Merkels Disconnect

Du hast das doch prima gemacht.” Das sagt Angela Merkel zu dem weinenden Flüchtlingsmädchen Reem. Diese hatte zuvor davon berichtet, dass sie von Abschiebung bedroht sei und die Kanzlerin gefragt, warum sie nicht die selben Zukunftsaussichten haben darf, wie ihre Freund/innen und Klassenkamerad/innen. Diese Reaktion erzählt Bände über die Bundeskanzlerin.

Erst als der Moderator interveniert: „Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums Prima-machen geht.„, erkennt Merkel ihren Fehler und reagiert gereizt: „Das weiß ich, dass das eine belastende Situation ist.” Sie insistiert darauf, das Mädchen trotzdem streicheln zu wollen, weil sie es doch so schwer habe und „… weil du ganz toll aber dargestellt hast – für viele, viele andere – in welche Situation man kommen kann.

Merkel wird wegen diesem Auftritt Empathielosingkeit unterstellt. Ich würde das etwas modifizieren. Merkel zeigt durchaus Empathie – aber eine fehlgeleitete Empathie. Ihre Empathie ist Ausweis eines Disconnects, der sehr viel über Merkel und ihr funktionieren in ihrer Umwelt aussagt.

Zunächst: in Merkels Welt – zwischen Koalitionsstreits, Außenpolitik und Medienauftritten – gibt es sowas wie existentielle Bedrohungen schlicht nicht. Das ist etwas, wozu sie sich überhaupt nicht emotional verbinden kann. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Und doch ist da ein empathischer Reflex auf das weinende Mädchen und Merkel meint, ihm nachgeben zu müssen.

Dieser Reflex aber interpretiert Reems Kummer zunächst falsch. Die größte Angst, die die Bundeskanzlerin kennt, ist die des öffentlichen Fauxpas. Etwas in der Öffentlichkeit tun oder zu sagen, was die Medien gegen sie benutzen können, was sie dann Wählerstimmen kostet und also Machtverlust bedeutet – das ist Merkels schlimmster Alptraum. Und den projiziert sie intuitiv auf das weinende Flüchtlingsmädchen. „Du hast das doch prima gemacht.” Selbst, nachdem sie ihren Fehler erkennt, glaubt sie noch, dass ein Lob ihres Auftritts Reem trösten könne. Wahrscheinlich, weil es für sie selbst ein Trost wäre, immerhin eine gute Performance abgeliefert zu haben.

Dass das Reem in keiner Weise trösten kann, ist allen auf der Welt klar, die nur ein wenig im Leben stehen, die sich Struktur aufgebaut haben, Freunde, Familie, etc. Die ganze Welt kann die Angst verstehen, das alles zu verlieren. Nur Merkel nicht. Sie kennt nur eine Angst: Machtverlust.

Die genaue Wortwahl ist hier spannend: Reem habe doch „gut dargestellt”, mit anderen Worten: ihre Darstellung des traurigen Flüchtlingskindes war sehr glaubhaft und politisch hoch wirksam, findet Merkel. Reem habe das stellvertretend „für viele, viele andere” gut rübergebracht.

Damit spiegelt sie ihr Verständnis ihres eigenen Jobs auf das Mädchen: Repräsentanz. Merkel muss repräsentieren, die Deutschen, den Staat und hier – das unmenschliche System der Flüchtlingspolitik. Und so glaubt Merkel ganz natürlich, dass es eben der Job ihres Gegenübers sei, die andere Seite zu „repräsentieren”. Es ist ein bisschen so, als ob Merkel Reem zu verstehen geben wollte: „Hey, wir sind doch beide Profis. Du hast das Flüchtlingsmädchen repräsentiert, ich das System. Das heißt ja aber nicht, dass wir Feinde sein müssen.

Vermutlich laufen so die Verhandlungen mit Griechenland, mit Gabriel und mit der Opposition ab. Politiker/innen spielen Rollen, sie repräsentieren Interessen. Und so repräsentieren alle ihren Teil und es wird hart gestritten. Danach können sie aber menschlich ja dennoch wieder normal miteinander umgehen. „Guter Auftritt, Sigmar!„, wird sie Gabriel vielleicht hier und da nach einer Parlamentsdebatte auf die Schulter geklopft haben. Vielleicht hat sie sogar mal Tsipras genau so den Kopf gestreichelt, wie sie jetzt das weinende Kind trösten möchte. „Du hast verloren, wir sparen jetzt dein Land kaputt, aber deine Argumente waren echt ziemlich gut!

Das Problem ist, dass das ganze in der realen Welt nicht funktioniert. In der realen Welt „repräsentieren” die Menschen nicht nur Interessen und Lebenslagen, sondern sie sind diese Menschen und sie leben dieses Leben. Nicht für andere, sondern für sich selbst.

Auch spannend: „… in welche Situation man kommen kann.” Tja, da ist das arme Mädchen eben „in eine Situation gekommen„, in die „man” nun mal „kommen kann„. Das stimmt schon mal nicht. Jemand mit deutschem Pass, kann nicht in diese „Situation kommen„. Und überhaupt, ist Reem ja nicht in diese Situation „gekommen„, sondern genau das System, das Merkel repräsentiert, hat sie in diese Situation gebracht. Vor dem Mädchen steht die Verursacherin (oder zumindest ihre höchste Repräsentantin) und bedauert, in welche Situation sie „gekommen” sei. Das ist nicht mehr anders als zynisch zu nennen.

Fazit

In den Fehlleistungen von Merkels Bürgerdialog zeigt sich, dass sie völlig die menschliche Bodenhaftung verloren hat, dass sie vollkommen verschluckt worden ist von dem System, dass sie repräsentiert und in dem sie seit Jahren agiert. Sie ist außer Stande noch außerhalb der Kategorien des politischen Theaters zu funktionieren oder zu denken. Wie soll so eine Frau, die sich so sehr von den Lebensrealitäten der Menschen entfernt hat, diese Menschen noch regieren?

Machen wir uns nichts vor, die meisten von uns leben nicht schlecht damit. Aber ich denke es wird klar, dass Reem und die vielen Flüchtlinge in Deutschland und vor den Toren Europas, die Homosexuellen und – nicht zu vergessen – der Großteil der Griechen – direkte Opfer dieses menschlich-emotionalen Disconnects von Merkel sind.

Hier nochmal das Video:


Empathie

Ich habe diesen Tweet geschrieben und war ein wenig erschrocken über die emotionalen Reaktionen, die er ausgelöst hat. Nach einigen Diskussionen muss ich einsehen, dass er leider auf vielfache Weise falsch verstanden werden kann und auch wurde. Das liegt an mir. Ich habe das Problem zu unspezifisch, zu allgemein formuliert, so dass sich alles und jeder damit identifizieren konnte. Das ist mein Fehler wie gesagt, ich hätte da genauer sein müssen.

Um das also hier mal klarzustellen: Ich stehe nach wie vor voll und ganz hinter der feministischen Kritik verschiedener Aspekte der Nerdkultur und halte sie für absolut notwendig und in den allermeisten Fällen ist auch die Praxis durchaus getragen von Empathie und dem Versuch, gemeinsam Kultur zum Besseren zu verändern. Und mir ist auch bewusst, dass das ein schwieriges Unterfangen ist und ich gestehe es jede*r Aktivist/in zu, genervt zu sein und kein Bock darauf zu haben, immer alles von vorn zu erklären.

Ich will aber meine Kritik nicht zurücknehmen oder relativieren, sondern an einem Beispiel spezifizieren. Ein gutes Beispiel für das, was ich meine, ist die Reaktion auf Renés Text zu Gamergate.

Kurz zu meiner Haltung zum Text: Der Text ist in vielerlei Hinsicht wirklich grauenhaft schlecht und ich stehe voll hinter der meisten Kritik, die er abbekommen hat. Die Kritik ist auch nicht mein Problem, die soll bitte formuliert werden, gerne auch hart. René kann das auch gut ab, wie er in seiner Replik betont.

