Evolution vs. Kreationismus im Simpsons-Movie

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SPOILER

Es ist unsinnig das hier zu lesen, bevor man den Film gesehen hat. Es ist zwar nicht so, dass dieser Text jetzt so viel von dem Film verraten würde, dass er sich nicht mehr lohnen würde, aber gerade weil ich nicht viel Handlung erzähle, sondern ihre Kenntnis voraussetze, wäre es schwierig der Argumentation zu folgen.

Achja, und: Alle Zitate, auch die direkten, sind aus meiner Erinnerung entnommen und müssen nicht wortwörtlich stimmen.
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Moooment. Sollte es nicht Evolutionlehre vs. Kreationismus heißen? Nein. Der dargestellte Konflikt befasst sich nur indirekt mit der Lehre, sondern mehr mit der Evolution schlechthin. Und das auf eine sehr vielschichtige, nichtplumpe Weise. Also nicht auf dem Niveau, auf dem sie für gewöhnlich geführt wird.

Aber kommen wir zum Punkt:
Die Evolution wird hier verkörpert von, na, Homer Simpson. Das den Film einleitende Spiel mit seinem Sohn Bart, das „trau dich was„-Spiel ist der erste und wichtigste Hinweis auf die Evolution. Völlig hirnverbrannt begeben sich Bart und Homer in immer wieder gegenseitig in neue Gefahr. Das ist auf einer bestimmten Ebene gewissermaßen die Quintessenz des Unterschiedes zwischen Kreationismus und Evolution. Das jedes Mal erneute Aufs-Spiel-Setzen der eigenen Existenz. Im Gegensatz zum Kreaktionismus ist in der Evolution nichts sicher, jede Art kann jederzeit ausgelöscht werden. Die Würde definiert sich zunächt über das „Dennoch-Überleben“.

Homer ist dabei ein außergewöhnliches Exemplar. Sein irrationaler Mut Unüberlegtheit gepaart mit seiner Ungeschicklichheit scheinen zunächst der eigentlichen Aussagen der Evolution zu widersprechen. „Survival of the fittest“ hatte Darwin noch proklamiert. Nur, das was Homer immer wieder rettet, ist der Zufall. (Und zwar nicht nur im Film). Der Zufall hat in der Dramaturgie der Simpsons immer einen ganz besonderen Stellenwert. Meist tritt er als Retter in der Not auf den Plan. Oft kann man ihn mit einem göttlichen Zeichen verwechseln. In Wirklichkeit ist es aber eben der evolutionäre Zufall, also dieser absurde Zufall, der die Welt ist, diese minimale Chance, die das Leben auf die Erde brachte, die den Menschen formte und die diesen vollkommen unfähigen Menschen, dessen absolute Karikatur Homer darstellt, hat so lange überleben lassen. Es ist also mehr die zeitgenössische Evolution des Zufalls, als die des „Fit-Seins“, die Homer repräsentiert und dessen Gerichtetheit er somit auch angreift.

Wenn Homer zu Marge sagt: „Ich denke nie. Ich will doch nur den Tag heil überstehen, damit ich mich Nachts an Dich rankuscheln kann„, dann ist das zwar gelogen, aber Homer rezitiert damit den Leitspruch der Evolution. Die Evolution ist dumm, sie denkt nicht, es gibt nur das Überlebenwollen der Einzelwesen. (Auch nicht der „Art“ (Dawkins hat mit diesem Vorurteil aufgeräumt)) Und wohin das führt, dieses unreflektitierte, egoistische Vor-Sich-Hin-Überleben, das thematisiert die Rahmenhandlung, um den Lake Springfield. Aber dazu später.

Jaha, der Film ist keineswegs ein reines und plumpes Plädoier für die Evolutionslehre. So einfach ist das nämlich nicht. Soviel kann schon mal gesagt werden: die Evolution kommt nicht besondern gut weg.

Aber kommen wir zunächst zum Kreationismus, hier dargestellt von Ned Flanders. Das das so ist, ist zwar naheligend, wird spätestens unmissverständlich klar, als Ned sich wahnsinnig schämt, weil er sich gerade vor dem, durch den vermüllten See mutierten, Eichhörnchen erschreckt hat. Das 10-Äugige Mutantenfiech wird nach dem ersten Schock von Ned als „durchaus gelungene Schöpfung Gottes“ sofort anerkannt und akzeptiert und damit automatisch ins Herz geschlossen. Ein klares Outing also, als Kreationist. Und gleichzeitig ein möglicher, sich daraus ergebender Weltbezug und seine moralischen Konsequenzen.

