Willkommen zu Krasse Links No 76. Sorry, dass so lange nichts kam, aber erst war ich ausgebrannt, dann passierte alles auf einmal und dann musste ich erstmal meine Gedanken auf Mastodon neu sortieren. Aber jetzt arretiert Eure Souveränität, heute leveragen wir Henry Farrell als Pfadgelegenheit, um der Dollar-Hegemonie das Fulcrum aus dem Fenster zu klauen.
Durch das Weltereignis-DDos sind einige newsletterrelevante Entwicklungen undokumentiert geblieben, die ich, sorry, hier kurz nachreiche:
- Purge-Koalition: Der Tiktok-Deal ist nun unter Dach und Fach und damit sind alle notwendigen „Infinity Stones“ im Purge-Handschuh. Und während wir warten, dass Trump „Schnipp“ macht und Larry Ellison (die Eigentümerstruktur ist komplizierter, aber allgemein jetzt sehr Trumpnah), Mark Zuckerberg und Elon Musk alle linken, pro-palästinensischen und antifaschistischen Accounts den Hahn zudrehen, wurden um Weihnachten die ersten Vorboten des Purges auch in Deutschland spürbar, als die Macherinnen von HateAid auf die Sanktionsliste gesetzt wurden und der Roten Hilfe und anderen antifaschistischen Organisationen die Konten gekündigt wurden.
- Massensprechaktwaffen: Elon Musk hat Grok nun mit einer Image-Engine ausgestattet, die Menschen „ausziehen“ kann und mit der die User bereits Jagd auf etliche Frauen und Kinder machen. Inzwischen hat Musk „reagiert“ und das Feature nur noch für Pro-User freigeschaltet. Das ist folgerichtig: jetzt, wo auch für MAGA offensichtlich ist, dass ihre halbe Polit- und Wirtschafts-Elite in den Epstein-Files steht, aber niemand irgendwas deswegen tut, ist der Markt reif für „Epstein as Service“ als exklusives KI-Feature. Immerhin will die EU jetzt einschreiten?
- Fossilimperium: Trump hat völkerrechtswidrig Venezuela überfallen, den Präsidenten Maduro entführt und behauptet, er würde das Land jetzt per Fernbedienung steuern, aber ich habe Zweifel. Allerdings nicht daran, dass es ihm um das Öl geht – er erzählt es jedem, der es nicht hören will. Auch wenn abzuwarten bleibt, was die Aktion überhaupt gebracht hat, steht fest: Trump konsolidiert die Weltordnung weiter in Richtung PetroStates vs. ElectroStates.
- Trumpfaschismus: Die USA gleiten auch innenpolitisch immer tiefer in den Faschismus ab. Die Morde an Renee Good Und Alex Pretti sind nur die Spitze des Eisbergs. Seit der Trump-Präsidentschaft sind bereits mehr als 40 Menschen unter ICE Einwirkung zu Tode gekommen. Die meisten davon nicht weiß.
- Genozid in Gaza: das „Board of Peace“ wurde gegründet, um der Ethnischen Säuberung den Anschein internationaler Legitimation zu verleihen, ohne dabei zu verheimlichen, dass es hier eigentlich um einen Realestate-Deal geht. Trumps Schwiegersohn Jared kushner stellte jüngst den „Masterplan„, zur Neu-Bebauung von Gaza vor, mit Hotels, 180 Wolkenkratzern und etlichen Golfplätzen. Gaza wird damit zum Symbol gewaltsamer Gentrifizierung auf globalem Level.
- Derweil kündigt sich der nächste mögliche Genozid an: Kobanê wird von den Truppen des neuen syrischen Machthabers Ahmed al-Scharaa bedroht, der zusammen mit von der Türkei unterstützten Islamisten gegen die kurdische Autonomieregion vorrückt und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet – unter Billigung Trumps. Vor wenigen Jahren waren es vor allem die Kurden, die den USA und der westlichen Allianz halfen, ISIS aus Syrien und Irak zu vertreiben. Jetzt lassen die Amerikaner ihre ehemaligen Verbündeten von Islamisten abschlachten. Und die Bundesregierung schiebt dorthin wieder ab?
„Hours after an ICE agent killed the mother of three, Elon Musk’s chatbot was undressing her.“
Was für ein Satz. Was für eine Welt.
Garbage Day über weirde Shaddow Bans seit der Tiktok-Übernahme.
