And the Winner is: Facebook!

Im November 2010 hatte ich mit Marcel Weiß eine Wette abgeschlossen. Bis in zwei Jahren, also bis November 2012, behauptete ich, sei Twitter ebenso weit wie Facebook, was die Nutzerzahlen anging. Ein bolder Move, aber so mag ich das eben.

Meine Begründung war schlicht, dass ich Twitter für konzeptionell überlegen halte. Es gehe in Zukunft eben nicht um die komplexesten Privacyfeatures, sondern um die intelligentesten Filtertools. Ich schrieb:

Will ein Social Network dann noch einen weiteren Mehrwert bieten, muss es als Kommunikationsplattform und da vor allem als persönlicher Newsaggregator nütztlich sein. Das funktioniert bei Facebook und anderen Social Networks, nun ja, leidlich.
Gerade hierfür hat sich Twitter und das asynchrone Followen sich als ungleich mächtiger erwiesen. Natürlich ist das Konzept erstmal Kontraintuitiv und nicht so gefällig wie eine “Freundschaft“. Und wer schon mal versucht hat, Twitter zu erklären, weiß was ich meine.
Aber auf lange Frist, wenn die irreführenden Metaphern verblassen und die Menschen anfangen, tatsächlich ihren Nutzen aus den Netzwerken ziehen zu wollen, wird Twitter gewinnen.

Ich halte die Konzepte von Twitter immer noch für überlegen. Nicht nur ich. Facebook auch. Und so hat Facebook nach und nach, Feature für Feature von Twitter kopiert und implementiert. Und ich muss sagen, es ist gar nicht schlecht geworden.

Nach meiner missmutigen Rückkehr zu Facebook vor über einem Jahr habe ich tatsächlich erlebt, wie sich der Dienst immer stärker in mein Internetnutzungsverhalten schob. Ich fing an, nervige Bekannte zu „unsubscriben“, mir sehr wichtige Leute auf „All Updates“ zu stellen und so weiter. Auch fing ich an interessante Leute, die ich nicht persönlich kenne, zu subscriben. Und nach und nach wurde mein Newsstream tatsächlich immer interessanter und meine eigenen Updates bekamen zunehmend Resonanz, da auch mein Profil von einigen (etwas über 300) Leuten abonniert wurde. Und so langsam schleicht sich bei meiner Facebooknutzung ein twitterähnliches Feeling ein. Sicher, das alles ist noch nicht so gut und interessant wie meine Twittertimeline, aber immerhin so interessant, dass ich da mehrmals am Tag drauf schaue.

Gestern hab ich dann so rumgeklickt und geriet auf das Facebook-Profil von Marina Weisband, das ich subscribed habe. Ich erschrak. Neben mir hat sie über 18.000 weitere Subscribers auf Facebook! Nachdem ich meine Eifersucht überwunden hatte, schaute ich auf ihr Twitterprofil @Afelia, wo sie auch nur knapp 22.000 Follower hat. Zumindest für sie ist Facebook also auch als Öffentlichkeitskanal mindestens genauso relevant wie Twitter.

Sicher, sie ist damit eine Ausnahme. Ihre vielen Fernsehauftritte waren mit Sicherheit der Motor dieser Subscriberzahl. Und weil die meisten Menschen, die Fernsehen gucken, eher auf Facebook sind, als auf Twitter, ist das auf Facebook auch ein ganz anderes Publikum. Und das merkt man auch an den Kommentaren, die dort auflaufen.

Dennoch: Marina zeigt, die Chance, über Facebook ein größeres Publikum zu erreichen und Öffentlichkeit zu schaffen, ist eindeutig da. Und diese Öffentlichkeit ist es, die Twitter Facebook immer voraus hatte. Aber dieser Vorteil fällt gerade. Facebookuser sind behäbig in der Adaption neuer Konzepte, aber sie fangen gerade an, mit der neu gewonnenen Filtersouveränität umzugehen. Und da die Grundgesamtheit an erreichbarem Publikum auf Facebook so viel größer ist, als auf Twitter, wird Facebook dieses Rennen machen. Da bin ich mittlerweile sicher.

Es gibt schlicht keinen technischen Grund mehr für Twitter. Klar, es ist immer noch ein soziokulturell anderes Publikum, bei dem ich persönlich mich heimischer fühle. Aber auch die werden abwandern, wenn es auf Twitter immer stiller wird und man immer weniger Leute erreicht, bzw. man auf Facebook immer mehr. Sad but true.

Um 50 Euro hatte ich mit Marcel Weiss gewettet. Eigentlich wäre es an der Zeit meine Niederlage einzugestehen. Aber ich bin eigentlich ganz froh, dass ich noch bis November Zeit habe, die 50 Euro zusammenzusparen.

PS: Ja, es hat seinen Grund, dass Google+ in diesem Post keine Erwähnung findet.

Radio und Eigentum

Auf meinen Text über Eigentum und Internet hat es zahlreiche Reaktionen gegeben. Aus irgendeinem Grund vor allem von Radiosendern. Ich weiß nicht, warum das Radio sich sich so einheitlich dafür interessiert, aber die Anfragen kamen alle völlig unabhängig voneinander zustande.

1. Bereits vorletzte Woche lief auf Zündfunk im Bayrischen Rundfunk eine Sendung zum Thema „Leben in der Cloud“. Neben mir sind noch Sascha Lobo und Marcel Weiss zu hören. Depublikationssicher anhören kann man es sich hier.

2. Gestern lief auf 1Live die Sendung Vordenker, in der meine Eigentumsthese vorgestellt wurde. Ich kann leider keine mp3 finden. Aber es gibt das ganze auch in Textform. Falls sich mp3-mäßig noch was tut, werd ich es nachreichen.

3. Am Montag, den 19. März werde ich dann live im Studio bei Radio Fritz sitzen und über das Thema reden. Ich glaube, 18:05 Uhr oder so geht es los. Nach den Nachrichten.

Technikdeterminismus

Am Montag fiel mir ein Argument in’s Auge, nach dem ich schon lange suchte. Es geht um Technologien und warum es Quatsch ist zu glauben, dass wir auch darauf verzichten könnten, obwohl sie in der Welt sind. Christoph Kappes nämlich führt es so aus:

Jein. Das ist meines Erachtens nur noch eine Pseudoautonomie. Das Werkzeug ist da, und dann wird es eingesetzt, weil es Nutzen stiftet. Wie das Auto, da jammern und klagen auch alle, aber sie nutzen es, trotz Umwelt, Kosten, Sicherheit. Weil wir nicht anders können, als insgesamt effizient zu handeln- und das ist die Stelle, wo unser Geist zwar die Wahl hat, aber sie klugerweise nicht nutzt. Niemand geht 20 Stockwerke, wenn es einen Fahrstuhl gibt. Ist das noch eine „Wahl“?

