Der relationale Materialismus

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Dies ist ein temporär stabiler Explainer über den relationalen Materialismus. Ich editiere hier immer mal wieder rum, nicht wundern.
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Dependencies

Einführung

Die zentrale These des Relationalen Materialismus ist, dass „Erwartungen“ materiell sind. Sie sind es nicht im klassischen Sinne, sondern im „Relationalen Materialistischen“ sinne und im Grunde ist die Existenz des Finanzmarktes bereits ein materieller und offensichtlicher Beweis dafür, denn er zeigt jeden Tag: Erwartungen sind „beleihbar“.

Aber Erwartungen werden eben überall beliehen und wenn etwas beleihbar ist, dann ist es leveragebar und das heißt, es wird dadurch die materielle Realität verändert, nicht nur am Finanzmarkt, sondern … literally everywhere?

Und nun kann man sagen, ja gut, dann sind wir halt Dividuen und unsere Welt sind Pfadgelegenheit, Hebel und Fulcrum, aber was ändert das? Und wird dadurch der Begriff nicht beliebig, unscharf, inflationär, unbrauchbar?

Du meinst „überleveraged“?

Ich halte diese Begriffe noch für unterleveraged. Es gibt so viele Wissenspfade, in die ich nicht abgebogen bin, weil sie mir nicht bekannt sind, aber, die alle auf eine Reformulierung warten.

Dividuum, Pfadgelegenheit, Hebel:Fulcrum nutzen sich nicht ab, sondern ein, denn dem relationalen Materialismus geht es nicht (nur) darum, neue Begriffe einzuführen, sondern, eine andere Praxis des Unterscheidens einzuüben. Eine Art des Unterscheidens, die Strukturen sichtbar macht. Das Ziel ist eine alternative, beleihbare Infrastruktur zu schaffen, mit der wir vielleicht besser und gerechter Hebeln können.

Der relationale Materialismus nagelt unsere Perspektive nicht nur an einen konkreten Ort in dem Netzwerk fest und belastet nicht nur jede unserer sogenannten „Handlungen“ mit der Hypothek ihrer Pfadabhängigkeiten, sondern führt auch eine andere „Rationalität“ ein. Eine die nicht mehr die „Mittel“ gegen den „Zweck“ stellt, sondern den Hebel in die Verantwortung für das Fulcrum.

Und – zumindest für mich – wird der relationale Materialismus ein Zufluchtsort sein für den bevorstehenden Crash des Individuums und seines Empires. Aber ihr seid auch herzlich eingeladen.

Netzwerkdenken

In Krasse Links No 73 schreibe ich über das Netzwerkdenken:

Netzwerkdenken bedeutet, Strukturen zu sehen, statt nur Objekte oder Leute. Es bedeutet, sich immer wieder die eigene Verortetheit im Netzwerk vor Augen zu führen. Netzwerkdenken bedeutet in Pfaden zu denken, denn der Pfad ist der einzige Weg durch das Netzwerk, den wir kennen. Netzwerkdenken bedeutet aber auch, in Dimensionen, statt in Kategorien zu denken und in Übergangswahrscheinlichkeiten, statt in Kausalitäten.

Aber Netzwerkdenken ist auch ein Denken in Constraints, wie ich in Krasse Links No 70 formuliere.

„Relational Materialism“ is all about Constraints. Die Idee ist, dass uns das „freie Denken“ übelst in die Irre geführt hat und dass wir das Denken durch das Einsperren in „Constraints“ wieder produktiv machen können. Die Inspiration dafür ist Donna Haraways Einwand gegen die „Perspektive von Nirgendwo“, die als „Objektivität“ nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in unserer Alltagssprache ihr Unwesen treibt.

Aber weil ich gleichzeitig nicht glaube, dass mit der Objektivität auch die Möglichkeit und Notwendigkeit verschwindet, Aussagen mit Allgemeingültigkeitsanspruch zu formulieren, sammle diese Constraints und behaupte:

Der Mensch ist ein situiertes, pfadabhängiges und sequenzielles Wesen.

