Krasse Links No 88

Willkommen zu Krasse Links No 88. Driftet eure Faschisierung, heute transducen wir das Trommelkonzert der Polarisierung und üben Kritihype an Odysseus seinem Heizungshammer.


Trump Media, die Pseudofirma, die die Infrastruktur für die kommentierbare Pressemitteilungsplattform von Donald Trump betreibt, hat ein neues Geschäftsmodell: sie verkauft jetzt bevorzugten Zugang zu den Pressemitteilungen des Präsidenten für 100.000 Dollar pro Monat. Die Financial Times.

The general public would not notice the difference in speed between Truth API and updates on Truth Social itself because Truth API would give an advantage of “milliseconds” to customers of the feed.

“Milliseconds is a big deal in this world, high-frequency trading firms and systematic quant hedge funds would definitely want this product,” said the chief executive of a US market infrastructure company.

Dabei geht es zwar nur um Millisekunden, aber in Zeiten von algorithmischen Trades reicht das zum „Frontrunnen“ marktrelevanter Verlautbarungen, etwa zum aktuellen Zustand der Straße von Hormuz. Zwar haben dann die Insider um Trump bereits ihre Wetten gesetzt (Siehe KL80), aber man kann ja immer noch den Rest des „Marktes“ ausnehmen? „Insider Trading as a Service“, basically.

Die Trump-API basiert dabei auf einer anderen API: der Kopplung des Öffentlichkeitstrommelkonzerts mit dem Trommelkonzert des Finanzmarktes.

Ich hatte ja die Finanztrommel in Ausgabe no 86 als doppelte Trommel beschrieben, die einerseits auf dem Layer 1 (der materiellen Realität)-Trommelfell des Orderbooks mit echten Transaktionen bespielt wird, aber auch auf dem Layer 3 (den Erwartungserwartungen)-Trommelfell der Öffentlichkeit mit Narrativen. Wenn Trump auf die L3-Trommel von Truth Social einen Beat anstimmt, wird er – wenn eine Verbindung besteht – immer auch den Beat der L1 Trommel des Finanzmarktes beeinflussen.

Wenn Donald Trump z.B. sagt: „der Frieden ist nah“, dann stellt er das Narrativ „Öl bald nicht mehr knapp“ ins illiquide Sellbook der Öffentlichkeit (das nach News lechzt), was, wenn es auf der L3-Ebene der erwarteten Erwartungen „gekauft“ wird, auf Layer 1 den Öl-Preis senkt.

Wenn Donald Trump sagt: „Der Waffenstillstand (den es nie gab, aber egal) ist vorbei!“ Dann stellt er das Narrativ „Öl bald wieder knapp“ zum Verkauf, das im Sellermarkt der Öffentlichkeit den Ölpreis auf L1 erhöht.

Normalerweise läuft der Wandler L3-Konsens -> L1-Preis, d.h. der Beat muss erst im Sellbook der Öffentlichkeit gekauft werden, bevor er nach L1 durchschlägt.

Die Trump-API baut nun einen Bypass, über den die Trading-Algos ihre L1-Transaktionen direkt auf dem Rohbeat spielen können, Millisekunden bevor die L3-Crowd ihn überhaupt hört, was den Algos erlaubt, den Preis zu „frontrunnen“. Indem die Trump-Api-Abonent*innen das Trommelfell der Öffentlichkeit überspringen lassen sie sich also von der Crowd ihre Exit-Liquidität bereitstellen. Letztere zahlt dann den aufgelaufenen Spread, den die API-Nutzer*innen zwischen dem API-Call und der Möglichkeit aller anderen, ihre eigene Position zu finden, eingesammelt haben.

Und wenn das Absatz findet, also viele Algos an die API angeschlossen werden, so dass Trumps Posts entsprechend viele Trades (mit institutionellem Volumen) aufgleisen, dann ist das Produkt nicht nur die Ausbeutung einer bestehenden L3/L1-Kopplung, sondern deren automatisierte Erzeugung: je mehr Investor*innen auf Trumps Posts handeln, desto stärker bewegen die Posts den Markt, desto wertvoller wird das Abo. Wir haben dann ein „Preferential Attachment“ auf den Kopplungskoeffizienten selbst — ein sich selbst erfüllender Transducer. Es ist die Meme-Stock/Crypto Dynamik all over again, nur statt als Kult, als automatisiertes Feedback-Orakel.

Das Einzige, was uns aus diesem Loop retten würde, ist, dass Trumps Aussagen als schlicht „unzuverlässig“ verworfen werden aber auch, wenn das … nunja, „rational“ wäre, kann man so viel Reflexion von Finanzbros wohl nicht erwarten?


