Algorithmendeutung

In dem Artikel über die Impfgegner habe ich – nebenbei – den Hauptunterschied zwischen den sich für „kritisch“ haltenden Verschwörungstheoretikern und den tatsächlich kritisch denkenden Menschen daran festgemacht, dass wirklich kritisches Denken vor der eigenen Urteilsfähigkeit nicht halt macht. Seine eigene Urteilsfähigkeit in Frage zu stellen gehört genau so dazu, wie skeptisch gegenüber den Einschätzungen von anderen zu sein. Dabei muss man aber nicht immer so weit gehen, sich selbst präventiv für verrückt zu erklären, sondern es beginnt schon dabei einmal in Zweifel zu ziehen, dass man über alle notwendigen Informationen verfügt, um einen Sachverhalt zu beurteilen. Das ist nämlich meistens schon nicht der Fall und so werden schnell aus einer Beobachtung oder eine anekdotischen Episode Schlüsse (blitz-)abgeleitet, die sich bei näherem Hinsehen nicht halten lassen. Das passiert übrigens nicht nur Verschwörungstheoretikern, sondern allen, ja, mir natürlich auch; so musste ich aufgrund des richtigen Einwands von Anne Roth eben jenen Artikel nochmal etwas überarbeiten, weil auch ich hier voreilige Schlüsse aus meinen Beobachtungen gezogen habe, die empirisch vielleicht gar nicht haltbar sind. (Danke dafür)

So viel zur Einleitung, aber ich will hier auf eine Form des Fehlschlusses zu sprechen kommen, die – aufgrund ihrer Technologiebezogenheit – relativ neu ist, die ich aber immer wieder beobachte – und zwar auch bei eigentlich intellektuell gefestigten und sogar technikaffinen Menschen. Ich nenne diesen Trend „Algorithmendeutung“ und sehe darin die moderne Form des Kaffeesatzlesens.

Das erste mal ist mir das Phänomen aufgefallen, als sich 2011 die Berichterstattung um Wikileaks dem Höhepunkt näherte. #Wikileaks war lange auf Twitter das „Trending Topic“ – und dann auf einmal nicht mehr. „SKANDAL! ZENSUR! DIE US-REGIERUNG STEHT DAHINTER!“ wurde allenthalben in meine Timeline gebrüllt und das machte mich gleichzeitig stutzig und ein wenig traurig. Man muss fairer Weise dazu sagen, dass das mehr oder weniger parallel zu tatsächlichen Sperrungen von Wikileaks-Accounts bei Mastercard, Paypal und Domainamen-Diensten passierte. Dennoch war ich erschrocken von der Schnellschußaftigkeit meiner Mittwitterer. Zensur ist eine ziemlich krasse Anschuldigung, für einen einfachen Sachverhalt, für den sich Millionen plausiblere Erklärungen finden lassen und der sich auch aus den Interessen der US-Regierung nicht wirklich plausibel herleiten lässt (als ob man damit Berichterstattung unterdrücken könnte – im Gegenteil …).

Algorithmen sind eine komplexe Angelegenheit. Wenn wir mit ihnen in Berührung kommen, glauben wir oft zu wissen, wie sie funktionieren, oder zumindest funktionieren sollten, Wer aber sowas aber schon mal selbst gebaut hat, weiß, dass das alles nicht so einfach ist. 1.) kann man immer in seiner Filterblase gefangen sein und nur weil alle in meiner Timeline von Ereignis X reden, muss das noch nicht Weltweit der Fall sein. 2.) Ist der Trending-Algorithmus von Twitter eben nicht zu verwechseln mit „Worüber alle Leute gerade reden“, sondern will – wie der Name eigentlich schon sagt, eher herausfinden worüber alle demnächst reden werden. Er sucht nach Trends und bildet eben nicht den aktuellen Mainstream ab. Stichwörter, über die seit Tagen heftig diskutiert wird, sind nicht (mehr) Trending. Das heißt 3.), dass der Algo eine zeitliche Komponente implementieren muss, die sonst wie bestimmt sein kann und dass er eher die erste Ableitung der Popularitätskurve scannt. Dazu kommen 4.) Gewichtungen, um bekannte Unereglmäßigkeiten auszuschließen, sowie der Versuch den Spammern das Leben schwer zu machen, die natürlich ständig versuchen das System zu spielen. Am Ende bekommt man einen ziemlich komplexen Algo, der auf einer riesigen Welle von Echtzeitdaten surft und eben nicht mehr durch einfache Beobachtung der eigenen Timeline vorhersehbar ist.

Aber es trifft nicht nur technisch ungebildete. Letztens machte ein Freund – der selbst Programmierer ist – seinem Ärger Luft, wie Google so unverschämt sein könne, bei einer Suche, die er tätigte das googleeigene Youtube so weit vor Vimeo zu platzieren. Klarer Fall von Ausnutzung des Marktmonopols!!! Jetzt kann ich nicht ausschließen, dass Google tatsächlich so doof ist und plump seine eignen Dienste höher rankt. Aber sowas von der Beobachtung einer einzelnen Suche zu schließen, ist schon ziemlich hanebüchen. Googles Rankingalgorithmus gehört locker zu den komplexesten Programmen, die auf dieser Welt existieren und sitzt auf einem Datenberg, der seines Gleichen sucht. Nur weil einem das Ranking seines Suchergebnisses mal nicht in den Kram passt, gleich solche Behauptungen in die Welt zu setzen erinnert an den Klimaleugner, der, weil er gerade in seiner Wohnung friert, die Erderwärmung in Frage stellt. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Wetter und Klima. Klar hängt beides zusammen. Aber um vom Wetter auf das Klima zu schließen, braucht man mehr als nur einen Messpunkt, sondern Hunderttausende und ausgeklügelte Verrechnungsmethoden.

