Der neue Klassenkampf – gegen uns


Screenshot via Anti.Guttenberggruppe

Vor ein paar Tagen schrieb ich noch raunend von einem eventuellen Klassenkampf, bei dem wir unangenehmer Weise auf der „falschen Seite“ stehen würden. Weil wir – vielleicht ohne es zu merken – zu einer Art Elite geworden sind. Weil wir gar nicht mehr merken, dass unsere Diskurse und unsere Wahrheit schon lange nicht mehr satisfaktionsfähig sind.

Nun, die Zeichen verdichten sich. Anscheinend ist das „Volk“ nicht mehr bereit, sich einfach ihren geliebten Politiker von Guttenberg von unseren weltfernen, abgehobenen und im wahrsten Sinne des Wortes „akademischen“ Diskursen entreißen zu lassen.

Ich habe diese Tendenz „Berlusconisierung“ genannt. Berlusconi konnte sich die längste Zeit auch einfach alles erlauben. Jede Unehrlichkeit, jeden moralischen Fehltritt hat er einfach umgekehrt, indem er sich als Identifikationsfigur der Imperfektion inszenierte und dann jede Kritik an seinem offensichtlichen Fehlverhalten einer „linken Kampagne“ zuschrieb. Und genau so stehen wir in den Augen vieler gerade da: als linke, vor allem intellektuelle Verschwörung.

Max Steinbeis hat einen anderen, schönen Vergleich gefunden: Sarah Palin.

„Sarah Palin in den USA macht es vor, welche unglaublichen Erfolge man mit diesem anti-elitären Ticket einfahren kann: Jeder Professor, der ihr Irrtümer und Fehlschlüsse nachweist, jeder Journalist, der sie als ahnungslos und bescheuert und totalen Blindgänger entlarvt, macht sie nur stärker. Je massiver und anspruchsvoller die Kritik, desto klarer liegt für ihre Anhänger auf der Hand: Die da oben wollen sie nur fertig machen. Also halten wir da unten um so mehr zu ihr.“

Die Berlusconisierung/SarahPalinisierung wird weiter voranschreiten. Vor allem, wenn Guttenberg jetzt damit durchkommt, ist das der Startschuss für noch viel mehr Dreistigkeit. Einige haben bereits Angst:

Ich habe inzwischen den vermeintlichen Spaß am „Doktor der Reserve“ („Der Spiegel“, 8/2011, Seite 20) längst verloren. Vielmehr habe ich Angst davor, dass sich das „System Dr. Guttenberg“ immer mehr durchsetzen wird. Ein System, das Blendwerk in den Mittelpunkt hebt, fundiertes Wissen, Ehrlichkeit, Redlichkeit und auch Menschlichkeit zu Gunsten von Einfluss und Macht jedoch immer mehr verkommen lässt. Wie ich das meiner 12Jährigen Tochter, die ausgerechnet das Gymnasium besucht, an dem Dr. Guttenberg sein Abitur machte, erklären soll, weiß ich nicht.

Und das schlimmste: bei mir und vielen anderen der „Elite“ wird das den Spaltpilz zum Nationalen wohl einfach weiter verstärken. Ich werde mich noch weniger um die nationale Politik kümmern, denn ich habe eine Alternative. Denn wie mir geht es jungen, gebildeten Menschen in den USA, in Italien und in vielen anderen Ländern. Wir werden uns gegenseitig das Ohr zuheulen ob der Dummheit unserer Landsleute und dabei viel Verständnis ernten. Und so das Problem verschlimmern.

PS: Else Buschheuer hatte letztens über ihre Erfahrung mit Facebook gebloggt (oberster Post, leider keine Deeplinks), dass Facebook irgendwie „konservativer“ sei als Twitter. Ich glaube mittlerweile, Facebook ist schlicht „repräsentativer“.

31 Gedanken zu „Der neue Klassenkampf – gegen uns

  1. Das ist natürlich eine schwierig zu beantwortende Frage. Jedes Wir ist rhetorisch, das ist mir schon bewusst. Aber in diesem Fall kannst du einfach behelfsmäßig deine Wertpräferenzen befragen: bist du dafür oder dagegen, dass Guttenberg wegen seiner Verfehlungen als Politiker ausgespielt haben soll? Wenn ja, bist du zumindest für einen nicht geringen teil der Bevölkerung einem „die“ zugeordnet, dass von hier wie ein „wir“ aussieht. 😉

  2. Verrückt, ich habe zeitgleich ganz ähnliches gedacht und aufgeschrieben. Nach unserer Diskussion hier neulich aber auch nicht wirklich verwunderlich.

