Reisetagebuch 4 Fortsetzung

Tag 4 / Fortsetzung:

Was für ein krasser Tag!

Also kurz, nachdem ich die letzten Zeilen schrieb, hat es aufgehört zu regnen. Ich also Zelt abbauen, Sachen packen und dabei möglichst wenig Sand mitnehmen. Es ist brüllend schwül. Ich schwitze und fluche. Dann ist alles zusammen, alles verstaut und es kann losgehen.

Mein Hunger treibt mich aber zunächst Richtung Timmendorf. Dort bei einem kleinen Imbiss bestell ich mir Matjesfilet mit Bratkartoffeln. (Ja, ich stehe auf Matjes. Außerdem ist es voll super, wenn man Sport macht. Denkt an die Elektrolyte!) Dazu mach ich natürlich erstmal meine Wasservorräte voll. (Auch so ein Ritual, dass mir in Fleisch und Blut übergegangen ist.)

Ich also runter von Poel, immer der App nach. Blöder weise habe ich gestern die App nicht mit „Pause“ beendet sondern habe mich vertouched (hihi) und bin auf „Ende“ gekommen. Nun ist mein Tracking weg. Also musste ich ein neues starten.

Die Neue Route geht aber davon aus, dass ich zunächst einmal erst wieder nach Wismar will. Also radle ich und radle ich und bemerke erst den Fehler als ich schon über 5 Km in die falsche Richtung unterwegs bin. Als ich den Fehler bemerke, ärgere ich mich gleich doppelt. Nicht nur habe ich 10 Km umsonst zurückgelegt, nein. Der großen, grauen Gewitterfront, die da von Westen auf mich zurollt, hätte ich leichter hinter mich lassen können.

Ich also wieder Richtung Norden. Bis ich meinen Weg wiedergefunden habe, ist die Front bereits so nah, dass ich die Striemen am Horizont sehen kann, die Regen versprechen. Ein Blick auf Regenradar macht klar, dass ich Glück habe, aber mich durchaus sputen muss. Die Front verläuft nordwärts, aber drückt sich dabei auch immer weiter Richtung Osten – auf mich zu. Ich hingegen muss weiter Richtung Nord-Osten. Der Gewitterfront vorweg.

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Ich will nicht nass werden, also beschließe ich, mir mit der Gewitterfront ein Rennen bis nach Rostock zu geben. Ich steige in die Pedale und versuche Land zu gewinnen, während die graue Front sich links von mir immer weiter nähert.

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Ich radle also was das Zeug hält. So langsam nehme ich bei mir einen deutlichen Trainingseffekt wahr. Als ich die 30 Km zusammen habe, ohne größere Pause (ich muss alle Stunde mal die Wasservorräte umfüllen), merke ich das nur beiläufig. Selbst bei dem höhren Tempo. Zum Vergleich: bislang war ich die Tour mit 18 Km/h Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs. Jetzt bewege ich mich zwischen 21 und 22 Km/h.

Ich und die Gewitterfront bewegen uns fast perfekt parallel. Nur, dass sie ein bisschen schneller scheint. Bei Km 40 merke ich die ersten Ermüdungserscheinungen. Wie weit ist es eigentlich noch nach Rostock. Egal, wird schon nicht so weit sein. 50Km oder so.

Bei Km 50 ist Rostock nicht mal ausgeschildert. Dafür ist die Gewitterfront fast über mir. Ich spüre die ersten Tropfen. Mist. Ich muss schneller treten.

Bei Peplow dann die Wende. Meine Strecke geht direkter nach Osten weg. Das verschafft mir Luft. Langsam aber stetig radel ich mich frei. Der Himmel über mir klar sich auf. Ich versuche dennoch das Tempo zu halten. So langsam spüre ich meine Beine. Und mein Arsch. So ein Fahrradsattel ist nicht gerade das bequemste.

Bei Neubokow seh ich das erste mal die Unterzeile „Landkreis Rostock“ und freue mich. Kann ja nicht mehr allzu weit sein.

Dann geht es erstmal wieder nordwärts. Ich merke, wie die Gewitterfront wieder näher kommt. Oha, da ist sie. Direkt vor mir.
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Ich geb noch mehr Gas. Wieder die Tropfen. Bei Km 60 ist Rostock immer noch nicht ausgeschildert und die Gewitterfront ist ganz nah.

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Verdammt. Wie weit ist dieses verfluchte Rostock denn noch? Da ein Schild. Rostock 23 Km. Nooooooiiiiin!!

Ich radel immer noch wie wild. Die Tropfen werden weniger. Ich schwimme mich frei. Aber ich bin völlig am Ende. Über 60 Km ohne pause mit vollem Gepack, vollgas. Ich kann gleich nicht mehr. Das Gewitter immer noch im Nacken.

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10 Km vor Rostock wird klar. Ich hab es geschafft. Ich hab das Gewitter abgehängt.

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Aber zu was für einem Preis. Ich war die Tour noch nie so fertig. Völlig unterzuckert. 76 Km Vollgas. Ich will in Rostock sofort eine riesige Portion – irgendwas Deftiges essen. Das mache ich dann auch. So als Siegerehrung.

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(Ich schaffe es natürlich nicht, diese Riesenhaxe aufzuessen.)

Nach dem Essen gehe ich erstmal zu Netto einkaufen, Vorräte auffüllen. Ich schau mich etwas in Rostock um. Es ist hübsch.

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Aber ich muss weiter. Ich muss noch einen Platz zum Zelten finden, außerhalb von Rostock. Die App führt mich weiter auf meiner Route, durch wunderliche Grünanlagen am Rande von Rostock. Es ist schön. Und wie als Anerkennung zwischen zwei Sportler schenkt mir der Himmel ein wunderschönes Bild.

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Es ist bereits kurz vor 8 und ich bin unter Zeitdruck. (Mal wieder). Wenn ich vor 9 mein Zelt nicht aufgebaut habe, killen mich die Mücken und im dunkeln aufbauen ist eh doof.

Die App führt mich direkt in den Hafen. Finde ich nett. Ich mag diese riesigen Industrieanlangen. Aber dennoch merkwürdig. Wo soll es denn hier hingehen?

Nach einigen Km im Hafengelände komme ich an ein Tor mit polnischer Aufschrift. Die App sagt: weiter geradeaus. Ich sage: ich glaube nicht.

Ich drehe um. „Route wird angebasst.“. Und „Bitte jetzt umkehren“. Ich sage: „Fick dich! Deinetwegen hab ich mich verfranzt“. Ich muss tatsächlich den ganzen Weg zurück. Ich fahre wieder zurück zu dem Grünstreifen. Hier war nett.

Ich schlage mein Notunterkunftszelt auf. Mitten in der Wallachei, hinter einem Busch am Feld. Ich tarne das Zelt mit ein paar abgerissenen Zweigen. Muss reichen.


Reisetagebuch 3 / 4

Tag 3 Fortsetzung:

Es wird erneut Zeit nochmal über die Effizienzgewinne beim Packen zu sprechen. Ja, mich fasziniert das. Als ich mir die Grundausrüstung Zelt, Isomatte und Schlafsack kaufte, war ich sehr stolz, dass alles drei zusammen in eine der Fahrradtaschen passte. Den Rest meiner Sachen verstaute ich in der anderen Fahrradtasche und im Rucksack. Irgendwie halt. Passt. Die Fahrradtaschen gingen beide nicht richtig zu und mein Rucksack war vollgepackt und schwer. Das ist doof, wenn es regnet, regnet es in die Fahrradtaschen rein und Gewicht will man nicht auf dem Rücken, sondern auf dem Fahrrad haben.

Beim zweiten mal packen ging das schon etwas besser. Ich hatte unter anderem gelernt, wie man das Zelt enger packen kann, so dass die Fahrradtasche doch zu ging. Der Rucksack war auch schon wesentlich leichter.

Beim dritten mal merkte ich, dass es schlau ist, den Schlafsack in die sich verjüngende Fahrradtasche zuerst zu stopfen, denn der kann fast beliebig klein werden und erst dann die Isomatte reinzutun. Auf einmal riesen Platzgewinn. Ich konnte so auch noch die ganze Tüte mit dem Kochgeschirr mit in dieselbe Tasche packen. Ein Paradigmenwechsel!

Beim vierten mal packen hab ich nicht nur die Tüte mit dem Kochgeschirr reingestopft, sondern jedes einzelne (sperrige) Teil sorgsam innerhalb der Tüte nach und nach plaziert. Wieder enorm Platz gespart und die Aufteilung optimiert.

Mit jedem Packen wird man aufmerksamer für jedes kleinste Detail. Mittlerweile habe ich meine Inventur im Kopf. Zelt, Isomatte, Schlafsack, Kochgeschirr in der einen Satteltasche. Klamotten, Kulturbeutel, Pulli, Nahrungsmittel, Wassersack und Klopaier in der anderen Fahrradtasche. Handtuch, Rechner, Akkus, Badehose, Latschen, Regenjacke und Engergieriegel im Rucksack.