Was meine ich also mit „mehr Empathie”? Damit meine ich, die Anerkennung dass René eine spezifische Sichtweise auf ein Thema hat, auch wenn es nicht die eigene Sichtweise ist. Ich mach das mal vor:

René beschreibt sich in seinem Text als jemand, der in der Hardcore-Gameszene groß geworden ist, ja, sie mit zu dem gemacht hat, was sie ist. Da ist jemand, der hat dort Halt gefunden, Freunde und Anerkennung. Er hat investiert – emotional, kulturell, sozial. Da ist jemand, der diese Szene als seine Heimat betrachtet.

Und René ist gleichzeitig jemand der sieht, dass sie falsch ist. René macht keinen Bogen um die Sexismus-Probleme der Szene, erkennt sie voll und ganz an und spricht sie offen und kritisch aus. Trotz allem, was da für ihn dran hängt. Das finde ich schon mal gut.

Dass dieser jemand trotz allem nicht dazu übergehen kann, seine Heimat rigoros zu verdammen, das es für ihn schwer ist, die Alleinschuld seiner Szene am Debakel um Gamergate anzuerkennen, dass er dabei auch Angst hat, alles zu verlieren was ihm heilig ist, finde ich aus seiner Sicht heraus ein wenig verständlich. (<- Das ist Empathie).

Vorsicht! Empathie heißt nicht, Renés Analyse zuzustimmen, oder deswegen in Sachen Gamergate irgendwelche Konzessionen zu machen. Es heißt nur, seine Sichtweise als eine eigene und eigenständige Anzuerkennen, getragen aus persönlichen Erfahrungen und Prägungen.

Das habe ich bei all der Kritik leider vermisst. Die Hauptkritik auf seinen Text war stattdessen: „Da schreibt ein Dude über etwas wovon er nix versteht”. Das ist zwar richtig, wenn es um Feminismus und Harassment geht. Aber dieser Vorwurf impliziert, dass die feministische die einzig mögliche Sichtweise auf das Thema ist.

Nun kann man sicher die Meinung vertreten, dass die feministische die einzig richtige Sichtweise auf das Thema ist. Aber zu glauben, es sei die einzig mögliche ist … naja … die Verweigerung von Empathie.

Eine ähnliche Empathielosigkeit sehe ich auch manchmal im Umgang mit anderen Nerdsubkulturen. Ja, sie haben oft enorme Defizite und ab und zu ist die gesamte Subkultur so toxisch, dass sie trockengelegt gehört (zb. Troll-culture). Aber ich finde nicht, dass die berechtigte Kritik davon befreit mitzubedenken, dass diese Kulturen im oben genannten Sinne Heimat sind für viele und dass deren Abwehrreaktionen getragen sind von (durchaus zutreffenden) Ängsten davor, dass sich ihre Kultur verändern muss.

Was aus einer solchen Empathie für Handlungen folgen müssen, kann ich auch nicht so genau sagen. Auf keinen Fall soll es ein Ende der Kritik, nicht mal eine mildere Kritik sein. Aber vielleicht, dass man wenigsten den Kräften, die sich bemühen, die andere Seite zu verstehen und sich kritisch mit dem Erbe der eigenen Kultur auseinander zu setzen, ein ebensolches Bemühen zurückerstattet.


Souveränität

Wenn wir den Geheimdienstskandal ansehen, wenn wir die Konflikte um Europa und Griechenland betrachten oder die Diskussionen um TTIP, dann vermischt sich die legitime Kritik an diesen Phänomenen immer häufiger und mit einer bedenklichen Argumentation.

Während man beispielsweise die Intransparenz, das Demokratiedefizit und einige der zu beschließenden Punkte bei TTIP kritisieren kann, lehnen einige TTIP grundsätzlich als Unterdrückungswerkzeug der Amerikaner gegen die europäische Kultur ab. Diese Argumentation ist gut Anschlussfähig an rechte Diskurse und so haben auch rechtsnationale Zusammenschlüsse wie ENDGAME oder Pegida die TTIP-Kritik für sich entdeckt und aufgenommen.

Bei Griechenland haben wir einen ähnlichen Fall. Hier kann man die Verhandlungsposition der Institutionen doof finden, auch das Machtgefälle zwischen dem Griechischen Staat und und der EU beklagen. Aber klar sein sollte, dass das übergeordnete Problem eben nicht ein Mangel an Souveränität des Griechen Staates ist, sondern das Gegenteil. Die Krise entstand aus einem Mangel an übergeordneter politischer Steuerung und damit aus einem Zuviel von staatlicher Souveränität – eine Souveränität die bis heute auf allen Seiten die nationalstaatlichen Egoismen gegen eine gesamteuropäischen Perspektive in Stellung bringt und so eine Einigung verhindert.

Am meisten wird der Begriff der „Souveränität” in letzter Zeit in der Geheimdienst-Affäre gebraucht. Nicht erst seit der Merkelhandy-Episode verschiebt sich die Debatte hierzulande weg von dem eigentlichen Skandal – nämlich der Massenüberwachung der Bevölkerungen – hin zu einem – ja was eigentlich? Es wird skandalisiert, dass BND und NSA gemeinsame Selektorenfilter betreiben und deutsche Rüstungsunternehmen ausspähen, dass die NSA und der GCHQ EU- oder UN-Diplomaten ausforschen, dass sie die deutsche Regierung, die französische Regierung, die europäische Regierung ausspähen … mit anderen Worten: es wird jetzt skandalisiert, dass die Geheimdienste ihren verdammten Job machen. Man kann ja gerne Spionage insgesamt doof finden. Aber dass Geheimdienste Regierungen ausspähen ist nun mal keine Neuigkeit und vor allem kein Skandal.

Es ist kein Wunder, dass auch die Geheimdienstdebatte in rechten, nationalistischen Kreisen und bei den sogenannten Reichsbürgern eine wachsende Rolle spielt, unterstreicht sie doch ihr Mantra, die BRD sei ja kein eigentlicher Staat, sondern nur eine Marionette der USA (und damit natürlich insgeheim des Finanzjudentums). Etwas moderater ausgedrückt: Deutschland sei ja nicht wirklich souverän.

Ja, es stimmt. Deutschland ist nicht souverän. Griechenland ebenfalls nicht. Aber die USA ist es auch nicht. Die Welt von heute ist eine vernetzte und die Vernetzung nimmt stetig zu. Das gilt für Staaten genau so wie für Individuen. Wir sind abhängig von dem stetigen Strom der Informationen, wir profitieren von den Netzwerkeffekten, egal ob auf persönlicher, auf wirtschaftlicher oder auf Geheimdienstebene. Und natürlich kann in dieser Welt eine bestimmte Idee von Autonomie nicht mehr widerspruchsfrei durchgezogen werden. Freiheit heißt nicht mehr, von anderen unabhängig zu sein, sondern Freiheit heißt mehr und mehr teil zu haben, angeschlossen zu sein, ineinander hineinreichen zu dürfen. Die Freiheit von heute endet nicht mehr an der Grenze der Freiheit des anderen, sondern der andere ist die Bedingung meiner Freiheit, nämlich all meiner Möglichkeiten.

In dieser Welt macht der politischen Begriff der „Souveränität” – ähnlich wie der der „informationellen Selbstbestimmung” – keinen Sinn mehr. Die dahinterliegende Vorstellung ließe sich nur unter den enormen Kosten von Isolation und unter der Knute einer aggressiven Abgrenzung gegen die Welt und die Moderne gerecht werden. Diese Begriffe der Autonomie, der Traum, den sie evozieren, sind gefährlich. Sie füttern ein unerfüllbares Bedürfnis, das in letzter Konsequenz nur Gewalt heraufbeschwört. Ich fürchte sogar, sie führen direkt in den Faschismus.


