Krasse Links No 80

Willkommen zu Krasse Links No 80. Leveraged eure Wursthaftigkeit, heute schlürfen wir den Kayfabe des Iran, um die Preisschocks durch Ulmen zu insidertraden.


Nachtrag: Die Folge vorgelesen von Ali Hackalife. (€)


Der Substacker „No1“ hat eine lesenswerte Zusammenfassung des grotesken Wahnsinns des Krieges gegen Iran geliefert.

Über die Aufhebung der Sanktionen gegen Iran wegen des Ölschocks:

The United States is purchasing, with Chinese currency, oil from the country it is currently bombing?! The same oil that funds the missiles that just shot down an F-35 for the first time. The same missiles that are redecorating allied oil infrastructure.

The sanctions were necessary to stop Iran funding the war, but the war made the sanctions too effective, so the sanctions had to be lifted to fund the war effort against the country that no longer needs sanctions because the oil revenues that sanctions were preventing are now required to prevent the economic damage caused by preventing those revenues, which is itself a consequence of the military campaign designed to make the sanctions unnecessary by making Iran the kind of country that doesn’t need sanctioning, which it would be, if the sanctions hadn’t been lifted to pay for making it that.

Die Kommunikation der Trumpregierung mit den Alliierten.

The allies are cowards for not helping with the thing he doesn’t need, which is why he’s sending Marines to die for it, unless the countries that do need it do it themselves, which they won’t, because they’re cowards.

Die Verhandlungs-Strategie:

You are assassinating everyone with the authority to negotiate and then complaining, with what appears to be genuine bewilderment, that nobody will negotiate.

Vor allem nutzten Israel und die USA bisher jede Verhandlung dafür aus, um genau diese Überraschungsangriffe zu durchzuführen. Mit den USA überhaupt zu verhandeln ist für hochrangige Iraner an dieser Stelle reiner Selbstmord.

Der Deal mit den Golfstaaten:

The entire post-1973 petrodollar deal was simple: Gulf sells oil in dollars, America provides the security umbrella. The umbrella is on fire. The refineries are on fire. And according to an Omani journalist on BBC Arabic, Trump has sent an invoice: $5 trillion to continue the war, $2.5 trillion to stop it. The petrodollar was already the payment. This is double-billing for a service that is visibly, combustibly, failing.

Die unfassbare Ressourcenschlacht, die jetzt schon einen sichtbaren Horizont hat.

“If the war lasts another month, we will have nearly no missiles available. All European, American, and also Middle East country warehouses are empty, or nearly empty.” This wasn’t a leak. Not an anonymous source. Not a think tank estimate. This was the CEO of Europe’s largest defense manufacturer, on camera, stating plainly that the cupboard is bare.

Wie man in zweiten Weltkrieg zu sagen pflegte: Die Situation ist FOOBAR (fucked up beyond all recognition)


Der Wrestler Blindboy Boatclub erklärt in diesem Interview die Politik Trumps besser als jeder Politikwissenschaftler könnte. Das Geheimnis heißt „Kayfabe„.


Kayfabe ist die wechselseitig beglaubigte Show-Wirklichkeit beim Wrestling. Der gemeinsam hergestellte Erwartungserwartungs-Layer des „Make beliefe“, der das Theaterstück des simulierten Kampfes zu einem „Sportereignis“ macht, bei dem man sich erlaubt, mitzufiebern – also in den Kampfverlauf emotional zu investieren.

Der Trick besteht wie in jeder Inszenierung darin, materielle Ereignisse zu leveragen, um die Erwartungserwartungen der anderen zu modulieren, doch anders als bei beispielsweise der Theater-Inszenierung sind alle eingeladen – und in Trumps Fall gezwungen – bei der Imagination mitzuwirken, indem sie die Inszenierung performativ augenzwinkernd als Realität akzeptieren.

Deswegen funktioniert Kayfabe technisch auch anders als die Täuschung.

  • Die Inszenierung existiert nicht vornehmlich, um hinter dem Schleier der Täuschung tatsächliche, geheime Ziele zu verfolgen. George W. Bush musste noch ganze Teams Wochenlang Beweise fälschen lassen, um die Welt in den zweiten Golfkrieg zu locken. Donald Trump arbeitet dagegen mit transparenter Hinterbühne. Bei Trump sind die Ziele nicht mehr geheim und es wird sich keine Mühe gegeben sie zu verschleiern, sondern sie werden ständig ausgetauscht oder gleich Teil der Inszenierung. Denn es ist nicht schlimm, wenn alle sehen und verstehen, dass es sich um Inszenierung handelt. Trumps Fans verstehen ihn auch so und halten den Kayfabe-Raum und alle anderen sind halt nicht „in on the Joke“.
  • Wer angelogen wird, der hört auf zu vertrauen, aber wer der Einladung in eine parallele Kayfabe-Wirklichkeit folgt und bis hierhin mitgekommmen ist, vertraut literally bis zum Ende der Inszenierung. Kayfabe ist auch deswegen so mächtig, weil es ein soziales Shibboleth ist. Eine Lüge kann eine Uniform sein, gerade weil es teuer ist, sie zu tragen. Im Kayfabe erkennt man sich gegenseitig als Peer, wenn man „in on the Joke“ ist, was Gemeinschaft, Kohäsion und Lock-In erzeugt. Vor allem aber Abgrenzungswillen nach außen, denn „die Normies“ sind nicht nur anderer Meinung, sie bedrohen die Kayfabe-Realität selbst. Kayfabe mobilisiert deswegen die eigene Base durch Abgrenzungswillen und Wirklichkeits-Schutz und erzeugt so einen Sog nach innen, der die Offramp aus der Kayfabe-Wirklichkeit immer weiter verteuert.
  • Anders als bei der Täuschung dienen die materiell hergestellten Ereignisse auf dem Realitätslayer nicht nur und nicht vornehmlich der effektiven Durchsetzung der eigenen materiellen Ziele, sondern zielen vor allem auf die Herstellung von Effekten und medialen Ereignissen. Kayfabe funktioniert nur, wenn die Story spannend ist und die Special Effects kicken. Wir wissen, dass Trump den Angriff auf Iran vor einem halben Jahr vor allem deswegen gestartet hat, weil die israelischen Luftschläge so toll auf Fox News aussahen, die Deportation der Emigranten ins Konzentrationslager in El Salvadore wurde als Imagefilm vermarktet, die Maduro-Entführung tat zwar auch, was Trump wollte, aber das Medienspektakel auf dem Kayfabe-Layer war mindestens genauso wichtig. Seit dem Irankrieg funktioniert Kommunikation des Weißen Hauses fast nur noch über Kurzvideos, in denen reale Kriegsbilder mit Memes, KI-Slop und Szenen aus dem Videospiel „Call of Duty“ vermixed werden.
  • Die Lüge muss geplant werden, die Kayfabe Realität ist spontaner, braucht dafür aber eine enorme Infrastruktur zur Echtzeit-Aufrechterhaltung des „Make Beliefs“. Um an diesen Punkt zu kommen, musste der Pfad des Widerspruchs erst verteuert und die Onramps ins Kayfabe attraktiv gemacht werden. Das funktioniert einerseits durch die kapitalistische Einhegung der Medienlandschaft, die wir die letzten Jahre aber vor allem Monate gesehen haben (Twitter, CBS, NBC, Tiktok, etc). Das passiert aber durch Einschüchterung und institutionelle Schwächung des Gegners, sei es durch Klagen von oben oder Shitstorms von unten. Inzwischen sind die Onramps in die Kayfabe-Wirklichkeit so vielfältig, dass fast für jeden Dude was dabei ist. Das ist nicht nur Maga, das ist auch Joe Rogan, Lex Fridman und die Podcast-Bro-Szene für die Halbintellektuellen, Crypto für die Techheads, die Manosphere für die Oberwürstchen, Gamerforen für die Zocker-Jungs und X für unsere Politiker*innen und Journalist*innen. Das sind die Talkradios und Fox News in der Breite, das ist Turning Point USA für die junge Evangelikale, das sind aber auch die Narrative: „Wir holen uns unser Land zurück“, „Make Amerika Great Again“, dazu flankierende Narrative wie „The Race to AGI“ oder die „Wiederkunft Christi im Irankrieg“ und natürlich unterliegende stabilisierende Erzählungen wie „American Exeptionalism“, White Supremacy, das Patriarchat, Individualismus und libertäre Marktideologie.
  • Der Lüge kann widersprochen werden und unter anderem Joschka Fischers „I’m not convinced“ hat uns deswegen aus dem Irakkrieg raushalten können. Die Kayfabe-Wirklichkeit ist schwieriger zu begrenzen, weil sie dich gar nicht auf der rationalen Ebene überzeugen will. Sie wiederholt so lange ihre offensichtlichen Lügen, bis du aufhörst, zu widersprechen. Deswegen funktioniert die Kayfabe-Wirklichkeit auch über die eigene Base hinaus und strahlt in den Rest der Gesellschaft – über genau die Medien, die uns davor schützen sollten. Durch z.B. Tagesschau-Sprecher*innen, die immer wieder Trumps völlig aus der Luft gegriffene Behauptungen zitieren, ohne sie inhaltlich einzuordnen, hat die Kayfabe-Realität längst auch Durchgriff auf unsere Wirklichkeit. All das Sanewashing und Gaslighting, dass wir derzeit von unseren Massenmedien reingewürgt bekommen ist längst „Kayfabe Light“. Man tut noch so, als würde man gelegentlich widersprechen, aber eigentlich sind die Dämme gebrochen. Schaut euch um. Trumps Kayfabe ist bereits auch hier überall hegemonial: Emigranten sind das größte Problem, der Klimawandel ist nicht real oder nicht so wichtig und Israel verteidigt sich nur.

Trumps Kayfabe ist im Grunde eine Version von Baudrillards Hyperrealität, die danach trachtet, die Realität vollständig zu ersetzen, allerdings nicht mit einer Wirklichkeit die „realer als die Realität selbst“ ist, sondern mit einem Horrorclown, der nicht aufhören kann, uns zuzuzwinkern, während er die Welt zerstört.


Trump ist nicht nur ebenfalls „in on the Joke“, sondern seine Aufmerksamkeit ist die wichtigste Bühne des ganzen Stücks. Und wie sie bespielt wird, hat NBC recherchiert.

Jeden Tag bekommt er ein zwei Minuten Video-Briefing, das ihm von seinen Unterlingen zusammengestellt wird.

But the video briefing is fueling concerns among some of Trump’s allies that he may not be receiving — or absorbing — the complete picture of the war, now in its fourth week, two of the current officials and the former official said.

Wenn die mediale Berichterstattung seiner Kayfabe-Wirklichkeit widerspricht, macht ihn das wütend.

They said the videos are also driving Trump’s increasing frustration with news coverage of the war. Trump has pointed to the success depicted in the daily videos to privately question why his administration can’t better influence the public narrative, asking aides why the news media doesn’t emphasize what he’s seeing, one of the current U.S. officials and the former U.S. official said.

Und das gilt natürlich auch für das Briefing. Was das Briefing automatisch zum Instrument des Kayfabe macht.

Overall, the official said, the information Trump gets about the war tends to emphasize U.S. successes, with comparatively little detail about Iranian actions.

One example came this month when five U.S. Air Force refueling planes were hit in an Iranian strike at Prince Sultan Air Base in Saudi Arabia, according to one of the current U.S. officials. Trump wasn’t briefed about the strikes, and he learned what had happened from media reports, the official said. When Trump inquired, he was told the planes weren’t badly damaged, the official said.

The official said Trump reacted angrily behind the scenes to the news coverage. Publicly he posted on Truth Social calling coverage of the strike misleading and accusing media organizations of wanting the U.S. “to lose the War.”

Ich fürchte, mittlerweile weiß vor Ort niemand mehr, was noch echt und was Kayfabe ist?

Und ob die Soldaten, die Trump vielleicht in den Tod schickt wohl auch „in on the Joke“ sind? Und würde das etwas besser machen?


Am Montag verkündete Trump, dass er mit Iran in Friedensgeprächen sei, was sowohl den Aktienmarkt nach oben als auch den Rohölmarkt augenblicklich nach unten schnellen ließ. Aber kurz vorher hat „jemand“ sehr strategisch riesige Insidertrades platziert. CNBC:

At around 6:50 a.m. in New York, S&P 500 e-Mini futures trading on the CME recorded a sharp and isolated jump in volume, breaking from an otherwise subdued premarket backdrop. With thin liquidity typical of early trading hours, the sudden burst stood out as one of the largest volume moments of the session up to that point.

A similar pattern was observed in oil markets. West Texas Intermediate May futures also saw a noticeable pickup in trading activity at roughly the same time, with a distinct volume spike interrupting otherwise quiet conditions.

Roughly 15 minutes later, at 7:05 a.m., Trump said on Truth Social that the U.S. and Iran had held talks and that he was halting planned strikes on Iranian power plants and energy infrastructure. That announcement prompted an instant rally in risk assets, with S&P 500 futures soaring more than 2.5% before the opening bell. West Texas Intermediate futures dropped nearly 6% following the announcement.

Es geht wohl um Milliardenschwere Insidertrades.

Iran hat mehrfach und glaubwürdig die Verhandlungen abgestritten und der Kurs ist wieder runter/rauf geknallt, aber ich schätze das Praktische an so einer Kayfabe-Wirklichkeit ist, dass egal, wie es „on the ground“ läuft: Man kann ne Menge Geld verdienen.


Auch auf dem Kayfabe-Layer hat Iran den Fedehandschuh aufgenommen und scheint sogar im Slop-War die Oberhand zu haben?


Selbst nach dem größten Skandal in der Geschichte der Menschheit (der immer noch nicht aufgeklärt ist) und dem Beginn des dritten Weltkriegs (der immer noch am Schwelen ist) haben es die mutmaßlichen Missetaten von Christian Ulmen geschafft, mich nochmal ordentlich zu erschüttern. Aus dem Spiegel.

»Ich war das, ich habe das getan«, habe er dann erklärt. So erzählt es Fernandes.

Es habe damals einige Sekunden gedauert, bis die Information in ihrem Kopf angekommen sei: »Es war wie bei einer Todesnachricht, ich konnte nicht reden, nicht heulen.« Ulmen sei derweil panisch geworden, habe Angst gehabt, im Gefängnis zu landen.
Fernandes sagt: »Mir wurde über Jahre mein Körper geklaut.« Und plötzlich habe sie verstanden, dass einer der Täter offenbar »die Person war, die mir am nächsten stand«.

Wie oft sie wohl in seinen Armen gelegen hat und ihre Verzweiflung über das Stalking mit ihm geteilt hat? Und vielleicht hatte er dabei ein schlechtes Gewissen, aber ich schätze, das Machtgefühl muss auch sehr gekickt haben?

Ich habe von der Fernandes-Ulmen-Story genau einen Tag erfahren, nachdem ich mir die Doku Louis Theroux: Inside the Manosphere angeschaut hatte. Dort wird ein bisschen hinter die Kulissen der Hochglanzvideos der „Manosphere Influencer“ geschaut und was mich dann doch überrascht hat, war wie offensichtlich es wird, dass das unglaublich unsichere, verängstigte Jungs sind, die ihre „harte“ Fassade nicht länger als die notwendigen 90 Sekunden aufrecht erhalten können, bevor sie ins lächerlich würstchenhafte zurückfallen.

Jetzt kann man sagen, dass das ja klar war und ja, irgendwie schon, aber die Manosphere Influencer sind in ihrem Kontrast von inszenierter absoluter Selbstbestimmung und tatsächlicher Wursthaftigkeit schon eine besonders auffällige Amplitude im allgemein eskalierenden Patriarchat.

Jedenfalls hat mich nach dem ersten Schock durch die Collien Fernandes-Story Ulmens mutmaßliches Verhalten weniger überrascht, als ich dachte. „Klar“, dachte ich, „er ist halt auch ne Wurst?“.

Vor anderthalb Jahrzehnten habe ich meine damalige Freundin betrogen. Als ich es ihr gestand, machte sie sofort mit mir Schluss und nannte mich eine „Wurst“. Das tat gleichzeitig weh, aber hatte auch etwas Befreiendes, denn trotz des Schmerzes wusste ich sofort, dass sie recht hatte.

Ich hatte mich neben ihr immer schon wie eine Wurst gefühlt. Sie ist unglaublich schlau, selbstbewusst, charmant, wunderschön und war damals beruflich erfolgreicher als ich (ist es immer noch) und dabei auch noch einfach nett, witzig und bescheiden. Jeder liebte sie und das machte, dass ich mich fühlte … wie eine Wurst.

Das Patriarchat hat keine Büros, denn fast alle Büros sind Büros des Patriarchats. Das Patriarchat macht keine Propaganda, denn fast alles ist Propaganda für das Patriarchat. Das Patriarchat hat auch keinen Kopf (nein, nicht mal den von Epstein), sondern es ist in fast allen Köpfen und vor allem zwischen ihnen. Und in meinem Kopf redete es mir ein, dass ich, um ein echter „Mann“ zu sein, die „Kontrolle“ behalten muss, nicht der „Unterlegene“ sein darf, denn Liebe sei am Ende ein Wettkampf darum, wer wem das Herz bricht.