Und nun kommen wir zur eigentlichen Verhandlung der beiden Positionen. Denn diese findet nicht, wie es manche erwarten würden, auf einer ontologisch-wissenschaftlichen Basis statt. Es geht nicht darum, was denn jetzt richtig sei, sondern es wird auf einer moralischen und zweckmäßigen Ebene verhandelt. Es geht hier darum, welche „Weltanschauung“ ist das „bessere“ Modell, eines, was weniger Leid, mehr Freude, mehr Verantwortung generiert – schlicht – welches eine bessere Welt zu gestalten fähig ist. Und nicht zuletzt: welches Modell fähig ist, uns unsere Würde zu garantieren? Es ist wie im Kalten Krieg also ein Kampf der Systeme und damit ein Krieg um die Köpfe.

Und dieser Kopf ist hier natürlich Bart. Barts Konflikt zieht sich über den gesamten Film und ist ohne Übertreibung das tragende Element der Story. Evolution oder Kreationismus? Das ist hier aber Barts eigentliche Frage.

Zunächst, beim Rumalbern mit Homer, ist Bart ganz klar auf Seiten der Evolution. Er hängt an der Regenrinne, im Begriff herunterzufallen und während sein Vater an derselben rüttelt, lacht er noch dabei – und schreit vor Angst. Immer Abwechselnd.
Er scheint in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, ein Umstand, der Homer ganz am Schluss des Filmes tatsächlich selber in den Sinn kommt. Homer ist für Bart Vorbild, wie sein Vater Vorbild für ihn war. Der soziologische Wurmfortsatz der Evolution sozusagen.
Nur. Was hat diese Perspektive zu bieten? Diese Frage stellt sich Bart im Film ganz nüchtern und sehr zentral.

Denn immer wenn es eng wird, lässt Homer ihn im Stich. Homer ist neben seiner Dummheit, in diesem Film vor allem die Blaupause des Egoismus und zwar des vollkommen unreflektierten Egoismus. Er steht nicht zu seinen Fehlern, lässt andere für sie büßen. Er flieht vor jeder Verantwortung und erschleicht sich seine Gnade. Und wo die Gutmütigkeit seiner Mitmenschen (Flanders, Marge) nicht mehr ausreichen, tut der bereits zitierte Zufall sein übriges. Das ist der Lebensentwurf, der Bart eines Tages in seiner nackten Brachialität offensichtlich wird. Nein. Würde ist das nicht gerade, was er bei Homer entdeckt.

Und das geht so: Im Zuge des „Trau-Dich-Was„-Spiels mit Homer stiftet dieser ihn an, nackt durch die Stadt zu skaten (übrigens paradoxerweise unter Einsatz seiner Würde). Bart macht das glatt, wird aber von der Polizei einkassiert. Sie lässt ihn zur Strafe nackt am Laternenpfahl angekettet, so dass alle ihn ausgiebig auslachen können. Als Homer nach sehr, sehr langer Zeit endlich ankommt, um ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien, bittet Bart ihn aus seiner vollkommen entwürdigenden Position heraus, den Polizisten gegenüber wenigstens einzugestehen, dass er ihn zu dieser Tat angestiftet hat. Homer würde es nur eine Stunde Nachsitzen in Sachen Erziehung kosten, doch er leugnet natürlich. Als sich dann noch herausstellt, dass Homer zwar Barts Klamotten dabei hat, seine Hose aber nicht, wird es immer klarer worum es geht: Homer ist nicht fähig, Barts Würde wieder herzustellen, sogar unfähig überhaupt irgendeine Würde herzustellen. Wenn überhaupt, ist er fähig Würde zu nehmen. Sich und seinem Sohn, der – nun ohne Hosen – Homer im Resaturant beim Essen zusehen darf.

Da kommt gerade rechtzeitig die Alternative. Ned hilft ihm in seiner peinlichen Situation, denn er hat zufällig eine Hose (Barts Würde) dabei („Kinder scheuern sich immer die Knie auf, beim beten„) und während Homer sich lieber für ein Schwein interessiert, als seinem Sohn zu helfen, rettet Ned ihn über seine Schmach.