Netzinnenpolitik-Talk und Gamergate-Text

Auch wenn ich in vielem nicht mit Renés Analyse zu Gamergate und Hass im Netz übereinstimme, finde ich sie sehr lesenswert und lege sie jedeR/m ans Herz.

Nachtrag: Nachdem der Text mittlerweile heiß diskutiert wird, fühle ich mich aufgefordert meinen kurzen Kommentar etwas auszuweiten. Die Kritik, die geäußert wird (Verharmlosung der Gamerhater, Relativierungen der Gewalt, unangemessene Gleichsetzung von HateSpeach und berechtigter Kritik und Coping-Strategien auf Seiten der Feminist/innen etc.) wäre genau auch meine Kritik. Der Text ist aus feministischer Perspektive unerträglich schlecht und ich verstehe voll und ganz, dass er von vielen als Zumutung empfunden wird.

Warum also die Leseempfehlung? Es ist der erste Text, der mir unter gekommen ist, der mir den Gamergate-Konflikt aus einer dezidiert Hardcoregamer-Sicht aufdröselt und zwar ohne den Hass und ohne völlige (!) Kritiklosigkeit der eignen Seite, die man sonst aus der Ecke zu hören bekommt. Ich teile die geschilderte Sicht nicht, wie gesagt, aber ich finde sie höchst aufschlussreich zu lesen.

Gamergate ist ein Phänomen, dessen Verständnis man nicht erreichen wird, wenn man die dahinterstehende Hardcoregamerkultur nicht versteht. Diese Kultur darf man als misogyn ablehnen, verurteilen, oder bekämpfen (berechtigter Weise, imho). Aber selbst für das Bekämpfen ist ein solches Verständnis von Nöten. Dieses Verständnis liefert mir der Text.

(Hinzukommt, dass einige der geschilderten allgemeinen Dynamiken von Netzdebatten durchaus zutreffend finde und dessen Verständnis hilfreich, egal auf welcher Seite man steht.) Nachtrag Ende

Dazu passend wollte ich meine jüngste abgelehnte Talkeinreichung verbloggen, diesmal für das CCCamp (Ich werd aber natürlich trotzdem hingehen):

Netzinnenpolitik Grundzüge einer Politik der Plattformgesellschaft

Excerpt: Die großen Plattformbetreiber werden von den zunehmenden Problemen einer globalen Netzgesellschaft gezwungen, ihre Neutralität immer weiter aufzugeben und in die Handlungen ihrer Nutzer/innen zu intervenieren. Das eröffnet Chancen die immer dringenderen Konflikte im Netz wirkungsvoll zu adressieren, birgt aber auch neue Gefahren. Wir haben es mit einer neuen Form zentralisierter Gewalt zu tun, zu der sich gerade erst politische Prozesse beginnen zu formen. Dennoch zeichnet sich ab, dass die Netzinnenpolitik für die Zukunft der globalen Netzöffentlichkeit von entscheidender Bedeutung sein wird.

Text: Von der Vorratsdatenspeicherung über Netzsperren bis zu ACTA – Netzpolitik hat sich als zivilgesellschaftliche Verteidigung der Netzfreiheit gegenüber den Regulierungsbestrebungen von Politik und Wirtschaft geformt. Zugespitzt kann man sagen, dass eine Gruppe von Menschen, die das Netz sowohl als ihr Zuhause, als auch den Ort der Zukunft erkannten, sich aufgerufen fühlten, es gegen äußere Feinde zu verteidigen.

Doch dieses Narrativ funktioniert immer schlechter. Das Netz kennt kein Außen mehr und die Verteidigungsbestrebungen werden zunehmend überschattet von internen Konflikten des Netzes. Gamergate, Maskuhorden, Pegida, Nazis, Verschwörungstheoretiker, Belästigung, Stalking, Shitstorms und im Netz organisierter Sexismus und Rassismus bedrohen die Freiheit eines Großteil derer, die eigentlich im Digitalen ihr Zuhause gefunden zu haben dachten.

Gleichzeitig haben sich alle Utopien vom Internet als unvermachteten Raum endgültig zerschlagen. Das Netz ist kein Peer-to-Peer-Ringelrein, sondern hat eigene, mächtige Institutionen hervorgebracht, deren Algorithmen und Terms of Service heute schon in das Leben eines Großteils der Internetnutzer/innen hineinregieren: die Plattformen.

Die Plattformgesellschaft ist längst dabei mit den Möglichkeiten dieser neuen, zentralisierten Gewalt die oben genannten Probleme anzugehen. Aus unterschiedlichen aktvistischen Kreisen und Organisation wird zum Beispiel erfolgreich bei Plattformbetreibern dafür lobbyiert, bestimmte Codes of Conduct und spezifische Policies einzuführen oder strenger und effektiver durchzusetzen. Der politische Kampf um die Plattformen hat begonnen.

Auch wenn die Protagonist/innen das nie so offen aussprechen, stecken sie doch mit ihrem Plattformaktivismus ein völlig neues, politisches Spielfeld ab. Ich nenne es „Netzinnenpolitik”.

Die Netzinnenpolitik ist von den nationalstaatlichen Regulierungen unterschieden; sie findet auf einem völlig anderen Layer statt. Sie überschreitet Nationengrenzen und kein Strafgesetzbuch ist für sie verbindlich – sie kann darüber hinaus gehen, oder dahinter zurückbleiben oder ganz eigene Wege gehen. All ihre Do und Don’ts sind noch nicht fertig ausgehandelt – aber diese Aushandlung findet jetzt statt.

Ich möchte in meinem Talk ausgehend von den Grundproblemen des Konfliktmanagements im digitalen Raum die Grundzüge der kommenden Netzinnenpolitik vorstellen. Ich will zeigen, wie Sanktionen im Netz funktionieren können und wie die Plattformbetreiber sie heute schon einsetzen. Ich will auch die Legitimationsprobleme erörtern, die entstehen, wenn eine Zentralgewalt ohne Checks & Balances normativ tätig wird und möchte dafür Lösungen vorschlagen. Und schließlich soll es einen Ausblick geben, in dem ich zeige, wie die Innenpolitik des Netzes die Gesamtstruktur der Plattformgesellschaft zur weiteren Ausdifferenzierung treiben wird.


Don Alphonso, Vorkämpfer gegen Hatespeech

„100.000 Euro für den, der ihr die Brüste abschneidet und beide in einer Güllegrube entsorgt.”

„Wenn es nach mir ginge, Kopf kürzer und Problem gelöst.”

„Ja, wenn ich in der Sicherheit wäre, könntest du bei Gewaltaktionen deine Schneidezähne aus dem Rachen zusammensuchen”

Das sind drei Beispiele von Hatespeech, Gewalt- und Morddrohungen, die aufgrund einer Hetzkampagne gegen eine junge Frau auf diese einprasselten.

Wir sprechen ja gerade von Hatespeech. Anlass sind aber nicht die oben zitierten Gewaltphantasien, sondern der Tweet eines linken Pfarrers, der folgendes schrieb: „#Feminismus ist etwas für Unterprivilegierte. ‚Adel ist was für die Laterne‘. Ça irá, #BachmannPreis, ça irá, von Rönne!“.

Von Rönne, der diese Zeilen galten, schreibt unter anderem für die Welt und ist mit Texten darüber, wie der Feminismus sie anekelt bekannt geworden. Ihre Texte sind schön geschrieben und selten durchdacht, aber dafür um so provokanter. Das ist ihr gutes Recht, dafür bekommt sie eben auch viel Kritik, mit der sie leben muss.

Damit meine ich übrigens explizit nicht den Tweet des Pfarrers. Der ist daneben, das ist ohne Frage Hatespeech und der Autor (der ihn mittlerweile wieder gelöscht hat), sollte sich was schämen! Aber ein Mordaufruf? Es ist ein Zitat eines Revolutionsliedes, das zufällig mit von Rönnes eigener Aussage über den Feminismus korrespondierte. Wenn die Ankündigung einer Revolution, jetzt bereits als Mordaufruf gilt … sagen wir, ich finde diese Lesart dann doch etwas übertrieben.

