Eigentlich

Was ist „Eigentlich“ eigentlich für ein komisches Wort? Eigentlich scheint es nur im deutschen zu geben. „Really“ im Englischen entspricht ihm nicht wirklich (not really). „Eigentlich“ macht etwas ähnliches, aber es macht es konsequenter. Während „Really“ zwar auf eine Realität hinweist, die anders ist als es scheint, impliziert „Eigentlich“ von vornherein zwei Realitätsebenen. Zwei Realitätsebenen, mit denen wir ganz selbstverständlich umzugehen wissen, die uns sprachlich seit unserer Kindheit begleiten. Die also mit der Muttermilch aufgesogen, uns tief in unser Stammhirn eingepflanzt sind, kaum mehr bewusst aber immer präsent.

Einerseits haben wir die Welt des Scheins. Die Dinge scheinen auf eine bestimmte Art und Weise klar vor uns zu liegen, sie lassen sich beobachten und bewerten, aber der Deutsche weiß bereits, dass dem ja nicht so ist.

Denn eigentlich ist es ja alles ganz anders. Die Welt der Eigentlichkeit ist die Welt der Wahrheit, genauer: der Wahrheit hinter der Wahrheit. Hier, abgetrennt von der äußerlichen Welt, regieren die verborgenen, ja, geheimen Mechanismen der Welt. Das, was nicht offensichtlich ist, hat hier seinen Platz. Das Wort „Eigentlich“ ist das Tor, das man seinem Gesprächspartner dahin öffnet.

Und hinter diesem Tor ist nichts wie es scheint. Hässliche Dinge werden plötzlich schön (Eigentlich ist es doch ganz schön), Aufgaben, an denen man noch sitzt, sind plötzlich erledigt (Eigentlich bin ich schon fertig) und widerliche Menschen werden nett (Eigentlich ist er ganz nett).

Tolles Wort eigentlich, dieses „Eigentlich“.


Vortragspaper für den Hyperkult 17

Ich habe mich vor allem auch deswegen so mit diesem Paper gequält, weil ich nach längerer Zeit der Aufschieberitis damit einen gewissen Neuanfang oder eine Repositionierung meiner Diss gewagt habe. Genau genommen habe ich die bisherigen Thesen an dem Beispiel der relationalen Datenbank konkretisiert. Dazu musste ich mich zunächst ein paar Dingen versichern, das heißt viel lesen und viel nachdenken.

Was dabei rausgekommen ist, ist ein ziemlich weites Ausdemfenstergelehne. Vor allem wenn man sich die Konsequenzen vor Augen führt. Das Konzept impliziert eine Ablehnung der heute vor allem in Deutschland vorherrschenden Medienarchäologie in der Tradition Kittlers. 
Dennoch bin ich nicht zufrieden mit dem Text. Man merkt ihm an, unter welchen Schmerzen er geboren wurde. Er wird hier und da viel zu konkret (für ein eher ankündigendes Paper) und ist nicht wirklich elegant formuliert.
Das alles wird vielleicht den einen oder anderen Weblogbesucher hier verschrecken, aber ich wollte ja eh nie A-Blogger werden. 😉 
Von der Frage nach der Ordnung zur ordnenden Frage
Derrida befragt Foucault LEFT JOIN Freud

Eure »Ordnung« ist auf Sand gebaut.„1 
Zweiundvierzig“2 
Kann man die Erfindung der relationalen Datenbank als Aussage analysieren? Als eine Aussage im foucaultschen Sinne? 

D.h.: Besitzt diese Erfindung die Singularität des Ereignisses und die Persistenz, die Zurechenbarkeit und die diskursive Einbettung in die Ordnung einer diskursiven Formation?3 Ist sie gar ein Bruch, eine Bruchstelle oder Kante? Einer jener Diskontinuitäten in der Geschichte, pikanter Weise in der Geschichte der Ordnung selbst? Und würde man mit der Analyse des Diskurses, der Positivitäten der Aussagen, der diskursiven Verknüpfungen und der Bruchlinien z.B. des Streits zwischen Ted Codd und Charles W. Bachman4 in den 70er Jahren, würde man damit dem Bruch gerecht werden, den die relationale Datenbank heute ausgelöst hat und weiter auslöst?

Diese Frage hat es in sich. Sie lässt sich nicht frontal beantworten, denn sie ist gekoppelt an so viele Voraussetzungen, die nicht als gesichert gelten dürfen. Voraussetzungen, die der Frage bereits einen Sinn geben, man könnte sagen, eine Ordnung geben, die die Antwort nicht unberührt lassen kann. Im Folgenden werde ich diese Schwierigkeiten anreißen, die ich in meinem Vortrag diskutieren möchte:

Erste Unsicherheit: Ordnung. Was ist das, Ordnung? Was war es und was ist es heute? Die Frage nach der Ordnung muss zunächst gestellt werden und sie muss neu gestellt werden, vor allem in Anbetracht der Datenbank, die eine Ordnungstechnik ist. Eine Technik, die also selber den Begriff der Ordnung neu bestimmen wird. Es ist grundsätzlich nicht leicht die Frage nach der Ordnung zu beantworten. Es ist bereits schwer, sie zu stellen. Die Aussagen zu befragen, d.h. ihre Relationen und Verknüpfungen zu sammeln und ihr Feld abzustecken, hieße ihre gegebene Ordnung auszubreiten und zu untersuchen. Aber wie weit kommt man bei der Untersuchung dieser Positivität, wenn eben die Aussage der Datenbank die Positivität in ihrem Selbstverständnis in Frage stellt?

