Die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies

Einführung

Stellen wir uns die Gesellschaft als multidimensionales Netzwerk von Abhängigkeiten vor, in dem die Akteure wechselseitig abhängig voneinander sind und bei dem die Dimensionen die unterschiedlichen Arten der Abhängigkeit repräsentieren, seien es notwendige materielle Infrastrukturen, Informationen, Arbeit, Produkte, Transaktionen, Aufmerksamkeit oder Care.
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In dieses Netzwerk kann man dann mit unterschiedlichen Zoomstufen reinschauen.

Auf der Ebene des Haushalts kennen wir uns alle aus. Wir können die Spülmaschine nicht anstellen, weil wir erst noch Essen machen müssen, was aber nicht geht, weil die Teller nicht abgespült sind. Wir stellen fest: Abhängigkeiten sind verknüpft, also vernetzt und vertrackt und einen Haushalt (altgriechisch: „Oikos“) zu führen, bedeutet in erster Linie, materielle Abhängigkeiten zu managen.

Alle Handlungen sind vom Ergebnis anderer Handlungen abhängig, Menschen sind voneinander abhängig, Infrastrukturen, Institutionen, Bräuche und Sprache beschreiben interdependente Abhängigkeiten. Das Netz der Abhängigkeiten ist riesig, kleinteilig und filigran verzweigt und nur mit einem kleinen Teil davon – der, in dem die Abhängigkeiten Preise haben – befasst sich die (neo-)klassische Ökonomie.

Schaut man genauer hin, sieht man viele unterschiedliche Abhängigkeitsformationen als Beziehungsweisen zwischen den Menschen: Care, Lohnarbeit, Konsum, Liebe, Lieferketten, Status-Hierarchien, Gewalt etc. Wir alle sind ständig damit beschäftigt, unterschiedlichste Abhängigkeitsdimensionen zu navigieren und unser Geld hilft bei vielem, aber längst nicht bei allem davon weiter.

Auch wenn wir unsere Sicht auf den Kapitalismus beschränken, können wir die Abhängigkeits-Dimensionen noch differenzierter auflösen. Dann sieht man finanzielle, materielle, personelle und politische Abhängigkeiten und kann beobachten, wie die wiederum auf die internen Strukturen der Firmen zurückwirken.

Schauen wir auf die Wirkung von Unternehmen auf die Gesellschaft, sehen wir wie jede neue Produktkategorie neue, spezifische Abhängigkeiten in das Netzwerk einführt, denn Produkte finden ihren Platz in unseren Lebensritualen und Workflows, die dann ohne sie nicht mehr funktionieren.

Man kann sodann raus-zoomen und stellt fest, dass sowohl Haushalte als auch Unternehmen an allerlei Infrastrukturen gekoppelt sind. Straßen, Schulen, aber eben auch Geschirrspülmittelhersteller und Obstplantagen. Das Netzwerk der Abhängigkeiten wird in kapitalistischen Ökonomien entlang allerlei privater, aber auch einer Menge öffentlicher Infrastrukturen organisiert und diese Infrastrukturen nehmen jeweils relativ netzwerkzentrale Stellungen im Abhängigkeitsnetzwerk ein und sind selbst wieder in ein Netz von Abhängigkeiten verstrickt.

Das Netz der Infrastrukturen ist mit dem Netz der Abhängigkeiten eng verflochten, denn es hat sich in einer Art stetigen Ko-Evolution mit ihm zusammen entwickelt. Abhängigkeiten motivieren die Errichtung von Infrastrukturen und Infrastrukturen kreieren neue Abhängigkeitsbeziehungen.

Zoomen wir noch weiter raus, sehen wir aus dieser Makroperspektive das Netzwerk der Abhängigkeiten am klarsten als Handelsströme zwischen den Staaten und können z. B. an Donald Trumps Zollpolitik, an Russlands geostrategischer Gaspolitik oder Chinas Belt and Road Initiative nachvollziehen, wie Macht unter Staaten entlang von aggregierten Abhängigkeitsrelationen und ihren Infrastrukturen verhandelt wird und sehen, wie sich in diesen Strukturen noch die kolonialistischen Ursprünge des globalen Handelssystems abbilden.

Der Explainer ist in drei Teile geteilt:

  • Teil I: Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum [->]
  • Teil II: Der Finanzmarkt [->]
  • Teil III: Die „Realwirtschaft“ [->]
  • Teil IV: Case Studies“ [->]

Teil I: Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum

Was sind Abhängigkeiten?

Abhängigkeiten sind eigentlich nur „genommene Pfadgelegenheiten“. Wir alle kennen das: Wann immer wir vor der Wahl stehen, Pfad A, B oder C zu nehmen und wir gehen einen oder mehrere Schritte weiter, dann ist es nicht egal, ob wir Pfad A, B oder C genommen haben. Wir sind bei der vorherigen Pfadentscheidung „verschuldet“. Das merken wir aber oft erst, wenn wir zurück wollen und feststellen, dass wir erstens den gesamten gegangenen Pfad dafür aufgeben müssen und zweitens dann erst recht davon abhängig sind, dass die ursprüngliche Pfadgelegenheit noch existiert, also begehbar ist und dass wir sie wiederfinden.

Jede Abhängigkeit ist die Abhängigkeit eines Pfades, den man gegangen ist, ob freiwillig oder nicht.

Die Pfadgelegenheit

Für die Pfadgelegenheit selbst existiert ein eigener Expainer, in dem ich sie so definiere.

Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.

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Pfadgelegenheit, Pfadentscheidung, Pfadabhängigkeit sind unterschiedliche Blickwinkel auf dieselbe Sache. Wir sind keine Individuen, die getrennt von ihrer Welt leben und deswegen machen und tun können, was sie wollen, sondern Dividuen, die immer nur auf den Pfaden unterwegs sind, die ihnen zur Verfügung stehen.

Die Hebel:Fulcrum-Mechanik

Die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten bekommt mit der Hebel:Fulcrums-Beziehung einen mechanischen Vektor, der uns hilft, viele Rätsel aufzulösen. Die Fulcrumsmeachik ist die Aktualisierung einer Pfadgelegenheit: aus einem Potential wird eine ein neuer Ort im Netzwerk.

Aus dem Hebel:Fulcrum-Explainer.

Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.

Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.

Um diesen Explainer in seiner kompletten Tiefe nachzuvollziehen, lohnt es sich den Fulcrums-Eplainer ganz zu lesen, aber grob zusammengefasst kann man sagen (KL76):

Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.

Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird die Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Ihr alle habt sicher eigene Hebelerfahrung, aber zur Sicherheit schärfen wir noch mal folgendes Beobachtungschema:

trotz ihrer Komplexität in der realen Welt, kann man doch für jede Hebel:Fulcrums-Beziehung verallgemeinern:

  1. je stabiler und steifer das Fulcrum ist, desto direkter und größer die mögliche Kraftübertragung/-Steigerung durch einen entsprechend großen Hebel.
  2. je größer der Hebel, desto mehr „Stress“ (Last, Erschütterung, Verschleiß) wird auf das Fulcrum pro eingesetzte Kraft übertragen.

Wie gesagt, es lohnt sich den vollen Explainer zu lesen. Aber um die Hebel:Fulcrums-Beziehung analytisch anwenden zu können, sind die gesammelten Unterscheidungen am Ende wichtig, die formulieren, welche unterschiedlichen Fragen man an das Fulcrum richten kann:

  • inszeniertes Fulcrum[F0] = viabel / Die Pfadgelegenheit
  • zugriffliches Fulcrum[F1] = Ansatzort / Zugriffs-Topologie /
  • hegemoniales Fulcrum[F2] = die Verbreitung der Zugriffs-Topologie
  • beliehenes Fulcrum[F3] = Wette auf die Gesamtinfrastruktur
  • Kontaktzonenfulcrum[F4] = Kontaktzone / Steifheit / Robustheit / Verschleiß
  • stabilisierendes Fulcrum[F5] = Stabilitätskern / Die Fulcren, die dem Kontaktzonenfulcrum Stabilitität verleihen
  • verdrängtes Fulcrum[F6] = externalisiert / verdrängt
  • verbuchtes Fulcrum[F7] = sozial-habituelles Pfadgelegenheit-Portfolio
  • Fulcrums-Crash[F8] = Der Riss im Fulcrum und seine Geschichte.
  • abgeschriebenes Fulcrum[F9] = Ruine

Kapitalismus aus Userperspektive

Die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten versucht, eine bessere Beschreibung des Kapiltalismus und seinen Strukturen zu erreichen, indem sie die Userperspektive auf seine Mechanismen und Strukturen beleiht. Denn wir alle sind User des Kapitalismus. Ob als Arbeitende, Konsumierende und manche sogar als Kapitalist*innen.

Auf diese Weise verbindet sich das Dividuum über seine Pfadgelgenheiten mit den Pfadstrukturen der Gesellschaft und der Kapitalismus wird als begehbare Architektur von Hebel:Fulcrums-Beziehungen beschreibbar.

Als pfadabhängiger Teil des relationalen Materialismus basiert auch die politische Ökonomie der Pfadgelegenheit auf einem drei Schichtenmodell der Gesellschaft und des Dividuums. Aus dem den relationalen Materialsmus-Explainer.

Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:

  1. Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
  2. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
  3. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.

Alle Akteure in diesem Netzwerk sind „Materiell-Semantische Komplexe“ (menschliche Dividuen, Unternehmen, Staaten, Redaktionen, Vereine, Organisationen, auf eine Art auch Tiere) und das heißt sie haben sowohl einen materiellen Körper (Menschliche Körper und materielle Infrastrukturen inklusive deren Fulcren) und einen semantischen Körper (Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Wissen, eine Geschichte über sich selbst und die Welt), bewohnen also als „Full Stack“-Implementation alle Layer des Netzwerks. Sie alle sind Fulcren (für jemanden), sie alle nutzen Hebel (an jemanden), nur sind Hebellänge und Fulcrumslast ungleich verteilt.

In diesem Geflecht aus Materialität und Semantik lassen sich plausible Pfade, inklusive ihrer Funktionsweisen und Mechanismen ableiten, die uns die Welt entlang aggregierter Dividuums-Perspektiven erklären.

Was sind also Abhängigkeiten?

Der relational Materialismus erlaubt uns mehrere Arten, Abhängigkeiten zu definieren, die jeweils richtig sind und auf jeder ihrer Ebenen eine gültige Perspektive auf Abhängigkeiten formulieren.

  • Layer 1: Materielle Ebene: Abhängigkeiten sind die Fulcren unserer Hebel.
  • Layer 2: Erwartungs-Ebene: Abhängigkeiten sind Pfadabhängigkeiten, von denen unsere Pfadgelegenheiten abhängen.
  • Layer 3: Erwartungserwartungs-Ebene: Abhängigkeiten sind die gemeinsam beliehenen Erwartungs-Portfolios unserer Infrastrukturen.

Man kann diese Layer zur Analyse heranziehen, aber normaler weise wechsele ich die Ebenen fluide, denn so ist die Welt, wie wir sie wahrnehmen. Diese Unterscheidungen sind dir nicht auf anhieb zugänglich, weil du immer nur auf der Erwartungs-Ebene operierst/operieren kannst, die einerseits die Eindrücke der materiellen Realität und andererseits deine Erwartungen gegenüber den Erwartungen dritter zu „deinen Erwartungen“, also zu „deiner Wirklichkeit“ verschmilzt.

Teil II: Der Finanzmarkt

Archimedes konnte nicht ahnen, dass seine Praxis des „Leveragen“ in der Finanzsprache beliehen werden würde, aber uns ist jetzt auch klar warum? Auch dort ist jeder Hebel eine Wette auf ein Fulcrum.

Leverage in der Finanzwelt

Für gewöhnlich bezieht sich das Wort „leverage“ am Finanzmarkt auf geliehenes Geld, das man seiner „Order“ beifügt. Sagen wir, ich habe 10.000 Euro Eigenkapital und leihe mir für eine „Order“ weitere 100.000 Euro, dann verstärkt das meinen Hebel 10x. Wenn also der Preis 1 % steigt, habe 10 % gewinn gemacht, wenn er um 1 % fällt, habe ich 10 % Verlust gemacht.

Wäre das Fulcrum fix und ein Punkt, dann könnte der Hebel unendlich groß sein, was wir als Hinweis darauf lesen können, dass wir es auch hier mit einem „komplexen Fulcrum“ zu tun haben.

Das erste, was ein Anleger macht, ist zu fragen: Ist ein Anlegepfad „viabel“?, Dafür inszeniert man eine Zukunft entlang einer bestimmten Erwartung: Wird der Preis für das Asset weiter steigen? Kann ich mir das leisten? Wie sicher ist das? Das „Inszenierte Fulcrum“ [F0] ist die Eruierung der Anlegepfadgelegenheit.

Das nächste, was der Anleger tun muss, ist das „zugriffliche Fulcrum“ [F1] zu wählen, den technischen „Ort“ der Wette (über welche Infrastruktur setzt er den Trade um) und aber auch den Zeitpunkt/Kurs, an dem er sich entschließt zu kaufen/den Hebel anzusetzen. Manchmal ist das einfach so schnell wie möglich, aber viele haben ganz bestimmte Wertentwicklungszeitpunkte im Visier.

Die Hürden, die man an zugrifflichen Fulcren überwinden muss, um am Finanzmarkt mitzuspielen sind auf eine Art hoch (denn als erstes braucht es „überflüssiges“ Geld und Kreditwürdigkeit), aber mit Apps wie Robin Hood und Trade Republic sind dafür andere Hürden gesunken. Diese Apps versuchen ihr zugriffliches Fulcrum auf die Trade-Pfadgelegenheit hegemonial zu machen [F2], aber geleveragte „Bets“ machen sie noch nicht in der Höhe, also geht der Anleger klassisch über einen „Broker“.

Als nächstes nimmt der Anleger Kredit auf und plaziert seine Wette. Um die 100.000 zu bekommen, beleiht er nicht nur das gekaufte Asset, sondern auch die „Sicherheiten“, die er für den Kredit hinterlegt. Das „beliehene Fulcrum“ [F3] umfasst also nicht die Werterwartung des gekauften Assets, sondern auch die Werterwartung der beliehenen Vermögenswerte für den Kredit. Das alles steht jetzt zusammen auf dem Spiel.

Während der Hebelaktion verschiebt sich erstmal der Fokus auf das „Kontaktzonenfulcrum“ [F4]. Denn jetzt ist es nicht nur so, dass der Wert des investierten Assets eine Rolle spielt, sondern auch der Wert der anderen beliehenen Assets aus [F3]. Das Kontaktzonenfulcrum kommt in die Existenz, sobald es „belastet“ wird, also die Hebelaktion beginnt und seine tatsächliche Stabilität besorgt das, womit die Wette [F3] beliehen wurde. Zum Kontaktzonenfulcrum gehört aber auch die erwartete Wertentwicklung des gekauften Assets, sowie die Wertentwicklungserwartung anderer, was die ganze Konstruktion fragil und teils volatil macht.

Deswegen dienen die für den Kredit beliehenen Assets als stabiliserendes Fulcrum [F5]. Ihre Erwartbarkeit erlaubt höhere Volatilität auf Hebelseite und damit längere Hebel. Je stabiler das beliehene Asset ist, desto weniger macht sich eine Bank Gedanken, wie sehr die Gefährlichkeit des Hebels die Rückzahlungsfähigkeit gefährdet. Ergo: Und umso größere Hebel kann man sich leihen. Aber [F5] ist gleichzeitig die Vulnerabilität. Wird die Stabilität des stabilisierenden Fulcrums [F5] nicht eingelöst, droht das Konstrukt zu zerfallen. Wenn ich zum Beispiel Aktien als Sicherheit hinterlegt habe und die Aktien sinken im Wert, dann kann mich ein sogenannter „Margin Call“ erreichen. Die Bank fordert entweder mehr Assets ein, oder löst den Vertrag auf [F8] und verkauft meine hinterlegten Sicherheiten [F9]. D.h. die Stabilität meines Fulcrums basiert zu einem Gutteil auf der Stabilität der beliehenen Assets. Wie wir später herausarbeiten werden, fungieren Sicherheiten, deswegen als stablisierendes Fulcrum, weil es der Bank einen „Exit“ aus der Wette ermöglicht.

Das „verdrängte Fulcrum“ [F6] ist immer mit dabei und es ist vielfältig, auch dann, wenn die Hebelaktion gut geht. Ein besonders gern verdrängter Teil des Fulcrums bei Finanzgeschäften ist die Tatsache, dass man es sich leisten können muss, das Risiko einer gehebelten Wette überhaupt einzugehen. Auch die eigene sozioökonomische Situation wird bei jedem Kredit mitgeleveraged.

Das „verbuchte Fulcrum“ [F7] wird das ganze, wenn die Hebelaktion gelingt und das gehebelte Asset in gewünschter Höhe im Portfolio liegt, oder die Option aufgeht. Aber ebenfalls verbucht ist der Hebelpfad selbst. Ein geglückter Hebeleinsatz verleitet dazu, die Geste zu wiederholen. Die allgemeine Pfadgelegenheit „Hebeln“ wurde nutzenaktualisiert und gewinnt als „viabler Pfad“ an Wert im persönlichen aber auch gesellschaftlichen Erwartungs-Portfolio.

Es sei denn, die Hebelaktion mißlingt. Sei es, weil die Wertentwicklung vom erwarteten Pfad abwich, sei es, dass das stabilisierende Fulcrum [F5] brach (Margin Call). Die Erwartungen an die Infrastruktur waren nicht durch die Realität „gebackt“. Was im Fuclrums-Crash [F8] zu Tage tritt sind die eigenen verdrängten Erwartungen und Erwartungserwartungen.

Der Margincall ertönt, ich habe keine Assets mehr zusätzlich zu hinterlegen, dann verkauft die Bank die hinterlegten Assets. Die Verluste werden zum „abgeschriebenen Fulcrum“ [F9]. Das „abgeschriebenen Fulcrum“ hat oft ein Nachleben, denn jede ehemalige Infrastruktur, die gebaut wurde, steht in der Welt und bietet Pfadgelegenheiten und so sucht jede abgeschriebene Fulcrumsruine nach Anschlussverwendung. Das heißt, es wird versucht, sie in neue Nutzenpfade zu integrieren und das gelingt mal recht, mal schlecht.

Finanzassets

Doch man kann den Hebel auch in allen „ungeleveragten“ Finanzgeschäften finden (1x Hebel sind auch Hebel) und das erlaubt uns, mit der Analyse noch tiefer gehen.

Ökonom*innen haben sich immer gefragt, worauf genau Investor*innen wetten und haben so Antworten wie „Fundamentals“, „aktuelle und zukünftige Cashflows“ gegeben und es wurden Formeln aufgestellt wie Discounted Cash Flow, oder einfach P/E-Ratios (Preis/Gewinn) oder ähnliches.

Klammern wir für einen Moment die Tatsache aus, dass wir mit unseren Erwartungen und Preisen immer schon im Raum der Erwartungserwartungen operieren (Wie „Memestocks“ und Techwerte regelmäßig belegen, indem sie auf Fundamentals scheißen).

Nehmen wir also klassischer Weise an, dass es um „Fundamentals“ geht, wir also einen möglichst „rationalen Blick“ auf den Pfadwert eines Unternehmens werfen wollen, dann fällt als erstes auf, dass die Investition eben nicht nur eine Wette [F3] auf das Asset selbst, sondern auch auf den seines Kontextes ist.

Das stabilisierende Fulcrum [F5] und damit der Werterwartung von Asset X basiert auf der Stabilität der Erwartungen, von denen die Werterwartung abhängig ist und das umfasst alle notwendigen Infrastrukturen des Unternehmens X. Wie funktionsfähig und robust ist das Geschäftsmodell, wie entwickelt sich die „Stimmung am Markt“, wie verändert sich die Konkurrenzsituation, wie gut liefert das Management, wie verändern sich die politischen Rahmenbedingungen – all den Kram, den Analysten für eine detaillierte Pfadbewertung so zusammentragen.

Doch da ist mehr: Die betreffende Firma ist selbst wiederum abhängig von der wirtschaftlichen Gesamtlage, davon, dass seine Zulieferer verlässlich liefern, die Banken verlässlich Liquidität bereitstellen, die Mitarbeiter*innen (größtenteils) gesund sind, nicht streiken und verlässlich zur Arbeit kommen, dass die Straßen und Schienen für die Logistik nutzbar sind und dass die Sicherheit der Projekte gewährleistet ist. Außerdem, dass das politische System, in dem die Firma operiert, stabil bleibt, ihr Geschäftsmodell auch morgen noch legal ist und die Gesetze morgen noch gelten. Auch ein halbwegs stabiles Klima gehört für Firmen oft zum verdrängten Fulcrum.

All das wird durch eine einfache „Order“ „geleveraged“.

Wenn ein Kurs fällt, dann oft, weil sich bestimmte Kontextbedingungen änderten, die man gar nicht so sehr auf den Schirm hatte. Die Pfadbewertung ist immer implizite Fulcrumsbewertung.

Finanzmarkt

Der Finanzmarkt ist überall wo er auftritt (New York Stock Exchange, Coinbase) eine künstliche geschaffene Infrastruktur, die bereits seit den 1970ern größtenteils in Software umgesetzt ist und eine für jeden anderen „Markt“ unübliche Übersicht über das Angebot erlaubt und momentane, in Echtzeit erfasste Preisbewegungen abbildet.

Auf dem Finanzmarkt kann man auf Pfade wetten, indem man in Unternehmen investiert, die den Assets unterlegt sind. Was man dabei konkret beleiht, hängt von einem selbst ab: Ist es eine Analyse der „Fundamentals“, ist es die Geschichte, die der CEO erzählt (z.B. Elon Musks Robotaxi-Versprechen), oder es ist einfach das, worauf „alle vertrauen“ (ETFs), oder es beleiht gar eine Identität (Bitcoin, Crypto, Memestocks), andere wollen einfach generell in „KI“ investieren, weil sie an die AGI-Story glauben. Am Ende wetten alle auf Geschichten.

Und der Finanzmarkt funktioniert dann so, dass eine Investition nicht nur eine persönliche und private Einlage deines Gelds (und deiner Erwartungen) ist, sondern diese Investition verändert den Preis (wenn bei uns Normalos auch nur minimal) und damit auch die Werterwartungen aller anderen.

Praktisch funktioniert das dann wie die Öffentlichkeit (Hebel:Fulcrums-Explainer), als Trommelkonzert. Krasse Links No 23:

Der „Wert“ von gehandelten „Assets“ wird durch Öffentlichkeitsmechanismen bestimmt.

Zentrale Handelsmärkte für Anlagegüter sind in Infrastruktur gegossene Ideologie. Anders als der Markt für bsw. Waschmaschinen sind Handelsplätze keine gewachsenen infrastrukturellen Gegebenheiten, sondern dem künstlich dem Idealbild des neoklassischen Marktes nachempfunden, alle Anbieter und alle Nachfrager kommen zusammen finden einen Preis. In der Theorie werden „Signale“ dadurch „verarbeitet“, dass sich alle Akteure gegenseitig versuchen „outzusmarten“, doch in der Praxis geht es meist darum, wer die größere Trommel hat.

Hier, wie ich glaube, dass der Aktienmarkt wirklich funktioniert: Unternehmen präsentieren sich der Öffentlichkeit als Projekte, die davon erzählen, wie sie ihre bereits vorweisbaren Infrastrukturen dazu leveragen werden, um noch mehr Abhängigkeiten zu schaffen oder zu konzentrieren. Mit anderen Worten: Am Aktienmarkt werden Geschichten gehandelt, also getrommelt.

Und natürlich gibt auch es hier die übermäßig großen Pauken, die den Beat vorgeben und eine wilde Schaar von kleinen bis mittelkleinen dazu improvisierenden Percussions. Wenn Goldman Sachs mit einem von den Erwartungen abweichenden Preis in ein Projekt reingeht, sortiert das die Karten neu und die Percussions passen ihren Beat an. Die Finanz-Oligarchie gibt mehr oder weniger die Shots vor, und alle anderen Wetten nur darauf, welche Geschichten sich ein paar ultrareiche Männer auf dem Golfplatz erzählen.

Egal, ob ich Aktien, Bitcoin, NFTs, ETFs, oder Optionen kaufe, ich investiere in ein Narrativ (einen imaginären Pfad) und meine Kaufentscheidung ist zugleich ein Signal an andere, dass ich einen Pfad für wertvoll erachte. Bei jeder Finanztransaktion beleiht man also immer auch die Erwartungen der anderen, ihren Glauben an die gemeinsam finanzierten Geschichten.

Insofern kann man das ganze Memestock-Gerede getrost beiseite legen, denn, turns out: Jede „Stock“ ist ein Memestock. It’s storys all the way down. Insofern ist an der Robinhood/Memestock-Selbsterzählung etwas dran: Die organisierten Kleinanleger-Trommler, die sich auf Reddit zusammengetan haben, mischten die Rich Mens Memes auf und schafften es, zumindest temporär, einen eigenen Beat zu setzen und durchzuhalten.

Doch im Gegensatz zu ihrer Selbsterzählung bilden sie damit keinen echten Wert ab, sondern legen offen, wie das System wirklich funktioniert.

Man muss nur immer weiter trommeln: Hodl, Hodl, Hodl, buy the dip! Und achtet auf den Beat, den Beat! Diamond Hands! FOMO! Und der Beat, der Beat, der Beat! Do your Own research! Einfach immer weiter trommeln, FUD! FUD! FUD! Don’t trust, verify! Im Trommeln liegt die Wahrheit, we all gonna make it!, etc.

Der Finanzmarkt ist ein Kommunikationssystem das aus einer dynamischen Transitionsmatrix besteht, in der sich die verteilten Erwartungen der Anleger*innen über bestimmte kapitalistische Erzählungen durch Geld oder Securities „gebackte“ Sprachakte (Orders/Trades) zu Erwartungserwartungen (Keynes’ Beauty Contest) synchronisieren.

Das Ergebnis dieser Synchronisation (Preise, Spreads, Volas, Kurven) sind nicht „die Wahrheit“, sondern oftmals die Fieberkurven der allgemeinen Trommel-Trance, wenn die Oligarchen mit ihren Riesen-Pauken mal wieder bestimmte Narrative (E-Commerce, Crypto, Metaverse, AGI) als handlungsleitende Attraktoren aufgegleist haben.

Blase

Wie jede Pfadgelegenheit ist auch das finanzielle Asset eine Wette auf die Zukunft, doch sie ist vergleichsweise riskant. Pfade haben es so an sich, dass sie von Erwartungen abweichen und das kann offensichtlich passieren: der Wert meine Aktie sinkt – oder erstmal weniger offensichtlich: das, was meine Aktie wertvoll macht, sinkt. Daraus kann sich ein „Spread“ entwickeln zwischen der allgemeinen Erwartungen an ein Fulcrum und seiner tatsächlichen Stabilität.

Das nennen wir „Blase“.

Der Ökonom Hyman P. Minsky argumentiert, dass es die alltäglich erfahrene Kontaktfulcrums-Stabilität [F4] ist, die die Leute dazu verleitet, immer mehr und immer größere Hebel daran anzusetzen: „Stability is destabilizing“ sagt er in „Stabilizing an Unstable Economy“ von 1986.

Die Finanzkrise von 2008 fing nicht mit „Lehman Brothers“ an, auch nicht mit Fannie Mae and Freddie Mac, sondern mit dem Bruch [F8] eines verdrängten [F6] aber tiefersitzenden stabilisierenden [F5] Fulcrums: dem Spread zwischen der realen Rückzahlungsfähigkeit der Haushalte, die eine Hypothek aufgenommen hatten und der Rückszahlungserwartung ihrer Gläubiger. Deren nun wertlosgewordene Kredite wurden oft als „Subprime Mortages“ mit allerlei anderen Krediten vermischt und verpackt verkauft. Aber als diese Kredite durch erhöhte Ausfallraten „faul“ wurden und man nachschaute, was da los ist, crashte auch das Vertrauen in die Rating-Agenturen, die, wie sich herausstellte, gar nicht hingeguckt haben. Die Kontrollverlustschulden durch ineffektive Korrekturhebel wurden plötzlich offenbar. Auf einmal war nicht mehr klar, welcher Kredit betroffen ist – also waren alle Kredite betroffen.

Die Stabilität aber, die diese Instabilität hergestellt hat, war die vermeintliche Verlässlichkeit des Immobilienmarktes bezüglich seines Return of Investment. Der Markt hatte einige Jahrzehnte einen stetiges Wertwachstum erfahren und Kredite in Immobilienfinanzierung galten als „safe Bet“ – als Stabilitätsanker einer sonst volatilen Finanzwelt.

Das heißt, sie wurden zum stablisierenden Fulcrum anderer finanzieller Infrastruktur, also weiteren, darauf aufbauenden Wetten. Konkret: Finanz-Derivate (MBS, CDO, Repo-Collateral, CDS-Versicherungen) die diese Schulden als Stabilitätsanker ihrer ansonsten riskanteren Hebel nutzen. Diese Hebel waren besonders bei Banken beliebt, wo die toxischen Assets überall in den Büchern standen (verbuchtes Fulcrum [F6]), um andere Investitionen rechtfertigten.

Minsky bedeutet: Die erfahrene Kontaktfulcrum-Stablität erzeugt Erwartungs-Stablität und Erwartungserwartungs-Stabilitität, die die Akteure dazu verleitet, sich zu erlauben, immer größere und riskantere Hebel an das Fulcrum anzusetzen, ohne dabei die sie stabilisierenden Fulcren im Blick zu behalten.

Minsky identifiziert den Moment, wo die Finanzierung in die Blase kippt an dem Punkt, an dem die Gewinne aus der Preissteigerung der Assets größer werden, als die aus Nutzung des Assets. Dann kommt es zu einem Kreislauf: Geld erzeugt Erwartung und Erwartung erzeugt Geld.

Minsky führt drei Phasen ein:

  • Hedge Finance = materielles Kontaktzonenfulcrum [F4], die Schuld kann aus laufendem Cashflow bedient werden.
  • Speculative Finance = Wette auf das eigene Portfolio [F3]. Man hebelt auf der eigenen Stablitätserwartung, aber es darf nichts schief gehen, denn der Cashflow reicht nur für die Zinsen.
  • Ponzi Finance = Erwartungserwartungsbasiertes. Reines Wetten auf das Verbuchte Fulcrum anderer [F7]. Man hebelt auf der erwarteten Steigerung der Erwartungen anderer, die ihrerseits Steigerung der Erwartungen erwarten und Schulden können nur durch steigende Schulden bedient werden, also durch die Akquise neuer Gläubiger und einer Steigerung der Erwartungen an den Preis.

Aber da ist noch etwas anderes: Wenn Pfade als „sicher“ gelten, dann gewinnen immer die, die die größten Hebel organisieren können. Sei es, weil sie einfach mehr Kapital, eine bessere Kostenstruktur, ein größeres Marketing-Budget, oder tatsächlich den besten materiellen Hebel haben.

Das Wachstum skaliert also nicht gleichmäßig, sondern konzentriert sich bei wenigen großen Hebeln. Das heißt: bereits populäre Fulcren gewinnen überproportional an Macht (Netzwerkzentralität) und die Topologie entwickelt sich immer weiter in Richtung skalenfreiem Netzwerk mit Paretoverteilung (20 % der Knoten haben 80% der Verbindungen, 80% der Knoten teilen sich 20 % der Verbindungen) der Fulcrums-Zentralitäten mit den entsprechenden Engstellen und Kritikalitäten (aus denen entsprechend hohe Marge abgeschöpft wird). Damit einhergehend geben Wettbewerber auf, lokalere Strukturen veröden, Pfadalternativen schwinden, das Netzwerk dünnt aus und verengt sich auf wenige große Infrastrukturpfade.

Nach dem Kollaps der erwarteten Hauskreditrückzahlungs-Erwartungen stellte sich heraus, dass ein kleiner, aber im Beleihungs-Netzwerk netzwerkzentraler Knoten wie „Lehmann Brothers“ teil des stabilisierenden Fulcrums [F5] des ganzen Bankensektors war, der durch den eigenen Kollaps das ganze Bankensystem zum Einsturz bringen konnte. Das war der Punkt, an dem man eilig begann, Netzwerkzentralitäten gezielt zu „retten“ („Too Big To Fail“).

Der „Kipppunkt“ ist also kein Punkt, sondern ein Pfad. Ein Crack, der irgendwo in den Tiefen des verdrägten Fulcrums anfängt – dort wo Realität auf Erwartung trifft (häufig Cashflows, aber es kann auch etwas anderes sein: eine Erzählung, die nicht mehr stimmig ist, auf der viele andere Erzählungen basieren (New Economy, AI, Bitcoin)) – der sich auf andere Fulcren ausbreitet, deren Hebel dieses Fulcrum beliehen haben. Der Crack breitet sich entlang der Beleihungsstrukturen aus und wird in einem skalenfreien Netzwerk früher oder später auf Bücher einer Netzwerkzentralität treffen und wenn die ebenfalls instabil wird. Auf einmal sind etliche Banken betroffen, die Lehman Brothers auf die eine oder anderen Art beliehen haben, was eine Bankenkrise auslöst, die alle Portfolios rundherum kollabieren lässt. Ein „Kippunkt“ funktioniert wie ein Virus, der sich über einen Infektionspfad in den Beleihungsstrukturen ausbreitet und durch „Superspreader“ beschleunigt wird.

Auf das Trommelbeispiel bezogen fangen dann Trader im größeren Maßstab an, Assets zu liquidieren, entweder, um toxische Assets loszuwerden, oder um andere Wetten am Laufen zu halten, deren beliehenes Fulcrum [F3] im Wert abgesackt ist und der Margin Call droht. Das heißt da verändert jemand seinen Beat und umliegende Trader werden aufmerksam, einzelne checken das Problem und stellen fest, dass sie selbst betroffen sind und beginnen ebenfalls mit dem Verkauf. In Windeseile verbreitet sich der neue Beat: Wessen Wert ist nicht mehr zu trauen, welche Erzählung sind wie zusammengebrochen und welche pfadabhängigen Erzählungen sind davon ebenfalls betroffen und nun checken alle ihre „Exposure“ und handeln entsprechend: Flächenbrand.

Und so grandios man sich gegenseitig nach oben getrommelt hat, umso schneller trommelt man sich runter. Bis das ganze Vertrauen niedergetrommelt wurde und niemand mehr jemand anderem Vertraut. Nach der Finanzkrise die Bankenkrise. Banken gaben sich keinen Kredit mehr (sahen sich nicht mehr als viable Kredit-Pfadgelegenheit: Bruch des viablitäts-Fulcrums [F0]), weswegen der Staat eingreifen musste, als „Lender of Last Ressort“, der Staat als letztes vertrauensvolles Asset, aber auch letzter Pfad zu Liquidität. Und weil all das die Staatsfinanzen leveragte, hatten wir danach eine „Staatshaushaltskrise“ und dann „EU-Stabilitätskrise“. Es waren die Wellen des Crashs, die sich in konzentrischen Kreisen durch die infrastrukturellen Fulcren ausbreiteten.

Und durch die skalenfreie Struktur des Finanzmarktes bekamen wir einen kaskadieren Kollaps, den Seneca Effekt, basierend auf Scenecas Beobachtung:

Whatever structure has been reared by a long sequence of years, at the cost of great toil and through the great kindness of the gods, is scattered and dispersed by a single day. Nay, he who has said „a day“ has granted too long a postponement to swift-coming misfortune; an hour, an instant of time, suffices for the overthrow of empires! It would be some consolation for the feebleness of our selves and our works, if all things should perish as slowly as they come into being; but as it is, increases are of sluggish growth, but the way to ruin is rapid.

Meine Theorie ist also die von Minsky, nur mit Verdrängung und Netzwerkeffekten.

Eine Blase entsteht, wenn stabile Kontaktzonen-Fulcren Erwartungsstabilität erzeugen, Hebel sich stetig vergrößern und durch Preferential Attachment auf wenige Netzwerk-Hubs konzentrieren und dann verdrängte, aber stabilisierende Fulcren brechen, weil sie nicht mitskalieren, worauf das skalenfreie Netzwerk kollapsartig reagieren kann.

Auch heute laufen wir längst im Ponzi Finance Modus. Das Kontaktfulcrum des Kapitalismus scheint noch intakt, aber unten, bei den stablisierenden Fulcren rumort es gewaltig. Und während die KI-Hebel immer größer werden und mit immer größeren Kredithebeln finanziert werden, ist die skalenfreie Struktur heute bereits in allen Wirtschaftsbereichen ausgeprägt und in der Vermögensverteilung ablesbar. Seit sich sehr populäre Stablitätserwartungspfade angesammelt haben (ETFs, große Techwerte, das Stillhalten der Bevölkerung, Demokratie, Frieden, Klimastabilität) die immer riskantere Wetten stabilisieren (KI, Crypto und was immer Trump da macht), erwarte ich jeden Tag, dass ein Crash eines verdrängten, aber stabilisierenden Fulcrums irgendwo ganz unten im Getriebe den entscheidenden Funken in diesen Zunder springen lässt.

Was wird der Crack gewesen sein? Das kann vieles sein und ich hätte ein paar Fulcren im Blick, aber ich glaube nicht, dass es die richtigen sind, denn die haben andere auch im Blick. Ich bin mir sicher, dass es etwas sein wird, woran ich nicht denke, weil es auch mir es erstmal nicht auf Anhieb offensichtlich ist. So ist das mit dem verdrängten Fulcrum [F6]. Auch ich bin auch betroffen, wie die meisten, auch die Expert*innen sind keine Ausnahme.

Rückblickend war jeder Crash ein „Failure of Imagination“.

Immobilienmarkt

Fragt man einen Ökonomen, wie sich der Kaufpreis eines Hauses zusammensetzt, würde er vermutlich sagen: „Herstellungskosten + Marge“ und wenn man ihn fragt, wie sich die Marge berechnet, würde er sagen: „Die wird am Markt ermittelt“.

Fragt man die selbe Frage hingehen einen Immobilienmakler, wird er sagen: „Lage, Lage, Lage.“

Makler sind nicht die vertrauenswürdigsten Menschen der Welt, doch in dieser Sache würde ich ihnen eher trauen, als den Ökonomen.

Denn was heißt Lage?

  • Gute Verkehrsanbindung
  • Gute Einkaufsmöglichkeiten
  • Sichere Straßen
  • „Gepflegte Gegend“
  • Gute Schulen für die Kinder in der Nähe
  • Gutes Kulturangebot
  • Nette Nachbarschaft
  • Parks
  • Anbindung an Freizeitmöglichkeiten, etc.

Lage heißt leichte Integration von Pfadgelegenheiten, wenn man dort wohnt.

Auch wohnen ist Hebeln. Man leveraged eine Infrastruktur zur zeitweisen und möglichst angenehmen Beherbergung seines Körpers. Es ist somit auch immer mehr als nur Geld, dass man in eine Immobilie investiert.

Ein Teil des Werts des Wohnungs-Hebels bestimmt sich durch die Hebel, die dadurch erreichbar werden, was das Fulcrum des Hauswerts – ähnlich wie die Abhängigkeiten des Unternehmens – erweitert/stabilisiert. Die Abhängigkeiten des Hauswertes bestehen nicht nur aus funktionierender Anbindung an Wasserleitungen und Strom, sondern es addieren sich auch die „erreichbaren“ Infrastrukturen drumrum.

Eine Investition in ein Haus ist also immer schon mehr als eine Investition in das Haus ansich, sondern auch in die Gegend und das heißt ganz oft in die „öffentlich finanzierten Infrastrukturen“, nur dass das Geld da nie ankommt, sondern beim verkaufenden oder vermietenden Kapitalisten landet.

Im Kapitalismus ist es egal, wer den Wert schafft, wichtig ist, wer die Hebel zur Abschöpfung hat.

Und ist es nicht witzig, wie all das, was wir als Fulcrum identifizieren und beschreiben, ziemlich Deckungsgleich mit dem ist, was in der klassischen Ökonomie als „Externalität“ verdrängt wird. Turns out: Die „Externalität“ ist das, worum es geht.

„Der Markt“ ist wie die Oberfläche eines Sees der hunderte Meter tief ist und deren Oberflächenphänomene vollkommen durch die Ereignisse unter Wasser determiniert sind. Die  (Neo-)Klassische Ökonomie fordert uns auf, unsere Aufmerksamkeit den Oberflächenphänomen zu widmen. Doch folgen wir den Infrastrukturen, tauchen ein ins Wasser, stoßen wir auf Fulcren, auf Fulcren von Fulcren, aber alle enden in Schmerzmühlen der Oiligarchen an den Engstellen der Wertflüsse.

Hier meine These: Die klassische Ökonomie ist unterparametrisiert, weil ihre Aufgabe ist, Macht zu verschleiern.

Der Kredit

Der Kredit ist für den Einen eine leveragebare Zukunftserwartung, für den Anderen ein Pfadzwang und zusammen ergeben die beiden Perspektiven die Pumpe des Wert-Pneumatik-Systems, das den ganzen Laden am Laufen hält.

Aus Usersicht ist der Kredit ein Pfadzwang, in den man sich begibt, um eine oder viele Pfadgelegenheiten nehmen zu können, an die man ohne Kredit nicht rankäme. Der Pfadzwang formuliert eine Rückzahlungserwartung + Zinsen über eine festgelegte Zeit und erzeugt beim User somit einen verbindlichen Margenerwirtschaftungszwang.

Der Kredit ist die Pumpe des pneumatischen Geldsystems, die einen ständigen Unterdruck im Netzwerk erzeugt, der die ganzen Wert-Ketten bis zur letzten Schraube antreibt und der Zins schreibt das im Netzwerk jeweils lokal erwartete Wachstum vor, setzt ihm eine Mindesthürde, die es zu überwinden gilt und der Leitzins macht das mit der gesamten Ökonomie.

Der Bäcker backt nicht (nur) wegen seinem „Unternehmergeist“ und seiner Liebe zum Brot, sondern weil sein Kredit für den Ofen Unterdruck erzeugt hat, der gefüllt werden muss. Die Arbeiterin arbeitet nicht wegen Fleiß, sondern weil ihr Mietvertrag und ihr Konsumentenkredit Unterdruck erzeugen, der für sie nur durch Lohnarbeit bedient werden kann.

Das heißt, die Effekte eines Kredits im Netzwerk sind immer lokal. Jeder Kredit erzeugt einen Unterdruck in einem spezifischen Pfadgelegenheits-Graphen und seinen Wertpfaden und sorgt dort für Cashflüsse. Das heißt aich: Ein Hauskredit erzeugt einen anderen Unterdruck-Graphen, als ein Unternehmenskredit, als ein Konsum-Kredit, als ein Staatskredit, als ein Kredit für eine geleveragte Finanzwette, usw.

Aus der Sicht der Bank ist ein Kredit eine materiell durchsetzbare Erwartung an die Zukunft und damit beleihbar. Die Details der Erwartung werden in den Verträgen geklärt, aber interessant sind die stabilisierenden Fulcren [F5], die diese Hebelaktion absichern. Da sind zunächst natürlich die hinterlegten Sicherheiten, die man im Notfall verkaufen kann, sofern welche hinterlegt wurden, der Notausgang. Dazu gibt es eigene Enforcement-Infrastruktur, ein Legal Team, Mahnungsmanagement, usw. das aber wiederum auf einem noch viel zentraleren stablisierenden Fulcrum operiert, dem Rechtssystem, das wiederum auf dem Fulcrum des Gewaltmonopol des Staates hebelt.

Und hier, wie es funktioniert: Die Bank schöpft Geld, indem sie die Schuld des Schuldners als eigenes Asset verbucht. Dieser Eintrag in eine Datenbank erzeugt Geld, dass der Schuldner nun abrufen kann, um die Dinge damit zu tun, die er damit tun will.

Der Kapitalismus ist eine Maschine, die sich Kredit um Kredit in die Zukunft schiebt, indem sie überall im Netzwerk leveragebare Zukunftserwartungen setzt, denen sich alle anderen bemühen, hinterherzukommen.

Jeder Kredit öffnet ein Ventil und erzeugt Unterdruck. Geld ist das Medium, das durch diesen Unterdruck im System zirkuliert – immer entgegengesetzt zum Luftzug. Cash ist der konkrete Druckausgleich – das Weitergeben des Unterdrucks an die nächste Stelle im Netzwerk. Jede Transaktion ist ein Druckausgleich, der den Unterdruck einen Knoten weiterreicht.

Kredit erzeugt Geld, erzeugt Unterdruck, der durch Cashflows ausgeglichen wird. Eine Insolvenz und damit die Unfähigkeit, Kredite zu bezahlen ist nicht ein individuelles Ereignis, sondern eine Verstopfung im System, weswegen große Insolvenzverfahren oft zur Stabilisierung des Gesamtsystems vom Staat und umliegenden Branchenteilnehmer*innen mit äußerster Vorsicht abgewickelt werden.