Und so geht das weiter: Eine Freundin beklagt, dass sie irgendwas auf Facebook nicht posten kann, weil darin das Wort „Drogen“ vorkommt („ZENSUR!“), ein anderer hat Probleme einen Link per Instant Messanger zu schicken („Da steckt doch die NSA hinter!“). Ach Kinners. langer Seufzer

Also, hier als Hilfestellung: Wenn ein Algorithmus ein Verhalten an den Tag legt, der Euch überrascht, solltet ihr euch als erste fragen, ob es auch eine andere Erklärung geben könnte, als die, die ihr euch gerade zwischen Butterbrot und Pullerngehen zusammenreimt. Eine Verschwörung ist meist unwahrscheinlich. Ein Fehler in der Internetverbindung, im Algorithmus oder einen, den ich vielleicht selbst gemacht habe, oder – wie meistens – die Unzulänglichkeit meiner Informationen – sind sehr viel wahrscheinlicher. Wenn man einen Verdacht hat, kann man gerne anfangen zu forschen. Aber dann bitte mit einem überzeugenderen Forschungsdesign. Ansonsten muss ich Euch leider in die Spinnerschublade stecken.

(PS: Ich will auf keinen Fall die Möglichkeit kleinreden, dass Algorithmen bösartig manipuliert werden können und dass das eine Gefahr für die Gesellschaft ist. Im Gegenteil. In meinem Buch geht es viel genau darum und wie wir dafür sorgen können, dass das nicht eben geschieht. Ich persönlich glaube bis zu einem Gegenbeweis nicht, dass die populären Algos von Google, Facebook bis Twitter bösartig manipuliert sind, aber wir als Gesellschaft brauchen definitiv Kontrollmechanismen, sowas auch zu überwachen. Was wir aber nicht brauchen, sind Schlauberger, die den ganzen Tag „Wolf!!“ schreien.)

Abschlussbericht: Das Neue Spiel

2015-02-19 08.12.15
Foto: Startnext

Ich habe gerade bei der Veranstaltung PubNPub über mein Buchprojekt berichtet. Ich finde das einen guten Zeitpunkt, denn es ist etwas über ein Jahr her, dass ich die Crowdfundingkampagne zu Das Neue Spiel abgeschlossen habe. Seitdem habe ich innerhalb der angekündigten Zeit das Buch vorgelegt und auch die Streched Goals sind bereits in Arbeit oder teils fast fertig. Zeit also, einmal blank Bilanz zu ziehen. Jetzt auch hier. Heute gibt es Zahlen, Zahlen, Zahlen!

Am Ende stand ich also da mit der Summe von 20.467,47 Euro. Das war toll, ein voller Erfolg. Zusätzlich hatte ich durch die Publicity auch noch einen Buchvertrag mit Orange Press, der mir zusätzliche 1000 Euro als Vorschuß in die Kasse spülte. Damit sind wir bei 21.467 Euro auf der Habenseite. Das scheint unfassbar viel für so ein Buch, aber reden wir doch mal über die Kosten.

Die Kosten

Meine Hauptausgaben war natürlich erstmal die Aufrechterhaltung meiner vitalen Funktionen, zu dessen Zweck ich mir jeden Monat 1000 Euro überwies. Ich hatte einen knapp 7,5 monatigen Schreib-/Organisier-/Lektorier-Prozess und komme somit auf 7.500 Euro. Mit iRights hatte ich den Deal, dass ich ihnen von meinem Crowdfundinggeld schon mal 2500 Euro gebe, für Lektorat, e-Book-Produktion und Beratung bei die Lizenz. Richtig reingehauen hat auch die englische Übersetzung des zweiten Teils (Kommt anfang nächsten Monats raus), die hat 2.400 Euro gekostet (vielen Dank Anwen!) Dann habe ich natürlich für die Zeit auch Büromiete zahlen müssen; da kommen dann nochmal 1.340 Euro drauf. Dann sind wir bereits bei 13.740 Euro.

Dann habe ich ja noch eine Party geschmissen, bei der ich die VIP sogar zum Essen eingeladen habe. 256,60 Euro habe ich bei der Long March Canteen gelassen (es war sehr lecker!). 285 Euro hat das Edelweiß gekostet und 500 Euro hab ich für Getränke draufgelegt. In einer Nacht habe ich also 1.041,60 Euro auf den Kopf gehauen. Aber das war es wert!

Die Special Edition (ca. 120 Stück) war teuerer als erwartet. Ein Chromoluxeinband (Spiegelpapier) (239,16 Euro), darauf mit blauer Farbe das Originalbild per Siebdruck (266,56 Euro), geschnitten, gepfalzt und verschickt (284,15 Euro) drauf … insgesamt also 789,87 Euro nur für die Special Edition. Aber ich find sie immer noch geil!

Was ich völlig unterschätzt hatte: Wie aufwändig und teuer es ist, die 350 Crowdfunder/innen-Exemplare zu verschicken. 209,05 Euro nur für Kartonage, 361,40 Euro für das verschicken. Und weil 10 Bücher nicht ankamen, nochmal 20,00 Euro raushauen (die verschwundenen Bücher nicht eingerechnet). Das alles kostete mich insgesamt also auch noch mal 600,45 Euro.

Auch sonst fiel noch einiges an. Eigenbedarf an Büchern zum Verkauf und Verschenken (245,99 Euro), Paypalgebühren vom Crowdfunding (487,65 Euro), die Spende an Startnext (2% aka 409,35 Euro), ich hatte einen Agenten, der mich bislang ebenfalls 175,50 Euro (Danke, Herr Brauer!) kostete, hinzu kommen diverse Zugfahrten, Mittagessen für Treffen zum Lektorat, Übernachtungen, etc. in Höhe von 252,34 Euro. Macht also insgesagt noch mal 2.125,93 Euro.

Mit anderen Worten, den 21.467 Euro stehen 18.321,59 Euro gegenüber, was einen Gewinn von 3.145,41 Euro ausmacht. Nicht viel, aber immerhin. Aber ich habe noch nicht alle Kosten bezahlt. Die Produktion des Hörbuchs habe ich noch nicht mal angefangen bisher. Aber das kommt dieses Jahr noch.

Der publizistische Erfolg

Bislang haben wir 1.142 Printexemplare verkauft (das ist exklusive der 350 Crowdfunder/innen-Exemplare). Was ich geradezu erstaunlich finde: Trotz des allgegenwärtigen Umsonstangebots der Digitalversion haben 375 Leute das eBook gekauft. Das sind allerdings die Zahlen bis Dezember 2014. Für dieses Quartal haben wir noch nichts, also gehe ich mal davon aus, dass wir weit über 400 eBooks verkauft haben. Meine Buch-Landingpage hatte bislang 6214 Aufrufe und das PDF wurde 993 mal runtergeladen. 45.498 Aufrufe bei Sobooks und mit 306 Kommentaren auch noch das meist diskutierte Buch dort. Insgesamt gab es 23 Artikel, Interviews und Rezensionen, viel Radio und Blogs. Die wichtigste Rezension war wohl die von Scobel in der Mediathek von 3Sat. Ansonsten stehe derzeit bei 3,9 Sternen und 9 Rezensionen bei Amazon.