Das ist in gewisser Hinsicht ein ökonomisches Argument. Aber Effizienzgewinne sind, egal ob man BWL studiert hat oder nicht, nun mal für jeden wichtig. Natürlich gibt es Leute, die den Fahrstuhl auch bei 10 Stockwerken nicht nutzen. Natürlich gibt es Leute, die kein Auto fahren (ich zum Beispiel). Aber davon darauf zu schließen, dass die Menschheit™  darauf verzichten könnte, ist ein Irrtum. Eine Technologie wird benutzt, wenn sie da ist, und zwar solange es für die selbe Aufgabe keine bessere Technologie gibt.

Das ist in etwa auch die Haltung, die aus „What Technology wants“ von Kevin Kelly spricht. Er argumentiert weniger theoretisch (Effizienzgewinne!) sondern empirsch („Schau, in all den tausenden Jahren haben sich Technologien immer soundso verhalten.„). Kelly knüpft seine Idee von Technologie deswegen eng an den Evolutionsbegriff.

Ich mach’s mir mal einfach: Wenn wir vorher gewusst hätten, was das Internet für Effekte zeitigen würde (erhebliche Probleme mit Urheberrecht und Privacy, erodieren staatlicher Souveränität: Kontrollverlust halt), hätten wir es dann trotzdem in Benutzung genommen? Jetzt schreien hier natürlich alle „Jaaa!“ aber ich bin mir sicher, einige Leute (manche Politiker, et al) hätten das gerne verhindert. Aber hätte man auf sie gehört? Ich glaube nicht. Die Wichtigkeit von Staatsgeheimnissen endet an der Möglichkeit eine E-Mail zu schreiben, statt einem Brief. Merkel würde niemals auf SMS verzichten wollen. Dann schon eher auf den Euro!

Das ganze in schwer: Sagen wir: Hiroshima, Nagasaki, Tschernobyl, Fukushima und Atommüll – dem allem wäre die Menschheit gewahr gewesen, bei der Erfindung der Atomenergie. Ich bin mir sicher, dass es viele Leute mehr gegeben hätte, die entschieden gegen den Einsatz dieser Technologie gewesen wären. Aber ich wette, dass die Menschen Atomkraft dennoch eingesetzt hätten (und es auch in Zukunft tun werden).

In What Technology wants kommt das Wort „inevitable“ gefühlt etwa so häufig vor, wie „the“. Es ist irgendwie eine moderne Bibel. Das Technium als gestaltendes, transzendentales Prinzip, das dafür sorgt, dass es immer weiter geht, dass es nie still steht. Eine Evolution deren Herren wir nicht wirklich sind. Erfindungen passieren wie Mutationen und erklären sich viel eher aus dem Gegebenen der vorhandenen Technologie, als durch irgendein menschliches Genie. (Technologie Z konnte erst erfunden werden, als Technologie X und Y so weit waren …)

Allerdings ist dann doch nicht alles so vorherbestimmt. Kelly vergleicht das „Wollen“ des Techniums mit dem „Wollen“ des Wassers in einem Tank. Das Wasser „will“ herausfließen. Das heißt nicht, dass es das auch schafft, aber es ist schon ein enormer Druck, der sich da aufbauen kann.

Die Wände des Tanks müssen entsprechend stark sein. Mit anderen Worten: will man eine bestimmte Technologie verhindern, muss man meist sehr viel Gegenkraft organisieren. Ich bin gespannt, ob die bei der Atomkraft ausreicht (zumindest in Deutschland).

Aber vor allem beim Internet bin ich mir sicher, dass, egal wie stark die Kräfte sind, die sich beizeiten gegen das Internet organisieren, es nicht aufzuhalten ist. Die Effizienz- und Freiheitsgewinne durch das Internet sind so enorm, dass diese Technologie jeden Tank zum Bersten bringen wird. Und was sich ihm in den Weg stellt, wird weggespült werden. Es ist der Kontrollverlust, der meine Zuversicht speist.

Wenn Technikdeterminismus eine Religion ist, dann bin ich ihr Anhänger. Ich glaube daran, dass sich nützliche Technologie durchsetzt, so sehr, wie ich an die Evolution glaube. Und wie bei der Evolution lässt sich auch immer erst im Nachhinein sagen, welche Technologie anscheinend „nützlich“ war. Es ist immer die, die sich durchgesetzt hat.

Nerdologie: 23 und 42-Nerds.

Dies ist eine kleine privatempirische Beobachtung, die ich aber sowohl küchenpsychologisch sowie mit meiner speziellen Wald und Wiesen Ethnorgraphie untermauern kann. Und weil ich das finde und weil ich das kann, schreib ich sie hier mal auf, meine kleine Nerdologie.

Ich bin ja irgendwie selber Teil der Nerdkultur und irgendwie auch nicht. Ich fühle mich regelmäßig davon angezogen und abgestoßen. Gleichzeitig. Ich versuche mich gelegentlich abzugrenzen, was mir aber nicht glaubwürdig gelingt, denn ich liebe die Nerdkultur und sie geht mir auf die Nerven – ich finde sie jedenfalls spannender als alle anderen Kulturen, wenn man das so sagen kann. Als wüsste man was das ist: Kultur – und ja, das sage ich, als Kulturwissenschaftler.

Jedenfalls ist mir aufgefallen, dass sie zwei Seiten hat, diese Nerdkultur. Naja, ich bin vorsichtig: die hat mindestens zwei Seiten, vielleicht auch mehr, aber zwei Seiten habe ich identifizieren können. Und witziger Weise lassen sich diese beiden Seiten mit den zwei wichtigesten Zahlen der Nerdkultur in Verbindung bringen: 23 und 42.

23

23 ist die Zahl der Illuminati. In dem dreiteiligen Roman Illuminatus von Robert Shea und Robert Anton Wilson wird diese Geheimloge beschrieben. Die Illuninati operieren im Untergrund, sie unterwandern Regierungen, planen Attentate und Revolutionen. Nichts passiert durch Zufall auf der Welt, hinter allem stecken die Illunimati. Und die 23 zeigt es an. Das Datum, die Anzahl der Opfer oder Stockwerke, die Außentemperatur, irgendwo ist sie immer versteckt, die 23. Und wenn nicht, so soch wenigstens ihre Quersumme 5.

Karl Koch, einer der Hacker, die in den 80ern in die Rechner des Pentagon eindrangen und vom KGB bezahlt wurden, verfiel dieser Verschwörungstheorie im Rausch von Drogen und Größenwahn. Er witterte überall Verrat, Überwachung und Verfolgung. Er wurde zunehmend Paranoid. Am Ende begang er Selbstmord. Viele bezweifeln den Selbstmord allerdings. Waren es am Ende die Illuminati?

