Willkommen zu Krasse Links No 89. Akkumuliert euer Erlaubniskapital, heute trommeln wir den Unaccountable-Beat der Pfadgelegenheitserwartung, um den Phasenübergang von Antifragilität zu Troja zu betrauern.
Das bisher für den Nachfolgestaat des Nazireichs konstitutive Trennungsgebot von Polizei und Geheimdienst soll nach dem Willen der Regierungskoalition wieder aufgehoben werden. Ronen Steinke in der Sueddeutschen.
Es geht um etwas Historisches, nämlich darum, dass der CSU-Politiker Dobrindt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die Agenten des Verfassungsschutzes dazu ermächtigen möchte, heimlich in Wohnungen von Bürgern einzubrechen. Dass sie heimlich in Schränken wühlen oder unter Betten. Dass sie heimlich Gegenstände zerstören oder manipulieren. Die Inlandsspione, die seit der Gründung ihres Dienstes im Jahr 1950 immer nur im Stillen lauschen und spähen durften – sie sollen nun gegen Menschen, die sie für gefährlich halten, erstmals auch robust und mit Einbruchswerkzeug loslegen. …
Dobrindt plant mit diesem Entwurf zur inneren Sicherheit eine Parallelpolizei zur normalen Polizei, mit teilweise identischer Gefahrenabwehr-Mission. Nur ohne die rechtsstaatliche Kontrolle. Die Inlandsspione sollen sich, wenn sie eine Wohnung durchsucht haben, nur intern gegenüber einer im Berliner Regierungsviertel ansässigen Geheimbehörde mit dem Namen „Unabhängiger Kontrollrat“ erklären müssen. Und dieser „Kontrollrat“ spricht nie mit der Außenwelt.
Deutschlands schlechte Erfahrungen mit „geheimer Staatspolizei“ sind, wie so viele andere Failsafe-Mechanismen, die nach dem Krieg eingeführt wurden, nicht mehr relevant. Nazis gibt es ja nicht mehr und wir haben aus der Geschichte gelernt, ne?
Es wäre schon umwälzend genug, wenn dies alles wäre – aber dann kommt hinzu, dass Dobrindt diese Geheimpolizei mit Agenten aufbauen möchte, deren Job höchst politisiert ist. Der Verfassungsschutz hat seit jeher die Aufgabe, Akten über politische Oppositionelle zu führen, selbst wenn diese gegen kein Gesetz verstoßen haben. Siehe Linkspartei, siehe AfD, siehe Klimabewegung. Nach 1945 erlaubten die Alliierten den Westdeutschen nur unter strengen Auflagen, ihre eigene Bevölkerung präventiv politisch auszuspionieren, mit einer Stelle, die eng angebunden ist an die Weisungen eines Ministers. Streng befahlen sie Konrad Adenauer: „Diese Stelle soll keine Polizeibefugnisse haben.“
Kein Grund zur Panik. Nur weil Dobrindt nach eigener Aussage eine „Konservative Revolution“ anstrebt und bereits heute ganz ungeniert das Gesetz mit Füßen tritt und wir erst kürzlich und über viele Jahre einen rechtsradikalen Verschwörungstheoretiker auf dem Chefsessel des Verfassungsschutzes sitzen hatten, heißt das ja nicht, dass diese neue Geheimpolizei schief gehen muss?
What could possibly go wrong?
Die US-Regierung zahlt RWE 1,22 Milliarden Dollar, um ein Windpark-Projekt aufzugeben. Die New York Times.
The Trump administration will pay the German energy firm RWE $1.22 billion to abandon plans to build wind farms off the coasts of New York, California and Louisiana, the company announced on Thursday.
It was the fifth such deal the government has reached this year to halt the development of offshore wind, a source of renewable energy that President Trump has derided for decades.Under the agreement, RWE will voluntarily surrender three leases it owned for wind farms in federal waters. Those projects were in the early stages of development and had little chance of moving forward under the Trump administration, which has halted all federal permitting for offshore wind.
Das Geld soll jetzt aber sinnvoll reinvestiert werden, nämlich in neue fossile Energieabhängigkeiten gegenüber den USA.
The firm will spend $900 million to acquire an indirect 16 percent stake in a liquefied natural gas project in Louisiana and sign a $300 million order for new gas turbines that generate electricity. The company said it was planning to build at least 15 natural gas peaking plants in the United States.
