Willkommen zu Krasse Links No 79. Rejustiert die Entfremdung eurer Explainer, heute kochen wir Hormouz, gewürzt mit „catholic integralism“ für den schamlosen Selbst-Plug.
Zur Lage des Irankriegs gibt dieses Zateo-Panel einen guten, aktuellen Überblick.

Wer es auf Deutsch mag: die strategische Ausweglosigkeit wird auch von Tim und Pavel im Unsere Kleine Welt Podcast gut beschrieben. Außerdem kann ich dieses Interview mit Yanis Varoufakis zu den ökonomischen Auswirkungen der Schließung des persischen Golfs empfehlen.
Kurz: Was für ein Schlamassel?
Lang:
Weil Donald Trump gerade Laune hatte und seine Geheimdienste ihm Informationen von einem Treffen der politischen Elite des Iran zusteckten, hat er den dritten Weltkrieg losgetreten.
Natürlich nicht nur deswegen: Israel zerrt seit Jahrzehnten und seit Trump zweiter Amtszeit verstärkt an den USA und versucht sie in einen Krieg mit Iran zu verwickeln und das scheint nun endlich gelungen zu sein.
Nicht ohne aktive Mithilfe durch den evangelikal-zionistischen Flügel von Trumps GOP-Base. Linsay Graham war extra nach Israel gereist, um sich von Netanjahu argumentativ briefen zu lassen und hat laut Politico anscheinend den Ausschlag gegeben.
Man muss wissen: die meisten Zionisten sind nicht jüdisch, sondern christlich-evangelikal und im Verständnis vieler Ideologen in diesem Spektrum ist der Krieg im Iran die notwendige Bühne für die Wiederkehr Jesus Christus und der Ankunft des Jüngsten Gerichts.
Ja, es ist tatsächlich alles so batshit crazy, wie sich das anhört.
Der Iran war eine Falle, um die die USA seit jahrzehnten herumgetänzelt sind und sich nie trauten. Und zwar aus gutem Grund.
Die Straße von Hormouz ist nicht seit gestern das Nadelöhr der Weltwirtschaft, die Golfstaaten liegen nicht seit gestern in Shahed-Reichweite und das Land ist nicht seit gestern kaum einnehmbar. Trump hat sich verkalkuliert. Er dachte, er könne Regime-Chance per Fernbedienung herbeiführen, nachdem das mit Maduro so gut geklappt hat. Aber jetzt ist die Falle zugeschnappt und er weiß nicht, was er machen soll.
Man betrachte die der Situation gespenstisch unangenehme Freude, die der iranische Aussenminister Abbas Araghchi beim Interview mit NBC kaum verbergen kann.

„We are ready for them“. Und wie dem Moderator das Gesicht entgleist.
Der Iran bereitet sich seit 40 Jahren auf diesen Krieg vor, Trump hat sich nicht mal die Boxhandschuhe zugeschnürt. Jetzt hängt er fest wie in einer Affenfalle und ruft nach den anderen, dass sie ihn rausboxen sollen. Doch um dem Iran die Fähigkeit zu nehmen, die Straße von Hormouz zu blockieren, reicht es nicht, ein paar Kriegsschiffe mitzuschicken. Die wären nur ein leichtes Ziel, weswegen die Europäer*innen (noch) ablehnen, Trump zu helfen.
Trump hat im Grunde zwei Pfadgelegenheiten:
Er kann einen Rückzieher machen und verhandeln. Das würde bedeuten, dass alle sehen, dass er verloren hat, aber es wäre die mit Abstand billigste Lösung. Allerdings würde das Regime das Ende der Sanktionen mit auf die lange Liste der Forderungen setzen, aber wenn die Amerikaner schlau wären, würden sie einfach Obamas Nuklear-Deal wieder einsetzen und könnte einigermaßen Gesichtswahrend rauskommen. Also außer Trump natürlich, für ihn wäre das extrem peinlich und dieser Gesichtsverlust ist aus seiner Perspektive deutlich teurer als Millionen Menschenleben.