TikTok users are reporting that political posts are being complete throttled on the platform right now. There’s screenshot circulating on X of the producer Finneas’ account showing 0 view counts on his most recent videos. Which showed up for me, as well, when I checked it. But after a few refreshes, the page did start loading properly. […]
Normally, I would say that it would take a considerable amount of time to completely overhaul the algorithm for site like TikTok. But now that we’ve seen how fast X, formerly Twitter, changes due to the whims of its own mad king, Elon Musk, I wouldn’t say it’s totally impossible.
Gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der nervös ist.
Weihnachten war ich geDDosed von der Welt, im neuen Jahr von meinen eigenen Gedanken.
Ich nahm ich mir den Begriff „Leverage“ vor, der sich mir schon seit längerem aufdrängte, den ich mir aber nie wirklich traute, ernsthaft zu adaptieren und analytisch zu durchmessen, was ich dann in einem öffentlichen, etwas eskalierten Nachdenkt-Prozess auf Mastodon über knapp 10 Tage nachholte und was soll ich sagen: Der Hebel war das fehlende Puzzelteil des Relationalen Materialismus und der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten.
Das Interessante am Hebel ist nicht der Hebel selbst, sondern das Fulcrum, also der sogenannte „Dreh und Angelpunkt“, gegen den ein Hebel hebt und als ich genauer hinschaute, entfaltete sich das Fulcrum in einer ähnlichen Tiefe und Komplexität, wie bereits die Pfadgelegenheit und wird dadurch gleichzeitig erstaunlich übertrag- und universell einsetzbar.
Ich schreibe gerade an einem längeren Explainer dazu, aber ganz grob runtergebrochen werden Hebel und Fulcrum zu Rollen: Der Hebel ist das, worauf du direkt Kraft (Arbeit, Input, Query, Prompt, Eigenkapital) ausübst und das Fulcrum ist das, was die Kraft überträgt und durch Stabilität und Steifheit verstärkt. Gleichzeitig ist das Fulcrum aber auch, das was „halten“ muss, damit die Hebelaktion „gelingt“ und weil man das aber ja nie vorher wirklich wissen kann, ist das nichts weiter als eine formulierte „Erwartung“, was jede Hebelaktion gleichzeitig zur „Wette auf das Fulcrum“ macht und dazu führt, dass wir alle bis über beide Ohren bei unserer Infrastruktur „verschuldet“ sind.
Denkt man das Fulcurm in seiner Komplexität, vereinfacht sich aber etwas anderes, denn dann wird Hebel:Fulcrums-Beziehung mehr als metaphorisch, sondern analytisch anwendbar auf praktisch alle Weltnutzungsbeziehungen, also eigentlich alles, was wir hier „Pfadgelegenheit“ nennen.
Da die Pfadgelegenheit bekannter Maßen ein Vektor aus Perspektive, projizierter Handlung und dafür notwendiger Infrastruktur ist, können wir die Infrastruktur selbst wieder unter-vektorisieren als Hebel und Fulcrum. Der Hebel ist das sichtbare Etwas ist, das man mit und an dem Fulcrum nutzt, also all das, was seine Wirkung auf die Welt ermöglicht und verstärkt. Und weil das Fulcrum dafür „halten“ muss, ist das Fulcrum gleichzeitig, oder – eigentlich – eine Wette auf die Infrastruktur. Eine „Erwartung“, die, wenn sie selbst erwartet wird, also mit weiteren Pfadgelegenheiten bebaut wird, quasi „beliehen“ wird. Daraus ergibt sich eine mentale Finanzstruktur in Form eines „Pfadgelegenheits-Portfolios“ (statt des „Weltmodells“ der Kognitivisten), in dem die aufgetürmten Wetten auf Wetten die aggregierten Funktionserwartungen von einander pfadabhängigen Infrastrukturen repräsentieren.
Das macht jede Pfadgelegenheit aber auch zu einer Weiche. Wenn die Pfadgelegenheit beschritten, also der Hebel umgelegt wurde, hat man den Pfad gewechselt und in einen neuen Pfad „investiert“, ob man will oder nicht. Das mag in vielen Situationen keine soo große Rolle spielen und Pfadkorrekturen sind in den meisten Fällen auch möglich, in anderen kann so eine Pfadentscheidung auch zum Verhängnis werden.