    Meiner Meinung nach ist es jetzt an uns als „Elite“, etwas gegen diesen sich anbahnenden Klassenkampf zu tun. UNd wenn wir erstmal nur damit anfangen, uns daran zu erinnern, dass unsere Geisteshaltung ein Luxus ist, der nicht jedem zugeflogen ist. Dass wir herablassend wirken, wenn wir uns herablassen müssen.

    http://alrightokee.de/meinung/die-da-oben-und-die-da-unten/

  3. Ich glaube zu einer Berlusconisierung fehlt noch einiges. Z.B. Die Medien. Die deutschen Medien mögen zwar nicht super sein, aber im Vergleich zu den USA und zu den quasi-Berlusconi-unterstehenden italienischen Medien sind die deutschen Medien hier noch richtig kritisch.

    Ich bezweifele sogar, dass hier überhaupt eine neue Entwicklung stattgefunden hat. Allein die Zahl der BILD-Zeitungsleser zeigt doch, dass es schon immer ein „Volk“ vs. „Bildungselite“ gab. Erst jetzt mit Facebook und solchen Gruppen wird das ganze auch für uns sichtbarer.

  4. Facebook ist nicht repräsentativer als Twitter. Facebook konfrontiert den Nutzer stärker mit den ganzen Paralleluniversen. Twitter erlaubt dem Nutzer eine stärkere Fokussierung und schottet ihn insofern ab. Die Filter funktionieren hier eben anders.
    Meiner Meinung nach ein Grund für die unter Twitter-Nutzern z.T. erkennbare Bedeutungsüberschätzung des Dienstes.

    Gute Festellungen ansonsten, auch wenn Du für meinen Geschmack grundsätzlich mal ein wenig von diesen viel zu häufigen Begriffsetablierungsversuchen absehen solltest.

  5. Das ist kein Klassenkampf, sondern ein Generationenkonflikt in einer Klasse. Zukünftige vs. alte Elite, wobei die alte eben auf ihre Machtposition baut, die u. a. in ihrer Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft, deren Totalität ja nun alle anderen Klassen akzeptieren, besteht.

  6. Die Regierenden in (wie auch immer) demokratischen Staaten regieren das Volk jetzt auch deshalb immer dreister, da sie den Machtkampf gegen die Wirtschaft ganz leise verloren haben. Es dient auch dazu zu verschleiern was wirklich passiert. Man braucht also ohnehin eine weit gefächerte „zum Deppen Abstempel Strategie“, damit die große Klammer um das ganze neokonservative Gedankengut herumpasst. Der Versuch ist da, ich habe Hoffnung, dass es zumindest in Europa nicht gelingen kann. Aufklärung in ehrlichen und einfachen Worten wird eine herausragend wichtige Aufgabe. Ganz überspitzt gesagt braucht es eine linke Bildzeitung. Vom letzten Satz ist mir jetzt selber schlecht, aber ich denke dennoch, dass das ein Ansatz wäre.

  7. … und die Neue auf das pedantische Einhalten der angeblichen Werte der Alten besteht, die dann wieder genau so lange halten werden wie es nötig ist. Guttenberg ist doch selbst als junger, establishment-ferner Politiker angetreten. Ich seh hier keinen Klassenkampf (was hat denn die „bildungsferne Klasse“ von Guttenberg? Wo setzt die denn ihre Interessen durch?) und erst recht keine Entwicklung, sondern den ständigen Machtkampf und Austausch an der Spitze der bürgerlichen Gesellschaft.

  8. Adrian – ich glaube das größte Mißverständnis der Linken ist, dass die Unterpriveligierten sich nach Leuten sehnen, die ihre Interessen vertreten. Das Gegenteil ist dagegen beobachtbar.

  9. Das Gegenteil wäre dann was? Dass die „Unterprivilegierten“ sich nach Leuten sehnen, die nicht ihre Interessen vertreten? Meinetwegen, aber was hat das mit dem zu tun was ich geschrieben habe?