Die andere Alternative ist eine „Ground Invasion“. Trump überlegt deswegen schon über eine „Draft“ nach, aber diese Option wird teuer. Um eine kleine Vorstellung davon zu geben, worüber wir reden, helfen ein paar Vergleiche.
- Iran hat doppelt so viele Einwohnner*inenn wie der Irak (ca. 90 Millionen) und ein deutlich größeres und stärkeres, besser ausgebildetes Heer von mehr als einer Millionen Menschen unter Waffen (Die Taliban hatten so ca. 50.000 Kämpfer mit größtenteils AK47).
- Der Irak ist eine Wüste, Iran ist von Gebirgen umgeben, was Nachschubwege einer Angreiferarmee vor eine kaum lösbare Aufgabe stellt.
- Ähnlich wie die Taliban haben sich die Iraner im Gebirge eingegraben, aber wesentlich tiefer inklusive Fabriken und Depots selbst hergestellter Raketen und Drohnen.
- Iran ist weitgehend industrialisiert und hat viele eigene Produktionskapazitäten, eigene Waffenforschung und komplexe Lieferketten. Die Russen importieren ihre Shaheddrohnen.
- Iran bereitet sich seit 40 Jahren auf exakt diesen Moment vor und hat alle seine Strategien und Positionen auf genau diesen Angriff optimiert.
- Iran hat tausende Raketen und zigtausende Shahed-Drohnen (sie haben auch viel zerstört, aber lange nicht alle), mit denen er Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate quasi über Nacht bankrott schießen kann. Wenn sie wollen, können sie Dubai und all die anderen Luxusblasen durch Angriffe auf die Entsalzungsanalgen einfach unbewohnbar machen.
Meine Befürchtung ist, dass Europa und andere zwar ablehnen, sich ihre Schiffe sinnlos zu Hormouz schießen zu lassen, aber sich nach längerem Bearbeiten durch Trump und seinen Leuten zu einer „Ground Invasion“ überreden lassen könnten.
Der Pfad wäre zwar ohne Frage schmerzhaft und sau gefährlich (und ich meine: fatal), doch die „Wins“ mit denen Trump locken wird, sind aus europäischer Eliten-Perspektive durchaus attraktiv?
- Kontrolle über das Iranische Öl.
- Kontrolle über die Straße von Hormouz
- Beseitigung des nervigen Mullha-Regimes
- Man kann das sogar als Menschenrechts-Intervention verkaufen
- USA und Israel werden es eh machen, also lieber mitmischen und wenigstens ein bisschen Kontrolle haben.
- Für die Kanonenfutter-Pipeline findet sich ein Golfstaat oder so.
Für die europäischen Eliten klingt der Pfad also nicht soo übel, wenn sie drüber nachdenken. Es ist konsistent mit dem, wie sie sich selbst und über die Rolle des Westens in der Welt erzählen.
Und bedenkt man dann noch, dass eine anhaltende Blockade des Golf vor allem auch Europa in eine tiefe Rezession stürzen wird und die Lage vor Ort – so denken sie – ohne ihr Eingreifen wahrscheinlich nicht besser wird, macht das die Überlegung auch zu einer Frage der Agency. Ist man nur stilles Opfer oder nimmt man eine handelnde Position ein in einer sich rasant ändernden Welt. Dahinter immer die bange Frage: Wie will man in der neuen, sich ankündigenden Weltordnung überhaupt noch an Hebel kommen?
Dazu die Drohungen von Trump, er überlegt bereits öffentlich aus der Nato auszutreten, mehr Zölle sind natürlich immer denkbar, oder Grönland als Frustsnack …
Und wenn dann nochmal ein paar Oligarchen an der Büro-Tür unserer Politiker*innen klopfen und triftige Gründe auf den Tisch legen, warum man „jetzt doch mal mutig sein“ müsse, ein „echter Mann“ und dass es ja eigentlich um einen „Schicksalskrieg um unseren Wohlstand“ geht und wenn Springer und Nius ordentlich in die Trommeln hauen und die transatlantischen Netzwerke netzwerken … Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Merz da nennenswert Widerstand leisten wird?
