Die Hebel:Fulcrums-Mechanik

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Hebel:Fulcrums-Mechanik. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies

Einführung

Das „Fulcrum“ bezeichnet zunächst einmal den „Dreh und Angelpunkt“ an dem ein Hebel ansetzt. Der sogenannte „Archimedische Punkt“. Aber ich finde, das wird ihm nicht gerecht.

Der Begriff „Fulcrum“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet sowas wie „Bettpfosten“, bezeichnet nebenbei also auch eine unscheinbare Infrastruktur, die uns durch den Schlaf trägt.

Doch das Fulcrum trägt uns auch durchs Leben. Jeder Hebel, den wir bedienen, hat ein Fulcrum, das ihn funktional, sicher und erwartbar macht und gleichzeitig ist das Fulcrum immer schon das implizit Erwartete, Verdrängte und Externalisierte des Hebelns.

Wie schon die Pfadgelegenheit holt uns das Fulcrum aus dem gewohnten Denken des „isolierten Individuums“ und seinen „isolierten Handlungen“ an „isolierten Objekten“ heraus und bietet semantische Pfadalternativen für eine anwenderorientierte, d.h. menschlichere Perspektive auf die Welt.

Das Fulcrum zwingt uns, jede Handlung als Relation zu betrachten: als Bedienung eines Hebels, der an ein Fulcrum gekoppelt ist. Damit macht das Fulcrum unsichtbare Abhängigkeiten sichtbar – jene infrastrukturellen Voraussetzungen, aus denen unsere Hebel ihre Kraft schöpfen.

Die systematische Vernachlässigung des Fulcrums – oft institutionalisiert als „Prämisse“, „Externalität“ oder „Ceteris Paribus“ – bildet den blinden Fleck „moderner“ Technik- und Welt­nutzung ebenso wie der „modernen Wissenschaft“, des Kapitalismus und des Individualismus. Fulcrumsvergessenheit ist die kulturell eingeübte Geste, Voraussetzungen als gegeben zu setzen, um Handlung als „autonome Leistung“ des Individuums zu verbuchen.

Das Denken in komplexen Fulcren eröffnet deshalb neue Einsichten selbst in scheinbar ausgekundschafteten Pfaden: Es zeigt, wo Hebel auf unsichtbaren Infrastrukturen ruhen, wo Verschleiß entsteht und wo neue Pfadgelegenheiten verborgen liegen und macht die menschliche Perspektive nicht nur sichtbar, sondern lernt mit ihr zu leben.

Im folgenden will ich nacheinander folgende Thesen aufstellen und begründen:

  • Ein Hebel verstärkt eine Handlung, indem er sie auf ein Fulcrum überträgt.
  • Das Fulcrum ist nicht nur ein Punkt, sondern die gesamte Infrastruktur, die halten muss.
  • Hebel und Fulcrum sind daher keine Dinge, sondern Rollen im menschlich-relationalen Interaktionsgefüge.
  • Die Stabilität des Fulcrums ist nie gegeben, sondern wird erwartet – jede Hebelhandlung ist eine Wette auf ein Portfolio von Infrastrukturen.
  • Erwartungen sind nicht individuell, sondern dividuell auf einander bezogen und „beleihen“ (leveragen) einander als „Erwartungserwartungen“.
  • Handlung ist daher keine isolierte Tat eines Subjekts, sondern die Aktivierung eines Hebels in einem erwartungsgetragenen Fulcrum-Geflecht.
  • All das lässt sich an unzähligen Beispielen zeigen.

Durch eine semantische Aufräumarbeit hinter Archimedes Hebel-Formel, versuche ich das Fulcrum zu verkomplizieren, um damit eine semantische Infrastruktur zu schaffen, die alle anderen Zusammenhänge vereinfacht.

Dieser Text ist in vier Abschnitte unterteilt:

  • Teil I: Die materielle Hebel:Fulcrum-Relation [->]
  • Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio [->]
  • Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell [->]
  • Teil IV: Semantik. Hebel:Fulcrum-Relation als soziale Struktur [->]

Teil I: Die materielle Hebel:Fulcrum-Relation

Der Hebel ist zunächst eine materielle Relation. Ein Hebel ist immer nur ein Hebel für jemanden oder irgendwas und zeichnet sich aus Perspektive eines Anwendenden (jeder Hebel hat eine Anwenderperspektive) durch seine „Nützlichkeit“ aus.

Das Nützliche am Hebel (und Hebel sind außerordentlich nützlich), ist, dass man – wenn man Hebel und Fulcrum entsprechend positioniert – einen Multiplikationseffekt der eigenen Kraft erfährt. Daher Archimedes Angeberformel:

Gebt mir einen festen Punkt und einen genügend langen Hebel, und ich hebe die Erde aus ihren Angeln.

Aber der Hebel muss nicht nur „genügend lang“, sondern das Fulcrum auch „genügend stabil“ sein?

Die Stabilität des Fulcrums

Als ich neulich meinen Schrank mit einer Latte verschieben wollte, bewegte sich der Schrank zwar ein bisschen, aber auch die Rigipswand, die ich als Fulcrum verwendete, verformte sich und hatte eine Delle.

Gut, dass war sicher meine eigene Dummheit, aber ich behaupte dennoch: auch sonst ist das Fulcrum nie wirklich „stabil“?

Es gibt immer zumindest Verschleiß und selbst wenn ein Fulcrum 100 Jahre hält – kein Fulcrum ist unzerstörbar?

Bei genauerer Betrachtung ist der Schaden an der Rigipswand nicht so schlimm, die Ecke ist an einer stelle etwas abgeplatzt. Besieht man sich die zerstörten Flächen unter dem Mikroskop, ahnt man, welche Kraft darauf einwirkte. An den eingedrückten Stellen und dem heruntergebröselten Gips sieht man dann, dass sich der Prozess des Fulcrum-Einbruchs durch eine komplexe Architektur von ineinander verwobenen Mikrostrukturen arbeitete.

Das ist mein Punkt: Jedes Fulcrum ist komplex.

Fulcrumskomplexität

Wir alle kennen Hebel. Archimedes Hebelgesetz haben wir in der Schule gelernt und viele haben schon mal ein Radiergummi auf einem Lineal am Fulcrum eines Buntstiftes durch den Klassenraum katapultiert, haben einen Schraubenschlüssel an standardisierten Fulcren (M1 – M5-Muttern) bedient oder Essen mit Messer und Gabel gelernt, wo sowohl Kraft als auch Fulcrum durch die Fingerhebel gemanaged wird. Und wenn du schon mal Auto gefahren bist, war es die komplexe Hebelstruktur, die wir „Getriebe“ nennen, die die Motorleistung auf die Straße übersetzt hat. Herrje, unsere Arme, Beine und Finger sind Hebel. Wir alle sind Hebelexpert*innen.

Und deswegen wissen wir aus eigener Erfahrung, dass das Fulcrum nie einfach ein Punkt ist, sondern immer eine Kontaktfläche, -Form oder -Zone, die eine mal härtere, mal weichere materielle Struktur hat. Die Ingenieurswissenschaft weiß das auch und denkt den Hebel als „mechanische Kopplung“, in der Dinge wie Material, Verschleiß, sowie ein Verständnis nicht nur für feste, sondern auch für lose, wabbelige, nachgebende, fragile und komplexe Fulcren einen Platz haben. Außerdem für Fulcren, die verrutschen können, oder anders auf nicht-lineare Weise auf die Hebelkraft reagieren, etwa durch plötzlichen Formwechsel oder Verlust struktureller Integrität. Fulcren, die durch ein Phasen-Wechsel in anderen Schwellenzustände übergehen, Fulcren die schwingen, ruckeln, zittern, brechen, oder zwischen Haftreibung und Gleitreibung alterieren, etc.

Und die Ingenieurswissenschaft weiß auch: die Hebelwirkung ist bei dynamischen, komplexen und verformbaren Fulcren nicht weg, aber vermindert, bzw. aufgefächert, verteilt. Hebel und Fulcrum treten in der Realität oft in eine komplexe Beziehung, in der die eingesetzte Kraft sich auf beide ungleich verteilt, sie zueinander verschiebt und das Kräftefeld beim Hebeln neu sortiert.

Doch trotz ihrer Komplexität in der realen Welt, kann man doch für jede Hebel:Fulcrums-Beziehung verallgemeinern:

  1. je stabiler und steifer das Fulcrum ist, desto direkter und größer die mögliche Kraftübertragung/-Steigerung durch einen entsprechend großen Hebel.
  2. je größer der Hebel, desto mehr „Stress“ (Last, Erschütterung, Verschleiß) wird auf das Fulcrum pro eingesetzte Kraft übertragen.

Hebel/Fulcrum als Rollen

Was ich im folgenden Zeigen möchte, ist, dass wenn wir das Fulcrum in seiner Komplexität begreifen, wir die Hebel:Fulcrums-Beziehung überall vorfinden und mit diesem Frame analysieren können. Dafür müssen wir nur „Hebel“ und „Fulcrum“ statt als Dinge, als Rollen denken:

Der Hebel ist alles, was eine konkrete Handlung/einen Krafteinsatz (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) überträgt, verstärkt und/oder steuert und das „Fulcrum“ ist die Infrastruktur, an der der Hebel ansetzt/angesetzt wird und gleichzeitig, das, was „halten“ muss und durch eigene „Steifheit“ und „Stabilität“ (Erwartbarkeit) die Kraftübertragung/-Verstärkung erst ermöglicht.

Versteht man Hebel und Fulcrum als Rollen, kann dieselbe Infrastruktur je nach Situation Hebel oder Fulcrum sein und das Fulcrum ist nicht die eine Sache sondern viele Sachen – je nach Situation.

Schauen wir doch mal kurz in den Hebel rein, z.B. in meine unrühmliche Holzlatte. Das Holz der Latte besteht aus ineinander und aneinander verwachsenen Holzfasern, die einander Stabilität verleihen, oder übersetzt: sich während der Hebelaktion wechselseitig als Fulcrum dienen und so die vermittelte Kraft als Zugspannung wie einen Strom von Faser zu Faser weiterleiten.

„Mechanik“ ist die Wissenschaft der einander bedienenden Hebel.

Das Fulcrum ist eben nie nur die Stabilität des „Fulcrums“ selbst, sondern auch die des Hebels (der darf ja auch nicht brechen darf), aber auch z.B. von Archimedes Rücken, wenn er den Hebel bedient. Auch die Tatsache, dass Archimedes frei in seiner Handlung ist, dass er zwei Arme hat, dass er einen passenden Hebel und ein passendes Fulcrum gefunden hat und dass die Schwerkraft gilt, gehört dazu. Wir verstehen das Fulcrum auch als die Gesamtheit der infrastrukturellen Vorbedingungen der Hebelaktion.

Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio

Verlassen wir die direkt materielle Hebel-Fulctrums-Relation und begeben wir uns ins Virtuelle, in das Netzwerk der Erwartungen. Das Netzwerk der Erwartungen ist gewissermaßen der Layer der die Dividuumsperspektive mit der materiellen Realität verknüpft – mal besser, mal schlechter – aber immer mit materiellen Auswirkungen in der Realität.

Die Wette

Archimedes verschwendet da nicht groß Worte darauf, aber sein ganzer Versuchsaufbau basiert auf der Annahme, dass das Fulcrum „hält“.

Doch, dass etwas „hält“ ist keine physikalische oder sonstwie naturwissenschaftliche Größe, sondern eine von Archimedes implizit formulierte „Erwartung“.

Ich will ihm hier keinen Strick draus drehen, denn eine ähnliche „Erwartung“ hatte ich auch beim Hebeln an meiner Rigipswand, denn grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass das Fulcrum hält? Schlauer sind wir immer erst hinterher.

Und es mag ja sein, dass Archimedes sein Fulcrum sorgfältiger ausgewählt hat, als ich, aber ich bestehe darauf, dass auch seine Hebelaktion eine „Wette auf das Fulcrum“ war, denn jede Hebelbenutzung ist eine Wette, selbst, wenn man sich sicher ist, sie zu gewinnen.

Ich habe aufgehört, an „Kausalität“ zu glauben, oder zumindest glaube ich, der Begriff beschreibt keinen „ontologischen“ Zusammenhang in der materiellen Welt, sondern ist eher ein Maßstab für unserer Erwartungsstabilität für bestimmte Hebel:Fulcrums-Relationen, genauer: eine grobe Heuristik für alle Übergangswahrscheinlichkeiten ab ca. 99,999 Prozent oder so.

Weil wir es mit Übergangswahrscheinlichkeiten zu tun haben, haben wir es mit Wetten zu tun und auch wenn Wetten in 99,999 Prozent gewonnen werden, bleibt das 0,001 Prozent, dass dir alles vermasseln kann. Dennoch wirst du die Chance ergreifen, denn Hebel sind oft wichtig oder mindestens nützlich.

Wenn wir also sagen: Das Fulcrum „hält“, „beleihen“ wir das konkrete materielle Fulcrum mit einer Erwartung. Diese Erwartung ist somit ein „Asset“ in das wir investieren, sobald wir einen Hebel betätigen und dieses Asset ist wichtig, denn meist benutzen wir Hebel nicht nur einmal.

Das Portfolio

Nehmen wir an, Archimedes nutzt einen knackharten und megastabilen Stein als Fulcrum, dann wird die Stabilität des Fulcrums nicht nur von dem Stein selbst organisiert, sondern vom Untergrund, auf dem er liegt, bzw. er ist dort auf die eine oder andere Weise arretiert und dieser Untergrund basiert wiederum auf Erdschichten, die auf Gesteinsschichten basieren, die zusammen die Erdanziehung organisieren und so weiter und so fort.

Die Stabilität all dessen wird „erwartet“, ohne dass Archimedes sich in diesem Moment über jedes Detail bewusst wäre. Denkt man das Fulcrum komplex, dann ist das Fulcrum nicht nur eine Wette, sondern es eine Wette auf Wetten auf Wetten auf Wetten, etc.

Die Stabilitätserwartung der Hebelbedienung stellt sich als ein Portfolio von Wetten/Assets heraus.

Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass die Erdanziehung oder die Gesteinsschichten oder die Erdschichten sich plötzlich ändern, weswegen unser Fokus auf dem Stein liegt. Die Erwartung, dass die Schwerkraft anhält zu funktionieren, ist uns nicht als solche bewusst, so wie mir beim Schreiben dieser Zeilen nie völlig bewusst ist/bewusst sein kann, wie viel Infrastruktur „funktionieren“ muss, damit sie von meinen Fingern in die Tastatur, in den Prozessor, in das Kabel, durch das Internet, auf meinen Server, in mein WordPress und von dort in eure Augen gelangen. Weil all diese Pfade Hebel sind, die sich gegenseitig bedienen, basiert meine einfache „Handlung“ des Schreibens auf einem ausufernden Portfolio unbewusster Wetten.

In der Technikgeschichte können wir nachlesen, wie es dazu kam. Man kann sie runterdampfen auf: Auf funktionierende Hebel werden gern weitere Hebel gebaut, die die ersten Hebel als Fulcrum nutzen. Das Resultat ist der vielgestaltige, pfadabhängige Fuhrpark von Hebeln, Hebelstrukturen und -Aggregaten, in dessen Fulcren wir leben und arbeiten.

Anders als noch bei Archimedes basieren all unsere Hebel auf tausenden, manchmal Millionen, heute oft Milliarden mehr oder weniger speziell hergestellten, teils filigranen Hebeln und das bedeutet, dass sich jede unserer Hebelaktionen bei einem pfadabhängigen Strauß voller Fulcren verschuldet, die wir ständig als Assets im Erwartungsportfolio führen, wenn wir handeln.

Crash

Und wie die materiellen Infrastrukturen selbst, sind diese Wetten auf Wetten pfadabhängig von einander. Bricht ein Fulcrum, irgendwo ganz tief im Getriebe, brechen alle pfadabhängigen Hebel und damit auch alle pfadabhängigen Erwartungen. Fällt der Strom aus, ist nicht nur der Rechner tot, sondern auch das Licht, der Kühlschrank, der Wecker und die Kaffeemaschine und alle diese Assets verlieren ihren „Wert“ im Portfolio unserer Erwartungen. Beim Bruch mancher Fulcren, kann es zu regelrechten Crashs in unserem Erwartungs-Portfolio kommen.

Das ist jetzt reine Spekulation, aber ich wette, Archimedes hat auch einige Fehlversuche durchgeführt, bevor er sein Hebelgesetz formulierte? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht ist er der einzige Mensch, dem nie eine Hebelaktion mißlang?

Zumindest verpasste er, darauf hinzuweisen, dass jede Hebelaktion eine Wette ist, obwohl auch ihm klar gewesen sein muss, dass sowas auch schief gehen kann. Oft ist es so, dass die Hebelaktion auf eine Weise schief geht, die wir nicht vorhergesehenen haben.

Ein Portfolio, das vor allem aus aufeinander aufbauenden, also pfadabhängigen Wetten besteht, hat seine Vulnerabilitäten oft an Stellen, an die wir gar nicht gedacht hatten, dass sie „wichtig“ sind und so kommt es, dass echte Crashs meist durch Fulcrumsbrüche passieren, die nur Wenige überhaupt als Möglichkeit auf dem Schirm hatten.

Was also zu tage tritt, wenn eine Infrastruktur bricht, sind unsere eigenen Erwartungen.

Das meinen wir, wenn wir sagen, dass Infrastruktur nur in ihrem Kollaps wirklich sichtbar wird. Auf diese negative Ontologie von Infrastruktur haben bereits Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star in ihrem Klassiker „Sorting Things Out“ hingewiesen, aber wir alle kennen es aus eigener Erfahrung?

Man findet oft erst heraus, wovon man „abhängig“ war, wenn die Pfadgelegenheiten, die es ermöglichte, verschwinden.

„Abhängig“ eben nicht als „individuelle Abhängigkeit“ gedacht, sondern im Pfadgelegenheits-Sinn: ohne X kann ich Pfad Y nicht nehmen. Pfadabhängigkeit.

Und wer einmal die Erfahrung des Brechens eines Fulcrums gemacht hat, weiß, was das heißt: Alle pfadabhängigen Infrastrukturen/Wetten auf Infrastrukturen kollabieren und weil sich diese Wetten auch horizontal gegenseitige Stabilität verleihen, crashen auch umliegende Infrastrukturen gerne mit.

Dann tritt der Seneca Effekt ein und der kann dann so ablaufen, wie das berühmte Hemingway-Zitat einer Romanfigur, die ihren eigenen Bankrott beschreibt: „First gradually, then suddenly.“

Kaskadierender Kollaps.

Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell

Die Pfadgelegenheit ist ein Versuch die menschliche Perspektive auf eine (immer schon) vernetzte Welt zu modellieren, aber ohne die Hebel:Fulcrums-Beziehung bleibt sie unvollständig. Jede Pfadgelegenheit enthält eine Mechanik, die sich als Hebel und Fulcrum analysieren lässt.

Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.

Bediente Hebel sind genommene Pfadgelegenheiten, also Pfadabhängigkeiten, das heißt der Hebelprozess beschreibt die sogenannte „Gegenwart“, also den Moment, wo aus „projizierter Handlung“ „Handlung“ wird – unter Beleihung einer Infrastruktur und aus einer bestimmten Perspektive.

Hebel als Pfadgelegenheit

Jeder Hebel ist Teil einer Pfadgelegenheit und jede Pfadgelegenheit enthält mindestens einen Hebel. Genauer: Der Infrastrukturvektor der Pfadgelegenheit teilt sich in „Hebel“ und „Fulcrum“. Aus Krasse Links No 76:

Denkt man das Fulcrum in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.

Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.

Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.

Da die Pfadgelegenheit ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.

Der Hebel ist einerseits ein anderer zeitlicher Modus der Pfadgelegenheit, aber auch eine andere Betrachtungsweise (ein anderer methodischer Blickwinkel) auf die Pfadgelegenheit und für unsere Betrachtungen des Hebel-Fulcrums-Verhältnisses bedeutet das, dass jeder Hebel in einer „Perspektive“ eingebunden ist und jede Hebelaktion als „projizierte Handlung“ in der Pfadgelegenheit latent ist, bevor sie als Hebelaktion aktualisiert wird.

Damit wird die Hebel:Fulcrum-Relation nur eine andere Sichtweise auf Pfadgelegenheiten und wir können die beiden Konzepte je nach Kontext austauschbar verwenden. Jede Bedienung eines Hebel macht eine Pfadgelenheit zu einem Pfad. Jede „projizierte Handlung“ beleiht eine durch eine Hebelhandlung in der Vergangenheit beliehene Erwartung.

Wann immer ich eine Pfadgelegenheit nehme, betätige ich den Hebel einer Infrastruktur, die meine Handlung unterstützt, ermöglicht, verstärkt, deren Funktionieren aber immer von einem Fulcrum weiterer Infrastruktur „gebackt“ wird. Jede Pfadgelegenheitsnutzung passiert auf Kosten eines Fulcrums (auch wenn diese Kosten oft scheinbar „vernachlässigbar“ sind, wie bei Archimedes) und ist eine Wette auf die Zukunft eines Erwartungs-Portfolios.

