„wir“

kommen wir gleich zum „wir„. Ich hatte – zu recht – einige Kloppe bekommen, weil ich diesen Begriff verwendet hab. Natürlich ist dieser Begriff Mist und natürlich weiß ich das, wo ich doch immer der erste bin, der jedes „wirnegiert und bekämpft. Ich hab mich da unten in den Kommentaren etwas damit heraus gewunden, dass es eben nicht um ein uns gemeinschaftendes „wir“ gehe, sondern darum, eine Front aufzumachen nach außen. Ein „Wir“-Interface sozusagen, mit dem ich stellvertretend den Politikern auf den Schoß kotze.

Und hier möchte ich eine kurze Überlegung anlegen, über dieses „Wir“-Interface. Johnny brachte in kleiner Runde nach der Bundestags-Anhörung ein solches „Wir“-Interface zur Sprache. Ob es denn nicht sinnvoll sei, in irgendeiner Form eine organisierte Form zu schaffen, mit der die Politiker sprechen könnten, welche unsere Interessen vertritt. Natürlich keine Partei, vielleicht nicht mal ein Verein. Jedenfalls aber nicht so monothematisch wie die Arbeitskreise, die sich gegründet haben um Zensur und Vorrat, sondern mit breiterem Spektrum an Themen. So breit es eben geht.

Ich widersprach natürlich sofort auf das heftigste. Warum schreiben wir denn ins Netz? Warum setzen wir die Dinge auf die Agenda, die uns wichtig sind? Und warum tun wir genau das immer nur und ausschließlich so, wie wir es wollen?
Weil es geht. Weil das Netz uns das machen lässt. Und weil „wir“ – weil eigentlich niemand – noch irgendjemanden braucht, der ihn vertritt. Weil wir unsere Stimme nicht mehr abgeben müssten, sondern sie dazu nutzen, für uns selbst zu sprechen und für niemanden anders.

Ich bin eigentlich immer der erste, der diese Auffassung vertritt, und doch, klar, ich hab es auch getan. Ich habe ein „Wir“ benutzt und habe in einer unangebrachten Vertretung gesprochen. Da kann man mal sehen wie tief doch noch das alte Denken aktiv ist.

Andererseits: Ich fühlte beim Schreiben ja durchaus aus eine gewisse Notwendigkeit für eine solche Geste. Ich wollte nicht nur für mich sprechen. Ich wollte an dieser Stelle ja durchaus die Emotionen und Anschauungen vieler von uns bündeln und mit dieser konzentrierten Kraft noch doller auf den Tisch hauen, als ich es alleine könnte. Ich wollte, das merkt man ja auch an der Adressierung, den Politikern ein Gesicht vorsetzen.

Nichts anderes will Johnny ja auch. Er will ein Gesicht, einen Ansprechpartner, eine Telefonnummer, eine E-Mail. Nicht für uns. Für die. Denn natürlich stehen die Politiker wie Ochs vorm Berg. „Internet? Wer ist denn da der Ansprechpartner?“ Und das sah man ja auch schön, wie viele Leute geladen waren, auf dem Treffen mit der SPD. Klar, waren da unter anderem einige der wichtigsten Figuren des Protestes gegen die Sperren zugegen. Aber da musste sicher einige Recherchearbeit für geleistet werden. Und dann saßen lange nicht alle wichtigen Leute da. All die Leute, die sich engagiert haben, im Netz, mit kleineren und größeren Aktionen, Artikeln und Verlinkungen. Und die, die da saßen waren sich ja nicht mal wirklich einig über alles. Und überhaupt hatten sie ja keinerlei Entscheidnungsbefugnis. Die SPD hätte Deals noch und nöcher auf den Tisch legen können. Wer hätte sie eingehen können? In wessen Namen? Wie soll denn ein Politiker mit sowas Politik machen? Mit wem soll er verhandeln? Wen soll er fragen, was „wir“ denn wollen? Wer könnte es ihm überhaupt sagen?

