Der/die Social Media Korrespondent/in

Eine kleine Beobachtung der sich wandelnden Medienwelt. Vor allem auf Twitter scheint sich ein neuer Typus von … Informationsknoten (ich sag jetzt mal absichtlich nicht „Journalist/in“) zu etablieren, den ich sehr interessant finde.

In der globalisierten und gleichzeitig durch das Internet mediatisierten Welt erscheinen uns Ereignisse immer näher (siehe dazu Lobo auf SpON). Immer wieder werden uns durch Retweets und Verlinkungen Liveberichte von aktuellen Ereignissen in die Timelines gespült. Das kann man schlimm und bedenklich finden, aber es gibt nun mal einen Drang (auch ich spüre ihn), bei solchen Ereignissen möglichst nahe dran zu sein, möglichst alles in Echtzeit zu erfahren und einen möglichst unverstellten, aber subjektiv anschlussfähigen Blick darauf zu gewinnen. Die Situation, dass Leute, die zufällig (oder auch nichtzufällig) vor Ort sind und davon als „Bürgerjournalisten“ live berichten, wurde bereits lang und breit diskutiert, das erste Mal 2009, als ein Passant die Notlandung des Fluges AWE1549 auf dem Hudson River auf Twitter dokumentierte.

Die Figur, über die ich reden möchte, ist allerdings viel konsistenter und genau deswegen beobachte ich eine zunehmende Institutionalisierung, ohne, dass sie bisher so richtig thematisiert wurde. Ich nenne diese neue Figur den oder die Social Media Korrespondent/in.

Der/die Social Media Korrespondent/in muss nicht vor Ort sein (ist es meist auch nicht), sondern selektiert, übersetzt und kommentiert quasi in Echtzeit Berichte, Meinungen und Äußerungen die von vor Ort kommen, in eine Zielsprache (z.B. Deutsch), und versetzt somit seine/ihre Follower/innen in den Informationsstand eines gut informierten Native-Speakers der Ausgangssprache.

Im Gegensatz zum vor Ort Berichtenden, muss diese neue Figur neben den eigenen Social Media Kanälen nur ein paar Eigenschaften mitbringen:

  1. Er oder sie muss die Landessprache des Ereignisbetroffenen Landes genau so perfekt beherrschen, wie die seines publizistischen Wirkens.
  2. Er oder sie muss in den landes- und sprach-typischen Netzwerken des Ereignislandes inkludiert sein, den wichtigen Medien folgen und den wichtigen Hubs. Muss also schlicht gut informiert sein.
  3. Er oder sie muss sich sehr gut auskennen in dem Ereignisland; muss das politische System kennen, die wichtigen Personen, Details über gesellschaftliche Verhältnisse und die Kultur kennen.
  4. Er oder sie muss darüber hinaus journalistische Eigenschaften mitbringen. Einen kritischen Blick für Quellen, eine gewisse Haltung gehört aber auch dazu.
  5. Idealer weise ist die Person außerdem noch Expert/in für den hintergründigen Konflikt oder sonstigen Kontext des betreffenden Ereignisses.

Der/die Social Media Korrespondent/in fungiert als direkter Link zwischen den Sprachbarrieren und Kulturen, die sich heute vor allem in Social Media Bubbles ausdrücken. Sein/ihr Korrespondentendasein ist somit kein geographisches, sondern ein kulturelles. Der/die Social Media Korrespondent/in ist nicht einfach Übersetzer/in, noch Journalist/in (zumindest gibt es meist keine institutionelle Anbindung), sondern irgendwas dazwischen. Eigentlich ist er/sie eine normale Social Media Nutzer/in, was seine/ihre Motivation angeht. Es geht ihm/ihr in erster Linie darum, sich selbst zu informieren, sich eine Übersicht zu verschaffen und dabei das gelernte weiterzuverbreiten – allerdings eben in eine andere kulturelle Sphäre. Heraus kommt die selbstmotivierte Selektion, Übersetzung, sowie Einordnung und Kommentierung des Geschehens, die im besten Fall schneller, umfassend informierter und subjektiv anschlussfähiger ist, als alle Newsticker der klassischen Medienangebote zusammen.

Das erste Mal fiel es mir beim arabischen Frühling auf, als ich einigen englischsprachigen, arabischen Accounts folgte, weil sie vor Ort waren. Ich merkte, dass sie aber auch dann wertvolle Quellen sind, wenn sie gerade nicht vor Ort waren, einfach weil sie immer mit denen vor Ort im Kontakt standen, gut vernetzt waren und eben die Sprache beherrschten und so beständig Ereignisse übersetzten.

Als letztes Jahr der schreckliche Anschlag in Paris stattfand, fing ich auf vielfache Empfehlungen an, @fighti alias Nicolas Martin an zu folgen, der seither für viele Ereignisse aus Frankreich mein direkter Draht in den französischsprachigen Raum ist. Er sitzt laut seiner Twitterbio eigentlich in Barmbek, Hamburg, was der Qualität seiner Berichterstattung aber keinen Abbruch tut.

Seit dem Putsch in der Türkei folge ich außerdem @Ismail_Kupeli, also Ismail Küpeli, der sich neben seinem Engagement für Flüchtige vor allem der Aufgabe verschrieben hat, den türkischsprachigen Diskurs rund um den Putsch und Gegenputsch darzustellen und kritisch zu begleiten.

Ein anderer, vielleicht etwas aus dieser Reihe fallender Social Media Korrespondent ist Martin Gommel (@martingommel). Als freier Fotograf ist er viel Unterwegs auf den Flüchtlingsrouten und beim LaGeSo in Berlin und berichtet per Blog, Twitter manchmal per Podcast direkt und detailliert über die Flüchtlings-Situation. Er ist somit viel mehr ein klassischer Korrespondent, allerdings auf ein Thema festgelegt und ohne die institutionelle Anbindung.

Diese Menschen haben dafür gesorgt, dass ich Ereignisse in anderen Teilen der Welt plastischer, empathischer und verständiger Verfolge, als ich es mittels der klassischen Medien könnte. Und dafür bin ich dankbar.

Man kann sich natürlich fragen (und viele tun das), ob dieses Einlassen auf die Welt, wie es Social Media erlaubt, wünschenswert ist, ob es überhaupt gesund ist und ich habe ehrlich keine Antwort darauf. Ich gebe zu, dass mich diese Nähe auch manchmal überfordert und emotional belastet. Aber ich kann und will mir keine Welt mehr vorstellen, in der ich diese Eingebettetheit missen muss.

Natürlich bleibt eine Menge kritisch zu reflektieren. Wem folge ich da, wessen Weltsicht mache ich mir da zu eigen, welche Teile der Welt bleiben in meiner Timeline unterbelichtet und ist das überhaupt gerecht? Das sind keine Fragen, zu denen man eine Lösung finden kann, aber welche, deren man sich bewusst sein muss. Medienkompetenz ist kein Streichelzoo.

Als letztes: aufgrund der mangelnden institutionellen Anbindung dieser neuen Form der Berichterstattung haben die Social Media Korrespondent/innen meist Probleme, ihr Tun zu finanzieren. Bei Ismail Küpeli und Martin Gommel ist das zumindest so. Also neben der unbedingten Folgeempfehlung seht den Text auch als Aufruf, diese Menschen finanziell zu unterstützen.


Sechs Geschichten vom Ende des Westens

Wir sind drei unglückliche Wahlen vom Ende des Westens entfernt schrieb Anne Applebaum bereits im März diesen Jahres. Die drei Wahlen waren/sind Brexit, Trump und Le Pen. Der Brexit ist wahr geworden. Zusammen mit einer Präsidentschaft von Le Pen würde er die EU sprengen und Trump wäre das sichere Ende des NATO-Bündnisses. Was dann noch bleibt, ist reine Instabilität einander wieder mehr rivalisierender und bedrohender Nationalstaaten mit ungleichen Kräfteverhältnissen. Dazu eine sichere Wirtschaftskrise, die wir uns heute kaum ausmalen können.

Wie konnte es nur so weit kommen? Was ist nur los mit dem Westen? Wo kommt diese Selbstzerstörungswut her?

Ich habe da was über nichtfunktionierende Bremsen geschrieben, aber über die reine Beobachtung der derzeitigen Lage komme auch ich nicht hinaus. Ich habe keine Erklärung für das Verhalten der Menschen, die mich befriedigt. Ich lese aber eine Menge Kram über das Thema und da kam ich auf die Idee, mal wieder so richtig oldschool blogmäßig einfach auf anderer Leute Texte zu verweisen. Deswegen will ich hier ein paar Longreads vorstellen, die sich bei mir angesammelt haben, die alle samt mit unterschiedlichen Perspektiven versuchen, die oben genannten Phänomene zu erklären.

1) Hier erstmal ein Blogartikel anlässlich den anhaltenden Trump-Erfolges, der zum wieder runterkommen ermuntert. Es gibt darin viele sehr richtige Sätze und Erkenntnisse („Trump is an effect, not a cause.“). Seine These lässt sich aber recht leicht zusammenfassen: Das Internet hat eine kommunikative Umgebung geschaffen (Aufmerksamsökonomie), die radikale Stimmen, Weltuntergangsphantasien und Extremismus überproportional mit Reichweite belohnt. Das wiederum versetzt alle in Angst und Schrecken und führt zu der apokalyptischen Grundstimmung, die nach einem starken Führer rufen lässt.

Alles also nur eine selbsterfüllende Prophezeihung einer sich selbst per Social Media aufputschenden Menge von Leuten? Ich denke, da ist schon auch was dran. Als Erklärung reicht es mir aber nicht.

Is It Just Me Or Is The World Going Crazy?


2) Man kann auch vollkommen gegenteiliger Meinung sein und quasi fatalistisch das sichere Ende einer außergewöhnlich friedlichen Zeit herbeischreiben. Dieser Artikel hier beruft sich auf geschichtliche Gewissheiten. Ausgehend von Menschenkrisen wie der Pest oder den großen Kriegen stellt er die These auf, dass sich zivilisatorische Entwicklungen zyklisch vollziehen. Diese Zyklen lassen sich allerdings nur betrachten, wenn man mit eine Perspektive jenseits der menschlichen Lebenspanne auf die Welt blickt. Aus dieser Vogelperspektive wird klar, dass wir uns gerade wieder an der Schwelle einer unruhigen Zeit befinden und wir sollten uns jetzt fragen was unser Prinz Ferdinand Moment sein wird.

Insgesamt also ziemlich düster und fatalistisch, dennoch gut argumentiert. Natürlich haben wir einen Bias was unser Verständnis der Welt angeht. Wir sind uns zu sicher, weil wir in Wohlstand und Stabilität aufgewachsen sind. Die Entwicklung ging immer nach vorn. Diese Situation war aber eine historische Anomalie, das darf man nicht vergessen.

History tells us what may happen next with Brexit & Trump


3) Dieser Artikel im Economist sieht eine paradigmatische Verschiebung der politischen Demarkationslinien als Ursache. Es gehe schon lange nicht mehr um den Kampf Links gegen Rechts, sondern um den von Offen vs. Geschlossen. Dabei finden sich im linken wie im rechten Lager beide Positionen zu offen/geschlossen, nur dass die offen/geschlossen-Kämpfe die links/rechts-Kämpfe mittlerweile überschatten. An Bernie Sanders und Trump kann man das gut studieren. Während sie in der links/rechts-Dichotomie weit auseinander liegen, sind sie sich in vielen Punkten sehr einig, was wirtschaftlichen Isolationismus, das Ablehnen von Handelsabkommen etc. angeht. Hillary dagegen sei die einzige Kandidatin, die für Offenheit steht.

Die beschriebene Grundtendenz lässt sich in der Tat nicht bestreiten, nicht umsonst gehören Pegida und co. mit zu den wehementesten Ablehnern von TTIP und es wird jede Chance genutzt, eine Querfront entlang des Themas zu basteln. Auch die Antieuropatendenzen der gesamten europäischen Rechten sind gut anschlussfähig an linke Globalisierungskritik, weswegen Corbyns Labor-Party auch so schwach für Remain gekämpft hat. Dennoch geht der Artikel sehr weit mit der Gleichsetzung der Globalisierungskritischen Szenen und man wird den Eindruck nicht los, hier werde eine neoliberale Agenda verfolgt.