Die Rezensionen bei Amazon und anderswo sind fast einhellig positiv im Grundton, fast immer Leseempfehlungen, trotz teils durchaus vorhandener Kritik. Einen richtigen Verriss sucht man vergebens, obwohl mich das auch interessieren würde.

Insgesamt muss ich aber sagen, dass ich mir publizistisch mehr erhofft habe. Es ist kein Flopp, sicher, die beiden Verlage und ich kommen dabei ganz gut raus, aber ein bisschen mehr Resonanz (vor allem eine richtige Debatte), hätte ich mir doch gewünscht – mein Ziel war es, weit aus meiner Filterbubble rauszureichen und ich muss mir eingestehen, dass das nur bedingt geklappt hat. Die Printmedien sind größtenteils gar nicht auf das Buch eingegangen, was ich schade finde. Da hat das Rauschen im Bätterwald gefehlt. Die erste Auflage (2000 Stück) bekommen wir mit Sicherheit noch weg, ob sich das finanzielle Risiko für eine zweite (Print-)Auflage lohnt, müssen wir noch entscheiden. Zur Not gibt es ja noch Book on Demand.

Fazit

Nichtsdestotrotz ist die ganze Aktion unterm Strich ohne Frage ein voller Erfolg. Das Endprodukt ist in der angekündigten Zeit fertig geworden, ich bin damit zufrieden und es findet seine Leser und gefällt den allermeisten sehr gut. Ich habe ein knappes Jahr von dem Geld leben können und bekomme gerade auch wieder ordentlich Vortragsanfragen rein, was mich jedenfalls teilweise durch 2015 tragen wird. Es war eine großartige Erfahrung, ich danke iRights (vor allem Valie) und Orange Press (vor allem Undine) für die großartige Zusammenarbeit. Ich bereue nichts und würde das allermeiste genau so wieder tun.

Meine 31c3 Einreichung

Ich bin zwar noch im Urlaub, aber da ich gerade Zeit habe und mich meine (erwartete) Rejected-Email erreicht, will ich hier gerade nochmal aus Dokumentationszwecken meine Einreichung verbloggen.

Abstract Die Netzpolitik-Szene, insbesondere der Kampf gegen Überwachung ist seit Edward Snowdens Enthüllungen in der Krise. Bisher funktionierende Strategien greifen nicht mehr. Das liegt daran, dass sich nicht nur ein paar Parameter verschoben haben, sondern das gesamte Spiel ein anderes ist. Die Grundzüge des neuen Spiels sollen in dem Vortrag dargestellt werden.

Description Anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Snowdendokumente ist es Zeit für den Internetaktivmus kritisch Bilanz zu ziehen. Der vor allem in Hackerkreisen lang erwartete Super-Gau der Überwachung ist eingetreten, doch anders als sich viele erhofft haben, ist er politisch wirkungslos geblieben. Die Überwachung wird allgemein hingenommen und widerwillig gewöhnen auch wir uns an den Gedanken, dass wir mit der Situation leben müssen. Internetaktivist/innen sind demoralisiert, der Kampf gegen Überwachung ist in der Krise.

Angesichts dieser Entwicklungen ist es legitim ein „Game Over“ zu sehen und sich nun verbittert zurückzuziehen. Vielleicht war der Freiheitstraum des Internets schon immer ein naiver. Vielleicht haben die Kulturpessimist/innen doch schon immer recht gehabt. Das Internet ist eben kaputt. Wir sind gekränkt. Die Letzte macht das Licht aus.

Ich habe mich gegen diese Lesart entschieden. Statt ein Game Over sehe ich ein „Neues Spiel“. Eines, bei dem wir zwar derzeit ständig verlieren, aber nur, weil wir mit veralteten Strategien operieren.

Die Welt hat sich durch die Digitalisierung auf so vielen Ebenen gleichzeitig verändert, dass selbst diejenigen den Überblick verloren haben, die sich im Internet beheimatet fühlen. Um aber das Neue Spiel zu verstehen, muss man die komplexe Mechanik analysieren, wenn Technik und Ökonomie ineinandergreifen, tradierte Institutionen erschüttert werden und neue, komplexere hervorbringen. Erst in der Gesamtschau wird man die neuen Möglichkeiten entdecken, die weiterhin im digitalen Umbruch stecken, aber auch die neuen Gefahren, gegen die wir uns wappnen müssen.

In meinem Vortrag möchte ich die Hintergründe dieser Veränderung mithilfe einiger Medien-, Informations- und Wirtschaftstheorien beleuchten und aus dieser Gesamtschau „10 Regeln des neuen Spiels“ ableiten. Ziel ist es dabei, Strategien aufzuzeigen, die auch im Zeitalter des Kontrollverlusts noch wirkmächtig sind.

Mal was ganz anderes …

2014-10-17 11.28.41Als ich gestern morgen in mein Büro direkt am Weichselplatz kam, sah ich dieses Plakat an unserer Tür. Es war der erste Tag im Büro nachdem ich den ganzen Anfang der Woche krank im Bett lag und so hatte ich von dem Drama um das „Weichelplatz-Baby“ nichts mitbekommen. Im Laufe des Tages erfuhr ich, dass der Finder des toten Babys ein guter Bekannter war, der oft bei uns im Büro vorbeischaut und mit dem wir uns immer gerne über alles mögliche verquatschen. Als ich ihn traf wirkte er erstaunlich gefasst, doch regte er sich auch auf: über die Polizei, die sich grobe Fehler erlaubt hatte und vor allem über die Presse, die hinter ihm her war und verdrehend berichtete. Ich bot ihm an, seine Geschichte auf meinem Blog zu veröffentlichen. Ungekürzt, selbstbestimmt und so wie er die Sache sieht – wofür Blogs meines Erachtens da sind. Er nahm das Angebot an und ich glaube, für ihn war das Aufschreiben ein wichtiger Verarbeitungsschritt. Weil ich es ihm versprochen habe und weil ich seinen Text als gültiges Zeitdokument empfinde, veröffentliche ich ihn hier ungekürzt und nur minimalinvasiv redigiert. Aus nachvollziehbaren Gründen will mein Bekannter gerne anonym bleiben. Hier wäre wohl auch sowas wie eine Triggerwarnung angebracht. Der Text ist jedenfalls nichts für schwache Nerven.