Man versteht die Notwendigkeit der Geheimpolizei besser, wenn man bedenkt, dass einige von uns sich vielleicht nicht freiwillig in die Klimaapokalypse zerren lassen wollen.
Ich hatte zum letzten Newsletter wieder einen Q&A-Twitchstream veranstaltet, den man hier nachschauen kann, in dem ich am Anfang mangels Zuschauerfragen erstmal die Trommelmetapher noch mal konkreter ins Pfadmodell integriere, wir aber dann gegen Ende über Nolans Odyssee diskutieren.
(Den nächsten Stream gibt es hier am Mittwoch den 19. August um 19:00 zu dieser Ausgabe, oder über welche Themen ihr am liebsten sprechen wollt.)
Ich habe mir Nolans Odyssee tatsächlich erst nach dem letzten Newsletter angeschaut, kann aber die von mir verlinkte Kritik darin durchaus sekundieren. Der Film hat meines Erachtens Nolantypische Stärken (Erzählung, Bilder) und Schwächen (Charaktertiefe, Dialoge, mangelnde weibliche Perspektiven …) aber was ich eh viel spannender finde, ist die Debatte, die sich darum entspinnt hat.
Emily Wilson, die die letzte Odyssee-Übersetzung ins Englische besorgte, hat sich direkt auf Nolan gestürzt, und den Film ziemlich übel verrissen. Ich finde, sie hat einige Punkte, aber ihr Urteil ist auch ziemlich harsch und teils ungerecht, auch weil sie sich auf die Unterkomplexität Nolans Odysseuscharakters kapriziert und seine politische Deutung nicht gelten lassen will. Das wird ihr auch von dem Kollegen Theo Nash vorgeworfen, der Nolan vor ihrer Kritik verteidigt. Auch er sieht die Xenia-Architektur (Im Film: Zeus‘ Gesetz der Gastfreundschaft) als entscheidend: Nicht nur die Freier, sondern die Griechen selbst brechen Zeus‘ Gastrecht, als sie sich im Pferd verstecken. Alles danach (die Irrfahrt, die Freier, die People from the Sea) ist Strafe. „The mess he cleans up is his own.“
Die beste schriftliche Rezension fand sich aber bei Stefano Rebeggiani, der einige der Punkte sah, die auch der Instagram-Rezensent geoff_aaaa aus der letzten Ausgabe ansprach und die ich nachwievor für gültig halte. Er verweist auf die Tragiker des 5. Jh., die Troja als Warnung vor der Hybris der Herrschaft deuteten und Nolan zieht genau die Parallele zur Gegenwart.
Wer noch mehr Troja-Dröhnung auf die Ohren braucht: Mein Podcast-Kollege Ali Hackalife hat auf seinem Mainfeed „Auch Interessant“ mit Prof. Dr. Boris Dreyer über geschichtliche und archäologische Hintergründe geredet und wer noch mal tiefer und gleichzeitig unterhaltsam in den Trojanischen Krieg eintauchen will, dem seien die schon etwas älteren Folgen von „Troja Alert“ empfohlen (entstanden von 2016 – 2021), in dem Stefan Thesing und Daniel Franz den ganzen Mythos im Detail nacherzählen und in der Tiefe diskutieren. Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV. Außerdem Odyssee Teil I, Teil II, Teil III.
Auch der Podcast unterstützt Nolans Lesart der Ilias und der Odyssee durchaus – nicht nur bezüglich der Rolle der Trauer, etwa wenn Achill sich durch die trauernde Unterwerfungsgeste des Priamos erweichen lässt, als er ihn um den Leichnam seines Sohnes Hektor anfleht. Es ist die Trauer, die Achills Menschlichkeit wieder hervorbringt auf Basis derer sich die beiden trotz ihrer Feindschaft begegnen können.