Denn meine These zu der relationalen Datenbank ist, dass sie die Ordnung in Frage stellt. Sie stellt sie in Frage, in einem dreifachen Sinn:

1. Sie stellt die gegebene Ordnung in Frage, die bisher in den Archiven, Bibliotheken und Sammlungen, den Katalogen und Karteikarten herrschte.
2. Sie stellt nicht nur die Ordnung, das heißt: nicht nur die gegebene Ordnung, sondern die Gegebenheit von Ordnung im allgemeinen in Frage.
3. Sie stellt all diese Ordnungen, Ordnungssysteme und Ordnungstechniken und damit auch alle möglichen Ordnungsanalysen in Frage, indem sie sie in die Frage stellt.

Eine SQL-Abfrage (Structured Query Language) ist keine Frage unter anderen. Diese Frage ist eine völlig andere Antwort auf die Frage der Ordnung. Denn wenn wir es gewohnt waren eine Ordnung zu errichten, die eine Gültigkeit und eine Orientierung versprach und beanspruchte5, die diese aber zugleich in ihren Befragungsmöglichkeiten beschränkt, gibt die relationale Datenbank dieses Konzept zum großen Teil auf. Die Verknüpfungen der Daten und die Ordnung ihrer Ausgabe wird nicht mehr ausschließlich vom System vorgegeben, sondern sie wird erst in und durch die Abfrage generiert. An eine relationale Datenbank kann dadurch eine bis dato ungekannte Anzahl von möglichen Fragen gestellt werden. Die Ordnung ist in der relationalen Datenbank eben nicht in erster Linie eine gegebene Ordnung, sie ist vor allem eine unüberschaubare Anzahl von möglichen Ordnungen.

Zweite Unsicherheit: Das Ereignis. Was ist das Ereignis? Ist das Ereignis tatsächlich noch, jedenfalls ausschließlich, auf der Seite der Einschreibung zu suchen? Muss man nicht, jedenfalls jetzt, nachdem die Möglichkeit in und durch die relationale Datenbank angeschnitten wurde, das Ereignis der Ordnung ebenso in seiner Befragung suchen? Derrida war es, der Foucault als erster darauf hinwies. In „Cogito und die Geschichte des Wahnsinns“ wirft er Foucaults frühem Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ vor, seine eigene Methodik nicht nach der Bedingung seiner Möglichkeit befragt zu haben. Dass „es kein Zufall [ist], wenn ein solches Vorhaben heute hat entwickelt werden können, […]“, weil „eine bestimmte Befreiung des Wahnsinns begonnen hat„.6
Derrida, der hier natürlich auf die Psychoanalyse Freuds anspielt, die in dem Wahnsinn eine eigene Logik entdeckte und so von der schlichten Unvernunft schied, hat einen grundsätzlicheren Einwand gegen Foucaults Geschichtsverständnis. Er fragt die Frage nach der Ordnung anders. Man könnte sie folgender Maßen formulieren: „Welche impliziten Verknüpfungen sind in Foucaults Fragen am Werk, die ihm erlauben, diese seine Fragen an das Archiv der Trennung von Wahnsinn und Vernunft zu stellen?„.
Die Frage nach der Ordnung stellt sich als Frage nach der Stellung der Frage zu der Ordnung. Ist also die Frage nach der Ordnung, weil sie erst durch die Ordnung, durch eine neue Ordnung, eine Umordnung des Diskurses hat gestellt werden können? Heute, anders als vor 100 Jahren? Und morgen anders als heute?

Doch was ist das Ereignis, wenn dessen Befragung das Ereignis – zumindest auch – rekonfiguriert? Wenn sie es in eine andere Ordnung einschreibt, die nicht die seine ist, durch eine andere, vielleicht ganz andere Frage?

Die Frage nach der Ordnung von der Frage her zu stellen, scheint um so dringlicher, wenn man die bereits fast 30 Jahre alte Erfindung der relationalen Datenbank nur als Zwischenstation einer viel umfassenderen Umschichtung der Wissensordnung betrachtet. Das Internet hat gezeigt, dass die Entwicklung beim Befragen der Datenbank nicht aufhört, sondern dass durch die gleichzeitige Abfrage mehrerer Datenbanken, die Fragen selbst ins unendliche verschaltet werden können.7 Zudem kommen immer mehr mögliche Verknüpfungen hinzu, die aus bestehenden Daten mit einer geschickten Befragung ungeahnte Zusammenhänge offenbaren.8 Die ordnende Frage der Zukunft wird umfassender, ja monströser sein, als wir es uns heute vorstellen können. Diese Entwicklung, die nicht nur Foucault’s und unseren Begriff von Ordnung, sondern ganz real – im hier und jetzt – die strukturelle Ordnungsmacht der „Gatekeeper“ bereits dekonstruiert, entzieht sich selber eines direkten Zugriffs. Denn eine Analyse all dessen scheint unmöglich, weil ihre Strukturen sich in eine Zukunft vieler noch nicht gestellter Fragen verflüchtigen.