Freitag letzter Woche erzählte ich meiner Freundin, dass im Park vermutlich ein toter Hund lag. Beim Spazierengehen mit meinem eigenen Hund über den Weichselplatz fand ich eine Plastiktüte, aus der der Geruch von Verwesung drang. Mit dem Fuß prüfte ich das Gewicht. Es waren sicher keine Grillreste vom sonnigen Spätherbst. Andererseits hatte ich nicht die leiseste Ahnung, was sich hier offenbaren würde.

Da auch ein Hund nicht unbegraben herumliegen sollte, wollte ich von zu Hause die Feuerwehr rufen – die sind schliesslich für so etwas zuständig. Doch soweit kam es gar nicht, denn auf dem Weg stieß ich auf eine vorbeifahrende Polizeistreife. Der aus dem Beifahrerfenster schauende Beamte nahm meine Mitteilung, dass wohl ein Kadaver im Park liege, gelassen auf. Die Stelle brauche ich ihnen nicht zu zeigen, sicherte er zu, die Richtung genüge, man würde sich schon darum kümmern.

Später, beim eiligen Kaffeetrinken, ging ich davon aus, dass die Sache bereits erledigt war, wollte aber besser doch noch einmal nachsehen. In den inzwischen verstrichenen 10 Minuten war die Streife abgefahren und das Paket lag nicht mehr an seiner Stelle. Dafür fand es sich aber gleich in der Nähe in einer großen Gitterbox für Grill- und sonstige Abfälle wieder. Gut, dachte ich, die Beamten werden wohl nachgesehen haben, ich hatte mich wohl getäuscht. In Berlin werfen doch Polizisten keinen Hund in den Müll, sondern ordern ordnungsgemäß den Tierkörperbeseitigungsdienst.

Da die Runden meines eigenen Hundes sehr begrenzt sind, passierten wir in den nachfolgenden Tagen mehrmals den Behälter, und jedes mal nahm ich wieder diesen Geruch wahr. Nur zwei Meter davon entfernt steht eine verrückte Bank, auf der Abends gelegentlich Pärchen sitzen. Meine Nase ist wohl empfindlicher, als die anderer Menschen.

Montagnacht war ich wieder mit meinem Hund im Park. Weil ich von ihm eine Stuhlprobe nehmen musste, war ich mit einer Taschenlampe bewaffnet. Als ich in der Dunkelheit durch den Park schritt, war da wieder dieser Geruch, nun noch stärker. Ich hatte immer noch ein ungutes Gefühl bei der Sache und im Schutz der Nacht traute ich mich das Paket näher in Augenschein zu nehmen. Es erschien noch genauso verknotet und verschlossen wie am ersten Fundort. Auch als ich es diesmal leicht anhob war nur wieder etwas Stoffähnliches mit darauf kriechenden Maden durch ein Loch zu erkennen. Vom Gewicht könnte es ein Junghund sein. Mit einem Stock versuchte ich das Loch zu weiten, was nicht gut gelang, und ich fragte mich was ich hier tue. Dann tastete ich mit dem Stockende die Oberfläche ab, größtenteils weich, aber dann war da eine Harte Rundung. Ein Kopf? Aber definitiv größer als der einer Hauskatze. Nun konnte ich nicht aufgeben, vielleicht ist es ja doch bloß die Gelenkkapsel eines Rinderknochens, hoffentlich. Nun wollte ich es wissen, ich wollte sicher gehen, dass es ein Tier ist, ich wollte das Fell sehen, bevor ich diesmal direkt die Feuerwehr auf den Plan rufe. An der weichen Stelle grub ich weiter, zog nach und nach ein Stück eines braun verfärbten Tuches heraus, nahm darunter etwas fahlgraues wahr. Sachte zog ich es mit dem Stock heraus.

Mehrmals musste ich hinsehen, um gewahr zu werden, dass dies keine Tiefpfote ist. Ich zählte bis fünf, oh mein Gott!

Drei Schritte zurück, durchatmen. Dann den Notruf wählen. Lange Minuten, im Kopf schwirren Gedanken: das kann doch nicht wirklich wahr sein. Man hat davon gehört, aber dass es einen selbst betrifft. Und doch nicht wenn ein Polizist es vermeintlich schon durch den Park getragen hat. Es kann nicht sein was es ist. Aber meine Augen täuschten nicht.

Die ersten eintreffenden Streifenbeamten schauten kurz, ich vergewisserte mich bei ihnen nochmals, dass meine Augen mir keinen Streich spielten. Sie sagten es schaue danach aus. Jedenfalls wenn es keine Puppe ist. Sie hatten die geschmeidige Bewegung des Armes ja nicht gesehen und trauten sich selbst nicht heran. Stattdessen riefen sie die nächste Instanz, die Kripo. Ich verlies alsbald den Ort, wo ich die Leiche nun schon zum zweiten Male gefunden hatte. Das alles war so merkwürdig.

Innerhalb der nächsten zwei Stunden fuhr eine Armada von Einsatzfahrzeugen auf, wie ich es noch nicht gesehen habe. Ein befreundeter Nachbar erwachte dadurch und zählte vom Balkon rund 30 Wagen. Die Dunkelheit des Parks wich Scheinwerferlicht. Zurückgerufen zum Ort nahm ich in die nun beklemmende Stille wahr, so still dass sich selbst jetzt ein Fuchs heranschlich. Mein Denken schwankte in den nächsten Stunden zwischen Gelähmtheit und Bedachtsamkeit. Die morgendliche Vernehmung verlief sehr sachlich.

