Ich hab da noch mal nachgedacht. Über LOST. Gestern habe ich ne Menge Krams gelesen, das mir irgendwie sagen will: ist ja alles gut so, was regen sich die Leute auf? Ich rege mich jetzt aber doch auf. Genauer: jetzt erst.
Einen schönen Text hat hoch21 geschrieben, der eh schon die halbe LOST Serie grandios per Blog begleitete. Die dortige Interpretation ist treffend: All der Kram: Die Dharma, the Others, die Zahlenfolge, all die Rätsel, der Rauch, die Insel, alles ist völlig egal. Am Ende geht es – und ging es wohl immer – um den je individuellen Weg der Charaktere in ihr Glück/Schicksal oder so. Ich glaube, er hat recht. Und ich will das etwas weiter spinnen.
Ich behaupte: zwei Worte hätten von Anfang an genügt, die ganze LOST Serie zusammen zu fassen und restlos zu verstehen ohne auch nur einen Ausschnitt gesehen zu haben: „LOST“ und „Christian Shephard„.
Diese zwei Worte, mehr nicht, denn nur darum ging es. Es ging um das verlorene Schaf – die verlorenen Schafe – und ihren Irrweg zum erleuchteten Pfad des christlichen Hirten. Amen. – Das war’s! Das war wirklich alles!
Und deswegen bin ich etwas sauer.
Ich habe mich nämlich damals in ein Theater gesetzt. Versprochen wurde eine tolle bunte, bombastische Rocky-Horror-Show mit Schnickschnack, Sensationen und Dings vom Broadway. Aber als der Vorhang zufiel, fand ich mich in einer Kriche wieder. Eine fucking Kirche; eine in die ich mich niemals freiwillig gesetzt hätte! Ja, LOST ist ein einziger, ewig langer Gottesdienst, mehr nicht. Zugegeben, ein gut gemachter, aber dafür auch ein sehr manipulativer Gottesdienst. Ein Gottesdienst nämlich mit nichts anderem im Sinn als gerade uns, uns Mystery-Fans bei unserer Faszination zu packen und uns auf den rechten, den spirituellen Pfad Gottes zu führen. LOST ist ein Missionierungsgottesdienst und wir waren die Schafe und haben das blökend mitgemacht.
Der mysteriöse Tot der Wissenschaft
Klar, es ging zuerst immer um den Widerstreit zwischen Man of Faith und Man of Science und wir waren alle gespannt, wie der ausgehen würde. Zuerst ausgetragen zwischen Jack und seinem Vater, dann zwischen Jack und Locke. Klar und Dharma und Mr. Eko und Krams. Alles richtig, soweit. Aber als dann in der sechsten Staffel Jack auf die Insel zurückkehrt, scheint er irgendwie lobotomiert worden zu sein. Jedenfalls sondert er nur noch schwer erträglichen „supposed to be here„-Quark ab, was man zuvor nur von Locke kannte und wandelt wie auf Drogen in seiner Schicksalsgläubigkeit herum. Und Man of Science? Gibt’s nicht mehr, wird nicht mehr unterstützt, ist einfach weg, der widerpart. Und all die Zeit hatte ich inständig gehofft, dass da dann doch noch irgendein Spin daraus wird. Dass sich dieses „Erleuchtete Pfad„-Gebrabbel als ebendas herausstellt und dass all das irgendwie anders aufgeklärt wird.
Anders, nicht auf eine bestimmte Weise, aber anders. Meinetwegen mit einem neuen Rätsel, meinetwegen auch gar nicht, meinetwegen überhaupt nicht wissenschaftlich, mir doch egal! Aber nicht so! Nicht, dass sich blökende Schafmetapher als richtig erweist und Jack zum glaubenden Märtyrer wird, zum tatsächlichen Sohn des verdammten christlichen Schäfers.
Klar, geht es bei Mystery nicht darum, am Ende für alles eine plausible und wissenschaftliche Erklärung zu haben. Es geht aber auch nicht darum, eine christlich, mystische Erklärung zu bekommen. LOST lässt aber nichts offen, sondern bezieht eindeutig Stellung. Denn der wissenschaftliche Widerpart der transzendenten Schäfchen ab der sechsten Staffel schlicht gebrochen. Er ist einfach nicht mehr da. Jack wurde missioniert, vollständig brainwashed. Und ab da steht nichts mehr zwischen dem irrationalen Schein des Allmächtigen und seinen Schäfchen, dass noch irgendetwas drehen oder tun könnte. Die Wissenschaft hat versagt in ihrer Suche nach dem Sinn der Insel, in der Suche nach den Lösungen der Probleme der Menschen, in allem. Sie wurde von den Autoren einfach in die Ecke gestellt, damit der heilige D-Zug an ihr vorbei rauschen kann, wie auf Schienen.
