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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über die Hebel:Fulcrums-Mechanik. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies
Einführung
Das „Fulcrum“ bezeichnet zunächst einmal den „Dreh und Angelpunkt“ an dem ein Hebel ansetzt. Der sogenannte „Archimedische Punkt“. Aber ich finde, das wird ihm nicht gerecht.
Der Begriff „Fulcrum“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet sowas wie „Bettpfosten“, bezeichnet nebenbei also auch eine unscheinbare Infrastruktur, die uns durch den Schlaf trägt.
Doch das Fulcrum trägt uns auch durchs Leben. Jeder Hebel, den wir bedienen, hat ein Fulcrum, das ihn funktional, sicher und erwartbar macht und gleichzeitig ist das Fulcrum immer schon das implizit Erwartete, Verdrängte und Externalisierte des Hebelns.
Wie schon die Pfadgelegenheit holt uns das Fulcrum aus dem gewohnten Denken des „isolierten Individuums“ und seinen „isolierten Handlungen“ an „isolierten Objekten“ heraus und bietet semantische Pfadalternativen für eine anwenderorientierte, d.h. menschlichere Perspektive auf die Welt.
Das Fulcrum zwingt uns, jede Handlung als Relation zu betrachten: als Bedienung eines Hebels, der an ein Fulcrum gekoppelt ist. Damit macht das Fulcrum unsichtbare Abhängigkeiten sichtbar – jene infrastrukturellen Voraussetzungen, aus denen unsere Hebel ihre Kraft schöpfen.
Die systematische Vernachlässigung des Fulcrums – oft institutionalisiert als „Prämisse“, „Externalität“ oder „Ceteris Paribus“ – bildet den blinden Fleck „moderner“ Technik- und Weltnutzung ebenso wie der „modernen Wissenschaft“, des Kapitalismus und des Individualismus. Fulcrumsvergessenheit ist die kulturell eingeübte Geste, Voraussetzungen als gegeben zu setzen, um Handlung als „autonome Leistung“ des Individuums zu verbuchen.
Das Denken in komplexen Fulcren eröffnet deshalb neue Einsichten selbst in scheinbar ausgekundschafteten Pfaden: Es zeigt, wo Hebel auf unsichtbaren Infrastrukturen ruhen, wo Verschleiß entsteht und wo neue Pfadgelegenheiten verborgen liegen und macht die menschliche Perspektive nicht nur sichtbar, sondern lernt mit ihr zu leben.
Im folgenden will ich nacheinander folgende Thesen aufstellen und begründen:
- Ein Hebel verstärkt eine Handlung, indem er sie auf ein Fulcrum überträgt.
- Das Fulcrum ist nicht nur ein Punkt, sondern die gesamte Infrastruktur, die halten muss.
- Hebel und Fulcrum sind daher keine Dinge, sondern Rollen im menschlich-relationalen Interaktionsgefüge.
- Die Stabilität des Fulcrums ist nie gegeben, sondern wird erwartet – jede Hebelhandlung ist eine Wette auf ein Portfolio von Infrastrukturen.
- Erwartungen sind nicht individuell, sondern dividuell auf einander bezogen und „beleihen“ (leveragen) einander als „Erwartungserwartungen“.
- Handlung ist daher keine isolierte Tat eines Subjekts, sondern die Aktivierung eines Hebels in einem erwartungsgetragenen Fulcrum-Geflecht.
- All das lässt sich an unzähligen Beispielen zeigen.
Durch eine semantische Aufräumarbeit hinter Archimedes Hebel-Formel, versuche ich das Fulcrum zu verkomplizieren, um damit eine semantische Infrastruktur zu schaffen, die alle anderen Zusammenhänge vereinfacht.
Dieser Text ist in vier Abschnitte unterteilt:
- Teil I: Die materielle Hebel:Fulcrum-Relation [->]
- Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio [->]
- Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell [->]
- Teil IV: Semantik. Hebel:Fulcrum-Relation als soziale Struktur [->]
Teil I: Die materielle Hebel:Fulcrum-Relation
Der Hebel ist zunächst eine materielle Relation. Ein Hebel ist immer nur ein Hebel für jemanden oder irgendwas und zeichnet sich aus Perspektive eines Anwendenden (jeder Hebel hat eine Anwenderperspektive) durch seine „Nützlichkeit“ aus.
Das Nützliche am Hebel (und Hebel sind außerordentlich nützlich), ist, dass man – wenn man Hebel und Fulcrum entsprechend positioniert – einen Multiplikationseffekt der eigenen Kraft erfährt. Daher Archimedes Angeberformel:
Gebt mir einen festen Punkt und einen genügend langen Hebel, und ich hebe die Erde aus ihren Angeln.
Aber der Hebel muss nicht nur „genügend lang“, sondern das Fulcrum auch „genügend stabil“ sein?
Die Stabilität des Fulcrums
Als ich neulich meinen Schrank mit einer Latte verschieben wollte, bewegte sich der Schrank zwar ein bisschen, aber auch die Rigipswand, die ich als Fulcrum verwendete, verformte sich und hatte eine Delle.
Gut, dass war sicher meine eigene Dummheit, aber ich behaupte dennoch: auch sonst ist das Fulcrum nie wirklich „stabil“?
Es gibt immer zumindest Verschleiß und selbst wenn ein Fulcrum 100 Jahre hält – kein Fulcrum ist unzerstörbar?
Bei genauerer Betrachtung ist der Schaden an der Rigipswand nicht so schlimm, die Ecke ist an einer stelle etwas abgeplatzt. Besieht man sich die zerstörten Flächen unter dem Mikroskop, ahnt man, welche Kraft darauf einwirkte. An den eingedrückten Stellen und dem heruntergebröselten Gips sieht man dann, dass sich der Prozess des Fulcrum-Einbruchs durch eine komplexe Architektur von ineinander verwobenen Mikrostrukturen arbeitete.
Das ist mein Punkt: Jedes Fulcrum ist komplex.
Fulcrumskomplexität
Wir alle kennen Hebel. Archimedes Hebelgesetz haben wir in der Schule gelernt und viele haben schon mal ein Radiergummi auf einem Lineal am Fulcrum eines Buntstiftes durch den Klassenraum katapultiert, haben einen Schraubenschlüssel an standardisierten Fulcren (M1 – M5-Muttern) bedient oder Essen mit Messer und Gabel gelernt, wo sowohl Kraft als auch Fulcrum durch die Fingerhebel gemanaged wird. Und wenn du schon mal Auto gefahren bist, war es die komplexe Hebelstruktur, die wir „Getriebe“ nennen, die die Motorleistung auf die Straße übersetzt hat. Herrje, unsere Arme, Beine und Finger sind Hebel. Wir alle sind Hebelexpert*innen.
Und deswegen wissen wir aus eigener Erfahrung, dass das Fulcrum nie einfach ein Punkt ist, sondern immer eine Kontaktfläche, -Form oder -Zone, die eine mal härtere, mal weichere materielle Struktur hat. Die Ingenieurswissenschaft weiß das auch und denkt den Hebel als „mechanische Kopplung“, in der Dinge wie Material, Verschleiß, sowie ein Verständnis nicht nur für feste, sondern auch für lose, wabbelige, nachgebende, fragile und komplexe Fulcren einen Platz haben. Außerdem für Fulcren, die verrutschen können, oder anders auf nicht-lineare Weise auf die Hebelkraft reagieren, etwa durch plötzlichen Formwechsel oder Verlust struktureller Integrität. Fulcren, die durch ein Phasen-Wechsel in anderen Schwellenzustände übergehen, Fulcren die schwingen, ruckeln, zittern, brechen, oder zwischen Haftreibung und Gleitreibung alterieren, etc.
Und die Ingenieurswissenschaft weiß auch: die Hebelwirkung ist bei dynamischen, komplexen und verformbaren Fulcren nicht weg, aber vermindert, bzw. aufgefächert, verteilt. Hebel und Fulcrum treten in der Realität oft in eine komplexe Beziehung, in der die eingesetzte Kraft sich auf beide ungleich verteilt, sie zueinander verschiebt und das Kräftefeld beim Hebeln neu sortiert.
Doch trotz ihrer Komplexität in der realen Welt, kann man doch für jede Hebel:Fulcrums-Beziehung verallgemeinern:
- je stabiler und steifer das Fulcrum ist, desto direkter und größer die mögliche Kraftübertragung/-Steigerung durch einen entsprechend großen Hebel.
- je größer der Hebel, desto mehr „Stress“ (Last, Erschütterung, Verschleiß) wird auf das Fulcrum pro eingesetzte Kraft übertragen.
Hebel/Fulcrum als Rollen
Was ich im folgenden Zeigen möchte, ist, dass wenn wir das Fulcrum in seiner Komplexität begreifen, wir die Hebel:Fulcrums-Beziehung überall vorfinden und mit diesem Frame analysieren können. Dafür müssen wir nur „Hebel“ und „Fulcrum“ statt als Dinge, als Rollen denken:
Der Hebel ist alles, was eine konkrete Handlung/einen Krafteinsatz (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) überträgt, verstärkt und/oder steuert und das „Fulcrum“ ist die Infrastruktur, an der der Hebel ansetzt/angesetzt wird und gleichzeitig, das, was „halten“ muss und durch eigene „Steifheit“ und „Stabilität“ (Erwartbarkeit) die Kraftübertragung/-Verstärkung erst ermöglicht.
Versteht man Hebel und Fulcrum als Rollen, kann dieselbe Infrastruktur je nach Situation Hebel oder Fulcrum sein und das Fulcrum ist nicht die eine Sache sondern viele Sachen – je nach Situation.
Schauen wir doch mal kurz in den Hebel rein, z.B. in meine unrühmliche Holzlatte. Das Holz der Latte besteht aus ineinander und aneinander verwachsenen Holzfasern, die einander Stabilität verleihen, oder übersetzt: sich während der Hebelaktion wechselseitig als Fulcrum dienen und so die vermittelte Kraft als Zugspannung wie einen Strom von Faser zu Faser weiterleiten.
„Mechanik“ ist die Wissenschaft der einander bedienenden Hebel.
Das Fulcrum ist eben nie nur die Stabilität des „Fulcrums“ selbst, sondern auch die des Hebels (der darf ja auch nicht brechen darf), aber auch z.B. von Archimedes Rücken, wenn er den Hebel bedient. Auch die Tatsache, dass Archimedes frei in seiner Handlung ist, dass er zwei Arme hat, dass er einen passenden Hebel und ein passendes Fulcrum gefunden hat und dass die Schwerkraft gilt, gehört dazu. Wir verstehen das Fulcrum auch als die Gesamtheit der infrastrukturellen Vorbedingungen der Hebelaktion.
Teil II: Fulcrum als Erwartungsportfolio
Verlassen wir die direkt materielle Hebel-Fulctrums-Relation und begeben wir uns ins Virtuelle, in das Netzwerk der Erwartungen. Das Netzwerk der Erwartungen ist gewissermaßen der Layer der die Dividuumsperspektive mit der materiellen Realität verknüpft – mal besser, mal schlechter – aber immer mit materiellen Auswirkungen in der Realität.
Die Wette
Archimedes verschwendet da nicht groß Worte darauf, aber sein ganzer Versuchsaufbau basiert auf der Annahme, dass das Fulcrum „hält“.
Doch, dass etwas „hält“ ist keine physikalische oder sonstwie naturwissenschaftliche Größe, sondern eine von Archimedes implizit formulierte „Erwartung“.
Ich will ihm hier keinen Strick draus drehen, denn eine ähnliche „Erwartung“ hatte ich auch beim Hebeln an meiner Rigipswand, denn grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass das Fulcrum hält? Schlauer sind wir immer erst hinterher.
Und es mag ja sein, dass Archimedes sein Fulcrum sorgfältiger ausgewählt hat, als ich, aber ich bestehe darauf, dass auch seine Hebelaktion eine „Wette auf das Fulcrum“ war, denn jede Hebelbenutzung ist eine Wette, selbst, wenn man sich sicher ist, sie zu gewinnen.
