It’s Alte-Weiße-Männer-Ranttime

Heute hatte ich zwei Zusammenstöße auf Twitter mit weißen alten Männern und ihrem gänzlich unoriginellen Unverständnis gegenüber ihrem eigenen unoriginellen Unverständnis.

Zunächst: mir ist klar, dass ich den genannten Kriterien fast vollumfänglich entspreche. Wems beim Verständnis hilft: ja, ich kritisiere hier meine eigene Identitätsgruppe, okay?

Da wäre zunächst Frank Schmiechen, ehemaliger Redakteur bei WELT und jetzt Chefredakteur bei Gründerszene. Er mischte sich in die ebenfalls recht rantige Debatte um SUVs ein, die ich iniziiert hatte und stellte einen eigenes Essay mit folgenden Worten in Aussicht.

Ich kann mir den Text bildlich vorstellen:

„Jetzt darf man also nicht mal mehr SUV fahren! Totalitäre Moralapostel verbieten einfach alles! Tugendfuror! Das wird ja wohl noch fahren dürfen!“

Vielleicht in hübschere Worte gekleidet, aber basicly this. Ich nenne es „Alte Männer Sermon“ und prognostiziere einen großen Klickerfolg, denn eine feste Zielgruppe hat das Genre ja.

Das vielleicht nervigste an alten, weißen Männern ist ihre vollkommene Ahnungslosigkeit ob ihrer eigenen Unoriginalität. Sie schreiben einen Artikel nach dem anderen gegen „Political Correctness“ und den „Totalitären Moralwahn“ und glauben tatsächlich jedes mal von neuem wahnsinnig mutig ein „Tabu zu brechen“ und „es endlich mal auszusprechen„. Man kann eine ganze Bibliothek damit füllen, aber sie glauben jedesmal total originell zu sein. Es wäre zum Schreien komisch, wenn es nicht so traurig wäre.

Die zweite Begegnung hatte ich in Form dieses Zeitartikels von Jochen Bittner, der als Verteidigungsschrift eben jener weißen Männer gedacht war. Leider findet sich der grundsätzliche Verständnisfehler bereits im zweiten Absatz. Bittner schreibt:

„In der Beschwerde über „weiße Männer“ steckt ja mehr als die Abwehr von offener oder unterschwelliger Diskrimierung. Sie ist eine Unterstellung, die selbst auf eine Diskrimierung hinausläuft: Jemand, der weiß ist, männlich und ein gewisses Alter hat, bringt höchstwahrscheinlich ein bestimmtes, nämlich falsches Denken mit.“

Und das ist schlicht falsch. Es geht nicht um Falschheit, sondern um Einseitigkeit. Niemand unterstellt weißen Männern generell ein falsches Denken oder ein falsches Bewusstsein. Es ist halt nur kein sonderlich originelles Denken oder sonderlich originelles Bewusstsein, sowie eine eingeschränkte Perspektive, wie beide aufgeführten Beispiele schön beweisen. Und es ist eine Perspektive, die die deutschen Feuilletons seit es sie gibt dominiert, die durchaus eine berechtigte und manchmal auch wunderbar richtige Sicht der Welt bereithält – aber eben nicht die einzig mögliche. Nur die Meinung von weißen (und meist über 40 jährigen, bürgerlichen, überdurchschnittlich gebildeten, heterosexuellen) Männern zu hören, ist eine unnötige Verengung des Blickfelds auf die Welt, zudem eine Aufforderung zur Denkfaulheit, Zirkelschlüssen und Groupthink. Der Hauptgrund jedoch, warum diese Perspektive aufgebrochen gehört, ist, dass sie für diese unfassbare Dröge in den Blättern verantwortlich ist.

Ich formulierte meinen Widerspruch in einem Tweet und es folgte ein Austausch mit dem Autor, der dem mit Schmiechen in Sachen Unverständigkeit in nichts nachsteht. Bittner wollte die unterstellte Eindimensionalität der Perspektive nicht stehen lassen, also erklärte ich, dass der Grund dafür die Homogenität von Erfahrungshorizonten ist. Darauf Bittner:

Nee, is klar. Die Diversität von Erfahrunswelten innerhalb der Gruppe weißer Männer ist schließlich groß genug. Und die Zeit-Artikel von arbeitslosen polnischen Fabrikarbeitern nehmen eh schon überhand. Da ist ja auch mal gut mit Diverstät und so.

Es ist fast peinlich, das erklären zu müssen: natürlich ist „weiße Männer“ nur die Schiffre für die Homogenität zum Beispiel in Redaktionen wie der der ZEIT, die über „weiß“ und „männlich“ weit herausreicht und natürlich immer auch den Arbeiter, den Behinderten den Schwulen, die Transsexulle, die PoC etc. strukturell ausgeschließt. Und den arbeitslosen polnischen Fabrikarbeiter natürlich auch. Sich auf ihn zu berufen, um auf eine vermeintliche innerweißmännlichen Pluralität zu verweisen, zeugt von einem derartigen Unverständnis der Problemlage, dass ich ernsthaft zweifle, dass Bittner für seinen Job geeignet ist.

Ich bin sowas von genervt von der Unoriginalität dieses vor sich hergetragenen Unverständnisses, dass mir nur noch bleibt, diese Demonstration geballter Ignoranz als Beweis der Legitimität der Kritik an alten, weißen Männern vorzuführen.

Also, mal von altem weißen Mann zu altem weißen Mann: Ich will gar nicht, dass ihr alle aus den Redaktionen verschwindet. Ich will nur gerne eine breitere Perspektive haben. Aber vor allem fehlt mir Originalität, Ideenreichtum und ein Mindestmaß an Selbstreflexion. Meine Hoffnung: wenn Redaktionen diverser werden, dann werden auch die Ansprüche an euch steigen. Dann kommt ihr mir euren wehleidigen, tausend mal gelesenen Gejammer nicht mehr weit. Dann müsst ihr euch plötzlich anstrengen, wenn ihr noch mitspielen wollt. Das wär doch mal was!


Der stille Wahlkampf vor dem Sturm

Mir ist dieser Wahlkampf unangenehm. Und das meine ich nicht im Sinne, dass er mir einfach nur auf den Keks geht, wie es eigentlich alle Wahlkämpfe bei allen Menschen tun. Ich meine das auf einer durchaus tieferen Ebene.

Erstens: Nach dem letztem Jahr muss einiges, was wir über die Welt, die Demokratie und die Menschen zu wissen glaubten, in Frage gestellt werden. Nichts davon ist in diesem Wahlkampf präsent. Es ist der technisch standardmäßigste, strategisch routinierteste und inhaltlich weitersoste Wahlkampf, den ich bisher erlebt habe.