The new political divide


4) In der Welt argumentiert Alan Posener, dass ein kultureller Bruch in den westlichen Gesellschaften existiert, der ganz gut zu den politischen Lagern des Economist passt. Posner beschreibt die westlichen Gesellschaften als tatsächliche Leistungsgesellschaften, in denen also derjenige, der Leistung bringt, auch echte Erfolge erntet. In einer solchen Gesellschaft bleibt den Verlierern eigentlich keine andere Wahl, als an sich selbst zu verzweifeln (vor allem, wenn es weiße, heterosexuelle Männer sind, die keine Diskriminierung für ihre Lage verantwortlich machen können). Die Leistungsgesellschaft legitimiert den Erfolg des Erfolgreichen, wie auch das Versagen des Verlierers. No one to blame!

Weil dieser Frust also keinen legitimen Kanal findet, wird er irrational, manifestiert sich in Hass und Verschwörungstheorien. Heraus kommen dann solche wirtschaftlichen Selbstverletzungen wie der Brexit oder eben Donald Trump oder AfD.

Ich finde durchaus, dass dieser Artikel einen Punkt hat. In der Tat gibt es einen Bruch zwischen dem Establishment und einer Art Unterklasse, der vor allem kulturell bedingt ist. Ich finde den Artikel aber auch gefährlich, weil er der Leistungsgesellschaft implizit unterstellt, zu funktionieren. Das sehe ich nicht so. Ich halte das ganze Gerede von Leistung und Leistungsträgern für neoliberale Augenwischerei, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verrationalisieren.

Auch wenn das Gefühl, das aufkommt, von Posner richtig beschrieben sein mag, halte ich es für einen Fehlschluss des Subjektes, sich selbst für sein Unglück Verantwortlich zu zeichnen. Dafür ist der Werdegang der Menschen statistisch noch viel zu sehr vom Elternhaus vorgeprägt und der Zufallsfaktor bei den wenigen Erfolgsgeschichten zu gering geschätzt.

Dem Westen droht ein Aufstand der Abgehängten


5) Dieses Paper der Friedrich-Ebert-Stiftung sieht ebenfalls die Ursachen in einem kulturellen Bruch. Die Bruchhälften werden dabei aber interessant benannt, nämlich als zwei Spielarten des Liberalismus. Der Liberalismus der Eliten, der die Globalisierung umarmt und Weltoffenheit propagiert und dann einen anderen Liberalismus, den Liberalismus der kleinen Leute, der „bodenständiger“ ist und die traditionellen Gemeinschaften wertschätzt und erhalten will (wozu dann eben auch der Nationalstaat) gehört.

Weil der elitäre Liberalismus sich zu weit von den Bedürfnissen des bodenständigen Liberalismus nach Übersichtlichkeit und Beherrschbarkeit (Take Back Control!) entfernt hat, docken diese Leute nun bei den Rechtspopulisten an, die ihnen Freiheit trotz und inklusive einer traditionellen Gemeinschaften versprechen.

Obwohl ich den beschriebenen Konflikt für real und ursächlich halte, finde ich die verniedlichung der Rechten Umtriebe als „bodenständigen Liberalismus“ ziemlich fehl am Platz. Natürlich haben die Menschen Angst, aber man darf den impliziten Rassismus und die antidemokratischen Reflexe in diesen Bewegungen nicht unterschätzen oder kleinreden. Alles in allem scheint es mir doch eher ein Rechtfertigungspapier für Gabriels Kuschelkurs mit Pegida zu sein. Sarah Wagenknecht gefällt das.

»Postliberalismus« oder ein Plädoyer für einen populären Liberalismus


6) Die traditionelle linke Position zur Erklärung von rechtspopulistischen Erfolgen ist ja immer das Narrativ der sozioökonomischen Misere ihrer Anhänger. Ich finde schon seit langem, dass diese Erklärung zu kurz greift, vor allem bei Pegida, Afd und den anderen neueren rechten Strömungen. Sicher, es mag sein, dass sich die Anhänger tendenziell eher aus den unteren Schichten rekrutieren, tendentiell eher schlechtere Bildungsabschlüsse haben und tendenziell unterhalb des Durchschnitts verdienen, etc. Aber es sind eben nicht die prekären und abgehängten (auch hier irrt Posner), sondern es sind größtenteils Menschen mit regelmäßigen Einkommen, meist aus der unteren Mittelschicht. Menschen, die sicher nicht zu den Gewinnern gehören, aber eben auch nicht zu den Verlierern. Leute, die in den letzten Jahren eher wenig Lohnzuwachs hatten, vielleicht sogar leichte Reallohnverluste, aber noch lange nicht am Hungertuch nagen.

Während mir diese konkrete Position nicht einleuchtet und sie eh schon überrepräsentiert ist, will ich trotzdem das sozioökonomische Deutungsmuster nicht auslassen, denn es gibt auch einen Artikel, der eine nicht unterkomplexe Erklärung aus den Daten herleitet.

Grundlage dafür ist ein Chart, der mir ähnlich bereits bei Paul Mason begegnet ist und den ich wahnsinnig aufschlussreich für unsere heutige Situation halte. Er zeigt in diesem Fall die Gewinner und Verlierer der Globalisierung von 1998 bis 2008. Die großen Gewinner sind demnach auf Seiten der asiatischen Aufsteigerstaaten zu finden und andererseits bei den globalen 1Prozent, wie man so schön sagt. Zwischen diesen beiden Gewinnern aber tut sich eine tiefe Kluft auf. Diese Kluft ist die Mittelschicht der westlichen Industrieländer, eben jene Trump-Wähler/innen und Pegidisten von heute.

Anders als Pikettys unterkomplexe, weil nur auf westliche Staaten bezogene Analyse macht dieser Chart die Ambivalenz der Globalisierung klar. Ja, die Reichen werden immer reicher, aber nein, die armen nicht immer ärmer, im Gegenteil. Auch die werden immer reicher, zumindest global betrachtet. Nur die nur relativ armen – in Wirklichkeit aber vergleichsweise reichen Leute der unteren Mittelschicht hierzulande, werden weder reicher noch ärmer, sondern stagnieren auf dem Fleck.

Das ist eine Zustandsbeschreibung, die ganz andere Effekte und Deutungen produziert, als das Narrativ der abgehängten Klasse. Psychologische Studien belegen, dass Menschen ziemlich gut damit umgehen können, arm zu sein. Unglücklich werden sie nur, wenn sie sich in Beziehung setzen zu anderen, denen es besser geht, oder deren Situation sich schneller verbessert.

Es ist kein Zufall, dass Trump immer China als den Konkurrenten, den es zu schlagen gilt, an die Wand malt, dass die AFD die Flüchtlinge als Konkurrenz an den Fresströgen darstellt, dass Globalisierung von rechten Strömungen allgemein als Nullsummenspiel dargesellt wird, in dem uns das versagt wird, was die anderen hinzugewinnen. Das weckt Neid, Missgunst und den Wutbürger in dir! Und Dir!

Auf diese Art findet der Artikel die ideale Synthese aus der „die sozioökonomischen Umstände sind schuld“-Argumentation und der „die Leute sind völlig irrational“-Erklärungen: Ja, die Menschen sind irrational, was aber nicht bedeutet, dass sie es grundlos sind.

Confused Why Donald Trump’s Message Is Resonating? Relative Comparison Theory And Income Inequality Explain A Lot.



Es sind die Bremsen

Gerade wird die Frage heiß diskutiert, ob uns jetzt tatsächlich die Welt um die Ohren fliegt oder ob wir einer psychomedialen Täuschung unterliegen; dass wir uns also nur alle gegenseitig per Twitter und Facebook verrückt machen und die Welt eigentlich gar nicht so schlimm kaputt ist, wie es scheint. Zu der letzteren Position gingen jetzt einige lesenswerte Texte herum. Ich will hier vor allem auf den von Jonas Schaible auf Carta hinweisen, weil er sehr faktenschwer einen fundierten Überblick zu dieser Position liefert.

Denn tatsächlich: alle Daten deuten darauf hin, dass zwar nicht alles gut ist, dass es durchaus einige besorgniserregende Ereignisse und Trends gibt, diese aber harmlos wirken, wenn wir sie mit den Daten von vor 10 oder gar 20 Jahren vergleichen. Bekannter Maßen hat die Welt sowohl die 80er, als auch die 90er überlebt, weswegen es zumindest für das apokalyptische Geraune keine Veranlassung gebe.

So gerne ich mich dieser Analyse anschließen würde, muss ich mich doch outen als jemand, der der ersten, der apokalyptischen Lesart angehört. Die Zahlen überzeugen mich nicht und die These der gegenseitigen Selbstaffektion per Social Media halte ich lediglich für eine moderne Form des Pfeifens im Walde. Ja, ich glaube tatsächlich, dass gerade einiges grundsätzlich ins Rutschen geraten ist, etwas, das man aber nur schwer sieht, wenn man sich auf die Zahlen versteift. Ich will meine Beunruhigung anhand der fraglichen Ereignisse einmal ausformulieren.

Türkei

Fangen wir beim Putsch in der Türkei an. Die Plötzlichkeit, die Geschwindigkeit und die Radikalität des Wandels, den er ausgelöst hat, haben uns alle erschrocken. Aber da ist noch etwas anderes. Ganz ehrlich? Wenn das selbe in Iran oder in Pakistan passiert wäre, hätte ich das sicher auch schlimm gefunden, aber im Grunde hätte ich mich schon eine Stunde später mit anderen Dingen beschäftigt. Ist es also die Nähe, die mich erschreckt? joaa … fast.

Was mich erschreckt ist, dass so etwas in einem Land möglich ist, das so tief eingebunden ist in unser westliches politisches und wirtschaftliches Gefüge. Die Türkei ist nicht teil der EU, aber fast. Die Türkei ist vielfältig eingebunden, mit privilegierten Beziehungen zur EU, mit der Nato-Mitgliedschaft und vielen bilateralen Verträgen. Es ist war trotz aller schon vorher vorhandenen Probleme in fast jeder Hinsicht ein Vorzeigeland unter islamisch geprägten Ländern. Und ich sage ganz offen, dass ich das, was gerade passiert genau deswegen nicht für möglich gehalten habe.

Warum?

Weil eine solche Verflechtung normalerweise disziplinierend wirkt. Die Türkei weiß, dass sie mit diesem radikalen Kurs alle Verbindungen zum Westen aufs Spiel setzt. Das bedeutet nicht nur politische und sicherheitspolitische, sondern vor allem auch wirtschaftliche Vorteile aufs Spiel zu setzten. Das bedeutet also bares Geld, das bedeutet Sicherheit, das bedeutet Geltung in der Welt, die hier auf dem Spiel stehen. Die Beziehungen zum Westen zu riskieren kann die Türkei wirtschaftlich und politisch locker zwanzig Jahre zurück werfen.

Warum macht Erdogan das? Ausgerechnet er, der Architekt, der vieles von dem, was die Türkei bis heute war, selbst geschaffen hat? Hat er den Verstand verloren? Ganz ehrlich; ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ein bisher wirkmächtiger Disziplinierungshebel auf einen Schlag die Wirkung verloren zu haben scheint.