Eva von Redecker hat mit der Linguistin Aurelie Herbelot zusammen über das Ende der Suchmaschine und dessen Ersetzung durch LLMs geschrieben und ich kann nur zustimmen. Besonders hervorheben will ich ihre Anwendung des linguistischen Verständnis der „Interpretation“:

Die Interpretation braucht, wie bereits erwähnt, zwei Zutaten: eine zu verifizierende Äusserung und eine Welt als Massstab. Was diese Welt nun mit Hyperlinks zu tun hat? Ziemlich viel. Das Internet ist ein Sammelbecken an Informationen, und es enthält auch eine Menge von Primärquellen, etwa Situationen, in denen jemand etwas gesagt oder getan hat. Der Bericht darüber, dass Liz Reid die Suchfunktion versenken will, lässt sich mit dem Link zum genauen Zeitpunkt ihrer Äusserung versehen. Damit muss noch nicht letztgültig entschieden sein, was in der echten Welt tatsächlich geschehen ist. Aber unser sprachliches Gehirn kann eine Verknüpfungsleistung vollziehen und feststellen, was Reid zumindest gemäss diesem Video in Wahrheit gesagt hat. Der Zauber des Internets besteht ja nicht zuletzt darin, unzählige Fährten für solche Verknüpfungen zu eröffnen, anstatt sie auf wenige kuratierte Ausnahmen zu beschränken.

Der andere Bestandteil der Interpretation ist die Äusserung selbst. Es muss etwas da sein, das wahr sein kann. Wo kein Satz ist, ist auch keine Wahrheit. Auch deshalb lässt die neue Suchmaschine von Google aufhorchen. Die neue Suchleiste «hilft dir, deine Fragen zu formulieren … Sie bietet Nuancen an, die dir vielleicht gar nicht eingefallen wären.» Will sagen: Google bietet dir nicht nur die Antwort auf deine Frage an, es bietet dir gleich die Frage selbst an.

Wir finden hier ohne weiteres unsere Layer 1 (materielle Realität) und 3 (erwartete Erwartungen) wieder. Die Interpreatation – die Triangulation von L1-Signalen im Kontext verfügbarer L3-Infrastruktur zu Layer 2, den dividuellen Erwartungen – wird von der KI einfach vorverdaut und so der Layer 1 – zwar nicht unverfügbar – aber obsolet gemacht wird. Warum eigene Fragen an die L1-Realität entwickeln, wenn die LLM eine L3-konforme Antwort gleich mitliefert? Willkommen in der „post-Interpretierenden“ Welt.

Das Internet ohne Hyperlinks ist ein weltloses Internet. Und eine echte Suche zielt nicht auf automatische Textvervollständigung. Wenn uns der Unterschied nicht mehr auffällt, befinden wir uns sehr viel weiter jenseits der Wahrheit als im Postfaktischen. Wir sind im Post-Interpretierenden.

Oder wie es Eryk Slavaggio so schön auf den Punkt gebracht hat: nach der Informationsgesellschaft kommt mit den LLMs das „Zeitalter des Rauschens„.


OpenAI hat von Anthropic gelernt und einen Cybersecurity PR-Coup gelandet und die Mainstreampresse flippt aus und tut ihr neustes Modell in alle Schlagzeilen. Eine der am wenigsten schlechten Darstellungen findet man in der Zeit bei Eva Wolfangel, die sich immerhin die Mühe machte, selbst zu recherchieren und daher gut darlegen kann, dass OpenAI unmöglich so überrascht sein kann, wie es tut.

OpenAI wusste um diese Gefahren, wie man in der eigenen technischen Dokumentation nachlesen kann. Dort heißt es: Das Modell handle »übermäßig eigenmächtig« und umgehe Beschränkungen, es habe mehrfach Daten gelöscht und sich Zugangsdaten aus einem versteckten lokalen Zwischenspeicher angeeignet, um auf eine Internetplattform zu gelangen. …

Um es klar zu sagen: Die Modelle haben genau das getan, was ihre Aufgabe war. Die Aufgaben aus ExploitGym sehen genau das vor: Sie konzentrieren sich auf Angriffe, »die eine unbefugte Codeausführung ermöglichen«, schreiben die Entwickler des Tests. Es soll also Code ausgeführt werden »mit Berechtigungen, die im Rahmen des vorgesehenen Sicherheitsmodells eigentlich nicht erlangbar sein sollten«. Dass OpenAI sich nun öffentlich darüber wundert, dass die Modelle es nicht beim Test beließen, sondern diese Fähigkeiten direkt nutzten, um die Lösung für die zuvor gestellte Aufgabe schneller zu organisieren, ist mindestens doppelzüngig.

Man kann sich schließlich nicht über „eigenmächtiges Verhalten“ wundern, wenn das möglichst selbstständige und effektive Lösen von Aufgaben direkt im Prospekt ihrer „Agenten“ steht.

Denn den Menschen nicht zu fragen, sondern möglichst schnell eine Lösung für ein Problem zu finden, ist der Default-Modus dieser Systeme. Da muss sich niemand wundern, wenn solche KI-Systeme nicht nach einem Passwort oder einer Erlaubnis fragen, und dass sie nicht lange zögern, sich unbefugt Zugang zu Daten zu beschaffen, wenn sie einen Weg finden. Es ist ja viel einfacher und in den meisten Fällen wohl auch schneller, als den Menschen einzubeziehen.

