Was ich aber heute aufschreiben will, ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine echte, handfeste Verschwörung. Jeder kann sie nachvollziehen, wenn er erstmal die Zusammenhänge begreift. Ich bin teil einer sehr, sehr großen Verschwörung und ich will die Gelegenheit nutzen, alles auffliegen zu lassen. Den ganzen Laden. Und der ist riesig!
Es geht um nichts weiter, als die globale Verschwörung gegen den Nationalstaat und dem Großteil der darin lebenden Bevölkerungen. Es geht um die schrittweise Aushöhlung der Souveränität aller Staaten und die Neukonfiguration der Macht in einer neuen, globalen Elite, die dabei ist die Welt zu übernehmen.
Ja, ich weiß. Das ist nicht neu. Man weiß von den Kapitalströmen, die längst die staatlichen Ebenen verlassen haben. Man weiß um die Internationale Geldelite, die sich ihre Steuerparadiese aussucht. Man weiß vom so genannten „Jetset“ und von der „Globalisierung“. All das weiß man und hat es ad Akta gelegt.
Aber das, was derzeit abgeht, ist eine ganze Nummer größer. Und ich bin dabei.
Ich kann gar nicht sagen, wann das angefangen hat. Aber es geht auf jeden Fall schon 20 Jahre so. In meiner Generation sind beinahe alle mit Hochschulabschluss ein Jahr in’s Ausland gegangen. Dass in den Lebensläufen ein Jahr Madrid, London oder Sidney auftaucht, ist überhaupt keiner Rede mehr wert. Nicht den unteren Bildungsschichten, wohlgemerkt. Nur die Elite, der jungen Leute aus mindestens mittelständischen Haushalten. (Es gibt nur wenige Ausnahmen)
Das Erasmusprogramm ist und war ein wichter Teil dieser ganzen Maschinerie. Aber wichtiger noch ist das Internet.
Seit 10 Jahren kommuniziert diese Elite über das Internet. In einigen Bereichen erst noch national und Muttersprachlich aber zunehmend immer internationaler – auf Englisch. Man liest englischsprachige Blogs, man liest englischsprachige Bücher, man trifft sich auf englischsprachigen – immer internationaleren Konferenzen. Man vernetzt sich ganz natürlich mit anderen Menschen in anderen Ländern. Die USA, ganz Europa und auch Kolumbien, Mexico und oder Japan – völlig egal. Natürlich aber auch nicht mit den unteren Schichten in diesen Ländern, sondern ebenso mit denen der mittel – bis Oberschicht.
Die gebildete Mittelschicht in meinen Alter hat viel mehr kulturelle Schnittmengen mit seinem Pendant in anderen Ländern (und zwar egal in welchen), als mit meinem Nachbarn. Der Nachbar, der ungebildet ist und jenseits der 40 und statt „The Wire“ im Original Nachmittags-Talkshows auf deutsch anschaut. Die kulturellen Unterschiede verlaufen nicht mehr entlang von Entfernungen, sondern immer mehr entlang einer internationalen, kulturell vernetzen Elite.
Viele in meinem Freundeskreis denken überhaupt nicht mehr in nationalen Kategorien. Nationalität ist dieses Stück Papier, das ich am Flughafen vorzeigen muss, wenn ich von New York nach Amsterdam fliege. Amsterdam, Berlin, Jarkata, Istanbul, San Fransico sind keine Frage der Nation mehr, sondern stehen zum direkten Vergleich nebeneinander. In Berlin geht man in Club X und in New York isst man Steak an Ort Y.
Es ist zu beobachten, dass wir – also ich und die meisten, die ich kenne – sich kulturell und sozial von der Mehrheit der Menschen in diesem Land abwenden. Dass wir stattdessen ein zunehmend engermaschiges Netz flechten, das sich über den gesamten Globus spannt und in jedem Land auch nur wieder Leute erreicht, die sich wie wir von dem nationalen Konstrukt emotional gelöst haben. Unsere Beziehungen reichen in viele Länder und unsere Solidaritäten verspüren wir nicht mit demonstrierenden Opelmitarbeitern, sondern zum Beispiel mit den jungen, gebildeten Arabern in Ägypten, die uns per Facebook und Twitter an ihrem Zorn teilnehmen lassen. Das ist unsere „Peergroup“ und deswegen macht es uns ärgerlich, dass das „deutsche“ Fernsehen so hinterwäldlerisch ist und statt in Ägypten draufzuhalten lieber alte, deutsche Gebäckrezepte versendet.
Mein Nachbar wohnt noch in Deutschland, ich hingegen vernetze mich mit dem Rest der globalen Elite. Denn das sind wir. Eine Elite, die sich auf eine gewisse Weise satuiert hat. So jedenfalls muss es dem Nachbar gehen, wenn er unser Treiben sieht. So muss es all den Leuten gehen, die lange nicht den Lebenstil führen, wie er für uns normal ist. Die im hier und jetzt einer nach wie vor nationalen Welt leben, mit kleinem aber festem Gehalt, dass ja aber nicht mehr sicher ist, wie ja heute nichts mehr sicher ist.
Und der Nachbar hat recht. Es ist eine Verschwörung, die gegen ihn geht. Die Welt wird global und lässt ihn, in dieser verfallenden Struktur namens „Nation“ zurück. Da oben, wo er mangels Bildung oder geistiger Mobilität keinen Zutritt hat, werden die wichtigen Beziehungen geknüpft. Dort werden die kulturellen Meme getauscht, die in Zukunft Relevanz haben. Dort werden die Diskurse geführt, die ihm fremd bleiben werden, die aber die Zukunft bestimmen. Dort akkumuliert sich die neue Macht, die sich nicht mehr um sein Wohlergehen schert. Eine Elite, die sich selbstgefällig freut, wenn wieder eine Autofabrik dicht gemacht wird (Umweltschutz!). Die kein Mitleid kennt mit Druckerpressen, Arbeitsplätzen, Lohnfortzahlung, Festanstellung, familiäre Werte, Heimat, kleines Glück, Bauer sucht Frau, korrekten Schreibweisen, Briefmarken und Silberleuchtern.
Und ich bin schuldig, mich an dieser Verschwörung zu beteiligen. Ich bin gelangweilt von der hiesigen Kultur und wende mich ab. Ich bin gelangweilt von den hiesigen angstgetriebenen Diskursen und werde gehen. Früher oder später. „Deutschland“ ist mir zunehmend egal. Ich kann dem nicht mal genug Bedeutung zumessen, um „Antideutscher“ zu werden. Das alles fühlt sich so klein und obsolet an.
Und ich wette, der Generation nach mir wird es noch mehr so ergehen. Wer die Bildung mitbringt, wird sich abwenden. Kinder lernen jetzt bereits im Kindergarten Englisch. Statt der Proletarier sind wir es, die sich „auf der ganzen Welt“ „vereinigen“. Aber vielleicht wird der Klassenkampf auf dieser Ebene ja noch kommen. Nur stehen wir dann wohl auf der falschen Seite.


