“Twitter ist zu einer Nazi-Propaganda-Waffe geworden” | BR24

Ich war beim Bayrischen Rundfunk und habe über das Ende der digitalen Öffentlichkeit gejammert.

Eigentlich waren soziale Netzwerke als Orte des Austausches gedacht. Doch diese Zeiten sind vorbei, sagt der Medienwissenschaftler Michael Seemann dem BR Zündfunk. Er warnt: Die wenigsten haben auf dem Schirm, wie schlimm es wirklich ist.

Quelle: “Twitter ist zu einer Nazi-Propaganda-Waffe geworden” | BR24

Krasse Links No 20.

Willkommen bei Krasse Links No 20. Hübscht Eure Weltmodelle auf, heute sagen wir dem Westen adieu.


Programmingnote: Beim Schreiben der letzten beiden Newsletter habe ich eine gewisse Erschöpfung gespürt, daher wird die nächste Ausgabe ausfallen.


Reuters hat eine verdeckte Informationsoperation der US-Geheimdienste aufgedeckt, die in der Hochphase der Pandemie aktiv daran arbeitete, Desinformationen über Covid-Impfungen zu verbreiten. Es wurden dabei in erster Linie Bevölkerungen außerhalb des Westens, besonders in Zentralasien und Nahost, anvisiert und das Ziel war, den in China entwickelten Impfstoff Sinovac zu diskreditieren.

The U.S. military’s anti-vax effort began in the spring of 2020 and expanded beyond Southeast Asia before it was terminated in mid-2021, Reuters determined. Tailoring the propaganda campaign to local audiences across Central Asia and the Middle East, the Pentagon used a combination of fake social media accounts on multiple platforms to spread fear of China’s vaccines among Muslims at a time when the virus was killing tens of thousands of people each day. A key part of the strategy: amplify the disputed contention that, because vaccines sometimes contain pork gelatin, China’s shots could be considered forbidden under Islamic law.

The military program started under former President Donald Trump and continued months into Joe Biden’s presidency, Reuters found – even after alarmed social media executives warned the new administration that the Pentagon had been trafficking in COVID misinformation. The Biden White House issued an edict in spring 2021 banning the anti-vax effort, which also disparaged vaccines produced by other rivals, and the Pentagon initiated an internal review, Reuters found.

Ich bin ehrlich überrascht, wie überrascht ich bin, dass hybride Kriegsführung nicht nur von Russen und Chinesen betrieben wird?


Die Chief Technical Officer von OpenAi, Mira Murati gab ein On-Stage-Interview und lies Folgendes in einem Nebensatz fallen:

„inside the labs we have these capable models and you know they’re not that far ahead from what the public has access to for free“

Man vergleiche das mit den Aussagen, die ihr Boss Sam Altman immer so fallen lässt. Schon Ende letzten Jahres ließ er die Phantasie bei seinen Zuhörern sprudeln, als er sagte:

„On a personal note, like four times now in the history of OpenAI, the most recent time was just in the last couple of weeks, I’ve gotten to be in the room when we pushed the veil of ignorance back.“

Und noch vor ein paar Wochen sprach er davon, dass GPT-4 längst überholt sei:

„GPT four is the dumbest model any of you will ever, ever have to use again, by a lot.“

Man muss diese Divergenz in den Aussagen zwischen CTO und CEO im Kontext der Mechaniken des KI-Hypes verstehen. Zentral in diesem Narrativ ist das, was man in der KI-Forschung als „Scaling Laws“ bezeichnet, was im Grunde erstmal nur die Suche nach dem optimalen Verhältnis der Menge von Trainingsdaten und Parametern (also Größe des neuronalen Netzes) und die zu investierende Menge an Computerpower bezeichnet. Aber eine populäre Annahme hinter den Scaling Laws ist, dass man die Modelle mit der richtigen Mischung aus Daten, Parametern und Compute bis zur AGI hochskalieren kann.

Neulich hatte Leopold Aschenbrenner, deutschstämmiger Silicon-Valley-Karrierist und kurzzeitiger OpenAI-Mitarbeiter diese plumpe Logik in einem 160 Seiten langen Essay zur Karikatur zugespitzt. Aschenbrenner erklärt das Wettrennen für AGI als eröffnet und rechnet mit seinem Eintreffen bis spätestens Ende des Jahrzehnts. Grundlage sind auch hier die Scaling Laws, referenziert als „Orders of Magnitude“ (OOPs), und nur mit echt ausgedachten LLM-Benchmarks wie „Pre-Schooler“, „Elementary Schooler“ und „smart High-Schooler“.

Aschenbrenner verbindet die Scaling-Laws mit der Vorstellung von Intelligenz als lineare Hierarchie, die irgendwo bei der Amöbe anfängt und sich über die Tierwelt nach oben zum Menschen und von dort durch die Bildungsgrade arbeitet, um schließlich beim KI-forschenden Mathe-PHD aus Harvard zu enden, jedenfalls vorläufig bis 2027.

Aschenbrenners Paper ist die Innenansicht der Ideologie, die Microsoft gerade dazu bringt, hunderte von Milliarden Dollar in dedizierte Rechenzentren zu investieren; die Google dazu anhält, das Web und damit ihre eigene Lebensgrundlage zu abtöten, in der vagen Hoffnung mit AGI den besseren Deal zu haben; sie bringt Elon Musk dazu, seinen eigenen Bankautomaten (Tesla) zugunsten eines imaginierten xAGI zu plündern und macht Nvidia zur wertvollsten Firma der Welt.

Silicon Valley geht All-In und setzt den Staatshaushalt eines mittelgroßen Industrielandes auf eine vermeintlich bevorstehende „Intelligenz-Explosion“, deren Horizont kein Science-Fiction-Roman bisher fähig war, zu imaginieren. In diesem Narrativ schreitet der Westen (= die Menschheit!) demnächst durch den Endpunkt seiner eigenen Zukunftsvorstellungen.

Doch wenn Murati eineinviertel Jahre nach dem Release von GPT-4 andeutet, dass alles, was OpenAI in ihren Laboren so testet nur wenig besser ist, dann werden auf einen Schlag alle exponentiellen Graphen zur Makulatur.


In der taz schimpft Mattias Kalle über Volt und ich weiß, was er meint, aber er trifft nur so halb.

Und vielleicht ist es genau das, was mich so stört und wütend macht: dass es eine durch und durch populistische Partei ist, die mithilfe von Werbung aus der Mottenkiste aber so tut, als sei sie progressiv oder neu oder anders oder links.

„Volt“ ist ein Politik-Start-up von reichen Schnösel-Kids, die versuchen, die Leere in ihren Herzen mit Sinn und Inhalt zu füllen. Ist aber auch nur so ein Gefühl.

Das Problem an Volt ist nicht ihr Populismus, sondern im Gegenteil ihre Sternenflottenoffizierhaftigkeit. Sie positioniert sich als linksliberal-pragmatische „Good policy“-Alternative zu den als zu „ideologisch“ empfundenen Linken und Grünen. Mehr noch als die herkömmlichen Parteien sehen sie die Gesellschaft als Ansammlung von Problemen und Politik als den Wettbewerb um die besten Lösungen für diese Probleme.

Wir brauchen aber keine „Lösungen“. Egal ob für die Klimakrise oder die soziale Ungleichheit: Lösungen haben wir genug. Stattdessen verhindert … irgendwas seit Jahrzehnten erfolgreich, dass wir diese Lösungen auch anwenden?

Was fehlt ist der richtige Konflikt. Wir brauchen das Gegenteil von Volt, nämlich eine wirklich radikal bis plump linkspopulistische Massenbewegung, die mit nackten Fingern auf zu gut angezogene Milliardäre zeigt und ihnen irrational kreischend den Krieg erklärt.


Die Journalisten Evan McMorris-Santoro und Alex Roarty stellen in einem Artikel für Notus fest, dass die Abkehr von X gescheitert ist.

But he stands by his point: Political elite circles are on Twitter once again, only in a weirder fashion than before Elon Musk took over at the end of 2022. The argument is over; the hellsite is back. It’s a win for Musk, but one that people absolutely do not want to hand to him. In interviews, users said Twitter is not what it was, but also it’s not as bad as it was in the most chaotic days after it became Musk’s to do with as he pleases. People do not like to be on it, but they also once again have to be. Two years after words like Mastodon, BlueSky, Post and Threads became rallying cries and users declared war on the blue check, those who made Twitter what it was in the days before Musk have returned to using X.

Ryan Broderick hält diese Beobachtung allerdings für den typischen Fehlschluss einer orientierungslosen Journalistenkaste.

„Look, I get why reporters are reticent to get off X. Even with its new algorithmic For You tab, it’s still the only site that you can semi-reliably share real-time information on. But I would also argue that the fact that a massive chunk of yet-to-be-laid-off political journalists using a platform no one else is on is exactly why this election does not feel like it’s even happening.“

Aber es sind eben nicht nur die Journalist*innen. In diesem Paper haben Wissenschaftler*innen der Universität von Pennsylvania die versuchte Migration von 7542 wissenschaftlichen Accounts auf Mastodon verfolgt und kommen zu einem bedrückenden Fazit: nach einer initialen Phase der Migrationseuphorie verstummten die meisten innerhalb kürzester Zeit.

