Die Asche eines Fazits

Asche. Als ein trauriges kleines Häuflein Asche würd ich es bezeichnen. Obwohl unter Druck aus Kohle Diamanten werden, wird anscheinend aus authentizierenden Edelmannsprechkritikern ebensolche balkenverbiegende Phrasendreschmaschinen, aus einem die Öffnung der Medien forderndem Besser-Journalisten wird ein bis über beide Ohren zugeknüpfter Zähnezerknirscher und aus einem ironiekesischen Tranparenz-Transparent-haltenden Bohème-Werber wird ganz schnell ein „war zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen“-Anrufbeantworteransageverweigerer einer Briefkastenfirma ohne die Spur eines Briefkastens.

Manmanmanman. Saht Ihr alle scheiße aus!

Moment, da in der Asche, etwas tiefer. Da steckt noch etwas. Etwas blinkendes?

Ach ja, das wertvollste, was ich aus der ganzen Sache gelernt habe, ist: Felix Schwenzel ist alles andere, als ein selbstgefälliges, arrogantes und ignorantes Arschloch. Und das musste auch mal in aller Deutlichkeit und Dialektik gesagt werden.

PS: Für mich hat sich damit die Geschichte erledigt. Wenn nicht noch was weltbewegendes passiert, werde ich es darauf beruhen lassen, denn so wichtig ist mir das Thema nicht. Wer wegen dieser Geschichte hier zugeschaltet hat und regelmäßig zuschaltet, der kann jetzt getrost abschalten. Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Bitte gehen Sie weiter.

Das Bermudadreieck der Transparenz – Sascha Lobo

Disclaimer:
/**********************
Ich bin mit Sascha Lobo bekannt, wenn auch nicht gut. Ich habe ihn mal in Hamburg auf einer Party getroffen und mit ihm ein paar nette Worte gewechselt. Ebenso auf der re:pulica. Ein zwei mal haben wir Mails geschrieben und außerdem hab ich sein Buch gekauft und gelesen und fand es sehr inspirierend, obwohl ich nicht allem zustimmen würde. Dazu mag ich seinen Humor, obwohl ich glaube, dass er ihm auch oft im Weg ist, bzw. ihm immer wieder als Fluchtweg dient. Aber vor allem habe ich ihn als sympathischen Menschen kennen gelernt.
************************/

Während ich nachträglich sagen kann, die Mail an Stefan hat sich gelohnt, allein weil ich seine Zähne hab knirschen hören, während ich seine Antworten las, enttäuscht mich Sascha Lobo um so mehr.

Da wäre einerseits die Ausgangslage: Dass Stefan sich nicht zu der Diskussion äußert ist sein gutes Recht. Er muss sich nicht äußern, wie er ja auch in seinen Antworten richtig herausstrich. Den faden Beigeschmack dieser Selbstgefälligkeit wird er sicher einkalkuliert haben und selbst wenn nicht: es bleibt seine Entscheidung, für die er alleine grade stehen muss.

Anders sieht es bei Sascha Lobo aus. Er ist sozusagen offiziell Verantwortlicher bei Adical, also einem Unternehmen, und sein Schweigen, trotz mehrerer konkreter Anfragen, lastet um so schwerer. Natürlich muss auch er sich nicht äußern. Aber er schadet dadurch eben nicht nur sich selbst, sondern auch Adical als Firma und als Projekt und dadurch auch indirekt allen daran Beteiligten.

Noch trauriger sieht die Geschichte meiner Kontaktversuche aus.