42

42 ist die Antwort auf all die Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Im Roman Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams rechnet ein unfassbarer Riesencomputer mehrere Millionen Jahre an dieser Antwort. Das Ergebnis ist natürlich für viele enttäuschend. Das liegt aber nur daran, dass wir die Frage zu der Antwort nicht kennen. Die aber muss ein noch viel größerer Riesencomputer errechnen. Und so fangen sie an, einen noch viel größeren Computer …

Douglas Adams Science Fiction Persiflage ist die Bibel der Nerdkultur. Unzählige Referenzen, Meme und Anspielungen haben sich tief in das kulturelle Gedächtnis gebort und hören nicht auf, immer neue Blüten zu tragen. Die 42 hat dabei eine Sonderrolle, denn sie thront als ironische Referenz der Allwissenheit über allem.

 

Wir haben also zwei Zahlen unterschiedlichen Ursprungs und diese beiden Zahlen drücken ganz unterschiedliche Haltungen aus. Ich behaupte nun, dass diese Zahlen zwei unterschiedliche Nerdtypen repräsentieren, die wir alle kennen und die aber durchaus sehr unterschiedlich sind, beinahe Gegensätze. Ich werde diese beiden Nerdtypen hier mal überspitzt gegenüberstellen.

Der 23-Nerd

Der 23-Nerd ist auf immer der Hut. Er geht selten raus, denn er mißtraut der Welt. Er weiß: die Welt ist böse. Er weiß, die da oben wollen nur sein Schlechtestes. Er glaubt nicht umbedingt an eine globale Verschwörung (oft aber doch) und trotzdem weiß er, dass sie hinter ihm her sind. Auf dem Rechner hat er nur Debian, weil die anderen Systeme unsichere Komponenten verwenden. Open Source ist Muss, denn er will jeden Systemcall beim Vornamen kennen. Das Web sitzt er aus („Setzt sich eh nicht durch!“). Überhaupt mißtraut er jeder neuen Technologie. Für ihn sind das erstmal Unterdrückungsinstrumente und erst wenn er – 15 Jahre später – selbst anfängt, sie zu nutzen („jetzt sind sie sicher!“) werden sie ihm zur Waffe. Zur Selbstverteidigung, natürlich und gegen die bösen da oben. Datenschutz ist ihm das A und O. Vertraulichkeit ist wichtig, Informationen im Netz findet man über ihn nicht und da ist er stolz drauf. Natürlich lacht er, wenn man ihn darauf anspricht, ob er einen Aluhut hat, aber nur kurz, dann wird er ernst, denn er hat tatsächlich mal drüber nachgedacht. Überhaupt ist Humor nicht so seine Stärke, aber es gibt ja auch nicht viel zu lachen auf dieser Welt.

Der 42-Nerd

Der 42-Nerd nimmt sich nicht ganz so ernst. Aber dann wieder doch. Es ist genau diese Mischung aus Ironie und Selbstüberschätzung, die ihn ausmacht. Er ist praktisch ständig auf der Suche nach der Weltformel und ist auch bereit ein weites Stück dafür zu gehen. Und so fahndet er nach dem neuesten Supercomputer. Er sammelt Gagets, wie ander Briefmarken. Aber anstatt sie einfach zu benutzen schraubt er sie auf, modfiziert er sie, Jailbreakt sie und bürstet sie gegen den Strich. Weil er es kann. Er liebt Technologie und er liebt es mit ihr rumzuspielen. Ihm macht es nichts, wenn etwas Beta ist, wenn ihm der Computer zum zehnten Mal abstürzt, denn er will der erste sein, der die neue Software testet. Wenn man ihm etwas neues in die Hand gibt, findet er sofort kreative Arten es zu verwenden und freut sich daran, wie ein Schneekönig. Er ist natürlich viel im Netz unterwegs. Nur dort wird seine unendliche Neugier – also seine Gier nach neuem – befriedigt. Er hat auf jeder Plattform einen Account und er kann nichts unausprobiert lassen. Er braucht den sozialen Ausstausch, alleine um immer genaustens informiert zu sein. Er ist ein Spielkind, durch und durch, er nimmt nichts ernst, lässt keine Autorität gelten, krempelt alles um und weiß immer alles besser.

Wer mich kennt, weiß schon, welche der beiden Seiten mir sympathischer ist, bzw. welcher ich mich selbst am ehesten zuordnen würde. Aber ich denke, es ist nicht so leicht, dass man jetzt durch die Nerdreihen schreiten könnte und die Leute einfach unterteilen kann. Ich glaube, in jedem Nerd wohnt sowohl die 23 als auch die 42, nur unterschiedlich stark ausgeprägt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass in Deutschland die 23 überwiegt, in Silicon Valley eher die 42. Der Chaos Comminication Congress ist eher 23, die re:publica ist eher 42. Bre Pettis ist eher 42, Richard Stallmann ist eher 23. Und so weiter.

Ich glaube übrigens, obwohl ich selber so viel eher 42 bin, dass 23 wichtig ist und gut. Irgendwer sagte mal: Das Flugzeug wurde von Optimisten erfunden, der Fallschirm von Pessimisten. Die 23-Nerds ziehen alles immer wieder ein Stück zurück, insitieren auf Sicherheit, kühlen die Euphorie der 42er. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. (Obwohl ich mir hierzulande dann doch deutlich mehr 42 wünsche!)

Die Zukunft spüren

Heute hatte ich ein politisches Spontantransparenzerlebnis. Man fragt sich ja oft, wie in der Politik Ideen auf den Weg gebracht und Entscheidungen abgestimmt werden. Heute hatte ich das direkt bei mir in der Timeline.

Ausgangspunkt war, dass in der Hamburger Bürgerschaft Hans-Jörg Schmidt (@hschmidt) (SPD) für die Rechtssicherheit für W-Lanbetreiber warb und dazu eine Initiative im Bundesrat einbringen will. (Video). Daraufhin entspann sich dieser Dialog auf Twitter (von unten nach oben lesen):

Zur Einordnung der Personen:

@alios = Pirat.
@alx42 = Berliner Abgeordneter Piratenpartei
@hschmidt = Hambuger Bürgerschaft Sprecher für Medien- & Netzpolitik (SPD)
@boehningB = Chef der Berliner Senatskanzlei (SPD)
@KohlmeierSPD = Sprecher der Berliner SPD-Fraktion für Rechts- und Netzpolitik (SPD)

(nicht mit draufgepasst hat, dass @rka der Fraktionsvorsitzende der Piraten in Berlin auch die Aktion guthieß)

Ganz unabhängig davon, ob diese Kooperation nun tatsächlich statt findet oder nicht, hat mich das Erlebte fasziniert. Aus mehreren Gründen:

  1. Klar, das Erlebnis hautnah dabei zu sein, wenn Politik passiert.
  2. Die komplette Abbildung eines Entscheidungsprozess in einem Medium – wenn auch eines spezifischen (siehe 3) – und die damit geschaffene Transparenz und Nachvollziehbarkeit.
  3. Vor allem: Auch die Spontanität und Geschwindigkeit dieser Entwicklung. Solche bilateralen Gespräche zweier Parteien dreier Fraktionen zweier unterschiedlicher Parlamente aus zwei Bundesländern über eine politische Kooperationen hat es auf diese Weise (Schnelligkeit, Direktheit, Unkompliziertheit) sicher noch nicht gegeben. Das kann nur Twitter, bzw. das Internet. Irre.