Ich würde in der Analyse noch tiefer gehen: LLMs sind größtenteils mit menschlichen Texten, auch menschlichem Quellcode trainiert, aber bei letzterem ändert sich das, weil gerade die Ergebnisse von Programmiertätigkeiten sich einigermaßen gut automatisch prüfen lassen und daher reines „reinforcement Learning“ im Training angewendet werden kann, wo die LLM ständig Aufgaben programmiert, die automatisiert mit einer „Ground Truth“ abgeglichen werden. Da das alles ohne menschliche Kontrolle passiert, ist sogenanntes „Reward Hacking“ vorprogrammiert, also das finden von „illegalen“ Pfaden zur Lösung, denn die Ground Truth überprüft immer nur das Ergebnis, nie die Legitimität des Pfads. Das Modell tut, was es soll: es sucht die K_F_a (Aktivierungskosten)-billigste Pfadgelegenheit und das ist im Zweifel immer der Exploit. „Reward Hacking“ bei Frontiermodellen ist gewissermaßen Goodharts Law („when a measure becomes a target, it ceases to be a good measure“) auf industriellen Maßstab skaliert. Das Ergebnis sieht aus, wie „Agency“, ist aber nur ein stochastisches Fragment.

Wie Wolfangel unterstelle ich hier mal, dass OpenAI es drauf angelegt hat, einen solchen Vorfall zu provozieren. Nichts lenkt so gut davon ab, dass dein Produkt trotz Billioneninvestion immer noch nirgends Geld oder Produktivität abwirft, wie so eine Gruselstory.

Der STS-Forscher Lee Vinsel nannte diese Form des Marketings bereits 2021 „Kritihype„. Dabei täuscht man kritische Berichterstattung an, trommelt aber eigentlich selbst nur wieder auf der Hypetrommel. „KI ist gefährlich“ klingt erstmal kritisch, schwingt aber phasengekoppelt mit dem Beat „KI ist nützlich“: „KI ist gefährlich, also mächtig und wenn du hier Geld einwirfst, ist sie mächtig für dich.“ Ein Bär-Beat, der als Bull-Beat resoniert.

Aber: Der unterschwellige Beat, der ebenfalls durch die Story verstärkt wird, ist: LLMs sind unzuverlässig. Und hier lauert die Trump-API Falle: wenn dem Agent das Vertrauen entzogen wird, sind auch seine Skills entwertet. Das ganze Wertversprechen agentischer KI ist, den Menschen aus der Schleife zu nehmen, aber die Furcht vor Reward-Hacking und seinen im Zweifel K_F_ab (Abschreibungskosten)-teuren Folgen, zwingt den Menschen zurück in die Schleife. Ein einziger Credential-Grab bepreist die ganze Beziehung neu, weil ein defektierender unbeaufsichtigter Agent unbegrenzte K_F_ab-Fallhöhe hat.

Das Problem der LLMs ist lustiger weise dasselbe, das die Trump-Media-API hat: Einerseits ist der Zugang durchaus wertvoll (mächtige Coding Skills / Front Running von Investitions-Pfadgelegenheiten) – aber nur dann, wenn man dem Agenten/dem Trump-Signal Vertrauen schenkt. Doch beide beweisen ständig, dass das eine dumme Idee ist.

Aber auch hier gilt es: wir müssen den KI-Firmen-Kritihype -> Journalismus-Transducer auf L3 unterbrechen, sonst haben wir auch hier ein Feedbacksystem, das die KI-Blase auf L1 vom Platzen abhält.


Ryan Broderick ist für meinen Geschmack immer etwas zu optimistisch beim Absingen des kulturellen Impacts der Rechten in den USA im Allgemeinen und von Musks X im Besonderen, dennoch deuten seine aktuellen Beobachtungen durchaus auf eine Ermüdung des rechten Kulturkriegs hin, den er für das letzte Jahr so zusammenfasst:

The American right wing spent last summer having a massive meltdown over, first, Sydney Sweeney’s American Eagle commercial and, then, a proposed new logo from Cracker Barrel. They shrieked at liberals and progressives who were mad about the optics of Sweeney bragging about her “genes” in a jeans commercial and whined when American Eagle eventually apologized for it. They ended up getting their big cultural victory a month later, though, when they bullied Cracker Barrel into abandoning their new logo.

Der rechte Kulturkrieg besteht zu einem Gutteil in der Aufrechterhaltung der Formel „Go Woke, Go Broke“, die sich zwar in der L1-Realität nur schwerlich nachweisen lässt, aber innerhalb der Realitätsabzweigung rechten semantischen Sezession eine Menge Kredit genießt, was zu einem absoluten Sellermarkt mit dick gefülltem Buy-Orderbook führt, das ständig nach neuen L1-Narrativen fahndet. Christopher Nolans Odyssee fiel also auf ein enorm gespanntes Trommelfell, und hat aber qua seines phänomenalen Erfolgs an der Kinokasse einen sehr lauten Kontra-Schlag in der rechten Bubble gelandet.