[15.6.]
Als die Diskussionen bereits im vollen Gang waren und es bereits offensichtlich war, dass da eine ganz entscheidende Person einfach abgetaucht war, eben Sascha, schrieb ich folgenden Kommentar bei Adical ins Blog:

„OT: Lieber Sascha, ich hätte da eine Frage:

Ist das Schweigen des Adical-Blogs zum Yahoo-Deal eigentlich

A: ein bin-zu-busy-Schweigen

B: ein will-lieber-nix-auf-aufs-Maul-bekommen-Schweigen

C: ein geht-dich-n-Scheißdreck-an-Schweigen

oder D: ein ich-schäm-mich-in-Grund-und-Boden-Schweigen

?“

Man kann sich natürlich an dem Stil stoßen. Aber ich denke, er ist noch im Rahmen, in der Sache zwar ziemlich deutlich, aber ich war ja auch ziemlich aufgebracht. Zudem habe ich ihm ja sogar noch recht unverfängliche Antwortmöglichkeiten angeboten.
Nachdem der Kommentar nach zwei Tagen (!!!) endlich freigeschaltet wurde, wartete ich auf eine Reaktion. Und wartete. Und wartete. Bis heute kam da nix.
Gut. Kann man machen.

[21.6.]
Deswegen machte ich mich daran, ihm eine Mail zu schreiben. Nicht so eine, wie die an Stefan, sondern eine private, eine gut gemeinte Mail. Der Inhalt soll auch weiterhin privat bleiben, nur so viel: Ich sagte ihm freundlich aber bestimmt, wie scheiße das Schweigen von Adical aussieht und dass das nicht gerade zu seinem und nicht zu Adicals Vorteil sei. Nichts. Keine Reaktion bis heute. (Es ist auszuschließen, dass sie ihn nicht erreicht hat. Es ist die selbe E-Mail-Adresse, mit der ich schon vorher erfolgreich mit ihm kommuniziert habe und die er auch immer öffentlich angibt)

[23.6.]
Nachdem ich die Mail an Stefan verschickt hatte, habe ich dann noch eine ganz ähnliche Mail an Sascha geschrieben. Mit dem gleichen „offiziellen“ Charakter aber vor allem mit konkreten Fragen bezüglich des Adical-Anspruchs und dessen Vereinbarkeit mit seinem Schweigen.

[25.6. heute]
Ich habe jetzt, denke ich, lange genug gewartet. Ich wollte noch den Wochenanfang abwarten, denn am Wochenende muss man ja nicht umbedingt erreichbar sein. Ich gehe davon aus, dass Sascha meine Mail bekommen hat, sie aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht beantworten möchte. Und nicht mal Antworten möchte, ob er sie beantworten möchte. Ich will sie dennoch hier veröffentlichen, unbearbeitet und in voller Länge, einerseits, um meine Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen, andererseits um seine nicht vorhandenen *********, oder seinen kleinen *******, oder seine unermessliche *********, oder sein bigotten ************ (Zutreffendes bitte einsetzen und gegebenfalls die „oder“s zu „und“s machen) zu dokumentieren:

Lieber Sascha,

auf meine erste, private und gut gemeinte Mail, hast du ja leider nicht reagiert. Da ich jetzt einen Artikel unter anderem über das Schweigen von adical schreiben möchte, hier – ganz öffentlich – ein paar Fragen, wie ich sie auch schon so ähnlich Stefan Niggemeier geschickt habe:

Hast du noch vor, Dich zu der Yahoo-Sache zu einer gegebenen Zeit zu äußern, oder ist Dein Schweigen dazu grundsätzlich?

Hälst Du die Yahoo/adical-Diskussion, bei der es ja auch um Dich geht, für zu unwichtig, als dass Du Dich dazu äußern müsstest?

Übt Yahoo Druck auf adical aus, sich nicht an der Diskussion zu beteiligen?

Gibt es strukturelle/geschäftliche Gründe nicht auf die Diskussionen einzugehen? Wenn ja, welche sind das?

Gibt es andere, als die gefragten Gründe, für Dein Schweigen?

Glaubst Du, dass adical zur Zeit seinem eigenen Anspruch gerecht wird?