Wir bekommen dann einen von diesen ideenlosen Action-Movie-Plots zu sehen, wo sich eine Gruppe abgehalfterter Action-Helden zusammenrauft, um noch mal zusammen „das eine große Ding“ zu drehen. Aber ohne Happyend.
Trumps Angebot wird sein: Noch einmal Beutegemeinschaft sein, wie in guten, alten Kolonialzeiten [Enter Rubio-Speech].
Jedenfalls: Wir sollten sehr laut hörbar machen, dass wir diesen Krieg nicht wollen.
Zu diesem Newsletter gehört jetzt ein Podcast, der Krasse Links Podcast. Ich mache ihn zusammen mit Ali Hackalife, in dessen hörenswerten „Auch Interessant„-Podcast ich bereits mehrfach die Ehre hatte.

Die ersten beiden Folgen beschäftigen sich mit Epstein, wobei wir in der zweiten Folge tiefer in Internet-Kulturgeschichte einsteigen und über den Komplex 4Chan, Altright einsteigen, um eine Vorstellung davon zu geben, wie allgegenwärtig Jeffrey Epstein damals schon immer war.
Der neue Podcast ist bereits aufgenommen und hat diesen Newsletter zum Inhalt, kommt aber etwas später raus.
Jessica Burbank wird gerade herumgereicht, weil sie einen neuen Frame in der politischen Ökonomie gefunden hat, der wahrscheinlich ganz nützlich ist. „Syndicates of Capital„.
American political scientist Joseph Nye identified the three different forms in which power has been organized globally: an imperial system, a feudal system, and an anarchy of states.4 Nye’s analysis is widely accepted, and foundational for the fields of political science and international studies. Syndicates of Capital serves as an extension of Nye’s contributions, not a refutation.
Despite globalization, states have not developed a functional framework for democratic decision making at the international level, though there is a common delusion that exists. Multilateralism, the collaboration of states toward shared goals, has been the most effective way states exert control over other states. The United Nations is an institution that facilitates multilateralism, not global democracy.
Rather than states cooperating to develop a system of global governance, or succumbing to exogenous threats to sovereignty, state power eroded from within. Official government leaders today have less power than wealthy private citizens who demonstratively exert more control over economic policymaking and the use of military force. State leaders often directly serve syndicates of capital instead of the public or the state, though some try to do both.
State-level puppeteering is never the extent of syndicates’ power, but government leaders’ power rarely extends beyond the state, unless working with a syndicate. Syndicates of capital use state power where useful or necessary, but circumvent the state wherever possible.
The end the anarchic system of states is difficult to identify precisely because syndicates did not replace states. Instead, syndicates developed a new global power structure that includes states. The transition occurred slowly and quietly, unlike the clear conception of the anarchy of states, marked by the signing of the peace of Westphalia in 1648 which established the global norm of state sovereignty.
Plausibel macht sie diese Verschiebung, indem sie fragt, wo heute die ökonomischen Entscheidungen für die Gesellschaft getroffen werden. Und wo eben nicht mehr.
A monopoly on physical force is the consistency across all three previous forms of global power. In an anarchic system of states, state leaders controlled economic systems. In a feudal system, feudal lords/kinds did. In an imperial system, empires did. Global power belongs to whoever exerts the most control over economic systems and militaries.
Today, power over economic decision-making has certainly shifted to syndicates of capital. Most official state leaders do not control the material means of production. Two important economic conditions allowed syndicates to hoard capital. 1) The existence of global financial infrastructure, allowing for the transfer of currency across borders and overseas, and 2) a global system of financial regulation does not exist.
On some occasions, leaders of syndicates possess more wealth than small states. That reality alone indicates a collapse of the nation-state, and a transition from the anarchic system of states to syndicates of capital.
„Syndicates of Capital“ sind quasi ein folgerichtiges Resultat neoliberaler Politik, aber vor allem auch des Offshore Finance Systems, das Kapital grundsätzlich von Steuerregimes löste. Das Zusammenfallen des Faschismus mit dem kapitalistischen Syndikalismus ist ebenfalls kein Zufall.