Ich habe aufgehört, an „Kausalität“ zu glauben, oder zumindest glaube ich, der Begriff beschreibt keinen „ontologischen“ Zusammenhang in der materiellen Welt, sondern ist eher ein Maßstab für unserer Erwartungsstabilität für bestimmte Hebel:Fulcrums-Relationen, genauer: eine grobe Heuristik für alle Übergangswahrscheinlichkeiten ab ca. 99,999 Prozent oder so.
Weil wir es mit Übergangswahrscheinlichkeiten zu tun haben, haben wir es mit Wetten zu tun und auch wenn Wetten in 99,999 Prozent gewonnen werden, bleibt das 0,001 Prozent, dass dir alles vermasseln kann. Dennoch wirst du die Chance ergreifen, denn Hebel sind oft wichtig oder mindestens nützlich.
Wenn wir also sagen: Das Fulcrum „hält“, „beleihen“ wir das konkrete materielle Fulcrum mit einer Erwartung. Diese Erwartung ist somit ein „Asset“ in das wir investieren, sobald wir einen Hebel betätigen und dieses Asset ist wichtig, denn meist benutzen wir Hebel nicht nur einmal.
Das Portfolio
Nehmen wir an, Archimedes nutzt einen knackharten und megastabilen Stein als Fulcrum, dann wird die Stabilität des Fulcrums nicht nur von dem Stein selbst organisiert, sondern vom Untergrund, auf dem er liegt, bzw. er ist dort auf die eine oder andere Weise arretiert und dieser Untergrund basiert wiederum auf Erdschichten, die auf Gesteinsschichten basieren, die zusammen die Erdanziehung organisieren und so weiter und so fort.
Die Stabilität all dessen wird „erwartet“, ohne dass Archimedes sich in diesem Moment über jedes Detail bewusst wäre. Denkt man das Fulcrum komplex, dann ist das Fulcrum nicht nur eine Wette, sondern es eine Wette auf Wetten auf Wetten auf Wetten, etc.
Die Stabilitätserwartung der Hebelbedienung stellt sich als ein Portfolio von Wetten/Assets heraus.
Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass die Erdanziehung oder die Gesteinsschichten oder die Erdschichten sich plötzlich ändern, weswegen unser Fokus auf dem Stein liegt. Die Erwartung, dass die Schwerkraft anhält zu funktionieren, ist uns nicht als solche bewusst, so wie mir beim Schreiben dieser Zeilen nie völlig bewusst ist/bewusst sein kann, wie viel Infrastruktur „funktionieren“ muss, damit sie von meinen Fingern in die Tastatur, in den Prozessor, in das Kabel, durch das Internet, auf meinen Server, in mein WordPress und von dort in eure Augen gelangen. Weil all diese Pfade Hebel sind, die sich gegenseitig bedienen, basiert meine einfache „Handlung“ des Schreibens auf einem ausufernden Portfolio unbewusster Wetten.
In der Technikgeschichte können wir nachlesen, wie es dazu kam. Man kann sie runterdampfen auf: Auf funktionierende Hebel werden gern weitere Hebel gebaut, die die ersten Hebel als Fulcrum nutzen. Das Resultat ist der vielgestaltige, pfadabhängige Fuhrpark von Hebeln, Hebelstrukturen und -Aggregaten, in dessen Fulcren wir leben und arbeiten.
Anders als noch bei Archimedes basieren all unsere Hebel auf tausenden, manchmal Millionen, heute oft Milliarden mehr oder weniger speziell hergestellten, teils filigranen Hebeln und das bedeutet, dass sich jede unserer Hebelaktionen bei einem pfadabhängigen Strauß voller Fulcren verschuldet, die wir ständig als Assets im Erwartungsportfolio führen, wenn wir handeln.
Crash
Und wie die materiellen Infrastrukturen selbst, sind diese Wetten auf Wetten pfadabhängig von einander. Bricht ein Fulcrum, irgendwo ganz tief im Getriebe, brechen alle pfadabhängigen Hebel und damit auch alle pfadabhängigen Erwartungen. Fällt der Strom aus, ist nicht nur der Rechner tot, sondern auch das Licht, der Kühlschrank, der Wecker und die Kaffeemaschine und alle diese Assets verlieren ihren „Wert“ im Portfolio unserer Erwartungen. Beim Bruch mancher Fulcren, kann es zu regelrechten Crashs in unserem Erwartungs-Portfolio kommen.
Das ist jetzt reine Spekulation, aber ich wette, Archimedes hat auch einige Fehlversuche durchgeführt, bevor er sein Hebelgesetz formulierte? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht ist er der einzige Mensch, dem nie eine Hebelaktion mißlang?
Zumindest verpasste er, darauf hinzuweisen, dass jede Hebelaktion eine Wette ist, obwohl auch ihm klar gewesen sein muss, dass sowas auch schief gehen kann. Oft ist es so, dass die Hebelaktion auf eine Weise schief geht, die wir nicht vorhergesehenen haben.
Ein Portfolio, das vor allem aus aufeinander aufbauenden, also pfadabhängigen Wetten besteht, hat seine Vulnerabilitäten oft an Stellen, an die wir gar nicht gedacht hatten, dass sie „wichtig“ sind und so kommt es, dass echte Crashs meist durch Fulcrumsbrüche passieren, die nur Wenige überhaupt als Möglichkeit auf dem Schirm hatten.
Was also zu tage tritt, wenn eine Infrastruktur bricht, sind unsere eigenen Erwartungen.
Das meinen wir, wenn wir sagen, dass Infrastruktur nur in ihrem Kollaps wirklich sichtbar wird. Auf diese negative Ontologie von Infrastruktur haben bereits Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star in ihrem Klassiker „Sorting Things Out“ hingewiesen, aber wir alle kennen es aus eigener Erfahrung?
Man findet oft erst heraus, wovon man „abhängig“ war, wenn die Pfadgelegenheiten, die es ermöglichte, verschwinden.
„Abhängig“ eben nicht als „individuelle Abhängigkeit“ gedacht, sondern im Pfadgelegenheits-Sinn: ohne X kann ich Pfad Y nicht nehmen. Pfadabhängigkeit.
Und wer einmal die Erfahrung des Brechens eines Fulcrums gemacht hat, weiß, was das heißt: Alle pfadabhängigen Infrastrukturen/Wetten auf Infrastrukturen kollabieren und weil sich diese Wetten auch horizontal gegenseitige Stabilität verleihen, crashen auch umliegende Infrastrukturen gerne mit.
Dann tritt der Seneca Effekt ein und der kann dann so ablaufen, wie das berühmte Hemingway-Zitat einer Romanfigur, die ihren eigenen Bankrott beschreibt: „First gradually, then suddenly.“
Kaskadierender Kollaps.
Teil III: Die Integration in das Pfadgelegenheitsmodell
Die Pfadgelegenheit ist ein Versuch die menschliche Perspektive auf eine (immer schon) vernetzte Welt zu modellieren, aber ohne die Hebel:Fulcrums-Beziehung bleibt sie unvollständig. Jede Pfadgelegenheit enthält eine Mechanik, die sich als Hebel und Fulcrum analysieren lässt.
Pfadgelegenheit bezeichnet den interdependenten Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur, durch den sich an einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit unsere „Agency“ entfaltet.
Bediente Hebel sind genommene Pfadgelegenheiten, also Pfadabhängigkeiten, das heißt der Hebelprozess beschreibt die sogenannte „Gegenwart“, also den Moment, wo aus „projizierter Handlung“ „Handlung“ wird – unter Beleihung einer Infrastruktur und aus einer bestimmten Perspektive.
Hebel als Pfadgelegenheit
Jeder Hebel ist Teil einer Pfadgelegenheit und jede Pfadgelegenheit enthält mindestens einen Hebel. Genauer: Der Infrastrukturvektor der Pfadgelegenheit teilt sich in „Hebel“ und „Fulcrum“. Aus Krasse Links No 76:
Denkt man das Fulcrum in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.
Pfadgelegenheit und Hebel:Fulcrum sind keine unterschiedlichen Dinge, sondern zwei unterschiedliche analytische „Brillen“, auf dieselbe Sache, zu einer anderen Zeit: Wenn ich die Pfadgelegenheit sehe, eruire ich sie, wenn ich die Pfadgelegenheit nehme, wird sie zum Hebel, der ein Fulcrum bedient. Oder anderum: Die Pfadgelegenheit ist der Blick des Dividuums auf ein Hebelpotential.
Im Bedienen des Hebels aktualisert sich die Pfadgelegenheit, die „projizierte Handlung“ wird zur „Handlung“, der Hebel ist umgelegt und das Fulcrum wurde belastet.
Da die Pfadgelegenheit ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.
Der Hebel ist einerseits ein anderer zeitlicher Modus der Pfadgelegenheit, aber auch eine andere Betrachtungsweise (ein anderer methodischer Blickwinkel) auf die Pfadgelegenheit und für unsere Betrachtungen des Hebel-Fulcrums-Verhältnisses bedeutet das, dass jeder Hebel in einer „Perspektive“ eingebunden ist und jede Hebelaktion als „projizierte Handlung“ in der Pfadgelegenheit latent ist, bevor sie als Hebelaktion aktualisiert wird.
Damit wird die Hebel:Fulcrum-Relation nur eine andere Sichtweise auf Pfadgelegenheiten und wir können die beiden Konzepte je nach Kontext austauschbar verwenden. Jede Bedienung eines Hebel macht eine Pfadgelenheit zu einem Pfad. Jede „projizierte Handlung“ beleiht eine durch eine Hebelhandlung in der Vergangenheit beliehene Erwartung.
Wann immer ich eine Pfadgelegenheit nehme, betätige ich den Hebel einer Infrastruktur, die meine Handlung unterstützt, ermöglicht, verstärkt, deren Funktionieren aber immer von einem Fulcrum weiterer Infrastruktur „gebackt“ wird. Jede Pfadgelegenheitsnutzung passiert auf Kosten eines Fulcrums (auch wenn diese Kosten oft scheinbar „vernachlässigbar“ sind, wie bei Archimedes) und ist eine Wette auf die Zukunft eines Erwartungs-Portfolios.
Die projizierte Handlung als Q-Function
Stellen wir uns vor, wie Archimedes bei seinen Hebelexperimenten vorgegangen ist. Vermutlich musste auch er erst nach passendem Hebel und passenden Fulcrum suchen und ich lehne mich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass er dabei unterschiedliche Pfadgelegenheiten zum Hebeln „eruiert hat“ und dass er sich wahrscheinlich auch das eine oder andere Mal gegen einen Hebel, oder ein Fulcrum entschieden hat. Das heißt, Archimedes hat Pfade zum Hebeln bewertet.
Ob bewusst oder unbewusst, wir sind ständig dabei, die uns zur Verfügung stehenden Pfade/Hebel zu bewerten. Ändert sich die Infrastruktur, ändert sich unsere Erwartung an die Infrastruktur. Ist sie über Jahre verlässlich, schreiben wir ihr mehr Wert zu – geben wir ihr mehr Kredit, bzw. das Sprichwort ist falsch, den Kredit auf die Infrastruktur, den geben wir uns selbst, den erlauben wir uns. Eigentlich wissend, dass eine Infrastruktur, die heute gut dasteht, morgen unsicher oder ineffizient oder zu teuer sein kann.
In der KI-Forschung hat sich Q-Function als Konzept zur Bewertung von Pfaden in Agent-Systeme in Spielen als praktisch herausgestellt und die Geschichte ist es wert kurz erzählt zu werden:
Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.
Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.
In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.
Wir definieren Q-Function als Bewertung eines Pfads (innerhalb einem Statuses (Zeit/Ort) unter Unsicherheit.
Auch Archimedes Fähigkeit zu Hebeln und damit Wetten einzugehen, basiert zu einem Teil auf seiner Fähigkeit, einen Pfad zu inszenieren, sich also dieses Fulcrum und jenen Hebel in der Hebelhandlung vorzustellen.