Aporopos Energieriegel. Ich hab gerade meinen letzten zum Frühstück gegessen. Aber zurück zum Tag 3, zurück zum Zeltplatz südlich von Travemünde:

So gegen 11 bin ich los. Erstmal wieder Richtung Travemünde, denn dort muss ich erstmal über die Trave, was für so einen kleinen Fluss ein außerordentlicher Umstand ist. Da dort nämlich immer wieder auch große Selegelboote durch müssen, ist da nicht einfach eine Brücke, sondern eine Fähre fährt alle paar Minuten die 150 Meter hin und her. Und weil das eben ein Dienst ist und keine Infrastruktur, kostet es natürlich was. Für Fahrradfahrer erträgliche 2 Euro aber insgesamt ist das schon ein komisches Ding. So muss sich das nichtneutrale Internet anfühlen. An jeder Engstelle wird aus der Infrastruktur eine Dienstleistung und es wird extra abkassiert.

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Von der Fährstelle aus geht es dann immer weiter entlang der Ostsee die Küste ostwärts. Eine wirklich schöne Strecke und gerade nach Travemünde gibt es so viele tolle Strandstellen, Kilometerweit, jenseits der Überfüllung. An denen allen ich einfach vorbeiradele, denn meine protestantische Sportethik erlaubt mir nicht zu rasten bevor ich nicht mindestens 20 Km gemacht habe.

Ich fahre also weiter und weiter, bis Komoot mich wieder mit ihrem „Route wird anbasst“ vollquatscht. Irgendwo mittendrin scheint es die Fahrradwege nicht mehr zu kennen. Auf dem Weg die Ostsee entlang jedenfalls hat es keine weiteren eingezeichnet und will, dass ich erstmal Richtung Inland fahre. Darauf habe ich wiederum keine Lust und fahre einfach immer weiter auf wunderbar befestigten Radwegen, die Komoot einfach nicht kennt. Tjo.

Das nervigste sind die Fiecher. Ich weiß nicht, was das für eine Gattung ist, aber sie sind so knapp 5 mm groß, dunkelgrau und sehen ein bisschen aus wie Wanzen. Aber ich glaube sie können fliegen. Jedenfalls bespringen die einen in Schaaren und irgendwann ist mein ganzer Körper voll mit ihnen. Eklig. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum ich nach ca. km 25 meine erste Pause einlege. Das, und dass der Fahrradweg entlang der Steilküste plötzlich zu ende ist. Jedenfalls halte ich an diesem mittelmäßig netten Ort, um mir erstmal die Fiecher vom Körper zu waschen.

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Nach etwa ner halben Stunde – es ist mittlerweile Mittagszeit, fahre ich weiter, erstmal Landeinwärts bis ich Boltenhagen erreiche. Hier wird der große Bjoern Grau sein Wochenende verbringen, wie er mir per Twitter mitteilte. Ich jedoch esse dort einfach nur ein Matjesbrötchen. Hätt ich mal lieber bleiben lassen sollen, wie sich herausstellen wird. Aber dazu später mehr.

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Weiter geht es auf für Komoot unbekannten Fahrradwegen nach Wismar. Das sind nochmal 22 Km von hier, nachdem ich bereits über 30 geradelt bin.

Mitten auf der Strecke ist meine Trinkflasche leer, aber ich habe irgendwie keine Lust sie nachzufüllen. Es sind ja nur noch 10 Km bis Wismar, das schaffe ich auch noch. 5 Km vor Wismar bin ich so erschöpft, dass ich nachgebe. Ich halte an, fülle die Flasche auf – und trinke sie in einem Zug aus. Ich fülle sie noch mal auf – und trinke sie wieder in einem Zug aus. Gut, denke ich mir. Ich hab ja auch wenig … oh, ich hatte auf der gesamten Strecke, also 50 Km, nur eine halbe Flasche Wasser getrunken. Bei bei weit über 30 Grad im Schatten. Ich musste unfassbar dehydriert gewesen sein. Darauf trinke ich nochmal eine Flasche auf ex, fülle sie wieder auf und radelte weiter.

In Wismar fahre ich wenig durch die Innenstadt, bis ich nahe des Markplates ein schönes Eiscafee entdeckte. Dort gönne ich mir einen obszönen Eisbecker. Karamell. Und einen Cappuchino. Außerdem gehe ich meine Social Media-Kanäle durch und plane die Weiterfahrt. In Wismar will ich nicht übernachten, also muss ich noch weiterfahren. Die ADAC-App zeigt mir nur einen erreichbaren Campingplatz auf dem Weg an. Auf der Insel Poel, zu der ich ja eh will. Ich rufe an, aber sie seien komplett ausgebucht, sagt die Frau am anderen Ende. Tjo. Wird es wohl Zeit für Wildcampen. Darauf hatte ich mich eh von Anfang an eingestellt, doch jetzt, wo es konkret wird, bin ich etwas aufgeregt. Ich suche die Strecke nach wassernahen und dünn besiedelten Gegenden ab. Nach Poel sind es noch mal 20 Km. Auf dem Weg sollte sich was finden lassen.

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Nachdem ich meine Wasservorräte wieder auf aufgefüllt habe, geht es los. Die schöne Strecke vergeht wie im Flug und – Zack – bin ich auf Poel. Dort radel ich erstmal fast um die ganze Insel rum. Dann, kurz vor dem Timmendorfer Strand, ein Schild: Steilküste/FKK Badestrand. Das guck ich mir doch mal an.

Gegen 18:00 komme ich an. Ich habe heute 80 Km gemacht. 215 Km insgesamt bisher. Und heute hat es fast gar nicht weg getan. Außer der Haut. Die hat einen Sonnenbrand. Ich dachte, da ich die letzten Tage auch ohne Sonnenbrand durch die Gegend gefahren bin, wäre ich sicher. Aber die Sonne war heute einfach noch ne Nummer krasser, anscheinend.

Ich spring ins Wasser. Es ist sehr flach, schwimmen geht nur bedingt. Aber ansonsten ist es genau der richtige, abgelegene Strand, den ich suchte. Ich chille so vor mich hin und mache mir Gedanken, wie ich das Wildcampen angehe. Ich gehe nach hinten, zu einem kleinen Wald, eher ein Unterholz. Wenn ich weit genug reingehe, kann ich dort mein Zelt aufschlagen und niemand wird mich finden.

Dann merke ich, dass ich … sehr dringend aufs Klo muss. Zum Glück steht ein Dixiklo gleich nebenan. Ich nehme an, es ist die Remulade gewesen. Wär es der Matjes, ginge es mir wesentlich schlechter. Ich hatte eh ein schlechtes Gefühl bei dem Essenstand in Boltenhagen. Der Wirt wirkte schon, als hätt er Salmonellen unterm Arm.

Gegen 7 hole ich mir erstmal meinen Kocher und mache mir was zu Essen. Dasselbe wie letzten Abend, aber den Reis etwas länger quellen lassen. Mir hats geschmeckt, aber ich erspare euch ein Foto.

Nachdem ich das Geschirr im Meer abgespült habe, erkunde ich den Stand. Irgendwann seh ich ein etwas älteres Pärchen, das ebenfalls gerade sein Zelt aufschlägt. Ich fragte, ob es hier sicher ist. Er entgegnet entspannt, er kenne die Stelle auch noch nicht, aber wird schon gut gehen. Das beruhigt mich. Ich gehe zurück zum Fahrrad, verstecke es im Unterholz und schleppe meine Taschen über den Strand. Gleich ein paar Meter weiter vom Pärchen entfernt, schlage ich mein Zelt auf. Dazwischen eine Gruppe Jugendlicher, die ein Feuer machen.

Ich habe das Zelt gerade kurz vor Sonnenuntergang fertig, die Mückenarmada ist bereits ausgerückt und versucht aggressiv mich auszusaugen. Auf der Meerseite habe ich das Überzelt aufgerollt, so dass ich durch das Fliegengitter freie Sicht auf den Sonnenuntergang habe. Ich mache ein Persicope vom Sonnenuntergang. Er ist wunderschön. Überhaupt ist dieser Abend einer der Highlights bis jetzt. Zelten, direkt am Strand, vor Mücken geschützt dem Sonnenuntergang zuschauen.

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Zum Einschlafen lese ich Dept, the first 5,000 Years weiter aber werde nicht müde. Nur unkonzentriert. Die Jugendlichen lachen am Feuer. Und ich kann nicht schlafen. Es ist noch immer sehr heiß, aber das Zelt noch offen.

In der Nacht wache ich öfter auf. Es ist kühler geworden, es geht ein Wind. Ich wache auf und mummel mich in meinen Schlafsack. Ich wache auf und ziehe mein T-Shirt an. Ich wache auf und ziehe das Überzelt runter. Ich wache auf und befestige es richtig.

Tag 4:

Um 8 Wache ich auf. Also richtig. Es ist ein schöner Morgen. Ich stehe auf und springe direkt ins Meer. So müssen Tage anfangen. Ich esse meinen letzten Energieriegel zum Frühstück (siehe oben) und koche ich mir erstmal Kaffee, denn ich will ja bloggen.