Quantitative Easing

Quantitative Easing ist, wenn der Staat ganz viele seiner eigenen Staatsanleihen ankauft, um Geld in das System zu pumpen. In der Finanzkrise 2008 wurde es eingesetzt, um die Liquidität der Banken wieder herzustellen und während der Corona Pandemie, um die erwarteten Cashflows des Gesamtsystems zu stabilisieren, während die Pfadgelegenheiten zum Halt kamen.

Doch QE ist ist kein Gießkannenverfahren, sondern ein topologisch hochspezifischer Eingriff in ein enges Rohrnetz.

Staatsanleihen können nicht von jedem gekauft werden. Der primäre Markt – also der direkte Kauf bei Emission – ist auf eine sehr kleine Gruppe von „Primary Dealers“ beschränkt. In den USA sind das etwa 25 Banken, darunter Goldman Sachs, JP Morgan, Deutsche Bank, Barclays. Diese Banken haben das exklusive zugriffliche Fulcrum [F1] auf den primären Staatsanleihemarkt.

Das bedeutet: Wenn die Fed QE betreibt und Staatsanleihen kauft, kauft sie sie von diesen Banken – oder von Akteuren, die sie von diesen Banken gekauft haben. Der frisch erzeugte Druck landet zuerst und direkt in den Bilanzen dieser 25 Institutionen und von dort verteilt sich der Unterdruck pfadabhängig Weiter.

Die Primary Dealers haben nun Zentralbankgeld in der Bilanz und müssen es irgendwo anlegen. Sie suchen nach Rendite – also nach Margenpfaden. In einem Niedrigzinsumfeld sind das keine Anleihen mehr, sondern Aktien, Immobilien, Private Equity, Rohstoffe. Das Zentralbankgeld fließt in Assetmärkte und treibt dort die Preise – nicht weil mehr Nutzen entsteht, sondern weil mehr Druck auf dieselben Fulcren trifft (siehe unten: Inflation).

Der zweite Pfad ist Repo-Markt und Interbankenkredit. Die Banken verleihen das Zentralbankgeld untereinander oder als Sicherheit im Repo-Markt. Es zirkuliert im Interbankenrohr, erzeugt dort Liquidität, aber verlässt dieses Rohr kaum. Es versickert im Finanzsystem selbst, ohne je in die Realwirtschaft überzugehen.

Der dritte Pfad ist Aktienrückkäufe. Große Unternehmen nehmen günstige Kredite auf – die durch das billige Zentralbankgeld möglich werden – und kaufen damit eigene Aktien zurück. Das erhöht den Aktienkurs, erhöht die Boni der Manager, erhöht das Vermögen der Aktionäre. Kein Nutzenereignis, keine Investition, keine Lohnerhöhung – nur Umverteilung von zukünftigem Unterdruckpotential in gegenwärtige Assetpreise.

Natürlich kommt auch Geld in der Realwirtschaft an, aber das meiste ist in den Portfolios der Superreichen hängengeblieben und erzeugt lediglich Assetinflation.

Der entscheidende Punkt ist topologischer Natur. Das Rohr zwischen Finanzsystem und Realwirtschaft ist strukturell eng. Es führt über Unternehmenskredite und Hypotheken – also über die Bereitschaft und Fähigkeit von Unternehmen und Haushalten, neuen Unterdruck aufzunehmen.

Aber in einer Situation, in der QE betrieben wird – also nach einem Crash oder in einer Stagnation – ist genau diese Bereitschaft gering. Unternehmen investieren nicht, weil die Nachfrage fehlt. Haushalte nehmen keine Kredite auf, weil ihre Fulcren bereits überlastet sind. Das Rohr in die Realwirtschaft ist nicht durch mangelnden Druck verstopft, sondern durch mangelnde Aufnahmekapazität auf der anderen Seite.

Wenn in einem spezifischen Wertpfad mehr Unterdruck erzeugt wird als dieser Pfad an Marge zu leisten vermag, entlädt sich der überschüssige Unterdruck als lokale Preissteigerung.

Das erklärt, warum Inflation selten gleichmäßig ist. Immobilienpreise explodieren, während Lebensmittelpreise stabil bleiben. Gebrauchtwagenpreise steigen ins Absurde, während Industrieprodukte billiger werden, all das ist Ausdruck lokal-topologischer Druckverteilungsprobleme.

Der Wertpfad „Wohnen“ hat seit den 1990ern massiv mehr Kreditunterdruck erhalten – durch Deregulierung, durch Niedrigzinsen, durch steuerliche Anreize – als er an realen Nutzenereignissen und Margenpfaden aufnehmen konnte. Die Differenz entlud sich als Assetpreisinflation. Nicht weil Häuser plötzlich nützlicher wurden, sondern weil der lokale Unterdruck die lokale Margenerzeugungskapazität überstieg.

Die Superreichen haben sich also mit QE einen ordentlichen Schluck aus unserer Pulle genommen. Erst wird ihnen Arsch gerettet, dann werden sie mit Geld überschüttet, das all ihre Assets aufgewertet hat und mit dem sie jetzt noch mehr Marge aus uns pressen und noch offensichtlicher die Politik beeinflussen, etc. Und das alles mit dem Geld, das wir ihnen jetzt via Haushaltsdefizit kollektiv schulden.

Teil III: Die „Realwirtschaft“

Die „Realwirtschaft“ agiert zwar nicht unabhängig von der Finanzwelt aber ist mit ihr über nur wenige, aber netzwerkzentrale Kopplungen verbunden. Sie ist besser beschrieben, als ein Netzwerk aus materiellen Infrastrukturen und unseren Nutzens- und Werterwartungen daran. Denn auch wir hebeln täglich Konsumentenmarge aus unseren Pfadgelegenheiten und schlürfen dabei den Wert aus den Fulcren.

Dabei ist zu beachten, dass auch materielle Infrastrukturen „beliehene“ Fulcren [F7] sind, sie operieren also ebenso im Raum der Erwartungen und Erwartungserwartungen, wie ich im Fulcrums-Explainer anhand der Verbreitung des Linienflugs zeige.

Wir erwarten, dass der Hebel/die Pfadgelegenheit funktioniert (die Straße befahrbar ist, meine Überweisungen ankommen, der Server erreichbar ist) nicht (nur) weil es unseren eigenen Erfahrungen entspricht, sondern auch weil es eine „allgemeine Erwartung“ ist, die sich bei genauerem Hinsehen immer als eine konkret aquirierte Erwartung von anderen herausstellt, die wir uns angewöhnt haben, zu beleihen, weil uns die Realität (noch) keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat, bzw. andersrum: jede unserer Erfahrung einer geglückten Hebelaktion re-inforced die Wertzuschreibung, die wir andernorts aquirierten.

Q-Function ist sozial.

Dass Pfadgelegenheiten gesellschaftlich für „einiger maßen sicher“ befundene Infrastruktur sind, kann man gut am Adaptionsprozess neuer Pfadgelenheiten beobachten.

Als die Pfadgelegenheit „Linienflug“ eingeführt wurde, musste das Vertrauen in diese Infrastruktur erst mühsam durch die Gesellschaft perkulieren. Das dauerte bis alle irgendjemand kannten „der schon mal geflogen ist“. So akkumuliert sich investiertes Vertrauen in Infrastruktur und diese Erwartungsstabilität ist das Fulcrum, das den Linienflüge im heutigen Maßstab ermöglicht.

Der Mensch

Jeder Mensch hat ein Fulcrum, also notwendige Vorbedingungen des Überlebens, die regelmäßig aktualisiert werden müssen.

Das macht den Menschen von Anfang abhängig von anderen, bzw. einen wachsenden Infrastrukturpark an bereitgestellten Überlebenspfadgelegenheiten. Und hier ist der Kern des Kapitalismus bereits formuliert: Alle Hebel hebeln auf dem Fulcrum des Überlebenswillen von sich selbst und anderen.

Das heißt: Die Reproduktionsnotwendigkeit des menschlichen Körpers ist ein zentrales, stabilisierendes Fulcrum [F5] der gesamten Erwartungskette – sie „erdet“ das Modell in etwas Materiellem, das nicht wegerwartbar ist: Schmerz.

Macht konzentriert sich deswegen strukturell „nah am Menschen“, an den Engstellen zwischen diesem körperlichen Basalfulcrum und den Pfadgelegenheiten, die es regenerieren. Wohnen, Nahrung, Energie, Gesundheit – wer dort Netzwerkzentralität hat, hebelt die härteste Marge, weil das Kontaktzonen-Fulcrum des Gegenübers am wenigsten verhandelbar ist. Das erklärt auch, warum Vermieter, Energiekonzerne und Lebensmitteloligopole so stabile Margen haben – sie sitzen auf dem kürzesten Pfad zum härtesten Fulcrum.

Gleichzeitig ist das der wesentliche Grund, warum das leveragen von Arbeitshandlungen anderer so lukrativ ist: Die Arbeitenden haben im Gegensatz zum Kapitalisten keinen Exit in der Verhandlung. Der Kapitalist sucht nur eine neue Mitarbeiterin, die „Mitarbeiterin“ sucht nach Pfaden, ihr Fulcrum zu reaktualisieren.

Jeder Mensch ist ein Pfad in der Infrastruktur. Er hat eine Vergangenheit (Pfadabhängigkeiten) und eine projizierte Gegenwart (Pfadgelegenheiten) und eine antizipierte Zukunft (Pläne) und navigiert so – Schritt für Schritt durch sein Leben.

Jeder Mensch hat deswegen eine Perspektive und in dieser Perspektive entsteht bei jedem Nehmen einer Pfadgelegenheit/jeder Nutzung eines Hebels auf ein Fulcrum eine „Nutzenerfahrung“, die Eingebettet ist in die erwarteten Werterwartungen anderer.

Der Haushalt

Der Haushalt ist das Kontaktzonen-Fulcrum [F4] der Menschreaktualisierungshebel. Der Haushalt ist selbst wieder abhängig von einem ganzen Fulcrumsstrauß, aber als zugriffliches Fulcrum der Menschen für ihr Leben, nimmt er in vielen Leben die materielle Netzwerkzentralität ein, die „Base“, von der alle anderen Pfadgelegenheiten starten. Diese „Base“ dient – ob bewusst oder nicht – als stablisierendes Fulcrum [5] für fast alle anderen unserer Hebelaktionen. Das merkt man oft erst, wenn die eigene Wohnungssituation bedroht/unsicher ist. So ein Zustand nimmt einem eine Grundsicherheit in allem, was man tut.

Haushaltsführung (Ökonomie) ist wie jede andere Fulcrums-Maintenance das Management von Abhängigkeiten. Das äußert sich in einem regelmäßigen Auffüllen des Kühlschranks, des rechtzeitigen Bestellens des Futters für den Hund oder einfach Fensterputzen. Aber auf einen Großteil unserer Abhängigkeiten haben wir keinen Einfluss. Wenn die Stadt die Straße nicht repariert, wenn der Strom ausfällt, wenn der Arbeitsmarkt wegbricht, oder der Staat, in dem du lebst, faschistisch wird, dann hilft kein individuellles Management von Abhängigkeiten mehr, dann braucht es soziale Organisation.

Das Ökosystem

Jeder Mensch wohnt auf einer Erde und ist von einer stabilen Umlaufbahn des Planeten um die Sonne abhängig, sowie von der Erdanziehung, den Gesteinsschichten, einem fruchtbaren Boden und dem Ökosystem, dass es aufrechterhält, sowie von einer Stabilität und Berechenbarkeit des Klimas und der Ökosysteme der Meere.

Jede unserer Handlungen leveraged immer auch das gesamte Ökosystem und dessen Stabilität als verdrängtes, stabilisierendes Fulcrum der Wette auf ein gemeinschaftliches Portfolio. [F3, F5, F6, F7].

Care

Ein Großteil des Wertflusses in der Ökonomie ist nicht mit einer Transaktion behaftet, sondern geschieht „freiwillig“ und unbezahlt. Aus Liebe, oder weil es halt gemacht werden muss, denn sonst tut es ja keiner. Diese Form der Fulcrumsaktualisierung nennen wir Care.

Feministische Theorien der Ökonomie haben seit jeher darauf hingewiesen, dass Wirtschaftsbeschreibungen von privilegierten Männern den Care Bereich gerne systematisch ausblenden.

Zur Verteidigung: Care ist deswegen in beinahe allen ökonomischen Theorien ein übersehener Riese, weil ihn seine Transaktionslosigkeit als Machteffekt aus der Wahrnehmung über Zahlen schubst. Es ist das alte Problem, dass man seinen Schlüssel unter der Laterne sucht, obwohl man ihn wo anders im Dunkeln verloren hat, aber da kann man ja nicht suchen?

Liberale Theorien der Wirtschaft blenden das Care-Fulcrum der Hebel aus, die sie beschreiben und auch der Marxismus macht da keine Ausnahme, wie ich in Krasse Links No 57 schreibe.

Ich bin mir auch deswegen so sicher, dass der Marxismus eine liberale Theorie ist, weil er ein zentrales Wesensmerkmal des Liberalismus geerbt hat, nämlich die Infrastrukturvergessenheit. Indem Marx die Wertschöpfung der Gesellschaft ausschließlich in der Produktion suchte, übersah er den Großteil der Wertschöpfung, der sich komplett jenseits von Fabriken, Maschinen und Tauschwerten abspielt, nämlich zu hause, in der Waschküche, der Schule, beim Kinderfüttern und Erziehen.

So ging das weiter: Liberale Infrastrukturvergessenheit gegenüber kolonialen Abhängigkeiten, Infrastrukturvergessenheit gegenüber ökologischen Abhängigkeiten, Infrastrukturvergessenheit gegenüber semantischen Abhängigkeiten („KI“), etc.

Die Unsichtbarkeit von Care ist ein Resultat ihrer Erwartbarkeit. Alles was „erwartbar“ ist, wird automatisch zum stablisierenden Fulcrum [F5] und damit zum verbuchten und gesellschaftlich beliehenen Fulcrum [F7] bald danach zum verdrängten Fulcrum [F6].

Mit jeder Hebelhandlung leveraged du einige tausend Stunden unbezahlter Carearbeit, denn Care ist, wie die Ökologie das stablisiernde, aber verdrängte und gesellschaftlich beliehene Fulcrum [F5-7] aller kapitalistischen Hebelhandlungen.

Landwirtschaft

Einer der untersten Wertpfade kommt aus dem Boden. Es ist der Erneuerungskreislauf der Natur (Stickstoffkreislauf, Kohlenstoffkreislauf, Wasserzyklus, Bestäubungsnetzwerke), von Pflanzen und Tieren, die man – aus Usersicht – essen kann.

Landwirtschaft ist der technologische Pfad, Praktiken zu entwickeln (Pflug, Züchtung, Organisation, Dünger, Haber–Bosch-Prozess, Pestizide, Genetik), um diesen Erneuerungskreislauf besser zu leveragen, das heißt: „produktiver“, erwartbarer, skalierbarer, usw. zu machen, um mehr „Marge“ daraus zu pressen (dazu später mehr).

Massentierhaltung sind Sammlungen von Techniken der relationalen Dematerialisierung (s.u.) von Tieren zu austauschbaren Fleischwuchs-Fabriken, die man dann materiell und erwartbar skalieren kann, um größere Margen daran zu hebeln.

Unternehmen wie Monsanto versuchen durch Patente auf zugriffliche Fulcren [F1] auf bestimmte genetische Reproduktions-Zyklen über das Rechtssystem zu kontrollieren, damit sie die dadurch geschaffene genetische Hegemonie [F2] und die durch sie geschaffenen Wertpfade (für bestimmte Pestizide, Dünger, etc) noch besser leveragen können.

Derweil versanden immer mehr Böden als abgeschriebene Fulcren [F9], weil der Boden landwirtschaftlich überleveraged wurde und gebrochen ist [F8] und all das trägt zum Artensterben bei. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen darüber, wie Netzwerkzental die Bestäubungspfade der Wildbienen, Fliegen und Käfer jeweils als stablisierendes Fulcrum [F5] unserer Nahrungspfade sind, aber wenn sie demnächst aussterben, werden wir es ja sehen? Yolo!

Die Organisation

Ich schlage für die „Organisation“ (also auch Unternehmen) ein Input/Output-Modell nach Pfeffer und Salancik, The External Control of Organizations: A Resource Dependence Perspective vor.

Aus dem Plattformbuch:

Ende der 1970er kam eine Wirtschaftstheorie auf, die der neoklassischen Lehre ein völlig verändertes Paradigma gegenüberstellte: die Resource Dependence Theory (RDT), auch Ressourcenabhängigkeitsansatz. Sie wurde im Wesentlichen von Jeffrey Pfeffer und Gerald R. Salancik in ihrem Buch External Control of Organizations ausformuliert. Darin zeigen sie, wie Organisationen ihre Entscheidungen in der Realität weniger auf Gewinnoptimierung ausrichten, sondern vor allem auf die Sicherung des eigenen Weiterbestehens. Den Schlüssel dafür sehen Pfeffer und Salancik wiederum in der Fähigkeit einer Organisation, “Ressourcen zu akquirieren und zu sichern“.

Bis dahin hatte sich die Wirtschaftswissenschaft darauf konzentriert, wie sich Ressourcen optimal einsetzen ließen. Doch Ressourcen sind nicht nur knapp, sondern der Zugang zu ihnen ist vor allem unsicher. Stellen wir uns einen Autobauer vor, der ein spezielles Ventilsystem in seinen Motor einsetzt, das nur von einem spezialisierten Zulieferer hergestellt wird. Passiert diesem irgendetwas, das die Lieferung des Ventilsystems unterbricht, steht sofort die ganze Produktion still, und das Unternehmen gerät vielleicht sogar in existentielle Gefahr. Wichtiger als kostengünstige Ressourcen ist also ein zuverlässiger Zugang zu Ressourcen.

Um die Existenz der Organisation zu gewährleisten, muss daher immer erst der Ressourcenzugang hergestellt und gesichert werden, wobei Ressourcen alles sein können: Rohstoffe, Vorprodukte, qualifizierte Mitarbeiter*innen, Liquidität, politischer Rückhalt, öffentliche Wahrnehmung, Markt- und Kundenzugang. Mit anderen Worten: Jede Organisation muss mit ihrer Umwelt in vielerlei Abhängigkeitsbeziehungen treten, und das Management dieser Abhängigkeitsbeziehungen bestimmt ganz wesentlich die Struktur der Organisation. „Organisationen sind weniger konkrete soziale Entitäten als vielmehr ein Prozess zur Organisation von hinreichender Unterstützung, um die eigene Existenz fortzuschreiben“, so Pfeffer und Salancik. Und so können beiden belegen, dass diejenigen die wichtigsten und oft bestbezahlten Funktionen in einer Organisation besetzen, die sich als fähig erweisen, die entscheidenden Ressourcen zu sichern und Abhängigkeiten zu reduzieren.

 

Jede Organisation ist ein materiell semantischer Komplex und braucht ein Fulcrum um seine Handlungen zu reproduzieren und d.h. es muss zuallerst sich selbst reproduzieren und deswegen können wir auch für das „Unternehmen“ verallgemeinern:

  • Ein Unternehmen kann, muss aber nicht Profitmaximierung als oberstes Prinzip verfolgen: Reproduktionsnotwendigkeit steht für gewöhnlich an oberster erster Stelle (Ausnahmen sind „Private Equity Firmen“, die die Reproduktion der Struktur systematisch hinter das Profitmotiv stellen).
  • Wenn ein Unternehmen also „negative Marge“ macht, wird es das als entweder temporär als Hebel nutzen, um ein anderes strategisches Ziel zu verfolgen, oder aber versuchen, die Margen wieder ins positive zu wenden, bevor das Fulcrum des Cashflows bricht.

Im Grunde ist der ganze Explainer eine ausgefaltete RDT als Netzwerkmodell der Wirtschaft.

Die materielle Struktur der Organisation erlaubt es Ressourcen- und Informationsflüsse zu zentralisieren, Prozesse zu standardisieren, Erwartungen zu stablisieren, das Management zu bürokratisieren und so enorme Transaktionskosten zu sparen.

Nutzen/Wert

In Krasse Links No 73 formulierte ich meine Erkenntnisse zu Nutzen und Wert.

Genau deswegen halte ich es für so wichtig, sich Wirtschaft als Abhängigkeitsnetzwerk vorzustellen. Produkte, Services oder Ressourcen haben keinen Wert ansich, durch sie fließt Wert/Nutzen. „Nutzen“ empfinden wir in dem kurzen Moment, bei dem aus einer Sache, in Kombination unseres infrastrukturellen Kontextes und aus unserer jeweiligen Perspektive eine „Pfadgelegenheit“ entsteht.

Ich „will“ nicht diesen Schraubenzieher, ich will, dass die Spühlmaschine wieder läuft, damit ich meinen Abwasch machen kann, damit ich morgen aus dem Haus kann, ohne mir Gedanken zu machen, um dann auf die Arbeit zu fahren, um Geld zu verdienen, um mir einen Schraubenzieher kaufen zu können.

„Wert“ ist ganz grob gesprochen die Summe des erwarteten Nutzens einer Sache für jemandem in seinem spezifischen materiellen Kontext und seinem spezfischen semantischen Kontext – mit seinem spezifischen Wissen, seiner spezifischen kulturellen Prägung, seinen spezifischen Plänen, etc. Auf das Dividuum runtergebrochen ist es also eine Aggregation über alle von der Sache erwarteten Pfadgelegenheiten hinweg, geteilt durch die Pfadalternativen + 1. Das rechnet man natürlich nicht im Kopf aus, sondern imaginiert es, bis man es durch den Schmerz ihres Fehlens erfährt.


(Wir kennen die Formel bereits als unvollendete Plattformmachtformel und ich denke, sie passt ganz prima auf den „Wert“ von Dingen. Wert ist die Macht, die eine Sache über uns hat.)

Die Sache und damit ein Großteil des „Wert/Nutzen“ entsteht in einem anderen Netzwerk, den Pfad der Produktion, und dort über die gesamten dafür notwendigen Infrastrukturen hinweg, die den Schraubenzieher möglich und in der konkreten Situation nützlich machen und das inkludiert die lockere Schraube in der Spülmaschine, den Baumarkt, wo ich den Schraubenzieher gekauft habe, aber auch den Hersteller, den Zulieferer und deren Arbeiter*innen und deren Familienmitglieder, die den Haushalt schmeißen, ihre Wohnungen und ihren Warenkorb zum sattwerden, das Land, auf dem die Fabrik steht und das Land aus dem die nötigen Bodenschätze kommen und natürlich das Ökosystem, in dem all das eingebettet ist.

Aber dieses Netzwerk ist hierarchisch. Netzwerkknoten die weit unten liegen und sich schwer ersetzen lassen, haben einen überproportionalen Effekt auf alle nachgelagerten Pfadgelegenheiten. Wenn Energie teurer wird, ist die Übergangswahrscheinlichkeit auf andere Sektoren groß, denn Wohnen, die Produktion von Lebensmitteln und den ganze Rest der Pfadgelegenheiten ist stark von Energieflüssen abhängig. Dasselbe gilt etwas abgeschwächt für Lebensmittel und Wohnen. Werden die Grundbedürfnisse der Menschen teurer wird ihre Arbeit teurer, oder – wie es eigentlich läuft: Arbeiter*innen werden ärmer.

Durch die Integration der Formel in die Hebel:Fulcrums-Mechanik können wir γ als Q-Function identifizieren und diese Q-Function besteht aus einem Hebel und einem Fulcrum. Der Hebel ist der Pfadwert, wie wir ihn besprochen haben, aber das Fulcrum, auf dem er hebelt ist die Übergangswahrscheinlichkeit, mit der der Wert eingelöst wird.

γ = Q-Function(p x U)

Wobei „p“ die Übergangswahrscheinlichkeit und „U“ der angenommene Wert des angenommenen Nutzenpfads ist und U der Bellman-Wert (s.u.) des angenommenen Pfades ist.

Gegencheck: Adam Smith‘ Diamant–Wasser-Paradoxon

In „The Wealth of Nations“ formuliert Adam Smith das Wertproblem anhand eines Vergleichs zwischen Wasser und Diamanten.

Nothing is more useful than water: but it will purchase scarcely anything; scarcely anything can be had in exchange for it. A diamond, on the contrary, has scarcely any use-value; but a very great quantity of other goods may frequently be had in exchange for it.

Alle Schulen, die eine Wirtschaftstheorie formulierten, versuchten sich an diesem Paradox, die Klassiker selbst (Smith, Ricardo), Marginalisten (Carl Menger, Jevons), Marx und außerdem Hayek und viele andere. Mich hat bisher keine überzeugt.

Hier ist die Antwort der Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Wert ist perspektivisch und situativ.

Das heißt, mit unserer Wertformel lassen sich unterschiedliche relational materielle Szenarien zeichnen und darin Perspektiven formulieren.

Die Perspektive, die wir kennen: Wasser (eine konkrete Wasserquelle) hat für uns deswegen keinen großen „Wert“, weil die Pfadalternativen vielfältig sind und sich – Perspektive des Kapitalisten: dieses Fulcrum nicht „hart“ genug ist, um sich ordentlich leveragen zu lassen.

Der Science Fiction Film „Mad Max: Fury Road“ von 2015 zeigt eine Welt, in der Wasser als knappe Ressource (neben Benzin) für Macht leveragebar wird. Wenn es gelingt, das zugriffliche Fulcrum [F1] für Wasser zu kontrollieren, wird Wasser kostbarer als jeder Diamant. Fällt die Übergangswahrscheinlichkeit (p) der Pfadalternativen gen 0, ist man gefangen, denn die Fulcrumsabhängigkeit der Menschen von Wasser ist nicht bypassbar. Stellt man sich den Zufluss von Wasser im Wertpfad vor, dann bedeutet ein Abschneiden dieses Pfades über kurz oder lang das Abschneiden aller Pfadgelegenheiten. Ende. Der ultimative Preis.

Und das ist keine Fiktion. Schon heute leveragen große Unternehmen den Zugang zu Wasser in vielen Teilen der Welt. Die Tatsache, dass wir in weiten Teilen Deutschlands das Wasser aus der Leitung trinken können ist keine Selbstverständlichkeit. Wir hatten Glück, dass unser Wassersystem geplant und entworfen wurde, als der Neoliberalismus noch nicht erfunden war und die Vorzüge „öffentlicher Güter“ noch bekannt. Der Grund, warum wir für diese Pfadgelegenheit keine Margen an Oligarchen zahlen (müssen), ist der billige und allgegenwärtige „Exit“ des Wasserhahns. Gäbe es ihn nicht, wäre das Kontaktzonen-Fulcrum [F4] der Abhängigkeitsbeziehungen stabil genug, um auch hier ordentlich Marge zu hebeln.

Es wäre aufwändig, aber technisch trivial und durchaus leistbar, überall in der Welt eine Wasserinfrastruktur für trinkbares Wasser zu bauen und mit Kontrollhebeln eine sichere Wasserqualität aufrecht zu erhalten, die jeden erreicht. Aber wenn man in den entsprechenden Länder schaut, ergibt sich ein anderes Problem: Haben sich die drei Oligarchen im Trenchcoat (s.u.) aka „der Markt“ erstmal am zugrifflichen Fulcrum einer so netzwerkzentalen Ressource eingenistet, ist es politisch schwierig bis unmöglich sie wieder loszuwerden, weil sie den gewonnen gesellschaftlichen Einfluss und ihre gehebelte Marge dazu nutzen, die Politik genau davon abzubringen.

Auf der anderen Seite zeugt es von einer Ignoranz gesellschaftlicher Verhältnisse, zu behaupten Diamanten hätten kein „use-value“. Der Pfadwert des Diamanten (U) berechnet sich nicht nur aus seiner Materialität, sondern aus den Pfaden, die er eröffnet. Ein Diamant hat in bestimmten Kontexten einen enormen semantischen Pfadgelegenheitswert und eröffnet in bestimmten Kreisen Pfade zu Heiraten, Anerkennung und Statusgewinnen. Das Besondere des Diamanten (ähnlich wie bei Gold und anderen Statusprodukten), ist, dass die Knappheit (struktureller Mangel an Pfadalternativen) auf den Wertpfad positiv einzahlt, weil er das zugriffliche Fulcrum [F1] preislich auf eine Ebene hebt, die eine „soziale Exklusion“ und damit eine semantische „Distiktion“ im Netz der Erwartungserwartungen zu kommunizieren erlaubt.

Konsum

Es gibt viele unterschiedliche Arten von Pfadgelegenheiten, aber zwei der wichtigsten sind die Onramp und die Offramp. Die Onramp etabliert eine habituelle Hebelnutzung, die Offramp gewöhnt sie sich ab. Die Offramp kann abrupt kommen, wenn die Infrastruktur nicht mehr verfügbar ist, aber ansonsten braucht sie eine Pfadalternative als Argument: d.h. einen inszenierten Pfad ohne, bzw. mit subsituierendem Pfad.

Die Pfadgelegenheit „aktualisiert“ sich nun auf zwei Arten: Dem horizontalen Nutzenpfad (immer wenn ich die Pfadgelegenheit nutze, aktualisiert sich das Nutzenportfolio U) und dem vertikalen Wertpfad (immer wenn die Pfadgelegenheit erneuert werden muss, aktualisiert sich der Wert, der das Nutzenportfolio stabilisiert, also p). Am einfachsten ist es mit der Zahnpasta, die ich in regelmäßigen Abstände kaufe und in noch regelmäßigen Abständen nutze, aber das gilt auch für den Gehweg vor meinem Haus, oder für den Computer, mit dem ich das hier schreibe, oder die Demokratie, die unter unseren Füßen zusammenbricht, weil sie so lange nicht mehr erneuert wurde.

Der Hebel besorgt den Nutzen, das Fulcrum besorgt den Wert. Der Wertfluss aus den Lieferketten, Fabriken, Fließbändern und Händen stabilisiert den Wert der Pfadgelegenheit auf der einen Seite und produziert Reproduktionskosten auf der anderen.

Man könnte meinen der Wertpfad ist hier zu ende, aber hier kommt erst das wichtigste: Der Wert wird nicht in der Arbeit produziert, sondern im Konsum: in der Nutzenaktualisierung wird der Wert erst hergestellt. Der tatsächliche Wert entsteht nicht im Arbeitsinput, sondern am Konsumoutput.

Der subjektive Wert einer Pfadgelegenheit ist der Wertpfad aus all den Pfadgelegenheiten, die ich in ihm sehe. Und der Wertpfad, der unten an ihn anschließt wird von dem Wertpfad oben „angesaugt“. Die Aktualisierung des Wertpfades ist dennoch wichtig, denn sonst ist die Pfadgelegenheit pfutsch. Und der ganze Wertpfad besteht, bei genauerer Betrachtung auf jeder Ebene ebenfalls aus Nutzenereignissen von Hebeln, die für die materielle Aktualisierung meiner Pfadgelgenheit ungelegt werden mussten.

Der „Wert“ entsteht im Nutzen, bzw. er besteht aus „erwartetem Nutzen“, aber jeder erwartete Nutzen U erzeugt eine Aktualisierungsnotwendigkeit auf der p-Ebene. Diese Aktualisierungsnotwendigkeit aqiuriert Wert aus dem Fulcrum (saugt), das diesen Wert auf jeder seiner Ebenen wieder durch Nutzenereignisse herstellt, die selbst wieder Wert aus unteren Layern saugt und so weiter.

Wert ist keine Substanz die „in“ Dingen steckt, sondern ein Erwartungsgradient, der durch antizipierte Nutzenereignisse aufgespannt wird – und dieser Gradient erzeugt einen Sog durch die gesamte Produktionskette (vermittelt durch Geld), der sich auf jeder Ebene als Ansammlung lokaler Nutzenereignisse realisiert.

Für Marxist*innen: Man kann einen einfachen Test machen: Würde sich sonst nichts ändern, aber die Arbeitenden würden alle 10 % mehr arbeiten, würde dann mehr Wert „produziert“?

Ich würde behaupten: nur dann, wenn die zusätzlichen Arbeitsergebnisse auch genutzt werden.

Würden hingegen die Nutzenden, eine sonst gleiche Infrastruktur um 10 % mehr nutzen, würde ich behaupten, dass 10% an zusätzlichem Wert in der Welt wäre.

„Wert“ entsteht nicht materiell, sondern entspringt immer dividuellen Perspektiven und bleibt daran gekoppelt. Deswegen kann ein von Arbeit unberührter Wald wertvoll sein und ein Haufen 4 Jahre alter Nvidea-Grafikkarten nicht.

Der relationale Materialismus behauptet eine Pull-Theorie des Werts statt der Push-Theorie, wie der Marxismus.

Die Differenz von „Wert“ und seinen Aktualisierungskosten nennen wir die „Konsumentenmarge“.

Und ja, das heißt, wir alle sind „Sucker“.

Nachfrage und Preise

Der Nutzen der Dividuen schlürft an den Werthamlen und die Aktualisierungskosten sind die notwendige Saugstärke, die dafür aufgebracht werden muss.

Die nötige Saugstärke, die der Nutzenfluss erfordert, wird von den Oligarchen durch die „Preise“ kontrolliert. Aus Sicht des Kapitalisten sieht die Sache so aus:

Die Kapitalistenmarge ist die Differenz zwischen Input-Kosten und leveragebarer aggregierter Saugstärke.

Wie weit man die die Marge ausweiten kann, zeigen Erfahrungen, aber Modelle eher schlecht, weil sie das Problem nicht verstehen. Aber weil auch Kapitalisten Dividuen sind, orientieren sich die Preise meist an den Preisen der Wettbewerber.

Ich folge damit einer Beobachtung des politischen Ökonomen Frederic S. Lee, der einfach hingegangen ist und nachgefragt hat, wie Preise gesetzt werden. In Krasse Links No 21 hatte ich sein Werk besprochen.

Eine der zentralen Streitfragen in der Ökonomie kreist um die Frage, wie Preise entstehen. Marx sah im Preis den Tauschwert abgebildet, der wiederum die in der Ware enthalte Arbeitsleistung repräsentiere. Die klassischen Ökonom*innen sehen dagegen den Preis als Ergebnis des dynamischen Sich-Verhaltens von Nachfrage und Angebot. Angebot ist klar, aber die Nachfragekurve definiert sich dabei als der aufaddierte „Marginalnutzen“ den Konsument*innen aus der Ware ziehen, wobei „Marginalnutzen“ die Tatsache abbilden soll, dass das dritte Eis in Folge weniger Spaß macht, als das erste, usw.

Diese unnötig komplizierten (und nebenbei empirisch unüberprüfbaren) Theorien entkräftete Lee, indem er einfach mal nachgefragt hat. Im direkten Widerspruch zum neoklassischen Modell, bei dem der Preis jederzeit in der Aushandlung ist und den Anbietern als definitives Signal gilt, an dem sie ihre Preisgestaltung orientieren, werden Preise in der Realwelt von Menschen gesetzt und haben eine enorme Stabilität gegenüber Änderungen von Angebot und Nachfrage. Unternehmen interessieren sich bei der Preisgestaltung recht wenig für Marginalnutzen und Nachfragekurve und nichtmal primär für Gewinn, sondern richten ihr Handeln im wesentlichen darauf aus, auch morgen noch zu existieren, weswegen die Kostendeckung natürlich Front and Center jeder Preisgestaltung ist. Und selbst bei Überlegungen, welche Marge man noch draufschlägt, sind selten Gewinnmaximierungsfragen, sondern meist strategische Überlegungen relevant. Will ich den Marktanteil vergrößern, was will ich meinen Kund*innen oder meinen Investoren signalisieren? Wann macht es Sinn sich auf einen Preiskampf einzulassen? (Überraschung: so gut wie nie).

Das Ergebnis ist Lees „Administered Prices Theory“ und die zusätzliche Beobachtung, dass Preise zwar schon auch der Kommunikation dienen, aber der Kommunikation zwischen Konkurrierenden Unternehmen. In der Realität schält sich nämlich immer ein oder zwei „Price-Leader“ heraus, an dem sich alle anderen Unternehmen orientieren.

„there is absolutely no regular relationship between variations in demand, supply, and price. Prices simply aren’t functioning as they are supposed to according to marginalist theory—changing when demand shifts, signaling what and how much agents must now buy or produce—because they have completely different purposes instead. The price mechanism that’s supposed to allocate resources in the economy isn’t distorted by imperfections, it isn’t the ideal from which reality diverges—it simply does not exist.“

Auch Kapitalisten trommeln sich mit Preisen Nachrichten zu.

Weil auch Kapitalisten keine Indviduen sind, die mit ihrer „Intelligenz“ jederzeit den „besten Preis“ kalkulieren, sondern Dividuen, die auf den Erwartungen der anderen surfen, sind Preisstablität und sozialer Orientierungssinn „eigentlich“ der Weg, wie Preise gemacht werden (Sonderfall „Finanzmarkt“).

Inflation

Wenn der durch den Kredit erzeugte Unterdruck größer ist, als die Wertpfade materiell zu leisten im Stande sind, kommt es zu Inflation.

Und here is the thing: Jede Inflation ist topologisch „lokal“, aber diese Topologien sind natürlich pfadabhängig vernetzt und über Netzwerkzentralitäten wie Energiekosten, Wohnkosten, Arbeitskosten und Lebensmittelkosten, verteilt sich der lokale Drucküberschuss schnell auf das ganze Netzwerk, wie Isabeller Weber und ihr Team in diesem Paper gezeigt hat.

We have three main findings. First, we identify a small set of essential sectors—particularly in energy (e.g., Petroleum and coal products), agriculture and food (e.g., Farms, Food and beverage products), and healthcare (e.g., Hospitals, Ambulatory care services) but also in less obvious sectors like Chemical products and to a slightly lesser extent in Housing and Wholesale trade —as the most critical points of vulnerability that can exacerbate inequality. Second, we find that there is a large overlap between the sectors that are systemically significant for inflation and those that we identify as systemically significant for inequality. Third, we show that one simultaneous shock to all systemically significant sectors in 2022 has a direct effect on inequality equivalent to nearly one year of the average annual Gini increase during the neoliberal era (1980–2021).

Wenn Kreditunterdruck in Wertpfade fließt, die reale Nutzenereignisse erzeugen können – Produktionskapazitäten, Infrastruktur, Bildung – dann wird der Unterdruck durch echte Margenpfade absorbiert. Der Druck verteilt sich, der Wertpfad wächst mit.
Wenn Kreditunterdruck in Wertpfade fließt, die keine neuen Nutzenereignisse erzeugen – Lieferengpässe, bestehende Assetmärkte, Spekulation, Aktienrückkäufe – dann zirkuliert der Druck im selben engen Rohr und treibt dort die Preise. Der Wertpfad wächst nicht, nur der Druck steigt.

Aber weil Preise eng an die Erwartungen und Erwartungserwartungen gekoppelt sind, können sich daraus schnell weitere soziale Dynamiken entspinnen.

Schauen wir, was passiert, wenn der Kapitalist an der Preisschraube dreht: Wenn er seine angebotenen Pfadgelegenheiten ordentlich Konkurrenz haben, werden manche Konsumierenden auf Pfadalternativen switchen (Exit), wenn er keine oder wenig Konkurrenz hat, werden die Leute das „erdulden“ (Loyalty) oder sich öffentlich beschweren (Voice).

Aber meist ist die „Marktsituation“ irgendwas zwischen „Monopol“ und „kompetitivem Markt“? Und Klar treffen sich die drei Oligarchen im Trenchoat auch manchmal auf dem Golfplatz, aber die grundlegende Kommunikation zwischen ihnen passiert über die Preise, die sie setzen. Und uns einzureden, dass der Preis ein Ergebnis einer Voodooberechnung von Angebot und Nachfrage ist (sie haben ja nicht mal ein solides Modell für „Nachfrage“), ist auch eine Ablenkung von diesem Kommunikationssystem.

Und hier, was ich glaube, was nach der Covidkrise wirklich passierte: Echte Lieferengpässe ließen Beschaffungskosten steigen und damit Preise. Aber als die erwarteten Preis-Erwartungen eh durchgeschüttelt waren, also Preisteigerungserwartungen bereits erwartbar waren, leveragten einige der Oligarchen diese Preisteigerungserwartungen als Fulcrum, um ein größeres Stück Konsumentenmarge zu frühstücken.

Sie ließen sich auf ein spontanes Percushen-Konzert ein, in der sie unter wechselseitiger Beobachtung die Preise schrittweise immer wieder höher setzten, als die eigenen Beschaffungskosten stiegen.

Dieser gallopierenden Differenz ist Isabella Weber nach der Pandemie auf die Spur gekommen.

Supply shocks are now widely recognized as a driver of the recent inflation bout, but the role of firms’ pricing strategies in propagating input cost shocks remains contested. In this paper, we review the state of the academic debate over sellers’ inflation and assess whether, in line with this theory, economy-wide cost shocks have functioned as an implicit coordination mechanism for firms to hike prices. We use a dataset containing 138,962 corporate earnings call transcripts of 4,823 stock-market listed U.S. corporations from the period 2007-Q1 to 2022-Q2 to con- duct sentiment analysis via both dictionary-based natural language processing and a large language model approach. We find that large input price shocks (as well as their co-occurrence with supply constraints) correlate with positive sentiments expressed in executives’ statements about cost increases. Qualitative analysis pro- vides further insights into the reasoning behind executives’ optimism regarding their ability to turn an economy-wide cost shock into an opportunity to raise prices and protect or even increase profits.

Der Markt

Aber was ist der Markt aus „Usersicht“?

Das sind die Regale im Supermarkt, das sind Saturn und Kaufhof am Alex und das ist natürlich Amazon Marketplace, das sind die vielen anderen Internetseiten und Angebote.

„Der Markt“ ist also zunächst einmal eine künstlich hergestellte „Choice Architecture“, durch die die Kapitalisten unsere Pfade vorstrukturieren.

Aus Krasse Links No 28:

Wenn wir unter „Markt“ all die Orte und die Situationen summieren, in denen wir mit Kaufgelegenheiten in Berührung kommen, dann besteht „der Markt“ erstmal aus all den materiellen Infrastrukturen, die diese Begegnung ermöglichen. Von Verteilcentern, Lieferketten, Logistikunternehmen, Zwischenkäufer, Werbung und PR-Agenturen, etc. Schon hier entwickeln sich die ersten Netzwerkzentralitäten und spitzen das Angebot ihrer Interessenlage entsprechend zu.

Das Interface dieses „Marktes“, also das, womit wir tatsächlich interagieren: die optimierten Standorte der Discounter, die optimierten Supermarktregale, und die optimierten Dark Patterns des Amazon Such-Algorithmus kann man mit Cas Sunstein et.al. „Choice Architectures“ nennen. Weil die Leute, die „den Markt“ tatsächlich betreiben, den ganzen Bullshit vom nutzenmaximierenden Homo Oekonomicus eh nie geglaubt haben, werden diese Architekturen immer schon auf dividuelle Pfadopportunist*innen optimiert.

Hinter jeder dieser „Choice Architectures“ steckt der Wertpfad, das ausufernde Fulcrum von Lieferketten, Lager und Produktionsketten, die die „Choice Architecture“ am Leben halten und auffüllen.

Relational materiell betrachtet, ist „der Markt“ also „Drei Oligarchen im Trenchcoat“.

Und wenn man in Zeitungsartikeln oder in Papern, das Wort „Markt“ mit „Drei Oligarchen im Trenchcoat“ austauscht, dann hat man einige Aha-Erlebnisse.

Drei Oligarchen im Trenchcoat ist wie viele der Begriffe im relationalen Materialismus ein „skalenfreier Begriff“ (z.B. wie Pfadgelegenheit, Hebel:Fulcrum, Erlaubnisstruktur), d.h. er beschreibt ein Muster, keine Sache und das Muster kann in unterschiedlichen Größen; kontexten und Variationen auftreten:

Die drei Brausehersteller, die drei großen Netzbetreiber, die drei Supermarktketten in Laufnähe, die drei Großhändler, die die Supermärkte beliefern, die drei großen social Media Plattformen, die drei großen Kosmetikhersteller, etc.

Ich will mit dem Begriff nicht die grundlegende „Kompetition“ zwischen den drei Oligarchen in Frage stellen, natürlich begrenzen sie sich gegenseitig und damit ihre leveragebare Macht und hebbare Marge. Aber es wäre sozial naiv, diesen Wettbewerb allzu hoch zu hängen. Im Normalfall hat die Konkurrenz mehr einen sportlichen Vibe, wie ein Tennismatch im Country Club, bei dem man sich danach bei einem Bier in vielen Dingen ziemlich einig ist, denn im Gegensatz zu den Ökonomen*innen verstehen sie ihr Business tatsächlich und wissen daher, dass sie sich gegenseitig schaden, wenn sie sich auf einen Preiskampf einlassen.

