrum-Balance, der Cashflow reicht nur für die Zinsen.
- Ponzi Finance = Erwartungs-Fulcrum, Schulden können nur durch steigende Schulden bedient werden, also durch die Aquirierung neuer Gläubiger.
Aber da ist noch etwas anderes: Wenn Pfade als „sicher“ gelten, dann gewinnen immer die, die die größten Hebel organisieren können. Sei es, weil sie einfach mehr Kapital, eine bessere Kostenstruktur, ein größeres Marketing-Budget, oder tatsächlich den besten materiellen Hebel haben.
Das Wachstum skaliert also nicht gleichmäßig, sondern konzentriert sich bei wenigen großen Hebeln. Das heißt: bereits populäre Fulcren gewinnen überproportional an Macht (Netzwerkzentralität) und die Topologie entwickelt sich immer weiter in Richtung skalenfreiem Netzwerk mit Paretoverteilung (20 % der Knoten haben 80% der Verbindungen, 80% der Knoten teilen sich 20 % der Verbindungen) der Fulcrums-Zentralitäten mit den entsprechenden Engstellen und Kritikalitäten (aus denen entsprechend hohe Marge abgeschöpft wird). Damit einhergehend geben Wettbewerber auf, lokalere Strukturen veröden, Pfadalternativen schwinden, das Netzwerk dünnt aus und verengt sich auf wenige große Infrastrukturpfade.
Nach dem Kollaps der erwarteten Hauskreditrückzahlungs-Erwartungen stellte sich heraus, dass ein kleiner, aber im Beleihungs-Netzwerk netzwerkzentraler Knoten wie „Lehmann Brothers“ teil des stabilisierenden Fulcrums [F5] des ganzen Bankensektors war, der durch den eigenen Kollaps das ganze Bankensystem zum Einsturz bringen konnte. Das war der Punkt, an dem man eilig begann, Netzwerkzentralitäten gezielt zu „retten“ („Too Big To Fail“).
Der „Kipppunkt“ ist also kein Punkt, sondern ein Pfad. Ein Crack, der irgendwo in den Tiefen des verdrägten Fulcrums anfängt – dort wo Realität auf Erwartung trifft (häufig Cashflows, aber es kann auch etwas anderes sein: eine Erzählung, die nicht mehr stimmig ist, auf der viele andere Erzählungen basieren (New Economy, AI, Bitcoin) – der sich auf andere Fulcren ausbreitet, die dieses Fulcrum beliehen haben. Der Crack breitet sich entlang der Beleihungsstrukturen aus und wird in einem skalenfreien Netzwerk früher oder später auf Bücher einer Netzwerkzentralität treffen und wenn die ebenfalls instabil werden, sind etliche Banken betroffen, die Lehman Brothers auf die eine oder anderen Art beliehen haben, was eine Bankenkrise auslöst, die alle Portfolios rundherum kollabieren lässt. Ein „Kippunkt“ funktioniert wie ein Virus, der sich über einen Infektionspfad und beschleunigt durch „Superspreader“ in den Beleihungsstrukturen ausbreitet.
Auf das Trommelbeispiel bezogen fangen dann Trader im größeren Maßstab an, Assets zu liquidieren, entweder, um toxische Assets loszuwerden, oder um andere Wetten am Laufen zu halten, deren beliehenes Fulcrum [F3] im Wert abgesackt ist und der Margin Call droht. Das heißt da verändert jemand seinen Beat und umliegende Trader werden aufmerksam, einzelne checken das Problem und stellen fest, dass sie selbst betroffen sind und beginnen ebenfalls mit dem Verkauf. In Windeseile verbreitet sich der neue Beat: Wessen Wert ist nicht mehr zu trauen, welche Erzählung sind wie zusammengebrochen und welche pfadabhängigen Erzählungen davon sind betroffen und nun checken alle ihre „Exposure“ und handeln danach.
Und so grandios man sich gegenseitig nach oben getrommelt hat, umso schneller trommelt man sich runter. Bis das ganze Vertrauen niedergetrommelt wurde und niemand mehr jemand anderem Vertraut. Nach der Finanzkrise die Bankenkrise. Banken gaben sich keinen Kredit mehr (sahen sich nicht mehr als viable Pfadgelegenheit: Bruch des viablitäts-Fulcrums [F0]), weswegen der Staat eingreifen musste, als „Lender of Last Ressort“, letztes vertrauensvolles Asset, aber auch letzter viabler Pfad zu Liquidität. Und weil all das die Staatsfinanzen leveragte hatten wir danach eine „Staatshaushaltskrise“ und dann „EU-Stabilitätskrise“. Es waren die Wellen des Crashs, die sich in konzentrischen Kreisen durch die infrastrukturellen Fulcren ausbreiteten.
Und durch die skalenfreie Struktur des Finanzmarktes bekamen wir einen kaskadieren Kollaps, den Seneca Effekt, basierend auf Scenecas Beobachtung:
Whatever structure has been reared by a long sequence of years, at the cost of great toil and through the great kindness of the gods, is scattered and dispersed by a single day. Nay, he who has said „a day“ has granted too long a postponement to swift-coming misfortune; an hour, an instant of time, suffices for the overthrow of empires! It would be some consolation for the feebleness of our selves and our works, if all things should perish as slowly as they come into being; but as it is, increases are of sluggish growth, but the way to ruin is rapid.
Meine Theorie ist also die von Minsky, nur mit Verdrängung und Netzwerkeffekten.
Eine Blase entsteht, wenn stabile Kontaktzonen-Fulcren Erwartungsstabilität erzeugen, Hebel sich stetig vergrößern und durch Preferential Attachment auf wenige Netzwerk-Hubs konzentrieren und dann verdrängte, aber stabilisierende Fulcren brechen, weil sie nicht mitskalieren, worauf das skalenfreie Netzwerk kollapsartig reagieren kann.
Auch heute laufen wir längst im Ponzi Finance Modus. Das Kontaktfulcrum des Kapitalismus scheint noch intakt, aber unten, bei den stablisierenden Fulcren rumort es gewaltig. Und während die KI-Hebel immer größer werden und mit immer größeren Kredithebeln finanziert werden, ist die skalenfreie Struktur heute bereits in allen Wirtschaftsbereichen ausgeprägt und in der Vermögensverteilung ablesbar. Seit sich sehr populäre Stablitätserwartungspfade angesammelt haben (ETFs, große Techwerte, das Stillhalten der Bevölkerung, Demokratie, Frieden, Klimastabilität) die immer riskantere Wetten stabilisieren (KI, Crypto und was immer Trump da macht), erwarte ich jeden Tag, dass ein Crash eines verdrängten, aber stabilisierenden Fulcrums irgendwo ganz unten im Getriebe den entscheidenden Funken in diesen Zunder springen lässt.
Was wird der Crack gewesen sein? Das kann vieles sein und ich hätte ein paar Fulcren im Blick, aber ich glaube nicht, dass es die richtigen sind, denn die haben andere auch im Blick. Ich bin mir sicher, dass es etwas sein wird, woran ich nicht denke, weil es auch mir es erstmal nicht auf anhieb offensichtlich ist. So ist das mit dem verdrängten Fulcrum [F6]. Ich bin auch betroffen, wie die meisten Expert*innen.
Rückblickend war jeder Crash ein „Failure of Imagination“.
Immobilienmarkt
Fragt man einen Ökonomen, wie sich der Kaufpreis eines Hauses zusammensetzt, würde er vermutlich sagen: „Herstellungskosten + Marge“ und wenn man ihn fragt, wie sich die Marge berechnet, würde er sagen: „Die wird am Markt ermittelt“.
Fragt man die selbe Frage hingehen einen Immobilienmakler, wird er sagen: „Lage, Lage, Lage.“
Makler sind nicht die vertrauenswürdigsten Menschen der Welt, doch in dieser Sache würde ich ihnen eher trauen, als den Ökonomen.
Denn was heißt Lage?
- Gute Verkehrsanbindung
- Gute Einkaufsmöglichkeiten
- Sichere Straßen
- „Gepflegte Gegend“
- Gute Schulen für die Kinder in der Nähe
- Gutes Kulturangebot
- Nette Nachbarschaft
- Parks
- Anbindung an Freizeitmöglichkeiten, etc.
Lage heißt leichte Integration von Pfadgelegenheiten, wenn man dort wohnt.
Auch wohnen ist Hebeln. Man leveraged eine Infrastruktur zur zeitweisen und möglichst angenehmen Beherbergung seines Körpers. Es ist somit auch immer mehr als nur Geld, dass man in eine Immobilie investiert.
Ein Teil des Werts des Wohnungs-Hebels bestimmt sich durch die Hebel, die dadurch erreichbar werden, was das Fulcrum des Hauswerts – ähnlich wie die Abhängigkeiten des Unternehmens – erweitert/stabilisiert. Die Abhängigkeiten des Hauswertes bestehen nicht nur aus funktionierender Anbindung an Wasserleitungen und Strom, sondern es addieren sich auch die „erreichbaren“ Infrastrukturen drumrum.
Eine Investition in ein Haus ist also immer schon mehr als eine Investition in das Haus ansich, sondern auch in die Gegend und das heißt ganz oft in die „öffentlich finanzierten Infrastrukturen“, nur dass das Geld da nie ankommt, sondern beim verkaufenden oder vermietenden Kapitalisten landet.
Im Kapitalismus ist es egal, wer den Wert schafft, wichtig ist, wer die Hebel zur Abschöpfung hat.
Und ist es nicht witzig, wie all das, was wir als Fulcrum identifizieren und beschreiben, ziemlich Deckungsgleich mit dem ist, was in der klassischen Ökonomie als „Externalität“ verdrängt wird. Turns out: Die „Externalität“ ist das, worum es geht.
„Der Markt“ ist wie die Oberfläche eines Sees der hunderte Meter tief ist und deren Oberflächenphänomene vollkommen durch die Ereignisse unter Wasser determiniert sind. Die Klassische Ökonomie fordert uns auf, unsere Aufmerksamkeit den Oberflächenphänomen zu widmen. Doch folgen wir den Infrastrukturen, tauchen ein ins Wasser, stoßen wir auf Fulcren, auf Fulcren auf Fulcren, aber alle enden in Schmerzmühlen an den Engstellen der Wertflüsse.
Die klassische Ökonomie ist unterparametrisiert, weil ihre Aufgabe ist, Macht zu verschleiern.
Teil III: Die „Realwirtschaft“
Die „Realwirtschaft“ agiert zwar nicht unabhängig von der Finanzwelt, aber ist besser beschrieben, als ein Netzwerk aus Infrastrukturen und unseren Nutzenserwartungen daran. Denn auch wir hebeln täglich Konsumentenmarge aus unseren Pfadgelegenheiten und schlürfen dabei den Wert aus den Fulcren.
Dabei ist zu beachten, dass auch materielle Infrastrukturen „beliehene“ Fulcren sind, sie operieren also ebenso im Raum der Erwartungen und Erwartungserwartungen, wie ich im Fulcrums-Explainer anhand der Verbreitung des Linienflugs zeige.
Wir erwarten, dass der Hebel/die Pfadgelegenheit funktioniert (die Straße befahrbar ist, meine Überweisungen ankommen, der Server erreichbar ist) nicht (nur) weil es unseren eigenen Erfahrungen entspricht, sondern auch weil es eine „allgemeine Erwartung“ ist, die sich bei genauerem Hinsehen immer als eine konkret aquirierte Erwartung von anderen herausstellt, die wir uns angewöhnt haben, zu beleihen, weil uns die Realität (noch) keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat, bzw. andersrum: jede unserer Erfahrung einer geglückten Hebelaktion re-inforced die Wertzuschreibung, die wir andernorts aquirierten.
Q-Function ist sozial.
Dass Pfadgelegenheiten gesellschaftlich für „einiger maßen sicher“ befundene Infrastruktur sind, kann man gut am Adaptionsprozess neuer Pfadgelenheiten beobachten.
Als die Pfadgelegenheit „Linienflug“ eingeführt wurde, musste das Vertrauen in diese Infrastruktur erst mühsam durch die Gesellschaft perkulieren. Das dauerte bis alle irgendjemand kannten „der schon mal geflogen ist“. So akkumuliert sich investiertes Vertrauen in Infrastruktur und diese Erwartungsstabilität ist das Fulcrum, das den Linienflüge im heutigen Maßstab ermöglicht.
Der Mensch
Jeder Mensch hat ein Fulcrum, also notwendige Vorbedingungen des Überlebens, die regelmäßig aktualisiert werden müssen.
Die Reproduktionsnotwendigkeiten des menschlichen Körpers ist das stabilisierende Fulcrum [F5] der gesamten Erwartungskette – sie erden das Modell in etwas Materiellem, das nicht wegerwartbar ist.
Macht konzentriert sich deswegen strukturell „nah am Menschen“, an den Engstellen zwischen diesem körperlichen Basalfulcrum und den Pfadgelegenheiten, die es bedienen. Wohnen, Nahrung, Energie, Gesundheit – wer dort Netzwerkzentralität hat, hebelt die härteste Marge, weil das Fulcrum des Gegenübers am wenigsten verhandelbar ist. Das erklärt auch, warum Vermieter, Energiekonzerne und Lebensmitteloligopole so stabile Margen haben – sie sitzen auf dem kürzesten Pfad zum härtesten Fulcrum.
Gleichzeitig ist das der wesentliche Grund, warum die Margen, die Arbeitshandlungen geleveraged werden, so hoch sind: Die Arbeitenden haben im Gegensatz zum Kapitalisten keinen Exit in der Verhandlung, denn sie müssen ihr Fulcrum finanzieren.
Jeder Mensch ist ein Pfad in der Infrastruktur. Er hat eine Vergangenheit (Pfadabhängigkeiten) und eine Gegenwart (Pfadgelegenheiten) und navigiert so – Schritt für Schritt durch sein Leben.
Jeder Mensch hat eine Perspektive und in dieser Perspektive entsteht bei jedem Nehmen einer Pfadgelegenheit/jeder Nutzung eines Hebels auf ein Fulcrum eine „Nutzenerfahrung“, die Eingebettet ist in die erwarteten Werterwartungen anderer.
Das Ökosystem
Jeder Mensch wohnt auf einer Erde und ist von einer stabilen Umlaufbahn des Planeten um die Sonne abhängig, sowie von der Erdanziehung, den Gesteinsschichten, einem fruchtbaren Boden und das Ökosystem, dass es aufrechterhält, sowie von einer Stablilität und Berechenbarkeit des Klimas und der Ökosysteme der Meere.
Jede unserer Handlungen leveraged immer auch das gesamte Ökosystem und dessen Stablität als verdrängtes, stablisierendes Fulcrum der Wette. [F3, F5, F6].
Landwirtschaft
Einer der untersten Wertpfade kommt aus dem Boden. Es ist der Erneuerungskreislauf der Natur (Stickstoffkreislauf, Kohlenstoffkreislauf, Wasserzyklus, Bestäubungsnetzwerke), von Pflanzen und Tieren, die man – aus Usersicht – essen kann.
Landwirtschaft ist der technologische Pfad, Praktiken und Techniken zu entwickeln (Pflug, Züchtung, Organisation, Dünger, Haber–Bosch-Prozess, Pestizide, Genetik), um diesen Erneuerungskreislauf besser zu leveragen, das heißt: „Produktiver“, Erwartbarer, skalierbarer, usw. um mehr „Marge“ daraus zu pressen.
