Ich lehne Marx‘ Arbeitswerttheorie ab und hier ist warum

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Einleitung

Gerade habe ich Paul Masons Buch Postcapitalism (Amazon Affiliate Link (ja, ich brauche das Geld)) gelesen und muss sagen, das ist eine lesenswerte Lektüre. Es gibt aber ein Problem und zwar ist Mason Marxist und er argumentiert mit verve mit der Arbeitswerttheorie. Unglücklicherweise lehne ich diese Theorie ab und muss mich seitdem in meinem vornehmend sehr linken Freundeskreis immer wieder dafür rechtfertigen.

Deswegen ist Mason zwar der Anlass, warum ich hier über die Marxsche Arbeitswerttheorie schreibe, aber er ist nicht der Grund. Der Grund sind die unzähligen Stunden, die ich mit Diskussionen verbracht habe, wenn ich mal wieder mit Marxist/innen auf diese Frage gestoßen bin. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, habe mich ihnen zu liebe jetzt schon so oft mit Marx‘ Kapital rumgequält, habe Sekundärtexte gelesen, habe versucht zu verstehen und nachzuvollziehen, aber ich habe keine Lust mehr.

Die Idee dieses Textes ist also sowas wie ein Befreiungsschlag. Nicht in dem Sinne, dass ich mit diesem Text jetzt alle Marxist/innen bekehren werde (wahrscheinlich nicht einen einzigen). Die Idee ist vielmehr einen Link zu haben, den ich posten oder weitergeben kann, wann immer ich mich genötigt sehe, mal wieder zu erklären, warum ich nicht von der Arbeitswertheorie überzeugt bin.

Arbeitswerttheorie, was ist das?

Zunächst muss ich mich hier weit aus dem Fenster lehnen, denn ich muss für alle, die nicht genau wissen, was gemeint ist, die Arbeitswerttheorie erklären. Leider kann man das nur falsch machen. Marxist/innen teilen die Welt für gewöhnlich in zwei Lager ein: Nein, nicht Arbeiter und Kapitalisten, sondern Marxist/innen und Menschen, die die Arbeitswerttheorie nicht verstanden haben. Und tatsächlich ist die Theorie wahnsinnig kompliziert und ihre Entwicklung erstreckt sich über das gesamte Werk von Marx. Der Diskurs dazu ist zudem extrem tradiert und wurde in alle möglichen Richtungen weiterentwickelt. Es gibt mehr als eine, mehr als zwei, vermutlich 10 bis 20 unterschiedliche Lesarten, Auslegungen und Weiterentwicklungen. Und nein, ich habe sie nicht alle gelesen. Ich werde hier nur die Grundzüge erläutern und nicht in die Details gehen. Das reicht aber vollkommen aus, da meine Ablehnung der Theorie auf einer sehr grundsätzlichen Ebene ansetzt.

Also hier meine Zusammenfassung: Marx fragt sich gleich zu beginn des Kapitals, wie es kommt, dass den Waren ein gewisser Wert zugeschrieben wird. Er sieht zum einen, dass Menschen eine Ware etwas wert ist, weil sie nützlich ist. Diesen Nützlichkeitswert nennt er den Gebrauchswert. Er sieht aber auch, dass den Menschen eine Ware so viel wert ist, wie x Einheiten einer anderen Ware. Waren stehen also in einem Äquivalenzverhältnis, welches er Tauschwert nennt. Und ab nun geht es vor allem darum, wie dieser Tauschwert zustande kommt.

Marx‘ Antwort ist Arbeit. Jeder Tauschwert ist im Grunde ein Ausdruck der Arbeit (auch: abstrakte oder gesellschaftlich notwenige Arbeit), die beim Produktionsprozess in eine Ware gesteckt wird. Und etwa ab hier wird es kompliziert, denn Marx versucht nun über sein gesamtes Werk hinweg zu erklären, wie diese Verrechnung von statten geht. (An dieser Stelle sei mit Vorsicht und etwas Ratlosigkeit angemerkt, dass bei Marx Tauschwert und Preis nicht das selbe sind. Es gibt bei Marx eine gewisse Anerkennung von Marktkräften, die den Preis ebenfalls determinieren. Der Tauschwert verwirklicht sich zwar im Preis, kann aber davon wesentlich abweichen. Wenn aber von der Arbeitswerttheorie nicht auf den Preis geschlossen werden kann, fragt sich für mich, zu was sie überhaupt gut sein soll … egal, nehmen wir das einfach zur Kenntnis.)

Es wäre nun natürlich zu einfach, nur die konkreten Arbeitsstunden zu verrechnen, denn die Arbeitsstunden selbst haben ja ebenfalls unterschiedliche Tauschwerte, denn auch die Arbeit selbst ist ja eine Ware, in die Arbeit eingeflossen ist (Ausbildung, Erfahrung, etc.) sowie die Arbeit, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten („Reproduktionsarbeit“).

Eine weitere Komplexitätsstufe wird erreicht, wenn man bedenkt, dass der Arbeitswert auch durch die Produktivkraft beeinflusst ist. Wenn ein Arbeiter/eine Arbeiterin durch eine neue Maschine an einem Tag 100 statt nur 50 Schuhe herstellen kann, dann wirkt sich das ebenfalls auf den Wert der Ware aus, aber eben nicht einfach, dass der Wert sich halbiert, denn man muss ja noch bedenken, dass der in der Maschine enthaltene Arbeitswert (um sie zu konstruieren) ebenfalls auf den Warenwert umgelegt werden muss, etc. Ihr könnt euch das Durcheinander vorstellen.

Den Arbeitern wird aber eben nicht der volle Wert ihrer Arbeit ausgezahlt, sondern nur der Teil, der für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft notwendig ist. Der Rest – der Mehrwert – geht als Profit in die Bilanzen des Kapitalisten ein. Daraus ergibt sich also das Ausbeutungsverhältnis.

Das war jetzt etwas verkürzt, aber wie gesagt, so tief müssen wir da jetzt nicht rein, denn mein Unglaube setzt bereits grundsätzlicher an. Bei der Existenz des Wertes ansich.

Meine Kritik

Ich glaube nicht an die Marx’sche Arbeitswerttheorie. Ich glaube nicht, dass ein Wert in den Waren oder Gütern existiert. Und ja, diese Frage ist eine Frage des Glaubens. Genau so wie ich als Atheist nicht die Nichtexistenz Gottes beweisen kann, kann ich nicht die Nichtsexistenz des Wertes beweisen. Aber genau so, wie ich meinen Atheismus dennoch begründen kann, kann ich Gründe dafür anführen, warum ich nicht an den Wert glaube.

Grund 1. Das, was der Arbeitswert erklären will, lässt sich anders – leichter, einfacher und schlüssiger – erklären.

Occam’s razor beschreibt ein wissenschaftsphiliosophisches Prinzip, dem ich mich voll und ganz anschließe. Es lautet etwa so: Wenn es verschiedene Hypothesen zu einem Sachverhalt gibt, dann sollte man diejenige wählen, die am wenigsten Vorannahmen erfordert. Etwas verkürzt könnte man sagen: die vorraussetzungsärmste Theorie gewinnt.

Schon sehr früh, wurde der Werttheorie mit Gegentheorien begegnet. Die vorherrschende „bürgerliche Auffassung“ vom Austauschverhältnis der Waren ist seitdem, dass der Preis sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage der Ware zusammensetzt. Die Theorie dazu nennt sich Grenznutzentheorie. Diese Theorie verwirft die Idee eines allgemeinen, objektiven Wertes und sagt, dass Wert einer Ware (bürgerlich: „eines Gutes“) subjektiv als Nutzen empfunden wird. Allerdings auch nicht zu allen Situationen gleich. Wenn ich gerade keinen Hunger habe, hat eine Bratwurst keinen Nutzen für mich. Wenn ich bereits ein Auto habe, ist mein Willen, ein weiteres zu kaufen, sehr viel geringer. Die akkumulierten Nutzen verschiedener Konsumenten an einer Ware bilden die Nachfrage. Demgegenüber steht das Angebot, dass diese Nachfrage versucht zu bedienen. Schafft sie es nicht, erhöht sich der Preis, bietet sie mehr als die Nachfrage, sinkt er.

Vergleichen wir also die Voraussetzungsreichtum beider Theorien.

Arbeitswertheorie:

  • Die Existenz einer „Wertsubstanz“ wird bei Marx nicht hinterfragt, sondern apriori als gegeben vorausgesetzt. Dass ein empfundener Tauschwert evtl. sozial konstruiert ist, dass also der Preis den empfundenen Tauschwert determiniert statt umgekehrt, wird nicht mal in Betracht gezogen.
  • Es braucht eine Art Transformationsprozess, der die Arbeitszeit als Wertsubstanz in der Ware anlegt. Wie das funktionieren soll, wird ebenfalls nicht geklärt, sondern einfach vorausgesetzt. Zudem fragt sich, wie sich die in Maschinen gespeicherte Wertsubstanz auf die Produkte überträgt. Alles sehr rätselhaft.
  • Menschen hingegen brauchen für diese Theorie eine Art Sensorium mit dem sie den Wert einer Ware einschätzen können. Ein sechster Sinn? Bei zunehmend komplexen Fertigungsprozessen, ist einer Ware die Herstellungsarbeitszeit nicht mehr anzusehen.

Ich kenne mich mit Marxismus nicht sonderlich gut aus und bin auch kein Ökonom. Ich kenne mich aber ganz gut mit Theorien aus. Diese hier ist schlecht. Schlecht as in Esoterik-level schlecht. (Falls Marx diese Vorannahmen doch irgendwo ausgeräumt hat, mögen Marxexperten mich hier bitte belehren.)

Grenznutzentheorie:

  • Es braucht nutzenoptimierende Akteure, die rational-egostisch danach streben, stets den besten Deal zu suchen, the biggest Bang for the Buck. Ihr wisst schon, dieser Unsympath namens Homo Oeconomicus.
  • Zudem braucht es einen transparenten Markt, also die Idee, dass die Nachfrager an den Märkten über alle Angebote bescheid wissen und die Anbieter die Nachfrage einschätzen können.

Auch diese Theorie ist schlecht, denn man kann diese Vorannahmen ebenfalls mit einem gewissen Recht in Zweifel ziehen. Als strenge Vorannahmen funktionieren sie nicht, denn die Akteure sind natürlich Menschen und damit nicht absolut zweckrational und der Markt ist natürlich nicht absolut transparent und schon die Idee, die Nachfrager würden viel Aufwand treiben, um Angebote einzuholen, ist recht weltfremd. Dem kann man allerdings gegenüberstellen, dass der Preismechanismus auch bei nur annähernder Erfüllung von Transparenz und Rationalität bereits hinreichend funktioniert. Uns sind Preise nicht völlig egal, Natürlich versuchen wir in gewissem Maße zu optimieren. Nur den Aufwand, den wir dafür treiben, ist recht überschaubar und wird von vielen anderen Einflussfaktoren flankiert.

Fazit:

Ich persönlich finde auch die Grenznutzentheorie nicht sonderlich überzeugend. Wir haben es hier also mit zwei schlechten Theorien zu tun. Die Grenznutzentheorie ist allerdings mit großem Abstand die weniger schlechte, weswegen sie zu präferieren ist.

Grund 2: Ich glaube zu verstehen, warum es zu der Annahme eines Arbeitswertes hat kommen können.

Zunächst ist die Theorie des Arbeitswertes gar nicht Marx‘ Idee gewesen. Sie war zu seiner Zeit schlicht die vorherrschende Auffassung, wie Wirtschaft funktioniert. Schon Adam Smith hat an den Wert durch Arbeit geglaubt und nach ihm David Ricardo. Vor allem an letzterem hat sich Marx dann auch abgearbeitet.

Zu Lebzeiten Marx war auch die Physik noch eine andere. Es war nicht nur die Zeit vor Einsteins Relativtätstheorie, sondern auch noch eine Zeit, in der selbst die größten Physiker noch an den sogenannten Äther glaubten. Der Äther, so war man der Überzeugung, sei das Medium, in dem sich Licht ausbreitet. Es war keine andere Erklärung denkbar zu der Zeit. Schall- oder Wasserwellen sind ja schließlich auch nur bewegte Materie, warum sollte es sich mit elektromagnetischen Wellen anders verhalten? Die Tatsache, dass ein Äther bis dato noch nicht nachgewiesen war, veranlasste zwei Physiker noch zu Lebzeiten Marx dazu, einen Apparat zu bauen, der den Äther endlich einmal vermessen sollte. Die Messungen von Michelson und Morley waren allesamt eine Reihe von Reinfällen. Sie konnten den Äther nicht nachweisen und haderten deswegen Zeitlebens mit ihrem Ingenieursgeschick. Weil zu dieser Zeit kein ätherloses Universum vorstellbar war, kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass ihr Nachweis seiner Nichtexistenz, sogar ein revolutionärer Erfolg gewesen ist. Bis weit ins 20ste Jahrhundert hinein wurden ähnliche Experimente durchgeführt, weil sich einige Menschen nicht von der Äthertheorie lösen können.

