Journalismus und die Grenze der Wahrheit

Wer den Journalismus in der Wahrheit situiert, kann heute bekanntlich nicht mehr ernst genommen werden. Wer ihn außerhalb der Wahrheit situiert ist dagegen ein Solipsist und/oder Verschwörungstheoretiker und braucht vielleicht professionelle Hilfe.

Man kann dagegen eher sagen, der Journalismus befinde sich immer an der Grenze oder am Rand der Wahrheit. Diese Aussage trifft vielleicht der Begriff des „borderline“- Journalismus recht gut, für den Tom Kummer seinerzeit ans Kreutz geschlagen wurde. Dieser Ecce Homo des modernen Journalismus hat heute so etwas wie ein eigenes Blog, in dessen Manifest er die Wahrheit über seine Wahrheit zu sagen versucht. Und das nenne ich einfach nur konsequent (und vor allem lesenswert). Denn wenn es eine Wahrheit gibt, dann sind Blogs ihr genauso nahe oder fern, wie der klassische Journalismus. Da Blogs diesen Nicht-Ort aber bejahend in Kauf nehmen, sind sie zwar nicht wahrhaftiger, aber durchaus authentischer als es die klassischen Medien sein können, die weiterhin auf ihre Autorität der Auslegung pochen.

So ist Tom Kummer vielmehr der Sokrates unserer Tage, der durch sein Bekenntnis: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ die klassischen Medien ihrer eigenen Unwissenheit und Arroganz überführt oder sie vielleicht sogar dekonstruiert.

Nachdem der Schierlingstrunk also verdaut ist: ein herzliches Willkommen im Hades des Internets, Tom. Hier, an der Grenze der Wahrheit, in dieser Zwischenwelt, deren Konstitution wir uns alle zur Aufgabe gemacht haben, hast du die Freiheit deine Grenzen so zu ziehen, wie sie am besten zur Geltung kommen. Denn in Wirklichkeit befinden wir uns nicht an der Grenze der Wahrheit, sondern wir sind diese Grenze.

[Via: Don Alphonso]


Die Revolution und ihre Kinder

die sind sich nicht immer ganz so einig…
Der grandiose Text von Stefan Niggemeier in der FAS ist ja nun schon einmal quer durch die Blogsphäre gelinkt worden. Der Herr Sebas hat nun in einem bemerkenswerten Text gekontert und Niggemeier steigt mit eigenem Kommentar gleich mit in Sebas Ring. Wirklich lesenswert.


Bono and friends



[via loewe10]

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Abgelehnt

Mist! Das Patentamt hat mein Patent zum „Bullshit-Patentieren“ abgelehnt. Hier ein Auszug aus meiner Patentschrift:

Bullshit-Patentieren ist ein revolutionäres und eminent neues Verfahren, durch Patentierung von allgemeinen bekannten und technisch banalen Alltäglichkeiten Geld zu verdienen. Der Vorteil zum herkömmlichen Patentieren ist die enorme Ersparnis von Geld und Zeit und Kreativität, die sonst sinnlos in die Entwicklung von technischen Neuerungen gesteckt werden müssten.

Die Begründung des Patentamtes: Mein Patent sei eine „allgemein bekannte und technisch banale Alltäglichkeit.Gerade erst von Cingular Wireless praktiziert.


flock

Dass eine Mutter ersetzbar ist, leuchtet mir ja noch ein, aber dass sie ersetzbar ist, weil sie einzigartig ist, will in meinen Schädel noch nicht rein.

Diese Einzigartigkeit/Ersetzbarkeit der Mutter ist gleichzeitig der Ort der Verrücktheit, der einzige Ort des Wahnsinns. So jedenfalls sagt es Derrida, der olle Spinner.

Ach ja, ihr Web2.0-basher: Ich hab diesen Eintrag mit Flock geschrieben. Nur um euch zu ärgern 😉

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Winners

ist Programm, denn die Winners sind die Focusleute (nein nicht wegen der Bilder), denn Focus macht Programm … also Fernsehprogamm … im Internet … jedenfalls, wenn es nach Winners Zukunftsvisionen geht. Stefan Winners nämlich ist Focusredakteur und spinnert sich in einem bemerkenswert feuchten Traum ganz öffentlich die Zukunft devot. Das ist ja nun auch nicht verboten, solange man die Hose dabei anbehält und nachher brav sauber macht. Aber schaun wa mal was der so sagt.