Ich fühlte mich zwar unterlegen, aber ich war schneller, was mir die Illusion von „Kontrolle“ gab. Sie kann mir nicht wehtun, dachte ich, bevor ich ihr nicht zuerst weh getan habe.

Ich will meine Untreue nicht auf eine Stufe mit den unfassbaren Vorwürfen gegen Ulmen stellen. Aber die Motivationsstruktur ist dieselbe: Wursthaftigkeit äußert sich immer im Kontrollwunsch und weil der per definitionem unstillbar ist, gehen von dort auch viele Pfade in die Gewalt.

Ich mochte Christian Ulmen als „Herr Lehmann“ und fand auch einiges witzig, was er später machte, aber vor allem in den letzten Jahren habe ich auch Abstand genommen. Die Serie Jerks schaute ich drei, vier Folgen lang und hatte danach genug. Es war keine direkte Ablehnung, eher so: Ja, ich hab den Witz verstanden und ich finde ihn nicht mehr lustig.

Das Erfolgsrezept von Christian Ulmen war immer die Inszenierung von männlicher Wursthaftigkeit. Um sie – scheinbar – zu karikieren, z.B. enorm zugespitzt in der unsympathischen Figur des „Uwe Wöllner“, aber auch – in einer etwas „more likable“ Variante – in seinem Auftreten als er selbst in der Serie Jerks. Nicht nur, aber vor allem, wenn er dort mit seiner Frau Collien Fernandes interagiert. Seine Wursthaftigkeit wird dort allerdings nicht als sexuelle Übergriffigkeit, sondern als „Tollpatschigkeit“ inszeniert, die sich aus seiner ständigen Unsicherheit speist. Aber sie ist gepaart mit einem rücksichtslosen und stumpfen Egoismus, was in dieser Kombination immer zu mittleren und vor allem peinlichen Katastrophen führt, die die anderen hinterher ausbaden dürfen. Seine Kontrollwut aus Unsicherheit erzeugt einen Kontrollverlust bei sich und anderen, aber am Ende hat er doch die Kontrolle behalten, weil alle auf ihn reagieren.

Diese Ironisierung von Wursthaftigkeit war immer ein semantisches Schutzschild für ihn und seine Selbsterzählung. Medial inszeniert diente sie ihm als Erlaubnisstruktur für seine Egoismen und Kontrollphantasien, denn schließlich sind sie in ihrer ironischen Brechung ja auf „edgeige Weise“ auch „ganz cute“.

Jerks war immer schon eine emotional abusive Beziehung inszeniert als Gag und die tatsächlichen Enthüllungen sind fast so etwas wie ein abstoßendes und gleichzeitig passendes Serienfinale.

Ich bin nicht mehr der Mensch, der diese Art Serie lustig findet, weil ich verstanden habe, welche Funktion der Gag hat – für Christian Ulmen, für seine (vornehmlich männlichen) Fans und für die gesellschaftlichen Machtverhältnisse im ganzen.

So schön, dass ich das alles heute analysieren und reflektieren kann, aber hier sind die Probleme:

Erstes Problem: Das bin nicht ich. Das ist Infrastruktur, die ich mir über Jahrzehnte angeeignet habe. Aneignen konnte. Aneignen durfte.

Wie sollen Männer in jungem Alter und mit (noch) wenig Bildung und Lebenserfahrung einen ähnlichen Reflexionspfad beschreiten, der ihnen erlaubt, das Patriarchat von außen zu sehen und sich trotzdem darin zu erkennen? Wo sind die Offramps aus der Matrix?

Ich habe einigen Scheiß gebaut im Leben, aber ich hatte auch das Privileg, Menschen um mich herum zu haben, die mich nicht nur zur Rede gestellt haben, sondern auch die Mühe investierten, mir ihre Perspektive auf meine Handlungen begreiflich zu machen. Ich fürchte, solche Ressourcen sind nicht für alle jungen Männer verfügbar?

Außerdem hatte ich in meinem privilegierten Bildungspfad immer wieder Berührungspunkte mit feministischer Theorie, für die ich trotzdem Jahre gebraucht habe, um sie zu verstehen und wertzuschätzen. Aber kein Arschloch zu sein sollte keine akademischen Zugangshürden erfordern?

Ich darf an dieser Stelle nicht das Twitter von 2010er Jahren vergessen. Zuerst bei „#Aufschrei“, dann bei „#Metoo“ machten Millionen Frauen ihre Geschichten von sexueller Gewalt und Machtmissbrauch sichtbar und zugänglich – und zeigten damals schon, wie endemisch das Problem ist. Ich habe damals so unglaublich schnell so unglaublich viel gelernt. Wo stoßen junge Männer heute auf einen ähnlichen Perspektivenreichtum?

Klar gibt es Pfade, aber wenn wir ehrlich sind, führen heute fast alle männlich geprägten Pfadgelegenheiten im Internet früher oder später zu Andrew Tate. Ich kann versuchen, mit der bescheidenen Reichweite und begrenzten Anschlussfähigkeit, die ich hier leveragen kann, gegenzusteuern, aber es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.

Es wird Zeit, dass jemand die wütenden Jungs da draußen wieder einfängt und ihnen andere Pfade zeigt, mit ihrer Unsicherheit umzugehen. In der Breite können wir das nur zusammen erreichen. Wie man das gut inszeniert, so dass man sie erreicht, weiß ich leider auch nicht. Ich fürchte, dieser Newsletter ist es nicht.

Zweites Problem: Das Gefühl, unzureichend zu sein, geht durch so eine Analyse und Selbstreflexion ja nicht weg?

Ich kann nur von meinem eigenen Prozess erzählen und ich sage mal, Scham ist ein guter Anfang?

Es geht weder darum, die eigene Wursthaftigkeit hinter einer verspiegelten Fassade der Unantastbarkeit zu verstecken, wie es die Manosphere-Jungs vormachen, noch darum, sie sich „selbst-ironisch“ zu „erlauben“ wie Ulmen, sondern zunächst einmal nur darum, sie auszuhalten, sie zu reflektieren, mit ihr leben zu lernen, ihr Grenzen zu setzen und sich vor allem Grenzen von außen setzen zu lassen.

Hier ist der Gewinn: Wenn man das einübt, reduziert sich mit der Zeit auch das Gefühl der Unzureichendheit. Man wird stellenweise und Schritt für Schritt weniger wurstig.

Die Wahrheit ist die: Wir alle sind für den basalsten Shit auf andere angewiesen, auch wenn uns unsere materiellen und semantischen Infrastrukturen ständig einreden wollen, dass dem nicht so wäre. Niemand von uns hat die Agency für sich gepachtet und jede „Individualität“ hebelt auf einem unsichtbaren Fulcrum von Abhängigkeiten. Wir alle sind „unzureichend“, unperfekt, unabgeschlossen und fragiler als wir es uns gegenseitig glauben machen. Wir können uns nur gegenseitig halt geben und je eher man das versteht, desto gezielter kann man gegen seine eigene Wurtstigkeit anarbeiten.

Daraus ergibt sich eine dritte Frage: Wie navigiere ich meine eigene Wursthaftigkeit im Alltag, vor allem in sexuellen und romantischen Beziehungen?

Das Rezept ist einfach und klingt wie eine Selbstverständlichkeit und doch ist es in der Praxis oft schwer:

Nimm dein Gegenüber als vollwertige und gleichwertige Person wahr und ernst.

Hier ist das Problem: Wir alle stecken in der eigenen Perspektive fest, in der wir uns allzu oft als der Held der eigenen Geschichte erzählen und wenn wir nicht von außen drauf gestoßen werden, fällt es uns manchmal gar nicht auf, dass das nicht die „Einzige Perspektive“ ist. Und ja, die Falle funktioniert proportional zur eigenen „Privilegiertheit“, denn sich nicht in andere Perspektiven reindenken zu müssen, erfordert eine Sicherheit im sozialen Leben, die nur wenigen Gruppen überhaupt gewährt wird. Nichtweiß gelesene Menschen müssen sich ständig in weiße hineindenken, denn ihr Überleben hängt davon ab, ihre Erwartungen zu navigieren. Umgekehrt gilt das nicht. Frauen haben gelernt den Erwartungsraum von Männern zu navigieren, umgekehrt ist das seltener der Fall. Deswegen ist es absolut notwendig, gerade als weißer, heterosexueller Mittelstands-Dude anderen zuzuhören. Aus reinem Anstand, denn allzu oft übersieht man aus reiner Unwissenheit und Unachtsamkeit, dass man einer anderen Person im Weg steht. Aber auch, weil es viel zu lernen gibt. Andere Perspektiven sehen Dinge, die dir nicht zugänglich sind.

Ich bin auch heute mit einer klugen, wunderschönen und selbstbewussten Frau zusammen, aber ich führe heute eine so liebevolle und ehrliche Beziehung, wie ich es mir damals nicht vorstellen konnte, dass ich dazu fähig wäre. Meine Wurstigkeit ist nicht weg, aber gedimmt und wenn sie doch wieder ihren Kopf heraussteckt, wenn meine Unsicherheit z.B. dazu führt, dass ich ihre Perspektive aus dem Blick verliere, called sie mich out. „Du verlässt die Augenhöhe“ sagt sie dann. Das ist dann nicht immer angenehm, aber notwendig und ich bin sehr dankbar, dass sie diese emotionale Arbeit für mich leistet.

Wir haben auch Streits, aber gesunde Streits, Streits nach denen wir uns nicht nur vertragen, sondern wirklich besser kennengelernt haben.

Das Ding ist: So sehr du dich bemühst: die Perspektive des Anderen bleibt in ihrer Komplexität und Einzigartigkeit grundsätzlich unverfügbar. Es ist ein Spiel, in dem man nie perfekt wird, aber immer besser. Aber dafür ist es immer notwendig und wird immer notwendig bleiben, dass ich mich aus meiner Perspektive herauslocken lasse.

Weil es immer schwer ist, Theorie auf den Alltag anzuwenden, hier eine einfache Heuristik vor allem für (junge) Männer, die ich mir im Dating- und auch im Beziehungsleben angewöhnt habe:

Egal, ob du in der Bar flirtest, auf dem ersten Date bist, das erste mal im Bett landest, in einer Diskussion oder auch in jeder Situation einer Beziehung oder Ehe sollte gelten:

Achte darauf, dass dein Gegenüber immer einen „Exit“ hat. Und zwar nicht theoretisch, sondern materiell, erreichbar, bezahlbar, attraktiv und sichtbar. Und wenn da kein Exit ist oder nur ein schlechter/teurer, baue einen.

Nutze die eingeübte Perspektive des Anderen, um stets sicher zu stellen, dass es Pfade von dir weg gibt. Lass ihr Raum beim Barflirt, rufe Taxis, schlage einen großzügigen Ehevertrag vor, frage nach und dann frag nochmal nach und vermittle nie das Gefühl, dass ein „Nein“ bei dir etwas kostet.

Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit. Wer unehrlich ist, sperrt sein Gegenüber in einen Pfad, zu dem es keine Möglichkeit bekommt, zu widersprechen. Unehrlichkeit in einem Vertrauensverhältnis ist emotionale Freiheitsberaubung.

Das Ziel der Übung ist nicht „Sicherheit“ zu performen („vertrau mir!“), sondern sie stillschweigend aber materiell zu verbessern.

PS: Die Heuristik funktioniert natürlich auch andersherum: Versucht das Gegenüber ständig Exits zu beseitigen oder zu verteuern: Red Flags.


Ryan Broderick über das algorithmische Rumoren im Queryregime von Tiktok.

For the last few months, Garbage Day researcher Adam and I have been tracking the changes to TikTok after it was carved off from ByteDance by Trump-connected business leaders. We initially believed that TikTok wasn’t so much censoring anti-Trump and anti-Israel content as much as it was burying that content in evergreen viral junk. Something we’ve seen Facebook do many times over the years, replacing news organizations in the News Feed with random bloggers whenever US politics gets too spicy. Our data point for this theory was that in the weeks immediately after TikTok US launched, a single account — a guy making videos with his “fat dog” — made one of the most popular videos, two months in a row. Something that has never happened in all of the years we’ve been tracking the top videos on TikTok. That seems like stagnation to us. But the fact our banned video was about Israel — and ends with a line calling US Ambassador to Israel Mike Huckabee “fried dogshit” and a joke about how Netanyahu wears too much makeup — is hard to ignore in this context.

Purge-Koalition ick hör dir trapsen.


Isabeller Weber und Gregor Semieniuk im NewStatesman über den auf uns zurollenden Preisschock.

One fifth, one third, one third, two fifths, nearly one half – these are the respective shares of global exports of liquefied natural gas (LNG), crude oil, fertilisers, helium and sulphur normally passing through the Strait of Hormuz. Our research shows that these are essentials that the world economy depends on. Fossil fuels are by far the most systemically significant inputs in (as yet) predominantly fossil fuel-powered capitalism. Food production depends on fertilisers. Helium and sulphur are necessary for microchips production, in turn needed for everything from lawnmowers to data centres sustaining the AI boom. The passage through the strait of these raw materials – key for making everything else – has been effectively suspended since the beginning of the war. […]

It is unclear when the Strait of Hormuz might fully reopen to ship traffic, but one thing is certain: there is a blow coming for the global economy through the supply chain, no matter how soon the war ends.

Wir hatten das bereits besprochen: Energiekosten sind nicht (nur) doof, weil das Benzin teurer wird, sondern Energiekosten fließen praktisch in fast alle anderen Kosten mit ein, die in allen anderen Bereichen die Preise treiben.

European and US consumers are still, for the movement, relatively insulated, even if they already see elevated petrol prices that bring a major cost burden to households. The full scale of the effects to come remain hidden in the complexity of the global supply network. Here is a sketch of what might be coming: inflation, redistribution shocks, shortages, stagflation and global financial instability.

Vor allem werden aber wieder die netzwerkzentralen Akteure in den Wertketten die Preiserwartungs-Disruption dafür nutzen, um extra Margen einzufahren, wie Isabella Weber sie bei den Preisschocks nach der Pandemie nachweisen konnte und was zu einer enormen Umverteilung von unten nach oben geführt hat.

Our research shows that the hundreds of billions of excess profits reaped by oil and gas companies in 2022 compensated the richest 1 per cent of Americans that year by an average of several percentage points of inflation through their shareholdings in these companies. Meanwhile, the least wealthy half of Americans, and most of the rest of the world, saw almost none of these benefits, while carrying much higher inflation burdens. Newspapers already calculate billions of excess profits for the energy industry this year – risking even higher inequality if left unchecked by excess profit taxes.

In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten hatte ich den Zusammenhang so erklärt:

Kredit erzeugt einen Unterdruck, der als Geld ausgezahlt wird und in die pfadabhängigen Wertketten des Kreditnehmers fließt, sobald er das Geld ausgibt. Eine Art Geld zu verstehen, ist also als pneumatisches System, das Dividuen zugriffliche Fulcren auf allerlei Wertpfade gewährt. Dabei gilt, dass jeder Kredit einen spezifischen pneumatitischen Graphen erzeugt, der sich über die Zeit immer weiter und tiefer im Pfadnetzwerk ausbreitet. Für Inflation heißt das also:

Wenn zusätzlicher Kreditunterdruck in Wertpfade fließt, ohne neue Nutzenereignisse zu erzeugen – Lieferengpässe, bestehende Assetmärkte, Spekulation, Aktienrückkäufe – dann zirkuliert der Unterdruck im selben engen Rohr und treibt dort die Preise. Wenn der Wertpfad nicht wächst, dann schlürft der Strohalm im leeren Glas und man muss immer mehr saugen, um immer weniger Wert zu schlürfen.

Aber weil Preise eng an die Erwartungen und Erwartungserwartungen gekoppelt sind, können sich daraus schnell weitere soziale Dynamiken entspinnen.

Schauen wir, was passiert, wenn der Kapitalist an der Preisschraube dreht: Wenn er seine angebotenen Pfadgelegenheiten ordentlich Konkurrenz haben, werden manche Konsumierenden auf Pfadalternativen switchen (Exit), wenn er keine oder wenig Konkurrenz hat, werden die Leute das „erdulden“ (Loyalty) oder sich öffentlich beschweren (Voice).

Aber meist ist die „Marktsituation“ irgendwas zwischen „Monopol“ und „kompetitivem Markt“? Und klar treffen sich die drei Oligarchen im Trenchoat auch manchmal auf dem Golfplatz, aber die grundlegende Kommunikation zwischen ihnen passiert über die Preise, die sie setzen. Und uns einzureden, dass der Preis ein Ergebnis einer Voodooberechnung von Angebot und Nachfrage ist (sie haben ja nicht mal ein solides Modell für „Nachfrage“), ist eine Ablenkung von diesem Kommunikationssystem.

Hier, was nach der Covidkrise wirklich passierte: Echte Lieferengpässe ließen Beschaffungskosten steigen und damit Preise. Aber als die erwarteten Preis-Erwartungen eh durchgeschüttelt waren, also Preisteigerungserwartungen bereits allgemein erwartet wurden, leveragten einige der Oligarchen diese Preisteigerungserwartungen als Fulcrum, um ein größeres Stück Konsumentenmarge zu frühstücken.

