Die Margen der Kunst. Michael Seemann | kulturBdigital-Konferenz 2025 – YouTube

Ich hatte neulich das Privileg auf der Konferenz „Besser Teilen“ einen Vortrag über die politische Ökonomie der Musikindustrie zu halten, aber ich hatte mehr bock mir ne Pfadgelegenheit reinzuknallen und in der Matrix rumzuhängen, also hab ich das einfach miteinander verbunden.

Kunst und Kultur zu verwerten war immer schon ein schwieriges Geschäft. Anhand historischer Rückblicke erzählt Autor und Internetforscher Michael Seemann (Otherwise Network) den Paradigmenwechsel von einer urheberrechtsbasierten zur plattformbasierten Kulturökonomie. Im Vortrag fordert er die Kultur auf, sich zu organisieren, Kräfte zu bündeln und als gemeinsame Interessenvertretung sichtbarer zu werden – in Allianzen, Verbänden und Gewerkschaften. 

Der talk ist ein guter Einstieg in die „Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten“ und wer wissen will, was dahinter steckt, kann am besten bei diesen Explainer weiterlesen.

Krasse Links No 74

Willkommen zu Krasse Links No 74. Dies ist gewissermaßen eine Sonderausgabe zu Sprache, Denken und Handeln, an der ich ziemlich lange gesessen habe und die etwas länger geworden ist, deswegen sorry für die lange Stille und den langen Newsletter, aber da musste ich gerade mal durch. Aber nun haltet euch an euren Paradigmen fest, heute verfolgen wir Jeffrey Epstein durch die Evolution des Unterschieds und differenzieren den Kognitivismus mit der Proto-Semantik der Intelligenz.


Ich war kurz erschrocken, als Benjamin Riley in The Verge berichtete, dass Wissenschaftler*innen zweifelsfrei zeigen können, dass Denken und Sprechen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge seien, die rein gar nichts miteinander zu tun hätten und dann war ich fast enttäuscht, wie wenig sie aufzubieten hatten.

The problem is that according to current neuroscience, human thinking is largely independent of human language — and we have little reason to believe ever more sophisticated modeling of language will create a form of intelligence that meets or surpasses our own. Humans use language to communicate the results of our capacity to reason, form abstractions, and make generalizations, or what we might call our intelligence. We use language to think, but that does not make language the same as thought.

„Brain-Scans“ zeigen, dass Sprache ein Areal im Hirn beansprucht, dass bei bestimmten kognitiven Aufgaben kaum benutzt wird, außerdem sind Menschen mit kognitiven Störungen ihrer Sprachfähigkeit unabhängig davon durchaus fähig, komplexe Aufgaben zu lösen und auch Babies zeigen kognitive Fähigkeiten lange vor dem Spracherwerb u.s.w.

Second, studies of humans who have lost their language abilities due to brain damage or other disorders demonstrate conclusively that this loss does not fundamentally impair the general ability to think. “The evidence is unequivocal,” Fedorenko et al. state, that “there are many cases of individuals with severe linguistic impairments … who nevertheless exhibit intact abilities to engage in many forms of thought.” These people can solve math problems, follow nonverbal instructions, understand the motivation of others, and engage in reasoning — including formal logical reasoning and causal reasoning about the world.

Interessant ist, was sie als „nicht-sprachliche kognitive Fähigkeiten“ ansehen:

Aus dem zitierten Paper:

mathematical reasoning, formal logical reasoning, performing demanding executive function tasks such as working memory or cognitive control tasks, understanding computer code, thinking about others’ mental states, and making semantic judgments about objects or events.

Ich komm nicht darüber hinweg, wie eng diese Menschen „Sprache“ definieren. Als wäre formale Sprache, mathematische Formeln, Zahlen, Computer Code, etc. nicht teil der Sprache.

Wie man diesem Newsletter ab und an anmerkt bin in meinem Denken eher von der (post-)strukturalistischen Schule geprägt, die das alles ganz anders sieht.

Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.

Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.

Aus Saussures Erkenntnis sprudelte in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ein ganzes Feld von neuen Weltbetrachtungsweisen, die man später unter dem Wort „Strukturalismus“ fasste: Claude Levi-Strauss wandte das Framework in der Ethnologie an, um die kulturellen Praktiken indigener Völker in Beziehung zur eigenen zu setzen, Lacan zur Erforschung des Unbewussten, Roland Bartes nutzte es, um unsere Konsum-Alltagswelt semiotisch aufzuschlüsseln, Pierre Bourdieu wandte das Framework auf Klasse an, Foucault zur Identifikation und Beschreibung von vergangenen und gegenwärtigen Diskursformationen, Judith Buttler für „Geschlecht“ und Umberto Eco für alles mögliche.

Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.

Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).

Aber das war das Paradigma, das Mitte der 1990er Jahre vom Kognitivismus abgelöst wurde, der heute überall hegemonial ist. Das Stück von Riley fährt fort:

We can credit Thomas Kuhn and his book The Structure of Scientific Revolutions for our notion of “scientific paradigms,” the basic frameworks for how we understand our world at any given time. He argued these paradigms “shift” not as the result of iterative experimentation, but rather when new questions and ideas emerge that no longer fit within our existing scientific descriptions of the world. Einstein, for example, conceived of relativity before any empirical evidence confirmed it. Building off this notion, the philosopher Richard Rorty contended that it is when scientists and artists become dissatisfied with existing paradigms (or vocabularies, as he called them) that they create new metaphors that give rise to new descriptions of the world — and if these new ideas are useful, they then become our common understanding of what is true. As such, he argued, “common sense is a collection of dead metaphors.”

Moment, eben noch waren Sprache und Denken zwei kommplett verschiedene Dinge und jetzt sagt derselbe Autor, dass wir andere Fragen stellen können, wenn wir andere Unterscheidungen machen? Und zitiert dazu noch zwei strukturalistisch beeinflusste Denker: Kuhn und Rorty? Wie passt das zusammen?

Ich möchte folgende Definition vorschlagen:

Ein „wissenschaftliches Paradigma“ ist eine (im jeweiligen Kontext) hegemonial gewordene erkenntnisleitende Unterscheidung und alle die sich daraus ergebenden Forschungspfadgelegenheiten, inklusive ihrer materiellen und semantischen Infrastrukturen.

Ein Paradigma entsteht, wenn eine bestimmte Unterscheidung nützlich scheinende Pfadgelegenheiten eröffnet: Dann fließen Forschungsgelder und Paper und im besten Fall auch „Erkenntnisse“. Doch wie das immer so ist: das neue Paradigma – die neue fancy Unterscheidung, so toll sie auch ist – birgt meist nur eine begrenzte Zahl an beforschbaren Pfaden und wenn die „Low Hanging Fruits“ bereits geerntet sind und die „Erkenntnisse“ nicht mehr so purzeln, geht das Paradigma in den Selbstverteidigungsmodus über.

Ich stell mir das so vor: Jede erkenntnisleitende Unterscheidung produziert pfadabhängige „blinde Flecke“, denn es gibt immer auch Millionen Möglichkeiten, anders zu unterscheiden und diese anderen Möglichkeit zu unterscheiden hätten aber ebenso Pfadgelegenheiten eröffnet, die aber deswegen unbeforscht blieben, weil das bestehende Paradigma die Aufmerksamkeit, das Geld und die Infrastrukturen bei sich konzentriert. Ein Paradigmenwechsel passiert also dann, wenn eine grundlegende Art zu unterscheiden, eine andere Art zu unterscheiden ablöst.

It [the LLM] will be forever trapped in the vocabulary we’ve encoded in our data and trained it upon — a dead-metaphor machine. And actual humans — thinking and reasoning and using language to communicate our thoughts to one another — will remain at the forefront of transforming our understanding of the world.

Das ist zwar eine richtige Beschreibung von LLMs, es ist aber auch zu einem gewissen Maß richtig für uns alle. Wir alle leben in den toten Metaphern unserer Vorfahren und kommen da schwer raus. Derrida würde zudem darauf bestehen, dass die Metaphern nicht wirklich tot sind, sondern unsere Sprache entlang ihrer iterativen Pfadabhängigkeiten als Gespenster heimsuchen. In einem ganz besonderen Maße ist das richtig für das Paradigma des Kognitivismus, das in Wirklichkeit noch vom Geist Descartes heimgesucht wird. Zeit für was Neues.


Ich habe angefangen, Schneisen in den semantischen Dschungel zu schlagen, der im Laufe des Newsletters so vor sich hinwucherte, indem ich ausführliche und möglichst einsteigerfreundliche Explainer geschrieben habe: Angefangen habe ich mit den beiden wichtigsten Begriffen: Dividuum und Pfadgelegenheit, weitere werden folgen.

Außerdem gibt es noch einen Explainer dazu, wie man von der Macht-Inderdependenz-Theorie zur Macht/Wert-Formel kommt.


Heise fasst ein Interview mit dem Richter am internationalen Strafgerichtshof in Le Monde, Nicolas Guillou, zusammen, der wegen seiner Untersuchungen des Genozids in Gaza auf die Sanktionsliste der US-Regierung fiel und deswegen Zugang zu Services und Bankverbindungen verlor.

Im Alltag von Guillou bedeutet das, dass er vom digitalen Leben und vielem, was heute als Standard gilt, ausgeschlossen ist, schilderte er der französischen Zeitung Le Monde. All seine Konten bei US-Unternehmen wie Amazon, Airbnb oder PayPal wurden von den Anbietern sofort geschlossen. Online-Buchungen, wie über Expedia, werden sofort storniert, selbst wenn es um Hotels in Frankreich geht. Auch die Teilnahme am E-Commerce sei ihm praktisch nicht mehr möglich, da US-Unternehmen auf die eine oder andere Weise immer eine Rolle spielen, und es diesen strikt untersagt ist, mit Sanktionierten in irgendeine Handelsbeziehung zu treten.

Als drastisch beschreibt er auch die Auswirkungen, am Bankenwesen teilzunehmen. Zahlungssysteme seien für ihn blockiert, da US-Unternehmen wie American Express, Visa und Mastercard quasi über ein Monopol in Europa verfügten. Auch das restliche Banking beschreibt er als stark eingeschränkt. So seien auch Konten bei nicht-amerikanischen Banken teilweise geschlossen worden. Transaktionen in US-Dollar oder über Dollar-Konversion sind ihm verboten.

Ich denke ja schon länger, dass das Mittel der Wahl wird, wie der Techfaschismus seine Gegener*innen kontrolliert. Wer unbequem wird, landet auf „der Liste“ und die Plattformen und Zahlungsanbieter machen den Rest.

Wie neulich hier besprochen arbeitet die Trumpregierung bereits an einer inländischen Implementierung zum „War against Antifa“. Wobei die Schwammigkeit des Targets dieser Form der Unterdrückung durchaus entgegenkommt. Millionen zerstörter Einzelschicksale, weil „Antifa“. Gleichzeitig kann man mit solchen Listen prima am Gesetz vorbei unterdrücken: Die Plattformen setzen nur ihr Hausrecht durch und wer will schon „Terroristen“ unterstützen?

Die kommende Purge-Koalition wird nur ein Teil des Problems sein und wenn sich all diese Plattformen koordinieren, knallt der Thanos-Effekt an die Decke. Unsere Abhängigkeiten von der amerikanischen Tech-Oligarchie sind eine tickende Zeitbombe.


Jason Pargin hat ein kurzes Erklärvideo über die psychologische Ökonomie des Kulturkampfes.

Wenn wir die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten auf die Konsumwelt anlegen, dann sehen wir, dass die zusätzlichen Kaffee-Pfadgelegenheiten zwar nichts an der Verfügbarkeit der materiellen Pfadgelegenheit „Coffee, Black“ ändert, wohl aber an ihrem Wert, denn die Macht-Wert-Formel teilt immer durch die Pfadalternativen.

Und das gilt für die semantische Ebene erst recht: Der Orientierungspunkt „Kaffee“ wird ambivalent, verzweigt sich, verliert damit einen Gutteil seines Werts als Erwartungs-Koordinationsanker.

Jede Pfadalternative ist semantisch dem Spiel der Differenzen ausgeliefert: Neue Kaffee-Pfadgelegenheiten sind auch Pfadgelegenheiten zur Distinktion und das wird von den semantisch Zurückgelassen gespürt und machmal als Pfadgelegenheit genutzt, in dem geänderten Verhalten um sich herum eine Form der Herabsetzung ihrer Art zu leben zu lesen. Der semantische Ausdruck dieser Herabsetzung ist die Degradierung ihres Kaffees von „universeller, voll oker Kaffee, den halt alle trinken“ zur „Basic-Variante“.


Im Zuge der Veröffentlichung interner Untersuchungen am MIT kamen ein Haufen E-Mails zwischen dem deutschen KI-Forscher Joscha Bach und Jeffrey Epstein zu Tage. Bach und seine Theorien waren bereits mehrfach Thema hier, das erste Mal 2016, aber auch in Krasse Links No 31. Aus dem Boston Globe:

“In the US, black children outperform white children in motor development, even in very poor and socially disadvantaged households, but they lag behind (and never catch up) in cognitive development even after controlling for family income,” he wrote. […]

In another email, sent to Epstein about two weeks later in 2016, Bach claimed that women “tend to find abstract systems, conflicts and mechanisms intrinsically boring” and attributed gender disparities in scientific involvement to this.

“Most women in computer science do not write programs because they enjoy solving puzzles, but because they want to help people, get approval etc,” he wrote. “There are almost no women in math, because it does not help people or yield social attention.”

He also drew further generalizations about the differences between racial groups and mused about fascism, describing it as “probably the most efficient and rationally stringent way of governance,” but adding that it “makes romantic doo-gooders like me very uncomfortable.”

Aber auch der größere Kontext ist interessant:

According to the MIT report on Epstein’s interactions with the institute, Epstein introduced Bach to Ito, the Media Lab leader, in 2013. Bach was hired by the lab “in large part because Epstein subsidized the cost,” the report said. Epstein made donations in November 2013, July 2014, and September 2014 totaling $300,000 to support Bach’s research, according to the report.

Epstein also introduced Bach to Martin Nowak, a professor of mathematics and biology at Harvard University, according to the school’s report into its connections to Epstein. (Like MIT, Harvard commissioned a review into the university’s connections to Epstein and released the findings in 2020.)
Nowak, who led Harvard’s Program for Evolutionary Dynamics, which was funded by a multimillion-dollar gift from Epstein, was sanctioned by Harvard in 2021. He was barred from leading new research projects and taking on advisees for two years, and the program was shut down.

Nowak gave Bach access to the program’s offices from 2014 to 2019, and the program listed Bach as a research scientist on its website, according to the Harvard report. The report said Harvard did not pay Bach or provide funds to support his research. After leaving MIT in 2016, Bach continued to intermittently use the program’s office space, including to meet with Epstein, according to the report.