Nachmittags traute ich mich wieder in den von Profis verlassenen Park. Ich erzählte die unglaubliche Geschichte einem Freund, der in der Nähe wohnt. Es tauchten auch andere Personen auf, die ihre – wie ich dachte – journalistische Arbeit machten und fragten rum, wer etwas wisse. Ich konnte die Eindrücke schlecht für mich behalten, also wandte ich mich an diese drei Menschen. Gleichzeitig wollte ich nicht zu viel von mir preisgeben. Aber das haben die Journalisten natürlich drauf, einem ein Detail nach dem anderen zu entlocken. Fotos sind genau so wichtig, vor allem für den Boulevard. Wenigstens konnte ich mich durchsetzen, nicht fotografiert werden zu wollen. Noch.

Am Mittwoch klingelte es schon an der Wohnungstür. Ich hatte bereits am Vormittag mit Journalisten zu tun gehabt, doch diese beiden Herren hier wirkten mir zu schmierig, also wies sie ich ab. Trotz meiner eindringlichen Aufforderung auch an sie, mich nicht abzubilden, nahm ich wahr dass sie vom Weiten hinter mir her fotografierten. Fotografieren ist erlaubt, Veröffentlichung bedarf der Zustimmung, wenn kein höheres Informationsinteresse der Öffentlichkeit es ausnahmsweise rechtfertigt, so war meine Rechtsauffassung. Große Gedanken machte ich mir darüber nicht, bis ich spätnachts in der Onlineversion des des Berliner Kuriers meine Rückansicht – für andere gut erkennbar – wiederfand. Mit einer bösen Mail lies sich das noch zurückholen, die Druckausgabe befand sich jedoch schon auf dem Weg in die Regale.

Fühlte ich mich bis dahin ruhig und der Situation angemessen, kochte ich nun über vor Wut über diese unsinnige Verletzung meiner Privatsphäre. Sollten mich nun Hinz und Kunz darauf ansprechen? Wie soll ich diesen Situationen begegnen? Klar, ich möchte mit Menschen darüber sprechen, es tut gut, die eigene Geschichte zu erzählen, aber in welcher Situation, das möchte ich entscheiden.

Erst am späten Abend konnte ich wieder an das eigentliche Geschehen denken. Und man muss darüber nachdenken, denn sonst spürt man nur Kälte und Leere. Heute am Tag drei erscheint mir der Kopf wieder klar, nachdem ich am Morgen dem immer noch heimlichen herumlungernden Fotografen eine Standpauke gehalten habe.

Was mich berührt ist die Unachtsamkeit, die sich durch die ganze Angelegenheit zieht. Sie begann Anfang letzter Woche mit wahrscheinlich im Ausnahmezustand handelnden Eltern. An sie hatte ich bisher noch gar nicht gedacht, wobei sie nach dem Kind die am meisten Betroffenen sind. Jenes lag mehrere Tage neben dem Weg, nicht nur Hunde müssen es wahrgenommen haben. Aber in Neukölln herrscht überall viel Unachtsamkeit und daher liegt sowieso viel herum.

Wenig achtsam war das Handeln der beiden Streifenbeamten, die ich zuerst ansprach. Ohne großes Interesse erledigten sie die Sache vorschnell, ohne genau zu prüfen, was ich da gefunden hatte. Erst die Kriminalbeamten erwiesen der Situation die angemessene Achtsamkeit, doch das war ja auch nicht mehr zu vermeiden.

Das Interesse, das mir danach vom Boulevard entgegenschlug war heftig, aber wiederum von einer ungeheuerlichen Unachtsamkeit geprägt. Für einige Stunden verdrängte mein Ärger über die Journalisten das eigentliche Geschehen. Kostbare Zeit, wie ich empfand, die ich doch so dringend brauchte, um die Angelegenheit für mich zu verarbeiten.

Hurra, hurra! Das Buch ist da!

Am Samstag habe ich offiziell mein Buch released. Es gibt hier eine Landingpage, die unterschiedliche Wege und Plattformen aufzeigt, an mein Buch zu kommen. Greift zu und ich freu mich über Feedback.

Am Samstag war dann auch Buchvorstellung für Crowdfunder/innen und Freund/innen und wir haben episch gefeiert. Danke an alle, die da waren. Ich hoffe, ihr hattet ebenso viel Spaß, wie ich.

Lesung
Foto: @feenzeit

Wenn man so ein großes Projekt macht, passieren auch Fehler. Der erste ist schon mal, dass die Printausgabe nicht rechtzeitig fertig wurde. Die ist erst am 15. – also Mittwoch – startklar und auch mir wird sie erst gegen Ende nächster Woche zugestellt. Dann muss ich die vielen Crowdfunder/innen-Exemplare noch alle signieren und die Special-Editions werden ebenfalls erst dann fertig gestellt. Das sollte – nein, das muss – übers Wochenende geschehen, denn ab Dienstag bin ich ja weg. Die Printexemplare sollten also irgendwann Anfang nächster Woche bei Euch ankommen …

Ein weiterer Fehler scheint sich bei den Danksagungen eingeschlichen zu haben. Es haben sich bereits mehrere Leute gemeldet, die dort auftauchen sollten, es aber nicht tun. Ich nehme an, dass ich da beim Hin- und Her-kopieren irgendeinen Fehler gemacht habe. Das tut mir wirklich sehr leid.

Ich verspreche aber, dass, wenn es zu einer zweiten Auflage kommt (wovon ich ausgehe), der Fehler behoben wird. Und alle, die versehentlich keine Erwähnung gefunden haben, bekommen dann noch mal eines der korrigierten Exemplare.

Danke noch mal für alles, Eure Geduld und Euren Support. Ich tue mein Möglichstes, dem gerecht zu werden.

Buch, Buch, Buch

Der Veröffentlichungstermin rückt immer näher, daher hier ein paar weitere Hinweise mein Buch betreffend.

  1. Heute endet die Frist für den Virenschleuderpreis. Leider komme ich mit meinen mickrigen 91 Likes nicht in die Shortlist, da kommen nämlich nur 10 Projekte drauf. Das wird verdammt eng (Hier die anderen Nominierten). Wenn ihr mich unterstützen wollt, folgt dem Link und klickt auf Like. Wenn ihr mich noch mehr unterstützen wollt, teilt den Artikel. Danke! 🙂

  2. Ich bin nächste Woche auf der Frankfurter Buchmesse und zwar Donnerstag und Freitag und ich habe noch einige Termine frei. Wer mich also treffen möchte, gerne um über mein Buch zu sprechen, bitte melden. Ansonsten sieht man mich am Donnerstag bei einer Diskussion zu Datenschutz und Big Data um 13:00 Uhr – Halle 3.1 F58, Messegelände.