Und diese Schienen, die wurden tatsächlich nachträglich, also jetzt, sichtbar. Ich versuche sie etwas zurück zu verfolgen:
Auf dem Irrenweg zum Allmächtigen
Der Weg zu Gott geht immer über die Puppet Master. Die Puppet Master sind immer präsent wechseln sich ab, bleiben aber bis zum Schluss als mysterisches Motiv präsent.
1. Da haben wir zunächst die Others, die irgendwie mehr wissen als die anderen, mehr können, ein geheimes Supervolk, dessen dicker, zotteliger Zausel in Latzhosen der Anführer zu sein scheint. Er zieht die Fäden, sie sind ihm alle ausgeliefert.
2. Aber kaum haben die Lostis das raus gefunden, merken sie, dass dass der Zottel auch nur Befehle ausführt und schließlich, dass der Zottel nur ein netter, dicker Brummbär ist. Dann ist es nämlich Benjamin Linus. Dieser überaus ausgefuchste Typ, der alles zu wissen scheint, der alles vorsieht, alles Plant, dem alle irgendwie ausgeliefert sind. Er scheint alle manipulativ in Händen zu haben. Ein wirklich allmächtiger Gegenspieler.
3. Nachdem aber Linus eingemeindet wurde und ab dort auch nur ein Mensch ist, der eine ebenso ohnmächtige Spielfigur im großen Inselmonopoly ist, wird der eigentliche Puppet Master vorgestellt. Einer, vor dem sich auch Linus fürchtet – zu recht. Denn nun betritt Whitmore die Szenerie und nimmt die brutale Stellung des Gegenspielers an, während Linus plötzlich so klein ist, mit Hut und sich mit den LOSTies verbrüdern muss. Whitmore hat das Geld und die Macht und seine Spitzel sind überall. Er ist ein noch viel mächtigerer Gegner und ein noch viel größerer Puppet Master als alle vorherigen.
4. Aber während Whitmore so vor sich hinwurschtelt und mit jeder Folge irgendwie komplexer, aber auch egaler wird, stellt sich etwas ganz anderes heraus. Schließlich und letztendlich führen nämlich alle Wege dann doch zu Jacob. Jacob sind sie am Ende alle hörig. Egal ob Whitmore, der Tempelclown (auch recht mächtig) oder Linus, alle tun, was Jocob sagt, oder was sie glauben, was Jacob sagt oder meint. Endlich haben wir ihn, den wirklichen Herrscher über alles. Jocob rouled die Insel und noch viel mehr. Er ist der Puppet Master Master. Dabei hat er immer die unschuldige Aura des Erzengel Gabriel und die stoische Ruhe eines ZEN-Mönchs. Klar, ist er der spirituelle Mittelpunkt, auf den alles hinaus laufen muss. Naja, jedenfalls bis er einfach nieder gemeuchelt wird.
5. Und dann, ab dort, also ab Season 6 gibt es keinen Puppet Master mehr. Ab dort stehen die LOSTies für sich selbst, müssen alleine klar kommen. Nicht mal der Schwarze Rauch – jetzt in Lockegestalt – steht so richtig über ihnen. Und sie selber werden nun zu Kandidaten, Jacob zu ersetzen. Man könnte das eine Emanzipation nennen. Jedenfalls vorläufig. Aber die Zweifel bleiben: wo ist der eigentliche Puppet Master? Kommt da noch was?
6. Und dann – ganz am Schluss – kommt es raus. Der eigentliche Puppet Master – der Puppet Master Master Master – der Master of it all – und – nebenbei – die eigentliche Hauptfigur der ganzenh Serie im Hintergrund, all das war immer schon Christian Shephard, der christliche Hirte. Er ist der letzte, der wichtigste die eigentliche Figur, auf die alle hinaus läuft. Das anderen waren nur False Prophets, sie waren Irrwege aber dann doch – letztendlich – genau der Weg zu IHM. Nur zu IHM.
Da braucht man dann gar nicht die Erlösungstrory des Jack Shephard, dem christlichen Hirten sein eigener Sohn, den er auf die Insel zurück geschickt hat, um seine Schäfchen zu zu „saven“. Der dabei natürlich das Gute wieder einsetzt und somit schließlich für unserer aller Gutsein gestorben ist. Denn sie waren lost, sie waren es niemals auf der Insel, sondern sie waren es im Leben, wie wir alles es sind: verlorene Schafe auf dem falschen Pfaden.
LOST hatte die Aufgabe des Jack Shephard: uns alle wieder zurück zu holen. Mit Pseudomystery und einem großen Haufen Küchentheologie. Nein, danke!