Ich glaube, auch die Arbeitswertheorie war wie die Äthertheorie einfach Ausdruck eines Zeitgeistes. Und Marx kam deswegen kaum in den Sinn, sie in Frage zu stellen. Die Frage war für ihn nicht, ob den Waren ein Wert innewohnt, sondern nur, wie er zustande kommt.

Die Idee des Äthers kommt daher, dass die Wellenformen, die man sonst so kannte, immer in einem Medium stattfanden. Wasserwellen im Wasser und Schallwellen in der Luft. Ich habe den Verdacht, dass die Idee des Wertes ebenfalls aus der Physik kommt, genauer vom Energieerhaltungssatz. Der erste Satz der Termodynamik bedeutet unter anderem, dass Gegenstände Arbeit als Energie absorbieren und speichern können. Wenn wir zum Beispiel eine Kugel heben (physikalische Arbeit verrichten), dann ist diese Arbeit als potentielle Engergie in der Kugel gespeichert. Sie wird, wenn wir sie fallen lassen, in Form von kinetischer Energie wieder freigegeben. So nahe diese Metapher auch liegen mag; den physikalischen Begriff von Arbeit auf den sozialen Begriff von Arbeit zu beziehen, ist eine gewagte Operation, die jedem heutigen Theoretiker um die Ohren gehauen würde.

Eine zweite Inspiration für den Arbeitswert kann man dem Kapital direkt entnehmen. Marx begründet den Arbeitswert dadurch, dass es doch etwas gemeinsames geben müsse, dass den Wert der Waren äquivalent mache. Dieses gemeinsame sei eben die menschliche Arbeit, die in die Produktion gesteckt werde.

Gehen wir einen Schritt zurück: Eine der wesentlichsten Veränderungen, die die Industrialisierung gebracht hat, ist die Massenproduktion. Vorher wurden die meisten Gegenstände individuell hergestellt und verkauft. Jeder Stuhl und jedes paar Schuhe waren individueller Ausdruck der Handwerkskunst und Sorgfalt ihres Herstellers. Es gab also nur Unikate. Zwischen Anbieter und Nachfrager entspann sich zudem eine Verhandlung, um die Frage, wie viel das Hergestellte wohl wert sei. Am Ende der Verhandlung einigte man sich per Handschlag und Ware und Geld wurden getauscht. Der erzielte Preis war Ausdruck sowohl der individuellen Qualität der Ware, wie auch des Verhandlungsgeschicks sowie der Beziehung der jeweiligen Geschäftspartner. Es gab damals nichts gemeinsames aller Waren.

Mit der Industrialsierung ändert sich das. Als nun die Massenproduktion Stühle und Hemden in hohen Stückzahlen herstellte, die alle einander wie ein Ei dem anderen gleichen, trat auch eine neue Preisfindungsstrategie auf den Plan: Alle Waren bekamen den selben Preis.

Wenn man nun die Transition vergegenwärtigt: Von der indivduellen Herstellung individueller Waren, die zu individuellen Preisen verkauft werden – hin zu massenhaften einander gleichenden Massenwaren, die nach standardidierten Verfahren hergestellt einen gemeinsamen Preis erzielten. Ein Einheitspreis weist also auf einen Einheitswert hin, der wie es scheint, wiederum aus der einheitlichen Produktionsweise herleitbar ist. Dass es die menschliche Arbeit war, der diesen Einheitspreis als Einheitswert rechtfertigte, lag also nahe.

Die Wahrheit aber ist, dass der Einheitspreis weniger auf einen Einheitswert, als vielmehr einer im Massenmarkt folgerichtigen Vertriebsstrategie entspringt. Es ist zwar sehr wohl möglich, massenproduzierte Waren zu unterschiedlichen Preisen zu verkaufen, jedoch nur unter der Voraussetzung komplexer Vertriebsstrukturen, die wiederum hohe Transaktionskosten verschlingen würden. Marx konnte Transaktionskosten noch nicht kennen, sie wurden erst im 20sten Jahrhundert entdeckt. Massenprodukte wurden zu Einheitspreisen verkauft, nicht weil sie „gleich viel wert waren“, sondern schlicht, weil es einfacher war.

Fazit: Es lassen sich spezifische zeitgenössische Umstände identifizieren, die zu der These eines Arbeitswertes ausschlaggebend gewesen sein könnte. Das widerlegt die These natürlich nicht, macht aber ihr Entstehen unabhängig vom ihrem Wahrheitsgrad plausibel.

Grund 3: Ich glaube überdies verstanden zu haben, warum die Arbeitswerttheorie bis heute in gewissen Kreisen bestand hat.

Der wesentliche Hauptgrund für die Tatsache, dass die Arbeitswerttheorie bis heute nicht totzukriegen ist, liegt natürlich daran, dass sie in Marx Werk einen so zentralen Stellenwert hat. Sie erklärt, wie der Mehrwert entsteht und skandalisiert damit die Ausbeutungsverhältnisse. Damit schultert die Werttheorie auch die gesamte politische Moral des Marxismus. Ohne Wertheorie kein Mehrwert, ohne Mehrwert keine Ausbeutungsverhältnisse und ohne Ausbeutungsverhältnisse keine moralische Logik der Revolution. Kurz: ein Marxismus ohne Werttheorie ist eigentlich nicht denkbar.

Der zweite Grund, warum sich die Werttheorie (in gewissen Kreisen) bis heute halten konnte, ist, dass sie bis heute nicht ganz abwegige Resultate produziert. Vieles von den Mechaniken, die Marx mit der Werttheorie folgert, finden sich tatsächlich in der realen Wirtschaft wieder. Die Werttheorie „wirkt“ bisweilen richtig.

Huch? Wie kann das sein?

Ich sagte bereits, dass ich die Grenznutzentheorie nur für begrenzt nützlich halte. Jedenfalls ist sie unvollständig, wenn man nicht sowas schnödes, wie die Kostenrechung mit einbezieht. Und die Kostenrechnung sagt: Egal, was für eine Grenznutzenpräferenz der Kunde hat: Wenn er nicht bereit ist, dem Anbieter der Ware mindestens so viel Geld zu geben, dass der die Kosten der Ware wieder einfährt, wird er den Deal nicht eingehen. Mit anderen Worten: Waren werden nie unterhalb ihrer Herstellungs-(oder Beschaffungs-)Kosten verkauft.

Nun sind Kosten – und zwar zu Marx Zeiten noch sehr viel mehr als heute – sehr durch die in sie einfließenden Lohnkosten bestimmt. Lohnkosten sind häufig der größte Posten bei der Herstellung von … egal was.

Wenn nun also Waren in einem Markt von verschiedenen Akteuren in einem gegenseitigen Konkurrenzverhältnis angeboten werden, werden diese nach dem Marktgesetz auf Dauer nur unwesentlich höhere Preise erziehen, als ihre Stückkosten. Marx Arbeitstheorie und die gängigen Wirtschaftstheorien sind sich also im Ergebnis lustiger Weise einig.

Bei ausgedehnter Produktion (also wir skalieren die Menge der produzierten Waren), marginalisieren sich die anteiligen Fixkosten (Fabrik, Maschinen, etc.) aus der Rechnung und die Stückkosten nähern sich immer mehr an ihren Grenzkosten (die Kosten, das jedes zusätzlich produzierte Stück kostet) an.

Mit anderen Worten: in vielen Situationen eines entwickelten industrialisierten Kapitalismus verhält sich der angenommene Warenwert nach Marx analog (quasi proportional) zu den Grenzkosten – und damit zum Preis. Das gilt vor allem auch die Produktivkraft/Produktivität durch Rationalisierung/Automatisierung betreffend. Je höher der Automatisierungsgrad, desto geringer der Wert/die Grenzkosten. Es ist exakt diese Analogie, weshalb Paul Mason in seinem Postkapitalismus die Thesen von Jerimy Rifkins Zero Marginal Cost Society einfach marxistisch adaptieren konnte.

Fazit: Es ist bei der Analyse einiger wesentlicher Phänomene des Kapitalismus quasi egal, ob man sie marxistisch oder neoklassisch betrachtet. Das macht die Arbeitswerttheorie nicht richtiger. Aber wie sagt man so schön: alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich.

Grund 4: Ich lehne die Arbeitswerttheorie auch politisch ab. Ich glaube, dass sie eine politische Sackgasse aufgemacht hat, die bereits viel Schaden angerichtet hat.

Gut, die Arbeitswerttheorie ist vielleicht nicht ganz koscher, aber hey, sie ist doch nützlich. Warum also überhaupt gegen anstinken? Lass denen doch ihren Spaß.

Ich habe tatsächlich ein Problem mit der Theorie, das darüber hinaus geht, dass ich sie für falsch halte. Und dieses Problem ist die implizite Moral, die sie erfolgreich in den politischen Diskurs eingeschleust hat. Eine Moral, die einmal sehr hilfreich war, aber – so meine Auffassung – heute toxisch wirkt.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht eine weitere Inspiration für die Werttheorie von Marx anführen: die Eigentumstheorie von John Locke. John Locke hat zu seiner Zeit philosophisch zu begründen versucht, warum es Eigentum gibt/bzw. geben muss. Eine kurze Zusammenfassung: Zunächst definiert er die Freiheit des Menschen als naturrechtliches Eigentum an sich selbst. Daraus folgt er das naturrechtliche Eigentum des Individuums an seiner eigenen Arbeit. Mithilfe der Arbeit kann der Mensch sich die Natur also aneignen und die angeeignete Natur wiederum ist somit sein natürliches Eigentum.

Der Kontext ist hier wichtig. John Locke argumentiert hier natürlich moralisch (die klassisch-liberalen Denker waren alle große Moralisten, ja, auch Adam Smith). Es ging natürlich darum, diese Argumentation den Feudalherren als Begründung für Illegitimität ihrer absoluten Besitzansprüche entgegenzuschleudern. Und in genau diese Tradition – nur eben im nächsten gesellschaftlichen Transformationschritt – sah sich Marx. Und so ist, wenn man es genau besieht, auch seine Arbeitswerttheorie ein moralisches Naturrechtsargument. Wenn der Wert einer Ware durch die Arbeit bestimmt ist, die zu ihrer Herstellung geleistet wurde, dann gibt es quasi einen naturrechtlichen Anspruch des Arbeiters/der Arbeiterin auf diesen Wert. Er/Sie hat den Wert schließlich erzeugt. Marx hat lediglich John Lockes Argumente in den Kapitalismus verlängert.

Die frühen Aufklärer hatten die Arbeit als wesentliches – und vor allem moralisches – Distinktionsmerkmal im Kampf gegen den Adel in Stellung gebracht. Mit großem Erfolg. Never Change a winning Strategy, dachte sich Marx. Was gegen die Feudalherren half, wird auch gegen die Kapitalisten helfen.

Das mächtige am Marxismus ist, dass es in die Welt des Kapitalismus in einen moralische Äther taucht. Es geht mit Marx nicht darum, eine bestimmte Bezahlung aus Mitleid, Mitmenschlichkeit oder den Erfordernissen des menschlichen Bedürfnisses herzuleiten. Es geht auch nicht – wie später bei Keynes – darum, die volkswirtschaftlichen Vorteile einer hohen Binnenkaufkraft ins Feld zu führen. Streng genommen geht nicht mal darum, einen „gerechten“ Lohn „auszuhandeln“. Bei Marx hat der Arbeiter/die Arbeiterin die moralische Position um einzufordern, was ihm/ihr naturrechtlich zusteht. Der Mehrwert steht den Arbeitern zu, das ist logisch herleitbar! Nachzulesen im Kapital, ein Vertrag, geschrieben mit der Handschrift der Natur. Wer ist der Kapitalist, sich dieser Logik zu widersetzen?

Das Problem ist nur: ein Naturrecht gibt es nicht. Recht ist etwas menschliches. Es wird von Menschen gemacht, verhandelt und durchgesetzt. Bei all dem spielen Macht, Interessen und Gewalt eine Rolle und der Ausgang ist immer kontingent. Sorry, liebe Marxisten, die Natur hat kein Konzept von Gerechtigkeit, das müssen wir schon selbst aufstellen, nötigenfalls erkämpfen.