Deswegen gibt es zwei ganz besonders relevante Typen von Pfadgelegenheiten:
Onramps und Offramps. Onramps etablieren eine habituelle Hebelnutzung, Offramps beenden sie. Allerdings erwarten Offramps eine Pfadalternative als Argument.
Mark Carneys Davos-Rede ist aller Munde und auch ich konnte nicht anders, als einen kleinen Freudenschrei auszustoßen, wenn so offensichtliche Wahrheiten endlich einmal so klar formuliert von einem westlichen Staatschef ausgesprochen werden.

We knew the story of the international rules-based order was partially false that the strongest would exempt themselves when convenient, that trade rules were enforced asymmetrically. And we knew that international law applied with varying rigour depending on the identity of the accused or the victim.
This fiction was useful, and American hegemony, in particular, helped provide public goods, open sea lanes, a stable financial system, collective security and support for frameworks for resolving disputes.
Hegemonie ist nie gerecht, aber für viele nützlich (oft sogar für ihre Gegner*innen), denn sie schafft leveragebare Erwartungsstabilität. Die Erwartungsstabilität wird zur Infrastruktur, auf der sich die Akteure in der Welt verständigen, Konflikte lösen und Handel treiben, etc. Und so lange man auf der „guten Seite“ der USA stand, konnte man als „westliches Land“ und teil des ein oder anderen Bündnisses, diese Früchte genießen – auf Kosten derjenigen, die nicht zum engeren Kreis gehörten.
This bargain no longer works. Let me be direct. We are in the midst of a rupture, not a transition.
Over the past two decades, a series of crises in finance, health, energy and geopolitics have laid bare the risks of extreme global integration. But more recently, great powers have begun using economic integration as weapons, tariffs as leverage, financial infrastructure as coercion, supply chains as vulnerabilities to be exploited.
You cannot live within the lie of mutual benefit through integration, when integration becomes the source of your subordination.
The multilateral institutions on which the middle powers have relied – the WTO, the UN, the COP – the architecture, the very architecture of collective problem solving are under threat. And as a result, many countries are drawing the same conclusions that they must develop greater strategic autonomy, in energy, food, critical minerals, in finance and supply chains. […]
Hegemons cannot continually monetize their relationships.
Das Ende einer infrastrukturellen Hegemonie ist teuer für alle, aber wenn Donald Trump den in seinem Sinne gezinkten Pokertisch umwirft, weil er nicht mal mehr Lust hat, so zu tun, als hätte irgendwer anderes mitzureden, dann wird es Zeit, Offramps zu organisieren.
Hier sollte eigentlich auch etwas zu Friedrich Merz‘ Davos-Rede stehen, aber alles, was ich schrieb, war zu viel.
Henry Farrell hat zusammen mit Daniel Davies ein neues Paper draußen, dass sich der „weaponization“ der „Dollar-Zentralität“ widmet.
Ein paar Worte zu Farrell: Sein Paper zu „Weaponized Interdepdence“ (2019) zusammen mit Abraham L. Newman war ein wesentlicher Baustein für meine Analyse im Plattformbuch, wie Plattformen politische Macht ausüben und könnte nebenbei auch die intellektuelle Vorlage der Carney-Rede gewesen sein.
Jedenfalls analysieren Davies und Farrell in ihrem neuen Paper die Weaponization der Dollarhegemonie, indem sie sie als kybernetischen Feedbackmeachnismus also quasi als Netzwerkeffekte denken.
In cybernetic terms, collective judgements, incentives, and expectations form a regulatory subsystem. However, where positive feedback loops develop and spread, changes are amplified and existing orders will be often weakened and perhaps even collapse.
Und auch Farrell und Davis merken, dass das alles mit Netzwerkzentralität zu tun hat.
‘Dollar centrality’ is a political-economic concept that refers to the extreme attractiveness of the US dollar as a currency for transactions and investment. […]
The conveniences of dollar centrality for facilitating financial transactions are inseparable from the dollar payment system and its rules as set by the US government. International actors might prefer not to follow these rules, but it would be very painful to lose the enormous benefits of dollar centrality. Many international commercial payments take place in dollars, for ease and convenience. Even those that are not denominated in dollars often touch the dollar payment system, because the dollar is the ‘vehicle’ currency for foreign exchange – a trade of yen for pesos will usually exchange yen for dollars and then dollars for pesos to take advantage of the more liquid dollar markets.
