CTRL-Verlust Relaunch

Es ist endlich soweit. Ich hatte es versprochen und es hat etwas gedauert, aber nun steht der CTRL-Verlust wieder.

Das erste, was auffällt, ist natürlich das schicke Design. Das kommt von Mark Wirblich alias @mightym und ich bin sehr zufrieden.

Aber ich musste auch ran. Ich hab in mühevoller Kleinarbeit die ganzen 22 Artikel des FAZ-Blogs wieder reinfriemeln müssen, die ganzen Links neu setzen und die Formatierung wieder herstellen, was mich ein paar Tage gekostet hat. Teilweise musste ich die Datierung raten, aber so ungefähr sollte das schon passen.

Dazu habe ich den ein oder anderen Text, der außerhalb des Blogs erschienen ist, auch wieder angelegt. Wie das ganze archivtechnisch zu benutzen ist, könnt ihr hier nachlesen.

Ich bin wirklich froh, die Texte wieder online zu wissen. Es ist tatsächlich so, dass ich es nachträglich als Handicap empfinde, die eigenen Gedanken nicht referenzierbar zu haben. Immer wenn ich neue Thesen aus dem Kontrollverlust weiter entwickeln wollte, konnte ich nicht auf die bereits entwickelten Kontzepte wie Distributed Reality oder das mentale Exoskelett zurück linken. Und weil ich deswegen dem Leser zuliebe dann diese Konzepte auch nicht mehr aufgegriffen habe, hatte ich das alles fast verdrängt.

Ich bin mir sicher, dass der Fundus bereits aufgeschriebener Konzepte durchaus den Werkzeugkasten des Denkens erweitert. Das, was mir das gefehlt hat, bemerkte ich erst, als ich die Texte im Zuge des Einpflegens wieder las. Texte, die nicht referenzierbar sind, können nicht arbeiten.

Nun sind all die Texte also wieder da, referenzierbar und anschlußfähig. Ein Blog ist eine Denkmaschine und die Kontrollverlustdenkmaschine läuft wieder. Wie diese und andere Maschinen zum Leben erweckt werden, davon handelt auch der erste neue Post:


Kontrollverlust reloaded – Zur Wiedervorlage

Dies ist eine Wiederbelebung. Es ist der Initialpost dieses Blogs, das wiederum nicht neu ist. Ich habe es bereits 5 Monate lang bei der FAZ geführt, wo es nach einem unschönen Streit im Juni – irgendwie – naja, “verschwunden” ist. Nicht mehr erreichbar auf jeden Fall. Irgendwie depubliziert, wie man heute sagt. Ich hatte mir vorgenommen und auch versprochen, die Texte wieder online zu stellen, was hiermit geschehen ist. Ich bedanke mich bei der FAZ, die mir dies erlaubt hat.

Doch geht das überhaupt? Kann ich die Texte, die damals neu waren, heute als “Instantware” an einem neuen Ort veröffentlichen? Wie anders sich ein Blogartikel zum klassischen Text verhält, merkt man, wenn man ihn “verpflanzen” will. Jeder Post, den ich damals schrieb, war immer auch ein kommunikatives Ereignis, das nicht ohne Spuren blieb. Die Ideen wurden aufgenommen, weiter gesponnen, retweetet, kritisiert und verlinkt. Ein Blogpost steht eben nicht für sich, sondern ist bestenfalls eine Initialzündung zu einer weit gestreuten Diskussion, die den Text selbst weit übersteigt. Und schließlich wird der Text teil eines Gewebes aus Links, Bezügen, Kommentaren und Widersprüchen sein. Das was Foucault mit dem abstrakten Wort “Diskurs” zu bezeichnen versuchte, wird im Internet zur greifbaren Struktur.


Liebe Telekom

gerade hast Du bei mir angerufen. Du wolltest wissen, warum ich meinen Handyvertrag bei dir gekündigt habe. Ich war gerade am Kochen. Irgendwie wieder typisch für dich.

Normaler weise hätt ich einfach aufgelegt, vielleicht noch kurz zuvor in den Hörer gelacht und dann weiter gekocht. Aber irgendwie fesselte mich die Möglichkeit einmal darüber zu sprechen. Über uns.