In Krasse Links no 74 habe ich anhand von Nicholas Humphrey evolutions-biologischen Überlegungen zur Evolution von Kognition in einer Amöbe darüber spekuliert, welchen relational materiellen Freiheitsgewinn, die „projizierte Handlung“ bringt.
Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.
Aber Eins nach dem Anderen:
- Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
- Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
- Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
- Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
- Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
- Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
- Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.
Perspektive: Viabilität
Doch zurück zu Archimedes Hebelproblem: Wesentlicher Teil seiner Q-Function für Hebelpfadgelegenheiten wird die Frage bestimmt haben, ob das Fulcrum „hält“, denn er weiß: noch bevor er seine Wette überhaupt platzieren kann, muss ein Pfad „viabel“ sein.
„Viabilität“ ist ein Begriff der evolutionären Biologie und beschreibt die „Gangbarkeit“ evolutionärer Mutationen und „Traits“, also erstmal gar nicht, ob diese oder jene Eigenschaft „nützlich“ ist, sondern einfach, ob sie überhaupt möglich ist, ohne den Pfad zu gefährden.
Aber „Gangbarkeit“ ist die Voraussetzung eines jedes Pfads?
„Ist dieser Untergrund sicher? Wird mich dieser Grund mich halten?“
Das sind die existentiellen Fragen, die sich Hunde oft stellen, wenn sich der Bodenbelag ändert. Mein Hund Cobi, wollte, als ich ihn bekam, zuerst nicht in den Fahrstuhl einsteigen. Es dauerte, bis ich begriff, dass er keine Angst vor dem Fahrstuhl selbst hat, sondern sich nicht traute, die Schwelle zum anderen, abgegrenzten Bodenbelag zu überschreiten. Erst als er es zwei, drei mal übte, fühlte er sich wohl beim In-den-Fahrstuhl-reinlaufen.
Und auch, wenn uns das in in diesem Fall albern vorkommt, ist dieselbe Angst in jeder unserer Pfadgelegenheiten eingeschrieben. Denn, wie gesagt, Pfadgelegenheiten können schief gehen.
Zugriff
Wenn Archimedes nun in die Hände spuckt und den Hebel ansetzt, dann ist die Kontaktzone zwischen Hebel und Fulcrum nicht beliebig gewählt. Genau das ist es, was Archimedes uns zu zeigen versucht. Verschiebt man den Hebel in Relation zum Fulcrum und zur hebenden Sache (Last), dann ändert sich auch die Kraftübertragung. Ideale Kraftübertragung hat man, wenn man den Teil des Hebels, auf den man Kraft ausübt, in möglichst langer Distanz zum Fulcrum hält.
Das heißt, der Ansatzort des Hebels am Fulcrum ist nicht egal? Und das gilt für jede Hebelaktion.
Für die Pfadgelegenheit bedeutet das, dass das „Fulcrum“ nicht nur die unterliegende Infrastruktur referenziert, und nicht nur die Wette, dass sie „hält“, sondern tatsächlich auch den Punkt in der Infrastruktur identifiziert, an dem der Hebel-Teil der Infrastruktur „am besten/am ehesten“ angesetzt werden muss, damit die Hebelwirkung ideal oder immerhin effektiv genug übertragen/verstärkt wird, damit die Pfadgelegenheit gelingt.
Dieses zugriffliche Fulcrum ist beim nehmen eines Weges der Belag, an dem ich meinen Schritt abstoße, beim Ansetzen eines Dosenöffeners ist es die Randsstelle der Kanne, beim Programmieren kann es zum Beispiel eine bestimmter API-Funktion sein, auf der alles basiert, oder beim Anwenden des Programms ist es die Struktur der Parameter die ich übergebe, oder an der Börse der Zeitpunkt, an dem ich eine Aktie kaufe.
Das ist der konkrete und möglichst „richtige“, möglichst effektive Punkt/Fläche der Kontakt-Zone, die den Hebel, den man mitbringt, arretiert und seine Wirkung maximiert und bei manchen komplexen Fulcren ist es oft mehr eine Kontakt-Landschaft als eine Zone.
Die Zugriffs-Topologie (oder das „zugriffliche Fulcrum“) stellt sich als die lokal wirksame Kontaktzone heraus, an der ein Hebel in ein Fulcrum „einrastet“ – so, dass aus einem gegebenen Krafteinsatz eine maximale (oder überhaupt erst ausreichende) Wirkung wird.
Die Zugriffs-Topologie ist nicht einfach „wo man drückt“, sondern die Stelle, an der Geometrie, Material und Zugriff zusammenpassen: der Übergang von Möglichkeit zu Viabilität zu Praxis. Die Zugriffs-Topologie ist die Schwelle, an der eine Pfadgelegenheit von „Konzept“ zu „machbar“ kippt, weil wir oft erst beim Ansetzen merken, ob der Hebel zum Fulcrum passt.
Jedes Fulcrum hat eine Form/Topologie und formuliert damit die Anforderungen an den Hebel, als Affordanzen.
Und oft ist die Zugriffs-Affordanz des Fulcrums bewusst hoch, verengt oder oder komplex gestaltet, um bestimmte Hebel auszuschließen. Etwa, wenn die notwendigen Unterlagen zum Beantragen für Wohngeld besonders kompliziert gestaltet werden und der Prozess sich jedes Jahr wiederholen muss, um Leute auszuschließen, die nicht verzweifelt genug, oder mit Formalsachen nicht firm sind. Oder wenn der Zuweg zu einem Ort nur durch eine Durchfahrt erreichbar ist, die Busse – und damit den Teil der Bevölkerung, der Bus fährt – ausschließt. Oder die umsichgreifende Anti-Homeless-Architektur, wie Parkbänke, die so gestaltet sind, dass sich kein Wirbelsäulen-Fulcrum darauf regenerieren kann.
Es gibt sehr viele Affordanz-Designs für Fulcren zum Ausschluss von bestimmten Hebeln, aber die bekannteste ist das Schloss. Das Schloss ist eine (möglichst) einzigartig gestaltete Affordanz-Topologie, die (möglichst) nur einen einzigen Hebel (Schlüssel) zulässt. Der Schlüssel wird zur Schwelle vieler Pfadgelegenheiten (Auto, Haus, Laube …).
Von hier kann man das Konzept easy auf die Welt ausmappen:
„Eine API ohne Schreibrechte ist ein Fulcrum, das nur lesende Hebel zulässt.“
„Ein Ranking-Algorithmus ist ein Zugriffliches-Fulcrum für aggregierte Aufmerksamkeit, dessen Affordanzen Sichtbarkeitshebel zuteilen.“
„Ein Dialekt oder akademischer Jargon ist ein semantisches Zugriffs-Fulcrum, das Sprecher*innen ausschließt.“
„Plattformmacht = Kontrolle über zugriffliche Fulcren mit hoher Betweenness-Zentralität auf ein möglichst großes Kontaktzonen-Fulcrum von Pfaderwartungen interlockter User (Netzwerkmacht).“
Ein Auto ist beschreibbar als Hebelarchitektur, in der jeder Hebel von einem Fulcrum anderer Hebeln anhängig ist, deren Fulcrum wieder von anderen Hebeln abhängig ist, usw. Jedes Fulcrum (Bremsen, Lager, Software, Sensoren und Straßen) wird bei der Hebelaktion „Autofahren“ belastet, verschleißt, kann kaputt gehen und auf jedes dieser Fulcren ist also eine Wette abgeschlossen, die wir während des Autofahrens beleihen. Der Autohebel ist architekturell auf ein spezialisiertes zugriffliches Fulcrum zugespitzt, das es erlaubt, andere von der Nutzung auszuschließen, indem er nur mit einem ganz bestimmten Hebel bedienbar ist (Autoschlüssel).
Einige der Hebel:Fulcrums-Beziehungen und Kreisläufe des Autohebels sind mechanisch, aber andere sind elektrisch und wieder einige sind termodynamisch.
Aber auch sie sind Hebel?
Der Begriff „Entropie“ stammt aus der Praxis des frühen Dampf-Machinenbaus, weil man ein Wort dafür brauchte, dass aus dem Kessel keine „Arbeit“ mehr zu extrahieren war. In der Thermodynamik bezeichnet Entropie die Zahl der möglichen Mikrozustände eines Systems und damit eine Grenze für die nutzbare Energie. „Entropie“ ist keine naturwissenschaftlich zwingende Größe sondern eine Nutzerperspektive. Sie spiegelt das seit dem 19. Jahrhundert wachsende menschliche Bedürfnis, eine möglichst hohe und berechenbare Übergangswahrscheinlichkeit zwischen heißen nach kalten Molekülen zu organisieren, um sie als energetisches Fulcrum für Dampf-Hebel und später für Verbrennermotoren zu nutzen.
Und in der Elektrizität sprechen wir von „Spannung“ als Potentialdifferenz von gespeicherter Energie pro Ladungseinheit, aber meinen damit wieder ein Fulcrum aus möglichst hoher Übergangswahrscheinlichkeit zwischen Elektronen und ionisierten Atomen, an dem wir unsere steuerbaren Schaltungen als Hebel ansetzen, um Stromstärke in Pfadgelegenheiten zu übersetzen.
Nochmal Fulcrumskomplexität: Die Turing-Maschine
Das Fulcrum ist komplex. Alles, was wir unter „Mechanik“ fassen, sind eigentlich ineinandergreifende Hebel:Fulcrums-Kopplungen, über die Kraft übertragen werden, sei es das Getriebe oder das Uhrwerk, Schaltungen oder Motoren.
Aber man kann die Tiefe der Hebel:Fulcrums-Relation am besten veranschaulichen, wenn man sie gleich auf die Turing-Maschine anwendet, die Machine der Maschinen, die „universelle Machine“.
In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, führe ich die Turing-Machine so ein:
Ein unendliches Band aus Papier zuckt vor und zurück. Es ist unterteilt in quadratische Felder. Auf manchen stehen Symbole, Nullen und Einsen, in scheinbar zufälliger Verteilung auf das Band gedruckt. Manche Kästchen sind leer. Das Band läuft durch eine Maschine, in die es eingespannt ist. Die Maschine zieht das Band mal nach links, mal nach rechts. Ein Schreib-/Lesekopf konzentriert sich immer auf das aktuelle Kästchen in der Maschine. Mal schreibt die Maschine dann etwas auf, mal liest sie die beschriebenen Kästchen, und hier und da ist sie unzufrieden mit dem Inhalt. Sie radiert das Symbol weg, und ab und an ändert sie es in ein anderes.
Mit diesem imaginierten Versuchsaufbau, so Turing könne man alle mathematisch lösbaren Probleme lösen. Zumindest theoretisch, denn Turing hat – wie Archimedes – sein Fulcrum einfach ideal gesetzt: Das Band ist unendlich und die Maschine hat ewig Zeit und Hitzeentwicklung, Bugs und Stromversorgungsprobleme gibt es auch nicht.
Als Hebel formuliert, leveraged die Maschine sich selbst, ihre Infrastrukturen, das Band und alle bereits eingelesenen Symbole, um mit dem Hebel des „nächsten Rechenschritts“ eine Aktion zu veranlassen (Band vor/zurück, Lesen/Schreiben), die Teil eines Rechenpfads ist, der ein mathematisches Problem lösen soll.
Wenn irgendwas davon schief geht – also das Fulcrum bricht, hört die Maschine entweder auf, oder kommt vom korrekten Rechenpfad ab. Die Hebelwirkung verpufft und die Erwartungen kollabieren.
Turing-Machinen wurden bekannter maßen zu Computern, also Hebelmaschinen, die aus Milliarden winziger Hebel (Bits) bestehen, die sich selbst, ihre Infrastruktur und den aktuellen Zustand ihres „Hebelaggregats“ nutzen, um wie die Turing-Maschine den nächsten Rechenschritt zu marschieren. Mit diesen echten Computern gibt es natürlich so Dinge wie „Endliche Geduld der Anwender*innen“, Hitzeentwicklung, „Bugs“ und Stromversorgungsprobleme. Der Turing-Hebel, um zu funktionieren, braucht ein Fulcrum und das ist niemals „ideal“.