Ich würde konkreter sagen: der Dollar nimmt eine Netzwerkzentralität im Netzwerk der Pfadgelegenheiten ein und das heißt in diesem Zusammenhang konkret, dass man die Pfadgelegenheit Dollar 1.) leichter als jedes andere Geld in alle möglichen anderen Pfadgelegenheiten verwandeln kann (transitive Liquidität) und man 2. Dollar braucht, um einen ganzen Strauß von Pfadgelegenheiten überhaupt nehmen zu können (pfadvoraussetzende Liquidität). Daraus ergibt sich ein erheblicher Lock-In, mit erheblichen Vorteilen für die USA. Alle wollen Dollar und handeln daher mit ihnen, denn das ist der beste Weg, an Dollar zu kommen. Und während alle anderen echte, materielle „Goods & Services“ nach drüben schiffen, müssen die Amerikaner nur das Spreadsheet der Federal Reserve mit Nullen auffüllen, um all das zu bezahlen, wie Cory Doctorow so schön zusammenfasst.
Zunächst wurde dieses Asset von den USA gehegt und gepflegt und es wurde acht darauf gegebenen, dass die Security Agencies der wachsenden Infrastrukturmacht nicht ins Handwerk pfuschen, doch spätestens seit dem 11. September wurde die Dollar-Zentralität immer mehr zum Fulcrum für allerlei Sicherheitshebel, speziell Geldwäscheüberwachung und Sanktionsmechanismen.
Diese Hebel waren langfristig zu attraktiv? Schließlich kann man dadurch nicht nur Banken und Staaten disziplinieren, sondern eigentlich alle wirtschaftlichen Akteure, sofern sie auf Banken angewiesen sind.
Dollar hegemony and US law generated powerful incentives for compliance across the world. Although the legal basis for many actions against non-US actors was surprisingly weak, the fear of being denied access to dollar clearing was sufficient incentive to comply, especially for financial institutions. […]
Financial institutions’ aversion to risk worked as a force multiplier of US coercion. Sanctions compliance, like other forms of anti-money laundering policy but unlike most bank regulation, is enforced by sometimes unpredictable ex post regulatory punishments rather than exante provision of a checklist of required actions.
Doch je mehr diese Hebel bedient werden, desto deutlicher erodiert ihr Fulcrum – also die Akzeptanz der Dollar-Hegemonie. Insbesondere China und die EU werden mittel bis langfristig Pfadalternativen zur Dollarabhängigkeit suchen und schaffen.
This plausible near-future scenario has all the characteristics of a positive feedback loop. Under current circumstances, the EU has strong reasons to do everything it can to escape American hegemony. The US, for its part, has strong reasons to do everything it can to prevent this from happening. The more that the EU tries to get away, the more the US will do to pin it down. In this scenario, there do not appear to be any players, systems, or entities who combine the three necessary features to play a stabilisierung role: the capacity to model the effects of their actions on the overall system, the power to generate sufficiently strong feedback, and the incentive to maintain the current system rather than watch it tear itself apart.
Beim Nachdenken über „Leverage“ merkte ich, dass ich die Hebel-Fulcrums-Logik bereits im Plattformbuch impliziert hatte: Plattformmacht ist Netzwerkmacht + Kontrollregimes, wobei ich erst nachträglich gemerkt habe, dass die Netzwerkmacht (der durch die Netzwerkeffekte erzeugte allgemeine Lock-In) das „Kontaktzonen-Fulcrum“ ist, auf dem die Hebel der Kontrollregimes (Infrastrukturregime, Zugangsregime, Query-Regime, etc.) ansetzen.
Die Hebel der Kontrollregimes ermöglichen wiederum weitere, übergeordnete Hebel – unterschiedliche „Politiken“ – etwa die „Politik der Pfadentscheidung“, die das Infrastrukturregime leveraged, um die Pfade der Nutzenden im eigenen Sinne vorzudefinieren. Die USA haben diese Politik lange als den wichtigsten Hebel in ihrer Außenpolitik betrachtet (Dollarhegemonie, Etablierung und Kontrolle internationaler Institutionen, Handelsverträge, „Soft Power“ und „semantische Hegemonie“ in Tech, Hollywood und Popkultur, etc.)