Brexit

Es ist viel darüber debattiert worden, weswegen die Mehrheit der Briten für den Brexit gestimmt hat. War es mediale Desinformation? War es Xenophobie? Waren die dummen alten Schuld, oder die faulen Jungen? War es der Hass auf die Eliten oder war es doch die zu neoliberale EU? Wir wissen es bis heute nicht. Wir wissen aber, dass die Briten gegen ihre eigenen Interessen abgestimmt haben. Es findet sich kein ernstzunehmender Ökonom oder Ökonomin, der oder die nicht den wirtschaftlichen Schaden, den sich Groß Britannien durch diese Entscheidung selbst und ohne Not zugefügt hat, in die hunderte Milliarden berechnet. Und den Briten scheint das egal zu sein. Cameron hatte gedacht, alleine mit dem wirtschaftlichen Argument (also der Wahrheit) Remain gewinnen zu können. Leichtes Spiel, dachte er sich wohl, die Leute werden doch nicht gegen ihren eigenen Geldbeutel stimmen. Das Gegenteil war der fall. Gerade auf dem Land, wo ein Großteil der Bevölkerung fast ausschließlich von EU-Subventionen lebt, war man am entschiedensten für den Brexit. Ich verstehe es nicht und bin ganz ehrlich immer noch fassungslos.

Das liegt daran, dass ich bisher der Auffassung war, dass der wirtschaftlicher Eigennutz disziplinierend auf Menschen wirkt. Wer kennt das nicht? Manchmal will man alles in die Ecke feuern. Aber der Gedanke daran, was eine radikale Tat hinterher für negative Auswirkungen auf einen haben kann, hilft einem, den melodramatischen Akt noch mal zu überdenken. Dieser Mechanismus hat beim Brexit einfach versagt.

Trump

Als Mitt Romney 2012 in einer kleinen Wahlkampfveranstaltung sagte, dass er sich in seiner Präsidentschaft nicht um die 47 % Wohlfahrtsempfänger kümmern wolle, sabotierte er sich jede Chance auf den Einzug ins Weiße Haus. So funktioniert amerikanische Politik. Du machst einen Fehler, er wird skandalisiert – zack, biste draußen. Das System ist unerbittlich.

War unerbittlich. Dann kam Trump. Trump tätigt seit einem halben Jahr fast jeden Tag Aussagen, die jeweils fähig wären in vergangenen Kampagnen jeden beliebigen Kandidaten aus dem Rennen zu kegeln. Wie oft sahen Medien Trump bereits als erledigt an, weil er es wagte den gesellschaftlichen Konsens zu Thema X aufzukündigen? Jedesmal lagen sie falsch. Dabei geht es nicht nur um Themen, die linke Wähler abschrecken, wie Rassismus. Nein, er kann sogar gegen alle Glaubenssätze der Konservativen trollen. Er wagte es zum Beispiel ernsthaft den angesehenen republikanischen Politiker und Kriegshelden John McCain bei seiner Ehre anzugreifen. Etwas, was unter normalen Umständen jeden konservativen Amerikaner auf die Barrikaden bringen würde. Aber da war nichts. Es hat ihm nicht mal geschadet.

Alle medialen und gesellschaftsdiskursiven Disziplinarhebel versagen bei Trump. Der Diskurs ist sprichwörtlich aus den Fugen. Trump spielt jenseits aller Regeln. Das ist es, was mir so Angst macht.

Fazit

Man könnte diese Liste fortsetzen, über versagende Hebel in der Wirtschaftspolitik bishin zu unverhinderbaren Terrorismus via Selbstradikalisierung. Wenn wir sagen, dass die Welt aus den Fugen ist, meinen wir nicht, dass sie auseinander fällt, sondern, dass die Steuerungshebel versagen. Wir erleben einen sprichwörtlichen Steuerungsverlust.

Beim Lesen von Jonas Artikel denke ich mir jemanden, der bei einer rasanten Autobahnfahrt auf den Tacho schaut und beruhigt feststellt: ja gut, erhöhte Geschwindigkeit, aber das kennen wir auch schlimmer. Aber der Tacho interessiert mich gar nicht, ich dreh durch, weil die scheiß Bremse nicht funktioniert.

(PS: Das sieht jetzt alles ziemlich düster aus und ich will das gar nicht relativieren. Ich will nur ankündigen, dass ich all das bereits seit einiger Zeit in einem größeren Framework durchdenke. Grob gesprochen geht es um das Versagen der Institutionen, wie ich es im dritten Kapitel meines Buches (leider unzureichend präzise) beschreibe und damit einhergehend mit einem Versagen der Disziplinargesellschaft (Foucault). In meinem anderen Blog hatte ich dem Ganzen die etwas pathetisch klingende Kategorie „Weltkontrollverlust“ zugeteilt. Jedenfalls bin ich der Meinung, dass dieses Versagen nur mit neuen Institutionen beantwortet werden kann. Die aber können wir erst designen, wenn wir erstens verstanden haben weswegen unsere Steuerungshebel versagen und zweitens erst dann bauen, wenn das Chaos überstanden ist.)


Geburtstagseinladungen, Brexit und die positive Filtersouveränität

Ist es nicht paradox? Da haben wir all diese schönen digitalen Technologien, die kommunikative Dinge so viel einfacher machen sollen und dennoch wird es immer schwieriger, Menschen zu persönlichen Feiern einzuladen. Zumindest mir geht es so in meinem tendenziell überdurchschnittlich online-affinen Freundeskreis.

Gestern hatte ich Geburtstag (jaja, danke, danke!) und ich habe am Tag zuvor reingefeiert. Nun melden sich etliche Enttäuschte, die von den Feierlichkeiten nichts mitbekommen haben. Das wundert mich nicht, denn eingeladen hatte ich vor allem per Facebook, aber auch per Darktwitter habe noch mal auf die Veranstaltung hingewiesen. ich weiß, das ist recht wenig, ich hätte wesentlich mehr tun können, vielleicht auch müssen. Dieses Jahr war ich aber wirklich ein bisschen in Zeitnot, weil die Einladungen direkt vor meinem Urlaub rausgehen mussten.

Ein paar der Probleme, die sich aus der Situation ergeben:

  1. Viele haben kein Facebookkonto. Klar.
  2. Leute, die ein Facebookkonto haben, schauen da nicht rein. Hmpf.
  3. Leute, die da reinschauen, sind von den überboardenden Notifications überfordert. Tjo.
  4. Auf Darktwitter folgen mir noch viel weniger und Timelines werden eh nur gelegentlich durchgescrollt. Ok.

Ich wusste natürlich vorher, dass ich so nicht alle erreichen würde. Bei vergangenen Geburtstagen habe ich auch versucht, mehr Kanäle zu nutzen. Aber auch hier ergeben sich weitere Probleme.

  1. Viele sind nicht auf WhatsApp.
  2. Email und SMS scheinen die höchste Erreichbarkeit auszustrahlen. Bis man feststellt, dass man von vielen Leuten – sogar guten Freunden – überhaupt keine Nummer, oder Emailadresse hat. Oder dass sich Nummern und E-Mailadressen inzwischen geändert haben, was man nicht merkte, weil man über irgendeinen anderen Dienst miteinander kommunizierte.
  3. Dann verteilen sich bei mir auch noch Leute auf Dienste, die außerhalb der Techiblase niemand nutzt: Threema, Signal, Telegram oder jabber. ja, Jabber!
  4. Eventuell sollte ich jetzt noch via SnapChat … ach, egal.

Ich gebe es zu: mit einiger Planung, Nachdenken und dem Arbeitsaufwand von ungefähr einem Tag, wäre es möglich gewesen alle und jeden, die es interessiert mit der Einladung zu erreichen. Aber das kann doch wirklich nicht die Lösung sein. Ich glaube, da liegt ein Grundlegender, ein systematischer Fehler vor.

Das beschriebene Dilemma ist eine gute Veranschaulichung dessen, was ich in meinem Buch versucht habe in der Regel 5 auszudrücken: Du bist die (positive) Freiheit des Anderen (Seite 198). Dieses auch „positive Filtersouveränität“ genannte Konzept leitet sich direkt aus der Theorie der Netzwerkeffekte ab. Wenn jede/r zusätzliche Teilnehmer/in eines Netzwerkes den Nutzen des Netzwerkes für alle anderen Teilnehmer/innen erhöht, dann hat die Entscheidung der Teilnahme oder der Nichtteilnahme an einem Netzwerk auch eine ethische Dimension.

Ich persönlich versuche deswegen auf allen (einigermaßen relevanten) Netzwerken präsent zu sein, weil ich weiß, dass es das Leben meines Gegenübers – wer immer mit mir in Kontakt treten will – erleichtert. Ich erhöhe seine positive Freiheit. Wenn ich andersrum aber an einem Netzwerk nicht teilnehme, dann erhöhe ich für mein Gegenüber den Organisationsaufwand für das Mich-Erreichen, mit anderen Worten, dann schade ich ihm.

Diese Ethik des Nutzens von Netzwerken mag manche verwirren oder in ihren Ohren gar anstößig klingen. Vielmehr glauben Menschen, dass zum Beispiel Facebook zu boykottieren sogar ein ethischer Akt sei, während ein Facebookkonto zu haben, unethisch ist, weil man Kontrolle über seine persönlichen Daten abgibt. So hat sich die Auffassung etabliert, das Nichtnutzen von Diensten sei ein ethisches Distinktionsmerkmal so wie „bio“ kaufen. Dass sie sich und ihren Freunden schaden und jedem, der mit ihnen in Kontakt kommen will, wird schulterzuckend hingenommen, weil Individualismus, (Daten-)Souveränität und (informationelle) Selbstbestimmung als ungleich höhere Werte gelten.

Es ist ein bisschen so wie mit dem Brexit. Meine Vermutung ist, dass Leute, die für den Brexit stimmten, Wirtschaft noch als eine Art Nullsummenspiel betrachten. Ein Vorteil, den jemand anderes hat, ist automatisch mein Nachteil. Dass der gemeinsame Wirtschaftsraum mit gemeinsamen Regeln, der die EU ausmacht, allen daran Teilnehmenden Vorteile bringt, geht nicht wirklich zusammen mit einer individualistischen Logik. Genau so wie Facebook-verweigerer sind sie kognitiv in einer Ethik gefangen, in der „Take back control“ eine total gute Idee ist. (Was vielleicht auch den Unterschied zwischen alten und jungen Wähler/innen erklärt. Jüngere Menschen erfassen die Implikationen der vernetzten Welt viel eher, als ältere.)

Die vernetzte Logik zwingt dazu, aus individualistischen Deutungsmustern auszubrechen. Souveränität, Kontrolle, Selbstbestimmung, unbeschränkte persönliche Freiheit gelten seit der Aufklärung als wichtigste Pfeiler unseres Wertesystems. In der Vernetzung relativieren sich diese Werte aber. In der vernetzten Welt macht es durchaus Sinn, Kompetenzen, Kontrolle und Souveränität abzugeben und so das Leben aller Teilnehmer/innen zu vereinfachen und den Nutzen von gemeinsamer Infrastruktur durch Partizipation für alle zu erhöhen.

Ich hoffe, dass diese Zusammenhänge irgendwann besser begriffen werden und ich dann vielleicht über einen einzigen Dienst oder Netzwerk, eine Einladung an alle meine Freunde schicken kann.


Ich lehne Marx‘ Arbeitswerttheorie ab und hier ist warum

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Einleitung

Gerade habe ich Paul Masons Buch Postcapitalism (Amazon Affiliate Link (ja, ich brauche das Geld)) gelesen und muss sagen, das ist eine lesenswerte Lektüre. Es gibt aber ein Problem und zwar ist Mason Marxist und er argumentiert mit verve mit der Arbeitswerttheorie. Unglücklicherweise lehne ich diese Theorie ab und muss mich seitdem in meinem vornehmend sehr linken Freundeskreis immer wieder dafür rechtfertigen.

Deswegen ist Mason zwar der Anlass, warum ich hier über die Marxsche Arbeitswerttheorie schreibe, aber er ist nicht der Grund. Der Grund sind die unzähligen Stunden, die ich mit Diskussionen verbracht habe, wenn ich mal wieder mit Marxist/innen auf diese Frage gestoßen bin. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, habe mich ihnen zu liebe jetzt schon so oft mit Marx‘ Kapital rumgequält, habe Sekundärtexte gelesen, habe versucht zu verstehen und nachzuvollziehen, aber ich habe keine Lust mehr.