Aber das bedeutet auch, dass auch hier jedes gesetzte Bit, das in der Rechenoperation eine Rolle spielt, eine Wette ist. Eine Wette, die zwar häufig gut geht, aber alle paar Millionen mal eben auch mal nicht, weswegen moderne Computer allerlei Clearing House-Mechanismen (wie zb. ECC memory) zur Stabilisierung der Bit-Erwartung installiert haben.
Daraus kann man ermessen, wie wie komplex das Fulcrum eines Computerhebels ist, der ein einfaches kleines Video leveraged. Milliarden von Hebeln, angefangen bei denen des Betriebsystems, des jeweiligen Programms, sowie allen Daten des Videos selbst – jedes Bit muss stimmen, damit das Video läuft. Computer sind megakomplexe Hebel aus Hebeln, aber damit eben auch Wetten auf Wetten.
Und jetzt stellt euch vor, wie riesig und komplex die Computer-Hebelstruktur einer LLM sein muss, die euren kleinen Prompt als Hebel in den Tiefen der Infrastruktur ihrer massiven Datencenter arretiert, damit das Modell ihren zum „Latent Space“ syndizierten Trainingsdatenwust durchforstet, um alle Kontexte aller Tokens des Prompts zum Fulcrum zu mobilisieren, sie jeweils hunderte male miteinander Beziehungen setzt, um an den Rechenergebnissen die Übergangswahrscheinlichkeiten des nächsten Tokens zu leveragen.
Teil IV: Semantik. Hebel/Fulcrum-Relation als soziale Struktur
Auch wenn Archimedes der Erste sein mag, der die Hebelwirkung formalisierte, ist er mit Sicherheit nicht der Erste gewesen, der die Hebelwirkung kannte oder nutzte. Ich gehe noch weiter und behaupte: Auch Archimedes wird das Hebeln bei anderen gesehen haben, bevor er es selbst ausprobierte und dann theoretisch formulierte.
Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie die Welt beobachten, beleihen unsere Erwartungen nicht nur unsere Erfahrungen, sondern zum größten Teil die Erfahrungen und Erwartungen anderer. Niklas Luhmann hat die Erwartungen an anderer Leute Erwartung treffend „Erwartungserwartungen“ genannt und damit einen sehr nützlichen Begriff geschaffen.
In Krasse Links No 74 erzähle ich anhand meiner Beziehung mit meinem Hund, wie Erwartungserwartungen aufgegleist werden.
Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.
Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.
Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.
Unsere Erwartungen sind nie wirklich unsere. Alles, was wir glauben, von der Welt erwarten zu können, haben wir von anderen gelernt, zu erwarten. Natürlich machen wir auch eigene Erfahrungen, aber auch diese aus sogenannten „eigenen Erfahrungen“ sind immer eingebettet in den Rahmen unserer erwarteten Erwartungen anderer. Erwartungen sind nie nicht sozial.
Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:
- Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
- Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
- Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.
Alle Akteure in diesem Netzwerk sind „Materiell-Semantische Komplexe“ (menschliche Dividuen, Unternehmen, Staaten, Redaktionen, Vereine, Organisationen, auf eine Art auch Tiere) und das heißt sie haben sowohl einen materiellen Körper (menschliche Körper und materielle Infrastrukturen inklusive deren Fulcren) und einen semantischen Körper (Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Wissen, eine Geschichte über sich selbst und die Welt), bewohnen also als „Full Stack“-Implementation alle Layer des Netzwerks. Sie alle sind Fulcren (für jemanden), sie alle nutzen Hebel (an jemanden), nur sind Hebellänge und Fulcrumslast ungleich verteilt.
Ein weiterer Effekt, die Dinge so zu sehen, ist, dass wir unsere Hebel alle auf die eine oder andere Weise „geerbt“ haben. Wir beleihen nie nur eigene Infrastruktur, nie nur die eigenen Erfahrungen, wenn wir Hebel benutzen, sondern immer auch die aggregierten Erfahrung und aktuellen Erwartungen anderer. Und wenn unser Fulcrum bricht, bricht deswegen auch immer mehr, als nur unser Fulcrum.
Erwartungserwartungen als Q-Function
Wir erwarten, dass der Hebel/die Pfadgelegenheit funktioniert (die Straße befahrbar ist, meine Überweisungen ankommen, der Server erreichbar ist) nicht (nur) weil es unseren eigenen Erfahrungen entspricht, sondern auch weil es eine „allgemeine Erwartung“ ist, die sich bei genauerem Hinsehen immer als eine konkret aquirierte Erwartung von anderen herausstellt, die wir uns angewöhnt haben, zu beleihen, weil uns die Realität (noch) keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat, bzw. andersrum: jede unserer Erfahrung einer geglückten Hebelaktion re-inforced die Wertzuschreibung, die wir andernorts aquirierten.
Q-Function ist sozial.
Dass Pfadgelegenheiten gesellschaftlich für „einiger maßen sicher“ befundene Infrastruktur sind, kann man gut am Adaptionsprozess neuer Pfadgelenheiten beobachten.
Als die Pfadgelegenheit „Linienflug“ eingeführt wurde, musste das Vertrauen in diese Infrastruktur erst mühsam durch die Gesellschaft perkulieren. Das dauerte bis alle irgendjemand kannten „der schon mal geflogen ist“. So akkumuliert sich investiertes Vertrauen in Infrastruktur und diese Erwartungsstabilität ist das Fulcrum, das den Linienflüge im heutigen Maßstab ermöglicht.
Boeing hat dieses Fulcrum zuletzt über Gebühr geleveraged, indem sie Kostenreduktion vor Sicherheit stellten. Eine riskante Wette, aber unsere Gesellschaft gewöhnt sich ja gerade an so manches?
Aber Vorsicht: Nur, weil bestimmte Wetten in der Vergangenheit regelmäßig „geglückt“ sind, heißt das nicht, dass sie aufhören, wetten zu sein?
Ihr kennt das Gefühl, wenn ihr plötzlich feststellt, dass ihr eine Erwartung an die Welt hattet, von der ihr vorher gar nicht wusstet, dass ihr sie hattet?
Also ich hab das vor allem in letzter Zeit sehr oft. Eigentlich crasht grad jeden Tag ein anderer Teil meines Erwartungs-Portfolios.
Das Adaptieren von Infrastrukturen geht also einher mit einem wechselseitigen Beleihen von Erwartungen an diese Infrastruktur und das kann man bei jeder Adaption neuer Hebel beobachten: Da sind wir alle unterschiedlich risikobereit sind, ist es die Vorhut der „Early Adopter“, die sich als erstes aufmacht, um neue Pfade zu erkunden. Wir anderen folgen erst, wenn sie das OK signalisieren.
So funktioniert das aber überall: Ich investiere nicht nur in ein Asset, nicht weil ich persönlich und „individuell“ an seine Viablität und Werthaftigkeit glaube, sondern weil ich auch daran glaube, dass andere daran glauben. Unsere Erwartungen sind von unseren Erwartungserwartungen – also unsere Erwartungen der Erwartungen anderer – kaum zu trennen.
Erwartungen haben also immer zwei Bezugspunkte: eine materielle Erwartung, die bricht, wenn die Erwartung an das Fulcrum bricht und eine semantische – die Erwartungserwartung – die bricht, wenn die Erwartungen anderer brechen. Das fällt nicht oft auf, denn weil wir dieselbe Welt bewohnen glauben wir, dass beides gleichzeitig bricht, dabei ist das nie wirklich gleichzeitig, sondern der Riss fängt immer irgendwo an und arbeitet sich entlang der wechselseitigen Beleihungsstrukuren durch das Netzwerk, bis er auf Netzwerkzentralitäten trifft, die den Kollaps beschleunigen.
Aber das bedeutet auch, dass meine Entscheidung in einen Pfad zu investieren und einen Hebel zu bedienen, nie für mich bleibt. Meine Investitions-Entscheidung wird wahrgenommen und andere reaktualisieren daraufhin vielleicht den Wert ihrer Assets. Jedes Nehmen einer Pfadgelegenheit ist ein „Sprechakt„.
Ganz gezielt wird der Effekt in der Werbung genutzt, die zu 90 Prozent attraktive, relatable Menschen zeigt, die die beworbene Pfadgelegenheit „vorahmen“ und so versuchen, sie als „gesellschaftlich viabel“ darzustellen und so mit erwartetem „Wert“ aufzuladen. Aber wichtiger sind heute Bewertungen in Online-Portalen geworden. Wir verlassen uns gern auf „authentische“ Erstehandberichte, um den Wert von Pfaden abzuschätzen. Aber am Liebsten beleihen wir dafür natürlich die Erfahrung von Freunden oder anderen Menschen, denen wir vertrauen.
Aber im Netzwerk der Erwartungserwartungen findet sich auch die „Institution“. Institutionen sind materiell-semantische Komplexe, die als „Clearing House“ der gesellschaftlichen Erwartungsportfolios fungieren und so zu Netzwerkzentralitäten im Netzwerk der Erwartungserwartungen werden. Oder soll ich sagen: wurden?
Da wir gerade in einer Zeit der crashenden Erwartungsportfolios stecken, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob wir etwas aus dem Crash lernen, davon abhängen wird, dass wir ihn richtig interpretieren. Jeder Crash ist eine Pfadgelegenheit zur grundsätzlichen Rejustierung der Erwartungserwartungen.
Fulcrumsvergessenheit
Noch mal zu Archimedes Annahme, dass das Fulcrum „halten“ wird. Das ist mehr als nur eine Behauptung, das ist mehr als eine Wette, es ist auch eine „Geste“.
Hier eine weitere These: Die „Annahme“ eines stabilen Fulcrums ist einstudiert.
Damit will ich Archimedes nicht als „Poser“ darstellen, ich glaube wirklich, dass er selbst gehebelt hat und aus eigener Erfahrung berichtet. Dabei wird ihm durchaus schon aufgefallen sein, dass das Fulcrum fragil ist oder zumindest sein kann, „aber so unterm Strich“ – wird er sich gesagt haben – „und wenn man bei der Fulcrumsauswahl ein bisschen aufpasst“, dann ist so ein Fulcrum zumindest „stabil genug“, weswegen wir diesen Faktor in der Praxis des Hebelns auch „vernachlässigen“ können.
Hier ist mein Punkt: Das als „stabil“ gesetzte Fulcrum ist Ausdruck einer bestimmten Subjektivität und ist vielleicht noch mehr als die Meditationen Descartes für die „Fulcrumsvergessenheit“ (in Krasse Links sprach ich bisher von „Infrastrukturvergessenheit“ aber Fulcrumsvergessenheit trifft es präziser) des westlichen Denkens verantwortlich?
Wenn Descartes sagt, „Ich denke also bin ich“, setzt er das „Denken“ ebenso wie Turing die Maschine und wie Archimedes das Fulcrum als „fixes Ideal“, und „vernachlässigt“ seine Pfadabhängigkeiten. Auch Descartes interessiert sich nicht für die Bedingungen der Möglichkeit seines Tuns.
Denken, insbesondere das Denken das Descartes praktiziert, das abstrakte Denken, ist Übungssache? Das kann man nicht von klein auf, das kann man auch nicht unbedingt als Erwachsener, jedenfalls nicht einfach so, sondern man lernt es durch Anleitung und Übung über Zeit. All das verschweigt uns Descartes.
Was er uns außerdem verschweigt, ist, dass Denken nicht einfach nur im Kopf stattfindet, sondern die Sprache als Fulcrum benötigt.
Descartes braucht „Unterscheidungen“, wenn er von „ich“ /du, sie, es …, „Denken“ / Sprechen, Handeln, Schlafen … und „Sein“ /Nichtsein spricht. Wo, wenn nicht aus der Sprache, hat er seine Unterscheidungen her?
Wie Turing und Archimedes vernachlässigt Descartes in Wirklichkeit ein komplexes Fulcrum (das der eigenen Sozialisation, Sprach- und Denkerwerb) und setzt es zum Hebeln „ideal“ (so wie es die „Westliche Vernunft“ für die Welt ansich tat), um uns den Floh mit dem „Individuum“ ins Ohr zu setzen, das getrennt von seiner Welt lebt.