Also: Die Technologien werden 2006 wachsen und gedeien, das Internet wird sprießen, und … naja, „senden“. Ja, genau: senden. So wie ein Fernseh- oder Radiosender. Denn nachdem Spinners die Weiterentwicklung des Internets vor allem auf die tollen neuen UMTS-Handys und die HDTVs zurückführt, sollen nun doch endlich alle TV Kanäle im Internet „senden“. So weit, so bescheuert.
Der Focus, der, wie man ja weiß, ein ganz fortschrittliches Medienunternehmen ist, wird dabei seinerseits mit Focus.de auf diesen TV/Internet-Hype aufspringen. Das ganze kulminiert dann in dem fontainenartigen Orgasmus:

Grund für den Erfolg der neuen Technologien waren die neuen Inhalte. Ab 2007 begann FOCUS Online mit täglichen Nachrichtensendungen, produziert wie eine Fernsehsendung. 2008 schauten jeden Abend über eine Millionen Menschen Focus.de – bis 2010 wuchs die Zahl der Zuschauer auf drei Millionen pro Tag.

2008 wird ein unglaublich fortschrittliches Jahr. Statt mit der Familie also Abends vor der langweiligen Tagesschau zu sitzen, wird man einfach Focus.de einschalten und alles ist supa.
Manoman, ich weiß gar nicht was ich sagen soll, das ist ja UNGLAUBLICH! What’s next? Vielleicht Zeitungen im Internet? Oder gar Radio? Was kommt da noch alles auf uns zu? Höhlenmalerei online? Die Möglichkeiten scheinen ja UNBEGRENZT!

/*ironimode off

Also Herr Loosers, ich bin Internetnutzer, also etwa das, was sie mit „Zuschauer“ verwechseln. Denn im Gegensatz zum Fernsehmästfieh habe ich eine Stimme, so wie ich viele andere auch. Und mit dieser welcher sage ich Ihnen: Ich will ihre „Inhalte“ nicht „schauen„! Viel lieber will ich Leuten wie ihnen verbal die Hölle heiß machen. Ich will mir öffentlich auf die Schenkel schlagen, wenn Sie versagen und – da bin ich sicher – Sie werden versagen, Sie und Ihre ganze bilderfäschende Bande. Ich werde jeden Pups von Ihnen und Ihresgleichen so laut verstärken, dass ihn jeder hören kann. DAS IST FÜR MICH DAS INTERNET! Und deshalb liebe ich es.
Gute Nacht.

[via Dezentrale]


Johannes

Ich weiß, wenn jemand stirbt, dann sollte man etwas nettes über ihn sagen. Und ich bin mir sicher, dass es viel Nettes über Johannes zu sagen gibt. Johannes war zweifellos ein netter und über seine Nettigkeit könnte man sicher Bände von Literatur füllen. Aber wie beim „Anhalter durch die Galaxis“ schreitet hier meine innere Redaktion ein und kürzt den ausufernden Nachruf auf:
Größtenteils harmlos.“

Und das „Größtenteils“ hab ich ihr schon mit Mühe abgerungen…

(jaja, ich bin ein Arschloch …)


Einleitung

Habe jetzt mal einen ersten Entwurf für die Einleitung meiner Magisterabeit geschrieben, in dem ich die wichtigsten Gedanken zu Thema und Methodik niedergeschrieben habe.

FÜr die die es noch nicht wissen: Der Titel lautet:

Der Ort „Walter Benjamin“

Name und Übersetzung im Werk von Jacques Derrida und Walter Benjamin

In „Die Aufgabe des Übersetzers“ bezeichnet Benjamin Hölerlins Sophoklesübersetzung als „Urbilder ihrer Form“. Er sagt nicht etwa, dass die Hölderlinübersetzung die Übersetzung eines Urbildes sei, sondern er sagt, diese Übersetzung oder ihre Form sei selbst ein Urbild. Sie ist also die Übersetzung schlechthin, das Ideal oder der Prototyp, das allgemeingültige Beispiel einer Übersetzung. Als ein abgeleitetes Urbild ist es also das Urbild der Ableitung oder das Urbild des Ableitens im Allgemeinen.