The Odyssey made an estimated $260 million worldwide this weekend. And its “woke” casting and its modern-ish dialogue and historical inaccuracies and all the other garbage Musk and his reply guys have been screeching about for a month clearly did not matter to normal theatergoers. It’s apparently so good that even Shapiro is hailing it as a masterpiece. And this has put the right-wingers who assumed it would flop in a very funny position.

Einige Right-Winger reagieren darauf, indem sie eine unfalsifizierbare Kontrafaktizität aufgleisen:

Right-wing YouTuber Joey Salads has shifted to a narrative that movie might be making money, but it would have made even more money if it wasn’t woke.

Einige üben sich in Path-protective Cognition:

Daily Wire contributor Harry Khachatrian went a simpler route, arguing that the movie is actually not woke.

Musk selbst de-riskte zunächst seine L3-Position, ohne den Verlust offenzulegen:

Musk unfollowed the (often very horny) film account @TheCinesthetic and spent the weekend retweeting posts about Roman history.

Doch es gibt auch Right-Winger, die den Margin-Call hörten und ihre Position im Narrativ liquidierten.

But the most important reaction from Odysseygate was from right-wing talk show host Erick Erickson who wrote on X, “The succubus right is exhausting, sucking all the joy out of life. Don’t go see Nolan, ‘it’s woke.’ Don’t watch sports. ‘It’s woke.’ Don’t do this. Don’t shop there. It’s like the Left — draining the joy from life in the name of some weird purity.”

Und wie beim Aktienmarkt ist der Trommelschlag besonders laut, wenn ein Insider mit hoher Koalitions-Fallhöhe einen „Sell“ ins Orderbuch stellt, besonders, wenn der Bid dünn wird.


Tatsächlich will Musk seine Grok-Engine nutzen, eine Slop-Propaganda Version der Odyssee zu generieren, die ganz besonders „historisch authentisch“ ist. Der Guardian:

In a post on X, Musk said: “Before this year ends, Grok Imagine will make a full-length movie of The Odyssey that is historically accurate and true to the art of Homer.” …

Musk has been attempting to stoke a culture war around Nolan’s film, which stars Matt Damon as Odysseus and Anne Hathaway as Penelope, and was released on Friday to near-universal acclaim and achieved impressive box office results. Before the film was released, Musk reposted abusive messages aimed at Nolan’s casting of Black actor Lupita Nyong’o as Helen of Troy and Clytemnestra, and trans actor Elliot Page as Sinon, adding that “[Nolan] wants the awards” and that “[he] has lost his integrity”.

Die Massenpsychose der Rechten ist kulturwissenschaftlich kaum mehr zu analysieren, ohne sich dabei zu fühlen, als ob man einen Witz erklärt.


Der Instagram-Nutzer geoff_aaaa hat auf seinem Kanal trademoviespodcast den spannendsten Take auf Nolans Odyssee, dargeboten in zwei Akten.

-> Teil II.

Ich mag den Take auch deswegen, weil er nicht nur die Odyssee selbst, sondern auch den Film in Nolans Œuvre einordnet und macht plausibel, dass sich Nolan rückblickend als Oppenheimer sieht, der mit seinen einflussreichen Inszenierungen eine gewaltsame Ordnung stützte – den westlichen Liberalismus – um hinterher festzustellen, dass er dabei an der Schaffung von etwas Monströsem mitwirkte. Die Odyssee ist nicht deswegen „woke“, weil Helena schwarz und Achill trans ist (auch das wird hier aufschlussreich eingeordnet), sondern weil sich der Streifen eigentlich am Faschismus abarbeitet, der den Westen und seine Kultur befallen hat.

Mich hat das auch deswegen berührt, weil auch ich mich nachträglich schuldig fühle, jahrelang gegen die gesellschaftlichen Widerstände der Digitalisierung das Wort geredet zu haben. Aus der damaligen Perspektive heraus gesehen wirkte das plausibel, aber weil die Welt nun mal kein Ort ist, sondern ein Pfad, seh ich heute genauer, woran ich mitgearbeitet habe.

Für so ein Buyers-Remorse eignet sich die Odyssee besonders, denn auch sie war vielmehr ein elegischer Abgesang der Bronzezeit, als ein selbstgewisser Gründungsmythos des Helenischen Reichs.

Hier eine relational materialistische Theorie der Erinnerung:

Eines der ersten Dinge, die man als „bewusstes“ Dividuum lernt, ist sich vom „Augenblick“ zu trennen. Das kann durchaus gelegen kommen, weswegen uns das oft gar nicht so schwer fällt, doch wirklich „gelernt“ haben wir das natürlich in den Momenten, wo es schwerfiel. Das Schlimme am Augenblick ist ja (völlig unabhängig davon, wie man ihn zeitlich eingrenzen will), dass wir ihn als vergänglich erleben, denn die Zeit läuft unerbittlich und macht uns zum Pfad. Und dann müssen wir irgendwann feststellen, dass sich die Konstellation der Infrastruktur, die den Moment möglich machte, verschoben hat, so dass der Moment verging. Das erzeugt Netzwerkschmerz.