Ich fühle mich schlecht behandelt bei der Telekom. Die Tarife, die Struktur, der Kundenservice, all das habe ich schon bei anderen Anbietern besser erlebt.“ Du fragtest nicht weiter nach, sondern begannst aufzuzählen, dass ich ja vielleicht ein halbes Jahr umsonst … oder das neue iPhone… „Nie wieder ein iPhone mit Simlock!“ fuhr ich dir in’s Wort. In New York hatte ich nicht die Option meine Sim zu tauschen und du? Du wolltest 10 Euro pro geladenen Megabyte für das Roaming! 10 Euro um eine Website aufzurufen!

Aber ach. Natürlich interessierte dich mein Geschwätz gar nicht. Es ging dir doch gar nicht darum, wirklich zu wissen, wirklich zu erfahren, was ich an dir schlecht finde. Es ging dir doch nur um das Halten, das unbedingte Festhalten meines Portemonnaies. Vielleicht, so dachtest du, kannst du mich ja bestechen? Vielleicht, so könntest du gedacht haben, hilft es, wenn du mir das Gefühl gibst, dass du mir einmal – das erste Mal – zuhörst. Fast wäre ich darauf reingefallen. Aber ich musste ja weiter kochen.

Und genau das ist dein Problem. Es ist nämlich gar nicht die tarifliche Schweinerei hier und die Computerstimmehotline dort. Nein, es ist das Gesamtbild, das aus diesen Dingen spricht. Der Fisch – du – stinkst vom Kopf her.

Wenn ich den teuren Telefonvertrag (ja, du bist sehr teuer) habe und du mir das „Tethering“ – die pure Möglichkeit meinen schon bezahlten Datentarif auch über meinen Rechner zu nutzen – verbietest, weil du dir das extra abgelten lassen willst, dann ist das mehr als ein „schlechter Service“. Dann vermittelst du mir ein Gefühl, als ob man es bei dir mit jemandem zu tun hat, der einen bedingungslos ausnehmen will. Dem eigentlich alles egal ist, dem ich egal bin und wie ich von ihm denke, der jede Lücke ausnutzt, noch mal extra abzukassieren. Und hier auch noch mal.

Das hat nichts mehr mit einem Geschäftsverhältnis zu tun. Wenn ich das Gefühl habe, mein „Geschäftspartner“ würde zu jeder Zeit an alle Grenzen des gesetzlich machbaren gehen, um an möglichst viel von meinem Geld zu kommen, dann fühle ich mich in dieser „Geschäftssituation“ nicht mehr wohl. Und genau dieses Gefühl vermittelst du mir, liebe Telekom, in allem was du so tust.

Es ist wie unter Räubern schlafen. Wärst du der Mensch im Nachbarzelt, ich würde meine Habseligkeiten eng am Körper tragen und sehen, wo ich eine Waffe her bekomme. Kein angenehmes Gefühl bei dir Kunde zu sein.

Und deswegen, liebe Telekom, gehe ich rückwärts aus dem Vertrag, den ich vor zwei Jahren bei dir abgeschlossen habe. So schnell es also geht, versuche ich von dir weg zu kommen. Denn Firmen – oder Leute – wie dich halte ich mir lieber vom Leib.


Wir mussten dann doch mal wieder reden

Max und ich haben es geschafft, endlich eine neue Folge Wir müssen reden rauszuhauen.

„Wir besprechen diesmal einen Shitload von Themen. Vom Essen in New York schwenken wir ein zur Sarrazindebatte, unterbrechen für eine halbstündige Werbesendung, besprechen die Freiheit statt Angst Demo, entwerfen die Idee einer positiven Netzpolitik, verlieren uns in dem Begriff der Öffentlichkeit und stapeln steile These um steile These, um am Schluss die großen Knacker Urheberrecht und so einfach auf die nächste Folge zu schieben.“

Viel Spaß!

PS: Klickt bitte auf den Likebutton bei dort für Twitkrit, weil toll!