Als Erkenntnis ist das im Einzelnen nichts wirklich neues, sogar trivial, klar, aber die eigene Sicht auf die Welt ändert sich, wenn man diese Constraints wirklich ernst nimmt und übt, mit diesen Beschränkungen zu denken und zu sprechen und meine Hoffnung war zunächst, dann weniger Unsinn zu reden. Aber nach und nach merke ich, wie diese Sichtweise auch neue sprachliche und damit gedankliche Pfade öffnet.

Der relationale Materialismus nimmt sich der durch das „Individuum“ links liegen gelassenen „menschlichen Perspektive“ an, nimmt sie ernst, auch in ihren Constraints und macht sie zum Ausgangspunkt aller seiner Weltbeschreibungen und konstruiert so von dort plausible Pfade ins Netzwerk und zurück.

Ich schlage ein drei Ebenen-Modell der Gesellschaftsbeschreibung vor:

  1. Das Netz der materiellen Infrastrukturen, d.h. der materiellen Hebel und ihrer materiellen Fulcren.
  2. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios der materiellen Infrastrukturen der Dividuen.
  3. Daraus hervorgehend, darauf aufbauend und eng verkoppelt: Das Netz der Erwartungserwartungen, d.h. die Erwartungs-Portfolios an die Erwartungen anderer – semantische Infrastrukturen.

Alle Akteure in diesem Netzwerk sind „Materiell-Semantische Komplexe“ (menschliche Dividuen, Unternehmen, Staaten, Redaktionen, Vereine, Organisationen, auf eine Art auch Tiere) und das heißt sie haben sowohl einen materiellen Körper (Menschliche Körper und materielle Infrastrukturen inklusive deren Fulcren) und einen semantischen Körper (Gewohnheiten, Sprache, Kultur, Wissen, eine Geschichte über sich selbst und die Welt), bewohnen also als „Full Stack“-Implementation alle Layer des Netzwerks. Sie alle sind Fulcren (für jemanden), sie alle nutzen Hebel (an jemanden), nur sind Hebellänge und Fulcrumslast ungleich verteilt.

Der Kernel

Die Grundlage des relationalen Materialismus bilden die Explainer, von dem dieser hier ein Teil ist.

Flow

Das Gefühl, das wir „Flow“ nennen, ist in Wirklichkeit das Gefühl der reibungslosen Beherrschung von Infrastruktur.

Ich selbst kenne das Gefühl beim Schreiben und Denken, aber man kann es bei fast jeder Tätigkeit haben, vorausgesetzt, man hat die Infrastruktur dafür.

Die Explainer lesen sich so, als hätte ich mal eben eine neue Metaphysik rausgehauen, mit integrierter Epistemiologie, Handlungsmodell, Sprachphilosophie, politischer Ökonomie und Subjektentwurf, alles aus dem Kopf runtergerattert, irgendwie schwerelos aus der „Intelligenz“ des „Individuums“, aber so ist das nicht.

All diese Konzepte, Denkansätze und Einbettungen sind Infrastrukturen, die ich über einige Jahrzehnte zusammengesammelt habe. Jede dieser Infrastrukturen ist eine Pfadgelegenheit für viele Gedanken, Anschlüsse und Vergleiche, die ich über diese vielen Jahre eingeübt habe, wie andere den Ski-Sport lernen oder eine Partitur auf dem Klavier. Mein Denken, Schreiben und Beobachten bewegte sich in immer neuen Pfaden in dieser wachsenden Infrastruktur, und übte semantische Pfadgelegenheiten zu nehmen, die – wenn man sie beherrscht – zusammen einen Gesamt-Pfad ergeben, auf dem ich dann „Flow“ Erlebnisse habe.

Das Arsenal meiner semantischen Pfadgelegenheiten ist nicht einfach in meinem Kopf, sondern ist über viele Jahre „aquiriert“ und auch materiell gesammelt in meinem Büchern, meinen Newslettern, usw. All das ist beliehene Infrastruktur, in der ich gelernt habe zu navigieren, meine Wetten abzusichern und als ich das richtige Zugriffsfulcrum fand, den richtigen Eingang, konnte ich diesen Pfad gehen/diese Texte schreiben.