Unternehmen wie Monsanto versuchen durch Patente zugriffliches Fulcrum [F1] auf bestimmte genetische Reproduktions-Zyklen über das Rechtssystem zu erlangen, damit sie die geschaffene genetische Hegemonie [F2] und die durch sie geschaffenen Wertpfade noch besser leveragen können.
Derweil versanden immer mehr Böden als abgeschriebene Fulcren [F9], weil der Boden landwirtschaftlich überleveraged wurde und gebrochen ist [F8] und all das trägt zum Artensterben bei. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen darüber, wie Netzwerkzental die Bestäubungspfade der Wildbienen, Fliegen und Käfer jeweils als stablisierendes Fulcrum [F5] unserer Nahrungspfade sind, aber wenn sie demnächst aussterben, werden wir es ja sehen. Yolo!
Care
Ein Großteil des Wertflusses in der Ökonomie ist nicht mit einer Transaktion behaftet, sondern geschieht „freiwillig“ und unbezahlt. Aus Liebe, oder weil es halt gemacht werden muss, denn sonst tut es keiner. Diese Form der Fulcrumsaktualisierung nennen wir Care.
Feministische Theorien der Ökonomie haben seit jeher darauf hingewiesen, dass Wirtschaftsbeschreibungen von privilegierten Männern den Care Bereich gerne systematisch ausblenden.
Zur Verteidigung: Care ist deswegen in beinahe allen ökonomischen Theorien ein übersehener Riese, weil ihn seine Transaktionslosigkeit als Machteffekt aus der Wahrnehmung über Zahlen schubst. Es ist das alte Problem, dass man seinen Schlüssel unter der Laterne sucht, obwohl man ihn wo anders im Dunkeln verloren hat, aber da kann man ja nicht suchen?
Liberale Theorien der Wirtschaft blenden das Care-Fulcrum der Hebel aus, die sie beschreiben und auch der Marxismus macht da keine Ausnahme, wie ich in Krasse Links No 57 schreibe.
Ich bin mir auch deswegen so sicher, dass der Marxismus eine liberale Theorie ist, weil er ein zentrales Wesensmerkmal des Liberalismus geerbt hat, nämlich die Infrastrukturvergessenheit. Indem Marx die Wertschöpfung der Gesellschaft ausschließlich in der Produktion suchte, übersah er den Großteil der Wertschöpfung, der sich komplett jenseits von Fabriken, Maschinen und Tauschwerten abspielt, nämlich zu hause, in der Waschküche, der Schule, beim Kinderfüttern und Erziehen.
So ging das weiter: Liberale Infrastrukturvergessenheit gegenüber kolonialen Abhängigkeiten, Infrastrukturvergessenheit gegenüber ökologischen Abhängigkeiten, Infrastrukturvergessenheit gegenüber semantischen Abhängigkeiten („KI“), etc.
Die Unsichtbarkeit von Care ist ein Resultat ihrer Erwartbarkeit. Alles was „erwartbar“ ist, wird automatisch zum stablisierenden Fulcrum [F5] und damit zum verbuchten Fulcrum [F7] bald danach zum verdrängten Fulcrum [F6].
Im Grunde gibt es zwei Arten mit Machtungleichgewichten (z.B. A ist abhängiger von B, als umgekehrt) umzugehen:
- B kann aus der Abhängigkeit von A Marge pressen (Kapitalismus)
- B kann sich um A kümmern. (Care)
Dazu mehr im Wert/Macht-Formel-Explainer.
Mit jeder Hebelhandlung leveraged du einige tausend Stunden unbezahlter Carearbeit, denn Care ist das stablisiernde, aber verdrängte Fulcrum [F5, F6] aller kapitalistischen Hebelhandlungen.
Die Organisation
Ich schlage für die „Organisation“ (also auch Unternehmen) ein Input/Output-Modell nach Pfeffer und Salancik, The External Control of Organizations: A Resource Dependence Perspective vor.
Aus dem Plattformbuch:
Ende der 1970er kam eine Wirtschaftstheorie auf, die der neoklassischen Lehre ein völlig verändertes Paradigma gegenüberstellte: die Resource Dependence Theory (RDT), auch Ressourcenabhängigkeitsansatz. Sie wurde im Wesentlichen von Jeffrey Pfeffer und Gerald R. Salancik in ihrem Buch External Control of Organizations ausformuliert. Darin zeigen sie, wie Organisationen ihre Entscheidungen in der Realität weniger auf Gewinnoptimierung ausrichten, sondern vor allem auf die Sicherung des eigenen Weiterbestehens. Den Schlüssel dafür sehen Pfeffer und Salancik wiederum in der Fähigkeit einer Organisation, “Ressourcen zu akquirieren und zu sichern“.
Bis dahin hatte sich die Wirtschaftswissenschaft darauf konzentriert, wie sich Ressourcen optimal einsetzen ließen. Doch Ressourcen sind nicht nur knapp, sondern der Zugang zu ihnen ist vor allem unsicher. Stellen wir uns einen Autobauer vor, der ein spezielles Ventilsystem in seinen Motor einsetzt, das nur von einem spezialisierten Zulieferer hergestellt wird. Passiert diesem irgendetwas, das die Lieferung des Ventilsystems unterbricht, steht sofort die ganze Produktion still, und das Unternehmen gerät vielleicht sogar in existentielle Gefahr. Wichtiger als kostengünstige Ressourcen ist also ein zuverlässiger Zugang zu Ressourcen.Um die Existenz der Organisation zu gewährleisten, muss daher immer erst der Ressourcenzugang hergestellt und gesichert werden, wobei Ressourcen alles sein können: Rohstoffe, Vorprodukte, qualifizierte Mitarbeiter*innen, Liquidität, politischer Rückhalt, öffentliche Wahrnehmung, Markt- und Kundenzugang. Mit anderen Worten: Jede Organisation muss mit ihrer Umwelt in vielerlei Abhängigkeitsbeziehungen treten, und das Management dieser Abhängigkeitsbeziehungen bestimmt ganz wesentlich die Struktur der Organisation. „Organisationen sind weniger konkrete soziale Entitäten als vielmehr ein Prozess zur Organisation von hinreichender Unterstützung, um die eigene Existenz fortzuschreiben“, so Pfeffer und Salancik. Und so können beiden belegen, dass diejenigen die wichtigsten und oft bestbezahlten Funktionen in einer Organisation besetzen, die sich als fähig erweisen, die entscheidenden Ressourcen zu sichern und Abhängigkeiten zu reduzieren.
Im Grunde ist der ganze Explainer eine ausgefaltete RDT.
Nutzen/Wert
In Krasse Links No 73 formulierte ich meine Erkenntnisse zu Nutzen und Wert.
Genau deswegen halte ich es für so wichtig, sich Wirtschaft als Abhängigkeitsnetzwerk vorzustellen. Produkte, Services oder Ressourcen haben keinen Wert ansich, durch sie fließt Wert/Nutzen. „Nutzen“ empfinden wir in dem kurzen Moment, bei dem aus einer Sache, in Kombination unseres infrastrukturellen Kontextes und aus unserer jeweiligen Perspektive eine „Pfadgelegenheit“ entsteht.
Ich „will“ nicht diesen Schraubenzieher, ich will, dass die Spühlmaschine wieder läuft, damit ich meinen Abwasch machen kann, damit ich morgen aus dem Haus kann, ohne mir Gedanken zu machen, um dann auf die Arbeit zu fahren, um Geld zu verdienen, um mir einen Schraubenzieher kaufen zu können.
„Wert“ ist ganz grob gesprochen die Summe des erwarteten Nutzens einer Sache für jemandem in seinem spezifischen materiellen Kontext und seinem spezfischen semantischen Kontext – mit seinem spezifischen Wissen, seiner spezifischen kulturellen Prägung, seinen spezifischen Plänen, etc. Auf das Dividuum runtergebrochen ist es also eine Aggregation über alle von der Sache erwarteten Pfadgelegenheiten hinweg, geteilt durch die Pfadalternativen + 1. Das rechnet man natürlich nicht im Kopf aus, sondern imaginiert es, bis man es durch den Schmerz ihres Fehlens erfährt.
(Wir kennen die Formel bereits als unvollendete Plattformmachtformel und ich denke, sie passt ganz prima auf den „Wert“ von Dingen. Wert ist die Macht, die eine Sache über uns hat.)Die Sache und damit ein Großteil des „Wert/Nutzen“ entsteht in einem anderen Netzwerk, den Pfad der Produktion, und dort über die gesamten dafür notwendigen Infrastrukturen hinweg, die den Schraubenzieher möglich und in der konkreten Situation nützlich machen und das inkludiert die lockere Schraube in der Spülmaschine, den Baumarkt, wo ich den Schraubenzieher gekauft habe, aber auch den Hersteller, den Zulieferer und deren Arbeiter*innen und deren Familienmitglieder, die den Haushalt schmeißen, ihre Wohnungen und ihren Warenkorb zum sattwerden, das Land, auf dem die Fabrik steht und das Land aus dem die nötigen Bodenschätze kommen und natürlich das Ökosystem, in dem all das eingebettet ist.
Aber dieses Netzwerk ist hierarchisch. Netzwerkknoten die weit unten liegen und sich schwer ersetzen lassen, haben einen überproportionalen Effekt auf alle nachgelagerten Pfadgelegenheiten. Wenn Energie teurer wird, ist die Übergangswahrscheinlichkeit auf andere Sektoren groß, denn Wohnen, die Produktion von Lebensmitteln und den ganze Rest der Pfadgelegenheiten ist stark von Energieflüssen abhängig. Dasselbe gilt etwas abgeschwächt für Lebensmittel und Wohnen. Werden die Grundbedürfnisse der Menschen teurer wird ihre Arbeit teurer, oder – wie es eigentlich läuft: Arbeiter*innen werden ärmer.
Gegencheck: Adam Smith‘ Diamant–Wasser-Paradoxon
In „The Wealth of Nations“ formuliert Adam Smith das Wertproblem anhand eines Vergleichs zwischen Wasser und Diamanten.
Nothing is more useful than water: but it will purchase scarcely anything; scarcely anything can be had in exchange for it. A diamond, on the contrary, has scarcely any use-value; but a very great quantity of other goods may frequently be had in exchange for it.
Alle Schulen, die eine Wirtschaftstheorie formulierten, versuchten sich an diesem Paradox, die Klassiker selbst (Smith, Ricardo), Marginalisten (Carl Menger, Jevons), außerdem Hayek und viele andere. Mich hat bisher keine überzeugt.
Hier ist die Antwort der Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.
Wert ist perspektivisch und situativ.
Das heißt, mit unserer Wertformel lassen sich unterschiedliche relational materielle Szenarien zeichnen und darin Perspektiven formulieren.
Die Perspektive, die wir kennen: Wasser (eine konkrete Wasserquelle) hat für uns deswegen keinen großen „Wert“, weil die Pfadalternativen vielfältig sind und sich – Perspektive des Kapitalisten: dieses Fulcrum also nicht leveragen lässt.
Der Science Fiction Film „Mad Max: Fury Road“ von 2015 zeigt eine Welt, in der Wasser als knappe Ressource (neben Benzin) für Macht leveragebar wird. Wenn es gelingt, das zugriffliche Fulcrum [F1] für Wasser zu kontrollieren, wird Wasser kostbarer als jeder Diamant, denn die Fulcrumsabhängigkeit der Menschen von Wasser ist nicht bypassbar. Stellt man sich den Zufluss von Wasser im Wertpfad vor, dann bedeutet ein Abschneiden dieses Pfades über kurz oder lang das Abschneiden aller Pfadgelegenheiten. Ende. Der ultimative Preis.
Auf der anderen Seite zeugt es von einer Ignoranz gesellschaftlicher Verhältnisse, zu behaupten Diamanten hätten kein „use-value“. Ein Diamant hat in bestimmten Kontexten einen enormen semantischen Pfadgelegenheitswert und eröffnet Pfade zu Heiraten und Statusgewinnen. Das Besondere des Diamanten (ähnlich wie bei Gold und anderen Statusprodukten), ist, dass die Knappheit (struktureller Mangel an Pfadalternativen) auf den Wertpfad positiv einzahlt, weil er das zugriffliche Fulcrum [F1] preislich auf eine Ebene hebt, die eine „soziale Exklusion“ und damit eine semantische „Distiktion“ im Netz der Erwartungserwartungen erlaubt.
Konsum
Es gibt viele unterschiedliche Arten von Pfadgelegenheiten, aber zwei der wichtigsten sind die Onramp und die Offramp. Die Onramp etabliert eine habituelle Hebelnutzung, die Offramp gewöhnt sie sich ab. Die Offramp kann abrupt kommen, wenn die Infrastruktur nicht mehr verfügbar ist, aber ansonsten braucht sie eine Pfadalternative als Argument: d.h. Einen inszenierten Pfad ohne, bzw. mit subsituierendem Pfad.
Die Pfadgelegenheit „aktualisiert“ sich nun auf zwei Arten: Dem horizontalen Nutzenpfad (immer wenn ich die Pfadgelegenheit nutze, aktualisiert sich das Nutzenportfolio) und dem vertikalen Wertpfad (immer wenn die Pfadgelegenheit erneuert werden muss, aktualisierung des Wertportfolios). Am einfachsten ist es mit der Zahnpasta, die ich in regelmäßigen Abstände kaufe und in noch regelmäßigen Abständen nutze, aber das gilt auch für den Gehweg vor meinem Haus, oder für den Computer, mit dem ich das hier schreibe, oder die Demokratie, die unter unseren Füßen zusammenbricht, weil sie so lange nicht mehr erneuert wurde.
Der Hebel besorgt den Nutzen, das Fulcrum besorgt den Wert. Der Wertfluss aus den Lieferketten, Fabriken, Fließbändern und Händen stabilisiert den Wert der Pfadgelegenheit auf der einen Seite und produziert Reproduktionskosten auf der anderen.
Man könnte meinen der Wertpfad ist hier zu ende, aber hier kommt erst das wichtigste: Der Wert wird nicht in der Arbeit produziert, sondern im Konsum: in der Nutzenaktualisierung wird der Wert erst hergestellt. Der tatsächliche Wert entsteht nicht im Arbeitsinput, sondern am Konsumoutput.
Der subjektive Wert einer Pfadgelegenheit ist der Wertpfad aus all den Pfadgelegenheiten, die ich in ihm sehe. Und der Wertpfad, der unten an ihn anschließt wird von dem Wertpfad oben „angesaugt“. Die Aktualisierung des Wertpfades ist dennoch wichtig, denn sonst ist die Pfadgelegenheit pfutsch. Und der ganze Wertpfad besteht, bei genauerer Betrachtung auf jeder Ebene ebenfalls aus Nutzenereignissen von Hebeln, die für die materielle Aktualisierung meiner Pfadgelgenheit ungelegt werden mussten.
Der „Wert“ entsteht im Nutzen, bzw. er besteht aus „erwartetem Nutzen“, aber jeder Nutzen erzeugt eine Aktualisierungsnotwendigkeit. Diese Aktualisierungsnotwendigkeit aqiuriert Wert aus dem Fulcrum (saugt), das diesen Wert auf jeder seiner Ebenen wieder durch Nutzenereignisse herstellt, die selbst wieder Wert aus unteren Layern saugt und so weiter.