Der Marxismus hat ziemlich lange ziemlich gut funktioniert und wirkt in vielem bis heute nach. Damit meine ich nicht nur die realexistenten Sozialismusexperimente hinter dem eisernen Vorhang. Ein realweltliches Resultat des Marxismus ist unter anderem die Sozialdemokratie. Auch sie hat ihren Marx gelesen und ihre DNA ist noch voll mit der Werttheorie.

Jetzt werden einige Linke sicher schäumen. Die SPD habe den Marxismus doch verraten und repräsentiere mitnichten auch nur annähernd seine Lehren. Ich kann diesen Reflex verstehen, glaube aber, dass er etwas wesentliches übersieht. Aber es kommt noch schlimmer.

Ich behaupte, der Ausdruck der moralisch-naturrechtlichen Ideologie der Arbeitswerttheorie findet sich heute vor allem in dem Spruch: „Leistung muss sich wieder lohnen!“

Ja, richtig. Ich bin überzeugt: die moralische Kopplung von Wert an Arbeit ist Marx‘ Beitrag zum Neoliberalismus. Glaubt ihr wirklich, dass es ein Zufall ist, dass es New Labor geben konnte und dass die Agenda 2010 ausgerechnet von den Sozialdemokraten durchgesetzt wurde? Dieses Mindset war einerseits natürlich hilfreich, als man als organisierte Arbeiterschaft mit den Kapitalisten um höhere Löhne stritt. Sie ist aber wahnsinnig schädlich, wenn eine Gesellschaft ihr Selbstwertgefühl an Arbeit koppelt. Sie wird geradezu toxisch, wenn die Arbeit knapp wird aber der Wohlstand dennoch steigt, ganz ohne Arbeit.

Ja, ich glaube, dass das was wir heute als Neoliberalismus beschimpfen, von der marxistischen Arbeitswertideologie mit affiziert ist. Arbeit als Grundlage für Wert hat eine Gesellschaft geschaffen, in der nur derjenige was wert ist, der Arbeit hat. In der derjenige mehr wert ist, wenn er mehr Lohn bekommt. Eine Gesellschaft, die Wert ohne Arbeit nicht denken kann.

Hartz4 steckt bereits konzeptionell in der Arbeitswerttheorie drin. Nicht erst seit Gerhard Schröder, übrigens. Schon Stalin und vor ihm August Bebel riefen den Arbeitern zu: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Sie konnten sich damit prima bei Marx ideologisch rückversichern.

(Vorsicht bei den Beschimpfungen: ich sage nicht, dass der Marxismus der einzige Baustein der neoliberalen Ideologie ist, sondern nur einer unter vielen. Ich würde aber sagen, ein in seiner Wichtigkeit unterschätzter. Ohne eine Gesellschaft, die es als unanständig empfindet, wenn ihre Mitglieder nicht arbeiten, ließen sich Individuen nicht so unter Druck setzen, selbst für nur wenig mehr als Hartz4 jeden Scheißjobs anzunehmen. Der Homo Oeconomicus dagegen würde dem Kapitalisten was husten.)

Fazit

Die Arbeitswerttheorie ist eine Theorie, die eigentlich nur noch historisch interessant sein sollte. Ähnlich wie die Äthertheorie hat sie sich wissenschaftlich überlebt, einfach weil heute bessere Theorien zur Verfügung stehen, die vielleicht nicht völlig befriedigend sind, aber allemal bessere Vorhersagen machen, als die Werttheorie.

Wir können die Werttheorie nicht widerlegen, aber wir können zeigen, welche Faktoren ihre Entstehung plausibel gemacht haben und warum sie bis heute noch in gewissen Kreisen erfolgreich ist. Mehr kann man auch jeder Religion nicht entgegensetzen.

Ich bin überzeugt, dass einige der Schlüsse, die sich aus der Arbeitswerttheorie ziehen lassen, heute toxisch auf den gesellschaftlichen Diskurs wirken, weswegen ich dazu rate, in der Linken von diesem Denken Abstand zu nehmen. Der Marxismus ist an dieser Stelle nicht zukunftsfähig.

Für eine gerechtere Zukunft müssen wir Arbeit und Lohn trennen und das geht nur, wenn wir uns von der Idee des Wertes völlig verabschieden. Ich kenne einige Marxisten, die an das Grundeinkommen glauben, aber auch viele, die es aus eben jenen ideologischen Gründen ablehnen.

Mason versucht zwar einen Weg raus aus diesem Dilemma zu zeigen (die „Freie Maschine“ vernichtet auch den Wert, also brauchen wir uns also nicht mehr darum zu kümmern), aber ich bin nicht überzeugt und einige Marxisten, mit denen ich über Mason geredet habe, noch viel weniger. Aber das ist ja deren Sache.

Eine Sache noch: Ich lehne Marx nicht grundsätzlich ab. Mit der Arbeitswerttheorie aber doch einen großen Teil des Marxismus. Ich mag zum Beispiel alles, was er über den historischen Materialsismus schreibt. Auch die Idee der „Politischen Ökonomie“ halte ich für eine wichtige Betrachtungsweise, die vor allem die neoklassischen Ökonomen immer wieder aus dem Blick verlieren. Ich halte Marx für einen großen Denker. Aber auch große Denker irren sich und vor allem sind sie wie wir alle Kinder ihrer Zeit. Ich finde es wichtig, auch den größten Ikonen mit einer gewissen Skepsis gegenüberzutreten und sie aus ihrer Zeit heraus zu lesen.

Und ja, auch Mason kann ich sehr empfehlen. Liest sich trotz seines Marxismus ganz großartig. Und auch wenn seine Utopieversuche für Jeremy Rifkin-Kenner nicht ganz neu sind, ist zumal seine aktuelle Krisenanalyse spannend.

Ich weiß auch, dass ich meine marxistischen Freunde nicht überzeugt haben werde und das ist vollkommen ok. Ich habe auch christlich gläubige Freunde und auch das akzeptiere ich. Christen haben sich den toleranten Umgang mit den Ungläubigen auch erst mühsam über die Jahrtausende erarbeiten müssen. Die Marxist/innen werden das auch noch schaffen. 😉

Und jetzt könnt ihr mich steinigen und mir vorwerfen, dass ich Marx überhaupt nicht verstanden habe.

PS: In dem Text habe ich angedeutet, dass ich auch mit der Grenznutzentheorie der klassischen Ökonomie auch nicht zufrieden bin. Mason macht den Punkt, dass dieses Modell unter der nicht mehr vorhandenen Knappheit aufgehört hat zu funktionieren. Es würde derzeit ausgetauscht werden mit monopolartigen Strukturen, die relativ beliebige Preise festsetzen, siehe z.B. iTunes. Damit hat er zweifelsohne recht. Womit er aber meiner Meinung nach nicht recht hat, ist zu glauben, dass Plattformen nur eine temporäre Selbsterhaltungsstrategie des Kapitalismus sind. Womit er ebenfalls nicht recht hat, ist, dass die Arbeitswerttheorie das Dilemma lösen wird.

Stattdessen ist meine Vermutung, dass es eine neue, allgemeinere Theorie des Preises geben werden muss. Eine, die sowohl auf den Präkapitalismus, den Kapitalismus und den Postkapitalismus (wenn wir, wie Mason, die Aushebelung des Preismechanismus bereits als solchen bezeichnen wollen.) anwendbar ist. Wenn, wie ich glaube, Plattformen die strukturbildenden Vehikel in die Zukunft sind, dann werde ich diese Theorie liefern müssen. Stay tuned.


Frühjahrstermine

Gerade bricht wieder die Veranstaltungssaison an und deswegen ein paar Hinweise für die nächste Zeit, wo ich zugegen sein werde.

  • Diese Woche Freitag, am 15. April um 20:30 im Puschensalon plaudere ich in Berlin mit anderen über (Post-)Privatheit im Internet. Bei Brendel, Kolonnenstraße 18, Berlin.
  • Den Samstag drauf (16. April) bin ich in Düsseldorf bei dem Auditorium. Es geht um den Kontrollverlust in der Medizin. Ich halte einen Vortrag und diskutiere. Beginn 11:15.Rheinische Kliniken Düsseldorf – Sozialzentrum Bergische Landstraße 2, 40629 Düsseldorf.
  • Die Woche drauf, am 19. April ab 12:30 Uhr, diskutiere ich beim Tagesspiegel über „smart Data“ mit Dr. Susan Wegner von den Telekom Innovation Laboratories und mal wieder mit Peter Schaar. Aber mit dem diskutiere ich ja gerne. Ort: Qbo-Store, Hackesche Höfe, Hof II, Berlin
  • An dem Wochenende (22./23. April) beginnt auch mein neues Block-Seminar an der Uni Köln. Diesmal geht es um Datenbanken. Im Grunde also um die Geschichte und Bedeutung der Query. Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Gronewaldstrasse 2.
  • Und dann bin ich auch auf der re:publica. Am 5. Mai (letzter Tag) morgens gleich als erstes nachmittags um 16:15 in Station 9. Wer es schafft, da aufzustehen da noch nicht abgereist ist und sich noch zu einem talk motiviert bekommt, bekommt einen Händedruck von mir. Versprochen! Ich spreche über das, was ich Netzinnenpolitik nenne und als Teil der Plattformpolitik verstehe. Im Grunde geht es darum, ob und wie Plattformen unser Leben oder gar nur unsere Rede kontrollieren sollen.
  • Am 9. Mai werde ich auf den Medientagen Mitteldeutschland in Leipzig um 14:30 bis 15:30 über Datenschutz und Datenkontrolle diskutieren.

Sanktionsfrei ins Neue Spiel

Pünktlich zur Verabschiedung der EU-Datenschutzreform habe ich noch mal ausführlich aufgeschrieben, warum die Informationelle Selbstbestimmung konzeptionell am Ende ist. Es ist ein Recht, um das nur noch um seiner selbst willen gestritten wird, das zutiefst unehrlich ist und nur sehr mangelhaft das tut, was es eigentlich tun sollte: Menschen zu schützen.

Für alle, die glauben, dass das ja nun mal alles nicht anders geht, will ich hier anhand eines Best Practice-Beispiels das Gegenteil beweisen. Ein Beispiel, das genau so auch hätte in meinem Buch stehen können. Dort nämlich hebe ich unter Regel 2: „Überwachung ist Teil des Spiels“ das Problem von Hartz4-Empfänger/innen als Beispiel für Überwachung hervor:

„Staatliche Überwachung fängt aber nicht erst beim Geheimdienst an, sondern ist ein viel alltäglicheres Phänomen. Mithilfe von Informationszwangsabgaben werden Hartz-4-Empfänger drangsaliert. Dazu gehören die Offenlegung ihrer gesamten Eigentumsverhältnisse, Rechenschaft über ihre Anstrengungen zur Jobsuche und unangekündigte Hausbesuche. Der ständige Überwachungsdruck, gepaart mit existenziellen Konsequenzen durch die Agentur für Arbeit, kann Menschen über die Zeit zermürben. Es gibt nach wie vor viele plausible – und keineswegs neue – Gründe gegen Überwachung. Die NSA ist dabei aber nicht das Hauptproblem.“

Überwachung, das ist mein Punkt, ergibt sich nicht einfach nur der bloßen Sammlung von Daten. Erst in Kombination mit einem Sanktionsmechanismus wird Beobachtung zur Überwachung.

Als Strategie schlage ich deswegen vor, statt der Beobachtung, die Strafregime in den Mittelpunkt des Kampfes gegen Überwachung zu stellen.

„Statt also die Privatsphäre gegen Beobachtung zu verteidigen, sollten wir gegen die Instanzen der Bestrafung kämpfen: Autoritäre Grenzkontrollen, rassistische Polizeianordnungen, homophobe Strukturen in der Gesellschaft, ungerechte Gesundheitssysteme und institutionelle Diskriminierung sind die eigentlichen Problemfelder, auf denen Überwachung gefährlich werden kann.“

Das klingt jetzt jetzt auch nicht viel einfacher, als gegen die Beobachtung zu kämpfen. Ich glaube aber, dass das ein Vorurteil ist und dass in diesem Feld noch zu wenig versucht wird.

Bildschirmfoto 2016-04-14 um 14.08.47 Das beste Beispiel dafür, wie erfolgversprechend dieser Ansatz sein kann, ist das Projekt von Inge Hannemann und Michael Bohmeyer. Gemeinsam wollen sie eine Plattform gründen, die mithilfe halbautomatisierten Formularpingpongs und tatsächlicher Rechtsberatung die Arbeitsagenturen zähmen soll. „Sanktionsfrei“ ist passender Weise auch der Name des Projektes, denn genau darum geht es: der überwachenden Instanz die Zähne zu ziehen.