Die Rückhaltlose Urheberschaft (twitkrit)

Zur Abwechselung habe ich mal einen ernsthaften Blogpost auf #twitkrit veröffentlicht. Die Plagiate (übernommene Tweets ohne Quellenangabe) nehmen auf Twitter immer weiter zu. Und rechtlich ist da nichts gegen zu machen. Ich finde das spannend, denn die Twitterer müssen mit der Kopie und der „Verletztung“ ihres „geistigen Eigentums“ umgehen, ohne sich auf eine „Sollensordnung“ (Recht) zurückfallen lassen zu können. Es entsteht also eine „rückhaltlose Urheberschaft“ und damit eine Blaupause des Kontrollverlusts. Und damit wird Twitter ein bisschen zum Versuchsfeld für die Überwindung der sozialdemokratisch-neoliberalen Leistungsethik.

Twitkrit: Geistige Eigentümlichkeiten

„Wir haben hier auf Twitter die Chance auszuprobieren, wie eine Welt ohne Urheberrecht funktioniert, weil es das hier tatsächlich nicht gibt. Wir können hier proben, wie wir mit unserer Eifersucht und Missgust umgehen können und ob wir es überhaupt können. Und wann und warum wir daran scheitern.“

Es ist eine ziemlich wilde und lange Diskussion entstanden, die den innersten Kern der Konflikte darstellt, die die Moralität des einzelnen auf die Probe stellt. Interessant auch, was @Zeitweise dazu zu sagen hat.


Leistungsschutzrecht und die sozialdemokratische Ideologie des Neoliberalismus

Wer liberal ist, verteidigt geistiges Eigentum“ sagte Mathias Döpfner, Verlagschef von Axel Springer in der NZZ. Ich finde das hinreichend lustig und gleichzeitig folgerichtig, um da ein wenig weiter zu denken. Immerhin geht es um das Leistungsschutzrecht und das, wovor das Urheberrecht verteidigt werden muss, ist der Markt. Vom, klar, Staat. Das ganze kam zu uns über die Koalitionsvereinbarung, also auch über die FDP. Diese neoliberal… Ähhm.

Der Neoliberalismus ist ein politischer Kampfbegriff und – wie immer wieder richtig angeführt wird – geht die Bezeichnung schon vom Ursprung her völlig fehl. Da ich aber liberal bin, vor allem in sprachlichen Dingen, finde ich diese Kritik kleinlich. Die Menschen haben sich hierzulande nun mal entschlossen, diese gewisse politische Haltung so zu nennen. So ist sie halt, die Sprache, die räudige. Ich finde den Begriff aus einem ganz anderen Grund problematisch. Denn der Neoliberalismus – wie er hierzulande verstanden wird – ist gar nicht eine Ideologie. Sondern zwei.

Zum einen ist da, ganz klassisch, die Marktideologie: Es wird angenommen, dass der Markt in seinem Spiel um Angebot und Nachfrage für die beste Verteilung der Güter sorgt.

Zweitens ist da ein weiteres Dogma: Arbeit muss bezahlt werden! Im Grunde seines Herzens ist dieses Dogma ein Sozialdemokrat. Es entstammt der Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten im Industriezeitalter, hat seine denkerischen Wurzeln sicher im Protestantismus und gilt bis heute tief in alle Parteien hinein. Heute spukt diese Ideologie am liebsten im Begriff der „Leistung“ herum.

Der Witz ist, dass diese beiden Ideologien überhaupt kaum kompatibel sind. Und dennoch werden sie meist als ein einziger Denkansatz wahrgenommen. Vieles, was man heute Neoliberal nennt, ist in Wirklichkeit sozialdemokratisch.

Es ist kein Zufall, dass es die Sozialdemokraten waren, die Hartz IV einführten. Wer arbeitet, soll Lohn haben, wer viel arbeitet soll viel Lohn haben, wer nicht arbeitet, soll auch nicht … naja, vielleicht ein bisschen was, aber jetzt husch! such dir eine Arbeit!

Das alles passt besser zusammen, als viele SPDler es sich eingestehen wollen. Und auch, wenn die Fackelträger dieser „neoliberalen“ Denke mitsamt seinem sozialdemokratischen Unterbau jetzt am ehesten bei der FDP zu finden sind, ändert das nichts an der Tatsache, dass diese Denke überhaupt nichts mit einer Marktideologie zu tun hat, im Gegenteil.