Und weil eben jeder Schmerz – wie auch jede Gewalt – eine Geschichte braucht, braucht auch der Netzwerkschmerz des verlorenen Augenblicks eine Erzählung. Diese Erzählung nennen wir „Erinnerung“. Sie ist die poetisierte Form des Trennungsschmerzes.

Auch der Untergang will eingeübt sein. Wann immer wir uns von etwas „lösen“, wann immer wir dem Moment widerstehen, wann immer wir den Moment beenden (z.B. „wenns am schönsten ist“), dann inszenieren wir uns eine Schmerzstruktur, die das Verrinnende aufbehält, und reinszenierbar macht. Natürlich ist das nie eine realitätsgetreue Inszenierung, die aber nicht nur sprachlich passiert (wobei Sprache immer eine Rolle spielt), sondern eben auch Bilder, Gefühle, manchmal Gerüche, Vibes, Melodien usw. mit einbezieht.

Geschichte/Erinnerung ist oft ein ganzer Komplex miteinander verschränkter Pfade, die, wenn man sie reinszeniert, natürlich nicht den vollständigen Moment in allen Details resimulieren, aber alles, was wir im Moment für wichtig erachteten. Es inkludiert alles was notwendig ist, uns zurück in diesen Pfad zu katapultieren, um von dort neue Anschlusswege ins Jetzt zu bauen. Erinnerungen sind keine gefrorenen Statuen einer ewigen Vergangenheit, sondern gemachte Infrastrukturen, um neue Erinnerungen zu ermöglichen.

Was Musk und seine Deppen nie verstehen werden: Ilias und Odyssee sind die kulturalisierten Schmerz-Erinnerungen, die in verdichteter, teils überspitzter Form „das Wichtige“ einer untergegangenen Epoche zur Betrauerung einkapseln (wie Hektors Leib), und zur Reinszenierung offen halten (wie Demodokos‘ Lied und Penelopes Leichentuch) und in ihrem Kern antifaschistisch und KI-resistent.


Carmen Loschke, Sibylle Braungradt, Friedhelm Keimeyer und Jan Rosenow werteten in ihrem Paper Heating up the headlines: How tabloid framing reshaped Germany’s Buildings Energy Act die Kampagne der Springermedien und ihre politischen Wirkung aus.

This paper examines how BILD, Germany’s largest tabloid, transformed the 2023 reform of the Buildings Energy Act (GEG) into one of the most polarizing political controversies in recent German history. Analyzing a corpus of 333 BILD articles from January 2023 to March 2024, we identify three dominant rhetorical strategies – personalisation, economic alarmism, and ideological framing – epitomised by the term “Heizungshammer”, which appeared over 250 times in BILD alone and spread to more than 1100 articles across the broader press. These narratives produced concrete policy outcomes: the progressive dilution and eventual abandonment of the 65% renewable energy obligation, the cancellation of planned building efficiency standards, and a reversal of Germany’s position in EU negotiations on the Energy Performance of Buildings Directive.

Wir erinnern uns an die Heizungshammer-Kampagne, die wesentlich von Lobbyinteressen und über Springer gelauncht worden ist und die allein schon semantisch extrem geschickt aufgegleist wurde.

Key elements of narratives associated with BILD’s coverage—such as the controversial term “heating hammer”—gained widespread traction across the German media. In our analyzed BILD corpus containing 333 relevant articles the word hammer was used more than 250 times, in different writings for “heating hammer” (228 times) but also in variations such as “energy hammer” or “housing hammer”.

„Heizungshammer“ verbindet etwas gewaltsames, den Hammer, mit etwas, dass uns körperlich sehr nah ist und auf das unser Überlebensfulcrum besonders angewiesen ist: die Heizung. Der „Heizungshammer“ mobilisiert damit die Maximale Fallhöhe mit minimalen Aktivierungskosten (K_F_a).

The name Habeck is mentioned 44 times as a direct prefix. Between January 2023 and March 2024, 1100 articles outside of BILD used the term (here, all results matching the query “Heizungshammer” OR “Heizhammer” OR “Heiz-Hammer” OR “Heizungs-Hammer”). Similarly, “Heizungsverbot” (heating ban) appeared in 800 articles, reinforcing a narrative of restriction. The framing of the law as driven by “ideology” featured in 660 articles (matching the query Gebäudeenergiegesetz AND (Ideologie OR ideologisch)), while references of public “uncertainty” (“Verunsicherung”) linked to the heating law surfaced in over 2500 articles, underscoring the broader societal unease surrounding the policy debate.