Mir scheint es deshalb so, als sei der Streit zwischen Foucault und Derrida, der sich beinahe nur und ausschließlich um diese Fragestellungen gruppiert, als sei dieser Streit für das Verstehen der Datenbank und ihrer Bedeutung besser geeignet, als eine Diskursnanalyse des Streits zwischen Codd und Bachman. Vom Cogitoaufsatz Derridas9 bis zur posthumen Aufarbeitung des Streits in „Gerecht sein gegenüber Freud“10 wird die Frage der Ordnung verhandelt, die Frage nach der Legitimität der Errichtung und der Untersuchung der Ordnung. Dabei wird Frage nach der Stellung des Ereignisses eine geheime Schlüsselrolle einnehmen11, die in zwei unterschiedlichen Theorien des Archivs12 ihren Ausdruck finden. Die Sichtweise auf das Ereignis wird die Möglichkeiten der Analyse der Vergangenheit ebenso bestimmen, wie die Frage der Zukunft. Die Frage der Zukunft als der zukünftige Frage an das Archiv. Der noch nie da gewesenen Frage, mit deren Kommen man aber unbedingt rechnen muss.

1 Rosa Luxemburg, Die Ordnung herrscht in Berlin, in Werke, Bd. 4, S. 538.
2 Adams, Douglas: Per Anhalter durch die Galaxis, S.179.
3 Vgl. Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, S. 128 ff.
4 Dessen Ausgangspunkt Codds Artikel: „A Relational Model of Data for Large Shared Data Banks“ ist, der 1970 im „Communications“ erschien. Der Streit ist dokumentiert in Gugerli, David: Die Welt als Datenbank. Zur Relation von Softwareentwicklung, Abfragetechnik und Deutungsautonomie. In: David Gugerli, Michael Hagner, Michael Hampe, Barbara Orland, Philipp Sarasin, Jakob Tanner (Hg.): Nach Feierabend 2007: Daten.Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte.
5 Derrida nennt dies „Topo-Nomonlogie“ vgl.: Derrida, Jacques: Dem Archiv verschrieben, S. 12 ff.
6 Cogito und die Geschichte des Wahnsinns, in Ders.: Schrift und Differenz, S. 63.
7 Man sehe z.B. die auf den ersten Blick so unscheinbar daherkommende Technologie der RSS-Feeds an, die es möglich jedem macht, seine ganz individuelle Frage nach Neuigkeiten zu stellen, an millionen von Datenbanken – mit einem Klick.
8 Microsoft schickt sich derzeit an, mit PhotoSync die Bildanalyse und damit deren mögliche Verknüpfbarkeit zu revolutionieren. http://labs.live.com/photosynth/ (28.03.2008).
9 Cogito und die Geschichte des Wahnsinns, in Ders.: Schrift und Differenz.
10 Derrida, Jacques: Gerecht sein gegenüber Freund, in Ders.: Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse!
11 Vgl. Bunz, Mercedes: Wann findet das Ereignis statt? Geschichte und der Streit zwischen Michel Foucault und Jacques Derrida. S. 1 ff, http://www.mercedes-bunz.de/wp-content/uploads/2006/06/bunz_ereignis.pdf (28.03.08).
12 Foucault, Michel: Archäologie des Wissens sowie Derrida, Jacques: Dem Archi verschrieben.


Hyperkult 17 – call

Der Call des diesjährigen Hyperkult erwischte mich heute kalt. Denn nichts anderes als mein Dissertationsthema wird dort verhandelt: „Ordnungen des Wissens„. Das ist einerseits schön und zeigt, dass ich irgendwie richtig liege mit meiner Themenwahl. Andererseits überkam mich sogleich das schlechte Gewissen, weil ich so lange nichts mehr dafür getan habe. Natürlich geht es gar nicht anders, als dass ich diesmal etwas einreiche. Aber irgendwann musste es ja soweit kommen. Na dann, auf auf!

So gesehen kam der Call genau zur richtigen Zeit.

Sehr schön auch der Begleittext:

Die Ordnung des Wissens wird mit und in Computern verwahrt. Börsennotierte Unternehmen besitzen es, machen es profitabel zugänglich oder enthalten es vor. Dabei geht es nicht um Zensur, wenn festzuhalten ist, dass die Verfügung über das Wissen der Welt nunmehr außerhalb der Verantwortung wohlmeinender Sachwalter wie Bibliothekarinnen oder Archivaren oder professioneller Geheimhalter wie den Sicherheitsdiensten geraten ist. Was Google und andere nicht anzeigen, wird heute nicht wahrgenommen und existiert morgen ganz einfach nicht mehr. Und was sie findbar machen, ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.
Es ist die Ordnung selbst, die sich verändert, ohne dass dies von denen zu verhindern wäre, die noch zu Zeiten des Zettelkastens für das Wissen der Welt oder dessen Verschluss zuständig waren.
Dabei träumten in den 60er Jahren noch so manche von einer aufgeräumten Gesellschaft. Das Militär, Banken, Versicherungsfirmen und Science-Fiction-Autoren erkannten das Potenzial der Computer, und auch der Staat erhoffte sich eine effizientere Verwaltung seiner Bürger in zentralisierten Datenbanken. Gegen diesen Willen zum Wissen wurden Gesetze in Stellung gebracht, um die Menschen vor allzu zudringlichen linearen Listen und binären Bäumen zu schützen. Der Glaube aber, Ordnung bedeute Sicherheit, weht weiterhin durch die Büros der Innenministerien.
Inzwischen werden die Datensammlungen der Behörden übertroffen von denen der Internet-Firmen, deren weltweit verteilte Datenbestände sich einer öffentlich-rechtlichen Kontrolle systematisch entziehen. Das Problem ist heute nicht mehr, Information zu erzeugen, sondern sie zu finden. Das WWW ist der perfekte mathematische Baum, in dem jede Datei eine eindeutige Adresse zugewiesen bekommt. Deshalb ist die Ordnung der Informationen bis heute nur durch brute force aufzulösen, indem der digitale Bibliothekar bei jeder Anfrage jedes Blatt seiner Bibliothek durchsucht,– was jeden Bibliothekar und auch alle zusammen schlicht überfordert und nur noch von Serverfarmen unter erheblichem Kapitaleinsatz leistbar ist, was wiederum die öffentliche Hand überfordert.
Und nicht jede gefundene Information darf behalten, geteilt, zitiert oder genutzt werden. Die Ordnung des Wissens schafft Eigentumsverhältnisse und Äußerungsdelikte, Meinungsfreiheiten und Pressezensur. Den Ordnungskräften stellt sich eine Informationsguerilla entgegen, die Regeln unterwandert oder Strukturen ins Unerträgliche vermehrt und dadurch hofft, durch das Raster zu fallen. Und daneben wächst eine Wissensindustrie, die nach ihren eigenen Regeln agiert.
Wir fragen daher: Welche Ordnungsstrukturen werden durch den Computer als Medium geschaffen, welche in Frage gestellt? Wer kann noch Einfluss nehmen? Was wird mit Computern geordnet und was entzieht sich diesen Bemühungen? Welche Wünsche und Ängste verbinden sich mit Ordnungen? Welche Rolle spielt Ordnung in der Kunst? Welchen Wert bekommt die Unordnung in der digitalen Welt?


Du User – Das Ende des Web2

Ein „User“ ist jemand, der etwas benutzt. Sein Gegenüber ist also der „Provider“, der das genutzte bereitstellt. In den weiten des Web verwischt diese Grenze sehr häufig. Ich bin User bei Blogger.com, der mir die Möglichkeit gibt selber Provider zu sein. Es gibt also, gerade im Web2.0 eine Provider/Userkette, in der beinahe jeder beides ist. 

Damit wären zwei Rahmenbedingungen abgesteckt: 
1. Ein User ist jemand immer nur für jemanden in einer bestimmten Situation.
2. Ein User ist in diesen Momenten ein Abhängiger des Providers. Der User ist verschuldet. Bis über beide Ohren.
Auf das Web2.0 bezogen kann man also festhalten, dass in der Provider/User Kette sich immer der „Dienst“ befindet, der sich mit dem Label Web2.0 behaftet. Und zwar als Provider. 
Hat da jemand „Marx“ geschrien?
Die emanzipatorischen Potentiale des Web2.0 wurden oft genug in die Höhe gelobt. Der „User“ so das Verprechen, stände von nun an im Mittelpunkt des Geschehens. Der User der nicht eben mehr „nur“ User sein sollte, sondern „Prosumer“, jemand, der neben dem Konsumieren auch noch produzieren sollte. Dem damit auch eine andere Stelle eingeräumt werden würde.
„Du User“.