Klar, das alles ist nicht der Weisheit letzter Schluss und vielleicht wird daraus ja auch nichts. Aber es gibt einem ein Gefühl dafür, was alles Möglich ist. Ein Gefühl für die Zukunft der Politik.

Eigentumpopeigentum – oder warum Heveling recht hat


Bild: Tillmann Allmer
Gestern hatte ich mit Max bei Wir müssen reden mal wieder eine etwas heftigere Diskussion. Es ging um Eigentum, geistiges wie das an Dingen. Ich habe die These vertreten, dass nicht nur das geistige Eigentum in der Krise ist, sondern auch das herkömmliche immer mehr an Bedeutung verliert. Max widerspricht mir in beiden Punkten. Ich fürchte auch, dass ich meinen Punkt nicht ganz klar machen konnte, bzw. ich merke, dass der Gedankengang doch gar nicht so trivial ist und eine gewisse Herleitung braucht. Jedenfalls dort, wo ich von einem Bedeutungsverlust von normalen Eigentum rede. Deswegen hier nochmal ein Erklärungsversuch. (Geistiges Eigentum / Urheberrecht lass ich hier mal absichtlich außen vor.)

Zunächst ein paar obligatorische dontgetmewrong-Worte: Natürlich gibt es Eigentum. Mehr und vielfältiger und umfassender denn je. Eigentum ist die Grundlage des Kapitalismus und diese Grundlage ist mächtiger und dominanter als je zuvor. Nie war Eigentum rentabler, nie war Eigentum entscheidender für die eigene ökonomische Situation. Das alles will ich gar nicht bestreiten, im Gegenteil – ich komme darauf zurück.

Ich will aber kurz den Blick weg von den durchaus wichtigen Macht- und Verteilungsfragen auf den rein funktionalen Aspekt von Eigentum lenken. Eigentum ist vor allem ein Prinzip, mit dem wir Ressourcen verteilen. Eigentum ist ein Rechtstitel. Im Gegensatz zum Besitz, der nur anzeigt, wer gerade über eine Sache verfügt, ist das Eigentum einklagbar. Mit anderen Worten, um Eigentum auf einem System zum laufen zu bringen, braucht es erstmal einen Staat mit Gewaltmonopol und eine Justiz. (Diese Vorgänge werden sehr gut und anschaulich beschrieben in „Eigentum, Zins Geld“ von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger.) Es grenzt sich deswegen vor allem gegen das feudale Distributions-Prinzip (Gewalt und Erbfolge) ab, wo man eben das Land besaß, dass man verteidigen konnte. Und Ansgar Heveling hat nicht völlig Unrecht, wenn er im Eigentum die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft sieht.

Wichtig ist: Eigentum hat also eine funktionale Dimension und somit eine Aufgabe in der Gesellschaft. Eigentum ist die grundlegendste Basis auf der wir klären, wer etwas nutzen darf, also wie wir vorhandene Ressourcen verteilen. Es ist – wie ich finde – auch ein besseres System als der Feudalismus, der diese Fragen mit Kriegen und Erbfolgen regelte. Doch: ist es auch heute noch gut genug?

Vorestern wurde ich von einem Journalisten des Bayerischen Rundfunks interviewt (Sendung kommt wohl nächste Woche) und zwar über „mein Leben in der Cloud“. Ich hatte mal einen Artikel über mein digitales Nomadentum geschrieben, weswegen er auf mich kam. Mein Leben kann man mit einiger Berechtigung als „Postmateriell“ bezeichnen. Ich besitze sehr wenig Gegenstände und das auch freiwillig und bewusst. Nicht weil ich so ein konsumkritischer Geist wäre (absolut nicht), sondern weil sich Eigentum nicht besonders gut anfühlt. All die Dinge, die ich besitze, fesseln mich an einen Ort, machen mich weniger flexibel, schränken mich in meiner Bewegungsfreiheit ein. Jedenfalls gefühlt und fühlen tu ich das immer, wenn ich meine materielle Welt mit der im Netz vergleiche.

Wenn ich es radikal durchdenke, brauche ich einen Rechner, ein Smartphone und ein Platz zum schlafen. Der Rest ist in der Cloud. All meine Informationen, meine Musik, meine Bücher, meine Freunde, meine Lebensstil, meine Identität. Identität – das ist sicher ein wesentlicher Punkt – hat sich immer gerne an Einrichtungs- und sonstigen Gegenständen festgemacht. Das tue ich nicht mehr. Ich wohne in einer 30qm-Bude und wenn ich Leute empfange, dann in meinem Lieblingscafe um die Ecke. Identität geht im Internet viel besser.

Jetzt schreien wieder einige, ich wolle meinen Lebensstil als Grundlage der Gesellschaft festlegen. Nein, ich weiß, dass ich da gewisser Maßen einen Radikalentwurf lebe. Ganz und gar nicht besonders ist aber, dass ich beispielsweise zur Miete wohne. Das geht den meisten Menschen so, jedenfalls in Deutschland. Klar. Es gibt nach wie vor diesen bürgerlichen Traum von „was eigenes“, aber ich habe den Eindruck, dass sich immer mehr Menschen mit dem „zur Miete wohnen“ nicht nur arrangieren, sondern dessen Vorteile nicht mehr missen wollen. In Spanien sind die Jugendlichen unter anderem deswegen so frustriert, weil die Jugendarbeitslosigkeit für sie gleichzeitig bedeutet, dass sie nicht von zuhause ausziehen können. Es gibt dort nämlich fast gar keinen Mietmarkt, sondern nur Eigentum. Und ohne Arbeit keinen Kredit, ohne Kredit keine Eigentumswohnung, ohne Eigentumswohnung streckt man die Füße halt unter Mamas Tisch.

Bei genauerer Betrachtung stellt sich also heraus, dass der Mietmarkt viel schneller und flexibler auf individuelle Bedürfnisse reagieren kann, als der Eigentumswohnungsmarkt. Der Mietmarkt ist die effizientere Strategie, die Ressourcen (vorhandener Wohnraum) schnell und passgenau den Bedürfnissen der Individuen zuzuführen. Denn die sind immer schnelllebiger und mobiler und wechseln heute schnell man die Lebensituation, den lebensentwurf, den Job, den Partner, die Sexuelle Identität, whatsoever. Manche finden das schlimm, ich nenne das Freiheit. Die Menschen sind freier in ihrer Lebensgestaltung und in ihren Lebensentwürfen, wenn es einen Mietmarkt gibt.