Wert ist keine Substanz die „in“ Dingen steckt, sondern ein Erwartungsgradient, der durch antizipierte Nutzenereignisse aufgespannt wird – und dieser Gradient erzeugt einen Sog durch die gesamte Produktionskette (vermittelt durch Geld), der sich auf jeder Ebene als Ansammlung lokaler Nutzenereignisse realisiert.
Für Marxist*innen: Man kann einen einfachen Test machen: Würde sich sonst nichts ändern, aber die Arbeitenden würden alle 10 % mehr arbeiten, würde dann mehr Wert „produziert“?
Ich würde behaupten: nur dann, wenn die zusätzlichen Arbeitsergebnisse auch genutzt werden.
Würden hingegen die Nutzenden, eine sonst gleiche Infrastruktur um 10 % mehr nutzen, würde ich behaupten, dass 10% an zusätzlichem Wert in der Welt wäre.
„Wert“ entsteht nicht materiell, sondern entspringt immer dividuellen Perspektiven und bleibt daran gekoppelt. Deswegen kann ein von Arbeit unberührter Wald wertvoll sein und ein Haufen 4 Jahre alter Nvidea-Grafikkarten nicht.
Der relationale Materialismus behauptet eine Pull-Theorie des Werts statt der Push-Theorie, wie der Marxismus.
Die Differenz von „Wert“ und seinen Aktualisierungskosten nennen wir die „Konsumentenmarge“.
Und ja, das heißt, wir alle sind „Sucker“.
Nachfrage und Preise
Der Nutzen der Dividuen schlürft an den Werthamlen und die Aktualisierungskosten sind die notwendige Saugstärke, die dafür aufgebracht werden muss.
Die nötige Saugstärke, die der Nutzenfluss erfordert, wird von den Oligarchen durch die „Preise“ kontrolliert. Aus Sicht des Kapitalisten sieht die Sache so aus:
Die Kapitalistenmarge ist die Differenz zwischen Input-Kosten und leveragebarer aggregierter Saugstärke.
Wie weit man die die Marge ausweiten kann, zeigen Erfahrungen, aber Modelle eher schlecht, weil sie das Problem nicht verstehen. Aber weil auch Kapitalisten Dividuen sind, orientieren sich die Preise meist an den Preisen der Wettbewerber.
Ich folge damit einer Beobachtung des politischen Ökonomen Frederic S. Lee, der einfach hingegangen ist und nachgefragt hat, wie Preise gesetzt werden. In Krasse Links No 21 hatte ich sein Werk besprochen.
Eine der zentralen Streitfragen in der Ökonomie kreist um die Frage, wie Preise entstehen. Marx sah im Preis den Tauschwert abgebildet, der wiederum die in der Ware enthalte Arbeitsleistung repräsentiere. Die klassischen Ökonom*innen sehen dagegen den Preis als Ergebnis des dynamischen Sich-Verhaltens von Nachfrage und Angebot. Angebot ist klar, aber die Nachfragekurve definiert sich dabei als der aufaddierte „Marginalnutzen“ den Konsument*innen aus der Ware ziehen, wobei „Marginalnutzen“ die Tatsache abbilden soll, dass das dritte Eis in Folge weniger Spaß macht, als das erste, usw.
Diese unnötig komplizierten (und nebenbei empirisch unüberprüfbaren) Theorien entkräftete Lee, indem er einfach mal nachgefragt hat. Im direkten Widerspruch zum neoklassischen Modell, bei dem der Preis jederzeit in der Aushandlung ist und den Anbietern als definitives Signal gilt, an dem sie ihre Preisgestaltung orientieren, werden Preise in der Realwelt von Menschen gesetzt und haben eine enorme Stabilität gegenüber Änderungen von Angebot und Nachfrage. Unternehmen interessieren sich bei der Preisgestaltung recht wenig für Marginalnutzen und Nachfragekurve und nichtmal primär für Gewinn, sondern richten ihr Handeln im wesentlichen darauf aus, auch morgen noch zu existieren, weswegen die Kostendeckung natürlich Front and Center jeder Preisgestaltung ist. Und selbst bei Überlegungen, welche Marge man noch draufschlägt, sind selten Gewinnmaximierungsfragen, sondern meist strategische Überlegungen relevant. Will ich den Marktanteil vergrößern, was will ich meinen Kund*innen oder meinen Investoren signalisieren? Wann macht es Sinn sich auf einen Preiskampf einzulassen? (Überraschung: so gut wie nie).
Das Ergebnis ist Lees „Administered Prices Theory“ und die zusätzliche Beobachtung, dass Preise zwar schon auch der Kommunikation dienen, aber der Kommunikation zwischen Konkurrierenden Unternehmen. In der Realität schält sich nämlich immer ein oder zwei „Price-Leader“ heraus, an dem sich alle anderen Unternehmen orientieren.
„there is absolutely no regular relationship between variations in demand, supply, and price. Prices simply aren’t functioning as they are supposed to according to marginalist theory—changing when demand shifts, signaling what and how much agents must now buy or produce—because they have completely different purposes instead. The price mechanism that’s supposed to allocate resources in the economy isn’t distorted by imperfections, it isn’t the ideal from which reality diverges—it simply does not exist.“
Auch Kapitalisten trommeln sich mit Preisen Nachrichten zu.
Weil auch Kapitalisten keine Indviduen sind, die mit ihrer „Intelligenz“ jederzeit den „besten Preis“ kalkulieren, sondern Dividuen, die auf den Erwartungen der anderen surfen, sind Preisstablität und sozialer Orientierungssinn „eigentlich“ der Weg, wie Preise gemacht werden (Sonderfall „Finanzmarkt“).
Der Markt
Aber was ist der Markt aus „Usersicht“?
Das sind die Regale im Supermarkt, das sind Saturn und Kaufhof am Alex und das ist natürlich Amazon Marketplace, das sind die vielen anderen Internetseiten und Angebote.
„Der Markt“ ist also zunächst einmal eine künstlich hergestellte „Choice Architecture“, durch die die Kapitalisten unsere Pfade vorstrukturieren.
Hinter jeder dieser „Choice Architectures“ steckt der Wertpfad, das ausufernde Fulcrum von Lieferketten, Lager und Produktionsketten, die die „Choice Architecture“ am Leben halten, indem sie sie stetig auffüllen.
Relational materiell betrachtet, ist „der Markt“ also „Drei Oligarchen im Trenchcoat“.
Und wenn man in Zeitungsartikeln oder in Papern, das Wort „Markt“ mit „Drei Oligarchen im Trenchcoat“ austauscht, dann hat man einige Aha-Erlebnisse.
Drei Oligarchen im Trenchcoat ist wie viele der Begriffe im relationalen Materialismus ein „skalenfreier Begriff“ (z.B. wie Pfadgelegenheit, Hebel:Fulcrum, Erlaubnisstruktur), d.h. er beschreibt ein Muster, keine Sache und das Muster kann in unterschiedlichen Größen; kontexten und Variationen auftreten:
Die drei Brausehersteller, die drei großen Netzbetreiber, die drei Supermarktketten in Laufnähe, die drei Großhändler, die die Supermärkte beliefern, die drei großen social Media Plattformen, die drei großen Kosmetikhersteller, etc.
Inflation
Zurück zur „Nachfrage“, also dem preisgesteuerten Saugdruck am Konsumende des Wertpfads und schauen, was passiert, wenn der Kapitalist an der Preisschraube dreht: Wenn er seine angebotenen Pfadgelegenheiten ordentlich Konkurrenz haben, werden manche Konsumierenden auf Pfadalternativen switchen (Exit), wenn er keine oder wenig Konkurrenz hat, werden die Leute das „erdulden“ (Loyalty) oder sich öffentlich beschweren (Voice).
Aber meist ist die „Marktsituation“ irgendwas zwischen „Monopol“ und „kompetitivem Markt“? Und Klar treffen sich die drei Oligarchen im Trenchoat auch manchmal auf dem Golfplatz, aber die grundlegende Kommunikation zwischen ihnen passiert über die Preise, die sie setzen. Und uns einzureden, dass der Preis ein Ergebnis einer Voodooberechnung von Angebot und Nachfrage ist (sie haben ja nicht mal ein solides Modell für „Nachfrage“), ist auch eine Ablenkung von diesem Kommunikationssystem.
Und hier, was ich glaube, was nach der Covidkrise wirklich passierte: Echte Lieferengpässe ließen Beschaffungskosten steigen und damit Preise. Aber als die erwarteten Preis-Erwartungen eh durchgeschüttelt waren, also Preisteigerungserwartungen bereits erwartbar waren, leveragten einige der Oligarchen diese Preisteigerungserwartungen als Fulcrum, um ein größeres Stück Konsumentenmarge zu frühstücken.
Sie ließen sich auf ein spontanes Percushen-Konzert ein, in der sie unter wechselseitiger Beobachtung die Preise schrittweise immer wieder höher setzten, als die eigenen Beschaffungskosten stiegen.
Dieser gallopierenden Differenz ist Isabella Weber auf die Spur gekommen.
Supply shocks are now widely recognized as a driver of the recent inflation bout, but the role of firms’ pricing strategies in propagating input cost shocks remains contested. In this paper, we review the state of the academic debate over sellers’ inflation and assess whether, in line with this theory, economy-wide cost shocks have functioned as an implicit coordination mechanism for firms to hike prices. We use a dataset containing 138,962 corporate earnings call transcripts of 4,823 stock-market listed U.S. corporations from the period 2007-Q1 to 2022-Q2 to con- duct sentiment analysis via both dictionary-based natural language processing and a large language model approach. We find that large input price shocks (as well as their co-occurrence with supply constraints) correlate with positive sentiments expressed in executives’ statements about cost increases. Qualitative analysis pro- vides further insights into the reasoning behind executives’ optimism regarding their ability to turn an economy-wide cost shock into an opportunity to raise prices and protect or even increase profits.
Kapitalismus/Eigentum
Kapitalismus ist ein Hebelregime, das durch gewaltsam durchgesetzte Eigentumsgarantie leveragebare Netzwerkzentralitäten schafft (Marktfähige Verfügungsgewalt), auf der Marge gehebelt werden kann.
Im Plattformbuch beschreibe ich die Rolle des Eigentums so:
Das Eigentumsprotokoll legt sich wie eine Matrix über die Welt. Es ist ein artifizielles Adressschema, das jedem Ding in der Welt eine*n Eigentümer*in zuweist, ganz so wie das Internet Protocol jedem Gerät im Internet eine IP-Adresse. In einer Welt, in der das Eigentumsprotokoll hegemonial ist, muss alles jemandem gehören.
Über die Graphnahme des Eigentums ist viel geschrieben worden. Exemplarisch wird immer wieder auf die Einhegungen des Allmendebesitzes Mitte des 17. Jahrhunderts in England verwiesen. Ein Vorgang, der von Marx im Kapital halbsarkastisch als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet wird und den auch Karl Polanyi in The Great Transformation als die Grundbedingung für die Entstehung der Marktwirtschaft identifiziert. Das Eigentumsprotokoll wurde spätestens mit der europäischen Kolonialherrschaft weltweit hegemonial und setzte sich nicht zufällig immer in Kombination mit dem Konzept des Nationalstaates durch, als globaler Standard der territorialen Herrschaft. Staatliche Souveränität und Eigentum sind ein Geschwisterpaar.Denn Eigentum als Protokollplattform ist nicht souverän. Es muss sich immer der Gewalt des Staates bedienen, um seinen Graphen abzusichern. Der Staat stellt über den Zugriff auf die menschlichen Körper die Level-I-Kontrolle des Eigentumsprotokolls her. Erst über diesen Umweg werden individuelle Zugangsregime zu Land, Gebäuden, Maschinen und Waren ermöglicht und somit auch die marktfähige Verfügungsgewalt ihrer Eigentümer*innen.
Im Laufe der Durchsetzung des Eigentumsparadigmas wird vielerorts auch die Leibeigenschaft aufgehoben, und erstmals werden Bürgerrechte definiert und eingeführt. Gleichzeitig werden etablierte Sozialmaßnahmen gegenüber Armen und Bedürftigen gestrichen. Der Arbeiter wird dadurch doppelt frei, wie Marx es ausdrückt: einerseits frei von der Knechtschaft durch den Lehnsherren, andererseits frei, für Lohn zu arbeiten oder alternativ zu verhungern. Das Bürgerrecht ist sozusagen das Eigentumsrecht des kleinen Mannes an sich selbst, zugleich entlässt es ihn aus dem Verantwortungsbereich einer paternalistischen, aber doch auch fürsorglichen Sozialstruktur. Das Resultat ist eine Kompatibilität der Körper mit dem Eigentumsprotokoll: Die doppelte Freiheit kreiert das Individuum und beschert ihm ein rechtebasiertes Zugangsregime zum eigenen Körper, das es ihm ermöglicht, marktfähige Verfügungsgewalt über die eigene Arbeitskraft zu erlangen.
Das eigentliche Wunder passiert aber erst als Resultat dieser doppelten Graphnahme von Dingen und Körpern: Durch die Hegemonialität des Eigentumsregimes und seiner staatlichen Absicherung der Level-I-Kontrolle wird Level II ermöglicht. Wir erinnern uns: Level I sind die erwarteten Vorselektionen potentieller Verbindungen, die Level II – die unerwarteten Anschlussselektionen konkreter Verbindungen – wahrscheinlicher machen. Die konkreten Verbindungen sind hier die Transaktionen, Geschäfte und Verträge, deren Gesamtheit abstrakt als „der Markt“ bezeichnet werden. Der Markt ist eine vertikale Iteration aus dem Eigentumsgraphen.
Dieses Konstrukt aus Eigentum und Bürgerrechten war einerseits ein Versprechen an das entstehende Bürgertum: relative Autarkie qua individuellen Rechten und Eigentumssicherheit. Andererseits – und im größeren Maßstab – ermöglicht es auch die Kontrolle über die Produktionsmittel in den Händen einiger weniger bei gleichzeitiger Notwendigkeit für alle anderen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Die bekannten Produktionsverhältnisse sind damit hergestellt und alle Zutaten sind beisammen, um den Prozess in Gang zu setzen, den wir Kapitalismus nennen.
Eigentum leveraged das Gewaltmonopol des Staates, um eine Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz durchzusetzen.
Gunnar Heinsohn und Otto Steiger haben ihr Buch Eigentum, Zins und Geld dieser Lücke im wirtschaftswissenschaftlichen Denken gewidmet. Eigentum ist ihrer Meinung nach nicht nur eine notwendige Voraussetzung des Kapitalismus, sondern konstitutiv für ihn. Kapitalismus sei vor allem eine „Eigentumsordnung“, und als solche definiere sie sich durch die Unterscheidung von Besitz und Eigentum. Diese Unterscheidung ist eine vorökonomische, genauer: eine juristische.
Besitz wird allgemein als die Verfügungsgewalt über eine Sache verstanden: Ich bin in der Lage, direkten Einfluss auf diese zu nehmen, solange mich niemand daran hindert. Besitz ist also eine Tatsache, Eigentum ist dagegen ein Rechtstitel. Weil ich als Eigentümer keine direkte Verfügungsgewalt über den Gegenstand ausüben muss, können Besitz und Eigentum auch auseinanderfallen. Ich kann eine Sache, deren Eigentümer ich bin, jederzeit in den Besitz von jemand anders geben, es verleihen, verpfänden, etc., ohne dass ich das Eigentum daran verliere, denn die Besitzerin ist verpflichtet, sie mir auf Wunsch wieder auszuhändigen.