Among the users we tracked, the majority failed to maintain the same level of activity. This could be attributed to steep learning curve compared to twitter as well as competition from more user-friendly platforms like Bluesky and Threads. These alternatives might have drawn away potential users exacerbating Mastodonś difficulties in becoming a central hub for professionals communities.

Seit Jahren weise ich immer wieder auf die grundlegende Kraft der Netzwerkeffekte (oder wie ich es im Buch nenne: Netzwerkmacht) hin. Wer’s nicht kennt: Menschen gehen dort hin, wo sie andere Menschen finden, mit denen sie reden können, Überraschung! Alle technischen Features und Sperenzchen, KI, Algorithmus, dezentral, zentral, Protokoll, Dienst – alles völlig Wumpe gegen die Netzwerkeffekte. Netzwerkmacht ist eine Art soziale Gravitation, die Netzwerke erfolgreich macht und sie als Entitäten zusammenhält.

Und das bedeutet eben auch, dass die vielen konkurrierenden Angebote, die den Umstieg von X beschleunigen wollten, ihn in Wirklichkeit verunmöglicht haben. Hätte es EINE Alternative zu X gegeben, hätte der Umstieg zumindest eine Chance gehabt? Jetzt verteilen sich die X-ilant*innen eben auf nicht-öffentlichkeitsfähige Kleinst-Netzwerke und verlieren entsprechend sofort das Interesse.

Und das bedeutet, dass X zwar enormen Schwund zu verbuchen hat und ja, nur noch ein Schatten von Twitter ist. Aber in dieser Gemengelage muss es seine alte Stärke nicht behalten, um am Ende zu triumpfieren. Es reicht, wenn X am Ende dieses Zersplitterungprozesses das relativ gesehen relevanteste der Kurznachrichten-Diente bleibt, denn dann ist es der logische der Ort, an dem sich wieder alle sammeln werden – Nazipropandawaffe hin oder her.

(Nein, ich werde nicht wieder zurückgehen.)


Der Ingenieur Walter Zeug war im Future Histories Podcast und erzählt von den Möglichkeiten der „Life Cycle Analysis“ für die demokratische Planwirtschaft.

Wer in dem Diskurs nicht drin ist: seit etwa Hundert Jahren wird diskutiert, wie man Planwirtschaft als Ressourcen-Allokations-Ansatz als Alternative zum Markt sinnvoll auf die Beine stellen kann. Die originale Diskussion wird heute als „Socialist Calculation Debate“ bezeichnet, aber seit dem Aufkommen der digitalen Technologie und ihrer enormen Effektivität bei komplexen Koordinierungsaufgaben wurde das Interesse an dieser Frage wieder neu entfacht und Jan Goos‘ Future Histories hat sich dem Thema wie kein anderer Podcast angenommen.

Das spannende an Walter Zeug ist, dass er als Ingenieur echte und materiell erprobte Erfahrung in der Evaluation von Produktions- und Nutzungsprozessen mitbringt und daher, statt in Theorien herumzufabulieren, wie die meisten von uns, konkrete Anhaltspunkte liefern kann, wie eine postkapitalistische Wirtschaftsordnung aussehen könnte.

Zeug spricht über einen Ansatz, den er „Holistic and integrated Life Cycle Sustainability Assessment“ (HILCSA) nennt, und das scheint tatsächlich ein guter Startpunkt zu sein, um über die Möglichkeiten einer demokratisch geplanten Wirtschaft nachzudenken, weil sie fähig zu sein scheint, Material- und Energie-Flüsse über die gesamte Lebenszeit der Produkte – von der Herstellung über die Benutzung bis zur Entsorgung – einzufangen und diese Flüsse mittels Software sogar abbilden kann. Einer kybernetischen Planwirtschaft steht also nichts mehr im Weg?

In diesem Newsletter sehen wir Wirtschaft bekanntlich als ein Netzwerk von Abhängigkeiten und Infrastrukturen, weswegen ich die Fokussierung auf Materie- und Energie-Flüsse grundsätzlich begrüße. Dennoch spüre ich immer auch einen leichten Volt-Vibe bei diesen Diskussionen?

Zum Einen ist Planwirtschaft am Ende ja auch nur wieder eine „Lösung“ und zum Anderen sogar eine in gewisser Weise unpolitische Lösung, jedenfalls solange sie nicht „Goodhart’s Law“ adressiert:

“When a measure becomes a target, it ceases to be a good measure.”

Wenn man Interessen und Messungen in einen Raum sperrt, werden Wege gefunden, beides miteinander zu alignen und an eine interessenlose Gesellschaft glaube ich auch jenseits des Kapitalismus nicht?

Das führt mich zu einem grundsätzlichen Kritikpunkt bei fast allen linken Utopie-Projekten: Machtfragen werden aus diesen Zukunftsvisionen meistens einfach ausgeklammert, ganz so, als ob mit der Überwindung des Kapitalismus auch alle Machtungleichgewichte aus dem Fenster fliegen?

Schimpft mich liberal, aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass das Rumlaborieren an neuen Formen der Ressourcenallokation nur halb so wichtig ist, wie die Entwicklung von dynamischen Systemen der Macht-Einhegung. Und nein, der Hinweis auf „Demokratie“ reicht mir nicht.


Abigail Thorn hat sich auf ihrem eh empfehlenswerten Channel „Philosophy Tube“ mal durch das ganze Werk von Judith Buttler gearbeitet und in ihrem Video dazu zeigt sie außerdem, wie der aktuelle Rechtsruck nicht ohne den „War on Gender“ zu denken ist, der sich vorgeblich gegen die Aushöhlung traditioneller Sex- und Gender-Konstruktionen wendet, aber in Wirklichkeit eigene Sex- und Gender-Konstruktionen, die in dieser Starrheit nie existierten, verbindlich machen will. Der Kulturkrieg um Sex und Gender ist für viele der Einstieg in die rechte Radikalisierung und daher muss der antifaschistische Kampf diese Linie genau im Blick behalten.

Ein anderer Aspekt, den ich von Buttler noch nicht kannte ist der Begriff der „Abjectification“, womit einer Form des “Otherings“ gemeint ist, mit der die Gesellschaft Menschen wegsortiert, deren Ausdrucks- und Lebensweise ihr so fremd sind, dass sie ihnen jede Subjektivität abspricht. Dazu gehören eben oft transgeschlechtliche Menschen, arme Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund, etc. aber Buttler bezieht diesen Begriff unter anderem explizit auf den westlichen Umgang mit den Palästinensern.


Immer wenn in den letzten Jahren mein Blick auf die Lage der Palästinenser fiel, war mir schon irgendwie klar, dass das nicht richtig sein kann. Während Israel die eine Hälfte in einer Art halbautomatisierten Hühnerkäfig hält (den es gerade in Schutt und Asche legt), wird die andere unter dem Schutz der IDF von Siedlern terrorisiert und vertrieben. Ich schätze mal, dass auch von Euch niemand so leben will?

Doch sobald man versucht, die Unterdrückung der Palästinenser in Worte zu fassen, rennt man sofort in Probleme.

Besatzung“ ist ein Wort, das naheliegt, doch Israel hat sich ja 2005 aus dem Gazastreifen zurückgezogen? Andere haben die Verhältnisse als „Apartheit“, bezeichnet, aber im Gegensatz zum Süd-Afrikanischen System gibt es nicht direkt zwei ausdefinierte Rechtssysteme für unterschiedliche Ethnien, sondern ein Rechtssystem für Israelis und einen Zoo an unterschiedlichen und willkürlich durchgesetzten Rechtssystemen für Palästinenser. Und obwohl sich jetzt ein Prozess des Internationalen Strafgerichtshofs mit der Frage beschäftigt, ob derzeit in Gaza ein „Genozid“ passiert, kann man auch hier gute Gründe finden, warum dieser Begriff (noch) nicht zutrifft. (Die Unsitte, dass man sofort Antisemitismusvorwürfe an den Kopf geknallt bekommt, wenn man einen dieser Begriffe gebraucht, gehört aber hoffentlich der Vergangenheit an, ja?)

Jedenfalls klafft irgendwo in der Überlappung von Besatzung, Apartheit und Genozid eine begriffliche Lücke, die das Leid der Palästinenser beschreibt, aber weil wir uns im Westen mit unterschiedlichen Begründungen jede Benennung dieser Leerstelle verbieten, gibt es schließlich auch kein Problem, oder?

Rabea Eghbariah ist palästinensischstämminger Jurist, der sich mit dieser epistemischen Ungerechtigkeit nicht abfinden will und schlägt in seinem Aufsatz einen eigenen juristischen Begriff für die Gewalt an den Palästinensern vor: „Nakba

„Nakba“ heißt Katastrophe auf arabisch und damit wird gemeinhin die Vertreibung von 750.000 Palästinenser im Zuge der Staatsgründung Israels bezeichnet, doch Eghbariah argumentiert, dass die Nakba nie aufgehört hat. Die Nakba bezeichnet für ihn die andauernde Katastrophe aus anhaltender Vertreibung, verschleierter Rechtlosigkeit und Genozid auf Raten, in der die Palästinenser seit der Staatsgründung Israels leben.