Die Idee dieses Textes ist also sowas wie ein Befreiungsschlag. Nicht in dem Sinne, dass ich mit diesem Text jetzt alle Marxist/innen bekehren werde (wahrscheinlich nicht einen einzigen). Die Idee ist vielmehr einen Link zu haben, den ich posten oder weitergeben kann, wann immer ich mich genötigt sehe, mal wieder zu erklären, warum ich nicht von der Arbeitswertheorie überzeugt bin.

Arbeitswerttheorie, was ist das?

Zunächst muss ich mich hier weit aus dem Fenster lehnen, denn ich muss für alle, die nicht genau wissen, was gemeint ist, die Arbeitswerttheorie erklären. Leider kann man das nur falsch machen. Marxist/innen teilen die Welt für gewöhnlich in zwei Lager ein: Nein, nicht Arbeiter und Kapitalisten, sondern Marxist/innen und Menschen, die die Arbeitswerttheorie nicht verstanden haben. Und tatsächlich ist die Theorie wahnsinnig kompliziert und ihre Entwicklung erstreckt sich über das gesamte Werk von Marx. Der Diskurs dazu ist zudem extrem tradiert und wurde in alle möglichen Richtungen weiterentwickelt. Es gibt mehr als eine, mehr als zwei, vermutlich 10 bis 20 unterschiedliche Lesarten, Auslegungen und Weiterentwicklungen. Und nein, ich habe sie nicht alle gelesen. Ich werde hier nur die Grundzüge erläutern und nicht in die Details gehen. Das reicht aber vollkommen aus, da meine Ablehnung der Theorie auf einer sehr grundsätzlichen Ebene ansetzt.

Also hier meine Zusammenfassung: Marx fragt sich gleich zu beginn des Kapitals, wie es kommt, dass den Waren ein gewisser Wert zugeschrieben wird. Er sieht zum einen, dass Menschen eine Ware etwas wert ist, weil sie nützlich ist. Diesen Nützlichkeitswert nennt er den Gebrauchswert. Er sieht aber auch, dass den Menschen eine Ware so viel wert ist, wie x Einheiten einer anderen Ware. Waren stehen also in einem Äquivalenzverhältnis, welches er Tauschwert nennt. Und ab nun geht es vor allem darum, wie dieser Tauschwert zustande kommt.

Marx‘ Antwort ist Arbeit. Jeder Tauschwert ist im Grunde ein Ausdruck der Arbeit (auch: abstrakte oder gesellschaftlich notwenige Arbeit), die beim Produktionsprozess in eine Ware gesteckt wird. Und etwa ab hier wird es kompliziert, denn Marx versucht nun über sein gesamtes Werk hinweg zu erklären, wie diese Verrechnung von statten geht. (An dieser Stelle sei mit Vorsicht und etwas Ratlosigkeit angemerkt, dass bei Marx Tauschwert und Preis nicht das selbe sind. Es gibt bei Marx eine gewisse Anerkennung von Marktkräften, die den Preis ebenfalls determinieren. Der Tauschwert verwirklicht sich zwar im Preis, kann aber davon wesentlich abweichen. Wenn aber von der Arbeitswerttheorie nicht auf den Preis geschlossen werden kann, fragt sich für mich, zu was sie überhaupt gut sein soll … egal, nehmen wir das einfach zur Kenntnis.)

Es wäre nun natürlich zu einfach, nur die konkreten Arbeitsstunden zu verrechnen, denn die Arbeitsstunden selbst haben ja ebenfalls unterschiedliche Tauschwerte, denn auch die Arbeit selbst ist ja eine Ware, in die Arbeit eingeflossen ist (Ausbildung, Erfahrung, etc.) sowie die Arbeit, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten („Reproduktionsarbeit“).

Eine weitere Komplexitätsstufe wird erreicht, wenn man bedenkt, dass der Arbeitswert auch durch die Produktivkraft beeinflusst ist. Wenn ein Arbeiter/eine Arbeiterin durch eine neue Maschine an einem Tag 100 statt nur 50 Schuhe herstellen kann, dann wirkt sich das ebenfalls auf den Wert der Ware aus, aber eben nicht einfach, dass der Wert sich halbiert, denn man muss ja noch bedenken, dass der in der Maschine enthaltene Arbeitswert (um sie zu konstruieren) ebenfalls auf den Warenwert umgelegt werden muss, etc. Ihr könnt euch das Durcheinander vorstellen.

Den Arbeitern wird aber eben nicht der volle Wert ihrer Arbeit ausgezahlt, sondern nur der Teil, der für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft notwendig ist. Der Rest – der Mehrwert – geht als Profit in die Bilanzen des Kapitalisten ein. Daraus ergibt sich also das Ausbeutungsverhältnis.

Das war jetzt etwas verkürzt, aber wie gesagt, so tief müssen wir da jetzt nicht rein, denn mein Unglaube setzt bereits grundsätzlicher an. Bei der Existenz des Wertes ansich.

Meine Kritik

Ich glaube nicht an die Marx’sche Arbeitswerttheorie. Ich glaube nicht, dass ein Wert in den Waren oder Gütern existiert. Und ja, diese Frage ist eine Frage des Glaubens. Genau so wie ich als Atheist nicht die Nichtexistenz Gottes beweisen kann, kann ich nicht die Nichtsexistenz des Wertes beweisen. Aber genau so, wie ich meinen Atheismus dennoch begründen kann, kann ich Gründe dafür anführen, warum ich nicht an den Wert glaube.

Grund 1. Das, was der Arbeitswert erklären will, lässt sich anders – leichter, einfacher und schlüssiger – erklären.

Occam’s razor beschreibt ein wissenschaftsphiliosophisches Prinzip, dem ich mich voll und ganz anschließe. Es lautet etwa so: Wenn es verschiedene Hypothesen zu einem Sachverhalt gibt, dann sollte man diejenige wählen, die am wenigsten Vorannahmen erfordert. Etwas verkürzt könnte man sagen: die vorraussetzungsärmste Theorie gewinnt.

Schon sehr früh, wurde der Werttheorie mit Gegentheorien begegnet. Die vorherrschende „bürgerliche Auffassung“ vom Austauschverhältnis der Waren ist seitdem, dass der Preis sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage der Ware zusammensetzt. Die Theorie dazu nennt sich Grenznutzentheorie. Diese Theorie verwirft die Idee eines allgemeinen, objektiven Wertes und sagt, dass Wert einer Ware (bürgerlich: „eines Gutes“) subjektiv als Nutzen empfunden wird. Allerdings auch nicht zu allen Situationen gleich. Wenn ich gerade keinen Hunger habe, hat eine Bratwurst keinen Nutzen für mich. Wenn ich bereits ein Auto habe, ist mein Willen, ein weiteres zu kaufen, sehr viel geringer. Die akkumulierten Nutzen verschiedener Konsumenten an einer Ware bilden die Nachfrage. Demgegenüber steht das Angebot, dass diese Nachfrage versucht zu bedienen. Schafft sie es nicht, erhöht sich der Preis, bietet sie mehr als die Nachfrage, sinkt er.

Vergleichen wir also die Voraussetzungsreichtum beider Theorien.

Arbeitswertheorie:

  • Die Existenz einer „Wertsubstanz“ wird bei Marx nicht hinterfragt, sondern apriori als gegeben vorausgesetzt. Dass ein empfundener Tauschwert evtl. sozial konstruiert ist, dass also der Preis den empfundenen Tauschwert determiniert statt umgekehrt, wird nicht mal in Betracht gezogen.
  • Es braucht eine Art Transformationsprozess, der die Arbeitszeit als Wertsubstanz in der Ware anlegt. Wie das funktionieren soll, wird ebenfalls nicht geklärt, sondern einfach vorausgesetzt. Zudem fragt sich, wie sich die in Maschinen gespeicherte Wertsubstanz auf die Produkte überträgt. Alles sehr rätselhaft.
  • Menschen hingegen brauchen für diese Theorie eine Art Sensorium mit dem sie den Wert einer Ware einschätzen können. Ein sechster Sinn? Bei zunehmend komplexen Fertigungsprozessen, ist einer Ware die Herstellungsarbeitszeit nicht mehr anzusehen.

Ich kenne mich mit Marxismus nicht sonderlich gut aus und bin auch kein Ökonom. Ich kenne mich aber ganz gut mit Theorien aus. Diese hier ist schlecht. Schlecht as in Esoterik-level schlecht. (Falls Marx diese Vorannahmen doch irgendwo ausgeräumt hat, mögen Marxexperten mich hier bitte belehren.)

Grenznutzentheorie:

  • Es braucht nutzenoptimierende Akteure, die rational-egostisch danach streben, stets den besten Deal zu suchen, the biggest Bang for the Buck. Ihr wisst schon, dieser Unsympath namens Homo Oeconomicus.
  • Zudem braucht es einen transparenten Markt, also die Idee, dass die Nachfrager an den Märkten über alle Angebote bescheid wissen und die Anbieter die Nachfrage einschätzen können.

Auch diese Theorie ist schlecht, denn man kann diese Vorannahmen ebenfalls mit einem gewissen Recht in Zweifel ziehen. Als strenge Vorannahmen funktionieren sie nicht, denn die Akteure sind natürlich Menschen und damit nicht absolut zweckrational und der Markt ist natürlich nicht absolut transparent und schon die Idee, die Nachfrager würden viel Aufwand treiben, um Angebote einzuholen, ist recht weltfremd. Dem kann man allerdings gegenüberstellen, dass der Preismechanismus auch bei nur annähernder Erfüllung von Transparenz und Rationalität bereits hinreichend funktioniert. Uns sind Preise nicht völlig egal, Natürlich versuchen wir in gewissem Maße zu optimieren. Nur den Aufwand, den wir dafür treiben, ist recht überschaubar und wird von vielen anderen Einflussfaktoren flankiert.

Fazit:

Ich persönlich finde auch die Grenznutzentheorie nicht sonderlich überzeugend. Wir haben es hier also mit zwei schlechten Theorien zu tun. Die Grenznutzentheorie ist allerdings mit großem Abstand die weniger schlechte, weswegen sie zu präferieren ist.

Grund 2: Ich glaube zu verstehen, warum es zu der Annahme eines Arbeitswertes hat kommen können.

Zunächst ist die Theorie des Arbeitswertes gar nicht Marx‘ Idee gewesen. Sie war zu seiner Zeit schlicht die vorherrschende Auffassung, wie Wirtschaft funktioniert. Schon Adam Smith hat an den Wert durch Arbeit geglaubt und nach ihm David Ricardo. Vor allem an letzterem hat sich Marx dann auch abgearbeitet.

Zu Lebzeiten Marx war auch die Physik noch eine andere. Es war nicht nur die Zeit vor Einsteins Relativtätstheorie, sondern auch noch eine Zeit, in der selbst die größten Physiker noch an den sogenannten Äther glaubten. Der Äther, so war man der Überzeugung, sei das Medium, in dem sich Licht ausbreitet. Es war keine andere Erklärung denkbar zu der Zeit. Schall- oder Wasserwellen sind ja schließlich auch nur bewegte Materie, warum sollte es sich mit elektromagnetischen Wellen anders verhalten? Die Tatsache, dass ein Äther bis dato noch nicht nachgewiesen war, veranlasste zwei Physiker noch zu Lebzeiten Marx dazu, einen Apparat zu bauen, der den Äther endlich einmal vermessen sollte. Die Messungen von Michelson und Morley waren allesamt eine Reihe von Reinfällen. Sie konnten den Äther nicht nachweisen und haderten deswegen Zeitlebens mit ihrem Ingenieursgeschick. Weil zu dieser Zeit kein ätherloses Universum vorstellbar war, kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass ihr Nachweis seiner Nichtexistenz, sogar ein revolutionärer Erfolg gewesen ist. Bis weit ins 20ste Jahrhundert hinein wurden ähnliche Experimente durchgeführt, weil sich einige Menschen nicht von der Äthertheorie lösen können.