Die Interpretation stammt übrigens von Don Alphonso, der damit eine größere Debatte über Hatespeech auslöste. Die Kritik nämlich, die von Rönne für ihre streitbaren Äußerungen von Feministinnen bekam (unter anderem wurde darauf hingewiesen, dass viele Rechtsradikale große von Rönne-Fans sind), zeichnet er für die Entgleisung des Pfarrers verantwortlich. Damit ist für Don Alphonso klar, dass nicht erst die Entgleisung, sondern schon die Kritik an von Rönne illegitim sei. Naja, „illegitim” … ich zitiere ihn einfach mal:

„Das ist eine Methode totalitärer Regime, der stalinistischen Schauprozesse gegen Trotzkisten, Internationalisten und Konterrevolutionäre, der Kulturrevolution in China.”

Don Alphonsos Beitrag wurde und wird vor allem von konservativen Feuilletons sehr gefeiert. Unter anderem von der Welt und Ulf Poschardt. Nun muss man wirklich für jeden Menschen dankbar sein, der sich des Themas Hatespeech gegen Frauen im Internet endlich einmal annimmt, denn Femistinnen leiden darunter seit vielen Jahren tagtäglich, und das Thema war bislang medial unterrepräsentiert – gelinde gesagt. Dass sich die Medien ausgerechnet jetzt dafür interessieren scheint aber daran zu liegen, dass die Situation eher … untypisch ist. Sonst trifft es nämlich eher Feministinnen und die „Mordaufrufe” sind auch … sagen wir mal: zweifelsfreier.

Die Anfangs zitierten Aufrufe waren zum Beispiel Anne Helm gewidmet. Anne Helm hatte ebenfalls wie Ronja von Rönne streitbare, provokative – und ja: etwas unbedachte – Äußerungen zu verantworten: Bombergate. Als der Berliner Kurier sie bei ihrer eigentlich anonymen Aktion enttarnte, prasselte eine Hasswelle über sie her, die in Deutschland seines Gleichen sucht. Viele der Aufrufe und bestialischen Mordphantasien, die teils immer noch hereinprasseln, sind gut dokumentiert und können hier begutachtet werden. Die Morddrohungen gegen sie sind so konkret, dass der Staatsschutz (!) sie von sich aus anruft und bittet, sie möge sich doch lieber nicht mehr im Internet gegen rechts aussprechen, sie bringe sich in Gefahr.

Die Hasskampagne gegen Helm war eine sehr öffentliche Angelegenheit, doch die heutigen Kämpfer gegen Hatespeech haben sie damals leider nicht thematisiert. Das könnte daran liegen, dass sie teils zu beschäftigt waren, sie auf der anderen Seite anzuheizen.

Don Alphonso wollte es nicht bei der im braunen Hass ertrinkenden Anne Helm belassen, sondern befeuerte den Shitstorm mit eigens ausgedachten Lügen und Verleumdnungen. Er war neben dem Berliner Kurier sicher eines der Hauptmedien, die die Hetze gegen Helm befeuerten. Seine Lügen und Verdrehungen habe ich seinerzeit hier aufgeschrieben und widerlegt (und ehrlich gesagt wundert es mich sehr, dass er seitdem außerhalb der rechtsradikalen und der Masku-Szene noch gelesen wird. Wie groß kann der Totalschaden einer Reputation überhaupt sein?)

Die oben zitierten und die vielen hundert anderen Hassnachrichten die Anne Helm bis heute ertragen muss, sind also auch Resultat der Hetze desjenigen, der sich heute als Vorkämpfer gegen Hatespeech positionieren will. Ich finde das … interessant.

Ich vermute eine Strategie dahinter. Don Alphonso möchte den verunglückten Tweet des Pfarrers als den einen Showcase für Hatespeech im Internet etablieren und so die Deutungsmacht über diesen Diskus erlangen. Wenn er das mit der Hilfe von Welt und Poschardt schafft, kann er das Narrativ so drehen, dass A) die Femistinnen ja die „wirklichen” Hatespeech-Verbrecherinnen sind. Und wenn das nicht klappt, kann er wenigstens B) suggerieren, dass die Femistinnen ja mindestens genau so schlimm sind, wie er und sein maskulinistischer Hassmob.

Zusammengefasst: Weil einmal ein Pfarrer einen dummen Tweet geschrieben hat, kann einer der schlimmsten Verleumdner und Hetzer im Internet, der das Leben vieler Menschen täglich zur Hölle macht, die Deutungshoheit über den Hatespeech-Diskurs erlangen, um ihn zur Waffe gegen den Feminismus umzurüsten.

Ist das nicht witzig?

PS: ein kleiner Nachtrag, danke @faz_tomalforno Bildschirmfoto 2015-06-02 um 00.12.51

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Der Hacker und die nächste Politik

/***** Den folgenden Text habe ich im Rahmen einer breiter angelegten Aktion für die Geburtstagsfeier von Prof. Dr. Torsten Meyer (Uni Köln) verfasst und vorgetragen. *****/

Der Hacker ist der Held der nächsten Kunst, so Torsten Meyer in seiner zweiten These zur nächsten Kunst (Englische Version). Der Hacker ist aber auch der Held der nächsten Politik.

Eine in Hackerkreisen beliebte Definition des Hackens lautet schlicht „Atypisches Nutzerverhalten”. Eigentlich ist es eine Fremdbezeichnung der damals, in den 80ern noch als „Deutsche Bundespost” firmierende Aufseherin aller Datennetzwerke. Gerade in seiner ganzen beamtendeutschen Bräsigkeit markiert der Begriff immer schon die Opposition zum „gewünschten Nutzerverhalten”.

Die Abweichung, die Alternative ist auch das wesentlichste Strukturmerkmal des Hacks. Der Hacker weiß, es gibt nicht die eine Weise, ein Gerät, eine Software, einen Dienst oder ein sonstiges technisches Artefakt zu verwenden, sondern es gibt immer auch eine Alternative. Es gibt immer einen Weg, der nicht vorhergesehen war. Das ist die Politik des Hackens: das Aufzeigen und Schaffen von Alternativen.

Torsten Meyer hat den Hacker als Ablösefigur des Intellektuellen, des Kritikers und des souveränen Subjekts eingeordnet. Der Intellektuelle appellierte an die Öffentlichkeit, der Kritiker kritsierte die Werke und gesellschaftlichen Zustände und das souveräne Subjekt behauptete seine Souveränität gegenüber seiner Umwelt. Die Helden vergangener Diskurse, sie interessieren den Hacker wenig.

Der Hacker kehrt der Öffentlichkeit den Rücken zu, schließt sich ein in sein Zimmer und zückt den Lötkolben. Die Öffentlichkeit kann ihm bei seinem Problem nicht helfen. Er weiß, er alleine kann den Unterschied machen, den er braucht. Er allein kann eine Alternative schaffen zu den alternativlosen Systemen der Mächtigen. Die Öffentlichkeit kann ihm dabei egal sein. Es ist umgekehrt: die Öffentlichkeit braucht ihn.

Der Hacker kann mit dem Kritiker nichts anfangen. Warum etwas kritisieren, anstatt es besser zu machen? Hacken bedeutet forken. Forken – „Gabeln”, heißt es, wenn man ein Projekt an einem bestimmten Punkt seiner Entwicklung verzweigt. Die Codebase teilt sich und wird einfach in zwei unterschiedliche Richtungen weiterverfolgt. „Behalte deine Meinung. Ich mach was neues.” Etwas zu forken ist besser als es zu kritisieren.

Der Hacker zuckt mit den Schultern gegenüber dem souveränen Subjekt. Der Hacker weiß, dass er eingebunden ist in einem riesigen Wust an Infrastruktur. Er weiß, dass er tun kann, was er tut, weil Generationen vor ihm Code geschrieben haben, auf dem sein Code aufbaut. Er codet auf den Schultern von Giganten. Er lässt die Giganten marschieren unter seinem Regime. Selbstermächtigung ist besser als Souveränität.