Palestine is best understood through the prism of Nakba, which may fulfill the legal definitions of occupation, apartheid, and genocide at various points while still transcending their confines. In other words, the terms we possess have failed to capture the reality of Palestine not because they are incorrect but because each term highlights only part of the story.

Die „Nakba“, nicht als Ereignis, sondern als Materiell-Semantischer Komplex verstanden, hat ihre materiellen und semantischen Eigenlogiken und eine eigene Geschichte, die Eghbariah ausführlich beschreibt:

The Nakba has thus undergone a metamorphosis. The mid-twentieth century mass expulsion of Palestinians from their homes by Zionist paramilitary forces, and then by the army of the newly founded Israeli state, transformed the Nakba into a tenacious system of Israeli domination; a “Nakba regime” grounded in the destruction of Palestinian society and the continuous denial of its right to self-determination. The spectacular violence of conquest, dispossession, and displacement evolved into a brutally sophisticated regime of oppression. Across Israel, the West Bank, the Gaza Strip, Jerusalem, and refugee camps, Palestinians now occupy distinctive and discounted coordinates in a convoluted matrix of law, whereas Jewish Israelis maintain a singular and superior status, regardless of territorial divisions.

Ich hatte beim Lesen das Gefühl, es mit einem großen Wurf zu tun zu haben.


Der Guardian hat die Geschichte des Nakba-Aufsatzes, der schließlich in der Columbia Law Review erschienen ist, aber über Wochen versucht wurde, zu verhindern. Das Board des Journals ging so weit, die Website der Publikation komplett offline zu nehmen, ganz ohne inhaltliche Einwände zu haben.

His draft went through “at least” five edits, he says, with extensive feedback from about a dozen editors at the student-run journal, as he added 427 footnotes to the piece. But in early June, on the eve of the article’s publication, the publication’s alumni and faculty board urged the student editors to postpone Eghbariah’s piece or pull it from the journal entirely.

Student editors told the Intercept that the article had been extensively vetted according to procedure. Some, however, “expressed concerns about threats to their careers and safety if it were to be published”, the Associated Press reported. The students went ahead with publication against the board’s wishes. The board said in a statement published when it restored the website that it had “received multiple credible reports that a secretive process was used to edit” the article, and that was its reasoning for taking the journal offline.

Alle Zensurbemühungen haben nicht gefruchtet und so können wir uns von Barbara Streisand extra eingeladen fühlen, das Paper gründlich zu lesen, schließlich ist es nach fünf Revisionen ein ziemlich kugelsicherer Einstieg, um sich mit der Perspektive der Palästinenser auf den Konflikt zu befassen.


Ich kannte Federico Campagna bisher nicht, aber ich bin mir sicher, dass wir noch einiges von ihm hören werden. Er ist ein italienischer Philosoph, der in London lebt und sein Vortrag „The End of the Worlds“ befasst sich eigentlich mit dem Ende des Westens.

Im Zentrum seiner Theorie, oder wie er sagt: „Metaphysik“, steht das „Worlding“: Welt, aber als Verb. Worlding ist etwas, was wir konstant tun: wir bauen und aktualisieren unser Weltmodell. Aber dieses Weltmodell ist natürlich kein individuelles, sondern eine geteilte Semantik, ein Vibe, ein „Rhythmus“, wie er es auch nennt. Es gibt also Weisen des Worldings und sie bilden die unbewussten und unhinterfragten Axiome unseres Weltverständnisses oder wie ich immer sage: die Art, wie wir auf die Welt blicken.

Doch während ich dieses Weltverständnis mit dem Semantikbegriff in räumlichen Metaphern denke, interessiert sich Campagna für seine zeitliche Ausdehnung. Jedes Worlding hat seiner Ansicht nach einen Beginn, einen Mittelteil und ein Ende und seiner These nach befinden wir uns gerade am Ende des Worldings, das man als „der Westen“ bezeichnet.

Was mich besonders fasziniert, ist, mit welch unsentimentaler und ruhiger Geste er solch eine Feststellung trifft. Das sei alles gar kein Drama, sagt er, durch solche Weltenden seien schließlich auch schon andere gegangen und klar, es könnte jetzt etwas ruppig werden, aber die eigentliche Frage, die wir uns stellen sollten ist, wie wir mit den Menschen aus dem nächsten Worlding in Kontakt treten wollen. Was wollen wir ihnen als unsere „Legacy“ mitgeben und vor allem: wie wollen wir ihnen unsere Legacy mitgeben, wo sie doch bereits in ganz anderen Begriffe denken?

Campagna spricht von der kommenden Post-Future Generation, diejenige, die bereits eine ganz andere Vorstellung von Zukunft hat als wir und die mit einem gewissen Unverständnis auf unser Worlding zurückschauen wird. Wir, als das Endgeneration unseres Worldings, sollten daher ihren Blick auf uns als Chance begreifen, ihnen eine Art Fazit unseres Paradigmas mit auf den Weg zu geben. Dabei komme es gar nicht auf Faktentreue oder Aufrichtigkeit der Darstellung an, sondern auf eine plausible Inszenierung unserer Selbst.

Ich mag die Unbefangenheit bei gleichzeiger begriffliche Präzision, mit der Campagna spricht. Seine Thesen sind steil und seine Argumente – ich sag mal: extrem angreifbar? – aber das scheint ihn null zu beeindrucken. Und – das ist natürlich mein subjektiver Eindruck – ich finde ihn gerade deswegen total überzeugend?

Und dabei fällt mir auf, dass meine Konditionierung durch die Regime der „Wissenschaftlichkeit“ und der schlaubischlumpfigen Internetdiskussionen mein Schreiben und Denken mit der Zeit immer mehr auf „Unangreifbarkeit“ optimiert haben und dass mich diese Optimierung gedanklich sehr lange extrem eingeengt hat. Ich hatte das gar nicht so geplant, aber das Format des Newsletters hat bei mir einen Knoten platzen lassen, der meinen Gedanken zum ersten Mal seit langem Raum zum Atmen gab und Zack, da sind wir.

Alleine deswegen werde ich das hier fortsetzen.

Krasse Links No 19.

Willkommen bei Krasse Links No 19.. Wenn Ihr noch nicht wählen wart, dann macht hier kurz Pause und holt das nach. Ansonsten lasst das Wasser ab, wir stecken den Materiell-Semantischen-Komplex in Brand.


Nvidia hat die 3 Billionen Dollarmarke im Unternehmenswert geknackt und alle drehen durch.

Ich denke der offensichtliche Take, dass sich Nvidia im KI-Goldrausch als der zentrale „Schaufelhersteller“ positioniert hat, weitgehend richtig ist. Nvidia hat sich in der Tat geschickt als Flaschenhals in der Infrastruktur vieler KI Projekte eingenistet, das gilt nicht nur für generative KI, sondern auch für Selbstfahrende Autos und Robotik.

Doch der immer noch alles dominierende KI-Hype führt auch dazu, dass praktisch jeder Techkonzern dabei ist, eigene Chips entweder schon zu produzieren oder zu entwickeln. Nvdias Flaschenhals-Position wird bald überwunden sein und wenn in Sachen generativer KI bald ein Ernüchterungsprozess einsetzt (spätestens wenn nächstes Jahr immer noch keine AGI in Sicht ist), wird eine Menge Hardware herumstehen und nach neuen, sinnvolleren Aufgaben suchen.

Und dann wird es wieder interessant, denn eines schlecht gehütetesten Geheimnisse des Kapitalismus ist, dass die Vorhandenheit materieller Infrastrukturen die Entwicklungsrichtung unserer technisch-sozialen Umwelt viel stärker prägt, als Bedürfnisse oder Imaginationen. Auch Silicon Valleys „lauwarmes Wasser“ bestand schon immer darin, die Strukturen, die eh rumstehen, für das „next big thing“ zu leveragen. So war es nach dem ersten Dotcom-Blase, so war es nach der Finanzkrise und so wird es im nächsten Cycle sein.


In der Sternenflotte ist man sich uneinig über die Relevanz und Gefährlichkeit von Desinformationen. Casey Newton bespricht den Fall der Desinformationsresearcherin Joan Donovan, die von Harvard gekickt wurde und seitdem der festen Überzeugung ist, Meta hätte dafür gesorgt und zitiert dafür einen Artikel, der für diese Vorwürfe keine Belege findet. Auf der anderen Seite zitiert er zwei Studien, die zeigen sollen, weswegen das Desinformationsproblem eigentlich kleiner und lösbarer ist, als man gemeinhin annimmt.

Nochmal auf der anderen Seite ist in Nature quasi ein Manifest für das dringende Ernstnehmen von Desinformationen erschienen und macht ein paar gute Argumente.

The Holocaust did happen. COVID-19 vaccines have saved millions of lives. There was no widespread fraud in the 2020 US presidential election. The evidence for each of these facts has been established beyond reasonable doubt, but false beliefs on each of these topics remain widespread.

Ich habe selbst in informellen Runden gesessen, wo allerlei NGOs zusammen mit Wissenschaftler*innen und den Vertretern von Plattformen mit ernster Minie zusammen saßen und über die besten „Lösungen“ für das „Desinformationsproblem“ diskutierten. Ja, auch ich war Sternenflottenoffizier.