Die projizierte Handlung als Q-Function

Stellen wir uns vor, wie Archimedes bei seinen Hebelexperimenten vorgegangen ist. Vermutlich musste auch er erst nach passendem Hebel und passenden Fulcrum suchen und ich lehne mich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass er dabei unterschiedliche Pfadgelegenheiten zum Hebeln „eruiert hat“ und dass er sich wahrscheinlich auch das eine oder andere Mal gegen einen Hebel, oder ein Fulcrum entschieden hat. Das heißt, Archimedes hat Pfade zum Hebeln bewertet.

Ob bewusst oder unbewusst, wir sind ständig dabei, die uns zur Verfügung stehenden Pfade/Hebel zu bewerten. Ändert sich die Infrastruktur, ändert sich unsere Erwartung an die Infrastruktur. Ist sie über Jahre verlässlich, schreiben wir ihr mehr Wert zu – geben wir ihr mehr Kredit, bzw. das Sprichwort ist falsch, den Kredit auf die Infrastruktur, den geben wir uns selbst, den erlauben wir uns. Eigentlich wissend, dass eine Infrastruktur, die heute gut dasteht, morgen unsicher oder ineffizient oder zu teuer sein kann.

In der KI-Forschung hat sich Q-Function als Konzept zur Bewertung von Pfaden in Agent-Systeme in Spielen als praktisch herausgestellt und die Geschichte ist es wert kurz erzählt zu werden:

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Wir definieren Q-Function als Bewertung eines Pfads (innerhalb einem Statuses (Zeit/Ort) unter Unsicherheit.

Auch Archimedes Fähigkeit zu Hebeln und damit Wetten einzugehen, basiert zu einem Teil auf seiner Fähigkeit, einen Pfad zu inszenieren, sich also dieses Fulcrum und jenen Hebel in der Hebelhandlung vorzustellen.

In Krasse Links no 74 habe ich anhand von Nicholas Humphrey evolutions-biologischen Überlegungen zur Evolution von Kognition in einer Amöbe darüber spekuliert, welchen relational materiellen Freiheitsgewinn, die „projizierte Handlung“ bringt.

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Perspektive: Viabilität

Doch zurück zu Archimedes Hebelproblem: Wesentlicher Teil seiner Q-Function für Hebelpfadgelegenheiten wird die Frage bestimmt haben, ob das Fulcrum „hält“, denn er weiß: noch bevor er seine Wette überhaupt platzieren kann, muss ein Pfad „viabel“ sein.

Viabilität“ ist ein Begriff der evolutionären Biologie und beschreibt die „Gangbarkeit“ evolutionärer Mutationen und „Traits“, also erstmal gar nicht, ob diese oder jene Eigenschaft „nützlich“ ist, sondern einfach, ob sie überhaupt möglich ist, ohne den Pfad zu gefährden.

Aber „Gangbarkeit“ ist die Voraussetzung eines jedes Pfads?

„Ist dieser Untergrund sicher? Wird mich dieser Grund mich halten?“

Das sind die existentiellen Fragen, die sich Hunde oft stellen, wenn sich der Bodenbelag ändert. Mein Hund Cobi, wollte, als ich ihn bekam, zuerst nicht in den Fahrstuhl einsteigen. Es dauerte, bis ich begriff, dass er keine Angst vor dem Fahrstuhl selbst hat, sondern sich nicht traute, die Schwelle zum anderen, abgegrenzten Bodenbelag zu überschreiten. Erst als er es zwei, drei mal übte, fühlte er sich wohl beim In-den-Fahrstuhl-reinlaufen.

Und auch, wenn uns das in in diesem Fall albern vorkommt, ist dieselbe Angst in jeder unserer Pfadgelegenheiten eingeschrieben. Denn, wie gesagt, Pfadgelegenheiten können schief gehen.

Zugriff

Wenn Archimedes nun in die Hände spuckt und den Hebel ansetzt, dann ist die Kontaktzone zwischen Hebel und Fulcrum nicht beliebig gewählt. Genau das ist es, was Archimedes uns zu zeigen versucht. Verschiebt man den Hebel in Relation zum Fulcrum und zur hebenden Sache (Last), dann ändert sich auch die Kraftübertragung. Ideale Kraftübertragung hat man, wenn man den Teil des Hebels, auf den man Kraft ausübt, in möglichst langer Distanz zum Fulcrum hält.

Das heißt, der Ansatzort des Hebels am Fulcrum ist nicht egal? Und das gilt für jede Hebelaktion.

Für die Pfadgelegenheit bedeutet das, dass das „Fulcrum“ nicht nur die unterliegende Infrastruktur referenziert, und nicht nur die Wette, dass sie „hält“, sondern tatsächlich auch den Punkt in der Infrastruktur identifiziert, an dem der Hebel-Teil der Infrastruktur „am besten/am ehesten“ angesetzt werden muss, damit die Hebelwirkung ideal oder immerhin effektiv genug übertragen/verstärkt wird, damit die Pfadgelegenheit gelingt.

Dieses zugriffliche Fulcrum ist beim nehmen eines Weges der Belag, an dem ich meinen Schritt abstoße, beim Ansetzen eines Dosenöffeners ist es die Randsstelle der Kanne, beim Programmieren kann es zum Beispiel eine bestimmter API-Funktion sein, auf der alles basiert, oder beim Anwenden des Programms ist es die Struktur der Parameter die ich übergebe, oder an der Börse der Zeitpunkt, an dem ich eine Aktie kaufe.

Das ist der konkrete und möglichst „richtige“, möglichst effektive Punkt/Fläche der Kontakt-Zone, die den Hebel, den man mitbringt, arretiert und seine Wirkung maximiert und bei manchen komplexen Fulcren ist es oft mehr eine Kontakt-Landschaft als eine Zone.

Die Zugriffs-Topologie (oder das „zugriffliche Fulcrum“) stellt sich als die lokal wirksame Kontaktzone heraus, an der ein Hebel in ein Fulcrum „einrastet“ – so, dass aus einem gegebenen Krafteinsatz eine maximale (oder überhaupt erst ausreichende) Wirkung wird.

Die Zugriffs-Topologie ist nicht einfach „wo man drückt“, sondern die Stelle, an der Geometrie, Material und Zugriff zusammenpassen: der Übergang von Möglichkeit zu Viabilität zu Praxis. Die Zugriffs-Topologie ist die Schwelle, an der eine Pfadgelegenheit von „Konzept“ zu „machbar“ kippt, weil wir oft erst beim Ansetzen merken, ob der Hebel zum Fulcrum passt.

Jedes Fulcrum hat eine Form/Topologie und formuliert damit die Anforderungen an den Hebel, als Affordanzen.

Und oft ist die Zugriffs-Affordanz des Fulcrums bewusst hoch, verengt oder oder komplex gestaltet, um bestimmte Hebel auszuschließen. Etwa, wenn die notwendigen Unterlagen zum Beantragen für Wohngeld besonders kompliziert gestaltet werden und der Prozess sich jedes Jahr wiederholen muss, um Leute auszuschließen, die nicht verzweifelt genug, oder mit Formalsachen nicht firm sind. Oder wenn der Zuweg zu einem Ort nur durch eine Durchfahrt erreichbar ist, die Busse – und damit den Teil der Bevölkerung, der Bus fährt – ausschließt. Oder die umsichgreifende Anti-Homeless-Architektur, wie Parkbänke, die so gestaltet sind, dass sich kein Wirbelsäulen-Fulcrum darauf regenerieren kann.

Es gibt sehr viele Affordanz-Designs für Fulcren zum Ausschluss von bestimmten Hebeln, aber die bekannteste ist das Schloss. Das Schloss ist eine (möglichst) einzigartig gestaltete Affordanz-Topologie, die (möglichst) nur einen einzigen Hebel (Schlüssel) zulässt. Der Schlüssel wird zur Schwelle vieler Pfadgelegenheiten (Auto, Haus, Laube …).

Von hier kann man das Konzept easy auf die Welt ausmappen:

„Eine API ohne Schreibrechte ist ein Fulcrum, das nur lesende Hebel zulässt.“

„Ein Ranking-Algorithmus ist ein Zugriffliches-Fulcrum für aggregierte Aufmerksamkeit, dessen Affordanzen Sichtbarkeitshebel zuteilen.“

„Ein Dialekt oder akademischer Jargon ist ein semantisches Zugriffs-Fulcrum, das Sprecher*innen ausschließt.“

„Plattformmacht = Kontrolle über zugriffliche Fulcren mit hoher Betweenness-Zentralität auf ein möglichst großes Kontaktzonen-Fulcrum von Pfaderwartungen interlockter User (Netzwerkmacht).“

Ein Auto ist beschreibbar als Hebelarchitektur, in der jeder Hebel von einem Fulcrum anderer Hebeln anhängig ist, deren Fulcrum wieder von anderen Hebeln abhängig ist, usw. Jedes Fulcrum (Bremsen, Lager, Software, Sensoren und Straßen) wird bei der Hebelaktion „Autofahren“ belastet, verschleißt, kann kaputt gehen und auf jedes dieser Fulcren ist also eine Wette abgeschlossen, die wir während des Autofahrens beleihen. Der Autohebel ist architekturell auf ein spezialisiertes zugriffliches Fulcrum zugespitzt, das es erlaubt, andere von der Nutzung auszuschließen, indem er nur mit einem ganz bestimmten Hebel bedienbar ist (Autoschlüssel).

Einige der Hebel:Fulcrums-Beziehungen und Kreisläufe des Autohebels sind mechanisch, aber andere sind elektrisch und wieder einige sind termodynamisch.

Aber auch sie sind Hebel?

Der Begriff „Entropie“ stammt aus der Praxis des frühen Dampf-Machinenbaus, weil man ein Wort dafür brauchte, dass aus dem Kessel keine „Arbeit“ mehr zu extrahieren war. In der Thermodynamik bezeichnet Entropie die Zahl der möglichen Mikrozustände eines Systems und damit eine Grenze für die nutzbare Energie. „Entropie“ ist keine naturwissenschaftlich zwingende Größe sondern eine Nutzerperspektive. Sie spiegelt das seit dem 19. Jahrhundert wachsende menschliche Bedürfnis, eine möglichst hohe und berechenbare Übergangswahrscheinlichkeit zwischen heißen nach kalten Molekülen zu organisieren, um sie als energetisches Fulcrum für Dampf-Hebel und später für Verbrennermotoren zu nutzen.

Und in der Elektrizität sprechen wir von „Spannung“ als Potentialdifferenz von gespeicherter Energie pro Ladungseinheit, aber meinen damit wieder ein Fulcrum aus möglichst hoher Übergangswahrscheinlichkeit zwischen Elektronen und ionisierten Atomen, an dem wir unsere steuerbaren Schaltungen als Hebel ansetzen, um Stromstärke in Pfadgelegenheiten zu übersetzen.

Nochmal Fulcrumskomplexität: Die Turing-Maschine

Das Fulcrum ist komplex. Alles, was wir unter „Mechanik“ fassen, sind eigentlich ineinandergreifende Hebel:Fulcrums-Kopplungen, über die Kraft übertragen werden, sei es das Getriebe oder das Uhrwerk, Schaltungen oder Motoren.

Aber man kann die Tiefe der Hebel:Fulcrums-Relation am besten veranschaulichen, wenn man sie gleich auf die Turing-Maschine anwendet, die Machine der Maschinen, die „universelle Machine“.

In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, führe ich die Turing-Machine so ein:

Ein unendliches Band aus Papier zuckt vor und zurück. Es ist unterteilt in quadratische Felder. Auf manchen stehen Symbole, Nullen und Einsen, in scheinbar zufälliger Verteilung auf das Band gedruckt. Manche Kästchen sind leer. Das Band läuft durch eine Maschine, in die es eingespannt ist. Die Maschine zieht das Band mal nach links, mal nach rechts. Ein Schreib-/Lesekopf konzentriert sich immer auf das aktuelle Kästchen in der Maschine. Mal schreibt die Maschine dann etwas auf, mal liest sie die beschriebenen Kästchen, und hier und da ist sie unzufrieden mit dem Inhalt. Sie radiert das Symbol weg, und ab und an ändert sie es in ein anderes.

Mit diesem imaginierten Versuchsaufbau, so Turing könne man alle mathematisch lösbaren Probleme lösen. Zumindest theoretisch, denn Turing hat – wie Archimedes – sein Fulcrum einfach ideal gesetzt: Das Band ist unendlich und die Maschine hat ewig Zeit und Hitzeentwicklung, Bugs und Stromversorgungsprobleme gibt es auch nicht.

Als Hebel formuliert, leveraged die Maschine sich selbst, ihre Infrastrukturen, das Band und alle bereits eingelesenen Symbole, um mit dem Hebel des „nächsten Rechenschritts“ eine Aktion zu veranlassen (Band vor/zurück, Lesen/Schreiben), die Teil eines Rechenpfads ist, der ein mathematisches Problem lösen soll.

Wenn irgendwas davon schief geht – also das Fulcrum bricht, hört die Maschine entweder auf, oder kommt vom korrekten Rechenpfad ab. Die Hebelwirkung verpufft und die Erwartungen kollabieren.

Turing-Machinen wurden bekannter maßen zu Computern, also Hebelmaschinen, die aus Milliarden winziger Hebel (Bits) bestehen, die sich selbst, ihre Infrastruktur und den aktuellen Zustand ihres „Hebelaggregats“ nutzen, um wie die Turing-Maschine den nächsten Rechenschritt zu marschieren. Mit diesen echten Computern gibt es natürlich so Dinge wie „Endliche Geduld der Anwender*innen“, Hitzeentwicklung, „Bugs“ und Stromversorgungsprobleme. Der Turing-Hebel, um zu funktionieren, braucht ein Fulcrum und das ist niemals „ideal“.

Aber das bedeutet auch, dass auch hier jedes gesetzte Bit, das in der Rechenoperation eine Rolle spielt, eine Wette ist. Eine Wette, die zwar häufig gut geht, aber alle paar Millionen mal eben auch mal nicht, weswegen moderne Computer allerlei Clearing House-Mechanismen (wie zb. ECC memory) zur Stabilisierung der Bit-Erwartung installiert haben.

Daraus kann man ermessen, wie wie komplex das Fulcrum eines Computerhebels ist, der ein einfaches kleines Video leveraged. Milliarden von Hebeln, angefangen bei denen des Betriebsystems, des jeweiligen Programms, sowie allen Daten des Videos selbst – jedes Bit muss stimmen, damit das Video läuft. Computer sind megakomplexe Hebel aus Hebeln, aber damit eben auch Wetten auf Wetten.

Und jetzt stellt euch vor, wie riesig und komplex die Computer-Hebelstruktur einer LLM sein muss, die euren kleinen Prompt als Hebel in den Tiefen der Infrastruktur ihrer massiven Datencenter arretiert, damit das Modell ihren zum „Latent Space“ syndizierten Trainingsdatenwust durchforstet, um alle Kontexte aller Tokens des Prompts zum Fulcrum zu mobilisieren, sie jeweils hunderte male miteinander Beziehungen setzt, um an den Rechenergebnissen die Übergangswahrscheinlichkeiten des nächsten Tokens zu leveragen.

Teil IV: Semantik. Hebel/Fulcrum-Relation als soziale Struktur

Auch wenn Archimedes der Erste sein mag, der die Hebelwirkung formalisierte, ist er mit Sicherheit nicht der Erste gewesen, der die Hebelwirkung kannte oder nutzte. Ich gehe noch weiter und behaupte: Auch Archimedes wird das Hebeln bei anderen gesehen haben, bevor er es selbst ausprobierte und dann theoretisch formulierte.

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, beleihen unsere Erwartungen nicht nur unsere Erfahrungen, sondern zum größten Teil die Erfahrungen und Erwartungen anderer. Niklas Luhmann hat die Erwartungen an anderer Leute Erwartung treffend „Erwartungserwartungen“ genannt und damit einen sehr nützlichen Begriff geschaffen.

In Krasse Links No 74 erzähle ich anhand meiner Beziehung mit meinem Hund, wie Erwartungserwartungen aufgegleist werden.

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

 

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

 

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Unsere Erwartungen sind nie wirklich unsere. Alles, was wir glauben, von der Welt erwarten zu können, haben wir von anderen gelernt, zu erwarten. Natürlich machen wir auch eigene Erfahrungen, aber auch diese aus sogenannten „eigenen Erfahrungen“ sind immer eingebettet in den Rahmen unserer erwarteten Erwartungen anderer. Erwartungen sind nie nicht sozial.

Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:

  1. Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
  2. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
  3. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.

Alle Akteure in diesem Netzwerk sind „Materiell-Semantische Komplexe“ (menschliche Dividuen, Unternehmen, Staaten, Redaktionen, Vereine, Organisationen, auf eine Art auch Tiere) und das heißt sie haben sowohl einen materiellen Körper (menschliche Körper und materielle Infrastrukturen inklusive deren Fulcren) und einen semantischen Körper (Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Wissen, eine Geschichte über sich selbst und die Welt), bewohnen also als „Full Stack“-Implementation alle Layer des Netzwerks. Sie alle sind Fulcren (für jemanden), sie alle nutzen Hebel (an jemanden), nur sind Hebellänge und Fulcrumslast ungleich verteilt.

Ein weiterer Effekt, die Dinge so zu sehen, ist, dass wir unsere Hebel alle auf die eine oder andere Weise „geerbt“ haben. Wir beleihen nie nur eigene Infrastruktur, nie nur die eigenen Erfahrungen, wenn wir Hebel benutzen, sondern immer auch die aggregierten Erfahrung und aktuellen Erwartungen anderer. Und wenn unser Fulcrum bricht, bricht deswegen auch immer mehr, als nur unser Fulcrum.

Erwartungserwartungen als Q-Function

Wir erwarten, dass der Hebel/die Pfadgelegenheit funktioniert (die Straße befahrbar ist, meine Überweisungen ankommen, der Server erreichbar ist) nicht (nur) weil es unseren eigenen Erfahrungen entspricht, sondern auch weil es eine „allgemeine Erwartung“ ist, die sich bei genauerem Hinsehen immer als eine konkret aquirierte Erwartung von anderen herausstellt, die wir uns angewöhnt haben, zu beleihen, weil uns die Realität (noch) keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat, bzw. andersrum: jede unserer Erfahrung einer geglückten Hebelaktion re-inforced die Wertzuschreibung, die wir andernorts aquirierten.

Q-Function ist sozial.

Dass Pfadgelegenheiten gesellschaftlich für „einiger maßen sicher“ befundene Infrastruktur sind, kann man gut am Adaptionsprozess neuer Pfadgelenheiten beobachten.

Als die Pfadgelegenheit „Linienflug“ eingeführt wurde, musste das Vertrauen in diese Infrastruktur erst mühsam durch die Gesellschaft perkulieren. Das dauerte bis alle irgendjemand kannten „der schon mal geflogen ist“. So akkumuliert sich investiertes Vertrauen in Infrastruktur und diese Erwartungsstabilität ist das Fulcrum, das den Linienflüge im heutigen Maßstab ermöglicht.

Boeing hat dieses Fulcrum zuletzt über Gebühr geleveraged, indem sie Kostenreduktion vor Sicherheit stellten. Eine riskante Wette, aber unsere Gesellschaft gewöhnt sich ja gerade an so manches?

Aber Vorsicht: Nur, weil bestimmte Wetten in der Vergangenheit regelmäßig „geglückt“ sind, heißt das nicht, dass sie aufhören, wetten zu sein?

Ihr kennt das Gefühl, wenn ihr plötzlich feststellt, dass ihr eine Erwartung an die Welt hattet, von der ihr vorher gar nicht wusstet, dass ihr sie hattet?

Also ich hab das vor allem in letzter Zeit sehr oft. Eigentlich crasht grad jeden Tag ein anderer Teil meines Erwartungs-Portfolios.

Das Adaptieren von Infrastrukturen geht also einher mit einem wechselseitigen Beleihen von Erwartungen an diese Infrastruktur und das kann man bei jeder Adaption neuer Hebel beobachten: Da sind wir alle unterschiedlich risikobereit sind, ist es die Vorhut der „Early Adopter“, die sich als erstes aufmacht, um neue Pfade zu erkunden. Wir anderen folgen erst, wenn sie das OK signalisieren.

So funktioniert das aber überall: Ich investiere nicht nur in ein Asset, nicht weil ich persönlich und „individuell“ an seine Viablität und Werthaftigkeit glaube, sondern weil ich auch daran glaube, dass andere daran glauben. Unsere Erwartungen sind von unseren Erwartungserwartungen – also unsere Erwartungen der Erwartungen anderer – kaum zu trennen.

Erwartungen haben also immer zwei Bezugspunkte: eine materielle Erwartung, die bricht, wenn die Erwartung an das Fulcrum bricht und eine semantische – die Erwartungserwartung – die bricht, wenn die Erwartungen anderer brechen. Das fällt nicht oft auf, denn weil wir dieselbe Welt bewohnen glauben wir, dass beides gleichzeitig bricht, dabei ist das nie wirklich gleichzeitig, sondern der Riss fängt immer irgendwo an und arbeitet sich entlang der wechselseitigen Beleihungsstrukuren durch das Netzwerk, bis er auf Netzwerkzentralitäten trifft, die den Kollaps beschleunigen.