Der Subjektentwurf des Individuum, als eines von der Welt unabhängigen Agenten, basiert auf exakt dieser Geste der Idealisierung von Fulcren. Ebenso basiert darauf die „Schwerelosigkeit“ der „unverbundenen Handlung“ und der „universelle Blick der Objektivität“. Verschwiegen wird Geschichte, Perspektivität, Infrastruktur und Fulcrum. Diese „Vernachlässigung“ ist eine „Verdrängung“, die das Individuum ermöglicht und hervorbringt.
Und deswegen fällt es uns zum Beispiel schwer zu verstehen, dass jede „Innovation“ nur die pfadabhängige Spitze eines Eisbergs aus Infrastruktur ist. Marianna Mazzukato hatte in ihrem Buch The Entrepreneurial State darauf hingewiesen, dass so gefeierte Produkte wie das iPhone fast ausschließlich die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung kompilieren.
Innovation beruht also nicht nur auf der Arbeit anderer, sondern der Arbeit, auf der deren Arbeit beruht, usw. Sowie auf einem Bildungssystem und einer Forschungslandschaft, die Bildungs-Pipelines von der Grundschule über die Unis bis die Entwicklungs&Forschungsabteilungen der Unternehmen bereitstellt. Und ein Billionschwerer Rüstungshaushalt, der jährlich viele Milliarden in die Infrastruktur reinpumpt ist auch ganz hilfreich? Da kommt der Microchip her, so wurde das Internet geschaffen, GPS und so vieles andere.
Aber aber wir Verdrängen auch, dass unsere eigene „Agency“ ebenfalls immer infrastrukturvermittelt ist – also Fulcrumsabhängig, weswegen ich so weit gehe, den Begriff „Handlung“ ab jetzt nur noch in Anführungszeichen zu schreiben, weil es sich bei „Handlungen“ in Wirklichkeit immer um das Nehmen von Pfadgelegenheiten handelt, die einen Hebel an ein Fulcrum setzen.
Was damit aber natürlich auch verdrängt wird, ist, wie tief das Fulcrum unserer sogenannten „Handlungen“ geht. Wenn ich sage, dass ich mal eben von Berlin nach Hamburg fahre, dann referenziere ich damit den Hebel einer Bahnfahrkarte, der das Fulcrum einer Infrastruktur mobilisiert, die von Millionen Menschen erstellt wurde und gewartet wird. Und mache meiner Handlungen, etwa das öffentliche Philosophieren hier, ist ebenfalls pfadabhängig von einem Fulcrum an Rechten, Institutionen und an gesellschaftlicher und politischer Stabilität, was mein Schreiben hier jeden Tag zu einer riskanteren Wette macht. Außerdem brauche ich wie wir alle saubere Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, genug zu Essen, körperliche Gesundheit und Sicherheit und natürlich stabile klimatische Bedingungen (und Geld, falls ihr welches übrig habt).
Viele – ich inklusive – haben lange die Tatsache verdrängt, dass der Kapitalismus dir zwar immer wieder auch neue schicke Hebel in die Hand legt – die dich aber hintenrum zum Fulcrum der Hebel anderer machen. Hebel, die am Ende immer die Oligarchen kontrollieren.
Kontrollverlust
In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel, ging es eigentlich um den „digitalen Kontrollverlust“.
Das Wort »Kontrolle« kommt vom französischen contrôle, das sich zusammensetzt aus contre, »gegen«, und rôle, »Rolle« oder »Register«. Ursprünglich bezeichnete es ein »Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters«. Das heißt, bei jeder Kontrolle gibt es einen Ist- und einen Soll-Zustand. Kontrolle ist der stetige Versuch, beides anzugleichen.
Kontrolle ist der Eingriff in ein System mittels Erwartungswert und informationellem Feedback. Der digitale Kontrollverlust bezeichnet einen eigentümlich selbstreferenziellen Zustand. Er bedeutet nicht nur, dass die Ereignisse nicht mit dem Erwartungswert zusammentreffen, sondern dass die Erwartungswerte mithilfe von falschen Annahmen über die Welt gebildet wurden. Unsere Formeln für den Soll-Zustand sind hinfällig. Kontrollverlust bedeutet also nichts weniger, als dass wir nicht mehr wissen können, welche Erwartungen wir an die Zukunft haben können.
Die Folgen sind entsprechend dramatisch. Weil unsere Erwartungswerte nicht mehr stimmen, sind auch unsere Strategien für die Zukunft wertlos. Aktionen, die in der alten Welt funktioniert haben, verpuffen wirkungslos oder verschlimmern die Lage zusätzlich. Wir können zum Beispiel versuchen, eine missliebige Information aus dem Internet zu löschen. Doch wie wir sehen werden, geht es uns in diesem Fall wie dem mythischen Helden Herakles, wenn er versucht, einen Kopf der Hydra abzuschlagen und ihr sogleich zwei neue wachsen. Vor dem Kontrollverlust wird uns niemand retten; kein Meister kommt wie bei Goethes Zauberlehrling und schickt die Besen in die Ecke. Die Geister, die wir riefen, sind gekommen, um zu bleiben. Kurz: Wir sollten mit dem Kontrollverlust rechnen, ihn in unser Denken und Handeln – ja, in unsere Gesellschaft – integrieren. Vor allem müssen wir unsere Strategien an ihn anpassen. Wenn alle Dämme brechen, hilft nur noch schwimmen lernen.
Ich kann heute präziser formulieren: Kontrolle ist der Abgleich einer materiellen Beobachtung eines Fulcrums mit seinem Erwartungs-Portfolio. Aber der entscheidende Schritt passiert danach: eine Abweichung rechtfertigt einen Hebeleinsatz zum Gegensteuern. „Kontrolle“ fungiert als Erlaubnisstruktur und Steuerungssystem für Korrekturhebel, um Realität an Erwartung anzupassen.
Kontrollverlust ist der Moment, wo diese Hebel versagen, weil sie ins Leere hebeln. Kontrollverlust ist immer ein Fulcrumsbruch von Korrekturhebeln. Etwa, wenn die Bremsen ausfallen.
Das verflixte an Korrekturhebeln ist, dass sie so kleinteilig und vielfältig sind, dass wir ihre Existenz oft verdrängen.
So gibt es Leute, die fordern, die Fehleranfälligkeit von Large Language Models nicht so ernst zu nehmen, schließlich machten ja auch Menschen Fehler. Demnach hätten wir AGI erreicht, wenn die KIs auf Fehlerraten von Menschen kommen. Close enough.
Was diese Überlegung aber verdrängt, ist die Tatsache, dass LLMs andere Arten von Fehlern produzieren, als Menschen. Menschen leben in einer geteilten Welt und haben geteilte Motivationsstrukturen, weswegen ihre Fehler eine bestimmte Stuktur haben. Und für diese Strukturen haben wir Menschen über Jahrtausende eingeübte Heuristiken internalisiert (das Hinterfragen von Motivationen, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Arten des Aufspielens, das Signal der Schludrigkeit, etc) und entsprechende Korrekturhebel eingeübt.
LLMs machen Fehler weil sie lustig sind. Bzw, so gebaut sind, dass sie mit „Noise“ gefüttert werden müssen, damit sie überhaupt mal riskantere semantische Pfade gehen. Ihre Motivation und damit Fehlerplazierung ist also „random“. Mal hier einen Namen ausgedacht, mal hier eine Biliothek halluziniert, mal da ne Quelle erfunden.
Und an Randomfehlern scheitert unsere eingeübte Fehlerheuristik, damit auch die Korrekturhebel.
Das ist das Problem: Um wirklich sicher zu sein, dass ein LLM output stimmt, muss man nicht nur die „offensichtlichen“ Fehlerquellen prüfen die man zu prüfen gewohnt ist, sondern alle, die möglich sind. Aber wer macht das schon? Dann wären die Zeitgewinne durch die LLM quasi futsch. Echte Kontrolle ist teuer.
Und so sammeln wir unbemerkt immer mehr Kontrollverlustsschulden an, je mehr Slop-Dokumente unser gemeinsam beliehenes „Wissen“ durchlöchern. Bis das Fulcrum an irgendeiner Stelle bricht, weil die falsche, halluzinierte Information beliehenen wurde und der Turm darauf aufgebauter Erwartungserwartungen kollabiert.
Semantik
Die wesentliche Erkenntnis, die ich aus meiner tieferen Beschäftigung mit LLMs für das Böckler-Paper gewonnen habe, ist dass LLMs unserer Spracherwartungen als Fulcrum nutzen, um in unserer Aufmerksamkeit plausible Pfade zu hebeln.
Aber das tun auch wir, wenn wir sprechen und schreiben?
In Krasse Links No 74 geht es um Sprache und da führe ich Saussure, den Urvater der modernen Linguistik, so ein.
Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.
Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.
Eine andere wichtige Unterscheidung von Saussure ist die zwischen „Parole“ (angewendete Sprache/Sprechakt) und „Langue“ (angenommene Spracherwartungen), weswegen ich mir erlaube, ihn relational materialistisch umzudeuten:
„Parole“ sind die Hebel, die auf dem Fulcrum der „Langue“ operieren.
Luhmanns Beobachtung der „Erwartungserwartungen“ sagt nichts anderes, als dass unsere Erwartungen vernetzt sind und als Erwartungsraum die semantischen Bahnungen vorzeichnen, in den wir denken und sprechen. Diese Bahnungen sind Pfadgelegenheiten in den Erwartungserwartungen und bilden die zur Verfügung stehende semantische Infrastruktur, in der wir leben und uns ausdrücken und kreieren dabei eine spezifische Beobachterperspektive – die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit mit einem spezifischen Wissen ausgezeichnet ist.
Semantik ist die Infrastruktur, mit der wir uns in der Welt orientieren und „kommunizieren“, mit der wir Wahrnehmen, Unterscheiden, Einordnen und Schlüsse ziehen und uns dabei beoachten und wechselseitig auf Pfade folgen.
Kommunikation
„Kommunizieren“ geht so: Ich entwickle eine Erwartung an eure Erwartungen (Erwartungserwartungen) und nutze sie als Fulcrum, um mit semantischen Hebeln diese angenommenen Erwartungen einerseits in vielen Details zu erfüllen – (z.B. in dem ich Worte wähle, die ihr versteht), aber an entscheidenden Stellen versuche, sie auch zu irritieren. Das muss ich tun, um mich auszudrücken, also den Unterschied zu informieren, den mein Unterschied bedeutet. Mein Unterschied ist eine Erfahrung, die meine Erwartungskontinuität durchbrochen hat, so dass sie zur „Information“ wurde und mittgeteilt werden will.
Kommunikation funktioniert also als Hebel ähnlich, wie das Public Key Verfahren (Asymmetrische Verschlüsselung) in der Kryptographie. Das Public Key-Verfahren leveraged das Fulcrum veröffentlichter „Public Keys“, um die Pfadgelegenheit einer wechselseitigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselnten Kommunikation zu ermöglichen.
Stellen wir uns einen Public-Key-Server vor, der Public-Keys für jede Semantik (jede sprachliche und inhaltliche Erwartungserwartung, „die Semantik der Gesellschaft“, wie Luhmann es nennt) vorhält, also jedes Wort, jede Aussage, jede Rhetorik, jede Andeutung, jede Theorie, jede Geschichte, usw.
Wenn Alice Bob etwas sagen will, greift sie sich mit jedem Wort, dass sie formuliert den passenden Public-Key in der Hoffnung, dass Bob den Private Key dafür hat (die erwartete Erwartung). Jeder Sprachakt ist ein Portfolio von auf einander aufbauenden Wetten, die hier die einzelnen Verschlüsselungen repräsentieren.