Ich habe meine Isomatte aus dem Zelt am Strand platziert und hole meinen Rechner raus. 2015-08-07 09.06.54-2

Während ich schreibe, fängt es an zu pladdern. Ich schaue aufs Regenradar, tatsächlich kommt da ne ordentliche Front auf mich zu. Ich bringe schnell die Sachen ins Zelt und während der Regen anfängt, versuche ich das Zelt besser zu befestigen. Im Sand geht das nur sehr bedingt. Sehr stürmisch darf es jedenfalls nicht werden. Im Zelt schreibe ich weiter, während der Regen auf Zelt trommelt.

Wenn der Regen vorüber ist, will ich weiterfahren. Mein nächstes Ziel ist Rostock. Und dort in der Nähe wieder wildcampen. Wahrscheinlich östlich. Aber jetzt muss ich erstmal warten bis ich hier weiterfahren kann …


Reisetagebuch 2, 3

Tag 2 / Fortsetzung:

Koomot ist ein gar wunderliches Ding. Eigentlich arbeitet die App ganz gut als Radroutenplaner. Man kann eine Route definieren, die sie einen per Screen und Sprache entlangsteuert. Gleichzeitig ist es aber auch ein Tracker, der jeden Meter gefahrene Strecke genaustens erfasst. Auch das klappt ganz gut. Die geplante Strecke sieht man Blau, die gefahrene Pink. strecke

Nun will man hin und wieder mal anders als die App es plant und dann weicht man vom blauen Weg ab. Dann ist die App sauer und will, dass ich umdrehe. Wenn ich nicht folge, tut sie einsichtig und sagt: „Tour wird angebasst“. Ja, das ist richtig, sie sagt „angebasst„. 5 Sterne Deluxe und gefällt das.

Auch ist das Teilen der Tourdaten ist nicht ganz unkompliziert. Hier ist ein Link, aber er zeigt leider nur die geplante Tour, nicht auf die zurückgelegten Km.

Jedenfalls bin ich ja schon von der Tour abgewichen, als ich zum Zeltplatz am Ratzeburger See fuhr, weil der ja weiter südlich war, als ich dachte. Auf dem Weg zurück nach Norden, richtung Lübeck spricht die App kein Wort mehr mit mir. Gut, denk ich mir, ist halt beleidigt und genieße insgeheim die Stille. Den Weg nach Lübeck finde ich auch so. Sind ja nur 20 Km und Lübeck ist gut ausgeschildert. Außerdem kann ich per Screen ja noch sehen, ob ich on-Track bin.

Nach meinem Aufenthalt in Lübeck schieße ich die App ab und starte sie neu. Jetzt muss ich erst auf mein Profil gehen, dort auf die geplanten Routen, meine Route auswählen und dann „Route Starten“ drücken. Gott sei dank startet die App die Route nicht, wie ich befürchtet hatte von ganz von vorn, sondern führt sie an der Stelle fort, wo ich bin. Ohne zu murren, ohne Irritationen. Find ich toll. Jetzt spricht sie auch wieder mit mir und irgendwie freut es mich, dass wir uns wieder verstehen. Ich hatte sie schon ein bisschen vermisst.

Jedenfalls bin ich von Lübeck über allerlei obskure Fahrradwege einfach immer weiter nördlich, Richtung Ostsee geradelt. Auf dem Weg bin ich noch schnell in meine neue, kurze Hose geschlüpft. Gleich viel angenehmer. Die Fahrt war recht unaufregend. Waren ja nur noch knapp 20 Km bis Scharbeuz. So gegen 16:00 komme ich an.

Scharbeuz ist ein reiner Touriort. Es gibt eine endlose Strandpromenade die Ruhrgebietsartig übergeht in die vom Timmendorfer Strand. Überall sind Eiscafees, Pizzerien, Strandmodegeschäfte und Tourigbimmel. Es ist voll, viele alte Leute, Familien mit Kindern. Dennoch, da ist der Strand.

2015-08-05 16.34.52 Ich dann voll so:

Ich schwimme also ein bisschen raus, aufs Meer, komme zurück. Leg mich auf mein Handtuch und Seufze tief. Hier geht sie eigentlich los, die Ostseetour.

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Gegen 18:00, meine Badehose ist kaum trocken, entscheide ich mich, erstmal meinen Zeltplatz aufzusuchen. Laut ADAC-App liegt er etwas weiter nördlich. Ich radel langsam die Promenade entlang, bis ich das Zeltplatzschild sehe. Ich fahre auf die Auffahrt, stelle das Rad ab und gehe zur Rezeption.

Ob er noch ein Zeltplatz frei habe, heute nacht, frage ich den etwas fertig wirkenden, rauchenden Typen hinterm Tresen. „Nein“, brummt er zurück. „Wirklich nicht? Ich hab nur ein Zweimann-Zelt und ein Fahrrad“. „Nein“, erwiedert der Typ und zuckt mit den Schultern.

Gut, dann muss ich wohl umplanen. Es gibt da einen Zeltplatz, viel weiter südlich, noch unter Travemünde. Nagut. Also nix mit enspanntem Tag. Ich muss noch mal weiter. Zum Zeltplatz ist es erstmal dieselbe Route, die ich bei Komoot eingegeben habe – nämlich osten. Die App führt mich sicher immer weiter Richtung Zeltplatz. In Travemünde merke ich, dass ich hier von der Route abweichen muss, wenn ich zum Zeltplaz will. Den Rest der Strecke begleitet mich ein stetiges: „Die Tour wird angebasst.“

Kurz vor acht Uhr abends komme ich am Campingplatz Ivendorf an. Ich bin ziemlich kaputt, aber immerhin regnet es nicht. Ich habe heute wieder über 60 Km zurückgelegt und bin jetzt insgesamt bei 135. Ein entspannter Tag war das nicht.

Ich baue mein Zelt auf und packe meinen Kocher aus. Es gibt zwar nebenan eine Pizzaria, aber es wird Zeit, mal meine Survival-Kochkünste auszuprobieren. Ich bringe 500 mL Wasser zum Kochen und schmeiße zwei Beutel Reis rein. Das Wasser wird mit Gemüsebrühe versetzt. Ich merke, das ist vielleicht zu wenig Reis. Ich erinnere mich, dass ich volumenmäßig Reis und Wasser sich die Wage halten sollen und kippe einen weiteren Reisbeutel rein. Als der Reis andickt tue ich noch etwas olivenöl und Tomatenmark dazu. Für den Geschmack.

Als da Wasser ganz weg ist, bleibt ein schleimige, leicht rötliche Substanz übrig, die ich mir einlig reinschaufle. (Hatte keine Zeit für Foto) Ich habe wirklich, wirklich Hunger. Der Reis ist noch nicht ganz durch, doch das macht mir nichts. Ich knusper meinen Reis, als wäre es ein Festessen.

Nachdem ich abgewaschen habe, hole ich meinen Rechner raus und schreibe diese Zeilen. Ich bin jetzt ziemlich kaputt und denke, ich werde mich gleich in meine Gemächer zurückziehen. Mal gucken, ob der Akkupack schon fertig geladen hat.

Tag 3:

Er ist endlich da. Der schlimme Ganzkörpermuskelkater. Ich war schon um 5 wach, seitdem nur rumgedöst. Jede Bewegung tut weh. Da muss ich wohl durch jetzt.

Ich war erstmal duschen, habe meinen Akku eingesammelt, den ich über Nacht in der Dusche hab laden lassen. Dann zurück zum Zelt. Das Außenzelt ist sowohl von innen, wie von außen nass. Von außen vom Tau, klar. Aber von innen? Sind das meine Transpirationen? Werd das mal beobachten.

Habe gerade gefrühstückt. Zwei Weltmeisterbrötchen mit Käse. Essen macht echt so viel mehr Spaß, wenn man Sport treibt. Diese Käsebrötchen waren mit das Beste … was ich seit gestern morgen gegessen habe.

Ich lade außerdem mein Macbook-Air, während ich hier schreibe. Bin schon bei 85%. Mein Zelt soll währenddessen in der Sonne trocknen. Ich hatte noch keinen Kaffee, deswegen etwas trantütig.

Gleich geht es wieder on the Road. Bis Wismar sind es 50 Km von hier, aber ich überlege, lieber auf der Insel Poel zu nächtigen. Da war ich schon mal und fand das ganz nett. Aber erstmal Kaffee …


Reisetagebuch 1, 2

Tag 1:

Um 8 aufgewacht mit einem Kater. Kann nicht mehr schlafen. Auch gut. Ich muss ja jetzt eh los.