Bitte versteht mich nicht falsch. Diese Menschen wollen meist das Gute und die Maßnahmen die sie Diskutieren haben oft ihre Berechtigung, aber sie tappen dabei halt in die Falle, Desinformation als isolierte Phänomene zu betrachten, statt sie als Ausdruck von von persistenten Strukturen zu betrachten, die längst dabei sind, die politische Landschaft umzugestalten.

Ich habe diese Strukturen mal „Digitale Tribes“ genannt, aber diese Tribes haben sich weiterentwickelt und sind zu Materiell-Semantischen-Komplexen herangewachsen. „Materiell“, weil ihnen fast immer ein ganzes Ökosystem von Geschäftsmodellen zugeordnet ist und „semantisch“, weil ihre Begriffe, Erzählungen und diskursiven Praktiken sich absichtlich von denen der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden (ich habe diesen Prozess neulich Semantische Sezession genannt.)

Die sternenflottenhaftigkeit der „Desinformations“-Diskurses liegt aber nicht in erster Linie an der Blindheit gegenüber diesen Strukturen und ihrer politischen Relevanz, sondern in der mangelnden Awareness für die Tatsache, dass man selbst in ganz ähnlichen, ebenfalls problematischen, wenn auch viel, viel mächtigeren Strukturen operiert und dass all die Erlaubnisse zur Anwendung von Macht, die man sich in solchen Diskursen gibt, am Ende der Durchsetzung der Interessen dieser Strukturen dienen wird.



Oberst Markus Reisner ist österreichischer Militärangehöriger und der einzige deutschsprachige Analyst des Ukrainekrieges, dem ich noch zuhöre. Seine jüngste Darstellung des Status Quo macht mich betroffen, denn alles deutet darauf in, dass es Russland gelungen zu sein scheint, auf Kriegswirtschaft umzustellen und die Infrastrukturen für einen langen Abnutzungskrieg zu errichten. Hier übernehmen die Eigenlogiken der Infrastruktur, denn die Errichtung von Infrastruktur ist eben immer eine Weichenstellung, die eine Maschine in Gang setzt. Eine Maschine, die jetzt so lange Richtung Westen grindet, wie Putin es ihr erlaubt.


Schon vor fast zwei Wochen hatte Max Read (absolute Newsletterempfehung) eine spannende Beobachtung hinsichtlich Googles LLMisierung gemacht, dass nämlich Google mißversteht, wie googlen funktioniert? Bisher war es ja so: Man wirft ein paar Begriffe in den Suchschlitz und Google bietet einem mittels der 10 blauen Links eine möglichst breite Vielfalt an möglichen Perspektiven und Kontexten auf diese Suchbegriffe, die man dann im Detail selbst erkundet.

It is possible I am in a minority here, but speaking for myself I want to see a selection of different possible results and use the brain my ancestors spent hundreds of millions of years evolving to determine the context, tone, and intent.

Das ist aber nur der Ausgangspunkt der weiteren Beobachtung, dass Google mit seinen KI-Antworten eine vergleichsweise bequeme Position verlässt, denn im Gegensatz zu den 10 blauen Links machen die Menschen Google für seine Bullshitantworten sehr viel stärker verantwortlich. Klar: Wenn ich ein, zwei Bullshitlinks im Suchergebnis habe, ist das nicht schön, aber Google arbeitet halt mit dem, was da ist? Wenn mir aber Gemini Müll erzählt, dann ist es mir egal, wo es den Bullshit aufgesogen hat, dann bin ich sauer auf Google.

Und daran zeigt Read, dass Plattformen und KI keine komplementären Ansätze sind, sondern dass diese Paradigmen im direktem Konflikt miteinander stehen: Der (vorgeblich neutrale) Marktplatz der Ideen vs. ein allwissendes Orakel – jedenfalls kann man nicht glaubwürdig beides sein. Mag ja sein, dass Letzteres in Form von GenAI-Assistenten und „For-You“-Feeds die Zukunft ist, aber damit verlässt man halt auch das Plattformprinzip:

After two decades of having their lives mediated by volatile and disappointing platforms, people may be clamoring for a new kind of mediation–knowledge obtained not via neoliberal software marketplace but from the mouth of the occult computer prophet-god.

It’s that Google and other platforms play a particular role in the web ecosystem, and shifting away from an even nominally transparent model to an increasingly obfuscated one is movement in the wrong direction.

Ich finde diese Beobachtung wertvoll, aber mich beunruhigt, dass Read so wenig beunruhigt ist? Er spricht nur von seiner persönlichen Nutzersicht und nicht von … Macht? Die Möglichkeiten der Kontrolle, die mit der Ersetzung der sozialen durch die algorithmische Struktur der Informationsdistribution einhergeht, stellt alles in den Schatten, was wir bisher an Machtkonzentration gesehen haben. Die Graphnahme der digitalen Öffentlichkeit ist eine Form struktureller Gewalt, deren Tragweite wir derzeit noch außerstande sind, zu begreifen.


In einem lesenswerten Essay schreibt Indrajit Samarajiva über seine Fassungslosigkeit über dem Zusammenbruch der Empathie, den er im Westen gegenüber dem Leid in Gaza wahrnimmt und kommt darauf, dass es womöglich an den Geschichten liegt, die wir uns erzählen.

My kids listen to stories at night and the heroes are always the poor, the down-trodden, who remain kind and try to help their people through it all. The bad guys are the landlords, the rulers, who hoard and steal and hurt despite having more than enough. But then what are my stories, as an adult? Everything in the grown-up press lionizes landlords, rulers, and glorifies hoarding, stealing, and hurting as the basis of our very economy and social system. The poor are failures, the down-trodden deserve it, and kindness is folly. These are very serious opinions from very serious people. We complicate what is simple and call ourselves sophisticated. It’s just sophistry. We are the villains in our own children’s stories. What have we become?


Wie ich es ab und an mal mache, habe ich mir mal wieder David Foster Wallace berühmte Commencement Speech: This is Water angeschaut. Die Rede ist sicher eine der meistverehrten Reden unserer Zeit und ich finde diesen Status gerechtfertigt. This is Water macht im Grunde das, was ich auch hier immer wieder versuche zu tun: die Gewöhnlichkeit der eigenen Perspektive zu überwinden und sie zur Diskussion zu stellen.

Wallaces Punkt ist, kurz gesagt, dass wir in unserer selbstzentrierten Sichtweise auf die Welt schauen, wie der Fisch durchs Wasser schaut, also ohne sie wahrzunehmen. Wir erleben uns als das Zentrum unseres Universums, weswegen wir auch ständig dazu tendieren, strukturelle Nervigkeiten persönlich zu nehmen. Aber eine gute „liberal Arts“-Ausbildung, so Wallace, biete uns die Möglichkeit aus dieser egozentrischen Perspektive auszubrechen und der Multiperspektivität der Welt statt zu geben. Und das wiederum ermöglicht einem dann andere Sichtweisen auf die Welt in Betracht zu ziehen. Er spricht von zusätzlichen „Options“ auf die Welt zu blicken, also Möglichkeiten der Weltwahrnehmung.

Wie gesagt, ich finde die Rede immer noch großartig, aber ich will hier ganz pedantisch zwei klare Fehler herausstellen, die mich dieses mal mehr als sonst gestört haben:

Zum einen tut Wallace so, als sei der Blick auf die Welt als das Zentrum des Universums eine angeborene Eigenschaft unseres Wahrnehmungsapparats und da frage ich mich, ob Wallace das Wasser immer noch nicht hinreichend erkennt, in dem er schwimmt? Studien belegen, dass sich viele Menschen außerhalb der westlichen Hemisphäre, weniger als Individuen, denn als Teil von Gruppenstrukturen und anderen Relationen verstehen. Außerhalb des Westens wird meist viel relationaler gedacht, gesprochen und gefühlt. Das, was Wallace hier als „Hard Wired“ naturalisiert, ist in Wirklichkeit eine spezifische, gelernte Semantik.

An einer anderen Stelle, geht Wallace durch den Tag eines Durchschnittsangestellten, der seine Routinen abspult und dabei konstanz genervt von allem und jedem ist und steigert sich in einen hübschen Rant über den Horror des Berufsalltags und der Unmenschlichkeit der Rush Hour und die seelenstörende Erlebnis des Einkaufens hinein. Im Zuge dieses Rants streift er am Ende auch den enormen Ressourcenverbrauch, den die vielen SUVs da draußen bedeuten und spricht sogar den Klimawandel als mögliche Folge davon an.

Ich habe das beim Schauen sehr gefeiert, aber leider dient ihm diese Episode explizit als ein Beispiel, wie man nicht auf die Dinge schauen soll. Sein Punkt ist, dass Du ebenfalls jemand bist, der im Weg steht, der genervt ne Fresse zieht und dass auch Du die Erde ruinierst. Das alte: Du bist der Stau. Und diese Erkenntnis, so wird es jedenfalls evoziert, mache einen mitfühlender und generöser für seine Mitmenschen und das mag auch alles richtig sein, aber sorry, wenn ich darauf darauf zurückkomme, das mit Klimawandel solltet Ihr dann vielleicht doch im Auge behalten, liebe Klasse von 2005? Ach zu spät. Naja, aber wo wir gerade dabei sind: ja, der Berufsalltag, der Konsumwahn und das autozentrierte Verkehrssystem sind unmenschliche und abschaffenswerte Scheißsysteme und Euer Frust und Eure Wut sind absolut berechtigt!