Der Keyserver ist aber nicht direkt öffentlich, sondern selbst Privat in Alice Kopf – ihre Erwartungen an Bobs Erwartungen sind ihrerseits Erwartungen. Und weil Erwartungen von Realität abweichen, führt sie für Bob einige Public-Keys, für die er keine Private Keys hat oder Private Keys, die die Semantik ganz anders entschlüsseln, als das, was Alice meint. Kommunikation geht oft schief geht und auf gewisse Weise immer, denn die beliehene Infrastruktur führt immer in undurchsichtige Pfade beim Gegenüber. Wenn der Pfad bricht, weil eine semantische Pfadgelegenheit nicht tragfähig war, misslingt Kommunikation.
Alice wird also versuchen, sich in ihrer Kommunikation an „gut abgehangene“, d.h. gesellschaftlich mehr oder minder populäre Pfade zu halten, um die Kommunikation sicherzustellen. Die Verbreitungserwartung, also Hegemonilität des zugrifflichen Fulcrums (installed Base) einer Semantik entspricht ihrem Koordinationsnutzen – hence: Preferencial Attachment und Netzwerkeffekte.
Wenn ich also neue Begriffe einführe – zum Beispiel „Fulcrum“, dann habe ich ein Problem. Die Verbreitung der Menschen, die ein zugriffliches Fulcrum für den Begriff haben, ist gering und es gibt bislang nur wenige, die dem Begriff Kredit geben, was die ansetzbare Hebelwirkung für mich erstmal verringert.
Was ich in diesem Text deswegen versuche ist, mich mit wachsenden Hebeln von Fulcrum zu Fulcrum zu schwingen. Ich führe den Begriff möglichst einfach ein, zweige seine Nützlichkeit in verschiedene Zusammenhängen ab, indem ich sie jeweils im nächsten Schritt leverage, um etwas zu erklären, um damit die nächst komplexere Verwendung des Begriffs „Fulcrums“ zu beleihen, usw. Mit jeder Anwendung, mit jedem Kontext – so meine Hoffnung – wird nicht nur das Verständnis des Begriffs erweitert, sondern der Begriff auf einem abstrakteren Level „geschärft“ und generalisiert und wird damit mit immer mehr Kredit versorgt, so dass er immer „beleihbarer“ wird, so dass ich immer größere Hebel daran ansetzen kann, usw.
Ein Teil des Kredits erhoffe ich mir allerdings nicht nur aus der Wiederholung, sondern aus der Differenz der Kontexte in der Wiederholung. Und die Kontexte sind ebenfalls nicht beliebig, sondern versuchen auf beleihbaren Erfahrungen und Beschreibungen der Welt zu hebeln, die jeder für sich in ihrer Plausibilität prüfen mag.
Doch das ist auch riskant. Wenn die Beispiele nicht überzeugen, wenn das Narrativ versagt, wenn die geleveragten Kontexte also brechen, dann bricht das Fulcrum, zumindest ein bisschen. Deswegen bin ich auf Feedback gespannt. Die Theorie ist neu, da sitzt noch nicht jede Schraube fest, aber mir scheint jetzt schon, dass der Begriff durch die Verteiltheit und Unterschiedlichkeit der der Kontexte, den Eindruck von Belastbarkeit ungewöhnlich schnell akkumuliert, und deswegen scheint mir, dass ich hier mehr als nur einer Metapher der Spur bin, sondern einem sichtbaren und auch fühlbaren Zusammenhang, der sich in den unterschiedlichsten Kontexten reproduziert.
Wenn die Wette aufgeht, hoffe ich auf dem sozialen Layer der Erwartungserwartungen, dass euch, den Leser*innen, der Begriff mit jeder Iteration schlüssiger und intuitiver wird, vielleicht nützlich erscheint und von manchen von euch sogar adaptiert wird. Ich schaffe hier also Anlässe, um euch zu motivieren, in den Begriff zu investieren (Aufmerksamkeit, Integration ins eigene semantische Pfadgelegeneits-Portfolio), dem Begriff Kredit zu geben und mal schauen, welche Pfadgelegenheiten er euch ermöglicht.
So entstehen immer mehr Anlässe für andere, selbst in diesen Begriff zu investieren und die jeweiligen Kredite, der jeweiligen Pfadgelegenheiten beleihen sich beim Wachstum immer stärker gegenseitig (Netzwerkeffekte) und was ich hier die ganze Zeit eigentlich mache, ist euch die semantische Investitions-Pfadgelegenheit „Fulcrum“ schmackhaft zu machen, denn natürlich hab ich auch was davon, wenn der Begriff „Fulcrum“ ein größeres Fulcrum bekommt, denn je größer das Fulcrum, desto größer wirken rückblickend diese semantischen Hebel hier.
Iteration
Auch Derrida hat darauf hingewiesen, dass wir uns immer bei den semantischen Infrastrukturen verschulden, wenn wir sie benutzen. Wenn ich hier zum Beispiel den Namen „Derrida“ iteriere, erreicht das Menschen mit bestimmten Erwartungen. Manche winken vielleicht ab, manche haben den Namen noch nicht gehört, andere werden aufmerksam. Aber egal, wie die Reaktionen sind, sie basieren auf Erwartungen (oder der Abwesenheit von Erwartungen) die sich entlang von „Erfahrungen“ strukturiert haben. Manche kennen den Namen aus der Zeitung, aus Büchern, aus Debatten, Erwähnungen, manchmal sogar über die Werke selbst.
Und hier ist der Clou: Zwar kenne ich diese anderen Zusammenhänge, aus denen ihr „Derrida“ kennt, nicht, aber ich „leverage“ die Einschätzung, dass bei „vielen“ eine „gewisse“ Derrida-Erwartung da ist, als zugriffliches Fulcrum (damit implizit der materielle Korpus seiner Texte, Sekundärliteratur und seine Wikipedia-Page), um euch etwas neues (oder vielleicht nicht) über Derrida sagen zu sagen. Dafür „verschulde“ ich mich bei der semantischen Pfadgelegenheit „Derrida“, weswegen ich peinlich darauf bedacht bin, ihr hier auch „gerecht“ zu werden, eine „gültige“, mindestens eine „akzeptable“ Iteration anzubieten.
In KL74 schrieb ich weiter:
Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.
Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).
Es gibt in der Sprache – wie in der Ökonomie – zwei Pfade:
Der horizontale Pfad des Sagens/Hörens/Lesens/Schreibens reiht die Tokens/Worte nach Übergangswahrscheinlichkeiten organisiert als „plausible Reihenfolge“ an und der vertikale Pfad versorgt jeden einzelnen Token/jedes einzelne Worte mit „Bedeutung“ und zwar durch Anreicherung leveragebarer Spracherwartung aus den Iterationen erinnerter Sprachakte.
Und weil Semantiken pfadabhängig sind und der „Sinn“ und damit der „Wert“ von „Derrida“ ganz viel andere semantische und teils auch ökonomische Infrastrukturen basieren, ist jede Iteration von „Derrida“ auch immer eine Wette auf die Gesamtinfrastruktur und setzt sie einem gewisse Risiko aus.
Ich bilde mir nicht ein, diese Infrastruktur beschädigen zu können, noch das ich das überhaupt wollte, um Gottes Willen. Was ich stattdessen machen möchte, ist auf dieser Infrastruktur einen weiteren Pfad aufzubauen (und auf Donna Haraway und so vielen anderen).
Und ich hoffe, dass ich Derrida nicht überleverage, wenn ich KL74 folgere, dass die Funktionsweise der „Semantik“ der LLMs genau auf Derridas Konzept der „Iteration“ abstellt:
Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.
Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.
Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.
Der Kognitivismus und das Individuum sind keine belastbare Infrastruktur mehr. Ich empfehle, zu de-investieren.
Fulcrum-Hegemonie
Wenn ein zugriffliches Fulcrum weit verbreitet ist, dann haben es die mit den passenden Hebeln gut. Egal, wo sie gehen und stehen, ihnen stehen Pfadgelegenheiten offen. Die europäische Steckdosennorm, der ISO-Schiffcontainer, das DinA4-Format, die Anhängerkupplung, USB und heteronormative Beziehungen sind solche hegemonialen Standards, die vielen von uns das Leben erleichtern.
Gemein, dass ich heteronormative Beziehung mit hinein genommen, was? Aber es hilft, zu verstehen, dass jeder Standard den du als „gegeben“, „universell“ oder gar „natürlich“ akzeptiert, immer auch Menschen ausschließt.
Jede Sprache schließt Menschen aus, jede Geste schließt Menschen aus, jede Plattformen schließt Menschen aus und dieser Ausschluss ist oft unabichtlich, aber oft ist er auch geleveraged.
Dennoch ist Hegemonie für viele Menschen nützlich, weil sie Orientierungspunkte schafft, die Erwartungskoordination vereinfacht und deswegen mehr Pfadgelegenheiten für alle Netzwerkteilnehmer*innen schafft.
Hegemoniale Fulcren, werden erwartet.
Aber am nützlichsten ist die Hegemonie immer für diejenigen, die die Infrastruktur kontrollieren. Sie können durch „Tweeks“ in der Infrastruktur Verhalten steuern. Nicht auf der „individuellen Ebene“ also nicht als Zombie-Agenten (Gehirnwellen gibt es nicht), sondern durch dividuelle Flow-Optimierung, algorithmische Incentives, Dark Patterns und generell dem Tüfteln an Übergangswahrscheinlichkeiten. Jedenfalls ist das, wie Plattformen operieren.
Im Raum der Semantik entfalten hegemoniale Begriffe, Konzepte, Theorien oder Subjektentwürfe ihre Macht noch bis weit über den Nutzen, den die Verfasser*innen daraus zogen, hinaus. Die Ideen der Großbürgerlichen und Sklavenhändler der „Aufklärung“ strukturieren bis heute unsere Weltsicht, Diskurse und Argumente. Hegemoniale Narrative wie das Individuum, der Markt, die Aufklärung, der Liberalismus, etc. wurden in den letzten 300 Jahren heftig beliehen, um eine Matrix zu bauen, in der wir ständig erzählt bekamen, der Held der eigenen Geschichte zu sein, während die Hebel immer größer wurden, die sie an unserem Nacken anlegten.
Logik und Argumente
Syllogismus, relational materialistisch umformuliert, hört sich so an:
Ich beleihe die beiden Aussagen „Alle menschen sind sterblich“ und „Sokrates ist ein Mensch“ und nutze sie zusammen mit dem erwarteten Wissen um Logik als „Fulcrum“, an dem ich meinen eigenen Sprechakt als Hebel anlege, um die Aussage „Sokrates ist sterblich“ zu finanzieren.
Jetzt könnte man sagen: Jaha, aber die Aussage ist ja trotzdem „wahr“?
Dazu sage ich: Klar, es gibt Aussagen, die robuster finanziert sind, als andere Aussagen und „Logik“ ist die Sammlung von in der Realität oft als richtig festgestellten Schlüssen.
Und dennoch: es gibt Angreifbarkeiten? Zweifle ich eine der beiden beliehenen Prämissen an, fällt das Konstrukt.
Es gibt Menschen, die anzweifen würden, dass alle Menschen sterblich sind und es gibt Menschen, die Sokrates für eine Fiktion halten. Der Schluss ist nur so viel wert, wie das Fulcrum beleihbar ist, aus dessen Kredit wir ihn schöpfen.
Und so ist das mit all unseren Aussagen/Argumenten?
Wenn ich etwas gegenüber jemanden argumentieren will, suche ist erstmal ein gemeinsames Fulcrum, auf dem ich hebeln kann, also Aussagen und Annahmen über die Welt, die ich und mein Gegenüber für „kreditwürdig“ halten und dann versuche ich in diesen gemeinsam beglaubigten Bausteinen einen Pfad zu inszenieren, um meinen Punkt zu machen.
Wir bewegen uns nie außerhalb unserer Erwartungen, weswegen unsere Erwartungen der „Blinde Fleck“ unserer Perspektive ist.
Aber wenn man Weltwahrnehmung auf der Ebene der Erwartungen rendert, werden alle Aussagen zu „Wetten“. Wetten darauf, dass die eingesetzten Semantiken genug durch Realität „gebackt“ sind, aber eigentlich und vor allem, dass sie von den Rezipent*innen „akzeptiert“ werden.