An dieser Stelle wird klar, dass die Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum gewisse Voraussetzungen hat. Damit die Besitzerin mir mein Eigentum in jedem Fall zurückgibt, braucht es eine dritte Instanz, deren Macht die Verfügungsgewalt der Besitzerin im Zweifel übersteigt. Dieses Instanz ist gewöhnlich der Staat. Eigentum als abstrakte Rechtsordnung kann es nur geben, wenn es auch ein staatliches Gewaltmonopol gibt, das Eigentumsrechte gegen die Besitzer*innen durchsetzen kann.
Heinsohn und Steiger zufolge ist der moderne Kapitalismus nicht die erste und nicht die einzige Eigentumsgesellschaft. Die erste dürfte ihrer Meinung nach die griechische Polis gewesen sein, aber auch in der römischen Republik habe es Eigentum gegeben. Eine Eigentumsgesellschaft entstehe nicht als evolutionärer Vergesellschaftungsprozess, sondern immer aus einem Akt der Gewalt, sei es eine Revolution oder eine militärische Landnahme. Exemplarisch führen die beiden die Legende von der Gründung Roms an. Als Romulus nach dem gelungenen Aufstand gegen den Feudalfürsten Amulius das befreite Land gleichmäßig unter den Mitstreitern verteilt, überspringt sein Bruder Remus die abgesteckten Grundstücksgrenzen, um ihre Absurdität aufzuzeigen. Das Konzept Eigentum ist Remus – wie den meisten zu jener Zeit – fremd, und so macht er sich über Forderung lustig, abstrakte Grenzen zu respektieren – ist er doch in der Lage, sie zu überschreiten. Romulus erschlägt seinen Bruder und setzt auf diese Weise das römische Eigentumsregime in Kraft.
Aber Eigentum ist auch das Recht ein Fulcrum zu „überleveragen“, wie Eva von Redecker herausgearbeitet hat.
Eva von Redecker hat in ihrem Buch Revolution fürs Leben die Eigentumsform als entscheidende Grundlage für den rücksichtslosen Raubbau an Natur und Menschen ausgemacht. Eigentum, verstanden als absolute Sachherrschaft, gebe der Eigentümerin unbeschränkte Verfügungsmacht über eine Sache. Das schließt ausdrücklich das Recht mit ein, diese Sache auch zerstören zu dürfen. Was das bedeutet, kann man derzeit vielleicht am eindrücklichsten im Amazonas-Regenwald beobachten, wo ein ruchloser Präsident Jair Bolsonaro in Zusammenarbeit mit privaten Investor*innen die grüne Lunge der Welt brandrodet
Geld
Geld ist eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadalternativen (Was kann man gegen was austauschen). Damit nimmt es eine spezifische Netzwerkzentralität innerhalb des Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein: Die Liquidität.
Cash ist der generalisierte „Exit“ aus jeder Pfadgelegenheit – sofern Pfadalternativen existieren.
Das gilt funktional aber man darf das nicht zu wörtlich verstehen. Um an Geld zu kommen, muss man sich meist in allerlei andere Abhängigkeiten begeben, die einen bei immer größeren Pfadabhängigkeiten verschulden und das sogenannte „Fuck You Money“ bleibt in der Anwenderpraxis nur eine schöne Theorie.
Geld ist dabei materiell gesehen die vollendete relationale Dematerialisierung – es hat alle kontextspezifischen Verbindungen gekappt, alle Reibung eliminiert, alle Besonderheit abgeschliffen. Es ist reines austauschbares Medium, es ist der ISO-Container der Werterwartung.
Aber genau deshalb ist es relational maximal materialisiert im Sinne von Netzwerkzentralität – weil es mit allem koppelbar ist, ist es überall anschlussfähig. Die vollständige Dematerialisierung auf dem materiellen Level erzeugt die maximale relationale Materialität auf der Erwartungserwartungsebene.
Relationale Dematerialisierung ist kein Endpunkt, sondern ein Prozess der Machtakkumulation. Je weiter dematerialisiert wird, desto universeller einsetzbar, desto zentraler im Netzwerk. Geld ist das Paradebeispiel – aber auch Patente, Markenrechte, AGI folgen derselben Logik. Sie werden auf der materiellen Ebene dematerialisiert um über die Erwartungserwartungsebene universell re-materialisierbar zu sein.
Dollarzentralität
Wir kennen den Effekt davon: Geld regiert die Welt. Aber der „Dollar“ nimmt hier eine besondere Rolle ein.
In Krasse Links No 76 schreibe ich über die Dollarhegemonie anhand eines Papers von Henry Farrell und Daniel Davies über die „weaponization“ der Dollar-Zentralität durch Trump.
Und auch Farrell und Davis merken, dass das alles mit Netzwerkzentralität zu tun hat.
‘Dollar centrality’ is a political-economic concept that refers to the extreme attractiveness of the US dollar as a currency for transactions and investment. […]
The conveniences of dollar centrality for facilitating financial transactions are inseparable from the dollar payment system and its rules as set by the US government. International actors might prefer not to follow these rules, but it would be very painful to lose the enormous benefits of dollar centrality. Many international commercial payments take place in dollars, for ease and convenience. Even those that are not denominated in dollars often touch the dollar payment system, because the dollar is the ‘vehicle’ currency for foreign exchange – a trade of yen for pesos will usually exchange yen for dollars and then dollars for pesos to take advantage of the more liquid dollar markets.
Ich würde konkreter sagen: der Dollar nimmt eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein und das heißt in diesem Zusammenhang konkret, dass man die Pfadgelegenheit Dollar 1.) leichter als jedes andere Geld in alle möglichen anderen Pfadgelegenheiten verwandeln kann (transitive Liquidität) und man 2. Dollar braucht, um einen ganzen Strauß von Pfadgelegenheiten überhaupt nehmen zu können (pfadvoraussetzende Liquidität). Daraus ergibt sich ein erheblicher Lock-In, mit erheblichen Vorteilen für die USA. Alle wollen Dollar und handeln daher mit ihnen, denn das ist der beste Weg, an Dollar zu kommen. Und während alle anderen echte, materielle „Goods & Services“ nach drüben schiffen, müssen die Amerikaner nur das Spreadsheet der Federal Reserve mit Nullen auffüllen, um all das zu bezahlen, wie Cory Doctorow so schön zusammenfasst.
Zunächst wurde dieses Asset von den USA gehegt und gepflegt und es wurde acht darauf gegebenen, dass die Security Agencies der wachsenden Infrastrukturmacht nicht ins Handwerk pfuschen, doch spätestens seit dem 11. September wurde die Dollar-Zentralität immer mehr zum Fulcrum für allerlei Sicherheitshebel, speziell Geldwäscheüberwachung und Sanktionsmechanismen.
Diese Hebel waren langfristig zu attraktiv? Schließlich kann man dadurch nicht nur Banken und Staaten disziplinieren, sondern eigentlich alle wirtschaftlichen Akteure, sofern sie auf Banken angewiesen sind.
Dollar hegemony and US law generated powerful incentives for compliance across the world. Although the legal basis for many actions against non-US actors was surprisingly weak, the fear of being denied access to dollar clearing was sufficient incentive to comply, especially for financial institutions. […]
Financial institutions’ aversion to risk worked as a force multiplier of US coercion. Sanctions compliance, like other forms of anti-money laundering policy but unlike most bank regulation, is enforced by sometimes unpredictable ex post regulatory punishments rather than exante provision of a checklist of required actions.
Doch je mehr diese Hebel bedient werden, desto deutlicher erodiert ihr Fulcrum – also die Akzeptanz der Dollar-Hegemonie. Insbesondere China und die EU werden mittel bis langfristig Pfadalternativen zur Dollarabhängigkeit suchen und schaffen.
This plausible near-future scenario has all the characteristics of a positive feedback loop. Under current circumstances, the EU has strong reasons to do everything it can to escape American hegemony. The US, for its part, has strong reasons to do everything it can to prevent this from happening. The more that the EU tries to get away, the more the US will do to pin it down. In this scenario, there do not appear to be any players, systems, or entities who combine the three necessary features to play a stabilisierung role: the capacity to model the effects of their actions on the overall system, the power to generate sufficiently strong feedback, and the incentive to maintain the current system rather than watch it tear itself apart.
Donald Trump leveraged die Dollarhegemonie bis zum Anschlag, weil, er weiß, dass der Dollar für viele Pfadgelegenheiten kein Exit hat. Aber indem er das macht, erschafft er einen.
Der Wertfluss
Wie auch die Semantik, ist das Netz der Infrastrukuren, also jede Pfadgelegenheit, in zwei Pfade eingebettet: In der Ökonomie ist es der horizontale Nutzenpfad, der den habituellen Akt der Nutzungen aktualisiert. Doch die Pfadgelegenheit wird bereitgestellt und stabilisiert durch einen vertikalen „Wert“-Fluss (entlang der Wetten auf Wetten auf Wetten …), der jede Pfadgelegenheit mit Funktionalität, Sicherheit und Erwartbarkeit ausstattet (Infrastruktur).
Jede plausible Pfadgelehenheit ist etwas „wert“, sonst wäre sie nicht plausibel. Unsere menschliche Q-Fuction haben wir grob definiert als:
Viabilität
+ Gefühl
+ Portfolio
+ Portfolio der Fulcren der Fulcren
+ der imaginierte Pfad/inszenierte Plan
– Kosten
– Risiken
und das alles unter Vorbehalt des „Blicks des Anderen“.
Aber der Pfadgelegenheitswert ist immer nur so lange imaginiert, bis das Fulcrum zusammenbricht und die projizierte Handlung den Infrastrukturvektor nicht mehr beleihen kann. Das Portfolio bricht zusammen und wird dadurch sichtbar.
Jede Pfadgelegenheit ist endlich, das heißt sie muss erneuert werden. Um Straßen, Bahnen, Wasser und Strom kümmern sich Institutionen, Zahnpasta muss ich selbst kaufen, das Haus managed mein Vermieter. Aber jede Pfadgelegenheit, die ich nutze, muss sich erneuern. Der Wert der Infrastruktur muss sich materiell Aktualisieren.
Das bedeutet, dass jede Pfadgelegenheit immer in drei Pfade eingebunden ist:
- Materielle Ebene: In die Lebenspfade der Dividuen, die sie nutzen. Die Iterationen in der materiellen Ebene erschaffen die Erwartungsebene: Pfadgelegenheiten.
- Erwartungsebene: Der horizontale Nutzenpfad, das Nehmen der Pfadgelegenheit/Die Hebelnutzung.
- Erwartungserwartungsebene: Die Hebelnutzung saugt am Wertpfad und die aggregierte Saugstärke wird als „Nachfrage“ in bei den Oligarchen wahrgenommen, die ihre Infrastrukturen darauf ausrichten. Der vertikale Wertpfad, der die Pfadgelegenheit herstellt, stabilisiert, erneuert und steuert ist das Fulcrum unserer Hebel.
Der vertikale Wertpfad ist der Aktualisierungspfad des Werts, den der Pfad bietet. Bei klassischer Infrastruktur sind das Wartungs- und Erneuerungszyklen, aber bei meiner Zahnpasta ist es einfach der regelmäßige Neukauf und bei Semantik ist es die „Iteration“.
Aber verfolgt man die Wertstoff-, Liefer-, und Produktionsketten der Zahnpasta und deren infrastrukturelle Vorraussetzungen, versteht man wie tief dieser Pfad reicht.
Stellt man sich diese Pfade als hierarchische Netzwerke vor, die sich pyramidenartig nach unten verzweigen, stellen wir fest, dass auf jeder Produktions- und Logistik-Ebene, in die wir reinzoomen, Wert geschaffen und erhalten wird. Die Maschinen müssen aktualisiert werden, die Menschen müssen regenerieren, die Ressourcen und Lager müssen ständig reaktualisiert werden und wenn es irgendwo hakt, dann ist sofort Alarm im Fulcrum.
Und das heißt, von Ebene zu Ebene „fließt“ der Wert aufwärts in die Pfadgelegenheit hinein bis er auf mich trifft. Das Nehmen einer Pfadgelegenheit ist deswegen immer auch der Schnittpunkt, an dem sich der horizontale Pfad (Nutzen) und der vertikale Pfad (Wert) mit dem Pfad des Dividuums (Leben) treffen. Und das lässt sich auch auf alle unteren Ebenen des Wertpfadnetzwerkes anwenden. Ein Bauarbeiter hat ein Nutzenerlebnis eines „guten Baggers“, aber er aktualisiert damit gleichzeitig „den Wert“ einer Büro-Pfadgelegenheit, die demnächst in Lebenspfade von Dividuen eingebunden sein wird.
Jeder hat sein eigenes „Nutzenerlebnis“ beim Nehmen einer Pfadgelegenheit, aber dieser Wert basiert auf dem beliehenen vertikalen Pfad, dem materiellen oder semantischen Fulcrum.
Arbeit
Arbeit ist bekanntlich Kraft mal Weg und das heißt, jedes Bewegen des Hebels ist Arbeit.
Archimedes hat der Legende nach ja durchaus selbst gehebelt, aber als früher Hebel-Experte wäre es ihm durchaus möglich gewesen, sich Hebler dafür einzustellen. Er würde sich um die Herstellung und Auswahl von Hebeln und Fulcren (oder Flaschenzügen) kümmern und andere diese „Produktionsmittel“ nutzen lassen, um Arbeit zu verrichten.
Jeder Hebeleinsatz bedeutet „eigenen“ Krafteinsatz. Egal ob übersetzt mit klassisch mechanischen Hebeln, oder mit angetrieben mit elektrischen oder termodynamischen Hebeln, oder informationell erweitert mit computeriellen Hebeln – mit Hebel übersetzen und verstärken wir die Wirkung unseres Krafteinsatzes. Elektrische, termodynamische und informationelle Hebel „erweitern“ die Handlungsmacht des Einzelnen Arbeiters, aber als Hebler in einem Unternehmen ist er selbst immer auch teil eines oder mehrerer Fulcren deren Hebel, in den Etagen über ihm bedient werden.
»Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden«, sagte der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke und meinte damit, dass Hebel dann „magisch“ wirken, wenn uns ihr Fulcrum unerklärlich ist.
Wenn ich eine Taste drücke und ein Text erscheint, sehe ich meinen Finger als Ursache – nicht die Milliarden Transistoren, Stromnetze, Protokolle, Fabriken, Bildungssysteme und politischen Stabilitäten, die diese Wirkung tragen. Arbeit erscheint als „individuelle Leistung“, obwohl sie in Wirklichkeit ein kollektive Hebelwirkung ist.
Ein Fulcrum ohne Hebel ist ein Potential. Ein Hebel ohne Fulcrum ist ein „Zauberstab“.
Je nach Hebel kann der Krafteinsatz unterschiedlich aussehen. Von der Armbewegung, von der Steuerung einer Machine, zum Schreiben von Code oder eines Prompts. Unsere Hebel sind darauf ausgerichtet und entwickeln sich weiter in die Richtung, den eigenen „Krafteinsatz“ zu minimieren.