Packe Sachen zusammen. Ich hatte die letzten Wochen damit zugebracht, mir allerlei Equipment zuzugelegen. Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, und so Kleinkram. Teuer, weil soll leicht sein. Außerdem habe ich mein Fahrrad umrüsten lassen. So spießig mit Gepäckträger, Schutzbleche und Seitentaschen. (Werde ich erwachsen?) Und dann habe ich das in verschiedenen Iterationen getestet. Zelt auf und abgebaut, Fahrradtouren gemacht. Zuerst mit wenig Gepäck zum Tegler See, dann mit vollem Gepäck zum Müggelsee. Vor Ort immer mal wieder den Kocher ausprobiert. Alles soweit ok. Ich fühlte mich fit und bereit. Bis auf den Kater. Nunja.

Zur Tourplanung habe ich mir diverse Fahrradapps ausprobiert und bin dann bei Komoot hängen geblieben. Ich kann nicht sagen, dass ich voll zufrieden bin, aber es lässt sich damit arbeiten.

Gegen neun buche meinen Zug. Ich will von Hamburg aus losradeln. Es fährt aber kein Zug durch, der Fahrradmitnahme erlauben würde. Ich versuche zu buchen, aber die BahnApp kann die Transaktion aus irgendwelchen Gründen nicht durchführen. Ich weiß jetzt jedenfalls wie ich loskomme. 11:28 von HBF, 15:45 in Hamburg. Pünktlich um 10:45 bin ich fertig mit Packen. Ich habe zwei vollbepackte Satteltaschen an meinem Rad und einen mittelbepackten Rucksack auf dem Rücken. Es geht los.

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Am Hauptbahnhof die erste Verwirrung. Normalerweise stelle ich mein Rad ab, wenn ich herkomme und zu irgendwelchen Terminen fahre. Diesmal muss ich mein Rad mit hineinnehmen. Komisches Gefühl.

Ich versuche mir am Automaten die passenden Tickets zu besorgen. Klappt auch nicht. Ich gehe ins Reisezentrum und versuche es manuell. Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr hier. Seit es online- und Handy-Tickets gibt, geh ich nicht mal mehr an den Automaten. Es hat sich einiges verändert seitdem. Ich muss eine Nummer ziehen. Eine freundliche Dame der Bahn sagt, es müsse mit ca. 10 Minuten Wartezeit rechnen. So viel Zeit habe ich nicht. Ich komme an den Schnellschalter. Auch dort zieht es sich. Drei Minuten vor Bahnabfahrt schere ich aus und eile zum Bahnsteig. Scheiß drauf, ich bezahl im Zug.

Ich sitze in einem Bummelzug. RE oder sowas. Es sind viele Leute wie ich hier. Wir drängeln unsere Räder aneinander. Ich lese Graebers Dept, the first 5000 Years auf dem Kindle. Die Zugfahrt zieht sich endlos. Ich muss ich Schwerin umsteigen und dann mit einem anderen Bummelzug weiter. Auf der App spiele ich andere Möglichkeiten durch. Mein neues Ziel ist der Ratzeburger See und dort auf einen Campingplatz. Ich könnte schon Schwerin aussteigen und erstmal Richtung Westen zu dem Campingplatz und von dort dann am nächsten Tag über Lübeck zur Ostsee. 64 Km, hieße das für heute, sagt die App. Das ist happig, aber schaffbar. (Bedenkend, dass ich ja schon die 8 Km zum HBF zurückgelegt habe).

In Schwerin steige ich aus, aber nicht mehr weiter um nach Hamburg. Ich esse noch schnell was und dann geht es los mit der Radtour.

Die App führt mich tatsächlich über allerlei Fahrradwege durch das Mecklenburg Vorpommersche Hinterland. Es geht entlang von Feldern und Wiesen, einmal durch einen Wald. Schlimme Kopfsteinplaster sind auch inbegriffen, aber gottseidank erträglich kurz. Was ich nicht gedacht hätte: Meckpomm ist verdammt hügelig. Ich habe ständig mit (ok, relativ kurzen) Anstiegen zu kämpfen. Es strengt jedenfalls alles sehr viel mehr an, als die Radouren im Berliner Umland.

Nach 15 Km mache ich die erste Pause. Ich bin mitten im Wald, ich bin allein. Es ist wunderbar kühl, nachdem ich über eine Stunde in der prallen Sonne geradelt bin. Ich setze mich auf einen gefällten Baum, esse einen Energieriegel und trinke einen halben Liter Wasser auf ex.

Beim Weiterfahren merke ich, dass ich nicht ewig dem Sattel verbringen kann. Auch der Rücken schmerzt langsam vom Rucksack. Es geht weiter entlang der Wiesen, Felder und Wäldern. Ich muss sagen: es ist wunderschön. Aber so langsam merke ich, dass ich die Strecke unterschätzt habe.

Bei KM 28 mache ich die nächste Pause. Einfach an einem kleinen waldstück am Rande eines Feldes. ich kämpfe mich durch die Büsche zu einem netten Platz. Ich lege mein Handtuch aus und lege mich drauf. Ruhe, die Muskeln entspannen. Es tut so gut.

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Meistens komme ich nur durch kleine Ortschaften oder Dörfer. Fast nie ein Mensch auf der Straße. Einmal fahre ich durch durch eine kleine Stadt namens Gadebusch. Sie ist wunderschön, scheint eine lange Geschichte zu haben. Eine wunderschöne Kirche aus Ziegelstein ziert den kleinen Marktplatz.

Die nächsten Raststopps nutze ich nur, um Wasser umzufüllen. Ich habe so einen praktischen Wassersack dabei, mit dem man gut Wasser transportieren und verteilen kann. Er fasst 4 Liter und die brauche ich auch. Ich verbrauche etwa 8 Liter auf 100 Km, rechne ich aus.

Ab Km 50 werde ich ungeduldig. Ich will endlich ankommen. Die Aufstiege fallen mir immer schwerer. Ich spüre meinen Körper an allen Stellen. 50 Km waren in Berlin kein Problem, hier, mit den Hügeln und dem vollen Gepäck, tuen sie weh. Sehr.

Bei Km 64 bin ich in Groß Sarau, dem dem Ort, an dem ich dachte, wo der Campingplatz ist. Ich halte an, erschöpft. Schaue in der ADAC App nach, wo genau der Platz ist. Er ist nicht hier. Sondern im Ort 5 Km südwärts, nahe Buchholz. Ich fluche und steige wieder aufs Rad. Kaum fahr ich los, fängt es an zu regnen. Na super.

Der Regen verstärkt sich mit jeder Minute. Es ist ein richtiges Sommergewitter. Ich halte an und zieh meine Regenjacke an. Die Brille ist voller Wasser, ich habe wenig Sicht. Aus dem Ort raus, muss ich auf einen Fahrradweg, der zu einem unbefestigten Feldweg wird. Ich kann kaum etwas sehen. Als ich kurz absteige und wieder aufsteige, reißt meine Hose. Von oben ab, komplett den Arsch runter bis zum Schritt. Na toll. Es ist die einzige kurze Hose die ich mithabe. Nein, es ist die einzige, die ich besitze. Es regnet weiter in Strömen.

Nachdem ich mich auch noch einmal verfranzt habe, finde ich endlich den Campingplatz. Naturcamping Buchholz. Nach über 70 Km endlich da. Der Platz kostet 10,50 Euro. Ich versuche im strömenden Regen das Zelt aufzubauen. Hier zeigt sich ein entscheidender Nachteil des Zeltes. Es besteht nach oben beinahe ausschließlich aus Fliegennetz und hat ein separates Überzelt gegen Regen. Das ist praktisch, weil man tagsüber ein luftiges Zelt stehen haben kann. Wenn man es bei Regen aufbauen muss, ist das aber doof. Ich versuche während des Zeltaufbaus das Überzelt bereits über das eigentliche Zelt zu legen, damit es nicht total vollregnet. Das klappt nur sehr bedingt. Nach einigem Fluchen habe ich es geschafft und winde mich klitschnass ins Zelt. Hier drin ist es auch klitschnass. Ich versuche aus meinen Klamotten zu kommen. Ich nehme meinen Hoodie und versuche die größten Wasserlachen aufzuwischen. Draußen trommelt der Regen gegen das Überzelt. Das wiederum ist dicht. Immerhin. 2015-08-04 19.27.35

Nachdem ich das Zelt rudimentär trocken bekommen habe, breite ich Schlafsack und Isomatte aus. Die Isomatte muss ein wenig aufgeblasen werden. Der Schlafsack ist aus Daunen und darf nicht nass werden. Ich mummel in den Schlafsack. Es ist erst halb Neun, aber ich bin so erschöpft, dass ich sofort einschlafe.

Eine Stunde später wache ich wieder auf. Es hat aufgehört zu regnen. Ich gehe nochmal raus, bestelle zwei Brötchen für morgen beim Restaurant vor und esse ein Matjesbrötchen vor Ort. Das tut so gut. Dann hole ich Wasser. Ich lege mich in den Schlafsack und lese weiter an Dept. Es fängt wieder an zu regnen. Das pladdern macht mich müde. Gegen 11 schlafe ich ein.