Die Schmerzarchitektur

In Krasse Links No 28 schrieb ich:

Wert und Preis sind Semantiken, die von allerlei geteilten Wertvorstellungen beeinflusst sind und so ist es auch nicht überraschend, dass die Agency Hierarchie aus dem letzten Newsletter sich auch in den Restaurantpreisen reflektiert. Als Teil des Semantikraums bilden die Preise Gestirnskonstellationen, in der sich der Wert des einen Dings, am Wert des anderen Dings orientiert. Es ist ein Netz aus Erwartungen und auch hier bestimmt die größe der Trommel den Beat.

Freakonomics hatte einmal eine Folge zur Matratzenbubble. Mitte der 2010er sprossen überall im Land die Matratzen-Stores aus den Boden und alle Podcasts waren mit Matratzenwerbung zugequasselt und die einfache Erklärung ist, dass man mit Matratzen 50 bis 100 Protent oder sogar mehr Marge machen konnte und wahrscheinlich immer noch kann?

Völlig egal wie geil die verbaute Technologie ist, die Dinger zu produzieren ist spottbillig, aber in den Erzählungen der Kundschaft kann man für guten Schlaf halt einfach nicht genug Geld ausgeben! Und so kostet einunddieselbe Matratze manchmal von 200 bis 1000 Dollar je nachdem unter welchem „Brand“ sie firmiert.

Oligarchen bestimmen die Preise natürlich nicht beliebig. Bei unterschiedlichen Produkten ist es unterschiedlich schwierig, solche Erzählungen aufs Gleis zu trommeln, egal wieviel Geld man in PR und Marketing steckt.

Außerdem gibt es durchaus einen regulierenden Faktor: Die beiden Netzwerke der Preise und Werte sind zwar eng verwoben und beeinflussen sich wechselseitig, aber sie sind durch unterschiedliche Schmerzen an der Realität geeicht.

Das Netzwerk der Werte setzt alle Dinge ins Verhältnis zum Schmerz ihres Fehlens, das heißt zu den Netzwerkzentralitäten im Abhängigkeitsgefüge unserer Pläne (Nutzwert).
Das Netzwerk des Preises setzt alles ins Geld-Verhältnis, also am Ende des Tages zum Schmerz der verlorenen Lebenszeit, die man auf der Arbeit verbracht hat (Tauschwert).

Kapitalismus ist eine Schmerzarchitektur, die Dich ständig vor die Frage stellt, welchen der beiden Schmerzen Du eher auszuhalten bereit bist.

An dem Matratzenbeispiel merkt man, dass das eigentliche Fulcrum, auf dem die Oligarchen sind, Schmerzerwartungen sind. Nicht nur die Schmerzerwartung einer nicht vorhandenen Matratze, ist der Grund, warum Menschen viel Geld für Matratzen ausgeben. Es ist die Angst davor, für die falsche Matratze Geld auszugeben, eine Matratze, die ihnen Rückenschmerzen verursacht, die sie nicht gut schlafen lässt. Die falsche Matratze bedroht das Fulcrum des eigenen Körpers. Also: Lieber etwas mehr Geld ausgeben, für eine „gute Matratze“.

Nach der klassischen Theorie des Marktes würde sich ein Wettkampf um die beste Matratze entwickeln und wenn die mit viel Forschungsaufwand gefunden ist, dann begänne ein Preiskampf …

Hier, was ich denke was tatsächlich passiert: niemand kennt Matratzenmarken oder Matratzenhersteller. Wenn man eine braucht, fährt man in ein Geschäft oder ordert eine im Internet und jedesmal steht man vor einer unendlich großen Matratzenauswahl und vor Namen, die man nie gehört hat und Verkäufer*innen die dir tollsten Geschichten erzählen, wie die Matratze aufgebaut ist. Und kaufst du du eine dann funktioniert das manchmal und manchmal auch gar nicht und dann schickst du sie zurück (ist dem Händler egal und sie landen auf den Müll, kost ja nix) und denkst du dir diese Matratze ist „not for me“, aber ist diese Matratze eine gute Matratze für irgendwen? Wahrscheinlich nicht.

Hier ist das Problem mit der „guten Matratze“. Es gibt gute Matratzen, es ist allgemein bekannt, wie sie technisch aufgebaut sein müssen und Menschen sind tatsächlich nicht so unterschiedlich, dass es da groß Individualisierungen brauchte, doch selbst das wäre machbar. Eine „gute Matratze“ zu produzieren wäre für jeden möglich und kostet außerdem dasselbe, wie eine „schlechte Matratze“ zu produzieren. Und dennoch ist der Markt voll von schlechten Matratzen?

Wo kommen also die „schlechten Matratzen“ her? Hier meine Verschwörungstheoerie: sie werden extra produziert und im unteren bis mittleren Preissegments angesiedelt, damit bei der Kundschaft die Möglichkeit der „schlechten Matratze“ als Gefahr lebendig gehalten wird. Denn die Angst vor der schlechten Matratze ist das stabilisierdende Fulcrum [F5], das die die Margen oben hält.

Das ist ein drastisches und anschauliches Beispiel, aber auch alle anderen Segmente sind Schmerzarchitekturen und man versteht Margen viel besser, wenn man diesen Zusammenhang ernst nimmt: Wert und Schmerz sind eng verkoppelt und deswegen sind alle Margen an Schmerzerwartung geleveragte Macht-Dividenden. Auch das, was Marx „Mehrwert“ nennt.

Kapitalismus/Eigentum

Kapitalismus ist ein Hebelregime, das durch gewaltsam durchgesetzte Eigentumsgarantie leveragebare, lokale Netzwerkzentralitäten im Pfadgelegenheitsnetz schafft (Marktfähige Verfügungsgewalt), die man als Fulcrum beleihen kann, um darauf Marge zu hebeln.

Im Plattformbuch beschreibe ich die Rolle des Eigentums so:

Das Eigentumsprotokoll legt sich wie eine Matrix über die Welt. Es ist ein artifizielles Adressschema, das jedem Ding in der Welt eine*n Eigentümer*in zuweist, ganz so wie das Internet Protocol jedem Gerät im Internet eine IP-Adresse. In einer Welt, in der das Eigentumsprotokoll hegemonial ist, muss alles jemandem gehören.
Über die Graphnahme des Eigentums ist viel geschrieben worden. Exemplarisch wird immer wieder auf die Einhegungen des Allmendebesitzes Mitte des 17. Jahrhunderts in England verwiesen. Ein Vorgang, der von Marx im Kapital halbsarkastisch als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet wird und den auch Karl Polanyi in The Great Transformation als die Grundbedingung für die Entstehung der Marktwirtschaft identifiziert. Das Eigentumsprotokoll wurde spätestens mit der europäischen Kolonialherrschaft weltweit hegemonial und setzte sich nicht zufällig immer in Kombination mit dem Konzept des Nationalstaates durch, als globaler Standard der territorialen Herrschaft. Staatliche Souveränität und Eigentum sind ein Geschwisterpaar.

Denn Eigentum als Protokollplattform ist nicht souverän. Es muss sich immer der Gewalt des Staates bedienen, um seinen Graphen abzusichern. Der Staat stellt über den Zugriff auf die menschlichen Körper die Level-I-Kontrolle des Eigentumsprotokolls her. Erst über diesen Umweg werden individuelle Zugangsregime zu Land, Gebäuden, Maschinen und Waren ermöglicht und somit auch die marktfähige Verfügungsgewalt ihrer Eigentümer*innen.

Im Laufe der Durchsetzung des Eigentumsparadigmas wird vielerorts auch die Leibeigenschaft aufgehoben, und erstmals werden Bürgerrechte definiert und eingeführt. Gleichzeitig werden etablierte Sozialmaßnahmen gegenüber Armen und Bedürftigen gestrichen. Der Arbeiter wird dadurch doppelt frei, wie Marx es ausdrückt: einerseits frei von der Knechtschaft durch den Lehnsherren, andererseits frei, für Lohn zu arbeiten oder alternativ zu verhungern. Das Bürgerrecht ist sozusagen das Eigentumsrecht des kleinen Mannes an sich selbst, zugleich entlässt es ihn aus dem Verantwortungsbereich einer paternalistischen, aber doch auch fürsorglichen Sozialstruktur. Das Resultat ist eine Kompatibilität der Körper mit dem Eigentumsprotokoll: Die doppelte Freiheit kreiert das Individuum und beschert ihm ein rechtebasiertes Zugangsregime zum eigenen Körper, das es ihm ermöglicht, marktfähige Verfügungsgewalt über die eigene Arbeitskraft zu erlangen.

Das eigentliche Wunder passiert aber erst als Resultat dieser doppelten Graphnahme von Dingen und Körpern: Durch die Hegemonialität des Eigentumsregimes und seiner staatlichen Absicherung der Level-I-Kontrolle wird Level II ermöglicht. Wir erinnern uns: Level I sind die erwarteten Vorselektionen potentieller Verbindungen, die Level II – die unerwarteten Anschlussselektionen konkreter Verbindungen – wahrscheinlicher machen. Die konkreten Verbindungen sind hier die Transaktionen, Geschäfte und Verträge, deren Gesamtheit abstrakt als „der Markt“ bezeichnet werden. Der Markt ist eine vertikale Iteration aus dem Eigentumsgraphen.

Dieses Konstrukt aus Eigentum und Bürgerrechten war einerseits ein Versprechen an das entstehende Bürgertum: relative Autarkie qua individuellen Rechten und Eigentumssicherheit. Andererseits – und im größeren Maßstab – ermöglicht es auch die Kontrolle über die Produktionsmittel in den Händen einiger weniger bei gleichzeitiger Notwendigkeit für alle anderen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Die bekannten Produktionsverhältnisse sind damit hergestellt und alle Zutaten sind beisammen, um den Prozess in Gang zu setzen, den wir Kapitalismus nennen.

Eigentum leveraged das Gewaltmonopol des Staates, um eine Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz durchzusetzen.

Gunnar Heinsohn und Otto Steiger haben ihr Buch Eigentum, Zins und Geld dieser Lücke im wirtschaftswissenschaftlichen Denken gewidmet. Eigentum ist ihrer Meinung nach nicht nur eine notwendige Voraussetzung des Kapitalismus, sondern konstitutiv für ihn. Kapitalismus sei vor allem eine „Eigentumsordnung“, und als solche definiere sie sich durch die Unterscheidung von Besitz und Eigentum. Diese Unterscheidung ist eine vorökonomische, genauer: eine juristische.

Besitz wird allgemein als die Verfügungsgewalt über eine Sache verstanden: Ich bin in der Lage, direkten Einfluss auf diese zu nehmen, solange mich niemand daran hindert. Besitz ist also eine Tatsache, Eigentum ist dagegen ein Rechtstitel. Weil ich als Eigentümer keine direkte Verfügungsgewalt über den Gegenstand ausüben muss, können Besitz und Eigentum auch auseinanderfallen. Ich kann eine Sache, deren Eigentümer ich bin, jederzeit in den Besitz von jemand anders geben, es verleihen, verpfänden, etc., ohne dass ich das Eigentum daran verliere, denn die Besitzerin ist verpflichtet, sie mir auf Wunsch wieder auszuhändigen.

An dieser Stelle wird klar, dass die Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum gewisse Voraussetzungen hat. Damit die Besitzerin mir mein Eigentum in jedem Fall zurückgibt, braucht es eine dritte Instanz, deren Macht die Verfügungsgewalt der Besitzerin im Zweifel übersteigt. Dieses Instanz ist gewöhnlich der Staat. Eigentum als abstrakte Rechtsordnung kann es nur geben, wenn es auch ein staatliches Gewaltmonopol gibt, das Eigentumsrechte gegen die Besitzer*innen durchsetzen kann.
Heinsohn und Steiger zufolge ist der moderne Kapitalismus nicht die erste und nicht die einzige Eigentumsgesellschaft. Die erste dürfte ihrer Meinung nach die griechische Polis gewesen sein, aber auch in der römischen Republik habe es Eigentum gegeben. Eine Eigentumsgesellschaft entstehe nicht als evolutionärer Vergesellschaftungsprozess, sondern immer aus einem Akt der Gewalt, sei es eine Revolution oder eine militärische Landnahme. Exemplarisch führen die beiden die Legende von der Gründung Roms an. Als Romulus nach dem gelungenen Aufstand gegen den Feudalfürsten Amulius das befreite Land gleichmäßig unter den Mitstreitern verteilt, überspringt sein Bruder Remus die abgesteckten Grundstücksgrenzen, um ihre Absurdität aufzuzeigen. Das Konzept Eigentum ist Remus – wie den meisten zu jener Zeit – fremd, und so macht er sich über Forderung lustig, abstrakte Grenzen zu respektieren – ist er doch in der Lage, sie zu überschreiten. Romulus erschlägt seinen Bruder und setzt auf diese Weise das römische Eigentumsregime in Kraft.

Aber Eigentum ist auch das Recht, ein Fulcrum zu „überleveragen“ [F8, F9], wie Eva von Redecker herausgearbeitet hat.

Eva von Redecker hat in ihrem Buch Revolution fürs Leben die Eigentumsform als entscheidende Grundlage für den rücksichtslosen Raubbau an Natur und Menschen ausgemacht. Eigentum, verstanden als absolute Sachherrschaft, gebe der Eigentümerin unbeschränkte Verfügungsmacht über eine Sache. Das schließt ausdrücklich das Recht mit ein, diese Sache auch zerstören zu dürfen. Was das bedeutet, kann man derzeit vielleicht am eindrücklichsten im Amazonas-Regenwald beobachten, wo ein ruchloser Präsident Jair Bolsonaro in Zusammenarbeit mit privaten Investor*innen die grüne Lunge der Welt brandrodet

Geld

Geld ist aus Kredit geschöpfter Unterdruck, der das ganze System am Laufen hält. Geld verteilt sich von einer Nummer in einer Datenbank einer Bank entlang der Infrastrukturpfade und deren Wertpfaden über die investierten Pfadgelegenheiten des Kreditnehmers und wird unten durch Steuern wieder eingezogen.

Aus Usersicht ist Geld eine besondere Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadalternativen (Was kann man gegen was austauschen). Damit nimmt es eine spezifische Netzwerkzentralität innerhalb des Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein: Die Liquidität.

Cash ist der generalisierte „Exit“ aus jeder Pfadgelegenheit – sofern Pfadalternativen existieren.

Das gilt funktional aber man darf das nicht zu wörtlich verstehen. Um an Geld zu kommen, muss man sich meist in allerlei andere Abhängigkeiten begeben, die einen bei immer größeren Fulcren verschulden und das sogenannte „Fuck You Money“ bleibt in der Anwenderpraxis nur eine schöne Theorie, von der man träumt, während man weiter schuftet.

Geld ist dabei materiell gesehen die vollendete relationale Dematerialisierung – es hat alle kontextspezifischen Verbindungen gekappt, alle Reibung eliminiert, alle Besonderheit abgeschliffen. Es ist reines austauschbares Medium, es ist der ISO-Container der Werterwartung.

Aber genau deshalb ist es relational maximal materialisiert im Sinne von Netzwerkzentralität – weil es mit allem koppelbar ist, ist es überall anschlussfähig. Die vollständige Dematerialisierung auf dem materiellen Level erzeugt die maximale relationale Materialität auf der Erwartungserwartungsebene.

Relationale Dematerialisierung ist kein Endpunkt, sondern ein Prozess der Machtakkumulation. Je weiter auf materieller Ebene dematerialisiert wird, desto universeller einsetzbar, desto zentraler im Netzwerk der Erwartungen. Geld ist das Paradebeispiel – aber auch Patente, Markenrechte, AGI folgen derselben Logik. Sie werden auf der materiellen Ebene dematerialisiert um über die Erwartungserwartungsebene universell re-materialisierbar zu sein.

Bargeld hat die Mediale Eigenschaft, dass sie Beziehungen ohne Spur ermöglicht, wie der Medientheoretiker Stefan Heidenreich schön herausgearbeitet hat. Wenn ich in einen Kiosk trete, eine Packung Kaugummis auf den Tresen lege und das passende Bargeld, bleibt kein Rest. Wir sind quitt, ohne dass wir eine weitere Beziehung eingehen müssen.

Auch unser elektronisches Geld funktioniert im Alltag immer noch so, aber unsere Spuren haben jetzt die Kreditkartenunternehmen.

Dollarzentralität

Wir kennen den Effekt davon: Geld regiert die Welt. Aber der „Dollar“ nimmt hier eine besondere Rolle ein.

In Krasse Links No 76 schreibe ich über die Dollarhegemonie anhand eines Papers von Henry Farrell und Daniel Davies über die „weaponization“ der Dollar-Zentralität durch Trump.

Und auch Farrell und Davis merken, dass das alles mit Netzwerkzentralität zu tun hat.

‘Dollar centrality’ is a political-economic concept that refers to the extreme attractiveness of the US dollar as a currency for transactions and investment. […]

The conveniences of dollar centrality for facilitating financial transactions are inseparable from the dollar payment system and its rules as set by the US government. International actors might prefer not to follow these rules, but it would be very painful to lose the enormous benefits of dollar centrality. Many international commercial payments take place in dollars, for ease and convenience. Even those that are not denominated in dollars often touch the dollar payment system, because the dollar is the ‘vehicle’ currency for foreign exchange – a trade of yen for pesos will usually exchange yen for dollars and then dollars for pesos to take advantage of the more liquid dollar markets.

Ich würde konkreter sagen: der Dollar nimmt eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein und das heißt in diesem Zusammenhang konkret, dass man die Pfadgelegenheit Dollar 1.) leichter als jedes andere Geld in alle möglichen anderen Pfadgelegenheiten verwandeln kann (transitive Liquidität) und man 2. Dollar braucht, um einen ganzen Strauß von Pfadgelegenheiten überhaupt nehmen zu können (pfadvoraussetzende Liquidität). Daraus ergibt sich ein erheblicher Lock-In, mit erheblichen Vorteilen für die USA. Alle wollen Dollar und handeln daher mit ihnen, denn das ist der beste Weg, an Dollar zu kommen. Und während alle anderen echte, materielle „Goods & Services“ nach drüben schiffen, müssen die Amerikaner nur das Spreadsheet der Federal Reserve mit Nullen auffüllen, um all das zu bezahlen, wie Cory Doctorow so schön zusammenfasst.

Zunächst wurde dieses Asset von den USA gehegt und gepflegt und es wurde acht darauf gegebenen, dass die Security Agencies der wachsenden Infrastrukturmacht nicht ins Handwerk pfuschen, doch spätestens seit dem 11. September wurde die Dollar-Zentralität immer mehr zum Fulcrum für allerlei Sicherheitshebel, speziell Geldwäscheüberwachung und Sanktionsmechanismen.

Diese Hebel waren langfristig zu attraktiv? Schließlich kann man dadurch nicht nur Banken und Staaten disziplinieren, sondern eigentlich alle wirtschaftlichen Akteure, sofern sie auf Banken angewiesen sind.

Dollar hegemony and US law generated powerful incentives for compliance across the world. Although the legal basis for many actions against non-US actors was surprisingly weak, the fear of being denied access to dollar clearing was sufficient incentive to comply, especially for financial institutions. […]

Financial institutions’ aversion to risk worked as a force multiplier of US coercion. Sanctions compliance, like other forms of anti-money laundering policy but unlike most bank regulation, is enforced by sometimes unpredictable ex post regulatory punishments rather than exante provision of a checklist of required actions.

Doch je mehr diese Hebel bedient werden, desto deutlicher erodiert ihr Fulcrum – also die Akzeptanz der Dollar-Hegemonie. Insbesondere China und die EU werden mittel bis langfristig Pfadalternativen zur Dollarabhängigkeit suchen und schaffen.

This plausible near-future scenario has all the characteristics of a positive feedback loop. Under current circumstances, the EU has strong reasons to do everything it can to escape American hegemony. The US, for its part, has strong reasons to do everything it can to prevent this from happening. The more that the EU tries to get away, the more the US will do to pin it down. In this scenario, there do not appear to be any players, systems, or entities who combine the three necessary features to play a stabilisierung role: the capacity to model the effects of their actions on the overall system, the power to generate sufficiently strong feedback, and the incentive to maintain the current system rather than watch it tear itself apart.

Währungen

Eine Währung ist nicht nur ein Tauschmittel, sondern der Zugriffsschlüssel zu einem spezifischen Netzwerk von Pfadgelegenheiten. Mit Euro kommst du in bestimmte Wertpfade, mit Yen in andere, mit Renminbi in wieder andere. Jede Währung definiert, welche Fulcren erreichbar für dich hebelbar sind, welche Margen- und Wertpfade aktiviert werden können und somit, welche Nutzenereignisse überhaupt zugänglich sind.

Verschiedene Währungen sind also nicht nur verschiedene Preisschilder auf denselben Dingen, sondern verschiedene Topologien im Pfadgelegenheitsnetzwerk. Der Wechselkurs ist dann nicht der Preis einer Währung, sondern die Übergangswahrscheinlichkeit zwischen zwei Pfadnetzwerken – mit allen Reibungsverlusten, Transaktionskosten und Machtasymmetrien, die dabei entstehen.

Dass Öl exklusiv in Dollar gehandelt wird – der Petrodollar – bedeutet: Wer Energie will, braucht Dollar. Nicht als Konvention, sondern als strukturelle Voraussetzung. Der Dollar ist damit nicht nur der Schlüssel zum größten Pfadnetzwerk, sondern der exklusive Schlüssel zum Basisfulcrum aller anderen Pfadnetzwerke.

Das ist eine Netzwerkzentralität zweiter Ordnung: nicht nur zentral im Transaktionsnetzwerk, sondern zentral im Fulcrumsnetzwerk selbst. Jede andere Währung muss zuerst in Dollar konvertiert werden, um am Ölfulcrum zu schlürfen. Das bedeutet strukturell:

Jeder Staat, der Öl importiert, ist permanent dem Dollarunterdruck ausgesetzt.

China versucht genau diese Architektur aufzubrechen – nicht durch direkten Angriff auf den Dollar, sondern durch Aufbau alternativer Pfadnetzwerke. Belt and Road ist pneumatisch gelesen der Versuch, neue Wertpfade zu schaffen, die am Dollarfulcrum vorbeigehen. Renminbi-Ölhandel mit Saudi-Arabien, Infrastrukturinvestitionen als Fulcrumssetzung in Ländern des Globalen Südens – es ist der Versuch, eine konkurrierende Pfadnetzwerktopologie aufzubauen, die genug Konnektivität hat, um als Exit aus der Dollarzentralität zu funktionieren.

Ob das gelingt, hängt davon ab, ob das Renminbi-Netzwerk genug Pfadgelegenheiten aufspannen kann, um die Übergangswahrscheinlichkeit aus dem Dollarnetzwerk heraus für genug Akteure attraktiv zu machen.

Doch wenn das gelingt, wenn es eine Alternative zum Dollar gibt, dann bedeutet das für den Dollar mehr als nur „Konkurrenz“, sondern die Pfadalternative würde (siehe Macht/Wert-Formel) als Überdruckventil für bis zur Hälfte der heutigen Dollarnetzwerkzentralität fungieren und damit den USA einen zentralen Feiler ihrer Netzwerkmacht weggicken. Auf der Dollarzentralität steht enorm viel Infrastruktur. Das würde das Fulcrum der USA dermaßen destabilisieren, dass danach der freie Fall droht.

Donald Trump leveraged die Dollarhegemonie bis zum Anschlag, weil, er weiß, dass der Dollar für viele Pfadgelegenheiten kein Exit hat. Aber indem er das macht, erhöht er dem Druck einen zu erschaffen.

Marge Hebeln

Im Explainer der Macht-Wert-Formel beschreibe ich wie man Marge hebelt.

Hier, wie die Marge gehoben wird: die wechselseitig erwartete Nettomacht-Differenz/Abhängigkeitsdividende, die sich aus einer gemeinsamen Handlung ergibt, dient als Anhaltspunkt dafür, wie viel Schmerz das Gegenüber auszuhalten bereit ist, bevor es selbst die Abhängigkeitsbeziehung auflöst. Entweder durch Verzicht auf die Handlung (eine Offramp/Balanceakt 1), und/oder durch die Suche einer Pfadalternative (Balanceakt 2).

Jedes Hebeln einer Marge ist eine Wette auf das Fulcrum dieses angenommenen Schmerzpunktes. In der Praxis werden dafür konkrete, materielle Hebel angewendet: einfache Forderungen unter Androhung der Beendingung der Handlung, Exklusivklauseln im Vertrag, Erhöhung von Preisen, Shrinkflation, Planned Obsoleszens, vereinbarte Absatzmengen, Schließung von Filialen, Werbung, Enshittyfication, Zinsen, Tantiemen, Lizenzen, Löhne, etc.

Und klar, wenn die Hebel zu groß werden, bricht das Fulcrum – die Abhängigkeitsbeziehung wird durch die andere Partei aufgelöst, doch so binär läuft es in der Realität nicht ab. Die Kunst, Margen zu heben, basiert auf der Salamitaktik. „Margen-Development“ ist ein Prozess, der ständig nach Pfadgelegenheiten sucht, sich auf dem einen oder anderen Abhängigkeitsbeziehungsterrain Vorteile zu verschaffen und dabei entsprechend die Hebel immer länger werden zu lassen. Sich also immer ein bisschen weiter vorzuwagen und zu schauen ob, das Fulcrum hält. Das lässt auch dem anderen Zeit, sich an den Schmerz zu gewöhnen, so dass man dann möglichst unterhalb des sich ständig verschiebenden kritischen Schmerzpunktes die Margen der Abhängigkeitspartner Stück für Stück in eigene Margen zu verwandeln kann.

Wenn A weniger abhängig von B ist, als umgekehrt, kann A Margen auf Kosten von B hebeln. Das funktioniert, weil A und B nicht als Individuen, sondern immer nur für Pfadgelegenheiten voneinander abhängig sind (Z.B. Kinderspiel, kapitalistische Produktion, oder Liebesbeziehung) und wenn der eine dafür weniger vom anderen abhängig ist, als umgekehrt, kann er diesen Pfad blockieren oder mit Regeln, oder Zöllen versehen (Etwa dass B einen Schokorigel zum Kinderspiel mitbringen muss).

Laut Emerson gibt es vier Pfadgelegenheiten, mit denen B das Machtungleichgewicht mitgieren kann:

  • Balanceakt 1: Sie kann ihre eigene Motivation, mit A zu spielen, zügeln. („A ist eh doof.“)
  • Balanceakt 2: Sie kann sich eine alternative Ressource erschließen, also zum Beispiel eine andere Spielkameradin finden. (Eine Spielkameradin D zum Beispiel.)
  • Balanceakt 3: Sie kann sich selbst als Spielkameradin für A wieder attraktiver machen (indem sie zum Beispiel in ein neues Legoset investiert), damit A wieder lieber zu B zum Spielen kommt.
  • Balanceakt 4: Sie kann As Zugang zu alternativen Ressourcen (in diesem Fall also zu C) versperren. Sie kann zum Beispiel Cs Familie überreden, wieder wegzuziehen (schwierig), oder sich mit C verbünden (leichter).

Die Abhängigkeits-Dividende ist die angenommene Netto-Differenz der wechselseitigen Abhängigkeit. In der Realität ist die Erwartung nie ganz so scharf, sondern das Fulcrum besteht eher aus einem kontinuierlichen aber nicht-linearen Erwartungs-Gradienten, statt einer einem „festen Punkt“, weswegen die Rechnungen eher Modellrechungen sind.

Weil Emerson ein Liberaler ist, sieht er nicht, dass diese Strategien 1. davon abhängen, dass die entsprechenden Pfadgelegenheiten dafür „da“ sind und man sie sich überhaupt leisten kann und 2. dass sie eben nicht nur dafür eingesetzt werden, bestehende Machtungleichgewichte auszugleichen, sondern auch, um bestehende Macht auszuweiten.

Macht als Netzwerkzentralität im Abhängigkeitsnetzwerk

In Krasse Links No 73 beschreibe ich Macht als Netzwerkzentralität.

Wer im Nutzenpfad einer Sache Geld verdient, entscheidet nicht, wer den Wert konkret herstellt, sondern wer die netzwerkzentraleste Position im Abhängigkeitsnetzwerk seiner Herstellung und Vermarktung hat. (Ich bin immer noch nicht sicher, welches Maß an Netzwerkzentralität hier genau entscheidend ist. Seit ich alles konsequent in Pfaden zu denken versuche, tendiere ich zu einer Mischung aus Katz- und Current-Flow-Beweenness-Zentralität? Aber da würd ich gern mal mit nem richtigen Mathematiker drüber quatschen?)

Laufen viele Abhängigkeitlinien über deine Infrastruktur und gibt es im besten Fall auch nur wenige oder schlechtere alternative Pfade, kannst du es dir erlauben, Margen auf Kosten der anderen Netzwerkteilnehmer zu extrahieren. Von den Arbeiter*innen, klar, das hat Marx analysiert und weil Arbeiter*innen die am wenigsten netzwerkzentralen Einheiten im Nutzenfluss des Produktionspfads sind, d.h. am austauschbarsten sind, pressen die Oligarchen hier den Großteil ihrer Marge. Aber eben nicht nur? Wenn es die Abhängigkeiten hergeben, kommt die Marge eben auch auf Kosten von Zulieferern, Kund*innen, der eigenen Gesundheit, der Ökologie und über was man auch immer glaubt, genügend Macht zu besitzen.

Wir kennen diese Mechanismen vom „Monopol“ und mittlerweile hat man festgestellt, dass es auch ein Käufermonopol geben kann, aber „Monopsony“ und Monopol sind nur die unterdimensionalen Beschreibungen von Extremversionen dessen, wie der Kapitalismus funktioniert. Alle Akteure ringen miteinander um Netzwerkzentralität, denn wer Netzwerkzentralität hat, kassiert von den anderen Margen. Das heißt: Je mehr Wettbewerber, desto geringer die Macht der Unternehmen, desto kleiner die Margen. Auch abseits des Monopols lohnt es sich, Macht zu begrenzen.

Mit den Metaphern des „Marktes“ wurde die Macht in der Wirtschaft über Jahrzehnte verschleiert. „Der Markt“ sind drei Oligarchen im Trenchcoat, die zwar untereinander um ein bisschen um Einfluss konkurrieren, aber gemeinsam die „Choice Architecture“ aus Pfadgelegenheiten bereitstellen, die wir „Konsumfreiheit“ nennen und in der wir uns „frei“ bewegen dürfen – sofern wir es uns leisten können.

Relationale Dematerialismierung

Balanceakt 2 sehen wir z.B. jeden Tag in einem Prozess am Werk, den ich relationale Dematerialisierung genannt habe und der darin besteht, dass ein mächtiger Akteur ständig daran arbeitet, diejenigen, von denen er abhängig ist, „austauschbarer“ zu machen. Das nimmt viele Formen an.

In Materialität und Austauschbarkeit schreibe ich:

Die Herstellung von Austauschbarkeit erweist sich als wesentliches Basiselement kapitalistischer Wachstumskonzeptionen. Und diese Austauschbarkeit wird über das Abkapseln von Verbindungen und das Reduzieren von Abhängigkeiten hergestellt. Erst diese »relationale Dematerialisierung« reduziert die Reibung in den Prozessen und macht globale Lieferketten überhaupt möglich. Der Schiffscontainer ist somit nicht nur das logistische Kernstück der Globalisierung. Es ist auch zentrales Sinnbild einer Form von »relationaler Dematerialisierung«, die alle unnötigen Verbindungen abkapselt und jedes physische Gut zu einer austauschbaren Einheit macht. Der ISO-Container ist absolut austauschbar, das ist sein ganzer Sinn. Und dieser Sinn besteht am Ende im Verschwinden des Materiellen als einer widerständigen Realität

Ich bin bei Plattformen und Supplychains darauf gestoßen, aber das ist auch der Effekt, der bei „Deskilling“ betrieben wird: je weniger Einarbeitunszeit Inputströme brauchen, desto austauschbarer sind die Arbeitenden. Aber relationale Dematerialisierung spielt auf allen Ebenen des Kapitalismus eine zentrale Rolle. Relationale Dematerialisierung ist somit auch immer die gezielte Entwertung des Fulcrums, auf dem die Gegenseite ihre Marge hebt.

Die Gegenstrategie „Balanceakt 4“ der Arbeitenden, also der Zusammenschluss unter eine Verhandlungsentität ist zwar nachwievor stellenweise effektiv, wenn um Lohnverhandlungen geht, aber kommt nicht gegen solche strukturellen und durch Technik integrierte relationale Dematerialisierung an. Das Endziel dieses Prozesses ist im Grunde AGI – die maschinelle Austauschbarmachung von jedem von uns.

Die Wetten auf KI sind Wetten gegen Arbeit. Dabei kommt es erstmal nicht darauf an, dass die Geschichte stimmt und AGI überhaupt möglich ist (Ich glaube da erstmal nicht dran). Aber das aufgegleiste Narrativ ist stark in den Chefetagen und bestimmt die Finanzmärkte, die zunehmend unsere gesamten gesellschaftlichen Ressourcen zu Datencentern verbauen.

Man kann also formulieren, dass die Kapitalisten die gemeinsam geteilte AGI-Erwartung leveragen, um dir die Marge vom Brot zu frühstücken.

Marge ist an Abhängigkeitserwartungen geleveragte Abhängigkeits-Dividende.

Aber Wahrnehmung ist Erwartung und weil Erwartung, nicht Realität, die Verhandlungen regiert, spüren Arbeitende bereits den Lohndruck der „KI“, die den veränderten Perspektiven ihrer Chefs entstammen.

Profit = Aggregierte Margenextraktion

Wie sich die Margen eines Kapitalisten zusammensetzen, die seinen Profit ergeben, habe ich in Krasse Links No 36 anhand von Supermärkten beschrieben.

Man kann sich das bildlich so vorstellen, dass auf ein Unternehmen im Netzwerk der Abhängigkeiten viele bepreiste Inputlinien einströmen, während bepreiste Outputlinien zu den Konsument*innen führen. Grundsätzlich gilt auch für einen Supermarkt, dass die Einnahmen langfristig die Ausgaben übersteigen müssen, aber ansonsten hat das Unternehmen viel Spielraum in dieser Situation.

Meistens kann man die Inputlinien drücken: Lohndumping, Gewerkschaften zerschlagen, Wage Theft, Druck auf Supplyer ausüben, vertikale Integration, Zahlungen zurückhalten, etc. Oder man schraubt an den Outputlinien: Preise erhöhen, Verkaufsmengen reduzieren, Qualität reduzieren, Regulierungen missachten, Filialen schließen, Enshittyfication, etc.

Das ist jeweils ein Balanceact, weil die Ausgebeuteten ab einem bestimmten Schmerzpunkt den Kanal kappen und versuchen werden, um das Unternehmen herumzurouten, doch über Herstellung entsprechender Netzwerkzentralitäten lassen sich Schmerzpunkte fast beliebig nach oben verschieben. Wo einem die Pfadgelegenheiten ausgehen, ist man gefangen.

Ausbeutung ist nicht etwas, das auschließlich zwischen Kapitalist*innen und Arbeiter*innen passiert, wobei diese Form der Ausbeutung nachwievor sehr zentral ist. Ausbeutung findet überall statt, wo in ungleichen Beziehungen Machtreservoires zu heben sind und erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich darin aus, Zugriff auf viele solcher Reservoirs zu haben.

Beim Handeln des Unternehmens geht es immer darum, von anderen weniger abhängig zu sein, als die anderen vom Unternehmen, also eine unausgesprochene Austauschbarkeits-Hierarchie zu etablieren. Dann muss man sich nur noch die Erlaubnis geben, sie abzuschöpfen.

Aber wenn Macht Netzwerkzentralität im Netzwerk der Abhängigkeiten ist, dann geht das ganze Spiel des Kapitalismus darum, durch geschicktes Platzieren von Infrastrukturen, die Margen der anderen zu frühstücken. Und dann kommt die präziseste Kapitalismustheorie nicht von Marx, Keynes oder Hayek sondern von einer Feministin des frühen 20. Jahrhunderts: Lizzy Magie.

Die Beziehungsweise des kapitalistischen Unternehmens ist es, mit allen seinen Gegenübern um Marge zu ringen. Mit den Zulieferfirmen, den eigenen Angestellten, immer auch mal wieder mit dem Staat (Steuern) und natürlich den Kund*innen und für jede dieser Beziehungen hält es sich zugriffliche Fulcren, um an der Marge zu drehen. Dabei balanciert das Unternehmen die Margenextraktion nach den jeweiligen Interessen: Will das Unternehmen Marktanteile gewinnen, senkt es die Margen, die es aus den Konsumierenden presst – zuweilen auch auf 0 und darunter. Wenn es als Arbeitgeber attraktiv sein will, verzichtet es auf Teile der Marge von den Arbeitenden, will es einfach den Profit maximieren, presst es aus allen Beziehungen die maximale Marge.

Arbeit

Arbeit ist bekanntlich Kraft mal Weg und das heißt, jedes Bewegen des Hebels ist Arbeit.

Archimedes hat der Legende nach ja durchaus selbst gehebelt, aber als früher Hebel-Experte wäre es ihm durchaus möglich gewesen, sich Hebler dafür einzustellen. Er würde sich um die Herstellung und Auswahl von Hebeln und Fulcren (oder Flaschenzügen) kümmern und andere diese „Produktionsmittel“ nutzen lassen, um Arbeit zu verrichten.

Jeder Hebeleinsatz bedeutet „eigenen“ Krafteinsatz. Egal ob übersetzt mit klassisch mechanischen Hebeln, oder mit angetrieben mit elektrischen oder termodynamischen Hebeln, oder informationell erweitert mit computeriellen Hebeln – mit Hebel übersetzen und verstärken wir die Wirkung unseres Krafteinsatzes. Elektrische, termodynamische und informationelle Hebel „erweitern“ die Handlungsmacht des Einzelnen Arbeiters, aber als Hebler in einem Unternehmen ist er selbst immer auch teil eines oder mehrerer Fulcren deren Hebel, in den Etagen über ihm bedient werden.

Aber wie wir oben bereits ausgeführt haben: Für einen Kapitalisten zu arbeiten ist keine freie Wahl. Dir bleibt nur eine begrenzte Wahl an Kapitalisten, von denen du dich ausbeuten lassen darfst und während dein Einkommen von Erwartungserwartungen gedeckelt ist, gilt das nicht für die Marge, die der Kapitalist an dir verdient.

In unserer heutigen Ökonomie ist der wesentenliche Arbeitsinput in vielen Bereichen, die Zugabe von Information in den Hebelprozess. Das gilt sowohl für die Vibe-Coder die bei sechstelligen Jahresgehalt die nächste Version von ChatGPT vorbereiten, wie für das Heer an Clickworker*innen, die für 5 Dollar am Tag am selben Projekt arbeiten und Trainingsdaten nach menschlichem Ermessen säubern. Der Unterschied ist sicher auch zum Teil mit erlernten „Skills“ zu erklären, aber offensichtlicher noch ist, dass die Größe der bedienten Hebel entscheidend ist und damit natürlich das Kontaktzonen-Fulcrum an notwendigem Wissen.

Die Sicht des Kapitalisten auf den Arbeiter ist klar: Im Arbeitsprozess werden für den Produktionspfad bestimmte Assets der Arbeitenden beliehen: Aufmerksamkeit, Erwartbarkeit, Wissen, Integrität und Körperlichkeit, um mit den vom Unternehmen bereitgestellten Hebeln für den Kapitalisten Marge zu kloppen.

  • Aufmerksamkeit: Jeder Arbeitsinput, auf dem man selbst oder anderes Pfadgelegenheiten leveragen kann, braucht ein mindestmaß an Aufmerksamkeit.
  • Erwartbarkeit: Weil es bei Arbeit immer auch darum geht, mit anderen Zusammenzuarbeiten, erfordert jede Arbeit in Mindestmaß an beleihbarer Erwartbarkeit.
  • Wissen: Weil jede Arbeit voraussetzungsreich ist, braucht jeder Arbeitsinput ein Mindestmaß an beleihbarem Wissen/Erfahrung.
  • Kreativität: Weil die meiste Arbeit erfordert, neue Pfade zu finden, wird versucht, Kreativität zu beleihen (nicht so leicht, weil schwer ausweisbar).
  • Vergangene Leistungserzählung: Wer länger irgendwo arbeitet versucht über die Zeit Leistungserzählungen über sich und seine Projekte zu sammeln, um sie bei kommenden Gehaltsverhandlungen zu leveragen.
  • Integrität: Weil jeder Arbeitsinput für weiteren Arbeitsinput „beleihbar“ sein sollte, wird ein Mindestmaß an Integrität erwartet.
  • Körperlichkeit: Weil jeder Arbeitsinput körperlich ist, wird ein für die Tätigkeit belastbarer Körper erwartet.

Was der Kapitalist in dieser Matrix aber übersieht, ist, dass die für ihn Arbeitenden keine Individuen sind, die ihre Gehirne ans Unternehmen pluggen, sondern Dividuen, die sich im Arbeitsalltag als Pfadgelegenheit gebrauchen. Sei es um gemeinsam Projekte zu entwickeln, Brainstorming, oder sich einfach gegenseitig zuzuarbeiten. Aber das Pfadgelegenheits-Netzwerk der Mitarbeitenden ist auch Infrastruktur, um über informelle Wege Probleme zu umrouten, einander in der Mittagspause auf Ideen zu bringen, oder einfach auf der Arbeit von jemanden anderes aufzubauen.

Der „indivuduelle Arbeitsinput“ eines Mitarbeitenden basiert oft auf einem dividuellen Fulcrum aus Serendipität und deswegen bin ich skeptisch, dass „AGI“ tatsächlich allen Arbeit ersetzen könnte, selbst wenn sie alles „perfekt“ könnte. Wert wird nicht aus Menschen gepresst, sondern entsteht zwischen ihnen, zwischen den unterschiedlichen Perspektiven. AGI imaginiert, dass es die Eine Perspektive gibt und wer die Eine Perspektive kontrolliert, kontrolliert alles.

Wenn aber „Wert“ nicht in der Arbeit produziert, sondern durch den Konsumerwartungssog, der von den Kreditpumpen durch die gesamte Produktionskette als Geld-Sog übersetzt wird, dann ist der Arbeiter nicht – wie Marx es formulierte – die Quelle des Werts, sondern sein Durchgangsmedium. Er ist das Fulcrum, an dem der vertikale Wertpfad die Hebelwirkung der Konsumerwartung in materielle Aktualisierung übersetzt.

Das klingt zunächst wie eine Entwertung der Arbeit, ist aber das Gegenteil. Ein Fulcrum ist keine passive Unterlage, sondern der Ort, an dem Kraft überhaupt erst wirksam wird. Ohne das Fulcrum kein Hebel, ohne Hebel keine Aktualisierung, ohne Aktualisierung keine Pfadgelegenheit, ohne Pfadgelegenheit kein Wert. Und der Arbeiter ist nicht austauschbar weil er unwichtig ist, sondern weil die relationale Dematerialisierung ihn systematisch austauschbar macht – also sein Fulcrum aktiv entwertet.

Und hier liegt der eigentliche Widerspruch des Kapitalismus: Je erfolgreicher die relationale Dematerialisierung der Arbeit, desto fragiler wird das stabilisierende Fulcrum [F5] des gesamten Wertpfads.

Energie

In Krasse Links No 70 bespreche ich ein Paper von N.J. Hagens zum Thema Energie.

Schon 2020 schrieb N.J. Hagens ein Paper namens Beyond the superorganism, in dem er eine, wie ich finde plausible Erzählung unseres Wirtschaftssystems als „self-organized, mindless, energy seeking Superorganism, functioning in similar ways to a brainless amoeba using simple tropisms“ vertritt.

Diese Superstruktur – oder wie wir hier sagen: der materiell-semantische Komplex des Kapitalismus, ernährt sich nicht nur, wie Marx analysierte, von Menschenblut (Arbeit), sondern vor allem auch von Energie, vorrangig fossile Energie.

Major transitions in human societies over the past 10,000 years were linked to the benefits from different energy types and availability (Day et al., 2018). Industrialization changed the historic human relationship of energy capture from using the daily flows of nature to using technology fueled by large amounts of cheap fossil energy.

One barrel of crude oil can perform about 1700 kW h of work. A human laborer can perform about 0.6 kW h in one workday (IIER, 2011). Simple arithmetic reveals it takes over 11 years of human labor to do the same work potential in a barrel of oil. Even if humans are 2.5x more efficient at converting energy to work, the energy in one barrel of oil substitutes approximately 4.5 years of physical human labor.