Aber zurück zu Hartz4. In einer idealen Marktsituation begegnen sich die Marktteilnehmer auf Augenhöhe. Dazu gehört auch immer die Option, einen Handel nicht eingehen zu müssen. Hartz IV hat genau diese Option für Arbeitnehmer extrem eingeschränkt. Ein Arbeitnehmer wird durch die Hartzreform mehr als je in den nächst besten Handel (Arbeitsangebot) hinein gezwungen. Verfechter einer reinen Marktideologie hätten gegen Hartz IV Sturm laufen müssen. Aber da war … nichts.

Die sozialdemokratische Ideologie des „Arbeit muss bezahlt werden“ findet sich heute überall. Bei dem parteiübergreifenden Ziel der Vollbeschäftigung, über „Leistung muss sich wieder lohnen!„-Parolen, genauso wie bei der Forderung nach dem Mindestlohn. Überall steht die Vorstellung, dass sich „Arbeit“ in einer „Leistung“ ausdrückt, die der „Gerechtigkeit“ wegen so und so entlohnt werden muss. Materielle Existenz hat gefälligst untrennbar an Arbeiten und Leistung geknüpft zu sein – obwohl das in Wirklichkeit noch nie so war. Die Parteien streiten sich nur, was „Leistung“ ist. Ob der Markt jetzt Ausdruck der Leistung ist oder die Arbeitszeit oder die Anstrengung, die Nachhaltigkeit der Anstrengung oder was auch immer. Diese Denke steckt tief im inneren unseres Denkens, viel tiefer als die Idee des Marktes. Sie ist unsere Sklavenmoral.

Und sie steckt auch im Urheberrecht und im Leistungsschutzrecht im besonderen. Da soll also eine Branche vom Staat vor dem Markt beschützt werden und das soll man dann „liberal“ nennen.

Ich bin übrigens nicht dagegen, dass der Journalismus überlebt und meinetwegen kann er das auch entgegen des Marktes tun. Wenn uns der Journalismus etwas wert ist, werden wir auch jenseits des Marktgeschehens dafür sorgen, dass er seinen Platz hat. Aber das Leistungsschutzrecht ist ein Feigenblatt feiger Verleger, die darauf Pochen, nur und ausschließlich vom freien Markt bezahlt zu werden und ihn deswegen gesetzlich nötigen wollen, seine Produkte nach aufgezwungenen Konditionen zu kaufen. Leistungsschutzrecht und Hartz IV sind zwei Seiten der selben Unlogik und Stolpersteine auf dem Weg in die Zukunft.

Wie ich schon vor einiger Zeit geschrieben habe: uns von der Ideologie der Leistung zu befreien ist die wichtigste und schwierigste Aufgabe, die uns bevor steht. Im Informationszeitalter steht genau diese Ideologie jeder Innovation entgegen. Sie verhindert ein Neudenken des Urheberrechts, hält blind an der Vollbeschäftigung als Ziel fest, statt ein bedingungsloses Grundeinkommen zu ermöglichen, gegen dass die Leistungsideologie sowieso Sturm läuft, hat sogar Angst vor der Automatisierung, weil Arbeitsplätze verloren gehen und wacht Eifersüchtig über alle Informationen und will nichts teilen. Sie sitzt auch als hässlicher, grüner Gnom in unserem Kopf und schreit eifersüchtig: „das hat der gar nicht verdient!„, wenn jemand auf ein eingebundenes Video Flattrklicks bekommt. Ja, auch in deinem Kopf!

Nachtrag: Andy hat in den Kommentaren richtig darauf hingewiesen, dass Thilo Sarrazins Denken die in Reinform gesteigerte sozialdemokratische Ideologie ist. Der Mensch ist nur noch wert, was er für die Volkswirtschaft beizusteuern weiß. Am besten sortiert man die Menschen nach diesen Kriterien schon im Vorfeld anhand statistischer Merkmale aus.

Das Ausschlussverfahren ist somit tatsächlich völlig ungerechtfertigt. Besser sollte die SPD überprüfen, in wie weit ihre an Arbeit über alles stellende Denke konsequent in den Sarrazinismus führen kann.