Sanktionsfrei versucht nicht den Kontrollverlust, nicht die Beobachtung zu bekämpfen, sondern den Kontrollverlust mittels digitaler Technologie an die Behörden zurückzuspielen. Es steuert automatisch oder halbautomatisch allen Sanktionsversuchen entgegen und entkräftet sie so.

Bildschirmfoto 2016-04-14 um 14.13.44 Die Crowdfundingphase war bereits erfolgreich und hat den Mindestbetrag zur Entwicklung der Plattform eingeworben und das Entwickler/innen-Team hat sich bereits an die Arbeit gemacht. Zum eigentlichen Fundigziel fehlen aber noch ca. 50.000 Euro, aber dafür sind auch noch 25 Tage Zeit.

Sanktionsfrei ist das beste Beispiel, dass das Neue Spiel gespielt werden kann. Bitte unterstützt sie nach Kräften.


Warum die Panamapapers für alle zugänglich gemacht werden sollten

Massenmedien überschätzen ihre Kompetenz und ihre Legitimation als Sprachrohr der Öffentlichkeit. Vier Gründe, warum ich es moralisch für zwingend erforderlich halte, die Papers so schnell wie möglich der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.*

1. Vertrauen in die Medien

Ich persönlich glaube nicht, dass die beteiligten Journalist/innen mit ihren Veröffentlichungen eine politische „Agenda“ verfolgen, wie es Craig Murray sehr erfolgreich in die Gegend raunt. (Ich halte Leute, die solche Verschwörungstheorien verbreiten, immer für etwas … einfältig.) Aber die Tatsache ist nun mal, dass das Vertrauen in die „Mainstreammedien“ nicht nur bei „Lügenpresse“ rufenden Pegidos erschüttert ist, sondern selbst bereits wieder mainstreamtauglich geworden ist. Ich halte diesen Vertrauensverlust für unberechtigt, aber er ist nun mal da.

Dass Verschwörungstheorien aufkommen würden, war natürlich unvermeidlich. Und ich glaube auch nicht, dass es keine mehr geben würde, wenn die Papers veröffentlicht wären. Aber durch die Veröffentlichung würde man zumindest die daran arbeitenden Journalist/innen aus dem Schußfeld der Spekulationen nehmen.

Die Frage wiederum, ob die Rohdaten bereits gefiltert sind und ob die Quelle vielleicht eine politische Agenda verfolgt, sind, wie ich finde, sogar sehr berechtigt.

Mit der Veröffentlichung der Papers würde das Vertrauen in die Medien wieder hergestellt. Nicht in einem absoluten Maß, aber als legitimer Teil des Ökosystems Öffentlichkeit, dass als Informationsarbeiter neben allen anderen auf der selben Datenbasis arbeitet. Und ich denke, das ist bitter nötig.

2. Öffentliches Interesse steht über Privatphäre

Als Grund für die Nichtveröffentlichung werden die Persönlichkeitsrechte der Betroffnen vorgeschoben. Das mag juristisch richtig sein. Es ist ja nicht so, als hätten wir es hier mit einem Katalog überführter Straftäter zu tun. Moralisch sieht die Sache aber anders aus.

Für diese Einschätzung muss man übrigens kein Post-Privacy-Apologet sein. Wenn der juristische Schutz der Privatsphäre irgendeinen Sinn hat, dann, um den Schwächeren vor dem Stärkeren zu schützen. In diesem Fall gibt es aber keine Schwachen. Wer es sich leisten kann, sein Geld in Offshore-Paradisen zu verstecken, der ist per definitionem nicht schwach.

Wer sein Geld versteckt, versteckt es vor jemandem. Dieser Jemand hat in der Regel ein berechtigtes Interesse an dem Geld. Das muss nicht heißen, dass das Geld nicht rechtmäßig (im Sinne von legal) außer Landes geschafft wurde. Es bedeutet aber, dass die Öffentlichkeit ein moralisches Recht hat, nachzufragen, woher das Geld kommt und warum er es versteckt.

3. Öffentliches Interesse geht über journalistische Öffentlichkeit hinaus

„Öffentliche Interesse“, sage ich. „Hier!“ rufen die Journalist/innen und klopfen sich auf die Brust: „das öffentliche Interesse sind doch wir!“

Da, aber, liegt ein Mißverständnis vor. In Zeiten vor dem Internet mag die Presse und die Öffentlichkeit noch einigermaßen kongruent gewesen sein. Heute ist das jedenfalls nicht mehr so. Journalismus ist sicher noch ein wichtiges Subset der Öffentlichkeit, vielleicht sogar das wichtigste, aber die Öffentlichkeit ist heute so viel mehr. Überall auf der Welt gibt es Akteure, die jenseits von journalistischer Relevanz ein berechtigtes Interesse an den Daten haben.

Das offensichtlichste sind die Strafverfolgungsbehörden. Wie viele Steuerfahnder sitzen weltweit an Fällen und eine kurze Abfrage im Panamapapers-System würde ihnen den entscheidenden Hinweis liefern? Wie viele Ermitter/innen weltweit sitzen an ihren Puzzeln des organisierten Verbrechens und kommen nicht weiter, weil sie die Geldflüsse nicht weiterverfolgen können? Sollen diese Verbrechen ungesühnt bleiben, weil sie unterhalb journalistischer Relevanz angesiedelt sind? Weil sie keine gute Story abgeben?

Aber es geht viel weiter: was ist mit der verlassenen Mutter, die dem Gericht beweisen muss, dass ihr Mann ihr doch Unterhaltszahlungsfähig ist? Was ist mit den sitzengelassenen Gläubigern, deren Geld in dubiose Kanäle abgeflossen ist, während der Schuldner Privatinsolvenz angemeldet hat? Was ist mit dem pleite gegangen Verein, dessen Schatzmeister Geld hat verschwinden lassen?

Hinter jedem versteckten Geld stecken Schicksale. Das Problem der Offshoregeldes ist dezentral verteilt und fein ziseliert wie Kapillaren. So sieht die Öffentlichkeit heute aus.

4. Das moralische Recht der richtigen Frage

Und das ist vielleicht das größte Missverständnis. Die Unkenrufe angesichts der bisher kolportierten dürren Storys über einen Jugendfreund von Putin kommen nicht nur von Putinverstehern. Auch ich verstehe das nicht. 400 Journalisten arbeiten 12 Monate an 2,6 Terabyte und im Zentrum steht so eine Story?

Ich will nicht ausschließen, dass noch wirklich spannende Geschichten kommen werden. Ich glaube aber, dass hier ein grundsätzlichges Missverständnis steckt. Nämlich, dass es überhaupt den einen großen Schatz gibt, den man nur mit genug Manpower heben könne.

Übersehen wird dabei mal wieder, dass die Macht von Daten immer in der Abfrage generiert wird, weswegen noch so große Manpower und Spezialexperten nur wenig weiterhelfen. Das Wissen, um die richtige Frage zu stellen, ist da draußen, weit verteilt in den angesprochenen Schicksalen.

Wer bereits eine Ahnung hat, wessen Auto immer in der Auffahrt der großen Villa am Ende der Straße steht, der weiß einfach besser wonach er in den Panamapapers suchen muss. Wer über Mitarbeiterlisten seiner Firma verfügt, in der er krumme Dinge vermutet, kann mit den Daten mehr anfangen, als noch so gute Journalist/innen. Wer zufällig an Kontoauszüge eines Spitzenpolitikers gekommen ist, weiß einfach, was sie in die Suchmaske eingeben würde.

Der Glaube der Journalist/innen, sie selbst verfügten über die relevanten Fragen, ist eine unzeitgemäße Hybris, die sich niemand mehr anmaßen sollte. Es gibt keine Zentralkompetenz der Abfrage.

Genau wie die Probleme, die durch Offshoregeld entstehen, ist auch die Kompetenz die richtigen Fragen zu stellen, dezentral verteilt. Diese Kompetenz liegt verstreut und unzugänglich in den Köpfen von Millionen Menschen. Sie haben Fragen, auf die die Journalist/innen nicht kommen würden. Fragen, die Ungerechtigkeiten beseitigen und das Leben vieler verbessern könnten, wenn sie sie nur stellen dürften. Welches moralische Recht haben die Journalist/innen ihnen diese Fragen zu verwehren?

Die Panamapapers sind relevant für Millionen Menschen. Um diese Relevanz aber zu heben, braucht es das verteilte Wissen der Millionen Menschen. Die journalistischen Gatekeeper stehen der eigentlichen Relevanz ihres Fundes im Weg.

  • Zumindest alle Dokumente, die sich auf die eine oder andere Art mit dem Hauptgeschäft der Briefkastenfirmen beschäftigen.

Persönliche Presseselbstbespiegelung

In letzter Zeit haben sich meine Medienauftritte etwas gehäuft, deswegen hier eine kleine persönliche Presseschau:

Zunächst einmal etwas, worauf ich besonders stolz bin. Denn die Sendung „Essay und Diskurs“ im Deutschlandfunk gehört zu meinen längsten und liebsten Podcastsabonnements. Hier eine Folge über die „Digitale Aufklärung“. Ich werde dort zwar „Digisoph“ geschimpft, aber dafür auch ausgiebig zitiert. Insgesamt sehr spannende Folge über das Neudenken des Denkens selbst. >> DigiKant oder: Vier Fragen, frisch gestellt

Als Begleitprodukt des ersten Spielfilms „Operation Naked“ von Mario Sixtus entstand auch eine Dokumentation zu der Technologie der Datenbrillen, von der einige sagen, sie sei besser als der Film selbst. Jedenfalls komme ich am Ende ziemlich ausführlich zu Wort, wenn es darum geht, die Ehre der Datenbrillentechnologie zu verteidigen. >> Ich weiß wer du bist

Andreas Wagner war bei der Produktion des obigen Beitrags ebenfalls beteiligt, geht aber auch mit eigenem DokuFilm ins Rennen. Diesmal über den CCC. Er wolle auch mal auch einen kritischen Blick riskieren, sagte er zu mir, als er mich um das Interview bat. Ich tat, was ich konnte, aber meine Hinweise darauf, dass sie beim CCC Kinder essen, hat es dennoch nicht in die Doku geschafft. Dafür ein paar andere Sachen. >> Hacker, Freaks und Funktionäre

Gerade heute war ich spontan bei Deutschlandradio Kultur, weil das FBI den Fall gegen Apple fallen ließ. Wir sprechen aber nicht nur über das eine iPhone, sondern ich versuche den Fall auch im Zuge der Plattform vs. Staat Debatte zu deuten. Hier verschieben sich Machtansprüche und Plattformen geraten immer mehr in Systemkonkurrenz zu Staaten. >> „Wettrüsten“ beim Thema Sicherheit


Mit 10 Thesen zur Kultur gegen Nazis

Ich glaube, es ist dringend geboten über Kultur zu sprechen. Ich als alter Kulturwissenschaftler (hust) glaube, dass nur eine Beschäftigung damit, was Kultur ist und wie sie funktioniert, dabei helfen kann, das aktuelle Problem mit Fremdenfeindlichkeit in den Griff zu bekommen.

Ich glaube das aus zwei Gründen:

Erstens: Die Rassist/innen (bishin zu der Neuen Rechten) arbeiten gerne mit dem Kulturbegriff, um ihren Rassismus zu tarnen. Statt einer Ablehnung wegen Hautfarbe wird die Ablehnung der Kultur vorgeschoben. Das ist natürlich quatsch und dem muss man mit einem genaueren Kulturbegriff die argumentative Grundlage entziehen.

Zweitens und noch wichtiger: Stattdessen müssen wir anfangen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit selbst als kulturelle Phänomene verstehen zu lernen. Wir müssen verstehen wie solche Phänomene entstehen, wie sie sich ausbreiten und wie wir sie bekämpfen können.

Beides will ich hier anhand von 10 Thesen zur Kultur zeigen.

1 Kultur ist Handlung

Die basalste Definition von Kultur, die ich kenne, kommt eher aus dem Business-Kontext und heißt „the way we do things“. Ungeachtet ihrer Herkunft ist das eine wichtige Erkenntnis. Kultur ist immer verbunden mit Handlung. Handlung ist Kultur.

Egal was wir tun, es hat eine kulturelle Dimension. Diese kulturelle Dimension kommunizieren wir immer mit, ob wir wollen oder nicht.

2 Kultur ist unterschiedlich

Natürlich gibt es Kulturen (in der Mehrzahl) und diese Kulturen sind von einander abgrenzbar. Es gibt Rituale, Sprachen und Verhaltensweisen und es ist nicht zu leugnen, dass diese Unterschiede vor allem auch regional bestehen. Aber nicht nur. Es gibt auch sowas wie Firmenkulturen. Es gibt bestimmte kulturelle Unterschiede die sich gesellschaftlichen Teilsystemen entwickeln, etwa in der Wissenschaft oder in der Justiz. Im Internet gibt es unterschiedliche Kommunikationskulturen in Foren, Chats oder auf Plattformen. Schon benachbarte Familien haben von einander unterscheidbare kulturelle Praktiken. Es scheint so, als ob überall, wo sich Menschen über einen längeren Zeitraum miteinander beschäftigen, Kultur ausprägt und ausdifferenziert wird.