This energy/labor relationship was the foundation of the industrial revolution. Most technological processes requires hundreds to thousands of calories of fossil energy to replace each human calorie previously used to do the same tasks manually. Consider milking a cow using three methods (see Fig. 2): manual (human labor energy only), semi-automated electric milking machines (1100 kW h per cow per year), and fully au- tomated milking (3000 kW h per cow-year). The manual milker, working alone, requires 120 h of human labor per year per cow; semi-automated machines require 27 h of labor; and full automation, 12 h. We’ll estimate that the human milker generates economic value of $5 an hour working alone. Using electric milkers at $0.05 per kWh, output rises significantly and—because cheap electricity substitutes for so many human hours of labor—the revenue increases to $19 per hour with semi-automated milkers and to $25 per hour with the fully automated technologies.[…]

At 4.5 years per barrel, this equates to the labor equivalent of more than 500 billion human workers (compared to ∼4 billion actual human workers). The economic story of the 20th century was one of adding ancient solar productivity from underground to the agricultural productivity of the land. These fossil ‘armies’ are the foundation of the modern global economy and work tirelessly in thousands of industrial processes and transportation vectors. We didn’t pay for the creation of these armies of workers, only their liberation. Transitioning away from them, either via taxation or depletion, will necessarily mean less ‘benefits.’

Ein gehöriger Teil der ökonomischen Blindheit, die die Hegemonie der Neoklassischen Wirtschaftstheorie in die gesellschaftlichen Diskurse injiziert hat, ist die Verdrängung von Pfadabhängigkeiten. Das Gleichsetzen aller Güter und Rohstoffe über ihren Preis erschafft die Illusion einer allgemeinen Austauschbarkeit aller Güter. Daher fiel gar nicht auf, dass wir Energie einfach als „yet another Production Input“ behandelt haben, statt als pfadentscheidenden Anker aller Produktion.

Today, energy is still treated as merely another input into our economic system – $10 of gasoline is considered to have the same contribution to human output as $10 of Pokemon cards. This is in spite of the fact that: a) energy is needed to create and transform all material inputs and b) energy can only be substituted by other energy.

However, biophysical analysis of all production inputs shows that the economic importance of energy is substantially larger than energy’s share in total factor cost, with the opposite being true for labor. This means that energy has a significantly greater role in our wealth and productivity than its nominal cost share signal. In the case of Japan and Germany over 60% of economic productivity is explained by energy input (Kümmel and Lindenberger, 2014)

Interessanterweise gibt es von Anfang an bis in die 1970er eine enge Korrelation zwischen Enegergiehunger und Wirtschaftswachstum.

Until the 1970s, energy and GDP were nearly perfectly correlated; a 5% in- crease in GDP required a 5% rise in energy consumption (Cleveland) […]

Soaring GDP in the 20th century was tightly linked to soaring burning of fossil hydrocarbons. Society doesn’t yet recognize these links because we conflate the dollar cost of energy extraction (tiny) with the work value (huge). Energy is only substitutable with other similar quality energy. Increasingly, advanced technology is achieved with energy, and most technological advances increase future energy requirements.

Und im Hebel:Fulcrumsexplainer beschreibe ich den termodynamischen und den elektrischen Hebel so:

Der Begriff „Entropie“ stammt aus der Praxis des frühen Dampf-Machinenbaus, weil man ein Wort dafür brauchte, dass aus dem Kessel keine „Arbeit“ mehr zu extrahieren war. In der Thermodynamik bezeichnet Entropie die Zahl der möglichen Mikrozustände eines Systems und damit eine Grenze für die nutzbare Energie. „Entropie“ ist keine naturwissenschaftlich zwingende Größe sondern eine Nutzerperspektive. Sie spiegelt das seit dem 19. Jahrhundert wachsende menschliche Bedürfnis, eine möglichst hohe und berechenbare Übergangswahrscheinlichkeit zwischen heißen nach kalten Molekülen zu organisieren, um sie als energetisches Fulcrum für Dampf-Hebel und später für Verbrennermotoren zu nutzen.

Und in der Elektrizität sprechen wir von „Spannung“ als Potentialdifferenz von gespeicherter Energie pro Ladungseinheit, aber meinen damit wieder ein Fulcrum aus möglichst hoher Übergangswahrscheinlichkeit zwischen Elektronen und ionisierten Atomen, an dem wir unsere steuerbaren Schaltungen als Hebel ansetzen, um Stromstärke in Pfadgelegenheiten zu übersetzen.

Das heißt, Energie ist als Inputfaktor ein Hebel, der deine Hebel stärker, schneller, größer macht.

Hier also was passiert ist: im 19. Jahrhundert wird der Dampfhebel erfunden und seitdem bauen wir leveragen wir beinahe alle unsere Hebel an termodynamischen und/oder elektrischen Hebeln, die dabei unsere „Kraft“ immer weiter skalieren.

In der Energie-Ökonomie hat sich der Wert EROI entwickelt, der den Energy Return of Investment berechnet, also wie viel Energie ich für den Prozess der Energiegewinnung brauche.

.[2]

In unserem Modell ist EROI die Härte des Kontaktzonenfulcrums, mit dem man aus Energie Marge erzeugen kann.

Ein EROI von 100:1 – wie beim frühen Erdöl – bedeutet ein extrem stabiles, steifes Fulcrum, an dem man sehr lange Hebel ansetzen kann. Ein EROI von 3:1 – wie bei manchen Erneuerbaren oder Ölsanden – bedeutet ein weiches, kostspieliges Fulcrum, das kaum noch Hebelwirkung erlaubt. Öl hat wie viele fossile Energieträger einfach eine enorm hohe Konzentration (energetisch wie geographisch), weswegen die Margen über Jahrzehnte ein Traum waren. Und wo große Margen sind, da werden die Kredithebel geschwungen und der Unterdruck des Geldes verflief daher immer enger an Pfaden der Energieströme, so dass der zusätzlicher Verbrauch von Energie jeden Wachstumschritt begleitete.

Das hat einen Fuhrpark an pfadabhängiger Infrastruktur hinterlassen aus Öldikataturen, Raffinerien, Pipelines, LNG-Terminals, Autos, Laster und Flugzeugen, die unsere Fulcren am Laufen halten. Diese Infrastrukturen sind nicht „neutral“, sondern materialisierte Wetten auf spezifische Energiepfade. Ihr Bellman-Wert hängt vollständig davon ab, dass fossile Energie weiterhin mit hohem EROI verfügbar ist.

Erneuerbare Energien haben strukturell einen anderen EROI-Pfad. Solar und Wind haben heute EROI-Werte von 20-30 – vergleichbar mit mittlerem Erdöl. Aber ihr zeitliches Profil ist fundamental anders.

Fossile Energie ist gespeicherte Vergangenheit – der EROI-Gewinn liegt beim ersten Zugriff. Der EROI-Gewinn verteilt sich über die gesamte Lebensdauer der Anlage, nach einer kapitalintensiven Aufbauphase.

Das ergibt eine strukturelle Inkompatibilität mit dem Zinssystem. Der Zins diskontiert Zukunft systematisch – er bewertet morgigen Ertrag weniger als heutigen. Fossile Energie, die sofort viel Ertrag liefert, ist im Zinssystem strukturell bevorzugt gegenüber Erneuerbaren, die erst nach Jahren positiven Nettoertrag zeigen und daher kommt die Energiewende an eine aktiven Infrastrukturpolitik nicht vorbei

Eine Energiewende unter laufendem Zinssystem ist deshalb ein Fulcrumswechsel gegen die Systemlogik des Antriebs. Das System treibt strukturell zurück in Richtung fossiler Energie – wie wir gesehen haben, zur not auch mit Gewalt, solange der Kreditunterdruck weiterläuft und der Zins kurzfristige Margenpfade bevorzugt.

Wachstum

In „5 beunruhigende Fragen an den Kapitalismus“ bespreche ich auch das vielbeachtete Buch des Wirtschaftshistorikers Robert J. Gordons: „The Rise and Fall of American Growth“ von 2016.

In dieser umfangreichen, wie detaillierten wirtschaftshistorischen Studie weist Gorden nach, dass die goldenen Jahre des großen Wirtschaftswachstums in den USA lediglich eine Anomalie in der Geschichte war. Es waren wirklich nur die 100 Jahre vom Ende des Bürgerkriegs bis etwa 1970, in denen die Wirtschaft zweistellig wuchs und sich das Leben der Amerikaner gleichzeitig sichtbar und radikal zum besseren veränderte. Letzteres zeigt er nicht nur anhand der Wirtschaftsdaten, sondern steigt herab in die Haushalte und Betriebe jener Zeit und führt anschaulich auf, wie grundlegend sich das das Leben und Arbeiten in diesen hundert Jahren verändert hat: Elektrizität, künstliches Licht, der Telegraf, die Automobilität, die Waschmaschine – all diese Technologien haben das Leben der Menschen radikal auf den Kopf gestellt und Werte geschaffen, die auf einer breiten Front bei den Leuten ankamen.

Gordons These ist nun, dass dieser breite Wohlstandszuwachs von tatsächlicher Innovation angetrieben war und folglich unsere heutige Zeit – trotz all ihrer digitalen Zukunftsversprechungen – auf der Stelle tritt. Wirtschafts-theoretisch untermauert er diesen Befund, indem er sich eine Ableitung des Wirtschaftswachstums anschaut: die „Total Factor Productivity“. Diese Kennzahl normalisiert das Wachstum entlang der in ihr eingeflossenen Faktoren, nämlich Kapital und Arbeit. Rechnet man also den Mehreinsatz von Kapital und Arbeit aus dem Wachstum heraus, bekommt man den Anteil der Wertschöpfung, der weder durch Kapital noch Arbeit erklärbar ist: Diese Total Factor Productivity (TFP) sei laut Gordon eben der messbare Effekt von Innovation im Wachstum.

Da diese TFP über zwischen 1930 und 1970 stetig weit über einem Prozent war, davor oder danach aber wesentlich darunter, schließ Gordon daraus, dass trotz der großen Verwerfungen der Digitalisierung, diese kaum zu Innovation geführt habe. Gordon greift damit eine Beobachtung auf, die bereits Robert Solow 1987 gemacht hat: „You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics.“ Auch der bekannte Silicon Valley Investor Peter Thiel beklagt in seinem Buch „Zero to One“, dass das Problem unserer Zeit sei, dass wir keine wirkliche Innovation mehr produzieren. Er unterscheidet zwischen Erfindungen, die aus dem Nichts zu etwas ganz Neuem führen (zero to one) und jenen, die eine vorhandene Erfindung lediglich weiteren Nutzer/innen zugänglich machen (One to N). Unsere heutige Zeit sei vor allem durch letzteres geprägt, lamentiert Thiel.

Wir können diese Wachstumsperriode in der Geschichte jetzt direkt aus der sukzessiven Hebelmachung von fossiler Energie in Pfadgelegenheiten bei hohem EROI deuten. Dazu kommt die Umwidmung der Kriegsinfrastruktur in Konsuminfrastruktur nach dem zweiten Weltkrieg. In Krasse Links No 19 schrieb ich:

„It’s the infrastructure, stupid.“ Die Kriegsanstrengungen auf allen Seiten des Konfliktes hinterließ Motorenwerke (der zweite Weltkrieg wurde durch Motoren gewonnen), Erdölraffinerien, Piplines, Lieferketten und eine ganze Menge Know How. Die Luftwaffe wurde zur zivilen Luftfahrt, aus den Panzerfabriken rollten die PKWs und aus den Munitionsherstellern wurden Chemiekonzerne und fertig war das Wirtschaftswunder. Aus einem Kriegsparadigma der Ressource Abundance wurde eine kapitalistische Konsum-Maschinerie der Ressource Abundance, die wiederum einen Lebensstil der Resource Abundance ermöglichte, was wiederum unseren Blick auf die Welt prägt.

Hagens (s.o.) beobachtet, dass seit den 1970ern Energie und BIP sich entkoppeln. Die Standarderklärung ist Effizienzgewinn und Tertiarisierung – wir brauchen weniger Energie pro Einheit Wirtschaftsleistung.

Aber pneumatisch gelesen ist das eine andere Geschichte. Was sich entkoppelt hat, ist nicht Energie von Wertschöpfung, sondern Energie von Geldmenge. Der Kreditunterdruck ist seit den 1970ern – also seit Nixon den Goldstandard aufgab und Kredit vollständig von physischen Ankern befreit wurde – exponentiell schneller gewachsen als die verfügbare Energie.

Das Geld repräsentiert keine physische Realität mehr, sondern reine Zukunftserwartung. Die scheinbare Entkopplung ist in Wirklichkeit die wachsende Differenz zwischen dem monetären Unterdruck im System und seiner energetischen Deckung.

Versetzen wir uns in den Kapitalist. Der Kapitalist erlebt den systemischen Unterdruck nicht als abstrakten Mechanismus, sondern als konkrete Bedrohung seiner eigenen Position. Er spürt den Kreditdruck von oben und sitzt in einem Netzwerk, in dem andere Akteure permanent versuchen, ihre Netzwerkzentralität auf Kosten seiner zu verbessern. Relationale Dematerialisierung seiner Zulieferer, Enshittification seiner Kunden, Lohndruck auf seine Arbeitenden – das sind nicht nur Instrumente der Margenextraktion, sondern gleichzeitig Defensivmanöver gegen den Bedeutungsverlust im Netzwerk.

Stagnation ist deshalb für den Kapitalisten keine neutrale Option. In einem System, das permanent wächst und in dem alle anderen ihre Netzwerkzentralität optimieren, bedeutet Stagnation relativer Bedeutungsverlust. Wer nicht wächst, schrumpft relativ. Wer relativ schrumpft, verliert Verhandlungsmacht gegenüber Zulieferern, Kunden, Banken, Staat.

Der Kapitalist ist also gezwungen, ständig seine Netzwerkzentralität im Netzwerk zu verteidigen und auszubauen und dabei haben große Unternehmen mit bereits vorhandener Infrastruktur deutliche Vorteile.

  • Der erste ist Skalierung des Unterdrucks. Ein größeres Unternehmen kann mehr Kredit aufnehmen, zu besseren Konditionen. Es hat ein stabileres Fulcrum gegenüber Banken, weil sein Kollaps systemrelevanter wäre. Wachstum verbessert die eigene Position an der Druckpumpe.
  • Der zweite ist Fixkostendegression. Infrastrukturen haben Fixkosten, die sich auf mehr Einheiten verteilen lassen. Wer wächst, senkt seine Stückkosten und kann günstiger anbieten als Konkurrenten – oder dieselbe Marge bei niedrigerem Preis erzielen. Wachstum härtet das eigene Kontaktzonenfulcrum [F4].
  • Der dritte ist Netzwerkeffekte akkumulieren. In skalenfreien Netzwerken gilt Preferential Attachment – wer bereits groß ist, bekommt überproportional neue Verbindungen. Wachstum zieht weitere Verbindungen an, die weiteres Wachstum ermöglichen. Ab einem bestimmten Punkt wird Netzwerkzentralität selbstverstärkend.
  • Der vierte ist Konkurrenten verdrängen. Wer schneller wächst als die Konkurrenz, kann deren Margenpfade übernehmen, deren Zulieferer unter Druck setzen, deren Kunden mit günstigeren Angeboten abwerben. Wachstum ist gleichzeitig Angriff auf fremde Netzwerkzentralität.
  • Und klar, am Ende geht es immer um Marge. Wer die Netzwerkmacht hat, kann größere Marge kloppen und mehr Marge finanziert weiteres Wachstum und das Wachstum akkumuliert weitere Netzwerkzentralität, etc.

Und dann ergibt es sich, wie oben bei der Blase beschrieben. Einmal beliehene Fulcren führen dazu, dass sie von immer mehr und größeren Hebeln beliehen werden, auf denen dann wieder weitere Hebel aufsetzen usw. Auf diese Weise entsteht ein skalenfreies, weil schrittweise und nur punktuell skaliertes Netzwerk aus Hebel:Fulcrums-Beziehungen.

Hier ein guter Explainer von Veritasum zu skalenfreien Netzwerken, Power Law Verteilungen und dem sich daraus ergeben könnenenden kaskadierenden Kollaps..

In „5 beunruhigende Fragen an den Kapitalismus“ bespreche ich eine Studie zu sogenannten „Super Star Firms“.

In ihrer Studie „The Fall of Labor Share and the Rise of Superstar Firms“ machen die Autor/innen einen anderen Grund aus: Superstar Firms.10 Konkret: Die Wirtschaft hat sich immer mehr konzentriert und wird in immer mehr Branchen von übermächtigen Playern dominiert. Diese sind enorm wirtschaftlich, verbuchen ein Großteil der Innovationen und nehmen den Wettbewerbern die Luft zum Atmen. Vor allem erwirtschaften sie mit erstaunlich wenigen Mitarbeiter/innen enorme Umsätze.

Ein großteil dieser Superstar Firms sind natürlich wiederum unsere Tech-Giganten. Unter den arbeitsproduktivsten Firmen der Welt, finden wir viele IT-Konzerne. Apple macht fast zwei Millionen Dollar Umsatz pro Mitarbeiter.11 Im Durchschnitt. Auch Facebook und Google verdienen auf Platz zwei und drei weit mehr als eine Millionen Dollar pro Mitarbeiter. Aber alle diese Firmen sind nicht dafür bekannt, dass sie ihre Mitarbeiter/innen schlecht bezahlen – im Gegenteil. In Bezug auf Marktpreise verdienen vor allem die Entwickler/innen und IT-Spezialist/innen Löhne weit über dem Durchschnitt. Aber gemessen am erzielten Umsatz verdienen sie nur “Penuts” und aus einer marx’schen Ausbeutungs-Logik heraus betrachtet, sind sie die vielleicht ausgebeutetsten Menschen der Welt, da der extrahierte Mehrwert so enorm ist.

„Superstar-Firms“ sind nicht unbedingt „produktiver“ in einem realwirtschaftlichen Sinn, sondern einfach das Ergebnis pfadabhängig skalenfrei gewachsener Machtungleichgewichte in einem Sektor. Sie haben so viel Netzwerkzentralität akkumuliert, dass sie alle Marge aus dem System ziehen, bis eine unvorhergesehene Exitmöglichkeit für die Ausgebeuteten den komprimierten Margendruck entweichen lässt, wie bei einem Luftballon.

Eine ähnliche Wirtschaftstopologie kennen wir aus der „Gilded Age“ vom Ende des 19. Jahrhunderts, nur hießen die Netzwerkzentralitäten damals Standard Oil, J.P. Morgan und Western Union. Unter anderem Zeynep Tufeki hatte in der New York Times auf diese Parallele hingewiesen.

The Gilded Age, the tumultuous period between roughly 1870 and 1900, was also a time of rapid technological change, of mass immigration, of spectacular wealth and enormous inequality. The era got its name from a Mark Twain novel: gilded, rather than golden, to signify a thin, shiny surface layer. Below it lay the corruption and greed that engulfed the country after the Civil War.

The era survives in the public imagination through still-resonant names, including J.P. Morgan, John Rockefeller, Andrew Carnegie and Cornelius Vanderbilt; through their mansions, which now greet awe-struck tourists; and through TV shows with extravagant interiors and lavish gowns. Less well remembered is the brutality that underlay that wealth — the tens of thousands of workers, by some calculations, who lost their lives to industrial accidents, or the bloody repercussions they met when they tried to organize for better working conditions.

The concentration of extreme wealth in the United States has recently surpassed that of the Gilded Age. And the will among politicians to push for broad public solutions appears to have all but vanished. I fear that instead of an era of reform, the response to this act of violence and to the widespread rage it has ushered into view will be limited to another round of retreat by the wealthiest. Corporate executives are already reportedly beefing up their security. I expect more of them to move to gated communities, entrenched beyond even higher walls, protected by people with even bigger guns. Calls for a higher degree of public surveillance or for integrating facial recognition algorithms into policing may well follow. Almost certainly, armed security entourages and private jets will become an even more common element of executive compensation packages, further removing routine contact between the extremely wealthy and the rest of us, except when employed to serve them.

Standard Oil, J.P. Morgan, Carnegie Steel, Western Union, die Eisenbahnen waren keine gewöhnlichen Unternehmen, sondern Netzwerkzentralitäten in den Basisinfrastrukturen der damaligen Ökonomie. Energie, Kapital, Stahl, Kommunikation, Transport – wer diese Fulcren kontrollierte, kontrollierte alle nachgelagerten Margenpfade. Die Konzentration war extrem. Rockefeller kontrollierte zeitweise über 90% der US-Ölraffination. Morgan kontrollierte das Kapital, das Eisenbahnen, Stahl und Versicherungen am Laufen hielt. Die Eisenbahngesellschaften kontrollierten nicht nur Transport, sondern diktierten Preise für Farmer, die keine Alternative hatten. Die Ausbeutung unten war so brutal, dass die Arbeiter*innen in großen Massen starben und die Vermögenskonzentration war fast so krass wie heute.

Und wie das bei einer Blase so ist, es brachen zuerst die verdrängten, stablisierenden Fulcren.

  • Das erste war das Arbeitsfulcrum. Die Löhne waren so weit gedrückt, die Arbeitsbedingungen so brutal – 12-Stunden-Tage, Kinderarbeit, Industrieunfälle in industriellem Maßstab – dass das Kontaktzonenfulcrum der Arbeitenden an seine physische Grenze stieß. Nicht metaphorisch, sondern buchstäblich: Menschen starben bei der Arbeit in Massen. Das war kein verdräntes Fulcrum mehr, das war ein sichtbarer Riss [F8].
  • Das zweite war das Farmerfulcrum. Die Eisenbahnen und Getreidesilos hatten die Farmer in eine vollständige Abhängigkeit gepresst – sie hatten keine Pfadalternativen für Transport und Lagerung. Die Preise, die sie für ihre Produkte bekamen, sanken systematisch, während die Transportkosten stiegen. Die Populist Movement der 1880er und 1890er war die organisierte Voice-Reaktion von Menschen, deren Bellman-Wert des Weitermachens unter null gefallen war.
  • Das dritte war das demokratische Legitimationsfulcrum. Der Staat war so weitgehend von den Oligarchen durchdrungen – Senatoren wurden buchstäblich von Eisenbahngesellschaften gekauft, Richter von Morgan – dass seine Funktion als neutrales Fulcrum des Gesamtsystems kollabierte. Das erzeugte eine Legitimitätskrise, die das gesamte System destabilisierte, weil ohne glaubwürdiges staatliches Fulcrum die Eigentumsgarantien selbst fragil wurden.
  • Das vierte war das Finanzfulcrum. Die Panik von 1893 und die Panik von 1907 zeigten, wie fragil das gesamte Finanzsystem war, wenn es auf wenige private Akteure – vor allem Morgan – als stabilisierende Fulcren angewiesen war. 1907 musste Morgan persönlich als Lender of Last Resort einspringen, weil es keine Zentralbank gab. Das machte die strukturelle Vulnerabilität so sichtbar, dass sie politisch nicht mehr ignoriert werden konnte.
  • Die Arbeiterbewegung organisierte Voice auf breiter Front – Streiks, Gewerkschaften, politische Parteien. Das destabilisierte das Arbeitsfulcrum der Oligarchen, erhöhte ihre Kosten, erzwang Zugeständnisse.
  • Die Populisten und später die „Progressives“ organisierten politischen Druck, der die staatlichen Institutionen teilweise zurückgewann und gegen die Oligarchie einsetzen konnte. Das destabilisierte das politische Fulcrum der Oligarchen – ihre Fähigkeit, Regulierung zu verhindern.
  • Die Finanzpaniken machten die systemische Fragilität sichtbar und erzeugten Nachfrage nach staatlicher Stabilisierung – was zur Federal Reserve 1913 führte.
  • Entscheidend war die öffentliche Meinung. Bücher wie Ida Tarbell über Standard Oil, Upton Sinclairs „The Jungle“ über die Fleischindustrie – destabilisierte das semantische Fulcrum der Oligarchen: die öffentliche Akzeptanz ihrer Herrschaft. Tarbell dokumentierte so präzise, wie Rockefeller seine Netzwerkzentralität aufgebaut und missbraucht hatte, dass die öffentliche Meinung kippte und den politischen Willen für den Sherman Antitrust Act und später das Standard Oil Urteil von 1911 ermöglichte.

Von S-Kurven und Innovationszyklen

Clayton Christensen 1997 erschienenes Buch „The Innovator’s Dilemma“ war ein großer Management-Hype, aber ich denke das lag daran, dass er etwas reales beschrieb.

Etablierte Unternehmen scheitern nicht nur, wenn sie schlecht managen. Sie scheitern oft gerade weil sie gut managen – weil sie auf ihre besten Kunden hören, ihre Margen optimieren und in bewährte Technologien investieren. Und genau das macht sie blind für Bedrohungen von unten.

Christensen unterscheidet zwei Arten von Innovationen:

  • Sustaining Innovation verbessert ein bestehendes Produkt entlang der Dimensionen, die etablierte Kunden wertschätzen. Schnellere Prozessoren, bessere Kameras, sparsamere Motoren. Hier gewinnen fast immer die etablierten Unternehmen – sie haben die Ressourcen, die Kundenbindung, die Infrastruktur.
  • Disruptive Innovation beginnt anders. Sie ist zunächst schlechter in den Dimensionen, die etablierte Kunden wertschätzen – aber billiger, einfacher, zugänglicher. Sie erschließt einen neuen Markt oder den untersten Teil eines bestehenden Marktes, den etablierte Anbieter nicht bedienen wollen, weil die Margen zu gering sind.

Das eigentliche Dilemma ist, dass etablierte Unternehmen die Disruption oft sehen – und trotzdem nicht reagieren können. Der Grund ist strukturell: Ihre Investoren, ihre Kunden, ihre internen Anreizsysteme, ihre Kostenstrukturen – alles zieht in Richtung des bestehenden Marktes. Eine Investition in die disruptive Technologie kannibalisiert das eigene Geschäft und liefert zunächst schlechtere Margen. Das ist rational nicht durchsetzbar.

Kurz: Das Innovator’s Dilemma beschreibt die Pfadabhängigkeitsfalle des Kapitalisten: Sein gesamtes Hebelnetzwerk ist auf das bestehende Fulcrum ausgerichtet. Jede seiner Abhängigkeitsbeziehungen – Kreditgeber, Zulieferer, Kunden, Mitarbeitende – wettet auf die Stabilität dieses Fulcrums. Ein Fulcrumswechsel würde den Bellman-Wert seiner gesamten bisherigen Infrastruktur kollabieren lassen.

Das eigentlich interessante an Christensen sind aber die S-Kurven.

Die klassische S-Kurve der Technologieadaption beschreibt drei Phasen: langsames Anfangswachstum, explosives Mittenwachstum, Sättigung. Eine disruptive Technologie ist eine, deren S-Kurve die vorherige ablöst, so dass sich über Zeit eine S-Kurven-Treppe bildet.

Hier ist der Take der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten: Jede S-Kurve ist ein Fulcrumszyklus – der komplette Lebenslauf eines zugrifflichen Fulcrums von seiner Entstehung bis zu seiner Erschöpfung.

  • Die erste Phase – der flache Anfang – ist die Fulcrumsetablierung. Ein neues technisches Prinzip eröffnet ein potenzielles zugriffliches Fulcrum [F1], aber es ist noch nicht hegemonial [F2]. Die Übergangswahrscheinlichkeit ist gering, weil die komplementären Infrastrukturen fehlen, das Wissen nicht verbreitet ist, die Erwartungserwartungen noch nicht synchronisiert sind. Das Dampfmaschinenfulcrum existierte technisch bereits 1712 mit Newcomen. Aber es brauchte Jahrzehnte, bis Metallurgie, Kohleinfrastruktur, Ingenieursausbildung und Kapitalverfügbarkeit das Fulcrum stabil genug machten, um große Hebel daran anzusetzen. Die S-Kurve beginnt erst, wenn das stabilisierende Fulcrum [F5] der komplementären Infrastrukturen ausreichend hart ist.
  • Die zweite Phase – die explosive Mitte – ist die Fulcrumshegemonialisierung [F2]. Das zugriffliche Fulcrum ist jetzt stabil genug für große Hebel, die Übergangswahrscheinlichkeit ist hoch, die komplementären Infrastrukturen sind vorhanden. Jetzt fließt Kreditunterdruck massiv in diesen Pfad – weil die Fulcrumsstabilität sichtbar ist und damit beleihbar wird [F3].
    Das ist der Moment, wo aus einer Technologie eine Industrie wird. Nicht weil die Technologie besser wird, sondern weil das Fulcrum hegemonial wird – weil die Erwartungserwartungen synchronisiert sind, weil alle anderen auch darauf wetten, weil die Infrastrukturen sich gegenseitig stabilisieren.
  • Die dritte Phase – die Sättigung – ist die Fulcrumserschöpfung. Nicht physikalische Erschöpfung notwendigerweise, sondern Margensättigung. Alle erreichbaren Pfadgelegenheiten im Fulcrumsnetzwerk sind erschlossen. Die Übergangswahrscheinlichkeiten auf neue Nutzenpfade sinken, weil es keine neuen gibt. Der Kreditunterdruck findet keine neuen Margenpfade mehr, die er aktivieren könnte.

An der Sättigungsgrenze passieren gleichzeitig dann zwei Dinge.

  • Erstens: Der Kreditunterdruck, der in diesem Fulcrum steckt, sucht nach Ausweg. Er kann nicht einfach verschwinden – er muss bedient werden. Also beginnt er, die Enshittification des bestehenden Fulcrums zu treiben. Preise steigen, Qualität sinkt, Margen werden aus der Substanz gezogen statt aus neuem Nutzen. Das ist nicht Versagen, sondern strukturelle Reaktion auf Margensättigung unter laufendem Unterdruck.
  • Zweitens: Genau an diesem Punkt wird ein neues zugriffliches Fulcrum interessant – nicht weil es technisch besser ist, sondern weil es neue Margenpfade verspricht, die das gesättigte Fulcrum nicht mehr liefern kann. Der Kreditunterdruck sucht sich neue Rohre.

Jedes hegemoniale Fulcrum erzeugt komplementäre Fulcren, die ihre eigenen S-Kurven entfalten. Das Eisenbahnfulcrum erzeugte S-Kurven für Stahlproduktion, Kohleförderung, Telegrafie, Stadtentwicklung entlang der Strecken. Das Automobil-Fulcrum erzeugte S-Kurven für Erdölraffinierung, Straßenbau, Vorortentwicklung, Fastfood, Versicherungen.

Jedes neue Fulcrum ist also gleichzeitig stabilisierendes Fulcrum für andere S-Kurven und zugriffliches Fulcrum für neue Margenpfade. Das erklärt, warum technologische Wellen so breite wirtschaftliche Auswirkungen haben – nicht wegen der Technologie selbst, sondern wegen der Fulcrumskaskaden, die sie auslösen.

Das erklärt Gordons Beobachtung auch noch mal anders: 1870-1970 Wachstumsperiode war keine Anomalie des Unternehmergeists oder der Innovationskultur. Es war die historisch einmalige Situation, in der mehrere große Fulcrumswellen gleichzeitig und aufeinander aufbauend liefen, beschleunigt durch einen hohen EROI.

Seit den 1970ern fehlt dieser Fulcrumssturm. Digitalisierung ist eine S-Kurve, aber sie erzeugt – wie Gordon beobachtet – kaum neue physische Margenpfade. Sie dematerialisiert bestehende Fulcren statt neue zu schaffen. Sie macht Informationsverarbeitung billiger, aber sie schafft keinen neuen energetischen Hebel, der die Produktivität der gesamten Wirtschaft hebt.

Verhandlung

Jeder weiß: Bei einer Verhandlung kommt es darauf an, am längeren Hebel zu sitzen, aber was viele ahnten, aber nicht so recht aussprechen konnten: wie lang dein Hebel sein kann, wird durch die Stabilität deines Fulcrums bestimmt.

Sagen wir A und B gehen in die Verhandlung mit bestimmten Vorannahmen über sich selbst und über den anderen und vor allem, auch hinsichtlich der Frage, wer am längeren Hebel sitzt/wer die stabilere Abhängigkeitserwartung hat und wer glaubt, auf der Abhängigkeitsdividende zu sitzen. Doch nicht nur das: Sie haben auch jeweils eine Vorstellung davon, wie der andere ihre Verhandlungsposition bewertet, und sich vorstellt, wir ich mir vorstelle, dass er sich vorstellt, wie sie ist.

Das heißt, wir bewegen uns von Anfang an im Feld der Erwartungen und Erwartungserwartungen, wo es ständig darum geht, wer was von wem erwartet, erwarten zu können.

Bei den Erwartungen gibt es sicher viele Überschneidungen, denn A und B bewohnen dieselbe materielle Welt, aber es gibt eben immer auch Abweichungen und eine echte Verhandlung kommt meist erst dann zustatten, wenn die Abweichungen zu grundlegend und/oder vielfältig sind, dass man meint, in die Verhandlung gehen zu müssen.

Alfred O. Hirschman hat in seinem berühmten Aufsatz Exit, Voice, and Loyalty die Pfadgelegenheiten dafür analysiert. Für Unzufriedene gibt es Grunde nur drei Pfadgelegenheiten: Man kann sich beschweren (Voice), man kann den Schmerz runterschlucken und den Deal nehmen (Loyalty) oder man kann aufstehen und gehen (Exit).

Hirschman argumentiert, dass Exit und Voice in einem Spannungsverhältnis stehen und dass Ökonomisch denkende Menschen eher dazu neigen den zu Exit zu wählen, politisch denkende eher zu Voice neigen, wobei Loyalität beides, Exit und Voice moderiert.
Das Problem am Exit sieht er darin, dass, wenn die mobilsten und kompetentesten Mitglieder einer Organisation als erste gehen (Exit), die Organisation genau jene Leute verliert, die am ehesten in der Lage wären, durch Voice Verbesserungen herbeizuführen. Exit beschleunigt den Verfall.

Umgekehrt funktioniert Voice nur dann, wenn Exit als Pfadalternative im Hintergrund glaubhaft gemacht wird – sie erzeugt den Druck, der die Entscheider zum Entscheiden zwingt.

Ich finde zwar Hirschmans Aufteilung sinnvoll und kann verstehen, warum sie so populär ist, aber seine Deutungen sind liberales Wolkenkuckugsheim. Er vergisst, dass „Voice“ und „Exit“ Hebel sind, die ein Fulcrum brauchen. Die Frage, ob du Exit oder Voice wählst, entscheidet nicht ob du „eher politisch drauf bist“ oder „eher so ökonomisch denkend“ bist. Was Hirschmans nicht sieht, ist, dass diese Pfadgelegenheiten dafür erstmal da sein müssen, dass sie materiell und dass sie plausibel sein müssen und generell „leistbar“. Den Exit, den die Milliardärsklasse (oft mit Verweis auf den Text, witziger Weise) plant, kann sich eben nur die Milliardärsklasse leisten. Aber das gilt für uns alle: Jedes Mal, als wir einen Pfad verlassen haben, konnten wir ihn leichter verlassen, wenn wir Pfadalternativen hatten. Die hat man aber eben nicht in jeder Verhandlung? Und seine „Voice“ zu „raisen“ ist auch nicht jedermanns Sache und in jedem Fall hat es auch Kosten.

Würde man das statistisch auswerten, wäre die Wahl von „Exit“, „Voice“ und „Loyalty“ auffällig entlang der „gesellschaftlichen Macht“ verteilt.

Exit können sich oft nur die bessergestellten überhaupt leisten und Voice ist oft der einzige Hebel, der den Menschen unten bleibt. Doch die meisten haben längst aufgegeben und was Liberale wie Hirschman dann als „Loyalität“ identifizieren, ist in Wirklichkeit Resignation und Duldungsstarre.

Aber Hirschman spricht es selbst direkt an: Der Voice-Hebel braucht eine Exit-Erwartung als stablisierendes Fulcrum [F5] (weswegen es immer geraten ist, eine Pfadalternative für den Verhandlungspartner sichtbar zu halten). Je besser die Exiterwartung (auch BATNA genannt :„Best Alternative To a Negotiated Agreement“), desto sicherer die Verhandlung.

Andersrum: Deine Pfadalternativen mitigieren die Macht deines Gegenübers (Aber das wissen wir ja bereits aus der Wert/Macht-Formel). Sie destabilisiert sein Verhandlungsfulcrum und strärkt gleichzeitig deines. Dadurch stabilisiert es die Wette [F5] auf deinen Angebotshebel (Voice).

Die Kultur- und Technikwissenschaftlerin Uta Meyer Hahn hat eine wichtige Doktorarbeit, „die Konnektivitätsökonomie des Internets“ geschrieben. Darin beschreibt sie, wie Netzwerkbetreiber (Die Unternehmen, die die Netzwerkinfrastruktur betreiben auf dem der ganze Internetspaß läuft) untereinander Verträge aushandeln, um sich miteinander zum Internet zu verschalten. In Krasse Links 11 fasste ich ihre Arbeit so zusammen:

In meinem Buch behandle ich auch die sehr lesenswerte Doktorarbeit von Uta Meier-Hahn, die eine Art Anthropologie der Netzwerkökonomie vorgelegt hat. Sie hat mit etlichen Verantwortlichen von großen Netzwerkbetreibern gesprochen und sich erklären lassen, wie genau Peering-Entscheidungen und -Deals getroffen werden. Für die, denen das nichts sagt: das Internet wird in seinen Grobstrukturen von nur einer Handvoll Großunternehmen betrieben, deren Geschäftsmodell es ist, ihre Konnektivität an Internet Service Provider, andere Netzwerkbetreiber oder CDNs wie Cloudflaire weiter zu verkaufen. Das Internet ist ein Netz der Netze und der Verkehr zwischen den Netzen hat ab und zu ein Kassenhäuschen – und manchmal auch nicht. Dann nämlich, wenn die Interessen beider Netzbetreiber, Daten zu tauschen, in etwa ausgeglichen ist.

Das Spannende ist, dass sie tatsächlich Interviews geführt hat, wie diese Verträge ausgehandelt werden und eine der Erkenntnisse war, dass die Verhandlungsmacht der jeweiligen Netzbetreiber eine Funktion des erwarteten „Werts“ des Netzes ist, den sie als Katalog von Eigenschaften herausarbeitet.

Die Kriterien dazu sind komplex und ein Großteil von Utas Arbeit befasst sich mit ihrer Katalogisierung, aber einer der wesentlichen Faktoren ist natürlich die Größe des Netzes. Ein kleines Netz hat immer ein höheres Interesse, mit einem größeren Netz Daten zu tauschen, als umgekehrt und deswegen muss das kleine Netz zahlen und das große bekommt Konnektivität geschenkt.

In Netzwerkmacht gesprochen ist klar, dass große Netze hier ein enormes Ungleichgewicht reinbringen und von allen anderen kleineren Netzbetreibern Marge kassieren. Aber auch wenn der empfundene Wert des Netzwerks durch materielle Kennzahlen „gedeckt“ ist, bleibt es ein Spiel, bei dem sich alle Spieler ausschließlich im Feld der Erwartungen bewegen. Sie zitiert an einer Stelle einen der Verhandlungsverantwortlichen, wie er „Exit“ als Fulcrum seiner Verhandlungshebel einsetzt.

»Wenn jemand einem Peering nicht zustimmt, sagt sich die andere Partei: Klar, ich könnte jetzt hinter dem herrennen. Aber wenn du hinterherrennst, bist du der Kunde. Wenn du also mit mir peerst und dann das Kabel durchschneidest, würde ich, wenn es eine richtige Peeringbeziehung ist, sagen: Tja, mir egal. Aber wenn ich das Peering wirklich brauche und du zerschneidest das Kabel, dann bin ich der Kunde. Ich bin dann logischerweise mehr auf dich angewiesen als du auf mich. Das hast du durch das Zerschneiden bewiesen.«

Dein Verhandlungshebel hebelt also einerseits auf dem Fulcrum des erwarteten Werts, den der andere deinen Pfadgelegenheiten zuschreibt und andererseits, ist aber durch das stablibisierende Fulcrum deiner Exiterwartung gebackt, wenn deine Forderungen nicht erfüllt werden.

Die Eliten glauben, sie hebeln auf dem Fulcrum unserer „Loyalität“ und wenn wir was sagen (Voice), sagen sie sich: die brauchen wir eh bald nicht mehr. Wir hebeln ins Leere, denn das stablisierende Fulcrum unserer Verhandlungsmacht, der Exit, ist nicht mehr glaubhaft. Wir stecken zu tief drin.

Aber Exit ist nicht immer Privileg, manchmal ist es der letzte Notausgang.

Der Maximalpreis

Wenn der Verhandlungshebel am Fulcrum des Mangels an Pfadalternativen des Gegenübers stabilisiert wird, hebelt er in Wirklichkeit auf antizipierten Schmerzerwartungen und das heißt, die erwartete Schmerzerwartungsduldung ist das theoretische Limit der Belastbarkeit des Kontaktzonen-Fulcrums. Taucht eine Pfadalternative und damit ein „Exit“ für das Gegenüber auf, ist die Hebelwirkung nicht weg, aber am „wabbeliergen“ Fulcrum stark vermindert.

Aus dem Plattformbuch:

Rückblickend ist es erstaunlich, wie viel der neuzeitlichen Weltgeschichte sich auf die Motivation der Europäer zurückführen lässt, eine Handelsroute nach Asien zu finden. 1492 landete Columbus auf den Bahamas in dem Glauben, Indien zu betreten. Selbst nachdem das Missverständnis aufgeklärt war, segelte 1609 Henry Hudson wieder gen Westen, um Asien zu erreichen. Im Auftrag der Niederländischen Ostindien- Kompanie sollte er den amerikanischen Kontinent nördlich umschiffen, also die sagenumwobene Nordostpassage finden. Er scheiterte, wie noch viele nach ihm scheitern würden, aber immerhin gründete er New York.

Natürlich war den Europäern immer schon bewusst, dass Asien eigentlich östlich liegt. Doch auf der Landroute dorthin war das Osmanische Reich zu durchqueren, das auf die Kreuzfahrernationen nicht sonderlich gut zu sprechen war. Auf dem Seeweg wiederum musste Afrika umschifft werden. Beide Wege sind gangbar, aber aufwändig, gefährlich und teuer. Der Handel mit Asien barg also enorme Reibung, enorme Transaktionskosten.

Es dauerte bis ins 19. Jahrhundert, ehe eine Lösung für das Problem gefunden wurde: der Suez-Kanal. Ein gigantisches Infrastrukturprojekt, für das die Planungen 1845 begannen und dessen Fertigstellung erst 1869 gefeiert wurde. Der Kanal war zunächst 164 km lang und durchgehend 8 Meter tief, sparte aber fast 9000 km Schiffsroute. Ihn zu durchfahren dauerte nur noch 12 bis 16 Stunden statt der ursprünglich 20 Tage Seefahrt um das bei Seeleuten berüchtigte Kap der Guten Hoffnung. Das Unternehmen wurde zunächst maßgeblich von der französischen Regierung finanziert, später übernahmen es die Briten, die den Bau schließlich fertig stellten.

Die Preise für die Kanalbenutzung orientierten sich schon immer an den Kosten für die Umschiffung Afrikas, also einem Konkurrenzprodukt, das nur indirekt durch die Schätzung der Transaktionskosten bepreisen lässt. Der Trick ist, immer ein Stück weit unter diesen Kosten zu bleiben. Früher bestanden die Transaktionskosten in erster Linie in zusätzlicher Zeit und zusätzlichem Risiko. Heute orientiert sich der Wert der Kanalbenutzung vor allem am Ölpreis. Der Kanal reduziert die Reiseroute zwar immer noch um circa 15 Tage, doch die können durch Erhöhung der Geschwindigkeit und somit zusätzlichen Ölverbrauch weiter reduziert werden.

Der maxixmal nehmbare Preis entspricht den Opportunitätskosten des besten verfügbaren Exits. Preise kommunizieren nicht den „Wert“ einer Sache, sondern den Schmerz, den der Exit kosten würde.

Aber das ist immer nur eine Momentaufnahme, denn bedenkt man, dass jede Pfadentscheidung auf einen Pfad führt, dann bekommt das Modell eine zeitliche Dynamik.

Denn dann wird der Exit vom Punkt zum Pfad. Wer das Kap umschifft, zahlt nicht nur mehr Treibstoff – er bindet sein Schiff für 15 Tage länger, verpasst den nächsten Auftrag, akkumuliert Verschleiß, verliert Planungssicherheit. Der „Preis des Exits“ ist also nicht die Summe seiner direkten Kosten, sondern der kumulierte Wert aller Pfadgelegenheiten, die man damit aufgibt oder verschlechtert. Und die darauf aufbauenden Pfadgelegenheiten: Die Verträge, die nicht eingehalten werden können und neu ausgehandelt werden müssen, die Nachfrage, die durch die steigenden Kosten sinkt, die Infrastruktur, die dadurch nicht mehr ausgelastet ist, usw.

Der Mathematiker Richard Bellman hat dafür in den 1950ern eine Formel aufgestellt, die er in einem anderen Kontext entwickelte, die aber hier erstaunlich präzise passt. Die Bellman-Gleichung beschreibt, wie ein Akteur den Wert eines Zustands berechnet: nicht durch den unmittelbaren Gewinn, sondern durch den besten erreichbaren Wert aller zukünftigen Zustände, die von hier aus zugänglich sind.

Der Preis, den jemand zu zahlen bereit ist, entspricht also nicht den Kosten des nächsten Schritts des Exits, sondern dem kumulierten Wertverlust aller Pfadgelegenheiten, die der Exit nach sich zieht.