Die Personlisierung des Gesetzes mit Robert Habeck und der Verweis auf „Ideologie“ gaben zusätzlichen Auftrieb. Ein Gesicht kann man immer besser trommeln, als eine Institution und die allgemeine Verdrängung des Klimawandels macht Grünenhass eh zum Sellermarkt. Der ständige Verweis auf die allgemeine „Verunsicherung“ ist besonders perfide: Erstens kann man Verunsicherung nicht Fact Checken und zweitens verunsichert es, ständig gesagt zu bekommen, die Leute seien verunsichert. Der Rekurs auf die Verunsicherung ist ein kaum zu bekämpfender Feebackloop.

Wir haben es aber auch mit einem Medienveragen im breiterem Maßstab zu tun:

Only a limited number of media outlets delved into the specifics of the rather moderate provisions in the law and explicitly covered the campaign opposing the legislation, notably niche media such as “Klimareporter.de” [21] and the fact checker “Volksverpetzer.de” [22].

Das Gegen-Buch ist fast leer? die Verteidigung des Gesetzes hatte praktisch keinen Resonanzraum. Bei der Odyssee traf das Anti-Narrativ ein dickes Buch (Massenpublikum indifferent); hier war das Pro-Narrativ das dünne Buch, dass den Heizungshammer ungehindert nachhallen ließ.

Aber gerade die Contagion des Beats im Trommelkonzert ist hier aufschlussreich:

These discursive dynamics were not confined to the media. They were actively mirrored and amplified by political actors across the spectrum. Notably, the far-right party Alternative für Deutschland (AfD) adopted the term “Heizungshammer” in its messaging and launched a dedicated campaign website to “stop the heating hammer,” (see https://www.afd.de/heizhammer-stoppen/) framing the law as both economically ruinous and ideologically driven. The Christian Democratic Union (CDU) initiated a parallel campaign in May 2023, echoing the same rhetoric and emphasizing the cost burden for citizens. The fact that such language was employed across both extremist and mainstream opposition parties illustrates how populist narratives have migrated into the political mainstream, further destabilizing the conditions for constructive climate legislation.

Die CDU übernimmt den Term nicht (nur) aus ideologischer Deckung mit der AfD, sondern weil er liquide ist: eine hegemoniale Verständigungs-Infrastruktur, die die Transaktionskosten jedes Angriffs auf das Gesetz senkt. Man beleiht den Term, weil dort die Liquidität liegt und trommelt mit dem Momentum von Bild und AfD im Rücken dagegen.

Und das ist eine Beobachtung, die weit über das Heizungsgesetz hinaus geht. Diskursives Momentum = politische Liquidität.


Simon Strick im ND über den Begriff der Faschisierung.

Um synthetisierend analysieren zu können, helfen bessere Begriffe. »Faschisierung« steht derzeit als Angebot bereit, die Zusammenschau des Disparaten zu ermöglichen: einen breiten Blick auf Phänomene, ihre Verbindung und Dynamik zu werfen. Die Prozessperspektive fragt nicht danach, ob derzeitige Tendenzen irgendwann in einem Nationalsozialismus-ähnlichen System erstarren werden, dem »richtigen Faschismus« also. Faschisierung beschreibt die Dynamik, mit der Phänomene jetzt wirksam sind, die Öffentlichkeit verändern und verändert haben, Lebensbedingungen zerstören und zerstört haben im Namen von Ideologien der Knappheit, Ungleichheit und Entmenschung. Führt man zusammen, was z.B. die imperialen Projekte aus Nationalstaaten und Technologiefirmen anrichten – paradigmatisch die Kooperation zwischen ICE und Palantir, KI-gestützte Kriegsführung oder die Großraum-Lagerhallen, die zu Abschiebegefängnissen für nicht-weiße Migrantinnen werden sollen – dann ist Faschismus ein möglicher Begriff zur Konkretisierung gegenwärtiger Konstellationen. Es geht dabei nicht darum, »Faschisten« zu denunzieren oder vor ihnen zu warnen, sondern diese Konstellationen und Dynamiken beschreibbar zu machen.

Ich seh das so: Wir haben Begriffe wie „Faschismus“ oder „Genozid“ nicht, um hinterher rechtgehabt zu haben, mit unserer Diagnose, sondern diese Begriffe sind Heuristiken, um bestimmte gesellschaftliche Prozesse frühzeitig zu erkennen und gesellschaftliche Kräfte dagegen zu mobilisieren. Ihr Geburtsfehler ist, dass sie pfadabhängig vom Cartesianismus immer einen „Ist-Zustand“ beschreiben. Und das hat den Effekt, dass, wann immer wer „Faschismus!“ ruft, andere Gründe finden, warum die aktuelle Politik eben nicht faschistisch ist. Und dann rufen wiederum andere: „Ihr nutzt den Begriff ab!“ und sie haben nicht unrecht damit: wann immer jemand „Faschismus!“ ruft und alles, was danach passiert, ist eine neue „Faschismusdebatte“, wird der Begriff abgeschliffen, die Musclememory abtrainiert. Das ist nicht unbedingt die Schuld des Rufers – seine Heuristik ist oft durchaus berechtigt – sondern der Tatsache geschuldet, dass die Baseline und damit der Schwellenwert von unterschiedlichen Akteuren unterschiedlich gezogen wird, so dass jedesmal, wenn „Faschismus!“ erklingt, nie nicht eine Debatte erfolgt, die jede gesellschaftliche Mobilisierung erstickt.