Wenn wir uns auch hier so selten einig sind, bei diesem Thema der Internetzensur, so heißt das nicht viel über unsere sonstigen Übereinstimmungen. Ja, ich geh so weit, dass nicht einmal unter eingefleischten Netzbewohnern Übereinstimmung bei der Zensursache herrscht. Und bei anderen Themen, auch netzpolitischen, bin ich noch viel skeptischer. Urheberrechet zum Beispiel. Da ist so ziemlich alles vertreten. Auch für Vorratsdatenspeicherung ließen sich unter den Netzbewohnern sicher einige Befürworter finden. Ganz zu schweigen von den ganz normalen Themen: Familie, Wirtschaft, Gesundheit, Bildung etc.

Das Netz ist ein Geflecht aus Diskursen. Und alle denkbaren Diskurse finden hier auch statt. Hier wird nicht gestritten, um sich in einem Konsens zu einigen, sondern um sich gegenseitig mit Ideen zu befruchten, Informationen zu konzentrieren und herauszusenden. Das Internet pulst und atmet diese unterschiedlichen Sichtweisen, Meinungen und Weltbilder. Man kann sie nicht verengen, auf eine wie auch immer geartete Vertretung. Denn das Netz ist nicht einfach das Netz. Es eröffnet nicht den homogenen Raum einer selbstbezüglichen Bloggergemeinde, auch wenn oberflächlich betrachtet dieser Eindruck entstehen kann. Gesellschaft passiert, wo Kommunikationen stattfinden. So definierte es Luhmann sehr treffend. Und das heißt auch, dass schlussendlich hier die Gesellschaft an sich stattfindet. Nicht ausschließlich hier, das gebe ich zu. Noch.

Und als Teil dieses Netzes fühle ich mich eben nicht in erster Linie als Teil der Netzmenschen. Sondern – auch hier – als Teil der gesamten Gesellschaft, des gesamten Diskurses, das heißt all der Kommmunikationen, die die Gesellschaft sind. Deswegen wird eine Netzlobby nicht nur mir nicht gerecht. Oder Dir. Sie wird dem Netz nicht gerecht.

Und wie und was das Netz als Meinungsbildungsstruktur für die politische Landschaft für eine Rolle spielen wird. Wie es eingebunden werden wird, das wird sich früher oder später herausstellen. Wenn die Gesellschaft hier angekommen ist, wird sie sich hier auch organisieren. Wie, darüber können wir nur spekulieren. Und das ist ja durchaus erwünscht. Vor allem hier, im Netz.


5 Gedanken zu “„wir“

  1. Ich erinnere mich an einer der letzten größeren Studentenstreiks, die ich aktiv miterlebte. Jeden Abend gab es ein Plenum zu dem jeder/jede kommen konnte aber nicht musste. Das ganze organisierte sich ohne zentrale Steuerung. Das war zumindest für mich sehr auffällig. Es war einer der erfolgreicheren Streiks gewesen, wo sich sogar der Fachbereich WiWi beteiligte. Eines Abends saß eine Reporterin der lokalen Presse mit in der Runde und fragte nach einem Sprecher oder dergleichen. Wir haben alle mehr oder weniger mit den Schultern gezuckt. Hat sie nicht bekommen. Ich habe noch versucht ihr zu erklären, dass es eben eine andere Organisationsform ist. Ihre Verständlnislosigkeit quoll ihr schier aus allen Poren.

    Mein Eindruck ist, dass die Verhältnisse im Netz recht ähnlich sind. Ja es gibt den ein oder anderen prominenteren Schreiber aber sie sind keine Sprecher für alle oder Anführer oder irgendwas in der Art. Aktionen verbreiten sich netzförmig durch die Verlinkung untereinander.