Bereits um die Jahrtausendwende hat Jeremy Rfikin ein wichtiges Buch geschrieben: Access. Er macht darin die Beobachtung, dass sich in unserem everydaylife das Eigentum nach und nach verabschiedet und durch Miet- und Zugangsbezahlmodelle ersetzt wird. Das heißt, es geht immer weniger darum, Eigentum zu kaufen und zu verkaufen, sondern darum, Zugang zu Ressourcen zu vermieten – Access eben. Er beizieht das natürlich auf das gerade heranrollende Internet und damit auf den Zugang zu Informationen. Lizenzmodelle bei kulturellen Gütern, aber auch all die anderen Märkte, die von Eigentumsbasierten Verteilungsformen zu zugangsorientierten Verteilungsformen wandeln, sind sein Thema.

Er sieht diese Entwicklung zunächst erstmal recht kritisch, zeigt die Gefahren auf, leider kaum die Vorteile. (Die da zb. wären, dass es enorm viel mehr Menschen ermöglicht, an Kultur und Wissen zu partizipieren) Und leider analysiert er diese Verschiebung so gut wie gar nicht. Rifkin hat eine wichtige Beobachtung gemacht, er hat sie aber nicht verstanden. Denn dass zugangsorientierte Verteilung immer weiter um sich greift, ist nicht Zufall, sondern hat seinen Grund.

Dadurch, dass wir immer bessere Kommunikationsmedien haben, sinken die Transaktionskosten für die Ressourcenverteilung. Eigentum ist in Sachen Transkationskosten immer schon ein effizientes Modell gewesen. Man legt es einmal fest und dann bleibt es in dem Zustand, es sei denn man verkauft es weiter. Eine Sache zu mieten ist sehr viel komplizierter. Dadurch, dass das Verhältnis von vornherein befristet ist, gibt keine Sicherheit, wer die Sache verwenden kann. Auch, dass zwei Parteien nun gleichzeitig Rechte an einer Sache haben, verkompliziert alles. Rechte und Pflichten müssen bilateral ausgehandelt werden. Wenn ein Mieter abspringt, muss ein neuer gefunden werden und die Aushandlungsprozesse beginnen von neuem, etc.

Sprich: in vielen Bereichen lohnt sich das Mietmodell nicht besonders gut. Bei Wohneigentum hatten wir eine recht frühe Entwicklung hin zum Mietmarkt. Natürlich vor allem, weil Wohnraum so grundlegend ist und das Mietenmodell schnell rentabel werden kann. Aber auch dadurch, dass durch das Mietrecht viel vereinfacht wurde, und sich Standardmietverträge durchsetzen konnten. Außerdem haben sich die Zwischenhändler wie Makler und Wohnungsgesellschaften etabliert, an die man die Transaktionskosten outsourcen konnte. Und wir sind hier nicht am Ende: gerade sehen wir, wie sich der Mietmarkt weiter liberalisiert – und zwar durch das Internet. Hotelartige Mietmodelle werden auf einmal für jeden möglich über Plattformen wie 9Flats und airbnb und Couchsurfingcommunities. Sie alle reduzieren die Transaktionskosten für die gegenseitige Vermittlung und Aushandlung von Wohnraumverteilung, so dass immer volatilere Mietmodelle rausspringen.

Das Internet und die begleitenden Technologien sind gerade auch dabei einen anderen Markt zu einem Mietmarkt umzugestalten. Ein Auto war immer etwas, was man selbst besaß. In den Städten können wir aber sehen, dass immer mehr Carsharing-Dienste auftauchen. Mietautos gibt es ja schon länger, aber die hat man nicht für eine Stunde ausleihen können. Das hätte sich nicht gelohnt, weder für den Mieter, der auf gut Glück zum Vermieter kommen muss, noch für den Vermieter, der jedesmal viel Verwaltungs- und Kontrollkram abwickeln muss, wenn ein Auto rein oder raus geht. Durch das Internet kann ich nun aber sofort erfahren, welcher Wagen frei ist und wo er steht. Ein Klick und ich hab ihn gebucht – für ein, zwei Stunden. Der Vermieter sieht immer wer gerade welchen Wagen wo fährt, automatisch. Durch die Reduzierung der Transaktionskosten im Internet werden solche Modelle immer attraktiver. Und irgendjemand hat mal ausgerechnet, dass wir mit effizienten Carsharingmodellen die Innenstädte von 80% des herumstehenden Blechs befreien könnten, ohne dass jemand Mobilitätseinbußen hinnehmen müsste.

Wir sehen also, dass in unserem Leben das Ressourcen-Verteilungsmodell über Eigentum immer mehr an – zumindest funktionaler – Bedeutung verliert und dass das seine guten Gründe hat. Wir können Bedürfnisse und Ressourcen durch Zugangsmodelle und mithilfe der Kommunikationstechnologie viel feingranularer und schneller aufeinander abstimmen und auf Bedürfnisse gezielter reagieren. Und ich finde das etwas gutes und ich möchte das nicht mehr missen. Ich finde, das ist die Zukunft, die wir anstreben sollten, aus ökologischen Gründen ebenso, wie aus freiheitlichen.

Nun müssen wir aber einräumen, dass unterhalb dieser Oberfläche auf der wir so wunderbar eigentumslos dahingleiten, es nach wie vor diesen Eigentumslayer noch gibt. Nur weil wir damit nicht in Berührung kommen (Ich weiß nicht, wem das Haus gehört, in dem ich wohne und es interessiert mich auch nicht), heißt es nicht, dass da kein Eigentum am Werkt ist. Im Gegenteil. Den Eigentümern geht es bei dieser Entwicklung ganz und gar prima, denn sie bekommen fast die gesamte Rendite, von diesen Effizienzsteigerungen. Überall wo durch technologischen Produktivitätsgewinn ein Arbeitsplatz eingespart wird, freut sich der Kapitalist, denn es ist seine Rendite. Und das beste: er muss dafür keinen Finger krumm machen!

Nehmen wir den Hauseigentümer. Früher kümmerte es sich noch selbst um seine Mieter, suchte sie aus, sorgte für ihre Zufriedenheit und kümmerte sich um das Haus. All das hat er jetzt in den Wohnungsverwaltungslayer ausgelagert. Er muss sich um nichts kümmern. So wenig wie ich ihn kenne, kennt er mich. Mit anderen Worten, er ist von allen Pflichten eines Eigentümers befreit, kassiert nur noch die Rendite. Und wenn die Wohnungsgesellschaft durch wohnungsvermittelnde Internetportale effizienter Mieter findet, dann ist er es, der diesen Produktivitätsgewinn einstreicht. Ohne, dass er sich überhaupt um irgendetwas nur noch kümmern müsste. Oder andersherum gesagt: er hat für die gesamte Verteilungsfunktionalität des Systems keinen Nutzen mehr, sondern fällt ihm nur – und zwar erheblich – auf die Tasche.