Das erklärt, warum Lock-In so mächtig ist. Plattformen, Vermieter und Monopolisten müssen den Exit nicht unmöglich machen – es reicht, die Folgekosten des Exits systematisch zu erhöhen. Wer nach Jahren aus einem Apple-Ökosystem aussteigt, verliert nicht nur sein Gerät, sondern sein gesamtes App-Portfolio, seine Kontakte, seine Gewohnheiten, seine sozialen Anschlüsse. Der Bellman-Wert des Exits sinkt mit jeder weiteren Nutzung – nicht weil der Kanal besser wird, sondern weil Afrika weiter weg rückt.

Daraus folgt eine wichtige Asymmetrie: Je länger man einen Pfad geht, desto teurer wird der Exit – und desto mehr Spielraum hat der Anbieter, den Preis zu erhöhen, ohne den Kipppunkt zu erreichen. Das ist die zeitliche Dynamik hinter der Salamitaktik der Margenentwicklung, die weiter oben beschrieben wurde. Jede Preiserhöhung, jede Enshittification, jeder Versuch die Demokratie abzuschaffen, jeder Genozid und jede sonstige Grenzverletzung der Mächtigen ist eine kleine Wette darauf, dass der akkumulierte Bellman-Wert unseres bisherigen Pfades den neuen „Preis“ noch trägt.

Voices heard

Eine weitere Auslassung von Hirschman, ist sich zu fragen, wer überhaupt gehört wird. Diese Frage haben Bruce Bueno de Mesquita und Alastair Smith in ihrem Buch „Dictator’s Handbook“ implizit auf strukturelle Weise beantwortet. Auch bei ihnen geht es um Macht, aber vor allem darum, wie ein Machthaber seine Macht organisiert.

Eine der zentralsten Prämissen der Theorie ist, dass Machthaber – egal, ob demokratisch oder autokratisch – immer nach Mitteln und Wegen suchen, ihre Macht zu konsolidieren. Eine weitere zentrale Prämisse ist, dass kein Machthaber ohne die Unterstützung von anderen Menschen regieren kann. Die Kunst, an der Macht zu bleiben, besteht also im klugen Management der eigenen Abhängigkeiten.

Dabei unterscheiden Mesquita und Smith zwischen drei Kategorien von Abhängigkeitsbeziehungen:

  • Das „Nominelle Selektorat“ ist die austauschbare Verschiebemasse an Menschen, die einem selbst gegenüber über keine Macht verfügen. In Deutschland sind das z. B. Kinder und Jugendliche, Migrant*innen ohne Wahlrecht und alle, die sich von der Politik abgewendet haben. Über ihre Köpfe hinweg wird regiert.
  • Daneben gibt es das „Tatsächliche Selektorat“. Das ist eine deutlich kleinere Gruppe, die es zu überzeugen gilt, um an die Macht zu kommen und dort zu bleiben. In der US-Demokratie sind das zum Beispiel die Wähler *innen der Swing-States, in Deutschland wichtige Wähler-Gruppen wie die Rentner*innen oder Autofahrer*innen, aber grundsätzlich alle Gruppen, die bei Wahlen mobilisierbar sind.
  • Und schließlich gibt es noch die „Gewinnende Koalition“, jene sehr kleine Gruppe, von deren Unterstützung ein Machthaber direkt abhängig ist. Das können zum Beispiel Parteifunktionäre oder potente Geldgeber sein, es können aber auch einfach Menschen in wirtschaftlichen oder publizistischen Machtpositionen sein. Dieser Gruppe gilt der Großteil der Aufmerksamkeit jedes Machthabers (Mesquita & Smith, 2011).

Politische Systeme unterscheiden sich nun darin, wie gut es ihnen gelingt, Machthaber von einer möglichst breiten, diversen Gruppe von Menschen abhängig zu halten (Demokratie), oder inwiefern es dem Machthaber gelingt, seine Abhängigkeiten möglichst auf die „Gewinnende Koalition“ zu reduzieren (Autokratie).

Ein Machthaber ist immer von anderen abhängig, um seine Macht abzusichern und hat gleichzeitig Anlass, den Kreis seiner Abhängigkeiten möglichst gering zu halten. Vereinfacht ausgedrückt: Ein paar dutzend mächtige Oligarchen (gewinnende Koalition) bei Laune zu halten ist sehr viel einfacher und zuverlässiger, als ein ganzes Volk, weswegen es rational ist, das Volk zugunsten der Oligarchen auszubeuten.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten formuliert, besteht der zentrale Trick darin, die eigene Degree-Zentralität (man ist von vielen abhängig) durch „Eigenvektor-Zentralität“ (man ist von weniger, aber mächtigeren Akteuren abhängig) einzutauschen und die eigene institutionelle Betweenness-Zentralität als Machthaber dazu zu nutzen, Margen vom Nominellen Selektorat zur Gewinnenden Koalition zu transferieren, um so ihre Abhängigkeit zu vergrößern. Das System Putin kann hierfür als illustratives Beispiel herhalten, doch das Prinzip ist universell, wie Mesquita und Smith versichern.

Was nun aber passiert, mit der auf breiter Front betriebenen relationalen Dematerialisierung der Gesellschaft und der gleichzeitigen Konzentration von Abhängigkeitspfaden in den Händen weniger Oligarchen, ist, dass wir Schritt für Schritt vom „tatsächlichen Selektorat“ ins „nominelle Selektorat“ verschoben werden. Und mit AGI – wenn es in einem wirtschaftlichen Sinne wahr wird – ist unsere endgültige relationale Dematerialisierung erreicht.

Teil IV: Case Studies

Eine der Stärken der politischen Ökonomie der Abhängigkeiten ist die Analyse von Geschäftsmodellen und anderen Strukturphänomenen des Kapitalismus. Hier ein paar Case Studies.

Die Lohnverhandlung

Mit der Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten lassen sich plausible Perspektiven in plausiblen Pfaden bauen.

Stellen wir uns A vor. Ihre Reproduktionskosten belaufen sich aktuell bei 1500, sie hat sich bereits eingeschränkt, denn sie ist auf Jobsuche. Ihre Rücklagen reichen für 4 Monate. Sie bewirbt sich bei 10 Unternehmen, bei zwei wird sie eingeladen. Der Job wird normalerweise mit ca. 30.000 im Jahr vergütet.

Doch A sieht nicht nur die 30.000/Jahr, sondern auch den Bellmann-Wert: die Aufstiegschancen, das Herstellen von Sicherheit in einer unsicheren Position. Die Aussicht auf Arbeitlosigkeit lässt sie nachts nicht schlafen. Außerdem kommen zu der Sicherheit und den monetären Möglichkeiten auch der Statusgewinn bei Freunden und Bekannten und dass Mama sich keine Sorgen mehr macht, etc. All das ist nicht in Zahlen zu fassen, aber tun wir es trotzdem und sagen wir, das erhöht den Pfadwert eigentlich auf 80.000 und zerquetschte. Davon abzuziehen ist der Bellmanwert der Opportunitätskosten, die aus der Fremdverfügung ihrer Zeit, des zusätzlichen Stress, der Reduzierung für Zeit Care, Freundschaften, eigene Projekte ergeben. Sagen wir, wir kommen damit auf einen Nettowert von 40.000

Als sie zum ersten Vorstellungsgespräch fährt, gibt sie der Übergangswahrscheinlichkeit p der anderen Einladung eine 50/50 Chance und das bedeutet:

Der Pfadwert dieser Pfadgelegenheit entspricht nach der Machtwertformel 40.000 / 1,5 = 26,666. Und das ist gleichzeitig die Verhandlungsmacht des Kapitalisten über sie, bzw. das Fulcrum, das er bei der Verhandlung leveragen kann.

Stellen wir uns B vor. B ist Kapitalist und hat ein Unternehmen für irgendwas, das bei 50 Mitarbeitenden 10 Millionen Euro im Jahr erwirtschaftet. B sucht 3 neue Mitarbeitende und hat zu jeder Stelle 10 Bewerber*innen und eine davon ist A. B hat 4 Monate Zeit, die Stellen zu besetzen, sonst droht ihm der Einbruch der Marginalproduktivität von biszu 60 Tausend Euro pro unbesetzter Stelle. Gleichzeitig würden sich Projekte verschieben, Termine könnten vielleicht nicht eingehalten werden und ein bereits geplantes Projekt kann nicht umgesetzt werden. Der Bellmannwert des neuen Mitarbeitenden ist also eher bei 80 000. Davon zieht er die Kosten der Stelle ab (Lohn + Bürokratie), ca. 40.000 und kommt damit ebenfalls auf einen Pfadwert von ca. 40.000 für die neue Stelle.

Die Pfadgelegenheitswert des Arbeitenden vor ihm entspricht nach der Machtwertformel also jeweils: 40.000 / 10 = 4000.

Die Nettomachtdifferenz, die Abhängigkeitsdividende des Kapitalisten ist also 22.666 zugunsten des Kapitalisten, was nicht seiner Marge entspricht, sondern die Ausdehnung des Schmerzgradienten seines Gegenübers beschreibt, den er bei der Verhandlung als Kontaktzonenfulcrum Hebeln kann.

Wobei: B weiß das nicht. Er weiß nicht, dass A nur zwei Einladungen hat, dass ihre Rücklagen in vier Monaten aufgebraucht sind, dass Mama sich Sorgen macht. Und A weiß nicht, dass B 10 Bewerber*innen hat und 4 Monate Zeit. Beide operieren mit Erwartungen über die Erwartungen des anderen. Die Abhängigkeitsdividende ist kein fester Wert, den man ablesen kann – sie ist ein Gradient aus wechselseitigen Erwartungserwartungen, dessen zugriffliches Fulcrum im unteren Bereich fest genug wirkt aber nach oben hin immer spekulativer wird. Wer weniger preisgibt, wer die Nervosität des anderen liest, wer besser bluffen kann, verschiebt den effektiven Abschöpfungspunkt/das zugriffliche Fulcrum [F1]. Deswegen sind Gehaltsverhandlungen so unangenehm: Sie sind der Moment, in dem das verdrängte Fulcrum beider Seiten sichtbar zu werden droht.

B will A anstellen und macht das Angebot: 28.000 und 1000 mehr ab zweitem Jahr Anstellung. A ist unzufrieden, traut sich aber aufgrund der eigenen Unsicherheit nicht, zu verhandeln und sagt, dass sie es sich überlegt.

Als sie zum zweiten Vorstellungsgespräch fährt, fühlt sie sich trotzdem besser. Sie hat jetzt ein konkretes Stellenangebot im Hintergrund, und damit einen Exit aus der aktuellen Verhandlung. Obwohl der Pfadwert im Zähler gelitten hat, erhöhte sich dafür der Nenner um 0,5.

Der Pfadgelegenheitswert der zweiten Verhandlung liegt nun bei 40 Tausend / 2. Damit sinkt ihre Abhängigkeit gegenüber dem Kapitalisten auf 20.000.

Als Kapitalist C ihr dasselbe Angebot machen will (28.000 + 1000 ab nächsten Jahr), erhebt sie ihre „Voice“ und fordert 29.000 + 1000 ab nächstem Jahr! Ihre Exitmöglichkeit diente als stablisierendes Fulcrum, um den „Voice“-Hebel anzusetzen und zusätzliche Marge herauszuholen.

Sie hat damit nicht die Machtverhältnisse umgekehrt. C hat immer noch 9 andere Bewerberinnen. Aber sie hat den Suezkanal-Preis um 1.000 Euro nach oben verschoben – genau so weit, wie sie ihren Exit als glaubwürdiges stabilisierendes Fulcrum einschätzt.

Das ist keine Ausnahme. Das ist das Modell. Jede Lohnverhandlung ist eine Schätzung der wechselseitigen Bellman-Werte unter Informationsasymmetrie, bei der derjenige strukturell gewinnt, dessen Fulcrum stabiler wirkt – und deswegen sitzt der Kapitalist fast immer am längeren Hebel.

Jedenfalls, solange ausgebeutete Dividuen sich nicht organisieren.

Mit Information zusätzliche Marge leveragen

Durch die Plattformwirtschaft verändert sich das Gleichgewicht noch mehr, weil eine zusätzliche Informationsasymetrie einsetzt („Politik der Allwissenheit“, s.u.). Cory Doctorow hatte dafür ein drastisches Beispiel. Aus Krasse Links No 44.

A January 2025 report from Groundwork Collective documents how increasingly nurses in the USA are hired through gig apps – „Uber for nurses” – so nurses never know from one day to the next whether they’re going to work, or how much they’ll get paid.

There’s something high-tech going on here with those nurses‘ wages. These nursing apps – a cartel of three companies, Shiftkey, Shiftmed and Carerev – can play all kinds of games with labor pricing.

Before Shiftkey offers a nurse a shift, it purchases that worker’s credit history from a data-broker. Specifically, it pays to find out how much credit-card debt the nurse is carrying, and whether it is overdue.

The more desperate the nurse’s financial straits are, the lower the wage on offer. Because the more desperate you are, the less you’ll accept to come and do the gruntwork of caring for the sick, the elderly, and the dying.

„Big Data“ macht unsere Fulcren erratbar. Dasselbe steckt hinter „Dynamic Pricing“. In „Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus“ berichte ich von einer Studie, die Ökonom*innen an den Daten von Uber destilliert haben.

Je nach Tages- und Nachtzeit sind unterschiedlich viele Uber-Fahrer/innen unterwegs und es gibt unterschiedlich hohe Nachfrage nach Uber-Fahrten. Ubers Surge-Pricing versucht darauf eine Markt-adäquate Antwort zu finden, indem es dem Kunden neben dem Standard-Preis auch noch den Surge-Preis anzeigt. Der Surge-Preis ist im Zweifelsfall höher als der Standard-Preis, aber dafür kommt das Auto sofort. Der Surge-Preis ist also eine Art Marktpreis – mit dem Unterschied, dass er von einem Algorithmus berechnet wurde.

In gewisser Weise führt es die Idee des Marktes ad absurdum, einen Marktmechanismus als datenbankgestützen Algorithmus nachzubauen, bietet aber auch ganz neue Möglichkeiten. So kamen Wirtschaftswissenschaftler um den Ökonom Steven Levitt auf Uber zu und fragten, ob sie denn mal einen Blick in die dabei generierten Daten werfen dürften. In ihrem Paper „Using Big Data to Estimate Consumer Surplus – The Case of Uber“ wurde dann auch etwas revolutionäres gezeigt: nämlich die Nachfragekurve – Beziehungsweise die Konsumentenrente.25

Um zu erklären, was es damit auf sich hat, müssen wir kurz zurück zur neoklassischen Vorstellung vom Markt. Während die Angebotskurve eine empirisch vergleichsweise leicht nachzuvollziehende Tatsache ist (man zähle die Hersteller eines Produkts sowie deren Output bei unterschiedlichen Absatzpreisen) war die Nachfragekurve immer nur eine lauwarme Behauptung der Ökonomen. Weder kann man wirklich messen, wieviele Leute bereit wären, ein Produkt zu kaufen, noch, wieviel sie zu welchem Preis bereit wären, davon zu kaufen. Was man machen kann ist, tatsächliche Kunden zählen und alle anderen Leute in Marktforschungsanaylsen zu befragen, aber all das gibt höchstens vage Anhaltspunkte für die Nachfragekurve. Kurz: um die Nachfragekurve zu kennen, müsste man in die Köpfe der Leute schauen.

Mit den Uber-Daten konnten die Wissenschaftler nun genau das tun. In den vielen Millionen Entscheidungen für und gegen den Surge-Preis bei Uber steckt die Nachfragekurve quasi drin – sowie eine ganze Menge andere Erkenntnisse. Beispielsweise sind Leute mit niedrigem Smartphone-Akku in der Regel bereit einen sehr viel höheren Preis für eine sofortige Uber-Fahrt zu bezahlen. Wer hätte das gedacht?

Aber die Beschreibung der Nachfragekurve beinhaltet noch etwas anderes: das, was Ökonomen „Konsumentenrente“ nennen. Die Konsumentenrente ist kurzgesagt die Preisdifferenz zwischen dem Preis, den ich für ein Produkt tatsächlich zahle und dem, den ich zu bezahle bereit wäre, wenn der Preis höher wäre. Diese nichtgezahlte Differenz nehme ich als Konsument sozusagen als Bonus mit. Da jeder Konsument eine unterschiedliche Bereitschaft hat, einen höheren Preis zu zahlen, erhält jeder Konsument somit auch eine individuelle Konsumentenrente. Die allgemeine Konsumentenrente errechnet sich somit, wenn man all diese individuellen Differenzen zusammenrechnet.

Die Untersuchung der Ökonomen ergab, dass Uber im Jahr 2015 eine allgemeine Konsumentenrente in Höhe von 2,9 Milliarden Dollar erwirtschaftet hat. Nochmal: Das ist kein Geld, das irgendwo in irgendeiner Statistik auftaucht. Es ist Geld, dass nicht ausgegeben wurde, aber ausgegeben worden wäre, wenn … ja, das ist eine spannende Frage. Im Grunde, wenn jeder einen personalisierten Preis angezeigt bekommen hätte.

Denn wenn man die Konsumentenrente ausrechnen kann, dann kann man sie auch abschöpfen. Wenn man weiß, dass eine Person mehr Geld zu bezahlen bereit wäre, warum ihm dann nicht auch diesen Preis anzeigen?

So ganz neu ist das allerdings nicht. Die Abschöpfung der Konsumentenrente ist schon lange ein Ziel sehr vieler digitaler Bemühungen. Im öffentlichen Diskurs firmiert das Thema unter „Preisdiskrimierung“.26 IBM hat dafür extra das Startup „Demand Tech“ gegründet und in Deutschland hat sich „Segment of One“ die Abschöpfung der Konsumentenrente auf die Fahnen geschrieben.

Es ist wichtig sich zu vergegenwärtigen, was hier passiert: Wenn der Marktpreis ein Informationssystem ist und Computer, Internet und Shopsysteme ebenfalls Informationssysteme sind, dann wurde das Erstere durch das Zweitere quasi gehackt. Die IT-Systeme der Anbieter sind einfach intelligenter als der Markt und haben ihn “outgesmarted”.

Entschuldigt meine damalige noch rudimentär vorhandene Marktgläubigkeit. Heute kann ich viel besser beschreiben, was bei „smarten Preisfindungsverfahren“ vor sich geht.

Durch informationelle Vorteilnahme erschleichen sich Plattformen, Shops und Services Zugang zu unseren Vulnerabilitäten und stabilisieren daran [F5] ein zugriffliches Fulcrum [F1] (Preis), das (angenommen) näher an unserem Schmerzpunkt liegt, um ihre Margen-Hebel dividuell zu maximieren.

Marken

Marken sind leveragebare Semantiken. Wie andere Immaterialgüterrechte sind Markenrechte das zugriffliche Fulcrum [F1] auf der materiellen Ebene, mit dem andere von bestimmten Nutzungen ausgeschlossen werden können.

Wie alle populären Semantiken sind Marken Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erwartungserwartungen und eine erfolgreiche Marke hat es in viele zugriffliche Fulcren von vielen Dividuen auf der Erwartungsebene (hegemoniales Fuclrum [F2]) gebracht (Wiedererkennbarkeit) und errecht eine „allgemeine Bekanntheitserwartung“ auf der Erwartungserwartungsebene.

Die rechtlich abgesicherte Exklusivität ist das stablisierende Fulcrum [F5], dass die Semantik vor Zugriff von Trittbrettfahrern abschirmt, so dass die Erwartungserwartungen nicht irritiert werden und gleichzeitig die Möglichkeit des „Exit“ aus Konsumierenden-Sicht erschwert wird. All das „härtet“ das Kontaktzonenfulcrum, so dass es den Markenbesitzern besser gelingt, Margen daran zu hebeln.

Innovation

„Innovation“ ist eine Funktion von Infrastruktur, wie ich im Fulcrumsexplainer erkläre

Und deswegen fällt es uns zum Beispiel schwer zu verstehen, dass jede „Innovation“ nur die pfadabhängige Spitze eines Eisbergs aus Infrastruktur ist. Marianna Mazzukato hatte in ihrem Buch The Entrepreneurial State darauf hingewiesen, dass so gefeierte Produkte wie das iPhone fast ausschließlich die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung kompilieren.

Innovation beruht also nicht nur auf der Arbeit anderer, sondern der Arbeit, auf der deren Arbeit beruht, usw. Sowie auf einem Bildungssystem und einer Forschungslandschaft, die Bildungs-Pipelines von der Grundschule über die Unis bis die Entwicklungs&Forschungsabteilungen der Unternehmen bereitstellt. Und ein Billionschwerer Rüstungshaushalt, der jährlich viele Milliarden in die Infrastruktur reinpumpt ist auch ganz hilfreich? Daher kommt der Microchip her, so wurde das Internet geschaffen, GPS und so vieles andere.

BWL-Justus und seine Politikerfreund*innen wollen uns immer einreden, dass wir einen „Entrepreneurial Spirit“ und ganz viel „Deregulierung“ brauchen, damit wir ein europäisches „Silicon Valley“ reproduzieren, aber die wichtigste Zutat – Mobilisierung von massenhaft Ressourcen für Bildung, Wissenschaft und Technologieentwicklung, blenden sie komischer Weise aus. Dabei steht das in jedem Buch zur Geschichte von Technologien in den USA?

Bildung und Karriere

Natürlich reicht es nicht, dass man nur viele der bei Kapitalisten gefragten Assets hat, um eine steile Karriere zu machen. Wer Karriere macht und wer nicht, entscheidet nicht die Leistungsbereitschaft, sondern die Pfadgelegenheiten.

he Market Exit erklärt, warum Meritokratie Bullshit ist. Das eindrücklichste Beispiel war, fand ich, dass die Namen der normannischen Oberschicht, die England nach der Eroberung von 1066 regierte, immer noch überdurchschnittlich oft in den Immatrikulationslisten von Oxford und Cambridge zu finden sind.

In Krasse Links No 55 schrieb ich:

Das Individuum ist auch Grundlage unseres Blicks auf die eigene Gesellschaft. Statt Menschen zu sehen, die jeweils versuchen, in den ihnen zur Verfügung stehenden Infrastrukturen zu überleben, haben wir die Gesellschaft als „Markt der Individuen“ imaginiert, in der dein Platz in der Welt, deiner „individuellen Leistung“ und damit über Bande auch deiner „Intelligenz“ entspricht.

Wenn Du den goldenen Löffel im Mund für eine Ausbildung an einer Elite-Universität eingetauscht und mit dem erworbenen Wissen und den Kontakten von Papa ein erfolgreiches Start-Up gegründet hast, dann bist Du „deines Glückes Schmied“. Wenn du in Gaza aufgewachsen bist, in der dritten Generation vertrieben in den Ruinen Deines Hauses sitzt und Israel am liebsten abschaffen willst, bist du ein Antisemit und kannst weg.

Wie gesagt, das ist alles logisch und richtig so und dass die Super-Individuuen aus dem Silicon Valley mit ihren milliardenschweren aber völlig verdrängten Infrastrukturen gerade die Demokratie abräumen, liegt nicht daran, dass sie an ihrer eigenen Super-Individualität durchgeknallt sind, sondern das ist ein wichtiger Schritt zur nächsten Stufe menschlicher Zivilisation: AGI – die Vernunft in der Flasche. Das letzte Individuum.

Eine Urkunde aus Harvard garantiert dir keine steile Karriere, aber es erhöht die Übergangswahrscheinlichkeit auf das zugriffliche Fulcrum einer aussichtsreichen Einstiegsposition, was dann der Entry Point eines mehr oder weniger berechenbaren Karrierepfads ist.

Man „leveraged“ Geld und Arbeit, um einen rennomierten Studienabschluss zu bekommen, dann leveraged man den Studienabschluss mit Bewerbungspfaden, um eine aussichtsreiche Einstiegsposition zu ergattern (eine, die wieder viele attraktive Pfade öffnet), und dann leveraged man „Erwartungserfüllung“ und die aktuelle „Positon“ für die nächste und so weiter.

Das ist natürlich keine „Safe bet“, solche Karrierepfade können auch abrupt enden, sei es, dass die Firma pleite geht, die Wirtschaft „schwächelt“ oder die eigene Kompetenz (der eigene Wissenspfad) nicht mehr nachgefragt wird.

Auf der anderen Seite haben wir Kinder aus Haushalten, in denen Bildung als Wert nicht mal eingeübte Praxis ist, vielleicht auch notgedrungen, denn wann hat man denn noch Zeit dazu? Wir haben dazu eine Bildungslandschaft und eine gesellschaftliche Motivationsstruktur in der Gesellschaft, die Bildung nicht mehr als Fulcrum der Freiheit versteht, sondern sie nur noch entlang ihrer ökonomischen leveragebarkeit bewertet.

In den 1970er Jahren gab es eine Aufbruchstimmung, mehr Menschen Pfade in die Bildung zu bauen, aber ich schätze, die Effekte davon waren für die Mächtigen nicht immer angenehm?

Musikindustrie

Wie sich die Relationale Dematerialisisierung durch das Internet konkret auf die Musikindustrie ausgewirkt, habe ich in diesem Vortrag einmal „simuliert“.

In Krasse Links No 30 hatte ich zum Anlass eines Doctorow-Textes auch schon mal die Geschichte der Musikindustrie aufgeschrieben:

Der Grund für das Darben der Kreativen ist nämlich nicht ein impotentes Urheberrecht, sondern die relative Reduktion ihrer Netzwerkzentralität gegenüber einer sich immer stärker konzentrierenden Kulturindustrie.

The biggest predictor of how much money an artist sees from the exploitation of their work isn’t how many exclusive rights we have, it’s how much bargaining power we have. When you bargain against five publishers, four studios or three labels, any new rights you get from Congress or the courts is simply transferred to them the next time you negotiate a contract.
[…]
Giving a creative worker more copyright is like giving your bullied schoolkid more lunch money. No matter how much you give them, the bullies will take it all. Give your kid enough lunch money and the bullies will be able to bribe the principle to look the other way. Keep giving that kid lunch money and the bullies will be able to launch a global appeal demanding more lunch money for hungry kids!

Weil wir keine Individuen sind, die eigene Musikgeschmäcker haben, sondern Dividuen, die sich gegenseitig Musikgeschmäcker beibringen, kann man die Geschichte des Rock n’Roll auch als die Geschichte der kommerziellen Erschließung semantischer Netzwerkmacht erzählen.

Das Verlagswesen hatte bereits den Weg gewiesen, aber mit dem Aufkommen der Tonträgerindustrie und den Massenmedien wurde klar, dass man auf Öl gestoßen war. Während die Kosten für die Produktion für Tonträger mit der Skalierung immer Bedeutungsloser wurden (Skaleneffekt), stiegen die Umsätze für virale Hits exponentiell ins Unermessliche (Netzwerkeffekt).

Jede Ölquelle braucht Infrastrukturen und so machten Stars, Drama, Spektakel die Einnahmen berechenbarer und es wuchs ein mächtiges Business heran, das in seiner korrupten mafiosität als weiteres Beispiel für den Ressourcenfluch gelten kann. Die Ausbeutung war schon immer brutal, doch mit der Konsolidierung hin zu nur noch drei großen Majorlabels, die gemeinsame Sache mit den Streamingdiensten machen, hat die Kulturindustrie eine Form von Gewalt gefunden, die im Kapitalismus legal ist.

Das Urheberrecht spielte die meiste Zeit nur als Spezialrecht eine Rolle, das die Angelegenheiten zwischen Urheber*innen und Verlagen regelt, doch als mit dem Aufkommen des Internets dieses Geschäftsmodell in Frage stand, wurde das Urheberrecht auf Druck der Musikoligarchie zu dem allgegenwärtigen Regime umfunktioniert, mit dem wir nun jeden Tag in Berührung kommen.

Handelsverträge (WTO, TRIPS, TTIP, etc) machten Immaterialgüterrechte (dazu gehören auch Patente und Markenrechte) zu globalen Regimes und erschufen ein neues Paradigma der Ausbeutung, das sich immer mehr auf die Erschaffung und Kontrolle von semantischen Infrastrukturen spezialisierte und die Produktion materieller Güter mehr und mehr in Entwicklungs- und Schwellenländer auslagerte, wo man Supplyer und Arbeiter*innen um die abfallenden Brotkrumen konkurrieren lässt.

In meinem Supplychain-Text spreche ich von „relationaler Dematerialisierung“ und meine, dass Arbeitskraft, Energieflüsse, Fabriken und alles Materielle immer austauschbarer gemacht werden, während man gleichzeitig an der Unaustauschbarmachung von immateriellen Gütern arbeitet. Der Anteil immaterieller Wertschöpfung hat in fast allen westlichen Ländern den des Materiellen längst überflügelt und die Machtkonzentration, die wir in den USA und den westlichen Ländern sehen, ist zum Großenteil auf die Monopolisierung semantischer Netzwerkzentralitäten zurückzuführen.

Dass ich die Geschichte der Plattformen von Napster her erzähle ist kein Zufall, denn mit dem Napstershock wurde nicht nur die explosive Kraft von Netzwerkeffekten offenbar, sondern auch das Problem, das der Kapitalismus mit dem Internet hat: Mangelnde Kontrolle. Apple etablierte mit iTunes die integrierte Bezahlschranke als Lösung und so wurden Plattformen die technologische Antwort auf den Kontrollverlust. Ergebnis ist ein rein technisches Regime, das kaum mehr auf staatliche Rechtedurchsetzung angewiesen ist, weil es seine infrastruktureigene Gewalt einsetzt, um Netzwerkeffekte ausbeutbar zu machen.

Generative KI ist gewissermaßen nur der Höhepunkt eines seit längerem fortschreitenden Prozesses, nämlich die endgültige relationale Dematerialisierung kreativer Arbeit, das heißt die Reduktion Eurer, liebe Urheber*innen, relativen Netzwerkzentralität ins Bodenlose. Es sollen künftig nur noch KI-Unternehmen von unserer Abhängigkeit von Tönen, Bildern und Texten profitieren und die Kulturindustrie verhandelt gerade ihren goldenen Fallschirm. Fuck Yeah, Urheberrecht!

Eine kurze Geschichte des Urheberrechts

Jedes „Werk“ hat drei zugriffliche Fulcren [F1]:

  1. Materiell: Schallplatte, CD, Mp3, Streamingservice. Das zugriffliche materielle Fulcrum.
  2. Erwartung: Ich muss das Werk als Pfadgelegenheit sehen, also eine positive Wert/Nutzenerwatung mit dem Werk verbinden. Es muss anschlussfähig sein, an mein Wissen, meine Kultur, meine Erfahrung, meine soziale Einbettung und meinen erwarteten materiellen Möglichkeiten. Das zugriffliche Erwartungs-Fulcrum.
  3. Erwartungserwartung: Die Pfadgelegenheit zu Musik erfolgt immer durch andere. Entweder durch Medien (Radio, M-TV, Streamingdienst, Playlist), oder durch Freunde/das soziale Umfeld und was ich gut finde, hat oft damit zu tun, was andere gut finden, die ich gute finde und auch mal, was Leute blöd finden, die ich blöd finde. Das zugriffliche Erwartungserwartungs-Fulcrum ist sozial.

Vor technischen Medien hatten es Lieder/Texte/Werke schwer, sich zu verbreiten, weil sie sich auf Level 1 nur über menschliche Erinnerungspfade Weiterverbreiten konnten. Die Schrift führte Papierpfade ein und Luther erfuhr nicht nur als einer der ersten die Skaleneffekte von Massenproduktion, sondern auch die von Netzwerkeffekten und von Viralität. Die Verbreitung seiner Pamphlete hatten Netzwerkeffekte auf dem Layer der Erwartungserwartungen (Level 3) und aquirierten dadurch zusätzliche zugriffliche Fulcren auf Level 2, die ihrerseits die Erwartungserwartungen ihres Umfeld veränderten, usw.

Da Druckereien die zugrifflichen Level 1-Pfade zum Werk zentralisierten, waren sie damals die einzigen, die Marge machten. Aber weil es noch kein Urheberrecht gab, druckte jede lokale Druckerpresse alles, was gerade populär wurde, was das Kontaktzonenfulcrum [F4] über das Werkt entsprechend wechselseitig schwächte (Was wir „Markt“ nennen).

Das Urheberrecht versuchte das Rechtssystem zu leveragen, um den zugriffliche Level 1-Pfad beim Autor/der Autor*in anzusiedeln. Aber wie das immer so ist im Kapitalismus, die Möglichkeit als Musiker*in dein Werk zu verwehren, wertet zwar deine Verhandlungsposition auf, aber gegenüber dem Kapital – Major Labels, Spotify und einem sich immer stärker konzentrierenden „Musikmarkt“ – bleibt dein Leverage als Künstler*in dennoch klein und die Verwertungsrechte abzutreten ist deswegen „Cost of Business“ geworden und deine Marge sieht entsprechend aus.

Cory Doctorow drückte es einmal so aus:

The biggest predictor of how much money an artist sees from the exploitation of their work isn’t how many exclusive rights we have, it’s how much bargaining power we have. When you bargain against five publishers, four studios or three labels, any new rights you get from Congress or the courts is simply transferred to them the next time you negotiate a contract.
[…]
Giving a creative worker more copyright is like giving your bullied schoolkid more lunch money. No matter how much you give them, the bullies will take it all. Give your kid enough lunch money and the bullies will be able to bribe the principle to look the other way. Keep giving that kid lunch money and the bullies will be able to launch a global appeal demanding more lunch money for hungry kids!

Das Internet explodierte aus Usersicht die Pfadalternativen zum zugrifflichen Level-1 Fulcrum für alle Musikwerke (Napstershock) und schufen nebenbei die Pfadgelegenheit des „Gesamtkatalogs“, hinter die die Musikindustrie nicht mehr zurückkonnte. Ein Katalog der alle Künstler*innen und ihre Werke miteinander in einem materiellen Zugriffsraum (Level 1) und damit aber auch in semantische Konkurrenz (Level 3) stellte, was mit einer enormen relationalen Dematerialisierung des einzelnen Werks im Pfadgelegenheitsportfolio von praktisch jedem von uns einherging.

Apples iTunes erfüllte dieses Bedürfnis als erstes legal, doch heute regieren Streamingdienste die immer größer werdenden Level 3-Graphen mit immer geringeren Fulcrumskosten managen.

Solange die Erstellung von Pfadalternativen für kulturelle Güter technisch schwierig war, führte das Urheberrecht ein unbedeutendes Dasein, als Spezialrecht zwischen Künstler*innen und Verlage.

Doch seit die Digitalisierung den Zugang zu Pfadalternativen theoretisch (und wenn man sich auskennt, auch praktisch) kostenlos gemacht hat, wurde das materielle zugriffliche Fulcrum [F1] schwer zu leveragen, weil die Exitkosten für das Gegenüber so gering waren.

Erst durch eine brutale Verfolgung von „Piracy“ durch die Rechtssysteme und Internet-Stores wie den iTunes-Store und später Streamingdienste, stabilisierte sich ein neues Kontaktzonen-Fulcrum [F4], das nun eigene technische Hürden (Die Kontrollregimes der Plattformen) leveragte, um Margen zu heben.

Trotzdem gilt weiterhin: Patente, Markenrechte, Urheberrechte oder generell „immaterielle Güter“, sind semantische Netzwerkzentralitäten im Erwartungserwartungsnetzwerk, die für Margen „hebelbar“ sind, weil internationale Rechtssysteme, ihre Durchsetzung gewähren und deswegen war die Musikindustrie mit die ersten, die die Margenexplosion durch Netzwerkeffekte erlebte.

Dass die Internationalen Verträge zu Urheberrecht und Markenrecht, die praktisch alle Länder mit den USA vereinbart haben, sind eine Vulnerabilität des US-Empires, die, wenn sie Staaten leveragen würden, den Riesen zu Einsturz brächten, wie wiederum Cory Doctorow nicht müde wird, zu betonen.

Derweil dematerialisiert KI die Musiker*innen jetzt noch weiter relational und irgendwann werden die „Kulturmargen“ nur noch von KI-gehoben. Wann immer du etwas populäres im Internet machst, eine KI findet es und reproduziert es für die hälfte der Kosten. Influencer*innen und Models haben das Problem bereits.

The Art of the Deal

Ich glaube, es wird unterschätzt, welchen Impact und kulturellen Einfluss Donald Trumps 1987 veröffentlichetes Buch „The Art of the Deal“ auf die Businesswelt hatte.

Einer der Gründe, warum die Businesswelt nicht gegen Trump, sondern mit ihm agiert, ist, dass sie ihm schon mal Kredit gegeben hat und damit gut gefahren ist.

Denn ich glaube, dass Trump tatsächlich ein funktionierendes Rezept gefunden hat und sein letztlicher Erfolg ist – und so wird das in der Businesswelt oft gesehen – Zeugnis des Erfolgs dieser Taktik.

Die Taktik geht so, dass du in jede Verhandlung mit der maximalen Aggressivität reingehst und deine Hebel an allen Kontaktzonen Fulren leveraged, die du in die Finger kriegst. Mit diesen maximalen Angebotshebel und diesem Getöse überrumpeltst du das Gegenüber, das heißt, du brichst seine Erwartungskontinuität und in diesem, aufgerissenen Raum der Erwartungen verhandelt es sich dann viel bequemer und wenn du nur die Hälfte dessen bekommt, was du ursprünglich gefordert hast, ist das dann alle mal mehr, als hättest du die Taktik nicht angewandt. Unter anderem deswegen, weil das Gegenüber den Erwartungskorridor für die möglichen Kosten der eigenen Abhängigkeitserwartung noch vor Verhandlungsbeginn nach oben korrigiert hat.

Man kann darüber streiten, wo und wie es funktioniert hat und wo nicht, aber ich glaube, was Trump da aufgeschrieben hat, ist kein Geheimnis, sondern einfach etablierte und gut beliehne Mafiapraxis, die er sich wahrscheinlich schon in jungen Jahren in Queens abgeschaut hat.

Das andere offene Geheimnis von Trump ist ja Deals zu machen und sich nicht dran zu halten und auch diese Praxis hat er natürlich nicht erfunden, aber man sieht daran die Kurzlebigkeit der Strategie.

Wenn man immer wieder das Erwartungsfulcrum überleveraged, bricht es irgendwann und dann kann Trump gar keine Deals mehr machen, weil ihm keiner mehr traut.

Das heißt, mit jedem „Art of the Deal“ Hebel, externalisiert er seine Kraft auf der Stabilität unserer Erwartungen, die irgendwann brechen, wenn er das zu oft macht.

Das funktionierte aber anscheinend prima in der Businesswelt, so lange man Leute findet, die sich trotzdem noch dazu bereit erklären, einem Kredit zu gewähren. Praktisch ist es ein soziales Ponzischeme, aus dem man nur rauskommt, in dem man sich immer eine Ebene höher leveraged, um den Fulcrumskosten zu entgehen.

Kapitalismus ist eine Externalisierungsmaschine und Trump hat in Art of the Deal offengelegt, wie man darin erfolgreich agiert: Leverage alle Fulcren immer bis zur Belastungsgrenze und darüber hinaus und externalisiere die Kosten.

Nur wenn du Präsident der USA bist, dann finden sich irgendwann keine Externalisierungspfade mehr, weswegen sich diese Form des „Business“ ihre Fulcren jetzt folgerichtig im Ausland sucht.

Rackets

In Krasse Links No 77 leite ich unter dem Eindruck der Epsteinenthüllungen ein Theorie des selbstähnlichen Rackets ab, deren Grundkonzept ich mir bei Horkheimer geliehen habe.

Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.

Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.

Racketstrukturen funktionieren grob so, dass sie immer nach unten treten und ausbeuten, alles nach links bekriegen, mit allem nach rechts konspirieren und nach oben buckeln und sich vom nächst mächtigeren Racket die Marge vom Brot nehmen lassen.

Meine These wäre, dass ist einfach die soziale Form ist, wie sich Menschen (vor allem Männer) organisieren, wenn sie glauben, dass keine Regeln für sie gelten? Deswegen findet man sie sowohl bei der Mafia, bei Techbros (Peter Thiel hat ganze Kapital dazu in „Zero to One“), in der Crypto-Community, wie bei der Elite. Aber auch in der ganzen Wirtschaft? Etwas verkürzt könnte man sagen: Rackets entstehen dort, wo Macht auf Männer trifft.

Zur Aquise versprechen Rackets Pfadgelegenheiten zu schnellen Profiten und durch die Erwartbarkeit wird durch eine Kompromatsinfrastruktur bereitgestellt, die den Exit teuer macht.

Und Epstein besorgte die Kompromatinfrastruktur der obersten Racketwabe.

Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.

Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.

Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.

Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.

Aber das ist für „arme“ Rackets.

Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.

Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.

Falls ihr immer das Gefühl hattet, von Gangstern regiert zu werden: Die Epstein-Files beweisen es.

Supplychains

In „Materialität und Austauschbar“ habe ich Emersons Framework auf Supplychains angewendet.

Wenn wir dieses einfache Framework auf die Zulieferketten anwenden, ergibt sich ein klares Bild: Um einen Nike-Schuh herzustellen, sind alle Akteure (das Leitunternehmen sowie alle Zulieferfirmen) wechselseitig voneinander abhängig. Jedoch gibt es Unterschiede: Jeder Einzelne der Zulieferer – egal ob er Stoffe, Plastik oder Kordeln herstellt – ist aus Sicht des Leitunternehmens recht einfach austauschbar (Balanceakt 2). Es gibt viele konkurrierende Unternehmen und selbst wenn es sie nicht gäbe: das Wissen um Stoffe, Plastik und Kordeln herzustellen ist schnell ins Werk gesetzt.

Das Leitunternehmen hingegen, Nike, betreut zwar nur die Marke und andere Rechte, aber diese Rechte sind dank internationaler Abkommen wie TRIPS und durch die WTO global geschützt (Balanceakt 4). Die Leitunternehmen kontrollieren daher monopolistisch den Zugang zur Wertschöpfung. Für die Zulieferer ergibt sich dadurch eine enorme Abhängigkeit, denn ohne den Zugang zu­ Nikes Verkaufsnetzwerk und seiner »Brand-Recognition« sind die Produktivitätskapazitäten der Zulieferer völlig nutzlos. Dadurch ist Nike der einzige Akteur in diesen wechselseitigen Beziehungen, der weniger von den anderen abhängig ist, als diese von ihm. Die »Fliegenden Gänse« sind also in Wirklichkeit eine Hierarchie der Macht, die von einem durch globale Gesetzgebung geschützten Leitunternehmen angeführt und ausgebeutet werden. Je tiefer man in die Verästelung der Lieferketten hinabsteigt, desto austauschbarer werden die Unternehmen und sind in Ableitung davon, entsprechend weniger fähig, erarbeitete Margen zu kassieren.

Das hegemoniale Fulcrum [F2] der „Marke“ (s.o.), abgesichert [F5] durch rechtliche Exklusivität des zugrifflichen Fuclrums [F1], ist gleichzeitig auch der Gateway zu einer erwarteten Kundschaft.

Das „Gateway Kundschaft“ stabilisiert [F5] wiederum das Kontaktzonenfulcrum [F4], das das Leitunternehmen in seinen Verhandlungen mit den Zulieferern leverarged. Weil der Zulieferer deswegen eine weniger glaubhafte Exiterwartung („Ich mach den Nike Schuh jetzt ohne dich“), kann das Leitunternehmen dem Zulieferer die Marge vom Brot fressen.

Empirisch lässt sich dieses Ungleichgewicht gut am Smartphone-Markt beobachten. Seit der Markt für iPhones gesättigt ist und die Verkaufszahlen stagnieren, sinkt entsprechend der Umsatz bei Foxconn, dem chinesischen Fabrikanten der iPhones, während Apple, das vor allem die Marke und die Patente kontrolliert, seinen iPhone-Umsatz um 20% steigern konnte (Danielsen 2019).

Im Supplychain-Kapitalismus gibt es nicht mehr nur die Ausbeutung von Arbeiter*innen durch Kapitalist*innen, sondern auch die Ausbeutung von Kapitalistinnen untereinander. Es entsteht eine globale Hierarchie der Kapitalist*innen, bei der sich nur die Zulieferer noch mit einfachen Arbeiter*innen herumschlagen müssen. Diese Zuliefer-Kapitalist*innen sitzen meist in eher strukturschwachen Ländern und müssen, um überhaupt am Spiel der globalen Lieferketten mitspielen zu dürfen, ihre Produktivitäts-Margen den Leitunternehmen opfern. Zu diesem Schluss kommt zum Beispiel Dan­ Danielsen:

»The fierce competition among developing-country suppliers in many business sectors will likely require supplier firms to make these innovations to gain access to or remain competitive in global supply chains with gains likely captured by buyer firms or shared across global chains«

(Danielsen 2019)

Und nun landen wir in einem scheinbaren Paradox: Die Firmen, die sich eigentlich nur noch mit dem Immateriellen beschäftigen – z.B. Nike oder Apple – sind am wenigsten austauschbar. Die Firmen, die die materiellen Komponenten beisteuern – die Fabrik, die Maschinen, die Arbeiter*innen, die physischen Produkte – sind das Austauschbare schlechthin.