Der Pfad ging vom Plattformbuch zum „Dividuum„, bekam Traktion durch die „Pfadgelegenheit“ und beides leveragte ich für die „Interdependenztheorie„, Mit der „Hebel:Fuclrums-Mechanik“ hat die Bahn enorm Fahrt aufgenommen und fast von selbst die politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten durcherklärt. Es ist wie eine Kettenreaktion. Seit dem Fuclrumstext „snappen“ die gesammelten Pfadgelegenheiten reibungslos zusammen zu einem gleitenden, beschleunigenden Pfad und auf dieser Bahn rutsche ich gerade, Huiii. Das bin nicht ich, das ist die akkumulierte Infrastruktur, aus der ich mir eine semantische Rutsche gebaut habe.

Und: Ich hab mich für diesen Text haushoch verschuldet?

Schuld, Verdrängung, Verantwortung

Das Problem an dem „relationalen Materialismus“ ist, dass er sich wahrscheinlich nicht gut verkaufen wird, denn wenn man seine Prämissen ernst nimmt und sie auf sich selbst anwendet, ist man praktisch schon bankrott.

Wenn man mal in die Bücher schaut, dann sieht es düster aus. Allein der Klimawandel hat uns tief in die roten Zahlen getrieben und derzeit haben wir die Schuldenaufnahme nochmal beschleunigt? Das stablisierende Fulcrum [F5] Klimastabilität wird schon bald kollabieren und das wird unzählige Fulcren zerbrechen. Der Margin Call war praktisch gestern?

Aber keine Angst, das alles ist nicht deine „Schuld“ in einem fingerzeigenden Sinne.

Du fährst Bahn oder Auto und verschuldest dich bei den Millionen, die die Infrastruktur gebaut haben und warten. Du sprichst und verschuldest dich bei allen, die die Sprache geprägt haben. Diese Schuld ist nicht moralisch vorwerfbar – sie ist die Bedingung der Möglichkeit von Handlung überhaupt.

Strukturelle Schuld ist unvermeidlich, wenn sich jede Handlung bei einem Fulcrum verschuldet. Du hast die Hebel nicht gebaut, in die du reingewachsen bist.

Aber es ist eine „Schuld“ in einem Verantwortungssinne. „Verantworten“ – das habe ich bei Donna Haraway gelernt, kommt von „Antworten“. Ich finde, es ist unsere Pflicht, auf diese Schuld zu antworten – indem wir sie wenigstens anerkennen.

Verdrängte Schuld entsteht oft beiläufig, weil wir in einem System und in einem Subjektentwurf aufgewachsen sind und leben, das das Fulcrum systematisch und habituell ausblendet. Wenn ich meine Agency als meine eigene Leistung buche, dann tue ich das immer auf Kosten der beliehene Infrastruktur und aus Verantwortungs-Schuld wird verdrängte Schuld.

Auch das ist nicht deine „Schuld“ im fingerzeigenden Sinne. Diesen Fehler gleisten so „Geistesgrößen“ wie Archimedes und Descartes auf, die uns durch ihre eingeübte und vorgeahmte Unachtsamkeit die „Hebel des Individuums“ verkaufen wollten.

Diese Schuld wird aber vorwerfbar, wenn man die Fakten kennt und sie ignoriert, wenn man dazu schweigt, wenn man es zulässt, dass andere sie Verleugnen. Wenn man also seiner eigenen Zeugenschaft nicht gerecht wird – dann, dann ist man „Schuld“ im fingerzeigenden Sinne. Dann ist man seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.

Weil Verdrängung – trotz allem – immer eine Entscheidung ist – oder zumindest eine eingeübte Haltung, die man verlernen kann, halte ich uns alle für unsere Verdrängungen mitverantwortlich.

Was schulden wir einander?

Fulcren bestehen häufig und zu guten teilen aus Menschen. Sie wurden von Menschen geschaffen, sie werden von Menschen erhalten (Wertaktualisiert) bis in die tiefsten Regionen des Wertpfads. Wenn ich also sage, dass wir uns bei unserer Infrastruktur verschuldet haben, mache ich also eine Rechnung mit vielen, vielen Unbekannten auf. Wie soll ich meiner Schuld gerecht werden? Soll ich je all den Menschen, auf deren Arbeitsinput ich leverage, danken? Soll ich sie einzeln aufsuchen und ihnen die Hand schütteln?

Das sollten wir ihnen nicht antun. Aber wie wäre es für den Anfang mit der Selbsterkenntnis, dass wir alle beieinander verschuldet sind?