Es geht dem Hacker dabei gar nicht mal darum, die eigene Alternative durchzusetzen, oder das bestehende System zu überwinden. Der Hack will nicht Kalif anstelle des Kalifen werden. Der Hack ist sich selbst genug. Hacken tut man, weil es geht. Alles nur für den „Spaß am Gerät”, oder „For the lulz”, wie es neuerdings heißt.

Und doch ist der Hack das dringendste politische Programm, in einer Welt, deren politische Grundkonfiguration die Alternativlosigkeit ist. Das atypische Nutzerverhalten ist ein Akt der Freiheit, denn es ist das Ausbrechen aus einem System, das alles durchzuregieren droht. Der Hack hilft zwar nicht, das System zu überwinden, sich von ihm unabhängig zu machen oder irgendeine Souveränität gegen es zu behaupten (das ist das alte Denken). Das atypische Nutzerverhalten überwindet aber die inhärente Totalität die jedem System zu eigen ist. Es stellt dem System die Alternative als Versprechen und/oder Drohung gegenüber und verweist somit auf die Kontingenz und Fragilität seines Machtanspruchs.

Das ist schon eine ganze Menge.


Einführung in den Fefismus.

Auch mich hat Fefe gefragt, zu seinem 10jährigen eine Kritik in sein Blog zu schreiben. Mein erster Impuls war ne Holofernes zu pullen, denn es ist mehr als nur ein geflügeltes Wort, dass Fefe die Bildzeitung der Nerds ist. Der Vergleich trifft es auf vielen Ebenen, auch und gerade auf den Unangenehmen.

Das hier ist ne Holofernes, allerdings mit Ansage. Ich habe Fefe freundlich geantwortet, dass ich es ablehne auf seinem Blog publiziert zu werden, denn ich halte sein publizistisches Schaffen für ein Problem (und rege mich auch ab und zu darüber auf).

Stefan Niggemeier wehrt sich seit Jahren gegen die „ironische” Lesart der Bild, die sich in unserer auf- und abgeklärten Hipsterwelt breit gemacht hat. Ähnlich geht es mir mit den „Ich lese Fefe ja nur wegen dem Sportteil”-Gewitzel in der Netzszene. Um das hier klar zu sagen: Ich lese Fefe nicht und zwar wegen seiner mangelnden journalistischen, moralischen und diskursethischen Integrität. Wer ihn dennoch liest, kann von mir nicht erwarten, dass ich sie oder ihn noch irgendwie ernst nehme.

Weil das Phänomen Fefe aber ein diskursmächtiges ist und aus meiner Sicht auch das Hauptproblem der deutschen Netzszene, will ich meine Ablehnung etwas ausführlicher begründen.

Erstens: Fefe hat keine Ahnung und recherchiert auch nicht, um das zu ändern.

Fangen wir ruhig mit dem Offensichtlichsten an: Als letztes Jahr die (durchaus kontroverse) Diskussion über den Rauswurf von Brendon Eich durch Mozilla lief, weil dieser für Proposition 8 (also für das Kalifornische Plebiszit zum Verbot homosexueller Ehen) gespendet hatte, schrieb Fefe mal wieder einen für seine Verhältnisse längeren Text. Es sei ja wohl total legitim für die Proposition 8-Befürworter Geld zu spenden, denn die Gegenseite habe ja auch Spenden gesammelt. So sei das nun mal in der amerikanischen Demokratie. Zitat Fefe:

„Die LGBT-Bewegung hat Prop8 damals glücklicherweise gewonnen. Unter anderem deshalb, weil viele Menschen gespendet haben. Stellt euch mal vor, die anderen hätten gewonnen und würden jetzt systematisch Leute wegmobben, weil sie damals der Verliererseite gespendet haben!”

Dummerweise ist das aber genau so passiert. Die LTGB-Community hat nämlich tatsächlich verloren. Ich weiß zwar nicht, ob die Aktivist/innen im Anschluss mehr gemobbt wurden, als Homosexuelle sowieso schon immer gemobbt werden, nichtsdestotrotz ist Fefes gesamte Argumentation in sich zusammengefallen. Das scheint er aber nicht mal bemerkt zu haben, als er den Fehler noch schnell in einem Update korrigierte.

Solche Fehler passieren nicht ab und zu mal bei Fefe, sie sind der Dauerzustand. Fefe ist zu faul zum Recherchieren, hat von nichts ne Ahnung, aber zu allem ne Meinung.

Zweitens: Fefe ist ignorant und reaktionär.

Die fefetypische Schlamperei im Recherchieren mal beiseite, ist aber schon der Vergleich schlampig gedacht. Denn nein, es ist nicht das Selbe, für Homosexuellenrechte zu kämpfen, wie dagegen. Fefe fällt hier demselben denkerischen Kurzschluss zum Opfer, der Nazis regelmäßig mit der AntiFa gleichsetzt. Und zwar nicht aus Zufall. Sein Denken ist schlicht reaktionär.

Fefe hat eine gewisse Strukturähnlichkeit mit dem Konservativen-Feuilleton-Man, allerdings mit noch weniger Ahnung und einer ganz besonderen Aversion gegen Recherche. Aber wenn sich seine reaktionäre Sicht auf die Welt mit seiner aggressiven Ignoranz paart, wird es besonders schlimm.

Letztes Jahr glänzte er mit einer Analyse eines Dokoments aus dem Umfeld der Berliner Gender-Studies, das eine … gewöhnungbedürftige Form der Ansprache wählte. Studierx, Profx, etc. Klar, das kann man lustig finden, da ist nichts dabei. Man könnte die eigene Verwunderung aber auch produktiv machen und versuchen zu verstehen, was da überhaupt versucht werden soll. Man könnte Erklärungen dazu lesen und dabei feststellen, dass hier Experimente stattfinden, inklusivere Sprachformen auszutesten. Dabei würde man auch feststellen, dass die Macher/innen gar nicht jedem vorschreiben wollen, so zu reden und zu schreiben, sondern das tun, was man an einer Universität eben so tut: forschen, ausprobieren. Dass sie einfach Wege suchen, wie sich bestimmte Menschen mehr mitgemeint fühlen können, dass sie die Welt etwas gerechter machen wollen.

Oder man ist halt Fefe und beömmelt sich wie ein Dreizehnjähriger, prangert die Abweichung an und skandalisiert, was da „mit Steuermitteln” an den Universitäten so getrieben wird. Das kann man machen, dann ist man aber kein Deut besser als die rechten Arschlöcher, die immer über die „Gutmenschen” schimpfen.

Drittens: Fefe ist ein Arschloch

Ich weiß, dass ich mich hiermit juristisch angreifbar mache. Aber ich behaupte, das hier ist keine Beleidigung, sondern eine Tatsachenbehauptung. Ja, ich glaube darlegen zu können, dass man Fefe sanktionfrei „Arschloch” nennen können sollte.

Fefe kennt seine Wirkung. Durch Refefe (das ehemalige Projekt von Linus Neumann, das einen Mirror seiner Inhalte mit einer Kommentarfunktion ausstattete), weiß er, was er für Leser er hat und wie die so drauf sind. Sein Post über die Versuche der Genderstudies hat unter anderem einen enorm unangenehmen Shitstorm gegen die Macher/innen losgetreten, der vor allem auf Lann Hornscheidt niederprasselte. Fefe ist mehr als der Mensch, es ist mehr als das Blog. Zusammen mit seinem Lesermob ist es eine Hassmaschine. Diese Shitstormkultur gegen alles, was ihnen Fremd ist, ist kaum noch ohne Godwingepulle zu beschreiben.