Benjamin konstatiert dies ganz selbstverständlich, ganz ohne Beunruhigung und ohne eine Rechtfertigung dieses offensichtlichen Paradoxes. Von welchem Ort aus kann Benjamin mit solch einer Bestimmtheit vom Urbild der Übersetzung sprechen? Von welchem Ort aus lässt sich das Urbild und Übersetzung in eins denken? Dieser Ort ist, so wird hier angenommen, der Ort „Walter Benjamin“. Ihn auszumachen soll Gegenstand dieser Arbeit sein, obwohl oder gerade weil dieser Ort kaum umstrittener sein könnte. Schon wenn es um die Frage geht, ob Benjamin in der Philosophie oder eher in der Literaturkritik zu verorten sei, ob man ihn der Theologie, der Esoterik oder doch dem Materialismus zurechnen sollte, ob man ihn vielleicht der kritischen Theorie oder eher dem Poststrukturalismus zuordnen kann, ob er als Kantschüler oder schon als Hegelianer gelten darf, ob er vormodern, modern oder postmodern sei – es gibt nur wenige Kategorien, in der Benjamin noch nicht gesehen wurde. Diese Uneinigkeit in der Benjaminforschung und die Heterogenität seiner Auslegung spiegeln sich, so scheint es, in diesem Begriff des „Urbilds der Übersetzung“ als der Ort all der Möglichkeiten seiner Aneignung. Benjamin ist vielleicht selber den heiligen Texten ähnlich, von denen er sagt, sie seien „übersetzbar schlechthin“.

Einer der Orte, von dem her Benjamin heute gedacht wird, ist vielleicht deshalb häufig in der Dekonstruktion situiert worden. Tatsächlich decken sich viele Gedanken und Themen Benjamins mit denen Derridas und auch Derridas ausdrückliche Bezugnahmen auf Benjamin runden dieses Bild ab. Vor allem „Übersetzung“ und „Name“ sind Begriffe, die in den Werken beider Autoren eine wichtige Stellung einnehmen. Es scheint fast so, als würden die beiden Werke auf eine gewisse Weise kommunizieren. Deshalb soll Derrida hier den relativen Bezugspol bilden, als ein Ort an dem die Suche nach dem Benjamins sich immer wieder neu ausrichtet. Dieser Ort ist nicht zu verstehen als der Ort, an dem man Benjamin ausrichten sollte oder müsste. Er ist aber auch nicht rein willkürlich oder zufällig, sondern er ist ganz bewusst als einer der möglichen Orte ausgewählt, von dem man, wie mir scheint, Benjamin übersetzen kann. Dieser Ort ist zudem vollkommen unfähig meine ganz persönlichen Präferenzen zu leugnen und er wird mein Bild von dem Ort, den ich vorgebe zu suchen schon von vornherein vorverorten.

Derrida hat in seine Philosophie keinerlei „System“ gebracht. Ein System, verstanden als in sich abgeschlossenes theoretisches Modell, ist grundsätzlich mit Derridas Philosophie der Dekonstruktion unvereinbar. Die Dekonstruktion arbeitet vielmehr auf den Systemen anderer, vornehmlich derer der westlichen Philosophie, die sie aber eben dadurch grundsätzlich in Frage stellt. Diese Infragestellung ist dabei immer auch die Infragestellung des Systems „System“ oder des Modells „Modell“ an sich. Denn ein Modell oder ein System impliziert immer eine durch idealisierte Erklärungsmuster gerechtfertigte Deutungsmacht, also eben genau das, wogegen sich die Dekonstruktion seit jeher wendet.

Diese Nicht-Systematik der Dekonstruktion stellt jeden Autor, der sie darstellen will, vor ein Problem. Eine systematische Einführung in die Dekonstruktion kann es also nicht geben. Aus diesem Grund wird hier auch auf einen einleitenden theoretischen Teil, der die Dekonstruktion „erklärt“ verzichtet. Stattdessen soll sie anhand verschiedener Texte Derridas vielmehr „in Szene“ gesetzt werden. Dabei wird die Anwendung auf Benjamins Konzepte seiner Philosophie zugleich erprobt.