Wallace schafft es eben doch nicht ganz, die Arroganz des „Blick von Nirgendwo“ abzustreifen, sondern folgert aus seiner Fähigkeit der Perspektivverschiebung eine Beliebigkeit der Anschauung. Aber Perspektiven sind nicht beliebig, sie sind immer Ausdruck von ganz spezifischen materiellen und semantischen Realitäten, in denen sie ausgeübt werden und die Vorstellung, dass man seine Perspektive frei wählen kann, öffnet der Verdrängung Tür und Tor.

Ich will das jetzt alles nicht an Wallace ablassen, denn er ist damit ja nicht allein und ich glaube mittlerweile, dass das einfach ein Kurzschluss von westlicher Egozentrik mit der Erlaubnisstruktur der Multiperspektivität ist? Ein Kurzschluss, der eine ganze Industrie von Coaches, die Coaches coachen hervorgebracht hat. Du hasst Deinen Alltag, Deinen Job, Deine Wohnung, dein Leben? Dann musst Du nur deine Einstellung ändern!

Verdrängung wird im Kapitalismus wie jede andere Ressource zu einem Gut, das gemanaged und bewirtschaftet werden will.


Der Historiker Adam Tooze hat zum 80. Jahrestag des D-Day einen Essay über das Erbe dieser Schlacht geschrieben, der es in sich hat. Er arbeitet im D-Day eine bestimmte, zu jener Zeit neue Art der Kriegsführung heraus, die sich als paradigmatisch für die Kriegsführung des Westens herausstellen würde, nämlich mit einem taktischen Vorteil durch die überwältigende Mobilisierung von Ressourcen zu operieren. Diese Form der Kriegsführung nennt sein Kollege David Edgerton “liberal militarism” und arbeitet einige wesentliche Merkmale davon heraus, allen voran eben die Ressourcenintensität, den affirmativen Einsatz von Technologie, aber auch die vergleichsweise geringe Akzeptanz eigener Verluste.

Diese Art der Kriegsführung wird zum westlichen Standard und ist in den folgenden amerikanischen Kriegen zu sehen, am pursten vielleicht in den zwei Irakkriegen, aber auch gerade in Gaza. Doch Tooze sieht in dieser Art der Kriegsführung auch den Startpunkt dessen, was Historiker*innen die „Great Acceleration“ nennen, also den enormen Anstieg von Produktivität und Lebensstandards im Westen seit dem zweiten Weltkrieg.

The first is that talking about the material conditions that enabled D-Day exposes a profound ambiguity about modern civilization and politics in the era of the great acceleration. On the one hand fossil-fuel, material-intensive way of life clearly empowers us in a literal sense and thus enhances our freedom to make choices. It is a common place to say that modern democracy would be unthinkable without energy. The idea is deeply embedded in the American way of life as a privileged and exceptional form of existence with universal appeal.

It’s the infrastructure, stupid.“ Die Kriegsanstrengungen auf allen Seiten des Konfliktes hinterließ Motorenwerke (der zweite Weltkrieg wurde durch Motoren gewonnen), Erdölraffinerien, Piplines, Lieferketten und eine ganze Menge Know How. Die Luftwaffe wurde zur zivilen Luftfahrt, aus den Panzerfabriken rollten die PKWs und aus den Munitionsherstellern wurden Chemiekonzerne und fertig war das Wirtschaftswunder. Aus einem Kriegsparadigma der Ressource Abundance wurde eine kapitalistische Konsum-Maschinerie der Ressource Abundance, die wiederum einen Lebensstil der Resource Abundance ermöglichte, was wiederum unseren Blick auf die Welt prägt.

What modern war illustrates is the basic point, one that is increasingly dominating our understanding of the “great acceleration” more generally, which is that technological and energy epochs do not succeed each other in a neat sequence, but are folded together, layered on top of each and combined in hugely complex and relational way. This process is not directionless. It increases in scale over time as does economic output and the scale of the means of destruction. But that process of accumulation, as the Normandy battlefield demonstrated, is not a matter of neat transitions, but agglomeration, addition and combination.

Preise werden eben nicht durch Angebot und Nachfrage gemacht, wie es uns die Mikroökonomen glauben machen wollen, sondern von den materiellen Abhängigkeiten, die die Herstellung erfordern, ökonomisch ausgedrückt: von der Kostenstruktur.

Das würde erstmal auch kein Ökonom bestreiten, aber er hört hier auf zu fragen und ignoriert die Tatsache, dass die vorgefundenen materiellen Abhängigkeiten durch die bestehende Infrastruktur determiniert sind. Es war nicht so, dass die Leute nach billigen Autos und Plastikware riefen und dann bildeten sich die entsprechenden Industrien, sondern die Industrien hatten Maschinen, Ölförderanlagen, Lieferketten und Knowhow herumliegen, die sie in einen Strom erschwinglicher Autos, Eigenheime und Elektrische Geräte verwandelten. Die grundlegenden Pfadentscheidungen werden an der materiellen Basis der Infrastrukturen gelegt, der Markt justiert nur mit ein bisschen Verteilungsintelligenz an den Rändern nach. Die restliche Funktion von klassischer Ökonomie beschränkt sich darauf, die zentrale Erlaubnisstruktur des Kapitalismus bereitzustellen, indem sie die zugrundeliegende Infrastrukturpolitik einfach ausblendet und so erlaubt, keine Verantwortung dafür zu übernehmen. Erst seit neustem entwickelte diese Denkweise mit dem Wort „Externalität“ eine Semantik, um einem Teil dieses blinden Flecks wenigstens ein bisschen Rechnung zu tragen, doch das reicht halt nicht aus, wenn man so grundlegend falsch liegt.

Mit der materiellen Verstrickung verbindet sich eben auch eine semantische. Aus Infrastrukturen werden Produkte, aus Produkten Lebensstile und aus Lebensstilen Erzählungen über Kapitalismus und Demokratie und das Selbstbild des Westens als freie Wahlen und Nutella.

Deswegen spreche ich von Materiell-Semantischen Komplexen. Das sind im Grunde zwei verschränkte, vielfältig ineinander verwobene Netzwerke aus einerseits materiellen Abhängigkeitsnetzwerken und ihren Infrastrukturen und anderseits den Semantiken, mit denen sie verknüpft ist. Die Semantiken umfassen natürlich Praktiken und Wissen, mit dem die Abhängigkeitsstrukturen bearbeitet werden, sie umfassen aber auch allerlei Lebensstile, Denkweisen, Theorien, Modelle, Perspektiven und Erzählungen. Think Marx‘ Basis und Überbau, aber als ineinander verschränkte Netzwerkcluster.

Ein Materiell-Semantischer Komplex über den ich hier immer wieder schreibe ist das Silicon Valley, womit ich, nebenbei, eben nicht (nur) den geographische Ort meine, sondern vor allem die Infrastrukturen, die aus ihm herauswachsen, sowie die spezielle Art zu denken, die Erzählungen von Innovation und Entrepreneurship, etc. Auch die KI-Industrie halte ich für einen abgrenzbaren Materiell-Semantischen-Komplex mit eigenen Infrastrukturen und Semantiken, über die ich immer wieder schreibe. Aufgrund der Netzwerkstrukturen durchdringen und überlappen sich diese Räume und auf unterschiedlichen Zoomestufen kommen unterschiedliche Cluster zum Vorschein. So ist der KI-Komplex selbst ein Teil des Silicon Valley-Komplexes und der Silicon Valley-Komplex ist wiederum Teil eines noch größeren Komplexes, nämlich: „Der Westen“.

Auch der Westen ist so ein Amalgam aus materiellen Abhängigkeiten, Infrastrukturen, Erwartungen, soziale und materielle Praktiken, Know How, sowie eines ganzen Ökosystems von Diskursen, Erzählungen und eingeübten Perspektiven. Ein paar der mächtigsten davon haben wir bereits besprochen: Der Blick von nirgendwo, der in Wirklichkeit der Koloniale Blick ist, der an einen linearen Prozess glaubt, den er „Zivilisation“ nennt und als dessen vorläufigen Endpunkt er sich versteht, und es kommt eben noch eine ganze Menge hinzu, wie das Entitlement zu einem Leben im Überfluss und die damit einhergehende institutionalisierte Blindheit gegenüber der Infrastruktur und der strukturellen Gewalt, die dieses Leben ermöglicht.


Kleiner Sanity-Check zwischendurch:

Schauen wir auf das größere Bild. In Deutschland werden 2024 Pro-Palästina-Proteste in Unis von der Polizei geräumt. Ein Pro-Palästina Kongress wurde auf rechtlich mehr als fragwürdiger Grundlage verboten. Es hat seit dem Deutschen Herbst keine so rabiaten Einschnitte in die Meinungs- und die Versammlungsfreiheit mehr gegeben. Anders als 1977 gibt es allerdings kaum Liberale, die die stickige Diskursverengung und die neoautoritäre staatliche Praxis kritisieren. Dabei ist gerade wegen der Polarisierung in Sachen Gaza und Israel freier Diskurs nötiger denn je.


Bill Ackman ist ein Investmentbanker, der es zu einer Elon Musk-artigen Nervberühmtheit brachte, seit er es schaffte, eine Unipräsidentin von ihrem Posten zu entheben (wir kennen das Playbook) und dessen Hedgefont gerade mit einer erschreckend hohen Unternehmensbewertung überraschte.