Was weniger Gegenstand der allgemeinen Diskussion um Epstein ist, aber zur Wahrheit unbedingt dazugehört, ist die Tatsache, dass er eine einflussreiche Figur in der Wissenschaftspolitik der USA war. Epstein war sehr engagiert, Teil eines intellektuellen Zirkels zu werden, der sich um den Literaturagenten John Brockman versammelt hatte und den dieser mal in seinem gleichnamigen Buch als „Third Culture“ bezeichnete. Da versammelte sich ein neuer Typ des Intellektuellen, der nicht mehr diesen papierverstaubten kulturwissenschaftlichen Background hat, sondern aus der „echten Wissenschaft“ kommt und die Aura des „Innovators“ trägt: Richard Dawkins, Daniel Dennet, Marvin Minsky, Roger Penrose und Steven Pinker und so weiter. Also das, wovon Jordan Peterson und das „intellektual Dark Web“ die pfadanhängigen Ausläufer in unsere Zeit sind.

Brockman und seine neuen Intellektuellen etablierten aber auch die Erlangung der Deutungshoheit der „Hard Science“ über eigentlich traditionell kultur- und geisteswissenschaftlichen Fragen, unter anderem: Was ist Erkennen, was ist Denken, was ist Bedeutung, was ist Sprache? Diese Fragen wurden jetzt zunehmend von „Cognitive Scientists“, also Psycholog*innen, Neurowissenschaftler*innen und im weitesten Sinne auch KI-Forscher*innen beantwortet.

In seinem Buch „Language Machines“ macht Leif Weatherby den Showdown dieses Paradigmenwechsels an der Popularisierung von Noam Chomskys Konzept der „Generativen Grammatik“ fest. Ich tue ihm sicherlich unrecht, aber verkürzt sagt Chomsky, dass wir eine Art evolutionären Sprachprozessor im Hirn hätten, der zwischen Gedanken und gelernter Sprache übersetzt. Dabei ist das Language-Modul nur ein Modul unter vielen und wird eigentlich nur zur Kommunikation verwendet. Wichtig ist: Denken und Sprechen sind zwei voneinander unabhängige Vorgänge.

Es war aber Steven Pinker, der in seinem Bestseller von 1994 „The Language Instinct“ die Ideen Chomskys in einer abgespeckten Form popularisierte und damit den „Cognitive Turn“ (mein Wort) einleitete, der bis heute das Wissenschaftsfeld und die gesamte Debatte prägt. Weatherby führt den Sieg der Kognitivisten letztlich darauf zurück, dass niemand aus dem kulturwissenschaftlichen Lager wirklich auf Pinkers evolutionspsychologische Thesen antworten wollte.

Ende der 1990er Jahre kommt dann nach und nach Jeffrey Epstein ins Bild. Er war fasziniert von den großen Ideen um Bewusstsein, Sprache, Evolution und Intelligenz und natürlich: Künstlicher Intelligenz. Auch er wird wie Brockman ein Broker in diesem neuen wissenschaftlichen Paradigma, aber statt mit Buchverträgen und Ruhm, stattet Epstein diese Szene mit Geld und Kontakten zu seinen Milliardärs-Freunden und Politeliten aus. Er veranstaltet Dinner, Partys, Dinnerpartys, Hintergrundrunden und verweißnochwas. Er finanziert quasi im Alleingang Brockmans Edge Foundation, Projekte an der Harvard-Universität und am MIT, den Psychologen Howard Gardner, Martin Nowak und eben Joscha Bach (auf Anraten von Marvin Minsky), er freundet sich mit Noam Chomsky an und hängt mit Steven Pinker, Minsky, Brockman und vielen anderen aus der Klicke rum. Aber vor allem vermittelte er Kontakte von und zu der neuen Intelligenzija, zu Geld, zur Tech-Szene, zur höchsten Politik und naja, zu … Minderjährigen.

Ich will niemandem Dinge unterstellen, die er oder sie nicht getan hat (nachgewiesen ist konkreter sexueller Missbrauch nur bei Marvin Minsky) und Jeffrey Epsteins Einfluss auf die Hegemonialwerdung des kognitiven Paradigmas kam relativ spät und man sollte ihn auch nicht zu hoch hängen, aber die semantischen Pfadabhängigkeiten und ideologischen Übergangswahrscheinlichkeiten sollten uns dennoch zu Denken geben.

Der Kognitivismus als verwissenschaftlichter Individualismus konnte das descartsche Individuum gegen den Angriff der Poststrukturalisten nicht nur verteidigen, sondern ein eigenes Paradigma auf diesem Sieg errichten.

Solange die Sprache nur Übersetzung innerer Geisteszustände ist, bleibt die „Res Cogitans“ intakt, bleibt das Individuum unteilbar, denn nur durch diese Unteilbarkeit, so die Vorstellung, hat der Mensch „Agency“. Chomsky steht in einer „anarchistisch-liberalen Tradition“ und da gehört das Individuum zum pfadabhängigen Erbe und wie anschlussfähig diese Position nach rechts ist, war zu seiner Zeit weniger klar als heute.

Gleichzeitig öffnet sich diese undefiniert gelassene Stelle des Denkens, das nicht Sprache ist, der pfadabhängigen Imagination: Mit dem „Bewusstsein“ und seiner „Intelligenz“ hatte man eine mit der Welt (von der Genetik abgesehen) unkorrelierte „Qualia“, der man jetzt versuchte, mit Brain-Scans, Zwillingsstudien, „Intelligenz-Tests“ und „evolutionärer Psychologie“ auf die Spur zu kommen.

Auch wenn man sich nach wie vor nicht sicher ist, was Intelligenz oder Bewusstsein überhaupt sind, ist man sich sicher, dass es etwas mit Skalierung zu tun hat, eine These, die sich oberflächlich gesehen mit „KI“ zu bewahrheiten scheint. Hinter all dem steht eine Vorstellung von „Intelligenz“ als lineare Qualitäts-Hierarchie der Bewusstseine – von der Amöbe über Albert Einstein bis zum Cognitive Scientist der Third Culture und mit „AGI“ vielleicht demnächst sogar darüber hinaus.

Dabei gilt so grob: Je Intelligenz desto Agency und je Agency desto Individuum.

Damit wird folgendes Narrativ möglich: der Ort in der Gesellschaft, den du (und die Gruppe, zu der du gehörst) einnimmst, reflektiert deine Agency (statt, wie es wirklich ist: andersrum) und deine Agency (und die deiner Gruppe) reflektiert deine Intelligenz.

Wer hat wohl Interesse an so einem Weltbild?

Hm, reiche Menschen?

Rassisten?

Sexisten?

Aber vor allem: reiche, sexistische Rassisten?

Der Kognitivismus ist nicht nur das vorherrschende wissenschaftliche Paradigma, sondern auch Grundlage der neoliberalen Eliten-Vorstellung von der Gesellschaft als „Meritokratie“ und über Bande daher auch, wo der „Scientific Racism“ seinen Most holt. Außerdem ist er der semantische Ort, von dem die KI-Bros ihre naive Vorstellung von Intelligenz beziehen und nicht zuletzt bietet er auch die Erlaubnisstruktur für das neuerliche Milliardärs-Klassenbewusstsein.

Jeffrey Epstein war ein echtes Individuum, ein Superindividuum das andere „Individuen“ wie Dividuen aussehen lässt, wie Joscha bewundernd bemerkte:

“I find your ‘political incorrectness’ very fascinating,” Bach wrote. “In the beginning, I thought it is a form of costly signaling, but now I think you are simply entirely unconstrained in your thoughts.”
He added, “I wonder what kind of person you want to transform into.”


Dieser Video-Explainer über KI dreht sich eigentlich um die Frage, in wie weit Schmerz die wesentliche Zutat ist, die Lernen ermöglicht, kommt dabei aber immer wieder auf die sogenannte „Value Function“ moderner Machine Learning-Systeme zurück.

Schon Claude Shannon führte als erster eine Art Value Function ein, um über die Ketten von Pfadentscheidungen nachzudenken, die ein Schachspiel ausmachen. Die Idee ist, jedem Status des Spiels einen Wert zuzuweisen, der sich aus den strategischen Positionen der relevanten Figuren errechnet. Mit der Value Function ergibt sich so die Möglichkeit einen Pfad zu evaluieren, ohne ihn wirklich zu gehen. Mit einer entsprechend ausgefuchsten Value Function, so dachte schon Shannon, gewänne man jedes Spiel.

Mit Neuronalen Netzen dachte man auf der richtigen Spur zu sein, aber erst mit der Neukonzeption der Value Function durch Christopher Whatskins gelingt der Durchbruch.

In seinem Paper „Learning from Delayed Rewards“ definiert er den Wert um, von dem Wert eines Status des Spiels, hin zu dem Wert einer Handlung im Status des Spiels, den er Q-Function nennt. Das, zusammen mit vielen „Hidden Layern“, ergibt das „Deep-Q-Network“, das sich bei Deep Mind Atari spielen beigebracht hat.

Q-Function errechnet also den subjektiven „Wert“ von Pfadgelegenheiten.


Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren fasziniert von der evolutionsbiologischen Theorie des Bewusstseins, die der Biologie Nicholas Humphrey aufgestellt hat. Hier sein absolut sehenswerter Vortrag zum Thema, sein letztes Buch muss ich aber noch lesen.

Der ganze Vortrag ist erhellend, aber ich bin vor allem auf seiner evolutionsbiologischen Spekulation über die Entstehung von Perzeption und Bewusstsein hängengeblieben.

Versetzen wir uns in eine Amöbe zur Halbzeit der Evolution.

  1. Die Amöbe entwickelt unterschiedliche Reaktionen auf Reizungen durch unterschiedliche Umweltzustände: Sie unterscheidet, sagen wir „Grenze“ (hier gehts nicht weiter), „Gefahr“ (run), „Lecker“ (absorbieren).
  2. In Phase 2 bildet die Amöbe eine Art Proto-Gehirn, ein Zentrum, das die Umwelt-Reaktionen zentral koordiniert.
  3. Dann die entscheidende Phase: Von den Reaktionensmustern werden „Kopien“ angelegt und im Zentrum abgelegt und nervlich adressierbar gemacht. Humphrey meint, dass „Planung“ und komplexeres verhalten damit möglich wird.
  4. Zuletzt: Feedbackloop zwischen motorischem System, sensorischen System und den gespeicherten Repräsentationen, ermöglicht/unterstützt durch die Evolution zu Warmbutkörpern.

Soviel zu Humphrey, aber hier, was mein von der Metaphysik des Dividuums „bamboozeltes“ „Mind“ daraus macht:

Dieser evolutionäre Moment, den Humphrey beschreibt, ist gleichzeitig die Geburt der „Pfadgelegenheit“, sowie von Emotion, Semantik, von Handlung, von Widerstand und von Kunst.

Aber Eins nach dem Anderen:

  • Mit der Kopie des Reizreaktionsschemas zum repräsentativen Aufrufen in Schritt 3 haben wir das, was ich im Pfadgelegenheits-Explainer eine „projizierte Handlung“ nenne.
  • Und in Schritt vier sehen wir, wie die Pfadgelegenheits-Turing-Machine angeworfen wird: Infrastruktur (das motorische System in seiner Umwelt), Perspektive (das sensorische System) und die Reizreaktionsschema-Kopie „projizierte Handlung“ sind beisammen.
  • Erste Pfadabhängigkeit: Erst durch die „projizierten Handlung“ kann es „Handlung“ überhaupt geben. Erst wenn ich einen Pfad projizieren kann, kann ich mich für ihn entscheiden. Alles andere ist nur „Reaktion“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Entscheidung aber gibt es erst, wenn ich eine Wahl habe. Eine Wahl habe ich aber nur, wenn ich mehrere Pfadgelegenheiten zur Auswahl habe, klar, aber um auswählen zu können, muss ich erst in der Lage sein, eine Pfadgelegenheit zu antizipieren, ohne sie nehmen zu müssen. Freiheit entsteht aus dem „Nein“.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: „Antizpieren“ (Q-Function) heißt aber konkret, eine Reaktion zu projizieren, das heißt, zu imaginieren. So tun als ob. Jede Pfadgelegenheit ist eine Inszenierung.
  • Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit der Pfadabhängigkeit: Das kopierte Reiz-Reaktionsschema ist nicht nur Q-Function, sondern auch eine Proto-Emotion. Das heißt: Pfadgelegenheiten sind immer und grundsätzlich mit Emotionen verbunden. Der Schmerz des Hungers (Reproduktionsschmerz), aber auch der Genuss des Essens, der Schmerz der nicht (mehr) vorhandenen Pfadgelegenheiten (Netzwerkschmerz) und der Genuss des Flows, die vielen unterschiedlichen Schmerzen der Gefahr (Stress) und der Genuss der Geborgenheit sind von vornherein Teil der kopierten Reaktionsmuster, also auch unserer „projizierten Handlungen“ und immer wenn ich etwas entscheide, spielt ein komplexes Zusammenspiel dieser Emotionen eine Rolle (Bauchgefühl).
  • Mit der Pfadgelegenheit entsteht also auch „Agency“ und wir verstehen: Die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit ist die Fähigkeit einen emotionalen Pfad zu inszenieren und dann „Nein“ zu ihm zu sagen.

Um zu verstehen, wo die Semantik sich versteckt, müssen wir Gregory Batesons elegante und treffende Definition von „Information“ nehmen und sie zu einer strukturalistischen Evolutionstheorie erweitern. Die Definition lautet:

Information is a difference, that makes a difference.

Aber welche Difference maked die Difference? Spoiler: Sie verändert Erwartungen.

Das symbolische System der Amöbe unterscheidet ihre Umwelt in Grenze, Gefahr und Lecker, indem sie die projizierten Handlungen „Richtung ändern“, „Run“ und „Absorbieren“ als Heuristik verwendet, als Q-Function, um für jeden sich ihr bietenden Pfad den „Wert“ zu bestimmen, bevor sie sich dafür oder dagegen entscheidet.

Doch um zu funktionieren, müssen die projizierten Handlungen zu wiedererkennenbaren Symbolen werden, die voneinander hinreichend unterscheidbar sind und die bei jedem Kontakt mit der Welt eine Iteration aus Generalisierung und Differenzierung vollziehen. Das heißt, Grenze, Gefahr, Lecker sind bereits notwendig dem Spiel der Zeichen nach Saussure/Derrida ausgesetzt und der Evolutionsdruck richtet sich von nun an auch danach, wie gut dieses Generalisieren und Differenzieren klappt und der Amöbe dabei hilft, ihre Umwelt erfolgreich zu navigieren.

Von diesen Unterscheidungen können wieder weitere Unterscheidungen abgezweigt werden:

Lecker auf die eine oder andere Weise, gefährlich auf die eine oder andere Weise, Ausweichen nach rechts, links, geradeaus? Jede Differenz ist eine Pfadgelegenheit, um weitere Differenzen daran anzuschließen.

Deswegen ist die Pfadgelegenheit selbst bereits „proto-semantisch„: Sobald wir eine Wahl haben, tragen die Pfade, die wir ein- oder ausschlagen „Bedeutung“, insofern, dass wir jeden Pfad mit einer bestimmten Erwartung verbinden.

Noch bevor wir ein Wort sprechen können, sind wir in ein Netzwerk der Erwartungen eingebunden, das uns an uns selbst, aber auch mit der Welt und mit den Menschen um uns herum verbindet.

Strukturalismus evolutionär gesehen, bedeutet also: Erwartungen differenzieren sich aus, indem sie einander als differenzielle Infrastruktur verwenden: Aus Strukturen werden Metastrukturen, werden Metastrukturen, werden Metastrukturen etc. Nach Bateson: A Second Order Information is a difference making difference, that makes a Difference compared to the other the difference making differences, etc.