Tag 2:

Ich wache so um 7 auf und habe geschlafen wie ein Baby. Die Sonne scheint, aber es ist recht kühl. Mein Körper fühlt sich nur halb so zerstört an, wie befürchtet. Erste Mission ist es, die Sachen einigermaßen trocken zu bekommen. Ich lege mein nasses T-Shirt und meinen Wischmob-Hoodie auf das Zeltdach. Auch der Schlafsack ist doch etwas nass geworden. Ich sortiere mich: Was ist nass, was hat einen leeren Akku, was ist zu tun. Ich bringe meinen einen Ersatzakku zum Laden ins Bad. Dann springe ich erstmal in den See. Er ist herrlich kühl. Ich schwimme etwas raus, fast durch einen Entenschwarm. Sie stören sich kaum an mir. Danach heiß duschen. Zeltplätze haben ihre Vorteile.

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Gegen halb 10 gehe ins Restaurant. Ich bekomme meine Brötchen und bestelle einmal Rührei dazu. Kaffee nicht. Den mach ich mir mit dem Kocher selbst. So viel Campingehre muss sein. 2015-08-05 09.48.00

Die Sachen sind jetzt fast trocken, die Akkus geladen. Ich nehme mir meinen Rechner und schreibe Tag eins auf und Tag zwei bis zu diesen Zeilen. Mal sehen, ob ich das Tagebuchbloggen aufrecht erhalten kann. Abschicken kann ich den Post jedenfalls nicht, dafür reicht da Edge-Netz hier nicht.

Es ist jetzt 11:00. Gleich geht es nach Lübeck. Dort werd ich mir erstmal eine neue kurze Hose kaufen müssen. Dann nur noch ein Katzensprung, dann bin ich an der Ostsee. Heute wird wesentlich entspannter. 40 Km höchstens. Ich werde jetzt mal zusammenpacken und dann los.

UPDATE 14:30

Sitze in Lübeck bei Nordsee an den den draußentischen. Habe mir extra Datenvolumen kaufen müssen, damit ich bloggen kann. Nur für euch!

Das Packen ist ja eine Wissenschaft für sich. Nach drei mal die Fahrradtaschenpacken, schaff ich es, kaum noch Dinge in den Rucksack tun zu müssen. Wenn ich wiederkomme schreibe ich mein wissenschaftliches Hauptwerk: „Effizienzgewinne durch ordentlich Packen“.

Lübeck ist schön. Ich habe mir eine neue Shorts gekauft. H&M. Nichts besonderes aber auch nicht hässlich. Kurze Hose muss schon sein bei dem Wetter. Mein Fahrrad habe ich abgeschlossen, aber die Taschen einfach dran gelassen, nur den Rucksack habe ich mitgenommen. Ich kann wirklich nicht mit dem Rucksack und den zwei Taschen durch die Stadt laufen. Ich hoffe also darauf, dass die Lübecker lieb sind und nicht mein Zelt klauen.

Der Weg vom Razeburger See nach Lübeck war ein klacks. Keine 20 Km. Einfach ohne Pause durchgefahren. Ich kann übrigens gar nicht sagen, ob ich gerade durch die ehemalige DDR gefahren bin oder durch den Westen. Egal.

Jetzt geht es nach Scharbeutz. Meine erste wirkliche Station an der Ostsee. Von dort dann Richtung Osten bis nach Greifswald. Stay tuned.


Merkels Disconnect

Du hast das doch prima gemacht.“ Das sagt Angela Merkel zu dem weinenden Flüchtlingsmädchen Reem. Diese hatte zuvor davon berichtet, dass sie von Abschiebung bedroht sei und die Kanzlerin gefragt, warum sie nicht die selben Zukunftsaussichten haben darf, wie ihre Freund/innen und Klassenkamerad/innen. Diese Reaktion erzählt Bände über die Bundeskanzlerin.

Erst als der Moderator interveniert: „Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums Prima-machen geht.„, erkennt Merkel ihren Fehler und reagiert gereizt: „Das weiß ich, dass das eine belastende Situation ist.“ Sie insistiert darauf, das Mädchen trotzdem streicheln zu wollen, weil sie es doch so schwer habe und „… weil du ganz toll aber dargestellt hast – für viele, viele andere – in welche Situation man kommen kann.

Merkel wird wegen diesem Auftritt Empathielosingkeit unterstellt. Ich würde das etwas modifizieren. Merkel zeigt durchaus Empathie – aber eine fehlgeleitete Empathie. Ihre Empathie ist Ausweis eines Disconnects, der sehr viel über Merkel und ihr funktionieren in ihrer Umwelt aussagt.

Zunächst: in Merkels Welt – zwischen Koalitionsstreits, Außenpolitik und Medienauftritten – gibt es sowas wie existentielle Bedrohungen schlicht nicht. Das ist etwas, wozu sie sich überhaupt nicht emotional verbinden kann. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Und doch ist da ein empathischer Reflex auf das weinende Mädchen und Merkel meint, ihm nachgeben zu müssen.

Dieser Reflex aber interpretiert Reems Kummer zunächst falsch. Die größte Angst, die die Bundeskanzlerin kennt, ist die des öffentlichen Fauxpas. Etwas in der Öffentlichkeit tun oder zu sagen, was die Medien gegen sie benutzen können, was sie dann Wählerstimmen kostet und also Machtverlust bedeutet – das ist Merkels schlimmster Alptraum. Und den projiziert sie intuitiv auf das weinende Flüchtlingsmädchen. „Du hast das doch prima gemacht.“ Selbst, nachdem sie ihren Fehler erkennt, glaubt sie noch, dass ein Lob ihres Auftritts Reem trösten könne. Wahrscheinlich, weil es für sie selbst ein Trost wäre, immerhin eine gute Performance abgeliefert zu haben.

Dass das Reem in keiner Weise trösten kann, ist allen auf der Welt klar, die nur ein wenig im Leben stehen, die sich Struktur aufgebaut haben, Freunde, Familie, etc. Die ganze Welt kann die Angst verstehen, das alles zu verlieren. Nur Merkel nicht. Sie kennt nur eine Angst: Machtverlust.

Die genaue Wortwahl ist hier spannend: Reem habe doch „gut dargestellt“, mit anderen Worten: ihre Darstellung des traurigen Flüchtlingskindes war sehr glaubhaft und politisch hoch wirksam, findet Merkel. Reem habe das stellvertretend „für viele, viele andere“ gut rübergebracht.

Damit spiegelt sie ihr Verständnis ihres eigenen Jobs auf das Mädchen: Repräsentanz. Merkel muss repräsentieren, die Deutschen, den Staat und hier – das unmenschliche System der Flüchtlingspolitik. Und so glaubt Merkel ganz natürlich, dass es eben der Job ihres Gegenübers sei, die andere Seite zu „repräsentieren“. Es ist ein bisschen so, als ob Merkel Reem zu verstehen geben wollte: „Hey, wir sind doch beide Profis. Du hast das Flüchtlingsmädchen repräsentiert, ich das System. Das heißt ja aber nicht, dass wir Feinde sein müssen.

Vermutlich laufen so die Verhandlungen mit Griechenland, mit Gabriel und mit der Opposition ab. Politiker/innen spielen Rollen, sie repräsentieren Interessen. Und so repräsentieren alle ihren Teil und es wird hart gestritten. Danach können sie aber menschlich ja dennoch wieder normal miteinander umgehen. „Guter Auftritt, Sigmar!„, wird sie Gabriel vielleicht hier und da nach einer Parlamentsdebatte auf die Schulter geklopft haben. Vielleicht hat sie sogar mal Tsipras genau so den Kopf gestreichelt, wie sie jetzt das weinende Kind trösten möchte. „Du hast verloren, wir sparen jetzt dein Land kaputt, aber deine Argumente waren echt ziemlich gut!

Das Problem ist, dass das ganze in der realen Welt nicht funktioniert. In der realen Welt „repräsentieren“ die Menschen nicht nur Interessen und Lebenslagen, sondern sie sind diese Menschen und sie leben dieses Leben. Nicht für andere, sondern für sich selbst.

Auch spannend: „… in welche Situation man kommen kann.“ Tja, da ist das arme Mädchen eben „in eine Situation gekommen„, in die „man“ nun mal „kommen kann„. Das stimmt schon mal nicht. Jemand mit deutschem Pass, kann nicht in diese „Situation kommen„. Und überhaupt, ist Reem ja nicht in diese Situation „gekommen„, sondern genau das System, das Merkel repräsentiert, hat sie in diese Situation gebracht. Vor dem Mädchen steht die Verursacherin (oder zumindest ihre höchste Repräsentantin) und bedauert, in welche Situation sie „gekommen“ sei. Das ist nicht mehr anders als zynisch zu nennen.

Fazit

In den Fehlleistungen von Merkels Bürgerdialog zeigt sich, dass sie völlig die menschliche Bodenhaftung verloren hat, dass sie vollkommen verschluckt worden ist von dem System, dass sie repräsentiert und in dem sie seit Jahren agiert. Sie ist außer Stande noch außerhalb der Kategorien des politischen Theaters zu funktionieren oder zu denken. Wie soll so eine Frau, die sich so sehr von den Lebensrealitäten der Menschen entfernt hat, diese Menschen noch regieren?