Warum ich aber keine Angst davor habe, Fefe ein Arschloch zu nennen, hat mit seiner Reaktion auf den Heartbleet-Bug zu tun. Nicht nur, dass er die Schuld an dem Bug einem einzigen Menschen zuschiebt (was in einem Open Source-Projekt grundsätzlich schon mal Schwachsinn ist). Nicht nur, dass er diesen Menschen mit Name, Anschrift und ehemaligen Arbeitgeber seiner Horde zum Fraß vorwirft. Nein, er entblödet sich sogar dazu, in abwegigen Verschwörungstheorien herumzuorakeln, ob der Programmierer etwa von dunklen Mächten beauftragt um zu usw. … und schürt den Hass nur um so mehr.

Wenn man sich in Open Source-Projekten engagiert und Fehler macht, muss man also damit rechnen, von Fefe bloßgestellt, in die Öffentlichkeit gezerrt und von seiner Horde geshitstormt zu werden? Was. für. ein. Arschloch!

Viertens: Das schlimmste: Fefe ist ein Fefist.

Ja, das ist tautologisch, aber ich meine es ernst: All die oben beschriebenen Eigenschaften von Fefe reichen weit über ihn hinaus. Fefe ist das Leitmedium von ahnungslosen, reaktionär-ignoranten Arschlochnerds. Würde man von einer Bewegung sprechen, müsste man #Gamergate dazurechnen, aber weil ich mich hier auf Deutschland beziehe, nenne ich sie „Fefisten„.

Immer wenn ich mich über die Dummheit eines Fefeartikels aufrege, kommt von irgendwo ein Nerd daher, der mir erzählt, was für ein supertoller Oberchecker Fefe doch sei, von welcher herausragenden Qualität sein Code sei und dass er doch die superpraktische XYZ-Bibliothek geschrieben habe. Und dann rolle ich die Augen, denn genau hier liegt der Urgrund des Fefismus. Dafür muss ich etwas ausholen:

Programmiersprachen sind komplex. Es dauert lange, sich in eine einzuarbeiten. Betriebssysteme sind komplex. All ihre verwinkelten Verzeichnisse, Prozesse und Configdateien zu kennen und wissen, was sie tun, ist eine langwierige Aufgabe. IT-Security ist ein hochkomplexes Feld, mit vielen Fallstricken und tausend Dingen, die man falsch machen kann.

Es gibt aber einige Leute, die haben sich dieses Wissen in einem erstaunlichen Maße angeeignet. Wir nennen sie „Nerds” oder „Experten” und die meisten von uns haben eine gewisse Ehrfurcht vor diesen Menschen, weil sie Dinge können und verstehen, die einige von uns nicht verstehen. Und manchmal haben diese Nerds dann auch selbst dieses Bild von sich: Dass sie Dinge verstehen, die andere nicht verstehen, macht sie, wie sie finden, kompetent auf eine gewisse, allgemeine Weise.

Und dann blicken sie auf die Welt, sehen politische Prozesse, sehen die Medienberichterstattung, sehen kriegerische Konflikte, sehen menschliche Interaktion und rufen:

„Das ist doch alles ganz klar! So und so einfach ist die Welt!”

Das Ganze hat aber einen Haken. Programmiersprachen sind nicht komplex. Es ist jedem möglich sie innerhalb eines Jahres komplett zu verstehen. Betriebsysteme sind nicht komplex. In jedes Betriebsystem kann man sich relativ schnell einfuchsen, wenn man ein, zwei gesehen hat. IT-Security ist nicht komplex. Es ist eine abzählbare Menge an Dingen, die man beachten muss und ein paar Denkkonzepte, die man lernen kann.

All das ist verstehbar und sogar restlos verstehbar. Ein Computer ist eine determinierte Maschine, das heißt, sie ist zwar relativ komplex, aber endlich in dem, was sie tun kann und somit ist sie intellektuell komplett erschließbar.

Und genau hier liegt der Unterschied zur restlichen Welt. Politik ist scheißenochmal komplex. Menschliche Interaktion ist megakomplex und die sich daraus egebenden Konflikte ebenfalls. Egal wie sehr sich jemand in diese Dinge einfuchst, sie werden niemals restlos verstehbar sein. Die meisten von uns haben sich an diesen Umstand gewöhnt. Er fordert uns jeden Tag eine gewisse Demut ab, eine gewisses Zurückzucken bevor man Dinge endgültig bewertet. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir niemals über vollständige Informationen verfügen, dass es Zufälle gibt und dass manche Dinge eben über den eigenen Horizont reichen und immer reichen werden.

Wir haben deswegen wissenschaftliche Fachbereiche für diese Dinge eingerichtet, die komplizierte Theorien aufstellen, die immer im Ungefähren argumentieren müssen und niemals mathematisch beweisbar sein werden. Die aber Annäherungen finden, in mühevoller Arbeit und teils jahrhundertelangen Diskursen. Aber das interessiert Fefeisten nicht.

Sie können sich damit nicht abfinden, Dinge nicht restlos verstehen zu können, denn sie sind intellektuell in Welten geprägt worden, die restlos verstehbar sind. Mit dem Überlegenheitsgefühl aus ihrer kleinen unterkomplexen Welt gehen sie also die Probleme der Menschheitsgeschicke an und unterwerfen sie ihrer eingeschränkten Systemlogik. Das ist der Kern der Nerdsupremacy und gleichzeitig ihres Denkfehlers.

Bei Fefe kann man das gut beobachten. Seine Systemlogik sieht in etwa wie folgt aus:

Irgendwo sind immer die bösen Menschen (die Amis/die Israelis/die da oben) dabei sich zu verschwören, um die Welt an sich zu reißen oder zumindest doofe Appleprodukte zu bewerben. Aber die Bösen sind auch – da kommt ihr nie drauf – superduper dumm und können gar nicht mit Technik umgehen (HAHAHA!), haben RIESEN Security Holes in ihren Betriebsystemen/Protokollen/ihrer Krypto (HAHAHA!) und deswegen klappt ihr evil Plan immer nicht. (HAHAHA!)

Gut, dass es gute Hacker gibt (CCC und so!), die dann das schlimmste verhindern und aufdecken! Hacker gut. Wenn die nicht wären, würden die Amis/die Israelis/die da oben einfach durchregieren, was sie bereits machen, die Schweine!

Und dann gibt es noch die, die eigentlich auf der richtigen (unserer!) Seite sein müssten, aber ständig von den wirklichen Bösen (die Amis/die Israelis/die da oben) ablenken: nämlich die Feministinnen mit ihrem Genderwahnsinn! Und die Linken, mit ihren ganzen Theorien! Also die Antifas, Antiras, die irgendwie anders links sind als Fefe! So mit Diskurs und son quatsch!

Damit wären ca. 90% aller Fefeposts abgedeckt. Das ist auch der Grund, warum Fefe noch die größten rechten Spinner wie Ken Jebsen als wichtigen Debattenbeitrag ansieht. Und deswegen besteht beim Fefismus auch immer eine gewisse Überschneidung zu den Querfrontlern. Das macht den Fefeismus, neben den ganzen Unannehmlichkeiten durch seine Shitstormhorden, gefährlich.

Die Nerdszene leidet extrem unter dem Fefismus. Es wird Zeit, dass es in ihr zu einer Form der Selbstaufklärung kommt. Nein, ihr seid keine Genies, weil ihr Euren Kernel selbst kompiliert. Nein, ihr habt die Welt nicht verstanden, weil ihr wisst, wie man eine Playstation hackt. Nein, ihr habt nicht den Durchblick, weil ihr die Welt in eure Schablonen presst. Nein, ihr seid nur ignorante, reaktionäre Arschlöcher wenn ihr das glaubt und dann seid ihr das Problem und nicht die Lösung.

Good Night, Nerd Pride!


Just published: Digital Tailspin – Ten Rules for the Internet After Snowden

Bildschirmfoto 2015-03-11 um 14.23.25Today is the day. My book „Digital Tailspin – Ten Rules for the Internet After Snowden” is out now!

You can order a free copy here.

It is basically the second part of my German book, „Das Neue Spiel”.