In unserer heutigen Ökonomie ist der wesentenliche Arbeitsinput in vielen Bereichen, die Zugabe von Information in den Hebelprozess. Das gilt sowohl für die Vibe-Coder die bei sechstelligen Jahresgehalt die nächste Version von ChatGPT vorbereiten, wie für das Heer an Clickworker*innen, die für 5 Dollar am Tag am selben Projekt arbeiten und Trainingsdaten nach menschlichem Ermessen säubern. Der Unterschied ist sicher auch zum Teil mit erlernten „Skills“ zu erklären, aber offensichtlicher noch ist, dass die Größe der bedienten Hebel entscheidend ist.
Damit ist nicht die materielle Größe des Hebels gemeint. Auch der Taktstock ist ein Hebel, aber ein anderer als der Zauberstab, auch wenn man damit ähnliche Gesten macht. Im Gegensatz zum Zauberstab ist der Taktstock nicht fulcrumslos, denn sein Fulcrum sind die erwarteten Erwartungen der Musiker*innen, die auf die Gesten hin, ihre pneumatischen und anderen Resonanz-Hebel bedienen.
Die Sicht des Kapitalisten auf den Arbeiter ist klar: Im Arbeitsprozess werden für den Produktionspfad bestimmte Assets der Arbeitenden beliehen: Aufmerksamkeit, Erwartbarkeit, Wissen, Integrität und Körperlichkeit, um mit den vom Unternehmen bereitgestellten Hebeln für den Kapitalisten Marge zu kloppen.
- Aufmerksamkeit: Jeder Arbeitsinput, auf dem man selbst oder anderes Pfadgelegenheiten leveragen kann, braucht ein mindestmaß an Aufmerksamkeit.
- Erwartbarkeit: Weil es bei Arbeit immer auch darum geht, mit anderen Zusammenzuarbeiten, erfordert jede Arbeit in Mindestmaß an beleihbarer Erwartbarkeit.
- Wissen: Weil jede Arbeit voraussetzungsreich ist, braucht jeder Arbeitsinput ein Mindestmaß an beleihbarem Wissen/Erfahrung.
- Kreativität: Weil die meiste Arbeit erfordert, neue Pfade zu finden, wird versucht, Kreativität zu beleihen (nicht so leicht, weil schwer ausweisbar).
- Vergangene Leistungserzählung: Wer länger irgendwo arbeitet versucht über die Zeit Leistungserzählungen über sich und seine Projekte zu sammeln, um sie bei kommenden Gehaltsverhandlungen zu leveragen.
- Integrität: Weil jeder Arbeitsinput für weiteren Arbeitsinput „beleihbar“ sein sollte, wird ein Mindestmaß an Integrität erwartet.
- Körperlichkeit: Weil jeder Arbeitsinput Körperlich ist, wird ein für die Tätigkeit belastbarer Körper erwartet.
Was der Kapitalist in dieser Matrix aber übersieht, ist, dass die für ihn Arbeitenden keine Individuen sind, die ihre Gehirne ans Unternehmen pluggen, sondern Dividuen, die sich im Arbeitsalltag als Pfadgelegenheit gebrauchen. Sei es um gemeinsam Projekte zu entwickeln, Brainstorming, oder sich einfach gegenseitig zuzuarbeiten. Aber das Pfadgelegenheits-Netzwerk der Mitarbeitenden ist auch Infrastruktur, um über informelle Wege Probleme zu umrouten, einander in der Mittagspause auf Ideen bringen, oder einfach auf der Arbeit von jemanden anderes aufzubauen.
Der „indivuduelle Arbeitsinput“ eines Mitarbeitenden basiert oft auf einem dividuellen Fulcrum und deren Serendipität und deswegen bin ich skeptisch, dass „AGI“ tatsächlich allen Arbeit ersetzen könnte, selbst wenn sie alles „perfekt“ könnte. Wert wird nicht aus Menschen gepresst, sondern entsteht zwischen ihnen.
Wenn aber „Wert“ nicht in der Arbeit produziert, sondern durch den Konsumerwartungssog durch die gesamte Produktionskette induziert wird, dann ist der Arbeiter nicht – wie Marx es formulierte – die Quelle des Werts, sondern sein Durchgangsmedium. Er ist das Fulcrum, an dem der vertikale Wertpfad die Hebelwirkung der Konsumerwartung in materielle Aktualisierung übersetzt.
Das klingt zunächst wie eine Entwertung der Arbeit, ist aber das Gegenteil. Ein Fulcrum ist keine passive Unterlage, sondern der Ort, an dem Kraft überhaupt erst wirksam wird. Ohne das Fulcrum kein Hebel, ohne Hebel keine Aktualisierung, ohne Aktualisierung keine Pfadgelegenheit, ohne Pfadgelegenheit kein Wert. Und der Arbeiter ist nicht austauschbar weil er unwichtig ist, sondern weil die relationale Dematerialisierung ihn systematisch austauschbar macht – also sein Fulcrum aktiv entwertet.
Und hier liegt der eigentliche Widerspruch des Kapitalismus: Je erfolgreicher die relationale Dematerialisierung der Arbeit, desto fragiler wird das stabilisierende Fulcrum des gesamten Wertpfads.
Innovation
„Innovation“ ist eine Funktion von Infrastruktur, wie ich im Fulcrumsexplainer erkläre
Und deswegen fällt es uns zum Beispiel schwer zu verstehen, dass jede „Innovation“ nur die pfadabhängige Spitze eines Eisbergs aus Infrastruktur ist. Marianna Mazzukato hatte in ihrem Buch The Entrepreneurial State darauf hingewiesen, dass so gefeierte Produkte wie das iPhone fast ausschließlich die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung kompilieren.
Innovation beruht also nicht nur auf der Arbeit anderer, sondern der Arbeit, auf der deren Arbeit beruht, usw. Sowie auf einem Bildungssystem und einer Forschungslandschaft, die Bildungs-Pipelines von der Grundschule über die Unis bis die Entwicklungs&Forschungsabteilungen der Unternehmen bereitstellt. Und ein Billionschwerer Rüstungshaushalt, der jährlich viele Milliarden in die Infrastruktur reinpumpt ist auch ganz hilfreich? Daher kommt der Microchip her, so wurde das Internet geschaffen, GPS und so vieles andere.
BWL-Justus und seine Politikerfreund*innen wollen uns immer einreden, dass wir einen „Entrepreneurial Spirit“ und ganz viel „Deregulierung“ brauchen, damit wir ein europäisches „Silicon Valley“ reproduzieren, aber die wichtigste Zutat – Mobilisierung von Massig Ressourcen in Bildung und Technologieentwicklung, blenden sie komischer Weise aus. Dabei steht das in jedem Buch.
Bildung und Karriere
Doch natürlich ist es nicht so, dass man nur viele der gefragten Assets haben muss, um eine steile Karriere zu machen. Wer Karriere macht und wer nicht, entscheidet nicht die Leistungsbereitschaft, sondern die Pfadgelegenheiten.
In Krasse Links No 55 schrieb ich:
Das Individuum ist auch Grundlage unseres Blicks auf die eigene Gesellschaft. Statt Menschen zu sehen, die jeweils versuchen, in den ihnen zur Verfügung stehenden Infrastrukturen zu überleben, haben wir die Gesellschaft als „Markt der Individuen“ imaginiert, in der dein Platz in der Welt, deiner „individuellen Leistung“ und damit über Bande auch deiner „Intelligenz“ entspricht.
Wenn Du den goldenen Löffel im Mund für eine Ausbildung an einer Elite-Universität eingetauscht und mit dem erworbenen Wissen und den Kontakten von Papa ein erfolgreiches Start-Up gegründet hast, dann bist Du „deines Glückes Schmied“. Wenn du in Gaza aufgewachsen bist, in der dritten Generation vertrieben in den Ruinen Deines Hauses sitzt und Israel am liebsten abschaffen willst, bist du ein Antisemit und kannst weg.
Wie gesagt, das ist alles logisch und richtig so und dass die Super-Individuuen aus dem Silicon Valley mit ihren milliardenschweren aber völlig verdrängten Infrastrukturen gerade die Demokratie abräumen, liegt nicht daran, dass sie an ihrer eigenen Super-Individualität durchgeknallt sind, sondern das ist ein wichtiger Schritt zur nächsten Stufe menschlicher Zivilisation: AGI – die Vernunft in der Flasche. Das letzte Individuum.
Eine Urkunde aus Harvard garantiert dir keine steile Karriere, aber es erhöht die Übergangswahrscheinlichkeit auf das zugriffliche Fulcrum einer aussichtsreichen Einstiegsposition, was dann der Entry Point eines mehr oder weniger berechenbaren Karrierepfads ist.
Man „leveraged“ Geld und Arbeit, um einen rennomierten Studienabschluss zu bekommen, dann leveraged man den Studienabschluss mit Bewerbungspfaden, um eine aussichtsreiche Einstiegsposition zu ergattern (eine, die wieder viele attraktive Pfade öffnet), und dann leveraged man „Erwartungserfüllung“ und die aktuelle „Positon“ für die nächste und so weiter.
Das ist natürlich keine „Safe bet“, solche Karrierepfade können auch abrupt enden, sei es, dass die Firma pleite geht, die Wirtschaft „schwächelt“ oder die eigene Kompetenz (der eigene Wissenspfad) nicht mehr nachgefragt wird.
Auf der anderen Seite haben wir Kinder aus Haushalten, in denen Bildung als Wert nicht mal eingeübte Praxis ist, vielleicht auch notgedrungen, denn wann hat man denn noch Zeit dazu? Wir haben dazu eine Bildungslandschaft und eine gesellschaftliche Motivationsstruktur in der Gesellschaft, die Bildung nicht mehr als Fulcrum der Freiheit versteht, sondern sie nur noch entlang ihrer ökonomischen leveragebarkeit bewertet.
In den 1970er Jahren gab es eine Aufbruchstimmung, mehr Menschen Pfade in die Bildung zu bauen, aber ich schätze, die Effekte davon waren für die Mächtigen nicht immer angenehm?
Die Schmerzarchitektur
In Krasse Links No 28 schrieb ich:
Wert und Preis sind Semantiken, die von allerlei geteilten Wertvorstellungen beeinflusst sind und so ist es auch nicht überraschend, dass die Agency Hierarchie aus dem letzten Newsletter sich auch in den Restaurantpreisen reflektiert. Als Teil des Semantikraums bilden die Preise Gestirnskonstellationen, in der sich der Wert des einen Dings, am Wert des anderen Dings orientiert. Es ist ein Netz aus Erwartungen und auch hier bestimmt die größe der Trommel den Beat.
Freakonomics hatte einmal eine Folge zur Matratzenbubble. Mitte der 2010er sprossen überall im Land die Matratzen-Stores aus den Boden und alle Podcasts waren mit Matratzenwerbung zugequasselt und die einfache Erklärung ist, dass man mit Matratzen 50 bis 100 Protent oder sogar mehr Marge machen konnte und wahrscheinlich immer noch kann?
Völlig egal wie geil die verbaute Technologie ist, die Dinger zu produzieren ist spottbillig, aber in den Erzählungen der Kundschaft kann man für guten Schlaf halt einfach nicht genug Geld ausgeben! Und so kostet einunddieselbe Matratze manchmal von 200 bis 1000 Dollar je nachdem unter welchem „Brand“ sie firmiert.
Oligarchen bestimmen die Preise natürlich nicht beliebig. Bei unterschiedlichen Produkten ist es unterschiedlich schwierig, solche Erzählungen aufs Gleis zu trommeln, egal wieviel Geld man in PR und Marketing steckt.
Außerdem gibt es durchaus einen regulierenden Faktor: Die beiden Netzwerke der Preise und Werte sind zwar eng verwoben und beeinflussen sich wechselseitig, aber sie sind durch unterschiedliche Schmerzen an der Realität geeicht.
Das Netzwerk der Werte setzt alle Dinge ins Verhältnis zum Schmerz ihres Fehlens, das heißt zu den Netzwerkzentralitäten im Abhängigkeitsgefüge unserer Pläne (Nutzwert).
Das Netzwerk des Preises setzt alles ins Geld-Verhältnis, also am Ende des Tages zum Schmerz der verlorenen Lebenszeit, die man auf der Arbeit verbracht hat (Tauschwert).Kapitalismus ist eine Schmerzarchitektur, die Dich ständig vor die Frage stellt, welchen der beiden Schmerzen Du eher auszuhalten bereit bist.
Wert und Schmerz sind eng verkoppelt und deswegen sind alle Margen an Schmerzerwartung geleveragte Macht-Dividenden. Auch das, was Marx „Mehrwert“ nennt.
Marge Hebeln
Im Explainer der Macht-Wert-Formel beschreibe ich wie man Marge hebelt.
Hier, wie die Marge gehoben wird: die wechselseitig erwartete Nettomacht-Differenz/Abhängigkeitsdividende, die sich aus einer gemeinsamen Handlung ergibt, dient als Anhaltspunkt dafür, wie viel Schmerz das Gegenüber auszuhalten bereit ist, bevor es selbst die Abhängigkeitsbeziehung auflöst. Entweder durch Verzicht auf die Handlung (eine Offramp/Balanceakt 1), und/oder durch die Suche einer Pfadalternative (Balanceakt 2).
Jedes Hebeln einer Marge ist eine Wette auf das Fulcrum dieses angenommenen Schmerzpunktes. In der Praxis werden dafür konkrete, materielle Hebel angewendet: einfache Forderungen unter Androhung der Beendingung der Handlung, Exklusivklauseln im Vertrag, Erhöhung von Preisen, Shrinkflation, Planned Obsoleszens, vereinbarte Absatzmengen, Schließung von Filialen, Werbung, Enshittyfication, Zinsen, Tantiemen, Lizenzen, Löhne, etc.
Und klar, wenn die Hebel zu groß werden, bricht das Fulcrum – die Abhängigkeitsbeziehung wird durch die andere Partei aufgelöst, doch so binär läuft es in der Realität nicht ab. Die Kunst, Margen zu heben, basiert auf der Salamitaktik. „Margen-Development“ ist ein Prozess, der ständig nach Pfadgelegenheiten sucht, sich auf dem einen oder anderen Abhängigkeitsbeziehungsterrain Vorteile zu verschaffen und dabei entsprechend die Hebel immer länger werden zu lassen. Sich also immer ein bisschen weiter vorzuwagen und zu schauen ob, das Fulcrum hält. Das lässt auch dem anderen Zeit, sich an den Schmerz zu gewöhnen, so dass man dann möglichst unterhalb des sich ständig verschiebenden kritischen Schmerzpunktes die Margen der Abhängigkeitspartner Stück für Stück in eigene Margen zu verwandeln kann.
Wenn A weniger abhängig von B ist, als umgekehrt, kann A Margen auf Kosten von B hebeln. Das funktioniert, weil A und B nicht als Individuen, sondern immer nur für Pfadgelegenheiten voneinander abhängig sind (Z.B. Kinderspiel, kapitalistische Produktion, oder Liebesbeziehung) und wenn der eine dafür weniger vom anderen abhängig ist, als umgekehrt, kann er diesen Pfad blockieren oder mit Regeln, oder Zöllen versehen (Etwa dass B einen Schokorigel zum Kinderspiel mitbringen muss).
