Waking Life und der philosophische Film

Gestern habe ich Waking Life auf 3Sat gesehen. Ich kannte den Film schon, allerdings nur auf Englisch. Da hab ich zu meiner Schande aber nur die Hälfte verstanden, was fatal ist, bei einem Film, der beinahe nur aus Dialogen Monologen besteht. Auf Deutsch ging das jetzt wesentlich besser.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein Junge wandelt durch seine mehrfach verschachtelte Traumwelt und begegnet jeder Menge Menschen, die über interessante philosophische Fragestellungen sinnieren. Ich bin geneigt sogar zuzugeben, dass sich die Themen im besten Sinne in ausgefeilter Wald- und Wiesenphilosophie ergehen. Finde ich wirklich super. Eigentlich.

Aber anstatt hier diese Themen jetzt freudig aufzugreifen, will ich lieber meckern. Denn ich störe mich an dem Format des Films ansich, der mich zu ein paar medientheoretischen Überlegungen verleitet. Denn ich finde den Film dennoch nicht gut.

Da sind einerseits diese brillianten Gespräche, die den Film von vorn bis hinten tragen. Da ist anderseits diese fulminante Ästhetik, die durch das Übermalen eines Realfilms erzielt wird und dabei auch noch andauernd den Stil wechselt. Zwei Dinge, für sich genommen, die hervorragend sind.

Ersteres gäbe einen super Sammelband ab. Vielleicht eine Radioserie auf Deutschlandfunk Kultur, oder eine gelungene Arte-Dokumentation.
Zweiteres wäre vielseitig einsetzbar, z.B. in Musikvideos, als Kunstfilm oder in einem avangardistischen Shortfilm.
Beides zusammen in einem Spielfilm kann auch funktionieren, wenn nur nicht etwas Entscheidendes vernachlässigt worden wäre: Die Übersetzung.

Es gibt in dem Film kaum eine Übersetzungsleistung, die einem Spielfilm gerecht würde. Das Format wurde verfehlt, sozusagen. Es wurden Texte zusammengeklebt und eine Handlung drumrumgeschrieben, die beinahe zu vernachlässigen ist. Das Ganze ist eine nett colorierte philosophische Anthologie, aber mitnichten philosophischer Film.

Damit meine ich, dass es durchaus philosophische Filme gibt, dass diese Filme aber nicht daraus bestehen, dass die Leute sich über Philosophie unterhalten. Vielmehr schaffen es die guten Filme, die Themen die sie beackern in einer filmischen Sprache, mit filmischen Mitteln zu reflektieren.
Gute philosophische Filme, kommen meist nicht als solche daher. Sie erzählen eine Geschichte, sie stellen Charaktere dar, sie schaffen ein Setting für philosophische Fragestellungen mit den Mitteln des Mediums Film. So etwa wie bei David Lynch, Jim Jarmusch oder Spike Jonze. Der Film als Medium hat seine eigenen Stärken, Fragen zu stellen.

Diese blieben bei Waking Life weitestgehend ungenutzt, was sehr schade ist. Es sind Ansätze da, sie verbleiben aber mehr im Hintergrund und überlassen die Bühne dem schlichten, nackten Wort. Ganz einfach: Für Waking Life hätte es keinen Film gebraucht, denn sein Inhalt bleibt weitestgehend unübersetzt.

Es ist also vielleicht mehr diese Enttäuschung, die mir den Film verleidet, als dass er nicht sehenswert ist. Denn das ist er nämlich trotzdem. Ich würde ihn jedem empfehlen, denn er weiß zu bereichern. Aber ich würde ihn nicht als Film empfehlen, sondern als Buch mit netten bewegten Illustrationen. Also geht hin und lest Waking Life, das beste Buch, das je Film sein wollte.

8 Gedanken zu „Waking Life und der philosophische Film

  1. Lustig, gerade in meiner Stamm-Community mit einem Kumpel über den Film ge-E-mailt. Ja, er ist schwierig. Mich als ›visuellen Typen‹ hat die Animationstechnik natürlich fasziniert:

    »Sehr gut! Man merkt die animationstechnische Vorstufe zu ›A Scanner Darkly‹, es ist aber noch irgendwie anders. (Philip K. Dick wird im Film ja auch kurz erwähnt.) Nicht so künstlich, sondern kommt eine Prise natürlicher (sofern man das bei einer Animation überhaupt sagen kann), speziell durch die kleinen Tricks mit den verwackelten Elementen während ›Kammerafahrten‹, eben künstlich die Natur überspitzen so dass es einem immer einen kleinen visuellen Hinweis auf die Natur gibt. Simpel, tricky und einfach, gelegntlich habe ich mir dabei einen abgegrinst. Oder in Aufwachphasen erst mal alles kurz in Schwarz/Weiß und dann färbt sich die Umgebung ein, toll! – Aufwachen halt. ;)«