Zweitens: In der weltpolitischen, ökologischen und auch der technologischen Situation in der wir (die Welt) uns befinden, sind – meines Erachtens – radikale Maßnahmen zu ergreifen. Und sie sind jetzt zu ergreifen, bevor es zu spät ist. Doch wieder nichts. Gar nichts davon ist in den Wahlprogrammen irgendeiner Partei zu spüren. Nicht mal die Grünen scheinen ihrer eigenen Agenda über den Weg zu trauen.

Aber ich will mich gar nicht so sehr über die Politik auskotzen, denn … ich weiß es doch auch nicht besser. Ich habe keine Konzepte, wie man heute Wahlkampf machen müsste. Im Grunde bin ich immer noch nicht sicher, was wir aus dem letzten Jahr lernen können. Ganz ehrlich: Ich bin immer noch ein bisschen im Schockzustand. Und meine radikalen Agenden zu Klimawandel, Künstliche Intelligenz und Nord Korea sind ebenfalls noch ungeschrieben. Weiß ich, was jetzt zu tun ist? Wenn ich ehrlich bin: nein.

Hinzu kommt, dass es Deutschland als ökonomisch-politische Entität objektiv und vor allem auch relativ zu den meisten Staaten in und außerhalb der EU erstaunlich gut geht. Es ist doch irgendwie alles relativ okay. Es gab jedenfalls schon schlechtere Zeiten. Ich kann die Politik irgendwie verstehen. Warum soll man die Leute also mit großen Veränderungen erschrecken? Das ist keine gute Wahlkampfstrategie.

Es ist also ein bisschen wie die Stille vor dem Sturm. Und doch bin ich überzeugt, dass der Sturm die nächste Legislaturperiode kommen wird. Und ich habe nicht das Gefühl, dass wir gut gerüstet sind oder dass irgendeine der Parteien auf diese Fragen überzeugende Antworten hat. Sicher kann man sagen, dass es Parteiprogramme gibt, die tendentiell schon irgendwie eher in die richtige Richtung gehen. Aber ich halte die Parteiprogramme eh nur für begrenzt aussagekräftig, denn auf die Umwälzungen, die auf uns zukommen, kann man nur mehr reagieren, als proaktiv irgendeine Agenda durchzusetzen.

Das Paradoxe ist nun, dass mich all das eher konservativ denken und wählen lässt. Nein, ich werde nicht die CDU wählen, aber doch präferiere ich eine Regierung Merkel vor einer Regierung Schulz. Ich glaube, dass die nächste Legislaturperiode weniger dadurch geprägt sein wird, bestimmte politische Projekte umzusetzen, als vielmehr das Steuer auf rauer See im Griff zu behalten. Und da traue ich Merkel wesentlich mehr zu als Schulz.

Ich werde dieses Jahr die Grünen wählen, nicht trotz der Option auf Schwarz-Grün, sondern mit dem expliziten Wunsch danach.

In vier Jahren wird die Welt eine andere sein. Hoffen wir, dass es bis dahin linke Konzepte und Ideen gibt- vielleicht sogar einen oder eine überzeugende Kandidat/in – mit der man wieder eine visionsgetragene Politik machen kann. Dieses Jahr ist es nicht so weit.


Des Faschodrives neuste bürgerliche Fassade

Ich muss zugeben, dass mir die Ereignisse und immer noch überall ausbrechenden Nachbeben zu Hamburg ebenfalls zu denken geben. Sascha Lobo beschreibt das, was mich beunruhigt so:

„ein sozialer Medien-Massenfuror, nicht als einzelner Wutausbruch, sondern über zwei, drei Tage, sich immer wieder selbstentzündend. Die deutsche Netzöffentlichkeit hat sich nach anfänglicher Irritation über die Härte der Polizei hineingesteigert in einen Empörungsrausch. […] Jemand fordert, man müsse „diese Leute endlich Terroristen nennen“. Jemand anderes erklärt, dass nach der ersten Gewaltnacht eigentlich jeder Demonstrant zum Mob gehöre. Ein Dritter wünscht sich Scharfschützen herbei, es könnte ein überzogener Scherz sein, aber weitere Kommentare sind eindeutig: „Abschlachten das Pack“, „zur Strafe selbst anzünden“, „Erschießen ist zu gnädig“.“

Nicht nur Sascha ist das aufgefallen, sondern auch Leo Fischer. Er aber sieht in den maßlosen Kommentaren nicht einfach den emotionalen Momentzustand der Kommentatoren, sondern unterstellt eine unterschwellige Grundstimmung. Er nennt diese Leute „Umfaller“, weil sie sich liberalbürgerlich inszenieren, heimlich aber Pozeistaatsphantasien pflegen.

„Ich weiß nicht, wie Sie’s halten, aber ich merke mir solche Leute. Gerade solche, die von unserer als der freiesten aller Gesellschaften schwafeln, aber sich in wütendste Apologeten der Staatsgewalt verwandeln, sobald sie das Gefühl haben, dass nun doch der Ausnahmezustand vor der Tür steht. Diese Leute sind zu nichts zu gebrauchen. Ihre Liberalität, ihre Bürgerlichkeit, ihr Konservatismus ist nichts wert, wenn er unter der geringsten Erschütterung zusammenbricht. Ihre Liebe zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung reicht nur für den Alltag.“

Ich glaube, Fischer hat recht. Dahinter steckt mehr, als ein im Eifer des Gefechts passierter Ausbruch. Und hier ist nun meine Theorie dazu:

Es wurde ja des öfteren bemerkt, dass wir es derzeit mit einem weltweiten Rechtsruck zu tun haben. Wir sehen die Türkei in die Diktatur abdriften, Polen und Ungarn eifern ihr nach. Brexit und Trump waren ebenfalls solche Indikatoren. Man kann von einer weltweiten Lust am Totalitären sprechen, am Autokratischen, an uneingegrenzter staatlicher Gewalt und einfachem Freund/Feind-Denken. Ich nenne diese allgemein steigende Lust am Totalitären der Einfachheit halber den „Faschodrive“. (Ich habe indes keine gute Theorie dazu, wo er herkommt, darum soll es hier aber auch nicht gehen.)

Interessanter Weise galt Deutschland immer – und seit die AfD so absäuft – immer mehr als Ausnahme zu diesem Trend. Und ich fürchte, das beruht auf einem Mißverständnis.

