Freiheit und so

Heute kommt ein Beitrag auf 3sat, wo ich vorkomme und ein paar knackige Worte in Kamera sagen darf. Jaja, ich bin ja jetzt Politblogger, weil ich mal die im englisch geläufige Formel des „Shitstorm“ in’s Deutsche übertragen hab. Aber im grunde hab ich dort das hier gesagt. Nur kürzer.

via

Dummerweise hab ich jetzt über einen ganzen Monat nichts gebloggt. Wie sieht denn das aus? Also schnell nochmal was bloggen, bevor es Freitag gen Frankfurt zur Twitterlesung geht.

Ich verbuch den lezten Monat also mal nachträglich unter Sommerpause. Finde ich auch Okay. Seit Twitter hat sich das Bloggen eh mehr zu einem losen Verlautbarungsorgan verschoben, dessen Befüllungsdruck gegen Null tendiert. Was ich super finde. Als ich noch regelmäßig bloggte, war da tatsächlich so eine Art Zwang dann auch immer neuen Content hier reinzuschreiben. Dieser Zwang ist jetzt etwas auf Twitter übergangen. Aber ist dort eben auch viel besser zu handeln, weil dem Druck nachzugeben eben nicht bedeutet, sich ein zwei Stunden für einen Text hinzusetzen, sondern nur mal eben ein „Hallo, mich gibt es auch noch“ rauszuzwitschern.

Bildschirmfoto 2009-09-09 um 19.37.47Natürlich gibt es andere Zwänge. Den Originalitätszwang zum Beispiel, den die ganzen Favdienste und nicht zuletzt meine Favottercharts durchaus mit befeuerten. Ehrlich? Ich bin froh bei Favotter nicht mehr Nr. 1 sein zu müssen. Und heute haben wir endlich auch noch die Favcharts released, wo die Kathrin Passig die ausgwerteten Favs mit ganz vielen hochkomplexen Formeln gewichtet, so dass ich nirgends mehr vorkomme. Find ich auch ok. Man darf das alles nicht so ernst nehmen, sonst endet das in einem Ratrace, bei dem keiner mehr twittert, weil es ihm Spaß macht. Es hat schon Leute gegeben, die deswegen aufgehört haben zu twittern, was ich schade finde. Nichts macht mehr Spaß wenn es zwanghaft wird.

Dieses zwanghafte des – ich sag mal – „regelmäßig von sich hören lassen“ hat mich schon damals beim Bloggen gestört. Irgendwie kam ich mir eingesperrt vor, von meinem eigenen Blog. Auf der anderen Seite hat ein Blog auch eine neue Ebene in mein Leben eingezogenen. Völlig neue Freiheitsgrade. Ich kann Öffentlichkeit herstellen, wenn ich sie brauche. Das macht mich ein Stück weit unabhängiger von „der Gesellschaft„. Wenn ich öffentlich mit meinem Leben koketiere, mit meinen Fehlern, meinen Eigenschaften aber es dennoch schaffe, Zuspruch und und Echo zu erschaffen, dann gibt es mir eine gewisse Sicherheit, die es mir erlaubt auch über gesellschaftliche Normen hinaus zu denken. Vielen fehlt diese intersubjektive Bestätigung im Alltag, weswegen sie sich oft für die dämlichsten Banalitäten schämen. Das kann auch sehr neurotische Züge annehmen. Wo wir wieder beim Zwang sind. Onlinesein ist wohl einfach eine andere Neurose als Offlinesein.

Und schon sind wir mittendrin, in diesem Diskurs um die Freiheit und die Verfaßtheit, die irgendwie als Widerstreit immer wieder vor uns liegen. Im Grunde war es neulich, als wir zu Essen und Bier bei einem Freund saßen und alle möglichen Perspektiven auf die Freiheit durchdeklinierten. Natürlich ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Von der Sicht auf den Staat, von der Sicht der Piratenpartei, USA vs. Europa, Solidargemeinschaft, soziale Sicherung und Freiheit. Etc.

Aber ich fang mal besser bei mir an. Denn das Thema beschäftigt mich seit einigen Wochen auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Im Grunde steht da erstmal so ein Gefühl, ein diffuses etwas. Nicht etwas völlig fremdes, aber doch noch niemals in dieser Intensität empfundenes. Ich fühle mich derzeit „frei„. Hier in Berlin, hier in meiner Lebenssituation.