  10. Pingback: WiRRESWiRKEN » links for 2011-02-22

  11. Die Situation in Italien ist ein komplett andere wie in Deutschland. Italien ist – wenn man denn unbedingt will – vielleicht abgeschwächt eher mit Libyen zu vergleichen. Aber Berlusconi und Guttenberg sind zwei extrem verschiedene Laufrillen. Was den medialen Werdegang und ihre Kompetenzen anbelangt, aber vor allem – und das hat sicherlich damit zu tun – der nun jeweils resultierenden Wirkungen und Erkenntnisse. Anschaulich: Nehme man alle Skandale beider Personen und erlöse sie davon, dann hat man auf der einen Seite einen alten Medienmogul, der politisch keine Fähigkeiten hat und auf der anderen Seite einen Politiker, der nicht viel anders ist als all die anderen (mit denen wir in Deutschland übrigens bei allem Übel dann doch noch viel Glück haben). Das ist ganz entscheidend.

  12. Thomas – Mir ging es weniger darum die beiden Personen gleichzusetzen oder zu vergleichen, sondern politische Möglichkeitsspielräume aufzuzeigen, die sich hier entwickeln, die eben nicht von Guttenberg/Berlusconi bestimmt sind, sondern von der öffentlichen Meinung. Nämlich die Tatsache des „Verzeihens“ von vorgeblichen „Schwächen“, wenn der jeweilige nur charismatisch genug auftritt.

  13. Ich stimme mspro tendenziell zu und vermute: Der jetzt sichtbar gewordene Pöbel der Guttenberg-Apologeten wünscht sich keine Meritokratie – sei es aus Furcht vor Kritik am eigenen Werk bzw. Wirken oder meinetwegen auch einfach, weil es ihren Narrativ angreift (Wann war das letzte mal in Deutschland ein Mann des Adels für die Kriegsführung zuständig?).

    Und da ist der Knackpunkt: Die von mspro genannte Internet-Elite funktioniert im Kern über Geleistetes, Respekt gibt es nun einmal nicht aus stilistischen Gründen. Jeder, der Andere in diesem Kontext maßgeblich respektiert, weil sie gekonnt Artikel, Vorträge, Software produzieren, ist mit auf der „falschen“ Seite – und muss nun bei Facebook schmerzhaft feststellen, dass halbwegs normal aussehende Menschen mitten unter uns leben, die nie die geistige Reife eines Grundschulkinds erreicht haben.

  14. Wenn die Internet-Elite über Geleistetes funktionieren würde…
    Sie verstehen worauf ich hinaus will.

  15. „Ich werde mich noch weniger um die nationale Politik kümmern, denn ich habe eine Alternative.“ (mspr0)

    „Soll doch wohnen wer will! Ich weiß wie’s geht. ICH WOHN JETZT NICHT MEHR!!“ (Gerhard Polt)

  16. Ach ja und weil ich gerade noch mal die Überschrift vor Augen hatte: Klassenkampf passt ja nicht, aber das weißt du sicherlich. Aber es ist sicherlich, vorsichtig herantastend gesagt, eine neue beginnende Intellektuellen-Feindlichkeit.

  17. @Thomas Maier: Neu, beginnend? Wo wart ihr die letzten 50 Jahre als die BILD die größte Zeitung Deutschlands war?

    @erlehmann: Wieso quatsch? Was ist an der Situation nicht als Generationenkonflikt zu erklären? Was ist nicht wahr daran, dass ständig Leute als die Neuen, Guten, Sauberen auftreten und wenige Jahre später die Alten, Bösen, Schmutzigen sind? Was ändert sich tatsächlich jenseits des Austauschs von Gesichtern an Machtverhältnissen, Werten, … ?

  18. „bist du dafür oder dagegen, dass Guttenberg wegen seiner Verfehlungen als Politiker ausgespielt haben soll?“

    I don’t fucking care.

    Beim Klassenkampf geht’s um die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zwischen denen, die zur Arbeit gezwungen sind, und denen, für die Arbeit neben der Möglichkeit des Arbeitenlassens steht. Kommunisten hoffen, daß die dabei aufscheinenden Möglichkeiten irgendwann zu einer anderen Vergesellschaftung ohne Klassen führen könnten.

    Du hoffst also, dem üblichen Arbeitszwang schon beinahe entkommen zu sein und befürchtest, daß dich der Mob wieder in den Sumpf hinunter zieht, wenn du nicht auswanderst?