  3. Ich habe auf ctrl-verlust mal eine kurz kommentierte Inhaltsangabe zum Buch verbloggt. Die hat sich nämlich noch ein paar mal gewandelt. Außerdem gibt es zum ersten mal öffentlich meine 10 Regeln zum neuen Spiel zu sehen.

Kontrollverlust is coming (Idee via @map)

So. Das Buch ist soeben in den Druck gegangen. Ich hab es kurz vorher noch mal gelesen. Ich finde es ist ein gutes Buch. Kann man kaufen. Und zwar ab dem 11. Oktober. Ich werde an dieser und anderen Stellen die nächsten Tage noch eine paar Dinge dazu schreiben. Aber jetzt bin ich erstmal etwas erschöpft.

Im Grunde war es etwa vor einem Jahr, als ich anfing meine Crowdfundingkampagne und überhaupt das ganze Konzept zu planen. Seitdem ich habe ich durchgearbeitet. Die Kampagne: Planung, Vorbereitung, Lizenz, Video, Texte, dann die Durchführung: Supportervideos, Pressearbeit, Interviews, Blogposts, etc. Und seit Februar bin ich am Schreiben. Ein halbes Jahr habe ich mir gegeben, knapp 7 Monate habe ich tatsächlich geschrieben. Ab und an unterbrochen von Konferenzen, Vorträgen und sonstigen Verpflichtungen. Die letzten drei bis vier Monate habe ich quasi durchgearbeitet, hatte nicht mal eine Hand voll freier Tage, und auch die Zahl der Tage, an denen ich weniger als 12 Stunden pro Tag gearbeitet habe ist nicht besonders hoch. Seit Mitte/Ende August Lektorat, Feinschliff, Formulierungen für Klappentext, etc.

Es war auch eine gute Zeit. Eine Zeit, in der ich jeden Tag aufwachte und einen Plan hatte. Sowas hatte ich lange nicht mehr, ich werde das bestimmt vermissen.

Derzeit gibt es aber noch keine richtige Verschnaufpause für mich. Ich muss die Releaseparty vorbereiten, die englischsprachige Auskopplung der 10 Regeln zum neuen Spiel ist bereits in der Mache, die Specialedition wird gerade bearbeitet, die große Buchverschickung an die Crowdfunder muss vorbereitet werden. Aber für danach habe ich einen Urlaub gebucht, einen langen Urlaub. Es geht nach Asien: Thailand, Hong Kong, Taiwan. Auch das will vorbereitet werden: Flüge, Impfungen, Kreditkarte besorgen, Auslandskrankenversicherung, Hotelbuchungen, etc. Am 21. Oktober geht’s los. Wenn nichts dazwischenkommt.

Schirrmacher – ein sehr persönlicher Nachruf

Es sind nur wenige Tode denkbar, die einen größeren Einschlag auf mich und den Dingen mit denen ich mich beschäftige, haben könnten, als der von Frank Schirrmacher.

Die Nachricht seines Todes erreicht mich mitten in einem Buchprojekt, das es ohne ihn nicht gäbe. Und das in zweifacher Hinsicht.

Zunächst basiert das Buch auf meinem Blog ctrl-verlust, dass ich 2009 auf Schirrmachers Initiative hin für die FAZ entwickelte. Es war von Anfang an auch eine Auseinandersetzung mit seinen Thesen aus „Payback“, seinem ersten Buch über das Internet und die Digitalisierung.

Zum Anderen war das Blog auch nach dem Bruch mit der FAZ und meinem Streit mit ihm getrieben von der Debatte, die er zusammen mit seinem Feuilleton unnachgiebig nach vorn peitschte.

Es ist eine Sache, zu wissen, dass jemand unrecht hat, eine andere ist es, das auch erklären zu können. Das Resultat ist meine Arbeit der letzten 4 Jahre. Schirrmacher war für mein Schaffen der produktive Unruhepol, der Taktgeber und der Endgegner, an dem man wächst.

Über sein letztes Buch, Ego, habe ich mich sehr geärgert und habe eine ausführliche und unerbittliche Rezension verfasst. Auch die Entwicklung des FAZ Feuilletons nahm ich ihm mehr und mehr übel. Ein „Ludditenkampfblatt“, wie ich es mal nannte. Zuletzt warf ich ihm vor, die NSA-Affäire aus reinem Eigennutz zur Anti-Google-Kampagne umzufunktionieren.

Ich habe nichts davon zurückzunehmen. In der Debatte waren wir Gegner und ich finde bis heute, dass er in vielem unrecht hatte, dass er einiges bis zu letzt nicht verstanden und so manches schlampig recherchiert hat.

Nein, es ist etwas anderes, was ich bereue.

Die letzte Mail von ihm erhielt ich im Juli 2011, über ein Jahr nach unserem Streit. Es war eine Reaktion auf diesen Artikel hier, bei dem es ironischer Weise unter anderem auch um den Tod ging. Er schrieb, dass er meine Gedanken interessant fand. Mehr nicht. Einer seiner berüchtigten Einzeiler. Ich bedankte mich und schrieb zurück, dass ich gerne mal wieder mit ihm gesprochen hätte, es aber zu seinem letzten Auftritt in Berlin nicht geschafft habe. Darauf bekam ich keine Antwort.

Aber das hätte ich wirklich. Ich hätte wirklich gerne noch einmal mit ihm geredet und dann hätte ich mich bei ihm entschuldigt. Wenn ich mir die Mails von unserem Streit von 2010 noch mal anschaue, erschrecke ich vor mir selbst. Ich war furchtbar aggressiv zu ihm und zwar völlig zu unrecht. Ich war ja eigentlich im Streit mit der FAZ-Redaktion – Schirrmacher hatte sich nur schlichtend eingeschaltet, versuchte mir gut zuzureden – und hat es dann voll abbekommen. Das tut mir leid, das war nicht fair von mir. Das hätte ich ihm gerne noch gesagt. Jetzt ist es zu spät dafür und ich mache mir deswegen ein wenig Vorwürfe.