Es ist zwar richtig, dass der Faschodrive in Deutschland besondere Herausforderungen zu meistern hat, da er aufgrund unserer Geschichte … sagen wir verpönt ist. Aber das heißt nur, dass umso mehr Energie darauf abgestellt werden muss, beim vor sich hinfaschistoieren, die bürgerliche Fassade zu wahren. Das ist genau das Angebot, das die AfD immer unterbreitete und eine ganze Zeit lang erfolgreich an den Mann gebracht hat. Ich persönlich glaube, es war Björn Höcke, der es versaut hat. Seine Rhetorik erinnerte dann doch einen Deut zu viel an den Geschichtsunterricht, so dass die bürgerliche Fassade nicht mehr glaubhaft aufrecht zu erhalten war. Die bürgerlichen Sympathisanten fühlten sich ertappt und wandten sich ab, von den – auf einmal – Schmuddelkindern.

Der Zusammenbruch der AfD ist natürlich zu begrüßen, heißt aber auch, dass der wachsende Faschodrive seit einem Jahr ein neues Ventil sucht. Und dieses fand er in Hamburg. Wenn man die öffentlichen Reaktionen aus dem bürgerlichen Lager in Relation zu den tatsächlichen Ereignissen stellt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass hier etwas explodiert ist. Und das, was da explodierte, hatte wenig mit den paar brennenden Autos und Mülltonnen zu tun, sondern ist viel besser mit einem überreifen, entzündeten Pickel voller Faschodrive-Eiter vergleichbar.

Aber warum Hamburg? Wenn man ein bisschen drüber nachdenkt, woran der Faschodrive in Deutschland so leidet, stellt man fest, dass Hamburg ein super Anlass war, ihn unter einer perfekt bürgerlichen Tarnung zu entfesseln.

  1. Während die AfD und Pegida-Heinis immer „gegen das System“, waren, konnte man bei Hamburg „mit aller Härte“ für das System sein. Hier waren die Linken die Outsider und kaum hatte man sie als Outgroup definiert, konnte man ihnen schnell jedes Recht auf alles absprechen. Und wer sollte die eigene Bürgerlichkeit dabei in Frage stellen, wo doch der Bürger traditionell immer auf Seiten des Staates ist. Sich mit dem System zu identifizieren und diejenigen zu jagen, die „gegen das System“ sind, passt prima in das bürgerliche Selbstbild. (Natürlich wären, wenn diese Menschen es wirklich durchdächten, Freiheiten wie das Versammlungsrecht und das Recht auf körperliche Unversehrtheit auch der Polizei gegenüber ebenfalls „Teil des Systems“, aber solche Ausbrüche haben ja selten etwas mit denken zu tun.)

  2. Die Linken sind auch deswegen gerade das perfekte Ziel des Faschodrives, weil der Angriff auf sie nicht unter Rassismusverdacht fällt. Das ist sehr wichtig, weil es – gerade auch durch die Debatten um AfD und Pegida – eine verschärfte Diskussion um bürgerliche Werte gab, in der Rassismus mehr und mehr als unbürgerlich und pfuibah identifiziert wurde. Das kann man durchaus als Erfolg verbuchen, führt aber erstmal dazu, dass sich die Bürgerlichen für ihren Faschodrive neue Hassopfer suchen müssen. Die Linksradikalen geben hier – mit ihrer meist selbst weißdeutsch-bürgerlichen Herkunft – ein unbelastetes Ziel ab.

  3. Man kann die Links(-Radikalen/Extremisten) hassen, ohne sich damit „gefühlt“ politisch allzu sehr zu verorten. Während man bei der AfD gleich ein ganzes politisches Programm unterschreiben muss und bei Pegida immerhin mit den Redebeiträgen und hochgehaltenen Schildern OK sein muss, kann man die eigene Härte gegen „Linke“ für sich immer noch in ein pragmatisches Narrativ verpacken. Man will ja nur Ruhe und Ordnung bewahren und wenn dabei ein paar Demos verhindert werden, Knochen brechen und Menschen unschuldig hinter Gittern landen, dann ist das eben ein kleiner Preis, den man dafür zahlt. Dass die eigenen totalitären Forderungen weit über jede Verhältnismäßigkeit hinausgehen, ist ja schließlich Ansichtssache.

Und so wurden die Hamburgereignisse ein ideales Ventil für den inneren Nazi mit der perfekten bürgerlichen Tarnung. Und das macht es so gefährlich.

Daraus kann sich etwas entwickeln, das ich für fast noch gefährlicher halte, als die AfD. Eine aus der bürgerlichen Mitte entspringende Bewegung, die Schulter an Schulter mit dem Establishment Amok gegen das Grundgesetz rennt – mit der Rechtfertigungsstrategie, es zu verteidigen.

Jetzt werden mir die Bürgerrechtsbewegten auf die Schulter klopfen und zurecht einwenden, dass diese Bewegung lange Existiert und mal „CDU“ und mal „SPD“ und in letzter Zeit vor allem „Große Koalition“ genannt wird. Aber ich meine es ernst. Es ginge hier nicht mehr um das Kleinklein stetig ausgedehnter Vorratsdatenspeicherungstaatstrojaner-Befugnisse, sondern um das Umsetzen der Forderungen, die man nach Hamburg eben so hörte. Zerschlagt die Antifa, stürmt die Rote Flora, schießt auf linke Demonstranten, die Bundeswehr soll die Schanze aufräumen. Sowas. Also eher voll in Richtung Erdogan.

Was daraus folgt? Wir sollten, nur weil die AfD besiegt erscheint, nicht aufhören, wachsam zu sein. Der Faschodrive kann uns auch in Gestalt eines SPD-Bürgermeisters oder eines sonst liberalen Kommentator entgegenspringen. Leo Fischer hat recht. Wir sollten uns diese Menschen merken.


Nachgetragen: Bundestagsanhörung

Mit meinem alten Macbook Air (2010) konnte ich irgendwann keinen Videoschnitt mehr machen, weswegen ich einige Veröffentlichungen aufgeschoben habe. Mit dem neuen Macbook geht das wieder ganz gut, so mein Eindruck, weswegen ich nun hier ein paar Videos von Auftritten nachreichen möchte.

In diesem Fall handelt es sich um einen Zusammenschnitt meines Auftritts als Sachverständiger im Ausschuss Digitale Agenda des Bundestags vom Dezember 2016. Es ging um Plattformregulierung, Interoperabilität und Neutralität. Ich habe hier nur die Einleitung, mein Eingangsstatement sowie die Fragen an mich und meine Antworten auf bequeme 22 Minuten zusammengeschnitten. Die gesamte Anhörung findet ihr hier, und hier findet ihr noch den von mit beantworteten Fragenkatalog, der das, was ich im Video nur in aller Kürze ansprechen kann, genauer ausführt. Viel Spaß.


Enttäuschung

Ganz ehrlich, ich bin enttäuscht. Ein großes, ein deutliches Zeichen hier lebender Muslime gegen den islamistischen Terror hätte ich schön gefunden. Nein, nicht nur schön. Ich hätte es notwendig gefunden.