Aber entscheidender finde ich, wie Stefan und Daniel in der letzten Folge den Regimewechsel besprechen, der sich auf Seiten der Griechen nach Achills Tod vollzieht. Um das hinterlassene Machtvakuum streiten sich noch während des Krieges Ajax und Odysseus, wobei Ajax an die ruhmvolle, aber ineffektive Kriegsführung „mit offenem Visier aber auch mit dem Kopf durch die Wand“ anknüpfen will, die schon Achill vertreten hat und für die der Kriegsgott Ares steht, das dem neuen Regime von Odysseus „Hinterlistig, aber brutal bis Genozidal“ schließlich unterliegt, und für das die Göttin Athene steht. Die Einnahme und Zerstörung von Troja, die Odysseus schließlich gelingt, wird auch bei den Tragikern wie Sophocles und Euripides schon unter der Preisgabe von Ehre, Tradition und ja, Menschlichkeit errungen. Odysseus‘ Schuldgefühle und sein PTSD und Tätertrauma, das Nolan Odysseus nicht nach hause kehren lässt, sind aus dieser Warte heraus völlig plausibel?
Sagen und Mythen versuchen immer festzuhalten, was verloren ging. So wie die Lieder um den Trojakrieg das Ende der Bronzezeit besingen, erzählt das Nibelungenlied von den Bräuchen und Werten der völkerwandernden Germanen, deren Kultur durch das Mittelalter beendet wurde und die Thora/Das Alte Testament erzählt die Geschichten der Vorfahren der Juden aus Perspektive ihrer Nachfahren im babylonischen Exil. Das wesentliche – und wie ich finde – besonders antifaschistische Moment der Trojasaga ist jedoch, dass die Trauer vom Täter kommt.
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Michael Seemann
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Stephan Kaufmann bespricht in der Frankfurter Rundschau eine Studie des Ökonom Daron Acemoğlu zur politischen Ökonomie der Aufrechterhaltung von Ungleichheit.
In ihrem Modell erhöht die Automatisierung die Ungleichheit und damit die Wahrscheinlichkeit einer Revolte. Ist sie erfolgreich, „wird der Kapitalstock für immer enteignet – ein erhebliches politisches Risiko, das die Kapitalisten berücksichtigen müssen“, so die Studie. Der „kapitalistische Staat“ stehe daher vor der Alternative, entweder den neuen Reichtum per Besteuerung umzuverteilen oder die Bevölkerung schlicht zu unterdrücken „und so mehr Spielraum für weitere Automatisierung zu schaffen“.
Unterdrückung, turns out, ist einfach billiger als Umverteilung. Ganz besonders, wenn dafür zunehmend effektive digitale Tools zur Verfügung stehen. Während das potentielle K_F_a der Eliten von Umverteilung proportional zur Ungleichheit wächst, wird das K_F_a von Unterdrückung durch Automatisierung immer kleiner.
Verteile die Regierung um, könne sie das Ausmaß der Automatisierung erhöhen, ohne einen Aufstand zu riskieren. Allerdings, so die Studie, wird mit zunehmendem Automatisierungsgrad und/oder wachsendem Kapitalstock eine stärkere Umverteilung notwendig, die aus Sicht der Kapitalisten zunehmend kostspielig wird. Daher könnte der Staat den Weg der Repression wählen. Auch sie koste Geld, allerdings seien die Kosten als Anteil vom Output fix und stiegen nicht mit dem Grad der Automatisierung. „Da die Umverteilung im Vergleich zur Repression zusätzliche Kosten verursacht – weil mehr Automatisierung mehr Umverteilung erfordert –, begünstigt zunehmende Automatisierung die Repression“, erklärt die Studie.
Auch die Hinwendung der Oligarchenklasse zu antidemokratischen Einstellungen wird dadurch rational.
Und schließlich zeigt die Studie, dass – ausgehend von einer Demokratie – es mit zunehmender Automatisierung und Kapitalakkumulation für die Kapitalisten rational sein kann, „einen Staatsstreich gegen die Demokratie zu unterstützen und ein repressives System zu errichten“. Dies ist laut Acemoglu kein reines Gedankenspiel. „Man wird eine Welt erleben, in der es leider viel Kontrolle, viel Überwachung und viel erzwungene Gefügigkeit geben wird“, zitiert er den ehemaligen Google-Manager Mo Gawdat. Und Palantir-Gründer Alex Karp sagte: „Es findet eine Revolution statt. Manche Leute werden geköpft werden. Wir rechnen damit, wirklich unerwartete Dinge zu erleben – und zu gewinnen.“
Verändert sich die Kostenstruktur auf Layer 1, verändern sich auch die erwarteten Erwartungen (Layer 3) und damit auch die politischen Motivationslagen der politischen Akteure (Layer 2).