Daneben beschreibe ich aber auch einen anderen Hebel und der ist direkt von Farrell/Newman 2019 abgeleitet: „Die Politik des Flaschenhals“ (Chokepoint Politics). Man nutzt Netzwerkzentralitäten im Pfadgelegenheitsnetzwerk, um anderen Zugang dazu zu verwehren, oder damit zu drohen, um Zugeständnisse und Disziplin zu erpressen. Das ist das Geschäftsmodell aller Plattformen (Enshittyfication), aber wie mir später bald aufging, eigentlich aller Transaktionen im Kapitalismus, wenn man Netzwerkzentralität nicht „total“ denkt (dann denkt man sie eh falsch), sondern als „relative Netzwerkzentralität“ in konkreten Zusammenhängen und sich nicht an „Profiten“ orientiert, sondern an „Margen“.
In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist der Fall also klar: Seit Donald Trump am Ruder ist, nutzt er die in dem Paper von Steven Miran beschriebenen Hebel, um aus dem Fulcrum amerikanischer Dollarhegemonie (und alle anderen Abhängigkeiten) per „Politik des Flaschenhals“ die aus der Weltgemeinschaft extrahierbare Marge zu optimieren.
Donald Trump denkt, er sei im Schlaraffenland, denn er hat das Hebeln als „Unternehmer“ im Kapitalismus gelernt, weswegen er kein Gespür für das Fulcrum hat. In seiner Welt werden die Fulcrums-Kosten seiner Hebel für gewöhnlich als „Externalität“ auf die Gesellschaft abgewälzt und die kann viel absorbieren, wie wir alle ständig feststellen. Hence, „Libertarian Mindset“.

Doch inzwischen sind Trumps Hebel so groß und schmerzhaft, dass das Fulcrum, auf dem er leveraged, bereits Anzeichen von Brüchigkeit zeigt, wie Farrell und Davis im Paper aufzeigen.
Such a feedback loop would help destabilise the US dollar. A digital euro might create an alternative to dollar clearing that is stabilised by the rule of law and hence less open to political influence and weaponisation. It is equally possible that the EU eventually will find itself obliged to acquiesce to US hegemony. There is no reason to necessarily believe that the system will soon settle down to one or the other equilibrium (or to some other stable state): continued oscillation and uncertainty is a perfectly possible outcome.
Ob es so kommt, bleibt abzuwarten. Meiner Erfahrung nach sollte man die Beharrungskräfte der Netzwerkmacht nicht unterschätzen?
Henry Farrall hat auch einen sehr lesenswerten Newsletter und in der letzten Ausgabe denkt er lesenswert kulturanthropologisch über Davos als Ritual und auch Carneys Rede nach.
Dafür führt er das Buch Rational Ritual: Culture, Coordination, and Common Knowledge, des Kulturtheoretikers Michael Suk-Young Chwe an, der Rituale in ihrer Funktion zur Synchronisierung von Erwartung analysiert und als Beispiel nimmt Chwe die Praxis von Königen, durch ihr Land zu fahren, um sich als Machthaber dem Volk zu zeigen.
Our interpretation focuses exactly on publicity, the common knowledge that ceremonies create, with each onlooker seeing that everyone else is looking too. Progresses are mainly a technical means of increasing the total audience, because only so many people can stand in one place; common knowledge is extended because each onlooker knows that others in the path of the progress have seen or will see the same thing.
Machtprojektionen funktionieren nie individuell, sondern immer dividuell: Sehen ist performativ: Dein Sehen erlaubt und beglaubigt mein Sehen und umgekehrt.
Wenn also die Davos-Interpretationen von Adam Tooze und Paul Krugman stimmen, dass Trump dort alle Türen mit dem großen Hebel einrennen wollte, um sich vor der Weltelite zum König der Welt zu krönen, mit Grönland als Krone, und dabei merkte, dass er ins Leere hebelt, dann ist mehr schief gegangen, als nur eine mißlungene Gelegenheit, Macht zu projizieren, so Farrell:
We should think about Davos as a site and moment of ceremony, in the terms that Chwe lays out, which cements common knowledge about who is in charge, and what the principles of rule are. That, in turn provided Trump with a possible opportunity to anoint himself as the central figure in a new vision of the West […]
The ceremony was disrupted, by European threats of retaliation, which in turn led the market audience to express its unhappiness, and by Carney’s quite deliberate and self-conscious effort to crack the illusion of inevitability.