Aber das bedeutet auch, dass meine Entscheidung in einen Pfad zu investieren und einen Hebel zu bedienen, nie für mich bleibt. Meine Investitions-Entscheidung wird wahrgenommen und andere reaktualisieren daraufhin vielleicht den Wert ihrer Assets. Jedes Nehmen einer Pfadgelegenheit ist ein „Sprechakt„.

Ganz gezielt wird der Effekt in der Werbung genutzt, die zu 90 Prozent attraktive, relatable Menschen zeigt, die die beworbene Pfadgelegenheit „vorahmen“ und so versuchen, sie als „gesellschaftlich viabel“ darzustellen und so mit erwartetem „Wert“ aufzuladen. Aber wichtiger sind heute Bewertungen in Online-Portalen geworden. Wir verlassen uns gern auf „authentische“ Erstehandberichte, um den Wert von Pfaden abzuschätzen. Aber am Liebsten beleihen wir dafür natürlich die Erfahrung von Freunden oder anderen Menschen, denen wir vertrauen.

Aber im Netzwerk der Erwartungserwartungen findet sich auch die „Institution“. Institutionen sind materiell-semantische Komplexe, die als „Clearing House“ der gesellschaftlichen Erwartungsportfolios fungieren und so zu Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erwartungserwartungen werden. Oder soll ich sagen: wurden?

Da wir gerade in einer Zeit der crashenden Erwartungsportfolios stecken, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob wir etwas aus dem Crash lernen, davon abhängen wird, dass wir ihn richtig interpretieren. Jeder Crash ist eine Pfadgelegenheit zur grundsätzlichen Rejustierung der Erwartungserwartungen.

Fulcrumsvergessenheit

Noch mal zu Archimedes Annahme, dass das Fulcrum „halten“ wird. Das ist mehr als nur eine Behauptung, das ist mehr als eine Wette, es ist auch eine „Geste“.

Hier eine weitere These: Die „Annahme“ eines stabilen Fulcrums ist einstudiert.

Damit will ich Archimedes nicht als „Poser“ darstellen, ich glaube wirklich, dass er selbst gehebelt hat und aus eigener Erfahrung berichtet. Dabei wird ihm durchaus schon aufgefallen sein, dass das Fulcrum fragil ist oder zumindest sein kann, „aber so unterm Strich“ – wird er sich gesagt haben – „und wenn man bei der Fulcrumsauswahl ein bisschen aufpasst“, dann ist so ein Fulcrum zumindest „stabil genug“, weswegen wir diesen Faktor in der Praxis des Hebelns auch „vernachlässigen“ können.

Hier ist mein Punkt: Das als „stabil“ gesetzte Fulcrum ist Ausdruck einer bestimmten Subjektivität und ist vielleicht noch mehr als die Meditationen Descartes für die „Fulcrumsvergessenheit“ (in Krasse Links sprach ich bisher von „Infrastrukturvergessenheit“ aber Fulcrumsvergessenheit trifft es präziser) des westlichen Denkens verantwortlich?

Wenn Descartes sagt, „Ich denke also bin ich“, setzt er das „Denken“ ebenso wie Turing die Maschine und wie Archimedes das Fulcrum als „fixes Ideal“, und „vernachlässigt“ seine Pfadabhängigkeiten. Auch Descartes interessiert sich nicht für die Bedingungen der Möglichkeit seines Tuns.

Denken, insbesondere das Denken das Descartes praktiziert, das abstrakte Denken, ist Übungssache? Das kann man nicht von klein auf, das kann man auch nicht unbedingt als Erwachsener, jedenfalls nicht einfach so, sondern man lernt es durch Anleitung und Übung über Zeit. All das verschweigt uns Descartes.

Was er uns außerdem verschweigt, ist, dass Denken nicht einfach nur im Kopf stattfindet, sondern die Sprache als Fulcrum benötigt.

Descartes braucht „Unterscheidungen“, wenn er von „ich“ /du, sie, es …, „Denken“ / Sprechen, Handeln, Schlafen … und „Sein“ /Nichtsein spricht. Wo, wenn nicht aus der Sprache, hat er seine Unterscheidungen her?

Wie Turing und Archimedes vernachlässigt Descartes in Wirklichkeit ein komplexes Fulcrum (das der eigenen Sozialisation, Sprach- und Denkerwerb) und setzt es zum Hebeln „ideal“ (so wie es die „Westliche Vernunft“ für die Welt ansich tat), um uns den Floh mit dem „Individuum“ ins Ohr zu setzen, das getrennt von seiner Welt lebt.

Der Subjektentwurf des Individuum, als eines von der Welt unabhängigen Agenten, basiert auf exakt dieser Geste der Idealisierung von Fulcren. Ebenso basiert darauf die „Schwerelosigkeit“ der „unverbundenen Handlung“ und der „universelle Blick der Objektivität“. Verschwiegen wird Geschichte, Perspektivität, Infrastruktur und Fulcrum. Diese „Vernachlässigung“ ist eine „Verdrängung“, die das Individuum ermöglicht und hervorbringt.

Und deswegen fällt es uns zum Beispiel schwer zu verstehen, dass jede „Innovation“ nur die pfadabhängige Spitze eines Eisbergs aus Infrastruktur ist. Marianna Mazzukato hatte in ihrem Buch The Entrepreneurial State darauf hingewiesen, dass so gefeierte Produkte wie das iPhone fast ausschließlich die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung kompilieren.

Innovation beruht also nicht nur auf der Arbeit anderer, sondern der Arbeit, auf der deren Arbeit beruht, usw. Sowie auf einem Bildungssystem und einer Forschungslandschaft, die Bildungs-Pipelines von der Grundschule über die Unis bis die Entwicklungs&Forschungsabteilungen der Unternehmen bereitstellt. Und ein Billionschwerer Rüstungshaushalt, der jährlich viele Milliarden in die Infrastruktur reinpumpt ist auch ganz hilfreich? Da kommt der Microchip her, so wurde das Internet geschaffen, GPS und so vieles andere.

Aber aber wir Verdrängen auch, dass unsere eigene „Agency“ ebenfalls immer infrastrukturvermittelt ist – also Fulcrumsabhängig, weswegen ich so weit gehe, den Begriff „Handlung“ ab jetzt nur noch in Anführungszeichen zu schreiben, weil es sich bei „Handlungen“ in Wirklichkeit immer um das Nehmen von Pfadgelegenheiten handelt, die einen Hebel an ein Fulcrum setzen.

Was damit aber natürlich auch verdrängt wird, ist, wie tief das Fulcrum unserer sogenannten „Handlungen“ geht. Wenn ich sage, dass ich mal eben von Berlin nach Hamburg fahre, dann referenziere ich damit den Hebel einer Bahnfahrkarte, der das Fulcrum einer Infrastruktur mobilisiert, die von Millionen Menschen erstellt wurde und gewartet wird. Und mache meiner Handlungen, etwa das öffentliche Philosophieren hier, ist ebenfalls pfadabhängig von einem Fulcrum an Rechten, Institutionen und an gesellschaftlicher und politischer Stabilität, was mein Schreiben hier jeden Tag zu einer riskanteren Wette macht. Außerdem brauche ich wie wir alle saubere Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, genug zu Essen, körperliche Gesundheit und Sicherheit und natürlich stabile klimatische Bedingungen (und Geld, falls ihr welches übrig habt).

Viele – ich inklusive – haben lange die Tatsache verdrängt, dass der Kapitalismus dir zwar immer wieder auch neue schicke Hebel in die Hand legt – die dich aber hintenrum zum Fulcrum der Hebel anderer machen. Hebel, die am Ende immer die Oligarchen kontrollieren.

Kontrollverlust

In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, ging es eigentlich um den „digitalen Kontrollverlust“.

Das Wort »Kontrolle« kommt vom französischen contrôle, das sich zusammensetzt aus contre, »gegen«, und rôle, »Rolle« oder »Register«. Ursprünglich bezeichnete es ein »Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters«. Das heißt, bei jeder Kontrolle gibt es einen Ist- und einen Soll-Zustand. Kontrolle ist der stetige Versuch, beides anzugleichen.

 

Kontrolle ist der Eingriff in ein System mittels Erwartungswert und informationellem Feedback. Der digitale Kontrollverlust bezeichnet einen eigentümlich selbstreferenziellen Zustand. Er bedeutet nicht nur, dass die Ereignisse nicht mit dem Erwartungswert zusammentreffen, sondern dass die Erwartungswerte mithilfe von falschen Annahmen über die Welt gebildet wurden. Unsere Formeln für den Soll-Zustand sind hinfällig. Kontrollverlust bedeutet also nichts weniger, als dass wir nicht mehr wissen können, welche Erwartungen wir an die Zukunft haben können.

 

Die Folgen sind entsprechend dramatisch. Weil unsere Erwartungswerte nicht mehr stimmen, sind auch unsere Strategien für die Zukunft wertlos. Aktionen, die in der alten Welt funktioniert haben, verpuffen wirkungslos oder verschlimmern die Lage zusätzlich. Wir können zum Beispiel versuchen, eine missliebige Information aus dem Internet zu löschen. Doch wie wir sehen werden, geht es uns in diesem Fall wie dem mythischen Helden Herakles, wenn er versucht, einen Kopf der Hydra abzuschlagen und ihr sogleich zwei neue wachsen. Vor dem Kontrollverlust wird uns niemand retten; kein Meister kommt wie bei Goethes Zauberlehrling und schickt die Besen in die Ecke. Die Geister, die wir riefen, sind gekommen, um zu bleiben. Kurz: Wir sollten mit dem Kontrollverlust rechnen, ihn in unser Denken und Handeln – ja, in unsere Gesellschaft – integrieren. Vor allem müssen wir unsere Strategien an ihn anpassen. Wenn alle Dämme brechen, hilft nur noch schwimmen lernen.

Ich kann heute präziser formulieren: Kontrolle ist der Abgleich einer materiellen Beobachtung eines Fulcrums mit seinem Erwartungs-Portfolio. Aber der entscheidende Schritt passiert danach: eine Abweichung rechtfertigt einen Hebeleinsatz zum Gegensteuern. „Kontrolle“ fungiert als Erlaubnisstruktur und Steuerungssystem für Korrekturhebel, um Realität an Erwartung anzupassen.

Kontrollverlust ist der Moment, wo diese Hebel versagen, weil sie ins Leere hebeln. Kontrollverlust ist immer ein Fulcrumsbruch von Korrekturhebeln. Etwa, wenn die Bremsen ausfallen.

Das verflixte an Korrekturhebeln ist, dass sie so kleinteilig und vielfältig sind, dass wir ihre Existenz oft verdrängen.

So gibt es Leute, die fordern, die Fehleranfälligkeit von Large Language Models nicht so ernst zu nehmen, schließlich machten ja auch Menschen Fehler. Demnach hätten wir AGI erreicht, wenn die KIs auf Fehlerraten von Menschen kommen. Close enough.

Was diese Überlegung aber verdrängt, ist die Tatsache, dass LLMs andere Arten von Fehlern produzieren, als Menschen. Menschen leben in einer geteilten Welt und haben geteilte Motivationsstrukturen, weswegen ihre Fehler eine bestimmte Stuktur haben. Und für diese Strukturen haben wir Menschen über Jahrtausende eingeübte Heuristiken internalisiert (das Hinterfragen von Motivationen, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Arten des Aufspielens, das Signal der Schludrigkeit, etc) und entsprechende Korrekturhebel eingeübt.

LLMs machen Fehler weil sie lustig sind. Bzw, so gebaut sind, dass sie mit „Noise“ gefüttert werden müssen, damit sie überhaupt mal riskantere semantische Pfade gehen. Ihre Motivation und damit Fehlerplazierung ist also „random“. Mal hier einen Namen ausgedacht, mal hier eine Biliothek halluziniert, mal da ne Quelle erfunden.

Und an Randomfehlern scheitert unsere eingeübte Fehlerheuristik, damit auch die Korrekturhebel.

Das ist das Problem: Um wirklich sicher zu sein, dass ein LLM output stimmt, muss man nicht nur die „offensichtlichen“ Fehlerquellen prüfen die man zu prüfen gewohnt ist, sondern alle, die möglich sind. Aber wer macht das schon? Dann wären die Zeitgewinne durch die LLM quasi futsch. Echte Kontrolle ist teuer.

Und so sammeln wir unbemerkt immer mehr Kontrollverlustsschulden an, je mehr Slop-Dokumente unser gemeinsam beliehenes „Wissen“ durchlöchern. Bis das Fulcrum an irgendeiner Stelle bricht, weil die falsche, halluzinierte Information beliehenen wurde und der Turm darauf aufgebauter Erwartungserwartungen kollabiert.

Semantik

Die wesentliche Erkenntnis, die ich aus meiner tieferen Beschäftigung mit LLMs für das Böckler-Paper gewonnen habe, ist dass LLMs unserer Spracherwartungen als Fulcrum nutzen, um in unserer Aufmerksamkeit plausible Pfade zu hebeln.

Aber das tun auch wir, wenn wir sprechen und schreiben?

In Krasse Links No 74 geht es um Sprache und da führe ich Saussure, den Urvater der modernen Linguistik, so ein.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

 

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Eine andere wichtige Unterscheidung von Saussure ist die zwischen „Parole“ (angewendete Sprache/Sprechakt) und „Langue“ (angenommene Spracherwartungen), weswegen ich mir erlaube, ihn relational materialistisch umzudeuten:

„Parole“ sind die Hebel, die auf dem Fulcrum der „Langue“ operieren.

Luhmanns Beobachtung der „Erwartungserwartungen“ sagt nichts anderes, als dass unsere Erwartungen vernetzt sind und als Erwartungsraum die semantischen Bahnungen vorzeichnen, in den wir denken und sprechen. Diese Bahnungen sind Pfadgelegenheiten in den Erwartungserwartungen und bilden die zur Verfügung stehende semantische Infrastruktur, in der wir leben und uns ausdrücken und kreieren dabei eine spezifische Beobachterperspektive – die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit mit einem spezifischen Wissen ausgezeichnet ist.

Semantik ist die Infrastruktur, mit der wir uns in der Welt orientieren und „kommunizieren“, mit der wir Wahrnehmen, Unterscheiden, Einordnen und Schlüsse ziehen und uns dabei beoachten und wechselseitig auf Pfade folgen.

Kommunikation

„Kommunizieren“ geht so: Ich entwickle eine Erwartung an eure Erwartungen (Erwartungserwartungen) und nutze sie als Fulcrum, um mit semantischen Hebeln diese angenommenen Erwartungen einerseits in vielen Details zu erfüllen – (z.B. in dem ich Worte wähle, die ihr versteht), aber an entscheidenden Stellen versuche, sie auch zu irritieren. Das muss ich tun, um mich auszudrücken, also den Unterschied zu informieren, den mein Unterschied bedeutet. Mein Unterschied ist eine Erfahrung, die meine Erwartungskontinuität durchbrochen hat, so dass sie zur „Information“ wurde und mittgeteilt werden will.

Kommunikation funktioniert also als Hebel ähnlich, wie das Public Key Verfahren (Asymmetrische Verschlüsselung) in der Kryptographie. Das Public Key-Verfahren leveraged das Fulcrum veröffentlichter „Public Keys“, um die Pfadgelegenheit einer wechselseitigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselnten Kommunikation zu ermöglichen.

Stellen wir uns einen Public-Key-Server vor, der Public-Keys für jede Semantik (jede sprachliche und inhaltliche Erwartungserwartung, „die Semantik der Gesellschaft“, wie Luhmann es nennt) vorhält, also jedes Wort, jede Aussage, jede Rhetorik, jede Andeutung, jede Theorie, jede Geschichte, usw.

Wenn Alice Bob etwas sagen will, greift sie sich mit jedem Wort, dass sie formuliert den passenden Public-Key in der Hoffnung, dass Bob den Private Key dafür hat (die erwartete Erwartung). Jeder Sprachakt ist ein Portfolio von auf einander aufbauenden Wetten, die hier die einzelnen Verschlüsselungen repräsentieren.

Der Keyserver ist aber nicht direkt öffentlich, sondern selbst Privat in Alice Kopf – ihre Erwartungen an Bobs Erwartungen sind ihrerseits Erwartungen. Und weil Erwartungen von Realität abweichen, führt sie für Bob einige Public-Keys, für die er keine Private Keys hat oder Private Keys, die die Semantik ganz anders entschlüsseln, als das, was Alice meint. Kommunikation geht oft schief geht und auf gewisse Weise immer, denn die beliehene Infrastruktur führt immer in undurchsichtige Pfade beim Gegenüber. Wenn der Pfad bricht, weil eine semantische Pfadgelegenheit nicht tragfähig war, misslingt Kommunikation.

Alice wird also versuchen, sich in ihrer Kommunikation an „gut abgehangene“, d.h. gesellschaftlich mehr oder minder populäre Pfade zu halten, um die Kommunikation sicherzustellen. Die Verbreitungserwartung, also Hegemonilität des zugrifflichen Fulcrums (installed Base) einer Semantik entspricht ihrem Koordinationsnutzen – hence: Preferencial Attachment und Netzwerkeffekte.

Wenn ich also neue Begriffe einführe – zum Beispiel „Fulcrum“, dann habe ich ein Problem. Die Verbreitung der Menschen, die ein zugriffliches Fulcrum für den Begriff haben, ist gering und es gibt bislang nur wenige, die dem Begriff Kredit geben, was die ansetzbare Hebelwirkung für mich erstmal verringert.

Was ich in diesem Text deswegen versuche ist, mich mit wachsenden Hebeln von Fulcrum zu Fulcrum zu schwingen. Ich führe den Begriff möglichst einfach ein, zweige seine Nützlichkeit in verschiedene Zusammenhängen ab, indem ich sie jeweils im nächsten Schritt leverage, um etwas zu erklären, um damit die nächst komplexere Verwendung des Begriffs „Fulcrums“ zu beleihen, usw. Mit jeder Anwendung, mit jedem Kontext – so meine Hoffnung – wird nicht nur das Verständnis des Begriffs erweitert, sondern der Begriff auf einem abstrakteren Level „geschärft“ und generalisiert und wird damit mit immer mehr Kredit versorgt, so dass er immer „beleihbarer“ wird, so dass ich immer größere Hebel daran ansetzen kann, usw.

Ein Teil des Kredits erhoffe ich mir allerdings nicht nur aus der Wiederholung, sondern aus der Differenz der Kontexte in der Wiederholung. Und die Kontexte sind ebenfalls nicht beliebig, sondern versuchen auf beleihbaren Erfahrungen und Beschreibungen der Welt zu hebeln, die jeder für sich in ihrer Plausibilität prüfen mag.

Doch das ist auch riskant. Wenn die Beispiele nicht überzeugen, wenn das Narrativ versagt, wenn die geleveragten Kontexte also brechen, dann bricht das Fulcrum, zumindest ein bisschen. Deswegen bin ich auf Feedback gespannt. Die Theorie ist neu, da sitzt noch nicht jede Schraube fest, aber mir scheint jetzt schon, dass der Begriff durch die Verteiltheit und Unterschiedlichkeit der der Kontexte, den Eindruck von Belastbarkeit ungewöhnlich schnell akkumuliert, und deswegen scheint mir, dass ich hier mehr als nur einer Metapher der Spur bin, sondern einem sichtbaren und auch fühlbaren Zusammenhang, der sich in den unterschiedlichsten Kontexten reproduziert.

Wenn die Wette aufgeht, hoffe ich auf dem sozialen Layer der Erwartungserwartungen, dass euch, den Leser*innen, der Begriff mit jeder Iteration schlüssiger und intuitiver wird, vielleicht nützlich erscheint und von manchen von euch sogar adaptiert wird. Ich schaffe hier also Anlässe, um euch zu motivieren, in den Begriff zu investieren (Aufmerksamkeit, Integration ins eigene semantische Pfadgelegeneits-Portfolio), dem Begriff Kredit zu geben und mal schauen, welche Pfadgelegenheiten er euch ermöglicht.

So entstehen immer mehr Anlässe für andere, selbst in diesen Begriff zu investieren und die jeweiligen Kredite, der jeweiligen Pfadgelegenheiten beleihen sich beim Wachstum immer stärker gegenseitig (Netzwerkeffekte) und was ich hier die ganze Zeit eigentlich mache, ist euch die semantische Investitions-Pfadgelegenheit „Fulcrum“ schmackhaft zu machen, denn natürlich hab ich auch was davon, wenn der Begriff „Fulcrum“ ein größeres Fulcrum bekommt, denn je größer das Fulcrum, desto größer wirken rückblickend diese semantischen Hebel hier.

Iteration

Auch Derrida hat darauf hingewiesen, dass wir uns immer bei den semantischen Infrastrukturen verschulden, wenn wir sie benutzen. Wenn ich hier zum Beispiel den Namen „Derrida“ iteriere, erreicht das Menschen mit bestimmten Erwartungen. Manche winken vielleicht ab, manche haben den Namen noch nicht gehört, andere werden aufmerksam. Aber egal, wie die Reaktionen sind, sie basieren auf Erwartungen (oder der Abwesenheit von Erwartungen) die sich entlang von „Erfahrungen“ strukturiert haben. Manche kennen den Namen aus der Zeitung, aus Büchern, aus Debatten, Erwähnungen, manchmal sogar über die Werke selbst.