Erwartungen sind intern vernetzt. Nicht nur orientieren sich unsere Erwartungen an den Erwartungen der Menschen um uns herum, sondern eine Erwartung baut immer auch auf ein Netz pfadabhängiger Erwartungen auf, ob unbewusst oder unbewusst. Ich erwarte, dass die Zeichen, die ich hier schreibe, gespeichert werden, weil ich erwarte, dass WordPress sie abspeichert, was die Erwartung voraussetzt, dass der Server erreichbar ist, was erwartet, dass der Strom funktioniert, usw. Ändert sich ganz unten was in der Kette – etwa mit dem Strom – dann ist das eine mächtige „Information“, denn sie verändert alle davon pfadabhängigen Erwartungen.

Auch mein Hund Cobi unterscheidet Dinge, Menschen, Tiere und nutzt diese Unterscheidungen als Pfadgelegenheit zu unterschiedlichem Verhalten. Ein Baum ist auch für ihn nicht nur dieser eine Baum, sondern er hat eine zur Erwartung geronnene Erfahrung von „Baum“, die er aus all seinen Begegnungen mit „Baum“ generalisiert und differenziert hat. „Baum“ ist bei ihm vor allem mit der Pfadgelegenheit zur Kommunikation assoziiert. Weil er und andere Hunde bevorzugt gegen Bäume pinkeln ist sein ausgiebiges Schnüffeln seine Art der Morgenlektüre der Lokalnachrichten. Seine feine Nase ermöglicht ihm alle möglichen Aspekte des Geruchs zu unterscheiden und feine Differenzen darin wiederum als Pfadgelegenheiten zu nutzen, um sich zu Verhalten, zB. selbst eine Antwort zu hinterlassen.

Natürlich hat Cobi eine ganz andere (Proto-)Semantik von „Baum“ als ich. Die Unterscheidung zwischen Mast und Baum empfände er wahrscheinlich als eine lächerliche Spitzfindigkeit und ich glaube über solche Sachen würden wir uns den ganzen Tag streiten, wenn er meine Sprache spräche. Dann würde ich mich aufspielen, dass meine Unterscheidung viel besser, viel differenzierter sei, als seine Unterscheidung und ich würde mir toll vorkommen, dass wir Menschen mit dem Wort „Baum“ eine viel bessere semantische Infrastruktur zur Verfügung hätten, als seine zusammengewürfelte Privatempirie der Erscheinungen.

Dann würde mich aber Cobi darauf hinweisen, dass „Baum“ biologisch und damit in gewisser weise auch „ontologisch“ eine falsche Bezeichnung ist. Es gibt nicht die Spezies „Baum“, sondern nur einen heterogenen Mix aus unterschiedlichen und größtenteils kaum verwandten Pflanzenarten, die jeweils parallel auf den evolutionären Pfad der „Verholzung“ eingeschwungen sind.

Das habe er sich doch gerade erst angelesen, würde ich ihm entgegenrufen, um den Punkt zu machen, dass nur menschliche Semantik die notwendigen Infrastrukturen bietet, um solche Dinge wie „Spezies“ überhaupt zu unterscheiden!

Ach ja, sagt Cobi? Also er habe diese Unterscheidung schon immer gerochen. „Fichte, Buche, Eiche, Tanne für mich war das schon immer ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Auf Fichte komme zum Beispiel sein Geruch am besten zur Geltung. „Aber ihr Menschen seht nur Holz. Hauptsache brennt gut, was?“ Er ist so ein Klugscheißer!

Here is the Thing: Das, worauf Saussure und die (Post-)Strukturalist*innen gestoßen sind, ist mehr als nur „Sprache“ in dem sehr engen Sinn, wie die Kognitivist*innen sie wegerklären. Sprache, im universell Saussure’schen Sinn, fängt dort an, wo wir Unterscheidungen machen und sie für unterschiedliche Pfadgelegenheiten nutzen. Deswegen irritieren mich die Befunde und Brainscans der Kognitivisten gar nicht: Es gibt keine kognitiven Fähigkeiten, für die die Fähigkeit zu Unterscheiden und diese Unterscheidung als Infrastruktur für weitere Unterscheidungen zu verwenden, nicht eine pfadabhängige Infrastruktur wäre.

Aber wie entsteht das, was wir normaler weise „Semantik“ nennen: also intersubjektive Bedeutung?

Cobi kann natürlich nicht sprechen, aber dennoch hat er einen eingeschränkten Zugang zu menschlichen Semantiken. Ich konnte ihm einige Unterscheidungen, die mir wichtig waren (z.B. darf er anknabbern/darf er nicht anknabbern) vermitteln und auf einige Worte, die ich ihm zurufe, reagiert er mit dem gewünschten Verhalten (manchmal). Gleichzeitig verstehe auch ich ihn mit der Zeit immer besser: Sein Verhalten, seine Blicke, sein Bellen, seine Kommunikation durch körperliche Haltung und Nähe, etc. In einem kontinuierlichen Prozess aus Differenzierung und Generalisierung legen wir uns durch unsere Interaktion ein gemeinsames Set an semantischen Pfadgelegenheiten an.

Wenn Erwartungen auf Erwartungen treffen geschieht das eigentliche Wunder: Dividuen lernen, mit den Erwartungen der anderen umzugehen, das heißt, sie zu erwarten.

Bei Niklas Luhmann findet sich das wunderbare Konzept der „Erwartungserwartung„, also Erwartungen, von denen ich erwarte, dass andere sie haben. Man könnte das grob mit der „Theory of Mind“ bei den Kognitivisten übersetzten, aber dann kauft man ihre Vorstellung einer „Theorie“, die sich ein abgeschlossenes „Mind“ von einem anderen abgeschlossenen „Mind“ macht, wo es doch einfach nur darum geht, die Erwartungen unseres Gegenübers zu antizipieren.

Wenn Pfadgelegenheiten Proto-Semantiken sind, weil sie projizierte Handlungen sind, die erwarteten Pfaden in vorhandenen Infrastrukturen folgen, dann sind semantische Pfadgelegenheiten, projizierte Pfade in den erwarteten Erwartungen meines Gegenübers – also seiner und meinen gemeinsamen wechselseitig erwarteten semantischen Infrastrukturen. Wenn ich unterscheide, was Menschen erwarten, kann ich ihre Erwartung als Pfadgelegenheit nutzen, mich zu ihnen in für sie erwartbarer oder auch unerwartbarer Weise zu verhalten und mich damit unter umständen auszudrücken.

Semantiken sind Pfadgelegenheiten zur Modifikation von Erwartungen, die die erwarteten oder formulierten Unterscheidungen anderer als Infrastruktur nutzen.

Nun ist es aber so, dass ich die Worte, die ich Cobi zurufe nicht erfunden habe. „Sitz“, „Platz“, „Hier“ – das sind geläufige Formen seinen Hund konditionieren und weil ich kein Individuum bin, das sich die Mühe macht, eine Privatsprache für sowas zu erfinden, sondern nur ein Dividuum, das die Sprache der anderen nutzt, wie es sie vorfindet, ist Cobis Verständnis von der Welt stellenweise semantisch verwoben mit dem Netzwerk der menschlichen Erwartungserwartungen. Das macht manchmal auch Probleme, zum Beispiel wenn ich nach Cobi rufe und Menschen drumrum sich umdrehen, weil sie zufällig „Tobi“ heißen.

Im Gegensatz zu Hunden betreiben wir mit den „gesellschaftlichen Semantiken“ ein morphologisches Feld lokal stabilisierter, aber sich dennoch ständig wandelnder Erwartungserwartungen, von dem ich geprägt bin, noch bevor ich meine „eigenen“ Unterscheidungen überhaupt hätte treffen können. Das heißt, die Unterscheidungen, mit denen ich die Welt betrachte, sind durch die Sprache, in der ich denken und sprechen gelernt habe, überformt und vordefiniert. Jede Unterscheidung ist ihr eigenes Paradigma und ich erbe diese Paradigmen, ohne mich wirklich kritisch mit diesem Erbe zu befassen (ist auch nicht so leicht, tbh.)

Aber das heißt, wir sind erstmal geprägt von den Unterscheidungen, die andere vor uns und für uns getroffen haben. Unser Verständnis der Welt ist durch die vorhandenen semantischen Pfadgelegenheiten vorstrukturiert und da kommen wir nur raus, wenn wir alternative semantische Pfade suchen und schaffen.


Dass das Resultat der KI-Anstrengungen der Kognitivisten ausgerechnet in der LLM mündete, die den endgültigen empirischen Beweis für die Richtigkeit des poststrukturalistischen Ansatzes erbracht hat, ist eine Ironie der Geschichte, auf die als erster Ted Underwood hinwies und die auch ich im KI-Paper für die Hans-Böcklerstiftung und dann im Aufsatz „Im Dickicht der Bedeutung“ genauer erklärt habe und die jetzt Leif Weatherby in seinem absolut lesenswerten Buch „Language Machines“ genaustens seziert.

Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.

Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.

Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.

Das bedeutet aber auch, dass es „AGI“ so, wie es sich die Kognitivisten vorstellen, nicht geben kann. Wenn Intelligenz nicht die Eigenschaft eines Systems, sondern eine Beziehung zwischen System und Umwelt ist, dann gibt es „bessere Intelligenz“ in unserem (post-)strukturalistischen Framework nicht durch „Skalierung von Kognition“, sondern nur durch neue und bessere Unterscheidungen.

Das Platzen der KI-Blase, so meine Hoffnung, wird damit hoffentlich auch das Ende des Kognitivismus einleiten und vielleicht sogar das Königreich des Individuums endgültig kollabieren lassen. Und so notwendig das ist: das wird nicht schön.

Krasse Links No 73

Willkommen zu Krasse Links No 73. Absorbiert eure Supply-Schocks, heute drohen wir Mamdani mit Übergangswahrscheinlichkeiten, um in der Informations-Kanalisation eine antifaschistische Ökonomie zu errichten.


Ryan Broderick mit der Vogelperspektive auf die Mamdani-Wahl.

As chaotic as all of this is — and will continue to be until the midterms — there is one very clear conclusion here. American politics has changed. The Republicans felt it first. And the same way the Tea Party ate the GOP out from the inside, laying the groundwork for Trump and his MAGA rebrand, so too has what we once called The Dirtbag Left begun devouring the Democrats. The effects of the internet, a deeply alienating globalized economy, and the rise of a technofeudal billionaire class have finally cracked American Democrats wide open. We’re in a class war and it plays out on video feeds and those same billionaires own the algorithms that decide what side of it you end up on. And Mamdani and his team — and the burgeoning DSA political machine — arrived at the exact moment Americans were ready to talk about class and found the best way to hijack our new world of short-form (and long-form) video to make sure you actually heard them. Successfully turning his mayoral campaign into not just a referendum on President Donald Trump and the horrors of his second first year in office, but also the Democratic establishment. And with Mamdani’s big win this week, it’s safe to assume the Democratic civil war will be arriving on a ballot near you soon.

Wenn jemand wie Mamdani auftaucht, sortiert sich um ihn das politische Feld neu und machmal auch „besser“, in dem Sinne, dass die Bruchkanten des eigentlichen Konfliktes deutlicher zur Geltung kommen. In allen heute dafür relevanten Dimensionen ist Mamdani eine wichtige Orientierungsschneise für kommende Konflikte.


Netzwerkdenken bedeutet, Strukturen zu sehen, statt nur Objekte oder Leute. Es bedeutet, sich immer wieder die eigene Verortetheit im Netzwerk vor Augen zu führen. Netzwerkdenken bedeutet in Pfaden zu denken, denn der Pfad ist der einzige Weg durch das Netzwerk, den wir kennen. Netzwerkdenken bedeutet aber auch, in Dimensionen, statt in Kategorien zu denken und in Übergangswahrscheinlichkeiten, statt in Kausalitäten.

Das Gute ist, dass wir alle ein bisschen Netzwerkdenken gelernt haben. Ganz besonders in der Zeit Pandemie wurden wir angehalten, uns als Teil von exponentiellen Graphen zu imaginieren, die wiederum auf einem Netzwerkmodell von Ansteckungsereignissen basiert.


(Aktuelle Inzuidenz)

Das, was wir als den „R-Wert“ (oder auch R0) kennengelernt haben, ist die Übergangswahrscheinlichkeit für unfinfizierte Menschen, in der Gruppe der Infizierten zu landen.

An R können wir uns klar machen, was eine Übergangswahrscheinlichkeit ist. R bedeutet nicht, dass du dich auf jedenfalls ansteckst und es bedeutet nicht, dass du auf keinen Fall ansteckst. Übergangswahrscheinlichkeiten funktionieren anders als Kausalitäten.

R0 ist zudem ein Durchschnittswert und sehr unpräzise, wenn man ihn auf sich selbst anwendet. Übergangswahrscheinlichkeiten sind in Wirklichkeit zusammengesetzt aus den Übergangswahrscheinlichkeiten der heterogenen Strukturen, in denen Übergänge tatsächlich stattfinden.

Auf das Dividuum heruntergebrochen gibt es große Unterschiede des persönlichen R-Wertes: Gehst du wenig aus dem Haus, senkt das dein R, trägst du Maske, senkt das dein R, lässt du dich Impfen senkt das dein R, usw.

Man kann das sogar bis herunter auf Ereignisse auflösen: Eine Veranstaltung mit vielen Leuten besuchen erhöht dein R, Zugfahren erhöht dein R, mit Menschen draußen statt drinnen treffen, reduziert dein R.

Ein Beispiel: Ich war die bis letzte Woche zwei Wochen lang unterwegs, von Berlin, nach München, nach Hannover, nach Köln, nach Stuttgard und über Hannover wieder zurück. Ich war auf Theaterveranstaltungen, auf einer Hochzeit, habe ein Seminar gegeben und habe dabei ca. 6 längere Bahnfahrten zurückgelegt und ich habe nie Maske getragen und dennoch bin ich ohne eine Infektion durchgekommen.

Ein anderes Beispiel: Am Wochenende habe ich einen Freund auf dem Land besucht und zusammen haben wir ein bisschen draußen gearbeitet. Es waren auch zwei andere da, aber vor allem habe ich mit meinem Freund Zeit verbracht und vor allem draußen. Aber meinem Freund ging zum Abend hin immer schlechter und als ich schon wieder zu hause war, schickte er mir das Foto mit dem positiven Test. Und jetzt sitze ich hier mit meiner Covid Infektion.

Das scheint erstmal der Aussage von R zu widersprechen, oder?

Tja, das ist das Problem, wenn man in Kausalitäten denkt. Übergangswahrscheinlichkeiten produzieren contra-intuitive Ereignisse schon zum Frühstück!

Übergangswahrscheinlichkeiten repräsentieren in Wirklichkeit Pfade im Netzwerk, Ansteckungspfade im Falle von R. R0 ist ein aggregiertes Maß über alle Ansteckungspfade, also der Baumstruktur des Infektionsgraphen. Epidemiologie abstrahiert reale Pfade zu Wahrscheinlichkeiten und Wahrscheinlichkeiten zu Raten. Der R-Wert ist die komprimierte Form eines Netzwerks, das man nicht sehen, aber berechnen kann.