3 Kultur ist ein Vertrag

Obwohl die Ausbildung von Kultur natürlich zu sein scheint, ist jede Kultur selbst künstlich. Kultur kann mit Ernst Cassirer als „symbolische Ordnung“ verstanden werden. Also etwas, das der Sprache selbst nicht unähnlich ist. Kultur ist – mit Saussure gesprochen – ein Netz aus Zeichen, deren wichtigste Eigenschaften die Binnendifferenz und die Wiederholbarkeit ist. Wie Sprache ist Kultur eine Art impliziter Vertrag der Kulturträger, eine Abmachung.

4 Kultur ist ansteckend

Die Memetheorie (Dawkins) vergleicht kulturelle Artefakte mit Genen und nennt sie Meme. Wie Gene sind Meme einem evolutionären Prozess von Mutation, Selektion und Weitergabe unterworfen. Meme verbreiten sich, wenn sie sich erfolgreich am Leben halten und fortpflanzen können. Menschliche Gehirne sind sozusagen die Wirtstiere der Meme, die auch für deren Verbreitung sorgen. Lernen ist die Adaption von Memen.

Der Vertrag wird also nicht ganz freiwillig geschlossen. Zumindest nicht der erste. Jeder wird in einen Memepool hineingeboren. Sich gegen Meme zu verschließen ist nicht ganz einfach.

5 Kultur ist vernetzt

Kultur operiert nicht, wie die Rechten glauben, auf Kategorien wie Ethnie, Nationalität oder Region, sondern auf sozialen Netzwerken. Eng vernetzte soziale Cluster gleichen sich kulturell aneinander an und neigen zur kulturellen Homogenität. Schon die Kultur von angeschlossenen aber externen Clustern kann sich nur bis zu einem gewissen Grad unterscheiden, sonst entstehen schnell Konfliktlinien und Reibungen.

Die Netzwerkstrukturen korrelieren natürlich historisch mit geographischen und ethnischen Konzentrationen, weswegen der oben genannte Eindruck entstehen kann. Mit dem Internet lassen sich aber mit Leichtigkeit vermehrt von diesen Parametern unabhängige Kulturcluster identifizieren. siehe z.b. Anonymous oder gar die Netzgemeinde.

6 Kultur kann rivalisieren

Generell leben wir immer in mehreren kulturellen Clustern gleichzeitig. Der Job, die Familie, die Freunde, der Sportverein, das Onlineforum, etc. Das ist in vielen Fällen kein Problem, denn die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher kulturellen Praktiken schließen sich nicht per se aus. Es kann aber durchaus rivalisierende kulturelle Praktiken geben, das heißt Praktiken, die sich gegenseitig ausschließen.

Oft wird das gelöst, indem man die Idiosynkrasie unaufgelöst belässt und zum Beispiel beide Praktiken abwechselnd lebt. Zu diesem Zweck operieren wir mit unterschiedlichen Persona (C. G. Jung) gegenüber unterschiedlichen kulturellen Clustern, in denen wir uns bewegen.

Es kann durchaus auch echte Konfliktfälle geben, dann wenn die kulturellen Praktiken aus dem einen Cluster von dem anderen Cluster nicht toleriert werden. Dann muss das Individuum sich entscheiden.

7 Kultur ist historisch

Kultur ist ein Akkumulationsprozess. Gemeinschaften mit einer gewissen Tradierung akkumulieren kulturelle Eigenheiten und Besonderheiten über viele Generationen zu einem „Kulturellen Gedächtnis“ (Assmann). Das kann ein jahrtausende anhaltender Prozess sein. Wir schleppen alle bestimmte kulturelle Meme mit uns rum, die tausende von Jahren alt sind.

Je älter eine kulturelle Praxis ist, desto weniger wird sie hinterfragt und desto energischer wird an ihr festgehalten. Der Verweis auf Tradition und Werte, wie ihn jegliche konservative politische Gruppe fordert, ist genau darauf abgestellt.

(Bei Boris Groys findet sich die These, dass der Rekurs auf der Tradition korreliert mit der allgemeinen Zugänglichkeit ihres Archivs. Will sagen mit sich weiter entwickelnder Medientechnologie wird die Bindung an das Alte immer weiter gelockert.)

8 Kultur ist performativ (Austin)

Kultur lebt in der Praxis. Jede kulturelle Handlung bestärkt ihre Allgemeinverbindlichkeit. Jede Handlung setzt sich als Maßstab für „normales“ Verhalten. Jede Handlung ist Vorbild für die Handlungen aller anderen.

Nach Foucault strukturiert die Positivität der Aussagen den Diskurs in dem Sinne, dass sie reglementiert, was überhaupt gesagt werden kann.

Oder um es mit Luhmann auszudrücken: Kulturelle Handlungen schaffen Anschlussfähigkeit von weiteren Handlungen, verengen aber den Selektionsspielraum auf die von ihr definierte Anschlussfähigkeit.

9 Kultur kann falsch sein

Wobei „falsch“ natürlich immer eine subjektiv-politische Einschätzung ist. Aber ich bin bereit, sie gegen jeden zu verteidigen.

Nehmen wir die Broken Window Theorie. Wird ein zerbrochenes Fenster an einem Ort über längere Zeit nicht repariert, kann das zur Folge haben, dass der Stadtteil insgesamt den Bach herunter geht. Das Broken Window ist eine unterlassene Handlung, die allen Anwohnern ein bestimmtes Verhalten als Norm kommuniziert: „Dinge verfallen lassen ist ok“.

Das zerbrochene Fenster ist ein Problem, weil es Handlungen wahrscheinlich macht, die im Anschlussfähigkeitsbereich des zerbrochenen Fensters liegen. Das Fenster fungiert als Attraktor für ähnliche Handlungen und schon akkumuliert sich eine Kultur der Fahrlässigkeit.

Diese Prozesse finden wir heute überall, auch außerhalb von physischen Orten, zum Beispiel im Netz. Ein rassistischer Kommentar zieht weitere rassistische Kommentare an. Eine außer Rand und Band geratene Kommentarrubrik wird kaum wieder zu befrieden sein.

Auch die regionale Konzentration von Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel in Sachsen, Thüringen und Teilen von Nordrhein Westfalen lassen sich so leicht erklären. Hier haben rassistische Handlungen Anschluss an bereits vorhandene rassistische Handlungen gefunden. Es sind kulturelle Biotope, in denen sich rassistische Handlungen quasi gegenseitig aufgeschaukelt haben.

An dieser Stelle sind die Ergebnisse der Wissenschaftler/innen interessant, die Facebookdiskussionen und deren Echokammern untersucht haben. Sie stellten fest, dass radikale Äußerungen innerhalb von social Media-Filterbubbles nicht nur ähnliche Anschlussäußerungen, sondern Äußerungen nach sich zogen, die diese Äußerungen an Radikalität zu überbieten versuchten.

10 Kultur ist steuerbar

Hier die gute Nachricht: In Kultur kann eingegriffen werden. Und es sollte eingegriffen werden.

In der Theorie ist es sogar ganz einfach: Eine Kultur, die nicht praktiziert wird, stirbt.

In der Praxis ist es weniger einfach: Wie unterbindet man die Kreisläufe einander bestätigender kultureller Handlungen, ohne sie mittels roher Gewalt zu unterdrücken?

So lange die fraglichen kulturellen Handlungen nur von einer Minderheit geduldet werden, ist die Antwort klar: Call Out. Die kulturelle Handlung (z.B. Rassismus) muss offen kritisiert und möglichst sozial sanktioniert werden. Jede rassistische Handlung muss eine ebenso signalstarke Gegenhandlung gegenübergestellt werden, die die Botschaft aussendet: das hier ist nicht die Norm. Das hier ist nicht OK. Damit exkludierst du dich von der Norm und somit von der Gesellschaft.

Mein Verdacht dabei ist, dass soziale Sanktion (Ausschluss und (temporäre) Ausgrenzung), weit disziplinierender wirken als das Strafgesetzbuch. Und ich glaube, dass die Zustände in Sachsen in aller erster Linie daher rühren, dass über Jahrzehnte rechtsradikale kulturelle Handlungen unwidersprochen blieben. Dass sich das rassistische Mem hat ungehindert ausbreiten und verfestigen konnte.

Man kann jetzt berechtigter Weise fragen, ob es zum Beispiel in Sachsen nicht viel zu spät dafür ist, das Rad jetzt noch zurückzudrehen. Ich glaube nicht. Allerdings ist die kritische Masse des rassistischen Netzwerkes bereits so groß, dass sie durch soziale Ächtung der (deutschen) Mehrheit nicht mehr erreichbar ist. Diese wird mit Begriffen wie „Lügenpresse“ als Kultureller Grenzhüter außen vor gehalten. Was wir ihnen sagen, bestätigt sie nur.

Der Impuls muss aus den Netzwerken und zumindest den nahen und überlappenden Clustern selbst kommen. Mit anderen Worten die Sachsen müssen sich auflehnen gegen ihre rechten Mitbürger. Sie müssen viele, viele Signale senden, öffentliche Signale und Sanktionen gegen Nazis. „ich kauf nicht bei Nazis“, „Ich stelle keine Nazis an“, „Mit Nazis will ich kein Fußball spielen“, „Kein Sex für Nazis“. Es muss eine zivile Gegenkultur etabliert werden, die die Nazis aus allen sozialen Zusammenhängen ausschließt, bis sie Angst haben, öffentlich ein rassistisches Wort zu sagen.

Die Mehrheit der Sachsen ist nicht rechts? Dann wird es zeit, das zu beweisen.

Von außen darf dennoch nicht aufgehört werden, die rassistischen Aussagen zu sanktionieren und diejenigen, die sie tätigen zu isolieren. Es ist ein wenig wie mit einer ansteckenden Krankheit. Wir wissen, dass wir nicht in der Lage sind, die Patienten zu heilen. Das medizinisch sinnvolle ist deswegen, sie in Qarantäne zu halten, damit sie mit ihrem Rassismus nich noch weiter Menschen anstecken können.


Der Nerd ist eine Erzählung, die der Nerd sich auf Kongressen selbst erzählt

Ich habe bekanntlich ein ambivalentes Verhältnis zur Nerdkultur. Ich bin seit über zehn Jahren ein Teil davon und gleichzeitig nicht. Ich bin fasziniert von dem, was sich da entwickelt hat, abgestoßen davon, was sich dort verfestigt hat und irritiert, wie das intern überhaupt nicht wahrgenommen wird. Am krassesten trifft mich diese Ambivalenz der Nerdkultur auf den Veranstaltungen des CCCs. Ich kenne keine großartigeren Veranstaltungen. Und doch finde ich immer wieder so vieles problematisch. Und so viel irritierend.

Die meisten Talks kann ich recht gut in die eine oder die andere Richtung einordnen und ich bin dazu übergegangen, die Talks, die mich abstoßen, einfach nicht mehr anzugucken. Das funktioniert meistens ganz gut. Aber nicht immer. Deswegen möchte ich hier einen Talk besprechen, der sowohl die faszinierenden, die abstoßenden und die irritierenden Aspekte der Nerdkultur vereint und deswegen als idealer Repräsentant ebendieser Kultur herhalten kann. Ich spreche von Joscha Bachs „Computational Meta-Psychology“.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erstmal betonen, dass ich ein Fan der KI-Talks von Joscha Bach bin. Ich verfolge sie seit dem 30c3 und auch wenn ich die Heruntersimplifizierei hier und da problematisch finde, sind seine Gedanken immer sehr anregend, seine Rhetorik unterhaltsam und die Inhalte lehrreich.

Das Faszinierende

Mit einer Selbstverständlichkeit bricht Joscha komplizierteste Sachverhalte – sogar philosophische Fragstellungen – herunter auf quasi informationstheoretische Probleme. Das kann man sicher kritisieren, ich finde das aber erstmal erfrischend.

In diesem Rahmen erklärt er anhand einiger neuronal-anatomischer Beobachtungen und informatischer Konzepte, wie sich im Gehirn die Vorstellung von der Welt formt. Angefangen von der Reizung des Sinnesapparates, über Signalverarbeitung und Strukturbildungen im mehrschichtigen neuronalen Netz, hin zu Musterbildungen und dem Entstehen abstrakter Konzepte im Gehirn und wie das alles mit aktuellen Erkenntnissen der KI-Forschung erklärbar ist. Besonders spannend finde ich die Vorstellung einer Art Signal-Ökonomie, in der die vielen, vielen Reize um die vergleichsweise knappen Verarbeitungskapazitäten konkurrieren. Gesteuert wird diese Ökonomie durch ein ausgefeiltes Feedbacksystem der bekannten Botenstoffe. So funktioniert also Lernen.