Einen ähnlichen Punkt macht Cory Doctorow in seinem Essay Surveillance vs Guillotines. Ausgehend vom Jahr 2013 in dem sowohl die Snowden-Leaks, als auch Thomas Pikettys „Capital in the 21. Century“ herauskam, verbindet Doctorow Massenüberwachung und Kapitalkonzentration.
This is where Piketty and Snowden converge. When the Snowden leaks broke, there was a lot of talk about the mechanics and the legality of the NSA’s global digital surveillance, but precious little consideration was given to the reason for all this surveillance. In 2013, the idea that this spying was about „security“ was so obvious as to be self-evident. The questions at the time were whether spying could produce security. We weren’t asking why things were so insecure.
In retrospect, the answer is to be found in Piketty. Piketty’s Capital includes a long, impassioned plea to both lawmakers and aristocrats to consider redistributive policies (like a wealth tax) as the most affordable way to achieve political stability. Fundamentally, Piketty argues that the cheapest way to stop people from building a guillotine on your lawn is to build hospitals and schools; this is cheaper than paying for guards and prisons to lock up would-be guillotine builders.
Wie sich die Kostenstruktur der Massenüberwachung verändert hat, zeigt ein anschaulicher Vergleich zwischen der DDR und der NSA.
Of course, the GDR was already paying more than 1.2% of its population to spy on everyone else. It’s likely that East Germany’s leaders believed that their society simply lacked the fiscal space to hire more spies, even if short-staffing the Stasi risked societal collapse. Now, if Piketty is right, East Germany’s leaders could have solved this problem by giving people fewer reasons to want to overthrow the state. They could have taken their hands out of the cookie jar, could have instituted democratic reforms – they could have made a bid for democratic legitimacy and public material comfort. But that would have come at the leaders‘ own power and wealth, and, lacking the stomach for this sacrifice, they lost everything.
Enter the NSA: the digitization of human civilization has drastically reduced the cost of surveillance, and – again, per Piketty – this vastly increases the amount of inequality the world can sustain before the illegitimacy, incompetence and cruelty of rule by the neoaristocratic winners of the orifice lottery brings the whole thing crashing down.
Trump und alle Morbiditäten, in denen wir aktuell leben, können als direktes Resultat der Massenüberwachung gelesen werden.
The Trump years are proof of this. We’ve reached a high-water mark for rule by illegitimate billionaire dilettantes. The second Trump admin began with DOGE’s Bonfire of the Stupidities, where Musk cultists dismantled vast swathes of the American administrative state. Musk didn’t just attack foreign aid – though the fact that the world’s richest man murdered hundreds of thousands of the world’s poorest children for the lulz isn’t merely cruel, but also massively destabilizing in a way that will shake the world’s politics for generations – but also domestic institutions.
Ich bin ja eigentlich immer skeptisch gegenüber den Warnungen, das Smartphone mache die Menschen bekloppt, à la Manfred Spitzer oder Jonathan Haidt, aber dieses Video von Prof. Lemeshko über den Zusammenhang von Teenagerschwangerschaften und Smartphoneverbreitung hat mich dann doch aufgeschreckt, auch deswegen, weil er eben nicht Kognitions-Psychologisch, sondern Pfadpsychologisch argumentiert.
Lemeshko bespricht dort diese Studie von Nathan Hudson und Hernan J. Moscoso Boedo, die hier eine ganze Menge Daten unter einer für mich durchaus nachvollziehbaren Hypothese zusammenfassen.
Aber zunächst zu den Daten: Das Paper zeigt nicht nur, dass der Rückgang an Teenanger-Schwangerschaften nur der extremste Drop ist, in einer gesamtgesellschaftlichen Verschiebung, die sich als Gradient über die Altersverteilung zieht (siehe Screenshot), sondern auch, dass derselbe Shift sich auch in vielen anderen Ländern zeigen lässt und auch mit anderen Shifts im allgemeinen Verhalten korreliert.
Wir haben es hier mit einem Phasenübergang zu tun, einem Wechsel von einem Regime in ein anderes, für das das Smartphone nur der Transducer ist, der analoge soziale Pfadgelegenheitserwartungen in digitale soziale Pfadgelegenheitserwartungen wandelt. In Wirklichkeit geht es um die Frage, wie die Menschen ihre „unstrukturierte Zeit“ verbringen. Ihr wisst schon, das was man als Jugendlicher zu Hauf hat und mit dem Erwachsenwerden immer weniger. Wir nannten es „rumhängen“, oder wenn wir es draußen machten: „cornern“.