Laut Emerson gibt es vier Pfadgelegenheiten, mit denen B das Machtungleichgewicht mitgieren kann:
- Balanceakt 1: Sie kann ihre eigene Motivation, mit A zu spielen, zügeln. („A ist eh doof.“)
- Balanceakt 2: Sie kann sich eine alternative Ressource erschließen, also zum Beispiel eine andere Spielkameradin finden. (Eine Spielkameradin D zum Beispiel.)
- Balanceakt 3: Sie kann sich selbst als Spielkameradin für A wieder attraktiver machen (indem sie zum Beispiel in ein neues Legoset investiert), damit A wieder lieber zu B zum Spielen kommt.
- Balanceakt 4: Sie kann As Zugang zu alternativen Ressourcen (in diesem Fall also zu C) versperren. Sie kann zum Beispiel Cs Familie überreden, wieder wegzuziehen (schwierig), oder sich mit C verbünden (leichter).
Die Abhängigkeits-Dividende ist die angenommene Netto-Differenz der wechselseitigen Abhängigkeit. In der Realität ist die Erwartung nie ganz so scharf, sondern das Fulcrum besteht eher aus einem kontinuierlichen aber nicht-linearen Erwartungs-Gradienten, statt einer einem „festen Punkt“, weswegen die Rechnungen eher Modellrechungen sind.
Weil Emerson ein Liberaler ist, sieht er nicht, dass diese Strategien 1. davon abhängen, dass die entsprechenden Pfadgelegenheiten dafür „da“ sind und man sie sich überhaupt leisten kann und 2. dass sie eben nicht nur dafür eingesetzt werden, bestehende Machtungleichgewichte auszugleichen, sondern auch, um bestehende Macht auszuweiten.
Profit = Aggregierte Margenextraktion
Wie sich die Margen eines Kapitalisten zusammensetzen, die seinen Profit ergeben, habe ich in Krasse Links No 36 anhand von Supermärkten beschrieben.
Man kann sich das bildlich so vorstellen, dass auf ein Unternehmen im Netzwerk der Abhängigkeiten viele bepreiste Inputlinien einströmen, während bepreiste Outputlinien zu den Konsument*innen führen. Grundsätzlich gilt auch für einen Supermarkt, dass die Einnahmen langfristig die Ausgaben übersteigen müssen, aber ansonsten hat das Unternehmen viel Spielraum in dieser Situation.
Meistens kann man die Inputlinien drücken: Lohndumping, Gewerkschaften zerschlagen, Wage Theft, Druck auf Supplyer ausüben, vertikale Integration, Zahlungen zurückhalten, etc. Oder man schraubt an den Outputlinien: Preise erhöhen, Verkaufsmengen reduzieren, Qualität reduzieren, Regulierungen missachten, Filialen schließen, Enshittyfication, etc.
Das ist jeweils ein Balanceact, weil die Ausgebeuteten ab einem bestimmten Schmerzpunkt den Kanal kappen und versuchen werden, um das Unternehmen herumzurouten, doch über Herstellung entsprechender Netzwerkzentralitäten lassen sich Schmerzpunkte fast beliebig nach oben verschieben. Wo einem die Pfadgelegenheiten ausgehen, ist man gefangen.
Ausbeutung ist nicht etwas, das auschließlich zwischen Kapitalist*innen und Arbeiter*innen passiert, wobei diese Form der Ausbeutung nachwievor sehr zentral ist. Ausbeutung findet überall statt, wo in ungleichen Beziehungen Machtreservoires zu heben sind und erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich darin aus, Zugriff auf viele solcher Reservoirs zu haben.
Beim Handeln des Unternehmens geht es immer darum, von anderen weniger abhängig zu sein, als die anderen vom Unternehmen, also eine unausgesprochene Austauschbarkeits-Hierarchie zu etablieren. Dann muss man sich nur noch die Erlaubnis geben, sie abzuschöpfen.
Aber wenn Macht Netzwerkzentralität im Netzwerk der Abhängigkeiten ist, dann geht das ganze Spiel des Kapitalismus darum, durch geschicktes Platzieren von Infrastrukturen, die Margen der anderen zu frühstücken. Und dann kommt die präziseste Kapitalismustheorie nicht von Marx, Keynes oder Hayek sondern von einer Feministin des frühen 20. Jahrhunderts: Lizzy Magie.
Macht als Netzwerkzentralität im Abhängigkeitsnetzwerk
In Krasse Links No 73 beschreibe ich Macht als Netzwerkzentralität.
Wer im Nutzenpfad einer Sache Geld verdient, entscheidet nicht, wer den Wert konkret herstellt, sondern wer die netzwerkzentraleste Position im Abhängigkeitsnetzwerk seiner Herstellung und Vermarktung hat. (Ich bin immer noch nicht sicher, welches Maß an Netzwerkzentralität hier genau entscheidend ist. Seit ich alles konsequent in Pfaden zu denken versuche, tendiere ich zu einer Mischung aus Katz- und Current-Flow-Beweenness-Zentralität? Aber da würd ich gern mal mit nem richtigen Mathematiker drüber quatschen?)
Laufen viele Abhängigkeitlinien über deine Infrastruktur und gibt es im besten Fall auch nur wenige oder schlechtere alternative Pfade, kannst du es dir erlauben, Margen auf Kosten der anderen Netzwerkteilnehmer zu extrahieren. Von den Arbeiter*innen, klar, das hat Marx analysiert und weil Arbeiter*innen die am wenigsten netzwerkzentralen Einheiten im Nutzenfluss des Produktionspfads sind, d.h. am austauschbarsten sind, pressen die Oligarchen hier den Großteil ihrer Marge. Aber eben nicht nur? Wenn es die Abhängigkeiten hergeben, kommt die Marge eben auch auf Kosten von Zulieferern, Kund*innen, der eigenen Gesundheit, der Ökologie und über was man auch immer glaubt, genügend Macht zu besitzen.
Wir kennen diese Mechanismen vom „Monopol“ und mittlerweile hat man festgestellt, dass es auch ein Käufermonopol geben kann, aber „Monopsony“ und Monopol sind nur die unterdimensionalen Beschreibungen von Extremversionen dessen, wie der Kapitalismus funktioniert. Alle Akteure ringen miteinander um Netzwerkzentralität, denn wer Netzwerkzentralität hat, kassiert von den anderen Margen. Das heißt: Je mehr Wettbewerber, desto geringer die Macht der Unternehmen, desto kleiner die Margen. Auch abseits des Monopols lohnt es sich, Macht zu begrenzen.
Mit den Metaphern des „Marktes“ wurde die Macht in der Wirtschaft über Jahrzehnte verschleiert. „Der Markt“ sind drei Oligarchen im Trenchcoat, die zwar untereinander um ein bisschen um Einfluss konkurrieren, aber gemeinsam die „Choice Architecture“ aus Pfadgelegenheiten bereitstellen, die wir „Konsumfreiheit“ nennen und in der wir uns „frei“ bewegen dürfen – sofern wir es uns leisten können.
Relationale Dematerialismierung
Balanceakt 2 sehen wir z.B. jeden Tag in einem Prozess am Werk, den ich relationale Dematerialisierung genannt habe und der darin besteht, dass ein mächtiger Akteur ständig daran arbeitet, diejenigen, von denen er abhängig ist, „austauschbarer“ zu machen. Das nimmt viele Formen an.
In Materialität und Austauschbarkeit schreibe ich:
Die Herstellung von Austauschbarkeit erweist sich als wesentliches Basiselement kapitalistischer Wachstumskonzeptionen. Und diese Austauschbarkeit wird über das Abkapseln von Verbindungen und das Reduzieren von Abhängigkeiten hergestellt. Erst diese »relationale Dematerialisierung« reduziert die Reibung in den Prozessen und macht globale Lieferketten überhaupt möglich. Der Schiffscontainer ist somit nicht nur das logistische Kernstück der Globalisierung. Es ist auch zentrales Sinnbild einer Form von »relationaler Dematerialisierung«, die alle unnötigen Verbindungen abkapselt und jedes physische Gut zu einer austauschbaren Einheit macht. Der ISO-Container ist absolut austauschbar, das ist sein ganzer Sinn. Und dieser Sinn besteht am Ende im Verschwinden des Materiellen als einer widerständigen Realität
Ich bin bei Plattformen und Supplychains darauf gestoßen, aber das ist auch der Effekt, der bei „Deskilling“ betrieben wird: je weniger Einarbeitunszeit Inputströme brauchen, desto austauschbarer sind die Arbeitenden. Aber relationale Dematerialisierung spielt auf allen Ebenen des Kapitalismus eine zentrale Rolle. Relationale Dematerialisierung ist somit auch immer die gezielte Entwertung des Fulcrums, auf dem die Gegenseite ihre Marge hebt.
Die Gegenstrategie „Balanceakt 4“ der Arbeitenden, also der Zusammenschluss unter eine Verhandlungsentität ist zwar nachwievor stellenweise effektiv, wenn um Lohnverhandlungen geht, aber kommt nicht gegen solche strukturellen und durch Technik integrierte relationale Dematerialisierung an. Das Endziel dieses Prozesses ist im Grunde AGI – die maschinelle Austauschbarmachung von jedem von uns.
Die Wetten auf KI sind Wetten gegen Arbeit. Dabei kommt es erstmal nicht darauf an, dass die Geschichte stimmt und AGI überhaupt möglich ist (Ich glaube da erstmal nicht dran). Aber das aufgegleiste Narrativ ist stark in den Chefetagen und bestimmt die Finanzmärkte, die zunehmend unsere gesamten gesellschaftlichen Ressourcen zu Datencentern verbauen.
Man kann also formulieren, dass die Kapitalisten die gemeinsam geteilte AGI-Erwartung leveraged, um dir die Marge vom Brot zu frühstücken.
Marge ist an Abhängigkeitserwartungen geleveragte Abhängigkeits-Dividende.
Aber Wahrnehmung ist Erwartung und weil Erwartung, nicht Realität, die Verhandlungen regiert, spüren Arbeitende bereits den Lohndruck der „KI“, die den veränderten Perspektiven ihrer Chefs entstammen.
Musikindustrie
Wie sich die Relationale Dematerialisisierung durch das Internet konkret auf die Musikindustrie ausgewirkt, habe ich in diesem Vortrag einmal „simuliert“.
In Krasse Links No 30 hatte ich zum Anlass eines Doctorow-Textes auch schon mal die Geschichte der Musikindustrie aufgeschrieben:
Der Grund für das Darben der Kreativen ist nämlich nicht ein impotentes Urheberrecht, sondern die relative Reduktion ihrer Netzwerkzentralität gegenüber einer sich immer stärker konzentrierenden Kulturindustrie.
The biggest predictor of how much money an artist sees from the exploitation of their work isn’t how many exclusive rights we have, it’s how much bargaining power we have. When you bargain against five publishers, four studios or three labels, any new rights you get from Congress or the courts is simply transferred to them the next time you negotiate a contract.
[…]
Giving a creative worker more copyright is like giving your bullied schoolkid more lunch money. No matter how much you give them, the bullies will take it all. Give your kid enough lunch money and the bullies will be able to bribe the principle to look the other way. Keep giving that kid lunch money and the bullies will be able to launch a global appeal demanding more lunch money for hungry kids!Weil wir keine Individuen sind, die eigene Musikgeschmäcker haben, sondern Dividuen, die sich gegenseitig Musikgeschmäcker beibringen, kann man die Geschichte des Rock n’Roll auch als die Geschichte der kommerziellen Erschließung semantischer Netzwerkmacht erzählen.
Das Verlagswesen hatte bereits den Weg gewiesen, aber mit dem Aufkommen der Tonträgerindustrie und den Massenmedien wurde klar, dass man auf Öl gestoßen war. Während die Kosten für die Produktion für Tonträger mit der Skalierung immer Bedeutungsloser wurden (Skaleneffekt), stiegen die Umsätze für virale Hits exponentiell ins Unermessliche (Netzwerkeffekt).
Jede Ölquelle braucht Infrastrukturen und so machten Stars, Drama, Spektakel die Einnahmen berechenbarer und es wuchs ein mächtiges Business heran, das in seiner korrupten mafiosität als weiteres Beispiel für den Ressourcenfluch gelten kann. Die Ausbeutung war schon immer brutal, doch mit der Konsolidierung hin zu nur noch drei großen Majorlabels, die gemeinsame Sache mit den Streamingdiensten machen, hat die Kulturindustrie eine Form von Gewalt gefunden, die im Kapitalismus legal ist.
Das Urheberrecht spielte die meiste Zeit nur als Spezialrecht eine Rolle, das die Angelegenheiten zwischen Urheber*innen und Verlagen regelt, doch als mit dem Aufkommen des Internets dieses Geschäftsmodell in Frage stand, wurde das Urheberrecht auf Druck der Musikoligarchie zu dem allgegenwärtigen Regime umfunktioniert, mit dem wir nun jeden Tag in Berührung kommen.
Handelsverträge (WTO, TRIPS, TTIP, etc) machten Immaterialgüterrechte (dazu gehören auch Patente und Markenrechte) zu globalen Regimes und erschufen ein neues Paradigma der Ausbeutung, das sich immer mehr auf die Erschaffung und Kontrolle von semantischen Infrastrukturen spezialisierte und die Produktion materieller Güter mehr und mehr in Entwicklungs- und Schwellenländer auslagerte, wo man Supplyer und Arbeiter*innen um die abfallenden Brotkrumen konkurrieren lässt.
In meinem Supplychain-Text spreche ich von „relationaler Dematerialisierung“ und meine, dass Arbeitskraft, Energieflüsse, Fabriken und alles Materielle immer austauschbarer gemacht werden, während man gleichzeitig an der Unaustauschbarmachung von immateriellen Gütern arbeitet. Der Anteil immaterieller Wertschöpfung hat in fast allen westlichen Ländern den des Materiellen längst überflügelt und die Machtkonzentration, die wir in den USA und den westlichen Ländern sehen, ist zum Großenteil auf die Monopolisierung semantischer Netzwerkzentralitäten zurückzuführen.
Dass ich die Geschichte der Plattformen von Napster her erzähle ist kein Zufall, denn mit dem Napstershock wurde nicht nur die explosive Kraft von Netzwerkeffekten offenbar, sondern auch das Problem, das der Kapitalismus mit dem Internet hat: Mangelnde Kontrolle. Apple etablierte mit iTunes die integrierte Bezahlschranke als Lösung und so wurden Plattformen die technologische Antwort auf den Kontrollverlust. Ergebnis ist ein rein technisches Regime, das kaum mehr auf staatliche Rechtedurchsetzung angewiesen ist, weil es seine infrastruktureigene Gewalt einsetzt, um Netzwerkeffekte ausbeutbar zu machen.
Generative KI ist gewissermaßen nur der Höhepunkt eines seit längerem fortschreitenden Prozesses, nämlich die endgültige relationale Dematerialisierung kreativer Arbeit, das heißt die Reduktion Eurer, liebe Urheber*innen, relativen Netzwerkzentralität ins Bodenlose. Es sollen künftig nur noch KI-Unternehmen von unserer Abhängigkeit von Tönen, Bildern und Texten profitieren und die Kulturindustrie verhandelt gerade ihren goldenen Fallschirm. Fuck Yeah, Urheberrecht!
Eine kurze Geschichte des Urhberrechts
Jedes „Werk“ hat drei zugriffliche Fulcren [F1]:
- Materiell: Schallplatte, CD, Mp3, Streamingservice. Das zugriffliche materielle Fulcrum.