Ein Leitunternehmen besitzt keine Fabriken mehr, weil Fabriken Fulcrumskosten verursachen (Wartung, Risiko, soziale Verantwortung). Es besitzt stattdessen die Zugriffs-Topologie [F1] auf den Markt. Indem es sich materiell „schlank“ macht, wird es relational „schwer“. Es dematerialisiert seine eigenen Abhängigkeiten, um die Abhängigkeiten der anderen besser hebeln zu können.

Nach dem Supplychaintext wurde mir klar: man kann damit den ganzen Kapitalismus mit Austauschbarkeitdistributionen und -Hirarchien im Pfadgelegenheitsraum erklären, wo Akteure versuchen, ihre Umwelt „relational“ zu „dematerialismieren“, um sie besser ausbeuten zu können.

Plattformen

Die Hebel:Fulcrums-Beziehung hat mir rückblickend mein ganzes Werk neu erklärt, unter anderem mein Plattformbuch.

Plattformen sind, ganz kurz gesagt, „kontrolliertbare Standards“, die die Zugriffserwartung ihrer Nutzer*innen für ihre Marge leveragen.

Aus Krasse Links No 76:

Beim Nachdenken über „Leverage“ merkte ich, dass ich die Hebel-Fulcrums-Logik bereits im Plattformbuch impliziert hatte: Plattformmacht ist Netzwerkmacht + Kontrollregimes, wobei ich erst nachträglich gemerkt habe, dass die Netzwerkmacht (der durch die Netzwerkeffekte erzeugte allgemeine Lock-In) das „Kontaktzonen-Fulcrum“ ist, auf dem die Hebel der Kontrollregimes (Infrastrukturregime, Zugangsregime, Query-Regime, etc.) ansetzen.

Bei Plattformen agiert das „zugriffliche Fulcrum“ [F1] und seine Affordanzen auf der materiellen Ebene als Kontrollpunkt eines auf dem Layer der Erwartungserwartungen interlockten Interaktionszusammenhangs (Graph/Netzwerk). Das funktioniert aber nur wenn 1. das „zugriffliche Fulcrum“ eine gewisse „Hegemonialität“ erreicht hat [F2] und 2. die Exiterwartung der User gering ist (Lock-In). Beides wird vor allem über Netzwerkeffekte bewerkstelligt.

Erst wenn der Graph groß und stabil genug ist, so dass der Lock-In als stablisierendes Fulcrum [F5] fungiert, kann man Kommerzialisierungshebel am Kontakzonenfulcrum [F4] anlegen.

Bis dahin ist es ein weiter weg, denn jede Plattform hat zuerst das „Startup Problem“. Es hat keinen Graphen und damit keine leveragebaren Verbindungen, mit denen es User aquieren kann und steht vor einem Henne Ei Problem, dass die Plattform meist durch eine „Graphnahme“ löst.

Wie die Landnahme bei Carl Schmitt ist die Graphnahme eine ursprüngliche, gewaltsame Aneignung, aber eben nicht von Land, sondern von Beziehungen, also etablierten Interaktionszusammenhängen. Ihre Eroberung besteht darin, diese Interaktionen auf die Plattform zu lenken und in den dortigen Datenbanken abzubilden. Auf Gewalt kann verzichtet werden, denn für die Nutzenden erhöht das den Komfort und der Netzwerkeffekt weitet wie von selbst für alle die Interaktionsmöglichkeiten aus. Doch im Gegenzug etablieren Plattformen durch die geschaffenen Abhängigkeiten ein eigenes Regime der Kontrolle über diese Beziehungen. Wie die Landnahme errichtet auch die Graphnahme eine eigene politische Ordnung, die sich in vielerlei Hinsicht zur Erlangung weiterer Macht leveragen lässt, wie wir gesehen haben.

Die „Graphname“ leveraged also eine wechselseitigen Interaktionserwartungen in einem bestehenden Netzwerk, sowie die Interaktonserwartungen im Zielplattform-Netzwerk, um erstere auf die letzte zu überführen. Aus dem Plattformbuch:

Jeff Bezos hat 1994 nur deswegen angefangen, Bücher zu verkaufen, weil sie bestimmte Eigenschaften aufweisen. Sie haben eine enorme Produktvariation – alleine in den USA werden circa eine Million unterschiedliche Bücher pro Jahr veröffentlicht –, während ihre physische Form relativ standardisiert ist.216 Der Online-Bücher-Graph besteht also einerseits aus den Millionen von Büchern, die sich aufgrund ihrer standardisierten Größe gut verschicken lassen, und der damals noch vergleichsweise überschaubaren Gruppe an Menschen, die schon online sind und gerne auch Bücher lesen. Von dieser ersten strategischen Graphnahme aus kann Bezos Amazon dann ab 1998 Schritt für Schritt ausweiten und benachbarte Graphen erobern: den Online-CD-Graphen, den für Unterhaltungselektronik und dann immer weitere, bis ein umfassendes Sortiment entstand, das für alle interessant ist.

Auch Facebook breitet sich zunächst von Campus zu Campus aus. Am Anfang werden für jeden Campus sogar eigene, unverbundene Facebook-Instanzen aufgesetzt: erst ein thefacebook für Harvard, dann eines für die Columbia University, danach eines für Standford, eines für Yale und so weiter. Das war nicht nur technischen Skalierungsproblemen geschuldet, wie bei Napster, sondern dahinter steckte auch Kalkül. Es ging darum, ein Gefühl von Privatsphäre und gleichzeitig ein Gefühl von Gemeinschaft zu schaffen, einen „Safespace“, in dem man sich möglichst offen austauschen kann, ohne dass Außenstehende mithören.

Die Strategie war immer, den ganzen Campus einzunehmen, bevor man weiterzog. Dabei überließ man nichts dem Zufall. Im Vorfeld jeder Campus-Graphnahme wurden Kampagnen geführt, Flyer verteilt, es wurden einflussreiche Studierende und Studentenverbindungenontaktiert und für das Projekt eingenommen. Erst nachdem man die Studentenschaften an den meisten Eliteunis integriert hatte, öffnete man das System für alle Studierenden in den USA, wo die Netzwerkeffekte nun von allein arbeiteten. Nach der Graphnahme der US-Studentenschaft zielte man auf die Highschools, dann ging man zur internationalen Graphnahme, zunächst auch auf Studierende beschränkt, über.

Wie eine Landnahme setzt eine Graphnahme immer eine eigene Ordnung ins Werk. Die Ordnung der Regimehebel. Im Plattformbuch schreibe ich:

Plattformen haben bis zu sechs mögliche Kontrollmechanismen und damit Regimes, jeweils drei auf jeder der Ebenen: für die Level-I-Kontrolle das Infrastrukturregime, das Zugangsregime und das das Query-Regime, für die Level-II-Kontrolle das Interface-Regime, das Verbindungsregime und das Graphregime.
Da Schnittstellen-, Protokoll- und Diensteplattformen unterschiedliche Modi der Kontrolle bereithalten, stehen ihnen auch unterschiedliche Regimes zur Verfügung, um ihre durch die Netzwerkmacht verliehene Macht auszuüben. Eine Analyse der Regimes hilft, die Machtmechanismen konkreter Plattformsituationen besser zu verstehen.

Das zugriffliche Fulcrum organisiert das Infrastrukturregime vor (alles ist designt für vorgefertigte Hebel), setzt über das Zugangsregime (z.B. Login, Communityguidelines, API) Plattformsouveränität durch und das Queryregime (algorithmische Verstärkung des „richtigen“ Contents) reguliert die Sichtbarkeit von Inhalten und Personen, wie man sie braucht.

Diese Hebelarchitektur dient wiederum größeren Hebeln als Fulcrum. Aus Krasse Links No 58.

Im Plattformbuch zähle ich drei Politiken, die durch die hegemoniale Ausbreitung der digitaler Infrastrukturen möglich und immer wieder auch in politischen Kontexten eingesetzt werden:

  • Die Politik des Flaschenhals: Man nutzt den Zugang zu Netzen, Informationen und Dienstleistungen als Chokepoint, um die eigenen Interessen durchzupressen. Der Ausschluss von iranischen und Russischen Banken zum SWIFT-System ist offensichtliches geopolitisches Beispiel, der gesperrte E-Mail-Zugang des Obersten Richters am ICJ durch Microsoft ein anderer aber eigentlich funktioniert auch jedes Plattformgeschäftsmodell durch das Prinzip.
  • Die Politik der Pfadentscheidung. Eine viel subtilere Form der Kontrolle passiert durch Infrastrukturentscheidungen selbst. Wie eine Plattform beschaffen ist, welche Features sie implementiert oder weglässt und welche Pfadabhängigkeiten damit wiederum geschaffen werden, etc. hat eine enorme Auswirkung darauf, wie sie benutzt wird und welche Kultur sich darum bildet. Wenn Nvidia CEO Jensen Huang durch die Welt fährt, Politiker*innenhände schüttelt und überall ein Giga-Rechenzentrums-Ei legt, dann arbeitet er an Nvidias Infrastruktur-Hegmonie, um durch die Dessimination der eigenen Pfadentscheidungen die KI-Entwicklung in ihm genehme Pfade einzulocken.
  • Die Politik der Allwissenheit. Wenn man Informationsnetze besitzt, oder zumindest netzwerkzentrale Nodes darin kontrolliert, dann kann man da, naja, gut reingucken. Vor über 12 Jahren erzählte uns Edward Snowden, was damals alles so möglich war, heute können wir nur spekulieren, aber ich würde vom schlimmsten ausgehen.

Ich wollte den Ereignissen damals nicht marchiavellistisch vorweggreifen und hätte vor Musks Twitterübernahme und Zuckerbergs Downranking von redaktionellen News auch Probleme gehabt, politisch relevante Beispiele dafür zu finden (Cambridge Analytica zählt nicht), aber heute würde ich eine vierte Politik ergänzen:

  • Die Politik der Sichtbarkeit. Wenn viele Menschen an deiner algorithmischen Informationsinfrastruktur hängen, kannst du über den Algorithmus Erzählungen, die dir nützen, sichtbarer machen und Erzählungen die dir schaden, dimmen, sie zu Not sogar versuchen, unsichtbar zu machen. Wir kennen diese Politik bereits von den klassischen Medien, aber für Plattformen fängt sie gerade erst an, ist natürlich viel mächtiger und viel schwieriger nachzuweisen.

All diese Hebel dienen dann wiederum dazu, Margen zu hebeln (Werbung, Enshittification, Targeting), aber zunehmend auch, um Öffentlichkeit und Politik zu beeinflussen, manchmal offener, machmal verdeckter.

Um das einmal genauer aufzudröseln:

  1. Die Politik des Flaschenhals leveraged das stabiliserende Fulcrum [F5] der Netzwerkmacht und die Kontrolle des zugrifflichen Fulcrums [F1]/Zugangsregime, um Regeln, oder nur den eigenen Willen durchzusetzen, und/oder Margen zu extrahieren.
  2. Die „Politik der Pfadentscheidung“ leveraged das stabiliserende Fulcrum [F5] der Netzwerkmacht + die Macht der Gestaltung des zugrifflichen Fulcrum[F1]/des Infrastrukturregimes, um neue zugriffliche Fulcren zu hegemonialisieren [F2] und damit die Zukunft zu kontrollieren.
  3. Die Politik der Allwissenheit leveraged das stabiliserende Fulcrum [F5] der Netzwerkmacht + das Graphregime (den Wissenvorteil, jede Verbindung zu beobachten zu können), um z.B. Marge von Werbekund*innen zu hebeln, oder „dynamic Pricing“-Hebel zu bedienen (s.o.).
  4. Die Politik der Sichtbarkeit leveraged das stabiliserende Fulcrum [F5] der Netzwerkmacht + das Zugangs- und Queryregime um über einen Algorithmus zugriffliche Fulcren [F1] für Öffentlichkeitshebel vorzuschreiben, wobei die Zugriffs-Topologie keine genaue Zugangskombination ist, sondern ein erwartetes Verhalten: z.B. Aufmerksamkeitserheischung, Emotionalisierung, ein weirdes Grinsen auf dem Coverbild, usw.

KI

Wir können vier Strategien der Wertextraktion unterscheiden:

  1. Der Kapitalist hebelt seine Margen am Fulcrum der ausgeübten Kontrolle der Infrastruktur des Wertpfades, mit dem Eigentumsregime des Staates als stabilisierendes Fulcrum.
  2. Der Supplychainkapitalist (Leitunternehmer) hebelt seine Margen am Fulcrum seiner Dominanz über den Wertpfad, durch die Kontrolle über die Vermartungspfade, stabilisiert am Fulcrum des internationalen „Intellectual Property“-Law und Marketing.
  3. Der Plattformmerkantilist hebelt seine Marge am Fulcrum der Kontrolle des Wertpfads am Benutzer-Ende, mit der Netzwerkmacht und dem daraus resultierenden Lock-In der Nutzenden als stabilisierendes Fulcrum.
  4. Der KI-Putschist hebelt seine Marge am Fulcrum der Ersetzung des Wertpfades, stabilisiert am Fulcrum unser mangelnden Vorstellungskraft.

Kapitalismus leveraged Eigentum, Supplychain-Kapitalismus leveraged „geistiges Eigentum“, Plattformen leveraged Graphen, Plattformen leveragen Plattformen und KI leveraged Plattformen und ihre Daten, um jetzt 5 große Graphnamen durchzuführen.

  • Die Graphnahme des Internets. Das Internet uns seine Inhalte diente als Kontaktzonenfulcrum, um die LLM zu heben, doch jetzt wo sie da ist, wird es zunehmend durch sie ersetzt.
  • Die Graphnahme des US-Staats. Seit die Broligarchie in Washington DC mit an den Hebeln sitzt, wird versucht, die Aushöhlung des Staates unter dem Vorwand der „Modernisierung durch KI“ eigentlich dem Austausch souveräner demokratischer Kontrolle durch KI-induzierte Verantwortungsdiffusion.
  • Die Graphnahme der Sprache und der Bildsemantik. LLMs sind Massensprechaktwaffen. Sie leveregen unsere Spracherwartung und ihr zugriffliches Fulcrum zu unserer Aufmerksamkeit und unseres Vertrauens, um ein semantisches Sichtbarkeitsregime zu etablieren.
  • Die Graphnahme der Intimität. Ein populärer werdender Einsatzzweck für LLMs sind „Compagnions“, also simulierte Intimität. Hier sind langfristig große Margen zu erwarten, denn am Fulcrum emotionaler Abhängigkeit können große Hebel angesetzt werden.
  • Die Graphnahme der Arbeit. Das Endziel des KI-Hypes ist bekanntlich „AGI“, letztlich die relationale Dematerialisierung von jedem von uns.

Ich bezweifle, dass AGI herstellbar ist, zumindest mit LLMs wird das nicht funktionieren. Aber dennoch wird es in einigen Bereichen einen enormen Druck auf das Verhandlungs-Fulcrum vieler Arbeitenden geben (Softwareentwicklung, Übersetzung, Film- und Medienbranche). Denn es ist egal, was ich glaube, oder was du glaubst: wenn dein Chef daran glaubt, wird er versuchen, mit dem Argument mehr deiner Marge zu frühstücken.

Aber selbst den theoretischen Orientierungspunkt „AGI“ sollten wir als Angriff auf unsere körperliche Integrität verstehen, denn für die Mächtigen übersetzt sich „AGI“ als der Zeitpunkt, an dem sie uns nichts mehr schulden.

Und wir müssen uns dabei klar machen, dass es bereits Milliarden Menschen gibt, die in dieser Klasse eingeordnet werden und mit denen entsprechend umgegangen wird. Menschen, in denen keine Pfadgelegenheiten mehr gesehen werden, Menschen, die „im Weg stehen“, „Menschen, die nur kosten“.

Viele fragen sich, was wir dann alle machen, wenn uns die Arbeit ausgeht. Statt das Offensichtliche zu fragen:

Was machen sie dann mit uns?

Wir sehen jeden Tag, was mit dem „nominellen Selektorat“ passiert: Chipkarte fürs Essen, Terror durch das Arbeitsamt, Mißhandlung von Alten und Behinderten, Mißhandlung von Kindern, Konzentrationslager, Deportation, öffentliche Hetzkampagnen, Anti-Homeless-Architektur, Stigmatisierung, Ausgrenzung, der Verlust der eigenen Stimme, das Verwehren von Aufmerksamkeit, das Absprechen des Menschseins, epistemische Gewalt, der Genozid in Gaza, das Verweigern von Empathie.

Zum Weiterlesen

Die Hebel:Fulcrums-Mechanik

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Hebel:Fulcrums-Mechanik. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies

Einführung

Das „Fulcrum“ bezeichnet zunächst einmal den „Dreh und Angelpunkt“ an dem ein Hebel ansetzt. Der sogenannte „Archimedische Punkt“. Aber ich finde, das wird ihm nicht gerecht.

Der Begriff „Fulcrum“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet sowas wie „Bettpfosten“, bezeichnet nebenbei also auch eine unscheinbare Infrastruktur, die uns durch den Schlaf trägt.

Doch das Fulcrum trägt uns auch durchs Leben. Jeder Hebel, den wir bedienen, hat ein Fulcrum, das ihn funktional, sicher und erwartbar macht und gleichzeitig ist das Fulcrum immer schon das implizit Erwartete, Verdrängte und Externalisierte des Hebelns.

Wie schon die Pfadgelegenheit holt uns das Fulcrum aus dem gewohnten Denken des „isolierten Individuums“ und seinen „isolierten Handlungen“ an „isolierten Objekten“ heraus und bietet semantische Pfadalternativen für eine anwenderorientierte, d.h. menschlichere Perspektive auf die Welt.

Das Fulcrum zwingt uns, jede Handlung als Relation zu betrachten: als Bedienung eines Hebels, der an ein Fulcrum gekoppelt ist. Damit macht das Fulcrum unsichtbare Abhängigkeiten sichtbar – jene infrastrukturellen Voraussetzungen, aus denen unsere Hebel ihre Kraft schöpfen.

Die systematische Vernachlässigung des Fulcrums – oft institutionalisiert als „Prämisse“, „Externalität“ oder „Ceteris Paribus“ – bildet den blinden Fleck „moderner“ Technik- und Welt­nutzung ebenso wie der „modernen Wissenschaft“, des Kapitalismus und des Individualismus. Fulcrumsvergessenheit ist die kulturell eingeübte Geste, Voraussetzungen als gegeben zu setzen, um Handlung als „autonome Leistung“ des Individuums zu verbuchen.

Das Denken in komplexen Fulcren eröffnet deshalb neue Einsichten selbst in scheinbar ausgekundschafteten Pfaden: Es zeigt, wo Hebel auf unsichtbaren Infrastrukturen ruhen, wo Verschleiß entsteht und wo neue Pfadgelegenheiten verborgen liegen und macht die menschliche Perspektive nicht nur sichtbar, sondern lernt mit ihr zu leben.

Im folgenden will ich nacheinander folgende Thesen aufstellen und begründen:

  • Ein Hebel verstärkt eine Handlung, indem er sie auf ein Fulcrum überträgt.
  • Das Fulcrum ist nicht nur ein Punkt, sondern die gesamte Infrastruktur, die halten muss.
  • Hebel und Fulcrum sind daher keine Dinge, sondern Rollen im menschlich-relationalen Interaktionsgefüge.
  • Die Stabilität des Fulcrums ist nie gegeben, sondern wird erwartet – jede Hebelhandlung ist eine Wette auf ein Portfolio von Infrastrukturen.
  • Erwartungen sind nicht individuell, sondern dividuell auf einander bezogen und „beleihen“ (leveragen) einander als „Erwartungserwartungen“.
  • Handlung ist daher keine isolierte Tat eines Subjekts, sondern die Aktivierung eines Hebels in einem erwartungsgetragenen Fulcrum-Geflecht.
  • All das lässt sich an unzähligen Beispielen zeigen.

Durch eine semantische Aufräumarbeit hinter Archimedes Hebel-Formel, versuche ich das Fulcrum zu verkomplizieren, um damit eine semantische Infrastruktur zu schaffen, die alle anderen Zusammenhänge vereinfacht.

Dieser Text ist in vier Abschnitte unterteilt:

  • Teil I: Die materielle Hebel:Fulcrum-Relation [->]
  • Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio [->]
  • Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell [->]
  • Teil IV: Semantik. Hebel:Fulcrum-Relation als soziale Struktur [->]

Teil I: Die materielle Hebel:Fulcrum-Relation

Der Hebel ist zunächst eine materielle Relation. Ein Hebel ist immer nur ein Hebel für jemanden oder irgendwas und zeichnet sich aus Perspektive eines Anwendenden (jeder Hebel hat eine Anwenderperspektive) durch seine „Nützlichkeit“ aus.

Das Nützliche am Hebel (und Hebel sind außerordentlich nützlich), ist, dass man – wenn man Hebel und Fulcrum entsprechend positioniert – einen Multiplikationseffekt der eigenen Kraft erfährt. Daher Archimedes Angeberformel:

Gebt mir einen festen Punkt und einen genügend langen Hebel, und ich hebe die Erde aus ihren Angeln.

Aber der Hebel muss nicht nur „genügend lang“, sondern das Fulcrum auch „genügend stabil“ sein?

Die Stabilität des Fulcrums

Als ich neulich meinen Schrank mit einer Latte verschieben wollte, bewegte sich der Schrank zwar ein bisschen, aber auch die Rigipswand, die ich als Fulcrum verwendete, verformte sich und hatte eine Delle.

Gut, dass war sicher meine eigene Dummheit, aber ich behaupte dennoch: auch sonst ist das Fulcrum nie wirklich „stabil“?

Es gibt immer zumindest Verschleiß und selbst wenn ein Fulcrum 100 Jahre hält – kein Fulcrum ist unzerstörbar?

Bei genauerer Betrachtung ist der Schaden an der Rigipswand nicht so schlimm, die Ecke ist an einer stelle etwas abgeplatzt. Besieht man sich die zerstörten Flächen unter dem Mikroskop, ahnt man, welche Kraft darauf einwirkte. An den eingedrückten Stellen und dem heruntergebröselten Gips sieht man dann, dass sich der Prozess des Fulcrum-Einbruchs durch eine komplexe Architektur von ineinander verwobenen Mikrostrukturen arbeitete.

Das ist mein Punkt: Jedes Fulcrum ist komplex.

Fulcrumskomplexität

Wir alle kennen Hebel. Archimedes Hebelgesetz haben wir in der Schule gelernt und viele haben schon mal ein Radiergummi auf einem Lineal am Fulcrum eines Buntstiftes durch den Klassenraum katapultiert, haben einen Schraubenschlüssel an standardisierten Fulcren (M1 – M5-Muttern) bedient oder Essen mit Messer und Gabel gelernt, wo sowohl Kraft als auch Fulcrum durch die Fingerhebel gemanaged wird. Und wenn du schon mal Auto gefahren bist, war es die komplexe Hebelstruktur, die wir „Getriebe“ nennen, die die Motorleistung auf die Straße übersetzt hat. Herrje, unsere Arme, Beine und Finger sind Hebel. Wir alle sind Hebelexpert*innen.

Und deswegen wissen wir aus eigener Erfahrung, dass das Fulcrum nie einfach ein Punkt ist, sondern immer eine Kontaktfläche, -Form oder -Zone, die eine mal härtere, mal weichere materielle Struktur hat. Die Ingenieurswissenschaft weiß das auch und denkt den Hebel als „mechanische Kopplung“, in der Dinge wie Material, Verschleiß, sowie ein Verständnis nicht nur für feste, sondern auch für lose, wabbelige, nachgebende, fragile und komplexe Fulcren einen Platz haben. Außerdem für Fulcren, die verrutschen können, oder anders auf nicht-lineare Weise auf die Hebelkraft reagieren, etwa durch plötzlichen Formwechsel oder Verlust struktureller Integrität. Fulcren, die durch ein Phasen-Wechsel in anderen Schwellenzustände übergehen, Fulcren die schwingen, ruckeln, zittern, brechen, oder zwischen Haftreibung und Gleitreibung alterieren, etc.

Und die Ingenieurswissenschaft weiß auch: die Hebelwirkung ist bei dynamischen, komplexen und verformbaren Fulcren nicht weg, aber vermindert, bzw. aufgefächert, verteilt. Hebel und Fulcrum treten in der Realität oft in eine komplexe Beziehung, in der die eingesetzte Kraft sich auf beide ungleich verteilt, sie zueinander verschiebt und das Kräftefeld beim Hebeln neu sortiert.

Doch trotz ihrer Komplexität in der realen Welt, kann man doch für jede Hebel:Fulcrums-Beziehung verallgemeinern:

  1. je stabiler und steifer das Fulcrum ist, desto direkter und größer die mögliche Kraftübertragung/-Steigerung durch einen entsprechend großen Hebel.
  2. je größer der Hebel, desto mehr „Stress“ (Last, Erschütterung, Verschleiß) wird auf das Fulcrum pro eingesetzte Kraft übertragen.

Hebel/Fulcrum als Rollen

Was ich im folgenden Zeigen möchte, ist, dass wenn wir das Fulcrum in seiner Komplexität begreifen, wir die Hebel:Fulcrums-Beziehung überall vorfinden und mit diesem Frame analysieren können. Dafür müssen wir nur „Hebel“ und „Fulcrum“ statt als Dinge, als Rollen denken:

Der Hebel ist alles, was eine konkrete Handlung/einen Krafteinsatz (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) überträgt, verstärkt und/oder steuert und das „Fulcrum“ ist die Infrastruktur, an der der Hebel ansetzt/angesetzt wird und gleichzeitig, das, was „halten“ muss und durch eigene „Steifheit“ und „Stabilität“ (Erwartbarkeit) die Kraftübertragung/-Verstärkung erst ermöglicht.

Versteht man Hebel und Fulcrum als Rollen, kann dieselbe Infrastruktur je nach Situation Hebel oder Fulcrum sein und das Fulcrum ist nicht die eine Sache sondern viele Sachen – je nach Situation.

Schauen wir doch mal kurz in den Hebel rein, z.B. in meine unrühmliche Holzlatte. Das Holz der Latte besteht aus ineinander und aneinander verwachsenen Holzfasern, die einander Stabilität verleihen, oder übersetzt: sich während der Hebelaktion wechselseitig als Fulcrum dienen und so die vermittelte Kraft als Zugspannung wie einen Strom von Faser zu Faser weiterleiten.

„Mechanik“ ist die Wissenschaft der einander bedienenden Hebel.

Das Fulcrum ist eben nie nur die Stabilität des „Fulcrums“ selbst, sondern auch die des Hebels (der darf ja auch nicht brechen darf), aber auch z.B. von Archimedes Rücken, wenn er den Hebel bedient. Auch die Tatsache, dass Archimedes frei in seiner Handlung ist, dass er zwei Arme hat, dass er einen passenden Hebel und ein passendes Fulcrum gefunden hat und dass die Schwerkraft gilt, gehört dazu. Wir verstehen das Fulcrum auch als die Gesamtheit der infrastrukturellen Vorbedingungen der Hebelaktion.

Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio

Verlassen wir die direkt materielle Hebel-Fulctrums-Relation und begeben wir uns ins Virtuelle, in das Netzwerk der Erwartungen. Das Netzwerk der Erwartungen ist gewissermaßen der Layer der die Dividuumsperspektive mit der materiellen Realität verknüpft – mal besser, mal schlechter – aber immer mit materiellen Auswirkungen in der Realität.

Die Wette

Archimedes verschwendet da nicht groß Worte darauf, aber sein ganzer Versuchsaufbau basiert auf der Annahme, dass das Fulcrum „hält“.

Doch, dass etwas „hält“ ist keine physikalische oder sonstwie naturwissenschaftliche Größe, sondern eine von Archimedes implizit formulierte „Erwartung“.

Ich will ihm hier keinen Strick draus drehen, denn eine ähnliche „Erwartung“ hatte ich auch beim Hebeln an meiner Rigipswand, denn grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass das Fulcrum hält? Schlauer sind wir immer erst hinterher.

Und es mag ja sein, dass Archimedes sein Fulcrum sorgfältiger ausgewählt hat, als ich, aber ich bestehe darauf, dass auch seine Hebelaktion eine „Wette auf das Fulcrum“ war, denn jede Hebelbenutzung ist eine Wette, selbst, wenn man sich sicher ist, sie zu gewinnen.

Ich habe aufgehört, an „Kausalität“ zu glauben, oder zumindest glaube ich, der Begriff beschreibt keinen „ontologischen“ Zusammenhang in der materiellen Welt, sondern ist eher ein Maßstab für unserer Erwartungsstabilität für bestimmte Hebel:Fulcrums-Relationen, genauer: eine grobe Heuristik für alle Übergangswahrscheinlichkeiten ab ca. 99,999 Prozent oder so.

Weil wir es mit Übergangswahrscheinlichkeiten zu tun haben, haben wir es mit Wetten zu tun und auch wenn Wetten in 99,999 Prozent gewonnen werden, bleibt das 0,001 Prozent, dass dir alles vermasseln kann. Dennoch wirst du die Chance ergreifen, denn Hebel sind oft wichtig oder mindestens nützlich.

Wenn wir also sagen: Das Fulcrum „hält“, „beleihen“ wir das konkrete materielle Fulcrum mit einer Erwartung. Diese Erwartung ist somit ein „Asset“ in das wir investieren, sobald wir einen Hebel betätigen und dieses Asset ist wichtig, denn meist benutzen wir Hebel nicht nur einmal.

Das Portfolio

Nehmen wir an, Archimedes nutzt einen knackharten und megastabilen Stein als Fulcrum, dann wird die Stabilität des Fulcrums nicht nur von dem Stein selbst organisiert, sondern vom Untergrund, auf dem er liegt, bzw. er ist dort auf die eine oder andere Weise arretiert und dieser Untergrund basiert wiederum auf Erdschichten, die auf Gesteinsschichten basieren, die zusammen die Erdanziehung organisieren und so weiter und so fort.

Die Stabilität all dessen wird „erwartet“, ohne dass Archimedes sich in diesem Moment über jedes Detail bewusst wäre. Denkt man das Fulcrum komplex, dann ist das Fulcrum nicht nur eine Wette, sondern es eine Wette auf Wetten auf Wetten auf Wetten, etc.

Die Stabilitätserwartung der Hebelbedienung stellt sich als ein Portfolio von Wetten/Assets heraus.

Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass die Erdanziehung oder die Gesteinsschichten oder die Erdschichten sich plötzlich ändern, weswegen unser Fokus auf dem Stein liegt. Die Erwartung, dass die Schwerkraft anhält zu funktionieren, ist uns nicht als solche bewusst, so wie mir beim Schreiben dieser Zeilen nie völlig bewusst ist/bewusst sein kann, wie viel Infrastruktur „funktionieren“ muss, damit sie von meinen Fingern in die Tastatur, in den Prozessor, in das Kabel, durch das Internet, auf meinen Server, in mein WordPress und von dort in eure Augen gelangen. Weil all diese Pfade Hebel sind, die sich gegenseitig bedienen, basiert meine einfache „Handlung“ des Schreibens auf einem ausufernden Portfolio unbewusster Wetten.

In der Technikgeschichte können wir nachlesen, wie es dazu kam. Man kann sie runterdampfen auf: Auf funktionierende Hebel werden gern weitere Hebel gebaut, die die ersten Hebel als Fulcrum nutzen. Das Resultat ist der vielgestaltige, pfadabhängige Fuhrpark von Hebeln, Hebelstrukturen und -Aggregaten, in dessen Fulcren wir leben und arbeiten.

Anders als noch bei Archimedes basieren all unsere Hebel auf tausenden, manchmal Millionen, heute oft Milliarden mehr oder weniger speziell hergestellten, teils filigranen Hebeln und das bedeutet, dass sich jede unserer Hebelaktionen bei einem pfadabhängigen Strauß voller Fulcren verschuldet, die wir ständig als Assets im Erwartungsportfolio führen, wenn wir handeln.

Crash

Und wie die materiellen Infrastrukturen selbst, sind diese Wetten auf Wetten pfadabhängig von einander. Bricht ein Fulcrum, irgendwo ganz tief im Getriebe, brechen alle pfadabhängigen Hebel und damit auch alle pfadabhängigen Erwartungen. Fällt der Strom aus, ist nicht nur der Rechner tot, sondern auch das Licht, der Kühlschrank, der Wecker und die Kaffeemaschine und alle diese Assets verlieren ihren „Wert“ im Portfolio unserer Erwartungen. Beim Bruch mancher Fulcren, kann es zu regelrechten Crashs in unserem Erwartungs-Portfolio kommen.

Das ist jetzt reine Spekulation, aber ich wette, Archimedes hat auch einige Fehlversuche durchgeführt, bevor er sein Hebelgesetz formulierte? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht ist er der einzige Mensch, dem nie eine Hebelaktion mißlang?

Zumindest verpasste er, darauf hinzuweisen, dass jede Hebelaktion eine Wette ist, obwohl auch ihm klar gewesen sein muss, dass sowas auch schief gehen kann. Oft ist es so, dass die Hebelaktion auf eine Weise schief geht, die wir nicht vorhergesehenen haben.

Ein Portfolio, das vor allem aus aufeinander aufbauenden, also pfadabhängigen Wetten besteht, hat seine Vulnerabilitäten oft an Stellen, an die wir gar nicht gedacht hatten, dass sie „wichtig“ sind und so kommt es, dass echte Crashs meist durch Fulcrumsbrüche passieren, die nur Wenige überhaupt als Möglichkeit auf dem Schirm hatten.

Was also zu tage tritt, wenn eine Infrastruktur bricht, sind unsere eigenen Erwartungen.

Das meinen wir, wenn wir sagen, dass Infrastruktur nur in ihrem Kollaps wirklich sichtbar wird. Auf diese negative Ontologie von Infrastruktur haben bereits Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star in ihrem Klassiker „Sorting Things Out“ hingewiesen, aber wir alle kennen es aus eigener Erfahrung?

Man findet oft erst heraus, wovon man „abhängig“ war, wenn die Pfadgelegenheiten, die es ermöglichte, verschwinden.

„Abhängig“ eben nicht als „individuelle Abhängigkeit“ gedacht, sondern im Pfadgelegenheits-Sinn: ohne X kann ich Pfad Y nicht nehmen. Pfadabhängigkeit.

Und wer einmal die Erfahrung des Brechens eines Fulcrums gemacht hat, weiß, was das heißt: Alle pfadabhängigen Infrastrukturen/Wetten auf Infrastrukturen kollabieren und weil sich diese Wetten auch horizontal gegenseitige Stabilität verleihen, crashen auch umliegende Infrastrukturen gerne mit.

Dann tritt der Seneca Effekt ein und der kann dann so ablaufen, wie das berühmte Hemingway-Zitat einer Romanfigur, die ihren eigenen Bankrott beschreibt: „First gradually, then suddenly.“

Kaskadierender Kollaps.

Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell

Die Pfadgelegenheit ist ein Versuch die menschliche Perspektive auf eine (immer schon) vernetzte Welt zu modellieren, aber ohne die Hebel:Fulcrums-Beziehung bleibt sie unvollständig. Jede Pfadgelegenheit enthält eine Mechanik, die sich als Hebel und Fulcrum analysieren lässt.

Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.

Bediente Hebel sind genommene Pfadgelegenheiten, also Pfadabhängigkeiten, das heißt der Hebelprozess beschreibt die sogenannte „Gegenwart“, also den Moment, wo aus „projizierter Handlung“ „Handlung“ wird – unter Beleihung einer Infrastruktur und aus einer bestimmten Perspektive.

Hebel als Pfadgelegenheit

Jeder Hebel ist Teil einer Pfadgelegenheit und jede Pfadgelegenheit enthält mindestens einen Hebel. Genauer: Der Infrastrukturvektor der Pfadgelegenheit teilt sich in „Hebel“ und „Fulcrum“. Aus Krasse Links No 76:

Denkt man das Fulcrum in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.

Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.

Da die Pfadgelegenheit ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Der Hebel ist einerseits ein anderer zeitlicher Modus der Pfadgelegenheit, aber auch eine andere Betrachtungsweise (ein anderer methodischer Blickwinkel) auf die Pfadgelegenheit und für unsere Betrachtungen des Hebel-Fulcrums-Verhältnisses bedeutet das, dass jeder Hebel in einer „Perspektive“ eingebunden ist und jede Hebelaktion als „projizierte Handlung“ in der Pfadgelegenheit latent ist, bevor sie als Hebelaktion aktualisiert wird.

Damit wird die Hebel:Fulcrum-Relation nur eine andere Sichtweise auf Pfadgelegenheiten und wir können die beiden Konzepte je nach Kontext austauschbar verwenden. Jede Bedienung eines Hebel macht eine Pfadgelenheit zu einem Pfad. Jede „projizierte Handlung“ beleiht eine durch eine Hebelhandlung in der Vergangenheit beliehene Erwartung.

Wann immer ich eine Pfadgelegenheit nehme, betätige ich den Hebel einer Infrastruktur, die meine Handlung unterstützt, ermöglicht, verstärkt, deren Funktionieren aber immer von einem Fulcrum weiterer Infrastruktur „gebackt“ wird. Jede Pfadgelegenheitsnutzung passiert auf Kosten eines Fulcrums (auch wenn diese Kosten oft scheinbar „vernachlässigbar“ sind, wie bei Archimedes) und ist eine Wette auf die Zukunft eines Erwartungs-Portfolios.

Die projizierte Handlung als Q-Function

Stellen wir uns vor, wie Archimedes bei seinen Hebelexperimenten vorgegangen ist. Vermutlich musste auch er erst nach passendem Hebel und passenden Fulcrum suchen und ich lehne mich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass er dabei unterschiedliche Pfadgelegenheiten zum Hebeln „eruiert hat“ und dass er sich wahrscheinlich auch das eine oder andere Mal gegen einen Hebel, oder ein Fulcrum entschieden hat. Das heißt, Archimedes hat Pfade zum Hebeln bewertet.

Ob bewusst oder unbewusst, wir sind ständig dabei, die uns zur Verfügung stehenden Pfade/Hebel zu bewerten. Ändert sich die Infrastruktur, ändert sich unsere Erwartung an die Infrastruktur. Ist sie über Jahre verlässlich, schreiben wir ihr mehr Wert zu – geben wir ihr mehr Kredit, bzw. das Sprichwort ist falsch, den Kredit auf die Infrastruktur, den geben wir uns selbst, den erlauben wir uns. Eigentlich wissend, dass eine Infrastruktur, die heute gut dasteht, morgen unsicher oder ineffizient oder zu teuer sein kann.

In der KI-Forschung hat sich Q-Function als Konzept zur Bewertung von Pfaden in Agent-Systeme in Spielen als praktisch herausgestellt und die Geschichte ist es wert kurz erzählt zu werden:

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Wir definieren Q-Function als Bewertung eines Pfads (innerhalb einem Statuses (Zeit/Ort) unter Unsicherheit.

Auch Archimedes Fähigkeit zu Hebeln und damit Wetten einzugehen, basiert zu einem Teil auf seiner Fähigkeit, einen Pfad zu inszenieren, sich also dieses Fulcrum und jenen Hebel in der Hebelhandlung vorzustellen.

In Krasse Links no 74 habe ich anhand von Nicholas Humphrey evolutions-biologischen Überlegungen zur Evolution von Kognition in einer Amöbe darüber spekuliert, welchen relational materiellen Freiheitsgewinn, die „projizierte Handlung“ bringt.

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Perspektive: Viabilität

Doch zurück zu Archimedes Hebelproblem: Wesentlicher Teil seiner Q-Function für Hebelpfadgelegenheiten wird die Frage bestimmt haben, ob das Fulcrum „hält“, denn er weiß: noch bevor er seine Wette überhaupt platzieren kann, muss ein Pfad „viabel“ sein.

Viabilität“ ist ein Begriff der evolutionären Biologie und beschreibt die „Gangbarkeit“ evolutionärer Mutationen und „Traits“, also erstmal gar nicht, ob diese oder jene Eigenschaft „nützlich“ ist, sondern einfach, ob sie überhaupt möglich ist, ohne den Pfad zu gefährden.

Aber „Gangbarkeit“ ist die Voraussetzung eines jedes Pfads?

„Ist dieser Untergrund sicher? Wird mich dieser Grund mich halten?“

Das sind die existentiellen Fragen, die sich Hunde oft stellen, wenn sich der Bodenbelag ändert. Mein Hund Cobi, wollte, als ich ihn bekam, zuerst nicht in den Fahrstuhl einsteigen. Es dauerte, bis ich begriff, dass er keine Angst vor dem Fahrstuhl selbst hat, sondern sich nicht traute, die Schwelle zum anderen, abgegrenzten Bodenbelag zu überschreiten. Erst als er es zwei, drei mal übte, fühlte er sich wohl beim In-den-Fahrstuhl-reinlaufen.

Und auch, wenn uns das in in diesem Fall albern vorkommt, ist dieselbe Angst in jeder unserer Pfadgelegenheiten eingeschrieben. Denn, wie gesagt, Pfadgelegenheiten können schief gehen.

Zugriff

Wenn Archimedes nun in die Hände spuckt und den Hebel ansetzt, dann ist die Kontaktzone zwischen Hebel und Fulcrum nicht beliebig gewählt. Genau das ist es, was Archimedes uns zu zeigen versucht. Verschiebt man den Hebel in Relation zum Fulcrum und zur hebenden Sache (Last), dann ändert sich auch die Kraftübertragung. Ideale Kraftübertragung hat man, wenn man den Teil des Hebels, auf den man Kraft ausübt, in möglichst langer Distanz zum Fulcrum hält.

Das heißt, der Ansatzort des Hebels am Fulcrum ist nicht egal? Und das gilt für jede Hebelaktion.

Für die Pfadgelegenheit bedeutet das, dass das „Fulcrum“ nicht nur die unterliegende Infrastruktur referenziert, und nicht nur die Wette, dass sie „hält“, sondern tatsächlich auch den Punkt in der Infrastruktur identifiziert, an dem der Hebel-Teil der Infrastruktur „am besten/am ehesten“ angesetzt werden muss, damit die Hebelwirkung ideal oder immerhin effektiv genug übertragen/verstärkt wird, damit die Pfadgelegenheit gelingt.

Dieses zugriffliche Fulcrum ist beim nehmen eines Weges der Belag, an dem ich meinen Schritt abstoße, beim Ansetzen eines Dosenöffeners ist es die Randsstelle der Kanne, beim Programmieren kann es zum Beispiel eine bestimmter API-Funktion sein, auf der alles basiert, oder beim Anwenden des Programms ist es die Struktur der Parameter die ich übergebe, oder an der Börse der Zeitpunkt, an dem ich eine Aktie kaufe.

Das ist der konkrete und möglichst „richtige“, möglichst effektive Punkt/Fläche der Kontakt-Zone, die den Hebel, den man mitbringt, arretiert und seine Wirkung maximiert und bei manchen komplexen Fulcren ist es oft mehr eine Kontakt-Landschaft als eine Zone.

Die Zugriffs-Topologie (oder das „zugriffliche Fulcrum“) stellt sich als die lokal wirksame Kontaktzone heraus, an der ein Hebel in ein Fulcrum „einrastet“ – so, dass aus einem gegebenen Krafteinsatz eine maximale (oder überhaupt erst ausreichende) Wirkung wird.

Die Zugriffs-Topologie ist nicht einfach „wo man drückt“, sondern die Stelle, an der Geometrie, Material und Zugriff zusammenpassen: der Übergang von Möglichkeit zu Viabilität zu Praxis. Die Zugriffs-Topologie ist die Schwelle, an der eine Pfadgelegenheit von „Konzept“ zu „machbar“ kippt, weil wir oft erst beim Ansetzen merken, ob der Hebel zum Fulcrum passt.

Jedes Fulcrum hat eine Form/Topologie und formuliert damit die Anforderungen an den Hebel, als Affordanzen.

Und oft ist die Zugriffs-Affordanz des Fulcrums bewusst hoch, verengt oder oder komplex gestaltet, um bestimmte Hebel auszuschließen. Etwa, wenn die notwendigen Unterlagen zum Beantragen für Wohngeld besonders kompliziert gestaltet werden und der Prozess sich jedes Jahr wiederholen muss, um Leute auszuschließen, die nicht verzweifelt genug, oder mit Formalsachen nicht firm sind. Oder wenn der Zuweg zu einem Ort nur durch eine Durchfahrt erreichbar ist, die Busse – und damit den Teil der Bevölkerung, der Bus fährt – ausschließt. Oder die umsichgreifende Anti-Homeless-Architektur, wie Parkbänke, die so gestaltet sind, dass sich kein Wirbelsäulen-Fulcrum darauf regenerieren kann.