Gemeinsam verbrachte unstrukturierte Zeit ist, wo Freundschaften her kommen, aber eben auch Teenagerschwangerschaften. Jedenfalls kamen, denn der Phasenwechsel, von dem wir sprechen ist der zwischen offline Cornern und online Lurken. Der Witz ist, dass die Frage wo man seine Zeit verbringt, eben keine „individuelle“ Entscheidung ist, sondern durch Netzwerkeffekte bestimmt ist. Wenn 90% deiner Freunde online sind, dann wirst du gar nicht erst vorschlagen, dich an der Bushaltestelle zu treffen. Oder wie es im Paper beschrieben wird:
The smartphone case is distinguished by a coordination externality in peer-time allocation:a smartphone is valuable only to the extent one’s peers are on the platform, and in-person socializing is valuable only to the extent peers are physically available. The resulting strategic complementarity generates the tipping dynamic absent from appliance or tractor diffusion paths.
Diese Netzwerkeffekte gelten natürlich online wie offline. In meiner Jugend kam ebenfalls nicht die frage auf, ob wir uns „offline“ treffen, denn den Begriff kannten wir gar nicht? Meine Jugend war größtenteils noch analog.
The key symmetry is that both activities exhibit positive own-network externalities: in-person is more valuable when others are in person, and phone is more valuable when others are on phones. This is the standard supermodular-game structure of Katz and Shapiro (1985) and Milgrom and Roberts (1990), but applied here to the medium of peer communication rather than to technology adoption per se.
Aber das entscheidende ist die K_F_a des Zugangs zu beiden Orten: Jede Offlineaktivität braucht ein Mindestmaß an Koordination, Anstrengung einer Wegstreckenüberwindung, eine Erlaubnis der Eltern und eine Rückkehrmöglichkeit. Scheiße aufwändig. Online ist dagegen einfach: Mit dem Smartphone sind alle immer schon da, ohne sich überhaupt bewegen zu müssen.
Das Problem ist nur die K_F_a des Smartphonebesitzes selbst. Deswegen sehen wir eine klare Korrelation zwischen Smartphonepreis und Phasenübergang. Erreicht der Preis einen bestimmten Schwellenwert, wo sich die meisten Jugendlichen eines leisten können, sehen wir kaskadierende Effekte.
Cumulatively, from 2007 to 2019, the quality- adjusted price of a smartphone fell roughly 84 percent in real terms, and the series had already been falling for several years before 2007. This decline reflects falling hardware costs, rising processor and display performance per dollar, and growing carrier subsidies. The price trajectory is smooth. What is not smooth is the endogenous adoption response: as p falls past successive thresholds of the preference distribution F(θ), adoption m accelerates, and once m grows large enough the network externality δ m on the phone side exceeds the in-person externality α (1 − m) for the marginal agent, triggering a cascade and an equilibrium switch. The tipping date is a feature of where the endogenous response function crosses critical mass, not a feature of any kink or discontinuity in p itself.
In unserem Pfadmodell fangen soziale Phasenwechsel immer mit einer veränderten Kostenstruktur auf Layer 1 an, vollziehen sich aber erst auf Layer 3, also wenn die erwarteten Erwartungen sich ändern. So lange der Preis des Smartphones unterhalb einer bestimmten Schwelle bleibt, die für die meisten Kids prohibitiv hoch ist (also nur Schnösel eines haben), werden die anderen im Offlineraum erwartet. Erst ab einer bestimmten Schwelle ist die Erwartung da, online erwartet zu werden und der Default switcht.

In meinem ersten Buch, Das Neue Spiel von 2014, sprach ich über den Phasenwechsel im Umgang mit Informationen, den ich im „Kontrollverlust“ von Informationen ausmachte, die die digitale Welt bringt: Die These ist im Einzelnen komplex, wandert über Sensoren überall, Moores Law und „Big Data“ zu der Erkenntnis, dass wir nicht mehr wissen können, was Daten über uns sagen werden, aber heruntergedampft kann man die These zusammenfassen als:
Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen wären.