Ich zitiere:

„Adical steht dafür, dass Werbung in Blogs anders sein kann – und muss. In erster Linie geht es um Transparenz, und dann auch um eine Auswahl der Mittel und der Unternehmen, die in Blogs werben. In unseren Augen gibt es einen falschen Weg, siehe in2Dings. Wir arbeiten am richtigen Weg, wie man an unserer Startkampagne mit Cisco sieht und auch noch sehen wird. Und wir würden das gerne in Diskussion – so richtig Old Style mit Frage und Antwort – mit Euch gemeinsam tun; damit sind nicht nur die adical-Teilnehmer gemeint, sondern alle Blogger, auch medien- und werbekritische Blogger (mit der Ausnahme von Trollen, da gilt für uns: Zero Trollerance).“

Also konkret: Hälst du die anhaltende Kommunikationsverweigerung von adical zu dem Thema mit dem zitierten Anspruch für vereinbar?

Hat adical vielleicht seinen Anspruch inzwischen geändert? Wenn ja, wie ist er jetzt und warum wurde er nicht kommuniziert?

Hast Du Stefan Niggemeier geraten, nicht auf die adical/Yahoo-Diskussion einzugehen?

Ich werde unser Frage-Anwortspiel natürlich auf meinem Blog – natürlich ungekürzt – veröffentlichen. Ich würde mich über eine Reaktion von Dir sehr freuen.

beste Grüße,

mspro

Eines sei noch hinzugefügt: Schäm Dich, Sascha!

Das große Schweigen….

soll mein Thema sein. Aber wie soll man über das Schweigen schreiben? Über nichts ist so wenig herauszubekommen, wie über das Schweigen. Man kann sich natürlich in Mutmaßungen ergehen, man kann spekulieren und den Schweigenden beliebige Gründe unterstellen. Und vielleicht wäre das sogar irgendwie „bloggisch“. Aber ich mag das nicht. Ich will lieber über Dinge reden, über die ich einigermaßen bescheid weiß. Dann fühl ich mich sicherer. Und dennoch ist das Schweigen nun Mal das Thema, was mir zur Zeit, wie kein anderes Thema auf der Zunge brennt.

Deshalb habe ich nachgefragt. Stefan Niggemeier und Sascha Lobo haben heute von mir eine Mail mit Fragen bekommen, in denen ich sie bitte, mir, und damit auch Euch, über ihr Schweigen Auskunft zu geben. Dabei geht es nicht direkt um Yahoo, sondern mehr um das Schweigen selbst, die Gründe dafür und deren Vereinbarkeit mit ihrem Selbstverständnis in ihren jeweiligen Rollen und Ansprüchen.

Denn ich verstehe es nicht. Es ist mir unerklärlich und ich denke, es geht vielen so. Ich hoffe also bald mehr dazu zu erfahren und werde dann die Fragen und Antworten an dieser Stelle veröffentlichen.

Keine Kommentare mehr

Hier gibt es ab so fort keine Kommentare mehr. Nur noch Zitate. Die sind doch wohl nicht abmahnfähig?

Vorerst…

geht es hier in den Kommentaren weiter:

… mit dem eigenen Blog schafft man seinen eigenen Raum. Jenseits und GLEICHZEITIG diesseits der Öffentlichkeit. Jedes Blog ist nur ein Supplement des öffentlichem Raumes. Und gerade deswegen ein Raum der unbegrenzten Möglichkeit, aber auch der absoluten Verantwortlichkeit.

Allgemeiner Disclosure

Da es ja doch immer wieder Missverständnisse gibt, will ich nochmal in aller Klarheit meine Intentionen offen legen:

Ich habe nichts gegen Werbung in Blogs. Sonst hätte ich das auch schon früher gesagt.

Ich will keine weißen oder schwarzen Bloggerlisten. Ich hasse Listen.

Ich will keine Blogger und Nicht-Blogger definieren. Ich hasse Definitionen.

Ich will nicht pöbeln, um mich dicke zu tun, oder um Traffic zu generieren (obwohl das super funktioniert…)

Ich will mir keinen Heiligenschein aufsetzen, der mir nicht steht.

Ich hab nicht mal was dagegen, dass MC Winkel und andere in ihrem Blog für Yahoo werben. Wirklich nicht. Es ist mir schlicht und einfach egal.