Und wie wäre es, dieses wechselseitige Verschuldetsein als „Default“ mitzudenken, wann wir miteinander umgehen?

Das zweite ist Aufmerksamkeit.

Wie wäre es mit Hinschauen? Fragen stellen? Warum werden ausgerechnet die, die Fulcren am Laufen halten, am schlechtesten bezahlt? Überhaupt: Wer hebelt auf wessen Fulcren? Wer trägt die Fulcrumskosten, wer streicht die die Hebelgewinne ein? Wer Hebelt nur noch auf einem Fulcrum aus Netzwerkzentralitäten? Welches Fulcrum wird verdrängt, verschoben, umgebucht, externatisiert?

Kapitalismus ist nicht nur eine Margenextraktions-Maschine, sondern vor allem eine Externalisierungsmaschine. Es ist die systematische Privatisierung der Hebel bei gleichzeitiger Sozialisierung der Fulcrumskosten. Das hat dazu geführt, dass die untersten Fulcren die gesamte Last stemmen, während wenige die Margen der abhängigen Hebel kassieren. Und trotz jahrzehntelanger Warnung vor Fulcrumsbruch werden jetzt wieder die Fossilhebel verlängert.

Ich frage:

Was schulden wir uns als Menschen, die dieselbe Infrastruktur bewohnen? Bewohnen müssen. Was ist der Grundlevel an wechselseitiger Schulderwartung, mit der wir einander begegnen sollten? Aber auch: was schulden wir den Kindern und den kommenden Generationen? Ich finde das sollte jeder selbst abschätzen, aber ich fordere zu Aufrichtigkeit auf.

Was schulden wir einander?

Ich finde, mehr als das.

Multiperspektivität und Anerkennung

Kein Dividuum hat Zugang zum gesamten Netzwerk. Jede Perspektive ist situiert, das heißt gleichzeitig: auf gewisse Art ähnlich wie andere Dividuen vor Ort (Wir leben in derselben Welt) und doch abweichend in Milliarden belangen.

Das ist keine Schwäche, sondern die Bedingung des In-der-Welt-Seins. Aber es bedeutet: Jede einzelne Perspektive beschreibt das Netzwerk notwendig unvollständig, weil sie nur entlang der Fulcren sieht, die sie selbst beliehen hat. Mit allgemein beleihbaren Semantiken können wir unseren Horizont also mit den Erfahrungen anderer erweitern und wenn wir ehrlich sind, besteht fast alles, was wir über die Welt zu wissen glauben, aus den beliehen Erfahrungen anderer.

In Krasse Links No. 35 Schrieb ich über die Erzählung The Elephant in the Dark:

Wikipedia fasst sie so zusammen:

The parable of the blind men and an elephant is a story of a group of blind men who have never come across an elephant before and who learn and imagine what the elephant is like by touching it. Each blind man feels a different part of the animal’s body, but only one part, such as the side or the tusk. They then describe the animal based on their limited experience and their descriptions of the elephant are different from each other. In some versions, they come to suspect that the other person is dishonest and they come to blows.

Die Geschichte soll Toleranz für unterschiedliche Sichtweisen plausibilisieren, aber ich würde es größer machen: So funktioniert Sprache.

Wir tasten uns alle durch die Welt und machen Vorschläge für Unterscheidungen, die entweder angenommen, in Frage gestellt oder ignoriert werden und dann murmeln wir so vor uns hin und während dein Murmeln mein Murmeln korrigierte und umgekehrt, entwickelte sich daraus im Laufe von ein paar tausend Jahren die bis heute krasseste Künstliche Intelligenz, die die Menschheit je gesehen hat: Semantik.

Semantik ist nicht nur die Infrastruktur des Denkens, sie ist auch Realitäts-Sensor. Durch die Einübung eines neuen Begriffs aquirieren wir immer auch eine neue Form von Aufmerksamkeit.

Unsere Sprache ist das Resultat einer iterativen, multiperspektivischen Erfahrungsakkumulation und Selektion. Das kommt einem mur nicht so vor, weil man sich meist in gewohnten semantischen Territorien aufhält, aber lass man eine Schwarze einer Weissen Person erklären, dass eine ihrer Handlungen „rassistisch“ ist. Dann fällt die weiße Person meist komplett aus ihrem beliehenen Refenzrahmen und glaubt, man hätte ihr gerade vorgeworfen „Heil Hitler“ gerufen zu haben.