Der Phasenübergang begegnet uns im Alltag in Form der Erwartungs-„Ent-täuschung“. Unser Layer 2 ist noch von einer Welt geprägt, die aufgehört hat, zu existieren. In dem „Lag“ zwischen veränderten L1-Kostenstruktur und nachziehender L3-Erwartungserwartung und unserer daraus resultierenden L2-Hilflosigkeit, liegt der eigentliche Kontrollverlust.
Das alte Spiel beruhte auf der einfachen Tatsache, dass Informationen früher nicht frei fließen konnten. Informationsvermittlung war ein aufwendiger und deswegen immer ein bewusster Akt. Interessen und Bedürfnisse anzeigen und sammeln, Informationen innerhalb und außerhalb von Organisationen verbreiten und verarbeiten: Das waren aus gutem Grund ausgehandelte, gestaltete und kulturell eingeschliffene Prozesse. Datenschutz, Jugendschutz, Zensur, Staatsgeheimnisse, Urheberrecht, Unternehmensgeheimnisse, Öffentlichkeitsarbeit etc. sind Strategien, die noch auf dieser behäbigen Mechanik von Informationen beruhen. Diese Strategien versagen zunehmend ihren Dienst. Im Neuen Spiel entsteht Wissen frei und fließt schnell und unkon- trollierbar. Wir müssen uns auf eine Welt einstellen, in der wir nicht mehr wissen können, wer auf welche Daten Zugriff hat. Das stellt alle Institutionen und gesellschaftlichen Prozesse infrage, die sich bislang auf diese Informationskontrolle verlassen haben.
Ich nannte das Buch „Das Neue Spiel“, weil mir klar war, dass sich etwas ganz Grundlegendes unserer Art mit Informationen umzugehen geändert hatte und dass wir möglichst schnell die neuen Spielregeln lernen müssen, um nicht ständig von einem Unglück zum anderen zu stolpern.
Dabei muss dazu gesagt werden, dass ich diesen auf L3 immer noch nicht völlig eingepreisten Phasenshift nicht nur negativ betrachtete. Wikileaks, Snowden, die #Aufschrei-Kampagne und die vielen Skandale um Politiker*innen und Unternehmen, die mit und durch das Internet ans Licht kamen, versprachen auch ein neues Zeitalter der Transparenz und Occupy Wall Street sowie der arabische Frühling zeigten, dass digitale Tools in den Händen der einfachen Menschen fähig sind, festgefügte Machthierarchien herauszufordern.
Für diese neue Welt versuchte ich neue Strategien zu finden und zentral war dabei Nassim Nicholas Talebs Idee der Antifragilität. Wenn die K_F_a für Informationskontrolle von geringfügig zu prohibitiv springt, so meine Überlegung, dann muss man sich gegen Informationsleaks immunisieren.
In seinem neueren Buch Antifragilität behandelt Nikolas Taleb die Frage, wie mit schwarzen Schwänen – also absolut unvorhersehbaren Ereignissen – am besten umzugehen ist. Sie sind nicht zu verhindern. Statt Risikomanagement zu betreiben, so Taleb, müsse darum viel- mehr dafür gesorgt werden, dass die Systeme – die Unternehmen, die Finanzwirtschaft, die Gesellschaft und das eigene Leben – nicht »fragil« konstruiert seien. Robuste Systeme halten Anomalien und Störungen stand, sie sind nach Störungen noch im selben Zustand wie zuvor. Fragil hingegen sind Systeme, bei denen Störungen bewirken, dass sie sich verschlechtern oder gar komplett in sich zusammenbrechen. Das Gegenteil davon sind antifragile Systeme, die sich durch Störeinwirkungen verbessern. Das mythologische Vorbild des Antifragilen ist die Hydra. Wir erinnern uns: Wird der Hydra ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue nach.
Taleb gibt ein Beispiel für eine antifragile Strategie, die den Kontrollverlust direkt betrifft. Seine eigene Profession als Autor beschreibt er als antifragil gegenüber Gerüchten und negativer Berichterstattung. Er könne jederzeit einen Skandal vom Zaun brechen, und anstatt dass er daraufhin zurücktreten müsste – wie das beispielsweise Politikerinnen und Manager in der Regel tun müssen – würde sich sein Buch dadurch nur noch besser verkaufen.