Kontrollverlust, Sarrazin und OkCupid

Eines der ersten Opfer des Kontrollverlusts ist die Wahrheit. Wahrheit – hier als die eine, objektive, von allen geteilten und unzweifelhafte Wahrheit verstanden. (die es – klar – eh nie wirklich gab)

Ich will mich hier gar nicht erst in die Tiefen der Epistemologie verstricken, sondern es nur bei der Anmerkung belassen, dass wenn alle Daten mit allen anderen Daten verknüpfbar sind und die Art der Verknüpfung für jede Abfrage offen bleibt (der Kern der Kontrollverlustthese), werden Korrelationen aller Art herstellbar sein. Korrelationen die in den Händen dieses oder jenes Menschen, mal diese und mal jene These stützen. (Von der informationellen Segmentierung des gesellschaftlichen Diskurses durch bessere Filtertools mal ganz abgesehen. Hier wäre allerdings noch einiges zu sagen.)

Wir kennen das schon. „Amerikanische Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden…„. Die Welt ist komplex. Sie ist mitunter so komplex, dass selbst in einem speziellen Fachgebiet ausgebildete Menschen Schwierigkeiten haben, jede Studie nachvollziehen zu können, geschweige denn, sie verifizieren, falsifizieren, peereviewen etc. zu können. Was sie allerdings auch heute nicht mehr brauchen. Schließlich gibt es ja eine andere Studie, die das Gegenteil der jeweilig angezweifelten besagt.

Ganz unabhängig davon, wie viele und welche Zahlen Thilo Sarrazin nun wirklich frei erfunden, welche er tatsächlich recherchiert hat: der Fall zeigt sehr gut, wie man in diesem Wirrwarr eines Grundrauschens der Zahlen, in denen wir leben, einfach die sich selbst genehme Korrelation herauspicken und damit Politik machen kann. Wahrheit – gesellschaftlich betrachtet – ist schon ziemlich am Ende. Aber der Todesstoß steht noch bevor.

Dass das alles erst der Anfang ist, zeigt nun OkCupid. Diese Flirtplattform für Statistiknerds fragt eine schier unendlich wirkende Kaskade an Fragen ab. Der Katalog von Fragen zählt bereits 4000. Der Nutzen für die User: es werden „Matches“ zu allen anderen Usern berechnet, so dass sich findet, was zusammen gehört. So lautet zumindest das Versprechen.

Diese Plattform, die nun so viele persönliche Daten von den Nutzern hat, wie Google sich in seinen kühnsten Träumen nicht erhoffen wagt, stellt damit regelmäßig lustige statistische Dinge an, die sie in ihrem Blog veröffentlichen.

Jetzt haben die Macher den Thilo 2.0. gemacht und die Vorlieben, Qualitäten und Nichtqualitäten nach den (von den Unsern selbst einzustellenden) ethnischen und religiösen Kriterien her aufgeschlüsselt – und haben dabei einige rassistische – zumindest stereotype – Klischees bestätigt und manche widerlegt. (Link via Kathrin Passig ihre Shared Items.)

Jetzt kann sich jeder selbst ein Bild machen und sich fragen, was er davon halten will. Für mich steht etwas anderes fest: Das hier ist nur der Anfang. Und: bösartiger aufbereitet können mit solchen Dingen schlimme rassistische Konflikte heraufbeschworen werden. Wie wird eine Gesellschaft demnächst damit umgehen?

Jeder kann sich aus dem immer schneller wachsenden Wust der Daten seine eigene Wahrheit formen. „Menschen mit langen Fußnägeln werden öfters von Regentropfen getroffen – mit anderen Worten: sie sind heilig!“ – Warum also nicht gleich eine Fußnagelsekte gründen?

Und das Ende der Wahrheit ist das Ende der Öffentlichkeit, denn diese war sowieso nur ein ausgedachtes Projektionswesen der Massenmedien, als eine Reflexion über sich selbst und ihr Publikum.