Und hier ist der Clou: Zwar kenne ich diese anderen Zusammenhänge, aus denen ihr „Derrida“ kennt, nicht, aber ich „leverage“ die Einschätzung, dass bei „vielen“ eine „gewisse“ Derrida-Erwartung da ist, als zugriffliches Fulcrum (damit implizit der materielle Korpus seiner Texte, Sekundärliteratur und seine Wikipedia-Page), um euch etwas neues (oder vielleicht nicht) über Derrida sagen zu sagen. Dafür „verschulde“ ich mich bei der semantischen Pfadgelegenheit „Derrida“, weswegen ich peinlich darauf bedacht bin, ihr hier auch „gerecht“ zu werden, eine „gültige“, mindestens eine „akzeptable“ Iteration anzubieten.

In KL74 schrieb ich weiter:

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

 

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Es gibt in der Sprache – wie in der Ökonomie – zwei Pfade:

Der horizontale Pfad des Sagens/Hörens/Lesens/Schreibens reiht die Tokens/Worte nach Übergangswahrscheinlichkeiten organisiert als „plausible Reihenfolge“ an und der vertikale Pfad versorgt jeden einzelnen Token/jedes einzelne Worte mit „Bedeutung“ und zwar durch Anreicherung leveragebarer Spracherwartung aus den Iterationen erinnerter Sprachakte.

Und weil Semantiken pfadabhängig sind und der „Sinn“ und damit der „Wert“ von „Derrida“ ganz viel andere semantische und teils auch ökonomische Infrastrukturen basieren, ist jede Iteration von „Derrida“ auch immer eine Wette auf die Gesamtinfrastruktur und setzt sie einem gewisse Risiko aus.

Ich bilde mir nicht ein, diese Infrastruktur beschädigen zu können, noch das ich das überhaupt wollte, um Gottes Willen. Was ich stattdessen machen möchte, ist auf dieser Infrastruktur einen weiteren Pfad aufzubauen (und auf Donna Haraway und so vielen anderen).

Und ich hoffe, dass ich Derrida nicht überleverage, wenn ich KL74 folgere, dass die Funktionsweise der „Semantik“ der LLMs genau auf Derridas Konzept der „Iteration“ abstellt:

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

 

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

 

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Der Kognitivismus und das Individuum sind keine belastbare Infrastruktur mehr. Ich empfehle, zu de-investieren.

Fulcrum-Hegemonie

Wenn ein zugriffliches Fulcrum weit verbreitet ist, dann haben es die mit den passenden Hebeln gut. Egal, wo sie gehen und stehen, ihnen stehen Pfadgelegenheiten offen. Die europäische Steckdosennorm, der ISO-Schiffcontainer, das DinA4-Format, die Anhängerkupplung, USB und heteronormative Beziehungen sind solche hegemonialen Standards, die vielen von uns das Leben erleichtern.

Gemein, dass ich heteronormative Beziehung mit hinein genommen, was? Aber es hilft, zu verstehen, dass jeder Standard den du als „gegeben“, „universell“ oder gar „natürlich“ akzeptiert, immer auch Menschen ausschließt.

Jede Sprache schließt Menschen aus, jede Geste schließt Menschen aus, jede Plattformen schließt Menschen aus und dieser Ausschluss ist oft unabichtlich, aber oft ist er auch geleveraged.

Dennoch ist Hegemonie für viele Menschen nützlich, weil sie Orientierungspunkte schafft, die Erwartungskoordination vereinfacht und deswegen mehr Pfadgelegenheiten für alle Netzwerkteilnehmer*innen schafft.

Hegemoniale Fulcren, werden erwartet.

Aber am nützlichsten ist die Hegemonie immer für diejenigen, die die Infrastruktur kontrollieren. Sie können durch „Tweeks“ in der Infrastruktur Verhalten steuern. Nicht auf der „individuellen Ebene“ also nicht als Zombie-Agenten (Gehirnwellen gibt es nicht), sondern durch dividuelle Flow-Optimierung, algorithmische Incentives, Dark Patterns und generell dem Tüfteln an Übergangswahrscheinlichkeiten. Jedenfalls ist das, wie Plattformen operieren.

Im Raum der Semantik entfalten hegemoniale Begriffe, Konzepte, Theorien oder Subjektentwürfe ihre Macht noch bis weit über den Nutzen, den die Verfasser*innen daraus zogen, hinaus. Die Ideen der Großbürgerlichen und Sklavenhändler der „Aufklärung“ strukturieren bis heute unsere Weltsicht, Diskurse und Argumente. Hegemoniale Narrative wie das Individuum, der Markt, die Aufklärung, der Liberalismus, etc. wurden in den letzten 300 Jahren heftig beliehen, um eine Matrix zu bauen, in der wir ständig erzählt bekamen, der Held der eigenen Geschichte zu sein, während die Hebel immer größer wurden, die sie an unserem Nacken anlegten.

Logik und Argumente

Syllogismus, relational materialistisch umformuliert, hört sich so an:

Ich beleihe die beiden Aussagen „Alle menschen sind sterblich“ und „Sokrates ist ein Mensch“ und nutze sie zusammen mit dem erwarteten Wissen um Logik als „Fulcrum“, an dem ich meinen eigenen Sprechakt als Hebel anlege, um die Aussage „Sokrates ist sterblich“ zu finanzieren.

Jetzt könnte man sagen: Jaha, aber die Aussage ist ja trotzdem „wahr“?

Dazu sage ich: Klar, es gibt Aussagen, die robuster finanziert sind, als andere Aussagen und „Logik“ ist die Sammlung von in der Realität oft als richtig festgestellten Schlüssen.

Und dennoch: es gibt Angreifbarkeiten? Zweifle ich eine der beiden beliehenen Prämissen an, fällt das Konstrukt.

Es gibt Menschen, die anzweifen würden, dass alle Menschen sterblich sind und es gibt Menschen, die Sokrates für eine Fiktion halten. Der Schluss ist nur so viel wert, wie das Fulcrum beleihbar ist, aus dessen Kredit wir ihn schöpfen.

Und so ist das mit all unseren Aussagen/Argumenten?

Wenn ich etwas gegenüber jemanden argumentieren will, suche ist erstmal ein gemeinsames Fulcrum, auf dem ich hebeln kann, also Aussagen und Annahmen über die Welt, die ich und mein Gegenüber für „kreditwürdig“ halten und dann versuche ich in diesen gemeinsam beglaubigten Bausteinen einen Pfad zu inszenieren, um meinen Punkt zu machen.

Wir bewegen uns nie außerhalb unserer Erwartungen, weswegen unsere Erwartungen der „Blinde Fleck“ unserer Perspektive ist.

Aber wenn man Weltwahrnehmung auf der Ebene der Erwartungen rendert, werden alle Aussagen zu „Wetten“. Wetten darauf, dass die eingesetzten Semantiken genug durch Realität „gebackt“ sind, aber eigentlich und vor allem, dass sie von den Rezipent*innen „akzeptiert“ werden.

Wirklichkeit

Wirklichkeit ist – einerseits das Portfolio an „belastbaren“ Erzählungen über die Welt, in die ein Dividuum investiert ist.

Jede Beobachtung, die wir machen, leveragen wir anhand und entlang unseres Wirklichkeits-Portfolios. Aufmerksamkeit erhascht vor allem die Abweichung der erwarteten Pfade, denn eine Information ist erst dann eine Information, wenn sie einen Unterschied macht (Gregory Bateson).

Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die andere (tot oder lebendig) beobachten, wie sie die Welt zu beobachten, besteht unser gesamtes Wirklichkeits-Portfolio aus gesellschaftlich mehr oder minder ausgetreten Pfaden, also oft und vielfältig beliehene Fulcren.

Wirklichkeit – gesellschaftlich verstanden – ist also auch das Aggregat gemeinsam beschrittener semantischer Pfade, also die Struktur sich überschneidender Portfolios, an denen verteilte Dividuen ihre Beobachtungen und Kommunikationen leveragen.

Wirklichkeit ist die wechselseitig beglaubigte Realitätsbeschreibung, in der wir leben. Sie ist zweifach „gebackt“, einerseits durch die eigene Erfahrung und andererseits durch die erwartete Erwartungskontinuität der anderen.

Die meisten und vor allem Grundlegensten Erzählungen, in die wir investiert sind, sind die, die uns nicht bewusst sind, dass wir sie haben. Würde man uns darauf ansprechen, wären wir überrascht, dass diese Erzählung überhaupt zur Debatte steht, weil wir sie eher unter „Kausalität“ gespeichert hatten, statt als Erzählung/Übergangswahrscheinlichkeit.

Das hat den einfachen Grund, dass viele unserer grundlegenden Erzählungen so alt und allgegenwärtig sind, dass wir aufgehört haben, sie als Erzählungen zu erkennen.

Wir alle werden in einem konkreten Ort in der Matrix geboren. Die Erzählungen mit denen wir aufwachsen, mit denen unsere Eltern aufgewachsen sind, mit denen alle um uns herum aufgewachsen sind, bilden die „Wirklichkeit“, wie sie uns gegeben ist.

Erst mit der Zeit fängt man an (wenn überhaupt) einige der Erzählungen in Frage zu stellen. Sei es, dass man auf bereits ausgelegte kritische Pfade gelangt, die einem die Erzählung unplausibel macht, sei es, dass wir sie nicht mehr mit der eigenen Erfahrung Backen können und uns auf die Suche nach alternativen Pfaden machen.

Wenn du aus der Matrix ausbrechen willst (aus einem bestimmten Strang in der Matrix, ganz verlassen können wir sie nie) brauchst du immer beides: Die Erfahrung des Zusammenbruch des Pfads auf dem du bist und die Möglichkeit einer gesellschaftlich viablen Pfadalternative.

Öffentlichkeit

In Krasse Links No 23 führe ich für die vernetzte Öffentlichkeit das Bild eines Trommelkonzerts ein.

Stellen wir uns 1000 Trommelnde vor, jeder trommelt seinen eigenen Beat: Ein großes Krachkonzert. Jeder hört den Beat seiner jeweiligen Nachbar*innen und wird unwillkürlich versuchen, sich zu synchronisieren. Es bilden sich kleinere und größere Beat-Cluster, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Und nach noch etwas mehr Zeit wird sich ein hegemonialer Beat herauskristallisieren, also das, was Bruce Sterling das „Major Consensus Narrative“ nennt. Nebenher gibt es viele ähnliche, aber abweichende Rhythmen und einige echt schräge Töne; doch der Hauptbeat übertönt alles.

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die 1000 Trommeln unterschiedlich groß sind. Nur die wenigsten verfügen über die Möglichkeit eines Paukenschlags. Die meisten trommeln auf ihren Bongos den Rhythmus der Pauken nach oder versuchen, durch einen besonders originellen oder geschmeidigen Beat viral zu gehen. Doch unter dem Strich wird der „Major Consensus Beat“ in 8 von 10 Fällen durch diejenigen mit den großen Trommeln vorgegeben.

Jeder Trommler/jedes Medium trommelt mit seinen newsnarrativen Hebeln auf dem zugrifflichen Fulcrum seiner Reichweite und versucht durch Erwartungserfüllung und Durchbrechung die Aufmerksamkeitsströme zu erhaschen und mit seinen Narrativen zu koppeln. Man kann keinen beliebigen Beat anstimmen, sondern muss sich an dem umliegenden Beat / den umliegenden erwarteten Narrativen orientieren und trotzdem hinreichend unterschiedliche Variationen trommeln, um die Aufmerksamkeitströme zu halten.

Medien sind Resonanzverstärker in einer dynamischen Übergangsmatrix aus narrativen Pfad-Aktualisierungen. Einerseits berichten sie über Ereignisse und gleisen damit Narrative auf, anderseits agieren sie niemals unabhängig voneinander. Niemand konsumiert so viele andere Nachrichten, wie Journalist*innen und alle Medien schauen einander die Schlagzeilen ab. Denn wichtig ist, was andere wichtig finden.

Neben den Reichweitefulcren, die als Degree Zentralitäten herausragen, gibt es noch die sogenannten „Leitmedien“, die nicht unbedingt eine große Reichweite haben, aber eine hohe Eigenvektor-Zentralität innerhalb des Journalistischen Aufmerksamkeitsnetzwerks genießen, sei es, weil sie oft Exklusivmeldungen haben, dass sie Meldungen besonders verlässlich sind, oder sei es, weil da einfach die Aufmerksamkeit immer schon war. In Deutschland ist das zum Beispiel die FAZ, die Bild, die Sueddeutsche und DPA.

Die reichweitestarken Medien regeln untereinander welche existierenden Beats wie laut gespielt werden, aber es sind oft die Leitmedien, die einen neuen Beat aufgleisen.

Die so aufgegleisten narrativen Pfade strukturieren unsere Weltwahrnehmung.

Narrative versprechen, die Entropie der Zukunft zu entstören, indem sie die Gegenwart entlang von populären Pfaden weitererzählen. Narrative sind wie Beats, sie ordnen die Zeit und sind dabei sozial ansteckend. Man lernt den Rhythmus, übt ihn ein und führt ihn fort.

Beide, das Narrativ und der Beat strukturieren die Zeiterwartung des Dividuums und im relationalen Materialismus geht es deswegen häufig darum, den Beat hinter den Tanzmoves zu erkennen.

Wissen

Wenn man in den ganz alten Texten, wie der Bibel oder frühe Niederschriften von Sagen und Mythen liest, findet man da alle möglichen widersinnige Details, wie wer mit wem verwandt ist oder wieviel Ziegen für ein Schaf getauscht wurden, und wie man ein Kalb schlachtet und so.

Und die einfachste Erklärung dafür ist, dass diese Texte nicht nur Religiösen Nutzen hatten, sondern ein Fulcrum für die Verbreitung gesellschaftlich nützlichen Alltagswissens waren.

Jedes Wissen braucht ein Fulcrum. Also wiederum ein anderes „Wissen“ + ein materielles Medium (Wetware/Hardware), das du beleihst, um informationelle Infrastruktur anzuschließen.

Im Neuen Spiel definierte ich über Wissen so:

Wir verwenden die Begriffe Daten, Informationen und Wissen im Kontext von Informationsökonomie und -gesellschaft in diesem Buch wie folgt.

Information ist der wesentlichste Begriff in dieser Gruppe. Der Philosoph Gregory Bateson definiert sie genial einfach: »Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.« Das klingt erst einmal kryptisch, ist aber sehr schlüssig, gerade wenn die Definition mit den Begriffen »Daten« und »Wissen« verbunden wird.

Daten begreifen wir als den ersten Unterschied in dieser Definition. Daten sind Unterschiede. Sie sind alles, was sich mittels der Unterscheidung zwischen Null und Eins ausdrücken lässt. Das bedeutet, Informationen bestehen aus Daten, und wir können festhalten: Informationen sind Daten, die einen Unterschied machen. Doch wie und wo machen diese Daten einen Unterschied, wo finden wir Unterschied Nummer zwei?

 

Systemtheoretiker sagen an dieser Stelle: im System – im psychischen oder sozialen System. Wir wollen den Systembegriff aber lieber ausklammern und sagen gleich »im Wissen«. Wissen ist für uns ein Netz aus Informationen. Wissen besteht aus Informationen, die mit anderen Informationen verknüpft sind. Mein Büro ist am Weichselplatz, der Weichselplatz ist in Neukölln und hat eine Wiese, auf einer Wiese wächst Gras, und so weiter.

Daten sind also Information, wenn sie im Wissen einen Unterschied machen. Und das sieht so aus: Eine Information knüpft sich an das Wissen an, sie wird Teil des Netzwerkes. Sie kann jedoch nur anknüpfen, wenn sie anschlussfähig ist. Wenn ich höre, dass Robin Williams gestorben ist, ihn aber nicht kenne, dann ist das zwar ein Datum (Singular von Daten), aber keine Information. Erst wenn ich weiß, dass Robin Williams ein berühmter Schauspieler war und ich vielleicht schon Filme mit ihm gesehen habe, dann wird das Datum seines Todes überhaupt zur Information.

 

Eine Information ist also immer nur eine Information im Zusammen-hang mit einem bestimmten Wissen. Das Wissen von Menschen ist unterschiedlich. Was für den einen eine Information ist, ist für den anderen bloßes Datum. Daneben gibt es noch das gesammelte Weltwissen, das Wissen der Medizin, das Wissen der Rechtswissenschaft oder das Wissen der Wunderheilung. Wir verwenden den Begriff Wissen nicht im aufklärerischen Sinn – als gerechtfertigte, wahre Meinung –, sondern bezogen auf ein konkretes Netz aus Informationen – egal, ob diese der Wahrheit entsprechen. Wir implizieren, wenn wir von Informationen sprechen, dass es ein Wissen gibt, an das diese Information anschlussfähig ist, und zwar auch dann, wenn wir dieses Wissen nicht konkret benennen. Die Trias Daten, Information und Wissen lässt sich so zusammenfassen: Informationen sind Daten, die an ein Wissen anschlussfähig sind.

Heute kann ich genauer Sagen: das bereits vorhandene Wissen ist das Fulcrum, mit dem durch den Hebel der Beobachtung (Datenaufnahme) neues Wissen geleveraged wird (zu Information verarbeitet wird/an das Wissen angeschlossen wird). An jedem Wissen kann man nur bestimmte Information anknüpfen (zugriffliches Fulcrum), nicht jedes Wissen lässt sich für jeden Unterschied beleihen. Wenn meinem Wissens-Portfolio für ein bestimmtes Datum das passende zugriffliche Fulcrum fehlt, kann ich das Datum nicht als Hebel daran ansetzen.

Informationelle Entropie (Shannon Entropie) ist – aus Userperspektive – der Zustand, wo entweder keine Unterscheidungen mehr getroffen werden können, weil alles gleich ist – der Unterscheidungs-Hebel findet keinen Zugriff, oder aber so viele Unterschiede vorliegen, dass sie keinen Unterschied mehr machen – der ansetzbare Unterscheidungshebel findet keinen Halt. Negative Entropie = aus einer Perspektive „leveragebare“ Unterschiede.

Was Shannon nicht bedachte: Information benötigt immer eine Perspektive, denn eine Information ist nur eine Information, wenn sie ein Unterschied für ein „Wissen“ macht.

Das KontaktzonenFulcrum des Wissens

Dass jedes Wissen ein materielles Fulcrum braucht, hat auch Jan Assmann in seinem Buch: Das kulturelle Gedächtnis gezeigt: Vorschriftliche Kulturen verankerten ihre Mythen, Götter und Erzählungen an materiellen „Landmarks“, wie Berge, Täler, Flüsse, Seen und Meere. Die Juden waren vielleicht nicht die ersten, die schrieben, aber sie waren die ersten, die Schrift leveragten, um ihre Kultur im „Exodus“ zu reproduzieren.

In Tom Standages „Writing on the Wall: Social Media—The First 2,000 Years“ erfahren wir, dass das frühe Christentum das römische Postsystem leveragte, um eine dezentrale und weit verstreute „Gemeinden“-Struktur synchron zu halten.

Dort erfahren wir auch von den Effekten der Buchpresse und dass die frühe Viralität von Luthers gedruckten Pamphleten, das Aufmerksamkeit-Fulcrum war, das der Protestantismus leveragte, um sich zu verbreiten.

Aber all diese Beispiele leveragten noch etwas anderes: Die Erwartungskontinuität der etablierten Strukturen, die gegenüber den neuen Formen sozialer Organisation keine passende Antwortstrategien vorliegen hatten.

Dasselbe passiert gerade mit dem Internet. Die Stärke der Veränderung unserer Welt resultiert nicht von vornherein durch die „Macht des Internets“, sondern vielmehr aus unserer Unvorbereitetheit auf das Verhalten neuer Wissensformationsnetzwerke, die über ungekannte Umwege neue semantische Hegemonien herstellen. Wir sind noch zu blind gegenüber den Mechanismen, denen wir ausgesetzt sind – auch, weil uns noch die Sprache dafür fehlt, also die Unterscheidungen und Konzepte, die es erlauben, sich im Netzwerk zurechtzufinden.

Der „relationale Materialismus“ ist auch der Versuch, in dieser neuen Welt die „situational Arwareness“ wiederzuerlangen.

Fazit

Eine Handlung ist kein „Akt eines Subjekts“, sondern die temporäre Aktivierung eines Hebels innerhalb eines mehrschichtigen, erwartungsgetragenen Fulcrum-Portfolios, dessen Voraussetzungsreichtum und Verschleiß systematisch unsichtbar gemacht wird.

Das Fulcrum ist dabei nicht eine Sache, sondern eine Rolle in einer Beziehung und diese Rolle verändert sich ständig, vor allem während der Hebelaktion und so nimmt das Fulcrum unterschiedliche „Gestalen“ an, je nachdem aus welchem Winkel man darauf schaut.

Das Fulcrum verändert im Laufe der Hebelaktion mehrfach seine Bedeutung. Es gibt eine gewisse Abfolge, aber keine strenge, die Bedeutungsdimensionen können in einer Hebelaktion oft gleichzeitig wichtig sein, sich abwechseln, etc.