    Als ich von den Ermächtigungsbestrebungen unseres Innenministers laß, kam mir der Gedanke, dass diese Strukturen für Menschen, die damit nichts zu tun haben und gerade, wenn sie in den streng hierarchischen Strukturen von Parteien und Regierung leben, bedrohlich sein müssen. Wahrscheinlich extrem bedrohlich. Man will jetzt Namen, Adresse, Ort, Zeit, uns dingfest machen, während die Karawane weiterzieht. Ein eher unkontrollierbares, weil auf vielen Einzelpersonen basierendes, System soll in eine Struktur gezwungen werden, die für Menschen, die solche Strukturen brauchen, „uns“ wieder be/er-greifbar machen. Meinungsbildung soll wieder steuerbar werden. Aber nein, da schreibt irgendjemand möglicherweise auch noch anonym einen Beitrag in seinem Blog und wenn es einen Nerv trifft, kommt das Thema groß raus. Wo kommen wir denn da hin, wenn das jeder einfach so machen kann.

    Wie auch immer. Auch wenn es anstrengend klingt und ich selbst nicht im mindestens auf lange Diskussionen Lust habe, ist einfach nicht mein Ding, so befürworte ich eine Kultur, die auf Einigung durch Diskussion ausgelegt ist mehr, als diese schwache Demokratie, wo sich die Volksvertreter nicht mehr als solche zu begreifen scheinen.

  2. Natürlich gibt es ein „Wir“, das it keinesfalls zu bestreiten. Es ist ein abstraktes Wir. So wie dieses Konstrukt der Nationalstaten: Es gibt ein deutsches „Wir“, ohne dass jemand unterstellt, dass alle Deutschen der gleichen Meinung wären…

    Was hier passiert (eigentlich alte Gedanken aus den 90ern): Das Web ist eine New Frontier, ein wilder Westen. Es hat sich nur deshalb noch nicht irgendwie konstituiert, weil es im gegensatz zu Real-World-Räumen in der Lage ist, sich selbst zu reden. Im Grunde fahren wir auf dem Niveau von Lynchmobs. (Siehe auch die Causa @npdde). Was im Reallife fatal ist, scheint im Web sogar zu funktionieren. Nur dass eben die Schnittstelle zu „denen da draußen“ fehlt, eben das Wir-Interface.

    Die Situation ist mit den USA des 18. Jahrhunderts vergleichbar. Damals wollten die Engländer reinregieren, bis es zur Boston Tea Party kam. Zensursula ist die Boston Tea Party des deutschsprachigen Web.

    Natürlich kann man jetzt Vereine gründen. Oder einfach (weil schon vorhanden) die Piratenpartei als Interface sehen. Problem ist jedoch, dass diese als Ansprechpartner nie wirklich legitimiert sind. Wer auch immer das ist: In seiner Rolle als Ansprechpartner übt dieses Interface Macht aus dadurch dass es die nach wie vor hineinrigierenden nationalen „Politiken“ beeinflusst. Das Interface würde also weder am Hineinregieren der Zensursulas etwas ändern, noch bestünde eine Kontrolle dahingehend, dass es auch in „unserem“ Sinne wirkt.

    Ich sehe hier nur 2 Möglichkeiten: Entweder das Web konstituiert sich als virtueller Staat, der eine Admininistrtion wählt, welche unsere Interessen nach außen vertritt. Dieser Weg würde zwangsläufig dazu führen, dass das Interface keines mehr ist, sondern eine Regierung, die das Web auch nach innen regiert.

    Oder 2. man verabschiedet sich von dem Gedanken des „Wir“ und eines Raumes, den es zu füllen und zu organisieren gilt und sieht das Internet nur als die Fortsetzung des Reallife. Dann bleiben wir politisch gesehen alle Bürger unserer Staaten und alle (demokratischen) Nationalstaaten sind automatisch berechtigt, hineinzuregieren, mit allen Verwerfungen, die dies wegen der Überstaatlichkeit des Webs nach sich zieht.

  3. Pingback: Freiheit und so « H I E R

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.