Matt Levine erklärt was an der Unternehmensbewertung überraschend ist:

„This is all crude and oversimplified in a lot of ways. But in this dumb model, the key inputs are (1) your assets under management and (2) the fees you can charge. Some kinds of asset managers run enormous piles of money and charge minimal fees: BlackRock Inc., which runs lots of low-fee index exchange-traded funds, manages about $10.5 trillion for investors and is worth about $116 billion, or a bit more than 1% of assets. Other kinds of asset managers run smaller piles of money and charge higher fees: KKR & Co., which runs lots of expensive private equity funds, manages about $578 billion for investors — about 5.5% the size of BlackRock — but is worth about $89 billion, or more than 15% of assets, almost as much as BlackRock. Intuitively — crudely, inaccurately, but intuitively — you could think “well, BlackRock probably charges about 10 basis points, so at a 10x multiple that’s worth 1%; KKR probably charges about 1.5%, so at a 10x multiple that’s worth 15%.”

Ackmans Hedgefond managed $18 billion, nimmt 2% Gebühren und ist 10 Milliarden wert, was weit außerhalb der von Levine geschilderten Rationalität liegt und alle kratzen sich nun am Kopf. Natürlich hat das mit keiner Marktrationalität zu tun, sondern – wie bei Musk, Trump und Ramaswamy – mit Ackmans öffentlichen Profil. Levine folgert:

There is a meme-stock element to all of this. If you’re investing in Ackman’s management company, you are not really betting on Ackman’s ability to pick stocks and make smart derivatives trades, because you don’t directly benefit from those skills. You are betting on Ackman’s ability to raise money by tweeting and going on television, to build his public profile by doing controversial stuff on social media and to convert that profile into investor interest.

Dieser „Controversial Stuff“ bedeutet halt den rechten Kulturkampf mit einem (weiteren) mächtigen Geschäftsmodell auszustatten. Manchmal wächst die materielle Abhängigkeitsstruktur eben auch aus den Semantiken, statt umgekehrt?

Jedenfalls bringt es Max Read besser auf den Punkt.

One way of thinking about this “trend” of conservative stars leveraging their media profiles and anti-woke reputations to raise money from (and/or cash out off the largesse of) politically aligned retail investors is as a symptom of a general collapse of whatever nominal barriers once might have existed between finance, politics, and entertainment. “Investor,” “influencer,” “politician” become interchangeable words; “NYSE,” “Twitter,” “elections” interchangeable arenas.

Read macht klar, dass die Verstrickung von rechten Schaumschlägern mit Betrugsmaschen und Pyramidensystemen eine lange Tradition hat, aber dieses zunehmende Zusammenwachsen von Wall Street, Silicon Valley und KI mit dem rechten bis rechts-radikalen Semantikraum macht mir persönlich enorme sorgen. Welcher Materiell-Semantische-Komplex entsteht dort?

Krasse Links No 18.

Willkommen bei Krasse Links No 18. Zieht Eure Taschentücher aus der Mangel, heute trauern wir um die digitale Öffentlichkeit.


Diese Woche war re:publica und wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass es meine Leib und Magen-Konferenz ist. Keine Veranstaltung hat mich mehr geprägt, auf keiner Veranstaltung kenne ich mehr Leute oder Leute mich. Ich war auf jeder re:publica seit ihrer Gründung und habe auch selbst einige Talks gehalten.

Umso froher war ich, dass die Konferenz beinahe mit dem Wichtigsten Begann: einem Panel, dass man auch gut als Trauerarbeit über den Verlust von Twitter betiteln hätte können. Ich kenne und schätze alle Menschen auf diesem Panel sehr und kann mich bei fast allem, was sie sagen, anschließen.

Natürlich ist es ein Stück weit meiner spezifischen Sicht auf die re:publica geschuldet, doch ich glaube, man kann schon sagen, dass die re:publica und Twitter eine Art Co-Evolution durchliefen? Ich lernte den Dienst 2007 auf der noch als „Bloggerkonferenz“ gestarteten re:publica kennen und schon im nächsten Jahr sprachen wir uns alle über unsere Twitter-Handles an. Die re:publica merkte schnell, dass der Fokus auf Blogs zu klein gedacht war und der Scope erweiterte auf etwas, was man gelegentlich als „die digitale“ oder „vernetzte Öffentlichkeit“ referenziert und wofür sich der Name „re:publica“ ja auch wunderbar eignet? Die re:publica verstand sich immer als beides: enthusiastische Befürworterin der vernetzten Öffentlichkeit und als Ort für den kritischen Blick auf diese Öffentlichkeit und ich finde, das ist auch dieses Jahr programmatisch gelungen.

Ich habe grad keine Lust, Öffentlichkeitstheorien zu wälzen, aber ich glaube ganz stark, dass Öffentlichkeit im Allgemeinen und die digitale Öffentlichkeit im Besonderen nur als Netzwerk verstehbar ist. Nicht als Netzwerk der Kommunikationen (das wäre der unpolitische Luhmann-Take), sondern als Netzwerk der Beziehungen, bestehend aus den Erwartungen, Kenntnissen, unterschiedlichen materiellen und semantischen Verstrickungen und letztlich bestehend aus dem Vertrauen, das Menschen gegenüber anderen Menschen und Institutionen aufzubauen pflegen.

Es wird oft behauptet, dass Twitter ja nur ein kleines, nominell bedeutungsloses Netzwerk war, aber das ist halt nur die statistische Draufsicht? Aus netzwerktheoretischer Sicht bestand es aus den wesentlichen Hubs, relevanten Clustern und inbetweenness-zentralen Akteuren der öffentlichen Sphäre. Auf Twitter tummelten sich (fast) alle, die an den Semantiken arbeiten: Wissenschaftler*innen, Autor*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen, Politiker*innen aller Ränge, Jurist*innen, Medienleute, allerlei Prominente und Public Figures und Exper*innen für praktisch alles? Das, was wir digitale Öffentlichkeit nennen, fand nicht ausschließlich, aber zu einem beutenden Teil auf Twitter statt.

Und die re:publica ist nun mal der Ort, an dem sich ein kleiner und stetig wechselnder Ausschnitt daraus einmal im Jahr zum Biertrinken materialisiert. Twitter, die re:publica und die „digitale Öffentlichkeit“ sind nicht einunddasselbe, aber sich weitreichend überlappende und gegenseitig nährende Netzwerke.

Mit dem Tod von Twitter ist nun das zentralste dieser Netzwerke in für sich nicht öffentlichkeitsfähige Einzelteile (Mastodon, Bluesky, Threads, LinkedIn und, naja, X) zersprungen. Unzählige Verbindungen sind dabei zu Bruch gegangen und etliche Diskurse sind verstummt. Und während ein nicht geringer Teil der öffentlichen Personen, Journalist*innen und Politiker*innen weiter auf X mit den Nazis rumhängt, downranked Meta politische Inhalte auf all seinen Plattformen und rüstet sie zu algorithmischen Versionen von RTL2 um. Und all das, während Google gerade literally das freie Web killed?

Jedenfalls war die Frage, die ich ganz am Ende stellen wollte, (Johnny will mich am Ende gerade drannehmen, aber ich war leider schon aus dem Raum):

Ist der Ansatz, die digitale Öffentlichkeit von Techunternehmen bereitstellen zu lassen, nicht sichtbar genug gescheitert und ist es nicht an der Zeit, ein allgemeines Misstrauensvotum nach Silicon Valley zu senden?

Doch dann fiel mir ein: es ist zu spät.

Die digitale Öffentlichkeit hat aufgehört eine vernetzte Öffentlichkeit zu sein und geht zunehmend in den „For you“-Algorithmen der kommerziellen Plattformen auf. Das bedeutet, dass die neue digitale Öffentlichkeit nicht mehr durch menschliche Beziehungen und vernetztes Vertrauen getragen wird, sondern vollends den opaken Steuerungsinstrumenten einer Hand voll Konzernen ausgeliefert ist.


Bei Anthropic haben sie sich mal angeschaut, wie Semantiken wirklich aussehen und funktionieren und ich stelle mal wieder fest, dass ich KI noch so ablehnen kann; die Forschung dazu finde ich nach wie vor faszinierend.

Bisher haben wir hier immer so getan, als sei der Latent-Space der LLMs (Details im Boecklerpaper) mit dem semantischen Raum, den auch wir Menschen bewohnen, zumindest in weiter Überschneidung.

Das ist nicht völlig falsch, denn die Semantiken sind dort tatsächlich kodiert, aber weil im Latent-Space nur Tokens, also Wortbestandteile zueinander in Beziehung gesetzt sind, existieren die Semantiken nur als latente Bahnungen in diesem Space und sind deswegen nicht wirklich isolier- und adressierbar. Um den tatsächlichen Semantiken habhaft zu werden, muss man sie während der Aktivierung ihrer Bahnungen erwischen.