Aber nur einige Hundert Leute, statt der angekündigten 10.000? Das ist schon bitter! Dabei war der Aufruf nicht mal exklusiv gegen islamistischen Terror gerichtet, sondern auch gegen Gewalt an Muslimen. Das ist nicht genug.

In linken Kreisen wird jetzt wieder und wieder das Mantra ausgebreitet, dass die Muslime und der Islam doch gar nichts mit den islamistischen Anschlägen zu tun hätten. Und dass es unfair sei, von ihnen zu verlangen, sich davon zu distanzieren. Und ob ich mich auch von allen Anschlägen distanzieren würde, die von Christen verübt würden?

Diese Argumentation hört sich nur für einen kurzen Augenblick lang schlüssig an, fällt aber in sich zusammen, sobald man merkt, dass sie die falsche Äquivalenz aufmacht.

Anschläge beispielsweise von Rechtsradikalen werden nicht im Namen des Christentums verübt. Sie werden im Namen einer bestimmten Vorstellung des Deutschseins verübt. Also, ja, in meinem Namen.

Heißt das, dass ich damit etwas zu tun habe? Nein, das heißt es nicht. Nicht ich persönlich. Aber es heißt auch, dass die Aussage im Raum steht, diese Anschläge seien in meinem Namen passiert. Und völlig unabhängig davon, ob irgendwer diese Aussage ernsthaft glaubt, fühle ich, dass ich ihr widersprechen muss.

Und ich bin nicht der Einzige, der so empfindet. Es widersprechen viele Deutsche immer wieder, laut und deutlich diesem von rechts gesetzten Narrativ. Unter anderem und am deutlichsten auf Demonstrationen gegen rechts, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten wie Gesprächen, Diskussionen; on- wie offline. Es ist mir wichtig, klar zu signalisieren, dass solche Dinge nicht in meinem Namen passieren. Auch dann, wenn mich niemand dazu auffordert.

Ich erzähle das nicht, um mich selbst zu loben. Um ehrlich zu sein, bin ich eher ein unterdurchschnittlicher Antifaschist. Ich will auch nicht sagen, dass in Deutschland in Bezug auf rechts alles ok ist. Das Gegenteil ist der Fall! Ich denke aber schon, dass es in Deutschland ein sichtbares Problembewusstsein und eine weitgehend normalen Abgrenzungsdiskurs gegen rechts und gegen rechte Gewalttaten gibt. Dass es zumindest viele hunderttausende Menschen in Deutschland gibt, die eine solche Abgrenzung regelmäßig und öffentlich praktizieren. Das ist nicht gut, sondern normal. Es sollte zumindest normal sein.

Sascha Lobo hatte neulich anlässlich einer Rede von Björn Höcke an einem Gedankenexperiment illustriert, warum das so wichtig ist.

„Wenn sich einhundert Menschen versammeln, und ein paar sind darunter, die murmeln Nazi-Zeug – das macht die restlichen 95 nicht zu Nazis. Aber wenn diese paar zum Beispiel anfangen würden, sichtbar Hakenkreuz-Fahnen zu hissen, dann kommt ein essenzieller Moment: Wie gehen die 95 mit den fünfen um? Akzeptiert die große Mehrheit diese Symbole unwidersprochen? Bleiben die fünf Teil der Gruppe? Ab einem bestimmten Punkt steht eine gehisste Fahne nicht mehr nur für die fünf, sondern kann oder muss als Absichtserklärung der gesamten Gruppe verstanden werden. So funktioniert politische Gruppendynamik: über Zustimmung, Schweigen und Abgrenzung. Und es gibt einen Moment, da wird Schweigen zur Zustimmung. Als würde man ohne Protest einer Fahne hinterherlaufen.“

Wenn jemand im Namen einer Gruppe Mist baut, dann ist die Gruppe in der Pflicht, sich von dem Mist zu distanzieren. Sonst muss sie sich vorhalten lassen, den Mist zumindest zu dulden.

Die Terroristen stellen den Bezug ihrer Anschläge zum Islam immer wieder deutlich her. Unter Muslimen scheint aber das Bedürfnis sich gegen diese Vereinnahmung zu wehren, nicht sonderlich groß zu sein. Und das verstehe ich nicht und es macht mich traurig. Natürlich kann man mit Rassismus, Islamophobie und genereller Unterprivilegiertheit als Nichtdeutsche einiges erklären. Aber all diese Erklärungen reichen an dieser Stelle schon lange nicht mehr aus.

Mir scheint, dass ein antifaschistisches Problembewusstsein im Islam wenig ausgeprägt ist. Ich weiß, dass mein Wort für Muslime wenig Gewicht hat und dass man solche Dinge von außen schwerlich einfordern kann. Aber ich glaube, dass sich was ändern muss. Diese Änderung können Muslime nur selbst bewirken. Ich kann aber an dieser Stelle nicht mehr so tun, als gäbe es kein Problem.

PS: Falls Muslime hier mitlesen, möchte ich noch eine persönliche Botschaft loswerden. Es ist doch so: Islamistische Terroristen und europäische Rechtsradikale haben ein gemeinsames Ziel. Sie wollen das friedliche Zusammenleben zwischen euch und uns Nichtmuslimen verhindern. Sie wollen uns gegeneinander aufhetzen. Lass uns einen Pakt machen: Ich trete dem Teil in Arsch, der sich anmaßt, in meinem Namen zu hetzen und zu töten und du trittst denjenigen in den Arsch, die vorgeben, in deinem Namen Bomben zu bauen. Lass uns gemeinsam zeigen, dass diese Leute nicht für uns sprechen. Lass uns zeigen, dass es ein „uns“ jenseits dieser beiden Gruppen gibt und dass „sie“ in der Minderheit sind.


Ferris Bueller und mein verinnerlichter Neoliberalismus

Gestern habe ich nach Ewigkeiten mal wieder Ferris Bueller’s Day Off gesehen. Für mich ist es einer dieser Filme, die man in der Jugend gesehen hat, die einen ziemlich geprägt haben. Ich habe mir ihn immer mal wieder angeschaut, auch deswegen, weil er verdammt gut gealtert ist. Es ist immer noch ein handwerklich wahnsinnig rundes Werk und es war popkulturell ohne Frage enorm einflussreich.

Was mir aber das erste mal aufgefallen ist, ist, dass der ganze Film im Grunde eine einzige Reflexion der Philosophie Ayn Rands ist. Das meine ich nicht oberflächlich oder polemisch, so wie viele Hollywoodschinken irgendwie Rand’isch-neoliberal daherkommen, sondern ich meine es sehr konkret.