Schirrmacher war so zentral für mein Leben, dass ich gar nicht so richtig weiß, wie es mit mir jetzt weitergehen soll. Er war der Taktgeber der Debatte, die mein Zuhause geworden ist. Er war die Initialzündung zu dem, was ich heute bin. Ich weiß aus verschiedenen Quellen, dass er ein sehr genaues Auge darauf hatte, was ich tat. Ich hoffte auch beim Schreiben meines Buches auf seine Leserschaft und es bringt mich ziemlich aus dem Tritt zu wissen, dass er es niemals lesen wird.

Allzu sentimental werden steht mir aber nicht zu. Schirrmacher und ich waren keine Freunde. Aber ich weiß auch, dass er mich bis zuletzt mochte und das ging mir umgekehrt ebenso. Obwohl wir uns inhaltlich immer weiter auseinander entwickelten, hielt ich sehr viel von ihm. (Ich war meist weniger sauer auf ihn, sondern eher darauf, dass er damit durchkam.)

Ich kann den vielen Nachrufen nur zustimmen: Es hatte etwas ungeheuer inspirierendes mit ihm zu diskutieren. Ich hatte immer großen Respekt vor seiner Intelligenz und Sympathie für viele seiner Thesen und Texte. Wenn es drauf ankam, stand er meist auf der richtigen Seite: beim Historikerstreit, bei der Walser/Bubis-Debatte, bei Günther Grass. Was für ein großartiger Text über Grass‘ strunzdummes Gedicht!

Ich bin sehr traurig über seinen plötzlichen Tod. Es ist ein großer Verlust. Ohne ihn wird alles langweiliger.

[Ansonsten kann ich vielem zustimmen, was Christoph Kappes über ihn schreibt.]

Happy Snowden Euch allen!

Ein Jahr Snowden. Und die Stimmung ist so lala. Das muss nicht sein. Sie könnte richtig mies sein. So wie meine. Vielleicht kommt das ja noch, wenn ihr meine zwei Beiträge dazu lest:

Ich wurde von Collaboratory zu meiner Einschätzung gefragt, was sich seit diesem Snowdenjahr verändert hat:

Das Jahr nach Snowden war vor allem eine große Desillusionierung. Der Staat und die ihn steuernde institutionalisierte Politik wurden als schlechte Inszenierungen hilfloser Zyniker entlarft. Ich hatte nie mit viel gerechnet, aber so brachial hätte ich mir den Offenbarungseid der Politik nicht vorgestellt.

Wir müssen heute erkennen: Bürger- und Freiheitsrechte waren nie das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Das ganze Gerede vom staatlichen Datenschutz kann im Nachhinein nur noch als Witz verstanden werden. Ich kann die Politik nicht mehr ernst nehmen und wenn doch, dann nur als Gefahr. Der BND sieht das alles als Machbarkeitsstudie und die Regierung will immer noch ihre Vorratsdatenspeicherung. Sie sind Adressat für alle, die jetzt mithilfe der Snowdenleaks ihre Interessen gegen das Internet durchsetzen wollen, aber in den Entscheidenden Fragen: Zähmung und Transparenz der Geheimdienste, Asyl für Edward Snowden, Aufklärung der NSA-GCHQ-BND-Aktivitäten – gibt es nur Totalausfall.

Ansonsten tut man, was man kann: Ich habe verschiedene verschlüsselte Kanäle eingerichtet und betrachte das in Zeiten wie diesen, als einen Akt der Gastfreundschaft. Auch wenn ich weiß, dass es nicht viel hilft. Wir können nur alle hoffen, dass die Geheimdienste ihre Macht nicht eines Tages im großen Maßstab ausnutzen.

Und dann wollte Politik-Digital noch wissen, wie wir wohl in 10 Jahren auf diese ganze Snowdensache blicken werden:

2001 kam heraus, dass die NSA alle Telefonate und Datenverbindungen zumindest in Europa abhört. Das damalige Programm, das enthüllt wurde, hieß Echolon. Die EU-Kommision strengte eine Untersuchung an. Der Skandal wurde aber bald vom 11. September überschattet. Menschen vergessen schnell.

Wenn ich mich also frage, was in zehn Jahren von den Snowden-Enthüllungen übrig geblieben sein wird, bin ich skeptisch. Vermutlich ein paar nette Filme von Oliver Stone und Sony Pictures (die Filmrechte wurden gerade verkauft). Ansonsten wird sich die Überwachungsintensität auch die nächsten zehn Jahre vor allem an Moores Law orientieren, also eine Verdopplung alle zwei Jahre. Fünf Verdoppelungen sind eine Menge, das merkt man auch an der Relation zwischen Echolon und den Snowden-Enthüllungen. Da geht noch einiges: Immer mehr Lebensbereiche wandern ins Internet: Unsere Haushalte, der Straßenverkehr, Energieversorgung, Kommunikation wird immer unmittelbarer. Vielleicht scannen sie in zehn Jahren schon unsere Hirne, wer weiß. Es würde mich nicht wundern, wenn wir 2023 erneut aus allen Wolken fallen, wenn wieder eine neue Geheimdienst-Enthüllung ans Tageslicht kommt.

Auf ein weiteres, erfolgreiches Snowdenjahr!

Wie aus der Spähaffäre so langsam eine Googleaffäre wird

Es ist wahrscheinlich der größte und dreisteste Spin diesen Jahrhunderts, der da gerade vor unseren Augen stattfindet. Vergleichbar nur mit dem Spin, der zum Irakkrieg führte. Zumindest in Deutschland. Zumindest, wenn er glückt. Und danach sieht es aus.

Der Untersuchungsausschuß zur Spähaffaire lädt nun also die Chefs der großen Internetkonzerne vor. Eric Schmidt, Mark Zuckerberg, etc. Sie sollen jetzt helfen die Machenschaffen der NSA aufzuklären. Aha.

Zur Erinnerung: es ist eben jener Untersuchungsausschuß, der sich weigert, Edward Snowden nach Deutschland einzuladen und zu befragen. Also derjenige, von dem wir all die Informationen haben, die wir haben. Stattdessen also jetzt Zuckerberg und Co.

Wer sich aber darüber wundert hat nicht aufgepasst. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat in der FAZ diese Linie bereits vorgegeben. In einem großen, programmatischen Debattenbeitrag lobt er die FAZ für ihre publizistischen Bemühungen der letzten Zeit und macht klar, dass sie seine politische Digital-Agenda entscheidend mitgeprägt hat. Der Artikel ist online überschrieben mit „Konsequenzen aus der Googledebatte“ und hält was er verspricht: eine Ankündigung jetzt endlich was zu tun. Gegen Google.