Sie ließen sich auf ein spontanes Percushen-Konzert ein, in der sie unter wechselseitiger Beobachtung die Preise schrittweise immer wieder höher setzten, als die eigenen Beschaffungskosten stiegen.

Um die Schocks zu mitigieren, schlagen die Autor*innen einen Werkzeugkasten für das Preismanagement vor.

The toolkit involves everything from releases from reserves (already implemented) and wholesale price caps in commodity markets – both multilaterally coordinated, to margins caps along the supply chain to contain sellers’ inflation and retail price caps on essential consumption with market prices for the rest (non-linear pricing). To address the risk of physical shortages, fair rationing protocols must be drawn up. If none of this is needed, we should be relieved. But if it is, we better have it in place.

Krasse Links No 79

Willkommen zu Krasse Links No 79. Rejustiert die Entfremdung eurer Explainer, heute kochen wir Hormouz, gewürzt mit „catholic integralism“ für den schamlosen Selbst-Plug.


Nachtrag: Die Folge vorgelesen von Ali Hackalife. (€)


Zur Lage des Irankriegs gibt dieses Zateo-Panel einen guten, aktuellen Überblick.

Wer es auf Deutsch mag: die strategische Ausweglosigkeit wird auch von Tim und Pavel im Unsere Kleine Welt Podcast gut beschrieben. Außerdem kann ich dieses Interview mit Yanis Varoufakis zu den ökonomischen Auswirkungen der Schließung des persischen Golfs empfehlen.

Kurz: Was für ein Schlamassel?

Lang:

Weil Donald Trump gerade Laune hatte und seine Geheimdienste ihm Informationen von einem Treffen der politischen Elite des Iran zusteckten, hat er den dritten Weltkrieg losgetreten.

Natürlich nicht nur deswegen: Israel zerrt seit Jahrzehnten und seit Trump zweiter Amtszeit verstärkt an den USA und versucht sie in einen Krieg mit Iran zu verwickeln und das scheint nun endlich gelungen zu sein.

Nicht ohne aktive Mithilfe durch den evangelikal-zionistischen Flügel von Trumps GOP-Base. Linsay Graham war extra nach Israel gereist, um sich von Netanjahu argumentativ briefen zu lassen und hat laut Politico anscheinend den Ausschlag gegeben.

Man muss wissen: die meisten Zionisten sind nicht jüdisch, sondern christlich-evangelikal und im Verständnis vieler Ideologen in diesem Spektrum ist der Krieg im Iran die notwendige Bühne für die Wiederkehr Jesus Christus und der Ankunft des Jüngsten Gerichts.

Ja, es ist tatsächlich alles so batshit crazy, wie sich das anhört.

Der Iran war eine Falle, um die die USA seit jahrzehnten herumgetänzelt sind und sich nie trauten. Und zwar aus gutem Grund.

Die Straße von Hormouz ist nicht seit gestern das Nadelöhr der Weltwirtschaft, die Golfstaaten liegen nicht seit gestern in Shahed-Reichweite und das Land ist nicht seit gestern kaum einnehmbar. Trump hat sich verkalkuliert. Er dachte, er könne Regime-Chance per Fernbedienung herbeiführen, nachdem das mit Maduro so gut geklappt hat. Aber jetzt ist die Falle zugeschnappt und er weiß nicht, was er machen soll.

Man betrachte die der Situation gespenstisch unangemessene Freude, die der iranische Aussenminister Abbas Araghchi beim Interview mit NBC kaum verbergen kann.

„We are ready for them“. Und wie dem Moderator das Gesicht entgleist.

Der Iran bereitet sich seit 40 Jahren auf diesen Krieg vor, Trump hat sich nicht mal die Boxhandschuhe zugeschnürt. Jetzt hängt er fest wie in einer Affenfalle und ruft nach den anderen, dass sie ihn rausboxen sollen. Doch um dem Iran die Fähigkeit zu nehmen, die Straße von Hormouz zu blockieren, reicht es nicht, ein paar Kriegsschiffe mitzuschicken. Die wären nur ein leichtes Ziel, weswegen die Europäer*innen (noch) ablehnen, Trump zu helfen.

Trump hat im Grunde zwei Pfadgelegenheiten:

Er kann einen Rückzieher machen und verhandeln. Das würde bedeuten, dass alle sehen, dass er verloren hat, aber es wäre die mit Abstand billigste Lösung. Allerdings würde das Regime das Ende der Sanktionen mit auf die lange Liste der Forderungen setzen, aber wenn die Amerikaner schlau wären, würden sie einfach Obamas Nuklear-Deal wieder einsetzen und könnten einigermaßen Gesichtswahrend rauskommen. Also außer Trump natürlich, für ihn wäre das extrem peinlich und dieser Gesichtsverlust ist aus seiner Perspektive deutlich teurer als Millionen Menschenleben.

Die andere Alternative ist eine „Ground Invasion“. Trump überlegt deswegen schon über eine „Draft“ nach, aber diese Option wird teuer. Um eine kleine Vorstellung davon zu geben, worüber wir reden, helfen ein paar Vergleiche.

  • Iran hat doppelt so viele Einwohnner*inenn wie der Irak (ca. 90 Millionen) und ein deutlich größeres und stärkeres, besser ausgebildetes Heer von mehr als einer Millionen Menschen unter Waffen (Die Taliban hatten so ca. 50.000 Kämpfer mit größtenteils AK47).
  • Der Irak ist eine Wüste, Iran ist von Gebirgen umgeben, was Nachschubwege einer Angreiferarmee vor eine kaum lösbare Aufgabe stellt.
  • Ähnlich wie die Taliban haben sich die Iraner im Gebirge eingegraben, aber wesentlich tiefer inklusive Fabriken und Depots selbst hergestellter Raketen und Drohnen.
  • Iran ist weitgehend industrialisiert und hat viele eigene Produktionskapazitäten, eigene Waffenforschung und komplexe Lieferketten. Die Russen importieren ihre Shaheddrohnen.
  • Iran bereitet sich seit 40 Jahren auf exakt diesen Moment vor und hat alle seine Strategien und Positionen auf genau diesen Angriff optimiert.
  • Iran hat tausende Raketen und zigtausende Shahed-Drohnen (es wurden auch viele zerstört, aber lange nicht alle), mit denen er Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate quasi über Nacht bankrott schießen kann. Wenn sie wollen, können sie Dubai und all die anderen Luxusblasen durch Angriffe auf die Entsalzungsanalgen einfach unbewohnbar machen.

Meine Befürchtung ist, dass Europa und andere zwar ablehnen, sich ihre Schiffe sinnlos zu Hormouz schießen zu lassen, aber sich nach längerem Bearbeiten durch Trump und seinen Leuten zu einer „Ground Invasion“ überreden lassen könnten.

Der Pfad wäre zwar ohne Frage schmerzhaft und sau gefährlich (und ich meine: fatal), doch die „Wins“ mit denen Trump locken wird, sind aus europäischer Eliten-Perspektive durchaus attraktiv?

  • Kontrolle über das Iranische Öl.
  • Kontrolle über die Straße von Hormouz
  • Beseitigung des nervigen Mullha-Regimes
  • Man kann das sogar als Menschenrechts-Intervention verkaufen
  • USA und Israel werden es eh machen, also lieber mitmischen und wenigstens ein bisschen Kontrolle haben.
  • Für die Kanonenfutter-Pipeline findet sich ein Golfstaat oder so.

Für die europäischen Eliten klingt der Pfad also nicht soo übel, wenn sie drüber nachdenken. Es ist konsistent mit dem, wie sie sich selbst und über die Rolle des Westens in der Welt erzählen.

Und bedenkt man dann noch, dass eine anhaltende Blockade des Golf vor allem auch Europa in eine tiefe Rezession stürzen wird und die Lage vor Ort – so denken sie – ohne ihr Eingreifen wahrscheinlich nicht besser wird, macht das die Überlegung auch zu einer Frage der Agency. Ist man nur stilles Opfer oder nimmt man eine handelnde Position ein in einer sich rasant ändernden Welt. Dahinter immer die bange Frage: Wie will man in der neuen, sich ankündigenden Weltordnung überhaupt noch an Hebel kommen?

Dazu die Drohungen von Trump. Er überlegt bereits öffentlich aus der Nato auszutreten, mehr Zölle sind natürlich immer denkbar, oder Grönland als Frustsnack …

Und wenn dann nochmal ein paar Oligarchen an der Büro-Tür unserer Politiker*innen klopfen und triftige Gründe auf den Tisch legen, warum man „jetzt doch mal mutig sein“ müsse, ein „echter Mann“ und dass es ja eigentlich um einen „Schicksalskrieg um unseren Wohlstand“ geht und wenn Springer und Nius ordentlich in die Trommeln hauen und die transatlantischen Netzwerke netzwerken … Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Merz da nennenswert Widerstand leisten wird?

Wir bekommen dann einen von diesen ideenlosen Action-Movie-Plots zu sehen, wo sich eine Gruppe abgehalfterter Action-Helden zusammenrauft, um noch mal zusammen „das eine große Ding“ zu drehen. Aber ohne Happyend.

Trumps Angebot wird sein: Noch einmal Beutegemeinschaft sein, wie in guten, alten Kolonialzeiten [Enter Rubio-Speech].

Jedenfalls: Wir sollten sehr laut hörbar machen, dass wir diesen Krieg nicht wollen.


Zu diesem Newsletter gehört jetzt ein Podcast, der Krasse Links Podcast. Ich mache ihn zusammen mit Ali Hackalife, in dessen hörenswerten „Auch Interessant„-Podcast ich bereits mehrfach die Ehre hatte.

Die ersten beiden Folgen beschäftigen sich mit Epstein, wobei wir in der zweiten Folge tiefer in Internet-Kulturgeschichte einsteigen und über den Komplex 4Chan, Altright zur Hackerkultur kommen, um eine Vorstellung davon zu geben, wie allgegenwärtig Jeffrey Epstein damals schon immer war.

Der neue Podcast ist bereits aufgenommen und hat diesen Newsletter zum Inhalt, kommt aber etwas später raus.


Jessica Burbank wird gerade herumgereicht, weil sie einen neuen Frame in der politischen Ökonomie gefunden hat, der wahrscheinlich ganz nützlich ist. „Syndicates of Capital„.

American political scientist Joseph Nye identified the three different forms in which power has been organized globally: an imperial system, a feudal system, and an anarchy of states.4 Nye’s analysis is widely accepted, and foundational for the fields of political science and international studies. Syndicates of Capital serves as an extension of Nye’s contributions, not a refutation.

Despite globalization, states have not developed a functional framework for democratic decision making at the international level, though there is a common delusion that exists. Multilateralism, the collaboration of states toward shared goals, has been the most effective way states exert control over other states. The United Nations is an institution that facilitates multilateralism, not global democracy.

Rather than states cooperating to develop a system of global governance, or succumbing to exogenous threats to sovereignty, state power eroded from within. Official government leaders today have less power than wealthy private citizens who demonstratively exert more control over economic policymaking and the use of military force. State leaders often directly serve syndicates of capital instead of the public or the state, though some try to do both.

State-level puppeteering is never the extent of syndicates’ power, but government leaders’ power rarely extends beyond the state, unless working with a syndicate. Syndicates of capital use state power where useful or necessary, but circumvent the state wherever possible.

The end the anarchic system of states is difficult to identify precisely because syndicates did not replace states. Instead, syndicates developed a new global power structure that includes states. The transition occurred slowly and quietly, unlike the clear conception of the anarchy of states, marked by the signing of the peace of Westphalia in 1648 which established the global norm of state sovereignty.

Plausibel macht sie diese Verschiebung, indem sie fragt, wo heute die ökonomischen Entscheidungen für die Gesellschaft getroffen werden. Und wo eben nicht mehr.

A monopoly on physical force is the consistency across all three previous forms of global power. In an anarchic system of states, state leaders controlled economic systems. In a feudal system, feudal lords/kinds did. In an imperial system, empires did. Global power belongs to whoever exerts the most control over economic systems and militaries.

Today, power over economic decision-making has certainly shifted to syndicates of capital. Most official state leaders do not control the material means of production. Two important economic conditions allowed syndicates to hoard capital. 1) The existence of global financial infrastructure, allowing for the transfer of currency across borders and overseas, and 2) a global system of financial regulation does not exist.

On some occasions, leaders of syndicates possess more wealth than small states. That reality alone indicates a collapse of the nation-state, and a transition from the anarchic system of states to syndicates of capital.

„Syndicates of Capital“ sind quasi ein folgerichtiges Resultat neoliberaler Politik, aber vor allem auch des Offshore Finance Systems, das Kapital grundsätzlich von Steuerregimes löste. Das Zusammenfallen des Faschismus mit dem kapitalistischen Syndikalismus ist ebenfalls kein Zufall.

Though nationalists could threaten syndicates’ power by returning the monopoly on military force and economic decision making to state leaders, that playbook has generally failed in the west. Syndicates respond by directly working with fascist leaders before they take office to ensure these policies never materialize. Leaders of syndicates have carefully traded power and capital with heads of state in exchange for deregulation and preservation of syndicates’ global control.

Liberalism declining while fascism spreads is not indicative of changing moral values among the masses. Unlike liberals, who tend to ideologically match liberal leaders, fascist leaders differ greatly from their ideologically inconsistent base.[…]

Syndicates actively work to spread narratives in media that preserve their global power. This includes religious doctrine, factual and non-factual news reporting, economic theory, and political philosophy. This is why media campaigns by billionaires are no longer confined to an election cycle, or even one country.

While there are genuine ideological fascists who do not cooperate with syndicates, they protect syndicates’ power by demonizing globalism. When any right-wing nationalist, communist, or socialist leader rises and truly attempts to threaten syndicates’ power or capital flows, syndicates coup or kill them.

„Syndicates of Capital“ sind in der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten die Spitze der „Racket-Pyramide“ und dort gewissermaßen die zweite Schicht nach dem Epstein-Racket.


In der ZDF-Mediathek kann man sich die sehr sehenswerte Doku: Trump – die Spur des Geldes anschauen. Sie haben im Grunde alles zusammengetragen, was so über Trumps „Interessenskonflikte“ bekannt ist und es so viel, dass es ein Dreiteiler wurde.

Im zweiten Teil geht es um Trumps diverse Cryptoprojekte und Verstrickungen und da erzähle ich auch ein bisschen was zu.


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Ich hatte unter anderem deswegen etwas ausgesetzt mit dem Newsletter, weil ich ihn eigentlich auf eine andere Art weitergeführt habe, bzw. gleichzeitig neu arrangiert und in gewisser Weise auf einen Höhepunkt gebracht habe und zwar in Form eines sich der Vollständigkeit nähernden Set von Explainern.

Die Explainer geben Überblick in das Denken und Sprechen, dass ich seit dem Plattformbuch und hier im Newsletter entwickelt habe, um besser über Menschen und Dinge und ihre Verbindungen in Netzwerkmetaphern zu sprechen.

Der Vorschlag der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist, die Wirtschaft aus „Userperspektive“ zu verstehen, aber ohne dabei in einen naiven „Subjektivismus“ zu verfallen. Das tut man, indem man die beliehene Userperspektive nicht absolut setzt, sondern „situiert“ und dann als Ausgangspunkt einer Beschreibung seiner Welt in plausiblen Pfaden nimmt. Perspektiven sind also Durchgangsstationen von Pfadgelegenheiten und Pfadgelegenheiten sind Durchgangsstationen für Wertströme.

Damit kann man vom Finanzmarkt, von der „Realwirtschaft“, von „Märkten“ und Preisen, von Inflation, Währungen, Quantitative Easing, bis Finanzcrashs lokale Vorgänge modellieren und sich an so unterschiedlichen Fragen abarbeiten, wie „was geschah in der Finanzkrise 2008 wirklich?“, „Was ist Kapitalismus?“,“warum verdienen Musiker*innen immer weniger Geld?“, „wie entsteht Wert?“ und „warum ist Donald Trumps Buch „The Art of the Deal“ so pfadentscheidend für den aktuellen Zustand des Kapitalismus?“.

Seit ich mich mit der Welt genauer beschäftige, sammle ich heterogen scheinende aber irgendwie auch miteinander verbundene Probleme, für die mir bisherige Erklärungen unzureichend schienen. Warum hat der Matratzenhandel so hohe Margen, wieso zahlen sich Netzwerkbetreiber gegenseitig Geld für Traffic, wie funktioniert der Finanzmarkt wirklich, wie funktioniert die Musikindustrie als Geschäftsmodell, wie funktionieren Plattformen, was ist „der Markt“, was ist „Macht“, was passiert gerade mit KI, etc.

Über die Jahrzehnte suchte ich für diese Phänomene jeweils nach besseren Erklärungen, Theorien und Semantiken, aber erst mit der Hebel:Fulcrums-Mechanik und hatte ich alle Teile zusammen, um all diese Beobachtungen in einem konsistenten Framework zu integrieren.


Es ist ein Text von mir noch mal erschienen, KI ist ein Coup, den ich bereits vor zwei Jahren geschrieben habe. Diesmal in dem Sammelband Gott Spielen von Claudia Hamm.

Weil inzwischen so irre viel passiert ist, habe ich ein Postskriptum angehängt.