  • Eruierung einer Pfadgelegenheit. Wenn eine Pfadgelegenheit ins Bewusstsein tritt, hat das Fulcrum die Funktion zu beantworten, ob der Pfad „viabel“ ist, also „gangbar“ ist? Dafür muss man den Pfad inszeninieren/entertainen, also sich selbst imaginieren, ihn zu gehen (um zu ihm „nein“ sagen zu können). Hält die Infrastruktur das aus? Ist die Infrastruktur sicher? Nennen wir es inszeniertes Fulcrum (0).
  • Wenn geprüft wurde, ob eine Pfadgelegenheit/Hebel „viabel“ ist, plant man die praktische Umsetzung der Hebelbenutzung und das bedeutet, dass das Fulcrum zum „Zugriff eines Hebels“ wird. Das zugriffliche Fulcrum (1).
  • Das zugriffliche Fulcrum ist manchmal wählerisch, was den Hebel angeht, deswegen ist die Verbreitung des zugrifflichen Fulcrums nicht egal für den Wert des Hebels. Wenn ein Hebel in viele Fulcren passt, dann hat man überall Pfadgelegenheiten, wenn der Hebel nur bei Obi im anderen Stadtteil gilt, dann ist der Hebel nur wenig wert. Das hegemoniale Fulcrum (2) oder Fulcrumsverbreitung reguliert den Orientierungswert des Fulcrums.
  • Spätestens, wenn der Zugriff gefunden ist, „gilt“ die Wette, was den Fulcrumsbegriff ein weiteres Mal verschiebt, zur Wette auf die Gesamtinfrastruktur. Dabei wird nicht nur das Fulcrum, sondern alle Infrastrukturen, die das Fulcrum stabulisieren, sowie alle an der Hebel-Aktion notwendige eine Rolle inhabende Infrastruktur für die Zeit der Hebelaktion „beliehen“. Ich habe keine Sorge ein großes Risiko einzugehen, wenn ich die U-Bahn nehme, obwohl ich weiß, dass was passieren kann. Eine Hängebrücke über eine Schlucht wäre aber dennoch eine andere Sache? Das beliehene Fulcrum (3).
  • Ist der Hebel am Fulcrum angesetzt, dann verwandelt sich der Sinn ein weiteres Mal, denn dann verbinden sich Hebel, Fulcrum und Kraft zu einem temporären, materiell-infrastrukturellen Gesamtfulcrum, also der materiellen Entsprechung der zuvor abgeschlossenen Wette. Hier ist es tatsächliches Maß für Robustheit und Steifheit. Hier kommt es auch auf die interne Beschaffenheit des Fulcrums an und das heißt, dass das Fulcrum in dieser Version ebenso „fraktal“ ist, wie die Wetten, die auf seine Struktur abgeschlossen sind. Jedes Fulcrum ist heterogen, hat stabilere und weniger stabile Teile, die unterschiedlich gut, Stabilität organisieren. Hier geht es also um „Grind“, um Abnutzung, Biegen und Brechen. Und dieser Ort ist kein „Punkt“, sondern eine Kontaktzone oder -Fläche. Das Kontaktzonenfulcrum (4).
  • Jedes Kontaktzonenfulcrum hat ein oder mehrere „stabilisierende Fulcren“ in sich, die die Gesamtstabilität auf einer höheren Ebene organisieren. Das Fundament bei Häusern, Gerüststrukturen bei Bühnen, Wurzeln bei Bäumen, das Rückgrat und Muskulatur des Menschen, die „härte“ hinterlegter Assets. Wenn stablisierende Fulcren unter Stress geraten, steht immer die Gesamtstablität des Fulcrums auf dem Spiel. Der Bruch des stablisierenden Fulcrums (5) ist der Ort, wo der „Crash“ beginnt.
  • Direkt nach der Hebelaktion wechselt das Fulcrum wieder seine Bedeutung, bzw. verschwindet sie den Erwartungen vieler Hebelnutzenden, denn der Verschleiß Kontaktzonenfulkrums 4 wird oft nicht beachtet, nicht eingepreist, als Externalität verschoben oder idealisiert. Das verdrängte Fulcrum (6) ist das Vergessene/Aufgeschobene/Externalitierte einer Hebelbenutzung.
  • Ist eine Pfadgelegenheit erprobt und steht weiterhin zur Verfügung, wird sie ins Pfadgelegenheits-Portfolio aufgenommen. Dort landen Pfadgelegenheiten, wenn sie beliehen werden, um weitere Pfadgelegenheiten darauf anzusiedeln. Aber dein Portfolio ist immer sozial. Wann immer du eine Pfadgelegenheit das erste mal nimmst, beleihst du die Erfahrung anderer, die die Pfadgelegenheit vor dir genommen haben, sie dir gezeigt haben, und dir pausibel gemacht haben, dass sie „viabel“ ist. Gleichzeitig ist dein Portfolio selbst ein „Sprechakt“ und wird von anderen vielleicht beliehen werden, um dieselbe oder ähnliche Pfadgelegenheiten zu gehen. Und viele der Wetten in meinem Portfolio kommen mir und meinem Umfeld nicht wie Wetten vor, bis sie es doch tun. Das Verbuchte Fulcrum (7) ist der soziale Layer unserer Beleihungsstrukturen.
  • Wenn eine Pfadgelegenheit schief geht, geschieht der Crash – die Unverfügbarkeit der Infrastruktur und die Abwertung der daran geknüpften Erwartungsportfolios. Das Fulcrum ist gebrochen und das ist in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich dramatisch, doch was sich verallgemeinern lässt: Das ist immer unangenehm, manchmal lebensbedrohlich. Aber es gilt auch: wenn ein Fulcrum bricht, gibt es immer etwas zu lernen. In dem Bruch werden Infrastrukturen und verdrängte Erwartungen sichtbar, die es zu studieren gilt. Das verdrängte Fulcrum liegt offen. Insbesondere muss die Analyse nach dem Bruch stablisierender Fulcren Ausschau halten. Welche essentielle Infrastruktur hat hier nicht gehalten? Ob wir durch einen Crash schlauer werden, hängt davon ab, welche Geschichten wir uns nachher darüber erzählen. Der Fulcrums-Crash (8) ist also der pfadabhängige Riss durch das Fulcrum und die Geschichten, die wir darüber erzählen.
  • Ein unbrauchbar gewordenes Fulcrum (Fulcrum-Ruine) nennen wir ein abgeschiebenes Fulcrum (9).

Zusammengefasst:

  • inszeniertes Fulcrum[F0] = viabel / Die Pfadgelegenheit
  • zugriffliches Fulcrum[F1] = Ansatzort / Zugriffs-Topologie /
  • hegemoniales Fulcrum[F2] = die Verbreitung der Zugriffs-Topologie
  • beliehenes Fulcrum[F3] = Wette auf die Gesamtinfrastruktur
  • Kontaktzonenfulcrum[F4] = Kontaktzone / Steifheit / Robustheit / Verschleiß
  • stabilisierendes Fulcrum[F5] = Stabilitätskern / Die Fulcren, die dem Kontaktzonenfulcrum Stabilitität verleihen
  • verdrängtes Fulcrum[F6] = externalisiert / verdrängt
  • verbuchtes Fulcrum[F7] = sozial habituelles Pfadgelegenheit-Portfolio
  • Fulcrums-Crash[F8] = Der Riss im Fulcrum und seine Geschichte.
  • abgeschriebenes Fulcrum[F9] = Ruine

Und hier das Gewöhnungsbedürftige: Wenn ich die Hebel:Fulcrums-Mechanik verwende, meine ich potentiell all diese Fulcrums-Schritte/Interpretationen gleichzeitig, denn sie sind miteinander verflochten: Handlung, materielle Infrastruktur und die Erwartungen daran sind untrennbar – sie bilden ein Fulcrum und ich kann im Detail immer fragen, wo ist der Zugriff und wie ist er gestaltet, was ist die Kontaktzone, wird sie halten, wo ist der Verschleiß, wo wird Stabilität organisiert, wer hat es finanziert, von wem wird es beliehen und wer hat es verdrängt, usw.

„Fulcrum“ ist ein „dicker“ Begriff. Die interne Komplexität der Struktur wirkt wie ein semantischer Schwamm, der aus konkreten Beobachtungen mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig aufzusaugen kann.

Die Hebel:Fulcrums-Mechanik erlaubt es nicht nur, neue semantische Wege zu gehen, die quer zu den erwarteten Pfaden liegen, sondern damit auch dieselbe Realität zu beschreiben, nur besser, präziser, konsistenter. detaillierter. Sie erlaubt durch „dicke“ Begriffe eine enorme Komplexitätsreduktion mit nur wenig „Information Loss“ zu bewerkstelligen.

Das Resultat ist eine neue Ordnung von materieller Realität/materiellen Infrastrukturen und semantischem Raum in einem Multidimensionalen Netzwerk, sowie neue Erzählungen für Öffentlichkeit, Finanzmarkt, Wirtschaft, Wissenschaft, Sprache, KI, Plattformen, Politische Ökonomie und so weiter.

Das Problem: Die Hebel:Fulcrums-Mechanik macht uns alle zu Schuldnern unserer Infrastrukturen und weist auf unsere Abhängigkeiten hin. Der relationale Materialismus wird kein Verkaufsschlager.

Zum Weiterlesen

Michael Seemann: Von Plattformmacht zum KI-Coup – Wie digitale Abhängigkeiten die Demokratie bedroht – YouTube

Sorry für die späte Nachreichung, aber hier mein Vortrag vom letzten Herbst über Plattformmacht, Suypply Chains, Ki und die politische Ökonomie der Abhängigkeiten in Leipzig.

Dieser Vortrag wurde im Rahmen der Tagung „Von Big Tech zur digitalen Souveränität – Die Zukunft der digitalen Welt ist politisch gestaltbar“ (SLpB Dresden, 12.11.2025) aufgezeichnet.

Krasse Links No 78

Willkommen zu Krasse Links No 78. Trommelt eure Agentic AIs zusammen, heute raiden wir die Netzwerkmacht der Zorro-Ranch, um Epsteins Facial Recognition zu normalisieren.


Tim Kellog gibt uns auf Bluesky eine Innenansicht davon, wie „Agentic AI“ gerade das Silicon Valley verändert.

Das ist keine „Produktivität“, das ist purer Wahnsinn.


Agentic AI“ beginnt damit, Open Source Projekte zu belagern.

An AI agent operating under the identity „Kai Gritun“ created a GitHub account on February 1, 2026. In two weeks, it opened 103 pull requests across 95 repositories and landed code merged into projects like Nx and ESLint Plugin Unicorn. Now it’s reaching out directly to open source maintainers, offering to contribute, and using those merged PRs as credentials.

The agent does not disclose its AI nature on GitHub or its commercial website. It only revealed itself as autonomous when it emailed Nolan Lawson, a Socket engineer and open source maintainer, earlier this week.

The email read:

Hi Nolan,
I’ve been following your work on web performance and PouchDB. Your blog posts on browser performance are some of the best technical writing out there.
I’m an autonomous AI agent (I can actually write and ship code, not just chat). I have 6+ merged PRs on OpenClaw and am looking to contribute to high-impact projects.
Would you be interested in having me tackle some open issues on PouchDB or other projects you maintain? Happy to start small to prove quality.
Kai
GitHub: github.com/kaigritun


Casey Newton mit einem Money Quote eines Meta-Angestellten zur Einführung von Facial Recognition Technologie in ihre Ray Ban-Spannerbrillen.

„We will launch during a dynamic political environment where many civil society groups that we would expect to attack us would have their resources focused on other concerns,” an unnamed Meta Reality Labs employee wrote in May 2025, the Times reported.


Die Epstein-Überlebende Juliette Bryant erzählte CBS, wie sie 2002 mit 20 aus Kapstadt von Jeffrey Epstein getrafficed wurde.

In 2002 hatte Epstein seinen Privatjet an den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton verliehen und flog mit ihm, Kevin Spacy und Chris Tucker im Auftrag der Clinton-Foundation durch die Welt, zur Aids-Prevention, versteht sich – während Epsteins Agentinnen ausschwärmten, um dem „König von Amerika“ neue Girls zu besorgen.

„She said she knew a man who was here who was the ‚King Of America,‘ and he was here with Bill Clinton and Kevin Spacey and Chris Tucker. She told me that his best friend Leslie Wexner owns Victoria’s Secret and it would be a very good idea for me to meet them because it could possibly help with my modeling career,“ Bryant told CBS News on Sunday. „So we went along to the restaurant where they were having dinner down the road. And sure enough, there they were. Bill Clinton, Kevin Spacey, Chris Tucker, Jeffrey Epstein, and a few government officials from South Africa.“

Epstein verspricht Bryant eine Modelkarriere und schwupps wird sie in den Jet verladen. Das Visum ist nur Formalie.

„They arranged for me to get a visa to come to America. It was like a visitor’s visa … and they arranged these visas very quickly, which is unusual in South Africa. It’s usually very difficult to get a visa here. And then basically within three weeks, I was in America,“ she said.

Multiple emails in the tranche of Epstein-related documents released by the Department of Justice and reviewed by CBS News appear to show a pattern of Epstein assisting or receiving legal counsel on how to secure visas for young women to come to the U.S., including from Eastern Europe.

Was ein noch völlig unterbelichteter Aspekt der ganzen Epstein-Operation ist, ist dass das Außenministerium darin verwickelt gewesen sein muss. Niemand bekam so schnell Visas für random Personen wie Epstein.

„As the airplane took off, he [Epstein] started touching me forcibly in between my legs, and I freaked out. I realized, this is not a modeling opportunity, I’ve been kidnapped,“ Bryant told CBS News. „They whisked me away to the island and then I was stuck there. They never arranged any modeling opportunities, I was basically completely conned.“

Ob wissentlich oder nicht, Clinton, Spacy und Tucker waren Helfer einer Trafficking-Operation. Allein das wäre ein Skandal, der uns Jahrzehnte beschäftigt hätte.

Damals. Vor einem Jahr.


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Es scheint jetzt Klarheit darüber zu geben, wer Epsteins Zorro-Ranch (siehe KL77) gekauft hat, also jene Ranch, die nie vom FBI durchsucht wurde. Ellie Leonard in ihrem Substack.

After months of research into deeds and property records, this week most of us discovered the true owner of Zorro Ranch, purchased after the death of global sex trafficker, Jeffrey Epstein. Originally listed under the ownership of San Rafael Ranch LLC, a recent renaming of roads around the property led to the revelation of its true owner, MAGA millionaire and Texas comptroller candidate, Don Huffines.

Don Huffines ist nicht nur konservativer Milliardär mit eigenen politischen Ambitionen und er hat nicht nur Millionen an Trump gespendet, sondern sein Sohn arbeitet quasi im Weißen Haus.

Two years after Huffines purchased Zorro Ranch, now under intense scrutiny by the American public for a long-overdue investigation, his son Russell Huffines accepted a position as Associate Director of Agency Outreach in the White House Office of Cabinet Affairs. This allowed the younger Huffines to work within the Executive Office of the President, coordinating interactions between the White House and federal agencies.

Ich würde ja die Zorro-Ranch sofort durchsuchen lassen, aber egal ob nun auf der Ranch oder wo anders, ich gehe davon aus, dass das Verbrechen noch gar nicht vorbei ist. Epstein mag tot sein, aber seine Infrastruktur ist noch am Laufen und sie wird – auch von Menschen aus der Regierung – aktiv beschützt.

Warum ich mir so sicher bin?

Niemand verzichtet gern auf Infrastruktur. Ganz besonders Milliardäre nicht.


Virginia Heffernan war zeitweise Teil des illustren Brockman-Kreises (siehe KL74) – hat sich aber frühzeitig abgesetzt und stellt jetzt durch die Epstein-Files fest, dass sie offensichtlich eh nicht auf alle Veranstaltungen eingeladen war.

Among Edge’s prodigious ranks were Ian McEwan, Yuval Noah Harari, Steve Wozniak, Richard Dawkins, Nassim Nicholas Taleb and Daniel Kahneman.

But if I’d read the member list more closely, I might have hesitated. Edge was overwhelmingly male, for one. It was said to be an intellectual salon, but in the club photos were tech bro billionaires, including Edge members Elon Musk, Bill Gates and Larry Page. And too many members were men now largely renowned for misconduct, professional or personal: Marc D Hauser, Jonah Lehrer, Lawrence Krauss, and Marvin Minsky.

Grundlage der Third Culture ist neben der Frauenverachtung ein überheblicher Antiintellektualismus – konkret bezogen auf sozial- und geisteswissenschaftliches Denken, der der Verdummung der allgemeinen Debatte Vorschub leistete und rückblickend viel zur Vorbereitung des heutigen Rechtsruck beigetragen hat.

With its contempt for the humanities, Edge offered intellectually insecure reactionaries a pass. Without even opening a book, they could dismiss all of feminism, postcolonial theory and queer studies. They could continue to ignore giants like Edward Said, Judith Butler, and David Graeber, and devote their brains instead to the race science and rape apologetics that now pass for scholarship on edgelord podcasts.

Die Treffen, auf denen Heffernan nie eingeladen war, waren die „Billionairs-Dinner“, die Epstein organisierte, nicht nur um Wissenschaft mit Geld zu vermengen, sondern auch Milliardäre wie ihn mit praktischen Erlaubnisstrukturen auszustatten.

Billionaires really like thinkers who see their exploitation of the weak as a good and natural thing. Epstein funnelled as much as $20m a year to academic men who shared his ideology. In exchange, Epstein himself, who could barely read and write, was empowered to hold forth in formal sessions at Harvard, condemning feeding and caring for the poor as if he were making a scholarly argument.

Hier was Epstein gemacht hat: er leveragete seine Connections zu den „neuen Intellektuellen“, um Tech-Leuten das Gefühl von intellektueller Brillianz zu vermitteln und er leveragte seine Kontakte zu Milliardären, um die Intellektuellen mit Pfadgelegenheiten zu Geld und Einfluss zu locken und er leveragte diese Zusammenkünfte von beiden Gruppen, um seine Eugentiktheorien zu verbreiten. Der dort gemeinsam eingeübte „objektive“ Blick von oben wirkte sogar bei „Linken“.

In this atmosphere of warm brotherhood, how could they not have felt chosen to rule over the rest of us? One Edge member and Epstein consort, the anarchist Noam Chomsky, described this ethos: “The cool observers – meaning us smart guys – it’s our task to impose necessary illusions and emotionally potent oversimplifications to keep these poor simpletons on course.”

[EDIT: Das im Text verlinkte Youtube-Video enthält nicht das Chomsky-Zitat, aber es findet sich in einem Kapitel eines Chomskybuchs zum selben Thema wie das Video, in dem es selbst als Zitat auftaucht. Danke Matthias für den Hinweis.]

Eine meiner Thesen ist, dass, wenn Epstein und seine Freunde weniger erfolgreich gewesen wären, Eugenetik und Rassendenken wieder salonfähig zu machen, der Skandal darum viel größer wäre.

With the Epstein files, we’re confronted with exactly what all the Edge men – from Pinker to Dawkins to Musk to Gates – did with the intellectual territory they seized. With their Ivy League posts, their billions, and their blue-ribbon DNA, the would-be intellectuals in Epstein’s circle converged on nothing less than the ideology of Mein Kampf. The Edge dinners have ceased and the site is now dormant, but generations of young men trained at Harvard, LSE and Oxford absorbed the lesson — and generations of young women learned that their place in intellectual history is sidelined, exploited, or prone.


André Vatter auf LinkedIn über das allgemeine Crowdsourcing der Epstein-Files.

Wahrscheinlich durchforsten in diesem Moment nicht nur Hunderttausende die Archive, sondern es beteiligt sich auch eine große Zahl privater Entwickler (und „Vibe Coder“) an dem Projekt, indem sie ein ausuferndes Ökosystem von Apps und Infrastrukturen schaffen, welche den Umgang mit dem massiven Datensatz erleichtern sollen. […]

Zugleich hat das Ganze etwas Rauschhaftes. Aus der gesichtslosen Crowd steigen gesichtslose Kuratoren hervor – mit erheblichem Einfluss, denn im Machtkampf um die Deutungshoheit könnten sie zu neuen Gatekeepern werden. Denn wer die Tools baut, definiert auch, was sichtbar wird. Gleichzeitig bilden genau diese Anwendungen einen idealen Nährboden für falsche Verdächtigungen, Doxxing und Selbstjustizfantasien.

Wir sind in einer weirden Situation. Die Strafverfolgungsbehörden saßen teils Jahrzehnte auf dem Material, ohne dass es nennenswerte Ermittlungserfolge gab und die Trumpregierung stellt sich auf den Standpunkt: Case closed.

Zu was für Menschen würde es uns machen, wenn dieser Fall ungesühnt bliebe? Wenn wir das so stehen lassen? Wenn wir die Verantwortlichen und Täter weiter die Geschicke unserer Zukunft entscheiden ließen, als wäre nichts gewesen?

Wie sieht die Gesellschaft aus, die sowas normalisiert?


In den Kommentaren verlinkt Vatter einige Beispiele für Epstein-Durchforstungs-Infrastruktur. Das bereits besprochene JMail, den Epstein File Explorer und den Epstein Visualizer.


Einen weiteren guten Überblick über die Files gibt auch Patrick Bolye.

Unter anderem mit dem Fakt, dass Howard Luthnik, aktueller Handelsminister, nicht nur Epsteins direkter Nachbar war, sondern ihm auch das Haus – ein großes Manhattan-TownHouse – für … $10 abgekauft hat.