Ebenso laut wie die Kampfrhetorik gegen Google schreit uns das an, was im Artikel keine Erwähnung findet: Die NSA. Der GCHQ. Oder Gott bewahre: der BND.

Dieser Spin der Debatte – weg von der Verantwortung der Geheimdienste, hin zur Dämonisierung der Internetkonzerne – war von der FAZ lange vorbereitet worden. Kein Artikel über den Spähskandal, der nicht von der Totalüberwachung durch „Geheimdienste und Internetunternehmen“ sprach. Kein Artikel über die Snowdenleaks, der ohne einen Seitenhieb auf Google oder Facebook auskam. Monatelang wurde versucht zu suggerieren, dass die Verantwortung des Spähskandals zumindest mit bei den Bösen Datenkapitalisten liege. Ja, dass im Grunde genau dort das eigentliche Problem liege: bei datensammelnden Unternehmen.

Zuletzt dann die endgültige Konzentration der Kampagne auf Google, in dessen Höhepunkt Spingerchef Matthias Döpfner einen wirklich erhellend ehrlichen Artikel beisteuern durfte, in dem er klar macht, worum es wirklich geht: Die unliebsame Abhängigkeit von Google und die eigenen wegschwimmenden Werbeerlös-Felle. Das ist nicht neu, das Wehklagen kennen wir aus dem Leistungsschutzrecht. Und das ist genau die Richtung, in die der Hase läuft.

Wir erinnern uns. Mit einem Trommelfeuer aus Unaufrichtigkeit und Eigenpropaganda war es den Presseverlagen gelungen, gegen die ausdrückliche Meinung aller Experten ihr Leistungsschutzrecht durchzusetzen. Doch das Ergebnis lässt zu wünschen übrig: Es bringt vor allem Rechtsunsicherheit für alle, die im Internet publizieren, aber den Verlagen bislang keinen Cent. Warum auch? Nur weil die Verlage ihre Snipplets jetzt theoretisch bepreisen dürfen, müssen Google und Facebook den Deal ja noch lange nicht eingehen. Zur Not werden die Presseangebote eben ausgelistet.

Und eben das soll sich ändern, wie Marcel Weiß analysiert. Im Koalitionsvertrag ist es schon angedeutet: Suchmaschinen sollen gesetzlich dazu gezwungen werden, jeden Deal eingehen zu müssen, den die Verlage für ihre Snipplets vorgeben.

Das Kettenrasseln mit der eh völlig unrealistische Forderung von der „Zerschlagung Googles“, ist nur die Maximalforderung, die zum Endergebnis Indexierungszwangs runtergehandelt werden soll.

Puh. Ganz schön krasser Bogen, so von Spähaffäre bis Listungszwang, wa? Und da machen die Politiker mit?

Aber mit Vergnügen! Denen ist die ganze Spähaffäre und der zugehörige Untersuchungsausschuß dreierlei: Unangenehm, peinlich und gefährlich. Unangenehm: es ist eigentlich nichts passiert, was die Regierung nicht eigentlich gut heißen würde (wenn da nicht der öffentliche Druck da wäre), peinlich: es belastet die Beziehungen mit den USA und den tollen Partnerschaften vor allem auf Geheimdienstebene und gefährlich: die eigenen Machenschaften des BND und Co. könnten dabei ebenfalls ins Tageslicht kommen und an so manchem Stuhl rütteln. (Wozu sicher eh noch die ein oder andere Bombe in den Snowden-Dokumenten steckt.)

Die Politiker sind sehr dankbar für diesen Spin. Sie dürfen sich gegen das böse, böse Google profilieren, ohne Gefahr zu laufen, dass ihre Mitschuld an der Massenüberwachung überhaupt thematisiert wird und die Presseverlage bekommen ihre Gelddrucklizenz. Eine absolute Win-Win-Situation zwischen Politik und Presseverlagen.

NSA? GCHQ? BND? Nie gehört.

Sascha Lobo hat in seiner letzten Kolumne sehr richtig davor gewarnt, dass die wirren Verschwörunstheretiker der Montagsdemo-Loonies versuchen den Überwachungsskandal in ihr antiamerikanisches Narrativ zu zwängen. So sehr ich ihm dabei zustimme, fände ich es gut, wenn er seine Mitverantwortung in dem aktuellen, nicht viel weniger schlimmen und politisch viel erfolgreicheren Spin einmal kritisch hinterfragen würde. Er hat zwar in seinem re:publica Talk angekündigt, dass er sich von nun an raushalten will, wenn in den Medien über Google und Co. wieder Dünnsinn geschrieben wird. Aber andererseits ist Google gerade genau jener bunte Pudel, auf den sich auch die Politik stürzt, um den Tyrannosaurus Rex auf Speed umso lauter ignorieren zu können. Und seine beiden Artikel in der FAZ haben einen guten Teil zu diesem Spin beitragen.

Man muss an dieser Stelle vielleicht zugeben, dass der Spin sehr geschickt gewählt ist, denn er ist gerade in Deutschland sehr anschlussfähig. So anschlussfähig, dass selbst die halbe Netzgemeinde kaum bemerkt, wie ihr ihre eigenen Narrative in einer hegemonialen Reaktualisuerung aufgetischt werden, wie Kathrin Ganz treffend bemerkt.

Dass die FAZ seit Snowden ihre Kampagnen für SchlandNet, Internetregulierung und Leistungsschutzrecht derart offen vorantreiben kann und aus der Netzszene nicht nur kaum Widerspruch, sondern sogar teilweise Unterstützung kommt, ist das eigentlich traurige an dieser Angelegenheit. Es scheint, als seien uns alle Maßstäbe und jedes kritische Denken verloren gegangen. Snowden ist der elfte September der Netzgemeinde und wir sehen zu, wie uns Schirrmacher und Gabriel in den falschen Krieg schicken.

Am Ende wird die Überwachung bleiben, aber die konservativen Beharrungskräfte haben erfolgreich ihre Agenda durchgesetzt. Was bleibt, ist ein ausgeblichener Hahnenkamm.