Oder andersrum: Wir, bzw. unsere direktphysischen Interaktionen miteinander, bilden das Netzwerk der Pfadgelegenheiten, in dem sich das virus bewegt. Was wir eigentlich machen, wenn wir versuchen, unseren R-Wert zu senken, ist unser relatives Zentralitätsmaß im Netzwerk der viralen Pfadgelegenheiten zu reduzieren. Idealerweise kapseln wir uns vom Netzwerk ab, was ich gerade machen muss, so ein Scheiß.

Die Epidemiologen können natürlich nicht jeden einzelnen Pfad verfolgen, aber für ihre Modelle braucht es das nicht.

Ein Markow-Modell ist ein iterativer Prozess, der zwischen endlich vielen Zuständen – etwa gesund, infiziert, genesen – entlang von Übergangswahrscheinlichkeiten wechselt. Im Zentrum steht also die Übergangswahrscheinlichkeits-Matrix und jede Zeile steht für den aktuellen Zustand, jede Spalte für den möglichen nächsten. Multipliziert man den momentanen Zustandsvektor mit dieser Matrix, erhält man die Wahrscheinlichkeitsverteilung des nächsten Zeitschritts. In jeder Iteration „vergisst“ der Prozess die vorherigen Schritte und handelt entlang der veränderten Zustände und ihrer Übergangswahrscheinlichkeiten im ewigen Jetzt. Und trotzdem ergibt sich eine realistische Dynamik.

Weil wir keine Individuen sind, die einfach tun und lassen, was sie wollen, sondern Pfadopportunisten in einem Labyrinth aus Pfadgelegenheiten, agieren wir in vielerlei Hinsicht selbst wie Viren oder Markowmodelle: Wir erinnern uns nicht an unsere Pfade (siehe Infrastrukturvergessenheit), aber reproduzieren ihre Wahrscheinlichkeiten.

Jedenfalls hier ein ganz einfachens SIR-Modell zum Rumspielen.


Issie Lapowsky mit einem Text in Politico, der das Potential hat, die Demokratische Partei zu revolutionieren.

Future Forward ist der Super-PAC, der bei der US-Wahl einen großen Teil der demokratischen Gelder für Werbung auf Plattformen ausgeben hat und weil der auch bei den Tech-Bros beliebt war (ja, einige haben auch für Demokraten gespendet), war es bei dieser Wahl auch der mächtigste Super-Pac und gab die Richtung vor.

Once the go-to Democratic super PAC behind Barack Obama’s 2012 and Hillary Clinton’s 2016 presidential campaigns, Priorities was effectively sidelined in 2024. Future Forward received the Biden campaign’s blessing, and Silicon Valley megadonors, drawn in by the group’s data-driven approach, funneled their fortunes into Future Forward’s giant pot. In the end, Future Forward’s PAC spent more than $500 million on ads — nearly 70 percent of all presidential super PAC spending from Democrats according to one count. Priorities, by contrast, spent about $2 million.

Von Future Forward kam nicht nur Werbegeldsteuerung hin zu den Plattformen, sondern auch auf die inhaltlich-strategische Ausrichtung hatten sie großen Einfluss, denn da ist eben alles „datengetrieben“.

Throughout 2024, Future Forward worked closely with the Democratic data firm Blue Rose Research, which tested thousands of ads from both parties, including ads Future Forward commissioned and ads made by other groups. Those tests found that the ads with clear economic messages about lowering the cost of living consistently proved the most persuasive to the most people. Future Forward cut its own ads from an array of ad makers in eight languages and produced different versions to appeal to different demographics. It spent heavily online, outspending Republicans in battleground states two-to-one on digital platforms. But for the most part, Future Forward’s ads stayed relentlessly on message, with 71 percent of them focused on the economy, according to a Future Forward adviser who was granted anonymity to speak with POLITICO Magazine because they didn’t have permission to go on the record.

Aber der Versuch, einer angeblich breiten Mitte in den Umfragen hinterzurennen, um sie mit halbseidenden Versprechungen zu Preisstabilität via getargeteten Ads zu catchen, vergisst Menschen zu überzeugen, Themen zu setzen und das Narrativ zu kontrollieren.

Die Trump-Campaign hat das ganz anders gemacht.

One example of this she frequently points to is the infamous “They/Them” attack ad, which Priorities tracked. It featured Harris talking in 2019 about paying for gender-affirming surgery for trans prisoners. The ad began life as a bit of opposition research, posted to the Trump War Room account on X. The post gained steam online until, in September of 2024, the Trump campaign ran it as an ad. The more pickup the ad got — in the news and on podcasts like The Breakfast Club — the more money Trump’s camp put behind it.

“That ad didn’t come from a poll telling them to talk about that clip,” Butterfield said. “They used the internet to signal to them that it was effective rather than a poll or a focus group.”

Democrats never really responded to the claims in the ads, though. Future Forward could see that the ad was effective. But according to the Future Forward adviser, the group decided that it was up to the Harris campaign itself, not an outside super PAC, to decide what kind of stand to take on the issue. According to The New York Times, the Harris campaign did craft a rebuttal ad, but it fell flat in ad tests and was shelved. And so, in another moment that Butterfield likens to the post-debate period, Democrats left one of Trump’s stickiest digs effectively unanswered.

After Trump won, one post-election poll found that, of all of the issues, from immigration to Israel, voters thought Harris had focused excessively on transgender topics. In reality, she hadn’t said much about those issues at all. It was Trump’s team doing the talking.

Es ist aber nicht nur eine falsche Strategie. Es ist eine veraltete Strategie in einer völlig veränderten Medienlandschaft.

Between 2020 and 2024, people who consumed at least three hours of YouTube a day had moved 10 points toward Trump — a bigger swing than Black voters, Black men, young voters and a slew of other categories that were dominating headlines.

“The driver of behavior in ‘24 was so much more about your media consumption,” Butterfield said.

Ich hatte das in Krasse Links No 35 so zusammengefasst:

Was die Pandemie gemacht hat, ist die Welt neu zu verdrahten. Die materielle Mediengeschichte der Pandemie kann man an vielen Daten ablesen, etwa wie das Öffentliche Leben zum Stillstand kam und sich nie wieder ganz erholte, weil Dritte Orte – Orte jenseits von Arbeit und Zuhause – ebenfalls mehr und mehr verschwunden sind.

Die Menschen sind seither einsamer, aber haben ihre Sozialität auch verstärkt ins Internet verlagert, wo sie „Influencer*innen“ folgen, eine Menge Podcasts abonniert haben, und ihre Informationen vermehrt aus Social Media beziehen. Als sie dann noch Aktien-Trading-Apps luden und Crypto kauften, richteten sich auch ihre Aufmerksamkeitskanäle auf die boomende Investment- / Cryptoinfluencer*innen-Szene aus und sie wurden empfänglich für deren Botschaften des baldigem Kollaps, usw.

Das ist nicht nur ein Shift von „Aufmerksamkeit“ und „Medienkonsum“, als wäre das sowas wie Süßigkeiten Essen. Es ist eine völlig andere Informations-Kanalisation entstanden, die sich seit der Pandemie nicht nur verfestigt hat, sondern auch pfadopportunistisch gewachsen ist.

Aber Experimente mit aggressiveren Clips von Demokratenseite zeigen, dass die Demokraten in dieser anderen Informations-Kanalisation nicht chancenlos sind.

But throughout the summer and early fall, Priorities’ data consistently found that the Epstein Files were the one political topic that continued to break through online. That led Priorities to create an ad about the shadowy powers of the billionaire class, drawing a straight line between Trump, Epstein and the Pennsylvania megadonor Jeffrey Yass who’s backing the opposition. The ad doesn’t make any claims about Yass, but it pushes the idea that money in politics corrupts. “With money and power, who knows what you can get away with,” the voiceover intones.

Like the “They/Them” ad before it, it’s a bit of a conceptual stretch, and it didn’t perform particularly well on ad tests. But amid a crowded field of ads featuring stale B-roll of judges in robes, Abbott said it’s worth leaning into a message “that’s catching people’s attention.” In the first few days the ad ran, Priorities said, it performed better on YouTube surveys than other more traditional ads about the race, and users were twice as likely to actually click through.

Wir, unsere Gespräche am Esstisch, unsere Social Media accounts, die Plattformen, die wir nutzen, Podcasts die wir nacherzählen, Newsletter, die wir weiterleiten, Bücher, die wir weiterempfehlen, die klassischen Medien, dir wir trotzdem gucken, etc. All das bildet das Netzwerk der Pfadgelegenheiten, durch das die Narrative perkulieren. Wege zu dir, Wege von dir weg, gute Wege, breite Wege, weite Wege, schnelle Wege. Wege nach oben, Wege nach unten, Wege in die eine Community oder die andere.

Wer in Zukunft medial erfolgreich sein will, muss sich obsessiv in diese Informations-Kanalisation reindenken, muss ein Orientierungswissen darin erlangen und lernen, plausible Pfade darin zu erkennen, um die richtigen Narrative in die richtigen Netzwerkzentralitäten zu speisen.

Aber vermutlich wird das nicht reichen, vor allem, wenn sich die Purge-Koalition materialisiert.

An Stelle der Demokraten würde ich das gesamte Werbegeld in den Aufbau eigener Medieninfrastrukturen investieren, um von den kommerziellen Plattformen unabhängige Kanäle aufzustellen.


Auch Isabella Weber schreibt begeistert über die Wahl von Zohran Mamdani als Bürgermeister von New York City.

Die Menschen sind so unzufrieden mit dem Status quo, dass sie alles außer Kontinuität wählen würden. Aber die Demokraten und die meisten demokratischen Parteien weltweit scheuen sich davor, echte Alternativen anzubieten. Das hat die Wähler in die Arme der extremen Rechten, ja sogar faschistischer Kräfte getrieben. Mamdani hat es sich zum Ziel gesetzt, deren Monopol auf Visionen für eine andere Zukunft zu brechen.
Mamdani konzentriert seine Kampagne darauf, das Leben wieder bezahlbar zu machen – und bietet damit Hoffnung. Er zeigt, dass demokratische Vertreter für die grundlegendsten materiellen Interessen ihrer Wähler eintreten können. Damit stellt er das Versprechen der Demokratie wieder her. Angesichts des weltweiten Vormarsches faschistischer Bewegungen bietet seine Kampagne etwas, das dringend benötigt wird: den Beginn eines antifaschistischen Wirtschaftsprogramms, mit dem Menschen zurückgewonnen werden können, die den Glauben an die Demokratie selbst verloren haben.

Mamdanis Antwort ist bestechend einfach: Sicherstellen, dass sich alle New Yorker das Nötigste leisten können. Ein Mietpreisstopp für stabilisierte Wohnungen in Verbindung mit dem Bau von 200.000 neuen erschwinglichen Wohnungen. Kostenlose Busfahrten. Universelle Kinderbetreuung im Alter von sechs Wochen bis fünf Jahre. Pilotprogramme für städtische Lebensmittelgeschäfte in Lebensmittelwüsten. Höhere Steuern für Millionäre und Unternehmen, um all das zu finanzieren.

Was Weber hier sagt, ist nicht nur ihre Meinung, das ist auch Ergebnis ihrer Forschung.

Neue Untersuchungen, die ich zusammen mit Kollegen durchgeführt habe, zeigen, welche Preise für die Ungleichheit am wichtigsten sind. Wir haben festgestellt, dass eine kleine Gruppe von wesentlichen Sektoren – Energie, Lebensmittel und Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Chemie, Wohnen und Großhandel – eine überproportionale Fähigkeit hat, bei Preisanstiegen Umverteilungen auszulösen.

Je ärmer man ist, desto mehr gibt man für Grundbedürfnisse aus. Wenn die Preise für lebenswichtige Güter steigen, sind die Auswirkungen der Inflation auf das unterste Einkommensdezil viel größer als auf das oberste Dezil. Ein Ölpreisschock trifft die ärmsten Amerikaner mit einem um 54 Prozent höheren Inflationsanstieg als die reichsten zehn Prozent. Bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Lebensmitteln ist die Kluft mit 126 Prozent noch größer.

Diese Primärsektoren sind aber eben auch genau die Orte, wo man eine gerechte Preisstabilisierungspolitik ansetzen muss. Das hat Mamdani verstanden.

Die Gewährleistung erschwinglicher Preise für lebensnotwendige Güter, wie Mamdani verspricht, bekämpft Ungleichheit, ohne eine Gruppe gegen eine andere auszuspielen. Es gibt keinen Konflikt zwischen Arbeitslosen und Niedriglohnarbeitern, Menschen in Arbeiterberufen und unterbezahlten Fachkräften, verschiedenen ethnischen oder religiösen Gemeinschaften. Öffentliche Dienstleistungen wie kostenlose Busse und Kinderbetreuung sind für alle zugänglich. Das Konzept basiert auf Universalität statt Ausgrenzung – eine Wirtschaftsagenda, die Menschen vereint, anstatt sie in konkurrierende Gruppen zu spalten.

Öffentliche Optionen für lebensnotwendige Güter sind eine Form der Preisstabilisierung, von der alle profitieren, nicht nur die direkten Nutzer. Unsere Untersuchungen zeigen erhebliche Überschneidungen zwischen den Sektoren, die für Inflation und Ungleichheit am wichtigsten sind. Maßnahmen zur Verhinderung von Preisschocks in wichtigen Sektoren erfüllen eine doppelte Aufgabe: Sie begrenzen Inflationsrisiken und verhindern gleichzeitig einen plötzlichen Anstieg der Ungleichheit. Dies steht in direktem Gegensatz zur konventionellen Geldpolitik – der Anhebung der Zinssätze –, die die Ungleichheit durch höhere Schuldenkosten für die Armen und ein gedämpftes Lohnwachstum aktiv verschärft.

Genau deswegen halte ich es für so wichtig, sich Wirtschaft als Abhängigkeitsnetzwerk vorzustellen. Produkte, Services oder Ressourcen haben keinen Wert ansich, durch sie fließt Wert/Nutzen. „Nutzen“ empfinden wir in dem kurzen Moment, bei dem aus einer Sache, in Kombination unseres infrastrukturellen Kontextes und aus unserer jeweiligen Perspektive eine „Pfadgelegenheit“ entsteht.

Ich „will“ nicht diesen Schraubenzieher, ich will, dass die Spühlmaschine wieder läuft, damit ich meinen Abwasch machen kann, damit ich morgen aus dem Haus kann, ohne mir Gedanken zu machen, um dann auf die Arbeit zu fahren, um Geld zu verdienen, um mir einen Schraubenzieher kaufen zu können.

„Wert“ ist ganz grob gesprochen die Summe des erwarteten Nutzens einer Sache für jemandem in seinem spezifischen materiellen Kontext und seinem spezfischen semantischen Kontext – mit seinem spezifischen Wissen, seiner spezifischen kulturellen Prägung, seinen spezifischen Plänen, etc. Auf das Dividuum runtergebrochen ist es also eine Aggregation über alle von der Sache erwarteten Pfadgelegenheiten hinweg, geteilt durch die Pfadalternativen + 1. Das rechnet man natürlich nicht im Kopf aus, sondern imaginiert es, bis man es durch den Schmerz ihres Fehlens erfährt.