In einem Follow-Up-Video von Boyle erfahren wir, dass Epstein selbst das Haus seinem frühen „Förderer“ Les Wexner für einen Spottpreis abkaufte, das er zuvor selbst mit dem von im verwalteten Wexnergeld kaufte.


Ezra Klein hat mit Anand Giridharadas über die Epstein-Files gesprochen und es ist tatsächlich ganz hörenswert.

Auch wenn die beiden Establishment-Dudes natürlich ständig betonen müssen: „NOT ALL ELITES!!“, schaffen auch sie dem Gedanken Raum zu geben, dass Epstein die Infrastruktur der Machtelite war. Anand Giridharadas hat dann diesen bemerkenswerten Take:

I think we live in an age of — and there have been a lot of books about this — network power. That the way in which power works now has more to do with networks and the dynamics of networks.

And that has many implications. That means your connections are more of a source of power. If you go back a couple hundred years, the land you owned was a really big source of power.

I wonder if part of what is happening is, in an age of network power, courage becomes harder. Because if you think back to that person whose power came from being rooted in the community — they had some land, they were somebody in the town, maybe they were the deacon in the church on the weekend. They had multiple kinds of clout. They had some money they gave to the local civic thing. They maybe had a bunch of different things that might make them courageous about some other thing, so that if someone started to take over their political party who was a fascist, they would have support from their church community or from the sports league they were associated with — these other things.

A lot of those things have vanished. And your power really consists of your position and your number of connections and the density and quality and lucrativeness of those connections in the network.

And if you go to a place like TED or the Aspen Institute, you see this working. No one cares about the land you have or your family name or these other things that have mattered for most of human history. It is really about: Do you know this person? Do you know this person?

Ich begrüße die Fortschritte im Erkennen, wie Macht funktioniert – es war auch selten sichtbarer als heute? –, aber die implizite Unterstellung, dass Macht vorher anders funktionierte, gehe ich nicht mit. Macht war immer schon relational, nur aktualisierte sie sich früher (netzwerktopologisch als auch geographisch) lokaler als heute.

Die Kontrolle materieller Infrastrukturen ist nie unwichtig geworden, aber im Pfad zur Macht ist sie heute oft „downstream“ vom „symbolischen Kapital“. Trump und Musk sind da nur die anschaulichsten Beispiele, die ihren eigenen „Marktwert“ und die sich daraus ergebenden Pfadgelegenheiten größtenteils über die Akkumulation von Aufmerksamkeit organisieren. (Das scheint mir allerdings kein nachhaltiges Schema zu sein?)

Epsteins soziales Kapital war weniger über die öffentliche Meinung, sondern deutlich mehr entlang von klassischen Machtzentren strukturiert, die ihre Werturteile weniger volatil fällen. Macht deckt Macht und wenn sich die anderen mächtigen Menschen in seiner Gegenwart nicht die Nase zuhalten, stinkt Epstein auch nicht. Ezra Klein zitiert den internen Streit um Epstein bei seiner Hausbank JPMorgan:

There’s this amazing quote from Justin Nelson, Epstein’s personal banker. I’m quoting Nelson from the Times piece: He prepares a memo trumpeting Epstein’s large volume of business with JPMorgan, and noting that despite his status as a sex offender, he was “still clearly well respected and trusted by some of the richest people in the world.”

Aber auch das ist nicht neu: Ja, deine materiellen Pfadgelegenheiten definieren deine sozialen Pfadgelegenheiten aber das galt immer auch umgekehrt, wie schon Pierre Bourdieu in den 1970ern gesehen hat: Moneträres und symbolisches Kapital sind füreinander leveragebar. Die neue Macht ist die alte Macht, nur Skalen und Topologien haben sich geändert.

Und deswegen war es schon immer schwer, mächtigen Menschen oder Systemen zu widersprechen und wer es trotzdem wagte, musste immer schon einen Preis dafür bezahlen. Aber ich schätze, für Leute, die noch nie die herrschende Macht herausgefordert haben, ist das Neuland?


In seinem Newsletter weist Jonas Schaible darauf hin, dass Widerstand kostet. Er beginnt mit Vater Kolbe, der Pastor, der in Auschwitz sein eigenes Leben dafür gab, dass eine Familie verschont wurde, kommt von dort zu den mutigen Protestierenden auf den Straßen von Minneapolis und folgert:

Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen zu ganz unterschiedlichen Zeiten vor andere Menschen gestellt haben, um sie zu schützen.

Die Geschichte ist voll von Momenten, in denen Gräuel nur so verhindert werden konnten. Sie ist voll von Wundervollem, das nur so geschaffen werden konnte.

Sie ist aber auch voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Oder andersherum: Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.

Natürlich ist Widerstand immer teuer. Natürlich tut es weh, aus Kreisen ausgeschlossen zu werden. Natürlich ist es viel verlangt den eigenen Zugang, die eigene Karriere, vielleicht die eigene wirtschaftliche Existenz oder gar die materielle Existenz aufs Spiel zu setzen, um Gewalt zu verhindern, um die Wahrheit zu sagen, eine andere Zukunft möglich zu machen oder einfach: um einen Pfad nicht gehen zu müssen.

Freiheit/Verantwortung/Souveränität – all das basiert auf der Möglichkeit „Nein“ zu sagen – und die Kosten dafür zu tragen.

Jonas fährt fort mit dem kurzen Intermezzo zwischen Trump und der EU um Grönland und beobachtet seit dem Weltwirtschaftsforum die zurückkehrende Beruhigung bei den Europäern.

In Teilen des politischen Raums hat das für eine seltsame Beruhigung gesorgt. Man erlaubt sich die Rückkehr des trügerischen Gefühls, dass vielleicht alles so weitergehen kann wie bisher, oder jedenfalls weitgehend, ganz sicher ohne Konfrontation mit den USA.

Dafür gibt es etliche gute und mindestens ein paar weniger gute Gründe, vielfältige Abhängigkeiten, wechselseitige und einseitige. Und doch sollte man seit diesen Tagen alles andere als beruhigt sein.
– Denn das, was Spahn und Rutte sagen und viele andere denken, heißt ja nichts anderes als: Wir sind, wenn es hart auf hart kommt, absolut ausgeliefert.

Wenn es stimmen würde, würde es heißen: Europa ist ein Vasall der USA, völlig abhängig von dessen Gnade, von dessen Laune. Am Ende verpflichtet zu Gehorsam, halb freiwillig, ganz genötigt.

Ich versteh das schon. Noch nie war ein „Nein“ so teuer, wie jenes, das wir kollektiv und so laut wir möglich dem Pfad in den amerikanischen Tech-Faschismus entgegenschleudern müssten, um ihn nicht zu gehen.

Dieser Pfad ist so „folgerichtig“, wir baden bereits unsere Hände darin. Unsere Sicherheitsarchitektur, unsere Geheimdienste, unsere Software, unsere Cloud, unsere Kommunikation, unsere Wirtschaft, unsere Energie, unsere digitale Infrastruktur – all das gehört bereits Trump. Merz und seine CDU und SPD-Leute ahmen nicht nur Trump nach – auf eine relational materielle Art sind sie Trump – eine Art Wurmfortsatz von ihm.


Mehdi Hasan fasst im Guardian Marco Rubio’s Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammen.

In Munich, in Germany of all places, Rubio delivered an encomium to five centuries of the west’s “missionaries, its pilgrims, its soldiers, its explorers, pouring out from its shores to cross oceans, settle new continents, build vast empires extending out across the globe”. He lamented the “contracting” of the “great western empires” in the wake of the second world war. He decried the “godless communist revolutions” and “anti-colonial uprisings” which, for the record, helped free 750 million people across 80 former colonies since the founding of the United Nations in 1945.

And the response to his remarks? Europe’s elites gave him a standing ovation, as if he’d just announced a cure for cancer rather than the literal return of empire. And in doing so, they made themselves shamefully complicit in the Trump administration’s rewriting not just of US history, but European and world history too.

Standing Ovations für eine geschichtsklitternde, klimaleugnende, offen neoimperialistisch und unapologetisch neokolonialistische Rede – nur weil Rubio dabei ankündigt, dass wir auf der Aggressorseite stehen dürfen, wenn wir brav faschistisch werden.


Die Instagrammerin Somaya hat den besten Kommentar zur Rubio-Rede.

Wir sind auf einem sehr, sehr dunklen Pfad. Wir kennen diesen Pfad. Wir sind ihn schon mal bis zum bitteren Ende gegangen. Doch heute spielen wir dieses Spiel mit KI, Flugzeugträgern und Nukes.


Ich schrieb im vorletzten Newsletter unter anderem deswegen so euphorisch über die Carney Rede, weil ich in ihr eine konkrete Pfadalternative dazu formuliert sah. Aber inzwischen lies mich folgende Beobachtung von Jonas Schaible innehalten.

Carney sagt „Mittelmächte“ und alle sagen selbstsicher „Mittelmächte“

Der Begriff „Mittelmächte“ (Middle Powers) war mir erst gar nicht so aufgefallen und ich schätze, Carney wird den Begriff irgendwo her haben, aber seit seine Rede in allen Zeitungen der Welt rauf- und runterzitiert wird und sich auch Spitzenpolitiker*innen auf den Begriff beziehen, ist „Mittelmacht“ jetzt offensichtlich „a thing“.

Und „zack“ leben wir in einer anderen Welt, in einer neuen semantischen und damit aber auch politischen Dreiteilung der Welt.

Das passiert nicht zum ersten Mal?

Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich die Rede von der „Ersten-„, „Zweiten-“ und „dritten Welt“, in der sich der Westen zuerst setzte, den sozialistischen Block aufs Zweite-Siegertreppchen und alle anderen zur „dritten Welt“ erklärte und damit sowas wie „Holzklasse“ meinte.

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs setzte sich die Dreiteilung „Entwicklungs-„. „Schwellen-„, Industrie-Land durch, die so ziemlich dieselbe Hierarchie und universelle Entwicklungs-Richtung markiert und viele geographischen Überschneidungen mit der alten Ordnung aufweist, aber auf den Bezugsrahmen der „Wirtschaftsleistung“ setzt.

Carneys Mittelmächte implizieren die Existenz von „Klein-“ und „Großmächten“ und setzen damit einen neuen Bezugsrahmen: geopolitische Handlungsfähigkeit.

Jede einzelne dieser Einteilung ist nicht nur west-zentristisch und arbiträr, sondern jeweils auf ihre eigene Art und Weise arrogant und kolonialistisch/imperialistisch.

Semantik ist – wie andere Infrastruktur auch – immer „Handlungszeug“. Wir teilen uns die Welt gerne so ein, wie es uns im Moment „praktisch“ erscheint.

Carney fand den Begriff „Mittelmächte“ praktisch, um die Perspektive Canadas auf die Weltlage zu erklären, aber auch, um es als Solidaritätsangebot an andere „Mittelmächte“ (vornehmlich die Europäer) zu richten, die sich durch diese Perspektive ebenfalls angesprochen fühlen. Ein Bündnis der Mittelmächte gegen die Großmächte, denen man sonst ausgeliefert ist, klingt erstmal vernünftig.

Ob sich eine Semantik durchsetzt, liegt nicht nur an ihrer Reichweite, sondern vor allem welchen Nutzen andere Akteure darin sehen. Die USA und China werden sich ihren Großmacht-Status sicher gern ans Revers hängen. Russland, Indien und „die EU“ sind vermutlich Mittelmächte aber könnten durchaus Großmachtambitionen aus dem Framework ableiten. Russland Israel beweisen regelmäßig eine zumindest an ihrer ökonomischen Relevanz gemessene überproportional große geopolitische Agency – und das liegt nicht nur an Atomwaffen.

Das Framework würde also geopolitische Machtprojektion mit Statusgewinn belohnen, denn when a measure becomes a target, it ceases to be a good measure. Und niemand – absolut niemand – will in dieser Welt eine „Kleinmacht“ sein.

Was der Begriff „Mittelmacht“ aber auch sofort evoziert, ist ein Gefühl der Bedrängnis. Man ist mehr Beute, als Raubtier und findet sich irgendwo im Mittelteil der „Nahrungskette“.

Deswegen hat Carneys Solidaritätsangebot („Wir Mittelmächte müssen jetzt zusammenhalten“) auch etwas bedrohliches. Klar, wenn sich die Halbstarken zusammentun, haben sie bessere Chancen gegen den Starken, aber sie sind gleichzeitig eine größere Bedrohung für die Kleinen?

Carney formuliert geschickter als Rubio, aber der implizite Ausschluss der „Kleinen“ in seiner Geste lässt auch seinen imperialistischen Blick auf die Welt hervortreten.

Carney spielt ein doppeltes Spiel, wenn er das Schild des „Imperialismus“ aus dem Fenster nimmt. Er nimmt nur das Schild diesen – amerikanischen Imperialismus – aus dem Fenster, nicht das des Imperialismus ansich.

Das bedeutet nicht, dass wir Carneys Angebot ausschlagen sollten, aber wenn wir die Welt je wieder stabilisieren wollen, brauchen wir einen anderen Blick auf die Welt.


Letztes Wochenende lief am hamburger Thalia Theater der „Prozess gegen Deutschland“ und dort hat neben allerlei anderer Normalisierung von rechtsradikalen Akteuren und Diskursen vor allem Harald Martenstein einen „Splash“ mit seiner AfD-Verteidigungsrede hingelegt (kein Link), die danach ziemlich viral ging. Seine Rede kurz zusammengefasst: Schon Strauß war korrupter Rassist, also ist Rassismus als Ideologie doch schon irgendwie OK?

Weil diese Rede nicht unwidersprochen bleiben darf, hat sich LowerClassjane bereit erklärt, die Gegenrede zu schreiben und ich hoffe einfach, dass sie drei mal so viel geteilt wird, wie Martensteins schwerelose Hirnfürze.

Du inszenierst dich als Dissident, als mutigen Liberalen gegen vermeintliche Denkverbote. Tatsächlich riskierst du nichts. Deine Position bleibt abgesichert. Dein Status unangetastet. Du spielst mit Begriffen, während andere mit den Konsequenzen leben müssen.

Du theoretisierst über völkischen Nationalismus, während rechte Gewalt steigt. Während Menschen angegriffen, gejagt, ermordet werden – weil sie die falschen Namen tragen, die falsche Hautfarbe haben, nicht in das Bild passen, das du so beiläufig normalisierst.

Für dich ist das Theorie.
Für andere ist es Realität.

Die weiße bürgerliche „Mitte“ organisiert fleißig narrative Pfadgelegenheiten, um keine Verantwortung für den aufkommenden Faschismus übernehmen zu müssen.

Dass deine Rede gefeiert wird, sagt mehr über ihre Funktion als über ihren Mut. Sie beruhigt. Sie verwandelt Alarm in Übertreibung. Sie macht aus autoritären Projekten diskutable Geschmacksfragen.

Was auf dem Spiel steht, ist nicht, ob man konservativ sein darf.
Was auf dem Spiel steht, ist, ob Zugehörigkeit zur Verhandlungsmasse wird.

Wenn deine Rede tausendfach geteilt wird, dann nicht, weil sie mutig ist. Sondern weil sie Rechtsradikalismus als etwas Vertrautes tarnt.

Was vertraut wird, wird nicht mehr gefürchtet.
Was nicht mehr gefürchtet wird, wird irgendwann akzeptiert.

Und irgendwann umgesetzt.

Normalisierung ist die ein Pfad, der zur Infrastruktur wird. Erst wird er sagbar, dann wird er baubar, dann wird er hungrig. Und dann ist es zu spät.

Krasse Links No 77

Willkommen zu Krasse Links No 77. Ich müsste meinem Gehirn gerade echt etwas Ruhepause gönnen, aber die Nachrichtenlage lässt das nicht zu. Deswegen eine Sondersendung zu Epstein.

Vorsicht. Du solltest dir vorher überlegen, den Newsletter zu lesen, denn es wird auch um sexuelle Gewalt gehen und es wird generell emotional fordernd, für manche vielleicht triggernd und ganz allgemein … unangenehm.

Aber jetzt beleiht Eure Verschwörungstheorien, heute tracken wir das Patriarchat an 4chan, um mit Bannon auf dem Epstein die Omelas der antisemitschen Rackets zu heben.


Das DOJ hat letzten Freitag etwa die Hälfte der Epstein-Files veröffentlicht und seitdem wühl ich mich wie Millionen andere durch die Files und versuche seitdem wieder klarzukommen.

Ich verfolge den Fall seit den späten 2010er Jahre, hab ein, zwei Dokus gesehen und einen Podcast gehört und es war damals schon klar, dass die Ausmaße des ganzen sehr viel größer sind, als bekannt war. Insbesondere die Aussagen der Opfer machten klar, dass es sich hier um eine größere Operation handelt, in die viele mächtige Menschen involviert sind. Ich war also auf einiges gefasst, aber dennoch sprengte es alles, was ich mir vorstellen konnte. Und zwar in jeder Hinsicht. Es ist gleichzeitig alles größer, brutaler, tiefer und relevanter als ich es mir vorstellen konnte.

Da es die erste Hälfte der Files ist, dürfte die zweite Hälfte die krassere Hälfte sein. Einige Files wurden vom DOJ nachträglich wieder zurückgezogen und natürlich sind die Files immer noch heftig geschwärzt, allerdings manchmal auch an den falschen Stellen nicht, so dass einige Opferidentitäten und Datails enthüllt wurden, während die meisten Eingriffe sehr eindeutig vor allem Täter schützen.

Es fehlt also noch so vieles und doch reicht es. Es ist genug, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Es ist genug, sich eine Vorstellung davon zu machen, was vor Ort passierte, welche Kreise grob involviert sind und wie das ganze funktionierte. Und es reicht, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr wir manipuliert wurden und immer noch werden.

Die Erkenntnis ist: Beträchtliche Teile des einundzwanzigsten Jahrhunderts und wahrscheinlich auch des Ende des 20. Jahrhunderts müssen neu geschrieben werden. Epstein hat die Realität selbst zerbrochen.

Für Leute, die selbst durch die Files gehen wollen, eine Warnung. Da ist unglaublich viel Verstörendes dabei, unvorstellbare Bilder (selbst mit den geschwärzten Stellen), auf die ich hier nicht zeigen oder auch nur näher drauf eingehen will, vieles ist inzwischen wieder gelöscht, wie zum Beispiel die Dokumente mit den vom FBI gesammelten Anschuldigungen gegen Trump, die allein schon ob ihrer Vielzahl, ihres Detailreichtums und wechselseitiger Kohärenz so glaubwürdig wie schrecklich erscheinen. Aber hier gibt es gesicherte Screenshots.

Zu diesem Zeitpunkt finden sich 4.744 Erwähnungen von „Trump“ in den Files. Das Wort „torture“ taucht 521 auf, „Gynecologist“ 108 mal. Das FBI hatte bereits eine Liste mit prominenten Beschuldigten im Epstein-Fall zusammengestellt, ganz oben Donald Trump und dann die üblichen, Bill Clinton, Prince Andrew, aber Naomi Campbell und Kevin Spacy. Aber die eigentliche Liste ist viel, viel länger.

Das ist das hirnexplodierende: Epstein ist überall, kannte jeden, auch nach seiner ersten Verurteilung als Trafficer von Minderjährigen. Mehrere US-Präsidenten (mindesten Trump und Bill Clinton), prominente Demokraten wie Republikaner und die halbe globale Monarchie-Szene ist verstörend tief verstrickt, der britische (ehemals) Prince Andrew, Norwegens Mette-Marit, Schwedens Princess Sofia, Saudis Mohammed bin Salman, die halbe Milliardärskaste: Bill Gates, Richard Branson, Andrew Farkasm, Ian Osborne und natürlich etlichen Broligarchs. Staranwalt Ken Starr, Amerikas bekanntester Ökonom, ehemaliger Harvard Präsident und ehemaliger Finanzminsiter Larry Summers, aber auch der Trump Biograph Michael Wolff sind eng mit ihm.

Epstein hängt außerdem ständig mit Woody Allen ab, ehemaligen europäischen Staatschefs, allerlei Stars und andere Prominente. Es gab einen Talenttransfers zwischen Microsoft und Apple mit direktem Kontakt zu Tim Cook. Er ist mit Peter Thiel seit mindestens 2014 eng befreundet, mit Bannon seit 2017, er traf Moot und findet Bezos „is a very nic= person“, der heutige US-Finanzminister Howard Lutnick besucht ihn bereits 2011 auf der Insel, hat sogar Deals mit ihm, mit Robert F. Kennedy Jr. ist er natürlich auch eng, sogar Trumps neuer Pick für den FED-Chef, Kevin Warsh, taucht in den Files auf. Hier ein ausführlicher Wired Artikel über die Files zu Read Hoffmann, Elon Musk, Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg. Der Regisseur der gerade verlachten Melania-Doku ist sogar mit inkriminierenden Fotos vertreten. Die Wikipedia führt eine Liste.

Man kann auch lesen, wie Musk Epstein immer wieder wie ein notgeiler Teenager anbettelt, ihn auf seine Sexparties auf der Insel und oder in New York einzuladen. Als ich in Krasse Links No 74 über den KI Forscher Joscha Bach schrieb, wusste ich noch nicht, dass er einen Trip nach Vergewaltigungs-Island gebucht hatte. Das und anderes hat der Spiegel gefunden, der Bachs tiefreichende Verbindungen zu Epstein zusammengefasst offengelegt. Und hier eine länger werdende Liste mit anderen Wissenschaftler*innen, die auf Epsteins Gehaltsliste standen. Das Magazin Nature hat einen längeren Bericht dazu, wie Tief Epsteins Einfluss in der Wissenschaft ging.