Ich glaube, auch die Arbeitswertheorie war wie die Äthertheorie einfach Ausdruck eines Zeitgeistes. Und Marx kam deswegen kaum in den Sinn, sie in Frage zu stellen. Die Frage war für ihn nicht, ob den Waren ein Wert innewohnt, sondern nur, wie er zustande kommt.

Die Idee des Äthers kommt daher, dass die Wellenformen, die man sonst so kannte, immer in einem Medium stattfanden. Wasserwellen im Wasser und Schallwellen in der Luft. Ich habe den Verdacht, dass die Idee des Wertes ebenfalls aus der Physik kommt, genauer vom Energieerhaltungssatz. Der erste Satz der Termodynamik bedeutet unter anderem, dass Gegenstände Arbeit als Energie absorbieren und speichern können. Wenn wir zum Beispiel eine Kugel heben (physikalische Arbeit verrichten), dann ist diese Arbeit als potentielle Engergie in der Kugel gespeichert. Sie wird, wenn wir sie fallen lassen, in Form von kinetischer Energie wieder freigegeben. So nahe diese Metapher auch liegen mag; den physikalischen Begriff von Arbeit auf den sozialen Begriff von Arbeit zu beziehen, ist eine gewagte Operation, die jedem heutigen Theoretiker um die Ohren gehauen würde.

Eine zweite Inspiration für den Arbeitswert kann man dem Kapital direkt entnehmen. Marx begründet den Arbeitswert dadurch, dass es doch etwas gemeinsames geben müsse, dass den Wert der Waren äquivalent mache. Dieses gemeinsame sei eben die menschliche Arbeit, die in die Produktion gesteckt werde.

Gehen wir einen Schritt zurück: Eine der wesentlichsten Veränderungen, die die Industrialisierung gebracht hat, ist die Massenproduktion. Vorher wurden die meisten Gegenstände individuell hergestellt und verkauft. Jeder Stuhl und jedes paar Schuhe waren individueller Ausdruck der Handwerkskunst und Sorgfalt ihres Herstellers. Es gab also nur Unikate. Zwischen Anbieter und Nachfrager entspann sich zudem eine Verhandlung, um die Frage, wie viel das Hergestellte wohl wert sei. Am Ende der Verhandlung einigte man sich per Handschlag und Ware und Geld wurden getauscht. Der erzielte Preis war Ausdruck sowohl der individuellen Qualität der Ware, wie auch des Verhandlungsgeschicks sowie der Beziehung der jeweiligen Geschäftspartner. Es gab damals nichts gemeinsames aller Waren.

Mit der Industrialsierung ändert sich das. Als nun die Massenproduktion Stühle und Hemden in hohen Stückzahlen herstellte, die alle einander wie ein Ei dem anderen gleichen, trat auch eine neue Preisfindungsstrategie auf den Plan: Alle Waren bekamen den selben Preis.

Wenn man nun die Transition vergegenwärtigt: Von der indivduellen Herstellung individueller Waren, die zu individuellen Preisen verkauft werden – hin zu massenhaften einander gleichenden Massenwaren, die nach standardidierten Verfahren hergestellt einen gemeinsamen Preis erzielten. Ein Einheitspreis weist also auf einen Einheitswert hin, der wie es scheint, wiederum aus der einheitlichen Produktionsweise herleitbar ist. Dass es die menschliche Arbeit war, der diesen Einheitspreis als Einheitswert rechtfertigte, lag also nahe.

Die Wahrheit aber ist, dass der Einheitspreis weniger auf einen Einheitswert, als vielmehr einer im Massenmarkt folgerichtigen Vertriebsstrategie entspringt. Es ist zwar sehr wohl möglich, massenproduzierte Waren zu unterschiedlichen Preisen zu verkaufen, jedoch nur unter der Voraussetzung komplexer Vertriebsstrukturen, die wiederum hohe Transaktionskosten verschlingen würden. Marx konnte Transaktionskosten noch nicht kennen, sie wurden erst im 20sten Jahrhundert entdeckt. Massenprodukte wurden zu Einheitspreisen verkauft, nicht weil sie „gleich viel wert waren“, sondern schlicht, weil es einfacher war.

Fazit: Es lassen sich spezifische zeitgenössische Umstände identifizieren, die zu der These eines Arbeitswertes ausschlaggebend gewesen sein könnte. Das widerlegt die These natürlich nicht, macht aber ihr Entstehen unabhängig vom ihrem Wahrheitsgrad plausibel.

Grund 3: Ich glaube überdies verstanden zu haben, warum die Arbeitswerttheorie bis heute in gewissen Kreisen bestand hat.

Der wesentliche Hauptgrund für die Tatsache, dass die Arbeitswerttheorie bis heute nicht totzukriegen ist, liegt natürlich daran, dass sie in Marx Werk einen so zentralen Stellenwert hat. Sie erklärt, wie der Mehrwert entsteht und skandalisiert damit die Ausbeutungsverhältnisse. Damit schultert die Werttheorie auch die gesamte politische Moral des Marxismus. Ohne Wertheorie kein Mehrwert, ohne Mehrwert keine Ausbeutungsverhältnisse und ohne Ausbeutungsverhältnisse keine moralische Logik der Revolution. Kurz: ein Marxismus ohne Werttheorie ist eigentlich nicht denkbar.

Der zweite Grund, warum sich die Werttheorie (in gewissen Kreisen) bis heute halten konnte, ist, dass sie bis heute nicht ganz abwegige Resultate produziert. Vieles von den Mechaniken, die Marx mit der Werttheorie folgert, finden sich tatsächlich in der realen Wirtschaft wieder. Die Werttheorie „wirkt“ bisweilen richtig.

Huch? Wie kann das sein?

Ich sagte bereits, dass ich die Grenznutzentheorie nur für begrenzt nützlich halte. Jedenfalls ist sie unvollständig, wenn man nicht sowas schnödes, wie die Kostenrechung mit einbezieht. Und die Kostenrechnung sagt: Egal, was für eine Grenznutzenpräferenz der Kunde hat: Wenn er nicht bereit ist, dem Anbieter der Ware mindestens so viel Geld zu geben, dass der die Kosten der Ware wieder einfährt, wird er den Deal nicht eingehen. Mit anderen Worten: Waren werden nie unterhalb ihrer Herstellungs-(oder Beschaffungs-)Kosten verkauft.

Nun sind Kosten – und zwar zu Marx Zeiten noch sehr viel mehr als heute – sehr durch die in sie einfließenden Lohnkosten bestimmt. Lohnkosten sind häufig der größte Posten bei der Herstellung von … egal was.

Wenn nun also Waren in einem Markt von verschiedenen Akteuren in einem gegenseitigen Konkurrenzverhältnis angeboten werden, werden diese nach dem Marktgesetz auf Dauer nur unwesentlich höhere Preise erziehen, als ihre Stückkosten. Marx Arbeitstheorie und die gängigen Wirtschaftstheorien sind sich also im Ergebnis einig.

Bei ausgedehnter Produktion (also wir skalieren die Menge der produzierten Waren), marginalisieren sich die anteiligen Fixkosten (Fabrik, Maschinen, etc.) aus der Rechnung und die Stückkosten nähern sich immer mehr an ihren Grenzkosten (die Kosten, das jedes zusätzlich produzierte Stück kostet) an.

Mit anderen Worten: in vielen Situationen eines entwickelten industrialisierten Kapitalismus verhält sich der angenommene Warenwert nach Marx analog (quasi proportional) zu den Grenzkosten – und damit zum Preis. Das gilt vor allem auch die Produktivkraft/Produktivität durch Rationalisierung/Automatisierung betreffend. Je höher der Automatisierungsgrad, desto geringer der Wert/die Grenzkosten. Es ist exakt diese Analogie, weshalb Paul Mason in seinem Postkapitalismus die Thesen von Jerimy Rifkins Zero Marginal Cost Society einfach marxistisch adaptieren konnte.

Fazit: Es ist bei der Analyse einiger wesentlicher Phänomene des Kapitalismus quasi egal, ob man sie marxistisch oder neoklassisch betrachtet. Das macht die Arbeitswerttheorie nicht richtiger. Aber wie sagt man so schön: alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich.

Grund 4: Ich lehne die Arbeitswerttheorie auch politisch ab. Ich glaube, dass sie eine politische Sackgasse aufgemacht hat, die bereits viel Schaden angerichtet hat.

Gut, die Arbeitswerttheorie ist vielleicht nicht ganz koscher, aber hey, sie ist doch nützlich. Warum also überhaupt gegen anstinken? Lass denen doch ihren Spaß.

Ich habe tatsächlich ein Problem mit der Theorie, das darüber hinaus geht, dass ich sie für falsch halte. Und dieses Problem ist die implizite Moral, die sie erfolgreich in den politischen Diskurs eingeschleust hat. Eine Moral, die einmal sehr hilfreich war, aber – so meine Auffassung – heute toxisch wirkt.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht eine weitere Inspiration für die Werttheorie von Marx anführen: die Eigentumstheorie von John Locke. John Locke hat zu seiner Zeit philosophisch zu begründen versucht, warum es Eigentum gibt/bzw. geben muss. Eine kurze Zusammenfassung: Zunächst definiert er die Freiheit des Menschen als naturrechtliches Eigentum an sich selbst. Daraus folgt er das naturrechtliche Eigentum des Individuums an seiner eigenen Arbeit. Mithilfe der Arbeit kann der Mensch sich die Natur also aneignen und die angeeignete Natur wiederum ist somit sein natürliches Eigentum.

Der Kontext ist hier wichtig. John Locke argumentiert hier natürlich moralisch (die klassisch-liberalen Denker waren alle große Moralisten, ja, auch Adam Smith). Es ging natürlich darum, diese Argumentation den Feudalherren als Begründung für Illegitimität ihrer absoluten Besitzansprüche entgegenzuschleudern. Und in genau diese Tradition – nur eben im nächsten gesellschaftlichen Transformationschritt – sah sich Marx. Und so ist, wenn man es genau besieht, auch seine Arbeitswerttheorie ein moralisches Naturrechtsargument. Wenn der Wert einer Ware durch die Arbeit bestimmt ist, die zu ihrer Herstellung geleistet wurde, dann gibt es quasi einen naturrechtlichen Anspruch des Arbeiters/der Arbeiterin auf diesen Wert. Er/Sie hat den Wert schließlich erzeugt. Marx hat lediglich John Lockes Argumente in den Kapitalismus verlängert.

Die frühen Aufklärer hatten die Arbeit als wesentliches – und vor allem moralisches – Distinktionsmerkmal im Kampf gegen den Adel in Stellung gebracht. Mit großem Erfolg. Never Change a winning Strategy, dachte sich Marx. Was gegen die Feudalherren half, wird auch gegen die Kapitalisten helfen.

Das mächtige am Marxismus ist, dass es in die Welt des Kapitalismus in einen moralische Äther taucht. Es geht mit Marx nicht darum, eine bestimmte Bezahlung aus Mitleid, Mitmenschlichkeit oder den Erfordernissen des menschlichen Bedürfnisses herzuleiten. Es geht auch nicht – wie später bei Keynes – darum, die volkswirtschaftlichen Vorteile einer hohen Binnenkaufkraft ins Feld zu führen. Streng genommen geht nicht mal darum, einen „gerechten“ Lohn „auszuhandeln“. Bei Marx hat der Arbeiter/die Arbeiterin die moralische Position um einzufordern, was ihm/ihr naturrechtlich zusteht. Der Mehrwert steht den Arbeitern zu, das ist logisch herleitbar! Nachzulesen im Kapital, ein Vertrag, geschrieben mit der Handschrift der Natur. Wer ist der Kapitalist, sich dieser Logik zu widersetzen?

Das Problem ist nur: ein Naturrecht gibt es nicht. Recht ist etwas menschliches. Es wird von Menschen gemacht, verhandelt und durchgesetzt. Bei all dem spielen Macht, Interessen und Gewalt eine Rolle und der Ausgang ist immer kontingent. Sorry, liebe Marxisten, die Natur hat kein Konzept von Gerechtigkeit, das müssen wir schon selbst aufstellen, nötigenfalls erkämpfen.