Denn es ist ja nicht so, als ob der Kreationismus mit all seinen christlichen Anleihen nichts zu bieten hätte. Er generiert ein Weltbild, wo jeder seinen Platz hat. Dazu ein verpflichtendes Gutsein zueinander und ein gewisses Einssein mit der Schöpfung. Ned ist – im Gegensatz zu Homer – fähig, Bart zu zeigen was Würde ist. (Außerdem macht er eine ganz vorzügliche Heiße Schokolade) Dass Ned in einer späteren Szene Barts Wunsch ohne zögern nachkommen will, ihn in seine Familie zu integrieren, zeigt diese Akzeptanz ohne Ansehung der Eigenschaften der Person, die in dem kreationistischen Weltbild angelegt ist.

Bart scheint sich also wirklich auf den Handel einzulassen und beinahe den ganzen Film über, wird er in seiner Entscheidung bestärkt.

Es könnte also der Film an dieser Stelle als ein Plädoier für das kreationistische Weltbild gelesen werden. Aber so einfach ist das natürlich nicht. Die Drehbuchautoren schrauben nämlich die Handlungskomplexität noch ein ganzes Stück weiter. Das wird klar, wenn man sich der Hauptrahmenhandlung und ihrer Relevanz für die Akteure annimmt.

Das eigentliche Problem, um das es geht, ist tatsächlich der Lake-Springfield, der durch seine andauernde Verschmutzung zum Armageddon der Springfieldbewohner mutiert. Die allzu offensichtlichen Verweise auf den Klimawandel und den Treibhauseffekt (Glaskuppel, Lisas „Al Gore“-Vortrag, etc) will ich hier mal bei Seite lassen und mich lieber auf ihre Wirkung auf die beiden Denksysteme konzentrieren.

Homer, ganz klar, derjenige, der so dermaßen abgestumpft ist, dass er noch das Fass den See zum überlaufen umkippen bringt, ist hier sicher das schlechteste aller Beispiele.
Aber schauen wir, was Flanders, also der Kreationismus, zu bieten hat. Nämlich nichts. Klar, Flanders ist, im Gegensatz zu Homer, kein schlimmer Umweltverschmutzer, aber die Verschmutzung selbst wird von ihm nur mit seinem seelingen Fatalismus goutiert. Er unternimmt nichts gegen die Verhältnisse, die ihm von vornherein als Gottgegeben erscheinen (so wie das mutierte Eichhörnchen). Er mag sich pflichtbewusst für seinen Nächsten einsetzen, etwa wo er den Simpsons zu Flucht verhilft, aber der kommenden Katastrophe hat er nichts entgegenzusetzen. In der allergrößten Not, kurz vor dem endgültigen Aus, fällt ihm nichts besseres ein, als zu beten. Auch seinem Weltbild fehlt es an einer gewissen Form von Verantwortung, wenn auch auf eine andere Weise als bei Homer. Und so versagt Flanders, also der Kreationismus, im Angesicht der kommenden Katastrophe. Seine Würde ist eben auch nur Abhängig von einem Externen Wesen, dessen Gnade er sich aussetzen muss.

Flanders scheint – zumindest hier – nur zum Schein eine wirkliche Alternative zu sein. Aber wofür plädiert denn dann dieser Film?

Da gibt es noch einen dritten Weg. Repräsentiert von Lisa Simpson. Sie ist es, die als erstes auf die drohende Katastrophe aufmerksam macht. Sie ist es, die zum Handeln auffordert und die einen Weg weist, wie Spingfield dennoch überleben kann. Obwohl die Bewohner zunächst sehr genervt reagieren, erkennen sie kurz vor dem Fall dennoch die Notwendigkeit von Lisas Forderungen und setzen sie in die Tat um. (Verhindern kann sie die Katastrophe dennoch nicht) Doch was ist ihre Motivation. Wo kommt ihr gesteigertes Verantworungsgefühl her? Die Antwort ist Vernunft.

Lisa ist vernünftig, d.h. sie reflektiert ihre Handlungen und die der Anderen und vermag es so die Konsequenzen dessen abzusehen und davor zu warnen. Nur wo ist ihr Angebot in Sachen Würde? Und wieso ist sie es nicht, die Ruferin in der Wüste, die doch noch Rettung verschafft?