Und natürlich – wie es sich für einen Nerd gehört – überträgt Joscha das Erklärte auch gleich auf andere Systeme. Nämlich auf soziale.

Joscha sieht analog eine Ökonomie des sozialen Lernens am Werk. Das Individuum lernt vor allem durch die Gruppe, denn das sei schließlich effizienter, als alle Erfahrungen selbst zu machen. Die Signale der Gruppe, ob Wissen richtig oder falsch adaptiert wird, sind dementsprechend das entscheidende Feedback für den Lernprozess.

Doch dieses soziale Feedbacksystem sei leider fehlerbehaftet. Denn wenn die Gruppe den Lernerfolg belohnt oder bestraft, ist eben nicht „Wahr und Unwahr“ (true and false) die entscheidende Feedback-Bedingung, sondern „richtig und falsch“ (right and wrong). Das seien aber gar keine wahrheitsorientierten Kategorien, sondern sozial-normative. Belohnt würde also nicht die wahre Wahrheit, sondern nur die Wahrheit der Gruppe. Abweichung würde hingegen bestraft. Dieser Prozess führt zwangsläufig zur Konformität von Meinungen und Einstellungen.

Soweit so gut. Bis hier kann ich mitgehen. Was Joscha hier beschreibt ist im wesentlichen nichts neues, aber gut heruntergebrochen. Die Wissenschafssoziologie befasst sich schon sehr lange mit den sozialen Prozessen, die rund um Wissensgenerierung und -weitergabe passieren. Foucault hatte bereits in den 60ern betont, dass die Beschaffenheit des Diskurses selbst bereits festlegt, was in ihm überhaupt gesagt werden kann und was nicht. Und Thomas Kuhn hat sehr schön beschrieben, wie das Wissensschaftssystem vor allem sozial aufgebrochen werden muss, um einer neuen Erkenntnis bahn zu brechen. All das passt sehr gut zu dem, was Joscha hier beschreibt. Es ist ein wichtiger Teil der selbstkritischen Auseinandersetzungen der Wissenschaft als sozialem System und es bleibt die Erkenntnis, dass Wahrheit immer auch sozial konstruiert ist.

Doch, halt, nein! Joscha behauptet nun, Nerds seien gegen diese sozial-normativen Feedbacksysteme immun. Nerds operieren ausschließlich im Modus Wahr/Unwahr (true/false). Das soziale Raster des richtig/falsch nähmen Nerds nur sehr bedingt wahr, sie seien in dieser Hinsicht gewissermaßen gestört. Joscha vergleicht die sozialnormativen Kategorien mit japanischen Papierwänden. Es seien eben nur Konventionen und Nerds haben nun mal den Defekt, die Konventionen zu missachten. Das sei auch der Grund, warum sie in der Gesellschaft eher unbeliebt sind, aber gleichzeitig wissenschaftlich begabt. Hinzu komme eine natürliche Affinität zur Logik der Computer, die eben im selben Spektrum operierten.

Das Abstoßende

Hier haben wir die Nerdideolgie in Reinform, von der ich so abgestoßen – zumindest ziemlich genervt bin. Ich will das kurz etwas aufdröseln:

  1. Natürlich steckt in Joschas Konzept von der sozialen Gestörtheit eine Koketterie, denn diese Gestörtheit lässt den Nerd ja unbeirrbar nach der wahren Wahrheit, statt der sozialen Wahrheit suchen. Die Gestörtheit ist also Basis seiner Genialität. Es ist in Wirklichkeit eine schmeichelhafte Geschichte, die Joscha erzählt. Es ist die Geschichte des Außenseiters und einsamen Genies, der gegen alle gesellschaftlichen Widerstände an seiner Wahrheit festhält. Der Nerd steht somit in der Tradition des Galileo Galilei. Nerdsein beinhaltet somit immer ein privilegiertes Verhältnis zur Wahrheit zu haben. Ist das nicht wunderbar?

  2. Voraussetzung für dieses privilegierte Wahrheitsverhältnis ist eine gewisse Assozialität. Das kommt quasi im Doppelpack. Das Desinteresse für soziale Normen und Gruppenwahrheiten ist ja erst das, was den Nerd zu seiner Wahrheitsliebe befähigt. Wer länger in der Nerdkultur verbracht hat, kennt diese Vorstellung gut, denn sie hat sich längst in Alltagshandlungen übersetzt. Arschlochverhalten wird geduldet, oft sogar ermutigt. Bei Kritik wird dann immer auf die Leistungen des Kritisierten verwiesen. „Guck mal, was er alles macht/kann“. Das Arschlochverhalten gehört eben dazu. Kann man nix machen.

Diese beiden Aspekte kann man gut und gerne als den Kern der Nerdideologie bezeichnen und es ist offensichtlich, dass sie auf lange Sicht toxisch ist. All die Probleme, die sich immer wieder um bestimmte Leute und im Vorfeld des Kongresses ranken, lassen sich direkt auf diese Ideologie und die sich daraus ergebenden Legitimationsstrategien zurückführen.

Aber die Nerdideologie ist nicht nur toxisch, sie ist schlicht falsch, um nicht zu sagen, hochgradig naiv.

Natürlich orientieren sich auch Nerds an sozialen-normativen Wahrheiten. Natürlich erschafft auch die Nerdkultur ihre Glaubensätze in einem sozialen Prozess. Natürlich hat die Nerdkultur ebenfalls ein sehr starkes, regulierendes Feedbacksystem für ihre sozialen Wahrheiten.

Ich kann sehr gut aus eigener Erfahrung sagen, wie heftig das Feedbacksystem zuschlägt, wenn man es wagt, die Gruppenmeinung zu bestimmten Themen herauszufordern. Ich würde sogar sagen, dass es nur wenige Communities gibt, die so wehrhaft ihren ideologischen Status Quo gegen abweichende Meinungen verteidigt. Aber vielleicht hat Joscha ein solches negatives Feedback noch nicht so zu spüren bekommen, weil seine Meinung allzu zu gut in die sozial akzeptierte Realitätskonstruktion passt?

Gespürt haben sollte er aber das positive Feedback, dass ihm zuteil wurde. Insbesondere seine Ausführungen zur Besonderheit des Nerds wurden mit heftigen Szenenapplaus beklatscht. Hier speist die Gruppe positives Feedback zurück zum Individuum, weil es seine Gruppenwahrheit bestätigt.

Das Irritierende

Ist das möglich? Ist Joscha wirklich nicht aufgefallen, dass er sich genau in der Situation befand, die er in dem Moment beschrieb? Die er allerdings so beschrieb, als könne sie ihm und seiner Gruppe gar nicht passieren? (Habermas nennt sowas einen „performativen Widerspruch“) Ist ihm gar nicht aufgefallen, wie er gerade der Mittelpunkt eines kollektiven, sozialen Konstruktionsprozesses ist? Hat er nicht gesehen, wie das eben noch von ihm beschriebene Feedbacksystem sofort ansprang und ihn belohnt hat?

Zu einem gewissen Grad liegt das natürlich in der Sache. Fast alle Literatur, die sich mit sozialen Konstruktionsprozessen von Realität auseinandersetzt, weist darauf hin, dass man gegenüber den eigenen Konstruktionsmechanismen einen blinden Fleck hat. Man kann sich nicht selbst beim Beobachten beobachten.

Ein etwas selbstkritischerer Beobachter, wird diesen Mangel aber mit einpreisen. Nicht aber Joscha. Stattdessen wird eben die Sonderstellung des Nerds behauptet. Und das ist vielleicht der Kern dessen, was mich an der Nerdkultur so irritiert: diese völlige Abwesenheit von kritischer Selbstreflexion.

Die Nerdkultur zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie alles kritisch reflektiert, außer sich selbst.

Und ich halte das für gefährlich. Denn mit einem hat Joscha recht: Den Nerds kommt eine besondere Rolle in der Gesellschaft zu. Sie haben in dem Maße an Relevanz gewonnen, wie der Computer immer wichtiger für das gesellschaftliche Funktionieren wurde. Nerds haben heute eine ganze Menge Macht, tun aber immer noch so, als seien sie dieselben Leute, die von Bullies mit dem Kopf in die Mülltonne gesteckt werden.

Im schlimmsten Fall entwickelt sich aus diesem ideologischen Exzeptionalismus bei gleichzeitig unreflektierter Machtpostion das, was ich neulich Fefesimus nannte. Eine Form von Nerd-Supremacy, in der der Nerd selbst zum Bully wird und das nicht mal merkt.

Das ist der Grund, warum ich Nerdpride ablehne. Ich wünsche mir vielmehr ein kritischen Umgang der Nerdkultur mit sich selbst. Mit ihrem Erbe, mit ihrer Ideologie, aber auch mit ihrem sozialen Hintergrund. (Siehe dazu z.B. den guten Artikel von Mina)

Ja, es gibt natürlich Bemühungen, vor allem im CCC, einige Strukturen aufzubrechen. Es gibt Bemühungen sich zu öffnen für neue Leute. Die tolle Keynote von Fatuma Musa Afrah ist ein gutes Beispiel. Und die Chaospat/innen haben eine Menge erreicht. Das ist eine wichtige Geste, aber ohne eine kritische Beschäftigung mit sich selbst – oder überhaupt mal das Zulassen von Kritik – bleibt sie nur Anstrich.

Joscha endete mit dem schönen Satz: „You are not a brain, you are a story that your brain tells itself“. Wenn die Nerds merkten, dass das auch für ihre eigene Identitätskonstruktion gilt, wäre das ein Anfang.


Realms. Vom Tacker zum Locher zum Gesellschaftsumbruch

Ich bin nicht gut mit Papier. Gibt man mir ein Stück Papier – wie zum Beispiel einen Abholschein – werde ich es mit Sicherheit verlieren. Schickt man mir Briefe, kommen sie auf einen Stapel. Die Stapel wachsen mit der Zeit. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stapeln sie noch heute.

Doch halt. Ich habe einen Gegenspieler. Das Finanzamt. Die wollen immer so Dinge über meine Zettel wissen. Und jedes Jahr wollen die mehr über meine Zettel wissen, bzw. jedes Jahr hab ich einfach auch viel, viel mehr Zettel. Das ist eigentlich gut, denn Zettel bedeuten Geld. Aber mehr Zettel bedeuten auch und vor allem ausufernde Zettelstapel und ist doof bei einem Finanzamt, das alles über meine Zettel wissen will. Ein Teufelskreis!

Jedenfalls wurde der Druck immer größer, mich mit meinen Zetteln zu beschäftigen. Und auch wenn „alles auf einen Stapel legen“ eine ganze Weile funktioniert hat (ihr wärt erstaunt wie lange das gut geht!), wird das Hantieren mit dem Zettelstapel irgendwann ineffizient. Ab einer gewissen Stapelhöhe werden die geringen initialen Organisationskosten durch das „Auf-den-Stapel-legen“ durch später nachfolgende „Wo ist noch mal Zettel X, ich les den Stapel noch mal komplett durch“-Kosten weit überstiegen.

Es brauchte also eine zusätzliche Organisationsmaßnahme. Zu diesem Zweck besorgte ich mir letztes Jahr eine Technologie namens „Tacker“. Ein Tacker erhöht erstmal den Organisationsaufwand pro Zettel, aber reduziert auf längere Zeit die Mit-Zettel-Hantier-Kosten. Mit dem Tacker kann ich verschiedene zusammengehörige Stapel zusammentackern und so klar abgrenzbare Einheiten von Zetteln (die jetzt eine feste Ordnung haben) zusammenfassen, so, dass sie nicht mehr durcheinanderflattern können. Das reduzierte für mich die allgemeinen Organisationskosten wieder auf ein erträgliches Maß. Ich tackerte fröhlich vor mich hin und konnte von nun an mit definierten Zettel-Büscheln arbeiten, sie rumschicken und ablegen, ohne, dass sie durcheinanderflogen.

Eine Freundin, die sich mit Zettelmangement viel besser auskennt als ich, riet mir allerdings recht bald, vom Tacker Abstand zu nehmen und stattdessen eine Technologie namens Locher einzusetzen.