Der Marxismus hat ziemlich lange ziemlich gut funktioniert und wirkt in vielem bis heute nach. Damit meine ich nicht nur die realexistenten Sozialismusexperimente hinter dem eisernen Vorhang. Ein realweltliches Resultat des Marxismus ist unter anderem die Sozialdemokratie. Auch sie hat ihren Marx gelesen und ihre DNA ist noch voll mit der Werttheorie.

Jetzt werden einige Linke sicher schäumen. Die SPD habe den Marxismus doch verraten und repräsentiere mitnichten auch nur annähernd seine Lehren. Ich kann diesen Reflex verstehen, glaube aber, dass er etwas wesentliches übersieht. Aber es kommt noch schlimmer.

Ich behaupte, der Ausdruck der moralisch-naturrechtlichen Ideologie der Arbeitswerttheorie findet sich heute vor allem in dem Spruch: „Leistung muss sich wieder lohnen!“

Ja, richtig. Ich bin überzeugt: die moralische Kopplung von Wert an Arbeit ist Marx‘ Beitrag zum Neoliberalismus. Glaubt ihr wirklich, dass es ein Zufall ist, dass es New Labor geben konnte und dass die Agenda 2010 ausgerechnet von den Sozialdemokraten durchgesetzt wurde? Dieses Mindset war einerseits natürlich hilfreich, als man als organisierte Arbeiterschaft mit den Kapitalisten um höhere Löhne stritt. Sie ist aber wahnsinnig schädlich, wenn eine Gesellschaft ihr Selbstwertgefühl an Arbeit koppelt. Sie wird geradezu toxisch, wenn die Arbeit knapp wird aber der Wohlstand dennoch steigt, ganz ohne Arbeit.

Ja, ich glaube, dass das was wir heute als Neoliberalismus beschimpfen, von der marxistischen Arbeitswertideologie mit affiziert ist. Arbeit als Grundlage für Wert hat eine Gesellschaft geschaffen, in der nur derjenige was wert ist, der Arbeit hat. In der derjenige mehr wert ist, wenn er mehr Lohn bekommt. Eine Gesellschaft, die Wert ohne Arbeit nicht denken kann.

Hartz4 steckt bereits konzeptionell in der Arbeitswerttheorie drin. Nicht erst seit Gerhard Schröder, übrigens. Schon Stalin und vor ihm August Bebel riefen den Arbeitern zu: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Sie konnten sich damit prima bei Marx ideologisch rückversichern.

(Vorsicht bei den Beschimpfungen: ich sage nicht, dass der Marxismus der einzige Baustein der neoliberalen Ideologie ist, sondern nur einer unter vielen. Ich würde aber sagen, ein in seiner Wichtigkeit unterschätzter. Ohne eine Gesellschaft, die es als unanständig empfindet, wenn ihre Mitglieder nicht arbeiten, ließen sich Individuen nicht so unter Druck setzen, selbst für nur wenig mehr als Hartz4 jeden Scheißjobs anzunehmen. Der Homo Oeconomicus dagegen würde dem Kapitalisten was husten.)

Fazit

Die Arbeitswerttheorie ist eine Theorie, die eigentlich nur noch historisch interessant sein sollte. Ähnlich wie die Äthertheorie hat sie sich wissenschaftlich überlebt, einfach weil heute bessere Theorien zur Verfügung stehen, die vielleicht nicht völlig befriedigend sind, aber allemal bessere Vorhersagen machen, als die Werttheorie.

Wir können die Werttheorie nicht widerlegen, aber wir können zeigen, welche Faktoren ihre Entstehung plausibel gemacht haben und warum sie bis heute noch in gewissen Kreisen erfolgreich ist. Mehr kann man auch jeder Religion nicht entgegensetzen.

Ich bin überzeugt, dass einige der Schlüsse, die sich aus der Arbeitswerttheorie ziehen lassen, heute toxisch auf den gesellschaftlichen Diskurs wirken, weswegen ich dazu rate, in der Linken von diesem Denken Abstand zu nehmen. Der Marxismus ist an dieser Stelle nicht zukunftsfähig.

Für eine gerechtere Zukunft müssen wir Arbeit und Lohn trennen und das geht nur, wenn wir uns von der Idee des Wertes völlig verabschieden. Ich kenne einige Marxisten, die an das Grundeinkommen glauben, aber auch viele, die es aus eben jenen ideologischen Gründen ablehnen.

Mason versucht zwar einen Weg raus aus diesem Dilemma zu zeigen (die „Freie Maschine“ vernichtet auch den Wert, also brauchen wir uns also nicht mehr darum zu kümmern), aber ich bin nicht überzeugt und einige Marxisten, mit denen ich über Mason geredet habe, noch viel weniger. Aber das ist ja deren Sache.

Eine Sache noch: Ich lehne Marx nicht grundsätzlich ab. Mit der Arbeitswerttheorie aber doch einen großen Teil des Marxismus. Ich mag zum Beispiel alles, was er über den historischen Materialsismus schreibt. Auch die Idee der „Politischen Ökonomie“ halte ich für eine wichtige Betrachtungsweise, die vor allem die neoklassischen Ökonomen immer wieder aus dem Blick verlieren. Ich halte Marx für einen großen Denker. Aber auch große Denker irren sich und vor allem sind sie wie wir alle Kinder ihrer Zeit. Ich finde es wichtig, auch den größten Ikonen mit einer gewissen Skepsis gegenüberzutreten und sie aus ihrer Zeit heraus zu lesen.

Und ja, auch Mason kann ich sehr empfehlen. Liest sich trotz seines Marxismus ganz großartig. Und auch wenn seine Utopieversuche für Jeremy Rifkin-Kenner nicht ganz neu sind, ist zumal seine aktuelle Krisenanalyse spannend.

Ich weiß auch, dass ich meine marxistischen Freunde nicht überzeugt haben werde und das ist vollkommen ok. Ich habe auch christlich gläubige Freunde und auch das akzeptiere ich. Christen haben sich den toleranten Umgang mit den Ungläubigen auch erst mühsam über die Jahrtausende erarbeiten müssen. Die Marxist/innen werden das auch noch schaffen. 😉

Und jetzt könnt ihr mich steinigen und mir vorwerfen, dass ich Marx überhaupt nicht verstanden habe.

PS: In dem Text habe ich angedeutet, dass ich auch mit der Grenznutzentheorie der klassischen Ökonomie auch nicht zufrieden bin. Mason macht den Punkt, dass dieses Modell unter der nicht mehr vorhandenen Knappheit aufgehört hat zu funktionieren. Es würde derzeit ausgetauscht werden mit monopolartigen Strukturen, die relativ beliebige Preise festsetzen, siehe z.B. iTunes. Damit hat er zweifelsohne recht. Womit er aber meiner Meinung nach nicht recht hat, ist zu glauben, dass Plattformen nur eine temporäre Selbsterhaltungsstrategie des Kapitalismus sind. Womit er ebenfalls nicht recht hat, ist, dass die Arbeitswerttheorie das Dilemma lösen wird.

Stattdessen ist meine Vermutung, dass es eine neue, allgemeinere Theorie des Preises geben werden muss. Eine, die sowohl auf den Präkapitalismus, den Kapitalismus und den Postkapitalismus (wenn wir, wie Mason, die Aushebelung des Preismechanismus bereits als solchen bezeichnen wollen.) anwendbar ist. Wenn, wie ich glaube, Plattformen die strukturbildenden Vehikel in die Zukunft sind, dann werde ich diese Theorie liefern müssen. Stay tuned.


Frühjahrstermine

Gerade bricht wieder die Veranstaltungssaison an und deswegen ein paar Hinweise für die nächste Zeit, wo ich zugegen sein werde.

  • Diese Woche Freitag, am 15. April um 20:30 im Puschensalon plaudere ich in Berlin mit anderen über (Post-)Privatheit im Internet. Bei Brendel, Kolonnenstraße 18, Berlin.
  • Den Samstag drauf (16. April) bin ich in Düsseldorf bei dem Auditorium. Es geht um den Kontrollverlust in der Medizin. Ich halte einen Vortrag und diskutiere. Beginn 11:15.Rheinische Kliniken Düsseldorf – Sozialzentrum Bergische Landstraße 2, 40629 Düsseldorf.
  • Die Woche drauf, am 19. April ab 12:30 Uhr, diskutiere ich beim Tagesspiegel über „smart Data“ mit Dr. Susan Wegner von den Telekom Innovation Laboratories und mal wieder mit Peter Schaar. Aber mit dem diskutiere ich ja gerne. Ort: Qbo-Store, Hackesche Höfe, Hof II, Berlin
  • An dem Wochenende (22./23. April) beginnt auch mein neues Block-Seminar an der Uni Köln. Diesmal geht es um Datenbanken. Im Grunde also um die Geschichte und Bedeutung der Query. Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Gronewaldstrasse 2.
  • Und dann bin ich auch auf der re:publica. Am 5. Mai (letzter Tag) morgens gleich als erstes nachmittags um 16:15 in Station 9. Wer es schafft, da aufzustehen da noch nicht abgereist ist und sich noch zu einem talk motiviert bekommt, bekommt einen Händedruck von mir. Versprochen! Ich spreche über das, was ich Netzinnenpolitik nenne und als Teil der Plattformpolitik verstehe. Im Grunde geht es darum, ob und wie Plattformen unser Leben oder gar nur unsere Rede kontrollieren sollen.
  • Am 9. Mai werde ich auf den Medientagen Mitteldeutschland in Leipzig um 14:30 bis 15:30 über Datenschutz und Datenkontrolle diskutieren.

Sanktionsfrei ins Neue Spiel

Pünktlich zur Verabschiedung der EU-Datenschutzreform habe ich noch mal ausführlich aufgeschrieben, warum die Informationelle Selbstbestimmung konzeptionell am Ende ist. Es ist ein Recht, um das nur noch um seiner selbst willen gestritten wird, das zutiefst unehrlich ist und nur sehr mangelhaft das tut, was es eigentlich tun sollte: Menschen zu schützen.

Für alle, die glauben, dass das ja nun mal alles nicht anders geht, will ich hier anhand eines Best Practice-Beispiels das Gegenteil beweisen. Ein Beispiel, das genau so auch hätte in meinem Buch stehen können. Dort nämlich hebe ich unter Regel 2: „Überwachung ist Teil des Spiels“ das Problem von Hartz4-Empfänger/innen als Beispiel für Überwachung hervor:

„Staatliche Überwachung fängt aber nicht erst beim Geheimdienst an, sondern ist ein viel alltäglicheres Phänomen. Mithilfe von Informationszwangsabgaben werden Hartz-4-Empfänger drangsaliert. Dazu gehören die Offenlegung ihrer gesamten Eigentumsverhältnisse, Rechenschaft über ihre Anstrengungen zur Jobsuche und unangekündigte Hausbesuche. Der ständige Überwachungsdruck, gepaart mit existenziellen Konsequenzen durch die Agentur für Arbeit, kann Menschen über die Zeit zermürben. Es gibt nach wie vor viele plausible – und keineswegs neue – Gründe gegen Überwachung. Die NSA ist dabei aber nicht das Hauptproblem.“

Überwachung, das ist mein Punkt, ergibt sich nicht einfach nur der bloßen Sammlung von Daten. Erst in Kombination mit einem Sanktionsmechanismus wird Beobachtung zur Überwachung.

Als Strategie schlage ich deswegen vor, statt der Beobachtung, die Strafregime in den Mittelpunkt des Kampfes gegen Überwachung zu stellen.

„Statt also die Privatsphäre gegen Beobachtung zu verteidigen, sollten wir gegen die Instanzen der Bestrafung kämpfen: Autoritäre Grenzkontrollen, rassistische Polizeianordnungen, homophobe Strukturen in der Gesellschaft, ungerechte Gesundheitssysteme und institutionelle Diskriminierung sind die eigentlichen Problemfelder, auf denen Überwachung gefährlich werden kann.“

Das klingt jetzt jetzt auch nicht viel einfacher, als gegen die Beobachtung zu kämpfen. Ich glaube aber, dass das ein Vorurteil ist und dass in diesem Feld noch zu wenig versucht wird.