Was 2014, als ich das Buch schrieb, noch nicht klar war: Der arabische Frühling wurde erfolgreich niedergeschlagen und die Freiheit wurde in den meisten Ländern mittels neuer Digitalüberwachung radikal eingeschränkt, die Wikileaks-Enthüllungen hatten kaum politischen und hauptsächlich popkulturellen Impact, Julian Assange wurde festgesetzt, die illegalen Abhörmaßnahmen, die Snowden aufdeckte, wurden einfach nachträglich legalisiert (in den USA wie auch hier) und auch die vielen folgenden Leaks, etwa die Panamaleaks über die Offshorevermögen der Eliten, machten großes Trara, aber auch sie blieben weitgehend folgenlos.
Und dann kam Donald Trump.
Spätestens nach dem Access Hollywood Tape und seinem Ausspruch, er könne jemanden am hellichten Tag auf der 5th Avenue erschießen, ohne die Konsequenzen zu tragen, war mir klar, dass wir es bei ihm mit einem Paradebeispiel eines antifragilen Politikers zu tun haben, dem keine Enthüllung je etwas anhaben kann. (Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich bis zur Veröffentlichung des Großteils der Epsteinfiles letztes Jahr noch leichte Zweifel hatte.)
Trump ist seitdem ein Rolemodel sowohl für die Techoligarchie, als auch für AfD, CDU und Konservative weltweit geworden. Zu Trumps Unaccountable-Beat schwingen inzwischen auch Elon Musk, Mark Zuckerberg, Friedrich Merz und Jens Spahn und natürlich auch Dobrindt.
Heute weiß ich: Jeder ungesühnte Skandal ist rückblickend eine Erlaubnis und Erlaubnisstrukturen sind materiell, also akkumulierbar. Trump ist nicht nur „robust“ gegen Skandale; mit jedem überlebten Skandal stieg sein Erlaubniskapital.
Es ist also nicht nur die Massenüberwachung und es ist nicht nur die monetäre Kapitalkonzentration, die uns in diese Scheiße geritten hat. Was ich 2014 noch nicht ahnte, ist, wie toxisch Transparenz auf die Gesellschaft wirken kann, wenn sie keine Mechanismen in Gang setzt, Verantwortlichkeit herzustellen. Alles, was man dann noch sieht, ist eine Elite, die all ihre Kosten auf uns externalisiert – bis wir auf Layer 3 nichts mehr anderes erwarten.
Der Phasenübergang ist erst jetzt so richtig vollzogen, wo niemand mehr erwartet, Privatsphäre zu haben, weil privatisierte Massenüberwachung und die Bildung von Geheimpolizeien normalisiert wurden, während „Verantwortlichkeit“ für Menschen mit Macht zur absurden Idee wurde.
Die Datenwissenschaftlerin Lauren Leek beschreibt in ihrem Newsletter eine andere Form von Phasenübergang, dem wir seit etwa derselben Zeit ausgeliefert sind, den ich im Neuen Spiel die „Query-Öffentlichkeit“ nannte. Meine Intuition war, dass wir durch personalisierte Feeds mehr Varianz und Freiheit in der kulturellen Kommunikation bekommen, einfach weil sie Empfänger- nicht Senderbestimmt funktioniert. Wie viele andere, dachte ich, dass das dem „Long Tail“ der Spezialinteressen zu gute käme.
Turns out: das Gegenteil ist der Fall: die algorithmische Ordnung der Feeds macht unsere ganze Welt immer homogener und das kann man an vielen unterschiedlichen Stellen beobachten. Dabei ist es fast egal, wie genau der Algorithmus die Vorselektion organisiert, am Ende kommt immer ein Prozess raus, der ungefähr so funktioniert:
Imagine forty options, cuisines, genres, shop types, and a standard algorithm: predict what people want, show them more of it, watch what they pick, update. Then let the loop run.
Dinge, die bereits populär sind, werden verstärkt, Dinge, die von Erwartungen abweichen, werden weiter reduziert, weil sie ein Risiko sind. Heraus kommt ein langsamer aber stetiger Phasenübergang, der weniger als plötzliche Hysterese agiert, sondern als eine kontinuierliche Ratsche in den Varianz-Kollaps.
The mode gets shown more, so it gets picked more, so the model grows more confident the mode is what people want, and the tails starve. Within a few dozen rounds, a catalogue that began almost perfectly even collapses onto one dominant option. But why does it collapse toward the mode rather than fan out across all that individual data?