Die positive Aufladung des Userbegriffs ist aber eine Ablenkung. Der User bleibt immer verschuldet. Die Web2.0 Apologeten versuchen uns nur einzureden, dass das ja gar nicht schlimm sei und sie uns dennoch ernst nehmen würden. Klar. Ist doch genau diese Verschuldungssituation ihre Geschäftsgrundlage. Ganz egal, wie sie dann abbezahlt wird: Bezahldienst, Werbung, Datensammeln, etc. Die Schulden werden eingetrieben werden.
Das, was uns als Befreiung verkauft wird, ist nichts weiter als eine weitere Gängelung auf Raten. Noch sind die Gängelungen klein und unauffällig gehalten, aber schon jetzt weht der Wind rauer. Sei es das Datensammeln bei Facebook, das einschränken der Rechte bei Usern, die nicht bezahlen, das vollkleistern mit Werbung. Die Provider fordern ihren Tribut. Und sie sind noch nicht saniert.
Das Ende
Der Traum ist aus, die Euphorie dahin. Das kann man schon jetzt deutlich merken. Die einzigen die noch schreien, sind die, die noch auf die Kohle warten. Das Web2.0 ist akribisch bemüht sich in die klassische Ökonomie einzureihen. Und das soll jetzt schnell gehen. Es muss.
Was bleibt? Eine ganze menge Dienste. Bisher. Manche davon sogar sinnvoll, manche zum Scheitern verurteilt. Was mit diesen Diensten geschehen wird, wird sich zeigen. Aber überall steckt Kapital drin und überall wird man versuchen es irgendwie möglich wieder herauszubekommen. Und nein. Google kann nicht alles kaufen. Und wir werden die User sein. Die User im abfälligen Sinne des Wortes. Dann doch wieder. Klickfieh, Datensatz, Spamadresse. 
Was – komme was da wolle – bleibt, sind die Ideen. Die, die sich durchgesetzt haben. Wenn der letzte Web2.0 Dienst den Weg zum Teenieconatiner gemacht hat, einige an Geldmangel eingegangen sind, andere zur Werbehölle verkommen sind, werden diese Ideen weiterleben. 
Die nächste Stufe
Und zwar in der nächsten Stufe der Webevolution. Man kann das am ältesten Web2.0 Hype bereits festmachen: Blogs. Blogs haben sich längst vom Web2.0 abgespalten. Jeder kann seine eigene Software auf seinem eigenen Server installieren. Außerdem gibt es so dermaßen viele erfolgreiche Blogprovider, dass sich allgemeine Standards herauskristalliesiert haben. Komementare, Blogroll, Trackbacks funktionieren größtenteils über Systemgrenzen hinweg. Und zwar ganz einfach über das alte System der Links. Niemand ist hier wem hörig, das Angebot ist zu groß und vielfältig, als dass sich Blogprovider etwas herausnehmen könnten. Und mit einer Selbstinstallation eines Systems kann man sich völlig unabhängig machen.
Das heißt: Die Zukunft gehört den offenen Standards. Niemand braucht mehr einen Dienst, oder eine Plattform für all das, was gut gewesen sein wird, im Web 2.0. Denzentrale mit einander kommunizierende Social Networks. Standartisierte Twitterdienste auf RSS-Basis, lokalitäts-spezialisierte Blogsuchmaschinen ersetzen Qype, etc. Das alles kommt schon in Bewegung (siehe Opensocial, Jabber, WordPress, OpenId) und wird noch jedes Geschäftsmodell – auf Dauer – im Orkus verschwinden lassen.
Erst wenn die Standards Einzug gehalten haben und die Geschäftemacher damit ihrer Grundlage beraubt sind, werden all die Utopien möglich, von denen jetzt schon alle schwärmen. Der zivilgesellschaftliche Diskurs auf Augenhöhe. Die Befreiung des Users durch die Aneignung der Produktionsmittel.

Aufmerksamkeit

ist rar. Genauso meine Muße über philosophische Themen zu schreiben. Ich gelobe mich zu bessern.

So lange aber, ist die Aufmerksamkeit meiner philosophisch interessierten Leserschaft besser beim hervorragenden Philosophieblog des Herrn Allmann aufgehoben, der so ziemlich genau das macht, was ich mir immer vorgenommen habe: aus einer subjektiven, oft gar persönlichen aber nichtsdestotrotz informierten Schreibe heraus, philosophische Themen originell aufzubereiten.

(Ich weiß, einige meiner Leser haben ihn längst entdeckt und lesen dort schon fleißig mit. Aber sicher noch nicht genug.)


Dialog statt Einigung / Freundschaft statt Gemeinschaft


Bild von Cem Basman
Vor erst ganz kurzer Zeit bin ich auf ein sehr junges, aber nichtsdestotrotz interessantes Blog gestoßen. WILLYAM beschäftigt sich scheinbar vornehmlich mit „postmodernen“ Fragestellungen. Das tut er aber auf einer sehr kritischen Basis, was ich sehr begrüße. Denn die Kritik ist nicht plump, wie die übliche „Irrationalismus“-Kritik die von der anderen Seite des Ozeans oft herüberschwappt, sondern vor allem ethisch motiviert.

Jedenfalls hat sich sogleich ein fruchtbarer Dialog entfaltet, der hier seinen Ausgangspunkt nahm und dort mündete. Meine Antwort auf seinen letzten Beitrag habe ich dort schon im Kommentar abgefasst, macht sich aber hier genauso gut, da ich eh vorhatte über das Thema zu bloggen:

Ein ganz vortrefflicher Streitpunkt ist das. Denn bei dem Begriff der „Gemeinschaft“ hört unsere Gemeinschaft auf. Nicht aber, und das ist wichtig, unser Dialog.

Wie Du siehst, ist der Dialog nicht an Gemeinschaft gebunden. Ich würde sagen, das Gegenteil ist der Fall. Der Dialog ereignet sich ausschließlich in der Differenz.

Ich bin für Dialog. Und gegen Gemeinschaft. Gemeinschaft in einem Sinne, wie wir sie institutionalisiert zuhauf vorfinden und sie immer nach dem Schema F abläuft: Man versammelt sich unter einem Namen, gibt sich ein Gesetz und wählt sich seine Vertreter. Ob Staat, Terroristenzelle, Rockband, Partei oder Unternehmen. Es ist alles das gleiche.

Nein. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Das konnte ich noch nie leiden. Kompromiss, Mehrheitsmeinung, Unterwerfung, Weisung und Zugehörigkeit sind keine Konzepte für mich. Oft mit Leuten zwangsvergemeinschaftet, mit denen ich nicht mal ein Bier trinken würde. Und ich denke, das alles wird auch bald nicht mehr notwendig sein.