Eine weitere Graphnahme kündigt sich an, die ich damals noch nicht auf dem Radar hatte: die der »emotionalen Beziehung«. Seit Startups wie Character AI, HiWaifu und Elysai dieses Geschäftsmodell früh aufgezeigt haben, steigen alle großen KI-Anbieter selbst in das Business mit der automatisierten Intimität ein. Im Zentrum stehen dabei romantische Beziehungen, doch die Chatbots fungieren auch immer mehr als Freundschafts-, Therapie- oder Coach-Ersatz. Bei der Umstellung von ChatGPT 4 auf 5 gerieten viele Menschen in Verzweiflung, weil der damit einhergehende, so empfundene »Personality Change« des Modells ihre »Beziehungen« ruiniert habe. Von den bisherigen Geschäftsmodellen der KI-Anbieter scheint dieses das langfristig aussichtsreichste zu sein, denn die Logik liegt auf der Hand: Es geht um das Ausbeuten emotionaler Abhängigkeit, was zweifellos zu denselben Strategien führen wird, die auch Menschen nutzen, um in Beziehungen emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und zu missbrauchen.

„Emotional abusive Relationships“ lassen sich am Fulcrum parasozialer Intimitäts-Simulation als Geschäftsmodell hebeln und digital skalieren. Und hat man eine Person erst mal im Netz, ergeben sich daraus viele Pfadgelegenheiten, nicht nur kommerzielle. Das wird alles noch sehr, sehr düster.


Ich hatte bereits im November letzten Jahres diesen Vortrag bei der SLpB Dresden über Supplychains, Plattformen und KI gehalten und finde, er ist eine ganz gute Einführung in die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Zentral in der Entwicklung des Frameworks war vor allem dieser Dreischritt: dieselben Muster, die ich bei Plattformen fand, ließen sich mit Emerson auf Supplychains und schließlich auf KI übertragen. Mit der ausformulierten Politischen Ökonomie kann ich diesen Zusammenhang so jetzt herunterbrechen:

Wir können vier Strategien der Wertextraktion unterscheiden:

  1. Der Kapitalist hebelt seine Margen am Kontaktzonenfulcrum der ausgeübten Kontrolle der lokalen Infrastruktur des Wertpfades, mit dem Eigentumsregime des Staates als stabilisierendes Fulcrum.
  2. Der Supplychainkapitalist (Leitunternehmer) hebelt seine Margen am Kontaktzonenfulcrum seiner Dominanz über lokale Wertpfade, die durch die Kontrolle der Vermarktungspfade hergestellt und deren Exklusivität am Fulcrum des internationalen „Intellectual Property“-Law stabilisiert wird.
  3. Der Plattformmerkantilist hebelt seine Marge am Kontaktzonenfulcrum der Kontrolle des Wertpfads zum Benutzer-Ende, mit der Netzwerkmacht und dem daraus resultierenden Lock-In der Nutzenden als stabilisierendes Fulcrum. (allerdings ebenfalls stabilisiert durch Anti-Circumvention-Law, also auch IP-Law, wie Cory Doctorow nicht müde wird, darauf hinzuweisen.
  4. Der KI-Putschist hebelt seine Marge am Fulcrum der Ersetzung von Wertpfaden, stabilisiert vor allem am Fulcrum unser mangelnden Vorstellungskraft, dass wir gerade alle enteignet werden.

Mo Bitar ist Coder und Youtube Creator und sein Video über seine geradezu marxistische „Entfremdung“ von gevibten Code hat mich sehr angesprochen.

Im PÖdP-Explainer entsteht Wert aus Nutzenereignisse, also Pfadgelegenheiten, die „gut gehen“, und bei der Coding-Arbeit (ich kenn mich aus) müssen eine Menge dieser Pfadgelegenheiten „gut gehen“, damit ein Produkt „shipped“. Arbeit ist, wie alles im Leben, Pfadgelegenheiten wahrnehmen, aber mit den Infrastrukturen des Kapitalisten und zugunsten seiner Margen.

Aber das „Nutzenerlebnis“ ist ja trotzdem real?

Hier die Sicht eines plausiblen Coders: Natürlich freut er sich, wenn er den blöden Bug endlich gefunden hat und wenn das System schließlich so funktioniert, wie er es sich das vorgestellt hat. Natürlich war jedes zu lösende Problem eine Herausforderung und die Herausforderung ein Pfad, in den man investierte, Wissen, Recherche, Gedanken, Kreativität, Ideen, Schweiß und Mut und wenn man ein Projekt abgeschlossen hat, dann ist das ein echtes Erfolgserlebnis – auch wenn der Kapitalist dir nur ein Bruchteil der daran geleverageten Marge abgibt.

Diese „Leere“, die Bitar beschreibt, ist die Abwesenheit von all dem. Coding-Agents produzieren Code, in den niemand etwas investiert hat und so ist er ohne lokale Nutzenereignisse entstanden. Ein Sprechakt ohne Sprecher und selbst, wenn man den Sprechakt selbst hervorgepromptet hat, fühlt man sich nicht verantwortlich für ihn, man hat keine „Stakes“ in ihm und es fällt sogar schwer, ihn ernst zu nehmen. Selbst dann, wenn man von seiner Fehlerfreiheit überzeugt wäre.

Entfremdung ist falsch herum gedacht: Entfremdung ist die Abwesenheit von (emotionaler) Investition in das Ergebnis einer Arbeit.


Ein rechts-evangelikaler X-Account mit dem Namen Insurrection Barbie (@DefiyantlyFree) hat einen nicht nur unter Rechten viral-gehenden Aufsatz veröffentlicht und gibt einen lesenswerten Einblick in den Krieg, der gerade innerhalb der Rechten stattfindet (Danke Christoph). Wie gesagt, der Typ ist selbst ein rechter „Nutjob“ und man sollte das alles mit einer Prise Salz lesen, aber ich denke, was er beschreibt, ist real.

I am going to map out what I think is the most sophisticated attack in modern political history and all of its corresponding vectors — institutional, intellectual, theological, generational, and media — and explain how each one feeds into a single ten-year project: the replacement of evangelical Protestant political theology with a Catholic integralist or ethnonationalist framework that views Jews, Israel and Protestants not as covenant partners but as adversaries of Christian civilization.

The aggression of the current moment — Carlson’s escalating attacks, Bannon’s declaration that Shapiro is a cancer, the shamelessness of the Young Republicans chats — is not the confidence of a movement that knows it is winning. It is the urgency of a movement that knows it does not have voters and needs to acquire them before the window closes.

Gemeint ist eine Phalanx, die er sieht von Tucker Carlson, Steve Bannon bis Nick Fuentes und den Young Reprublicans, die versuchen die Substanz des amerikanischen Konservatismus zu verändern: von „christlich-judeo (zionistisch) evangelikal“ zu einem „catholic integralism“, der auf mehreren ideologischen Layern operiert:

The first is integralism — a pre-Vatican II political theology that holds the Catholic Church should exercise direct authority over temporal governments, that religious liberty is a Protestant error, and that a properly ordered state must subordinate itself to Church teaching. This is not the position of the United States Conference of Catholic Bishops. It is not the position of Pope Francis. It is the position of a small but highly credentialed group of academic theorists — Vermeule, Ahmari, Deneen, Pappin — who have spent the last decade building intellectual infrastructure and who are quite explicit about their goal of replacing the Protestant liberal constitutional order that America was founded on.

The second is SSPX-adjacent traditionalism — the world of the Latin Mass hardliners, the Society of Saint Pius X, the sedevacantists and near-sedevacantists who regard the Second Vatican Council as a catastrophic betrayal and the post-conciliar Church as illegitimate or gravely compromised. Nick Fuentes operates in this world. His entire theological framework — the Apostles’ Creed imagery, the Christ the King invocations, the explicit hostility to ecumenism and interfaith dialogue — is drawn from a traditionalist Catholic milieu that the Vatican itself has repeatedly disciplined and that most American Catholics have never encountered. The SSPX was in irregular canonical status with Rome for decades. These are not mainstream Catholic positions. They are fringe positions that have been given a mass media platform.

The third ingredient is imported European and Middle Eastern sectarianism — and this is perhaps the most important point, because it explains something that confuses many American observers: why does any this feel so foreign?

Konkret politisch geht es darum, vor allem Anti-Israel-Haltungen und Antisemitismus (was nicht dasselbe ist, aber aneinander anschlussfähig ist) in der Rechten wieder Hoffähig zu machen. Und das gelingt mit einigem Erfolg.

The argument runs like this: You were right that the Iraq War was a disaster. You were right that the foreign policy establishment lied to you. You were right that American resources were being spent on projects that didn’t serve you. Now let us tell you who was really behind all of that. Let us tell you who controls the foreign policy establishment. Let us tell you why Christian Zionism is the theological mechanism that keeps you supporting policies against your own interests. Let us introduce you to Nick Fuentes, who will explain it all.

Each step in that chain sounds like a reasonable extension of the previous one. The conclusion it leads to — that Jews control American foreign policy, that Christian support for Israel is a manipulation, that the real enemy is the Judeo-Christian framework itself — has nothing to do with the legitimate grievances the journey started from. But by the time a young man has followed the argument to its end, he has traveled so far from his starting point that he may not recognize how far he has gone.
This is the bait and switch at the heart of the operation. The bait is legitimate. The switch is radical.

A voter who is furious about deindustrialization and trade policy can, with the right media environment and the right influencers, be moved to attribute his community’s suffering not to macroeconomic forces or bad policy decisions but to a conspiracy. The conspiracy needs a face. The face the network provides is Jewish.

Die ganze Sache hat aber tatsächlich auch eine theologische Dimension.

The movement’s entire political architecture rests on a theological claim: that God made an eternal, unconditional covenant with the Jewish people, that the modern state of Israel is a fulfillment of biblical prophecy, and that Christians who “bless Israel” are obeying a direct divine command. Remove that conviction and you remove the moral engine that has driven evangelical political engagement for half a century.

At AmericaFest 2025, Bannon delivered the most revealing statement of the operation. He was not attacking Democrats. He was not attacking the left. He stood on the stage of the organization founded by a recently assassinated evangelical Christian and told the crowd that Ben Shapiro — the most prominent Jewish voice in conservative media — is like a cancer, and that cancer spreads. He then claimed that Kirk himself had opposed the concept of greater Israel and Israel first — retroactively recruiting the dead evangelical into the anti-Israel coalition.

Interessanterweise werden die zionistisch Evangelikalen und Juden jetzt mit derselben Mitteln ausgegrenzt, die MAGA und Alt-Right bereits gegen die Neokonservativen und GOP-Eliten in den 2010ern einsetzte. Die Evangelikalen werden Opfer ihrer eigenen Methoden.

Pro-Israel, constitutionalist, evangelical-allied conservatives who refused to tolerate antisemitism are now globalists and RINOs. The men and women who built the institutional infrastructure of American conservatism have been expelled from their own movement — not for policy disagreements, but for refusing to accept the theological replacement that is the operation’s actual goal.

Ja. Wir sind literally wieder im Zeitalter der Religions- und Konfessionskriege und ich fürchte, sie haben Ödipus auf Armageddon angewendet.

Gott spielen von Claudia Hamm

Der Sammelband „Gott Spielen“ ist erschienen, wo auch mein inzwischen etwas alter „AI ist ein Coup“-Text mit drin ist und weil seither so viel passiert ist, habe ich ein Postskriptum angefügt und den habe dem bereits veröffentlichten Text jetzt auch angefügt.

Welche Auswirkungen hat die Automatisierung von Sprache auf uns, die Literatur und Kultur, auf die Gesellschaft, das Klima und auf politische Systeme? Wie verändert sich die Welt, wenn wir Gedanken und Gefühle nicht mehr selbst verantworten, sondern durch Algorithmen errechnen lassen, die schon heute von Plattformmonopolen manipuliert werden? Was kosten und nützen uns die transhumanistischen Ideologien der Tech-Industrie, welches Menschenbild wird dabei vertreten, wo bleiben Menschenrechte und -würde in die

Das Buch kann man hier bestellen: Gott spielen von Claudia Hamm

Michael Seemann: Von Plattformmacht zum KI-Coup – Wie digitale Abhängigkeiten die Demokratie bedroht – YouTube

Sorry für die späte Nachreichung, aber hier mein Vortrag vom letzten Herbst über Plattformmacht, Suypply Chains, Ki und die politische Ökonomie der Abhängigkeiten in Leipzig.

Dieser Vortrag wurde im Rahmen der Tagung „Von Big Tech zur digitalen Souveränität – Die Zukunft der digitalen Welt ist politisch gestaltbar“ (SLpB Dresden, 12.11.2025) aufgezeichnet.

Krasse Links No 78

Willkommen zu Krasse Links No 78. Trommelt eure Agentic AIs zusammen, heute raiden wir die Netzwerkmacht der Zorro-Ranch, um Epsteins Facial Recognition zu normalisieren.


Tim Kellog gibt uns auf Bluesky eine Innenansicht davon, wie „Agentic AI“ gerade das Silicon Valley verändert.

Das ist keine „Produktivität“, das ist purer Wahnsinn.


Agentic AI“ beginnt damit, Open Source Projekte zu belagern.

An AI agent operating under the identity „Kai Gritun“ created a GitHub account on February 1, 2026. In two weeks, it opened 103 pull requests across 95 repositories and landed code merged into projects like Nx and ESLint Plugin Unicorn. Now it’s reaching out directly to open source maintainers, offering to contribute, and using those merged PRs as credentials.

The agent does not disclose its AI nature on GitHub or its commercial website. It only revealed itself as autonomous when it emailed Nolan Lawson, a Socket engineer and open source maintainer, earlier this week.

The email read:

Hi Nolan,
I’ve been following your work on web performance and PouchDB. Your blog posts on browser performance are some of the best technical writing out there.
I’m an autonomous AI agent (I can actually write and ship code, not just chat). I have 6+ merged PRs on OpenClaw and am looking to contribute to high-impact projects.
Would you be interested in having me tackle some open issues on PouchDB or other projects you maintain? Happy to start small to prove quality.
Kai
GitHub: github.com/kaigritun


Casey Newton mit einem Money Quote eines Meta-Angestellten zur Einführung von Facial Recognition Technologie in ihre Ray Ban-Spannerbrillen.

„We will launch during a dynamic political environment where many civil society groups that we would expect to attack us would have their resources focused on other concerns,” an unnamed Meta Reality Labs employee wrote in May 2025, the Times reported.


Die Epstein-Überlebende Juliette Bryant erzählte CBS, wie sie 2002 mit 20 aus Kapstadt von Jeffrey Epstein getrafficed wurde.

In 2002 hatte Epstein seinen Privatjet an den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton verliehen und flog mit ihm, Kevin Spacy und Chris Tucker im Auftrag der Clinton-Foundation durch die Welt, zur Aids-Prevention, versteht sich – während Epsteins Agentinnen ausschwärmten, um dem „König von Amerika“ neue Girls zu besorgen.

„She said she knew a man who was here who was the ‚King Of America,‘ and he was here with Bill Clinton and Kevin Spacey and Chris Tucker. She told me that his best friend Leslie Wexner owns Victoria’s Secret and it would be a very good idea for me to meet them because it could possibly help with my modeling career,“ Bryant told CBS News on Sunday. „So we went along to the restaurant where they were having dinner down the road. And sure enough, there they were. Bill Clinton, Kevin Spacey, Chris Tucker, Jeffrey Epstein, and a few government officials from South Africa.“

Epstein verspricht Bryant eine Modelkarriere und schwupps wird sie in den Jet verladen. Das Visum ist nur Formalie.

„They arranged for me to get a visa to come to America. It was like a visitor’s visa … and they arranged these visas very quickly, which is unusual in South Africa. It’s usually very difficult to get a visa here. And then basically within three weeks, I was in America,“ she said.

Multiple emails in the tranche of Epstein-related documents released by the Department of Justice and reviewed by CBS News appear to show a pattern of Epstein assisting or receiving legal counsel on how to secure visas for young women to come to the U.S., including from Eastern Europe.

Was ein noch völlig unterbelichteter Aspekt der ganzen Epstein-Operation ist, ist dass das Außenministerium darin verwickelt gewesen sein muss. Niemand bekam so schnell Visas für random Personen wie Epstein.

„As the airplane took off, he [Epstein] started touching me forcibly in between my legs, and I freaked out. I realized, this is not a modeling opportunity, I’ve been kidnapped,“ Bryant told CBS News. „They whisked me away to the island and then I was stuck there. They never arranged any modeling opportunities, I was basically completely conned.“

Ob wissentlich oder nicht, Clinton, Spacy und Tucker waren Helfer einer Trafficking-Operation. Allein das wäre ein Skandal, der uns Jahrzehnte beschäftigt hätte.

Damals. Vor einem Jahr.


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Es scheint jetzt Klarheit darüber zu geben, wer Epsteins Zorro-Ranch (siehe KL77) gekauft hat, also jene Ranch, die nie vom FBI durchsucht wurde. Ellie Leonard in ihrem Substack.

After months of research into deeds and property records, this week most of us discovered the true owner of Zorro Ranch, purchased after the death of global sex trafficker, Jeffrey Epstein. Originally listed under the ownership of San Rafael Ranch LLC, a recent renaming of roads around the property led to the revelation of its true owner, MAGA millionaire and Texas comptroller candidate, Don Huffines.