Das Freiheitsgefühl resultiert meiner Meinung nach aus einer sich gegenseitig verstärkenden, gesellschaftlichen Resonanzschwingung. Ich fühle mich frei, weil mein Gegenüber, der Andere sich frei fühlt. Natürlich kann ich es nicht ausschließen, dass es meine nie überwundene Affinität zu Gefühlskitsch ist, aber ich verbleibe immer wieder gerührt, wenn Menschen auf der Straße tanzen. Ja, das tun sie hier in Berlin. Oft sogar (Gut, meistens besoffen, aus dem Club torkelnd. Aber nicht nur!).

Und ja, klar kann man immer meckern. Über die Hippies und die Punks mit ihren institutionalisierten Indiviualismusstrategien. Vor allema die Hipster und mit ihren weißrändrigen Sonnenbrillen. Über all die Leute, die ihre vermeintliche Idividualität als „crazyness“ stolz vor sich hertragen. Und all jene, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, von nun an mit all ihren Schwächen zu kokettieren. Aber! Trotz aller Pseudoesquität: das ist ein Ausdruck von Freiheit! Freiheit muss nicht originell und kreativ sein. Sie kann sehr banal und plakativ, ja, sie muss sogar peinlich sein!

Jedenfalls fühlt es sich ziemlich gut an, diese Freiheit, ist aber lange nicht so leicht zu erreichen, wie man denken möchte. Es sind ja meist die verborgenen Meschanismen in die Nischen unseres Alltags, die uns an die normativen Vorstellungen unserer Mitmenschen ketten. Foucault nannte diese Instanz unserem Kopf „die Regierung„. Sie erzeugt eben keinen externen, sondern einen internalisierten Druck zur Anpassung, von innen, aber durch kulturelle und gesellschaftliche Strukturen durchaus mit der Umwelt verbunden. Das Lieblingswort dieser Regierung ist das „man“ und der angestrebte Zustand ist „erwachsen sein„. In Berlin ist man diese Zwänge nicht los, aber doch sehr viel freier von ihnen. Es sind einfach zu viele Spinner hier. Zu viele, die nach eben jener Freiheit suchten. Der Druck ist nicht besonders groß, wie ich hier schon schrieb.

Wenn es denn aber ein „Gefühl“ von Freiheit gibt und Freiheit sich nur relativ erleben lässt, stellt sich die Frage nach der Freiheit in der Politik. Denn neben den Parametern der Freiheit, sowie der Komplexität ihrer Erlangung, die sich in den Jahren ja immer wieder wandelt, muss eben auch jenes Gefühl der Freiheit irgendwie taktgebend sein. Wenn sich z.B. ein Westerwelle immer wieder auf die stolz geschwellte Brust schlägt, wenn er betont, die FDP bilde mit der CDU das so genannte „bürgerliche Lager„, dann kann da etwas nicht stimmen. Egal, ob man „bürgerlich“ für sich positiv oder negativ konnotiert: es ist und bleibt eine normative Schablone, in die Individualität zunächst immer hinein gezwängt werden muss. Mit Freiheit hat das jedenfalls nichts zu tun.

Überhaupt schwingt bei dem Freiheitsgedanken bei mir auch immer das Problem der Zugehörigkeit mit. Letztens hab ich ein Interview mit der DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley gelesen, in dem Sie auf die Frage, warum sie nie in eine Partei eingetreten sei, antwortet:

Ich bin im Osten in keine Partei gegangen und will das auch jetzt nicht. Ich habe meine persönliche Freiheit immer mehr geschätzt als Parteidisziplin – auch im Westen.

Ja, mir geht das auch so! Ja, ich kenne viele, denen das auch so geht. Und nein. Wir werden per definitionem im allen Parlamenten nicht repräsentiert. Ein strukureller Fehler im System. Aber lassen wir das.

Wir haben ja einen Sommer hinter uns, der uns gezeigt hat, dass man sich nicht nur in Parteien engagieren kann. Eine Petition hat einen Strum ausgelöst. Lose aber effektive Bündnisse wie AK-Zensur und AKa-Vorrat haben jenseits der ausgetretenen Wege der etablierten Institutionen erstaunliches Geschafft. Nebenbei: Bitte geht alle, also wirklich ALLE (!!! Echt jetzt, das ist ungeheuer wichtig (!!! kein scheiß, ich will, dass Berlin aus allen Nähten platzt!)) auf die Demo am 12. September, 15:00 auf dem Potsdamer Platz:

demo2009logo

Bitte komme mir keiner damit, dass man dem Staat schon vertrauen könne. Selbst wenn man diesen System nichts böses ansich zutraut, die Menschen sind Fehlbar. Oft sogar ganz doll beschissene Arschlöcher! Ein Rechtsstaat schützt da oft nur unzureichend. Gerade versucht eine Freundin von mir sich vor Gericht gegen die Vorwürfe zu verteidigen, sie habe auf der Demo zum G8 Gipfel Polizisten mit Steinen beworfen. Wer sie kennt, kann diese Vorwürfe nur als absolut lächerlich empfinden. Und dennoch wurde sie in erster Instanz verurteilt. Sie hat Berufung eingelegt, aber die Richter glauben den Polizisten mehr als ihr und ihren Zeugen, die sie durchaus hat. Was ich daran schlimm finde, ist, dass solche Geschichten mich wirklich einschüchtern. „Lieber doch nicht auf die Demo dort gehen, sowas kann mir dann ja auch passieren…“ Aber das darf auf keinen Fall passieren.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte: ich bin ja orgamäßig auch auf diesem Atoms&Bits-Festival involviert. Ich hoffe wirklich, dass das gut wird. Ich weiß ja, dass gottseidank ganz viele schlaue Leute ganz doll am organisieren dran sind. Ich jedenfalls zeichne mich so ein bisschen verantwortlich für alles was dort unter dem Label „Politik“ von statten geht. Wir haben dann lange rumüberlegt, was man da machen könnte. Das Motto ist ja schließlich, dass wir, die coolen, kreativen Netzspackos irgendwie unser eigenes Ding machen und schon mal vorgehen.

Bildschirmfoto 2009-09-09 um 19.24.02

Da ist mir dann eine Idee eingefallen, die Johnny Haeusler äußerte, als wir mit einigen dieser Netzaktivisten in der Kantine von diesen Bundestagshanseln saßen, nachdem die Netzsperrenanhörung gelaufen war. Er meinte, man müsse doch bei solchen Sachen, wo es um Freiheit und Unfreiheit unseres allseits geliebten Internets geht, doch besser organisiert auftreten. Es bräuchte da viel verbindlichere und wohlgeformtere Strukturen, als lose Aktionsbündnisse und Initiativen.

Ich bestritt das sofort und vehement. Auch in Blogform. Nur hilft es nichts. Natürlich stimmen meine Argumente weiterhin. Die Nichtrepräsentierbarkeit des Netzes ist weiterhin voll gegeben. Aber mit zunehmenden Umgang mit Medien und Politikern merke ich immer wieder: Die lechtzen geradezu nach einem Ansprechpartner. Einer Telefonnummer, die sie wählen können, wenn sie das Netz und seine Bewohner und ihre Forderungen nicht verstehen. Und obwohl ich das, was Sascha Lobo in die Kameras spricht, selten für völlig falsch halte, fände auch ich es super, wenn dort lieber direkt die Kompetenteren Spezialisten auftauchen würden. Ich will lieber Alvar Freude sehen, wenn es um Netzzensur geht. Ich möchte, dass Padeluun über die Gefahren der Vorratsspeicherung aufklärt, und so weiter.

Jedenfalls hab ich angefangen, darüber nachzudenken, wie man die Idee von Johnny, so umsetzen kann, ohne die Pluralität und die Freiheit dieser Initiativen einzuschränken. Und da kam mir die Idee einer API. Das kennen die meisten als Programmierschnittstelle, bedeutet aber in diesem Fall für mich, eine Art Information Hiding. Man reduziert die interne Komplexität eines Systems durch eine einfache Schnittstelle nach außen.

Wie sowas aussehen kann, will ich gerne auf dem Camp mit möglichst vielen der Aktivisten besprechen und bin deshalb gerade heftig am einladen. Das ganze berührt das Problemfeld von dem ich oben sprach sehr intensiv. Ich versuch das mal zu schematisieren:

Im Grunde kann man den Freiheitsgedanken schon mit dem Solidaritätsgedanken kontrastieren. Zum einen möchte ich immer genau das tun, was ich will und für richtig halte und mag mich nur ungern einem Sozialen Druck und einer Konvention unterordnen. Andererseits ist es häufig für alle Seiten besser, wenn jeder sich an bestimmte Regeln hält.