Das ist, was eigentlich passierte: Die Illusion von Unabwendbarkeit/inevitability wurde zerstört. Carney macht das expklizit, indem er Václav Havels bekannte Greengrocer-Geschichte beleiht:
Every morning, this shopkeeper places a sign in his window: “Workers of the world, unite!” He doesn’t believe it. No one does. But he places the sign anyway to avoid trouble, to signal compliance, to get along. And because every shopkeeper on every street does the same, the system persists.
Not through violence alone, but through the participation of ordinary people in rituals they privately know to be false.
Havel called this “living within a lie.” The system’s power comes not from its truth but from everyone’s willingness to perform as if it were true. And its fragility comes from the same source: when even one person stops performing — when the greengrocer removes his sign — the illusion begins to crack.
Weil wir keine Individuen sind, die Macht beobachten, sondern Dividuen, die einander beobachten, wie sie Macht beobachten, operiert Macht immer schon im Raum der vernetzten Erwartungen und ganz besonders Trump. Das ist gleichzeitig seine größte Stärke, und größte Schwäche/Angreifbarkeit.
All das was Carney sagt, sagen Linke seit Jahrzehnten, aber das in diesem spezifischen sozialen und diskursiven Raum – ein zeitlicher und örtlicher Glutpunkt eben jener Ordnung, dessen Schild Carney gerade aus dem Fenster nimmt –, aus dem Mund eines Eststablishment-Bürokraten wie ihm, reißt nicht nur ein Loch in Trumps Machtprojektion, sondern eröffnet gleichzeitig für alle anderen einen möglichen alternativen Pfad aus dem Wahnsinn, als Offramp aus der „amerikanischen Ordnung“.
Hab noch nicht reingehört, aber Farrell war auch gerade zum Thema bei Ezra Klein.
Weil Canada seine Bestellung von F35-Fighterjets reduziert, droht Trump mit der Beendigung militärischer Zusammenarbeit.
Ich schlage eine andere Definition von „Souveränität“ vor:
Souveränität ist, einen Pfad nicht gehen zu müssen.
Souveränität oder nicht ist also eine Frage, die sich nicht allgemein, sondern immer nur spezifisch und situativ entscheiden lässt. „Souverän“ ist man nur gegenüber Pfaden, oder eben nicht.
Die Bedingung der Möglichkeit der Souveränität ist also die Möglichkeit „Nein“ zu sagen und die beruht auf zwei Pfeilern:
- Die Vorhandenheit von Pfadalternativen und/oder
- die Bereitschaft zu verzichten und die Kosten dafür zu tragen.
In der Realität braucht es immer eine Mischung aus beidem, denn Pfadalternativen sind selten gleichwertig und ohne Pfad geht es sowieso nicht, also werden die meisten Pfadalternativen mit erheblichen Wechselkosten bezahlt.
Ja, die Kosten, sich vom Empire loszusagen sind ohne Frage hoch. Aber die Kosten, diesen Pfad in Trumps faschistischen Wahnsinn weiter mitzumarschieren, werden unendlich viel höher sein. Das sagt jedenfalls meine Q-Function.
Mattew Remski warnt aus marxistischer Perspektive davor, Mark Carney nach seiner Ansprache als Genossen zu feiern.

Carney nimmt zwar sein Schild aus dem Fenster, was den Ordnungsanspruch durch die USA angeht, ist aber sonst very much Pro-Kapitalistisch und wer die Rede zu Ende gehört hat, wird bemerkt haben, dass er damit vor allem auch Stimmung für Canada unter den anwesenden Investor*innen machen wollte (wie alle, die in Davos sprechen).
Remski hat natürlich recht, aber erstens bin ich derzeit einfach froh über jede Offramp, die sich auftut und wenn sie irgedwie erfolgreich sein soll, sorry, dann muss sie aus dem bürgerlichen Lager kommen.
Außerdem ist der Riss, den Carney aufmacht, ein Fulcrum für weitere Hebel? Ist die Geste des „Schild aus dem Fenster nehmens“ erstmal eingeübt, wird sie zur Plattform für weitere Widerstandspfadgelegenheiten und da ich eh glaube, dass der Riss eigentlich bis hinunter ins „Individuum“ reicht, wird es da noch vieles zu Hebeln geben.