Den Forscher*innen von Athropic ist es nun gelungen, einige hochabstrakte Semantiken (die Forscher*innen nennen sie hier „Features„) in ihrem mittlschwerem Flagship-Modell Claude 3 Sonnet zu identifizieren und isolieren. Dafür trainierten sie ein gesondertes Neuronales Netzwerk (ein Sprarse Autoencoder) an den neuronalen Aktivierungen beim Benutzen von Claude 3. Weil der Sparse Autoencoder so konfiguriert ist, dass er die hochkomplexen Aktivierungen im neuronalen Netzwerk der LLM auf die Relevantesten reduziert, gelang es den Forscher*innen momosemantische Features wie die „Golden Gate Bridge“, „Kognitionswissenschaft“ oder „Programmierfehler“ zu isolieren und adressierbar zu machen.

We find a diversity of highly abstract features. They both respond to and behaviorally cause abstract behaviors. Examples of features we find include features for famous people, features for countries and cities, and features tracking type signatures in code. Many features are multilingual (responding to the same concept across languages) and multimodal (responding to the same concept in both text and images), as well as encompassing both abstract and concrete instantiations of the same idea (such as code with security vulnerabilities, and abstract discussion of security vulnerabilities).

Hier sieht man die Aktivierungsstärke pro Token einiger ausgesuchter Semantiken.

Semantik ist klebrig, aber eben auch klumpig und die Klumpen bilden Meta-Klumpen und Meta-Meta-Klumpen: von Tokens zu Worten, von Worten zu Konzepten oder Features, und ich schätze, das geht bei den großen Modellen bis zu Methoden, Theorien, Ideologien und Perspektiven? Würde man „Neoliberales Denken“ als Feature isolieren, färbte es das FDP-Programm rot.

Ich stell mir das so vor, dass der Latent-Space der LLMs eine Art riesiger Fußabdruck unserer menschlichen Semantiken ist. So wie der Fußabdruck den dreidimensionalen Fuß nicht abbilden kann, so fehlt auch dem Latent-Space der LLM ein Großteil der Dimensionen menschlicher Erfahrung: Die Signale unseres Körpers, die begleitenden Reflexionsschleifen unseres Bewusstseins und unser vielfältiges Eingewobensein in die Welt steht den Maschinen nicht zur Verfügung. Die Welt der Maschinen ist flach und weit und die der Menschen tief und dafür enger?

Und das Beste an dieser Erkenntnis ist, dass das bedeutet, dass ein Großteil dessen, was wir Intelligenz nennen, nicht in unseren grauen Zellen, oder in den H-100-Clustern der Cloudanbieter steckt, sondern außerhalb von uns – in der Sprache, in unseren geteilten Semantiken – existiert.

Und deswegen bin ich mir auch so sicher, dass AGI kein Problem ist. Denn jede künstliche Intelligenz – egal, wie groß die Datenmenge, egal ausgefeilt die Algorithmen und egal wie viele GPUs dafür durchgenudelt werden – bleibt immer in einem nie perfekten Abdruck unseres menschlichen Semantik-Spaces gefangen. LLMs sind mit uns gefangen in der Sprache; auch sie können genauso wenig wie wir Dinge denken, für die ihnen die Semantiken fehlen. Wittgenstein hatte also schon vor über 100 Jahren die Alignmentforschung verabschiedet, als er feststellte:

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“


Diese Woche ging das Share-Pic „All Eyes on Rafah“ viral und überall diskutiert man warum.

Ich habe es nicht geteilt. Nicht, dass ich die dahinterliegende Botschaft nicht absolut dringend hätte teilen wollen, aber das offensichtlich als KI-generiert zu erkennende Bild schien mir dafür irgendwie … unangemessen?

Dennoch verfolgte es mich tagelang durch Instagram und daher bin ich dankbar, dass Ryan Broderick sich daran gemacht hat, der Sache auf den Grund zu gehen und anscheinend kommt das Bild von einem eher unbekannten und unauffälligen malayischen Account namens shahv4012.

Die Herkunft des Bildes ist aber weniger wichtig, als die Frage, warum es so viral ging? Und dafür umreist Broderick einmal kurz den Zustand unserer digitalen Öffentlichkeit:

Right now, X is the only social platform that isn’t actively suppressing uncensored content from Gaza. And, unfortunately, no one really uses X anymore. Everywhere else, there are either graphic content warnings or algorithmic limiters placed on any posts about the conflict. Instagram does have AI-generated content warnings, but the platform does not seem to be enforcing them as aggressively on Story content, which is primarily how this thing is spreading.

[…]
So if you’re desperate for a super concise explanation as to how this random Malaysian user ended up creating the Post Of The Moment, it’s because they basically managed to do the impossible. They generated a pro-Palestine solidarity image vague and abstract enough to bypass both censors and filters on one of the biggest remaining social networks that real people still use.

Schon letztes Jahr kam heraus, dass Meta systematisch pro-palästinensische Bezugnahmen zensiert, dazu kommen Moderationsregeln zu Gewaltdarstellungen und das vieldiskutierte allgemeine Downranking politischer Inhalte.

Was Broderick aber übergeht, ist ein zweiter, ich würde behaupten, noch strengerer Filter. Ich nenne ihn mal Semantische Verbotsstrukturen, wobei „Verbot“ eigentlich schon zu viel ist, denn sie funktionieren eher wie als „gefährlich“ markierte Gewässer, die die meisten Leute freiwillig versuchen, weiträumig zu umschiffen. Und diese „gefährlichen Gewässer“ sind gerade beim Nahostkonflikt weitläufig und vielfältig.

„All Eyes on Rafah“ wurde vor allem deswegen so viral geteilt, weil es sich den Leuten, die ein Mindestmaß an Solidarität mit den Palästinensern auszudrücken wollten, als einer der wenigen sicheren Pfade durch diese gefährlichen Gewässer anbot. Das belanglose KI-generierte Bild und der nichtssagende aber doch dringlich wirkende Spruch ist (wahrscheinlich?) nichtmal durch Felix Klein angreifbar?

Und so gab das Sharepic all jenen ein Ventil, ihre Erschütterung über die Ereignisse in Rafah auszudrücken, die sich nicht kompetent oder mutig genug fühlten, echte Fotos zu posten, oder konkrete Forderungen zu formulieren.

„All Eyes on Rafah“ erzählt uns nichts über Gaza, aber alles über unsere in Trümmern liegende Öffentlichkeit.


Auf der re:publica hat Johnny Haeusler Anna-Lena Baerbock interviewt, was ich leider verpasst hatte, weil ich mir unbedingt tantes großartigen Talk ansehen wollte, habe ihn aber auf Youtube nachgeholt.

Im Letzten Jahr durfte Olaf Scholz sogar seine eigene Interviewerin mitbringen, dieses Jahr gab es eben Softballs für die Baerbock. Ja, Johnny ist kein Journalist aber ich finde die Außenministerin in so einer Situation zum sanften Plausch zu bitten trotzdem unangemessen? Ich finde, das steht einer Konferenz, die sich immer auch als Ort der kritischen Öffentlichkeit verstanden hat, nicht gut.

Ich verlinke das Interview hier aber dennoch, denn während Baerbock ihre Semantiken voll im Griff hatte, traten die oben erwähnten diskursiven Verbotsstrukturen full on Display, als Johnny die Ereignisse in Israel/Gaza wie folgt zusammenfasste:

„Wir haben am 7. Oktober im letzten Jahr einen bestialischen Terrorangriff auf die israelische Zivilbevölkerung erlebt und danach … eine weitere Eskalation in dieser Gegend.“

Um es gleich zu sagen: Nein, ich glaube nicht, dass sich hier Johnnys unterschiedlicher Maßstab für Terror und Leid bei Israelis vs. Palästinenser Bahn bricht. Johnny ist kein Rassist.

Wenn man genau hinschaut, sieht man stattdessen, wie ein wahnsinnig nervöser Steuermann beim Navigieren „gefährlicher Gewässer“ scheitert. Dröseln wir das mal auf:

Zunächst sichert sich Johnny ab, indem er den Terrorangriff vom 7. Oktober in den schärfsten Worten verurteilt. Das ist schon zu einer Art Ritual geworden und meine Vermutung ist, dass Johnny das beim Formulieren selbst auffällt, weswegen er versucht eine rhetorische Schippe draufzulegen. Doch dann kommt der Moment, in dem er merkt, dass er, gerade weil die Einleitung so scharf formuliert war – „bestialisch!“, „Zivilbevölkerung!“ – den weiteren Hergang und Israels Rolle darin nicht weniger drastisch schildern kann?

Menschen formulieren wie LLMs Wort für Wort (allerhöchstens Halbsatz für Halbsatz) und wie bei LLMs determiniert auch in menschlichen Formulierungen das Gesagte das noch zu Sagende. Semantik ist eine komplexe Landschaft mit Höhen und Tiefen, in der eben nicht alle Pfade gleichwahrscheinlich sind, jedenfalls, wenn wir verstanden werden wollen. Und diese Eigenlogik der semantischen Landschaft beschränkt und leitet unser Denken und Sprechen – natürlich nicht komplett und das merkt man an Johnnys Zögern, denn das ist der Punkt, an der er seine anfängliche Pfadentscheidung bereut und verzweifelt nach einem Ausweg sucht.

Sein Problem ist folgendes: Eine dieser semantischen Eigenlogiken gebietet, dass man den 7. Oktober nicht in solch scharfen Tönen beschreiben und dann einfach in eine neutrale und sachliche Sprache übergehen kann, wenn man über die 40.000 palästinensischen ja ebenfalls größtenteils zivilen Opfer sprechen will. Das wäre schlicht kein konsistenter Satz?