Machen wir uns nichts vor, die meisten von uns leben nicht schlecht damit. Aber ich denke es wird klar, dass Reem und die vielen Flüchtlinge in Deutschland und vor den Toren Europas, die Homosexuellen und – nicht zu vergessen – der Großteil der Griechen – direkte Opfer dieses menschlich-emotionalen Disconnects von Merkel sind.

Hier nochmal das Video:


Empathie

Ich habe diesen Tweet geschrieben und war ein wenig erschrocken über die emotionalen Reaktionen, die er ausgelöst hat. Nach einigen Diskussionen muss ich einsehen, dass er leider auf vielfache Weise falsch verstanden werden kann und auch wurde. Das liegt an mir. Ich habe das Problem zu unspezifisch, zu allgemein formuliert, so dass sich alles und jeder damit identifizieren konnte. Das ist mein Fehler wie gesagt, ich hätte da genauer sein müssen.

Um das also hier mal klarzustellen: Ich stehe nach wie vor voll und ganz hinter der feministischen Kritik verschiedener Aspekte der Nerdkultur und halte sie für absolut notwendig und in den allermeisten Fällen ist auch die Praxis durchaus getragen von Empathie und dem Versuch, gemeinsam Kultur zum Besseren zu verändern. Und mir ist auch bewusst, dass das ein schwieriges Unterfangen ist und ich gestehe es jede*r Aktivist/in zu, genervt zu sein und kein Bock darauf zu haben, immer alles von vorn zu erklären.

Ich will aber meine Kritik nicht zurücknehmen oder relativieren, sondern an einem Beispiel spezifizieren. Ein gutes Beispiel für das, was ich meine, ist die Reaktion auf Renés Text zu Gamergate.

Kurz zu meiner Haltung zum Text: Der Text ist in vielerlei Hinsicht wirklich grauenhaft schlecht und ich stehe voll hinter der meisten Kritik, die er abbekommen hat. Die Kritik ist auch nicht mein Problem, die soll bitte formuliert werden, gerne auch hart. René kann das auch gut ab, wie er in seiner Replik betont.

Was meine ich also mit „mehr Empathie“? Damit meine ich, die Anerkennung dass René eine spezifische Sichtweise auf ein Thema hat, auch wenn es nicht die eigene Sichtweise ist. Ich mach das mal vor:

René beschreibt sich in seinem Text als jemand, der in der Hardcore-Gameszene groß geworden ist, ja, sie mit zu dem gemacht hat, was sie ist. Da ist jemand, der hat dort Halt gefunden, Freunde und Anerkennung. Er hat investiert – emotional, kulturell, sozial. Da ist jemand, der diese Szene als seine Heimat betrachtet.

Und René ist gleichzeitig jemand der sieht, dass sie falsch ist. René macht keinen Bogen um die Sexismus-Probleme der Szene, erkennt sie voll und ganz an und spricht sie offen und kritisch aus. Trotz allem, was da für ihn dran hängt. Das finde ich schon mal gut.

Dass dieser jemand trotz allem nicht dazu übergehen kann, seine Heimat rigoros zu verdammen, das es für ihn schwer ist, die Alleinschuld seiner Szene am Debakel um Gamergate anzuerkennen, dass er dabei auch Angst hat, alles zu verlieren was ihm heilig ist, finde ich aus seiner Sicht heraus ein wenig verständlich. (<- Das ist Empathie).

Vorsicht! Empathie heißt nicht, Renés Analyse zuzustimmen, oder deswegen in Sachen Gamergate irgendwelche Konzessionen zu machen. Es heißt nur, seine Sichtweise als eine eigene und eigenständige Anzuerkennen, getragen aus persönlichen Erfahrungen und Prägungen.

Das habe ich bei all der Kritik leider vermisst. Die Hauptkritik auf seinen Text war stattdessen: „Da schreibt ein Dude über etwas wovon er nix versteht“. Das ist zwar richtig, wenn es um Feminismus und Harassment geht. Aber dieser Vorwurf impliziert, dass die feministische die einzig mögliche Sichtweise auf das Thema ist.

Nun kann man sicher die Meinung vertreten, dass die feministische die einzig richtige Sichtweise auf das Thema ist. Aber zu glauben, es sei die einzig mögliche ist … naja … die Verweigerung von Empathie.

Eine ähnliche Empathielosigkeit sehe ich auch manchmal im Umgang mit anderen Nerdsubkulturen. Ja, sie haben oft enorme Defizite und ab und zu ist die gesamte Subkultur so toxisch, dass sie trockengelegt gehört (zb. Troll-culture). Aber ich finde nicht, dass die berechtigte Kritik davon befreit mitzubedenken, dass diese Kulturen im oben genannten Sinne Heimat sind für viele und dass deren Abwehrreaktionen getragen sind von (durchaus zutreffenden) Ängsten davor, dass sich ihre Kultur verändern muss.

Was aus einer solchen Empathie für Handlungen folgen müssen, kann ich auch nicht so genau sagen. Auf keinen Fall soll es ein Ende der Kritik, nicht mal eine mildere Kritik sein. Aber vielleicht, dass man wenigsten den Kräften, die sich bemühen, die andere Seite zu verstehen und sich kritisch mit dem Erbe der eigenen Kultur auseinander zu setzen, ein ebensolches Bemühen zurückerstattet.


Souveränität

Wenn wir den Geheimdienstskandal ansehen, wenn wir die Konflikte um Europa und Griechenland betrachten oder die Diskussionen um TTIP, dann vermischt sich die legitime Kritik an diesen Phänomenen immer häufiger und mit einer bedenklichen Argumentation.

Während man beispielsweise die Intransparenz, das Demokratiedefizit und einige der zu beschließenden Punkte bei TTIP kritisieren kann, lehnen einige TTIP grundsätzlich als Unterdrückungswerkzeug der Amerikaner gegen die europäische Kultur ab. Diese Argumentation ist gut Anschlussfähig an rechte Diskurse und so haben auch rechtsnationale Zusammenschlüsse wie ENDGAME oder Pegida die TTIP-Kritik für sich entdeckt und aufgenommen.

Bei Griechenland haben wir einen ähnlichen Fall. Hier kann man die Verhandlungsposition der Institutionen doof finden, auch das Machtgefälle zwischen dem Griechischen Staat und und der EU beklagen. Aber klar sein sollte, dass das übergeordnete Problem eben nicht ein Mangel an Souveränität des Griechen Staates ist, sondern das Gegenteil. Die Krise entstand aus einem Mangel an übergeordneter politischer Steuerung und damit aus einem Zuviel von staatlicher Souveränität – eine Souveränität die bis heute auf allen Seiten die nationalstaatlichen Egoismen gegen eine gesamteuropäischen Perspektive in Stellung bringt und so eine Einigung verhindert.

Am meisten wird der Begriff der „Souveränität“ in letzter Zeit in der Geheimdienst-Affäre gebraucht. Nicht erst seit der Merkelhandy-Episode verschiebt sich die Debatte hierzulande weg von dem eigentlichen Skandal – nämlich der Massenüberwachung der Bevölkerungen – hin zu einem – ja was eigentlich? Es wird skandalisiert, dass BND und NSA gemeinsame Selektorenfilter betreiben und deutsche Rüstungsunternehmen ausspähen, dass die NSA und der GCHQ EU- oder UN-Diplomaten ausforschen, dass sie die deutsche Regierung, die französische Regierung, die europäische Regierung ausspähen … mit anderen Worten: es wird jetzt skandalisiert, dass die Geheimdienste ihren verdammten Job machen. Man kann ja gerne Spionage insgesamt doof finden. Aber dass Geheimdienste Regierungen ausspähen ist nun mal keine Neuigkeit und vor allem kein Skandal.

Es ist kein Wunder, dass auch die Geheimdienstdebatte in rechten, nationalistischen Kreisen und bei den sogenannten Reichsbürgern eine wachsende Rolle spielt, unterstreicht sie doch ihr Mantra, die BRD sei ja kein eigentlicher Staat, sondern nur eine Marionette der USA (und damit natürlich insgeheim des Finanzjudentums). Etwas moderater ausgedrückt: Deutschland sei ja nicht wirklich souverän.

Ja, es stimmt. Deutschland ist nicht souverän. Griechenland ebenfalls nicht. Aber die USA ist es auch nicht. Die Welt von heute ist eine vernetzte und die Vernetzung nimmt stetig zu. Das gilt für Staaten genau so wie für Individuen. Wir sind abhängig von dem stetigen Strom der Informationen, wir profitieren von den Netzwerkeffekten, egal ob auf persönlicher, auf wirtschaftlicher oder auf Geheimdienstebene. Und natürlich kann in dieser Welt eine bestimmte Idee von Autonomie nicht mehr widerspruchsfrei durchgezogen werden. Freiheit heißt nicht mehr, von anderen unabhängig zu sein, sondern Freiheit heißt mehr und mehr teil zu haben, angeschlossen zu sein, ineinander hineinreichen zu dürfen. Die Freiheit von heute endet nicht mehr an der Grenze der Freiheit des anderen, sondern der andere ist die Bedingung meiner Freiheit, nämlich all meiner Möglichkeiten.