The central idea of both books is that the digitalization of the world has changed the basic mechanics of how things work, i.e., society. The main issue: We cannot control the flow of data and information in the way that we used to.

The „Digital Tailspin” is the translation of the second part, where I summarize the main contents from the first part in the form of „rules”, and different design strategies to cope with these rules.

I’m very grateful to Anwen Roberts for the translation. Many thanks go to Miriam Rasch, who edited the book, and of course to Geert Lovink, who made all this possible.

The English edition is one of the stretched goals adopted during the Crowdfunding campaign. So I sincerely hope the result meets your expectations.

From the blurb:

Privacy, copyright, classified documents and state secrets, but also spontaneous network phenomena like flash mobs and hashtag revolutions, reveal one thing – we lost control over the digital world. We experience a digital tailspin, or as Michael Seemann calls it in this essay: a loss of control or Kontrollverlust. Data we never knew existed is finding paths that were not intended and reveals information that we would never have thought of on our own. Traditional institutions and concepts of freedom are threatened by this digital tailspin. But that doesn’t mean we are lost. A new game emerges, where a different set of rules applies. To take part, we need to embrace a new way of thinking and a radical new ethics – we need to search for freedom in completely different places.


Algorithmendeutung

In dem Artikel über die Impfgegner habe ich – nebenbei – den Hauptunterschied zwischen den sich für „kritisch” haltenden Verschwörungstheoretikern und den tatsächlich kritisch denkenden Menschen daran festgemacht, dass wirklich kritisches Denken vor der eigenen Urteilsfähigkeit nicht halt macht. Seine eigene Urteilsfähigkeit in Frage zu stellen gehört genau so dazu, wie skeptisch gegenüber den Einschätzungen von anderen zu sein. Dabei muss man aber nicht immer so weit gehen, sich selbst präventiv für verrückt zu erklären, sondern es beginnt schon dabei einmal in Zweifel zu ziehen, dass man über alle notwendigen Informationen verfügt, um einen Sachverhalt zu beurteilen. Das ist nämlich meistens schon nicht der Fall und so werden schnell aus einer Beobachtung oder eine anekdotischen Episode Schlüsse (blitz-)abgeleitet, die sich bei näherem Hinsehen nicht halten lassen. Das passiert übrigens nicht nur Verschwörungstheoretikern, sondern allen, ja, mir natürlich auch; so musste ich aufgrund des richtigen Einwands von Anne Roth eben jenen Artikel nochmal etwas überarbeiten, weil auch ich hier voreilige Schlüsse aus meinen Beobachtungen gezogen habe, die empirisch vielleicht gar nicht haltbar sind. (Danke dafür)

So viel zur Einleitung, aber ich will hier auf eine Form des Fehlschlusses zu sprechen kommen, die – aufgrund ihrer Technologiebezogenheit – relativ neu ist, die ich aber immer wieder beobachte – und zwar auch bei eigentlich intellektuell gefestigten und sogar technikaffinen Menschen. Ich nenne diesen Trend „Algorithmendeutung” und sehe darin die moderne Form des Kaffeesatzlesens.

Das erste mal ist mir das Phänomen aufgefallen, als sich 2011 die Berichterstattung um Wikileaks dem Höhepunkt näherte. #Wikileaks war lange auf Twitter das „Trending Topic” – und dann auf einmal nicht mehr. „SKANDAL! ZENSUR! DIE US-REGIERUNG STEHT DAHINTER!” wurde allenthalben in meine Timeline gebrüllt und das machte mich gleichzeitig stutzig und ein wenig traurig. Man muss fairer Weise dazu sagen, dass das mehr oder weniger parallel zu tatsächlichen Sperrungen von Wikileaks-Accounts bei Mastercard, Paypal und Domainamen-Diensten passierte. Dennoch war ich erschrocken von der Schnellschußaftigkeit meiner Mittwitterer. Zensur ist eine ziemlich krasse Anschuldigung, für einen einfachen Sachverhalt, für den sich Millionen plausiblere Erklärungen finden lassen und der sich auch aus den Interessen der US-Regierung nicht wirklich plausibel herleiten lässt (als ob man damit Berichterstattung unterdrücken könnte – im Gegenteil …).

Algorithmen sind eine komplexe Angelegenheit. Wenn wir mit ihnen in Berührung kommen, glauben wir oft zu wissen, wie sie funktionieren, oder zumindest funktionieren sollten, Wer aber sowas aber schon mal selbst gebaut hat, weiß, dass das alles nicht so einfach ist. 1.) kann man immer in seiner Filterblase gefangen sein und nur weil alle in meiner Timeline von Ereignis X reden, muss das noch nicht Weltweit der Fall sein. 2.) Ist der Trending-Algorithmus von Twitter eben nicht zu verwechseln mit „Worüber alle Leute gerade reden”, sondern will – wie der Name eigentlich schon sagt, eher herausfinden worüber alle demnächst reden werden. Er sucht nach Trends und bildet eben nicht den aktuellen Mainstream ab. Stichwörter, über die seit Tagen heftig diskutiert wird, sind nicht (mehr) Trending. Das heißt 3.), dass der Algo eine zeitliche Komponente implementieren muss, die sonst wie bestimmt sein kann und dass er eher die erste Ableitung der Popularitätskurve scannt. Dazu kommen 4.) Gewichtungen, um bekannte Unereglmäßigkeiten auszuschließen, sowie der Versuch den Spammern das Leben schwer zu machen, die natürlich ständig versuchen das System zu spielen. Am Ende bekommt man einen ziemlich komplexen Algo, der auf einer riesigen Welle von Echtzeitdaten surft und eben nicht mehr durch einfache Beobachtung der eigenen Timeline vorhersehbar ist.

Aber es trifft nicht nur technisch ungebildete. Letztens machte ein Freund – der selbst Programmierer ist – seinem Ärger Luft, wie Google so unverschämt sein könne, bei einer Suche, die er tätigte das googleeigene Youtube so weit vor Vimeo zu platzieren. Klarer Fall von Ausnutzung des Marktmonopols!!! Jetzt kann ich nicht ausschließen, dass Google tatsächlich so doof ist und plump seine eignen Dienste höher rankt. Aber sowas von der Beobachtung einer einzelnen Suche zu schließen, ist schon ziemlich hanebüchen. Googles Rankingalgorithmus gehört locker zu den komplexesten Programmen, die auf dieser Welt existieren und sitzt auf einem Datenberg, der seines Gleichen sucht. Nur weil einem das Ranking seines Suchergebnisses mal nicht in den Kram passt, gleich solche Behauptungen in die Welt zu setzen erinnert an den Klimaleugner, der, weil er gerade in seiner Wohnung friert, die Erderwärmung in Frage stellt. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Wetter und Klima. Klar hängt beides zusammen. Aber um vom Wetter auf das Klima zu schließen, braucht man mehr als nur einen Messpunkt, sondern Hunderttausende und ausgeklügelte Verrechnungsmethoden.

Und so geht das weiter: Eine Freundin beklagt, dass sie irgendwas auf Facebook nicht posten kann, weil darin das Wort „Drogen” vorkommt („ZENSUR!”), ein anderer hat Probleme einen Link per Instant Messanger zu schicken („Da steckt doch die NSA hinter!”). Ach Kinners. langer Seufzer

Also, hier als Hilfestellung: Wenn ein Algorithmus ein Verhalten an den Tag legt, der Euch überrascht, solltet ihr euch als erste fragen, ob es auch eine andere Erklärung geben könnte, als die, die ihr euch gerade zwischen Butterbrot und Pullerngehen zusammenreimt. Eine Verschwörung ist meist unwahrscheinlich. Ein Fehler in der Internetverbindung, im Algorithmus oder einen, den ich vielleicht selbst gemacht habe, oder – wie meistens – die Unzulänglichkeit meiner Informationen – sind sehr viel wahrscheinlicher. Wenn man einen Verdacht hat, kann man gerne anfangen zu forschen. Aber dann bitte mit einem überzeugenderen Forschungsdesign. Ansonsten muss ich Euch leider in die Spinnerschublade stecken.