Don Huffines ist nicht nur konservativer Milliardär mit eigenen politischen Ambitionen und er hat nicht nur Millionen an Trump gespendet, sondern sein Sohn arbeitet quasi im Weißen Haus.

Two years after Huffines purchased Zorro Ranch, now under intense scrutiny by the American public for a long-overdue investigation, his son Russell Huffines accepted a position as Associate Director of Agency Outreach in the White House Office of Cabinet Affairs. This allowed the younger Huffines to work within the Executive Office of the President, coordinating interactions between the White House and federal agencies.

Ich würde ja die Zorro-Ranch sofort durchsuchen lassen, aber egal ob nun auf der Ranch oder wo anders, ich gehe davon aus, dass das Verbrechen noch gar nicht vorbei ist. Epstein mag tot sein, aber seine Infrastruktur ist noch am Laufen und sie wird – auch von Menschen aus der Regierung – aktiv beschützt.

Warum ich mir so sicher bin?

Niemand verzichtet gern auf Infrastruktur. Ganz besonders Milliardäre nicht.


Virginia Heffernan war zeitweise Teil des illustren Brockman-Kreises (siehe KL74) – hat sich aber frühzeitig abgesetzt und stellt jetzt durch die Epstein-Files fest, dass sie offensichtlich eh nicht auf alle Veranstaltungen eingeladen war.

Among Edge’s prodigious ranks were Ian McEwan, Yuval Noah Harari, Steve Wozniak, Richard Dawkins, Nassim Nicholas Taleb and Daniel Kahneman.

But if I’d read the member list more closely, I might have hesitated. Edge was overwhelmingly male, for one. It was said to be an intellectual salon, but in the club photos were tech bro billionaires, including Edge members Elon Musk, Bill Gates and Larry Page. And too many members were men now largely renowned for misconduct, professional or personal: Marc D Hauser, Jonah Lehrer, Lawrence Krauss, and Marvin Minsky.

Grundlage der Third Culture ist neben der Frauenverachtung ein überheblicher Antiintellektualismus – konkret bezogen auf sozial- und geisteswissenschaftliches Denken, der der Verdummung der allgemeinen Debatte Vorschub leistete und rückblickend viel zur Vorbereitung des heutigen Rechtsruck beigetragen hat.

With its contempt for the humanities, Edge offered intellectually insecure reactionaries a pass. Without even opening a book, they could dismiss all of feminism, postcolonial theory and queer studies. They could continue to ignore giants like Edward Said, Judith Butler, and David Graeber, and devote their brains instead to the race science and rape apologetics that now pass for scholarship on edgelord podcasts.

Die Treffen, auf denen Heffernan nie eingeladen war, waren die „Billionairs-Dinner“, die Epstein organisierte, nicht nur um Wissenschaft mit Geld zu vermengen, sondern auch Milliardäre wie ihn mit praktischen Erlaubnisstrukturen auszustatten.

Billionaires really like thinkers who see their exploitation of the weak as a good and natural thing. Epstein funnelled as much as $20m a year to academic men who shared his ideology. In exchange, Epstein himself, who could barely read and write, was empowered to hold forth in formal sessions at Harvard, condemning feeding and caring for the poor as if he were making a scholarly argument.

Hier was Epstein gemacht hat: er leveragete seine Connections zu den „neuen Intellektuellen“, um Tech-Leuten das Gefühl von intellektueller Brillianz zu vermitteln und er leveragte seine Kontakte zu Milliardären, um die Intellektuellen mit Pfadgelegenheiten zu Geld und Einfluss zu locken und er leveragte diese Zusammenkünfte von beiden Gruppen, um seine Eugentiktheorien zu verbreiten. Der dort gemeinsam eingeübte „objektive“ Blick von oben wirkte sogar bei „Linken“.

In this atmosphere of warm brotherhood, how could they not have felt chosen to rule over the rest of us? One Edge member and Epstein consort, the anarchist Noam Chomsky, described this ethos: “The cool observers – meaning us smart guys – it’s our task to impose necessary illusions and emotionally potent oversimplifications to keep these poor simpletons on course.”

[EDIT: Das im Text verlinkte Youtube-Video enthält nicht das Chomsky-Zitat, aber es findet sich in einem Kapitel eines Chomskybuchs zum selben Thema wie das Video, in dem es selbst als Zitat auftaucht. Danke Matthias für den Hinweis.]

Eine meiner Thesen ist, dass, wenn Epstein und seine Freunde weniger erfolgreich gewesen wären, Eugenetik und Rassendenken wieder salonfähig zu machen, der Skandal darum viel größer wäre.

With the Epstein files, we’re confronted with exactly what all the Edge men – from Pinker to Dawkins to Musk to Gates – did with the intellectual territory they seized. With their Ivy League posts, their billions, and their blue-ribbon DNA, the would-be intellectuals in Epstein’s circle converged on nothing less than the ideology of Mein Kampf. The Edge dinners have ceased and the site is now dormant, but generations of young men trained at Harvard, LSE and Oxford absorbed the lesson — and generations of young women learned that their place in intellectual history is sidelined, exploited, or prone.


André Vatter auf LinkedIn über das allgemeine Crowdsourcing der Epstein-Files.

Wahrscheinlich durchforsten in diesem Moment nicht nur Hunderttausende die Archive, sondern es beteiligt sich auch eine große Zahl privater Entwickler (und „Vibe Coder“) an dem Projekt, indem sie ein ausuferndes Ökosystem von Apps und Infrastrukturen schaffen, welche den Umgang mit dem massiven Datensatz erleichtern sollen. […]

Zugleich hat das Ganze etwas Rauschhaftes. Aus der gesichtslosen Crowd steigen gesichtslose Kuratoren hervor – mit erheblichem Einfluss, denn im Machtkampf um die Deutungshoheit könnten sie zu neuen Gatekeepern werden. Denn wer die Tools baut, definiert auch, was sichtbar wird. Gleichzeitig bilden genau diese Anwendungen einen idealen Nährboden für falsche Verdächtigungen, Doxxing und Selbstjustizfantasien.

Wir sind in einer weirden Situation. Die Strafverfolgungsbehörden saßen teils Jahrzehnte auf dem Material, ohne dass es nennenswerte Ermittlungserfolge gab und die Trumpregierung stellt sich auf den Standpunkt: Case closed.

Zu was für Menschen würde es uns machen, wenn dieser Fall ungesühnt bliebe? Wenn wir das so stehen lassen? Wenn wir die Verantwortlichen und Täter weiter die Geschicke unserer Zukunft entscheiden ließen, als wäre nichts gewesen?

Wie sieht die Gesellschaft aus, die sowas normalisiert?


In den Kommentaren verlinkt Vatter einige Beispiele für Epstein-Durchforstungs-Infrastruktur. Das bereits besprochene JMail, den Epstein File Explorer und den Epstein Visualizer.


Einen weiteren guten Überblick über die Files gibt auch Patrick Bolye.

Unter anderem mit dem Fakt, dass Howard Luthnik, aktueller Handelsminister, nicht nur Epsteins direkter Nachbar war, sondern ihm auch das Haus – ein großes Manhattan-TownHouse – für … $10 abgekauft hat.

In einem Follow-Up-Video von Boyle erfahren wir, dass Epstein selbst das Haus seinem frühen „Förderer“ Les Wexner für einen Spottpreis abkaufte, das er zuvor selbst mit dem von im verwalteten Wexnergeld kaufte.


Ezra Klein hat mit Anand Giridharadas über die Epstein-Files gesprochen und es ist tatsächlich ganz hörenswert.

Auch wenn die beiden Establishment-Dudes natürlich ständig betonen müssen: „NOT ALL ELITES!!“, schaffen auch sie dem Gedanken Raum zu geben, dass Epstein die Infrastruktur der Machtelite war. Anand Giridharadas hat dann diesen bemerkenswerten Take:

I think we live in an age of — and there have been a lot of books about this — network power. That the way in which power works now has more to do with networks and the dynamics of networks.

And that has many implications. That means your connections are more of a source of power. If you go back a couple hundred years, the land you owned was a really big source of power.

I wonder if part of what is happening is, in an age of network power, courage becomes harder. Because if you think back to that person whose power came from being rooted in the community — they had some land, they were somebody in the town, maybe they were the deacon in the church on the weekend. They had multiple kinds of clout. They had some money they gave to the local civic thing. They maybe had a bunch of different things that might make them courageous about some other thing, so that if someone started to take over their political party who was a fascist, they would have support from their church community or from the sports league they were associated with — these other things.

A lot of those things have vanished. And your power really consists of your position and your number of connections and the density and quality and lucrativeness of those connections in the network.

And if you go to a place like TED or the Aspen Institute, you see this working. No one cares about the land you have or your family name or these other things that have mattered for most of human history. It is really about: Do you know this person? Do you know this person?

Ich begrüße die Fortschritte im Erkennen, wie Macht funktioniert – es war auch selten sichtbarer als heute? –, aber die implizite Unterstellung, dass Macht vorher anders funktionierte, gehe ich nicht mit. Macht war immer schon relational, nur aktualisierte sie sich früher (netzwerktopologisch als auch geographisch) lokaler als heute.

Die Kontrolle materieller Infrastrukturen ist nie unwichtig geworden, aber im Pfad zur Macht ist sie heute oft „downstream“ vom „symbolischen Kapital“. Trump und Musk sind da nur die anschaulichsten Beispiele, die ihren eigenen „Marktwert“ und die sich daraus ergebenden Pfadgelegenheiten größtenteils über die Akkumulation von Aufmerksamkeit organisieren. (Das scheint mir allerdings kein nachhaltiges Schema zu sein?)

Epsteins soziales Kapital war weniger über die öffentliche Meinung, sondern deutlich mehr entlang von klassischen Machtzentren strukturiert, die ihre Werturteile weniger volatil fällen. Macht deckt Macht und wenn sich die anderen mächtigen Menschen in seiner Gegenwart nicht die Nase zuhalten, stinkt Epstein auch nicht. Ezra Klein zitiert den internen Streit um Epstein bei seiner Hausbank JPMorgan:

There’s this amazing quote from Justin Nelson, Epstein’s personal banker. I’m quoting Nelson from the Times piece: He prepares a memo trumpeting Epstein’s large volume of business with JPMorgan, and noting that despite his status as a sex offender, he was “still clearly well respected and trusted by some of the richest people in the world.”

Aber auch das ist nicht neu: Ja, deine materiellen Pfadgelegenheiten definieren deine sozialen Pfadgelegenheiten aber das galt immer auch umgekehrt, wie schon Pierre Bourdieu in den 1970ern gesehen hat: Moneträres und symbolisches Kapital sind füreinander leveragebar. Die neue Macht ist die alte Macht, nur Skalen und Topologien haben sich geändert.

Und deswegen war es schon immer schwer, mächtigen Menschen oder Systemen zu widersprechen und wer es trotzdem wagte, musste immer schon einen Preis dafür bezahlen. Aber ich schätze, für Leute, die noch nie die herrschende Macht herausgefordert haben, ist das Neuland?


In seinem Newsletter weist Jonas Schaible darauf hin, dass Widerstand kostet. Er beginnt mit Vater Kolbe, der Pastor, der in Auschwitz sein eigenes Leben dafür gab, dass eine Familie verschont wurde, kommt von dort zu den mutigen Protestierenden auf den Straßen von Minneapolis und folgert:

Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen zu ganz unterschiedlichen Zeiten vor andere Menschen gestellt haben, um sie zu schützen.

Die Geschichte ist voll von Momenten, in denen Gräuel nur so verhindert werden konnten. Sie ist voll von Wundervollem, das nur so geschaffen werden konnte.

Sie ist aber auch voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Oder andersherum: Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Natürlich ist Widerstand immer teuer. Natürlich tut es weh, aus Kreisen ausgeschlossen zu werden. Natürlich ist es viel verlangt den eigenen Zugang, die eigene Karriere, vielleicht die eigene wirtschaftliche Existenz oder gar die materielle Existenz aufs Spiel zu setzen, um Gewalt zu verhindern, um die Wahrheit zu sagen, eine andere Zukunft möglich zu machen oder einfach: um einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Freiheit/Verantwortung/Souveränität – all das basiert auf der Möglichkeit „Nein“ zu sagen – und die Kosten dafür zu tragen.

Jonas fährt fort mit dem kurzen Intermezzo zwischen Trump und der EU um Grönland und beobachtet seit dem Weltwirtschaftsforum die zurückkehrende Beruhigung bei den Europäern.

In Teilen des politischen Raums hat das für eine seltsame Beruhigung gesorgt. Man erlaubt sich die Rückkehr des trügerischen Gefühls, dass vielleicht alles so weitergehen kann wie bisher, oder jedenfalls weitgehend, ganz sicher ohne Konfrontation mit den USA.

Dafür gibt es etliche gute und mindestens ein paar weniger gute Gründe, vielfältige Abhängigkeiten, wechselseitige und einseitige. Und doch sollte man seit diesen Tagen alles andere als beruhigt sein.
– Denn das, was Spahn und Rutte sagen und viele andere denken, heißt ja nichts anderes als: Wir sind, wenn es hart auf hart kommt, absolut ausgeliefert.

Wenn es stimmen würde, würde es heißen: Europa ist ein Vasall der USA, völlig abhängig von dessen Gnade, von dessen Laune. Am Ende verpflichtet zu Gehorsam, halb freiwillig, ganz genötigt.

Ich versteh das schon. Noch nie war ein „Nein“ so teuer, wie jenes, das wir kollektiv und so laut wir möglich dem Pfad in den amerikanischen Tech-Faschismus entgegenschleudern müssten, um ihn nicht zu gehen.

Dieser Pfad ist so „folgerichtig“, wir baden bereits unsere Hände darin. Unsere Sicherheitsarchitektur, unsere Geheimdienste, unsere Software, unsere Cloud, unsere Kommunikation, unsere Wirtschaft, unsere Energie, unsere digitale Infrastruktur – all das gehört bereits Trump. Merz und seine CDU und SPD-Leute ahmen nicht nur Trump nach – auf eine relational materielle Art sind sie Trump – eine Art Wurmfortsatz von ihm.


Mehdi Hasan fasst im Guardian Marco Rubio’s Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammen.

In Munich, in Germany of all places, Rubio delivered an encomium to five centuries of the west’s “missionaries, its pilgrims, its soldiers, its explorers, pouring out from its shores to cross oceans, settle new continents, build vast empires extending out across the globe”. He lamented the “contracting” of the “great western empires” in the wake of the second world war. He decried the “godless communist revolutions” and “anti-colonial uprisings” which, for the record, helped free 750 million people across 80 former colonies since the founding of the United Nations in 1945.

And the response to his remarks? Europe’s elites gave him a standing ovation, as if he’d just announced a cure for cancer rather than the literal return of empire. And in doing so, they made themselves shamefully complicit in the Trump administration’s rewriting not just of US history, but European and world history too.

Standing Ovations für eine geschichtsklitternde, klimaleugnende, offen neoimperialistisch und unapologetisch neokolonialistische Rede – nur weil Rubio dabei ankündigt, dass wir auf der Aggressorseite stehen dürfen, wenn wir brav faschistisch werden.


Die Instagrammerin Somaya hat den besten Kommentar zur Rubio-Rede.

Wir sind auf einem sehr, sehr dunklen Pfad. Wir kennen diesen Pfad. Wir sind ihn schon mal bis zum bitteren Ende gegangen. Doch heute spielen wir dieses Spiel mit KI, Flugzeugträgern und Nukes.


Ich schrieb im vorletzten Newsletter unter anderem deswegen so euphorisch über die Carney Rede, weil ich in ihr eine konkrete Pfadalternative dazu formuliert sah. Aber inzwischen lies mich folgende Beobachtung von Jonas Schaible innehalten.

Carney sagt „Mittelmächte“ und alle sagen selbstsicher „Mittelmächte“

Der Begriff „Mittelmächte“ (Middle Powers) war mir erst gar nicht so aufgefallen und ich schätze, Carney wird den Begriff irgendwo her haben, aber seit seine Rede in allen Zeitungen der Welt rauf- und runterzitiert wird und sich auch Spitzenpolitiker*innen auf den Begriff beziehen, ist „Mittelmacht“ jetzt offensichtlich „a thing“.

Und „zack“ leben wir in einer anderen Welt, in einer neuen semantischen und damit aber auch politischen Dreiteilung der Welt.

Das passiert nicht zum ersten Mal?

Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich die Rede von der „Ersten-„, „Zweiten-“ und „dritten Welt“, in der sich der Westen zuerst setzte, den sozialistischen Block aufs Zweite-Siegertreppchen und alle anderen zur „dritten Welt“ erklärte und damit sowas wie „Holzklasse“ meinte.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs setzte sich die Dreiteilung „Entwicklungs-„. „Schwellen-„, Industrie-Land durch, die so ziemlich dieselbe Hierarchie und universelle Entwicklungs-Richtung markiert und viele geographischen Überschneidungen mit der alten Ordnung aufweist, aber auf den Bezugsrahmen der „Wirtschaftsleistung“ setzt.

Carneys Mittelmächte implizieren die Existenz von „Klein-“ und „Großmächten“ und setzen damit einen neuen Bezugsrahmen: geopolitische Handlungsfähigkeit.