Denn wenn es eine Postmoderne gibt, dann ist sie gerade erst im Anmarsch. Sie wäre eine Kommende, wie Derrida sagen würde. Und so, wie Derrida würde ich auch auf ein ganz anderes Gemeinschaftsmodell hoffen. Ein Gemeinschaftsmodell jenseits der Gemeinschaft. Eines, das einen nicht einfasst in etwas anderes, über einem Stehendes.

Das wäre die Politik der Freundschaft. Freundschaft STATT Gemeinschaft.

Ja, ich weiß. Irgendwie fremd und doch ganz banal. Ich habe Beziehungen zu Menschen. Nicht zu Organisationen, Verbänden, etc. Auf die Beziehungen zum Menschen kommt es mir an, auf jede einzelne. Und niemals wird man diese fassen können in einem Begriff, der sie alle versammelt und ihnen ein Gesetz aufdrückt.

Im Internet kann man diese Organisationsform, die völlig ohne Organisation auskommt, bereits super beobachten. Durch Buddylists oder Blogrolls ergeben sich komplexe Netzwerkstrukturen aus miteinander kommunizierenden Individuen in denen niemand seine Individualität, seine Meinung oder sich selbst einer Räsion unterordnen muss.

Und ich bin mir sicher, dass sich dieses Modell irgendwann politisch bemerkbar macht. Und ja, ich bin mir sicher, es ist das Modell der Demokratie von morgen, in der niemand mehr seine Stimme _abzugeben_ braucht, sondern sie nutzt, um direkt in den Diskurs einzugreifen. Und dann wäre Politik dort, wo sie hingehört: beim Einzelnen und seiner Verantwortung.

Das wäre also mein Standpunkt: Dialog statt Einigung. Freundschaft statt Gemeinschaft.


Waking Life und der philosophische Film

Gestern habe ich Waking Life auf 3Sat gesehen. Ich kannte den Film schon, allerdings nur auf Englisch. Da hab ich zu meiner Schande aber nur die Hälfte verstanden, was fatal ist, bei einem Film, der beinahe nur aus Dialogen Monologen besteht. Auf Deutsch ging das jetzt wesentlich besser.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein Junge wandelt durch seine mehrfach verschachtelte Traumwelt und begegnet jeder Menge Menschen, die über interessante philosophische Fragestellungen sinnieren. Ich bin geneigt sogar zuzugeben, dass sich die Themen im besten Sinne in ausgefeilter Wald- und Wiesenphilosophie ergehen. Finde ich wirklich super. Eigentlich.

Aber anstatt hier diese Themen jetzt freudig aufzugreifen, will ich lieber meckern. Denn ich störe mich an dem Format des Films ansich, der mich zu ein paar medientheoretischen Überlegungen verleitet. Denn ich finde den Film dennoch nicht gut.

Da sind einerseits diese brillianten Gespräche, die den Film von vorn bis hinten tragen. Da ist anderseits diese fulminante Ästhetik, die durch das Übermalen eines Realfilms erzielt wird und dabei auch noch andauernd den Stil wechselt. Zwei Dinge, für sich genommen, die hervorragend sind.

Ersteres gäbe einen super Sammelband ab. Vielleicht eine Radioserie auf Deutschlandfunk Kultur, oder eine gelungene Arte-Dokumentation.
Zweiteres wäre vielseitig einsetzbar, z.B. in Musikvideos, als Kunstfilm oder in einem avangardistischen Shortfilm.
Beides zusammen in einem Spielfilm kann auch funktionieren, wenn nur nicht etwas Entscheidendes vernachlässigt worden wäre: Die Übersetzung.

Es gibt in dem Film kaum eine Übersetzungsleistung, die einem Spielfilm gerecht würde. Das Format wurde verfehlt, sozusagen. Es wurden Texte zusammengeklebt und eine Handlung drumrumgeschrieben, die beinahe zu vernachlässigen ist. Das Ganze ist eine nett colorierte philosophische Anthologie, aber mitnichten philosophischer Film.

Damit meine ich, dass es durchaus philosophische Filme gibt, dass diese Filme aber nicht daraus bestehen, dass die Leute sich über Philosophie unterhalten. Vielmehr schaffen es die guten Filme, die Themen die sie beackern in einer filmischen Sprache, mit filmischen Mitteln zu reflektieren.
Gute philosophische Filme, kommen meist nicht als solche daher. Sie erzählen eine Geschichte, sie stellen Charaktere dar, sie schaffen ein Setting für philosophische Fragestellungen mit den Mitteln des Mediums Film. So etwa wie bei David Lynch, Jim Jarmusch oder Spike Jonze. Der Film als Medium hat seine eigenen Stärken, Fragen zu stellen.

Diese blieben bei Waking Life weitestgehend ungenutzt, was sehr schade ist. Es sind Ansätze da, sie verbleiben aber mehr im Hintergrund und überlassen die Bühne dem schlichten, nackten Wort. Ganz einfach: Für Waking Life hätte es keinen Film gebraucht, denn sein Inhalt bleibt weitestgehend unübersetzt.