(Wir kennen die Formel bereits als unvollendete Plattformmachtformel und ich denke, sie passt ganz prima auf den „Wert“ von Dingen. Wert ist die Macht, die eine Sache über uns hat.)

Die Sache und damit ein Großteil des „Wert/Nutzen“ entsteht in einem anderen Netzwerk, den Pfad der Produktion, und dort über die gesamten dafür notwendigen Infrastrukturen hinweg, die den Schraubenzieher möglich und in der konkreten Situation nützlich machen und das inkludiert die lockere Schraube in der Spülmaschine, den Baumarkt, wo ich den Schraubenzieher gekauft habe, aber auch den Hersteller, den Zulieferer und deren Arbeiter*innen und deren Familienmitglieder, die den Haushalt schmeißen, ihre Wohnungen und ihren Warenkorb zum sattwerden, das Land, auf dem die Fabrik steht und das Land aus dem die nötigen Bodenschätze kommen und natürlich das Ökosystem, in dem all das eingebettet ist.

Aber dieses Netzwerk ist hierarchisch. Netzwerkknoten die weit unten liegen und sich schwer ersetzen lassen, haben einen überproportionalen Effekt auf alle nachgelagerten Pfadgelegenheiten. Wenn Energie teurer wird, ist die Übergangswahrscheinlichkeit auf andere Sektoren groß, denn Wohnen, die Produktion von Lebensmitteln und den ganze Rest der Pfadgelegenheiten ist stark von Energieflüssen abhängig. Dasselbe gilt etwas abgeschwächt für Lebensmittel und Wohnen. Werden die Grundbedürfnisse der Menschen teurer wird ihre Arbeit teurer, oder – wie es eigentlich läuft: Arbeiter*innen werden ärmer.

Ich habe dazu mit ChatGPT mal wieder ein Markowmodell gebaut, dass die wechselseitigen Anfälligkeiten der Sektoren für Schockweitergabe verdeutlicht: Es gibt vier Sektoren: Energie, Lebensmittel, Wohnen und Restwirtschaft deren Schocks man per Button auslösen kann (Erst Play drücken).

Die Schocks verbreiten sich dann entlang der abgebildeten Transitionsmatrix auf die anderen Sektoren und kühlen sich nach einiger Zeit wieder ab. Man kann das natürlich viel detaillierter und ausgefeilter konstruieren und gemessene Übergangswahrscheinlichkeiten einsetzen, wenn man die findet.


Das Paper, auf das Weber verweist ist ebenfalls interessant, Price Shocks are Redistribution Shocks.

Using the pre-pandemic sectoral price volatility and the price changes from early 2022 as the price shocks for our simulations, we show that a small set of sectors in energy, food and agriculture, healthcare, chemicals and, to a lesser extent, wholesale trade and housing, have a disproportionate capacity to increase inequality when their prices rise. […]

We have three main findings. First, we identify a small set of essential sectors—particularly in energy (e.g., Petroleum and coal products), agriculture and food (e.g., Farms, Food and beverage products), and healthcare (e.g., Hospitals, Ambulatory care services) but also in less obvious sectors like Chemical products and to a slightly lesser extent in Housing and Wholesale trade —as the most critical points of vulnerability that can exacerbate inequality. Second, we find that there is a large overlap between the sectors that are systemically significant for inflation and those that we identify as systemically significant for inequality. Third, we show that one simultaneous shock to all systemically significant sectors in 2022 has a direct effect on inequality equivalent to nearly one year of the average annual Gini increase during the neoliberal era (1980–2021).

Sie nennen das „pathways to systemic significance for inequality“ und formalisieren das so:

These specifications allow us to define what we call the pathways to systemic significance for inequality. That is, the potential of a sector to increase income inequality depends positively on:

  • (1) The extent to which it is more important for the personal consumption of the poor than for the rich (direct channel).
  • (2) The extent to which it is used more intensively as an input by goods that are relatively more important for the consumption of the poor than for the rich (indirect channel).
  • (3) The magnitude of its price change, which in turn affects the magnitude of the inflation impact for each income group.

Auch Isabella Weber hat gelernt in Pfaden zu denken. Und das gilt auch für das, was sie „Übergewinne“ nennt.

There is one more reason why such a sectoral approach has the potential to prevent an increase in inequality: price spikes in systemically significant sectors for inflation can coordinate firms to hike prices across the economy in a process known as sellers’ inflation, which increases corporate profits and hence results in a functional redistribution of income from labor to capital (Weber et al., 2025; Weber & Wasner, 2023).

In previous work we devised an input-output simulation method to identify systemically significant sectors for inflation (Weber et al., 2024a; Weber et al., 2024b). We find that for the US, eight sectors have by far the greatest potential to trigger inflation when prices spike. These sectors are Petroleum and coal products, Oil and gas extraction, Utilities, Chemical products, Farms, Food and beverage and tobacco products, Housing and Wholesale trade. These are sectors that provide essentials for human livelihoods, essential inputs for production and essential infrastructure for the circulation of goods.

Wer im Nutzenpfad einer Sache Geld verdient, entscheidet nicht, wer den Wert konkret herstellt, sondern wer die netzwerkzentraleste Position im Abhängigkeitsnetzwerk seiner Herstellung und Vermarktung hat. (Ich bin immer noch nicht sicher, welches Maß an Netzwerkzentralität hier genau entscheidend ist. Seit ich alles konsequent in Pfaden zu denken versuche, tendiere ich zu einer Mischung aus Katz- und Current-Flow-Beweenness-Zentralität? Aber da würd ich gern mal mit nem richtigen Mathematiker drüber quatschen?)

Laufen viele Abhängigkeitlinien über deine Infrastruktur und gibt es im besten Fall auch nur wenige oder schlechtere alternative Pfade, kannst du es dir erlauben, Margen auf Kosten der anderen Netzwerkteilnehmer zu extrahieren. Von den Arbeiter*innen, klar, das hat Marx analysiert und weil Arbeiter*innen die am wenigsten netzwerkzentralen Einheiten im Nutzenfluss des Produktionspfads sind, d.h. am austauschbarsten sind, pressen die Oligarchen hier den Großteil ihrer Marge. Aber eben nicht nur? Wenn es die Abhängigkeiten hergeben, kommt die Marge eben auch auf Kosten von Zulieferern, Kund*innen, der eigenen Gesundheit, der Ökologie und über was man auch immer glaubt, genügend Macht zu besitzen.

Wir kennen diese Mechanismen vom „Monopol“ und mittlerweile hat man festgestellt, dass es auch ein Käufermonopol geben kann, aber „Monopsony“ und Monopol sind nur die unterdimensionalen Beschreibungen von Extremversionen dessen, wie der Kapitalismus funktioniert. Alle Akteure ringen miteinander um Netzwerkzentralität, denn wer Netzwerkzentralität hat, kassiert von den anderen Margen. Das heißt: Je mehr Wettbewerber, desto geringer die Macht der Unternehmen, desto kleiner die Margen. Auch abseits des Monopols lohnt es sich, Macht zu begrenzen.

Mit den Metaphern des „Marktes“ wurde die Macht in der Wirtschaft über Jahrzehnte verschleiert. „Der Markt“ sind drei Oligarchen im Trenchcoat, die zwar untereinander um ein bisschen um Einfluss konkurrieren, aber gemeinsam die „Choice Architecture“ aus Pfadgelegenheiten bereitstellen, die wir „Konsumfreiheit“ nennen und in der wir uns „frei“ bewegen dürfen – sofern wir es uns leisten können.

Der Preis, da hat die Neoklassik recht, ist der Ort, an dem sich der Pfad der Konsumption und der Pfad der Produktion/Vermarktung treffen, aber anders, als sie es sich denken.

Geld ist aus Usersicht eine universelle Pfadgelegenheit, eine art Joker-Pfadgelegenheit, die man in eine Vielzahl anderer Pfadgelegenheiten verwandeln kann. Und weil die meisten von uns zu Geld kommen, indem sie arbeiten, ist der Kapitalismus eine „Schmerzarchitektur„: Man geht so seiner Pfade und misst dabei den Wert der Pfadgelegenheiten aus dem Sortiment der einen Oligarchen am Schmerz ihres Fehlens und vergleicht ihn mit dem Schmerz, den es kostet, sich das Geld dafür bei einem anderen Oligarchen zu verdienen.

Weil nützliche Pfadgelegenheiten erst erwartet und dann zur Pfadabhängigkeit, bzw. Infrastruktur werden, besteht die Macht der Unternehmen gegenüber uns Konsument*innen in dem Potential, uns Schmerzen zuzufügen (planned Obsolescence, Preiserhöhung, Werbung, Shrinkflation, Enshittification, oder Beendung der Demokratie), ohne, dass wir das Abhängigkeitsverhältnis beenden.

Wenn Macht Netzwerkzentralität im Abhängigkeitsnetzwerk ist, dann bedeutet das aus Unternehmersicht, dass die Übergangswahrscheinlichkeit hoch ist, dass der Nutzenfluss durch die eigenen Infrastrukturen fließt. Supply-Schocks sind dann Ereignisse, die die Netzwerke verengen und damit die Macht einiger der Unternehmen erhöhen und ein Teil dieses Machtzuwachses setzen sie in steigende Preise, also in Margen auf Kosten der Konsument*innen, also in Übergewinnen um.

Man kann sich das Netz der Pfadgelegenheiten als eine riesige, komplexe, multidimensionale Landschaft mit Tälern und Schluchten vorstellen, die die wahrscheinlichen Pfade vorzeichnen, durch den der Nutzen entlang der infrastrukturellen Übergangswahrscheinlichkeiten pfadopportunistisch fließt und an dessen Engstellen sich Macht konzentriert und wo die Oligarchen ihre Schmerzkraftwerke betreiben.

Wenn wir den Oligarchen die Macht nehmen wollen, müssen wir ihnen ihre Netzwerkzentralität nehmen und das geht am besten, da hat Weber recht, indem wir die Pfadgelegenheiten aller Menschen erhöhen, durch Investition in möglichst freie und öffentliche Infrastrukturen und mit intelligenten Preiskontrollen bei pfadentscheidenden Primär-Gütern. Je mehr und bessere Alternativpfade angeboten werden, desto höher ist die Übergangswahrscheinlichkeit, dass die Menschen Oligarchmacht bypassen, was ihre Margenspielräume kollabieren lässt.

Ich nenne das die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten, oder auch: Kapitalismus aus Userperspektive. Aber ich bin auch mit Isabella Webers Begriff fine: antifaschistische Wirtschaftspolitik.

Einreichung Platformpower 39c3

Mein Vortrag für den #39c3 wurde wieder mal abgelehnt, aber diesmal sticht es etwas härter, weil ich wirklich fühle, etwas wichtiges zu sagen zu haben, weswegen ich mir diesmal extra Mühe gegeben habe, einen verständlichen straight forward Talk einzureichen. Schade.

Controllable Standards. An Introduction to the Political Economy of Platform Power

China’s strategic interest in Taiwan, the Trump-TikTok negotiations, the drone warfare in Ukraine, Jimmy Kimmel’s dismissal, the race toward artificial general intelligence, Nvidia’s global datacenter expansion, the rise of the „Broligarchy“, cryptocurrency dynamics, Elon Musk’s transformation of Twitter into a geopolitical instrument, and his calculated development of the Starlink satellite constellation — these seemingly disparate phenomena share a common thread: our contemporary world is governed by platform power.

Unfortunately, we are semantically ill-equipped for this new reality. Our analytical vocabulary remains inadequate; our conceptual frameworks — whether invoking „market concentration,“ „techno-feudalism,“ or „surveillance capitalism“ — fail to capture what’s actually happening, leaving us functionally blind to the mechanisms shaping our political and economic landscape.

I spent the last fifteen years developing a framework to better understand and articulate platform power, culminating in my dissertation „The Power of Platforms: Politics in the Age of Internet Giants.“ This work conceptualizes platform power as a distinct force that emerges from and operates through our interconnections — a force that Silicon Valley has progressively learned to harness and leverage for profit and, increasingly, for political ends.

Since the book’s publication, the implications have intensified exponentially. Platform power now aggressively threatens democracy world wide in tangible, immediate ways. The imperative to comprehend platform power has evolved from academic interest to existential necessity.

But to grasp the nature of platform power — its mechanisms, its strategies, its implications, its potential for violence — we must first revolutionize how we talk about economics and how we think about our place in the world.

Krasse Links No 72

Willkommen zu Krasse Links No 72. Haltet eure Zivilgesellschaften fest, heute beschämen wir den Imperialist Boomerang mit der Moral Infrastructure des Tech-Faschismus.


Die CDU fordert im Windschatten ihrer rassistischen Stadtbild-Entgleisung mehr Überwachung und Gesichtserkennung im öffentlichen Raum.

Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Alexander Throm, geht nach der vielfach kritisierten Stadtbild-Äußerung von Kanzler Friedrich Merz noch einen Schritt weiter. Im Handelsblatt forderte er den Einsatz von Videoüberwachung mit Gesichtserkennung, um Städte sicherer zu machen. Er sagte, Videoüberwachung „mit automatisierter Datenauslesung“ sei vielerorts notwendig, um Straftaten besser zu verhindern und aufzuklären. Außerhalb von Bahnhöfen seien aber die Bundesländer dafür zuständig. Er forderte, Datenschützer müssten „ihre überkommenen Bedenken“ gegen den Einsatz KI-gestützter Technik aufgeben.


Anselm Mathieu in der taz über die regelmäßig außer Kontrolle geratene Polizeigewalt bei Gaza-Protesten.

In einem Video, das im Oktober aufgenommen wurde, kann man dabei zusehen, wie ein junger Polizist mit weit aufgerissenen Augen und weiten Pupillen einen Vater mit Kleinkind im Arm in Richtung einer Hausfassade drängt. Der Vater ist perplex und beteuert, er habe einfach nur an der Demo vorbeilaufen wollen.

Was der Mann getan haben könnte, ist nicht ersichtlich. Das Kind trägt eine schwarz-weiß gemusterte Jacke, die könnte von einem übereifrigen Polizeibeamten vielleicht auch mit einer Kufiya verwechselt werden. Und die wird schließlich getragen, um Palästina-Solidarität ausdrücken. Reicht das inzwischen womöglich aus, um von Po­li­zis­t*in­nen als Ge­fähr­de­r*in eingestuft und gewaltsam festgenommen zu werden?

Der Mann wird jedenfalls dazu gezwungen, sein schreiendes, verängstigtes Kind aus der Hand zu geben. Dann drücken einige Polizisten den Mann flach auf den Boden und wechseln sich dabei ab, gründlich auf den wehrlosen Vater einzuschlagen – im Hintergrund ist sein schreiendes Kind zu hören, das diesen Moment miterleben muss.

Ich war in meinem Leben bereits auf etlichen Demonstrationen und seit 2024 immer mal wieder auch auf Gaza-Demos und eine derartige Polizeigewalt wie dort, habe ich noch nicht erlebt. Die Polizei weiß genau, dass der weiße Mitte-Konsens in der Gesellschaft diese Menschen sowieso als „irgendwie antisemitisch“ und im Zweifel gefährlichen Fremdkörper im Land sieht und es deswegen mit den Grund- und Menschenrechten nicht so genau nimmt. Bei Gaza-Protesten, das hat die Polizei verstanden, hat sie einen Freifahrtsschein.