Ferris Bueller ist der ideale Rand-Charakter. Er ist egoistisch, liebt es, sich über Regeln hinwegzusetzen und dabei sind ihm alle Mittel recht. Er täuscht seine Mitmenschen und nutzt sie gnadenlos aus, seine Familie, seine Freunde, die Institutionen, alle. Alle anderen Menschen scheinen zu seinem Amüsement zu existieren.

Klingt extrem unsympathisch? Im Film eben nicht! Der Film schafft es, Ferris Bueller dennoch als extrem „likeable“ zu zeichnen. Für die anderen Charaktäre im Film ist er das Gegenteil eines Unsympaths, einer, den alle mögen, gar frenetisch bewundern und lieben. Alle wollen so sein wie er und am Ende – und hier kickt die Rand-Message erst so richtig rein – profitieren auch alle von seinen selbstsüchtigen Aktionen.

Da ist zum einen sein „Freund“ Cameron (es fällt wirklich schwer, diese Beziehung als Freundschaft zu charakterisieren). Der ist gehemmt, extrem fremdbestimmt durch sein überreguliertes Elternhaus und ihm geht es deswegen immer schlecht. Ferris überredet ihn ständig zu Dingen, die er nicht will, im Film vor allem das super wertvolle Auto (ein alter Ferrari) seines Vaters für ihre Spritztour zu nutzen. Ferris verkauft ihm das so, als würde er das für ihn tun, ihm quasi beibringen, frei zu sein. Aber in Wirklichkeit – das gibt er selbst zu – geht es ihm doch nur um den Spaß mit dem Auto. Der Film jedoch kommt zu einem Ende, an dem Ferris‘ beständiges Ausnutzen seines Freundes diesen so weit bringt, sich in einer dramatischen Aktion von seinen Eltern zu emanzipieren.

Am krassesten wird das Narrativ „Ferris Selbstsucht macht alle glücklich“ in Szene gesetzt, als er sich auf den Festwagen einer Parade schmuggelt und dann Rockenroll-lieder schmettert und die ganze Stadt (Chicago) deswegen ausflippt. Wir lernen: nur weil Ferris alle Regeln bricht – blau macht, alle anlügt, illegal den Paradenwagen in Beschlag nimmt, etc – und dabei ausschließlich egoistisch seinem Drang nach Spaß nachgeht, kann er sein Potential entfalten. Und dieses Potential ist es, wovon die ganze Gesellschaft dann profitiert – dargestellt als tanzende Menge. Das ist Ayn Rand in Reinform.

Und dann ist da noch Ferris‘ Schwester, Jeanie Bueller. Ihr Problem ist, dass sie wahnsinnig neidisch ist auf ihren Bruder ist. Sie findet es schrecklich, dass Ferris alle Regeln bricht und damit nicht nur durchkommt, sondern dafür auch noch geliebt und bewundert wird. Sie wird im Laufe des Films aber „geheilt“, indem ein sehr junger Charlie Sheen ihr rät, sich statt um ihren Bruder, mehr um sich selbst zu kümmern. Wir lernen: Die Heilung von Neid gegenüber den Grenzüberschreitern ist also eine eigene, „gesunde“ Selbstsucht zu entwickeln. Cameron und Jeanie werden also beide „geheilt“, indem sie ihren Fokus wie Ferris ausschließlich auf sich selbst richten, auf ihre eigenen Wünsche und ihr eigenes Fortkommen.

Das ist exakt das, was uns Ferris bereits in den ersten Minuten des Films auf den Weg gibt. Als er aus der Dusche steigt, erzählt er uns, dass er von „communism, fashism“ und anderen „isms“ nichts hält. Ein Ferris Bueller glaubt an nichts anderes als sich selbst. Und dass es darum geht, Spaß zu haben im Leben. Aber gut, die eigene Ideologie als Antideologie zu verkaufen ist ein sehr alter Trick.

Aber schauen wir den Tatsachen ins Gesicht: Ferris und die Welt haben eine „abusive Relationship“ und die Welt leidet am Stockholmsyndrom im Spätstadium. Ferris ist ein Arschloch und vielleicht wird er mit seiner Masche in seinem Leben noch einige Erfolge feiern, aber irgendwann wird er sehr, sehr einsam sein. Naja gut. Oder er wird Präsident der USA.

Als ich den Film zum ersten Mal sah, hatte ich ja keine Ahnung von Ayn Rand und ihren Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft und die Mächtigkeit der neoliberalen Ideologie. Mir vermittelte der Film tatsächlich Konzepte von Freiheit, die ich verinnerlicht habe. Besonders habe ich dieses umbedingte Lob auf den Individualismus verinnerlicht und auch, dass Regelbrechen zum Freisein dazugehört – zumindest, dass Regeln der Freiheit im Weg stehen.

Ich habe mich nie wirklich wohl gefühlt beim Regelnbrechen, deswegen bin ich über die Jahre zu anderen Strategien übergegangen. Ich bin eher ein großer Regelvermeider. Ich versuche mich immer Situationen zu entziehen, in denen ich mich Regeln oder dem Regime anderer unterzuordnen habe. Und ich muss gestehen, dass ich immer noch ein Problem damit habe, Autoritäten anzuerkennen und mich in Gemeinschaften einzufügen.

Ich weiß nicht genau, was ich mit dieser Erkenntnis machen soll. Ich trage sicher eine ordentliche Portion Rand’schen Neoliberalismus in mir und ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich ihn in Gänze loswerden will. Mein Freiheitsdrang hat mich dorthin gebracht, wo ich bin und ich kann mir viele Situationen vorstellen, in denen ich unglücklicher wäre. Und über Jahre habe ich gelernt, meinen Egoismus besser zu reflektieren und bewusster dagegenzusteuern.

Was ich aber jede/r/m empfehlen kann, ist sich immer mal wieder die Filme (oder Bücher), die einen als Jungendliche/r geprägt haben, kritisch in die Hand zu nehmen und zu untersuchen, welche Ideologien man da mit der Muttermilch aufgesogen hat. Man lernt da unter Umständen viel über sich selbst.


Linkliste zur Alt-Right

Seit Trumps Wahlsieg beschäftige ich mich ziemlich eingehend mit der Alt-Right-Bewegungen und allem, was da so drumrum passiert ist. Ich habe den Eindruck die letzten Jahre etwas verpasst zu haben, das direkt in meinem thematischen Vorgarten passiert ist und dessen Auswirkungen wir nun schlagartig zu spüren bekommen. Das sichtbarste Zeichen ist, dass mit Steve Bannon der wahrscheinlich wichtigste Kopf im Weißen Haus aus dieser Szene kommt.

Ich habe also das Gefühl, dass ich etwas Wesentliches nicht mitbekommen habe, also habe ich nachgesessen und viel gelesen. Herausgekommen ist dabei zunächst die Serie „Das Regime der Demokratischen Wahrheit“, in der es eigentlich um einen anderen Aspekt geht, der sich aber nach und nach immer tiefer in die Analyse der Alt-Right hineinbegeben wird. (Teil I, Teil II, Teil III … to be continued … – und jetzt auch leicht überarbeitet auf Riffreporter.)