Wirklichkeit
Wirklichkeit ist – einerseits das Portfolio an „belastbaren“ Erzählungen über die Welt, in die ein Dividuum investiert ist.
Jede Beobachtung, die wir machen, leveragen wir anhand und entlang unseres Wirklichkeits-Portfolios. Aufmerksamkeit erhascht vor allem die Abweichung der erwarteten Pfade, denn eine Information ist erst dann eine Information, wenn sie einen Unterschied macht (Gregory Bateson).
Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die andere (tot oder lebendig) beobachten, wie sie die Welt zu beobachten, besteht unser gesamtes Wirklichkeits-Portfolio aus gesellschaftlich mehr oder minder ausgetreten Pfaden, also oft und vielfältig beliehene Fulcren.
Wirklichkeit – gesellschaftlich verstanden – ist also auch das Aggregat gemeinsam beschrittener semantischer Pfade, also die Struktur sich überschneidender Portfolios, an denen verteilte Dividuen ihre Beobachtungen und Kommunikationen leveragen.
Wirklichkeit ist die wechselseitig beglaubigte Realitätsbeschreibung, in der wir leben. Sie ist zweifach „gebackt“, einerseits durch die eigene Erfahrung und andererseits durch die erwartete Erwartungskontinuität der anderen.
Die meisten und vor allem Grundlegensten Erzählungen, in die wir investiert sind, sind die, die uns nicht bewusst sind, dass wir sie haben. Würde man uns darauf ansprechen, wären wir überrascht, dass diese Erzählung überhaupt zur Debatte steht, weil wir sie eher unter „Kausalität“ gespeichert hatten, statt als Erzählung/Übergangswahrscheinlichkeit.
Das hat den einfachen Grund, dass viele unserer grundlegenden Erzählungen so alt und allgegenwärtig sind, dass wir aufgehört haben, sie als Erzählungen zu erkennen.
Wir alle werden in einem konkreten Ort in der Matrix geboren. Die Erzählungen mit denen wir aufwachsen, mit denen unsere Eltern aufgewachsen sind, mit denen alle um uns herum aufgewachsen sind, bilden die „Wirklichkeit“, wie sie uns gegeben ist.
Erst mit der Zeit fängt man an (wenn überhaupt) einige der Erzählungen in Frage zu stellen. Sei es, dass man auf bereits ausgelegte kritische Pfade gelangt, die einem die Erzählung unplausibel macht, sei es, dass wir sie nicht mehr mit der eigenen Erfahrung Backen können und uns auf die Suche nach alternativen Pfaden machen.
Wenn du aus der Matrix ausbrechen willst (aus einem bestimmten Strang in der Matrix, ganz verlassen können wir sie nie) brauchst du immer beides: Die Erfahrung des Zusammenbruch des Pfads auf dem du bist und die Möglichkeit einer gesellschaftlich viablen Pfadalternative.
Öffentlichkeit
In Krasse Links No 23 führe ich für die vernetzte Öffentlichkeit das Bild eines Trommelkonzerts ein.
Stellen wir uns 1000 Trommelnde vor, jeder trommelt seinen eigenen Beat: Ein großes Krachkonzert. Jeder hört den Beat seiner jeweiligen Nachbar*innen und wird unwillkürlich versuchen, sich zu synchronisieren. Es bilden sich kleinere und größere Beat-Cluster, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Und nach noch etwas mehr Zeit wird sich ein hegemonialer Beat herauskristallisieren, also das, was Bruce Sterling das „Major Consensus Narrative“ nennt. Nebenher gibt es viele ähnliche, aber abweichende Rhythmen und einige echt schräge Töne; doch der Hauptbeat übertönt alles.
Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die 1000 Trommeln unterschiedlich groß sind. Nur die wenigsten verfügen über die Möglichkeit eines Paukenschlags. Die meisten trommeln auf ihren Bongos den Rhythmus der Pauken nach oder versuchen, durch einen besonders originellen oder geschmeidigen Beat viral zu gehen. Doch unter dem Strich wird der „Major Consensus Beat“ in 8 von 10 Fällen durch diejenigen mit den großen Trommeln vorgegeben.
Jeder Trommler/jedes Medium trommelt mit seinen newsnarrativen Hebeln auf dem zugrifflichen Fulcrum seiner Reichweite und versucht durch Erwartungserfüllung und Durchbrechung die Aufmerksamkeitsströme zu erhaschen und mit seinen Narrativen zu koppeln. Man kann keinen beliebigen Beat anstimmen, sondern muss sich an dem umliegenden Beat / den umliegenden erwarteten Narrativen orientieren und trotzdem hinreichend unterschiedliche Variationen trommeln, um die Aufmerksamkeitströme zu halten.
Medien sind Resonanzverstärker in einer dynamischen Übergangsmatrix aus narrativen Pfad-Aktualisierungen. Einerseits berichten sie über Ereignisse und gleisen damit Narrative auf, anderseits agieren sie niemals unabhängig voneinander. Niemand konsumiert so viele andere Nachrichten, wie Journalist*innen und alle Medien schauen einander die Schlagzeilen ab. Denn wichtig ist, was andere wichtig finden.
Neben den Reichweitefulcren, die als Degree Zentralitäten herausragen, gibt es noch die sogenannten „Leitmedien“, die nicht unbedingt eine große Reichweite haben, aber eine hohe Eigenvektor-Zentralität innerhalb des Journalistischen Aufmerksamkeitsnetzwerks genießen, sei es, weil sie oft Exklusivmeldungen haben, dass sie Meldungen besonders verlässlich sind, oder sei es, weil da einfach die Aufmerksamkeit immer schon war. In Deutschland ist das zum Beispiel die FAZ, die Bild, die Sueddeutsche und DPA.
Die reichweitestarken Medien regeln untereinander welche existierenden Beats wie laut gespielt werden, aber es sind oft die Leitmedien, die einen neuen Beat aufgleisen.
Die so aufgegleisten narrativen Pfade strukturieren unsere Weltwahrnehmung.
Narrative versprechen, die Entropie der Zukunft zu entstören, indem sie die Gegenwart entlang von populären Pfaden weitererzählen. Narrative sind wie Beats, sie ordnen die Zeit und sind dabei sozial ansteckend. Man lernt den Rhythmus, übt ihn ein und führt ihn fort.
Beide, das Narrativ und der Beat strukturieren die Zeiterwartung des Dividuums und im relationalen Materialismus geht es deswegen häufig darum, den Beat hinter den Tanzmoves zu erkennen.
Wissen
Wenn man in den ganz alten Texten, wie der Bibel oder frühe Niederschriften von Sagen und Mythen liest, findet man da alle möglichen widersinnige Details, wie wer mit wem verwandt ist oder wieviel Ziegen für ein Schaf getauscht wurden, und wie man ein Kalb schlachtet und so.
Und die einfachste Erklärung dafür ist, dass diese Texte nicht nur Religiösen Nutzen hatten, sondern ein Fulcrum für die Verbreitung gesellschaftlich nützlichen Alltagswissens waren.
Jedes Wissen braucht ein Fulcrum. Also wiederum ein anderes „Wissen“ + ein materielles Medium (Wetware/Hardware), das du beleihst, um informationelle Infrastruktur anzuschließen.
Im Neuen Spiel definierte ich über Wissen so:
Wir verwenden die Begriffe Daten, Informationen und Wissen im Kontext von Informationsökonomie und -gesellschaft in diesem Buch wie folgt.
Information ist der wesentlichste Begriff in dieser Gruppe. Der Philosoph Gregory Bateson definiert sie genial einfach: »Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.« Das klingt erst einmal kryptisch, ist aber sehr schlüssig, gerade wenn die Definition mit den Begriffen »Daten« und »Wissen« verbunden wird.
Daten begreifen wir als den ersten Unterschied in dieser Definition. Daten sind Unterschiede. Sie sind alles, was sich mittels der Unterscheidung zwischen Null und Eins ausdrücken lässt. Das bedeutet, Informationen bestehen aus Daten, und wir können festhalten: Informationen sind Daten, die einen Unterschied machen. Doch wie und wo machen diese Daten einen Unterschied, wo finden wir Unterschied Nummer zwei?
Systemtheoretiker sagen an dieser Stelle: im System – im psychischen oder sozialen System. Wir wollen den Systembegriff aber lieber ausklammern und sagen gleich »im Wissen«. Wissen ist für uns ein Netz aus Informationen. Wissen besteht aus Informationen, die mit anderen Informationen verknüpft sind. Mein Büro ist am Weichselplatz, der Weichselplatz ist in Neukölln und hat eine Wiese, auf einer Wiese wächst Gras, und so weiter.
Daten sind also Information, wenn sie im Wissen einen Unterschied machen. Und das sieht so aus: Eine Information knüpft sich an das Wissen an, sie wird Teil des Netzwerkes. Sie kann jedoch nur anknüpfen, wenn sie anschlussfähig ist. Wenn ich höre, dass Robin Williams gestorben ist, ihn aber nicht kenne, dann ist das zwar ein Datum (Singular von Daten), aber keine Information. Erst wenn ich weiß, dass Robin Williams ein berühmter Schauspieler war und ich vielleicht schon Filme mit ihm gesehen habe, dann wird das Datum seines Todes überhaupt zur Information.
Eine Information ist also immer nur eine Information im Zusammen-hang mit einem bestimmten Wissen. Das Wissen von Menschen ist unterschiedlich. Was für den einen eine Information ist, ist für den anderen bloßes Datum. Daneben gibt es noch das gesammelte Weltwissen, das Wissen der Medizin, das Wissen der Rechtswissenschaft oder das Wissen der Wunderheilung. Wir verwenden den Begriff Wissen nicht im aufklärerischen Sinn – als gerechtfertigte, wahre Meinung –, sondern bezogen auf ein konkretes Netz aus Informationen – egal, ob diese der Wahrheit entsprechen. Wir implizieren, wenn wir von Informationen sprechen, dass es ein Wissen gibt, an das diese Information anschlussfähig ist, und zwar auch dann, wenn wir dieses Wissen nicht konkret benennen. Die Trias Daten, Information und Wissen lässt sich so zusammenfassen: Informationen sind Daten, die an ein Wissen anschlussfähig sind.
Heute kann ich genauer Sagen: das bereits vorhandene Wissen ist das Fulcrum, mit dem durch den Hebel der Beobachtung (Datenaufnahme) neues Wissen geleveraged wird (zu Information verarbeitet wird/an das Wissen angeschlossen wird). An jedem Wissen kann man nur bestimmte Information anknüpfen (zugriffliches Fulcrum), nicht jedes Wissen lässt sich für jeden Unterschied beleihen. Wenn meinem Wissens-Portfolio für ein bestimmtes Datum das passende zugriffliche Fulcrum fehlt, kann ich das Datum nicht als Hebel daran ansetzen.
Informationelle Entropie (Shannon Entropie) ist – aus Userperspektive – der Zustand, wo entweder keine Unterscheidungen mehr getroffen werden können, weil alles gleich ist – der Unterscheidungs-Hebel findet keinen Zugriff, oder aber so viele Unterschiede vorliegen, dass sie keinen Unterschied mehr machen – der ansetzbare Unterscheidungshebel findet keinen Halt. Negative Entropie = aus einer Perspektive „leveragebare“ Unterschiede.
Was Shannon nicht bedachte: Information benötigt immer eine Perspektive, denn eine Information ist nur eine Information, wenn sie ein Unterschied für ein „Wissen“ macht.
Das KontaktzonenFulcrum des Wissens
Dass jedes Wissen ein materielles Fulcrum braucht, hat auch Jan Assmann in seinem Buch: Das kulturelle Gedächtnis gezeigt: Vorschriftliche Kulturen verankerten ihre Mythen, Götter und Erzählungen an materiellen „Landmarks“, wie Berge, Täler, Flüsse, Seen und Meere. Die Juden waren vielleicht nicht die ersten, die schrieben, aber sie waren die ersten, die Schrift leveragten, um ihre Kultur im „Exodus“ zu reproduzieren.