Es ist also vielleicht mehr diese Enttäuschung, die mir den Film verleidet, als dass er nicht sehenswert ist. Denn das ist er nämlich trotzdem. Ich würde ihn jedem empfehlen, denn er weiß zu bereichern. Aber ich würde ihn nicht als Film empfehlen, sondern als Buch mit netten bewegten Illustrationen. Also geht hin und lest Waking Life, das beste Buch, das je Film sein wollte.


Keine Zeit für Gedanken…

Deshalb lass ich heute mal andere denken.


"historisch"

Scheiße. 13 Jahre ist Pulp Fiction schon alt. 13. Ich kann mich erinnern, als ich 13 Jahre alt war. Noch besser kann ich mich erinnern, wie sehr ich diesen Film liebte. Und, ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass „13 Jahre“ mal eine unglaublich lange Zeit war. Früher. Es ist gar nicht so lange her, da waren 13 Jahre noch „historisch“.

Als 13jähriger sind 13 Jahre eine historische Zeit. Eine Zeit, als die Eltern noch geraucht haben und mit dem Käfer Urlaub in Israel machten. Eine Zeit die man nur aus vergilbten Fotoalben kennt. Eine Zeit, vor der eigenen Zeit. Das ist sogar noch mit 23 so. Denn für die meisten Themenbereiche der Kultur beginnt man sich erst etwa so ab 10, meist sogar erst mit der Pubertät zu interessieren. Selbst mit 23 Jahren sind 13 Jahre meist „historisch“. Aber was ist das: „historisch“?

Ich beginne es zu verstehen. Ich bekomme ein Gefühl dafür. Denn erst jetzt wird mir bewusst, dass die Erlebnisse meiner Jugend für andere, unwesentlich jüngere Menschen bereits „historisch“ geworden sind. Denn man kann den Unterschied fühlen.
All die Dinge, die mir bewusst widerfahren sind: Tschernobyl, Challenger, der Fall der Mauer, Pulp Fiction, fühlen sich für einige mir bekannte und befreundete Personen an, wie sich für mich der „Deutsche Herbst“ anfühlt, wenn ich über ihn lese oder einen Fernsehbericht darüber schaue: Abstrakt, vermittelt, gelernt. Ohne das Gefühl des Schocks, ohne die erfahrene Zertrümmerung von Gewissheiten, ohne das ereignishafte Herreinbrechen des Anderen. Das Unglaubliche das es damals war. Das Unglaubliche ist für andere bereits das Gegebene. Unglaublich, oder?

Und langsam entwickle ich ein Verständnis für diesen Begriff „historisch“, indem ich sein Werden beim Anderen erfahre: Meine Zeitgreifende Erfahrung dehnt sich hinein in das unbewusste Nicht-Erleben eines Anderen: Mein Leben ist bereits für manche in Teilen „historisch“. Dieser Begriff ist nur intersubjektiv erfahrbar, und ermöglicht einem vielleicht, dem immer schon „Gegebenen“, dem je Historischen, seine Ereignishaftigkeit nachträglich zuzugestehen. Und es reflektiert das eigene Erlebte zugleich auch als Historie.

Ob am 16. April 1912 in der Zeitung vom Untergang der Titanic zu erfahren, vorm Fernseher zu sitzen am 11. September 2001 oder dem Radio lauschen bei der Mondlandung am 20. Juli 1969, all dies wird das selbe gewesen sein. Es wird historisch gewesen sein: In ein und der selben Realitätsferne. Für jemanden anderes, kommendes. Und – das hört sich nur einfach an. In Wirklichkeit ist es der Schulterschluss mit den Toten.


"Blogosphäre"

Volk. Man kann sagen: Es gibt Volk.

Es gibt eine Grenze, die geographisch einer Region einen Namen aufdrückt. Es gibt ein Gesetz, das von dieser Grenze einverleibt wird. Es gibt dort Menschen. Man kann sagen, diese Menschen sind ein Volk.

Menschen handeln, sagen, glauben. Sie wählen. Hier – alle vier Jahre ihre Vertreter. Diese Vertreter handeln, sagen, glauben und wählen dann: Gesetze – aber im Auftrag. In wessen Auftrag? Man kann sagen: Dem Auftrag des Volkes.

Es ist also die Meinung von einem Volk, das dort im Gesetz steht. Alleine, dass die Volksvertreter die Macht haben, für ein Volk verbindliche Regelungen zu schaffen, ist ihnen vom Gesetz verbrieft. Man kann sagen: Es war die Meinung des Volkes, ihnen diese Macht zu geben.

Das Volk hatte beschlossen, den Vertretern, damals, in unserem Fall 1949, diese Macht zu verleihen. Also nicht so direkt, aber indirekt, durch seine Vertreter. Sie, die Vertreter, beschlossen das Grundgesetz, das Gesetzt der Gesetze, das nebenbei eben jene geographische Grenze absteckte, welche ein Volk benannte, dessen Vertreter sie dadurch wurden, indem sie im Namen dieses noch nicht existenten Volkes das Gesetz unterschrieben.

Man kann durchaus sagen: Eine Grenze, ein Gesetz, ein Volk und seine Vertreter. Alles dies wurde gleichzeitig erschaffen in einem einzigen Geniestreich, einem bürokratischen Akt, direkt aus dem Nichts heraus. Durch ein paar Unterschriften auf einem Zettel. (Auch meiner Unterschrift?)