Sind die Daten rassistisch, oder sind es die Abfragen? Die neue Öffentlichkeit ist nicht mehr in den Daten selbst zu suchen und ihrem wie auch immer gearteten Sichtbarkeitsstatus – sondern in ihrer Abfrage. Und damit beim Anderen. Braucht es eine Ethik Abfrage? Oder muss sich die Gesellschaft (sofern es die unter diesen Umständen überhaupt noch gibt) immunisieren, gegen solche Provokationen. Indem sie einsieht, dass die publizierten Antworten eben keine „Wahrheit“ sind, dass sie zwar nicht beliebig, aber eben nur eine Sicht auf Dinge darstellen. Eine von unendlich vielen möglichen Sichten, bei dem die Macher nun mal die rassistische Variante wählten.

Wir sind auch hier – wie in der Frage der Kreativitätsentlohnung und der Privatsphäre – dem Anderen hilflos ausgeliefert. Der Andere, als die ganz andere Abfrage der Daten (die nicht in den Daten ausgeschlossen werden kann, die überhaupt nicht voraussehbar ist).

Es gibt nur zwei Dinge, die wir tun können. Entweder, wir entwaffnen den Anderen (nehmen ihm die Macht uns wirklich zu schaden: Plattformneutralität), oder wir sind seiner Ethik ausgeliefert, die wir nur erbitten können, weil es keine Hebel gibt, sie durchzusetzen. (jedenfalls keine, ohne die Freiheit abzuschaffen).

PS: Nach etwas Nachdenken, bin ich übrigens darauf gekommen, dass Sascha Lobo in der Filesharingdebatte genau das tut: an die Ethik des Anderen appellieren. Und ja, das kann eine (Teil-)lösung sein. (Weshalb ich noch weniger verstehe, warum er Flattr nicht mag.)


KAUFEN!

Auf der „Twitterbuch statt Angst„-Demo – unserer inoffizielle Vorreleaseparty – habe ich dem Kollegen Bjoern Grau ein paar Fragen beantwortet, die vielleicht auch dem ein oder anderen Konsumenten, der hier mitliest, ein paar kaufentscheidungserleichternde Produktinformationen zukommen lassen. Sehen Sie selbst:

Ich kann an dieser Stelle nur wiederholen: Kaufen! Denn ab heute ist das Buch im Handel (Affilidings-Link).


taz: Die Transparenz der Anderen

In meinem Vortragspaper zur openmind10 habe ich die Widersprüche in der netzpolitischen Szene erwähnt. Ganz neu sind sie den Lesern dieses Blogs eh nicht. Aber im Vorfeld der Freiheit statt Angst habe ich sie noch mal gesondert aufgeschrieben:

Die Transparenz der Anderen

„Denn transparent soll immer nur der andere sein. Der Staat, nicht der Bürger, der Geschäftsmensch nicht der Privatmensch, der Profi, nicht der Amateur. Und gleichzeitig verschwinden genau diese Grenzen, soll Politik mehr von Bürgern gemacht werden, machen Amateure den Profis Konkurrenz. Schunkeln sie jetzt, aber bitte nur jeder zweite.“

Das Grundproblem, die Frage nach der Öffentlichkeit immer aus der Subjektivität heraus zu stellen, scheint hier nur auf, wird aber Gegenstand aller weiterer Überlegungen sein.


Ethiken

Am Montag war ich auch bei der Diskussion Lobo vs. Weiss zugegen, in der es um Filesharing ging. Die Debatte hatte eine Blogvorgeschichte und wer die gelesen hat, hat eigentlich nichts verpasst. Eher im Gegenteil.

Ich will das hier jetzt nicht im Detail wiedergeben, das haben andere bereits getan. Interessant fand ich vor allem einen Aspekt: Die Hilflosigkeit von Marcel gegenüber der moralischen Fragestellung von Sascha. Sascha war sich seiner Ethik sicher und versuchte Marcel auf diesen Punkt festzuklopfen und Marcel wollte partout nicht über diese Frage diskutieren.