Also vergesst doch mal für einen Moment die Utopien und eure genauen Vorstellungen einer „idealen und gerechten Gesellschaft“. Ich schau stattdessen auf den Riss und sehe darin die Pfadgelegenheit für weitere Risse.
Es war wieder CCC-Congress und auch wenn ich lange nicht alle sehenswerten Talks geschaut habe, hier meine persönlichen Empfehlungen.
Cory Doctorow war wieder da und stellte seine Pfadgelegenheit vom „Post American Internet“ vor. Er reiterierte seinen Vorschlag, den Tech-Imperien ihre Unverwundbarkeitsklasusel zu nehmen: die „Anti-Circumvention“ Laws des Urheberrechts, die quasi weltweit per Handelsverträge festgeklopft wurden, auch bei uns.
Ich hatte seinen Vorschlag bereits im Plattformbuch übernommen, aber jetzt präsentierte er ein wunderbar eingängig gecraftetes Narrativ, wie sich daraus ein entscheidender Schlag gegen die techfaschistische Hegemonie entwickeln ließe.

Außerdem empfehlenswert: Helena Steinhaus von Sanktionsfrei über soziale Ungleichheit, Udbhav Tiwari and Meredith Whittaker über die Securityaspekte „agentischer KI“ im Betriebsystem und allgemein, Rainer Rehak mit einem Update seines Talks über Israels statistische Tötungsautomations-Systeme und Arne Semsrott über Gegenmacht.
Außerdem sei ganz herzlich auch die Känguru-Rebellion und der Digital Independence Day von Marc Uwe Kling und Linus Neumann empfohlen.

Die Idee ist einfach: Jeden ersten Sonntag im Monat widmen wir uns der Migration eines Dienstes oder Plattform weg von amerikanischen Tech-Monopolisten zu weniger toxischen Alternativen, bzw. helfen einander dabei.
Aus Pfad-Ingenieurs-Perspektive ist das prima gebaut: Wie bekomme ich einen möglichst großen Strom von Leuten vom Set der Plattformen A zum Set der Plattformen B? Eine Figur wie Marc Uwe Kling wirkt nicht nur links, sondern bis weit in junge bürgerliche Schichten rein und ist damit ein tragfähiger Pfeiler für eine breite Migrations-Brücke. Zur Brücke gehört nicht nur die Website, sondern auch ein kleines Heer an freiwilligen Nerds, die deutschlandweit praktische Hilfe anbieten. Perfekt.
Das Problem ist nicht die Onramp oder die Brücke, sondern die Offramp: Die Wechselkosten sind insbesondere im Social Media Bereich noch enorm hoch und egal was Mastodon- oder Bluesky-Fans behaupten, dezentrale Dienste sind derzeit keine gleichwertigen Pfadalternativen.
Das größte Problem: Eröffnet man einen neuen Account, sieht man dort nur Leere, ist verloren und finden tut man auch keinen. Ich hab es so oft gesehen: die Leute kommen, gucken, gehen.
Hier hilft die dividuelle Perspektive, die versteht, dass Social Media nicht ein „Tool“ ist, das „Individuen“ benutzen, „um zu kommunizieren“, sondern dass jeder Account ein Teil eines gewachsenen Geflechts ist. Accounts sind Pflanzen, die Wurzeln geschlagen haben und ein einfacher Umzug lässt sie als abgerissenen Stängel ankommen.
Der Trick ist, Communities umzutopfen, statt Individuen „umzuziehen“. Auf Social Media sind wir in immer mindestens einer, meisten mehreren Communities unterwegs, deren Debatten und Narrativen man mehr oder weniger intensiv verfolgt, oder aktiv daran teilnimmt.
Ich hatte deswegen bereits vor Monaten eine Step-by-Step-Anleitung aufgeschrieben, wie man Communities umtopfen kann.
Aufgrund der digitalen Algorithmen haben wir ein bisschen die Macht der sozialen Algrorithmen aus den Augen verloren, wie Kettenbriefe, Telefonlavienen (danke ???), bzw. sie wurden zu oft missbraucht, so dass sie in einen schlechten Ruf gerieten?
Aber andersrum ist es wohl richtiger: sie wurden als Hebel deswegen so oft missbraucht, weil sie so mächtig sind. Es wird Zeit, sie als strategisches Asset wieder zu rehabilitieren.
2026 wird so hart wie alle befürchten. Aber es wird auch das Jahr, an dem sich effektiver Widerstand zu formen begann.