Bildschirmfoto 2016-04-14 um 14.08.47 Das beste Beispiel dafür, wie erfolgversprechend dieser Ansatz sein kann, ist das Projekt von Inge Hannemann und Michael Bohmeyer. Gemeinsam wollen sie eine Plattform gründen, die mithilfe halbautomatisierten Formularpingpongs und tatsächlicher Rechtsberatung die Arbeitsagenturen zähmen soll. „Sanktionsfrei“ ist passender Weise auch der Name des Projektes, denn genau darum geht es: der überwachenden Instanz die Zähne zu ziehen.

Sanktionsfrei versucht nicht den Kontrollverlust, nicht die Beobachtung zu bekämpfen, sondern den Kontrollverlust mittels digitaler Technologie an die Behörden zurückzuspielen. Es steuert automatisch oder halbautomatisch allen Sanktionsversuchen entgegen und entkräftet sie so.

Bildschirmfoto 2016-04-14 um 14.13.44 Die Crowdfundingphase war bereits erfolgreich und hat den Mindestbetrag zur Entwicklung der Plattform eingeworben und das Entwickler/innen-Team hat sich bereits an die Arbeit gemacht. Zum eigentlichen Fundigziel fehlen aber noch ca. 50.000 Euro, aber dafür sind auch noch 25 Tage Zeit.

Sanktionsfrei ist das beste Beispiel, dass das Neue Spiel gespielt werden kann. Bitte unterstützt sie nach Kräften.


Warum die Panamapapers für alle zugänglich gemacht werden sollten

Massenmedien überschätzen ihre Kompetenz und ihre Legitimation als Sprachrohr der Öffentlichkeit. Vier Gründe, warum ich es moralisch für zwingend erforderlich halte, die Papers so schnell wie möglich der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.*

1. Vertrauen in die Medien

Ich persönlich glaube nicht, dass die beteiligten Journalist/innen mit ihren Veröffentlichungen eine politische „Agenda“ verfolgen, wie es Craig Murray sehr erfolgreich in die Gegend raunt. (Ich halte Leute, die solche Verschwörungstheorien verbreiten, immer für etwas … einfältig.) Aber die Tatsache ist nun mal, dass das Vertrauen in die „Mainstreammedien“ nicht nur bei „Lügenpresse“ rufenden Pegidos erschüttert ist, sondern selbst bereits wieder mainstreamtauglich geworden ist. Ich halte diesen Vertrauensverlust für unberechtigt, aber er ist nun mal da.

Dass Verschwörungstheorien aufkommen würden, war natürlich unvermeidlich. Und ich glaube auch nicht, dass es keine mehr geben würde, wenn die Papers veröffentlicht wären. Aber durch die Veröffentlichung würde man zumindest die daran arbeitenden Journalist/innen aus dem Schußfeld der Spekulationen nehmen.

Die Frage wiederum, ob die Rohdaten bereits gefiltert sind und ob die Quelle vielleicht eine politische Agenda verfolgt, sind, wie ich finde, sogar sehr berechtigt.

Mit der Veröffentlichung der Papers würde das Vertrauen in die Medien wieder hergestellt. Nicht in einem absoluten Maß, aber als legitimer Teil des Ökosystems Öffentlichkeit, dass als Informationsarbeiter neben allen anderen auf der selben Datenbasis arbeitet. Und ich denke, das ist bitter nötig.

2. Öffentliches Interesse steht über Privatphäre

Als Grund für die Nichtveröffentlichung werden die Persönlichkeitsrechte der Betroffnen vorgeschoben. Das mag juristisch richtig sein. Es ist ja nicht so, als hätten wir es hier mit einem Katalog überführter Straftäter zu tun. Moralisch sieht die Sache aber anders aus.

Für diese Einschätzung muss man übrigens kein Post-Privacy-Apologet sein. Wenn der juristische Schutz der Privatsphäre irgendeinen Sinn hat, dann, um den Schwächeren vor dem Stärkeren zu schützen. In diesem Fall gibt es aber keine Schwachen. Wer es sich leisten kann, sein Geld in Offshore-Paradisen zu verstecken, der ist per definitionem nicht schwach.

Wer sein Geld versteckt, versteckt es vor jemandem. Dieser Jemand hat in der Regel ein berechtigtes Interesse an dem Geld. Das muss nicht heißen, dass das Geld nicht rechtmäßig (im Sinne von legal) außer Landes geschafft wurde. Es bedeutet aber, dass die Öffentlichkeit ein moralisches Recht hat, nachzufragen, woher das Geld kommt und warum er es versteckt.

3. Öffentliches Interesse geht über journalistische Öffentlichkeit hinaus

„Öffentliche Interesse“, sage ich. „Hier!“ rufen die Journalist/innen und klopfen sich auf die Brust: „das öffentliche Interesse sind doch wir!“

Da, aber, liegt ein Mißverständnis vor. In Zeiten vor dem Internet mag die Presse und die Öffentlichkeit noch einigermaßen kongruent gewesen sein. Heute ist das jedenfalls nicht mehr so. Journalismus ist sicher noch ein wichtiges Subset der Öffentlichkeit, vielleicht sogar das wichtigste, aber die Öffentlichkeit ist heute so viel mehr. Überall auf der Welt gibt es Akteure, die jenseits von journalistischer Relevanz ein berechtigtes Interesse an den Daten haben.

Das offensichtlichste sind die Strafverfolgungsbehörden. Wie viele Steuerfahnder sitzen weltweit an Fällen und eine kurze Abfrage im Panamapapers-System würde ihnen den entscheidenden Hinweis liefern? Wie viele Ermitter/innen weltweit sitzen an ihren Puzzeln des organisierten Verbrechens und kommen nicht weiter, weil sie die Geldflüsse nicht weiterverfolgen können? Sollen diese Verbrechen ungesühnt bleiben, weil sie unterhalb journalistischer Relevanz angesiedelt sind? Weil sie keine gute Story abgeben?

Aber es geht viel weiter: was ist mit der verlassenen Mutter, die dem Gericht beweisen muss, dass ihr Mann ihr doch Unterhaltszahlungsfähig ist? Was ist mit den sitzengelassenen Gläubigern, deren Geld in dubiose Kanäle abgeflossen ist, während der Schuldner Privatinsolvenz angemeldet hat? Was ist mit dem pleite gegangen Verein, dessen Schatzmeister Geld hat verschwinden lassen?

Hinter jedem versteckten Geld stecken Schicksale. Das Problem der Offshoregeldes ist dezentral verteilt und fein ziseliert wie Kapillaren. So sieht die Öffentlichkeit heute aus.

4. Das moralische Recht der richtigen Frage

Und das ist vielleicht das größte Missverständnis. Die Unkenrufe angesichts der bisher kolportierten dürren Storys über einen Jugendfreund von Putin kommen nicht nur von Putinverstehern. Auch ich verstehe das nicht. 400 Journalisten arbeiten 12 Monate an 2,6 Terabyte und im Zentrum steht so eine Story?

Ich will nicht ausschließen, dass noch wirklich spannende Geschichten kommen werden. Ich glaube aber, dass hier ein grundsätzlichges Missverständnis steckt. Nämlich, dass es überhaupt den einen großen Schatz gibt, den man nur mit genug Manpower heben könne.

Übersehen wird dabei mal wieder, dass die Macht von Daten immer in der Abfrage generiert wird, weswegen noch so große Manpower und Spezialexperten nur wenig weiterhelfen. Das Wissen, um die richtige Frage zu stellen, ist da draußen, weit verteilt in den angesprochenen Schicksalen.

Wer bereits eine Ahnung hat, wessen Auto immer in der Auffahrt der großen Villa am Ende der Straße steht, der weiß einfach besser wonach er in den Panamapapers suchen muss. Wer über Mitarbeiterlisten seiner Firma verfügt, in der er krumme Dinge vermutet, kann mit den Daten mehr anfangen, als noch so gute Journalist/innen. Wer zufällig an Kontoauszüge eines Spitzenpolitikers gekommen ist, weiß einfach, was sie in die Suchmaske eingeben würde.

Der Glaube der Journalist/innen, sie selbst verfügten über die relevanten Fragen, ist eine unzeitgemäße Hybris, die sich niemand mehr anmaßen sollte. Es gibt keine Zentralkompetenz der Abfrage.

Genau wie die Probleme, die durch Offshoregeld entstehen, ist auch die Kompetenz die richtigen Fragen zu stellen, dezentral verteilt. Diese Kompetenz liegt verstreut und unzugänglich in den Köpfen von Millionen Menschen. Sie haben Fragen, auf die die Journalist/innen nicht kommen würden. Fragen, die Ungerechtigkeiten beseitigen und das Leben vieler verbessern könnten, wenn sie sie nur stellen dürften. Welches moralische Recht haben die Journalist/innen ihnen diese Fragen zu verwehren?

Die Panamapapers sind relevant für Millionen Menschen. Um diese Relevanz aber zu heben, braucht es das verteilte Wissen der Millionen Menschen. Die journalistischen Gatekeeper stehen der eigentlichen Relevanz ihres Fundes im Weg.

  • Zumindest alle Dokumente, die sich auf die eine oder andere Art mit dem Hauptgeschäft der Briefkastenfirmen beschäftigen.

Persönliche Presseselbstbespiegelung

In letzter Zeit haben sich meine Medienauftritte etwas gehäuft, deswegen hier eine kleine persönliche Presseschau:

Zunächst einmal etwas, worauf ich besonders stolz bin. Denn die Sendung „Essay und Diskurs“ im Deutschlandfunk gehört zu meinen längsten und liebsten Podcastsabonnements. Hier eine Folge über die „Digitale Aufklärung“. Ich werde dort zwar „Digisoph“ geschimpft, aber dafür auch ausgiebig zitiert. Insgesamt sehr spannende Folge über das Neudenken des Denkens selbst. >> DigiKant oder: Vier Fragen, frisch gestellt

Als Begleitprodukt des ersten Spielfilms „Operation Naked“ von Mario Sixtus entstand auch eine Dokumentation zu der Technologie der Datenbrillen, von der einige sagen, sie sei besser als der Film selbst. Jedenfalls komme ich am Ende ziemlich ausführlich zu Wort, wenn es darum geht, die Ehre der Datenbrillentechnologie zu verteidigen. >> Ich weiß wer du bist

Andreas Wagner war bei der Produktion des obigen Beitrags ebenfalls beteiligt, geht aber auch mit eigenem DokuFilm ins Rennen. Diesmal über den CCC. Er wolle auch mal auch einen kritischen Blick riskieren, sagte er zu mir, als er mich um das Interview bat. Ich tat, was ich konnte, aber meine Hinweise darauf, dass sie beim CCC Kinder essen, hat es dennoch nicht in die Doku geschafft. Dafür ein paar andere Sachen. >> Hacker, Freaks und Funktionäre

Gerade heute war ich spontan bei Deutschlandradio Kultur, weil das FBI den Fall gegen Apple fallen ließ. Wir sprechen aber nicht nur über das eine iPhone, sondern ich versuche den Fall auch im Zuge der Plattform vs. Staat Debatte zu deuten. Hier verschieben sich Machtansprüche und Plattformen geraten immer mehr in Systemkonkurrenz zu Staaten. >> „Wettrüsten“ beim Thema Sicherheit


Mit 10 Thesen zur Kultur gegen Nazis

Ich glaube, es ist dringend geboten über Kultur zu sprechen. Ich als alter Kulturwissenschaftler (hust) glaube, dass nur eine Beschäftigung damit, was Kultur ist und wie sie funktioniert, dabei helfen kann, das aktuelle Problem mit Fremdenfeindlichkeit in den Griff zu bekommen.