Though nationalists could threaten syndicates’ power by returning the monopoly on military force and economic decision making to state leaders, that playbook has generally failed in the west. Syndicates respond by directly working with fascist leaders before they take office to ensure these policies never materialize. Leaders of syndicates have carefully traded power and capital with heads of state in exchange for deregulation and preservation of syndicates’ global control.
Liberalism declining while fascism spreads is not indicative of changing moral values among the masses. Unlike liberals, who tend to ideologically match liberal leaders, fascist leaders differ greatly from their ideologically inconsistent base.[…]
Syndicates actively work to spread narratives in media that preserve their global power. This includes religious doctrine, factual and non-factual news reporting, economic theory, and political philosophy. This is why media campaigns by billionaires are no longer confined to an election cycle, or even one country.
While there are genuine ideological fascists who do not cooperate with syndicates, they protect syndicates’ power by demonizing globalism. When any right-wing nationalist, communist, or socialist leader rises and truly attempts to threaten syndicates’ power or capital flows, syndicates coup or kill them.
„Syndicates of Capital“ sind in der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten die Spitze der „Racket-Pyramide“ und dort gewissermaßen die zweite Schicht nach dem Epstein-Racket.
In der ZDF-Mediathek kann man sich die sehr sehenswerte Doku: Trump – die Spur des Geldes anschauen. Sie haben im Grunde alles zusammengetragen, was so über Trumps „Interessenskonflikte“ bekannt ist und es so viel, dass es ein Dreiteiler wurde.

Im zweiten Teil geht es um Trumps diverse Cryptoprojekte und Verstrickungen und da erzähle ich auch ein bisschen was zu.
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Michael Seemann
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Ich hatte unter anderem deswegen etwas ausgesetzt mit dem Newsletter, weil ich ihn eigentlich auf eine andere Art weitergeführt habe, bzw. gleichzeitig neu arrangiert und in gewisser Weise auf einen Höhepunkt gebracht habe und zwar in Form eines sich der Vollständigkeit nähernden Set von Explainern.
Die Explainer geben Überblick in das Denken und Sprechen, dass ich seit dem Plattformbuch und hier im Newsletter entwickelt habe, um besser über Menschen und Dinge und ihre Verbindungen in Netzwerkmetaphern zu sprechen.
Der Vorschlag der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist, die Wirtschaft aus „Userperspektive“ zu verstehen, aber ohne dabei in einen naiven „Subjektivismus“ zu verfallen. Das tut man, indem man die beliehene Userperspektive nicht absolut setzt, sondern „situiert“ und dann als Ausgangspunkt einer Beschreibung seiner Welt in plausiblen Pfaden nimmt. Perspektiven sind also Durchgangsstationen von Pfadgelegenheiten und Pfadgelegenheiten sind Durchgangsstationen für Wertströme.
Damit kann man vom Finanzmarkt, von der „Realwirtschaft“, von „Märkten“ und Preisen, von Inflation, Währungen, Quantitative Easing, bis Finanzcrashs lokale Vorgänge modellieren und sich an so unterschiedlichen Fragen abarbeiten, wie „was geschah in der Finanzkrise 2008 wirklich?“, „Was ist Kapitalismus?“,“warum verdienen Musiker*innen immer weniger Geld?“, „wie entsteht Wert?“ und „warum ist Donald Trumps Buch „The Art of the Deal“ so pfadentscheidend für den aktuellen Zustand des Kapitalismus?“.
Seit ich mich mit der Welt genauer beschäftige, sammle ich heterogen scheinende aber irgendwie auch miteinander verbundene Probleme, für die mir bisherige Erklärungen unzureichend schienen. Warum hat der Matratzenhandel so hohe Margen, wieso zahlen sich Netzwerkbetreiber gegenseitig Geld für Traffic, wie funktioniert der Finanzmarkt wirklich, wie funktioniert die Musikindustrie als Geschäftsmodell, wie funktionieren Plattformen, was ist „der Markt“, was ist „Macht“, was passiert gerade mit KI, etc.