Sie tritt Bart gegenüber jedenfalls nicht als Alternative auf. Und insgesamt auch nicht als Retterin. Denn das eigentliche, was der Film beschwört ist nicht die Vernunft, die durch Lisa (unter-)repräsentiert ist. Klar, sagt der Film: die Vernünftigen, die gibt es. Irgendwo. Ein paar. Es gibt die Al Gores (in dessen Fußstapfen sie tritt). Aber sie können nicht die Rettung sein. Das hier ist nicht „the day after tomorrow“

Die Rettung ist: Homer. Ja, Homer, also gewisser Maßen die Evolution. Die dumme Repräsentation der Evolution. Aber nicht Homer alleine, sondern ein modifizierter Homer. Einer der über sich hinausgeht, indem er dazulernt. (Das passiert im Film durch eine Art Entwicklungsroman und ein Erweckungserlebnis (aber eben nicht durch Lisa Simpson), ist aber im Grunde austauschbar). Homer und seine Fähigkeit im entscheidenden letzten Moment noch dazuzulernen, ist die einzige Rettung. (Im Film sind es zwei Lernerfolge, die Spingfield retten. Einerseits Homers Erkenntnis, dass er nicht alleine existieren kann und anderseits die Vorteile der Fliehkraft für sich innerhalb von Kugeln bewegender Körper)

Und mit diesen Erkenntnissen in letzter Minute die Welt zu retten, ist das Privileg des einfachen, dummen, egoistischen Menschen (Ja, genau der, der uns das alles eingebrockt hat). Ohne ihn und sein Dazulernen, wird es keine Rettung geben, das kann man wohl allgemein so stehen lassen. So ist es vielleicht aber eher ein Heraufbeschwören eines Hoffnungsschimmers am Horizont, als eine nüchterne Feststellung der Simpsonsmacher. Naja…

Aber das entscheidende ist: Überleben kann nur die Evolution, aber nur indem sie über die Evolution hinausgeht. Indem sie sich über das „egoistische Gen“ erhebt, wenigstens für einen Moment. Ja, ja Dawkins hat ja Recht. Aber dabei darf es eben nicht bleiben! Wenn die Menschheit überleben will, muss sie Dawkins hinter sich lassen. Aber dieses Hinter-sich-lassen ist wiederum in der Evolution bereits angelegt. Der evolutionäre Mensch kann dazulernen, sich weiterentwickeln, was dem kreationistischen Menschen versagt bleibt. Der ist zwar „intelligent designed“, aber eben auch statisch. Diese Öffnung in die Zukunft, so könnte man sagen, ist der entscheidende Punkt bei diesem Streit, der – man möchte sagen: „dennoch“ – 2:1 für die Evolution ausgeht.

Denn genau dieser Akt der Erkenntnis und des Lernens, also das, was ihn über die pure egoistische und dumme Evolution hinaushebt, ist es schließlich, was Homer seine Würde wieder zurückgibt. Und damit dem Menschen.


Waking Life und der philosophische Film

Gestern habe ich Waking Life auf 3Sat gesehen. Ich kannte den Film schon, allerdings nur auf Englisch. Da hab ich zu meiner Schande aber nur die Hälfte verstanden, was fatal ist, bei einem Film, der beinahe nur aus Dialogen Monologen besteht. Auf Deutsch ging das jetzt wesentlich besser.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein Junge wandelt durch seine mehrfach verschachtelte Traumwelt und begegnet jeder Menge Menschen, die über interessante philosophische Fragestellungen sinnieren. Ich bin geneigt sogar zuzugeben, dass sich die Themen im besten Sinne in ausgefeilter Wald- und Wiesenphilosophie ergehen. Finde ich wirklich super. Eigentlich.

Aber anstatt hier diese Themen jetzt freudig aufzugreifen, will ich lieber meckern. Denn ich störe mich an dem Format des Films ansich, der mich zu ein paar medientheoretischen Überlegungen verleitet. Denn ich finde den Film dennoch nicht gut.