Locher haben erstmal einen gering höheren initialen Kosteneinsatz (Man muss etwas genauer sein beim Lochen als beim Tackern) und haben zudem den Nachteil, dass das Lochen ansich nicht als Organisationsmaßnahme ausreicht. Die Lochertechnologie hat nur einen Sinn, wenn man sie mit einer Komplementär-Technologie wie einer Mappe, einem Schnellhefter oder einer Akte verwendet. Damit steigen die Organisationskosten aber erstmal steil an. Ich brauche als Investition nicht nur den Locher, sondern auch die Mappe oder Akte. Dann muss ich für jeden Zettel zwei Schritte einleiten: 1. Lochen, 2. Wegheften. Das ist mehr als eine Verdoppelung der Organisationskosten pro Zettel! Hinzu kommen neue Organisationsstrukturen für Akten. Die brauchen auch einen Platz, müssen beschriftet werden, etc. (Ok theoretisch, momentan liegt nur ein unbeschrifteter Schnellhefter auf meinem … äh, Zettelstapel.)

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Dann allerdings entfaltet das Lochen einige organisatorische Features, die in Sachen Komplexitätsmanagement recht mächtig sind. Die Zettel haben keine notwenige feste Ordnung, sondern man kann sie jederzeit umorganisieren (auf diesem Level bin ich aber noch nicht. Aber man will ja auch zukunftsfähig bleiben.) Außerdem kann man beinahe beliebig große Stapel zusammenfassen. Hinzu kommen Möglichkeiten der Organisation auf Sub-Ebene: Innerhalb von Akten kann man Sektionen anlegen. Ein Killerfeature für meine Steuererklärung! Auch praktisch ist, dass die einmal gelochten Zettel plötzlich mit anderen Akten und Heftern interoperabel sind. Die Löcher sind allgemein standardisiert und sind mit vielen Aktensystemen weltweit kompatibel, woraus sich – zumindest theoretisch – enorme Netzwerkeffekte ergeben. (Aber auch dieses Feature nutze ich bisher nur begrenzt. Ich habe nur einen einzigen Schnellhefter, in dem meine Steuer von 2014 drin ist.)

Ein weiterer Technologieschritt, der tatsächlich in viel größeren Organisationen gemacht wird, ist alle Zettel zu digitalisieren. Das erhöht die Organisationskosten zwar dramatisch (alle Zettel müssen eingescannt und per OCR maschinenlesbar gemacht werden. Es braucht eine entsprechende Datenbanktechnologie, die meist sehr teuer ist oder selbst programmiert werden muss. Es kommen Kosten für Administration und Hardware hinzu. Hinzu kommen zusätzliche Risiken, wie Datenverlust oder Hackerangriff.) Die Komplexitätsreduktion wäre aber genau so gewaltig. Ich könnte in allen Dokumenten volltext suchen, könnte Reportings machen, verschiedene statistische Auswertungen erstellen und mit intelligenten Skripten könnte ich sogar meine Steuererklärung über weite Teile automatisiseren.

Aber seien wir ehrlich: bis sich ein solcher Schritt lohnt, müsste das Komplexitätsniveau meiner Zettel aber noch mal um einige Orders of Magnitude steigen. Was keiner von uns wollen kann. Oder eine neue Technologie würde die Einscan- und Datenhaltungskosten radikal reduzieren. Was alle von uns wollen.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will: der lose Zettelstapel hat mir jahrelang gute Dienste geleistet und die Organisationskosten waren lange auf sehr geringem Maß. Mit zunehmender Komplexität der Menge und Anforderungen begannen die Organisationskosten allerdings dramatisch anzusteigen. Ein Tacker hat sich ab einem gewissen Komplexitätsnivau als heilsam erwiesen, aber eben nicht vorher und nur bis zu einem bestimmten Punkt. Eigentlich hätte ich aber mit dem Tacker noch eine ganze Zeit lang weiter machen können, aber meine erste „richtige“ Steuererklärung hat mich vorschnell zu der Technologie „Lochen + Aktenhaltung“ getrieben. Eine Technologie, die wahnsinnig viel höhere Kosten verursacht, aber auch ein wahnwitzig höheres Maß an Komplexität bewältigen kann, das heißt viel, viel „mächtiger“ ist. Mehr Macht, als ich derzeit brauche zwar, aber eben auch so viel wie nötig.

Das heißt, es gibt verschiedene „beste“ Technologien für unterschiedliche Komplexitätsniveaus. Die Organisationstruktur folgt der Organisationstechnologie, folgt dem Sweetspot von Organisationskosten und Komplexitätsbewältigung. Ich nenne die Bereiche, in denen ein Komplexitätsniveau im Zusammenhang mit einer Organisationstechnologie einen Sweetspot bildet der Einfachheit halber mal ein „Realm„. Realms sind stabile Zustände – eine Art Kosten-Anforderungs-Homöstase für Technologien – die sich einpendeln, wenn eine Technologie gerade billig und gleichzeitig mächtig genug ist, um eine gegebene Komplexität effizient zu managen. Ein Realm reicht von „Meine alte Organisationstechnologie reicht gerade nicht mehr aus, ich brauche eine Neue“ bis zu ihrem Gegenpart bei der nächst höheren Organisationsstufe/-Technologie (Iteration). Ich bin also gerade über die Schwelle gestiegen, die das Tacker-Realms vom Locher-Realm trennt und stehe nun etwas ratlos und überfordert am Beginn des Locher-Realms und kann die Weite kaum überblicken.

Ich schreibe das hier auf, weil ich verstehen will, wie Organisation funktioniert. In meinem Buch habe ich die derzeitige Transition von der Institution hin zur Plattform mit dem Verhältnis von Netzwerkeffekten und Organisationskosten begründet. Die Digitalisierung und das Internet haben die Organistationskosten für Sozialität und Kommunikation so weit gesenkt, dass die Netzwerkeffekte in einem viel, viel höherem Maße abgeschöpft werden können. (Vorher gab es auch Netzwerkeffekte, aber ihr Nutzen wurde bei steigender Gruppengrößen und höherer Entfernung der Teilnehmer schnell von den steigenden Kosten aufgefressen. Das Internet hat das geändert.)

Wir sehen in der IT-Technologie ständig solche Transitionen. Wenn die Grafikberechnung vom Prozessor auf einen eigenen Chipsatz ausgelagert wird, dann wieder zurück in den Prozessor wandert, um dann als Chipsatz wieder externalisiert zu werden. Wenn die frühen Computer Timesharingsysteme waren, dann vom Trend zum Heimcomputer eingeholt werden, der dann aber wieder vernetzt wird und sich wieder ein hierarchisches Server/Client-Verhältnis einfügt, bishin zu dem was wir heute Cloudcomputing nennen. Oder nehmen wir das Internet selbst. Von einer ziemlich dezentralen Struktur von heterogen betriebenen Servern hin zu den großen Plattformen und ihren Datencentern, die alle Dienste und User bündeln und konzentrieren. All diese Entwicklungen antworten auf bestimmte Trends in Sachen Organisationskosten, Komplexitätsniveaus und natürlich bestimmten technischen Innovationen. Der Timesharing-Computer hatte ein bestimmtes Realm, der PC hatte eins und die Cloud hat eines. Die Grafikkarte scheint sogar mehrere (gehabt) zu haben.

Ich denke, dass ähnliche Realms eben auch in der Geschichte der gesellschaftlichen Organisation stecken. Vom Stamm zum Dorf, zur Stadt, zum Fürstentum, zum Königreich, zum Nationalstaat, zur Plattform. Ein bisschen geht Dirk Baeckers Theorie zur Nächsten Gesellschaft in diese Richtung, legt aber meines Erachtens zu wenig Fokus auf die ökonomischen Wirkkräfte die dahinter Stecken. Medientechnologien spielen für die gesellschaftliche Organisationsform vor allem deswegen eine Rolle, weil sie auf die Organisationskosten Einfluss nehmen.

Eine Vorstellung davon, wie agil und organisch ich mir diese Transitionsprozesse aus der Markoebene betrachtet vorstelle, bekommt man ein bisschen, wenn man sich anschaut wie sich sogenannte Ferrofluids (Magnetische Flüssigkeiten) in unterschiedlich starken Magnetfeldern organisieren – und bei veränderten Magnetkräften reorganisieren. Sie stabilisieren sich immer wieder in verschiedenen Stadien, also das, was ich Realms nenne.

BLACK from Susi Sie on Vimeo.


Die multibeschissene Weltordnung

In Douglas Adams Anhalter durch die Galaxis findet sich die Theorie, dass wenn jemand hinter die letzten Geheimnisse des Universums käme, es sich in dem Moment zusammenfalten und ein völlig neues Universum entstehen lassen würde. Eines das wahnwitzig viel komplexer ist als das alte. Es gibt zudem eine flankierende Theorie, dass das bereits geschehen sei.

Und genau so kommt mir unsere Welt vor. Aufgewachsen bin ich in der bipolaren Weltordnung. Der eiserne Vorhang trennte Ost von West, zwei Mächte, die sich gegenüber standen, beide bis zu den Zähnen mit Atomraketen bewaffnet. Machste Ärger, dann Apokalypse! Diese Welt war beängstigend, aber immerhin einfach und verständlich. Beide Akteure waren zudem rational agierende, auf den Werten der Aufklärung basierende Systeme, die daraus nur unterschiedliche Schlüsse gezogen hatten. Genau deswegen konnte sich der Konflikt auch spieltheoretisch so gut modellieren lassen. Am Ende entschieden die wirtschaftlichen Ressourcen, wer bei diesem Angstspiel den längeren Atem hatte.

Nachdem die 10 Jahre währende Technoparty, die wir heute als „die 90er“ bezeichnen, jäh von dem einstürzenden World Trade Center beendet wurde, kam der Begriff der „Multipolaren Weltordnung“ auf. Alles ist irgendwie total kompliziert geworden. Da gibt es China, recht friedlich, aber wirtschaftlich immer bedeutender und es hat Atomwaffen. Da bedrohen sich Indien und Pakistan mit Atomwaffen, als wollten sie den kalten Krieg in klein nachspielen. Israel und Iran haben auch (wahrscheinlich) Atomraketen und grimmen sich an. Dann haben wir die islamische Welt mit dem fortwährenden Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Daraus entspringen dann verschiedene Strömungen von islamistischen Terrorismus. Die USA sind irgendwie auf dem Abstieg, aber immer noch die dominierende Ordnungsmacht. (Obwohl es schon lange her ist, dass sie einen Konflikt gewonnen haben.) Europa ist wirtschaftlich mächtig, aber verzankt, militärisch aber nicht sehr bedeutungsvoll. Russland findet zurück zu alter Stärke, bemüht sich jedenfalls dazu, hat Europa ein wenig im Würgegriff, weil die von dem Erdgas abhängen. Überhaupt ist Energie ein wichtiges Thema. Nur weiter südlich geht es immer mehr um Wasser.

Kurz: es ist kompliziert.

Aber wenn man sich wie ich bemühte, zu verstehen, sich in den einen oder anderen Konflikt einlas, dann konnte man doch meist irgendeine – zumindest eine grobe – Position dazu finden. Israel muss sein Existenzrecht verteidigen, Terroristen gehört das Handwerk gelegt, dieser Diktator knechtet sein Volk, dort wird für Demokratie und Freiheit gekämpft und Pakistan unterstützt den islamistischen Terror. Natürlich war das immer vereinfacht, immer biased, immer an „westlichen Werten“ orientiert, subjektiv und oft verzerrend. Und meine Solidarität war auch nie bedingungslos. Ich sah beim Nahostkonflikt immer auch die andere Seite, ich habe die USA oft und deutlich kritisiert zb. für die Irakinvasion und mir war immer klar, dass es alles nicht so einfach ™ ist. Aber am Ende hatte ich doch eine Seite, auf die ich mich stellen konnte. Auch wenn ich das nicht herausposaunt habe, war ich zum Beispiel natürlich trotzdem gegen Sadam Hussein und hoffte insgeheim, dass die Amerikaner in der Region für Besserung sorgen. (Und hier sehe ich gleich tausend Schlaumeierkommentare auf mich zurollen, die schon immer alles besser wussten und viel objektiver waren und meine Haltung gar nicht nachvollziehen können. Ja, ich weiß, ihr seid furchtbar toll. Aber behaltet es für euch, ja?)

Aber das geht jetzt nicht mehr. Meine These ist: wir haben nicht mehr die multipolare Weltordnung, sondern die multibeschissene Weltordnung.

Also, was ist heute anders? Ich stehe immer ratloser vor den Konflikten in der Welt und halte alle Seiten für total beschissen. Und damit meine ich nicht so ein „die USA haben ein völkerrechtswidriegen Krieg mit falschen Argumenten begonnen„-beschissen, sondern mehr so ein „Hitler„-beschisssen. So „geht gar nicht“-beschissen. So „da ist absolut keinen Zentimeter, um mich irgendwie zu solidarisieren„-beschissen. Und das gilt fast immer und für fast alle Seiten eines jeden Konflikts.