In dieser Welt macht der politischen Begriff der „Souveränität“ – ähnlich wie der der „informationellen Selbstbestimmung“ – keinen Sinn mehr. Die dahinterliegende Vorstellung ließe sich nur unter den enormen Kosten von Isolation und unter der Knute einer aggressiven Abgrenzung gegen die Welt und die Moderne gerecht werden. Diese Begriffe der Autonomie, der Traum, den sie evozieren, sind gefährlich. Sie füttern ein unerfüllbares Bedürfnis, das in letzter Konsequenz nur Gewalt heraufbeschwört. Ich fürchte sogar, sie führen direkt in den Faschismus.


Netzinnenpolitik-Talk und Gamergate-Text

Auch wenn ich in vielem nicht mit Renés Analyse zu Gamergate und Hass im Netz übereinstimme, finde ich sie sehr lesenswert und lege sie jedeR/m ans Herz.

Nachtrag: Nachdem der Text mittlerweile heiß diskutiert wird, fühle ich mich aufgefordert meinen kurzen Kommentar etwas auszuweiten. Die Kritik, die geäußert wird (Verharmlosung der Gamerhater, Relativierungen der Gewalt, unangemessene Gleichsetzung von HateSpeach und berechtigter Kritik und Coping-Strategien auf Seiten der Feminist/innen etc.) wäre genau auch meine Kritik. Der Text ist aus feministischer Perspektive unerträglich schlecht und ich verstehe voll und ganz, dass er von vielen als Zumutung empfunden wird.

Warum also die Leseempfehlung? Es ist der erste Text, der mir unter gekommen ist, der mir den Gamergate-Konflikt aus einer dezidiert Hardcoregamer-Sicht aufdröselt und zwar ohne den Hass und ohne völlige (!) Kritiklosigkeit der eignen Seite, die man sonst aus der Ecke zu hören bekommt. Ich teile die geschilderte Sicht nicht, wie gesagt, aber ich finde sie höchst aufschlussreich zu lesen.

Gamergate ist ein Phänomen, dessen Verständnis man nicht erreichen wird, wenn man die dahinterstehende Hardcoregamerkultur nicht versteht. Diese Kultur darf man als misogyn ablehnen, verurteilen, oder bekämpfen (berechtigter Weise, imho). Aber selbst für das Bekämpfen ist ein solches Verständnis von Nöten. Dieses Verständnis liefert mir der Text.

(Hinzukommt, dass einige der geschilderten allgemeinen Dynamiken von Netzdebatten durchaus zutreffend finde und dessen Verständnis hilfreich, egal auf welcher Seite man steht.) Nachtrag Ende

Dazu passend wollte ich meine jüngste abgelehnte Talkeinreichung verbloggen, diesmal für das CCCamp (Ich werd aber natürlich trotzdem hingehen):

Netzinnenpolitik Grundzüge einer Politik der Plattformgesellschaft

Excerpt: Die großen Plattformbetreiber werden von den zunehmenden Problemen einer globalen Netzgesellschaft gezwungen, ihre Neutralität immer weiter aufzugeben und in die Handlungen ihrer Nutzer/innen zu intervenieren. Das eröffnet Chancen die immer dringenderen Konflikte im Netz wirkungsvoll zu adressieren, birgt aber auch neue Gefahren. Wir haben es mit einer neuen Form zentralisierter Gewalt zu tun, zu der sich gerade erst politische Prozesse beginnen zu formen. Dennoch zeichnet sich ab, dass die Netzinnenpolitik für die Zukunft der globalen Netzöffentlichkeit von entscheidender Bedeutung sein wird.

Text: Von der Vorratsdatenspeicherung über Netzsperren bis zu ACTA – Netzpolitik hat sich als zivilgesellschaftliche Verteidigung der Netzfreiheit gegenüber den Regulierungsbestrebungen von Politik und Wirtschaft geformt. Zugespitzt kann man sagen, dass eine Gruppe von Menschen, die das Netz sowohl als ihr Zuhause, als auch den Ort der Zukunft erkannten, sich aufgerufen fühlten, es gegen äußere Feinde zu verteidigen.

Doch dieses Narrativ funktioniert immer schlechter. Das Netz kennt kein Außen mehr und die Verteidigungsbestrebungen werden zunehmend überschattet von internen Konflikten des Netzes. Gamergate, Maskuhorden, Pegida, Nazis, Verschwörungstheoretiker, Belästigung, Stalking, Shitstorms und im Netz organisierter Sexismus und Rassismus bedrohen die Freiheit eines Großteil derer, die eigentlich im Digitalen ihr Zuhause gefunden zu haben dachten.

Gleichzeitig haben sich alle Utopien vom Internet als unvermachteten Raum endgültig zerschlagen. Das Netz ist kein Peer-to-Peer-Ringelrein, sondern hat eigene, mächtige Institutionen hervorgebracht, deren Algorithmen und Terms of Service heute schon in das Leben eines Großteils der Internetnutzer/innen hineinregieren: die Plattformen.

Die Plattformgesellschaft ist längst dabei mit den Möglichkeiten dieser neuen, zentralisierten Gewalt die oben genannten Probleme anzugehen. Aus unterschiedlichen aktvistischen Kreisen und Organisation wird zum Beispiel erfolgreich bei Plattformbetreibern dafür lobbyiert, bestimmte Codes of Conduct und spezifische Policies einzuführen oder strenger und effektiver durchzusetzen. Der politische Kampf um die Plattformen hat begonnen.

Auch wenn die Protagonist/innen das nie so offen aussprechen, stecken sie doch mit ihrem Plattformaktivismus ein völlig neues, politisches Spielfeld ab. Ich nenne es „Netzinnenpolitik“.

Die Netzinnenpolitik ist von den nationalstaatlichen Regulierungen unterschieden; sie findet auf einem völlig anderen Layer statt. Sie überschreitet Nationengrenzen und kein Strafgesetzbuch ist für sie verbindlich – sie kann darüber hinaus gehen, oder dahinter zurückbleiben oder ganz eigene Wege gehen. All ihre Do und Don’ts sind noch nicht fertig ausgehandelt – aber diese Aushandlung findet jetzt statt.

Ich möchte in meinem Talk ausgehend von den Grundproblemen des Konfliktmanagements im digitalen Raum die Grundzüge der kommenden Netzinnenpolitik vorstellen. Ich will zeigen, wie Sanktionen im Netz funktionieren können und wie die Plattformbetreiber sie heute schon einsetzen. Ich will auch die Legitimationsprobleme erörtern, die entstehen, wenn eine Zentralgewalt ohne Checks & Balances normativ tätig wird und möchte dafür Lösungen vorschlagen. Und schließlich soll es einen Ausblick geben, in dem ich zeige, wie die Innenpolitik des Netzes die Gesamtstruktur der Plattformgesellschaft zur weiteren Ausdifferenzierung treiben wird.


Don Alphonso, Vorkämpfer gegen Hatespeech

„100.000 Euro für den, der ihr die Brüste abschneidet und beide in einer Güllegrube entsorgt.“

„Wenn es nach mir ginge, Kopf kürzer und Problem gelöst.“

„Ja, wenn ich in der Sicherheit wäre, könntest du bei Gewaltaktionen deine Schneidezähne aus dem Rachen zusammensuchen“

Das sind drei Beispiele von Hatespeech, Gewalt- und Morddrohungen, die aufgrund einer Hetzkampagne gegen eine junge Frau auf diese einprasselten.

Wir sprechen ja gerade von Hatespeech. Anlass sind aber nicht die oben zitierten Gewaltphantasien, sondern der Tweet eines linken Pfarrers, der folgendes schrieb: „#Feminismus ist etwas für Unterprivilegierte. ‚Adel ist was für die Laterne‘. Ça irá, #BachmannPreis, ça irá, von Rönne!“.

Von Rönne, der diese Zeilen galten, schreibt unter anderem für die Welt und ist mit Texten darüber, wie der Feminismus sie anekelt bekannt geworden. Ihre Texte sind schön geschrieben und selten durchdacht, aber dafür um so provokanter. Das ist ihr gutes Recht, dafür bekommt sie eben auch viel Kritik, mit der sie leben muss.

Damit meine ich übrigens explizit nicht den Tweet des Pfarrers. Der ist daneben, das ist ohne Frage Hatespeech und der Autor (der ihn mittlerweile wieder gelöscht hat), sollte sich was schämen! Aber ein Mordaufruf? Es ist ein Zitat eines Revolutionsliedes, das zufällig mit von Rönnes eigener Aussage über den Feminismus korrespondierte. Wenn die Ankündigung einer Revolution, jetzt bereits als Mordaufruf gilt … sagen wir, ich finde diese Lesart dann doch etwas übertrieben.