Der Soziologe Julian Go hielt einen spannenden Vortrag über die „Geschichte der Militarisierung der Polizei“ in westlichen Ländern und kommt dabei – nicht als erster – darauf, dass es sich dabei in Wirklichkeit um Boomerang-Effekte aus Kolonialprojekten handelt.

Auf einer seiner Folien steht:

Police imports the tools, taktics, techniques and forms of colonialism to rule, regulate, repress domestic populations.

„boomerang effect“

Der „Imperialist Boomerang“, also den Re-Import von Polizeitechniken aus der Kolonialunterdrückung passiert dabei jeweils über den Trasmissionsriemen der „Racialization“. Die neuen Polizei-Methoden werden beim Re-Import immer zuerst gegen rassifizierte Teile der Bevölkerung eingesetzt. Beginnend in England gegen die wachsende Zahl an Iren im Land, gegen Schwarze in den USA in direkter Tradition der Slave Patrols, aber das Muster setzt sich bis in die moderne Polizei fort.

The civil police adopt militaristic colonial modes of coercion on citizens and treat those citizens like colonial subjects because police see citizens and immigrants as colonial subjects. And the primary modality for this categorical transformation, the key social code by which this miraculous subsubstantiation of citizens into subjects occurs is racialization.

Just as white colonial settler populations constructed colonized peoples as inherently violent and criminal due to their racial status, thereby warranting militarized policing in the colonies. So too do white publics and officials in America’s cities today and in Britain, call for and justify militarized policing of black and brown populations, many of whom are immigrants, based upon racialized assumptions of the latter’s putitatively criminal and violent tendencies.

Die überboardende Polizeigewalt gegen Pro-Palästinensische Demos steht seiner Ansicht nach also in einer langen Tradition.

And so too, do white publics and officials justify militarized policing on black and brown students and their allies based upon ethnoracial assumptions of the latter’s supposed proclivities towards anti-semitism and violent terrorism.


Eine Studie der Uni-Marburg hat eine systemische Erhebung zu den Einstellungen innerhalb der Pro-Palästinenischen Demos veröffentlicht.

Die Teilnehmenden waren überwiegend jung, hoch gebildet und politisch links verortet. Ihr Protest war deutlich bürgerlich-zivilgesellschaftlich geprägt und konzentrierte sich auf gewaltfreie, legale und kommunikative Ausdrucksformen. Auffällig war eine differenzierte politische Haltung: Während eine klare Unterstützung für die Anerkennung eines palästinensischen Staates bestand, wurde gleichzeitig ein besonderer Schutz jüdischen Lebens in Deutschland befürwortet. Viele der Befragten berichteten zudem von Erfahrungen mit Ausgrenzung, Überwachung oder staatlicher Repression.


Henry Farrel schreibt interessant über die „Zivilgesellschaft„. Er geht verschiedene Sichtweisen auf die Zivielgesellschaft durch, etwa die von Gramcsi, der sie gewissermaßen als Battleground des Kampfes um kulturelle Hegemonie sah und von dem ausgerechnet Steve Bannon und Curtis Yarvin und andere gelernt haben. Und dann eben die liberale Tadition seit Humes, der in der Zivilgesellschaft eine Form der Befriedung der Gesellschaft durch die neuartige „Freiheit von Assoziation“ sieht. Diese Betrachtungen wurden durch den Schmerz der Glaubenskriege am Anfang der Neuzeit erworben, als Assoziation (speziell religiöse) identitär so fest verankert war, dass man sich deswegen gegenseitig umbringen musste. Farrel zitiert Ernest Gellner:

Modular man is capable of combining into effective associations and institutions, without these being total, many-stranded, underwritten by ritual and made stable through being linked to a whole inside set of relationships, all of these being tied in with each other and so immobilized. He can combine into specific-purpose, ad hoc, limited association, without binding himself by some blood ritual. He can leave an association when he comes to disagree with its policy, without being open to an accusation of treason. A market society operates not only with changing prices, but also with changing alignments and opinions: there is neither a just price nor a righteous categorization of men,, everything can and should change, without in any way violating the moral order. …

It is this which makes Civil Society: the forging of links which are effective even though they are flexible, specific, instrumental.

„modular man“ ist eine Pfadgelegenheit, die der Subjektentwurf des Individuums ermöglichte: Zur Etablierung einer modularen „Identität“, die nicht mehr fest verankert, sondern erwerb- und wechselbar ist, ist es hilfreich, sich als unabhängigen und „freien Geist“ zu entwerfen. Aber weil wir in Wirklichkeit keine Individuen sind, die sich einfach „selbst erfinden“, sondern Dividuen, die sich immer nur mit Versatzstücken anderer Leute Geschichten erzählen können, haben Identitäten, wie andere Semantiken, Netzwerkeffekte. Und so hat sich ein über die Zeit Prozess in Gang gesetzt, in dem nach und nach ein ganzer Garten aus identitären Pfadgelegenheiten entstand, alle mehr oder minder frei assoziiert, parallel betreibbar und ständig im gegenseitigen Klinsch. Die Zivilgesellschaft ist gleichzeitig ein Ergebnis und die Voraussetzung eines plausiblen „Modular Man“.

Aber die Zivilgesellschaft ist deswegen auch ein Gegenpol zur staatlichen Gewalt und damit Voraussetzung für Demokratie. Nur in der Vielfalt der Assoziationsmöglichkeiten und durch das „Sich-In-Check“-Halten dieser unterschiedlichen Identitätsangebote und ihren unterliegenden Ideologien, religiösen Strömungen, und wirtschaftlichen Dezentralitäten kann der Leviathan, der Staat und sein Gewaltmonopol, effektiv eingehegt werden und Demokratie ermöglichen. Wieder Gellner:

Civil Society is a cluster of institutions and associations strong enough to prevent tyranny, but which are, none the less, entered and left freely, rather than imposed by birth or sustained by awesome ritual. You can join (say) the Labour Party without slaughtering a sheep, in fact you would hardly be allowed to do such a thing, and you can leave it without incurring the death penalty for apostasy.

Ich finde diese Schilderung plausiblel, aber das heißt ja nicht, dass Gramscis Lesart der „Zivilgesellschaft“ falsch ist? Schließlich identifiziert Gramsci genauso wie Gellner die Zivilgesellschaft als entscheidenden systemstabilisierenden Faktor. Der gesellschaftliche Frieden, den die Liberalen feiern, ist – aus Sicht der Kommunisten – ein Frieden, der auf Ungerechtigkeit gebaut ist. Die Aufgabe der zivilgesellschaftlichen „Hegemonieapparate“ (Gramsci) ist auch die Verhinderung einer schlagfertigen Opposition gegen das System.

Die Zivilgesellschaft ist beides: Eine pluralistische Gegenmacht zum Gewaltmonopol des Staates und gleichzeitig eine Hegemoniearchitektur, die in einer „Teile und Herrsche“-Logik revolutionäre Strömungen marginalisiert und einhegt. Es sind einfach zwei Perspektiven auf denselben Gegenstand.

Doch dafür braucht es einen assoziationsübergreifenden kleinsten, gemeinsamen Nenner zwischen den (meisten) zivilgesellschaftlichen Akteuren: eine kulturelle Hegemonie in gewissen Fragen. Die modernen Gesellschaften wurden lange werden – so muss man wohl zugeben – nach wie vor durch die kulturelle Hegemonie eines „white supremacy“, patriarchal-heteronormativen und Pro-Kapitalistischen Konsens zusammengehalten.

Wir in der liberalen Tradition dachten bisher eigentlich, dass wir diesen Konsens die letzten 100 Jahre durchaus weiterentwickelt haben. Dass also zum Beispiel jetzt auch zum Konsens ein – zumindest verbalisiertes – Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechte, Antirassimus, Offenheit gegenüber anderen sexuellen Lebensentwürfen, ein minimales ökologisches Bewusstsein, etc gehört, der den alten Katalog zwar nicht verdrängt, aber doch … ergänzt hat?

Es hat sich gezeigt: Das System lässt sich nicht reformieren. Die korrupten Pfadabhängigkeiten sind zu stark und schlagen jetzt in Gestalt des Faschismus zurück.

Die Strategie der Rechten ist deswegen zweigeteilt: Zum Einen materialisiert sich Bannons und Yarvins Plädoyer für eine rechte Gegenhegemonie in der kapitalistischen Graphnahme der Öffentlichkeit in Form von Medieninfrastrukturen (Twitter, CBS, Tiktok). Gleichzeitig arbeiten Trump und seine Freunde von der Heritage Foundation an der direkten Schwächung netzwerkzentraler Hegemonieapparate: Universitäten, NGOs, Öffentliche Gelder, große Anwaltskanzleien und den übriggebliebenen Teil der „liberalen“ Medien.


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Die Kontroverse um Ezra Kleines Parteinahme für den Faschismus hört nicht auf, spannende Texte zu produzieren. Hier antwortet Eric Reinhart auf Olúfẹ́mi O. Táíwò, der wiederum auf Ezra Klein antwortete und diesmal geht es um die Rolle der Scham in der Gesellschaft.

Aber von vorn: wie erinnern uns: In dem Monolog vor seinem Interview mit Ben Shapiro sagte Klein:

I have watched many on both sides entertain the illusion that there would be, either through the power of social shame and cultural pressure or the force the state could bring to bear on those it seeks to silence. It won’t work. It can’t work. It would not be better if it did. That would not be a free country.

Der Philosoph Olúfẹ́mi Táíwò entgegnete Klein:

The challenge for Klein and his fellow travelers is to specify what sort of ground rules could make life livable and social situations manageable for such a wide array of people whose values, commitments, and interests differ so sharply—that is, on terms other than various sorts of segregation or the most naked forms of domination and subjugation—if not precisely “social shame and cultural pressure,” now contemptuously referred to as “political correctness” or “wokeness.” We might more accurately call it exactly the “civility” that centrists like Klein otherwise pretend to champion, even while they seek to hollow out even this meager social protection of its efficacy. These codes of neighborliness or of common decency are, in other words, the bare minimum for us to exist peacefully as profoundly different people who nevertheless share the same time and place.

Scham, und die Möglichkeit sich gegenseitig zu beschämen, so Táíwò, sei die Grundlage jedes friedlichen und demokratischen Zusammenlebens.

Eric Reinhart wiederum antwortet auf Táíwò und stimmt ihm zu, was die Rolle von Scham in der Gesellschaft angeht, weist aber darauf hin, dass das System halt einfach nicht mehr funktioniert und das liegt daran, dass die Pfadabhängigkeiten von Scham nicht mehr einfach so gegeben sind.

It depends on cultural and psychic structures that make it meaningful — shared symbolic coordinates, common moral horizons, and broadly accepted authorities that can confer legitimacy on judgments of behavior. In earlier periods of liberal modernity, those structures, however contested, still exerted a stabilizing force. But today, the sturdy ground that once formed shame’s foundation has collapsed.

Mit Lacan verfolgt Reinhart diese notwendigen Pfadabhängigkeiten der sozialen Rolle der Scham auf das Symbolische zurück – zum „Namen des Vaters“.

Psychoanalytic theory helps illuminate what’s changed. In the French psychoanalyst Jacques Lacan’s account, shame arises at the intersection of two registers of psychic and social life. On the one hand, it is rooted in what Lacan calls the imaginary: the experience of seeing oneself exposed before the gaze of the Other, of recognizing one’s own insufficiency or failure. This is the affective, narcissistic dimension of shame — what happens in the psyche when the mirror cracks, when the ego or image one maintains of oneself proves to be a lie. But for shame to take hold socially, to shape collective behavior, it must be mediated by the symbolic: the shared network of language, law, and authority that tells us what counts as right or wrong, honorable or shameful. The feeling of shame originates in the imaginary, but its binding force in a society depends upon the symbolic that mediates its significance.

For much of the modern era, this symbolic mediation was anchored by what Lacan called the “Name-of-the-Father.” This is not the literal father, but the fantasy of a paternal authority that stabilizes meaning and guarantees the law. This paternal function structured the symbolic order by defining what was real, true, and legitimate. It was reinforced by institutions like the state, the church, the university, the press, and the family. Shame worked because there was a shared, if hierarchical, moral universe in which judgments had weight.

Doch diese gemeinsame Grundlage des Symbolischen erodiert seit Jahrzehnten systematisch und größtenteils gewollt, aber wurde auch nie ernsthaft durch eine andere „moralische Infrastruktur“ ersetzt.

But that world has been unraveling for decades. Neoliberal political and economic transformations hollowed out the institutions that sustained our capacity to rely upon and trust in the paternal order. Unions were crushed, social welfare, upon which the state’s sometimes function as a benevolent father-like figure depended, was gutted, knowledge-producing institutions were privatized or undermined, and public life was financialized and increasingly left to the wolves of the market rather than the protective paternalism of planners, regulators, or elected representatives. Amid these shifts, cultural authority fragmented, truth became increasingly contested, and the paternal function could no longer be sustained — now too transparently a fantasy to exercise its traditional cultural force.

In this environment, shame has lost its footing. Táíwò is right that shame once provided a kind of moral infrastructure. But that infrastructure no longer exists. The idea that we can revive shame as a stabilizing political force assumes we are still living in a neurotic society—one governed by shared prohibitions, pervasive anxieties around transgressing them, and a coherent symbolic order. In fact, we inhabit a fragmented, post-paternal landscape in which shame circulates as free-floating humiliation or weaponized cruelty rather than as a mechanism of moral regulation. Social media platforms are engines of shame, but not of shared ethical life.

Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass es auch gute Gründe gab, den Namen des Vaters und seine Formen der Beschämung zu bekämpfen.

It’s important, though, not to romanticize the world that came before. The paternal symbolic order was never simply benevolent. It sustained patriarchal norms that pathologized difference and targeted it for violence. Shame, even when it “worked,” often did so by cultivating hostility toward those who deviated from dominant norms — queer and disabled people, racialized minorities, dissidents—rather than by fostering a universal commitment to protecting a right to individual difference and cultivating collective support for this. Liberal ideals of civility and rational discourse similarly masked the violences that structured the social order: colonial exploitation, racial terror, gendered domination. One of the big reasons that the moral glue that held society together was so adhesive was that it so often excluded others.

Hier steckt eine wichtige Erkenntnis, die Liberale von Linken trennt: Auch ungerechte Standards haben, wenn sie hegemonial sind, enormen Koordinationsnutzen, der damit einen ganzen Strauß pfadabhängiger Infrastrukturen ermöglicht. Im Zweifel ganze Zivilisationen. Mir fällt dabei die Stelle in Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ein:

„Aber das gebrechliche Gerüst ihrer Liebe bräche gänzlich zusammen, weil dieses Bauwerk nur auf der einzigen Säule ihrer Treue ruhte und Liebesgeschichten Imperien gleichen: wenn der Gedanke, auf dem sie gebaut sind, untergeht, so gehen sie mit ihm unter.“

Trump ist alles andere als die „Wiederkehr des Namen des Vaters“, sondern eine Art Slop-Version davon. Wie der T1000 in Terminator II in den flüssigen Stahl fällt und kurz vor seinem Ende nochmal alle Formen annimmt, die er im Laufe seiner Reise imitiert hat, so produziert der Westen sich selbst in seinem Untergang nochmal als Freakversion. Was wir heute sehen ist die schmutzige Unterwäsche des Namens des Vaters. Die komplett unverhüllten dreckigen Ecken des westlichen Unterbewusstseins als ungeniert korrupte, rassistische, sexistische und kolonialistisch-imperialistische Clownsshow.

