Kommen wir mal zu etwas wirklich wichtigem.
Die letzten Tage habe ich mich vor allem zusammen mit @booldog unter Hochdruck um die Realisation von LiquidSession gekümmert. Und gestern Abend haben wir gelauncht.
LiquidSession ist ein Sessionplanungstool, das wir für das Politcamp 10 konzipiert und gebaut haben. Die Idee kam von Andreas Baum. Der ist nämlich nicht nur Vorsitzender der Piraten in Berlin, sondern auch Mitglied beim Liquid Democracy e.V..
Liquid Democracy ist eine neue Form der demokratischen Organisation. Das Verfahren steht irgendwo zwischen direkter und repräsentativer Demokratie und doch etwas ganz eigenes.
Man kann dort nämlich jeden, wirklich jeden zu seinem Themenvertreter bestimmen. (Delegated Voting) Niemand hat Zeit und Lust sich um jedes Thema in der Politik zu kümmern. Nicht mal Politiker, deswegen werden auch aus den Bundestagsfranktionen immer einzelne Leute für ein Themengebiet bestimmt. Die Fraktion folgt dann meist eben den Empfehlungen dieses „Berichterstatters“.
Mit Software lässt sich diese Form der Demokratie nun auch für größere Komplexitäten implementieren. Wenn jeder nicht nur selber wählen, sondern auch gewählt werden kann, so die Hoffnung, hat jeder mehr Macht über die Entscheidungen und dennoch die Möglichkeit so wenig mit Politik behelligt zu werden, wie er will.
Das beste aber: Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen normalen Bürgern und Politikern. Jeder ist ein potentieller Volksvertreter des jeweils anderen. Es gibt keine politische Klasse mehr. Bewegungen können sich abseits von starren Parteistrukturen schneller finden und formieren, niemand hat mehr einen Grund, sich einerseits fatalistisch zurück zu lehnen und auf die da Oben zu schimpfen oder sich in einem Gefühl der Ohnmacht zurückzuziehen.
Außerdem glauben wir, dass ein solches System „bessere“ Entscheidungen hervorbringt. Wenn jeder frei aus sich heraus Leute beauftragt, die sie/er für kompetent hält – selbst, wenn das nur ein Verdacht ist – dann werden Entscheidungen tendenziell kompetenter getroffen. Kompetenter jedenfalls als bei der direkten Demokratie (Kompetenz egal) und auch kompetenter , als bei der repräsentativen Demokratie (Kompetenz generell vermutet aber thematisch meist unbestimmt).
Klar, gibt es noch allerlei Probleme mit dem System der Liquid Democracy. Die Wahlen sind nicht geheim. Die Komplexität, die dieses Verfahren auch generiert, dürfte so manchen noch überfordern. Und ein paar Unklarheiten bei der Implementation gibt es auch noch. Ich würde ungern das System der Bundesrepublik darauf umstellen. Aber bei der Piratenpartei in Berlin werden erste, wertvolle Erfahrungen im parteiinternen Willensbildungsprozess gemacht.
Insgesamt halten wir LD für den interessantesten Ansatz Demokratie neu zu denken und mit Computer gestützten Verfahren neu auszuloten.
Unser Tool soll politische Menschen und auch die Entscheidungsträger, die auf dem Camp angekündigt sind, mit dem Konzept in Berührung bringen. Deswegen haben wir versucht, das Prinzip des „Delegated Voting auf die einfachste und verstehbarste Variante herunter zu brechen und allerlei Konzepte entwickelt, die Leute „abzuholen“. Außerdem soll soll das ganze ein Experiment werden, um zu schauen, wie das Konzept verstanden und angenommen wird.
Wir sind sehr gespannt!