Doch der verbleibende Pfad würde notwendigerweise den Begriff „Israel“ mit irgendeinem scharfen Adjektiv und „toten Zivilist*innen“ in einen Satz pressen müssen und deswegen blinkt über ihm ein riesiges Warnschild: Achtung! Achtung! Antisemitismusgefahr!!!

Ich schätze, da ist Johnny halt auf die Bremse getreten und hat diese supergefährlichen Gewässer einfach dadurch umschifft, dass er den israelischen Massenmord in Gaza als „weitere Eskalation in dieser Gegend“ entakteurisiert und passiviert.

Ich schreibe das nicht, um Johnny vorzuführen und das wäre auch Quatsch, denn diese Verbots-Strukturen betreffen uns alle mehr oder weniger und sie sind insbesondere im linksliberalen und ansonsten meist kritischen Milieu besonders mächtig. Ich finde das ist ein riesiges Problem, und niemand traut sich, darüber zu sprechen.


Neven Mrgan findet viele plastische Vergleiche dafür, wie es sich anfühlt, eine ki-generierte E-Mail von einem Freund zu bekommen. Einer davon lautet:

It felt like getting a birthday card with only the prewritten message inside, and no added well-wishes from the wisher’s own pen. An item off the shelf, paid for and handed over, transaction complete.

Im Boecklerpaper hatte ich gefragt:

Es ist vielleicht nicht offensichtlich, aber der Aufwand einer Kommunikation ist immer auch Teil der Kommunikation. Dass sich jemand die Mühe macht, einen Brief zu tippen oder auch nur eine E-Mail, verleiht der Kommunikation eine gewisse Bedeutungsschwere und führt dazu, dass wir sie überhaupt ernst nehmen. Doch was passiert, wenn dieser Aufwand verschwindet oder er zumindest nicht mehr als solcher empfunden wird?

Ich glaube, wir verstehen jetzt besser, welche Art des Aufwandes wir vermissen.

Eine wichtige Dimension, die den LLMs derzeit noch fehlt, ist der Einbezug des Gegenübers der Kommunikation beim Navigieren der Semantiken. Wenn wir Menschen jemandem schreiben, wägen bei jedem Wort unser Verhältnis zum Adressaten ab. Wir beziehen unsere Gefühle und Gedanken dem Anderen gegenüber beim Schreiben mit ein. Jedes Wort einer E-Mail verhandelt auch immer die Beziehung zwischen Menschen.

Klar, das sieht man den meisten E-Mails oder Textnachrichten nicht an, denn auch ohne ChatGPT haben wir uns in vielen Kontexten eine zu persönliche Note abgewöhnt? Aber dass diese Bezugnahme beim Schreiben stattfindet – auch oder gerade wenn man sie gar nicht herausliest – ist uns dennoch wichtig.

Denn wenn ich erfahre, dass diese Bezugnahme beim Schreiben nicht stattgefunden hat, dann hat sie auch nichts mit mir zu tun. Und wenn diese Nichtbezugnahme auch noch von einem Freund/einer Freundin kommt, dann kann das besonders kränkend sein.

Und das ist es auch, warum es sich so anders anfühlt, einen Newsletter zu schreiben, statt in die Welt hinaus zu bloggen. Die Dimension des Adressaten eröffnet eine kleine, aber nicht unbedeutende Verantwortungsübernahme und die fließt als unterschwellig mitlaufende Bezugnahme in jeden meiner Semantikpfade ein.


Die taz fasst die Ereignisse rund um die Vorwürfe gegen die berliner TU-Präsidentin Geraldine Rauch einigermaßen unfallfrei zusammen. Wer es nicht mitbekommen hat: Eine Reihe von Medien, Politiker*innen und Journalist*innen fordert seit Tagen ihren Rücktritt für das Liken. Eines. Tweets.

Eines Tweets, der neben dem völlig unproblematischen Text auch ein Bild einer Demo zeigt, auf dem ein Plakat zu sehen ist, in das man, wenn man sehr, sehr genau hinschaut, Symbole erkennen kann, die man, wenn man es ganz doll will, antisemitisch auslegen kann, zumindest, wenn man der IRHA-Definition von Antisemitismus anhängt.

Rauch musste sich jedenfalls tatsächlich entschuldigen und ich bin einfach so gespannt, wie man auf diese Zeit in 10 Jahren blicken wird?

Ich geb es zu, ich bin enttäuscht von Johnny, ich hätte mir mehr Mut gewünscht, aber auf der anderen Seite sehe ich auch, wovor er Angst hat? Diese Angst ist derzeit berechtigt, denn offensichtlich kann jede propalästinensische oder israelkritische Bezugnahme einen den Job kosten, wenn man nicht super der Experte ist und alles doppelt, dreifach und vierfach prüft?

Ich bin nicht wirklich sauer auf Johnny, sondern auf uns, die sich mal als „kritisch“ verstanden habende Öffentlichkeit, dass wir dieses Klima zugelassen haben.


Ich weiß nicht, welches Maß an Courage es bedeutet hätte, Baerbock auf die Waffen anzusprechen, die Deutschland in enormen Ausmaß an Israel liefert, vor allem seit dem 7. Oktober. Aber irgendwie hätte ich mir das trotzdem gewünscht? Der NDR vom April:

2023 sind diese Exportgenehmigungen auf den Gesamtwert von 326 Millionen Euro gestiegen. Das ist zehnmal so viel wie im Vorjahr. Die Zahlen gab die Bundesregierung auf Anfrage der Bundestagsabgeordneten Sevim Dağdelen (BSW) bekannt.

Gewehrmunition, Schulterwaffen, Radfahrzeuge, Elektronik und Kriegsschiffe – das genehmigte Arsenal geht quer durch das Spektrum des modernen Kriegshandwerks. Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten der zweitwichtigste Waffenlieferant für Israel. Die Bundesregierung unterscheidet dabei zwischen „Kriegswaffen“ und „sonstigen Rüstungsgütern“, eine Differenzierung, die von Kritikern als künstlich bewertet wird. Denn ein Dieselmotor für einen Panzer oder Steuerungselektronik für Drohnen (sonstige Rüstungsgüter) dienen ebenso der Kriegsführung wie Panzerfäuste (eine Kriegswaffe).

Mir geht es gar nicht darum, das zu skandalisieren, denn ich nehme den Politiker*innen ab, dass sie die Brutalität des israelischen Gegenschlags nicht haben kommen sehen (auch wenn das natürlich reichlich naiv war). Mir geht es darum, zu betonen, welch riesigen Hebel die Bundesregierung als zweitgrößter Waffenexporteur Israels hätte, um ihrer Kritik am israelischen Vorgehen Nachdruck zu verleihen.

Dieser große Hebel macht uns direkt mitschuldig an allem, was gerade in Gaza geschieht und mit „uns“ meine ich nicht nur die Bundesregierung, oder irgendwie „Deutschland“, sondern ganz konkret uns, die Öffentlichkeit und noch genauer: uns deutsche, weiß gelesene Öffentlichkeit.

Denn solange wir die öffentliche Solidarisierung mit den Palästinensern Menschen mit dunklerer Hautfarbe überlassen, wird sich die Bundesregierung auch weiterhin die Erlaubnis geben, Israel wüten zu lassen. Und so lange wir es zulassen, dass die wenigen, die sich trauen zu widersprechen, wie Yanis Varoufakis, Nancy Fraser, die Hochschullehrer mit ihrem Brief, Masha Gessen und jetzt Geraldine Rauch medial zur Strecke gebracht werden, werden wir aus diesem Alptraum so schnell nicht wieder erwachen.


Einen Alptraum, den Moshe Zuckermann in seinem Deutschlandfunkkultur Kommentar gekonnt auf den Punkt bringt:

Versucht man all dies aber im heutigen Deutschland zur Sprache zu bringen und öffentlich zu erörtern, wird man sofort bezichtigt, antisemitisch beziehungsweise von “jüdischem Selbsthass” angefressen zu sein. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung entblödete sich nicht, den Antisemitismus selbst einem kritischen jüdischen israelischen Bürger anzuhängen. Man kann sich zunehmend des Gefühls nicht erwehren, dass etwas mit der anfangs vielversprechenden Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit schiefgegangen ist.


Ich war nicht singen dieses Jahr. Ich hab drüber nachgedacht hinzugehen, weil ich dabei sowieso meistens weinen muss und vielleicht war das ja ein Ort meiner Trauer nachzugeben? Ich verwarf den Gedanken schnell, denn meine Tränen hätten sich dort einfach falsch angefühlt.

Es gab ein paar wenige Leute, die meine Sorgen teilten und machmal saßen wir zusammen, um uns über unsere Sprachlosigkeit gegenüber dieser Verdrängungsleistung auszutauschen, die uns umgab. Mit jedem Tag bekam ich mehr das Gefühl auf einer Verdrängungskonferenz zu sein und es fiel mir schwerer, überhaupt hinzufahren.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht und ob ich nochmal auf eine re:publica gehe oder wie sie aussehen müsste, damit ich das tue. Aber eines weiß ich ganz sicher: jemand müsste mal caren.