Almost every recommender is trained to minimise a prediction error, get the rating wrong by as little as possible, or maximise the chance you click. But the problem is that under squared-error loss, the prediction that minimises your expected error is the conditional mean. So an algorithm that is uncertain about you, and it is always at least a little uncertain, hedges toward the average. The more uncertain it is, the harder it pulls you toward the crowd. This is why more data doesn’t save us.
– Personalisation under a standard loss function is regression to the collective mean with extra steps. Variance, the technical word for the stuff that makes you you, is expensive to predict. Basically, diversity is variance, and optimisers are built to minimise variance.
Das wiederum spiegelt sich im Verhalten aller, die mit dem Algorithmus zu tun haben, denn der Algorithmus steigert beides: das U_gelingt von Konformität und die K_F_a der Abweichung. Auch hier ist der Phasenwechsel erst erreicht, wenn die veränderte Kostenstruktur die erwarteten Erwartungen auf Layer 3 umgestaltet.
What makes this political economy (and hence why I decided to write about it) is that the system doesn’t have to be right, it only has to be listened to. A recommender that’s a mediocre predictor of what you’d love in a rich, diverse world becomes an excellent predictor of what you’ll click in the impoverished one it creates.
Leek zeigt für die Effekte viele Beispiele auf, etwa die Homogenisierung von Innenstädten (die immer gleichen Ketten in den immer ähnlicher werdenden Straßen), die Wortvarianz in Popsongs, die Filmauswahl bei Streamingdiensten und die gestreamlineten Antworten der LLMs.
Aber wir hatten bereits Beispiele dafür in diesem Newsletter, etwa in Ausgabe No 3, wo ich über Kyle Chaykas Beobachtung den Durchschlag dieses Phänomens auf das Design von Coffeeshops zitierte.
My theory was that all the physical places interconnected by apps had a way of resembling one another. In the case of the cafes, the growth of Instagram gave international cafe owners and baristas a way to follow one another in real time and gradually, via algorithmic recommendations, begin consuming the same kinds of content. One cafe owner’s personal taste would drift toward what the rest of them liked, too, eventually coalescing. On the customer side, Yelp, Foursquare and Google Maps drove people like me – who could also follow the popular coffee aesthetics on Instagram – toward cafes that conformed with what they wanted to see by putting them at the top of searches or highlighting them on a map.
Oder in Ausgabe No 75, wo ich Deepak Varuvel Dennisons klugen Essay über LLMs zu Wort kommen lasse.
The internal representation of knowledge in an LLM is not uniform. Concepts that appear more frequently, more prominently, or across a wider range of contexts in the training data tend to be more strongly encoded. For example, if pizza is commonly mentioned as a favourite food across a broad set of training texts, the model is more likely to respond with ‘pizza’ when asked ‘What’s your favourite food?’ Not because the LLM likes pizza, but because that association is more statistically prominent.
Aber streamlinende Algorithmen müssen nicht unbedingt digital sein, um zu wirken. In Ausgabe No 29 bespreche ich das Instagramvideo von Adam Aleksic, aka etymologynerd, der zeigt, wie sich Männliche Vornamen seit den 1970er Jahren immer mehr angenähert haben, paradoxerweise, weil Eltern bei der Benenung ihrer Kinder von Traditionen abwichen, um besonders „originell“ zu sein, dann aber doch nur wieder Männlichkeitsmarker in die Vornamen reinforcten und wo ich das Wort „Lockstep Individualism“ lernte.
In diesem Video beschreibt er das Phänomen, dass Jungennamen in den USA immer häufiger mit „n“ enden und dieser Trend zur Uniformität lässt sich paradoxerweise auf einen Abgrenzungswillen zurückführen. Es wurden ganz viele neue Namen kreiert, aber meist welche, die auf „n“ enden, weil das irgendwie „low key“ männlich wahrgenommen wird. Das führte zu mehr Männern mit „n“ am Namensende, was den Eindruck verstärkte, etc. Network effects all over again.
Die sozialen Kosten einen nicht-standard Vornamen für sein Kind auszusuchen, sanken in den 1970er Jahren dramatisch, was zu einer neuen Freiheit und damit Vornamenvarianz führte. Doch weil auch das Patriarchat eine algorithmische Reproduktionsschicht betreibt, schleichen sich Lockstep-Individualismen in der Benamung ein, die die Varianz auf anderer Ebene kollabieren ließen.