Ich glaube das aus zwei Gründen:

Erstens: Die Rassist/innen (bishin zu der Neuen Rechten) arbeiten gerne mit dem Kulturbegriff, um ihren Rassismus zu tarnen. Statt einer Ablehnung wegen Hautfarbe wird die Ablehnung der Kultur vorgeschoben. Das ist natürlich quatsch und dem muss man mit einem genaueren Kulturbegriff die argumentative Grundlage entziehen.

Zweitens und noch wichtiger: Stattdessen müssen wir anfangen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit selbst als kulturelle Phänomene verstehen zu lernen. Wir müssen verstehen wie solche Phänomene entstehen, wie sie sich ausbreiten und wie wir sie bekämpfen können.

Beides will ich hier anhand von 10 Thesen zur Kultur zeigen.

1 Kultur ist Handlung

Die basalste Definition von Kultur, die ich kenne, kommt eher aus dem Business-Kontext und heißt „the way we do things“. Ungeachtet ihrer Herkunft ist das eine wichtige Erkenntnis. Kultur ist immer verbunden mit Handlung. Handlung ist Kultur.

Egal was wir tun, es hat eine kulturelle Dimension. Diese kulturelle Dimension kommunizieren wir immer mit, ob wir wollen oder nicht.

2 Kultur ist unterschiedlich

Natürlich gibt es Kulturen (in der Mehrzahl) und diese Kulturen sind von einander abgrenzbar. Es gibt Rituale, Sprachen und Verhaltensweisen und es ist nicht zu leugnen, dass diese Unterschiede vor allem auch regional bestehen. Aber nicht nur. Es gibt auch sowas wie Firmenkulturen. Es gibt bestimmte kulturelle Unterschiede die sich gesellschaftlichen Teilsystemen entwickeln, etwa in der Wissenschaft oder in der Justiz. Im Internet gibt es unterschiedliche Kommunikationskulturen in Foren, Chats oder auf Plattformen. Schon benachbarte Familien haben von einander unterscheidbare kulturelle Praktiken. Es scheint so, als ob überall, wo sich Menschen über einen längeren Zeitraum miteinander beschäftigen, Kultur ausprägt und ausdifferenziert wird.

3 Kultur ist ein Vertrag

Obwohl die Ausbildung von Kultur natürlich zu sein scheint, ist jede Kultur selbst künstlich. Kultur kann mit Ernst Cassirer als „symbolische Ordnung“ verstanden werden. Also etwas, das der Sprache selbst nicht unähnlich ist. Kultur ist – mit Saussure gesprochen – ein Netz aus Zeichen, deren wichtigste Eigenschaften die Binnendifferenz und die Wiederholbarkeit ist. Wie Sprache ist Kultur eine Art impliziter Vertrag der Kulturträger, eine Abmachung.

4 Kultur ist ansteckend

Die Memetheorie (Dawkins) vergleicht kulturelle Artefakte mit Genen und nennt sie Meme. Wie Gene sind Meme einem evolutionären Prozess von Mutation, Selektion und Weitergabe unterworfen. Meme verbreiten sich, wenn sie sich erfolgreich am Leben halten und fortpflanzen können. Menschliche Gehirne sind sozusagen die Wirtstiere der Meme, die auch für deren Verbreitung sorgen. Lernen ist die Adaption von Memen.

Der Vertrag wird also nicht ganz freiwillig geschlossen. Zumindest nicht der erste. Jeder wird in einen Memepool hineingeboren. Sich gegen Meme zu verschließen ist nicht ganz einfach.

5 Kultur ist vernetzt

Kultur operiert nicht, wie die Rechten glauben, auf Kategorien wie Ethnie, Nationalität oder Region, sondern auf sozialen Netzwerken. Eng vernetzte soziale Cluster gleichen sich kulturell aneinander an und neigen zur kulturellen Homogenität. Schon die Kultur von angeschlossenen aber externen Clustern kann sich nur bis zu einem gewissen Grad unterscheiden, sonst entstehen schnell Konfliktlinien und Reibungen.

Die Netzwerkstrukturen korrelieren natürlich historisch mit geographischen und ethnischen Konzentrationen, weswegen der oben genannte Eindruck entstehen kann. Mit dem Internet lassen sich aber mit Leichtigkeit vermehrt von diesen Parametern unabhängige Kulturcluster identifizieren. siehe z.b. Anonymous oder gar die Netzgemeinde.

6 Kultur kann rivalisieren

Generell leben wir immer in mehreren kulturellen Clustern gleichzeitig. Der Job, die Familie, die Freunde, der Sportverein, das Onlineforum, etc. Das ist in vielen Fällen kein Problem, denn die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher kulturellen Praktiken schließen sich nicht per se aus. Es kann aber durchaus rivalisierende kulturelle Praktiken geben, das heißt Praktiken, die sich gegenseitig ausschließen.

Oft wird das gelöst, indem man die Idiosynkrasie unaufgelöst belässt und zum Beispiel beide Praktiken abwechselnd lebt. Zu diesem Zweck operieren wir mit unterschiedlichen Persona (C. G. Jung) gegenüber unterschiedlichen kulturellen Clustern, in denen wir uns bewegen.

Es kann durchaus auch echte Konfliktfälle geben, dann wenn die kulturellen Praktiken aus dem einen Cluster von dem anderen Cluster nicht toleriert werden. Dann muss das Individuum sich entscheiden.

7 Kultur ist historisch

Kultur ist ein Akkumulationsprozess. Gemeinschaften mit einer gewissen Tradierung akkumulieren kulturelle Eigenheiten und Besonderheiten über viele Generationen zu einem „Kulturellen Gedächtnis“ (Assmann). Das kann ein jahrtausende anhaltender Prozess sein. Wir schleppen alle bestimmte kulturelle Meme mit uns rum, die tausende von Jahren alt sind.

Je älter eine kulturelle Praxis ist, desto weniger wird sie hinterfragt und desto energischer wird an ihr festgehalten. Der Verweis auf Tradition und Werte, wie ihn jegliche konservative politische Gruppe fordert, ist genau darauf abgestellt.

(Bei Boris Groys findet sich die These, dass der Rekurs auf der Tradition korreliert mit der allgemeinen Zugänglichkeit ihres Archivs. Will sagen mit sich weiter entwickelnder Medientechnologie wird die Bindung an das Alte immer weiter gelockert.)

8 Kultur ist performativ (Austin)

Kultur lebt in der Praxis. Jede kulturelle Handlung bestärkt ihre Allgemeinverbindlichkeit. Jede Handlung setzt sich als Maßstab für „normales“ Verhalten. Jede Handlung ist Vorbild für die Handlungen aller anderen.

Nach Foucault strukturiert die Positivität der Aussagen den Diskurs in dem Sinne, dass sie reglementiert, was überhaupt gesagt werden kann.

Oder um es mit Luhmann auszudrücken: Kulturelle Handlungen schaffen Anschlussfähigkeit von weiteren Handlungen, verengen aber den Selektionsspielraum auf die von ihr definierte Anschlussfähigkeit.

9 Kultur kann falsch sein

Wobei „falsch“ natürlich immer eine subjektiv-politische Einschätzung ist. Aber ich bin bereit, sie gegen jeden zu verteidigen.

Nehmen wir die Broken Window Theorie. Wird ein zerbrochenes Fenster an einem Ort über längere Zeit nicht repariert, kann das zur Folge haben, dass der Stadtteil insgesamt den Bach herunter geht. Das Broken Window ist eine unterlassene Handlung, die allen Anwohnern ein bestimmtes Verhalten als Norm kommuniziert: „Dinge verfallen lassen ist ok“.

Das zerbrochene Fenster ist ein Problem, weil es Handlungen wahrscheinlich macht, die im Anschlussfähigkeitsbereich des zerbrochenen Fensters liegen. Das Fenster fungiert als Attraktor für ähnliche Handlungen und schon akkumuliert sich eine Kultur der Fahrlässigkeit.

Diese Prozesse finden wir heute überall, auch außerhalb von physischen Orten, zum Beispiel im Netz. Ein rassistischer Kommentar zieht weitere rassistische Kommentare an. Eine außer Rand und Band geratene Kommentarrubrik wird kaum wieder zu befrieden sein.

Auch die regionale Konzentration von Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel in Sachsen, Thüringen und Teilen von Nordrhein Westfalen lassen sich so leicht erklären. Hier haben rassistische Handlungen Anschluss an bereits vorhandene rassistische Handlungen gefunden. Es sind kulturelle Biotope, in denen sich rassistische Handlungen quasi gegenseitig aufgeschaukelt haben.

An dieser Stelle sind die Ergebnisse der Wissenschaftler/innen interessant, die Facebookdiskussionen und deren Echokammern untersucht haben. Sie stellten fest, dass radikale Äußerungen innerhalb von social Media-Filterbubbles nicht nur ähnliche Anschlussäußerungen, sondern Äußerungen nach sich zogen, die diese Äußerungen an Radikalität zu überbieten versuchten.

10 Kultur ist steuerbar

Hier die gute Nachricht: In Kultur kann eingegriffen werden. Und es sollte eingegriffen werden.

In der Theorie ist es sogar ganz einfach: Eine Kultur, die nicht praktiziert wird, stirbt.

In der Praxis ist es weniger einfach: Wie unterbindet man die Kreisläufe einander bestätigender kultureller Handlungen, ohne sie mittels roher Gewalt zu unterdrücken?

So lange die fraglichen kulturellen Handlungen nur von einer Minderheit geduldet werden, ist die Antwort klar: Call Out. Die kulturelle Handlung (z.B. Rassismus) muss offen kritisiert und möglichst sozial sanktioniert werden. Jede rassistische Handlung muss eine ebenso signalstarke Gegenhandlung gegenübergestellt werden, die die Botschaft aussendet: das hier ist nicht die Norm. Das hier ist nicht OK. Damit exkludierst du dich von der Norm und somit von der Gesellschaft.

Mein Verdacht dabei ist, dass soziale Sanktion (Ausschluss und (temporäre) Ausgrenzung), weit disziplinierender wirken als das Strafgesetzbuch. Und ich glaube, dass die Zustände in Sachsen in aller erster Linie daher rühren, dass über Jahrzehnte rechtsradikale kulturelle Handlungen unwidersprochen blieben. Dass sich das rassistische Mem hat ungehindert ausbreiten und verfestigen konnte.

Man kann jetzt berechtigter Weise fragen, ob es zum Beispiel in Sachsen nicht viel zu spät dafür ist, das Rad jetzt noch zurückzudrehen. Ich glaube nicht. Allerdings ist die kritische Masse des rassistischen Netzwerkes bereits so groß, dass sie durch soziale Ächtung der (deutschen) Mehrheit nicht mehr erreichbar ist. Diese wird mit Begriffen wie „Lügenpresse“ als Kultureller Grenzhüter außen vor gehalten. Was wir ihnen sagen, bestätigt sie nur.

Der Impuls muss aus den Netzwerken und zumindest den nahen und überlappenden Clustern selbst kommen. Mit anderen Worten die Sachsen müssen sich auflehnen gegen ihre rechten Mitbürger. Sie müssen viele, viele Signale senden, öffentliche Signale und Sanktionen gegen Nazis. „ich kauf nicht bei Nazis“, „Ich stelle keine Nazis an“, „Mit Nazis will ich kein Fußball spielen“, „Kein Sex für Nazis“. Es muss eine zivile Gegenkultur etabliert werden, die die Nazis aus allen sozialen Zusammenhängen ausschließt, bis sie Angst haben, öffentlich ein rassistisches Wort zu sagen.

Die Mehrheit der Sachsen ist nicht rechts? Dann wird es zeit, das zu beweisen.

Von außen darf dennoch nicht aufgehört werden, die rassistischen Aussagen zu sanktionieren und diejenigen, die sie tätigen zu isolieren. Es ist ein wenig wie mit einer ansteckenden Krankheit. Wir wissen, dass wir nicht in der Lage sind, die Patienten zu heilen. Das medizinisch sinnvolle ist deswegen, sie in Qarantäne zu halten, damit sie mit ihrem Rassismus nich noch weiter Menschen anstecken können.