Simon Stricks Begriff der „Faschisierung“ hat das Zeug, diesem Dilemma zu entkommen, in dem es Faschismus nicht als Zustand, sondern als Pfad greifbar macht. Nicht die CDU ist faschistisch, aber diese und jene Pfadgelegenheit, die sie nimmt, ist teil einer faschistischen „Trajektion“. Ich finde das vor allem deswegen konsequent, weil das genau die Lektion ist, die uns die Erfahrunsgeneration des 20.Jahrhundert-Faschismus mitgeben wollte: „Wehret den Anfängen““, „Es fing nicht mit Auschwitz an!“, „Man muss den Schneeball zertreten, bevor er zur Lawine wird!“ (Erich Kästner), etc. versuchten uns diese prozesshaft eskalierende Qualität des Faschismus einzuimpfen. Vergeblich, anscheinend.

Im relationalen Materialismus ist „Ort“ ein Vektor aus Pfadabhängigkeiten, Pfadgelegenheiten und Trajektion. Das heißt, der Ort ist ein Pfad mit einer Herkunft (Vergangenheit) einem „Jetzt“ und einer Zukunft.

Das bedeutet, dass es keinen festen Ort im Universum gibt, dass alles fließt, wie Heraklit bereits beim Baden bemerkte. Diese „Drift“ sind z.B. die rund 100.000 Kmh, mit denen du um die Sonne rast, selbst wenn du schläfst. Aber auch die Attribute, die du dir im Traum zuschreibst, „driften“ so dass du nie wissen kannst, was sie bedeutet haben werden, wenn du aufwachst. Strick schreibt:

Eine dauernde Drift verschiebt das Demokratische seit mindestens 30 Jahren, aber man redet, als ob die Veränderung noch bevorsteht.

Das Problem ist aber nicht nur die Drift in den Faschismus, sondern, dass wir das kaum merken, weil unsere Erwartungen mitdriften, denn auch sie sind kein Ort. Die „lebendige Gegenwart“ gegen die Derrida anschrieb ist eine pfadabhängige semantisch induzierte Illusion der cartesianischen Metaphysik des Individuums, die man nur überwindet, wenn man „Ort“ und damit auch die eigene Erwartung, nicht mehr stationär denkt, sondern immer schon driftend. Jede Iteration unserer Faschismusdispute verschiebt die Bedeutung weiter. Das ist die Quintessenz dessen, was Derrida „Spur“ oder „Differance“ nannte und was Linguisten gelegentlich „Concept Creep“ nennen, aber was niemand besser beschrieb als Grandpa Simpson.

“I used to be with ‘it’, but then they changed what ‘it’ was. Now what I’m with isn’t ‘it’ anymore and what’s ‘it’ seems weird and scary. It’ll happen to you!“

Wenn wir „it“ nicht als Zustand, sondern als Trajektion im Diskursraum fassen, können wir gleichzeitig integrativer und trennschärfer an den Bahnwärtern vorbei arbeiten und im Zweifel auch den Faschismus nicht nur bei anderen finden, sondern auch in uns selbst.

»Faschisierung« bietet sich als Begriff an, weil er eine Dynamik zwischen verschiedenen Feldern und Akteuren erfasst – und nicht, weil er alarmiert oder Behaglichkeit verspricht. Die bremsende, wenig internationale Debatte um »richtigen Faschismus« hilft hier nicht, sie verzwergt den Blick. Sie ist bestenfalls Bahnwärter-Spielen mit der Modelleisenbahn, schlimmstenfalls Einübung in Ignoranz gegenüber den Fluchtlinien der Gegenwart. Die Schnellzüge, die Autokraten, Oligarchen und Suprematisten miteinander verbinden, brettern schon lange durch die bürgerliche Mitte. Sie bringen Curtis Yarvin, Martin Sellner und ähnliche Akteure in die Vortragshallen, Parlamente, Feuilletons und Fernsehstudios, wo man ihnen mit Lust am Grusel oder am Möglichen zuschaut.


In diesem Paper nimmt der Politikwissenschaftler Petter Törnberg das allgemein gern beliehene Narrativ auseinander, dass hinter dem Wahnsinn, den wir heute Politik nennen, „Polarisierung“ steckt und verweist auf die nur schwer zu versteckende Tatsache, dass wir es mit einer einseitigen Radikalisierung der Rechten zu tun haben.