In Tom Standages „Writing on the Wall: Social Media—The First 2,000 Years“ erfahren wir, dass das frühe Christentum das römische Postsystem leveragte, um eine dezentrale und weit verstreute „Gemeinden“-Struktur synchron zu halten.
Dort erfahren wir auch von den Effekten der Buchpresse und dass die frühe Viralität von Luthers gedruckten Pamphleten, das Aufmerksamkeit-Fulcrum war, das der Protestantismus leveragte, um sich zu verbreiten.
Aber all diese Beispiele leveragten noch etwas anderes: Die Erwartungskontinuität der etablierten Strukturen, die gegenüber den neuen Formen sozialer Organisation keine passende Antwortstrategien vorliegen hatten.
Dasselbe passiert gerade mit dem Internet. Die Stärke der Veränderung unserer Welt resultiert nicht von vornherein durch die „Macht des Internets“, sondern vielmehr aus unserer Unvorbereitetheit auf das Verhalten neuer Wissensformationsnetzwerke, die über ungekannte Umwege neue semantische Hegemonien herstellen. Wir sind noch zu blind gegenüber den Mechanismen, denen wir ausgesetzt sind – auch, weil uns noch die Sprache dafür fehlt, also die Unterscheidungen und Konzepte, die es erlauben, sich im Netzwerk zurechtzufinden.
Der „relationale Materialismus“ ist auch der Versuch, in dieser neuen Welt die „situational Arwareness“ wiederzuerlangen.
Fazit
Eine Handlung ist kein „Akt eines Subjekts“, sondern die temporäre Aktivierung eines Hebels innerhalb eines mehrschichtigen, erwartungsgetragenen Fulcrum-Portfolios, dessen Voraussetzungsreichtum und Verschleiß systematisch unsichtbar gemacht wird.
Das Fulcrum ist dabei nicht eine Sache, sondern eine Rolle in einer Beziehung und diese Rolle verändert sich ständig, vor allem während der Hebelaktion und so nimmt das Fulcrum unterschiedliche „Gestalen“ an, je nachdem aus welchem Winkel man darauf schaut.
Das Fulcrum verändert im Laufe der Hebelaktion mehrfach seine Bedeutung. Es gibt eine gewisse Abfolge, aber keine strenge, die Bedeutungsdimensionen können in einer Hebelaktion oft gleichzeitig wichtig sein, sich abwechseln, etc.
- Eruierung einer Pfadgelegenheit. Wenn eine Pfadgelegenheit ins Bewusstsein tritt, hat das Fulcrum die Funktion zu beantworten, ob der Pfad „viabel“ ist, also „gangbar“ ist? Dafür muss man den Pfad inszeninieren/entertainen, also sich selbst imaginieren, ihn zu gehen (um zu ihm „nein“ sagen zu können). Hält die Infrastruktur das aus? Ist die Infrastruktur sicher? Nennen wir es inszeniertes Fulcrum (0).
- Wenn geprüft wurde, ob eine Pfadgelegenheit/Hebel „viabel“ ist, plant man die praktische Umsetzung der Hebelbenutzung und das bedeutet, dass das Fulcrum zum „Zugriff eines Hebels“ wird. Das zugriffliche Fulcrum (1).
- Das zugriffliche Fulcrum ist manchmal wählerisch, was den Hebel angeht, deswegen ist die Verbreitung des zugrifflichen Fulcrums nicht egal für den Wert des Hebels. Wenn ein Hebel in viele Fulcren passt, dann hat man überall Pfadgelegenheiten, wenn der Hebel nur bei Obi im anderen Stadtteil gilt, dann ist der Hebel nur wenig wert. Das hegemoniale Fulcrum (2) oder Fulcrumsverbreitung reguliert den Orientierungswert des Fulcrums.
- Spätestens, wenn der Zugriff gefunden ist, „gilt“ die Wette, was den Fulcrumsbegriff ein weiteres Mal verschiebt, zur Wette auf die Gesamtinfrastruktur. Dabei wird nicht nur das Fulcrum, sondern alle Infrastrukturen, die das Fulcrum stabulisieren, sowie alle an der Hebel-Aktion notwendige eine Rolle inhabende Infrastruktur für die Zeit der Hebelaktion „beliehen“. Ich habe keine Sorge ein großes Risiko einzugehen, wenn ich die U-Bahn nehme, obwohl ich weiß, dass was passieren kann. Eine Hängebrücke über eine Schlucht wäre aber dennoch eine andere Sache? Das beliehene Fulcrum (3).
- Ist der Hebel am Fulcrum angesetzt, dann verwandelt sich der Sinn ein weiteres Mal, denn dann verbinden sich Hebel, Fulcrum und Kraft zu einem temporären, materiell-infrastrukturellen Gesamtfulcrum, also der materiellen Entsprechung der zuvor abgeschlossenen Wette. Hier ist es tatsächliches Maß für Robustheit und Steifheit. Hier kommt es auch auf die interne Beschaffenheit des Fulcrums an und das heißt, dass das Fulcrum in dieser Version ebenso „fraktal“ ist, wie die Wetten, die auf seine Struktur abgeschlossen sind. Jedes Fulcrum ist heterogen, hat stabilere und weniger stabile Teile, die unterschiedlich gut, Stabilität organisieren. Hier geht es also um „Grind“, um Abnutzung, Biegen und Brechen. Und dieser Ort ist kein „Punkt“, sondern eine Kontaktzone oder -Fläche. Das Kontaktzonenfulcrum (4).
- Jedes Kontaktzonenfulcrum hat ein oder mehrere „stabilisierende Fulcren“ in sich, die die Gesamtstabilität auf einer höheren Ebene organisieren. Das Fundament bei Häusern, Gerüststrukturen bei Bühnen, Wurzeln bei Bäumen, das Rückgrat und Muskulatur des Menschen, die „härte“ hinterlegter Assets. Wenn stablisierende Fulcren unter Stress geraten, steht immer die Gesamtstablität des Fulcrums auf dem Spiel. Der Bruch des stablisierenden Fulcrums (5) ist der Ort, wo der „Crash“ beginnt.
- Direkt nach der Hebelaktion wechselt das Fulcrum wieder seine Bedeutung, bzw. verschwindet sie den Erwartungen vieler Hebelnutzenden, denn der Verschleiß Kontaktzonenfulkrums 4 wird oft nicht beachtet, nicht eingepreist, als Externalität verschoben oder idealisiert. Das verdrängte Fulcrum (6) ist das Vergessene/Aufgeschobene/Externalitierte einer Hebelbenutzung.
- Ist eine Pfadgelegenheit erprobt und steht weiterhin zur Verfügung, wird sie ins Pfadgelegenheits-Portfolio aufgenommen. Dort landen Pfadgelegenheiten, wenn sie beliehen werden, um weitere Pfadgelegenheiten darauf anzusiedeln. Aber dein Portfolio ist immer sozial. Wann immer du eine Pfadgelegenheit das erste mal nimmst, beleihst du die Erfahrung anderer, die die Pfadgelegenheit vor dir genommen haben, sie dir gezeigt haben, und dir pausibel gemacht haben, dass sie „viabel“ ist. Gleichzeitig ist dein Portfolio selbst ein „Sprechakt“ und wird von anderen vielleicht beliehen werden, um dieselbe oder ähnliche Pfadgelegenheiten zu gehen. Und viele der Wetten in meinem Portfolio kommen mir und meinem Umfeld nicht wie Wetten vor, bis sie es doch tun. Das Verbuchte Fulcrum (7) ist der soziale Layer unserer Beleihungsstrukturen.
- Wenn eine Pfadgelegenheit schief geht, geschieht der Crash – die Unverfügbarkeit der Infrastruktur und die Abwertung der daran geknüpften Erwartungsportfolios. Das Fulcrum ist gebrochen und das ist in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich dramatisch, doch was sich verallgemeinern lässt: Das ist immer unangenehm, manchmal lebensbedrohlich. Aber es gilt auch: wenn ein Fulcrum bricht, gibt es immer etwas zu lernen. In dem Bruch werden Infrastrukturen und verdrängte Erwartungen sichtbar, die es zu studieren gilt. Das verdrängte Fulcrum liegt offen. Insbesondere muss die Analyse nach dem Bruch stablisierender Fulcren Ausschau halten. Welche essentielle Infrastruktur hat hier nicht gehalten? Ob wir durch einen Crash schlauer werden, hängt davon ab, welche Geschichten wir uns nachher darüber erzählen. Der Fulcrums-Crash (8) ist also der pfadabhängige Riss durch das Fulcrum und die Geschichten, die wir darüber erzählen.
- Ein unbrauchbar gewordenes Fulcrum (Fulcrum-Ruine) nennen wir ein abgeschiebenes Fulcrum (9).
Zusammengefasst:
- inszeniertes Fulcrum[F0] = viabel / Die Pfadgelegenheit
- zugriffliches Fulcrum[F1] = Ansatzort / Zugriffs-Topologie /
- hegemoniales Fulcrum[F2] = die Verbreitung der Zugriffs-Topologie
- beliehenes Fulcrum[F3] = Wette auf die Gesamtinfrastruktur
- Kontaktzonenfulcrum[F4] = Kontaktzone / Steifheit / Robustheit / Verschleiß
- stabilisierendes Fulcrum[F5] = Stabilitätskern / Die Fulcren, die dem Kontaktzonenfulcrum Stabilitität verleihen
- verdrängtes Fulcrum[F6] = externalisiert / verdrängt
- verbuchtes Fulcrum[F7] = sozial habituelles Pfadgelegenheit-Portfolio
- Fulcrums-Crash[F8] = Der Riss im Fulcrum und seine Geschichte.
- abgeschriebenes Fulcrum[F9] = Ruine
Und hier das Gewöhnungsbedürftige: Wenn ich die Hebel:Fulcrums-Mechanik verwende, meine ich potentiell all diese Fulcrums-Schritte/Interpretationen gleichzeitig, denn sie sind miteinander verflochten: Handlung, materielle Infrastruktur und die Erwartungen daran sind untrennbar – sie bilden ein Fulcrum und ich kann im Detail immer fragen, wo ist der Zugriff und wie ist er gestaltet, was ist die Kontaktzone, wird sie halten, wo ist der Verschleiß, wo wird Stabilität organisiert, wer hat es finanziert, von wem wird es beliehen und wer hat es verdrängt, usw.
„Fulcrum“ ist ein „dicker“ Begriff. Die interne Komplexität der Struktur wirkt wie ein semantischer Schwamm, der aus konkreten Beobachtungen mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig aufzusaugen kann.
Die Hebel:Fulcrums-Mechanik erlaubt es nicht nur, neue semantische Wege zu gehen, die quer zu den erwarteten Pfaden liegen, sondern damit auch dieselbe Realität zu beschreiben, nur besser, präziser, konsistenter. detaillierter. Sie erlaubt durch „dicke“ Begriffe eine enorme Komplexitätsreduktion mit nur wenig „Information Loss“ zu bewerkstelligen.
Das Resultat ist eine neue Ordnung von materieller Realität/materiellen Infrastrukturen und semantischem Raum in einem Multidimensionalen Netzwerk, sowie neue Erzählungen für Öffentlichkeit, Finanzmarkt, Wirtschaft, Wissenschaft, Sprache, KI, Plattformen, Politische Ökonomie und so weiter.
Das Problem: Die Hebel:Fulcrums-Mechanik macht uns alle zu Schuldnern unserer Infrastrukturen und weist auf unsere Abhängigkeiten hin. Der relationale Materialismus wird kein Verkaufsschlager.
Zum Weiterlesen
- Hier geht es zum Relationalen Materialismus-Explainer.
- Hier geht es zum Explainer der Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten
- Hier geht es zum Pfadgelegenheiten-Explainer
- Hier geht es zum Dividuums-Explainer
- Hier geht es zum Interdependenz-Theorie und Machtformel-Explainer.