Meine Mutti brachte mir bei, dass man in UBahnen den Reflex sofort hineinzugehen unterdrücken soll, bis die Leute ausgestiegen sind. Als ich dann in Madrid eine Stadt erlebte, in der keine Mutti ihrem Kind sowas beigebracht hat, erkannte ich schnell die Mächtigkeit einer solchen, einfachen Konvention. Es macht wirklich für niemanden Sinn, einfach drauflos in die Ubahn zu stürmen. Das hat nichts mit Höflichkeit zu tun. Es ist einfach dumm und für /ALLE/ von Nachteil, wenn man einfach in die UBahn stürmt.

Zur Industrialisierung hat man herausgefunden, dass die Menschen mit Kapital, die anderen Menschen, die nur ihre Arbeitskraft haben, gehörig ficken können, weil die Kapitalisten immer den einen Arbeiter durch den anderen austauschen können, während der Arbeiter aber nicht die Freiheit hat, ein Angebot abzulehnen, weil es seinen Tod und den seiner Familie bedeuten kann. Wenn die Arbeiter sich aber organisieren, dann können Sie plötzlich ein gleichwertiger Verhandlungspartner werden. Der Arbeiter war durch die Bindung an eine Gewerkschaft eben Freier als vorher.

Solidarität kann also durchaus Freiheit bringen. Ich sage das auch mit Blick auf die USA, wo sich die Menschen gerade mit Händen und Füßen dagegen sträuben, dass Obama dort eine staatliche Gesundheitsvorsorge einführen möchte. Natürlich zwängt es einen jeden erstmal in etwas ein, dass er nicht kontrollieren kann. danach aber ist er freier als vorher. Diverse Schicksalsschläge können nicht mehr knall auf fall ein Leben bestimmen.

Jedenfalls ist das alles komplizierter als man denkt, mit der Freiheit. Freiheit ist deswegen auch vielleicht ein dämlicher Begriff. Heinz von Foerster formulierte wahrscheinlich in weiser semantischer Voraussicht folgenden „Ethischen Imperativ„:

Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!

[Fernseherwähnung: done!]
[Twitterlesungserwähnung: done!]
[Favchartserwähnung: done!]
[Berlin über den Klee gelobt: done!]
[Über FDP geläsatert: done!]
[Nicolesprozesserwähnung: done!]
[FreiheitStattAngstDemoerwähnung: done!]
[Atoms&Bitserwähnung: done!]
[über Freiheit geschwurbelt: done!]


5 Gedanken zu “Freiheit und so

  1. „vehement“. Sonst, ja. Und ich werde am Samstag mit sechs anderen Texanern^wSueddeutschen in Berlin sein.

    Muss mir nur ueberlegen, ob ich den ueblichen Warnungen „nimm ein Wegwerftelefon mit!!111“ diesmal folge, weil dann kann ich ja gar nicht twitpicken und quickfollowen und so. Oh Mann.

  2. Schöne Ausführungen. Um auf das U-Bahn-Beispiel zurück zu kommen: Mit Armut verhält es sich ähnlich. Armut schadet der Volkswirtschaft, gefährdet den sozialen Frieden, führt zu Problembezirken usw…
    Armutsbekämpfung ist also kein edles Anliegen, sondern ein (Achtung!) zentraler Eckpfeiler in der Architektur einer Gesellschaft.

  3. Die API Idee ist gar nicht schlecht, das könnte quasi das Gegenstück zu abgeordnetenwatch.de (das internet fragt, Politiker antworten) werden: politikerfragen.de (oder so): Politiker fragen, das internet antwortet.

    Vielleicht in einer Art moderiertem Wiki?

  4. Wenn auch auf die Gefahr hin, Dein Anliegen (besser vielleicht: das ‚allgemeine‘ Anliegen?) zu verkopfen: Die Notwendigkeit, eine Bewegung zu kondensieren, ihr einen Kopf, ein Gesicht, eine Stimme, einen Referenten zu geben … das klingt mir stark nach dem, was Gayatri Spivak als strategischen Essentialismus bezeichnet. Damit gemeint ist

    eine Weise der Selbstartikulierung, in der Anteile des Empowerments enthalten sind. [… D]ie Heterogenität der Gruppe [wird] aus strategischen Gründen unsichtbar gemacht, um sich aus einer marginalisierten Position gesellschaftlich zu Wort zu melden. [Quelle]

    Mit klareren Worten: Die Blogosphäre wird ihre farbenfrohen Eitelkeiten ablegen müssen, wenn sie sich politisch Gehör verschaffen möchte. Zeitweise ablegen. Durch einen kurzfristigen, kollektiven Ruck. Entweder alle oder keiner. Ansonsten passiert nur eins: es bleibt alles anders.

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