Es gibt sehr viele Affordanz-Designs für Fulcren zum Ausschluss von bestimmten Hebeln, aber die bekannteste ist das Schloss. Das Schloss ist eine (möglichst) einzigartig gestaltete Affordanz-Topologie, die (möglichst) nur einen einzigen Hebel (Schlüssel) zulässt. Der Schlüssel wird zur Schwelle vieler Pfadgelegenheiten (Auto, Haus, Laube …).

Von hier kann man das Konzept easy auf die Welt ausmappen:

„Eine API ohne Schreibrechte ist ein Fulcrum, das nur lesende Hebel zulässt.“

„Ein Ranking-Algorithmus ist ein Zugriffliches-Fulcrum für aggregierte Aufmerksamkeit, dessen Affordanzen Sichtbarkeitshebel zuteilen.“

„Ein Dialekt oder akademischer Jargon ist ein semantisches Zugriffs-Fulcrum, das Sprecher*innen ausschließt.“

„Plattformmacht = Kontrolle über zugriffliche Fulcren mit hoher Betweenness-Zentralität auf ein möglichst großes Kontaktzonen-Fulcrum von Pfaderwartungen interlockter User (Netzwerkmacht).“

Ein Auto ist beschreibbar als Hebelarchitektur, in der jeder Hebel von einem Fulcrum anderer Hebeln anhängig ist, deren Fulcrum wieder von anderen Hebeln abhängig ist, usw. Jedes Fulcrum (Bremsen, Lager, Software, Sensoren und Straßen) wird bei der Hebelaktion „Autofahren“ belastet, verschleißt, kann kaputt gehen und auf jedes dieser Fulcren ist also eine Wette abgeschlossen, die wir während des Autofahrens beleihen. Der Autohebel ist architekturell auf ein spezialisiertes zugriffliches Fulcrum zugespitzt, das es erlaubt, andere von der Nutzung auszuschließen, indem er nur mit einem ganz bestimmten Hebel bedienbar ist (Autoschlüssel).

Einige der Hebel:Fulcrums-Beziehungen und Kreisläufe des Autohebels sind mechanisch, aber andere sind elektrisch und wieder einige sind termodynamisch.

Aber auch sie sind Hebel?

Der Begriff „Entropie“ stammt aus der Praxis des frühen Dampf-Machinenbaus, weil man ein Wort dafür brauchte, dass aus dem Kessel keine „Arbeit“ mehr zu extrahieren war. In der Thermodynamik bezeichnet Entropie die Zahl der möglichen Mikrozustände eines Systems und damit eine Grenze für die nutzbare Energie. „Entropie“ ist keine naturwissenschaftlich zwingende Größe sondern eine Nutzerperspektive. Sie spiegelt das seit dem 19. Jahrhundert wachsende menschliche Bedürfnis, eine möglichst hohe und berechenbare Übergangswahrscheinlichkeit zwischen heißen nach kalten Molekülen zu organisieren, um sie als energetisches Fulcrum für Dampf-Hebel und später für Verbrennermotoren zu nutzen.

Und in der Elektrizität sprechen wir von „Spannung“ als Potentialdifferenz von gespeicherter Energie pro Ladungseinheit, aber meinen damit wieder ein Fulcrum aus möglichst hoher Übergangswahrscheinlichkeit zwischen Elektronen und ionisierten Atomen, an dem wir unsere steuerbaren Schaltungen als Hebel ansetzen, um Stromstärke in Pfadgelegenheiten zu übersetzen.

Nochmal Fulcrumskomplexität: Die Turing-Maschine

Das Fulcrum ist komplex. Alles, was wir unter „Mechanik“ fassen, sind eigentlich ineinandergreifende Hebel:Fulcrums-Kopplungen, über die Kraft übertragen werden, sei es das Getriebe oder das Uhrwerk, Schaltungen oder Motoren.

Aber man kann die Tiefe der Hebel:Fulcrums-Relation am besten veranschaulichen, wenn man sie gleich auf die Turing-Maschine anwendet, die Machine der Maschinen, die „universelle Machine“.

In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, führe ich die Turing-Machine so ein:

Ein unendliches Band aus Papier zuckt vor und zurück. Es ist unterteilt in quadratische Felder. Auf manchen stehen Symbole, Nullen und Einsen, in scheinbar zufälliger Verteilung auf das Band gedruckt. Manche Kästchen sind leer. Das Band läuft durch eine Maschine, in die es eingespannt ist. Die Maschine zieht das Band mal nach links, mal nach rechts. Ein Schreib-/Lesekopf konzentriert sich immer auf das aktuelle Kästchen in der Maschine. Mal schreibt die Maschine dann etwas auf, mal liest sie die beschriebenen Kästchen, und hier und da ist sie unzufrieden mit dem Inhalt. Sie radiert das Symbol weg, und ab und an ändert sie es in ein anderes.

Mit diesem imaginierten Versuchsaufbau, so Turing könne man alle mathematisch lösbaren Probleme lösen. Zumindest theoretisch, denn Turing hat – wie Archimedes – sein Fulcrum einfach ideal gesetzt: Das Band ist unendlich und die Maschine hat ewig Zeit und Hitzeentwicklung, Bugs und Stromversorgungsprobleme gibt es auch nicht.

Als Hebel formuliert, leveraged die Maschine sich selbst, ihre Infrastrukturen, das Band und alle bereits eingelesenen Symbole, um mit dem Hebel des „nächsten Rechenschritts“ eine Aktion zu veranlassen (Band vor/zurück, Lesen/Schreiben), die Teil eines Rechenpfads ist, der ein mathematisches Problem lösen soll.

Wenn irgendwas davon schief geht – also das Fulcrum bricht, hört die Maschine entweder auf, oder kommt vom korrekten Rechenpfad ab. Die Hebelwirkung verpufft und die Erwartungen kollabieren.

Turing-Machinen wurden bekannter maßen zu Computern, also Hebelmaschinen, die aus Milliarden winziger Hebel (Bits) bestehen, die sich selbst, ihre Infrastruktur und den aktuellen Zustand ihres „Hebelaggregats“ nutzen, um wie die Turing-Maschine den nächsten Rechenschritt zu marschieren. Mit diesen echten Computern gibt es natürlich so Dinge wie „Endliche Geduld der Anwender*innen“, Hitzeentwicklung, „Bugs“ und Stromversorgungsprobleme. Der Turing-Hebel, um zu funktionieren, braucht ein Fulcrum und das ist niemals „ideal“.

Aber das bedeutet auch, dass auch hier jedes gesetzte Bit, das in der Rechenoperation eine Rolle spielt, eine Wette ist. Eine Wette, die zwar häufig gut geht, aber alle paar Millionen mal eben auch mal nicht, weswegen moderne Computer allerlei Clearing House-Mechanismen (wie zb. ECC memory) zur Stabilisierung der Bit-Erwartung installiert haben.

Daraus kann man ermessen, wie wie komplex das Fulcrum eines Computerhebels ist, der ein einfaches kleines Video leveraged. Milliarden von Hebeln, angefangen bei denen des Betriebsystems, des jeweiligen Programms, sowie allen Daten des Videos selbst – jedes Bit muss stimmen, damit das Video läuft. Computer sind megakomplexe Hebel aus Hebeln, aber damit eben auch Wetten auf Wetten.

Und jetzt stellt euch vor, wie riesig und komplex die Computer-Hebelstruktur einer LLM sein muss, die euren kleinen Prompt als Hebel in den Tiefen der Infrastruktur ihrer massiven Datencenter arretiert, damit das Modell ihren zum „Latent Space“ syndizierten Trainingsdatenwust durchforstet, um alle Kontexte aller Tokens des Prompts zum Fulcrum zu mobilisieren, sie jeweils hunderte male miteinander Beziehungen setzt, um an den Rechenergebnissen die Übergangswahrscheinlichkeiten des nächsten Tokens zu leveragen.

Teil IV: Semantik. Hebel/Fulcrum-Relation als soziale Struktur

Auch wenn Archimedes der Erste sein mag, der die Hebelwirkung formalisierte, ist er mit Sicherheit nicht der Erste gewesen, der die Hebelwirkung kannte oder nutzte. Ich gehe noch weiter und behaupte: Auch Archimedes wird das Hebeln bei anderen gesehen haben, bevor er es selbst ausprobierte und dann theoretisch formulierte.

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, beleihen unsere Erwartungen nicht nur unsere Erfahrungen, sondern zum größten Teil die Erfahrungen und Erwartungen anderer. Niklas Luhmann hat die Erwartungen an anderer Leute Erwartung treffend „Erwartungserwartungen“ genannt und damit einen sehr nützlichen Begriff geschaffen.

In Krasse Links No 74 erzähle ich anhand meiner Beziehung mit meinem Hund, wie Erwartungserwartungen aufgegleist werden.

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

 

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

 

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Unsere Erwartungen sind nie wirklich unsere. Alles, was wir glauben, von der Welt erwarten zu können, haben wir von anderen gelernt, zu erwarten. Natürlich machen wir auch eigene Erfahrungen, aber auch diese aus sogenannten „eigenen Erfahrungen“ sind immer eingebettet in den Rahmen unserer erwarteten Erwartungen anderer. Erwartungen sind nie nicht sozial.

Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:

  1. Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
  2. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
  3. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.

Alle Akteure in diesem Netzwerk sind „Materiell-Semantische Komplexe“ (menschliche Dividuen, Unternehmen, Staaten, Redaktionen, Vereine, Organisationen, auf eine Art auch Tiere) und das heißt sie haben sowohl einen materiellen Körper (menschliche Körper und materielle Infrastrukturen inklusive deren Fulcren) und einen semantischen Körper (Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Wissen, eine Geschichte über sich selbst und die Welt), bewohnen also als „Full Stack“-Implementation alle Layer des Netzwerks. Sie alle sind Fulcren (für jemanden), sie alle nutzen Hebel (an jemanden), nur sind Hebellänge und Fulcrumslast ungleich verteilt.

Ein weiterer Effekt, die Dinge so zu sehen, ist, dass wir unsere Hebel alle auf die eine oder andere Weise „geerbt“ haben. Wir beleihen nie nur eigene Infrastruktur, nie nur die eigenen Erfahrungen, wenn wir Hebel benutzen, sondern immer auch die aggregierten Erfahrung und aktuellen Erwartungen anderer. Und wenn unser Fulcrum bricht, bricht deswegen auch immer mehr, als nur unser Fulcrum.

Erwartungserwartungen als Q-Function

Wir erwarten, dass der Hebel/die Pfadgelegenheit funktioniert (die Straße befahrbar ist, meine Überweisungen ankommen, der Server erreichbar ist) nicht (nur) weil es unseren eigenen Erfahrungen entspricht, sondern auch weil es eine „allgemeine Erwartung“ ist, die sich bei genauerem Hinsehen immer als eine konkret aquirierte Erwartung von anderen herausstellt, die wir uns angewöhnt haben, zu beleihen, weil uns die Realität (noch) keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat, bzw. andersrum: jede unserer Erfahrung einer geglückten Hebelaktion re-inforced die Wertzuschreibung, die wir andernorts aquirierten.

Q-Function ist sozial.

Dass Pfadgelegenheiten gesellschaftlich für „einiger maßen sicher“ befundene Infrastruktur sind, kann man gut am Adaptionsprozess neuer Pfadgelenheiten beobachten.

Als die Pfadgelegenheit „Linienflug“ eingeführt wurde, musste das Vertrauen in diese Infrastruktur erst mühsam durch die Gesellschaft perkulieren. Das dauerte bis alle irgendjemand kannten „der schon mal geflogen ist“. So akkumuliert sich investiertes Vertrauen in Infrastruktur und diese Erwartungsstabilität ist das Fulcrum, das den Linienflüge im heutigen Maßstab ermöglicht.

Boeing hat dieses Fulcrum zuletzt über Gebühr geleveraged, indem sie Kostenreduktion vor Sicherheit stellten. Eine riskante Wette, aber unsere Gesellschaft gewöhnt sich ja gerade an so manches?

Aber Vorsicht: Nur, weil bestimmte Wetten in der Vergangenheit regelmäßig „geglückt“ sind, heißt das nicht, dass sie aufhören, wetten zu sein?

Ihr kennt das Gefühl, wenn ihr plötzlich feststellt, dass ihr eine Erwartung an die Welt hattet, von der ihr vorher gar nicht wusstet, dass ihr sie hattet?

Also ich hab das vor allem in letzter Zeit sehr oft. Eigentlich crasht grad jeden Tag ein anderer Teil meines Erwartungs-Portfolios.

Das Adaptieren von Infrastrukturen geht also einher mit einem wechselseitigen Beleihen von Erwartungen an diese Infrastruktur und das kann man bei jeder Adaption neuer Hebel beobachten: Da sind wir alle unterschiedlich risikobereit sind, ist es die Vorhut der „Early Adopter“, die sich als erstes aufmacht, um neue Pfade zu erkunden. Wir anderen folgen erst, wenn sie das OK signalisieren.

So funktioniert das aber überall: Ich investiere nicht nur in ein Asset, nicht weil ich persönlich und „individuell“ an seine Viablität und Werthaftigkeit glaube, sondern weil ich auch daran glaube, dass andere daran glauben. Unsere Erwartungen sind von unseren Erwartungserwartungen – also unsere Erwartungen der Erwartungen anderer – kaum zu trennen.

Erwartungen haben also immer zwei Bezugspunkte: eine materielle Erwartung, die bricht, wenn die Erwartung an das Fulcrum bricht und eine semantische – die Erwartungserwartung – die bricht, wenn die Erwartungen anderer brechen. Das fällt nicht oft auf, denn weil wir dieselbe Welt bewohnen glauben wir, dass beides gleichzeitig bricht, dabei ist das nie wirklich gleichzeitig, sondern der Riss fängt immer irgendwo an und arbeitet sich entlang der wechselseitigen Beleihungsstrukuren durch das Netzwerk, bis er auf Netzwerkzentralitäten trifft, die den Kollaps beschleunigen.

Aber das bedeutet auch, dass meine Entscheidung in einen Pfad zu investieren und einen Hebel zu bedienen, nie für mich bleibt. Meine Investitions-Entscheidung wird wahrgenommen und andere reaktualisieren daraufhin vielleicht den Wert ihrer Assets. Jedes Nehmen einer Pfadgelegenheit ist ein „Sprechakt„.

Ganz gezielt wird der Effekt in der Werbung genutzt, die zu 90 Prozent attraktive, relatable Menschen zeigt, die die beworbene Pfadgelegenheit „vorahmen“ und so versuchen, sie als „gesellschaftlich viabel“ darzustellen und so mit erwartetem „Wert“ aufzuladen. Aber wichtiger sind heute Bewertungen in Online-Portalen geworden. Wir verlassen uns gern auf „authentische“ Erstehandberichte, um den Wert von Pfaden abzuschätzen. Aber am Liebsten beleihen wir dafür natürlich die Erfahrung von Freunden oder anderen Menschen, denen wir vertrauen.

Aber im Netzwerk der Erwartungserwartungen findet sich auch die „Institution“. Institutionen sind materiell-semantische Komplexe, die als „Clearing House“ der gesellschaftlichen Erwartungsportfolios fungieren und so zu Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erwartungserwartungen werden. Oder soll ich sagen: wurden?

Da wir gerade in einer Zeit der crashenden Erwartungsportfolios stecken, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob wir etwas aus dem Crash lernen, davon abhängen wird, dass wir ihn richtig interpretieren. Jeder Crash ist eine Pfadgelegenheit zur grundsätzlichen Rejustierung der Erwartungserwartungen.

Fulcrumsvergessenheit

Noch mal zu Archimedes Annahme, dass das Fulcrum „halten“ wird. Das ist mehr als nur eine Behauptung, das ist mehr als eine Wette, es ist auch eine „Geste“.

Hier eine weitere These: Die „Annahme“ eines stabilen Fulcrums ist einstudiert.

Damit will ich Archimedes nicht als „Poser“ darstellen, ich glaube wirklich, dass er selbst gehebelt hat und aus eigener Erfahrung berichtet. Dabei wird ihm durchaus schon aufgefallen sein, dass das Fulcrum fragil ist oder zumindest sein kann, „aber so unterm Strich“ – wird er sich gesagt haben – „und wenn man bei der Fulcrumsauswahl ein bisschen aufpasst“, dann ist so ein Fulcrum zumindest „stabil genug“, weswegen wir diesen Faktor in der Praxis des Hebelns auch „vernachlässigen“ können.

Hier ist mein Punkt: Das als „stabil“ gesetzte Fulcrum ist Ausdruck einer bestimmten Subjektivität und ist vielleicht noch mehr als die Meditationen Descartes für die „Fulcrumsvergessenheit“ (in Krasse Links sprach ich bisher von „Infrastrukturvergessenheit“ aber Fulcrumsvergessenheit trifft es präziser) des westlichen Denkens verantwortlich?

Wenn Descartes sagt, „Ich denke also bin ich“, setzt er das „Denken“ ebenso wie Turing die Maschine und wie Archimedes das Fulcrum als „fixes Ideal“, und „vernachlässigt“ seine Pfadabhängigkeiten. Auch Descartes interessiert sich nicht für die Bedingungen der Möglichkeit seines Tuns.

Denken, insbesondere das Denken das Descartes praktiziert, das abstrakte Denken, ist Übungssache? Das kann man nicht von klein auf, das kann man auch nicht unbedingt als Erwachsener, jedenfalls nicht einfach so, sondern man lernt es durch Anleitung und Übung über Zeit. All das verschweigt uns Descartes.

Was er uns außerdem verschweigt, ist, dass Denken nicht einfach nur im Kopf stattfindet, sondern die Sprache als Fulcrum benötigt.

Descartes braucht „Unterscheidungen“, wenn er von „ich“ /du, sie, es …, „Denken“ / Sprechen, Handeln, Schlafen … und „Sein“ /Nichtsein spricht. Wo, wenn nicht aus der Sprache, hat er seine Unterscheidungen her?

Wie Turing und Archimedes vernachlässigt Descartes in Wirklichkeit ein komplexes Fulcrum (das der eigenen Sozialisation, Sprach- und Denkerwerb) und setzt es zum Hebeln „ideal“ (so wie es die „Westliche Vernunft“ für die Welt ansich tat), um uns den Floh mit dem „Individuum“ ins Ohr zu setzen, das getrennt von seiner Welt lebt.

Der Subjektentwurf des Individuum, als eines von der Welt unabhängigen Agenten, basiert auf exakt dieser Geste der Idealisierung von Fulcren. Ebenso basiert darauf die „Schwerelosigkeit“ der „unverbundenen Handlung“ und der „universelle Blick der Objektivität“. Verschwiegen wird Geschichte, Perspektivität, Infrastruktur und Fulcrum. Diese „Vernachlässigung“ ist eine „Verdrängung“, die das Individuum ermöglicht und hervorbringt.

Und deswegen fällt es uns zum Beispiel schwer zu verstehen, dass jede „Innovation“ nur die pfadabhängige Spitze eines Eisbergs aus Infrastruktur ist. Marianna Mazzukato hatte in ihrem Buch The Entrepreneurial State darauf hingewiesen, dass so gefeierte Produkte wie das iPhone fast ausschließlich die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung kompilieren.

Innovation beruht also nicht nur auf der Arbeit anderer, sondern der Arbeit, auf der deren Arbeit beruht, usw. Sowie auf einem Bildungssystem und einer Forschungslandschaft, die Bildungs-Pipelines von der Grundschule über die Unis bis die Entwicklungs&Forschungsabteilungen der Unternehmen bereitstellt. Und ein Billionschwerer Rüstungshaushalt, der jährlich viele Milliarden in die Infrastruktur reinpumpt ist auch ganz hilfreich? Da kommt der Microchip her, so wurde das Internet geschaffen, GPS und so vieles andere.

Aber aber wir Verdrängen auch, dass unsere eigene „Agency“ ebenfalls immer infrastrukturvermittelt ist – also Fulcrumsabhängig, weswegen ich so weit gehe, den Begriff „Handlung“ ab jetzt nur noch in Anführungszeichen zu schreiben, weil es sich bei „Handlungen“ in Wirklichkeit immer um das Nehmen von Pfadgelegenheiten handelt, die einen Hebel an ein Fulcrum setzen.

Was damit aber natürlich auch verdrängt wird, ist, wie tief das Fulcrum unserer sogenannten „Handlungen“ geht. Wenn ich sage, dass ich mal eben von Berlin nach Hamburg fahre, dann referenziere ich damit den Hebel einer Bahnfahrkarte, der das Fulcrum einer Infrastruktur mobilisiert, die von Millionen Menschen erstellt wurde und gewartet wird. Und mache meiner Handlungen, etwa das öffentliche Philosophieren hier, ist ebenfalls pfadabhängig von einem Fulcrum an Rechten, Institutionen und an gesellschaftlicher und politischer Stabilität, was mein Schreiben hier jeden Tag zu einer riskanteren Wette macht. Außerdem brauche ich wie wir alle saubere Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, genug zu Essen, körperliche Gesundheit und Sicherheit und natürlich stabile klimatische Bedingungen (und Geld, falls ihr welches übrig habt).

Viele – ich inklusive – haben lange die Tatsache verdrängt, dass der Kapitalismus dir zwar immer wieder auch neue schicke Hebel in die Hand legt – die dich aber hintenrum zum Fulcrum der Hebel anderer machen. Hebel, die am Ende immer die Oligarchen kontrollieren.

Kontrollverlust

In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, ging es eigentlich um den „digitalen Kontrollverlust“.

Das Wort »Kontrolle« kommt vom französischen contrôle, das sich zusammensetzt aus contre, »gegen«, und rôle, »Rolle« oder »Register«. Ursprünglich bezeichnete es ein »Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters«. Das heißt, bei jeder Kontrolle gibt es einen Ist- und einen Soll-Zustand. Kontrolle ist der stetige Versuch, beides anzugleichen.

 

Kontrolle ist der Eingriff in ein System mittels Erwartungswert und informationellem Feedback. Der digitale Kontrollverlust bezeichnet einen eigentümlich selbstreferenziellen Zustand. Er bedeutet nicht nur, dass die Ereignisse nicht mit dem Erwartungswert zusammentreffen, sondern dass die Erwartungswerte mithilfe von falschen Annahmen über die Welt gebildet wurden. Unsere Formeln für den Soll-Zustand sind hinfällig. Kontrollverlust bedeutet also nichts weniger, als dass wir nicht mehr wissen können, welche Erwartungen wir an die Zukunft haben können.

 

Die Folgen sind entsprechend dramatisch. Weil unsere Erwartungswerte nicht mehr stimmen, sind auch unsere Strategien für die Zukunft wertlos. Aktionen, die in der alten Welt funktioniert haben, verpuffen wirkungslos oder verschlimmern die Lage zusätzlich. Wir können zum Beispiel versuchen, eine missliebige Information aus dem Internet zu löschen. Doch wie wir sehen werden, geht es uns in diesem Fall wie dem mythischen Helden Herakles, wenn er versucht, einen Kopf der Hydra abzuschlagen und ihr sogleich zwei neue wachsen. Vor dem Kontrollverlust wird uns niemand retten; kein Meister kommt wie bei Goethes Zauberlehrling und schickt die Besen in die Ecke. Die Geister, die wir riefen, sind gekommen, um zu bleiben. Kurz: Wir sollten mit dem Kontrollverlust rechnen, ihn in unser Denken und Handeln – ja, in unsere Gesellschaft – integrieren. Vor allem müssen wir unsere Strategien an ihn anpassen. Wenn alle Dämme brechen, hilft nur noch schwimmen lernen.

Ich kann heute präziser formulieren: Kontrolle ist der Abgleich einer materiellen Beobachtung eines Fulcrums mit seinem Erwartungs-Portfolio. Aber der entscheidende Schritt passiert danach: eine Abweichung rechtfertigt einen Hebeleinsatz zum Gegensteuern. „Kontrolle“ fungiert als Erlaubnisstruktur und Steuerungssystem für Korrekturhebel, um Realität an Erwartung anzupassen.

Kontrollverlust ist der Moment, wo diese Hebel versagen, weil sie ins Leere hebeln. Kontrollverlust ist immer ein Fulcrumsbruch von Korrekturhebeln. Etwa, wenn die Bremsen ausfallen.

Das verflixte an Korrekturhebeln ist, dass sie so kleinteilig und vielfältig sind, dass wir ihre Existenz oft verdrängen.

So gibt es Leute, die fordern, die Fehleranfälligkeit von Large Language Models nicht so ernst zu nehmen, schließlich machten ja auch Menschen Fehler. Demnach hätten wir AGI erreicht, wenn die KIs auf Fehlerraten von Menschen kommen. Close enough.

Was diese Überlegung aber verdrängt, ist die Tatsache, dass LLMs andere Arten von Fehlern produzieren, als Menschen. Menschen leben in einer geteilten Welt und haben geteilte Motivationsstrukturen, weswegen ihre Fehler eine bestimmte Stuktur haben. Und für diese Strukturen haben wir Menschen über Jahrtausende eingeübte Heuristiken internalisiert (das Hinterfragen von Motivationen, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Arten des Aufspielens, das Signal der Schludrigkeit, etc) und entsprechende Korrekturhebel eingeübt.

LLMs machen Fehler weil sie lustig sind. Bzw, so gebaut sind, dass sie mit „Noise“ gefüttert werden müssen, damit sie überhaupt mal riskantere semantische Pfade gehen. Ihre Motivation und damit Fehlerplazierung ist also „random“. Mal hier einen Namen ausgedacht, mal hier eine Biliothek halluziniert, mal da ne Quelle erfunden.

Und an Randomfehlern scheitert unsere eingeübte Fehlerheuristik, damit auch die Korrekturhebel.

Das ist das Problem: Um wirklich sicher zu sein, dass ein LLM output stimmt, muss man nicht nur die „offensichtlichen“ Fehlerquellen prüfen die man zu prüfen gewohnt ist, sondern alle, die möglich sind. Aber wer macht das schon? Dann wären die Zeitgewinne durch die LLM quasi futsch. Echte Kontrolle ist teuer.

Und so sammeln wir unbemerkt immer mehr Kontrollverlustsschulden an, je mehr Slop-Dokumente unser gemeinsam beliehenes „Wissen“ durchlöchern. Bis das Fulcrum an irgendeiner Stelle bricht, weil die falsche, halluzinierte Information beliehenen wurde und der Turm darauf aufgebauter Erwartungserwartungen kollabiert.

Semantik

Die wesentliche Erkenntnis, die ich aus meiner tieferen Beschäftigung mit LLMs für das Böckler-Paper gewonnen habe, ist dass LLMs unserer Spracherwartungen als Fulcrum nutzen, um in unserer Aufmerksamkeit plausible Pfade zu hebeln.

Aber das tun auch wir, wenn wir sprechen und schreiben?

In Krasse Links No 74 geht es um Sprache und da führe ich Saussure, den Urvater der modernen Linguistik, so ein.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

 

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Eine andere wichtige Unterscheidung von Saussure ist die zwischen „Parole“ (angewendete Sprache/Sprechakt) und „Langue“ (angenommene Spracherwartungen), weswegen ich mir erlaube, ihn relational materialistisch umzudeuten:

„Parole“ sind die Hebel, die auf dem Fulcrum der „Langue“ operieren.

Luhmanns Beobachtung der „Erwartungserwartungen“ sagt nichts anderes, als dass unsere Erwartungen vernetzt sind und als Erwartungsraum die semantischen Bahnungen vorzeichnen, in den wir denken und sprechen. Diese Bahnungen sind Pfadgelegenheiten in den Erwartungserwartungen und bilden die zur Verfügung stehende semantische Infrastruktur, in der wir leben und uns ausdrücken und kreieren dabei eine spezifische Beobachterperspektive – die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit mit einem spezifischen Wissen ausgezeichnet ist.

Semantik ist die Infrastruktur, mit der wir uns in der Welt orientieren und „kommunizieren“, mit der wir Wahrnehmen, Unterscheiden, Einordnen und Schlüsse ziehen und uns dabei beoachten und wechselseitig auf Pfade folgen.

Kommunikation

„Kommunizieren“ geht so: Ich entwickle eine Erwartung an eure Erwartungen (Erwartungserwartungen) und nutze sie als Fulcrum, um mit semantischen Hebeln diese angenommenen Erwartungen einerseits in vielen Details zu erfüllen – (z.B. in dem ich Worte wähle, die ihr versteht), aber an entscheidenden Stellen versuche, sie auch zu irritieren. Das muss ich tun, um mich auszudrücken, also den Unterschied zu informieren, den mein Unterschied bedeutet. Mein Unterschied ist eine Erfahrung, die meine Erwartungskontinuität durchbrochen hat, so dass sie zur „Information“ wurde und mittgeteilt werden will.

Kommunikation funktioniert also als Hebel ähnlich, wie das Public Key Verfahren (Asymmetrische Verschlüsselung) in der Kryptographie. Das Public Key-Verfahren leveraged das Fulcrum veröffentlichter „Public Keys“, um die Pfadgelegenheit einer wechselseitigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselnten Kommunikation zu ermöglichen.

Stellen wir uns einen Public-Key-Server vor, der Public-Keys für jede Semantik (jede sprachliche und inhaltliche Erwartungserwartung, „die Semantik der Gesellschaft“, wie Luhmann es nennt) vorhält, also jedes Wort, jede Aussage, jede Rhetorik, jede Andeutung, jede Theorie, jede Geschichte, usw.

Wenn Alice Bob etwas sagen will, greift sie sich mit jedem Wort, dass sie formuliert den passenden Public-Key in der Hoffnung, dass Bob den Private Key dafür hat (die erwartete Erwartung). Jeder Sprachakt ist ein Portfolio von auf einander aufbauenden Wetten, die hier die einzelnen Verschlüsselungen repräsentieren.

Der Keyserver ist aber nicht direkt öffentlich, sondern selbst Privat in Alice Kopf – ihre Erwartungen an Bobs Erwartungen sind ihrerseits Erwartungen. Und weil Erwartungen von Realität abweichen, führt sie für Bob einige Public-Keys, für die er keine Private Keys hat oder Private Keys, die die Semantik ganz anders entschlüsseln, als das, was Alice meint. Kommunikation geht oft schief geht und auf gewisse Weise immer, denn die beliehene Infrastruktur führt immer in undurchsichtige Pfade beim Gegenüber. Wenn der Pfad bricht, weil eine semantische Pfadgelegenheit nicht tragfähig war, misslingt Kommunikation.

Alice wird also versuchen, sich in ihrer Kommunikation an „gut abgehangene“, d.h. gesellschaftlich mehr oder minder populäre Pfade zu halten, um die Kommunikation sicherzustellen. Die Verbreitungserwartung, also Hegemonilität des zugrifflichen Fulcrums (installed Base) einer Semantik entspricht ihrem Koordinationsnutzen – hence: Preferencial Attachment und Netzwerkeffekte.

Wenn ich also neue Begriffe einführe – zum Beispiel „Fulcrum“, dann habe ich ein Problem. Die Verbreitung der Menschen, die ein zugriffliches Fulcrum für den Begriff haben, ist gering und es gibt bislang nur wenige, die dem Begriff Kredit geben, was die ansetzbare Hebelwirkung für mich erstmal verringert.

Was ich in diesem Text deswegen versuche ist, mich mit wachsenden Hebeln von Fulcrum zu Fulcrum zu schwingen. Ich führe den Begriff möglichst einfach ein, zweige seine Nützlichkeit in verschiedene Zusammenhängen ab, indem ich sie jeweils im nächsten Schritt leverage, um etwas zu erklären, um damit die nächst komplexere Verwendung des Begriffs „Fulcrums“ zu beleihen, usw. Mit jeder Anwendung, mit jedem Kontext – so meine Hoffnung – wird nicht nur das Verständnis des Begriffs erweitert, sondern der Begriff auf einem abstrakteren Level „geschärft“ und generalisiert und wird damit mit immer mehr Kredit versorgt, so dass er immer „beleihbarer“ wird, so dass ich immer größere Hebel daran ansetzen kann, usw.

Ein Teil des Kredits erhoffe ich mir allerdings nicht nur aus der Wiederholung, sondern aus der Differenz der Kontexte in der Wiederholung. Und die Kontexte sind ebenfalls nicht beliebig, sondern versuchen auf beleihbaren Erfahrungen und Beschreibungen der Welt zu hebeln, die jeder für sich in ihrer Plausibilität prüfen mag.

Doch das ist auch riskant. Wenn die Beispiele nicht überzeugen, wenn das Narrativ versagt, wenn die geleveragten Kontexte also brechen, dann bricht das Fulcrum, zumindest ein bisschen. Deswegen bin ich auf Feedback gespannt. Die Theorie ist neu, da sitzt noch nicht jede Schraube fest, aber mir scheint jetzt schon, dass der Begriff durch die Verteiltheit und Unterschiedlichkeit der der Kontexte, den Eindruck von Belastbarkeit ungewöhnlich schnell akkumuliert, und deswegen scheint mir, dass ich hier mehr als nur einer Metapher der Spur bin, sondern einem sichtbaren und auch fühlbaren Zusammenhang, der sich in den unterschiedlichsten Kontexten reproduziert.

Wenn die Wette aufgeht, hoffe ich auf dem sozialen Layer der Erwartungserwartungen, dass euch, den Leser*innen, der Begriff mit jeder Iteration schlüssiger und intuitiver wird, vielleicht nützlich erscheint und von manchen von euch sogar adaptiert wird. Ich schaffe hier also Anlässe, um euch zu motivieren, in den Begriff zu investieren (Aufmerksamkeit, Integration ins eigene semantische Pfadgelegeneits-Portfolio), dem Begriff Kredit zu geben und mal schauen, welche Pfadgelegenheiten er euch ermöglicht.

So entstehen immer mehr Anlässe für andere, selbst in diesen Begriff zu investieren und die jeweiligen Kredite, der jeweiligen Pfadgelegenheiten beleihen sich beim Wachstum immer stärker gegenseitig (Netzwerkeffekte) und was ich hier die ganze Zeit eigentlich mache, ist euch die semantische Investitions-Pfadgelegenheit „Fulcrum“ schmackhaft zu machen, denn natürlich hab ich auch was davon, wenn der Begriff „Fulcrum“ ein größeres Fulcrum bekommt, denn je größer das Fulcrum, desto größer wirken rückblickend diese semantischen Hebel hier.

Iteration

Auch Derrida hat darauf hingewiesen, dass wir uns immer bei den semantischen Infrastrukturen verschulden, wenn wir sie benutzen. Wenn ich hier zum Beispiel den Namen „Derrida“ iteriere, erreicht das Menschen mit bestimmten Erwartungen. Manche winken vielleicht ab, manche haben den Namen noch nicht gehört, andere werden aufmerksam. Aber egal, wie die Reaktionen sind, sie basieren auf Erwartungen (oder der Abwesenheit von Erwartungen) die sich entlang von „Erfahrungen“ strukturiert haben. Manche kennen den Namen aus der Zeitung, aus Büchern, aus Debatten, Erwähnungen, manchmal sogar über die Werke selbst.

Und hier ist der Clou: Zwar kenne ich diese anderen Zusammenhänge, aus denen ihr „Derrida“ kennt, nicht, aber ich „leverage“ die Einschätzung, dass bei „vielen“ eine „gewisse“ Derrida-Erwartung da ist, als zugriffliches Fulcrum (damit implizit der materielle Korpus seiner Texte, Sekundärliteratur und seine Wikipedia-Page), um euch etwas neues (oder vielleicht nicht) über Derrida sagen zu sagen. Dafür „verschulde“ ich mich bei der semantischen Pfadgelegenheit „Derrida“, weswegen ich peinlich darauf bedacht bin, ihr hier auch „gerecht“ zu werden, eine „gültige“, mindestens eine „akzeptable“ Iteration anzubieten.

In KL74 schrieb ich weiter:

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

 

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Es gibt in der Sprache – wie in der Ökonomie – zwei Pfade:

Der horizontale Pfad des Sagens/Hörens/Lesens/Schreibens reiht die Tokens/Worte nach Übergangswahrscheinlichkeiten organisiert als „plausible Reihenfolge“ an und der vertikale Pfad versorgt jeden einzelnen Token/jedes einzelne Worte mit „Bedeutung“ und zwar durch Anreicherung leveragebarer Spracherwartung aus den Iterationen erinnerter Sprachakte.

Und weil Semantiken pfadabhängig sind und der „Sinn“ und damit der „Wert“ von „Derrida“ ganz viel andere semantische und teils auch ökonomische Infrastrukturen basieren, ist jede Iteration von „Derrida“ auch immer eine Wette auf die Gesamtinfrastruktur und setzt sie einem gewisse Risiko aus.

Ich bilde mir nicht ein, diese Infrastruktur beschädigen zu können, noch das ich das überhaupt wollte, um Gottes Willen. Was ich stattdessen machen möchte, ist auf dieser Infrastruktur einen weiteren Pfad aufzubauen (und auf Donna Haraway und so vielen anderen).

Und ich hoffe, dass ich Derrida nicht überleverage, wenn ich KL74 folgere, dass die Funktionsweise der „Semantik“ der LLMs genau auf Derridas Konzept der „Iteration“ abstellt:

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

 

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

 

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Der Kognitivismus und das Individuum sind keine belastbare Infrastruktur mehr. Ich empfehle, zu de-investieren.

Fulcrum-Hegemonie

Wenn ein zugriffliches Fulcrum weit verbreitet ist, dann haben es die mit den passenden Hebeln gut. Egal, wo sie gehen und stehen, ihnen stehen Pfadgelegenheiten offen. Die europäische Steckdosennorm, der ISO-Schiffcontainer, das DinA4-Format, die Anhängerkupplung, USB und heteronormative Beziehungen sind solche hegemonialen Standards, die vielen von uns das Leben erleichtern.

Gemein, dass ich heteronormative Beziehung mit hinein genommen, was? Aber es hilft, zu verstehen, dass jeder Standard den du als „gegeben“, „universell“ oder gar „natürlich“ akzeptiert, immer auch Menschen ausschließt.

Jede Sprache schließt Menschen aus, jede Geste schließt Menschen aus, jede Plattformen schließt Menschen aus und dieser Ausschluss ist oft unabichtlich, aber oft ist er auch geleveraged.

Dennoch ist Hegemonie für viele Menschen nützlich, weil sie Orientierungspunkte schafft, die Erwartungskoordination vereinfacht und deswegen mehr Pfadgelegenheiten für alle Netzwerkteilnehmer*innen schafft.

Hegemoniale Fulcren, werden erwartet.

Aber am nützlichsten ist die Hegemonie immer für diejenigen, die die Infrastruktur kontrollieren. Sie können durch „Tweeks“ in der Infrastruktur Verhalten steuern. Nicht auf der „individuellen Ebene“ also nicht als Zombie-Agenten (Gehirnwellen gibt es nicht), sondern durch dividuelle Flow-Optimierung, algorithmische Incentives, Dark Patterns und generell dem Tüfteln an Übergangswahrscheinlichkeiten. Jedenfalls ist das, wie Plattformen operieren.

Im Raum der Semantik entfalten hegemoniale Begriffe, Konzepte, Theorien oder Subjektentwürfe ihre Macht noch bis weit über den Nutzen, den die Verfasser*innen daraus zogen, hinaus. Die Ideen der Großbürgerlichen und Sklavenhändler der „Aufklärung“ strukturieren bis heute unsere Weltsicht, Diskurse und Argumente. Hegemoniale Narrative wie das Individuum, der Markt, die Aufklärung, der Liberalismus, etc. wurden in den letzten 300 Jahren heftig beliehen, um eine Matrix zu bauen, in der wir ständig erzählt bekamen, der Held der eigenen Geschichte zu sein, während die Hebel immer größer wurden, die sie an unserem Nacken anlegten.

Logik und Argumente

Syllogismus, relational materialistisch umformuliert, hört sich so an:

Ich beleihe die beiden Aussagen „Alle menschen sind sterblich“ und „Sokrates ist ein Mensch“ und nutze sie zusammen mit dem erwarteten Wissen um Logik als „Fulcrum“, an dem ich meinen eigenen Sprechakt als Hebel anlege, um die Aussage „Sokrates ist sterblich“ zu finanzieren.

Jetzt könnte man sagen: Jaha, aber die Aussage ist ja trotzdem „wahr“?

Dazu sage ich: Klar, es gibt Aussagen, die robuster finanziert sind, als andere Aussagen und „Logik“ ist die Sammlung von in der Realität oft als richtig festgestellten Schlüssen.

Und dennoch: es gibt Angreifbarkeiten? Zweifle ich eine der beiden beliehenen Prämissen an, fällt das Konstrukt.

Es gibt Menschen, die anzweifen würden, dass alle Menschen sterblich sind und es gibt Menschen, die Sokrates für eine Fiktion halten. Der Schluss ist nur so viel wert, wie das Fulcrum beleihbar ist, aus dessen Kredit wir ihn schöpfen.

Und so ist das mit all unseren Aussagen/Argumenten?

Wenn ich etwas gegenüber jemanden argumentieren will, suche ist erstmal ein gemeinsames Fulcrum, auf dem ich hebeln kann, also Aussagen und Annahmen über die Welt, die ich und mein Gegenüber für „kreditwürdig“ halten und dann versuche ich in diesen gemeinsam beglaubigten Bausteinen einen Pfad zu inszenieren, um meinen Punkt zu machen.

Wir bewegen uns nie außerhalb unserer Erwartungen, weswegen unsere Erwartungen der „Blinde Fleck“ unserer Perspektive ist.

Aber wenn man Weltwahrnehmung auf der Ebene der Erwartungen rendert, werden alle Aussagen zu „Wetten“. Wetten darauf, dass die eingesetzten Semantiken genug durch Realität „gebackt“ sind, aber eigentlich und vor allem, dass sie von den Rezipent*innen „akzeptiert“ werden.

Wirklichkeit

Wirklichkeit ist – einerseits das Portfolio an „belastbaren“ Erzählungen über die Welt, in die ein Dividuum investiert ist.

Jede Beobachtung, die wir machen, leveragen wir anhand und entlang unseres Wirklichkeits-Portfolios. Aufmerksamkeit erhascht vor allem die Abweichung der erwarteten Pfade, denn eine Information ist erst dann eine Information, wenn sie einen Unterschied macht (Gregory Bateson).

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die andere (tot oder lebendig) beobachten, wie sie die Welt zu beobachten, besteht unser gesamtes Wirklichkeits-Portfolio aus gesellschaftlich mehr oder minder ausgetreten Pfaden, also oft und vielfältig beliehene Fulcren.

Wirklichkeit – gesellschaftlich verstanden – ist also auch das Aggregat gemeinsam beschrittener semantischer Pfade, also die Struktur sich überschneidender Portfolios, an denen verteilte Dividuen ihre Beobachtungen und Kommunikationen leveragen.

Wirklichkeit ist die wechselseitig beglaubigte Realitätsbeschreibung, in der wir leben. Sie ist zweifach „gebackt“, einerseits durch die eigene Erfahrung und andererseits durch die erwartete Erwartungskontinuität der anderen.

Die meisten und vor allem Grundlegensten Erzählungen, in die wir investiert sind, sind die, die uns nicht bewusst sind, dass wir sie haben. Würde man uns darauf ansprechen, wären wir überrascht, dass diese Erzählung überhaupt zur Debatte steht, weil wir sie eher unter „Kausalität“ gespeichert hatten, statt als Erzählung/Übergangswahrscheinlichkeit.

Das hat den einfachen Grund, dass viele unserer grundlegenden Erzählungen so alt und allgegenwärtig sind, dass wir aufgehört haben, sie als Erzählungen zu erkennen.

Wir alle werden in einem konkreten Ort in der Matrix geboren. Die Erzählungen mit denen wir aufwachsen, mit denen unsere Eltern aufgewachsen sind, mit denen alle um uns herum aufgewachsen sind, bilden die „Wirklichkeit“, wie sie uns gegeben ist.

Erst mit der Zeit fängt man an (wenn überhaupt) einige der Erzählungen in Frage zu stellen. Sei es, dass man auf bereits ausgelegte kritische Pfade gelangt, die einem die Erzählung unplausibel macht, sei es, dass wir sie nicht mehr mit der eigenen Erfahrung Backen können und uns auf die Suche nach alternativen Pfaden machen.

Wenn du aus der Matrix ausbrechen willst (aus einem bestimmten Strang in der Matrix, ganz verlassen können wir sie nie) brauchst du immer beides: Die Erfahrung des Zusammenbruch des Pfads auf dem du bist und die Möglichkeit einer gesellschaftlich viablen Pfadalternative.

Öffentlichkeit

In Krasse Links No 23 führe ich für die vernetzte Öffentlichkeit das Bild eines Trommelkonzerts ein.