Das erste mal ging es mir so nach dem arabischen Frühling. Wie habe ich mich gefreut, als das losging. Tunesien, dann Ägypten. Ein Freiheitskampf, mit dem ich mich identifizieren konnte. Der scheiß Mubarak muss weg! Und tatsächlich: Happy End. Alles super! Hach!

Und dann: Die Muslimbruderschaft gewinnt die erste freie Wahl, schränkt gleich mal die Freiheiten ein. Scharia soll Gesetz werden und ich so: What the Fuck!?! Dafür habe ich nicht mitgefiebert! Die müssen weg!

Dann so: Ein militärischer Putsch metzelt die Muslimbrüder nieder. Ein riesiges Massaker an einer demokratisch legitimen Regierung. In der Blutlache wird dann die ägyptische Zukunft als säkularer Staat versprochen.

Ich so: ähhhhh … uff!

Alles Arschlöcher. Auf allen Seiten. Und zwar so sehr, dass eine Solidarität in keine Richtung möglich ist.

Es gibt seitdem eine Reihe Beispiele, wo es mir so erging. Wer ist zum Beispiel der Nichtbeschissene im Ukrainekonflikt? Klar, Russland ist der Aggressor, keine Frage ist Putin ein Arschloch. Aber will ich mich wirklich mit den Rechtsnationalen, die immer noch die ukrainischen Seite dominieren, solidarisieren? Geht das?

Und auch meine Israelsolidarität hält mich nicht davon ab, Netanyahu für einen durchgeknallten Irren zu halten, der schlimme Menschenrechtsverletzungen an großen Bevölkerungsteilen in Kauf nimmt, obwohl er aus einer Position der Stärke operiert. Netanyahu ist ein Arschloch. So, jetzt ist es raus. Natürlich kann ich mich aber auch nicht auf die Seite der antisemitischen Terrororganisation Hamas stellen, die alles dafür tut, um israelische Zivilist/innen zu töten. Faschistische Arschlöcher. Überall nur Arschlöcher!

Und nun zu Syrien. Syrien ist das Paradebeispiel für die multibeschissene Weltordnung. Schauen wir mal: Da haben wir als erstes mal Assad. Der scheint sich am Beispiel Mubarak erschrocken zu haben und ist sofort mit voller Härte gegen das sich gegen ihn auflehnende Volk losgeprescht. Angeblich hat er bereits 200.000 Menschen umgebracht. 200.000!! Was für ein riesen Arschloch!

Und auch wenn wir ständig von ISIS reden: Assad ist definitiv mit weitem Abstand der Schlächter Nr. 1 in der Region. Aber natürlich ist auch ISIS beschissen. Sogar wahnsinnig beschissen. Mit ihrer ganzen faschistischen Islamismusideologie, wie sie Frauen versklaven, wie sie Gewalt glorifizieren und wie sie tausende Menschen auslöschen, weil sie an das falsche glauben. Wenn sie könnten, würden sie die halbe Welt ins Gas schicken. Das sind knallharte Nazis, nur mit anderem kulturellem Background. Hinzu kommt, dass ich mich von denen persönlich bedroht fühlen muss, nach Paris.

Zu den anderen Gruppen weiß ich zu wenig, aber diese beiden Beschissenheitspole sind schon mal die beiden größten Kräfte in der Region und reichen für mein Argument vollkommen.

Bei Syrien kommt die Beschissenheit zweiter Ebene hinzu: Da ist zum Beispiel die Türkei, die statt ISIS zu bekämpfen unter diesem Deckmantel lieber die unliebsamen Kurden bombardiert. Was für ein Arschloch ist eigentlich Erdogan? Da ist Russland, das unter demselben Vorwand lieber die Oppositionsgruppen, die gegen Assad kämpfen, bombardiert. Die wollen Assad stützen, koste es was es wolle. Auch Arschlöcher, alle beide.

Relativ sicher bin ich mir allerdings, dass die NATO hier die einzigen nicht beschissenen sind. Also die, die zumindest das richtige wollen, die gegen ISIS sind und gehen Assad und sich das nicht leicht machen. (Klar: Die Fehler machen, die Dummes tun, die auch Eigeninteressen verfolgen, die ISIS mitverschuldet haben, die keine Frage weder „gut“, noch „rein“ sind, aber eben auch nicht beschissenen in dem Maße wie Assad und ISIS, Putin und Erdogan beschissen sind.)

Ganz und gar nicht sicher bin ich allerdings, ob es gut ist, sich mit Waffen in diese multibeschissene Weltordnung zu werfen. Denn was will man erreichen? Dass das eine Arschloch über das andere Arschloch siegt? Dass man alle Arschlöcher beseitigt? Geht das überhaupt? Und wenn ja: Dann muss man das ganze Land auf längere Zeit besetzen. Das grenzt wieder an Kolonialismus, würde jedenfalls so empfunden werden. Was dann wieder zu mehr Terrorismus führt, etc.

Ich fürchte, in der multibeschissenen Weltordnung kann man nichts richtig machen. Das ist alles ziemlich … beschissen.


Ding Dong, Safe Harbor ist tot!

Hallo. Ich finde die aktuelle Freude über den Sturz von Safe Harbor ziemlich … erstaunlich.

Kurz: was ist Safe Harbor? Safe Harbor ist ein Abkommen zwischen der EU und den USA betreffend der Übermittlung von Daten. Es wird angenommen (zumindest erklärt), dass die unter dem Label Safe Harbor zertifizierten US-Unternehmen dem europäischen Datenschutzrechtstandard genügen. Tjo.

Zu kompliziert? Ok, anders: Safe Harbor ist Grunde nichts anderes ist, als eine riesige Datenschutzerklärung, die 2000 die EU-Kommission stellvertretend für uns alle einmal geklickt hat. Ja, auch für dich. Was da drin steht? Woher soll ich denn das wissen! Wer liest denn schon Datenschutzerklärungen?

Jedenfalls hat Max Schrems es jetzt geschafft und das Ding ist gekippt. Und nun? Derzeit agieren wir in unzureichend definiertem Rechtsrahmen, wann immer wir einen Tweet absetzen oder was auf Facebook posten. Das wird erstmal so bleiben, denn bis eine Neuverhandlung wirksam wird, kann es noch lange dauern.

Vermutlich wird es aber erstmal irgendwelche provisorischen Lösungen geben. Vielleicht wird die Provisorische auch die Langfristige Lösung. Hier sind ein paar der Strategien aufgelistet. Eine Möglichkeit aber sticht heraus. Die der individuellen Einwilligung.

Obwohl Juristen/innen jetzt wieder hin und her-analysieren lässt sich festhalten; das europäische Datenschutzrecht ist in seinen Grundzügen recht banal. Es geht so: alles ist verboten. Es sei denn, du hast zugestimmt. „Informed Consent“ nennt sich das in der Theorie. Und in der Praxis ist es der „ich stimme zu“-Button, den du immer wegklickst. „Ja doch! Nerv nicht!“ Wir kennen das schon aus der Cookierichtlinie. Genau, das wo du im Mobile Safari immer das winzige [ok] treffen musst, um das extra Banner wegzuklicken, damit du den verdammten Artikel lesen kannst.

Das ist meine Prognose: so wird es auch hier kommen. Datenschutz ist, wenn man immer mal wieder was neues wegklicken kann. „Informed Consent“ kann man aus Unternehmenssicht gut übersetzen mit „cover you ass“. So funktioniert Datenschutz: Du klickst extra, Unternehmen bekommen ihren Ass gecovert. Das war bisher automatisiert per Safe Harbor der Fall, das ist jetzt weg. In Zukunft heißt es wieder selber klicken. Danke Max Schrems!

Ich kann deswegen auch nicht verstehen, warum die Journalisten auf das Urteil gerade so abfahren. Als wichtigen Schlag gegen die Geheimdienstüberwachung wird es bezeichnet. Srsly? Wie sollte dieser Schlag denn aussehen? Wird die NSA jetzt aufhören mit PRISM Daten von Nicht-US-Bürgern aus Facebook rauszuziehen? Wohl kaum. PRISM wurde letztes Jahr von einer extra eingesetzten Untersuchungskommission für legal befunden. Was soll sich also ändern?

Facebook (und all die anderen Unternehmen) stehen vor der Wahl. Sollen sie dem Recht in ihrem Heimatland USA folgen und gegen EU-Recht verstoßen, oder EU-Recht folgen und US-Recht mißachten. Choose one. So wird es natürlich außerhalb der Phantasie von Max Schrems nicht kommen. Der Extra-Klick wird das lösen, da bin ich mir sicher.

Aber gut. Stellen wir uns jetzt mal kurz den härtesten aller Fälle vor: Die EU macht jetzt einen auf Putin und beharrt darauf, dass alle Unternehmen europäische Daten nur in Europa speichern und auswerten dürfen. DigitalCourage jubelt, Thilo Weichert klopft Jan Phillip Albrecht auf die Schulter. Alles schön und gut. Aber was wäre damit gewonnen?

Haben alle die bisherigen Ergebnisse des NSA-Untersuchungsausschuß schon wieder vergessen? Der BND hängt nicht nur tief in der NSA-Überwachung mit drin, er hat auch seine eigenen Internet-Massenüberwachungskapazitäten und natürlich nutzt er sie auch. Auch der BND kommt an in Deutschland gehostete Daten ran. Deutsches Datenschutzgesetz hin oder her.

Und ist der GCHQ eigentlich schon vergessen? Der englische, noch viel niederträchtigere kleine Bruder der NSA zapft alles an, was in Europa nicht bei drei auf den Bäumen ist!

Aber jetzt mal grundsätzlich: Glaubt ihr wirklich, dass eure Daten in Europa sicherer sind? Wegen unserem Datenschutzgesetzt? „Für Datenschutz klicken sie bitte hier!“ Nein, ich denke, das Gegenteil wäre der Fall. Dafür muss ich kurz etwas ausholen:

Das Grundrecht auf „Informationelle Selbstbestimmung“ wurde nicht geschaffen, weil die Verfassungsrichter 1983 Privatsphäre einfach so knorke fanden. Nein, es dient einem konkreten Zweck, den die Richter auch in ihrer Begründung weitschweifend erläutert haben: Informationelle Selbstbestimmung ist, wie alle Grundrechte, erstmal ein Schutzrecht gegen den Staat. Der Staat hat nun mal scheiße viel Macht. Gewaltmonopol nennt sich das. Das ist, wenn der Staat dein Haus stürmen, dein Vermögen einkassieren, dich zusammenprügeln und in den Knast werfen darf. Ja, das darf er unter bestimmten Bedingungen und er tut das auch bisweilen mit Leuten. Genau deswegen hast du ein Recht auf Informationelle Selbstbestimmung. Um dieses Machtungleichgewicht etwas auszugleichen. Und dieses Anliegen ist nach wie vor eine wichtige und richtige Sache. (Weswegen ich trotz Post-Privacy und alles immer und überall gegen die Vorratsdatenspeicherung bin und war.)

Aber wie kommt ihr jetzt also auf die Schnapsidee, dass eure Daten ausgerechnet im eigenen Land am sichersten sind? Sicher vor wem? Als allerletztes doch vorm Staat!

Was meint ihr, warum Russland ein solches Gesetz zur Bewahrung russischer Daten im eigenen Land gerade eingeführt hat? Weil es Sorge um die Privatsphäre seiner Bürger hat? Wer das glaubt, schaut zu viel RT_Deutsch. Nein, Putin will an die Daten von Oppositionellen und Aktivist/innen ran. Das geht halt viel besser, wenn die Daten in russischer Hoheit liegen.

Ich will die EU nicht mit Russland vergleichen. Aber der gleiche direktere und einfachere Zugriff würde ebenfalls für europäische Behörden gelten, wenn die Daten hier lägen. Ich sehe da freiheitsrechtlich keinen Fortschritt, im Gegenteil. Im Zweifel ist es mir 1000 mal lieber, wenn die NSA meine Daten hat, als der Verfassungsschutz.

Wenn es nach mir ginge, säh ein neues Safe Harbor-Abkommen wie folgt aus: „Macht mit den Daten was ihr wollt, aber bitte gebt sie nicht an meinen Staat weiter. Danke!“

Also, liebe Leute, die ihr euch so freut, dass Safe Harbor weg ist. Befragt mal genauer die Motivation hinter eurer Freude. Grundrechtsverbesserung kann es jedenfalls nicht sein. Vielleicht ist es am Ende ja doch nur wieder schaler Antiamerikanismus? Aber endlich kann man da jetzt was tun. Klicken gegen den Imperialismus!!11