Über die Jahrzehnte suchte ich für diese Phänomene jeweils nach besseren Erklärungen, Theorien und Semantiken, aber erst mit der Hebel:Fulcrums-Mechanik und hatte ich alle Teile zusammen, um all diese Beobachtungen in einem konsistenten Framework zu integrieren.
Es ist ein Text von mir noch mal erschienen, KI ist ein Coup, den ich bereits vor zwei Jahren geschrieben habe. Diesmal in dem Sammelband Gott Spielen von Claudia Hamm.

Weil inzwischen so irre viel passiert ist, habe ich ein Postskriptum angehängt.
Eine weitere Graphnahme kündigt sich an, die ich damals noch nicht auf dem Radar hatte: die der »emotionalen Beziehung«. Seit Startups wie Character AI, HiWaifu und Elysai dieses Geschäftsmodell früh aufgezeigt haben, steigen alle großen KI-Anbieter selbst in das Business mit der automatisierten Intimität ein. Im Zentrum stehen dabei romantische Beziehungen, doch die Chatbots fungieren auch immer mehr als Freundschafts-, Therapie- oder Coach-Ersatz. Bei der Umstellung von ChatGPT 4 auf 5 gerieten viele Menschen in Verzweiflung, weil der damit einhergehende, so empfundene »Personality Change« des Modells ihre »Beziehungen« ruiniert habe. Von den bisherigen Geschäftsmodellen der KI-Anbieter scheint dieses das langfristig aussichtsreichste zu sein, denn die Logik liegt auf der Hand: Es geht um das Ausbeuten emotionaler Abhängigkeit, was zweifellos zu denselben Strategien führen wird, die auch Menschen nutzen, um in Beziehungen emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und zu missbrauchen.
„Emotional abusive Relationships“ lassen sich am Fulcrum parasozialer Intimitäts-Simulation als Geschäftsmodell hebeln und digital skalieren. Und hat man eine Person erst mal im Netz, ergeben sich daraus viele Pfadgelegenheiten, nicht nur kommerzielle. Das wird alles noch sehr, sehr düster.
Ich hatte bereits im November letzten Jahres diesen Vortrag bei der SLpB Dresden über Supplychains, Plattformen und KI gehalten und finde, er ist eine ganz gute Einführung in die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten.

Zentral in der Entwicklung des Frameworks war vor allem dieser Dreischritt: dieselben Muster, die ich bei Plattformen fand, ließen sich mit Emerson auf Supplychains und schließlich auf KI übertragen. Mit der ausformulierten Politischen Ökonomie kann ich diesen Zusammenhang so jetzt herunterbrechen:
Wir können vier Strategien der Wertextraktion unterscheiden:
- Der Kapitalist hebelt seine Margen am Kontaktzonenfulcrum der ausgeübten Kontrolle der lokalen Infrastruktur des Wertpfades, mit dem Eigentumsregime des Staates als stabilisierendes Fulcrum.
- Der Supplychainkapitalist (Leitunternehmer) hebelt seine Margen am Kontaktzonenfulcrum seiner Dominanz über lokale Wertpfade, die durch die Kontrolle der Vermarktungspfade hergestellt und deren Exklusivität am Fulcrum des internationalen „Intellectual Property“-Law stabilisiert wird.
- Der Plattformmerkantilist hebelt seine Marge am Kontaktzonenfulcrum der Kontrolle des Wertpfads zum Benutzer-Ende, mit der Netzwerkmacht und dem daraus resultierenden Lock-In der Nutzenden als stabilisierendes Fulcrum. (allerdings ebenfalls stabilisiert durch Anti-Circumvention-Law, also auch IP-Law, wie Cory Doctorow nicht müde wird, darauf hinzuweisen.
- Der KI-Putschist hebelt seine Marge am Fulcrum der Ersetzung von Wertpfaden, stabilisiert vor allem am Fulcrum unser mangelnden Vorstellungskraft, dass wir gerade alle enteignet werden.