Trump doesn’t stabilize meaning; he floods the zone with nonsense, weaponizes overwhelming and untethered affect by channeling it into cruelty and violence, and turns politics into a spectacular theater of the imaginary. His power grows not by reinstating symbolic order but by further dismantling it, leaving opponents flailing as they attempt to deploy tools—fact-checking, rational debate, appeals to civility, anachronistic insistence that noxious political actors should be ashamed of themselves—that depend on symbolic conditions that no longer hold.

You cannot shame people who no longer recognize the legitimacy of shared norms. You cannot debate authoritarians into submission when language itself is treated as a game without stakes. You cannot appeal to civility when the entire political project of the far right is to revel in transgression and humiliation. These are not exceptions or pathologies at the margins; they are central features of our present.

Deswegen denke ich, dass das mit der rechten kulturellen Hegemonie nicht auf Dauer klappen kann, denn Hegemonie erreicht man nur durch ein Mindestmaß an Berechenbarkeit. Wenn eine Zivilgesellschaft auf deine Standards aufbauen soll, müssen sie erwartbar sein. Es gibt bei den Faschisten derzeit keinen Willen, eine neue symbolische Ordnung zu verankern, stattdessen wollen sie die symbolische Ordnung der anderen direkt kontrollieren und/oder zerstören.


Elon Musk hat einen Fork der Wikipedia veröffentlicht, den er mit allerlei Lügen und transfeindlichen, rassistischen und unwissenschaftlichen Quatsch vollgepumpt hat.

Unlike the Wikipedia entry for Chelsea Manning, the whistleblower and former US Army intelligence analyst who shared secret intelligence with WikiLeaks in 2010, the Grokipedia entry on her life deadnames and misgenders her at length.

As spotted on Bluesky, Grokipedia’s entry on Race and intelligence claims that science shows some races are more intelligent than others — and even lists the so-called IQ scores of different races. Wikipedia’s entry by the same name, meanwhile, points out that differences in IQ scores can’t be explained by genetics. (Grokipedia writes that “the extent to which genetics contribute to between-group differences remains contentious.”) The policy section of the Grokipedia entry also cites the pseudoscientific journal Mankind Quarterly, known for publishing “race science” and having ties to white nationalism.

While Wikipedia calls the January 6th attack on the US Capitol an “attempted self-coup,” Grokipedia’s language about “widespread claims of voting irregularities” seemingly justifies the riot by President Donald Trump supporters, and downplays the violence by saying that “most” insurrectionists “carried no firearms and the incursion was cleared within hours.” Wikipedia readers will learn, instead, that Congress itself found the riot to be an unsuccessful, but purposeful, part of Trump’s plan to overturn the election.

Wikipedia describes George Floyd as a Black man who was murdered by a white police officer in an event that set off a wave of nationwide protests against police brutality and racism. On Grokipedia, Floyd is best known for his criminal record, starting with a sentence that is difficult to read as anything other than intentionally racist: “George Perry Floyd Jr. (October 14, 1973 – May 25, 2020) was an American man with a lengthy criminal record including convictions for armed robbery, drug possession, and theft in Texas from 1997 to 2007.” Readers don’t learn that Floyd was murdered until the fourth sentence of Grokipedia’s entry.


Der von mir sehr geschätzte Pissed Magitus mit einem sehr wahrscheinlichen Szenario, wie der Techfaschismus auch in deinem Hinterhof installiert wird.


Ken Klippenstein berichtet über den „War on Anitfa“ der Trump-Administration als Reaktion auf den Kirk-Mord.

Within hours of Charlie Kirk’s shooting last month, politicos in the White House and lawyers at the Justice Department and Homeland Security scrambled to draft up back-of-the-envelope plans for a crackdown on their domestic foes, sources tell me. Illegal immigrants, anti-ICE protesters, leftists, trans people, gamers, Hamas supporters, Antifa; the administration had a hard time pinning down who exactly was the new enemy, so they ended up including them all.

All die Lacher, dass „Antifa“ ja keine Organisation sei und dass die Trump-Adaminitration den weißen Wal jagd, bleiben im Halse stecken, wenn man bedenkt, dass „wir“ uns zwar als voneinander unabhängige „Individuen“ erzählen, aber all unsere Pfadgelegeheneiten von nur wenigen Services abhängig sind, die sich leicht unter Druck setzen lassen. Und so ist eines der ersten Instrumente der Regierung, oppositionelle Akteure und Organisationen von ihren Bankverbindungen zu trennen.

The administration’s frantic planning session precipitated by Kirk’s murder was formalized days later in Trump’s National Security Presidential Memorandum 7. Called “NSPM-7” by insiders, the sweeping directive targets radical left “terrorism” by relying on so-called indicators like “anti-Christian” and “anti-American” speech. (I’ve reported on the significance of NSPM-7 here.)

Banking compliance expert Poorvik Mehra told American Banker that NSPM-7 “is basically asking you to follow the money, but within ideological movements, and compliance teams immediately ask which customers put the banks at risk.” She anticipates that banks will respond to NSPM-7 by simply dropping affected clients rather than deal with the headache.

Der Tech-Faschismus rekrutiert zunächst all deine Infrastrukturen, um Bürgerkrieg gegen dich führen.

Krasse Links No 71

Willkommen zu Krasse Links No 71. Verschandelt eure Stadtbilder, heute tarnen wir den Killswitch der Kontrollsucht als Honigbrot und frönen der Politik des Flaschenhals jenseits des Chokepoints.


Jonas Schaible dekliniert in seinem Newsletter all die Möglichkeiten durch, die deutsche Migrationspolitik zu interpretieren: Überlastung durch zu viele Geflüchtete (Theorie 1), mediale Überdramatisierung des Problems (Theorie 2), Überdruß der Deutschen gegenüber Regelverletzung (Theorie 3) und stößt mit Merz‘ Stadtbildäußerung auf Theorie 4:

Was Merz jetzt geäußert hat, ganz unabhängig davon, was er selbst glaubt und was man ihm selbst unterstellen will oder nicht, das ist im Grunde eine vierte Theorie. Es ist die düsterste, die bislang vielleicht auch deshalb in der Debatte kaum eine Rolle gespielt hat.

Man kann sie so zusammenfassen: Es gibt aus Sicht der Deutschen ein Problem, unabhängig von Berichterstattung und Ausstattung der Kommunen und Regelbruch und es liegt darin, dass zu viele Menschen im Land sind, die anders heißen, aussehen und sprechen.

Sie läuft darauf hinaus, die Gesellschaft für in hohem Maße xenophob und rassistisch zu erklären.

Um das gleich zu sagen: Ich halte Theorie 4 für falsch. Klar, es gibt eine bestimmte Klientel von Vorstadt-Boomern, die nach Berlin oder in andere Städte fährt und sich sofort ethnische Säuberungen wünscht und ich glaube sofort, dass Friedrich Merz die Hälfte davon persönlich kennt. Aber es ist sicher nicht die Mehrheit und ganz besonders nicht dort, wo die meisten Migrant*innen wohnen?

Jedenfalls wissen wir jetzt, warum die Correktiv-Enthüllungen von Sellners Remigrationsplänen so zurückhaltend aus dem bürgerlichen Lager kommentiert wurden.

Jonas weist darauf hin, dass, wenn die CDU dieser Interpretation folgt, sie sich in eine „politische Sackgasse“ manövriert.

Wenn es wirklich so wäre, dass das Stadtbild das Problem wäre, dass viele Menschen sich nicht mehr daheim fühlen in ihrer Stadt, wenn sie aussieht, wie eine deutsche Stadt heute aussieht – dann wäre demokratische Politik wahrscheinlich am Ende ihrer Möglichkeiten.

Man könnte diesem Gefühl nämlich nur begegnen, indem man Homogenität erzwingt, und das ginge in der real existierenden deutschen Gesellschaft nur mit autoritären Mitteln, mit schrankenloser Willkür und unvorstellbarer Gewalt.

Die Politik kann mehr Unterkünfte bauen, sie kann Kommunen mehr Geld geben und für schnellere Verfahren sorgen. Sie kann Patrouillen an die Grenze schicken, Abkommen mit Nachbarstaaten schließen und Geflüchteten weniger Geld zahlen. Sie kann den Görlitzer Park umzäunen.

Sie kann schneller und im großen Stil abschieben, wobei das, wenn man es ernst meinte, wahrscheinlich irgendwann so ähnlich aussehen muss wie in den USA derzeit, und da ist demokratische Politik dann auch am Ende. Sie kann falsch finden, wie früher Zuwanderung organisiert wurde. Ändern kann sie es nur sehr, sehr, sehr begrenzt.

Kurz gesagt: Sie kann entscheiden, wer neu ins Land kommt, aber sie muss in den allermeisten Fällen mit denen leben, die schon im Land sind.

Was sie niemals kann, ist ein Heimatgefühl herzustellen, das von der realen Heimat völlig entkoppelt ist. Was sie niemals kann, ist ein Stadtbild zu schaffen, das für jene ordentlich und sicher aussieht, für die Städte derzeit unordentlich und unsicher aussehen. Oder zu wenig Deutsch.

Kann sie das nicht? Vielleicht. Aber sie wird es dennoch versuchen?

Deswegen ist Merz’ Nebensatzentgleisung eben nicht der übliche „Onkel Erwin nach dem dritten Schnaps“-Rassismus, den man sonst von Merz und Konsorten kennt, der zwar auch schrecklich, aber vor allem schrecklich peinlich ist.

Das hier ist eine besonders deutsche Artikulation von Rassismus, die explizit auf „Reinheit“ abzielt und dabei Menschen als Fremdkörper markiert. Es ist die offene Artikulation eines rassistischen Begehrens, das nicht zu befriedigen ist, ohne eine monströse Infrastruktur der Gewalt zu errichten, deren Entstehung wir derzeit in den USA beobachten können.

Es ist klar, dass auch Trump es in Wirklichkeit auf das „Stadtbild“ abgesehen hat, auch wenn er es sich nicht traut, so offen auszusprechen, wie Merz. Aber hier ist das Ding: auch ICE wird das Stadtbild nicht genug „reinigen“, denn wann ist überhaupt „genug“? Nach wessen Maßstab?

Deswegen wird das Bedürfnis mit den Infrastrukturen – den Lagern, den Paramilitärs, der Armee in den Städten, den Sonderbefugnissen und rechtlichen Ausnahmezuständen – nicht gestillt werden, sondern wird weiter wachsen, gemeinsam mit den Erlaubnisstrukturen, mit Menschen auf bestimmte Weise zu verfahren.

Es gibt Forderungen, die kann eine liberale Demokratie nicht erfüllen. Es wäre deshalb weise, sie nicht auch noch selbst zu formulieren.

Vorsicht, Jonas. „Liberale Demokratie“ könnte ein Preis sein, den die CDU zu bezahlen bereit ist.


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LowerClassJane ordnet Merz‘ Stadtbildäußerung in den größeren Rassismuskontext dieses Landes ein.

Die Wahrheit ist: Wir leben in einem Land, das seit Jahren nach rechts rutscht, ohne jemals nach links geschaut zu haben. Ein Land, das sich selbst als „wehrhaft“ bezeichnet – aber immer nur gegen die Schwächsten aufrüstet.

Ein Land, in dem Geflüchtete in Lagern gehalten werden, unter Bedingungen, für die man in anderen Ländern diplomatische Noten verschicken würde. Ein Land, in dem die Polizei Menschen erschießt, die Schutz bräuchten – und der Innenminister dann über Vertrauen redet. Ein Land, das Sozialhilfe kürzt, aber Aufrüstung finanziert, als wäre Krieg die bessere Fürsorge.

In diesem Land sind Menschen nun mal nicht gleichviel Wert und es gibt – jenseits der Sonntagsreden – keinen Willen, das zu ändern.

Es ist das Schweigen der Institutionen. Es ist der Reflex, lieber Palästina zu zensieren als die eigene Geschichte zu hinterfragen. Es ist das Weggucken, wenn Geflüchtete erfrieren. Es ist das Wegmoderieren, wenn jemand sagt: „Das ist Rassismus.“

Vielleicht war es nie anders. Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit über Deutschland: Dass es immer nur bis zum Punkt der Bequemlichkeit kämpft. Und dann wieder „zurückrutscht“ in den Konsens der weißen Mitte.

Ich früchte, es ist mit den Bekenntnissen zum Antirassismus genauso wie mit den Bekenntnissen beim Klimaschutz: Die Deutschen würden ja gerne so sein, wie sie sich erzählen, aber nur so lang es sie nichts kostet.


Henry Farrell über die Ironie der Geschichte, dass China mit dem Ausfuhrstopp der seltenen Erden jetzt dieselbe Politik des Flaschenhals – oder wie Farrell es nennt „weaponized Interdependence“ – gegenüber den USA fährt, wie sie selbst gegenüber China, Russland und Iran gefahren sind.

First, and most simply: China seems to be moving from one mode of exercising its power to another. China has exercised effective control over rare earths and other critical minerals for years, but when it has used or threaten to use it, it has done so implicitly and indirectly. Specifically, it has used informal restrictions: mysterious blockages, strange frictions and other means to hamper other countries’ access to China’s internal markets, and Japan’s access to rare earths in 2010. This led some observers even to doubt that China had introduced systematic restrictions on exports. […]

It has created an entire regulatory infrastructure to underpin this claim, and has effectively banned the export of rare earth processing equipment abroad, to try to maintain its chokepoint as long as possible.

Man könnte meinen, China hat sich strategisch vom dem Shock der Trumpzölle berappelt und nimmt den Handelskrieg ernsthaft auf. Allerdings nicht so amateurhaft wie Trump.

China appears to be better placed than the U.S. to use its powers of economic coercion intelligently in pursuit of its own long term interests. The Trump administration has junked the systems that allow the U.S. government to calibrate economic coercion and to anticipate possible downsides. The National Security Council – which had come to play a crucial role in coordinating and setting policy under the Biden administration – has lost more than half of its personnel, on the theory that it is the ultimate representative of the “Deep State.” Its key China people have been Loomered. Careful bureaucratic process has been replaced by the whimsical decision making of Trump himself, as in his infamous meeting with Jensen Huang. Bessent’s criticisms of officials “gone rogue” might better have been aimed at his own boss.

Wenn eine Netzwerkzentralität ihre Macht mißbraucht, wie es USA über ihre Infrastrukturen immer wieder getan haben und mit Trump radikaler denn je tun, verändert das zwangsläufig auch das gesamte Abhängigigkeits-Netzwerk.