Der Eigentümer ist in dieser schönen neuen Welt der nutzlose Parasit. Er hat sich längst von jeglicher Aufgabe befreit, er spielt in dem System keine Rolle mehr. Aber er ist es, der am meisten von ihm profitiert. Und wenn man sich also das System und wo es hinführt auf diese Weise anschaut, dann kommt das System Eigentum also in erhebliche Legitimationsnot. Und ich bin sogar der Überzeugung, dass viele der Turbulenzen an den Finanzmärkten mit genau dieser Entwicklung zu tun haben. Dass eine kleine Klasse von wenigen Besitzenden aber nicht produktiven Menschen gibt, die Produktivitätsrenditen einseitig absaugen – dahin wo sie nutzlos sind – und so Ressourcen blockieren.

Die einzig verbleibende Funktion von privatem Eigentum ist die Investition. Und die funktioniert immer schlechter und führt zu enormen Ungleichgewichten.

Ich glaube also, dass wir Eigentum funktional in Zukunft nicht mehr brauchen. Es war mal eine effiziente und sogar emanzipative (verglichen mit dem vorher vorherrschenden Feudalismus) Ressourcenverteilungsstrategie, aber sie ist ganz offensichtlich überholt. Alles, wozu Eigentum gut ist wird mehr und mehr auf einem neuen Abstraktionslayer besser und effizienter abgebildet. Und so wie die Gesellschaft damals die immer mehr nur noch zu last fallenden Feudalherren loswerden musste, wird es dereinst unsere Aufgabe sein, die Eigentümer loszuwerden. Ansgar Heveling ist einer, der das begriffen hat – zumindest ahnt er es. Und er hat Angst. Zu recht.

ACTA in plain Deutsch

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Dies ist ein Crosspost eines für Facebook geschriebenen Artikels. Hier auf meinem Blog habe ich das Gefühl, dass ich nur zum Chor predige, denn Blogs werden in Deutschland nur von genau der Minderheit gelesen, die eh ungefähr weiß, was ACTA ist. Es kann ja aber dennoch nicht schaden, den Text auch noch mal hier zu veröffentlichen. Dennoch wäre es schön, wenn ihr ihn – in welcher Form auch immer – vor allem auf Facebook verbreitet. Einfach, weil er dort die größten Chancen hat, die Richtigen zu erreichen.
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Liebe nicht so netzpolitisch interessierten Freunde, (früher hätte ich „Offlinefreunde“ gesagt, aber das stimmt ja nicht mehr. Ihr seid ja alle auf Facebook – und das finde ich gut!), ich brauche eure Hilfe. Ja, wirklich jetzt. Und es ist dringend.

Bitte nehmt Euch einen ganz kurzen Moment und schaut euch dieses Video hier an:

Die sind ganz schön sauer, wa? Das ist in Polen und die Polen demonstrieren gegen etwas, das „ACTA“ heißt. Gut, denkt ihr jetzt: Diese ehemaligen Ostblockländer haben immer mal wieder schlimme Regierungen, die schlimme Gesetze verabschieden. Kann man ja verstehen, dass die demonstrieren.

Aber ACTA ist kein Gesetz und vor allem kein polnisches. Und deswegen gehen nicht nur die Polen, sondern auch die Leute in Frankreich, Belgien und vielen anderen europäischen Ländern auf die Straße. ACTA ist nämlich ein so genanntes „Handelsabkommen“ mit vielen internationalen Partnern. Und einer der Partner ist die EU – also auch die Polen. Und: richtig, auch wir. Letzten Donnerstag unterzeichnete einer der EU-Verantwortlichen den Vertrag. Und zwar in Japan.

Gut, denkt ihr. Ein Handelsabkommen. Das ist doch schön. Brummt die Wirtschaft wieder, es geht bergauf. Was regen sich die Leute also so auf, dass sie zu Zehntausenden bei minus 15 Grad auf die Straße gehen?

Nun, dieses Handelsabkommen hat es in sich. Es verpflichtet die Unterzeichnenden Staaten dazu einige ihrer privaten Unternehmen zu einer Art Polizei umzufunktionieren. Sie sollen Wache schieben, Streife fahren und kontrollieren und auch bestrafen. Wen? Schlimme Verbrecher bestimmt. Nein, Euch! Ja, richtig gelesen, es geht um Euch!

Eines der Ziele von ACTA ist es zum Beispiel euren Internet Service Provider (das ist das Unternehmen, wo ihr wegen Internet immer Geld hin überweist) dazu zu verpflichten, alles was ihr im Internet so tut genauestens zu überwachen. Und euch auch gleich zu bestrafen, falls ihr nicht spurt. Zum Beispiel urheberrechtsgeschützes Material widerrechtlich besorgt. Dann ist das Internet weg. Zack!

All das gilt natürlich für viele Dienstleister, vor allem im Internet. Auch der Google soll euch überwachen, der Youtube und auch der Facebook. Und sie alle sollen euch auf die Finger klopfen, wenn ihr „böse“ seid. Ihr glaubt, das geht doch gar nicht? Das können die GoogleFacebookYoutube doch gar nicht leisten, so viel zu überwachen? Wahrscheinlich habt ihr recht. Und dann gibt es eben kein GoogleFacebookYoutube mehr. Jedenfalls nicht so, wie wir es kannten, weil diese Dienste sonst mit Klagen überrollt werden. Sie sind dann nämlich nun für euch „verantwortlich“.

Ja, ACTA will nicht weniger, als das Internet – in dem sich jeder frei ausdrücken kann – zu zerstören. Sie wollen das Internet zwingen, zu einer Art Fernsehen zu werden, wo nur ihr Programm läuft und Ihr gefälligst wieder die Schnauze zu halten habt.

Jetzt fragt ihr natürlich, wer diese „die“ sind, die das machen wollen.

„Sie“ sind die internationale Inhalterechteverwertungsindustrie. All die Labels, Verlage, Filmstudios etc., die wegen dem Internet ihre Geschäftsmodelle bedroht sehen. Sie finden das nicht gut, was hier passiert. Es stört ihre Bilanzen. Sie glauben leider, dass sie ihr Geld, statt für den Aufbau wirklich attraktiver Downloadportale, lieber in Anwälte und Lobbyisten investieren sollten, um die Staaten und Internetdienste dazu zu bringen, ihr Geschäftsmodell zu beschützen. Dass sie die Meinungsfreiheit im – wie wir seit letztem Jahr wissen – wichtigsten politischen Medium damit zerstören, ist ihnen egal.

Und bei diesem Wahnsinn machen die Politiker mit?

Es sieht leider so aus. Leider gehören auch die Politiker größtenteils eher zu den „netzpolitisch weniger interessierten“ Menschen. Sie wissen wenig über das Internet und haben ein offenes Ohr für Leute, die darüber klagen, dass etwas neues, komisches (dieses Internet) ihr jahrzehnte doch so super funktionierendes Geschäftsmodell kaputt macht. (Denkt denn keiner an die Arbeitsplätze?!?)

Aber, wenn das alles so wichtig und schlimm ist – fragt ihr euch jetzt sicher – warum hab ich dann noch nie etwas darüber erfahren?