Jede einzelne dieser Einteilung ist nicht nur west-zentristisch und arbiträr, sondern jeweils auf ihre eigene Art und Weise arrogant und kolonialistisch/imperialistisch.

Semantik ist – wie andere Infrastruktur auch – immer „Handlungszeug“. Wir teilen uns die Welt gerne so ein, wie es uns im Moment „praktisch“ erscheint.

Carney fand den Begriff „Mittelmächte“ praktisch, um die Perspektive Canadas auf die Weltlage zu erklären, aber auch, um es als Solidaritätsangebot an andere „Mittelmächte“ (vornehmlich die Europäer) zu richten, die sich durch diese Perspektive ebenfalls angesprochen fühlen. Ein Bündnis der Mittelmächte gegen die Großmächte, denen man sonst ausgeliefert ist, klingt erstmal vernünftig.

Ob sich eine Semantik durchsetzt, liegt nicht nur an ihrer Reichweite, sondern vor allem welchen Nutzen andere Akteure darin sehen. Die USA und China werden sich ihren Großmacht-Status sicher gern ans Revers hängen. Russland, Indien und „die EU“ sind vermutlich Mittelmächte aber könnten durchaus Großmachtambitionen aus dem Framework ableiten. Russland Israel beweisen regelmäßig eine zumindest an ihrer ökonomischen Relevanz gemessene überproportional große geopolitische Agency – und das liegt nicht nur an Atomwaffen.

Das Framework würde also geopolitische Machtprojektion mit Statusgewinn belohnen, denn when a measure becomes a target, it ceases to be a good measure. Und niemand – absolut niemand – will in dieser Welt eine „Kleinmacht“ sein.

Was der Begriff „Mittelmacht“ aber auch sofort evoziert, ist ein Gefühl der Bedrängnis. Man ist mehr Beute, als Raubtier und findet sich irgendwo im Mittelteil der „Nahrungskette“.

Deswegen hat Carneys Solidaritätsangebot („Wir Mittelmächte müssen jetzt zusammenhalten“) auch etwas bedrohliches. Klar, wenn sich die Halbstarken zusammentun, haben sie bessere Chancen gegen den Starken, aber sie sind gleichzeitig eine größere Bedrohung für die Kleinen?

Carney formuliert geschickter als Rubio, aber der implizite Ausschluss der „Kleinen“ in seiner Geste lässt auch seinen imperialistischen Blick auf die Welt hervortreten.

Carney spielt ein doppeltes Spiel, wenn er das Schild des „Imperialismus“ aus dem Fenster nimmt. Er nimmt nur das Schild diesen – amerikanischen Imperialismus – aus dem Fenster, nicht das des Imperialismus ansich.

Das bedeutet nicht, dass wir Carneys Angebot ausschlagen sollten, aber wenn wir die Welt je wieder stabilisieren wollen, brauchen wir einen anderen Blick auf die Welt.


Letztes Wochenende lief am hamburger Thalia Theater der „Prozess gegen Deutschland“ und dort hat neben allerlei anderer Normalisierung von rechtsradikalen Akteuren und Diskursen vor allem Harald Martenstein einen „Splash“ mit seiner AfD-Verteidigungsrede hingelegt (kein Link), die danach ziemlich viral ging. Seine Rede kurz zusammengefasst: Schon Strauß war korrupter Rassist, also ist Rassismus als Ideologie doch schon irgendwie OK?

Weil diese Rede nicht unwidersprochen bleiben darf, hat sich LowerClassjane bereit erklärt, die Gegenrede zu schreiben und ich hoffe einfach, dass sie drei mal so viel geteilt wird, wie Martensteins schwerelose Hirnfürze.

Du inszenierst dich als Dissident, als mutigen Liberalen gegen vermeintliche Denkverbote. Tatsächlich riskierst du nichts. Deine Position bleibt abgesichert. Dein Status unangetastet. Du spielst mit Begriffen, während andere mit den Konsequenzen leben müssen.

Du theoretisierst über völkischen Nationalismus, während rechte Gewalt steigt. Während Menschen angegriffen, gejagt, ermordet werden – weil sie die falschen Namen tragen, die falsche Hautfarbe haben, nicht in das Bild passen, das du so beiläufig normalisierst.

Für dich ist das Theorie.
Für andere ist es Realität.

Die weiße bürgerliche „Mitte“ organisiert fleißig narrative Pfadgelegenheiten, um keine Verantwortung für den aufkommenden Faschismus übernehmen zu müssen.

Dass deine Rede gefeiert wird, sagt mehr über ihre Funktion als über ihren Mut. Sie beruhigt. Sie verwandelt Alarm in Übertreibung. Sie macht aus autoritären Projekten diskutable Geschmacksfragen.

Was auf dem Spiel steht, ist nicht, ob man konservativ sein darf.
Was auf dem Spiel steht, ist, ob Zugehörigkeit zur Verhandlungsmasse wird.

Wenn deine Rede tausendfach geteilt wird, dann nicht, weil sie mutig ist. Sondern weil sie Rechtsradikalismus als etwas Vertrautes tarnt.

Was vertraut wird, wird nicht mehr gefürchtet.
Was nicht mehr gefürchtet wird, wird irgendwann akzeptiert.

Und irgendwann umgesetzt.

Normalisierung ist die ein Pfad, der zur Infrastruktur wird. Erst wird er sagbar, dann wird er baubar, dann wird er hungrig. Und dann ist es zu spät.

Krasse Links No 77

Willkommen zu Krasse Links No 77. Ich müsste meinem Gehirn gerade echt etwas Ruhepause gönnen, aber die Nachrichtenlage lässt das nicht zu. Deswegen eine Sondersendung zu Epstein.

Vorsicht. Du solltest dir vorher überlegen, den Newsletter zu lesen, denn es wird auch um sexuelle Gewalt gehen und es wird generell emotional fordernd, für manche vielleicht triggernd und ganz allgemein … unangenehm.

Aber jetzt beleiht Eure Verschwörungstheorien, heute tracken wir das Patriarchat an 4chan, um mit Bannon auf dem Epstein die Omelas der antisemitschen Rackets zu heben.


Das DOJ hat letzten Freitag etwa die Hälfte der Epstein-Files veröffentlicht und seitdem wühl ich mich wie Millionen andere durch die Files und versuche seitdem wieder klarzukommen.

Ich verfolge den Fall seit den späten 2010er Jahre, hab ein, zwei Dokus gesehen und einen Podcast gehört und es war damals schon klar, dass die Ausmaße des ganzen sehr viel größer sind, als bekannt war. Insbesondere die Aussagen der Opfer machten klar, dass es sich hier um eine größere Operation handelt, in die viele mächtige Menschen involviert sind. Ich war also auf einiges gefasst, aber dennoch sprengte es alles, was ich mir vorstellen konnte. Und zwar in jeder Hinsicht. Es ist gleichzeitig alles größer, brutaler, tiefer und relevanter als ich es mir vorstellen konnte.

Da es die erste Hälfte der Files ist, dürfte die zweite Hälfte die krassere Hälfte sein. Einige Files wurden vom DOJ nachträglich wieder zurückgezogen und natürlich sind die Files immer noch heftig geschwärzt, allerdings manchmal auch an den falschen Stellen nicht, so dass einige Opferidentitäten und Datails enthüllt wurden, während die meisten Eingriffe sehr eindeutig vor allem Täter schützen.

Es fehlt also noch so vieles und doch reicht es. Es ist genug, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Es ist genug, sich eine Vorstellung davon zu machen, was vor Ort passierte, welche Kreise grob involviert sind und wie das ganze funktionierte. Und es reicht, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr wir manipuliert wurden und immer noch werden.

Die Erkenntnis ist: Beträchtliche Teile des einundzwanzigsten Jahrhunderts und wahrscheinlich auch des Ende des 20. Jahrhunderts müssen neu geschrieben werden. Epstein hat die Realität selbst zerbrochen.

Für Leute, die selbst durch die Files gehen wollen, eine Warnung. Da ist unglaublich viel Verstörendes dabei, unvorstellbare Bilder (selbst mit den geschwärzten Stellen), auf die ich hier nicht zeigen oder auch nur näher drauf eingehen will, vieles ist inzwischen wieder gelöscht, wie zum Beispiel die Dokumente mit den vom FBI gesammelten Anschuldigungen gegen Trump, die allein schon ob ihrer Vielzahl, ihres Detailreichtums und wechselseitiger Kohärenz so glaubwürdig wie schrecklich erscheinen. Aber hier gibt es gesicherte Screenshots.

Zu diesem Zeitpunkt finden sich 4.744 Erwähnungen von „Trump“ in den Files. Das Wort „torture“ taucht 521 auf, „Gynecologist“ 108 mal. Das FBI hatte bereits eine Liste mit prominenten Beschuldigten im Epstein-Fall zusammengestellt, ganz oben Donald Trump und dann die üblichen, Bill Clinton, Prince Andrew, aber Naomi Campbell und Kevin Spacy. Aber die eigentliche Liste ist viel, viel länger.

Das ist das hirnexplodierende: Epstein ist überall, kannte jeden, auch nach seiner ersten Verurteilung als Trafficer von Minderjährigen. Mehrere US-Präsidenten (mindesten Trump und Bill Clinton), prominente Demokraten wie Republikaner und die halbe globale Monarchie-Szene ist verstörend tief verstrickt, der britische (ehemals) Prince Andrew, Norwegens Mette-Marit, Schwedens Princess Sofia, Saudis Mohammed bin Salman, die halbe Milliardärskaste: Bill Gates, Richard Branson, Andrew Farkasm, Ian Osborne und natürlich etlichen Broligarchs. Staranwalt Ken Starr, Amerikas bekanntester Ökonom, ehemaliger Harvard Präsident und ehemaliger Finanzminsiter Larry Summers, aber auch der Trump Biograph Michael Wolff sind eng mit ihm.

Epstein hängt außerdem ständig mit Woody Allen ab, ehemaligen europäischen Staatschefs, allerlei Stars und andere Prominente. Es gab einen Talenttransfers zwischen Microsoft und Apple mit direktem Kontakt zu Tim Cook. Er ist mit Peter Thiel seit mindestens 2014 eng befreundet, mit Bannon seit 2017, er traf Moot und findet Bezos „is a very nic= person“, der heutige US-Finanzminister Howard Lutnick besucht ihn bereits 2011 auf der Insel, hat sogar Deals mit ihm, mit Robert F. Kennedy Jr. ist er natürlich auch eng, sogar Trumps neuer Pick für den FED-Chef, Kevin Warsh, taucht in den Files auf. Hier ein ausführlicher Wired Artikel über die Files zu Read Hoffmann, Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg. Der Regisseur der gerade verlachten Melania-Doku ist sogar mit inkriminierenden Fotos vertreten. Die Wikipedia führt eine Liste.

Man kann auch lesen, wie Musk Epstein immer wieder wie ein notgeiler Teenager anbettelt, ihn auf seine Sexparties auf der Insel und oder in New York einzuladen. Als ich in Krasse Links No 74 über den KI Forscher Joscha Bach schrieb, wusste ich noch nicht, dass er einen Trip nach Vergewaltigungs-Island gebucht hatte. Das und anderes hat der Spiegel gefunden, der Bachs tiefreichende Verbindungen zu Epstein zusammengefasst offengelegt. Und hier eine länger werdende Liste mit anderen Wissenschaftler*innen, die auf Epsteins Gehaltsliste standen. Das Magazin Nature hat einen längeren Bericht dazu, wie Tief Epsteins Einfluss in der Wissenschaft ging.

In diesem Emailthread versucht Epstein Noam Chomsky mehrfach zu überreden, ihn zu besuchen und lockt mit „interessanten Gesprächspartnern“, erst mit Thorbjorn Jagland, dem ehemaligen norwegischer Ministerpräsident und Juryteilnehmer des Friedensnobelpreiskommittees, dann zu einer exklusiven UN-Party bei sich nach Haus und dann, als er grad wieder mit Ehud Barak, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten rumhängt, ebenfalls ein Epstein-Regular.

Wir wissen bereits, dass Epstein seine Hände auch schon sehr früh in „KI“ hatte (seit 2002), dasselbe müssen wir jetzt auch für Bitcoin feststellen, und zwar zu entscheidenden Zeiten. Auch in die weitere Cryptoszene war er gut vernetzt: hier erzählen die Jungs von Crypto Critics‘ Corner die Geschichte der Freundschaft zwischen Crypto Milliardär Brock Pierce und Epstein, die so weit ging, dass sie sich gegenseitig „Mädchen“ als Gastgeschenk mitbrachten.

Überall werden gerade unzählige Geschichten nochmal neu und anders erzählt und egal ob Politik, Tech, Medien, KI, Crypto oder Wissenschaft, am Ende verschmelzen sie zu einer einzigen Geschichte: Die Elite ist nackt.


Hier eine Politico-Zusammenfassung der Einschläge in Europa.

In Norway, one prominent diplomat has already been suspended and a police investigation has been opened into a former prime minister. In the U.K., the former ambassador to the U.S. has been fired; on Tuesday, he resigned from the House of Lords. Police are reviewing reports he shared market-sensitive information with Epstein.

Andrew Mountbatten-Windsor, formerly known as Prince Andrew, was stripped of his royal titles and residence. A charity founded by his ex-wife Sarah Ferguson, the former Duchess of York, will shut down indefinitely following the release of emails where she called Epstein a “legend” and “the brother I have always wished for.”

Nur in den USA ist gibt es keine Regung. Aber es brodelt gewaltig.


Eine der erschütternsten Dinge, die ich gelesen habe, ist das dreiteilige Tagebuch von einem Mädchen, das offenbar in Kooperation mit seinen Eltern von Jeffrey Epstein auf seiner „Zorro Ranch“ in New Mexico festgehalten wurde. Es ist in „Geheimschrift“ verfasst und man liest es immer zweizeilig nach links nach rechts und von oben nach unten, das FBI hat aber jeweils auch Übersetzungen angefertigt.

In einem der Tagebücher (Original) beschreibt das Mädchen seine Rolle als Gebärmaschine in einer art eugenetischen Breeding-Experiment:

I am nothing but your property and incubator! .
You only trust me when I am under your complete CONTI t
I will never trust another man EVER! […]

Superior gene pool ?!? Wh e? Why my hair color and eye color?
g me on some days like Im the enemy but o be, warm.
confusing.

makees no sense.

That feels very Nazi like thin’nk[ing] about these stupid insane theories he has I guess in his mind it makes sense.

Und in einem anderen, (Original) wie sie nach und nach den Glauben an die Menschheit verliert:

Whether its with Jeffrey, Mr. Leonsis, Mr. Case, Mr. Snyder, the Gregorys, Mr. Colgan or one being borrowed by a seemingly „good“ federal worker and even rented,

it is all horror.

And nothing is as it seems.

I am so confused by everything and people you expect to be good like even old senators like George Mitchell who you think would be good like a grandpa are bad.

Es gibt noch ein drittes Tagebuch: Original, Übersetzung.

In allen Tagebüchern werden eine menge Namen genannt, von mächtigen Männern, die alle frei herumlaufen.


Auch T-Online hat sich die Zorro Ranch, wo die Tagebücher herkommen, genauer angeschaut.

Die Ranch sollte für Epstein jedoch darüber hinaus einen weiteren Nutzen erfüllen. Lange eiferte er einer Vision nach: der „Optimierung der Menschheit“. Berichten unter anderem der „New York Times“ zufolge wollte er die Ranch in New Mexico zu seiner persönlichen „Baby-Farm“ umfunktionieren, auf der er reihenweise Frauen mit seiner DNA befruchten wollte.

Er folgte damit einer Ideologie, die als Transhumanismus bezeichnet wird und die Optimierung des Menschen durch Gentechnik und Künstliche Intelligenz propagiert. Kritiker bezeichnen diese Vorstellung häufig als moderne Form der Eugenik, der Erbgesundheitslehre der Nationalsozialisten. Elon Musk, dessen Name auch in den Epstein-Dokumenten auftaucht, verfolgt ähnliche Visionen. Er will sich seine ganz persönliche „Legion“ an Nachkommen zeugen.

Aber dass es ein Eugenetik-Labor ist, heißt nicht, dass mächtige Männer dort keinen Spaß haben dürfen.

Zu den bekannten Gästen auf der Zorro Ranch zählten der ehemalige Prinz Andrew, der frühere Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, sowie Woody Allen, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Kind die Ranch besucht haben soll. Eine der Überlebenden erinnert sich zudem daran, in die Residenz des damaligen Gouverneurs gebracht worden zu sein, beschuldigte Richardson jedoch nie der sexuellen Ausbeutung. Eine einstige Mitarbeitende behauptet, auch die Clintons einmal vor Ort gesehen zu haben. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Der ehemalige US-Präsident sowie seine Frau sollen am Ende des Monats vor einem Untersuchungsausschuss zum Fall Epstein aussagen.

Es sollen auch Leichen auf dem Grundstück begraben sein. Die Zeugenaussagen sind schwer zu ertragen.