In diesem Emailthread versucht Epstein Noam Chomsky mehrfach zu überreden, ihn zu besuchen und lockt mit „interessanten Gesprächspartnern“, erst mit Thorbjorn Jagland, dem ehemaligen norwegischer Ministerpräsident und Juryteilnehmer des Friedensnobelpreiskommittees, dann zu einer exklusiven UN-Party bei sich nach Haus und dann, als er grad wieder mit Ehud Barak, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten rumhängt, ebenfalls ein Epstein-Regular.

Wir wissen bereits, dass Epstein seine Hände auch schon sehr früh in „KI“ hatte (seit 2002), dasselbe müssen wir jetzt auch für Bitcoin feststellen, und zwar zu entscheidenden Zeiten. Auch in die weitere Cryptoszene war er gut vernetzt: hier erzählen die Jungs von Crypto Critics‘ Corner die Geschichte der Freundschaft zwischen Crypto Milliardär Brock Pierce und Epstein, die so weit ging, dass sie sich gegenseitig „Mädchen“ als Gastgeschenk mitbrachten.

Überall werden gerade unzählige Geschichten nochmal neu und anders erzählt und egal ob Politik, Tech, Medien, KI, Crypto oder Wissenschaft, am Ende verschmelzen sie zu einer einzigen Geschichte: Die Elite ist nackt.


Hier eine Politico-Zusammenfassung der Einschläge in Europa.

In Norway, one prominent diplomat has already been suspended and a police investigation has been opened into a former prime minister. In the U.K., the former ambassador to the U.S. has been fired; on Tuesday, he resigned from the House of Lords. Police are reviewing reports he shared market-sensitive information with Epstein.

Andrew Mountbatten-Windsor, formerly known as Prince Andrew, was stripped of his royal titles and residence. A charity founded by his ex-wife Sarah Ferguson, the former Duchess of York, will shut down indefinitely following the release of emails where she called Epstein a “legend” and “the brother I have always wished for.”

Nur in den USA ist gibt es keine Regung. Aber es brodelt gewaltig.


Eine der erschütternsten Dinge, die ich gelesen habe, ist das dreiteilige Tagebuch von einem Mädchen, das offenbar in Kooperation mit seinen Eltern von Jeffrey Epstein auf seiner „Zorro Ranch“ in New Mexico festgehalten wurde. Es ist in „Geheimschrift“ verfasst und man liest es immer zweizeilig nach links nach rechts und von oben nach unten, das FBI hat aber jeweils auch Übersetzungen angefertigt.

In einem der Tagebücher (Original) beschreibt das Mädchen seine Rolle als Gebärmaschine in einer art eugenetischen Breeding-Experiment:

I am nothing but your property and incubator! .
You only trust me when I am under your complete CONTI t
I will never trust another man EVER! […]

Superior gene pool ?!? Wh e? Why my hair color and eye color?
g me on some days like Im the enemy but o be, warm.
confusing.

makees no sense.

That feels very Nazi like thin’nk[ing] about these stupid insane theories he has I guess in his mind it makes sense.

Und in einem anderen, (Original) wie sie nach und nach den Glauben an die Menschheit verliert:

Whether its with Jeffrey, Mr. Leonsis, Mr. Case, Mr. Snyder, the Gregorys, Mr. Colgan or one being borrowed by a seemingly „good“ federal worker and even rented,

it is all horror.

And nothing is as it seems.

I am so confused by everything and people you expect to be good like even old senators like George Mitchell who you think would be good like a grandpa are bad.

Es gibt noch ein drittes Tagebuch: Original, Übersetzung.

In allen Tagebüchern werden eine menge Namen genannt, von mächtigen Männern, die alle frei herumlaufen.


Auch T-Online hat sich die Zorro Ranch, wo die Tagebücher herkommen, genauer angeschaut.

Die Ranch sollte für Epstein jedoch darüber hinaus einen weiteren Nutzen erfüllen. Lange eiferte er einer Vision nach: der „Optimierung der Menschheit“. Berichten unter anderem der „New York Times“ zufolge wollte er die Ranch in New Mexico zu seiner persönlichen „Baby-Farm“ umfunktionieren, auf der er reihenweise Frauen mit seiner DNA befruchten wollte.

Er folgte damit einer Ideologie, die als Transhumanismus bezeichnet wird und die Optimierung des Menschen durch Gentechnik und Künstliche Intelligenz propagiert. Kritiker bezeichnen diese Vorstellung häufig als moderne Form der Eugenik, der Erbgesundheitslehre der Nationalsozialisten. Elon Musk, dessen Name auch in den Epstein-Dokumenten auftaucht, verfolgt ähnliche Visionen. Er will sich seine ganz persönliche „Legion“ an Nachkommen zeugen.

Aber dass es ein Eugenetik-Labor ist, heißt nicht, dass mächtige Männer dort keinen Spaß haben dürfen.

Zu den bekannten Gästen auf der Zorro Ranch zählten der ehemalige Prinz Andrew, der frühere Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, sowie Woody Allen, der gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Kind die Ranch besucht haben soll. Eine der Überlebenden erinnert sich zudem daran, in die Residenz des damaligen Gouverneurs gebracht worden zu sein, beschuldigte Richardson jedoch nie der sexuellen Ausbeutung. Eine einstige Mitarbeitende behauptet, auch die Clintons einmal vor Ort gesehen zu haben. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Der ehemalige US-Präsident sowie seine Frau sollen am Ende des Monats vor einem Untersuchungsausschuss zum Fall Epstein aussagen.

Es sollen auch Leichen auf dem Grundstück begraben sein. Die Zeugenaussagen sind schwer zu ertragen.

Eine weitere Überlebende berichtet, dass auf der Ranch Dinge geschehen seien, die „so schrecklich“ gewesen seien, dass sie bis heute nicht darüber sprechen könne. Sie beschreibt ihre Erinnerungen als brüchig. Woran sie sich jedoch erinnere, sei eine Reihe von pseudo-gynäkologischen Untersuchungen, die Epstein an ihr vorgenommen habe. Zudem sei sie eines Morgens in einer Art Labor aufgewacht, umringt von Menschen in Schutzanzügen. An Epsteins private Insel könne sie sich noch lebhaft erinnern – was die Ranch angehe, habe sie jedoch unerklärlicherweise massive Erinnerungslücken.

Im Gegensatz zu allen anderen Epstein-Anwesen wurde die Zorro Ranch nie durchsucht (Wie das FBI hier hintern selbst vermerkt) und privat verkauft. In New Mexicos Parlament gibt es bereits eine politische Initiative für eine Aufarbeitung, die vielleicht in ein paar Jahren ein Ergebnis präsentieren?

Aber man könnte auch einfach mal hinfahren und und wenigstens gucken, ob da noch wer festgehalten wird? Also: jetzt?


So schlimm das alles ist: Es ist fast noch schlimmer, in Epsteins Emails zu wühlen, wozu sich JMail anbietet, eine Website, die quasi die Innenansicht von Epsteins Gmailkonto darstellt.

Man findet so vieles, aber es ist gar nicht diese eine Smoking Gun, die mich gebrochen hat. Beim Browsen entfalten sich die habituellen Strukturen, der „Vibe“. Die Leichtigkeit ihrer Verbindungen, die Beiläufigkeit ihrer Verbrechen, der Zynismus ihrer „Währungen“ und die Selbstverständlichkeit ihres Blicks auf die Welt.

Aber vor allem die an allen Ecken und Enden hervortretende Frauen- und generelle Menschenfeindlichkeit, die junge Frauen und Kinder als konsumierbare Wegwerfware behandelt. Es gibt dafür viele Beispiele, etwa diese Mail an Epstein:

My russian friend is on holidays in Paris now 🙂 she is fun and gorgeous! Ahh…perfect skin and incredible shape. However, be gentle with her and not a naughty one plz!!!

Oder diese:

Thank you for a fun night…
Your littlest girl was a little naughty.

Oder diese Email an Epstein:

Do you remember the name of the Gynocologist that you used to send your victims to?

Aber am besten illustriert es dieses Zitat einer beiläufigen aus Email von Epstein an irgendjemanden.

„where arc you? are you ok , I loved the torture video“


Rebecca Watson hat ein Video darüber, wie sie erneut in den Epstein-Akten auftaucht und dadurch nachträglich versteht, wie sich mächtige Männer der Skeptiker-Szene damals zusammen mit Epstein gegen sie verschworen.

Der bekannte Physiker Lawrenbce Krauss und der noch bekanntere Evolutionsbiologe Richard Dawkins tauschten sich mit Epstein über den Fall aus. Ich hatte die Debatte damals am Rand verfolgt, denn es war eine dieser frühen, pfadentscheidenden Kulturkriegs-Schlachten und endete, wie diese Schlachten damals immer endeten: Frauen und ihre Perspektive wurden rausgedrängt.

In einer Mail an seinen Anwalt bezüglich seiner Fälle wegen sexuellen Fehlverhaltens, bittet Krauss seinen Anwalt doch bitte mal mit seinem superschlauen Kumpel Epstein zu sprechen, der eigene Ideen für die Verteidigung hat und kündigt ihn wie folgt an.

Bottom line is that Jeffrey is not only friends with most of the famous people from finance, to business, to Hollywood, who have either been brought down during #metoo and he also speaks regularly with people ranging from the awful white house people, who he is friends with, to ken starr etc.


Als der Trumpbiograph Michael Wolff und Epstein-Buddy ihn fragt, ob er einem Kollegen bei seinem Metoo-Fall helfen kann, ist Epstein auch gleich dran. Der Gurardian hat sich sich genauer angesehen:

Wolff wanted Epstein to support Stephen Elliott, a writer looking to sue the creator of the Shitty Media Men List, a crowd-sourced Google Doc that detailed anonymous allegations of misconduct against dozens of men who worked in the media industry.

“I have always thought that the way back from this climate is through specific instances of individuals successfully challenging their persecution,” Wolff wrote to Epstein, according to emails released in a tranche from the so-called Epstein files. “If his story is solid he might be worth supporting.”

Initially, Epstein was unmoved. In a single-word, no-punctuation email, the convicted sexual offender replied: “tough.”

“Give it some further thought, if you would,” wrote Wolff, who had originally received Elliott’s pitch through Lorin Stein, the former editor of the prestigious Paris Review and another name on the Shitty Media Men List. “I think there is an opening here. What you need is an excuse – or opportunity – to make the public argument.”

Epstein relented: “ill help anyway i can. if you like.”

Metoo war nicht nur schlecht für Epstein, wie er Gegenüber seim Freund Joi Ito, dem Gründer und Leiter vom MIT Media Lab, zugibt:

with all these guys getting busted for harassment , i have moved slightly up on the repuation ladder and have been asked everday for advice etc


Elizabeth Lopatto hat in the Verge die Files zusammengesammelt und eingeordnet, die Epstein als Kulturkrieger aus dem Hintergrund zeigen. Instrumental dafür war John Brockman und seine von Epstein finanzierte Edge-Foundation, dessen Netzwerk wir bereits in Krasse Links No 74 beleuchteten. Lopatto schreibt:

The boys’ club at the Edge Foundation created a jumping-off point for social contacts for Epstein. Their “Billionaires Dinner” in 2011, which Epstein attended, featured a number of familiar names that appear in the Epstein files: Musk, Sergey Brin, David Brooks, Marissa Mayer, Jeff Bezos, and Nathan Myhrvold (who would later introduce Epstein to Bill Gates). The “Billionaires Dinner” stopped after Epstein made his final donation to Edge.

Brockman also set up a dinner in 2012 with a very exclusive invite list, which included Bezos, Paul Allen, Brin, Anne Wojcicki, Larry Page, Evan Williams, and Myhrvold. “Please show up alone,” Brockman said to Epstein. MIT Media Lab’s Joichi Ito also seems to be willing to broker meetings between Epstein and Bezos or “Bill.” It’s not clear which Bill is referred to here, but Bill Gates was surely close with Epstein, close enough that the tranche of documents shows extensive contact between the two men.

Auch Lopatto schreibt über Lawrence Krauss.

The most extensive emailed advice seems to be to physicist Lawrence Krauss. When Krauss was contacted by journalist Peter Aldhous for comment on a BuzzFeed story about sexual harassment allegations, he forwarded the email to Epstein and repeatedly asked him for advice about how to handle Aldhous. (Krauss strenuously denies the allegations against him, and says he “sought out advice from essentially everyone I knew”.) Krauss sent drafts of his proposed emails about the story to Epstein as well. “Impossible to publish anything about metoo, even if the =uthor was acquitted,” Krauss wrote to Epstein. That was of particular interest to him, because Krauss was planning to write his own #MeToo book, he wrote in another email to Epstein. Later, he wrote to Epstein that a woman on a conciliation committee is “old.. not some young metoo bitch.” This is good news, Krauss notes.

Und folgert:

It’s hard not to read these files and come to the conclusion that Epstein helped engineer the ultimate elite impunity — in which our society has been totally destroyed so the richest and most powerful men in the world can do whatever they want.

Wenn man sich in Epstein und seine Kreise hineinversetzt, versteht man, welche Bedrohung eine Clinton-Präsidentschaft (nachdem Obama ihn bereits verschmäht hat) und später Metoo für sie bedeutete.

Epsteins Ablehnung gegenüber Frauen ist nicht nur habituell, sie ist materiell. Frauen an der Macht, oder auf Augenhöhe, oder überhaupt die Idee, Frauen als Menschen zu behandeln, bedrohen ganz direkt sein Businessmodell? Wenn man in Epsteins Emails nach Metoo sucht, kann man nachlesen, wie unangenehm das ist, wie er merkt, dass seine Infrastruktur ein „strandet Asset“ wird, wenn sich Feminismus in seinen Kreisen durchsetzt.

Und dann ist es wie überall: Misogynie ist das Gateway, Faschismus ist der Pfad. Schon 2015 wollte Epstein alles brennen sehen, nach dem Brexit schreibt er an seinen Kumpel Peter Thiel: „brexit, just the beginning“ und erläutert auf Nachfrage:

return to tribalism . counter to globalization= amazing new alliances. you and I both agree= zero interest rates were too high, and as i said in your office. =AO finding things on their way to collapse , was much easier than finding =he next bargain

Sein anderer Kumpel Steve Bannon berichtet ihm dann ab 2018 dann immer wieder über seine Fortschritte bei der Vernetzung der rechten Parteien in Europa.

Hier die These:

Ein wesentlicher Kern des Rechtsrucks den wir die letzten Jahre erlebt haben, wurde von einer Gruppe lose vernetzter Milliardäre und „Shitty Men in Media“ „engineered“, die sich als loses Netzwerk von Kulturkriegern zusammenfanden, weil sie Angst vorm Feminismus hatten.

Aber so peinlich, weinerlich und pennälerhaft, wie all das Zustandekommen wirkt: Ihre Pfadgelegenheiten von damals sind unsere diskursiven Infrastrukturen von heute.

Und so lernen wir, wie Verschwörungen wirklich funktionieren.

Mächtige Männer vernetzen sich entlang ihrer Interessen, nutzen einander als Pfadgelegenheiten, die dann zu unseren Infrastrukturen werden. Sie treffen sich dafür nicht in verrauchten Hinterzimmern und sie schmieden auch nicht den „großen Plan“, sondern „lauern“ vernetzt wie 4Chan-Shitposter auf ankommende Pfadgelegenheiten und suchen nach idealen Fulcren, um die Wirkung ihrer Hebel zu maximieren.

Eine Verschwörung ist, wie jede andere menschliche Handlung auch, eine iterative Pfadoperation.


Und jetzt können wir so tun, als würden sich „die Guten“ jetzt als „die Bösen“ rausstellen, aber wer dieser Interpretation folgt, hat nicht aufgepasst, sagt Pissed magitus.

Ihr müsst entschuldigen. Als westdeutscher, weißer, heterosexueller Gen-X-Dude bin ich rückblickend in einer zeitlich und räumlich unnatürlich stabilen und behüteten Blase aufgewachsen, die in mir eine Erwartungsstabilität herstellt hat, aus der der momentane Fall in die Realität wahrscheinlich tiefer als bei manch anderen ist?

Ich bin jedenfalls wirklich erschüttert, aber auch nicht erst seit den Epstein-Files, sondern eigentlich seit ich in Krasse Links das Ende des Westens dokumentiere, und das Feedback auf den Newsletter zeigt, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin.

Aber wenn, wie ich glaube, das System vor allem auf der Erwartungsstabilität gerade von Menschen wie mir basiert, werden wir bald noch viel mehr kollabieren sehen, als nur Erwartungen.


Die Times hat einen Artikel über Epsteins Israel-Connetions und natürlich war er ein israelischer Spion. Auch das FBI glaubte, dass Epstein ein coopted Mossad-Spy war. Die Times schreibt:

The files include claims from a confidential informant to the FBI that, far from disliking Israel, Epstein was in fact employed by its spy agency, Mossad. An FBI report from the Los Angeles field office written in October 2020 said the bureau’s source had become “convinced that Epstein was a co-opted Mossad agent”.

It said the Wall Street financier had been “trained as a spy” for Mossad, alleging that Epstein had ties to US and allied intelligence operations through his longtime personal lawyer Alan Dershowitz, a Harvard law professor whose orbit included “many students from wealthy families”. It said Jared Kushner, President Trump’s son-in-law and his brother, Josh, a financier, were “both his students”.

Die Hinweise auf Epsteins Israels-Connections brauchen bald eine eigene Wikipedieseite. Hier ein paar.

  • Seinen frühen Kontakt zu Anan Khashoggi dem zwielichtigen Waffenhändler der in der Iran Kontra-Affaire verstrickt ist.

    In 1989, Ben-Menashe spent a year in prison for allegedly selling three Israeli military planes to the Khomeini regime (he was later acquitted). In the same years, Epstein had been hired by the ultra-rich businessman Adnan Khashoggi from the Kingdom of Saudi Arabia – coincidentally, the place of residence in Epstein’s fake passport. And it is precisely Adnan Khashoggi who ended up in the sights of the federal Iran-Contra federal investigators as a middleman in the sale of U.S. weapons to Iran through Israel.

  • Die zentrale Rolle von Leslie Wexner in seinem frühen Aufstieg, ein pro-zionistischer Philantrop mit eigener Israel-Naher Stiftung.
  • Der weirde Zufall, dass er sein Sexbussiness zusammen mit der steinreichen Tochter von Robert Maxwell gründete, der britische Medienmogul, der eine zentrale Rolle in der Gründung Israels spielte auch später für den Mossad arbeitete.
  • Oder dass der Name Alan Dershowitz praktisch überall auftaucht, nicht nur in Epsteins engeren Kreis, sondern auch vor allem im Zusammenhang mit seiner Verurteilung, und der ebenfalls offen für Israel arbeitet.
  • Und klar, seine definitiv als „eng“ zu beschreibende Beziehung zum ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Edmud Barak, mit dem er im ständigen Austausch stand und dem gegenüber er in 2018 witzelte:

    you should make clear that i dont work for mossad. 🙂

  • Hier ein fast einstündiges Telefonat zwischen Epstein und Edmud Brarak über Obama, Iran und alles mögliche.

Nussbacher, ein britischer Nachrichtendienst Kontakt, bringt in der Times etwas Nuance in die Debatte:

“Every intelligence agency has people who work for the agency, who are on salary, who have their pension paid for by the agency, we call them officers,” she said. “Then there are people whose officers influence them to do work for their agency; sometimes paid, sometimes manipulated, sometimes blackmailed — they’re called agents.

“And then there are people who are assets. They are just useful. Is it possible that Epstein was an asset to the Mossad? Yes. Do I think he was an agent of any intelligence agency, I think it was unlikely. Was he an officer? No.”

Ok, also Epstein war mindestens ein israelisches Asset.

Aber auch ein russisches, wie es aussieht?

Ein amerikanisches Asset sowieso? Als Alan Acosta, der damalige Staatsanwalt und spätere Arbeitsmisister in Trumps erster Adminsistration rechtfertigte sich rückblickend für Epsteins Sweetheart-Deal, den er eingetütet habe, mit den Worten: I Was Told Epstein ‘Belonged to Intelligence’ And to Leave It Alone. Und kann sich jemand vorstellen, dass die CIA das in den USA stattfinden lässt nichts wusste?

Außerdem hatte Epstein noch Geheimdienstkontakte zu ehemaligen britischen Spionen.

Ich denke die Wahrheit ist komplizierter. Epstein war öffentliche Infrastruktur. Nicht nur für Milliardäre, für Spitzenpolitiker, für Top-Wissenschaftler sonder auch für Geheimdienste. Das musste er sein, denn nur so war er für alle Beteiligten am nützlichsten.


In der taz navigiert Matthias Kalle gekonnt waghalsige semantische Manöver, um über die Enthüllung des Systems Epstein sprechen zu können.