So sehr ich verstehen kann, dass Marcel lieber seine eigenen Überlegungen über die Ökonomie der Filesharingmärkte ausbreiten wollte, konnte man jedoch gut beobachten, dass die Haltung von Marcel – und damit die all derer, die Filesharing legitimieren wollen – ein krasses Rechtfertigungsproblem hat. (Und das geht weit über die unfitte Perfomance von Marcel hinaus)

Die Ethik, die Sascha vertritt, ist nämlich die vorherrschende. „Kapitalistische Ethik“ meinte irgendwer im Gespräch zu mir. So würde ich sie jetzt nicht allzu vorschnell nennen, aber man kann durchaus von einer „industriellen Ethik“ oder gar einer „materialistischen Ethik“ sprechen. Diese Ethik ist eine Ethik der Autorenschaft und die an der Autorenschaft geknüpfte „Leistung“. Sie fasst den kreativen Prozess als „Arbeit“ auf, die wie jede Arbeit bitte abgegolten werden solle. Wenn jetzt diese Leistung, die in dem Kulturgut steckt (so wie die kinetische Energie in einer auf einen Berg geschafften Kugel) von jemanden „erschlichen“ wird, dann wird das – ich sag mal – dem Diebstahl ähnlich empfunden, zumindest aber das selbe wie Schwarzfahren, denn der Leister wird ja um seine Entlohnung gebracht.

In dieser Logik ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Filesharing eine „egoistische Arschlochnummer“ ist und Marcel Weiss hatte dem wenig entgegen zu setzten. Andererseits gibt es ja durchaus Ansätze für eine andere Ethik. Die Bewegung hinter dem Opensourcegedanken hält das Teilen von Wissen hoch. Und gerade liegt (übrigens aufgrund des Tipps von Marcel Weiss) das Buch „Cognitive Sureplus“ von Clay Shirky an meinem Bett, in dem es um den wahnsinnigen gesellschaftlichen Nutzen geht, der entsteht, wenn die Menschen ihre kreative Kraft über die neuen Medien aggregieren. Es gibt also durchaus Ansätze für eine andere, eine neue Ethik, die sich auf den gesellschaftlichen Nutzen von möglichst frei geteilter Information berufen kann. Auf dem Pannel habe ich das vorsichtig eingeworfen, indem ich auf den utilaristischen Vorteil hinwies, der alleine dadurch entsteht, dass mehr Leute über mehr Information verfügen, als vorher. (Das ist natürlich ausbaufähig, hätte aber ansonsten umständlich verargumentiert werden müssen)

Diese Ethik ist bis heute alles andere als Mainstream, aber jeder, der sich länger im Internet aufhält, spürt den konkreten Nutzen des Teilens von Information am eigenen Leib. Und zwar im kleinen wie im großen. Und alles deutet für mich darauf hin, dass eine solche Ethik, wenn man sie denn mal formalisiert, exakt auf den Begriff einer digitalen Öffentlichkeit zusteuert, den ausgerechnet Sascha Lobo in die Runde geworfen hat.

Über das Thema denke ich jetzt schon seit geraumer Zeit nach und glaube, dass es an der Zeit wird, es einmal zu fundieren. Das geht allerdings nicht so einfach, indem man ein „digital“ vor die Öffentlichkeit schreibt. Ich bin mir sicher, dass man da sehr viel tiefer schauen muss, von was für einer Öffentlichkeit wir hier eigentlich reden. Wenn man es schaffen würde, diesen bestimmten Begriff von Öffentlichkeit zu definieren, hätte man ein abstraktes Ziel, auf das man eine solche neue Ethik ausrichten und begründen kann. Eine Ethik, die man dann selbstbewusster einer „industriellen Ethik“ entgegensetzen kann, wo immer man mit ihr konfrontiert wird.

Genau das werde ich auf der Openmind 2010 versuchen. Mein Vortrag hat den Titel: „Das radikale Recht des Anderen

„Ich bin überzeugt, wir müssen Öffentlichkeit völlig neu denken. Ich möchte dem tieferen Grund dieses Wandels nach gehen und einen neuen Begriff von Öffentlichkeit zur Diskussion stellen. Einen Begriff der den digitalen Paradigmen gerecht wird, um schließlich eine neue Ethik daran knüpfen zu können und der vielleicht sogar eine Chance bietet, die Widersprüche und Idiosynkrasien des netzpolitischen Diskurses aufzuzeigen.“

Bis dahin gibt es noch einiges zu tun.