- Erwartung: Ich muss das Werk als Pfadgelegenheit sehen, also eine positive Wert/Nutzenerwatung mit dem Werk verbinden. Es muss anschlussfähig sein, an mein Wissen, meine Kultur, meine Erfahrung, meine soziale Einbettung und meinen erwarteten materiellen Möglichkeiten. Das zugriffliche Erwartungs-Fulcrum.
- Erwartungserwartung: Die Pfadgelegenheit zu Musik erfolgt immer durch andere. Entweder durch Medien (Radio, M-TV, Streamingdienst, Playlist), oder durch Freunde/das soziale Umfeld und was ich gut finde, hat oft damit zu tun, was andere gut finden, die ich gute finde und auch mal, was Leute blöd finden, die ich blöd finde. Das zugriffliche Erwartungserwartungs-Fulcrum ist sozial.
Vor technischen Medien hatten es Lieder/Texte/Werke schwer, sich zu verbreiten, weil sie sich auf Level 1 nur über menschliche Erinnerungspfade Weiterverbreiten konnten. Die Schrift führte Papierpfade ein und Luther erfuhr nicht nur als einer der ersten die Skaleneffekte von Massenproduktion, sondern auch die Netzwerkeffekten und Viralität. Die Verbreitung seiner Pamphlete hatten Netzwerkeffekte auf dem Layer der Erwartungserwartungen (Level 3) und aquirierten dadurch zusätzliche zugriffliche Fulcren auf Level 2, die ihrerseits die Erwartungserwartungen ihres Umfeld veränderten, usw.
Da Druckereien die zugrifflichen Level 1-Pfade zum Werk zentralisierten, waren sie damals die einzigen, die Marge machten. Aber weil es noch kein Urheberrecht gab, druckte jede lokale Druckerpresse alles, was gerade populär wurde, was das Leverage über das Werkt entsprechend wechselseitig beschränkte (Markt).
Das Urheberrecht versuchte das Rechtssystem zu leveragen, um den zugriffliche Level 1-Pfad beim Autor/der Autor*in anzusiedeln. Aber wie das immer so ist im Kapitalismus, die Möglichkeit als Musiker*in dein Werk zu verwehren, wertet zwar deine Verhandlungsposition auf, aber gegenüber dem Kapital – Major Labels, Spotify und einem sich immer stärker konzentrierenden „Musikmarkt“ – bleibt dein Leverage als Künstler*in dennoch klein und die Verwertungsrechte abzutreten ist deswegen „Cost of Business“ geworden und deine Marge sieht entsprechend aus.
Das Internet explodierte aus Usersicht die Pfadalternativen zum zugrifflichen Level-1 Fulcrum für alle Musikwerke und schufen die Pfadgelegenheit des „Gesamtkatalogs“, hinter die die Musikindustrie nicht mehr zurückkonnte, der alle gleichzeitig alle Künstler*innen und ihre Werke miteinander in einem materiellen Zugriffsraum (Level 1) in semantische Konkurrenz (Level 3) zueinander stellte, was mit einer enormen relationalen Dematerialisierung des einzelnen Werks im Pfadgelegenheitsportfolio von praktisch jedem von uns einherging.
Apples iTunes erfüllte dieses Bedürfnis als erstes legal, doch heute regieren Streamingdienste die immer größer werdenden Level 3-Graphen mit immer geringeren Fulcrumskosten managen.
AI dematerialisiert die Musiker*innen jetzt noch weiter relational und irgendwann werden die „Kulurmargen“ nur noch von KI-gehoben. Wann immer du etwas populäres im Internet machst, eine KI findet es und reproduziert es für die hälfte der Kosten. Influencer*innen haben das Problem bereits.
Markenrechte/Urheberrechte
Solange die Erstellung von Pfadalternativen für kulturelle Güter technisch schwierig war, führte das Urheberrecht ein unbedeutendes Dasein, als Spezialrecht zwischen Künstler*innen und Verlage.
Doch seit die Digitalisierung den Zugang zu Pfadalternativen theoretisch (und wenn man sich auskennt, auch praktisch) kostenlos gemacht hat, wurde das materielle Produkt-Fulcrum schwer zu leveragen, weil die Exitkosten für das Gegenüber so gering waren.
Erst eine brutale Verfolgung von „Piracy“ durch die Rechtssysteme und Internet-Stores wie den iTunes-Store und später Streamingdienste, stabilierte sich ein neues Fulcrum, dass nun eigene technische Hürden (Die Kontrollregimes der Plattformen) leveragte.
Trotzdem gilt weiterhin: Patente, Markenrechte, Urheberrechte oder generell „immaterielle Güter“, sind semantische Netzwerkzentralitäten im Erwartungserwartungsnetzwerk, die für Margen „hebelbar“ sind, weil internationale Rechtssysteme, ihre Durchsetzung gewähren und deswegen war die Musikindustrie mit die ersten, die die Margenexplosion durch Netzwerkeffekte erlebte.
Verhandlung
Jeder weiß: Bei einer Verhandlung kommt es darauf an, am längeren Hebel zu sitzen, aber was viele ahnten, aber nicht so recht aussprechen konnten: wie lang dein Hebel sein kann, wird durch die Stabilität deines Fulcrums bestimmt.
Sagen wir A und B gehen in die Verhandlung mit bestimmten Vorannahmen über sich selbst und über den anderen und vor allem, auch hinsichtlich der Frage, wer am längeren Hebel sitzt/wer die stabilere Abhängigkeitserwartung hat und wer glaubt, auf der Abhängigkeitsdividende zu sitzen. Doch nicht nur das: Sie haben auch jeweils eine Vorstellung davon, wie der andere ihre Verhandlungsposition bewertet, und sich vorstellt, wir ich mir vorstelle, dass er sich vorstellt, wie sie ist.
Das heißt, wir bewegen uns von Anfang an im Feld der Erwartungen und Erwartungserwartungen, wo es ständig darum geht, wer was von wem erwartet, erwarten zu können.
Bei den Erwartungen gibt es sicher viele Überschneidungen, denn A und B bewohnen dieselbe materielle Welt, aber es gibt eben immer auch Abweichungen und eine echte Verhandlung kommt meist erst dann zustatten, wenn die Abweichungen zu grundlegend und/oder vielfältig sind, dass man meint, in die Verhandlung gehen zu müssen.
Alfred O. Hirschman hat in seinem berühmten Aufsatz Exit, Voice, and Loyalty die Pfadgelegenheiten dafür analysiert. Für Unzufriedene gibt es Grunde nur drei Pfadgelegenheiten: Man kann sich beschweren (Voice), man kann den Schmerz runterschlucken und den Deal nehmen (Loyalty) oder man kann aufstehen und gehen (Exit).
Hirschman argumentiert, dass Exit und Voice in einem Spannungsverhältnis stehen und dass Ökonomisch denkende Menschen eher dazu neigen den zu Exit zu wählen, politisch denkende eher zu Voice neigen, wobei Loyalität beides, Exit und Voice moderiert.
Das Problem am Exit sieht er darin, dass, wenn die mobilsten und kompetentesten Mitglieder einer Organisation als erste gehen (Exit), die Organisation genau jene Leute verliert, die am ehesten in der Lage wären, durch Voice Verbesserungen herbeizuführen. Exit beschleunigt den Verfall.
Umgekehrt funktioniert Voice nur dann, wenn Exit als Pfadalternative im Hintergrund glaubhaft gemacht wird – sie erzeugt den Druck, der die Entscheider zum Entscheiden zwingt.
Ich finde zwar Hirschmans Aufteilung sinnvoll und kann verstehen, warum sie so populär ist, aber seine Deutungen sind liberales Wolkenkuckugsheim. Er vergisst, dass „Voice“ und „Exit“ Hebel sind, die ein Fulcrum brauchen. Die Frage, ob du Exit oder Voice wählst, entscheidet nicht ob du „eher politisch drauf bist“ oder „eher so ökonomisch denkend“ bist. Was Hirschmans nicht sieht, ist, dass diese Pfadgelegenheiten dafür erstmal da sein müssen, dass sie materiell und dass sie plausibel sein müssen und generell „leistbar“. Den Exit, den die Milliardärsklasse (oft mit Verweis auf den Text, witziger Weise) plant, kann sich eben nur die Milliardärsklasse leisten. Aber das gilt für uns alle: Jedes Mal, als wir einen Pfad verlassen haben, konnten wir ihn leichter verlassen, wenn wir Pfadalternativen hatten. Die hat man aber eben nicht in jeder Verhandlung? Und seine „Voice“ zu „raisen“ ist auch nicht jedermanns Sache und in jedem Fall hat es auch Kosten.
Würde man das statistisch auswerten, wäre die Wahl von „Exit“, „Voice“ und „Loyalty“ auffällig entlang der „gesellschaftlichen Macht“ verteilt.
Exit können sich oft nur die bessergestellten überhaupt leisten und Voice ist oft der einzige Hebel, der den Menschen unten bleibt. Doch die meisten haben längst aufgegeben und was Liberale wie Hirschman dann als „Loyalität“ identifizieren, ist in Wirklichkeit Resignation und Duldungsstarre.
Aber Hirschman spricht es selbst direkt an: Der Voice-Hebel braucht eine Exit-Erwartung als stablisierendes Fulcrum [F5] (weswegen es immer geraten ist, eine Pfadalternative für den Verhandlungspartner sichtbar zu halten).
Andersrum: Deine Pfadalternativen mitigieren die Macht deines Gegenübers (Aber das wissen wir ja bereits aus der Wert/Macht-Formel). Sie destabilisiert sein Verhandlungsfulcrum und strärkt gleichzeitig deines. Dadurch stabilisiert es die Wette [F5] auf deinen Angebotshebel (Voice).
Die Kultur- und Technikwissenschaftlerin Uta Meyer Hahn hat eine wichtige Doktorarbeit, „die Konnektivitätsökonomie des Internets“ geschrieben. Darin beschreibt sie, wie Netzwerkbetreiber (Die Unternehmen, die die Netzwerkinfrastruktur betreiben auf dem der ganze Internetspaß läuft) untereinander Verträge aushandeln, um sich miteinander zum Internet zu verschalten. In Krasse Links 11 fasste ich ihre Arbeit so zusammen:
In meinem Buch behandle ich auch die sehr lesenswerte Doktorarbeit von Uta Meier-Hahn, die eine Art Anthropologie der Netzwerkökonomie vorgelegt hat. Sie hat mit etlichen Verantwortlichen von großen Netzwerkbetreibern gesprochen und sich erklären lassen, wie genau Peering-Entscheidungen und -Deals getroffen werden. Für die, denen das nichts sagt: das Internet wird in seinen Grobstrukturen von nur einer Handvoll Großunternehmen betrieben, deren Geschäftsmodell es ist, ihre Konnektivität an Internet Service Provider, andere Netzwerkbetreiber oder CDNs wie Cloudflaire weiter zu verkaufen. Das Internet ist ein Netz der Netze und der Verkehr zwischen den Netzen hat ab und zu ein Kassenhäuschen – und manchmal auch nicht. Dann nämlich, wenn die Interessen beider Netzbetreiber, Daten zu tauschen, in etwa ausgeglichen ist.
Das Spannende ist, dass sie tatsächlich Interviews geführt hat, wie diese Verträge ausgehandelt werden und eine der Erkenntnisse war, dass die Verhandlungsmacht der jeweiligen Netzbetreiber eine Funktion des erwarteten „Werts“ des Netzes ist, den sie als Katalog von Eigenschaften herausarbeitet.
Die Kriterien dazu sind komplex und ein Großteil von Utas Arbeit befasst sich mit ihrer Katalogisierung, aber einer der wesentlichen Faktoren ist natürlich die Größe des Netzes. Ein kleines Netz hat immer ein höheres Interesse, mit einem größeren Netz Daten zu tauschen, als umgekehrt und deswegen muss das kleine Netz zahlen und das große bekommt Konnektivität geschenkt.
In Netzwerkmacht gesprochen ist klar, dass große Netze hier ein enormes Ungleichgewicht reinbringen und von allen anderen kleineren Netzbetreibern Marge kassieren. Aber auch wenn der empfundene Wert des Netzwerks durch materielle Kennzahlen „gedeckt“ ist, bleibt es ein Spiel, bei dem sich alle Spieler ausschließlich im Feld der Erwartungen bewegen. Sie zitiert an einer Stelle einen der Verhandlungsverantwortlichen, wie er „Exit“ als Fulcrum seiner Verhandlungshebel einsetzt.
»Wenn jemand einem Peering nicht zustimmt, sagt sich die andere Partei: Klar, ich könnte jetzt hinter dem herrennen. Aber wenn du hinterherrennst, bist du der Kunde. Wenn du also mit mir peerst und dann das Kabel durchschneidest, würde ich, wenn es eine richtige Peeringbeziehung ist, sagen: Tja, mir egal. Aber wenn ich das Peering wirklich brauche und du zerschneidest das Kabel, dann bin ich der Kunde. Ich bin dann logischerweise mehr auf dich angewiesen als du auf mich. Das hast du durch das Zerschneiden bewiesen.«
Dein Verhandlungshebel hebelt also einerseits auf dem Fulcrum des erwarteten Werts, den der andere deinen Pfadgelegenheiten zuschreibt und andererseits, ist aber durch das stablibisierende Fulcrum deiner Exiterwartung gebackt, wenn deine Forderungen nicht erfüllt werden.
Die Eliten glauben, sie hebeln auf dem Fulcrum unserer „Loyalität“ und wenn wir was sagen (Voice), sagen sie sich: die brauchen wir eh bald nicht mehr. Wir hebeln ins Leere, denn das stablisierende Fulcrum unserer Verhandlungsmacht, der Exit, ist nicht mehr glaubhaft. Wir stecken zu tief drin.
Aber Exit ist nicht immer Privileg, manchmal ist es der letzte Notausgang.
Voices heard
Eine weitere Auslassung von Hirschman, ist sich zu fragen, wer überhaupt gehört wird. Diese Frage haben Bruce Bueno de Mesquita und Alastair Smith in ihrem Buch „Dictator’s Handbook“ implizit auf strukturelle Weise beantwortet. Auch bei ihnen geht es um Macht, aber vor allem darum, wie ein Machthaber seine Macht organisiert.
Eine der zentralsten Prämissen der Theorie ist, dass Machthaber – egal, ob demokratisch oder autokratisch – immer nach Mitteln und Wegen suchen, ihre Macht zu konsolidieren. Eine weitere zentrale Prämisse ist, dass kein Machthaber ohne die Unterstützung von anderen Menschen regieren kann. Die Kunst, an der Macht zu bleiben, besteht also im klugen Management der eigenen Abhängigkeiten.
Dabei unterscheiden Mesquita und Smith zwischen drei Kategorien von Abhängigkeitsbeziehungen:
- Das „Nominelle Selektorat“ ist die austauschbare Verschiebemasse an Menschen, die einem selbst gegenüber über keine Macht verfügen. In Deutschland sind das z. B. Kinder und Jugendliche, Migrant*innen ohne Wahlrecht und alle, die sich von der Politik abgewendet haben. Über ihre Köpfe hinweg wird regiert.