Da sind einerseits diese brillianten Gespräche, die den Film von vorn bis hinten tragen. Da ist anderseits diese fulminante Ästhetik, die durch das Übermalen eines Realfilms erzielt wird und dabei auch noch andauernd den Stil wechselt. Zwei Dinge, für sich genommen, die hervorragend sind.

Ersteres gäbe einen super Sammelband ab. Vielleicht eine Radioserie auf Deutschlandfunk Kultur, oder eine gelungene Arte-Dokumentation.
Zweiteres wäre vielseitig einsetzbar, z.B. in Musikvideos, als Kunstfilm oder in einem avangardistischen Shortfilm.
Beides zusammen in einem Spielfilm kann auch funktionieren, wenn nur nicht etwas Entscheidendes vernachlässigt worden wäre: Die Übersetzung.

Es gibt in dem Film kaum eine Übersetzungsleistung, die einem Spielfilm gerecht würde. Das Format wurde verfehlt, sozusagen. Es wurden Texte zusammengeklebt und eine Handlung drumrumgeschrieben, die beinahe zu vernachlässigen ist. Das Ganze ist eine nett colorierte philosophische Anthologie, aber mitnichten philosophischer Film.

Damit meine ich, dass es durchaus philosophische Filme gibt, dass diese Filme aber nicht daraus bestehen, dass die Leute sich über Philosophie unterhalten. Vielmehr schaffen es die guten Filme, die Themen die sie beackern in einer filmischen Sprache, mit filmischen Mitteln zu reflektieren.
Gute philosophische Filme, kommen meist nicht als solche daher. Sie erzählen eine Geschichte, sie stellen Charaktere dar, sie schaffen ein Setting für philosophische Fragestellungen mit den Mitteln des Mediums Film. So etwa wie bei David Lynch, Jim Jarmusch oder Spike Jonze. Der Film als Medium hat seine eigenen Stärken, Fragen zu stellen.

Diese blieben bei Waking Life weitestgehend ungenutzt, was sehr schade ist. Es sind Ansätze da, sie verbleiben aber mehr im Hintergrund und überlassen die Bühne dem schlichten, nackten Wort. Ganz einfach: Für Waking Life hätte es keinen Film gebraucht, denn sein Inhalt bleibt weitestgehend unübersetzt.

Es ist also vielleicht mehr diese Enttäuschung, die mir den Film verleidet, als dass er nicht sehenswert ist. Denn das ist er nämlich trotzdem. Ich würde ihn jedem empfehlen, denn er weiß zu bereichern. Aber ich würde ihn nicht als Film empfehlen, sondern als Buch mit netten bewegten Illustrationen. Also geht hin und lest Waking Life, das beste Buch, das je Film sein wollte.


Tod den Parteien!

„Ich bin ein überzeugter und konsequenter Kritiker des Parteien-Parlamentarismus und Anhänger eines Systems, bei dem wahre Volksvertreter unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit gewählt werden. Die nämlich wissen dann um ihre persönliche Verantwortung in den Regionen und Kreisen, und sie können auch abberufen werden, wenn sie schlecht gearbeitet haben. Ich sehe und respektiere Wirtschaftsverbände, Vereinigungen von Kooperativen, territoriale Bündnisse, Bildungs- und Berufsorganisationen, doch ich verstehe nicht die Natur von politischen Parteien. Eine Bindung, die auf politischen Überzeugungen beruht, muss nicht notwendigerweise stabil sein, und häufig ist sie auch nicht ohne Eigennutz.“

Kluger Mann, dieser Solschenizyn. Bin ganz seiner Meinung. Zumindest als Zwischenschritt.


ein Buch. Na und?

Was soll ich dazu schon sagen. Hab doch schon alles gesagt. Vor 2 Jahren.


Luft – Tocotronic

Was ist das für ein wunderbar verstörendes Lied von Tocotronic: „Luft“. Ich komme wirklich nicht über diesen Text hinweg:

Die Luft ist so nutzlos um mich herum
so schön vergeht jetzt ein Millenium
ja, ich habe heute nichts gemacht
ja, meine Arbeit ist vollbracht

ich atme nur
ich atme nur
ich atme nur
ich atme nur

genau wie jetzt nur ein bisschen anders wird es sein
sei schlau und kleb die Bilder ein
ja, ich habe heute nichts gemacht
ja, meine Arbeit ist vollbracht

ich atme nur
ich atme nur
ich atme nur
ich atme nur

Und jetzt weiter im Text

neue Fehler warten
Steine liegen auf dem Weg
ich leg sie rüber in den Garten
ich warte bis dunkel ist
und ich seh die Schatten fliegen
ich warte bis es dunkel ist
das Nutzlose wird siegen
das Nutzlose bleibt liegen
also züchte ich mir Staub