Mo Bitar ist Coder und Youtube Creator und sein Video über seine geradezu marxistische „Entfremdung“ von gevibten Code hat mich sehr angesprochen.

Im PÖdP-Explainer entsteht Wert aus Nutzenereignisse, also Pfadgelegenheiten, die „gut gehen“, und bei der Coding-Arbeit (ich kenn mich aus) müssen eine Menge dieser Pfadgelegenheiten „gut gehen“, damit ein Produkt „shipped“. Arbeit ist, wie alles im Leben, Pfadgelegenheiten wahrnehmen, aber mit den Infrastrukturen des Kapitalisten und zugunsten seiner Margen.
Aber das „Nutzenerlebnis“ ist ja trotzdem real?
Hier die Sicht eines plausiblen Coders: Natürlich freut er sich, wenn er den blöden Bug endlich gefunden hat und wenn das System schließlich so funktioniert, wie er es sich das vorgestellt hat. Natürlich war jedes zu lösende Problem eine Herausforderung und die Herausforderung ein Pfad, in den man investierte, Wissen, Recherche, Gedanken, Kreativität, Ideen, Schweiß und Mut und wenn man ein Projekt abgeschlossen hat, dann ist das ein echtes Erfolgserlebnis – auch wenn der Kapitalist dir nur ein Bruchteil der daran geleverageten Marge abgibt.
Diese „Leere“, die Bitar beschreibt, ist die Abwesenheit von all dem. Coding-Agents produzieren Code, in den niemand etwas investiert hat weil er ohne Nutzenereignisse entstand. Ein Sprechakt ohne Sprecher und selbst, wenn man den Sprechakt selbst hervorgepromptet hat, fühlt man sich nicht verantwortlich für ihn, man hat keine „Stakes“ in ihm und es fällt sogar schwer, ihn ernst zu nehmen. Selbst dann, wenn man von seiner Fehlerfreiheit überzeugt wäre.
Entfremdung ist falsch herum gedacht: Entfremdung ist die Abwesenheit von (emotionaler) Investition in das Ergebnis einer Arbeit.
Ein rechts-evangelikaler X-Account mit dem Namen Insurrection Barbie (@DefiyantlyFree) hat einen nicht nur unter Rechten viral-gehenden Aufsatz veröffentlicht und gibt einen lesenswerten Einblick in den Krieg, der gerade innerhalb der Rechten stattfindet (Danke Christoph). Wie gesagt, der Typ ist selbst ein rechter „Nutjob“ und man sollte das alles mit einer Prise Salz lesen, aber ich denke, was er beschreibt, ist real.
I am going to map out what I think is the most sophisticated attack in modern political history and all of its corresponding vectors — institutional, intellectual, theological, generational, and media — and explain how each one feeds into a single ten-year project: the replacement of evangelical Protestant political theology with a Catholic integralist or ethnonationalist framework that views Jews, Israel and Protestants not as covenant partners but as adversaries of Christian civilization.
The aggression of the current moment — Carlson’s escalating attacks, Bannon’s declaration that Shapiro is a cancer, the shamelessness of the Young Republicans chats — is not the confidence of a movement that knows it is winning. It is the urgency of a movement that knows it does not have voters and needs to acquire them before the window closes.
Gemeint ist eine Phalanx, die er sieht von Tucker Carlson, Steve Bannon bis Nick Fuentes und den Young Reprublicans, die versuchen Substanz des amerikanischen Konservatismus zu verändern: von „christlich-judeo (zionistisch) evangelikal“ zu einem „catholic integralism“, der auf mehreren ideologischen Layern operiert:
The first is integralism — a pre-Vatican II political theology that holds the Catholic Church should exercise direct authority over temporal governments, that religious liberty is a Protestant error, and that a properly ordered state must subordinate itself to Church teaching. This is not the position of the United States Conference of Catholic Bishops. It is not the position of Pope Francis. It is the position of a small but highly credentialed group of academic theorists — Vermeule, Ahmari, Deneen, Pappin — who have spent the last decade building intellectual infrastructure and who are quite explicit about their goal of replacing the Protestant liberal constitutional order that America was founded on.