Eine weitere Überlebende berichtet, dass auf der Ranch Dinge geschehen seien, die „so schrecklich“ gewesen seien, dass sie bis heute nicht darüber sprechen könne. Sie beschreibt ihre Erinnerungen als brüchig. Woran sie sich jedoch erinnere, sei eine Reihe von pseudo-gynäkologischen Untersuchungen, die Epstein an ihr vorgenommen habe. Zudem sei sie eines Morgens in einer Art Labor aufgewacht, umringt von Menschen in Schutzanzügen. An Epsteins private Insel könne sie sich noch lebhaft erinnern – was die Ranch angehe, habe sie jedoch unerklärlicherweise massive Erinnerungslücken.

Im Gegensatz zu allen anderen Epstein-Anwesen wurde die Zorro Ranch nie durchsucht (Wie das FBI hier hintern selbst vermerkt) und privat verkauft. In New Mexicos Parlament gibt es bereits eine politische Initiative für eine Aufarbeitung, die vielleicht in ein paar Jahren ein Ergebnis präsentieren?

Aber man könnte auch einfach mal hinfahren und und wenigstens gucken, ob da noch wer festgehalten wird? Also: jetzt?


So schlimm das alles ist: Es ist fast noch schlimmer, in Epsteins Emails zu wühlen, wozu sich JMail anbietet, eine Website, die quasi die Innenansicht von Epsteins Gmailkonto darstellt.

Man findet so vieles, aber es ist gar nicht diese eine Smoking Gun, die mich gebrochen hat. Beim Browsen entfalten sich die habituellen Strukturen, der „Vibe“. Die Leichtigkeit ihrer Verbindungen, die Beiläufigkeit ihrer Verbrechen, der Zynismus ihrer „Währungen“ und die Selbstverständlichkeit ihres Blicks auf die Welt.

Aber vor allem die an allen Ecken und Enden hervortretende Frauen- und generelle Menschenfeindlichkeit, die junge Frauen und Kinder als konsumierbare Wegwerfware behandelt. Es gibt dafür viele Beispiele, etwa diese Mail an Epstein:

My russian friend is on holidays in Paris now 🙂 she is fun and gorgeous! Ahh…perfect skin and incredible shape. However, be gentle with her and not a naughty one plz!!!

Oder diese:

Thank you for a fun night…
Your littlest girl was a little naughty.

Oder diese Email an Epstein:

Do you remember the name of the Gynocologist that you used to send your victims to?

Aber am besten illustriert es dieses Zitat einer beiläufigen aus Email von Epstein an irgendjemanden.

„where arc you? are you ok , I loved the torture video“


Rebecca Watson hat ein Video darüber, wie sie erneut in den Epstein-Akten auftaucht und dadurch nachträglich versteht, wie sich mächtige Männer der Skeptiker-Szene damals zusammen mit Epstein gegen sie verschworen.

Der bekannte Physiker Lawrenbce Krauss und der noch bekanntere Evolutionsbiologe Richard Dawkins tauschten sich mit Epstein über den Fall aus. Ich hatte die Debatte damals am Rand verfolgt, denn es war eine dieser frühen, pfadentscheidenden Kulturkriegs-Schlachten und endete, wie diese Schlachten damals immer endeten: Frauen und ihre Perspektive wurden rausgedrängt.

In einer Mail an seinen Anwalt bezüglich seiner Fälle wegen sexuellen Fehlverhaltens, bittet Krauss seinen Anwalt doch bitte mal mit seinem superschlauen Kumpel Epstein zu sprechen, der eigene Ideen für die Verteidigung hat und kündigt ihn wie folgt an.

Bottom line is that Jeffrey is not only friends with most of the famous people from finance, to business, to Hollywood, who have either been brought down during #metoo and he also speaks regularly with people ranging from the awful white house people, who he is friends with, to ken starr etc.


Als der Trumpbiograph Michael Wolff und Epstein-Buddy ihn fragt, ob er einem Kollegen bei seinem Metoo-Fall helfen kann, ist Epstein auch gleich dran. Der Gurardian hat sich sich genauer angesehen:

Wolff wanted Epstein to support Stephen Elliott, a writer looking to sue the creator of the Shitty Media Men List, a crowd-sourced Google Doc that detailed anonymous allegations of misconduct against dozens of men who worked in the media industry.

“I have always thought that the way back from this climate is through specific instances of individuals successfully challenging their persecution,” Wolff wrote to Epstein, according to emails released in a tranche from the so-called Epstein files. “If his story is solid he might be worth supporting.”

Initially, Epstein was unmoved. In a single-word, no-punctuation email, the convicted sexual offender replied: “tough.”

“Give it some further thought, if you would,” wrote Wolff, who had originally received Elliott’s pitch through Lorin Stein, the former editor of the prestigious Paris Review and another name on the Shitty Media Men List. “I think there is an opening here. What you need is an excuse – or opportunity – to make the public argument.”

Epstein relented: “ill help anyway i can. if you like.”

Metoo war nicht nur schlecht für Epstein, wie er Gegenüber seim Freund Joi Ito, dem Gründer und Leiter vom MIT Media Lab, zugibt:

with all these guys getting busted for harassment , i have moved slightly up on the repuation ladder and have been asked everday for advice etc


Elizabeth Lopatto hat in the Verge die Files zusammengesammelt und eingeordnet, die Epstein als Kulturkrieger aus dem Hintergrund zeigen. Instrumental dafür war John Brockman und seine von Epstein finanzierte Edge-Foundation, dessen Netzwerk wir bereits in Krasse Links No 74 beleuchteten. Lopatto schreibt:

The boys’ club at the Edge Foundation created a jumping-off point for social contacts for Epstein. Their “Billionaires Dinner” in 2011, which Epstein attended, featured a number of familiar names that appear in the Epstein files: Musk, Sergey Brin, David Brooks, Marissa Mayer, Jeff Bezos, and Nathan Myhrvold (who would later introduce Epstein to Bill Gates). The “Billionaires Dinner” stopped after Epstein made his final donation to Edge.

Brockman also set up a dinner in 2012 with a very exclusive invite list, which included Bezos, Paul Allen, Brin, Anne Wojcicki, Larry Page, Evan Williams, and Myhrvold. “Please show up alone,” Brockman said to Epstein. MIT Media Lab’s Joichi Ito also seems to be willing to broker meetings between Epstein and Bezos or “Bill.” It’s not clear which Bill is referred to here, but Bill Gates was surely close with Epstein, close enough that the tranche of documents shows extensive contact between the two men.

Auch Lopatto schreibt über Lawrence Krauss.

The most extensive emailed advice seems to be to physicist Lawrence Krauss. When Krauss was contacted by journalist Peter Aldhous for comment on a BuzzFeed story about sexual harassment allegations, he forwarded the email to Epstein and repeatedly asked him for advice about how to handle Aldhous. (Krauss strenuously denies the allegations against him, and says he “sought out advice from essentially everyone I knew”.) Krauss sent drafts of his proposed emails about the story to Epstein as well. “Impossible to publish anything about metoo, even if the =uthor was acquitted,” Krauss wrote to Epstein. That was of particular interest to him, because Krauss was planning to write his own #MeToo book, he wrote in another email to Epstein. Later, he wrote to Epstein that a woman on a conciliation committee is “old.. not some young metoo bitch.” This is good news, Krauss notes.

Und folgert:

It’s hard not to read these files and come to the conclusion that Epstein helped engineer the ultimate elite impunity — in which our society has been totally destroyed so the richest and most powerful men in the world can do whatever they want.

Wenn man sich in Epstein und seine Kreise hineinversetzt, versteht man, welche Bedrohung eine Clinton-Präsidentschaft (nachdem Obama ihn bereits verschmäht hat) und später Metoo für sie bedeutete.

Epsteins Ablehnung gegenüber Frauen ist nicht nur habituell, sie ist materiell. Frauen an der Macht, oder auf Augenhöhe, oder überhaupt die Idee, Frauen als Menschen zu behandeln, bedrohen ganz direkt sein Businessmodell? Wenn man in Epsteins Emails nach Metoo sucht, kann man nachlesen, wie unangenehm das ist, wie er merkt, dass seine Infrastruktur ein „strandet Asset“ wird, wenn sich Feminismus in seinen Kreisen durchsetzt.

Und dann ist es wie überall: Misogynie ist das Gateway, Faschismus ist der Pfad. Schon 2015 wollte Epstein alles brennen sehen, nach dem Brexit schreibt er an seinen Kumpel Peter Thiel: „brexit, just the beginning“ und erläutert auf Nachfrage:

return to tribalism . counter to globalization= amazing new alliances. you and I both agree= zero interest rates were too high, and as i said in your office. =AO finding things on their way to collapse , was much easier than finding =he next bargain

Sein anderer Kumpel Steve Bannon berichtet ihm dann ab 2018 dann immer wieder über seine Fortschritte bei der Vernetzung der rechten Parteien in Europa.

Hier die These:

Ein wesentlicher Kern des Rechtsrucks den wir die letzten Jahre erlebt haben, wurde von einer Gruppe lose vernetzter Milliardäre und „Shitty Men in Media“ „engineered“, die sich als loses Netzwerk von Kulturkriegern zusammenfanden, weil sie Angst vorm Feminismus hatten.

Aber so peinlich, weinerlich und pennälerhaft, wie all das Zustandekommen wirkt: Ihre Pfadgelegenheiten von damals sind unsere diskursiven Infrastrukturen von heute.

Und so lernen wir, wie Verschwörungen wirklich funktionieren.

Mächtige Männer vernetzen sich entlang ihrer Interessen, nutzen einander als Pfadgelegenheiten, die dann zu unseren Infrastrukturen werden. Sie treffen sich dafür nicht in verrauchten Hinterzimmern und sie schmieden auch nicht den „großen Plan“, sondern „lauern“ vernetzt wie 4Chan-Shitposter auf ankommende Pfadgelegenheiten und suchen nach idealen Fulcren, um die Wirkung ihrer Hebel zu maximieren.

Eine Verschwörung ist, wie jede andere menschliche Handlung auch, eine iterative Pfadoperation.


Und jetzt können wir so tun, als würden sich „die Guten“ jetzt als „die Bösen“ rausstellen, aber wer dieser Interpretation folgt, hat nicht aufgepasst, sagt Pissed magitus.

Ihr müsst entschuldigen. Als westdeutscher, weißer, heterosexueller Gen-X-Dude bin ich rückblickend in einer zeitlich und räumlich unnatürlich stabilen und behüteten Blase aufgewachsen, die in mir eine Erwartungsstabilität herstellt hat, aus der der momentane Fall in die Realität wahrscheinlich tiefer als bei manch anderen ist?

Ich bin jedenfalls wirklich erschüttert, aber auch nicht erst seit den Epstein-Files, sondern eigentlich seit ich in Krasse Links das Ende des Westens dokumentiere, und das Feedback auf den Newsletter zeigt, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin.

Aber wenn, wie ich glaube, das System vor allem auf der Erwartungsstabilität gerade von Menschen wie mir basiert, werden wir bald noch viel mehr kollabieren sehen, als nur Erwartungen.


Die Times hat einen Artikel über Epsteins Israel-Connetions und natürlich war er ein israelischer Spion. Auch das FBI glaubte, dass Epstein ein coopted Mossad-Spy war. Die Times schreibt:

The files include claims from a confidential informant to the FBI that, far from disliking Israel, Epstein was in fact employed by its spy agency, Mossad. An FBI report from the Los Angeles field office written in October 2020 said the bureau’s source had become “convinced that Epstein was a co-opted Mossad agent”.

It said the Wall Street financier had been “trained as a spy” for Mossad, alleging that Epstein had ties to US and allied intelligence operations through his longtime personal lawyer Alan Dershowitz, a Harvard law professor whose orbit included “many students from wealthy families”. It said Jared Kushner, President Trump’s son-in-law and his brother, Josh, a financier, were “both his students”.

Die Hinweise auf Epsteins Israels-Connections brauchen bald eine eigene Wikipedieseite. Hier ein paar.

  • Seinen frühen Kontakt zu Anan Khashoggi dem zwielichtigen Waffenhändler der in der Iran Kontra-Affaire verstrickt ist.

    In 1989, Ben-Menashe spent a year in prison for allegedly selling three Israeli military planes to the Khomeini regime (he was later acquitted). In the same years, Epstein had been hired by the ultra-rich businessman Adnan Khashoggi from the Kingdom of Saudi Arabia – coincidentally, the place of residence in Epstein’s fake passport. And it is precisely Adnan Khashoggi who ended up in the sights of the federal Iran-Contra federal investigators as a middleman in the sale of U.S. weapons to Iran through Israel.

  • Die zentrale Rolle von Leslie Wexner in seinem frühen Aufstieg, ein pro-zionistischer Philantrop mit eigener Israel-Naher Stiftung.
  • Der weirde Zufall, dass er sein Sexbussiness zusammen mit der steinreichen Tochter von Robert Maxwell gründete, der britische Medienmogul, der eine zentrale Rolle in der Gründung Israels spielte auch später für den Mossad arbeitete.
  • Oder dass der Name Alan Dershowitz praktisch überall auftaucht, nicht nur in Epsteins engeren Kreis, sondern auch vor allem im Zusammenhang mit seiner Verurteilung, und der ebenfalls offen für Israel arbeitet.
  • Und klar, seine definitiv als „eng“ zu beschreibende Beziehung zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Edmud Barak, mit dem er im ständigen Austausch stand und dem gegenüber er in 2018 witzelte:

    you should make clear that i dont work for mossad. 🙂

  • Hier ein fast einstündiges Telefonat zwischen Epstein und Edmud Brarak über Obama, Iran und alles mögliche.

Nussbacher, ein britischer Nachrichtendienst Kontakt, bringt in der Times etwas Nuance in die Debatte:

“Every intelligence agency has people who work for the agency, who are on salary, who have their pension paid for by the agency, we call them officers,” she said. “Then there are people whose officers influence them to do work for their agency; sometimes paid, sometimes manipulated, sometimes blackmailed — they’re called agents.

“And then there are people who are assets. They are just useful. Is it possible that Epstein was an asset to the Mossad? Yes. Do I think he was an agent of any intelligence agency, I think it was unlikely. Was he an officer? No.”

Ok, also Epstein war mindestens ein israelisches Asset.

Aber auch ein russisches, wie es aussieht?

Ein amerikanisches Asset sowieso? Als Alan Acosta, der damalige Staatsanwalt und spätere Arbeitsmisister in Trumps erster Adminsistration rechtfertigte sich rückblickend für Epsteins Sweetheart-Deal, den er eingetütet habe, mit den Worten: I Was Told Epstein ‘Belonged to Intelligence’ And to Leave It Alone. Und kann sich jemand vorstellen, dass die CIA das in den USA stattfinden lässt nichts wusste?

Außerdem hatte Epstein noch Geheimdienstkontakte zu ehemaligen britischen Spionen.

Ich denke die Wahrheit ist komplizierter. Epstein war öffentliche Infrastruktur. Nicht nur für Milliardäre, für Spitzenpolitiker, für Top-Wissenschaftler sonder auch für Geheimdienste. Das musste er sein, denn nur so war er für alle Beteiligten am nützlichsten.


In der taz navigiert Matthias Kalle gekonnt waghalsige semantische Manöver, um über die Enthüllung des Systems Epstein sprechen zu können.

Die Elite der Gegenwart funktioniert fundamental anders. Sie ist keine Kaste, kein Stand, kein Zirkel. Sie ist ein Netzwerk: ein Geflecht aus ökonomischem Kapital, politischem Einfluss, technologischer Infrastruktur und kulturellem Symbolkapital. Wer dazugehört, muss nicht reich oder adlig oder gewählt sein. Er muss nützlich, verknüpft und verfügbar sein. Denn was früher Herkunft war, ist heute Zugang. Was früher Kaste war, ist heute Code. Und was früher Loyalität war, ist heute Funktion. Diese Struktur lässt sich exemplarisch an zwei Fällen zeigen – einem brutalen und einem subtilen.

Ihr müsst euch die alltägliche Nutzerperspektive auf Epstein so vorstellen, dass ihr etwas interessantes in der Zeitung lest und da taucht ein Name auf, der wichtig ist, den ihr aber noch nicht kanntet, dann sind die Chancen hoch, dass der „Jeff“ seine Nummer hat oder zumindest jemanden kennt, der seine Nummer hat, vielleicht ein Treffen arrangieren kann.

Epstein war das Google und das LinkedIn der Elite, die Pfadabkürzung zu Mädchen, Macht, Ruhm, Ideen und wer mit ihm zu tun hatte, wurde Teil des größeren Games.

Egal ob im Finanzwesen, in der Politik, in der Wissenschaft – Epstein hat immer gezielt die jeweils lokalen Netzwerkzentralitäten geleveraged und immer nur die größten Hubs integriert und auf diese Weise seine soziale „Clout“ auf das menschlich mögliche getrieben.

Epsteins ganze Strategie dabei bestand also darin, seine soziale Eigenvector/Katzzentralität zu optimieren, also nicht nur viele Leute kennen, und nicht nur mächtige Leute kennen, sondern viele mächtige Leute kennen, die viele mächtige Leute kennen, usw, also in etwa, wie der Page-Rank-Algorithmus funktioniert, der Google groß gemacht hat.

Man kann die ganze Geschichte des 21. Jahrhunderts als die Entdeckung und gezielten kapitalistischen und politischen Urbarmachtung von Netzwerkeffekten erzählen (was ich im Plattformbuch von der Plattformseite versucht habe).