So langsam habe ich das Gefühl einen Überblick zu haben, was wie zur Alt-Right dazugehört und wo die ideologischen Linien verlaufen. Und weil ich ja nicht so bin, habe ich mal eine kommentierte Linkliste erstellt, von Texten, die mir weitergeholfen haben.

Die Liste ist alles andere als vollständig, aber als Überblick vielleicht hilfreich. Man merkt sicher auch, dass ich einen Schwerpunkt auf die netzkulturellen Strömungen der Alt-Right gelegt habe, der nicht repräsentativ sein muss. Der richtig harte Nazi-Teil ist etwas unterrepräsentiert, wie auch der esoterische Ansatz. Die Richard Spencer-Ecke scheint mir aber nicht viel neues zu beinhalten, sondern ziemlich mit dem kongruent zu sein, was wir in Europa unter Nouvelle Droite und der Identitären Bewegung kennen.

Überblick zur Alt-Right

  • Fangen wir erstmal mit diesem großartigen Vortrag von Florian Cramer an. Geschlagene zwei Stunden, die sich aber von Anfang bis Ende lohnen.

  • Der beste Überblicksartikel ist dieser hier. Er enthält auch eine hilfreiche Karte, die die verschiedenen Strömungen kartiert.
  • Manchmal kann es sinnvoll sein, die Rechte über sich selbst reden zu lesen. Milo Yiannopoulos hat einen wirklich lesenwerten Überblick auf Breitbart über die Bewegung veröffentlicht, den ich aus offensichtlichen Gründen nicht aktiv verlinken will: http://www.breitbart.com/tech/2016/03/29/an-establishment-conservatives-guide-to-the-alt-right/
  • Dieser Dailywire-Artikel ist quasi eine Antwort auf Milos Artikel und entsprechend kritischer.
  • Eine allgemeine, tiefgehende, wissenschaftliche Ressorce zur zur rechten Szene allgemein bietet das Namensverzeichnis des Southern Powerty Law Center

Steve Bannon

Steve Bannon ist natürlich der interessanteste (und derzeit mächtigste) Kopf. Über ihn ist viel geschrieben worden. Ich habe mich vor allem darauf konzentriert, was Bannon so denkt, ideologisch.

  • Portrait über ihn in der NYTimes.
  • Was Bannon so liest.
  • Die Theorie des Fourth Turning, die zentral für Bannons Denken ist.
  • Historisch spannend: Bannon interviewt Trump als er noch nicht in die Kampagne involiert war. (2. nov. 2015): http://www.breitbart.com/2016-presidential-race/2015/11/02/exclusive-full-breitbart-news-daily-interview-with-gop-frontrunner-donald-trump/
  • Bannon himself als Gast im Breitbart-Podcast als er dann Trumps Campaign Manager war: http://www.breitbart.com/radio/2016/11/02/trump-campaign-ceo-stephen-k-bannon-speaks-with-breitbart-news-daily-to-celebrate-show-anniversary/
  • The Camp of the Saints – ein französischer Roman aus den 70ern, der zum kulturellen Ankerpunkt in der Immigrationfrage in der neuen Rechten wurde und ebenfalls für Bannon wichtig ist.

4Chan – Trolling Culture

4Chan oder allgemeiner die Trolling-Culture spielt eine wesentliche Rolle bei der Alt-Right. Personell, aber vor allem strategisch.

The_Donald / TheRedPill

Reddit spielte neben 4Chan (und 8Chan) eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der Alt-Right. Einerseits mit r/The_Donald. Das ist ein Subreddit, in dem sich Trumpsupporter im Netz fanden und gegenseitig anstachelten. Mit diesem Subreddit eng verbandelt ist eine ältere Community: r/TheRedPill. Eine wilde Mischung aus Trollen, Pickup-Artists, Rassisten, die aber eine richtige (verschwörungstheretische) Ideologie entwickelt haben.

Neo-Reactionism/Dark Enlightenment

Wenn die Alt-Right sowas wie die netzgewordene konservative Revolutuion ist, dann ist das Neo-Reactionary-Movement sowas wie der George-Kreis. Klein, fein, hoch intellektuell und mit großem Einfluss auf die Alt-Right-Bewegung, ihr aber nicht direkt zugehörig. Allein dass Peter Thiel, der einflussreiche Silicon Valley Investor ein Adept ist, macht die Sache relevant. Es ist wohl die spannenste Seite der Alt-Right und mit Abstand die intellektuell anspruchsvollste.

Infowar/Stromfront/KKK/1488er

Wie gesagt, zu den fringigen Verschwörungsloonies, den Esotherikern und den harten Nazis hab ich nicht so viel.

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Passt nirgends richtig rein, ist aber auch wichtig.

Wenn ihr selbst gute Artikel gelesen habt, gerne in den Kommentaren ergänzen.


Ihr kämpft immer noch gegen die falsche Dystopie

/******** Dies ist ein Rant. Er ist undifferenziert und angreifbar. Ich habe das Gesagte allerdings in differenzierter und durchargumentierter Form in meinen Blogs und vor allem in meinem Buch vorgelegt. Ich darf das. ********/

Technologischer Totalitarismus! Edward Snowden! Wir werden alle unterdrückt! Die Zivilgesellschaft ist am Boden, die Demokratie gemanagt! Das Internet ist zur Kontrollarchitektur geworden, die uns alle versklavt! Überwachungskapitalismus! Totale Kontrolle, kein Entrinnen! Wir müssen Widerstand leisten! Wir brauchen dringend neue, digitale Grundrechte! Und zwar jetzt! Reclaim Autonomie!

Ihr habt doch alle den Schuß nicht gehört! Habt ihr die letzten Jahre einmal aufgepasst? Habt ihr überhaupt mal hingesehen, was gerade passiert?

Nein. Wir haben kein Problem mit der Unfreiheit des Bürgers. Dem Bürger geht es gut. Der ist so frei wie niemals zuvor! Trotz NSA. Trotz Google und Facebook. Nein, halt. Das Gegenteil ist der Fall! Gerade durch Google und Facebook! Durch das Internet.

Ihr erzählt alles falsch herum. Der Bürger wurde durch das Internet ermächtigt, nicht geschwächt. Er wurde immer mächtiger und mächtiger. Er wurde zum Monster. Und der Staat ohnmächtig.

Was ist los? Der Wutbürger ist los! und das Internet hat ihn entfesselt. Und wir – die Netzpeople – wollten das so.