Wir schulden es der Perspektive des Anderen, dass wir sie ernst nehmen, dass wir sie einbeziehen. Das Wort Rassismus ist bekannt, aber was bedeutet es? Wie klingt es in deinen Ohren, wie klingt es in anderen Ohren? Mit welchen Erfahrungen wird das Wort jeweils beliehen?

Du kennst das Wort „Rassismus“, aber wenn du als „Weiß“ gelesen wirst, ist dir das Phänomen erstmal strukturell unsichtbar, denn es ist – per Definitionem – die Struktur, gegen die du niemals stößt. Es sind eben die Barrieren, deren Abwesenheit dein Privileg ausmachen. Barrieren anderer, die man erst sieht, wenn man versucht, aus ihrer Perspektive draufzuschauen (selbst dann bleibt mir die Schmerzerfahrung fremd).

Struktureller und institutionalisierter Rassismus stattet alles mit einem für Privilegierte unsichtbaren, weil barrierefreien zugrifflichen Fulcrum aus, das dem Privilegierten viele Pfadgelegenheiten eröffnet, die es anderen verwehrt. Das heißt: Auch wenn du im Leben nie etwas rassistisches getan und gesagt hast, bist auch du beim Rassismus verschuldet.

Dasselbe gilt für Männer im Patriarchat, Heterosexuelle in der Heteronormativität, Cis-Menschen in einer Cis-Welt. usw. Jede Abweichung von der Norm impliziert spezifische Barrierevektoren im Erwartungsraum der intersektionalen Unterdrückung, an die ich als heterosexueller cis-Mann selbst nie gestoßen bin, aber andere habe dagegen stoßen sehen, mir aber zunächst nichts dachte, weil das kann ja tauschen gründe haben. Aber macht das mal. Fragt mal nach. Mir wurde die Erfahrung plausibel gemacht, weil Menschen sich die Geduld nahmen, es mir zu erklären und weil ich es gewagt habe, zuzuhören. Ich bin nicht erst seitdem Zuhören verschuldet, aber die Schuld ruft seitdem nach Verantwortung.

Wieder: nicht auf eine fingerzeigende Art, sondern als strukturelle Schuld.

Aber! Rassismus nicht ernst zu nehmen, ihn nicht für real zu halten, seine Gefahr herunterzuspielen oder ganz auszublenden, ist ein Nicht-Antworten auf diese Schuld. Es ist eine Verantwortungsverweigerung und damit ein moralisches Versagen.

Widerstand

Widerstand ist die Grundlage von Freiheit, Agency und Souveränität, denn alle diese Pfade basieren auf der Möglichkeit, Nein zu sagen und die Kosten dafür zu tragen.

In Krasse Links No 7 reflektiere ich zum ersten mal mein zerstörtes Fulcrum nach dem Twitteraus und bei der moralischen Reorientierung flog mir Ursula Le Guins „The Ones Who Walk Away from Omelas“ in die Aufmerksamkeit.

Als Zweites nehme ich die philosophische Erzählung „The Ones Who Walk Away from Omelas“ mit. Die Geschichte von Ursula K. Le Guin spielt im fiktiven Ort Omelas, der in jeder Hinsicht als Paradies gelten kann. Allen geht es gut, alle sind gut drauf und das Leben ist eine einzige Party. Erst spät finden wir heraus, dass dieses Wunder darauf basiert, dass alles Leid auf einen einzelnen, kleinen Jungen abgeleitet wird, der allein und vernachlässigt im Kerker unter der Stadt gehalten wird. Alle wissen von dem Jungen, aber sein Leid wird verdrängt, weil das eigene Glück davon abhängt.

Doch einige beginnen, Omelas zu verlassen. Es sind nicht viele. Aber es werden mehr.

Ich mag diese Metapher sehr, weil sie die soziale Dimension des Moments einer moralischen Klarheit so auf den Punkt bringt: Es ist eine Art emotionale Immigration, ein Abschied von eigentlich liebgewordenen Menschen und von einem vertrauten, schönen Ort, der aufgehört hat, schön zu sein, seit man auch emotional durchdrungen hat, wie er funktioniert.