Zum einen ist das natürlich gewollt. Die Verträge zu ACTA wurden über Jahre unter absoluter Geheimhaltung entwickelt. Es hat lange gedauert, bis überhaupt zugegeben wurde, dass es so ein Abkommen gibt. Die Versionen des Vertragswerkes, die wir kennen, wurden von Netzaktivisten „geleakt“ (ja, so wie bei Wikileaks).

Zum anderen erfährt man darüber nichts in den klassischen Medien, weil die klassischen Medien selber Nutznießer dieses Abkommens sind. Ob ihr es glaubt oder nicht, es stinkt den Verlagen auch hierzulande, dass ihr lieber den Facebook lest, statt die Gala und lieber drollige Katzenvideos auf dem Youtube klickt, statt Bauer sucht Frau zu gucken. Da verdienen die nämlich nichts dran. Warum sollten sie Euch also was über ACTA erzählen? Ist schließlich auch scheiße kompliziert und passt irgendwie nicht in die Abendnachrichten.

Und nu? Is jetzt alles vorbei? Haben „die“ gewonnen?

Nee, noch nicht ganz. Das europäische Parlament muss erst noch über ACTA abstimmen. die ACTA-Macher glaubten, dass das nur reine Formsache wär. „Einmal abnicken, bitte!“ Aber in Polen und in anderen teilen der EU regt sich der Widerstand. Es wird langsam aber sicher eine Öffentlichkeit für das Abkommen geschaffen und in ganz Europa merken die Menschen, dass es hier um sie geht und um die Zukunft der Demokratie und Meinungsfreiheit. Nur in Deutschland noch nicht. Aber das kann sich ja ändern!

Okay! Was kann ich tun?

Zunächst einmal ist das wichtigste hierzulande überhaupt mal Öffentlichkeit zu schaffen. Ich kann das nicht. Blogs können das nicht. Die werden in Deutschland leider nicht gelesen. Deswegen brauche ich ja auch Eure Hilfe. Also tut mir bitte den Gefallen und teilt diesen Post an möglichst alle Eure Freunde. Je weniger Internetnerd, desto besser.

Und informiert Euch weitergehend. Zum Beispiel hier gibt es sehr anschauliche Videos. (netzpolitik.org ist sowieso eine gute Adresse für Nachrichten dieser Art. Bei Interesse einfach hier die Facebookpage liken. dann bekommt ihr deren aktuelle News in Euren Nachrichtenstrom.)

Dann gibt es eine Demo am 11. Februar um 15:00 in ganz Deutschland. Tretet für aktuelle Nachrichten dem Facebookevent bei. Es ist wichtig, dass dort so viele Menschen hinkommen wie möglich, damit die Politiker und Lobbyisten merken, dass die Bevölkerung nicht schläft. Nicht mal in Deutschland.

Unterschreibt bitte auch bei dieser internationalen Petition:

Und dann ist es natürlich immer gut, wenn man versucht, den eigenen Euroabgeordnenten zu dem Thema zu kontaktieren und auf die Gefahren aufmerksam zu machen.

Liebe – hoffentlich – netzpolitisch nicht mehr ganz so uninteressierten Freunde, ihr merkt, das Netz geht uns alle an. Es ist ein wichtiger Baustein für eine demokratische Zukunft. Wir müssen auf es aufpassen, denn es gibt viele undemokratische Menschen, die es aus eigennützigen Interessen zerstören wollen und viele Politiker, die das nicht verstehen. Um es zu beschützen, braucht es auch eure Wachsamkeit, denn glaubt mir, das ist alles erst der Anfang.

Open in Public Day

Heute ist der Open in Public Day. Eine super Erfindung der Spackeria um dem Lebenslaufoptimierten Reinheitsvorstellungen der hiesigen Datenschützern ein herzhaftes „Fuck You!“ entgegenzuschleudern. „Verschwende deinen Realname!“ sag ich – und stelle meine peinlichsten Saufbilder in’s Blog und in’s Facebookprofil. Dann haben alle etwas davon und die Jugendlichen vielleicht weniger Angst vor dem uminösen Personalchef.


Ich weiß nicht mehr, mit was ich da gegurgelt habe, ich schätze aber, es war Bier.


Im ersten Semester muss es gewesen sein, da haben wir „geboßelt„. Am Ende habe ich nicht nur den Weg mehr richtig getroffen.


Kein Kommentar.


*Hicks*


Auf dieser Party musste ich mich kurz mal hinlegen. Gott sei dank hatte ich gute Freunde bei mir, die mich anständig dekorierten.


Ich schwöre, das ist ein Flaschenöffner! ja, ein Falschenöffner!


Ich weiß nicht mehr wann und wo das war, aber bin mir sicher, der Typ links ist nicht unschuldig an meinem Zustand.

Quo vadis, Google?

Als Google seine neue Suche „Search, plus Your World“ launchte, dachte ich zunächst: „WOW! Google setzt alles auf eine Karte.“ Google+ soll der neue Dreh und Angelpunkt von allem sein. Obwohl sie fast ausschließlich mit Such-Anzeigen Geld verdient, will es sich nun mit aller Macht in ein Social Network mit angeschlossener Suchmaschine verwandeln.

Und tatsächlich. Egal ob die Verstümmelung des Readers, die Mailintegration, die Schließung so vieler Googleprodukte und die Einschränkungen bei APIs – alles hat sich Google+ unterzuordnen, ganz gleich, wie hoch die Kosten sind.

Doch was, wenn Google+ doch kein Erfolg wird? Social Networks agieren mehr noch als andere Produkte in einem „The Winner takes it all„-Markt. Und dieser Winner ist nach wie vor Facebook und sitzt fest im Sattel. Seine Netzwerkeffekte haben einen derartigen Lock-In, dass sich schon heute kaum jemand entziehen kann, ohne beträchtliche Einbußen in seinem Sozialleben zu ertragen. Facebook zu schlagen ist verdammt schwer. Und nee, das sehe ich nicht.

Warum also so eine risikobehaftete Strategie?

Ich hatte im letzten Jahr versucht zu zeigen, wie der Ansatz, den Google über Jahre als das „Interface zum Web“ zu fahren versuchte, durch die enorme Wichtigkeit von geschlossenen Plattformen in Gefahr geraten ist. Um eine gute Suchmaschine zu sein, braucht Google Daten darüber, was die Leute interessiert. Diese Daten liegen aber zum größten Teil beim geschlossenen Facebook. Je weiter Facebook wächst, desto größer wird der blinde Fleck in Googles Daten. Es ist logisch, dass ein eigenes Social Network – sollte es erfolgreich sein – hier Linderung verspricht. Das, so die Annahme, ist eben Google+.

Aber während ich noch rätselte, warum Google jetzt so auf Teufel komm raus sogar seine Suche „opfert“ um Plus zu pushen, schrieb Marcel Weiß noch eine weitere Deutung von Googles Strategie auf: Was, wenn Google die Integration von Plus in die Suche nur als Druckmittel und Drohkulisse – zumindest als Verhandlungsmasse – gegenüber Facebook und Twitter in’s Spiel bringt?