Ich bin ein egoistisches Arschloch, dass um seine Helden kämpft. Nur um sie behalten zu dürfen. Sonst nix.

Da ist absolut nichts, was jemanden zu irgendwas verpflichtet. Da ist nichts, was ich fordern könnte. Ihr seid frei, in allem was ihr tut. Aber ich nehme mir die Freiheit Euch auf die Nerven zu gehen. Denn ich weiß, dass es Euch weh tut. Und das liegt nicht an mir.

Ich habe beschlossen Atombomben zu bauen

Für viel Geld versteht sich. Denn meine Auftraggeber sollen richtig bluten, diese miesen Menschenverachter. Denen ist Geld wichtig. Mir nicht. Also nehme ich es ihnen weg.

Für wen ich die Atombomben baue? Weiß nicht. Wer halt so anfragt. Böse sind sie eh alle. Und wer wollte schon entscheiden, ob der Iran böser ist als z.B. Frankreich. Alles eine Frage der Perspektive. Und: Wenn ich für Frankreich eine baue und für Iran nicht, dann wäre das doch schließlich der Persilschein für Frankreich. Den haben die Franzosen nun wirklich nicht verdient.

Also klar würde ich auch für Iran bauen. Ich käme mir auch ziemlich doof vor, wenn ich es nicht tun würde, schließlich benutze ich schon seit immer persiche Zahlzeichen. Auch zum Berechnen des speziefischen Gewichts von schwerem Wasser.

Ich kann verstehen, wenn der eine oder andere jetzt sauer auf mich ist. Aber ich habe eine Lösung parat. Ich werde meine Dienste zukünfig über eine Bookingagentur anbieten, die sich dann nur noch mit meinem Manager zusammensetzen. Dann bin ich raus. Ich vermiete nur noch meine Arbeitskraft, entscheiden tun andere. Am liebsten wüsste ich nicht mal, für wen ich grade arbeite, damit dieses Wissen auf keinen Fall die Qualität meiner Bomben tangiert. Ich will nämlich unabhängig bleiben.

Denn ich werde an dieser Stelle natürlich weiterhin kritisch über Atomkraft schreiben. Und es wird sogar ein paar Specialfeatures über Hiroshima geben. Das kann man dann gerne lächerlich finden, aber dann sollten die Betreffenden sich auch mal fragen, ob es dann legitim ist, weiterhin Albert Einstein zu lesen. Jahaa!

Und diese miesen, dreckigen Kritiker, die zu dumm sind, meine Argumentation zu verstehen, die können mich eh alle mal. Ihr habt nicht die Wahrheit gepachtet!

So, jetzt diskutiert ohne mich weiter. Ich muss die Welt retten.

"Spinnen wir eigentlich?"

Lieber Johnny,

ich hätte es gerne geschafft, Dich davon zu überzeugen, dass Du zu weit gehst. Nicht zu weit für mich oder all die anderen, die so wie ich jetzt rummeckern. Sondern vor allem zu weit weg von Dir. Ich muss mir eingestehen, dass ich Dir das nicht wirklich auf überzeugende Weise verklickern kann. Wie auch? Wer bin ich denn?

Aber ich bin überzeugt, es gibt da jemanden, der das kann. Jemand, der Dich besser kennt. Besser als ich sowieso aber vor allem besser, als Du Dich selbst. Zur Zeit jedenfalls. Tu mir bitte nur den einen Gefallen: rede mit ihm.

[nachtrag:] zieht Euch mal dieses Statement rein:

Tim, so haben wir ja auch nachgedacht und du kannst uns glauben, dass wir den Etat gut hätten gebrauchen können. Aber… es geht schon manchmal um klare Positionen. Wenn’s auch nur für uns selbst ist und für diejenigen unter den Lesern, die die Entscheidung ebenfalls für richtig halten.

Ich fühle mich wohler so. Das Geld wird schon irgendwo anders herkommen.