Benjamins Werk ähnelt dem Derridas in diesem Punkt. Auch er hat keine „Theorie“ hinterlassen. Es finden sich vielmehr Theoriefragmente, die weit verstreut in Benjamins Schriften, einerseits immer wieder unterschiedlich reformuliert werden aber andererseits eine Kontinuität durch eine wiederkehrende Terminologie und Metaphorik versprechen. Allerdings sind die Terme und Bilder in ihrer Wiederkehr niemals sie selbst, sondern verhüllen sich jedes mal in neuen Metaphern, Namen und Bildern. Diese Unstetigkeitmacht es notwendig, sie ineinander zu übersetzen und so eine Kontinuität zu evozieren, die das Denken Benjamins überhaupt lesbar macht. Dieser Notwendigkeit der Übersetzung soll insoweit Rechnung getragen werden, als die Lektüren der Texte jeweils für sich vonstatten gehen, aber dabei wiederum den Anschluss zu den vorher herausgearbeiteten Merkmalen suchen. In diesen Durchgängen wird sich eine Spur oder Bahnung herauskristallisieren, denen durch unablässiges Übersetzen versucht wird zu folgen, immer getragen von der Hoffnung und dem Glauben an diesem Ort „Walter Benjamin“ anzukommen.

Das gleiche gilt ebenso für die angesprochenen Parallelen zwischen Derrida und Benjamin. Ihre Konzepte einander gegenüberzustellen und zu vergleichen erscheint nicht ausreichend. Vielmehr soll es darum gehen, Derrida mit und gegen Benjamin und Benjamin mit und gegen Derrida zu denken. Auch hier muss also Übersetzungsarbeit geleistet werden und die Parallelen, von denen hier so vorschnell die Rede ist, müssen in diesem stetigen Prozess erst hergestellt werden.

Ich werde also ab und zu auch eine Übersetzung der beiden Philosophen ineinander versuchen. Diese Übersetzungen werden sicher an machen Stellen gewagt erscheinen. Man muss aber eingestehen, und darum wird es in dieser Arbeit auch gehen, dass eine Übersetzung grundsätzlich ein Wagnis ist.

—-Ende ->

Kommt natürlich noch mehr rein. Ist nur ein erster grober Entwurf. Über kritisches und auch wohlwollenden Feedback in den Kommentaren wäre ich sehr dankbar.

Nachtrag: Hab nochmal ein Update nachgeschoben. Danke Doubl, hast recht 🙂


Die Null

Gestern bin ich wieder über ein altes Buch gestolpert, das mich schon vor Jahren faszinierte. „Die Null und das Nichts“. Brian Rotman ist Mathematiker und hat sich mit der Kulturgeschichte der Null auseinandergesetzt. Obwohl das Buch eher populärwissenschaftlicher Natur ist (so wie eigentlich alles, was so aus den USA herübergeschwappt kommt), sind die Gedanken zu dem Thema durchaus sehr inspirierend.

Er bedient sich einer Art foucaultschen Archäologie und verwickelt die Einführung der arabischen Ziffern (und der damit der Null) im Abendland mit der Erfindung der Zentralperspektive und dem Aufkommen des Geldes, das die Tauschwirtschaft abgelöst hat. Die Parallelen sind frappierend und geben Anlass über die Notwendigkeit und die artifizialität des Nullpunktes im abendländischen Denken zu philosophieren.

Ich hab mir dort gestern das letzte Kapitel „Text“ durchgelesen, wo er seine Ergebnisse auf die Dekonstruktion Derridas anwendet. Der Nullpunkt als markierter Ursprung in der Logik der Mathematik, sozusagen das semiotische Präsenzmodell der Logik schlechthin, müsse neu gedacht werden. Abgesehen davon, dass ich selten eine so gute Wiedergabe des derridaschen Denkens in der Sekundärliteratur gelesen habe (auch noch von einem Fachfremden), ist seine Gegenüberstellung von frei flottierendem Geld und dem post-dekonstruktiven Zeichen wegweisend. (Jaja, so was ähnliches hat auch schon Baudrillard beschrieben, nur viel platter).
Der Geldstrohm heutiger Kapitalmärkte (er nennt es Xenogeld), der keinerlei Wertreferenz mehr „bezeichnet“ ist die Quasi-Dekonstruktion der vorherschenden ökonomischen Denkmodelle.


Also, warum hört dem Kerl denn keiner zu? Fight Zero!


Hamburg on ice