Stellen wir uns 1000 Trommelnde vor, jeder trommelt seinen eigenen Beat: Ein großes Krachkonzert. Jeder hört den Beat seiner jeweiligen Nachbar*innen und wird unwillkürlich versuchen, sich zu synchronisieren. Es bilden sich kleinere und größere Beat-Cluster, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Und nach noch etwas mehr Zeit wird sich ein hegemonialer Beat herauskristallisieren, also das, was Bruce Sterling das „Major Consensus Narrative“ nennt. Nebenher gibt es viele ähnliche, aber abweichende Rhythmen und einige echt schräge Töne; doch der Hauptbeat übertönt alles.

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die 1000 Trommeln unterschiedlich groß sind. Nur die wenigsten verfügen über die Möglichkeit eines Paukenschlags. Die meisten trommeln auf ihren Bongos den Rhythmus der Pauken nach oder versuchen, durch einen besonders originellen oder geschmeidigen Beat viral zu gehen. Doch unter dem Strich wird der „Major Consensus Beat“ in 8 von 10 Fällen durch diejenigen mit den großen Trommeln vorgegeben.

Jeder Trommler/jedes Medium trommelt mit seinen newsnarrativen Hebeln auf dem zugrifflichen Fulcrum seiner Reichweite und versucht durch Erwartungserfüllung und Durchbrechung die Aufmerksamkeitsströme zu erhaschen und mit seinen Narrativen zu koppeln. Man kann keinen beliebigen Beat anstimmen, sondern muss sich an dem umliegenden Beat / den umliegenden erwarteten Narrativen orientieren und trotzdem hinreichend unterschiedliche Variationen trommeln, um die Aufmerksamkeitströme zu halten.

Medien sind Resonanzverstärker in einer dynamischen Übergangsmatrix aus narrativen Pfad-Aktualisierungen. Einerseits berichten sie über Ereignisse und gleisen damit Narrative auf, anderseits agieren sie niemals unabhängig voneinander. Niemand konsumiert so viele andere Nachrichten, wie Journalist*innen und alle Medien schauen einander die Schlagzeilen ab. Denn wichtig ist, was andere wichtig finden.

Neben den Reichweitefulcren, die als Degree Zentralitäten herausragen, gibt es noch die sogenannten „Leitmedien“, die nicht unbedingt eine große Reichweite haben, aber eine hohe Eigenvektor-Zentralität innerhalb des Journalistischen Aufmerksamkeitsnetzwerks genießen, sei es, weil sie oft Exklusivmeldungen haben, dass sie Meldungen besonders verlässlich sind, oder sei es, weil da einfach die Aufmerksamkeit immer schon war. In Deutschland ist das zum Beispiel die FAZ, die Bild, die Sueddeutsche und DPA.

Die reichweitestarken Medien regeln untereinander welche existierenden Beats wie laut gespielt werden, aber es sind oft die Leitmedien, die einen neuen Beat aufgleisen.

Die so aufgegleisten narrativen Pfade strukturieren unsere Weltwahrnehmung.

Narrative versprechen, die Entropie der Zukunft zu entstören, indem sie die Gegenwart entlang von populären Pfaden weitererzählen. Narrative sind wie Beats, sie ordnen die Zeit und sind dabei sozial ansteckend. Man lernt den Rhythmus, übt ihn ein und führt ihn fort.

Beide, das Narrativ und der Beat strukturieren die Zeiterwartung des Dividuums und im relationalen Materialismus geht es deswegen häufig darum, den Beat hinter den Tanzmoves zu erkennen.

Wissen

Wenn man in den ganz alten Texten, wie der Bibel oder frühe Niederschriften von Sagen und Mythen liest, findet man da alle möglichen widersinnige Details, wie wer mit wem verwandt ist oder wieviel Ziegen für ein Schaf getauscht wurden, und wie man ein Kalb schlachtet und so.

Und die einfachste Erklärung dafür ist, dass diese Texte nicht nur Religiösen Nutzen hatten, sondern ein Fulcrum für die Verbreitung gesellschaftlich nützlichen Alltagswissens waren.

Jedes Wissen braucht ein Fulcrum. Also wiederum ein anderes „Wissen“ + ein materielles Medium (Wetware/Hardware), das du beleihst, um informationelle Infrastruktur anzuschließen.

Im Neuen Spiel definierte ich über Wissen so:

Wir verwenden die Begriffe Daten, Informationen und Wissen im Kontext von Informationsökonomie und -gesellschaft in diesem Buch wie folgt.

Information ist der wesentlichste Begriff in dieser Gruppe. Der Philosoph Gregory Bateson definiert sie genial einfach: »Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.« Das klingt erst einmal kryptisch, ist aber sehr schlüssig, gerade wenn die Definition mit den Begriffen »Daten« und »Wissen« verbunden wird.

Daten begreifen wir als den ersten Unterschied in dieser Definition. Daten sind Unterschiede. Sie sind alles, was sich mittels der Unterscheidung zwischen Null und Eins ausdrücken lässt. Das bedeutet, Informationen bestehen aus Daten, und wir können festhalten: Informationen sind Daten, die einen Unterschied machen. Doch wie und wo machen diese Daten einen Unterschied, wo finden wir Unterschied Nummer zwei?

 

Systemtheoretiker sagen an dieser Stelle: im System – im psychischen oder sozialen System. Wir wollen den Systembegriff aber lieber ausklammern und sagen gleich »im Wissen«. Wissen ist für uns ein Netz aus Informationen. Wissen besteht aus Informationen, die mit anderen Informationen verknüpft sind. Mein Büro ist am Weichselplatz, der Weichselplatz ist in Neukölln und hat eine Wiese, auf einer Wiese wächst Gras, und so weiter.

Daten sind also Information, wenn sie im Wissen einen Unterschied machen. Und das sieht so aus: Eine Information knüpft sich an das Wissen an, sie wird Teil des Netzwerkes. Sie kann jedoch nur anknüpfen, wenn sie anschlussfähig ist. Wenn ich höre, dass Robin Williams gestorben ist, ihn aber nicht kenne, dann ist das zwar ein Datum (Singular von Daten), aber keine Information. Erst wenn ich weiß, dass Robin Williams ein berühmter Schauspieler war und ich vielleicht schon Filme mit ihm gesehen habe, dann wird das Datum seines Todes überhaupt zur Information.

 

Eine Information ist also immer nur eine Information im Zusammen-hang mit einem bestimmten Wissen. Das Wissen von Menschen ist unterschiedlich. Was für den einen eine Information ist, ist für den anderen bloßes Datum. Daneben gibt es noch das gesammelte Weltwissen, das Wissen der Medizin, das Wissen der Rechtswissenschaft oder das Wissen der Wunderheilung. Wir verwenden den Begriff Wissen nicht im aufklärerischen Sinn – als gerechtfertigte, wahre Meinung –, sondern bezogen auf ein konkretes Netz aus Informationen – egal, ob diese der Wahrheit entsprechen. Wir implizieren, wenn wir von Informationen sprechen, dass es ein Wissen gibt, an das diese Information anschlussfähig ist, und zwar auch dann, wenn wir dieses Wissen nicht konkret benennen. Die Trias Daten, Information und Wissen lässt sich so zusammenfassen: Informationen sind Daten, die an ein Wissen anschlussfähig sind.

Heute kann ich genauer Sagen: das bereits vorhandene Wissen ist das Fulcrum, mit dem durch den Hebel der Beobachtung (Datenaufnahme) neues Wissen geleveraged wird (zu Information verarbeitet wird/an das Wissen angeschlossen wird). An jedem Wissen kann man nur bestimmte Information anknüpfen (zugriffliches Fulcrum), nicht jedes Wissen lässt sich für jeden Unterschied beleihen. Wenn meinem Wissens-Portfolio für ein bestimmtes Datum das passende zugriffliche Fulcrum fehlt, kann ich das Datum nicht als Hebel daran ansetzen.

Informationelle Entropie (Shannon Entropie) ist – aus Userperspektive – der Zustand, wo entweder keine Unterscheidungen mehr getroffen werden können, weil alles gleich ist – der Unterscheidungs-Hebel findet keinen Zugriff, oder aber so viele Unterschiede vorliegen, dass sie keinen Unterschied mehr machen – der ansetzbare Unterscheidungshebel findet keinen Halt. Negative Entropie = aus einer Perspektive „leveragebare“ Unterschiede.

Was Shannon nicht bedachte: Information benötigt immer eine Perspektive, denn eine Information ist nur eine Information, wenn sie ein Unterschied für ein „Wissen“ macht.

Das KontaktzonenFulcrum des Wissens

Dass jedes Wissen ein materielles Fulcrum braucht, hat auch Jan Assmann in seinem Buch: Das kulturelle Gedächtnis gezeigt: Vorschriftliche Kulturen verankerten ihre Mythen, Götter und Erzählungen an materiellen „Landmarks“, wie Berge, Täler, Flüsse, Seen und Meere. Die Juden waren vielleicht nicht die ersten, die schrieben, aber sie waren die ersten, die Schrift leveragten, um ihre Kultur im „Exodus“ zu reproduzieren.

In Tom Standages „Writing on the Wall: Social Media—The First 2,000 Years“ erfahren wir, dass das frühe Christentum das römische Postsystem leveragte, um eine dezentrale und weit verstreute „Gemeinden“-Struktur synchron zu halten.

Dort erfahren wir auch von den Effekten der Buchpresse und dass die frühe Viralität von Luthers gedruckten Pamphleten, das Aufmerksamkeit-Fulcrum war, das der Protestantismus leveragte, um sich zu verbreiten.

Aber all diese Beispiele leveragten noch etwas anderes: Die Erwartungskontinuität der etablierten Strukturen, die gegenüber den neuen Formen sozialer Organisation keine passende Antwortstrategien vorliegen hatten.

Dasselbe passiert gerade mit dem Internet. Die Stärke der Veränderung unserer Welt resultiert nicht von vornherein durch die „Macht des Internets“, sondern vielmehr aus unserer Unvorbereitetheit auf das Verhalten neuer Wissensformationsnetzwerke, die über ungekannte Umwege neue semantische Hegemonien herstellen. Wir sind noch zu blind gegenüber den Mechanismen, denen wir ausgesetzt sind – auch, weil uns noch die Sprache dafür fehlt, also die Unterscheidungen und Konzepte, die es erlauben, sich im Netzwerk zurechtzufinden.

Der „relationale Materialismus“ ist auch der Versuch, in dieser neuen Welt die „situational Arwareness“ wiederzuerlangen.

Fazit

Eine Handlung ist kein „Akt eines Subjekts“, sondern die temporäre Aktivierung eines Hebels innerhalb eines mehrschichtigen, erwartungsgetragenen Fulcrum-Portfolios, dessen Voraussetzungsreichtum und Verschleiß systematisch unsichtbar gemacht wird.

Das Fulcrum ist dabei nicht eine Sache, sondern eine Rolle in einer Beziehung und diese Rolle verändert sich ständig, vor allem während der Hebelaktion und so nimmt das Fulcrum unterschiedliche „Gestalen“ an, je nachdem aus welchem Winkel man darauf schaut.

Das Fulcrum verändert im Laufe der Hebelaktion mehrfach seine Bedeutung. Es gibt eine gewisse Abfolge, aber keine strenge, die Bedeutungsdimensionen können in einer Hebelaktion oft gleichzeitig wichtig sein, sich abwechseln, etc.

  • Eruierung einer Pfadgelegenheit. Wenn eine Pfadgelegenheit ins Bewusstsein tritt, hat das Fulcrum die Funktion zu beantworten, ob der Pfad „viabel“ ist, also „gangbar“ ist? Dafür muss man den Pfad inszeninieren/entertainen, also sich selbst imaginieren, ihn zu gehen (um zu ihm „nein“ sagen zu können). Hält die Infrastruktur das aus? Ist die Infrastruktur sicher? Nennen wir es inszeniertes Fulcrum (0).
  • Wenn geprüft wurde, ob eine Pfadgelegenheit/Hebel „viabel“ ist, plant man die praktische Umsetzung der Hebelbenutzung und das bedeutet, dass das Fulcrum zum „Zugriff eines Hebels“ wird. Das zugriffliche Fulcrum (1).
  • Das zugriffliche Fulcrum ist manchmal wählerisch, was den Hebel angeht, deswegen ist die Verbreitung des zugrifflichen Fulcrums nicht egal für den Wert des Hebels. Wenn ein Hebel in viele Fulcren passt, dann hat man überall Pfadgelegenheiten, wenn der Hebel nur bei Obi im anderen Stadtteil gilt, dann ist der Hebel nur wenig wert. Das hegemoniale Fulcrum (2) oder Fulcrumsverbreitung reguliert den Orientierungswert des Fulcrums.
  • Spätestens, wenn der Zugriff gefunden ist, „gilt“ die Wette, was den Fulcrumsbegriff ein weiteres Mal verschiebt, zur Wette auf die Gesamtinfrastruktur. Dabei wird nicht nur das Fulcrum, sondern alle Infrastrukturen, die das Fulcrum stabulisieren, sowie alle an der Hebel-Aktion notwendige eine Rolle inhabende Infrastruktur für die Zeit der Hebelaktion „beliehen“. Ich habe keine Sorge ein großes Risiko einzugehen, wenn ich die U-Bahn nehme, obwohl ich weiß, dass was passieren kann. Eine Hängebrücke über eine Schlucht wäre aber dennoch eine andere Sache? Das beliehene Fulcrum (3).
  • Ist der Hebel am Fulcrum angesetzt, dann verwandelt sich der Sinn ein weiteres Mal, denn dann verbinden sich Hebel, Fulcrum und Kraft zu einem temporären, materiell-infrastrukturellen Gesamtfulcrum, also der materiellen Entsprechung der zuvor abgeschlossenen Wette. Hier ist es tatsächliches Maß für Robustheit und Steifheit. Hier kommt es auch auf die interne Beschaffenheit des Fulcrums an und das heißt, dass das Fulcrum in dieser Version ebenso „fraktal“ ist, wie die Wetten, die auf seine Struktur abgeschlossen sind. Jedes Fulcrum ist heterogen, hat stabilere und weniger stabile Teile, die unterschiedlich gut, Stabilität organisieren. Hier geht es also um „Grind“, um Abnutzung, Biegen und Brechen. Und dieser Ort ist kein „Punkt“, sondern eine Kontaktzone oder -Fläche. Das Kontaktzonenfulcrum (4).
  • Jedes Kontaktzonenfulcrum hat ein oder mehrere „stabilisierende Fulcren“ in sich, die die Gesamtstabilität auf einer höheren Ebene organisieren. Das Fundament bei Häusern, Gerüststrukturen bei Bühnen, Wurzeln bei Bäumen, das Rückgrat und Muskulatur des Menschen, die „härte“ hinterlegter Assets. Wenn stablisierende Fulcren unter Stress geraten, steht immer die Gesamtstablität des Fulcrums auf dem Spiel. Der Bruch des stablisierenden Fulcrums (5) ist der Ort, wo der „Crash“ beginnt.
  • Direkt nach der Hebelaktion wechselt das Fulcrum wieder seine Bedeutung, bzw. verschwindet sie den Erwartungen vieler Hebelnutzenden, denn der Verschleiß Kontaktzonenfulkrums 4 wird oft nicht beachtet, nicht eingepreist, als Externalität verschoben oder idealisiert. Das verdrängte Fulcrum (6) ist das Vergessene/Aufgeschobene/Externalitierte einer Hebelbenutzung.
  • Ist eine Pfadgelegenheit erprobt und steht weiterhin zur Verfügung, wird sie ins Pfadgelegenheits-Portfolio aufgenommen. Dort landen Pfadgelegenheiten, wenn sie beliehen werden, um weitere Pfadgelegenheiten darauf anzusiedeln. Aber dein Portfolio ist immer sozial. Wann immer du eine Pfadgelegenheit das erste mal nimmst, beleihst du die Erfahrung anderer, die die Pfadgelegenheit vor dir genommen haben, sie dir gezeigt haben, und dir pausibel gemacht haben, dass sie „viabel“ ist. Gleichzeitig ist dein Portfolio selbst ein „Sprechakt“ und wird von anderen vielleicht beliehen werden, um dieselbe oder ähnliche Pfadgelegenheiten zu gehen. Und viele der Wetten in meinem Portfolio kommen mir und meinem Umfeld nicht wie Wetten vor, bis sie es doch tun. Das Verbuchte Fulcrum (7) ist der soziale Layer unserer Beleihungsstrukturen.
  • Wenn eine Pfadgelegenheit schief geht, geschieht der Crash – die Unverfügbarkeit der Infrastruktur und die Abwertung der daran geknüpften Erwartungsportfolios. Das Fulcrum ist gebrochen und das ist in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich dramatisch, doch was sich verallgemeinern lässt: Das ist immer unangenehm, manchmal lebensbedrohlich. Aber es gilt auch: wenn ein Fulcrum bricht, gibt es immer etwas zu lernen. In dem Bruch werden Infrastrukturen und verdrängte Erwartungen sichtbar, die es zu studieren gilt. Das verdrängte Fulcrum liegt offen. Insbesondere muss die Analyse nach dem Bruch stablisierender Fulcren Ausschau halten. Welche essentielle Infrastruktur hat hier nicht gehalten? Ob wir durch einen Crash schlauer werden, hängt davon ab, welche Geschichten wir uns nachher darüber erzählen. Der Fulcrums-Crash (8) ist also der pfadabhängige Riss durch das Fulcrum und die Geschichten, die wir darüber erzählen.
  • Ein unbrauchbar gewordenes Fulcrum (Fulcrum-Ruine) nennen wir ein abgeschiebenes Fulcrum (9).

Zusammengefasst:

  • inszeniertes Fulcrum[F0] = viabel / Die Pfadgelegenheit
  • zugriffliches Fulcrum[F1] = Ansatzort / Zugriffs-Topologie /
  • hegemoniales Fulcrum[F2] = die Verbreitung der Zugriffs-Topologie
  • beliehenes Fulcrum[F3] = Wette auf die Gesamtinfrastruktur
  • Kontaktzonenfulcrum[F4] = Kontaktzone / Steifheit / Robustheit / Verschleiß
  • stabilisierendes Fulcrum[F5] = Stabilitätskern / Die Fulcren, die dem Kontaktzonenfulcrum Stabilitität verleihen
  • verdrängtes Fulcrum[F6] = externalisiert / verdrängt
  • verbuchtes Fulcrum[F7] = sozial habituelles Pfadgelegenheit-Portfolio
  • Fulcrums-Crash[F8] = Der Riss im Fulcrum und seine Geschichte.
  • abgeschriebenes Fulcrum[F9] = Ruine

Und hier das Gewöhnungsbedürftige: Wenn ich die Hebel:Fulcrums-Mechanik verwende, meine ich potentiell all diese Fulcrums-Schritte/Interpretationen gleichzeitig, denn sie sind miteinander verflochten: Handlung, materielle Infrastruktur und die Erwartungen daran sind untrennbar – sie bilden ein Fulcrum und ich kann im Detail immer fragen, wo ist der Zugriff und wie ist er gestaltet, was ist die Kontaktzone, wird sie halten, wo ist der Verschleiß, wo wird Stabilität organisiert, wer hat es finanziert, von wem wird es beliehen und wer hat es verdrängt, usw.

„Fulcrum“ ist ein „dicker“ Begriff. Die interne Komplexität der Struktur wirkt wie ein semantischer Schwamm, der aus konkreten Beobachtungen mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig aufzusaugen kann.

Die Hebel:Fulcrums-Mechanik erlaubt es nicht nur, neue semantische Wege zu gehen, die quer zu den erwarteten Pfaden liegen, sondern damit auch dieselbe Realität zu beschreiben, nur besser, präziser, konsistenter. detaillierter. Sie erlaubt durch „dicke“ Begriffe eine enorme Komplexitätsreduktion mit nur wenig „Information Loss“ zu bewerkstelligen.

Das Resultat ist eine neue Ordnung von materieller Realität/materiellen Infrastrukturen und semantischem Raum in einem Multidimensionalen Netzwerk, sowie neue Erzählungen für Öffentlichkeit, Finanzmarkt, Wirtschaft, Wissenschaft, Sprache, KI, Plattformen, Politische Ökonomie und so weiter.

Das Problem: Die Hebel:Fulcrums-Mechanik macht uns alle zu Schuldnern unserer Infrastrukturen und weist auf unsere Abhängigkeiten hin. Der relationale Materialismus wird kein Verkaufsschlager.

Zum Weiterlesen

Von der Macht-Interdependenz Theorie zur Wert-Formel

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Macht-Interdependenz Theorie und der Wert-Formel. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies

Einführung

Kernstück der Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist die Macht-Interdependenz Theorie von Richard M. Emerson. Ich habe sie bereits an vielen Stellen erklärt, aber an dieser Stelle möchte ich den genauen Weg beschreiben, wie man von Emerson zu der Wert/Machtformel kommt.

Emersons Theorie ist deswegen von Vorzug, weil sie Macht nicht als etwas behandelt, das nur die anderen haben. Macht ist bei ihm aber auch nicht das schemenhafte Geraune, das sie in postmodernen Theorien annimmt. Macht ist bei Emerson einfach eine soziale Tatsache, in die wir alle jeden Tag und zu jederzeit, tausendfach eingebunden sind. Und gleichzeitig lassen sich alle beobachteten Machtphänomene mit Emerson beschreiben.

Die Macht-Interdependenz-Theorie

Im Plattformbuch habe ich Emersons Macht-Interdependenz-These so zusammengefasst.

Abhängigkeit definiert Emerson wie folgt: D(a|b) (D für “dependence”) sei die Abhängigkeit eines Akteurs A von einem Akteur B. Sie ist (1.) proportional zu As Motivation, jene Ziele zu erreichen, die B zugänglich macht, und (2.) umgekehrt proportional zur Erreichbarkeit dieser Ziele jenseits der A-B-Beziehung. Macht definiert Emerson folgendermaßen: P(a|b) (P für “power”) sei die Macht eines Akteurs A über einen Akteur B. Sie bemisst sich an dem Widerstand von B, den A fähig sei zu überwinden.

Zunächst gilt: P(a|b)=D(b|a) Die Macht von A über B entspricht der Abhängigkeit Bs von A. Da Beziehung jedoch wechselseitig abhängig ist, gilt:

P(a|b)=D(b|a) & P(b|a)=D(a|b).

Alle interdependenten Beziehungen lassen sich so darstellen. P(a|b)=D(b|a) & P(b|a)=D(a|b) bedeutet nicht, dass die Beziehung ausgeglichen ist. Eine ausgeglichene Beziehung entspräche: P(a|b)=D(b|a) == P(a|b)=D(b|a). (Die Macht und die Abhängigkeit von A über B entspricht der von B über A.)

Hier haben wir eine einfache Machtinterdependenz.

Wir denken Macht radikal relational. Macht ist immer bezogen und immer wechselseitig. Außerdem ist Macht latent. Sie tut erstmal nichts, sondern ist ein Potential. Außerdem heißt Interdependenz nicht, dass es keine Machtungleichgewichte geben kann.

Es lassen sich aber auch leicht ungleiche Beziehungen darstellen. Eventuell hat B einen guten Job und A lebt in Bs Haushalt und hält ihn am Laufen. Klar braucht B auch A, doch nicht so stark wie A B braucht. Eine solche Beziehung sähe dann so aus: P(b|a)=D(a|b) > P(a|b) = D(b|a). Emerson sieht Macht also nicht als Einbahnstraße, erkennt aber die Existenz von Ungleichgewichten an und kann sie aus den wechselseitigen Abhängigkeiten direkt ableiten.

Man kann sich das an einem Kinderspiel veranschaulichen.

Stellen wir uns eine ausgeglichene Beziehung vor: P(a|b) = D(b|a) == P(a|b) = D(b|a). A und B sind hier zwei Kinder aus der Nachbarschaft. Die beiden Kinder spielen gerne zusammen, denn allein spielen langweilt. Sie sind also von der wechselseitigen Kooperation abhängig. Würde A sich weigern, mit B zu spielen, könnte B sein Ziel (gemeinsames Spielen) nicht erreichen. Aber A könnte es ebenso wenig.

Nun zieht eine neue Familie in die Nachbarschaft, und A lernt C kennen, das gleichaltrige Kind der Familie. Die beiden freunden sich an. Das verändert auch die Beziehung zwischen A und B, da A jetzt eine alternative Spielpartnerin hat. Nun gilt P(a|b) = D(b|a) > P(b|a) = D(a|b). A hat nun mehr Macht über B, da er weniger abhängig von B ist als B umgekehrt von A.

B müsste nun einen Balanceakt vollziehen, um dieses Machtungleichgewicht wieder auszutarieren. Dafür hat sie vier Optionen.

  • Balanceakt 1: Sie kann ihre eigene Motivation, mit A zu spielen, zügeln. („A ist eh doof.“)
  • Balanceakt 2: Sie kann sich eine alternative Ressource erschließen, also zum Beispiel eine andere Spielkameradin finden. (Eine Spielkameradin D zum Beispiel.)
  • Balanceakt 3: Sie kann sich selbst als Spielkameradin für A wieder attraktiver machen (indem sie zum Beispiel in ein neues Legoset investiert), damit A wieder lieber zu B zum Spielen kommt.
  • Balanceakt 4: Sie kann As Zugang zu alternativen Ressourcen (in diesem Fall also zu C) versperren. Sie kann zum Beispiel Cs Familie überreden, wieder wegzuziehen (schwierig), oder sich mit C verbünden (leichter).

An dieser Stelle geht Emerson leider nicht in die Analyse. Er erklärt nicht, wieso und wie A mächtiger wurde, aber wir wissen, dass das Auftauchen von C offensichtlich ausschlaggebend ist.

Die Plattformmacht-Formel

Für meine Formel der Plattformmacht folgerte ich:

Stellen wir uns jetzt mit Emerson wieder A und B vor, die eine wechselseitig abhängige Beziehung mit komplementären Interessen führen. Durch die Graphnahme dieser Beziehung schafft es die Plattform C, dass A und B ihre Beziehung über ihre Infrastruktur fortführen. Für A und B ist das eventuell erstmal von Vorteil, denn C bietet verbesserte Techniken der Interaktion an, die die Beziehung zwischen A und B vereinfacht.

Da C aber durch seine Kontrollregime in der Position ist, die Verbindung zwischen A und B jederzeit zu unterbrechen, ergibt sich eine neue, vielleicht zunächst verdeckte Abhängigkeit von A und B zu C. A braucht C, um die Beziehung mit B fortführen zu können, und B braucht C, um die Beziehung mit A fortführen zu können. C hat somit sowohl die Macht von A über B als auch die Macht von B über A in sich aufgenommen. Dadurch ist C bereits der mächtigste Akteur in der Dreierkonstellation. As und Bs Abhängigkeit von C und damit die Macht von C reduziert sich allerdings insoweit, als A und B auch andere Möglichkeiten haben, ihre Beziehung zu führen. In der Realität sind A und B nicht nur über Facebook miteinander verbunden, sondern auch über SMS und Telegram.

Was wir bis hierhin als C beschrieben haben, ist noch nicht notwendigerweise eine Plattform, sondern ein ganz normaler Mittelsmann (oder -frau). Doch nichts anderes ist eine Plattform, nur eben mit wesentlich mehr Beziehungen. Sowohl A als auch B führen nämlich noch andere Beziehungen, zum Beispiel ist A mit D, E und F und B mit G, H und I befreundet. Auch diese Beziehungen verlagern sich zunehmend auf Plattform C, was die Abhängigkeit aller Beteiligten von C entsprechend erhöht. Was sich hier also akkumuliert, ist Netzwerkmacht, und bei Emerson wirkt sie wie Balanceakt 3: Alle Verbindungen, die über C stattfinden, erhöhen die Attraktivität von C gegenüber allen anderen Akteuren. Das Resultat sieht nun folgendermaßen aus: A, B, D, E, F, G, H und I bilden ein Netzwerk aus gegenseitig abhängigen Beziehungen, doch allesamt sind sie abhängig von C.

Vereinfacht ergibt sich daraus folgende Formalisierung der Plattformmacht P von Plattform C über eine Person X mit den Beziehungen Y:

P(c|x) = D(x|a) + D(x|b) + D(x|d) + D(x|e) … = D(x|y)
Vereinfacht:

P(c|x) = ∑D(x|y)

Wir haben also folgende Situation:

Aber die Macht wird relativiert durch die alternativen Plattformen.

Die Plattformmacht P über eine Person X, P(c|x), entspricht der Summe der Abhängigkeiten von X vom Zugang zu A, B, D, E … Y. Allerdings relativiert sich die Macht um die alternativen Möglichkeiten, diese Beziehungen auch abseits von Plattform C zu pflegen. Wenn die alternativen Plattformen C’ ebenfalls eine Beziehung zu Y ermöglichen, dann verteilt sich die Plattformmacht eben auf die Anzahl alternativer Plattformen – plus eins für Plattform C.

Und so kam es zu der Formel für Plattformmacht in meiner Dissertation.

Für die Buchausgabe, da drängte mein Lektor darauf, sollte ich die Formel rauszulassen und ich gab dem nach kurzem ringen statt. Ich gab auch deswegen nach, weil ich selbst merkte, dass da irgendwas noch nicht stimmte. Die Macht auf Personen, Plattformen und Zielen herunterzubrechen schien mir auf zweifache Weise verfehlt: Es geht doch eigentlich nie um die ganze Person und gleichzeitig geht es immer um mehr als die Person und ein irgendwie feststehendes „Ziel“. Das, was wir uns aus der Verbindung erhoffen, ist einerseits nur ein Aspekt der Person und andererseits so viel mehr: die sozialen und semantischen Pfade, die sie eröffnet, ihre Sympathie, ihre Nähe, ihr Wissen, ihre Berühmtheit (semantischer Wert), ihre Dienstleistung, ihre Unterhaltsamkeit, ihre Quellen, ihre Art auf die Welt zu schauen, etc. D.h. Ihre Pfadgelegenheiten zu weiteren Pfaden.

Die Pfadgelegenheit

Es brauchte aber noch ein paar Jahre, meine Beschäftigung mit Donna Haraway, meiner Beschäftigung mit LLMs und den Subjektentwurf des Dividuums, bis ich verstand, was falsch ist: Es geht nicht um die Abhängigkeit von Menschen, sondern um Abhängigkeit von Pfaden.

Enter: „Pfadgelegenheit

„Pfadgelegenheit“ ist für unsere Zwecke erstmal ein semantischer Hack, der das Denken in Netzwerken vereinfacht.

Die Pfadgelegenheit erlaubt es uns, Menschen in Netzwerken zu denken, das heißt, in den Strukturen, die sie bewohnen. Es entfaltet sich damit eine Netzwerk-Beschreibungsebene aus Handlung, Perpektive und Infrastruktur, die uns erlaubt, Realität anders zu formulieren. Siehe dazu den Pfadgelegenheits-Explainer.

Auch praktisch: Der Begriff ist skalenfrei: Die Pfadgelegenheit ist genauso das Jobangebot, der nächste Zug beim Schach, die Investition, die Beziehungsofferte, die Gelegenheit, ein anderes Land anzugreifen, der Link, oder die vor uns liegende Autobahnausfahrt.

Pfadgelegenheiten bestehen aus Pfadgelegenheiten, denn damit etwas funktioniert, muss immer erst etwas anderes funktionieren, etc. So muss A zu B oder B zu A kommen, damit sie zusammen spielen können, was ebenfalls infrastrukturelle Vorraussetzungen hat, etc. Und das Spiel ist nicht einfach das Spiel, sondern von der Pfadgelegenheit „gemeinsames Spiel“ gehen wiederum andere Pfade ab: Sozialität, Vertrauen, Vertrautheit, Lernen, gemeinsame Semantiken, Freundschaft, auf die wiederum andere Dinge aufbauen können, etc … Ich könnte den ganzen Tag über die Vorzüge dieses Begriffs schwärmen.

Neuansatz

Mit der Pfadgelegenheit können wir auch das Kinderspiel leicht umschreiben:

Die Macht von A über B ist die Abhängigkeit Bs von der Pfadgelegenheit γ, die A zum Kinderspiel für B bietet und die Macht von B über A ist die Abhängigkeit As von der Pfadgelegenheit γ, die B zum Kinderspiel für A bietet und beide teilen das jeweils durch die Pfadalternativen zu der betreffenden Pfadgelegenheit + 1. Das + 1 steht für die irreduzibele Pfadgelegenheit, die γ bietet. Ohne 1 – ohne mindestens einen Pfad, den Pfad um den es geht – ist alles nichts.

Hier kommt die Substitutionsmatrix rein. Mit der Substitutionsmatrix können wir Austauschbarkeit berechnen, also die Pfadalternativen zum jeweiligen γ.

Hier für die Ausgangssituation von A und B.

Setzen wir die Austauschbarkeit als Pfadalternative ein, ergibt sich folgende Rechnung für die aggregierte Nettomacht der beiden Racker.

Wir sehen ein ausgeglichenes Machtverhältnis. Beide haben Macht übereinander, aber sie entspricht sich.

Doch sobald sich C sich mit A befreundet, verändert sich die Subsitutionsmatrix.

Weil aus As Sicht die Pfadgelgenheiten, die B und C jeweils zum Kinderspiel bieten, austauschbar sind, addieren wir für B und C jeweils eine 1 in den Nenner, womit ihre Pfadgelegenheiten nur noch die hälfte wert sind.

Wir sehen, wie B und C jeweils 0,5 einbüßen, die auf das Konto von A fließen.

Die Marge

Emerson hat über die Pfadgelegenheiten von B gesprochen, um das Ungleichgewicht wieder aufzulösen, aber nicht über die Pfadgelegenheiten von A, seine Macht auszunutzen. Dabei steckt darin das ganze Geheimnis des Kapitalismus:

  • Machtakt 1: A könnte seine Macht nutzen, um die Politik der Pfadentscheidung auszuüben: „Klar können wir spielen, aber nur wenn ich bestimmen darf, was.“
  • Machtakt 2: A könnte auch seine Macht ausnutzen, um eine Politik des Flaschenhals zu etablieren: A könnte Regeln aufstellen und zB. fordern, dass die anderen immer einen Schokoriegel zum Spielen mitbringen sollen.
  • Machtakt 3: Politik der Omniszenz, der Allwissenheit. A weiß über B und C bescheid und kann das für sich nutzen, B und C aber nur über A.
  • Machtakt 4: Politik der Sichtbarkeit. A könnte C gegenüber B verschweigen, oder andersrum.

Für die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten, insbesondere für die Analyse von Plattformen, sind alle Machtakte wichtig, aber Machtakt 2, die Politik des Flaschenhals, ist die Presse, aus der die Marge fließt.

Wir können unsere Interdependenz-Bilanz aufmachen und sehen, wie die Abhängigkeitsdividende in Marge verwandelt wird.

Hier, wie die Marge gehoben wird: die wechselseitig erwartete Nettomacht-Differenz/Abhängigkeitsdividende, die sich aus einer gemeinsamen Handlung ergibt, dient als Anhaltspunkt dafür, wie viel Schmerz das Gegenüber auszuhalten bereit ist, bevor es selbst die Abhängigkeitsbeziehung auflöst. Entweder durch Verzicht auf die Handlung (eine Offramp/Balanceakt 1), und/oder durch die Suche einer Pfadalternative (Balanceakt 2).

Jedes Hebeln einer Marge ist eine Wette auf das Fulcrum dieses angenommenen Schmerzpunktes. In der Praxis werden dafür konkrete, materielle Hebel angewendet: einfache Forderungen unter Androhung der Beendingung der Handlung, Exklusivklauseln im Vertrag, Erhöhung von Preisen, Shrinkflation, Planned Obsoleszens, vereinbarte Absatzmengen, Schließung von Filialen, Werbung, Enshittyfication, Zinsen, Tantiemen, Lizenzen, Löhne, etc.

Und klar, wenn die Hebel zu groß werden, bricht das Fulcrum – die Abhängigkeitsbeziehung wird durch die andere Partei aufgelöst, doch so binär läuft es in der Realität nicht ab. Die Kunst, Margen zu heben, basiert auf der Salamitaktik. „Margen-Development“ ist ein Prozess, der ständig nach Pfadgelegenheiten sucht, sich auf dem einen oder anderen Abhängigkeitsbeziehungsterrain Vorteile zu verschaffen und dabei entsprechend die Hebel immer länger werden zu lassen. Sich also immer ein bisschen weiter vorzuwagen und zu schauen ob, das Fulcrum hält. Das lässt auch dem anderen Zeit, sich an den Schmerz zu gewöhnen, so dass man dann möglichst unterhalb des sich ständig verschiebenden kritischen Schmerzpunktes die Margen der Abhängigkeitspartner Stück für Stück in eigene Margen zu verwandeln kann.

Jedenfalls wenn A ein kleines Arschloch ist? Um das hier auch einmal aufzuführen: Es gibt andere Möglichkeiten, mit Machtungleichgewichten umzugehen.

  • A könnte seine Macht ignorieren und einfach ganz normal mit B und C spielen. Wie ein ganz normaler Mensch.
  • A könnte seine eigene Macht nutzen, um sie loszuwerden. Etwa B und C miteinander bekannt machen und sich freuen, wenn sie sich anfreunden.
  • A könnte Verantwortung für die Macht empfinden und vorsichtig mit ihr umgehen und zum Wohle von B und C nutzen. Ein Konzept, dass sich „Fürsorge“ nennt, aber das aus Sicht des Kapitalismus schlicht ungehobene Marge bedeutet.

Jedenfalls wäre damit auch das Verhältnis zwischen Kapitalist*in und Arbeiter*in, sowie das zwischen Leitunternehmen und Zulieferern hinreichend erklärt. Die Effektivität von Gewerkschaften (Balanceakt 4) leuchtet auf Anhieb ein und auch die Musikindustrie lässt sich auf diese Weise gut erklären, wie es ich neulich in diesem Talk vorgemacht habe.

Casestudy: Twitterübernahme

Und natürlich lässt sich auch das Machtverhältnis zwischen Plattformuser und Plattform damit beschreiben. Hier das Beispiel von Twitter zum Zeitpunkt der Übernahme:

Twitter, also C sieht in uns Usern, also X, vor allem eine Pfadgelegenheit für 50 Dollar pro Monat an Umsatz, hat dafür aber noch 260 Millionen Pfadalternativen + 1. Aus unserer User-Perspektive sehen wir alle Pfadgelegenheiten, die die Plattform uns bietet, geteilt durch die Pfadalternativen, was bei Twitter damals gefühlt höchstens 1,6 waren (kann man drüber streiten), was aber eh egal ist, weil der erste Wert verschwindend klein ist. Mit anderen Worten: die Beziehung ist so ungleich, dass die Plattform den gesamten Wert der geschaffenen Pfadgelegenheiten als aggregierte Netto-Macht absorbiert, die sich dann so berechnet:

Wie wir sehen, setzt sich die aggregierte Netto-Macht (ANM) aus zwei Dimensionen, bzw. Faktoren zusammen: Breite mal Tiefe. Breite ist die Anzahl der Nettoabhängigen und die Tiefe ist die durchschnittliche Stärke ihrer Abhängigkeit und gibt damit Hinweise auf die erwartbare Schmerztoleranz. Bei Plattformen basiert auf der Breite die Netzwerkmacht, also die Hegemonie der Plattform und auf der Tiefe basiert ihre Plattform-Souveränität, das heißt, ihre Fähigkeit, sich gegen die Interessen und den Willen ihrer Nutzenden zu verhalten und weiterzuentwickeln, ohne relevant Verbindungen zu verlieren. Das Enshittyfication-Potential pro User, if you like.

Ich weiß, ich hatte die Plattformmachtformel in Krasse Links No 69 so formuliert:

Da ich die Formel bis zu diesem Zeitpunkt immer nur zum Denken benutzt habe, nicht zum Rechnen, machte es diesem Kontext Sinn mit γ‘x einen Parameter für den emergenten Nutzen mit aufzuführen, aber natürlich kann man formal γ‘x als pfadabhängigen Wert von γx subsummieren und erhält dann eine handliche allgemeine Macht/Wert Formel:

Die Macht von C über X ist die Summe der Pfadgelegenheiten γ, die X von C erwartet, geteilt durch die erwarteten Pfadalternativen von γ + 1.

Pfadwert als Q-Function(p x U)

Edit 9.3.2026: Durch die Integration der Formel in die Hebel:Fulcrums-Mechanik können wir γ als Q-Function identifizieren und diese Q-Function besteht aus einem Hebel und einem Fulcrum. Der Hebel ist der Pfadwert, wie wir ihn besprochen haben, aber das Fulcrum, auf dem er hebelt ist die Übergangswahrscheinlichkeit, mit der der Wert eingelöst wird.

γ = Q-Function(p x U)

Wobei „p“ die Übergangswahrscheinlichkeit und „U“ der angenommene Wert des angenommenen Nutzenpfads ist.

Zu U habe ich noch ein interessantes und wie ich finde, passendes Konzept. Aus dem Explainer zur Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Der Mathematiker Richard Bellman hat dafür in den 1950ern eine Formel aufgestellt, die er in einem anderen Kontext entwickelte, die aber hier erstaunlich präzise passt. Die Bellman-Gleichung beschreibt, wie ein Akteur den Wert eines Zustands berechnet: nicht durch den unmittelbaren Gewinn, sondern durch den besten erreichbaren Wert aller zukünftigen Zustände, die von hier aus zugänglich sind.

Der Preis, den jemand zu zahlen bereit ist, entspricht also nicht den Kosten des nächsten Schritts des Exits, sondern dem kumulierten Wertverlust aller Pfadgelegenheiten, die der Exit nach sich zieht.

Das erklärt, warum Lock-In so mächtig ist. Plattformen, Vermieter und Monopolisten müssen den Exit nicht unmöglich machen – es reicht, die Folgekosten des Exits systematisch zu erhöhen. Wer nach Jahren aus einem Apple-Ökosystem aussteigt, verliert nicht nur sein Gerät, sondern sein gesamtes App-Portfolio, seine Kontakte, seine Gewohnheiten, seine sozialen Anschlüsse. Der Bellman-Wert des Exits sinkt mit jeder weiteren Nutzung – nicht weil der Kanal besser wird, sondern weil Afrika weiter weg rückt.

Daraus folgt eine wichtige Asymmetrie: Je länger man einen Pfad geht, desto teurer wird der Exit – und desto mehr Spielraum hat der Anbieter, den Preis zu erhöhen, ohne den Kipppunkt zu erreichen. Das ist die zeitliche Dynamik hinter der Salamitaktik der Margenentwicklung, die weiter oben beschrieben wurde. Jede Preiserhöhung, jede Enshittification, jeder Versuch die Demokratie abzuschaffen, jeder Genozid und jede sonstige Grenzverletzung der Mächtigen ist eine kleine Wette darauf, dass der akkumulierte Bellman-Wert unseres bisherigen Pfades den neuen „Preis“ noch trägt.

Mit der Bellman-Gleichung bekommt das ganze Modell eine implizite Zeitdynamik, die alle Akteure in einem Hier und Jetzt immer neue einen Pfadwerte imaginieren lässt.

Epilog

All das bedeutet nicht, dass wir Macht berechnen können, denn der Wert von Pfadgelegenheiten ist ein messy Messwert, da er erstens subjektiv und zweitens latent ist. Das Preissignal ist ein Anhaltspunkt, aber man darf es nicht überbewerten, denn die wenigsten Unternehmen schöpfen die Abhängigkeits-Dividenden allzuweit aus, bzw. wir wissen es einfach nicht und auch die Kapitalist*innen wissen es nicht, sie müssen da auch immer erst vorfühlen. Aber wir können Mechanismen beschreiben, Strategien, Geschäftsmodelle, Strukturen und Ausbeutungszusammenhänge. Wir können damit einen Sensor für Macht entwickeln.

Habe ich hier etwas bewiesen? Nein. Ist die Formel beweisbar? Schwierig, aber ich denke, da werden sich Wege finden? Ich hab jedenfalls ein paar Ideen.

Davon abgesehen weiß ich eh, dass die Formel falsch ist. Alle Formeln, die versuchen, die Realität zu beschreiben, sind falsch. Aber ich glaube nicht, dass sie ganz falsch sein kann. Sie hat einen richtigen Kern. Aber wenn man das eine oder andere besser oder genauer berechnen kann, als ich es hier tue: Prima. Ich bin für Kritik und Vorschläge offen. Mathe ist echt nicht so mein Fachgebiet und ich bin für Feedback wirklich dankbar.

Was ich sagen kann ist das: Es ist die Formel, nach der ich gesucht habe. Es ist die Formel, die mir plausibel ist, die mit allem konsistent ist, was ich so beobachte: dazu gehören nicht nur die Plattformen, Supplychains und KI, sondern es matcht auch meine eigenen Erfahrungen mit Macht, d.h. Wert, d.h. Schmerz des Verlusts. Aber vielleicht ist das auch bei euch anders? Auch das interessiert mich.

Bis auf weiteres halte ich die Formel als grobe Annäherung an die Realität und damit als heuristisch-narratives Device für nützlich, weswegen mich die kommende Purge-Koalition und ihr Thanos-Effekt tatsächlich spooked.

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