Die Elite der Gegenwart funktioniert fundamental anders. Sie ist keine Kaste, kein Stand, kein Zirkel. Sie ist ein Netzwerk: ein Geflecht aus ökonomischem Kapital, politischem Einfluss, technologischer Infrastruktur und kulturellem Symbolkapital. Wer dazugehört, muss nicht reich oder adlig oder gewählt sein. Er muss nützlich, verknüpft und verfügbar sein. Denn was früher Herkunft war, ist heute Zugang. Was früher Kaste war, ist heute Code. Und was früher Loyalität war, ist heute Funktion. Diese Struktur lässt sich exemplarisch an zwei Fällen zeigen – einem brutalen und einem subtilen.

Ihr müsst euch die alltägliche Nutzerperspektive auf Epstein so vorstellen, dass ihr etwas interessantes in der Zeitung lest und da taucht ein Name auf, der wichtig ist, den ihr aber noch nicht kanntet, dann sind die Chancen hoch, dass der „Jeff“ seine Nummer hat oder zumindest jemanden kennt, der seine Nummer hat, vielleicht ein Treffen arrangieren kann.

Epstein war das Google und das LinkedIn der Elite, die Pfadabkürzung zu Mädchen, Macht, Ruhm, Ideen und wer mit ihm zu tun hatte, wurde Teil des größeren Games.

Egal ob im Finanzwesen, in der Politik, in der Wissenschaft – Epstein hat immer gezielt die jeweils lokalen Netzwerkzentralitäten geleveraged und immer nur die größten Hubs integriert und auf diese Weise seine soziale „Clout“ auf das menschlich mögliche getrieben.

Epsteins ganze Strategie dabei bestand also darin, seine soziale Eigenvector/Katzzentralität zu optimieren, also nicht nur viele Leute kennen, und nicht nur mächtige Leute kennen, sondern viele mächtige Leute kennen, die viele mächtige Leute kennen, usw, also in etwa, wie der Page-Rank-Algorithmus funktioniert, der Google groß gemacht hat.

Man kann die ganze Geschichte des 21. Jahrhunderts als die Entdeckung und gezielten kapitalistischen und politischen Urbarmachtung von Netzwerkeffekten erzählen (was ich im Plattformbuch von der Plattformseite versucht habe).

Kalle fährt fort:

An dieser Stelle – Sie ahnen es wahrscheinlich – muss man einmal kurz innehalten, sehr exakt werden und mögliche Einfallstore für antisemitische Verschwörungstheorien mit Schwung aus dem Weg räumen. Denn die Bilder von „Strippenziehern“, „Schattenmächten“ oder „globalistischen Kräften“, die im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von „Eliten“ auftauchen, führen hier nicht weiter, weil sie reale Machtkritik mit antisemitischer Projektion vermischen.

„Hollywood“ galt und gilt bis heute als „jüdisch“, ebenso „die Finanzwelt“ und „die Medien“. Das ist aber natürlich ein ideologischer Kurzschluss, der Strukturen ethnisiert und die Verantwortung personalisiert. Deshalb braucht es absolute Präzision: Es gibt wirtschaftliche, politische, kulturelle, technologische Eliten. Sie überschneiden sich, aber sie sind nicht homogen. Wer aber das vermischt, will keine Analyse, sondern Hetze.

Draußen im Internet tobt der antisemitische Mob. Sie nutzen die Epstein-Files, um ihre These der „Jüdischen Weltverschwörung“ zu verbreiten. Dass das Quatsch ist, zeigen die Files selbst, wenn man sich die Mühe macht, sie zu lesen.

Wenn Epstein etwas enthüllt, dann dass in der hinter dem Vorhang der liberalen Weltordnung das Patriarchats die Strippen zieht?

Und klar, diese Enthüllung ist nicht wahnsinnig neu, Feminist*innen sprechen seit mindestens einem Jahrhundert davon, aber selten konnte man diesen Zusammenhang so offen und nachvollziehbar – ohne jede Theorie – einfach in Originaldokumenten nachlesen?

Ich mein: die halbe Armee der „Free Speech“ Culture Warriors der letzten Jahrzehnte steht in den Epsteinfiles, teils beim direkten „Konspirieren“ gegen die Opfer ihrer sexuellen Missetaten oder gegen „unangenehme“ Feministinnen und ihre kritischen Fragen.

Aber gut, stellen wir die unangenehme Frage:

Warum – ausgerechnet – ein Jude?

Und jetzt könnte man diese Frage von vornherein als „antisemitisch“ ablehnen und das ist fair, aber sie wird ja dennoch gestellt werden? Und, ich bin ehrlich, auch ich stelle sie mir?

Aber den ersten Einwand, den man hier machen muss, ist der, das „System Epstein“ eben nicht „jüdisch“ war. Unter seinen Kooperationspartnern, im inneren Kreis seiner Kontakte und unter den beschuldigten Tätern und denen, die alles unterm Deckel gehalten hqben finden sich deutlich mehr weiße Christen, als Juden. Epstein war keine „jüdische“ Verschwörung, wenn überhaupt eine im weitesten Sinne „westliche“ Verschwörung.

Ein weiterer Einwand, den man machen muss, ist, dass der Epstein-Fall zwar eine unglaubliche weitreichende Verschwörung ist, aber eben nicht die einzige? Wie viele Verschwörungen da draußen gibt es noch? In wie vielen davon sind Nicht-Juden die Netzwerkzentralität? Allein Koch-Familie hat sich jahrzehntelang unzählige Male gegen uns alle verschworen, um ihre Fossilmilliarden auf Kosten unserer Zukunft zu verteidigen.

Nein, es sind nicht „die Juden“, es sind „die Eliten“. Ja, das darf man wieder sagen und wer euch was anderes einredet, hat entweder nicht hingeguckt, oder will euch gaslighten.

Aber gut, gehen wir noch weiter und nehmen an, dass es trotzdem „kein Zufall“ ist, dass es ein Jude war, der das alles organisierte.

Selbst dafür finden sich nicht antisemitsche Erklärungen?

Zum Einen könnte sich sich hier schlicht eine antisemitische Geste wiederholen, die wir schon aus dem Mittelalter kennen. Damals übernahmen Juden den Geldverleih, weil Zinsen zu nehmen unter Christen als moralisch verwerflich, als „dreckiges Geschäft“ galt. Das ist der Grund für den „Head Start“ jüdischer Banker, dessen pfadabhängige Weiterentwicklung heute noch gut im Bankensektor beobachtbar ist.

Ich will jetzt keineswegs „Zinsen nehmen“ und „Kinder vergewaltigen“ vergleichen, aber mir scheint plausibel, dass, wenn eine Runde westlicher Elite-Arschlöcher beieinander sitzen und sich fragen, wer „das dreckige Geschäft“ übernehmen soll, „der Jude“ nach wie vor nicht die unwahrscheinlichste Antwort ist?

Zum anderen kann ich mir auch gut vorstellen, wie man gegenüber Epstein diese Entscheidung begründet haben könnte:

Es ist das perfekte Cover. Der Verdacht wird gesellschaftlich „unaussprechbar“ und wer es dennoch versucht, stellt sich quasi von selbst jenseits des Diskurses.

Hier also meine schlimmste Verschwörungstheorie:

Die Eliten leverageten den Anti-Antisemitismus, um ihre echte Verschwörung im Raum des Unsagbaren zu verstecken.


Während die USA gerade wegen Epstein implodiert, gibt es eine merkwürdige Zurückhaltung in der Deutschen Debatte zu dem Thema? Die liegt nicht (nur) an dem vermienten semantischen Terrain, sondern auch daran, dass gewisse Chefredakteure und Herausgeber selbst inkriminiert sind und zwar aufgrund von John Brockman und seiner zusammen mit Epstein betriebenen „Edge Foundation“.

Boris Rosenkranz hatte bei Übermedien bereits 2019 offengelegt, wie die FAZ aber vor allem die Sueddeutsche auch aus Eigeninteresse bei dem Thema Zurückhaltung üben.


Thorsten Fuchshuber hatte bereits vor ein paar Jahren Max Horkheimers Racket-Theorie, die ja an der Beobachtung des Faschismus entwickelt wurde, als politisch Ökonomie gedeutet.

Denn nicht nur gab im Nationalsozialismus einen Zusammenbruch des Staates als souveräne Gesellschaft, sondern die Banden-Dynamiken, die im Faschismus den Staat als Beute einkassierten, sieht man strukturell in liberalen Gesellschaften immer schon am Machen.

Von den Debatten in den USA ließ er sich insofern leiten, als er das Racket als Agentur zur aggressiven Durchsetzung partikularer Interessen auf Kosten der ohnmächtigen Einzelnen ebenso wie der Allgemeinheit betrachtet. Doch galt ihm der Begriff Racket weniger im Sinne konkret benennbarer, ökonomisch orientierter Banden oder politischer Zusammenschlüsse in der beziehungsweise gegen die Gesellschaft, sondern als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Dieses resultierte ihm zufolge aus der zunehmenden Konzentration und Zentralisierung der kapitalistischen Produktionsweise, war also mit einem Prozess verbunden, den Karl Marx als steigende organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet hatte.

Wir wissen, dass es auch im Vorfeld des Nationalsozialismus enorme Vermögenskonzentration gegeben hatte, in der einzelne Rackets bereits sichtbar waren und wiederum andere dazu zwangen, sich ebenfalls in Rackets zu organisieren.

Durch die Konzentrations- und Zentralisationsprozesse des Kapitals werde diese Konkurrenz zwar nicht abgeschafft, es verändere sich jedoch die Struktur der Konkurrent*innen: Diese treten nicht mehr als unzählige Individuen auf, sondern schließen sich in Rackets zusammen. Und die haben es dank ihrer herausragenden gesellschaftlichen Stellung vermehrt gar nicht mehr nötig, die eigenen partikularen Interessen mit jenen anderer sowie mit denen der gesellschaftlichen Gesamtheit zu vermitteln. Daher, so Horkheimer, haben sie auch kein »Interesse am Funktionieren des allgemeinen Rechtssystems und an seiner unparteiischen Verwaltung« mehr: Die Rackets führen vielmehr den »Kampf gegen das Recht« wie gegen »alle Vermittlungen«, die im Liberalismus »ihr eigenes Leben gewannen«.

Ich würde inzwischen weitergehen und jeder „liberalen Ordnung“ offene, aber auch versteckte Racketstrukturen unterstellen und mit Horkheimer allgemein sagen:

„Die Grundform der Herrschaft ist das Racket.“

Die Frankfurter waren auf selbstähnliche Strukturen gestoßen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen reproduzieren und in unterschiedlichen Skalierungen und Kontexten auftauchen. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus lässt sich als pyramidenartiges Netzwerk von Racket-Waben beschreiben, die auf ihrer jeweiligen Ebene kooperieren, sich bekriegen oder konspirieren, dabei aber immer von unten extrahieren und sich von oben die Margen frühstücken lassen.

Rackets sind die Antwort auf das Collective Action Problem für Arschlöcher.

Auch Rackets brauchen eine gemeinsame „Handlungsgrundlage“ – also sowas wie ein Vertrag, aber eben informell. Und weil Rackets außerhalb von Rechtsstrukturen agieren brauchen sie dafür einen speziellen Vertrag, der etwas anderes beleiht, als das Rechtssystem.

Das beliehene „Pfand“ der Racketmitglieder sind Grenzverletzungen, die es den jeweiligen anderen Mitgliedern erlauben, sich gegenseitig „zu Fall“ zu bringen. Das können Verbrechen sein, die man zusammen begangen hat, aber auch Wissen oder Beweise für Verbrechen in der Vergangenheit.

Kurz: „Kompromat“, wie es die Russen nennen, dient eben nicht (nur) der individuellen Erpressung, sondern dient auch als beleihbare Infrastruktur, auf der Rackets basieren.

Die Grenzverletzungen können „verbotene“ Rituale sein, ein krummer Deal, oder sogar ein Mord.

Aber das ist für „arme“ Rackets.

Epstein betrieb die Komprormat-Infrastruktur des obersten Rackets der Gesellschaft und natürlich verbindet man da das „Angenehme“, mit dem „Nützlichen“: Egal ob Promi, Geheimdienst, Politiker, oder Wissenschaftler: Auf Epstein Island tratst du einer Gemeinschaft bei, die ihre Kooperationswahrscheinlichkeit durch wechselseitige beglaubigte Grenzverletzung sicherstellte und die dir über diesen Vertrauens-Layer Zugriff auf das Who is Who der Weltelite ermöglichte.

Deswegen wurde mit den FIles nicht nur ein Pädophilenring aufgedeckt, sondern das Betriebsystem des Westens, die integrierte Plattform des obersten Rackets der USA und der westlichen Welt – und ein bisschen auch Russlands.

Nein, das ist keine „jüdische Weltverschwörung“.

Das sind wir. Das ist unser System. Das sind unsere gesellschaftlichen Strukturen. Unsere „Kultur“. Das ist der Keller unseres Omelas.


Ryan Broderick hat auf Garbage Day eine plausible Aufschlüsselung der Moot-Bannon-4Chan-Epstein-Connection.

One of the central internet mysteries of the last 15 years is why 4chan creator Christopher Poole reversed course in 2011 and brought back the site’s politics board, which is called /pol/, or “Politically Incorrect.” It would become the staging ground for Gamergate, the 2016 Trump campaign, and the far-right populism wave that swept the world in the back half of the 2010s.

A version of /pol/ was attempted two times before it finally stuck. First, as /n/, which was meant to be a section for news content. Which ultimately became the “transportation” board in 2008. And then again, in 2010, when Poole launched /new/, largely as a way to quarantine the overwhelming amount of support on the site for Ron Paul’s 2008 presidential campaign. Poole shutdown /new/ in January 2011, telling users at the time, “As for /new/, anybody who used it knows exactly why it was removed. When I re-added the board last year, I made a note that if it devolved into /stormfront/, I’d remove it.” (Stormfront is one of the oldest Neo-Nazi communities on the web.)
So it has never made much sense as to why Poole would ban /new/ for being a racist hell hole and then, barely a year later, launch /pol/, a board specifically designed to be a racist hell hole. But buried inside the newest batch of files related to the Epstein investigation is a possible hint as to what made Poole change his mind. He met with Epstein the day before /pol/ was created.

On October 20th, 2011, Boris Nikolic, a venture capitalist and former advisor to Bill Gates, sent Epstein the Wikipedia page for Christopher Poole, writing, “There is a cool guy (KID) that you should meet.” Four days later, Nikolic followed up, asking Epstein, “How did you like moot? He is very sensitive so be gentile.” (Poole’s username for years was moot or m00t.) “I liked [him a lot]. I drove him home, he is very bright,” Epstein replied. Nikolic went on to write that, “he will be a friend” and that he is “one of the greatest hackers.”

According to Epstein’s emails, that appears to be the only time Epstein successfully made contact with Poole. It seems like organizing a simple lunch meeting with Poole was a genuine nightmare for Epstein and his team. Nikolic said he planned to meet Poole again in early November. And according to a reminder Epstein set, it seems like he planned to meet Poole at the same time. There’s also a separate email thread from October 31st with an unidentified correspondent, where the redacted sender takes credit for introducing Nikolic and Poole, writing, “I introduced Boris to Chris Poole and got them talking, encouraged Boris to get to know him. Boris said the two of you really hit it off. ;-)” Epstein had subsequent meetings scheduled with Poole on November 23rd, January 27th, 2012, which Poole canceled last minute, and, again, in February. There are nearly a hundred emails going back and forth about how Poole kept flaking on them.
But Epstein didn’t forget about 4chan. We can’t say for sure if he was an active user, but, in 2017, he sent Karyna Shuliak, his girlfriend at the time, a 4chan link containing Five Nights At Freddy’s porn.

Meanwhile in March 2012, Bannon, following the death of conservative blogger Andrew Breitbart, was installed as the editor-in-chief of Breitbart News. In 2014, 4chan’s video game board, /v/, and /pol/ started lighting up about the Gamergate conspiracy theory. Milo Yiannopoulos, then a young tech writer for Breitbart, would transform Gamergate from fringe message board drama into the cornerstone of the global far-right movement by repackaging it in articles optimized for Facebook traffic.
Which was perfect timing, because Epstein was beginning to work his way into Silicon Valley.

Lasst es mich so formulieren: Das Narrativ, „anonyme Shitposter auf 4chan emergieren zufällig (halb-)richtige Verschwörungstheorie“ klingt für mich als QAnon-Erklärung nicht mehr plausibel? Dafür sind die Q-Drops zu nahe dran?


In Vanity Fair machen sie sogar die Pizza-Gate Akten wieder auf.

The references span years—from long before Pizzagate existed to long after it was broadly considered debunked.

“What time do you want to get pizza and grape soda tomorrow?” one associate asks Epstein in 2018.

A 2015 subject line reads: “Your Pizza Is YUMMY YUMMY!!”
“This is better than a Chinese cookie!… lets go for pizza and grape soda again. No one else can understand,” a redacted sender writes to Epstein in 2018.

Das deckt sich mit vielen meiner Funde. Beispiel:

Betreff: The Pizza Monster, Epsteins Reply: „she looks pregnant“.

Oder diese merkwürdige … Pizzabestellung? an Jeffrey Epstein.

I know Bobby LOVES =rturo’s pizza on Houston…they open at 4pm..l could send =ojo down to arrive 4pm at Arturo’s, pick up a large cheese and =ake to 301? Bobby says his day is busy but he might be back to =he apartment sometime between 4-6pm…he is at the Friar’s =tub for lunch 2-4 then meeting a friend at 6pm…

(He also likes Patsy’s Columbus and 72nd and Angelo’s =17 W. 57th)

Epstein antwortet nur „Ok“ und genehmigt damit eine … Pizzabestellung zu jemanden in sein Appartment nach Houston?

Das Wort „Pizza“ hat 845 Treffer in den Epstein-Files und Jmail findet 200 davon, sehr viele extrem … „weird“.

Der Artikel zitiert einen Redditor mit einer Verschwörungstheorie, die mir auch sofort in den Sinn kam.

“QAnon was an op to hide this shit in plain sight and make anyone who said anything about it sound like a lunatic. They masked it in a far-right ‘it’s only the dems’ cover,’” argued one Reddit user. “Gloating about projection people fell for. The pizza basement was Epstein island all along,” wrote another.

Also ich bemühe mich ja, zu widerstehen, aber dass Epstein, oder Bannon, vielleicht in Zusammenarbeit mit Maxwell hinter den ersten Q-Drops stand, ist einfach zu verlockend plausibel?

Schaffe eine populäre Verschwörungstheorie über das, was du machst, häng alles dem politischen Gegner an und promote deinen besten Kumpel als „Aufklärer der Verschwörung“ ins Weiße Haus.

Der Backlash gegen die Verschwörungstheorie bereitet das beste Cover für deine Operation und da du eh die hälfte der Elite im Sack hast, finden sich immer Hebel, alles unterm Deckel zu halten.

Ich halte es für möglich, dass Epstein hinter Pizzagate und später auch Qanon stand. Ich halte es aber fast für wahrscheinlicher, dass es Bannon war (er war der eigentliche digital Culture War erfahrene, seit er als Breitbart-Chefredakteur „Gamergate“ orchestrierte), vllt in Zusammenarbeit oder mit Wissen Epsteins. Oder Ghislane Maxwell bereits Pizzagate initiiert, wie viele Glauben oder vielleicht waren auch Roger Stone oder Paul Manafort involviert?

So oder so, meine Verschwörungsthese ist: es war ein Insider.

Und vielleicht war es zuerst auch nur Spaß, vielleicht eine Provokation, vielleicht war das zuerst alles gar nicht koordiniert und wahrscheinlich haben sie dann schnell die Kontrolle verloren, spätestens, als das Ding zu 8chan umgezogen ist.

Aber diejenigen, die das aufgleist haben, waren Insider: dafür sind Pizzagate und die Q-Drops zu nahe dran.


Seit dem letzten DOJ-Drop bin ich mir sicher, dass die Files alle ans Licht kommen werden und ich habe sogar Hoffnung, dass neue Ermittlungen aufgenommen werden und dass der Fall wirklich aufgearbeitet wird.

Der Grund ist einfach:

Das, was die Files so lange unter Verschluss gehalten hat – die Interessen vieler mächtiger Männer – wendet sich nun gegen die Verheimlichung.

Die gesamte amerikanische Elite ist jetzt mit Kacke bespritzt und weil den meisten, der in den Files Genannten wahrscheinlich keine Verbrechen getan haben, verschiebt sich die Balance Richtung Aufklärungsinteresse. Sie alle wissen, dass sie sich von dieser Shitshow nur „reinwaschen“ können (so richtig wird das natürlich nie gelingen), wenn alle Files released, am besten alle Verbrechen aufgeklärt und alle Täter benannt sind.

Derweil werden auch weiterhin überall um uns herum die Truth-Bombs hochgehen.

Weil sich Wissen pfadabhängig fortpflanzt, generieren die Milliarden Daten-Enden der Epstein Files (Daten, Namen, Orte, Emailadressen, Kontonummern, Telefonnummern, etc.) hochreaktive Pfadgelegenheiten zur Verknüpfung mit anderen Daten, aus denen dann neue „Leads“ in „kalten“ Geschichten hervortreten.

Epstein war ein riesiges vieldimensionales Puzzelteil in soo vielen Puzzeln und dieses Puzzelteil löst jetzt eine Kettenreaktion in unzähligen umliegenden Geschichten aus.