Polarization has become the master concept for diagnosing contemporary democratic crises. The notion denotes three features: symmetry between parties, politics as an opinion space where positions diverge, and mutual repulsion between opposing camps. Yet none of these capture current realities. Across democracies, the central dynamic is not two poles drifting apart but the transformation of the political right into authoritarianism, norm breaking, and openness to political violence. Social democratic and center-right parties tend to respond in the opposite way from what “polarization” implies: by accommodating rightward. Attempts to salvage the polarization frame with modifiers (“asymmetric,” “affective,” “sectarian,” “pernicious”) concede these realities but risk hollowing out the concept’s definitional core. These limitations reveal a deeper misdiagnosis: when one party turns antidemocratic and illiberal, incivility and conflict are inevitable—but they are symptoms, not the root problem. Misdiagnosing them as the central issue leads to viewing civility and compromise as remedies, thereby risking the legitimation of authoritarian actors.

Das Interessante an dem Polarisierungsnarrativ ist, dass es wie der Kritihype auf mehreren Trommeln gleichzeitig spielt. Die Mitte kann ihn benutzen (wir sind neutral), die Medien (Wir sind ausgewogen), sogar die radikalisierende Rechte (wäscht ihre Bewegung als „einen Pol“ in einer allgemeinen gesellschaftlichen Drift rein). Die unterstellte Symmetrie der Polarisierung provided Liquidität — jeder kann andocken, also gewinnt der Begriff den semantischen Markt unabhängig vom L1-Fit.

Hegemonie ≠ Wahrheit. Ich bin immer besonders dann skeptisch, wenn ein Narrativ für viele gesellschaftliche Gruppen „nützlich“ ist und „Polarisierung“ ist nicht hegemonial, weil es stimmt, sondern weil das Narrativ ist maximal „borrowbar“ ist.

Das Problem: Um zu sehen, dass wir es mit einer einseitigen Radikalisierung von Rechts zu tun haben, muss man die „Baseline“ im Blick behalten, denn wir haben es durchaus mit einer „Drift“ im Overton Window (also dem Korridor der sagbaren Aussagen) zu tun. Narrative wie „kriminelle Ausländer raus“, die in meiner Jugend auf NPD-Plakaten standen, werden heute selbst von der SPD vertreten und das fällt nur deswegen nicht auf, weil das mediale und politische Umfeld mitgedriftet ist.

Und das „Polarisierungsnarrativ“ ist wesentlich mitschuld an dieser Allgemeindrift. So lange die AfD ihren rassistischen Beat einsam vor sich hintrommelte, konnte man sie diskursiv isolieren. Aber als zunächst die CDU, dann die SPD, dann die Massenmedien und zunehmend auch die Grünen das „Containment“ der rechten Narrative nach und nach aufgaben, verschob sich die Baseline dessen, was als „rechtsradikal“ galt. (Und das ist auch der Grund, warum man von Union und SPD nicht mehr erwarten kann, eine Prüfung der AfD durch das Verfassungsgericht einzuleiten, denn wenn man ihr halbes Parteiprogramm abgeschrieben hat, kann man diesen Prozess nicht mehr durchlaufen, ohne sich selbst zu kompromittieren.)

Here is the thing: „Polarisierungs-Bekämpfung“ ist keine passive Fehldiagnose, sie ist der Übertragungsriemen, über den die AfD den politischen Diskurs in ihre Richtung draggt.

Mein Insistieren darauf, dass die CDU eine rechtsextreme Partei ist, ist lediglich das öffentliche Halten einer Position, die vor wenigen Jahren noch normal war. Ich verweigere mich der Baseline-Verschiebung auch deswegen, weil das ein „slippery Slope“ ist, bzw. (ich mag den Begriff nicht), weil ein Stattgeben dieser Verschiebung der Rechtsdrift weiteres Momentum verschaffen würde.

Das Resultat ist bereits schlimm genug: Die AfD hat der Gesellschaft gesagt, sie sei zu links und CDU, SPD, Grüne und die Massenmedien haben den Frame geschluckt und stolpern seither übereinander, um sich im Zuge der „Polarisierungs“-Bekämpfung nach links abzugrenzen. Seitdem ist Klimapoltik, Asylpolitik, Geschlechtergleichstellung, Menschenrechte, das Grundgesetz und sogar Anstand „links“, weswegen sich fleißig davon distanziert wird.

Das Problem ist, dass wir den Kampf gegen das Polarisierungs-Narrativ bereits verloren haben und d.h. Menschen, die keine Arschlöcher sein wollen, müssen sich mit der Tatsache anfreunden, jetzt als „Linksradikal“ zu gelten.

Aber das ist auch eine Chance?

Wenn wir Linksradikalen diesseits der Vernunft ordentlich Masse machen, erlaubt uns die Außenseiterstellung ähnlich am Diskurs zu zerren, wie die AfD. Ich war natürlich immer links, aber jetzt bin ich auch in die Linkspartei eingetreten und radikalisiere mich fröhlich zum militanten Antikapitalisten und betreibe einen antiimperialistischen, antifaschistischen Newsletter, der versucht, der Trauer einer untergehenden Welt stattzugeben und sie gleichzeitig in einer neuen Erzählung, mit neuen Begriffen reinszenierbar zu machen, um daraus zu lernen.

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