Erinnert euch: wir kämpften für freie Vernetzung, Abbau aller Hierarchien, für dezentrale Machtverteilung, alternative Medien, Gegenöffentlichkeiten und feierten den Tod des Gatekeepers. Zehn Jahre ist das erst her.

Und wir bekamen PEGIDA und andere Facebookgruppen voller Hass, ein Journalismus in der Krise, der niemanden mehr erreicht, weil die alternativen Medien jetzt überall sind und lieber Verschwörungstheorien und Fakenews verbreiten. Eine weltweite Bewegung der desinformierten Wutbürger pflügt gerade die Welt um.

Rafft es endlich: Wir leben nicht in der Dystopie eines Schirrmachers oder Snowdens, sondern in der Utopie der Netzgemeinde. Gone horribly wrong.

Wir waren naiv. Wir dachten der Staat, die Institutionen und die Unternehmen seien die Bösen. Der Mensch müsse nur befreit werden, denn der Mensch, der sei gut. Wir haben uns geirrt.

Und jetzt schreien wir Google und Facebook an, als ob sie Schuld seien an dieser unserer Misere, dabei meinen wir eigentlich: „Hilfe! Wir ersticken im eigenen Hass! Wir brauchen wieder Regulierung, Gatekeeper, Kommunikationskontrolle, zentrale Instanzen, die regeln, was richtig und was falsch ist.“ Wir schreien nach Netzinnenpolitik.

Aber das wird nicht so einfach werden. Der Wutbürger ist los und er wird sich nicht so leicht wieder einfangen lassen. Die Freiheit, die wir ihm gegeben haben, wird er eisern verteidigen. Man merkt das immer dann, wenn irgendwer versucht, beispielsweise gegen Hatespeech und Fakenews vorzugehen. Der Shitstorm („ZENSUR!!1“) ist garantiert.

Wir sind mitten in einem Kulturkampf und die Plattformen werden darin mit Sicherheit eine Schlüsselrolle spielen. Gerade weil sie zentralistische Moloche sind und als solche die Einziegen sind, die die Macht haben, in den Meinungskampf einzugreifen. Und wenn das passiert, dann nicht deshalb, weil Mark Zuckerberg die Weltherrschaft an sich reißen will, sondern weil wir ihn darum anflehen werden.

Ja, das ist der Ort an dem wir sind. Es ist kein schöner Ort. Also können bitte die Feuilletonisten und Netzintellektuellen endlich von ihren „Überwachungskapitalismus“-Podien heruntersteigen und anerkennen, dass sie seit Jahren gegen den falschen Feind anrennen?

Und können wir endlich mal eine ehrliche Debatte führen, ohne den Schirrmacherbullshit? Dann wär doch mal was gewonnen.


IRL – Spätherbstedition

Die Zeiten sind bewegt und deswegen müssen wir reden. Also IRL (in real life), wie man so sagt. Und wie ich das manchmal tue, hier – zusammengefasst – die Veranstaltungen der nächsten Tage.

  1. Nächsten Dienstag, also den 22. November um 17:45 Uhr halte ich einen Vortrag über den „Aufstieg der Plattformen„, am Institut für Kunst und Kunsttheorie / Block B / Theaterraum / R 2.212 / Gronewaldstraße 2, Köln. Zu der Veranstaltung gibt es sogar ein tolles GIF! Seemann_kl

  2. Am Samstag, den 3. Dezember bin ich bei dem Save Democracy Camp im Betahaus in Hamburg zugegen wo wir alle gemeinsam die Demokratie retten werden und werde da sicher ein paar Dinge über die Globale Klasse und die Netzwerkmacht erzählen.

  3. Donnerstag, den 1. Dezember um 19:00 Uhr, moderiere ich den Wikimedia ABC-Salon. Es geht um N wie Niemandsland und um die Frage, ob das Netz zu unreguliert ist. Teilnehmer/innen sind Bruno Kramm und Eva Horn. Die Veranstaltung findet dieses mal im Museum für Kommunikation statt. Leipziger Straße 16.

  4. Montag, den 5. Dezember um 19:30 Uhr, sitze ich auf einem Panel der Konrad Adenauer Stiftung (OHO!) und rede mit spannenden Gäst/innen über „Die Radikalisierung des politischen Diskurs im (vermeintlich?) bürgerlichen Milieu.“ (Ich gehe mal davon aus, dass das in der KAS in Berlin stattfindet)

  5. Mittwoch, den 14. Dezember 16:00 – 18:00 Uhr bin ich als Sachverständiger im Bundestagsanhörung zum Thema: Plattformen: „Interoperabilität und Neutralität“ angefragt worden. (Da Jörn Pohl das schon auf Twitter verbreitet hat, darf ich annehmen, dass das bereits offiziell ist.)

Ich verblogge meine Veranstaltungen nur selten. Wer immer auf dem Laufenden bleiben will, kann sich meinen Veranstaltungskalender abonnieren.


The Global Class – Another World is Possible, but this time, it’s a threat (english version).

/***** My text about the global class has proven somewhat popular, so some readers came up with an english translation. Thank you Pascal Zuta, Daniel Finck! *****/

The Western world is bubbling with a kind of newfound excitement. From all reaches of the globe, cutting-edge “right-wing” movements spring forth and gain momentum. Trump, the Alternative for Germany (“AfD”), the Freedom Party of Austria (“FPÖ”), Marine Le Pen, Brexit… the list goes on, filled with people and organizations giving certain groups of citizens a voice that previously only buzzed quietly just beneath our subconscious. A voice of hatred, of displeasure, of indignation. And all the rest of us can do is sit back and wonder where all this scarcely contained umbrage could have originated from… and where it’s been hiding.

It may be no coincidence that the left believes to have found it’s spooky doppelganger. They see “losers” of globalization, who have been left behind by the capitalist system, and have just re-discovered their political voice. Only, in the midst of their perceived „false consciousness,“ they’ve yet to realize that their true enemy is the capitalist.

The figures don’t show this. It’s true—the army of the frustrated is a large group of low-income and poorly educated service workers. But there is also a second group, almost as large as the first, made up of the bourgeoisie, the middle class, a class which, so far, has been fairly well-represented in the ongoing class wars. German Sociologist Heinz Bude is already talking of a strategic alliance of these two classes, their frustrations analogous for the first time. While the motives of this precarious working class could be interpreted as Marxist, the disgruntled middle class citizens don’t really fit into this mold… do they?

How strange it is to see the working-class and middle-class citizens fighting alongside one another!

The blind spot that befalls us is effective because we ourselves cannot see what upsets them. Why? Because we are the offending party. We look around, embarrassed, but there is no one else. „Us?” We ask. “You couldn’t possibly mean us, right?“

Yes, indeed. The working and middle-class citizens have joined forces to fight a third class—us. But something very unpleasant needs first to be done in order to even recognize this third class. Instead of interpreting the frustration of this enraged group of citizens as a covert distribution struggle, one must listen to what these people say. You must put yourself in their shoes, listen to their cries, understand their narrative. Their fear, you need not take seriously, but rather, their slogans.