Johnny

Glaube

Ich glaube, ich gewinne meinen Glauben an die Menschheit das Bloggen zurück. Langsam…

[via: don alphonso]

Postmoderne und Verantwortung

Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, daß er Wirklichkeit wird.
[Ton Steine Scherben – der Traum ist aus]

Die Postmoderne ist so ein Begriff. Heute aus der Mode gekommen, schien er damals – schon damals – unser heutiges Leben zu beschreiben. Kurz: es ist alles nicht mehr so einfach. Die vielfältigen Verstrickungen und Wirrungen, die einem heute bereits begegnen, wenn man versucht eine Handlung oder eine gängige Praxis zu kritisieren, sind ein gutes Beispiel. Man kann nicht mal mehr für „Brot für die Welt“ spenden, ohne den einen oder anderen Bauern in der Armutsregion in seiner Existenz zu bedrohen. Man kann keine Kleider spenden ohne der ansässigen Textilindustrie zu schaden. Man kann kein Geld spenden, ohne den einen oder anderen korrupten Diktator zu stützen. Man kann keine Süßigkeiten mehr essen, wenn man gegen Nesté opponiert. Man kann Politiker nicht mehr für irgendwas verantwortlich machen, weil sie schon auf dem Zettel stehen haben, warum ihnen die Hände gebunden sind.
Überhaupt. Niemand ist verantwortlich. Für nichts. Wenn uns ein Verantwortlicher für irgendetwas präsentiert wird, dann kann man sicher sein, dass es sich um ein Bauernopfer handelt. So ist sie die Welt. Nicht mehr greifbar. Die Macht verschwindet in der Struktur. Und gegen die Struktur zu kämpfen ist wie gegen Windmühlen zu kämpfen.

Mercedes Bunz hat versucht, diesem Umstand in ihrem Text Rechnung zu tragen. Und überhaupt gehört zu den Vorzügen ihrer Bemühungen den Einsatz der Postmoderne wieder zu repolitisieren. So fordert sie hier z.B. auf die Strukturen freizulegen, die Macht aus ihrer Diffusität herauszuholen, sie sichtbar zu machen. Ihr Ansatz basiert dabei auf Foucault’s Werk, der sein Leben nichts anderes versucht hat.

Dennoch. Es bleibt verführerisch sich auf die Struktur zu berufen. Auf die Komplexität der Welt, der Situation, der Zeit und der Macht. Der Fatalismus ist immer ganz nahe, wenn man sich auf den Gedanken einlässt. Und nicht umsonst musste sich Foucault von Chomsky anhören, er sei ein Nihilist. Hatte Chompsky damit recht? Ja. Und nein.

Richtig ist, das Foucault keinen Ausweg sah, als den, die Strukturen offen zulegen. Die Macht zu entlarven. Aber was brachte es? „Gouvernementalität“, ein Ausdruck Foucaults um das Einschreiben der Macht ins eigene Bewusstsein zu auszuformulieren, heißt heute „Selbstmanagement“ und „Neurolinguistische Programmierung“. Es wird in Managementseminaren angeboten. Für teures Geld, kann man sich dann „umprogrammieren“ lassen. Das Buch „getting things done“ ist nichts weiter, als eine in eine Anwendung gegossene foucaultsche Selbstpraktik.

Ja, auch Foucault selbst wurde antizipiert von der Macht. Und vielleicht liegt es an seiner Position, die er sich sein ganzes Werk über weigerte zu befragen. Einfache Fragen: Wenn die Regeln des Diskurses alles bestimmen, welche Regeln bestimmen dann mich? Wenn die Macht strukturell ist, kann ich überhaupt die Außenposition einnehmen, um sie zu entlarven. Reicht es zu fordern die Macht aufzuspüren, oder verfällt man dann nicht wieder schnell in eine unangemessene: „Wir – Die“ Symetrie, die das selbe Innen-Außenverhältnis reproduziert, das man ja eigentlich hinterfragen wollte. Wahrhaft ein Problem gegen eine Macht, die – auf dauer – kein Außen kennt.

Die Frage bleibt: Was tun gegen den Fatalismus? Reicht Kritik hier aus? Wie steht es mit der Ethik im postmodernen Zeitalter?