The second is SSPX-adjacent traditionalism — the world of the Latin Mass hardliners, the Society of Saint Pius X, the sedevacantists and near-sedevacantists who regard the Second Vatican Council as a catastrophic betrayal and the post-conciliar Church as illegitimate or gravely compromised. Nick Fuentes operates in this world. His entire theological framework — the Apostles’ Creed imagery, the Christ the King invocations, the explicit hostility to ecumenism and interfaith dialogue — is drawn from a traditionalist Catholic milieu that the Vatican itself has repeatedly disciplined and that most American Catholics have never encountered. The SSPX was in irregular canonical status with Rome for decades. These are not mainstream Catholic positions. They are fringe positions that have been given a mass media platform.
The third ingredient is imported European and Middle Eastern sectarianism — and this is perhaps the most important point, because it explains something that confuses many American observers: why does any this feel so foreign?
Konkret politisch geht es darum, vor allem Anti-Israel-Haltungen und Antisemitismus (was nicht dasselbe ist) in der Rechten wieder Hoffähig zu machen. Und das gelingt mit einigem Erfolg.
The argument runs like this: You were right that the Iraq War was a disaster. You were right that the foreign policy establishment lied to you. You were right that American resources were being spent on projects that didn’t serve you. Now let us tell you who was really behind all of that. Let us tell you who controls the foreign policy establishment. Let us tell you why Christian Zionism is the theological mechanism that keeps you supporting policies against your own interests. Let us introduce you to Nick Fuentes, who will explain it all.
Each step in that chain sounds like a reasonable extension of the previous one. The conclusion it leads to — that Jews control American foreign policy, that Christian support for Israel is a manipulation, that the real enemy is the Judeo-Christian framework itself — has nothing to do with the legitimate grievances the journey started from. But by the time a young man has followed the argument to its end, he has traveled so far from his starting point that he may not recognize how far he has gone.
This is the bait and switch at the heart of the operation. The bait is legitimate. The switch is radical.
A voter who is furious about deindustrialization and trade policy can, with the right media environment and the right influencers, be moved to attribute his community’s suffering not to macroeconomic forces or bad policy decisions but to a conspiracy. The conspiracy needs a face. The face the network provides is Jewish.
Die ganze Sache hat aber tatsächlich auch eine theologische Dimension.
The movement’s entire political architecture rests on a theological claim: that God made an eternal, unconditional covenant with the Jewish people, that the modern state of Israel is a fulfillment of biblical prophecy, and that Christians who “bless Israel” are obeying a direct divine command. Remove that conviction and you remove the moral engine that has driven evangelical political engagement for half a century.
At AmericaFest 2025, Bannon delivered the most revealing statement of the operation. He was not attacking Democrats. He was not attacking the left. He stood on the stage of the organization founded by a recently assassinated evangelical Christian and told the crowd that Ben Shapiro — the most prominent Jewish voice in conservative media — is like a cancer, and that cancer spreads. He then claimed that Kirk himself had opposed the concept of greater Israel and Israel first — retroactively recruiting the dead evangelical into the anti-Israel coalition.
Interessanterweise werden die zionistisch Evangelikalen und Juden jetzt mit derselben Mitteln ausgegrenzt, die MAGA und Alt-Right bereits gegen die Neokonservativen und GOP-Eliten in den 2010ern ansete. Die Evangelikalen werden Opfer ihrer eigenen Methoden.
Pro-Israel, constitutionalist, evangelical-allied conservatives who refused to tolerate antisemitism are now globalists and RINOs. The men and women who built the institutional infrastructure of American conservatism have been expelled from their own movement — not for policy disagreements, but for refusing to accept the theological replacement that is the operation’s actual goal.
Ja. Wir sind literally wieder im Zeitalter der Religions- und Konfessionskriege und ich fürchte, sie haben Ödipus auf Armageddon angewendet.