Diese krasse Paradoxie, man könnte sagen, dieser Wahnsinn, hat nur einen Namen verdient: Repräsentation. Und so nennt man unsere Demokratie auch eine „repräsentative Demokratie“.

Ich. Es gibt mich. Auch ich handle, sage, denke, machmal wähle ich.

Man muss den Wahlzettel nicht unterschreiben. Vielleicht ist einer der Gründe dafür, dass man eh niemals unterschreiben würde, was dieser andere, der Vertreter damit macht, machen wird, in meinem Namen. Und doch wird eine Unterschrift geleistet worden sein. Implizit. Denn man unterschreibt die Verfassung, die repräsentative Demokratie, indem man wählen geht. Nachträglich. Man unterschreibt, dass man sich als Teil eines Volkes sieht, welches innerhalb einer Grenze lebt, eines, dass vertreten wird und dessen Vertreter Gesetze machen sollen, die man einhalten sollte. (eine Selbstverständlichkeit, ein natürlicher Vorgang, eine Offensichtlichkeit, das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand)

Die Volksvertreter bläuen einem immer ein, alle Jahre wieder, dass es die Verantwortung jedes Einzelnen ist, diese Unterschrift zu leisten, indem man wählen geht. Diese Unterschrift, die mir die Verantwortung nimmt und sie ihnen überträgt, in ihre Obhut. Man kann sagen: Ich habe die Verantwortung, meine Verantwortung abzutreten.

Blogosphäre. Kann man sagen: „es gibt eine Blogosphäre“?

Sie hat keine Grenzen, sie hat kein Gesetz, sie hat keine Vertreter. Es gibt Blogger. Sie handeln, sagen, glauben, das ist ihr Gesetz. Sie wählen nicht, aber sie schreiben. Als Vertreter ihrer selbst. Was schreiben Sie? Man kann sagen: Alles. Innerhalb ihrer je eigenen, persönlichen Grenzen.

Warum tun sie das? Warum lassen sie sich nicht vertreten? Von den Volksvertretern oder von den Massenmedien, diesem Anwalt des kleinen Mannes? Von Verbänden, Gruppen oder Parteien. Von Gewerkschaften, Publizisten, Lobbyisten oder Vereinen? Von all den Vertretern, all den repräsentativen Kräften und Instanzen, die mit einer Stimme sagen, die dafür da sind, um zu sagen, um für uns zu sagen, im Auftrag von uns. Teils ehrenwerte Institutionen, die vielleicht sogar genau das sagen, was auch der ein oder andere Blogger sagt. Oder selbst wenn sie sich vertreten lassen, warum reicht ihnen das nicht? Ist ihre Meinung nicht schon vertreten worden? Hat nicht jemand schon seine Unterschrift für genau dieses Thema, diesen Satz, diese Meinung geleistet? Warum sagen die Blogger es im Zweifelsfall noch mal? Was fasziniert sie so, an ihrer eigenen Unterschrift, an ihrem eigenen Getippten, an den Belanglosigkeiten ihres Lebens oder ihrer Auffassung von der Welt, all den dilettantischen Argumenten und vor allem an sich selbst? Die, die doch niemanden vertreten, was bilden die sich ein, wer sie sind? Sie sprechen nur für sich selbst. Sie vertreten stur sich selbst, als ob es nie bestellte Vertreter gegeben hätte.

Sind die Blogger eigentlich so etwas wie ein Volk (eine Gemeinschaft, eine Masse oder auch nur eine Gruppe)? Besser: können sie ein Volk sein, ohne sich vertreten zu lassen? Ist vielleicht ein Volk, erst ein Volk, durch sein Vertreten-werden? Wird das Bezeichnete, wenigstens in diesem Fall, erst durch seine Bezeichnung (Zeichnung, Signatur, Einschreibung) existent? Das heißt: klar umreissbar, zuordbar, definierbar, indem man, als Vertreter, als Ersatz für dieses etwas, eine Grenze zieht und ihm ein Gesetz aufdrückt (Was z.B. auch in Foren, öffentlichen Chats und Communities geschieht: eigene Gesetze, eine klare Grenze und mehr oder weniger offizielle Vertreter)?

Was wäre die Blogosphäre, wenn all dies bei ihr nicht greift? Wer würde den Gegenstand definieren? Wer könnte sagen: „Das sagt die „Blogosphäre“? Wer könnte sie vermessen: „von hier bis dort“? Wer könnte sagen: „Die Blogosphäre meint…“ oder nur: „Das da ist (k)ein Blogger“? Wer könnte für die Blogosphäre sprechen? In ihrem Namen?

Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Volk (oder irgendeine irgendwie definierte Gemeinschaft) gibt. Ein Volk jenseits eines autokratischen, mystischen Gründungsaktes. Ich bin mir nicht mal sicher, ob man sagen kann: „man kann sagen“. Wer ist dieses „man“? Mir scheint sein Eigenname ebenso nebulös zu sein, wie der, irgendeines Volkes.

Man kann vielleicht sagen: Es gibt eine Blogosphäre. Aber niemand gehört ihr an.

Aber ich (ich, für mich) finde schöner: Es gibt zwar keine Blogosphäre. Aber genau deshalb will ich ein Teil davon sein.