(PS: Ich will auf keinen Fall die Möglichkeit kleinreden, dass Algorithmen bösartig manipuliert werden können und dass das eine Gefahr für die Gesellschaft ist. Im Gegenteil. In meinem Buch geht es viel genau darum und wie wir dafür sorgen können, dass das nicht eben geschieht. Ich persönlich glaube bis zu einem Gegenbeweis nicht, dass die populären Algos von Google, Facebook bis Twitter bösartig manipuliert sind, aber wir als Gesellschaft brauchen definitiv Kontrollmechanismen, sowas auch zu überwachen. Was wir aber nicht brauchen, sind Schlauberger, die den ganzen Tag „Wolf!!” schreien.)


Abschlussbericht: Das Neue Spiel

2015-02-19 08.12.15
Foto: Startnext

Ich habe gerade bei der Veranstaltung PubNPub über mein Buchprojekt berichtet. Ich finde das einen guten Zeitpunkt, denn es ist etwas über ein Jahr her, dass ich die Crowdfundingkampagne zu Das Neue Spiel abgeschlossen habe. Seitdem habe ich innerhalb der angekündigten Zeit das Buch vorgelegt und auch die Streched Goals sind bereits in Arbeit oder teils fast fertig. Zeit also, einmal blank Bilanz zu ziehen. Jetzt auch hier. Heute gibt es Zahlen, Zahlen, Zahlen!

Am Ende stand ich also da mit der Summe von 20.467,47 Euro. Das war toll, ein voller Erfolg. Zusätzlich hatte ich durch die Publicity auch noch einen Buchvertrag mit Orange Press, der mir zusätzliche 1000 Euro als Vorschuß in die Kasse spülte. Damit sind wir bei 21.467 Euro auf der Habenseite. Das scheint unfassbar viel für so ein Buch, aber reden wir doch mal über die Kosten.

Die Kosten

Meine Hauptausgaben war natürlich erstmal die Aufrechterhaltung meiner vitalen Funktionen, zu dessen Zweck ich mir jeden Monat 1000 Euro überwies. Ich hatte einen knapp 7,5 monatigen Schreib-/Organisier-/Lektorier-Prozess und komme somit auf 7.500 Euro. Mit iRights hatte ich den Deal, dass ich ihnen von meinem Crowdfundinggeld schon mal 2500 Euro gebe, für Lektorat, e-Book-Produktion und Beratung bei die Lizenz. Richtig reingehauen hat auch die englische Übersetzung des zweiten Teils (Kommt anfang nächsten Monats raus), die hat 2.400 Euro gekostet (vielen Dank Anwen!) Dann habe ich natürlich für die Zeit auch Büromiete zahlen müssen; da kommen dann nochmal 1.340 Euro drauf. Dann sind wir bereits bei 13.740 Euro.

Dann habe ich ja noch eine Party geschmissen, bei der ich die VIP sogar zum Essen eingeladen habe. 256,60 Euro habe ich bei der Long March Canteen gelassen (es war sehr lecker!). 285 Euro hat das Edelweiß gekostet und 500 Euro hab ich für Getränke draufgelegt. In einer Nacht habe ich also 1.041,60 Euro auf den Kopf gehauen. Aber das war es wert!

Die Special Edition (ca. 120 Stück) war teuerer als erwartet. Ein Chromoluxeinband (Spiegelpapier) (239,16 Euro), darauf mit blauer Farbe das Originalbild per Siebdruck (266,56 Euro), geschnitten, gepfalzt und verschickt (284,15 Euro) drauf … insgesamt also 789,87 Euro nur für die Special Edition. Aber ich find sie immer noch geil!

Was ich völlig unterschätzt hatte: Wie aufwändig und teuer es ist, die 350 Crowdfunder/innen-Exemplare zu verschicken. 209,05 Euro nur für Kartonage, 361,40 Euro für das verschicken. Und weil 10 Bücher nicht ankamen, nochmal 20,00 Euro raushauen (die verschwundenen Bücher nicht eingerechnet). Das alles kostete mich insgesamt also auch noch mal 600,45 Euro.

Auch sonst fiel noch einiges an. Eigenbedarf an Büchern zum Verkauf und Verschenken (245,99 Euro), Paypalgebühren vom Crowdfunding (487,65 Euro), die Spende an Startnext (2% aka 409,35 Euro), ich hatte einen Agenten, der mich bislang ebenfalls 175,50 Euro (Danke, Herr Brauer!) kostete, hinzu kommen diverse Zugfahrten, Mittagessen für Treffen zum Lektorat, Übernachtungen, etc. in Höhe von 252,34 Euro. Macht also insgesagt noch mal 2.125,93 Euro.

Mit anderen Worten, den 21.467 Euro stehen 18.321,59 Euro gegenüber, was einen Gewinn von 3.145,41 Euro ausmacht. Nicht viel, aber immerhin. Aber ich habe noch nicht alle Kosten bezahlt. Die Produktion des Hörbuchs habe ich noch nicht mal angefangen bisher. Aber das kommt dieses Jahr noch.

Der publizistische Erfolg

Bislang haben wir 1.142 Printexemplare verkauft (das ist exklusive der 350 Crowdfunder/innen-Exemplare). Was ich geradezu erstaunlich finde: Trotz des allgegenwärtigen Umsonstangebots der Digitalversion haben 375 Leute das eBook gekauft. Das sind allerdings die Zahlen bis Dezember 2014. Für dieses Quartal haben wir noch nichts, also gehe ich mal davon aus, dass wir weit über 400 eBooks verkauft haben. Meine Buch-Landingpage hatte bislang 6214 Aufrufe und das PDF wurde 993 mal runtergeladen. 45.498 Aufrufe bei Sobooks und mit 306 Kommentaren auch noch das meist diskutierte Buch dort. Insgesamt gab es 23 Artikel, Interviews und Rezensionen, viel Radio und Blogs. Die wichtigste Rezension war wohl die von Scobel in der Mediathek von 3Sat. Ansonsten stehe derzeit bei 3,9 Sternen und 9 Rezensionen bei Amazon.

Die Rezensionen bei Amazon und anderswo sind fast einhellig positiv im Grundton, fast immer Leseempfehlungen, trotz teils durchaus vorhandener Kritik. Einen richtigen Verriss sucht man vergebens, obwohl mich das auch interessieren würde.

Insgesamt muss ich aber sagen, dass ich mir publizistisch mehr erhofft habe. Es ist kein Flopp, sicher, die beiden Verlage und ich kommen dabei ganz gut raus, aber ein bisschen mehr Resonanz (vor allem eine richtige Debatte), hätte ich mir doch gewünscht – mein Ziel war es, weit aus meiner Filterbubble rauszureichen und ich muss mir eingestehen, dass das nur bedingt geklappt hat. Die Printmedien sind größtenteils gar nicht auf das Buch eingegangen, was ich schade finde. Da hat das Rauschen im Bätterwald gefehlt. Die erste Auflage (2000 Stück) bekommen wir mit Sicherheit noch weg, ob sich das finanzielle Risiko für eine zweite (Print-)Auflage lohnt, müssen wir noch entscheiden. Zur Not gibt es ja noch Book on Demand.

Fazit

Nichtsdestotrotz ist die ganze Aktion unterm Strich ohne Frage ein voller Erfolg. Das Endprodukt ist in der angekündigten Zeit fertig geworden, ich bin damit zufrieden und es findet seine Leser und gefällt den allermeisten sehr gut. Ich habe ein knappes Jahr von dem Geld leben können und bekomme gerade auch wieder ordentlich Vortragsanfragen rein, was mich jedenfalls teilweise durch 2015 tragen wird. Es war eine großartige Erfahrung, ich danke iRights (vor allem Valie) und Orange Press (vor allem Undine) für die großartige Zusammenarbeit. Ich bereue nichts und würde das allermeiste genau so wieder tun.