Entschuldigung das hab mir erlaubt

und jetzt weiter im Text

neue Wege gehen
ich weiß ich werde jetzt
jedem zur Verfügung stehen
ich gehe wenn der Tag beginnt
und ich seh die Schatten fliegen
ich gehe wenn der Tag beginnt
das Nutzlose wird siegen
das Nutzlose bleibt liegen
also laufe ich durch Laub

Entschuldigung, das hab mir erlaubt

Was heißt das? Etwas ist vorbei. Etwas schönes. Und es geht schön zu ende. Ein Millenium, ein Jahrtausend, also nichts Belangloses sondern ein echter Paradigmenwechsel kündigt sich an. Aber wer möchte schon sagen, dass es nicht belanglos sei, wo das Neue doch das Belanglose ist. Das schöne Millenium wird abgelöst, ein Jahrtausendakt, eine Vorherrschaft des Schönen, abeglöst von der Belanglosgkeit, der Irrelavanz. Obwohl: „genau wie jetzt nur ein bisschen anders wird es sein„. Es ist nicht wirklich der tösende Umbruch. Keine Revolution. Es wird sich nicht alles schlagartig ändern, vielleicht ist es eher unmerklich, so nebenbei, eben belanglos. Aber doch: anders. Es hilft nichts. Es ist da. Zwecklos sich zu wehren. Kapitulation. Das ist die Kapitulation gegen das Belanglose. Es ist die Kapitulation des absoluten Schöpferwillens. Kapitulation der Kunst?

Die Kunst ist tot? Schon wieder? Sollen wir jetzt weinen? Nein, „sei schlau und kleb die Bilder ein„. Behalt die Erinnerung und dann: „weiter im Text„. Weiter im Text? aber „meine Arbeit ist vollbracht„. Was soll ich denn machen? „also züchte ich mir Staub„. Warum? „das Nutzlose wird siegen„. Das Nutzlose ist die neue Kunst. Eine Kunst, die keine Kunst mehr sein kann, denn sonst hätte sie ja eine „Funktion“.

Nur, warum sollte das Nutzlose denn siegen? „das Nutzlose bleibt liegen“ sagt der Text. Das Nutzlose wird also siegen, weil es liegen bleibt. Es bleibt liegen, also ist es vorher nicht liegen geblieben? Ja. Es wurde weggefegt, von den Straßenfegern der Kulturindustrie. Von all jenen, die bestimmen, was liegen bleibt, also „wichtig“, „relevant“, und was nicht, was weggefegt wird, also nutzlos ist. Den Gatekeepern.

Aus irgendeinem Grund kehren die Straßenfeger nicht mehr. Das Nutzlose bleibt liegen und wird deshalb siegen. Warum?

Ganz einfach: „Das ist alles nur geklaut„. Eine eigentümliche Referenz auf „Die Prinzen“ klingt an in „Entschuldigung, das hab mir erlaubt„. Ausgerechnet „die Prinzen“. Oh. Mein. Gott.

Diese Referenz ist aber dermaßen abgründig:

Einerseits. Das mitschwingende „Das ist alles nur geklaut„, das sich in seiner Zitathaftigkeit auch noch selber spiegelt. Keine Frage: Das Nutzlose ist das Zitat selber, das Mashup, das Kopieren. Ja vielleicht vor allem die digitale Kopie: „ich weiß ich werde jetzt/jedem zur Verfügung stehen„. Das Ende der Aura. Das endgültige Ende des Urheberrechts. Die Kapitulation vor dem Digitalen.