Wir leben alle in Omelas, genauer: in vielen Omelas‘ und sie zu verlassen ist fucking schwer. Ich zum Beispiel esse immer noch Fleisch (lass mich!). Gerade deswegen sollten wir es feiern, wenn es einigen von uns gelingt, das eine oder andere Omelas zu verlassen und wir sollten nachsichtig mit denen sein, die diesen Schritt noch vor sich haben.

Widerstand ist einen Pfad nicht zu gehen und die Kosten dafür zu tragen und manchmal ist es der einzige Pfad, wenn man seiner Zeugenschaft gerecht werden will. Das war der Punkt, an dem ich beschloss bestimmten Pfaden lebewohl zu sagen.

Aber dazu gehört auch das ganz praktische De-Investment in Pfade. Vom Wechsel der Infrastruktur, zur Umstellung der Lebensweise, zur Reduzierung der Erwartungen. Planen, wie man Abhängigkeiten umschiffen und Shocks mitigieren kann.

Und dann das gezielte, emotionale „shorten“ bestimmter Pfade im Pfadgelegenheitsportfolio. Karriere, Geld, Erfolg. Und auch die Hoffnung auf die Viablität bestimmter Pfade verlieren. Markt, Rechtstaat, Gewaltenteilung, Parlamentarische Demokratie, Checks & Balances und die angeblich so robusten „Institutionen“, „Zivilisation“. Und wenn man einmal damit anfängt, dann crasht das halbe Portfolio.

Wie man seinen Widerstand organisiert, ist eine taktische oder gar strategische Frage, aber die moralische stellt sich heute jeden Tag. Sag ich was? Mach ich mich unbeliebt, wenn ich was sage? Was sind die Kosten meines „Neins“? Mach ich was? Ist mein „Nein“ laut genug? Ist mein „Nein“ umfassend genug? Wird mein „Nein“ der Katastrophe des „Ja“ gerecht? Sollte ich andere Verurteilen, deren „Nein“ mir zu laut ist, oder nicht erstmal checken, ob meines nicht zu leise ist?

Das sind jedenfalls Fragen, die ich mir seitdem stelle.

Gewalt und Erlaubnisstrukturen

Gewalt ist Kommunikation und wie jede Kommunikation beleiht Gewalt andere Gewalt.

Erlaubnisstrukturen sind semantische Pfadgelegenheiten zur Gewaltanwendung (groß oder klein). Erlaubnisstrukturen sind zwar semantisch, aber sie „beleihen“ Gewaltakte. Entweder Gewaltereignisse aus der Vergangenheit mit ihren überlieferten Rechtfertigung, oder man denkt sich einfach selber welche aus und hofft, dass man damit durchkommt.

Praktisch heißt das, dass Gewalt aus der Vergangenheit geleveraged wird, um Gewalt in der Gegenwart zu rechtfertigen. Erlaubnisstrukturen, sind semantische Fulcren, an die man „kinetische Hebel“ anlegen kann.

Gewalt ist deswegen auch immer eine Pfadgelegenheit, die in zwei Pfade eingebettet ist. Die Gewaltanwendung des Dividuums (horizontal) und der vertikale Pfad, der meine Gewalt rechtfertigt.

Meine Gedanken zu Erlaubnisstrukturen entstammen Walter Benjamins Begriff der rechtsetzenden Gewalt. Ich schrieb in KL32:

Kuku Schrapnell reflektiert auf 54Books ihre eigene Gewalterfahrung – sie wurde von einer Gruppe rechter Schläger zusammengeschlagen – auf eine intensive und erkenntnisreiche Weise. In der Reflexion greift sie auf Walter Benjamins Unterscheidung von Rechtsetzender (auch mythischer) und Rechtserhaltender Gewalt. Rechtserhaltende Gewalt ist das Disziplinieren von Regelverstößen.

Mit der rechtssetzenden Gewalt ist es ein bisschen schwieriger, nicht umsonst spricht Benjamin auch von der mythischen Gewalt. Am Anfang jeder rechtlichen Ordnung braucht es Gewalt, um sie durchzusetzen.