Derrida, auch ein als „postmodern“ gelabelter Philosoph, hat versucht eine andere Antwort zu geben. Zunächst würde er der These widersprechen, dass es sich um ein Zeitalterproblem handelt. Die Welt wäre „immer schon“ komplex gewesen. Zu komplex, jedenfalls, um sie beschreiben zu können. Zu komplex um entscheiden zu können. Zu komplex als dass man überhaupt eine Grenze ziehen könnte, zwischen gut und böse, schlecht und recht, schön und hässlich. Ja, diese Grenze selber, „die Grenze an sich“ ist eines seiner liebsten Problematisierungen.

Das scheint uns nun zunächst nicht besonders weiterzuhelfen. Die Konsequenz scheint im Gegenteil im absoluten Fatalismus zu enden. Ist damit Ethik überhaupt möglich? Nein. Mit Derrida ist keine Ethik zu machen. Keine Ethik jedenfalls, die im klassischen Sinn ein Set von Regeln zur Verfügung stellt, mit dem man die Seeligkeit oder Gutheit erreichen könnte. Keine Anweisung, kein kategorischer Imperativ, nicht mal eine Minima Moralia.

Und dennoch stellt er sich hin und fordert. Was fordert er? Er fordert eine Entscheidung. Ja, eine Entscheidung, dort, wo alles Unentscheidbar ist. Gerade dort. Nur dort. Denn ein entscheidbares Problem kann man nicht entscheiden. Denn, so Derrida, eine Entscheidung ist nur dann eine Entscheidung, wenn man sie Rückhaltlos getroffen wird. Wenn man nicht sagen kann: „Ich habe mich entschieden, weil…“ Dieses Weil nimmt der Entscheidung, jeder Entscheidung, die Verantwortlichkeit. Sie bietet Ausflüchte, eben all die Ausflüchte, die heute möglich sind. Man kann sich immer auf eine Struktur berufen, man kann sich immer auf jemand anderes Berufen, auf Regeln, Zwänge, eben auf diese diffuse Wolke, die man Macht nennt. Oder auf sein Unwissen. Auf die Komplexität, wenn man sich entschieden hat, nicht zu entscheiden. Dieses „Weil“ ist der Grund für unsere Situation. Dieses „Weil“ ermöglicht der Macht sich zu verschleiern. Denn dieses Weil ist ein strukturell unendliches „Weil“. Eines das immer ein Aufschub für Verantwortlichkeit ist. Ein Aufschub der niemals endet. Sogar niemals geendet hat.

Eine Entscheidung braucht also Verantwortlichkeit. Und die zu fordern, von jedem zu fordern, schafft eben kein Außen mehr. Niemand kann sich dem entziehen. Das Unentscheidbare zu entscheiden wäre also die Ethik, die keine ist. Es wäre die unlösbare Aufgabe, die man sich auf die Fahnen zu schreiben hat in unserer Welt. An der man nur scheitern kann, die man aber nicht abstreiten kann. Der man sich ihr nicht entziehen ohne ein „Weil“ vorzuschieben, indem man sich auf die Komplexität der Welt, der Umstände oder der Struktur beruft. Indem man sich also auf das beruft, zu dessen Teil man sich gerade dadurch macht.

Aber es ist noch viel mehr. Es sollte der Schlachtruf des Bloggens sein. Denn hier – genau hier – wird der tot geglaubte Autor wieder eingesetzt. Hier kommt das Subjekt zurück, aber anders zurück, ganz anders: als Vielheit. Als Vielheit der Verantwortlichkeit. Statt als Rädchen in der schweigenden Masse eines Verlages. Denn wenn das Bloggen dem Journalismus eines voraus hat, dann ist es eben diese Verantwortlichkeit.

Vielleicht ist das nur ein Traum. Vielleicht ist der Traum auch schon wieder aus. Aber ich werde alles geben, dass er ankommt, dass er in irgendeiner ganz anderen Zukunft der angekommene Traum gewesen sein wird.