- Daneben gibt es das „Tatsächliche Selektorat“. Das ist eine deutlich kleinere Gruppe, die es zu überzeugen gilt, um an die Macht zu kommen und dort zu bleiben. In der US-Demokratie sind das zum Beispiel die Wähler *innen der Swing-States, in Deutschland wichtige Wähler-Gruppen wie die Rentner*innen oder Autofahrer*innen, aber grundsätzlich alle Gruppen, die bei Wahlen mobilisierbar sind.
- Und schließlich gibt es noch die „Gewinnende Koalition“, jene sehr kleine Gruppe, von deren Unterstützung ein Machthaber direkt abhängig ist. Das können zum Beispiel Parteifunktionäre oder potente Geldgeber sein, es können aber auch einfach Menschen in wirtschaftlichen oder publizistischen Machtpositionen sein. Dieser Gruppe gilt der Großteil der Aufmerksamkeit jedes Machthabers (Mesquita & Smith, 2011).
Politische Systeme unterscheiden sich nun darin, wie gut es ihnen gelingt, Machthaber von einer möglichst breiten, diversen Gruppe von Menschen abhängig zu halten (Demokratie), oder inwiefern es dem Machthaber gelingt, seine Abhängigkeiten möglichst auf die „Gewinnende Koalition“ zu reduzieren (Autokratie).
Ein Machthaber ist immer von anderen abhängig, um seine Macht abzusichern und hat gleichzeitig Anlass, den Kreis seiner Abhängigkeiten möglichst gering zu halten. Vereinfacht ausgedrückt: Ein paar dutzend mächtige Oligarchen (gewinnende Koalition) bei Laune zu halten ist sehr viel einfacher und zuverlässiger, als ein ganzes Volk, weswegen es rational ist, das Volk zugunsten der Oligarchen auszubeuten.
In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten formuliert, besteht der zentrale Trick darin, die eigene Degree-Zentralität (man ist von vielen abhängig) durch „Eigenvektor-Zentralität“ (man ist von weniger, aber mächtigeren Akteuren abhängig) einzutauschen und die eigene institutionelle Betweenness-Zentralität als Machthaber dazu zu nutzen, Margen vom Nominellen Selektorat zur Gewinnenden Koalition zu transferieren, um so ihre Abhängigkeit zu vergrößern. Das System Putin kann hierfür als illustratives Beispiel herhalten, doch das Prinzip ist universell, wie Mesquita und Smith versichern.
Was nun aber passiert, mit der auf breiter Front betriebenen relationalen Dematerialisierung der Gesellschaft und der gleichzeitigen Konzentration von Abhängigkeitspfaden in den Händen weniger Oligarchen, ist, dass wir Schritt für Schritt vom „tatsächlichen Selektorat“ ins „nominelle Selektorat“ verschoben werden. Und mit AGI – wenn es in einem wirtschaftlichen Sinne wahr wird – ist unsere endgültige relationale Dematerialisierung erreicht.
Der Punkt, an dem sie uns nichts mehr schulden.
Und wir müssen uns dabei klar machen, dass es bereits Milliarden Menschen gibt, die in dieser Klasse eingeordnet werden und mit denen entsprechend umgegangen wird. Menschen, in denen keine Pfadgelegenheiten mehr gesehen werden, Menschen, die „im Weg stehen“, „Menschen, die nur kosten“.
Wir sehen jeden Tag, was mit dem nominellen Selektorat passiert: Chipkarte fürs Essen, Terror durch das Arbeitsamt, Mißhandlung von Alten und Behinderten, Mißhandlung von Kindern, Konzentrationslager, Deportation, öffentliche Hetzkampagnen, Anti-Homeless-Architektur, Stigmatisierung, Ausgrenzung, der Verlust der eigenen Stimme, das Verwehren von Aufmerksamkeit, das Absprechen des Menschseins, epistemische Gewalt, der Genozid in Gaza, das Verweigern von Empathie.
Viele fragen sich, was wir dann alle machen, wenn uns die Arbeit ausgeht. Statt das Offensichtliche zu fragen:
Was machen sie dann mit uns?
The Art of the Deal
Ich glaube, es wird unterschätzt, welchen Impact und kulturellen Einfluss Donald Trumps 1987 veröffentlichetes Buch „The Art of the Deal“ auf die Businesswelt hatte.
Einer der Gründe, warum die Businesswelt nicht gegen Trump, sondern mit ihm agiert, ist, dass sie ihm schon mal Kredit gegeben haben und damit gut gefahren sind.
Denn ich glaube, dass Trump tatsächlich ein funktionierendes Rezept gefunden hat und sein letztlicher Erfolg ist – und so wird das in der Businesswelt oft gesehen – Zeugnis des Erfolgs dieser Taktik.
Die Taktik geht so, dass du in jede Verhandlung mit der maximalen Aggressivität reingehst und deine Hebel an allen Kontaktzonen Fulren leveraged, die du in die Finger kriegst. Mit diesen maximalen Angebotshebel und diesem Getöse überrumpeltst du das Gegenüber, das heißt, du brichst seine Erwartungskontinuität und in diesem, aufgerissenen Raum der Erwartungen verhandelt es sich dann viel bequemer und wenn du nur die Hälfte dessen bekommt, was du ursprünglich gefordert hast, ist das dann alle mal mehr, als hättest du die Taktik nicht angewandt. Unter anderem deswegen, weil das Gegenüber den Erwartungskorridor für die möglichen Kosten der eigenen Abhängigkeitserwartung noch vor Verhandlungsbeginn nach oben korrigiert hat.
Man kann darüber streiten, wo und wie es funktioniert hat und wo nicht, aber ich glaube, was Trump da aufgeschrieben hat, ist kein Geheimnis, sondern einfach etablierte und gut beliehne Mafiapraxis, die er sich in Queens abgeschaut hat.
Das andere offene Geheimnis von Trump ist ja Deals zu machen und sich nicht dran zu halten und auch diese Praxis hat er natürlich nicht erfunden, aber man sieht daran die Kurzlebigkeit der Strategie.
Wenn man immer wieder das Erwartungsfulcrum überleveraged, bricht es irgendwann und dann kann Trump gar keine Deals mehr machen, weil ihm keiner mehr traut.
Das heißt, mit jedem „Art of the Deal“ Hebel, externalisiert er seine Kraft auf der Stabilität unserer Erwartungen, die irgendwann brechen, wenn er das zu oft macht.
Das funktioniert anscheinend prima in der Businesswelt, so lange man Leute findet, die sich noch bereit erklären, einem trotzdem Kredit zu gewähren. Es ist ein soziales Ponzischeme, aus dem man nur rauskommt, in dem man sich immer eine Ebene höher leveraged, um den Fulcrumskosten zu entgehen.
Kapitalismus ist eine Externalisierungsmaschine und Trump hat in Art of the Deal offengelegt, wie man darin erfolgreich agiert: Leverage alle Fulcren immer bis zur Belastungsgrenze und darüber hinaus und externalisiere die Kosten.
Nur wenn du Präsident der USA bist, dann finden sich irgendwann keine Externalisierungspfade mehr, weswegen sich diese Form des „Business“ ihre Fulcren jetzt folgerichtig im Ausland sucht.
Rackets
In Krasse Links No 77 leite ich unter dem Eindruck der Epsteinenthüllungen ein Theorie des selbstähnlichen Rackets ab, deren Grundkonzept ich mir bei Horkheimer geliehen habe.
Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.
Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.
Racketstrukturen funktionieren grob so, dass sie immer nach unten treten und ausbeuten, alles nach links bekriegen, mit allem nach rechts konspirieren und nach oben buckeln und sich vom nächst mächtigeren Racket die Marge vom Brot nehmen lassen.
Meine These wäre, dass ist einfach die soziale Form ist, wie sich Menschen (vor allem Männer) organisieren, wenn sie glauben, dass keine Regeln für sie gelten? Deswegen findet man sie sowohl bei der Mafia, bei Techbros (Peter Thiel hat ganze Kapital dazu in „Zero to One“), in der Crypto-Community, wie bei der Elite. Aber auch in der ganzen Wirtschaft? Etwas verkürzt könnte man sagen: Rackets entstehen dort, wo Macht auf Männer trifft.
Zur Aquise versprechen Rackets Pfadgelegenheiten zu schnellen Profiten und durch die Erwartbarkeit wird durch eine Kompromatsinfrastruktur bereitgestellt, die den Exit teuer macht.
Und Epstein besorgte die Kompromatinfrastruktur der obersten Racketwabe.
Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.
Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.
Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.
Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.
Aber das ist für „arme“ Rackets.
Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.
Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.
Falls ihr immer das Gefühl hattet, von Gangstern regiert zu werden: Die Epstein-Files beweisen es.
Supplychains
In Materialität und Austauschbar habe ich Emersons Framework auf Supplychains angewendet.
Wenn wir dieses einfache Framework auf die Zulieferketten anwenden, ergibt sich ein klares Bild: Um einen Nike-Schuh herzustellen, sind alle Akteure (das Leitunternehmen sowie alle Zulieferfirmen) wechselseitig voneinander abhängig. Jedoch gibt es Unterschiede: Jeder Einzelne der Zulieferer – egal ob er Stoffe, Plastik oder Kordeln herstellt – ist aus Sicht des Leitunternehmens recht einfach austauschbar (Balanceakt 2). Es gibt viele konkurrierende Unternehmen und selbst wenn es sie nicht gäbe: das Wissen um Stoffe, Plastik und Kordeln herzustellen ist schnell ins Werk gesetzt.
Das Leitunternehmen hingegen, Nike, betreut zwar nur die Marke und andere Rechte, aber diese Rechte sind dank internationaler Abkommen wie TRIPS und durch die WTO global geschützt (Balanceakt 4). Die Leitunternehmen kontrollieren daher monopolistisch den Zugang zur Wertschöpfung. Für die Zulieferer ergibt sich dadurch eine enorme Abhängigkeit, denn ohne den Zugang zu Nikes Verkaufsnetzwerk und seiner »Brand-Recognition« sind die Produktivitätskapazitäten der Zulieferer völlig nutzlos. Dadurch ist Nike der einzige Akteur in diesen wechselseitigen Beziehungen, der weniger von den anderen abhängig ist, als diese von ihm. Die »Fliegenden Gänse« sind also in Wirklichkeit eine Hierarchie der Macht, die von einem durch globale Gesetzgebung geschützten Leitunternehmen angeführt und ausgebeutet werden. Je tiefer man in die Verästelung der Lieferketten hinabsteigt, desto austauschbarer werden die Unternehmen und sind in Ableitung davon, entsprechend weniger fähig, erarbeitete Margen zu kassieren.
Man kann damit den ganzen Kapitalismus als Austauschbarkeitdistribution im Pfadgelegenheitsraum erklären, wo Akteure versuchen, ihre Umwelt „relational“ zu „dematerialismieren“, um sie besser ausbeuten zu können.
Die Herstellung von Austauschbarkeit erweist sich als wesentliches Basiselement kapitalistischer Wachstumskonzeptionen. Und diese Austauschbarkeit wird über das Abkapseln von Verbindungen und das Reduzieren von Abhängigkeiten hergestellt. Erst diese »relationale Dematerialisierung« reduziert die Reibung in den Prozessen und macht globale Lieferketten überhaupt möglich. Der Schiffscontainer ist somit nicht nur das logistische Kernstück der Globalisierung. Es ist auch zentrales Sinnbild einer Form von »relationaler Dematerialisierung«, die alle unnötigen Verbindungen abkapselt und jedes physische Gut zu einer austauschbaren Einheit macht. Der ISO-Container ist absolut austauschbar, das ist sein ganzer Sinn. Und dieser Sinn besteht am Ende im Verschwinden des Materiellen als einer widerständigen Realität.
Plattformen
In „Die Macht der Plattformen“ definiere ich Plattformmacht als Netzwerkmacht + Kontrolle, wobei Netzwerkmacht die vernetzten Pfadgelehenheitserwartungen der Nutzenden sind, die sich gegenseitig auf einer Plattform als Geisel halten und Kontrolle die „Regime“ für Infrastrukturentscheidungen, Zugangsregime, Sichtbarkeitsregime usw und erst mit der Einführung er Hebel:Fulcrums-Beziehung habe ich begriffen, dass
Netzwerkmacht das Fulcrum ist, auf dem die Regimehebel heben.
Auch die „Graphnahme“ ist als Pfadgelegenheit das „Leveragen“ eines bereits existierenden Interaktionsnetzwerks und seiner Netzwerkmacht durch den Hebel der eigenen Plattforminfrastruktur. Die Graphnahme ist eine Pfadgelegenheit, die schief gehen kann.
Facebook hat das so gemacht, dass sie nach der Graphnahme des dem Harvard-Campus rüber zu Yale gingen, diesen Campus leverageten, dann Berkley, UCLA immer die aktuellen Graphen geleveraged haben, um den nächsten Graphen zu erobern, usw. Sie grasten Campus für Campus und sperrten jeden zunächst in voneinander getrennte Server und targeteten erst ab 2009 den gesamten Social Graph.
Plattformen leveragen Graphen, Plattformen leveragen Plattformen, KI leveraged Plattformen, usw.
Dass sich Technologie immer pfadanhängig fortpflanzt ist kein Geheimnis, aber ich glaube, wir unterschätzen immer noch: wie sehr.
Die „Titanen der Techwelt“ sind eigentlich nur ganz normale Dividuen in einem riesen Panzer, der Infrastrukturen entstehen lässt, wo sie hintreten, die sich wieder für neue Infrastruktur leveragen lassen. Aber all das passiert trotzdem auch für sie aus einer „aktuellen Gegenwart“ und d.h. von einem konkreten Punkt. Egal, wie sehr sie es sich wünschen, endlich „frei“ zu sein, sie bleiben Dividuen – Verbunden mit der Welt.
Leverage ist aber auch der „Exploit“, den der Hacker in dem „Zeroday“ sieht, aber auf zweifache Weise: der Exploit ist eine Pfadgelegenheit in andere Systeme, die von dem Bug betroffen sind. Das heißt, der Exploit „leveraged“ den „Zeroday“, um sich Zugriff zu Systemen zu verschaffen. Das ist deswegen attraktiv, weil, wenn der Zeroday-Bug weit verbreitet ist, kann man mit diesem einen Bug, eine menge Infrastruktur „leveragen“.
Bei Plattformen agieren das „zugriffliche Fulcrum“ und seine Affordanzen also als zentrale Schnittstellen-Schemata von Infrastrukturregime (alles ist designt für vorgefertigte Hebel), Zugangsregime (z.B. Login, Communityguidelines, API) und Queryregime (algorithmische Verstärkung des „richtigen“ Contents). Am zugrifflichen Fulcrum wird Plattformmacht konkret.
Hinter Werbung, Enshittyfication, Preiserhöhung, Shrinkflation, etc. stecken also mit zugrifflichen Fulcren gemanagte und am Fulcrum unserer Duldungserwartungen geleveragte Margen.
Zum Weiterlesen
- Hier geht es zum Relationalen Materialismus-Explainer.
- Hier geht es zum Hebel:Fulcrum-Explainer
- Hier geht es zum Explainer der Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten
- Hier geht es zum Pfadgelegenheiten-Explainer
- Hier geht es zum Dividuums-Explainer
- Hier geht es zum Interdependenz-Theorie und Machtformel-Explainer.