Aber diese rechtliche Ordnung muss auch beschützt werden, weil sonst andere, mythische Gewaltaten die Pfadentscheidungen treffen:

Während es auf der einen Seite zwar immer mehr rechtliche Gleichstellung für queere Menschen gibt, wie zum Beispiel das maßlos wichtige Recht auch heiraten zu dürfen, oder die Abschaffung des schrecklichen Transsexuellengesetzes zugunsten des nicht ganz so schrecklichen Selbstbestimmungsgesetzes, steht auf der anderen Seite die Zunahme der (mythischen) Gewalt gegen queere Menschen, die diese Rechte in Frage stellt. Die rechtliche Gleichstellung ist nicht nur in sich selbst prekär, immerhin kann ja schon die nächste rechte Regierung alles wieder kippen, sie ist auch immer nur so stark, wie die in ihr gebündelte Gewalt. Die Gleichstellungsrechte können überall da in Frage gestellt und unterlaufen werden, wo ihre rechtsbegründende Gewalt nicht direkt in Erscheinung tritt, weil beispielsweise Polizeistreifen lieber durch linke oder migrantisch geprägte Viertel fahren, oder andere Gruppen schon so mächtig geworden sind, dass sie sich ungehindert austoben können.

Weil sich jede Gewalt ihre eigene Erlaubnisstruktur baut, setzt sie implizit Recht. Aber was kann man dem Entgegensetzen?

Gewalt ist immer eine Grenzverletzung und jede Grenzverletzung erntet Aufmerksamkeit. Und die Art und Weise, wie wir mit dieser Grenzverletzung umgehen, wird bei den Dividuen als „Präzedenzfall“ generalisiert, also normalisiert, ein bekanntes und beleihbares Beispiel, an dem ich und andere unsere Handlungen orientieren. Wird die Grenzverletzung geahndet, wie wird die geahndet, was sind die Konsequenzen, wie sprechen wir danach über den Fall, etc.

Jeder Gewaltakt verändert das Portfolio der Erwartungen und wird, wenn er nicht sanktioniert und tabuisiert wird, zur beleihbaren Infrastruktur für neue Gewalt.

„Ethik“ arbeitet im relationalen Materialismus also eher wie vernetztes „Case Law“, statt wie Kant es sich wünschte, als „Regel“.

Faschismus

Hier, wie Faschismus (und Bullying im Allgemeinen) funktioniert:

Durch ständig eskalierende Grenzverletzungen stößt du deinen Gegner und die Gesellschaft aus dem angestammten Raum der Erwartungen, so dass sie ohne Anschlusshandlung dastehen. Ihnen fehlt in dem Moment ein plausibles Fulcrum für ihre habituellen Hebel.

In diesem Vakuum normalisiert sich deine Grenzverletzung, denn sie bleibt ungesühnt und wird ab nun zum Teil des Erwartungsfulkrums, an dem du den nächst größeren Grenzverletzungshebel ansetzen kannst.

Deswegen ist Faschismus am Anfang so erfolgreich, fällt aber in sich zusammen, sobald er das Erwartungsfulcrum der anderen so weit abgenutzt hat, dass es bricht.

Um Faschismus zu besiegen, müssen wir also möglichst unsere Erwartungsstabilität verlieren, denn sie ist – wie bei jedem anderen Betrug – die Grundlage der Waffe, die der Faschismus gegen uns richtet.

Da das ein freier fall wäre, ist es wichtig, selbst Erwartungsgrenzen zu durchbrechen, um neue, resilientere Erwartungsinfrastrukturen aufzubauen.

Antifaschistische Arbeit besteht unter anderem auch darin, Anschlusshandlungen an faschistische Grenzverletzungen vorzuplanen und einzuüben.

Krieg

Auf den ersten Blick wirkt Krieg immer wie der Wettbewerb um die meisten und besten Waffenhebeln, aber bei genauerem Hinsehen geht es darum, ein vor den Angriffen des Feindes robustes und dennoch leistungsfähiges Fulcrum an Kriegsinfrastruktur zu wachsen: Fabriken, Depots, Nachschubwege, Unterstützung (oder zumindest Toleranz) der eigenen Bevölkerung für den Krieg, etc.)

Zum Weiterlesen.

2 Gedanken zu „Der relationale Materialismus

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