Es ist bekannt, dass Google schon lange versucht, Facebook und Twitter dazu zu bringen, ihre Daten für Google zu öffnen. Eine Zeitlang hatte Google Twitter auch so weit und konnte ihre Daten integrieren, doch der Vertrag wurde nicht verlängert. Was aber, wenn eine solche Integration nach wie vor ihr Anliegen ist? Dass Google+ jetzt exklusiver Datenlieferant für die Relevanz von Googlesuchergebnissen ist, läge also gar nicht an der Ausnutzung der Monopolstellung von Google, sondern an der Datengeizigkeit von Twitter und Facebook. Was, wenn Google die beiden mit diesem Schritt also nur zurück an den Verhandlungstisch zu bomben versucht? Bei Twitter scheint man jedenfalls schon aufgeschreckt zu sein.

Eine ähnliche Deutung existiert übrigens auch für Googles riesige Patentdeals. Es ist relativ offensichtlich, dass Google Motorola letztes Jahr vor allem auch deswegen kaufte, weil es die meisten und wichtigsten Mobiltelefonpatente überhaupt besitzt. Im ständigen Rechtsstreit, den Google wegen Android an allerlei Fronten auskämpfen muss, sind das natürlich recht scharfe Waffen, um sich zu verteidigen oder gar anzugreifen. Dazu kommen die vielen erst kürzlich eingekauften IBM-Patente.

Auch hier riefen die Kritiker, dass Google seine Ideale verrate. Die Firma hatte immer zu erkennen gegeben, dass sie von Patenten und Patentkriegen wenig hält, engagierte sich sogar als Lobbyist für die Abschaffung von Softwarepatenten. Und auf einmal versucht Google der große Player im Patentkrieg zu werden? BUUUH!

Auch hier existieren unterschiedliche Deutungen:

Die erste wäre: klar, Google wird erwachsen und sieht: mit Anwälten kann man mehr Geld verdienen, als mit Ingenieuren.

Die zweite wäre: Das ist pure Notwehr! Google Die Telefonhersteller, die Android einsetzen müssen ja jetzt schon 10 Dollar Lizensgebühren pro Smartphone an Microsoft abdrücken. Sie brauchen die Patente schlicht zum überleben.

Die dritte aber wäre: Google versucht den Patentmarkt zu ownen – um ihn abzuschaffen. Erst wenn man selbst Großpatentbesitzer ist, kann man sinnvoll gegen Patente lobbyieren, bzw. die anderen zum Waffenstillstand zwingen.

Die Frage ist also: Was sehen wir da gerade, wenn wir Google beobachten? Ein Unternehmen, dass sich jetzt einfach auf das Geldverdienen konzentriert und seine Glaubenssätze über Board schmeißt? Ein Unternehmen, dem es heute noch gut geht, aber merkt, dass es in naher Zukunft mit dem Rücken zur Wand steht und hektisch Rettungsmanöver einzuleiten versucht? Oder sehen wir ein Unternehmen, dass die Lage politisch, strategisch genauestens analysiert hat und merkt, dass es nicht reicht, selber Grundsätzen zu folgen, sondern dass man das Spiel dominieren muss, um es nach eigenen Regeln zu spielen.

Sind die Patente und ist Google+ also nur der Hebel, um die Marktteilnehmer zu mehr Offenheit – zum Guten – zu zwingen? Tut Google das alles nicht, um das Spiel zu gewinnen, sondern um das Spiel zum positiven zu ändern?

Wahrscheinlich ist diese Deutung zu schön, um wahr zu sein. Ich würde da aber gerne dran glauben.

Hacker, Geniekult und Kontrollverlust

Wo ich gerade den grandiosen Artikel von Kathrin Passig lese, in dem sie die in Feuilletonkreisen virulent gewordene „Algorithmuskritik“ detailliert auseinander nimmt: das wichtigste steckt in diesem Absatz:

2009 wurde der mit einer Million US-Dollar dotierte „Netflix Prize“ für die Verbesserung von Film-Empfehlungen verliehen. Die am Wettbewerb beteiligten Teams gaben in Interviews an, nicht mehr nachvollziehen zu können, wie ihre eigenen Algorithmen zu manchen Ergebnissen gelangen. Dass die Empfehlungen treffsicher sind, ist unstrittig, weil sich ihre Qualität anhand der abgegebenen Nutzerbewertungen überprüfen lässt. Aber der Weg dorthin erschließt sich auch den Programmierern nicht mehr.

In den Gesprächen mit Schirrmacher hatte ich immer das Gefühl, dass es da die Hoffnung auf eine technische Intelligenz gibt, die das alles richten wird. Leute, die zu erklären im Stande sind, was da passiert. Ich glaube, er denkt das im CCC gefunden zu haben. Und in der tat, ist das natürlich auch das Selbstbild der Hacker. „Der Kontrollverlust gilt ja nur für die da draußen. Die, die keine Ahnung haben.“ Stilprägend ist für diese Haltung immer der höhnische Unterton des Talks „Security Nightmares“ auf dem CCC-Kongress.

Zwar wäre es begrüßenswert, wenn über solche Themen besser Leute schreiben, die sich wenigstens ein bisschen auskennen (mehr Passig als Meckel!). Aber nicht, weil diese Leute im Stande sind, haarklein herzuleiten, was da genau passiert, sondern weil dann nicht so ein himmelschreiender Unsinn verbreitet wird, wie die Artikel von Meckel.

Aber die Hoffnung auf die technische Intelligenz als die neue Erklärbärelite unserer Zeit ist dennoch ein Irrtum. Nicht erst Julien Assange musste schmerzhaft feststellen, dass der Kontrollverlust kein Außerhalb kennt. Auch bei den Hackern wachsen die Zweifel, dass sie noch die coolen Schockwellenreiter sind. Der letzte Security Nightmare Talk lies jedenfalls schon mal ein paar nachdenklichere Töne zu.

Wir betreten gerade die Ära, wo Computer Dinge tun, die wir nicht mehr verstehen können. Auch keine supertollen Hacker und nee, auch keine noch so intelligenten Wissenschaftler. Mit Big Data ist das definitiv vorbei. Was wir aber weiterhin tun können, ist zu überprüfen, ob die Prognosen stimmen und die Algorithmen Dinge tun, mit denen wir zufrieden sind. An den Kontrollverlust aber müssen wir uns gewöhnen. Auch die Hacker.

Nachtrag: Natürlich wäre auf einer solchen Ebene auch eine sinnvolle Algorithmenkritik wichtig. Welche Algorithmen tun was und wie gut? Gemessen an ihren Ergebnissen. Und natürlich ist es wichtig und gut, sich mit der Funktionsweise von Computern zu beschäftigen und zu lernen wie Datenbanken und Webservices funktionieren. Aber nicht, um alles unter „Kontrolle zu haben“, sondern einzuschätzen, in welchem Maße man sie überhaupt noch haben kann.