Andererseits. Die Prinzen. Nervigste Ausgeburt der Popkultur seit in deutscher Sprache gesungen wird. Wie kann man die Prinzen zitieren? Wie? Wie kann man es wagen? Aber das Zitat ist gleichzeitig die Antwort: „Entschuldigung, das hab mir erlaubt„. Man erlaubt es sich: das Kopieren. Man erlaubt es sich: das Zitieren. Man erlaubt sich sogar das Belanglose zu zitieren. Das Schlechte und nutzlose. Da gibt es keine Grenzen mehr. Keine Berührungsängste. Man züchtet Staub. Man erlaubt es sich, Staub zu züchten. „ja, ich habe heute nichts gemacht„. Dieses „ja„, gibt dem Satz etwas bekennendes. Es ist ein Bekenntnis, als ob man vor einem Tribunal stände, den Richterspruch erwartend. Aber es hat noch eine trotzige Note. Ja, so ist das eben. Ja, ich bin faul. Ja, ich mache belangloses. Ja, ich klaue auch von den schlechtesten Bands. Das habe ich mir erlaubt.

Die Frage stellt sich also so herum: Was ist das für eine Form von Kapitulation, wenn man als Tocotronoc die Prinzen zitiert?

Man erlaubt sich das Uncool-Sein. Die Grimasse, passend zur Pose. Albernheit. Man kapituliert vor dem subkulturellen Abwehrreflex. Im Grunde kapituliert die Pose ansich. Die Pose wird aufgegeben. Und tschüss Hipstertum.

So. Genug schwadroniert. Eine Frage an die Leser soll noch bleiben: Was hat das alles mit dem Internet zu tun?

PS: der Trick ist atmen.

EDIT: Achja, was mir noch aufgefallen ist bei dem Song: Die deutlichen musikalischen Anleihen bei Coldplay. Jedenfalls zu Anfang. Kann mir das jemand erklären? Oder ist das nur der allgemeine Trend?


Keine Zeit für Gedanken…

Deshalb lass ich heute mal andere denken.


Jetzt knall ich Euch alle ab!!!

mit meinem neuen geilen USB-Raketenwerfer. hehehehe…

Update:

Hallo Tobi…. HARHARHARHAR


Link: sevenload.com

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Link: sevenload.com

Vor allem Euch: Tillmann und Jörg! Danke!!!


Hyperkult 16

Nachdem ich letztes Jahr nicht dort sein konnte und tatsächlich einige wirklich sehenswerte Vorträge verpasst hatte und dieses Jahr ein so außerordentlich spannendes Thema anstand, hab ich es mir diesmal nicht nehmen lassen, vor Ort zu sein.

Ich mein: „Medium Computer. Geschichte(n), Visionen, Phantasmen.“ Das hört sich nach Wünschen, Hoffnungen, Stürzen und Visionen an. Es riecht nach der Euphorie des Neuen, dem Wunsch nach gewagten Anfängen und dem Ankommen von Zukünften. Nun.

Ganz ehrlich? Ich fands‘ mau.

Ich habe den letzten Tag zwar nicht mehr mitbekommen, aber alles bisherige hat mich diesmal nicht überzeugt.

Fangen wir doch einfach mal mit Tag 1 an:
Dieser Tag stand, wie die meisten Vorträge beim Hyperkult die letzten Jahre, unter dem Stern, den man gut und gerne „Medienarchäologie“ nennen könnte. Eine Art Computergeschichtsschreibung bei angeschlossener Diskursausbreitung der damaligen Denkschemata. Kann man machen. Ist auch interessant und hat meist noch eine humoristische Note, weil: die waren ja alle so naiv, damals™

Ich finde das zwar auch sehr unterhaltsam, aber viel mehr als nette Anekdoten nimmt man dann doch nicht mit. Kittler lässt also wie jedes Jahr grüßen, aber so langsam, finde ich, ist es dann auch mal gut.

Denn andererseits ist damit immer wieder der Rekurs zurück auf die elementaren Denk und Bauweisen des Computers gezogen, die wir doch nun wirklich langsam mal drauf haben sollten. Wirklich: So interessant ist das nicht. Der Computer als Turingmaschine und dann als technisches Dings ist bereits genug erfasst, erklärt und gelobt worden.

Damit will ich nicht bestreiten, dass es wichtig ist, die Hintergründe zu kennen. Man kann sich aber auch in den Hintergründen verlieren und damit vielleicht einem Blick auf die wirklich interessanten Entwicklungen im Diesseits des Computerzeitalters nicht mehr folgen. Der Blick auf die neuen Ideen und Nutzungsweisen, die heute doch schon weit, weit, weit über das rein technische hinausgehen. Der Computer ist heute bereits eine allgemeine Kulturmaschine. Man braucht sie nicht mehr als solche deklarieren. Vielmehr muss man sie auch als solche untersuchen. Und zwar hier und jetzt.