When interdependence is used by privileged states for strategic ends, other states are likely to start considering economic networks in strategic terms too. Targeted states—or states that fear they will be targeted—may attempt to isolate themselves from networks, look to turn network effects back on their more powerful adversaries, and even, under some circumstances, reshape networks so as to minimize their vulnerabilities or increase the vulnerabilities of others.

China hat sich gerüstet und mißbraucht seinerseits die Pfadabhängigkeit der USA und des Westens von seltenen Erden, um zurückzuschlagen.

China has indeed reshaped networks so as to maximize the vulnerabilities of the US, creating a much more dangerous and unpredictable set of dynamics. The U.S. is currently very poorly positioned to manage these complex problems. The Trump administration is more concerned with attacking perceived internal enemies than the outside world, and has stripped the bureaucracies that would allow it to begin to think straight about the problem.

Wir alle müssen jetzt ganz schnell Netzwerkmacht lernen.


Dieses Tiktok-Video fasst kurz und verständlich die Politik des Flaschenhals der trumpifizierten FCC-Behörde mit dem Frequenzband zusammmen, die hinter der Kimmel-Feuerung und Disneys Einknicken steckt und die den eigentlichen Sinn hat, mehr mediale Infrastrukturmacht zur Broligarchie zu schaufeln.

Aus dieser Richtung dürften noch einige Angriffe auf die Öffentlichkeit kommen.


Signal war kurz offline, weil Amazon Webserives down war und wenn ihr jetzt so „Hä? Ich dachte Singal wäre diese mega-sichere Hackerapp, was hat die denn mit Amazon zu tun?!?“ seid, dann hat Tech policy Press einen Artikel für euch.

On Monday, a global technical failure at Amazon Web Services (AWS), Amazon’s cloud computing division, sent hundreds of applications and services from Snapchat and Signal to Fortnite and Lloyds Bank offline. Even a range of British government services were crippled by the fault.

While precise technical details have yet to be reported, here is what we know now: There was a significant technical issue beginning in Amazon Web Services’ ‘us-east-1’ region that brought down large portions of the internet, including services like Signal. Us-east-1 is one of AWS’s key geographic regions—a cluster of data centers where companies can host their cloud infrastructure. It is located in Northern Virginia, near the United States capitol.

Deswegen steht dieses Ereignis für mehr, als uns lieb sein kann.

The “open” internet, it turns out, rests on a remarkably closed foundation. Cloud providers control information access. When AWS or other cloud behemoths, like Google and Microsoft, are down, so is the rest of the internet.


Cory Doctorow über den Killswitch des „Mad Kings“.

Remember when we were all worried that Huawei had filled our telecoms infrastructure with listening devices and killswitches? It sure would be dangerous if a corporation beholden to a brutal autocrat became structurally essential to your country’s continued operations, huh?

Wir alle leben im Territorium des verrückten Königs und er hat längst angefangen unsere Möglichkeiten zu beschneiden.

Apple and Google capitulated. Apple also capitulated to Trump by removing apps that collect hand-verified, double-checked videos of ICE violence. Apple declared ICE’s thugs to be a „protected class“ that may not be disparaged in apps available to Apple’s customers

Es gibt aber auch einen literal „Killswitch“, bzw. Abhörmechanismus namens CALEA, der in all unseren Netzwerken verbaut ist.

Take CALEA, a Clinton-era law that requires all network switches to be equipped with law-enforcement back-doors that allow anyone who holds the right credential to take over the switch and listen in, block, or spoof its data. Virtually every network switch manufactured is CALEA-compliant, which is how the NSA was able to listen in on the Greek Prime Minister’s phone calls to gain competitive advantage for the competing Salt Lake City Olympic bid […]

CALEA backdoors are a single point of failure for the world’s networking systems. Nominally, CALEA backdoors are under US control, but the reality is that lots of hackers have exploited CALEA to attack governments and corporations, inside the US and abroad. Remember Salt Typhoon, the worst-ever hacking attack on US government agencies and large corporations? The Salt Typhoon hackers used CALEA as their entry point into those networks

Leider haben wir uns vor Jahren die Möglichkeit genommen, diese Mechanismen zu umgehen, als Techfirmen und Urheberrechtslobbyisten darauf drängten, kommerzielle Systeme vor ihrer technischen Umgehbarkeit zu schützen.

These anti-jailbreaking laws were designed as a tool of economic extraction, a way to protect American tech companies‘ sky-high fees and rampant privacy invasions by making it illegal, everywhere, for anyone to alter how these devices work without the manufacturer’s permission.

But today, these laws have created clusters of deep-seated infrastructural vulnerabilities that reach into all our digital devices and services, including the digital devices that harvest our crops, supply oxygen to our lungs, or tell us when Trump’s masked shock-troops are hunting people in our vicinity.

Ganz heruntergebrochen stehen wir als Europa vor demselben Problem, wie 2022 mit den russischen Gaspipelines. Nur ist alles viel komplexer, lebenswichtiger und schwieriger zu tauschen.

When Putin invaded Ukraine, he inadvertently pushed the EU to accelerate its solarization efforts, to escape their reliance on Russian gas, and now Europe is a decade ahead of schedule in meeting its zero-emissions goals

Today, another mad dictator is threatening the world’s infrastructure. For the rest of the world to escape dictators‘ demands, they will have to accelerate their independence from American tech – not just Russian gas. A post-American internet starts with abandoning the laws that give US companies – and therefore Trump – a veto over how your technology works.

Ich kenn ja auch die Zukunft nicht, aber ich sehe derzeit keinen plausiblen Pfad, wie das irgendwie gut geht.


Diese Zeichnung von XKCD ist insbesondere innerhalb der Open Source Communities beliebt, weil es die Realität unserer digitalen Infrastrukturen so schön beschreibt.

Es wird Zeit, es umzuinterpretieren. Das größere Problem ist nicht mehr das kleine Projekt mit kaum Entwickler*innen, der Chokepoint sind heute die großen, kommerziellen Infrastrukturen, die sich mit dem verrückten König verbündet haben.


Nafeez Ahmed über die geleakten Papiere des Gaza International Transitional Authority (GITA) und wie Peter Thiel und Larry Ellison wohl dafür die Überwachungsinfrastruktur liefern werden.

A Byline Times review of the leaked Gaza International Transitional Authority (GITA) framework, procurement guidance documents, and FEC filings shows that its digital-governance backbone – covering identity, border control, aid logistics and donor coordination – matches the Oracle-Palantir technology ‘stack’ of digital technologies currently used in Israel’s defence network. They further suggest that the GITA board structure is planned to allow this stack an easy entry-point into reconstruction contracts.

The plan was drafted by the Tony Blair Institute for Global Change (TBI), whose biggest financial backer is Larry Ellison, the billionaire co-founder and executive chairman of tech giant Oracle Corporation. Since 2021, the institute received donations or pledges of at least £257 million from the Larry Ellison Foundation, an amount that dwarfs all other donors combined.

Natürlich sind Thiel und Ellisons Firmen, Oracle und Palantir genauso wie Microsoft, Google und andere bereits knietief im Genozid eingebunden.

Über Peter Thiel ist ja bereits viel bekannt, aber Ellison macht ihm und Elon Musk wie kein anderer den Platz als „Worlds biggest Tech-Supervillan“ streitig.

Ellison himself is a Trump supporter and Republican Party megadonor, who has given tens of millions of dollars to the party and embedded Oracle across the American federal government following extensive lobbying. Oracle is also poised to oversee TikTok’s US algorithm after the completion of its US sale, under Trump’s deal with China.

Ellison has close ties to fellow pro-Trump billionaire Peter Thiel, through a little-known partnership between Oracle and Palantir, the surveillance and defence-analytics firm co-founded by Thiel.

Both companies have directly supported Israel’s military operations in the Gaza Strip. But the same companies are also in prime position to profit from the technocratic management of Gaza after the war.

Seit letztem Jahr sind Oracle und Palantir eine stratgeische Partnerschaft eingegangen, die sich wie ein Bewerbungsschreiben für Nachkriegsordnung des Gazastreifens liest.

In April 2024 Oracle and Palantir announced a deep “strategic partnership” to deliver “mission-critical AI solutions to governments and businesses.” It was a relationship nearly a decade in the making – back in 2017 Ellison had held exploratory talks with Peter Thiel about acquiring Palantir outright.

By July, Palantir and Oracle jointly unveiled deployment guides showing its Foundry and AI platforms running on Oracle’s sovereign, government and “air-gapped” clouds, tailored for national security clients. In June 2025 Oracle launched its Defence Ecosystem including “Palantir for Builders.”

In dem geleakten GITA-Framework findet sich folgende Ausschreibung dazu.

That vision, which proposes a “Gaza Reconstitution, Economic Acceleration and Transformation (GREAT) Trust”, envisages creating a “blockchain registry for land” to underpin the construction of up to eight “AI-powered, smart planned cities on the inner side of the Gaza Ring. All services and economy in these cities will be done through ID-based digital system.” It even mentions an “Elon Musk Smart Manufacturing Zone” – Musk’s companies such as xAI have cultivated close partnerships with both Oracle and Palantir. Ellison invested $1 billion to support Musk’s purchase of Twitter in 2022, and sits on his board at Tesla.

Ich interpretiere das so: In Gaza entstehen die Infrastrukturen einer neuen Form von Staatlichkeit im Zeitalter der Digitalisierung. Als integrierter Tech-Faschismus.

Larry Ellison’s Oracle and Peter Thiel’s Palantir now form a single operational spine for digital governance and defence, from cloud infrastructure to predictive analytics. And Trump’s Gaza peace plan looks like the vehicle through which that spine could extend into Gaza’s reconstruction.

The technologies that mapped, targeted and managed Gaza in wartime are now the same ones perfectly positioned to administer it during peace. Which means the Gaza International Transitional Authority risks becoming not a clear break from the conflict, but a potential continuation of it by digital means.

Unsere Polizei nutzt bereits fleißig Palantir und verlangt mehr davon und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der gesamte Stack auch hier implementiert wird.

Unter anderem das meine ich, wenn ich sage: Gaza ist bald überall.

Aber ich meine auch etwas anderes. Es ist eben nicht nur die Technologie, sondern die Technologie als Soziotechnisches System, oder wie wir hier sagen: als Materiell-Semantischer Komplex.

Mit den Infrastrukturen kommen bestimmte Pfadabhängigkeiten in die Zukunft. Sie implenentieren eine bestimme Art auf Menschen zu schauen und damit verbunden die Erlaubnis, mit Menschen auf eine bestimmte Weise umzugehen. Und das wichtigste: Diese Infrastrukturen stillen kein Bedürfnis, sondern entfachen es: das Bedürfnis nach Kontrolle.

Ob wir es wollen oder nicht, diese Infrastrukturen werden, allein dadurch, dass wir ihre Existenz erlauben, Gesellschaften weltweit verändern und damit schließlich auch uns.


Ich war in Fatih Akins Amrum und finde, es ist sein bester Film bisher. Und wer ihn noch nicht gesehen hat, hier eine Besprechung mit **** MEGA SPOILERS ****.

Als wäre es das leichteste der Welt, verwebt Akin die Themen Migration und Indentität, Familie und Depression, das Ende des Nazireichs, Ideologie und Erziehung zu einer Erzählung aus der Sicht eines kleinen Jungen, Nanning, der sich nichts anderes wünscht, als das seine Mutter wieder lacht.

Der Höhepunkt ist m.E. die Unterhaltung von Nanning mit seinem Freund, wo dieser erzählt, jemand habe Hitler mit Captain Ahab aus Mobby Dick verglichen und zusammen raissonieren sie, dass Deutschland dann ja das Schiff und die Deutschen die Crew seien, aber … so fragen sie, wer oder was ist dann der weiße Wal? Sie probieren „die Amerikaner“, „Churchill“ und „Gott“, aber so richtig zufriedenstellend wird die Frage nicht beantwortet.

Das hat mich nicht mehr losgelassen: Was woll(t)en Faschisten wirklich? Einfach alle Juden umbringen? „Lebensraum im Osten“? Weltherrschaft? Ja sicher, aber wozu? Was war der eigentliche weiße Wal, den sie jagten?

Vielleicht Kontrolle? Den Wunsch nach Kontrolle hegen wir alle, doch in einer Welt, in der manche Menschen unbegrenzte Macht über andere durch die Kontrolle von Infrastrukturen erlangen können, ergeben sich aus ihrer Sicht auch Pfadgelegenheiten zur Kontrolle des Unverfügbaren.

Kontrolle des Gegners, Kontrolle der Massen, Kontrolle über andere „Rassen“, über „die Welt“, Kontrolle über Grenzen, Kontrolle der Öffentlichkeit, Kontrolle der Sexualität, Kontrolle über das „Stadtbild“, etc. Aber auch Kontrolle über das Leben, Kontrolle über den eigenen Körper und, vielleicht am entscheidensten: Kontrolle über die eigenen Gefühle?

Doch je unverfügbarer etwas ist, desto eher führt der Versuch seiner Kontrolle zur Kontrollsucht. Je mehr man kontrolliert, desto mehr will man kontrollieren, usw. Faschismus ist in seinem im Kern keine Ideologie, sondern eskallierende Kontrollsucht.

Nachdem Nanning den ganzen Film über etliche Abenteuer durchlebt hatte, um die bizarren Pfadabhängigkeits-Ketten von Weizenmehl, Butter und Honig unter den Bedingungen des Nazi-Kollaps zu navigieren und schließlich der Mutter das Honigbrot präsentiert, das sie definitiv und auf jedenfall gesund machen wird, reagiert sie mit einem kalten „Stells in die Küche“ und der kleine Ahab bricht weinend zusammen.

Aber wenn der eigentliche Weiße Wal das Trauma der abwesenden Liebe ist und seine Ersetzung durch Honigbrot teil desselben Traumas wird, wenn also Trauma zu Konsum, Konsum zu Kultur und Kultur wieder zu Trauma wird, dann ist Fatih Akins „Amrum“ eigentlich eine Inszenierung von „Schrei nach Liebe“, aber als intergenerationale Traumaarchitektur.

Annäherung an Arendts Gedankenwelt – Zeitgeister – Das Kulturmagazin des Goethe-Instituts

Susann und ich wurden nach unserem re:publica Talk gefragt, die Idee mit Bezug auf Hannah Arendt für eine Spezial des Goethe-Instituts als Text zu formulieren, was uns sofort einleuchtete. Die größte Herausforderung war allerdings den Einstundenvortrag auf weniger als 10.000 Zeichen zu komprimieren. Ich hatte schon nicht mehr an die Machbarkeit geglaubt, aber Susann gab nicht auf und jetzt ist das wahrscheinlich der dichteste Text, den wir beide je veröffentlicht haben.

Beide Serien, Andor und Sense8 zeigen, dass Widerstand möglich ist. Widerstand fängt mit Empathie und Hinsehen an und wird mit der Zeugenschaft real – und manchmal kostspielig. Egal ob der Kampf gegen ein materielles Imperium, oder in der Selbstverteidigung gegen eine hegemoniale Gesellschaftsordnung; ein Mittel gegen die Banalität des Bösen ist Zeugenschaft – semantischer Widerstand gegen Wegsehen und Ignoranz.

Quelle: Annäherung an Arendts Gedankenwelt – Zeitgeister – Das Kulturmagazin des Goethe-Instituts

Hier auch der Text auf Englisch.