  19. classless – lol! so kann man es auch ausdrücken! :))) So konkret war das gar nicht meine Befürchtung, aber jetzt wo du es sagst.

    Im Ernst: ich glaube nicht, dass es noch sowas wie einen klassischen Klassenkampf geben wird. Weil: es gibt ja eigentlich kaum mehr Arbeiter. Und selbst die werden bald wegrationalisiert. Dennoch gibt es Privilegierte und weniger Privilegierte und ich gehöre zweifellos zu ersteren. Und was immer ich habe, sei es nur kultureller, sozialer oder politischer Status wird bedroht durch den Support des Volkes für Guttenberg.

    Ich persönlich kann damit leben. Aber ich bin mir sicher, dass das noch einen Rollback gibt. Ich wette im Philologenverband brodelt es bereits gewaltig. Und der ist traditionell sehr Einflussreich. Man darf gespannt bleiben.

  20. Kurz: der Bildungs-Wut-Bürger wird dem Guttenberg noch ordentlich in den Arsch treten. Er hat immerhin sein Heiligstes geschändet: die Universität.

  21. Adrian: Wenn das einen-auf-sauber-machen-dann-demaskiert-werden ständig passiert, ist es ist nicht verwurzelt in einer bestimmten Generation. Das Wort Generationenkonflikt konnotiert das aber (oder tut es das nur für mich). Insofert finde ich „Klassenkampf“ von der Kategorisierung her richtiger (wenn auch trotzdem noch verfehlt).

    classless: Das Ding mit dem üblichen Arbeitszwang war einige Zeit lang ein guter Gesprächseinstieg auf Parties: „Sag mal, wovon lebt eigentlich mspro?“ Die häufigste Vermutung war, seine Eltern finanzieren das wohl alles.

  22. erlehmann: ich hab nicht behauptet, dass irgendwas in einer Generation verwurzelt wäre. Ganz im Gegenteil, ich meine, dass die Generationen austauschbar sind. Und genau das findet statt: Ein Austausch. Ein Austausch von Gruppen, die in der Position der jeweils anderen von diesen ununterscheidbar sind,

  23. Ich erlebe genau das, was du beschreibst jeden Tag in meinem Job. Ich bin von Leuten umgeben, die ich abends auf Facebook wieder treffen könnte. Ich kann meinen Kollegen und Kolleginnen oft nur schwer vermitteln, warum ich meine Arbeit so tue wie ich sie eben tue, kann nicht erklären, warum ich schneller und effektiver arbeiten kann als sie. Oft werden meine Ideen nicht ernstgenommen oder nicht verstanden. Erfolge werden nicht verstanden. Die Leute sind nicht mal dümmer als ich oder schlechter ausgebildet, aber ihnen fehlt einfach etwas, von dem ich den Namen nicht mal kenne. Es klebt an mir aber es ist gut.

  24. „ich glaube nicht, dass es noch sowas wie einen klassischen Klassenkampf geben wird. Weil: es gibt ja eigentlich kaum mehr Arbeiter. Und selbst die werden bald wegrationalisiert.“

    Ich weiß nicht, auf welchem Planeten du lebst, aber auf der Erde sind alle, die nicht von Almosen, Erbschaften und Arbeitenlassen leben, nach wie vor zur Lohnarbeit gezwungen. Das Angebot an Arbeitsplätzen hat daran bislang nichts geändert; das erhöht im Zweifelsfall nur die Zahl der Überflüssigen, Abgehängten und Hungertoten, soweit ich das überblicke.

    Damit hast du ja auch kein Problem, wenn du dein Auskommen hast.

  25. Wie lustig Edo Z, das habe ich mich auch gerade gefragt. Die Anwort scheint noch auszustehen…

  26. siehst du den zusammenhang zu deinen filtersouveränitätsthesen? für mich ist die filtersouveränität bereits im wesen der menschen gegeben, die welt um sich zu filtern. das internet erweitert diese souveränität um eine wichtige komponente. doch was sind die konsequenzen? ich glaube, die gesellschaft wird sich noch viel stärker segmentieren. ansätze davon sind bereits im urbanen raum sichtbar. da kann ich mir auswählen mit wem ich befreundet sein will und es bilden sich peer-groups. das internet verstärkt diesen effekt nur enorm. doch wie leben wir in 30 jahren ZUSAMMEN?

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