Vielleicht ist das aber auch ein Generationenkonflikt. Der Computer ist in meiner Generation schon nicht mehr als das völlig Andere in die Welt gebrochen. Vielleicht fehlt mir deswegen diese ehrfürchtige Betrachtung des Computers als Maschine. Denn ja: Irgendwie sind viele der gelieferten Betrachtungen mehr unter Motto „Computer als Maschine“ versammelt, statt unter dem eigentlich programmatischen „Computer als Medium“.

Der andere, immer wiederkehrende Diskurs ist der der KI und der Kybernetik. Alles wirklich interessant, aber eben bereits genauso detailliert durchgekaut. Klar, es passt natürlich zum diesjährigen Thema und hätte nur schwerlich ignoriert werden können. Aber bitte, bitte, nur noch bringen wenn man hier neue Ansätze vorweisen kann. Spannend wäre z.B. den heutigen Diskurs über KI, den es tatsächlich noch gibt, vergleichend in Stellung zu bringen. Google und KI wäre auch mal so eine Sache.

„Heute“. Das ist überhaupt der Bereich, der meines Erachtens generell zu unterrepräsentiert ist auf dem Hyperkult und es auch dieses Jahr war. Man hat zwar mit Peter Haber jemanden eingeladen, der das Thema Internet und was dort gerade alles so passiert, wenigstens zur Sprache gebracht hat. Aber über das Grundlagenwissen ging auch sein Vortrag nicht hinaus. Und auch in Sachen Theoriebildung hätte man hier einiges mehr machen können.

Dann waren, vor allem am zweiten Tag, einige Vorträge dabei, die, naja, die man getrost als komplett überflüssig bezeichnen darf. Beispielsweise darüber, wie CDRom und Festplattenspeicher funktionieren, weiß ich im Groben genug und wenn ich es genauer wissen will, schau ich in die Wikipedia. Auch hier hätte man das Wissen viel mehr kontextualisieren und reflektieren müssen. Eine bloße Bestandsaufnahme ist noch kein Vortrag.

Ach ja, und noch mal speziell zu Herrn Holtwiesche. Es ist völlig OK, wenn man mit seinem Diss-Thema noch nicht so weit ist. Man kann sich sogar trotzdem auf dem Hyperkult hinstellen und darüber referieren. Und wenn man einigermaßen rhetorisch begabt ist, was er ist, merkt vielleicht auch keiner nicht jeder, wie viel sachliche Fehler und Unausgegorenheiten in dem eigenen, aus großen Namen zusammengestöpselten Post-Dingsda-Theorem eigentlich enthalten sind. Aber wie, um alles in der Welt, kommt man auf die absurde Idee, Derrida’s rhetorischen Pappkameraden – das „transzendentale Signifikat“ – als Theorie-Modell misszuverstehen und an seiner statt den Computer einsetzen zu können? Ich glaub es hupt. Setzen! sechs!

Von derart überzeugt vorgetragenen Unwissen war Gott sei Dank nicht so viel vorhanden. Allerdings – wieso Gott sei Dank? Denn allgemein kann man als Hauptkritikpunkt herausstreichen, dass es viel zu wenig Gewagtes, Visionäres und Neues gab. Und das bei einem Thema, wo es doch um Gewagtes, Visionäres und Neues geht? Wo waren die Web2.0 Apologeten? Wo waren die Schwarmintelligenzjünger. Wo waren die Singularitäts-Esotheriker? Oder wenigstens einer von der Technikfolgenabschätzung, jenem bescheidenen Beamtenkind der Futurologie? Ehrlich: Ein paar mehr Spinner hätte dem Ganzen gut getan.
Es ist ja schließlich nicht so, als ob die Menschen keine Träume mehr mit dem Computer verbänden.


Herbert w. Franke

Liest.

—- 
Mit einem Mobiltelefon von Sony Ericsson gesendet


Die heimliche Freunde

…die anwesende Wissenschaft unter meinem Banner versammelt zu sehen.

… und keiner hat auch nur die Spur einer Ahnung. hihihi