Die Interpretation stammt übrigens von Don Alphonso, der damit eine größere Debatte über Hatespeech auslöste. Die Kritik nämlich, die von Rönne für ihre streitbaren Äußerungen von Feministinnen bekam (unter anderem wurde darauf hingewiesen, dass viele Rechtsradikale große von Rönne-Fans sind), zeichnet er für die Entgleisung des Pfarrers verantwortlich. Damit ist für Don Alphonso klar, dass nicht erst die Entgleisung, sondern schon die Kritik an von Rönne illegitim sei. Naja, „illegitim“ … ich zitiere ihn einfach mal:

„Das ist eine Methode totalitärer Regime, der stalinistischen Schauprozesse gegen Trotzkisten, Internationalisten und Konterrevolutionäre, der Kulturrevolution in China.“

Don Alphonsos Beitrag wurde und wird vor allem von konservativen Feuilletons sehr gefeiert. Unter anderem von der Welt und Ulf Poschardt. Nun muss man wirklich für jeden Menschen dankbar sein, der sich des Themas Hatespeech gegen Frauen im Internet endlich einmal annimmt, denn Femistinnen leiden darunter seit vielen Jahren tagtäglich, und das Thema war bislang medial unterrepräsentiert – gelinde gesagt. Dass sich die Medien ausgerechnet jetzt dafür interessieren scheint aber daran zu liegen, dass die Situation eher … untypisch ist. Sonst trifft es nämlich eher Feministinnen und die „Mordaufrufe“ sind auch … sagen wir mal: zweifelsfreier.

Die Anfangs zitierten Aufrufe waren zum Beispiel Anne Helm gewidmet. Anne Helm hatte ebenfalls wie Ronja von Rönne streitbare, provokative – und ja: etwas unbedachte – Äußerungen zu verantworten: Bombergate. Als der Berliner Kurier sie bei ihrer eigentlich anonymen Aktion enttarnte, prasselte eine Hasswelle über sie her, die in Deutschland seines Gleichen sucht. Viele der Aufrufe und bestialischen Mordphantasien, die teils immer noch hereinprasseln, sind gut dokumentiert und können hier begutachtet werden. Die Morddrohungen gegen sie sind so konkret, dass der Staatsschutz (!) sie von sich aus anruft und bittet, sie möge sich doch lieber nicht mehr im Internet gegen rechts aussprechen, sie bringe sich in Gefahr.

Die Hasskampagne gegen Helm war eine sehr öffentliche Angelegenheit, doch die heutigen Kämpfer gegen Hatespeech haben sie damals leider nicht thematisiert. Das könnte daran liegen, dass sie teils zu beschäftigt waren, sie auf der anderen Seite anzuheizen.

Don Alphonso wollte es nicht bei der im braunen Hass ertrinkenden Anne Helm belassen, sondern befeuerte den Shitstorm mit eigens ausgedachten Lügen und Verleumdnungen. Er war neben dem Berliner Kurier sicher eines der Hauptmedien, die die Hetze gegen Helm befeuerten. Seine Lügen und Verdrehungen habe ich seinerzeit hier aufgeschrieben und widerlegt (und ehrlich gesagt wundert es mich sehr, dass er seitdem außerhalb der rechtsradikalen und der Masku-Szene noch gelesen wird. Wie groß kann der Totalschaden einer Reputation überhaupt sein?)

Die oben zitierten und die vielen hundert anderen Hassnachrichten die Anne Helm bis heute ertragen muss, sind also auch Resultat der Hetze desjenigen, der sich heute als Vorkämpfer gegen Hatespeech positionieren will. Ich finde das … interessant.

Ich vermute eine Strategie dahinter. Don Alphonso möchte den verunglückten Tweet des Pfarrers als den einen Showcase für Hatespeech im Internet etablieren und so die Deutungsmacht über diesen Diskus erlangen. Wenn er das mit der Hilfe von Welt und Poschardt schafft, kann er das Narrativ so drehen, dass A) die Femistinnen ja die „wirklichen“ Hatespeech-Verbrecherinnen sind. Und wenn das nicht klappt, kann er wenigstens B) suggerieren, dass die Femistinnen ja mindestens genau so schlimm sind, wie er und sein maskulinistischer Hassmob.

Zusammengefasst: Weil einmal ein Pfarrer einen dummen Tweet geschrieben hat, kann einer der schlimmsten Verleumdner und Hetzer im Internet, der das Leben vieler Menschen täglich zur Hölle macht, die Deutungshoheit über den Hatespeech-Diskurs erlangen, um ihn zur Waffe gegen den Feminismus umzurüsten.

Ist das nicht witzig?

PS: ein kleiner Nachtrag, danke @faz_tomalforno Bildschirmfoto 2015-06-02 um 00.12.51

Link


Der Hacker und die nächste Politik

/***** Den folgenden Text habe ich im Rahmen einer breiter angelegten Aktion für die Geburtstagsfeier von Prof. Dr. Torsten Meyer (Uni Köln) verfasst und vorgetragen. *****/

Der Hacker ist der Held der nächsten Kunst, so Torsten Meyer in seiner zweiten These zur nächsten Kunst (Englische Version). Der Hacker ist aber auch der Held der nächsten Politik.

Eine in Hackerkreisen beliebte Definition des Hackens lautet schlicht „Atypisches Nutzerverhalten“. Eigentlich ist es eine Fremdbezeichnung der damals, in den 80ern noch als „Deutsche Bundespost“ firmierende Aufseherin aller Datennetzwerke. Gerade in seiner ganzen beamtendeutschen Bräsigkeit markiert der Begriff immer schon die Opposition zum „gewünschten Nutzerverhalten“.

Die Abweichung, die Alternative ist auch das wesentlichste Strukturmerkmal des Hacks. Der Hacker weiß, es gibt nicht die eine Weise, ein Gerät, eine Software, einen Dienst oder ein sonstiges technisches Artefakt zu verwenden, sondern es gibt immer auch eine Alternative. Es gibt immer einen Weg, der nicht vorhergesehen war. Das ist die Politik des Hackens: das Aufzeigen und Schaffen von Alternativen.

Torsten Meyer hat den Hacker als Ablösefigur des Intellektuellen, des Kritikers und des souveränen Subjekts eingeordnet. Der Intellektuelle appellierte an die Öffentlichkeit, der Kritiker kritsierte die Werke und gesellschaftlichen Zustände und das souveräne Subjekt behauptete seine Souveränität gegenüber seiner Umwelt. Die Helden vergangener Diskurse, sie interessieren den Hacker wenig.

Der Hacker kehrt der Öffentlichkeit den Rücken zu, schließt sich ein in sein Zimmer und zückt den Lötkolben. Die Öffentlichkeit kann ihm bei seinem Problem nicht helfen. Er weiß, er alleine kann den Unterschied machen, den er braucht. Er allein kann eine Alternative schaffen zu den alternativlosen Systemen der Mächtigen. Die Öffentlichkeit kann ihm dabei egal sein. Es ist umgekehrt: die Öffentlichkeit braucht ihn.

Der Hacker kann mit dem Kritiker nichts anfangen. Warum etwas kritisieren, anstatt es besser zu machen? Hacken bedeutet forken. Forken – „Gabeln“, heißt es, wenn man ein Projekt an einem bestimmten Punkt seiner Entwicklung verzweigt. Die Codebase teilt sich und wird einfach in zwei unterschiedliche Richtungen weiterverfolgt. „Behalte deine Meinung. Ich mach was neues.“ Etwas zu forken ist besser als es zu kritisieren.

Der Hacker zuckt mit den Schultern gegenüber dem souveränen Subjekt. Der Hacker weiß, dass er eingebunden ist in einem riesigen Wust an Infrastruktur. Er weiß, dass er tun kann, was er tut, weil Generationen vor ihm Code geschrieben haben, auf dem sein Code aufbaut. Er codet auf den Schultern von Giganten. Er lässt die Giganten marschieren unter seinem Regime. Selbstermächtigung ist besser als Souveränität.

Es geht dem Hacker dabei gar nicht mal darum, die eigene Alternative durchzusetzen, oder das bestehende System zu überwinden. Der Hack will nicht Kalif anstelle des Kalifen werden. Der Hack ist sich selbst genug. Hacken tut man, weil es geht. Alles nur für den „Spaß am Gerät“, oder „For the lulz“, wie es neuerdings heißt.

Und doch ist der Hack das dringendste politische Programm, in einer Welt, deren politische Grundkonfiguration die Alternativlosigkeit ist. Das atypische Nutzerverhalten ist ein Akt der Freiheit, denn es ist das Ausbrechen aus einem System, das alles durchzuregieren droht. Der Hack hilft zwar nicht, das System zu überwinden, sich von ihm unabhängig zu machen oder irgendeine Souveränität gegen es zu behaupten (das ist das alte Denken). Das atypische Nutzerverhalten überwindet aber die inhärente Totalität die jedem System zu eigen ist. Es stellt dem System die Alternative als Versprechen und/oder Drohung gegenüber und verweist somit auf die Kontingenz und Fragilität seines Machtanspruchs.

Das ist schon eine ganze Menge.