It begins with a conspiracy. A conspiracy that extends beyond all party boundaries. That there would no longer exist a real democracy, but, instead, only the one indistinguishable blend of parties, a bedfellow of the media (the Lügenpresse, or “lying press“), and now that an opposition has emerged (Trump, Le Pen, AfD, FPÖ, Brexit, and a „real alternative“ in Germany), well, some citizens are finally finding their voice.

It is easy to dismiss these ideas as crazy; however, if you look at the three main pillars of the new right-wing program—migration, globalization, and political correctness—there is no denying a certain basic consensus in the media and between parties. The thing about this consensus is that we gladly assumed it to be a consensus accepted by all of society. Because it is a reasonable consensus. Because it is a human consensus. Because, if I may so boldly say, it is the only correct consensus. It’s what we all want… right?

Let’s be honest here. Is it not frightening that you, as a leftist, in so many political aspects, find yourself siding with Angela Merkel? That you begin to defend projects like the European Union? Or that Yanis Varoufakis announced, in a pathetic tone, that he wants to „save capitalism”? As a genuinely leftish project? Is there not a consensus that has long been recognized as “without alternative” over all classical political frontiers? To welcome refugees with open arms and say to hell with all Nazis? Globalization is a fundamentally positive thing! We never use the N-word. We protect the rights of minorities. But how far does this consensus go? Not as far as we thought.

We forget that all political platforms are a question of perspective. Just as Jersey City and New York City regard themselves as fundamentally different cities and the people in Wyoming see only „East Coast,“ the anxious citizens, too, see us as a homogeneous group. We’re not accustomed to this because it contradicts the way we currently define things. But whether we agree or not doesn’t matter because we, too, are perceived as one group by this new right-wing movement. Already (and for some time now) we are being referred to as “one enemy.” Donald Trump and the alt-right movement have a name for us—“The Globalists.”

If Trump would read, he would have the opportunity to cite Ralf Dahrendorf, on that matter. He described this class quite aptly around the turn of the millennium. It is the ever-growing global unity that has enabled the rise of this new class. This “Global Class“ has discovered the advantages of globalization and made this its productive power. In writing this, Dahrendorf was referring not only to the capitalist entrepreneur who moved his production to Asia, but also to the yoga teacher, and to the Chinese family restaurant in Bottrop. But we moved beyond Dahrendorf. Already this global class has grown rapidly, stabilizing itself culturally on a worldwide scale. The difference now, however, is the productive force it controls—information. There exists, today, a globalized class of information workers of whom most of us are members, and this class is more homogenous and powerful than it thinks. They are well-educated, biased young people who are increasingly globally culturally oriented. They read the New York Times instead of watching the evening news. They have many foreign friends (and even more friends currently living abroad). They travel… a lot, and not necessarily for holiday either. It is a class that lives almost exclusively in large cities, that communicates in perfectly fluent English. A class for which Europe is not an abstract thing, but a reality of life, for which moving from Madrid to Stockholm for a job is “no big deal.” And while Europe and North America may be focal points, the class itself is, indeed, global. It exists in every country of the world—this group of well-connected, globally-oriented peoples. This new globalized class holds positions in the media, in startups, NGOs, political parties. Because it controls the flow of information (liberal media, the so-called “lying press”), it dictates cultural and political rhythms all across the globe. This does not mean that it’s politically homogeneous in its true sense, or at least it doesn’t feel that way. For example, in Germany, peoples of this group can be found all across the political spectrum—CDU, SPD, LEFT, GREEN, FDP.

This class sprung from the bourgeoisie but has emancipated itself from it. This shift of power took place in silence. At some point, the more progressive faction of the bourgeoisie became more culturally oriented and socially linked with its peers across national boundaries. The global class has emerged and accelerated the cultural change of globalization, as well as global standards, not only in business, but also in politics, ethics, and culture. These progressive, increasingly global-oriented people have simply outdated all others. Because they confuse themselves for society as a whole, they don’t even notice. They have no force on their side, and most don’t even have much money, though wealthy globalists do exist. In fact, this class has produced a number of well-off individuals, especially in Silicon Valley. What is interesting, however, is that they transform this wealth, above all, into discursive capital—they invest in other startups, or in ambitious world-rescue programs. Secretly, they have long-known what their real source of power is: they have control over information, and along with it, the definition of human decency.

Even if they perceive themselves als far left, in fact, views of the global class are far closer to Michelle Obama or Justin Trudeau than to the political views of most of their fellow citizens. Despite all this „neo-liberal bullshit,“ we consider the EU a good idea, we watch Netflix shows in their original languages, we cut ourselves off from regional and national cultural standards, idols, worldviews, and we are proud of it. We wrinkle our noses at those who cannot, or do not want to, renounce our nation as the most important framework for their identity and values. And the others—the ones culturally left behind—realize this quickly. They realize that their world has become too small for us, that we feel morally superior, and that we strive for something bigger, greater. Above all, they realize that we are successful in this—that we define the standards that are gradually imposed onto them. These standards of ecology, anti-racism, and anti-sexism are all accepted as politically-correct standards after all. The old standards, which are now depreciated and suppressed, once came from the middle class, from a time when they still had a say. It’s cultural gentrification.

In a magical way, the bourgeoisie has lost its power to set those standards even despite their possession of land, private health care, and upper management positions. The slogan of the Brexitians, „Take Back Control,” is the real battle cry of these new right-wing movements. There is a sense of loss of control in the bourgeoisie. Or perhaps, more succinctly, a loss of cultural hegemony, remembered as national “sovereignty.” English standards were determined in England, German standards in Germany, American standards in the U.S.A., but now the global class is messing everything up! This frightens the working class just as much as average citizens themselves. It is not that the working class will deny elites—quite the contrary, actually; however, many want to bring back the old elites, those elites who live in the same world they do. That’s why Trump succeeds where Mitt Romney failed. He’s a prime example of an elite citizen: someone with which the working-class can connect. Trump’s success isn’t based on education or political correctness. He represents the kind of despised elite of the good old days that people are craving. This is an elite that’s selfish and brutally capitalist, but who, above all, remains culturally and nationally grounded. One cannot win against this global class in an argument, so this new right movement simply refuses to argue. Trump, Brexit, and the resurrection of the German word ”Völkisch” (A word popular in the nazi era) are argumentative and moral paving stones to destroy our showcases. They are the international turmoil against the cultural hegemony of the global class. Brexit makes the direction clear— another world is possible, but this time, it is a threat.