Kalle fährt fort:

An dieser Stelle – Sie ahnen es wahrscheinlich – muss man einmal kurz innehalten, sehr exakt werden und mögliche Einfallstore für antisemitische Verschwörungstheorien mit Schwung aus dem Weg räumen. Denn die Bilder von „Strippenziehern“, „Schattenmächten“ oder „globalistischen Kräften“, die im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von „Eliten“ auftauchen, führen hier nicht weiter, weil sie reale Machtkritik mit antisemitischer Projektion vermischen.

„Hollywood“ galt und gilt bis heute als „jüdisch“, ebenso „die Finanzwelt“ und „die Medien“. Das ist aber natürlich ein ideologischer Kurzschluss, der Strukturen ethnisiert und die Verantwortung personalisiert. Deshalb braucht es absolute Präzision: Es gibt wirtschaftliche, politische, kulturelle, technologische Eliten. Sie überschneiden sich, aber sie sind nicht homogen. Wer aber das vermischt, will keine Analyse, sondern Hetze.

Draußen im Internet tobt der antisemitische Mob. Sie nutzen die Epstein-Files, um ihre These der „Jüdischen Weltverschwörung“ zu verbreiten. Dass das Quatsch ist, zeigen die Files selbst, wenn man sich die Mühe macht, sie zu lesen.

Wenn Epstein etwas enthüllt, dann dass in der hinter dem Vorhang der liberalen Weltordnung das Patriarchats die Strippen zieht?

Und klar, diese Enthüllung ist nicht wahnsinnig neu, Feminist*innen sprechen seit mindestens einem Jahrhundert davon, aber selten konnte man diesen Zusammenhang so offen und nachvollziehbar – ohne jede Theorie – einfach in Originaldokumenten nachlesen?

Ich mein: die halbe Armee der „Free Speech“ Culture Warriors der letzten Jahrzehnte steht in den Epsteinfiles, teils beim direkten „Konspirieren“ gegen die Opfer ihrer sexuellen Missetaten oder gegen „unangenehme“ Feministinnen und ihre kritischen Fragen.

Aber gut, stellen wir die unangenehme Frage:

Warum – ausgerechnet – ein Jude?

Und jetzt könnte man diese Frage von vornherein als „antisemitisch“ ablehnen und das ist fair, aber sie wird ja dennoch gestellt werden? Und, ich bin ehrlich, auch ich stelle sie mir?

Aber den ersten Einwand, den man hier machen muss, ist der, das „System Epstein“ eben nicht „jüdisch“ war. Unter seinen Kooperationspartnern, im inneren Kreis seiner Kontakte und unter den beschuldigten Tätern und denen, die alles unterm Deckel gehalten hqben finden sich deutlich mehr weiße Christen, als Juden. Epstein war keine „jüdische“ Verschwörung, wenn überhaupt eine im weitesten Sinne „westliche“ Verschwörung.

Ein weiterer Einwand, den man machen muss, ist, dass der Epstein-Fall zwar eine unglaubliche weitreichende Verschwörung ist, aber eben nicht die einzige? Wie viele Verschwörungen da draußen gibt es noch? In wie vielen davon sind Nicht-Juden die Netzwerkzentralität? Allein Koch-Familie hat sich jahrzehntelang unzählige Male gegen uns alle verschworen, um ihre Fossilmilliarden auf Kosten unserer Zukunft zu verteidigen.

Nein, es sind nicht „die Juden“, es sind „die Eliten“. Ja, das darf man wieder sagen und wer euch was anderes einredet, hat entweder nicht hingeguckt, oder will euch gaslighten.

Aber gut, gehen wir noch weiter und nehmen an, dass es trotzdem „kein Zufall“ ist, dass es ein Jude war, der das alles organisierte.

Selbst dafür finden sich nicht antisemitsche Erklärungen?

Zum Einen könnte sich sich hier schlicht eine antisemitische Geste wiederholen, die wir schon aus dem Mittelalter kennen. Damals übernahmen Juden den Geldverleih, weil Zinsen zu nehmen unter Christen als moralisch verwerflich, als „dreckiges Geschäft“ galt. Das ist der Grund für den „Head Start“ jüdischer Banker, dessen pfadabhängige Weiterentwicklung heute noch gut im Bankensektor beobachtbar ist.

Ich will jetzt keineswegs „Zinsen nehmen“ und „Kinder vergewaltigen“ vergleichen, aber mir scheint plausibel, dass, wenn eine Runde westlicher Elite-Arschlöcher beieinander sitzen und sich fragen, wer „das dreckige Geschäft“ übernehmen soll, „der Jude“ nach wie vor nicht die unwahrscheinlichste Antwort ist?

Zum anderen kann ich mir auch gut vorstellen, wie man gegenüber Epstein diese Entscheidung begründet haben könnte:

Es ist das perfekte Cover. Der Verdacht wird gesellschaftlich „unaussprechbar“ und wer es dennoch versucht, stellt sich quasi von selbst jenseits des Diskurses.

Hier also meine schlimmste Verschwörungstheorie:

Die Eliten leverageten den Anti-Antisemitismus, um ihre echte Verschwörung im Raum des Unsagbaren zu verstecken.


Während die USA gerade wegen Epstein implodiert, gibt es eine merkwürdige Zurückhaltung in der Deutschen Debatte zu dem Thema? Die liegt nicht (nur) an dem vermienten semantischen Terrain, sondern auch daran, dass gewisse Chefredakteure und Herausgeber selbst inkriminiert sind und zwar aufgrund von John Brockman und seiner zusammen mit Epstein betriebenen „Edge Foundation“.

Boris Rosenkranz hatte bei Übermedien bereits 2019 offengelegt, wie die FAZ aber vor allem die Sueddeutsche auch aus Eigeninteresse bei dem Thema Zurückhaltung üben.


Thorsten Fuchshuber hatte bereits vor ein paar Jahren Max Horkheimers Racket-Theorie, die ja an der Beobachtung des Faschismus entwickelt wurde, als politisch Ökonomie gedeutet.

Denn nicht nur gab im Nationalsozialismus einen Zusammenbruch des Staates als souveräne Gesellschaft, sondern die Banden-Dynamiken, die im Faschismus den Staat als Beute einkassierten, sieht man strukturell in liberalen Gesellschaften immer schon am Machen.

Von den Debatten in den USA ließ er sich insofern leiten, als er das Racket als Agentur zur aggressiven Durchsetzung partikularer Interessen auf Kosten der ohnmächtigen Einzelnen ebenso wie der Allgemeinheit betrachtet. Doch galt ihm der Begriff Racket weniger im Sinne konkret benennbarer, ökonomisch orientierter Banden oder politischer Zusammenschlüsse in der beziehungsweise gegen die Gesellschaft, sondern als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Dieses resultierte ihm zufolge aus der zunehmenden Konzentration und Zentralisierung der kapitalistischen Produktionsweise, war also mit einem Prozess verbunden, den Karl Marx als steigende organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet hatte.

Wir wissen, dass es auch im Vorfeld des Nationalsozialismus enorme Vermögenskonzentration gegeben hatte, in der einzelne Rackets bereits sichtbar waren und wiederum andere dazu zwangen, sich ebenfalls in Rackets zu organisieren.

Durch die Konzentrations- und Zentralisationsprozesse des Kapitals werde diese Konkurrenz zwar nicht abgeschafft, es verändere sich jedoch die Struktur der Konkurrent*innen: Diese treten nicht mehr als unzählige Individuen auf, sondern schließen sich in Rackets zusammen. Und die haben es dank ihrer herausragenden gesellschaftlichen Stellung vermehrt gar nicht mehr nötig, die eigenen partikularen Interessen mit jenen anderer sowie mit denen der gesellschaftlichen Gesamtheit zu vermitteln. Daher, so Horkheimer, haben sie auch kein »Interesse am Funktionieren des allgemeinen Rechtssystems und an seiner unparteiischen Verwaltung« mehr: Die Rackets führen vielmehr den »Kampf gegen das Recht« wie gegen »alle Vermittlungen«, die im Liberalismus »ihr eigenes Leben gewannen«.

Ich würde inzwischen weitergehen und jeder „liberalen Ordnung“ offene, aber auch versteckte Racketstrukturen unterstellen und mit Horkheimer allgemein sagen:

„Die Grundform der Herrschaft ist das Racket.“

Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.

Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.

Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.

Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.

Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.

Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.

Aber das ist für „arme“ Rackets.

Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.

Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.

Nein, das ist keine „jüdische Weltverschwörung“.

Das sind wir. Das ist unser System. Das sind unsere gesellschaftlichen Strukturen. Unsere „Kultur“. Das ist der Keller unseres Omelas.


Ryan Broderick hat auf Garbage Day eine plausible Aufschlüsselung der Moot-Bannon-4Chan-Epstein-Connection.

One of the central internet mysteries of the last 15 years is why 4chan creator Christopher Poole reversed course in 2011 and brought back the site’s politics board, which is called /pol/, or “Politically Incorrect.” It would become the staging ground for Gamergate, the 2016 Trump campaign, and the far-right populism wave that swept the world in the back half of the 2010s.

A version of /pol/ was attempted two times before it finally stuck. First, as /n/, which was meant to be a section for news content. Which ultimately became the “transportation” board in 2008. And then again, in 2010, when Poole launched /new/, largely as a way to quarantine the overwhelming amount of support on the site for Ron Paul’s 2008 presidential campaign. Poole shutdown /new/ in January 2011, telling users at the time, “As for /new/, anybody who used it knows exactly why it was removed. When I re-added the board last year, I made a note that if it devolved into /stormfront/, I’d remove it.” (Stormfront is one of the oldest Neo-Nazi communities on the web.)
So it has never made much sense as to why Poole would ban /new/ for being a racist hell hole and then, barely a year later, launch /pol/, a board specifically designed to be a racist hell hole. But buried inside the newest batch of files related to the Epstein investigation is a possible hint as to what made Poole change his mind. He met with Epstein the day before /pol/ was created.

On October 20th, 2011, Boris Nikolic, a venture capitalist and former advisor to Bill Gates, sent Epstein the Wikipedia page for Christopher Poole, writing, “There is a cool guy (KID) that you should meet.” Four days later, Nikolic followed up, asking Epstein, “How did you like moot? He is very sensitive so be gentile.” (Poole’s username for years was moot or m00t.) “I liked [him a lot]. I drove him home, he is very bright,” Epstein replied. Nikolic went on to write that, “he will be a friend” and that he is “one of the greatest hackers.”

According to Epstein’s emails, that appears to be the only time Epstein successfully made contact with Poole. It seems like organizing a simple lunch meeting with Poole was a genuine nightmare for Epstein and his team. Nikolic said he planned to meet Poole again in early November. And according to a reminder Epstein set, it seems like he planned to meet Poole at the same time. There’s also a separate email thread from October 31st with an unidentified correspondent, where the redacted sender takes credit for introducing Nikolic and Poole, writing, “I introduced Boris to Chris Poole and got them talking, encouraged Boris to get to know him. Boris said the two of you really hit it off. ;-)” Epstein had subsequent meetings scheduled with Poole on November 23rd, January 27th, 2012, which Poole canceled last minute, and, again, in February. There are nearly a hundred emails going back and forth about how Poole kept flaking on them.
But Epstein didn’t forget about 4chan. We can’t say for sure if he was an active user, but, in 2017, he sent Karyna Shuliak, his girlfriend at the time, a 4chan link containing Five Nights At Freddy’s porn.

Meanwhile in March 2012, Bannon, following the death of conservative blogger Andrew Breitbart, was installed as the editor-in-chief of Breitbart News. In 2014, 4chan’s video game board, /v/, and /pol/ started lighting up about the Gamergate conspiracy theory. Milo Yiannopoulos, then a young tech writer for Breitbart, would transform Gamergate from fringe message board drama into the cornerstone of the global far-right movement by repackaging it in articles optimized for Facebook traffic.
Which was perfect timing, because Epstein was beginning to work his way into Silicon Valley.

Lasst es mich so formulieren: Das Narrativ, „anonyme Shitposter auf 4chan emergieren zufällig (halb-)richtige Verschwörungstheorie“ klingt für mich als QAnon-Erklärung nicht mehr plausibel? Dafür sind die Q-Drops zu nahe dran?


In Vanity Fair machen sie sogar die Pizza-Gate Akten wieder auf.

The references span years—from long before Pizzagate existed to long after it was broadly considered debunked.

“What time do you want to get pizza and grape soda tomorrow?” one associate asks Epstein in 2018.

A 2015 subject line reads: “Your Pizza Is YUMMY YUMMY!!”
“This is better than a Chinese cookie!… lets go for pizza and grape soda again. No one else can understand,” a redacted sender writes to Epstein in 2018.

Das deckt sich mit vielen meiner Funde. Beispiel:

Betreff: The Pizza Monster, Epsteins Reply: „she looks pregnant“.

Oder diese merkwürdige … Pizzabestellung? an Jeffrey Epstein.

I know Bobby LOVES =rturo’s pizza on Houston…they open at 4pm..l could send =ojo down to arrive 4pm at Arturo’s, pick up a large cheese and =ake to 301? Bobby says his day is busy but he might be back to =he apartment sometime between 4-6pm…he is at the Friar’s =tub for lunch 2-4 then meeting a friend at 6pm…

(He also likes Patsy’s Columbus and 72nd and Angelo’s =17 W. 57th)

Epstein antwortet nur „Ok“ und genehmigt damit eine … Pizzabestellung zu jemanden in sein Appartment nach Houston?

Das Wort „Pizza“ hat 845 Treffer in den Epstein-Files und Jmail findet 200 davon, sehr viele extrem … „weird“.

Der Artikel zitiert einen Redditor mit einer Verschwörungstheorie, die mir auch sofort in den Sinn kam.

“QAnon was an op to hide this shit in plain sight and make anyone who said anything about it sound like a lunatic. They masked it in a far-right ‘it’s only the dems’ cover,’” argued one Reddit user. “Gloating about projection people fell for. The pizza basement was Epstein island all along,” wrote another.

Also ich bemühe mich ja, zu widerstehen, aber dass Epstein, oder Bannon, vielleicht in Zusammenarbeit mit Maxwell hinter den ersten Q-Drops stand, ist einfach zu verlockend plausibel?

Schaffe eine populäre Verschwörungstheorie über das, was du machst, häng alles dem politischen Gegner an und promote deinen besten Kumpel als „Aufklärer der Verschwörung“ ins Weiße Haus.

Der Backlash gegen die Verschwörungstheorie bereitet das beste Cover für deine Operation und da du eh die hälfte der Elite im Sack hast, finden sich immer Hebel, alles unterm Deckel zu halten.

Ich halte es für möglich, dass Epstein hinter Pizzagate und später auch Qanon stand. Ich halte es aber fast für wahrscheinlicher, dass es Bannon war (er war der eigentliche digital Culture War erfahrene, seit er als Breitbart-Chefredakteur „Gamergate“ orchestrierte), vllt in Zusammenarbeit oder mit Wissen Epsteins. Oder Ghislane Maxwell bereits Pizzagate initiiert, wie viele Glauben oder vielleicht waren auch Roger Stone oder Paul Manafort involviert?

So oder so, meine Verschwörungsthese ist: es war ein Insider.

Und vielleicht war es zuerst auch nur Spaß, vielleicht eine Provokation, vielleicht war das zuerst alles gar nicht koordiniert und wahrscheinlich haben sie dann schnell die Kontrolle verloren, spätestens, als das Ding zu 8chan umgezogen ist.

Aber diejenigen, die das aufgleist haben, waren Insider: dafür sind Pizzagate und die Q-Drops zu nahe dran.


Seit dem letzten DOJ-Drop bin ich mir sicher, dass die Files alle ans Licht kommen werden und ich habe sogar Hoffnung, dass neue Ermittlungen aufgenommen werden und dass der Fall wirklich aufgearbeitet wird.

Der Grund ist einfach:

Das, was die Files so lange unter Verschluss gehalten hat – die Interessen vieler mächtiger Männer – wendet sich nun gegen die Verheimlichung.

Die gesamte amerikanische Elite ist jetzt mit Kacke bespritzt und weil den meisten, der in den Files Genannten wahrscheinlich keine Verbrechen getan haben, verschiebt sich die Balance Richtung Aufklärungsinteresse. Sie alle wissen, dass sie sich von dieser Shitshow nur „reinwaschen“ können (so richtig wird das natürlich nie gelingen), wenn alle Files released, am besten alle Verbrechen aufgeklärt und alle Täter benannt sind.

Derweil werden auch weiterhin überall um uns herum die Truth-Bombs hochgehen.

Weil sich Wissen pfadabhängig fortpflanzt, generieren die Milliarden Daten-Enden der Epstein Files (Daten, Namen, Orte, Emailadressen, Kontonummern, Telefonnummern, etc.) hochreaktive Pfadgelegenheiten zur Verknüpfung mit anderen Daten, aus denen dann neue „Leads“ in „kalten“ Geschichten hervortreten.

Epstein war ein riesiges vieldimensionales Puzzelteil in soo vielen Puzzeln und dieses Puzzelteil löst jetzt eine Kettenreaktion in unzähligen umliegenden Geschichten aus.