    3sat, die diese Reihe gerade bringen, schreiben auch, dass der Film für seine Animation einiges an Preisen eingeheimst hat. AAber zurück zum eigentlichem Thema … 😉

    Das was Du beschreibst, ich nenne es mal eine gewisse Form der Oberflächlichkeit, ja das spürt man in diesem Film irgendwie, ich habe es während des Sehens dadurch entschuldigt, dass ich mir sagte: ›Na gut, ist ja auch Hollywood, die dürfen …‹

    Allerdings, in Zeiten in denen durch den Film, durch Hollywood, die Leute bereichert werden durch ein Medium dass sie zum ›nicht-mehr-lesen‹, sondern zum faulem ›sehen-und-hören‹, animiert, ein Film daherkommt der wiederum durch seine, Du nennst es ›Ansätze‹, dazu zu animieren kann wieder mal ein Buch in die Hand zu nehmen, … das finde ich an dem Film durchaus positiv. Ich erwische mich selbst dann immer dabei, dass ich während eines solchen Filmes immer mal wieder an den Rechner hüpfe um zu sehen wer der eine oder andere Autor ist, und ob es sich lohnt ihn auf die eigene ›Bücher-die-noch-zu-erwerben-und-lesen-Liste‹ zu setzen. Das war Gestern auch der Fall. 😉

    OK, jetzt kommt eine schwierige Aussage, aber ich vermag sie momentan nicht besser zu formulieren, sorry: Für Menschen wie mich, die sich nicht professionell, also direkt beruflich mit Philosophen oder philosophischen Autoren auseinandersetzen ist so ein Film eine echte Bereicherung. (Schwierige Aussage deswegen, weil ich mal behaupte dass ein Buch immer Auswirkungen auf das eigene Leben haben kann, also auch auf den Beruf, aber das geht jetzt wieder in eine andere Richtung … ;)))

    BTW: Heute Abend kommt übrigens einer meiner Lieblingsfilme in dieser Reihe, wer ihn nicht kennt, schwer zu empfehlen, und einer Diskussion sicher auch nicht ganz unwürdig. 😉

    Gruß, doubl

  2. @doubl Mit allem in deinem Kommentar bin ich völlig d’accord. Ich hoffe, dass das auch so verstanden wird. Als inspirierende Essaysammlung ist er super. Und sogar nur als Bilderlebnis ebenfalls ein absoluter Augenschmaus.
    Und: Waking Life funktioniert. Nur eben nicht als Film.

    Und er funzt btw. nicht nur für Nicht-Philosophen.

  3. PS: Ghost in the shell mag ich auch sehr gerne. Den finde ich auch als Film super. Hab ich übrigens auch noch nicht auf Deutsch gesehen. Bin gepannt.

  4. Viele Filme kann man auch gerne ohne Ton laufen lassen. hahaha. (Z.B. der neuere ›Appleseed‹ [2004], aber eben weil die Storry so grottig ist, aber die Animation [3D] so cool, wo wir schon bei Animes sind.)

    Zur Sprache: Bei vielen Animes gibt es in deutscher Sprache auch oft zwei Versionen. (So auch bei GitS, mal sehen welche sie nehmen werden.) Zuerst eine die von Japanisch auf Englisch und dann auf Deutsch übersetzt wurde, und dann noch mal eine Version die direkt von japanischer in deutsche Sprache übersetzt wurde. (Auf DVD sind dann oft beide Versionen.)

    Übersetzung ist immer so eine Sache. Bei Animes wird das eben sehr deutlich. Am liebsten mag ich die Teile im japanischem Original, mit Untertitel. Der Ausdruck ist in deren Sprache irgendwie anders und kommt m.E. so besser rüber, bzw. passt besser zum Film. Ist aber auch Gewöhnungssache.

    BTW: Der zweite GitS ist auch verdammt gut. Damals hätte ich nicht geglaubt das er den ersten fast noch toppen könnte. Kann ich auch schwer empfehlen. Schade dass sie ihn nicht auch zeigen, wäre aber wohl zu teuer geworden. 😉

  5. Lese ich grad auf dem Wiki-Link zu GitS2 und Passt grad so schön zum Thema: »Andersherum hat Regisseur Oshii einst behauptet, dass man den Film auch verstehen könne, wenn man nicht auf die Sprache achtet. So liegt die Entscheidung letztendlich beim Betrachter selbst, wie er diesen Film aufnimmt und versteht.«

    😉

  6. @mate: Wie niedlich. Sehr schön, gefällt.

    Was mir dann aber nicht mehr so gefällt ist das was ich auf Herrn Watts eigener Seite sehen muss. 🙁

    Kennt Ihr zufällig den Song »Sexy Sadie« vom White Album der Beatles. 😉

  7. ich guck grad nochml wacking life. schade eigentlich dass in deinem artikel kaum auf den inhalt eingegangen wird. es sind viele sehr interessante gedanken drin.

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