Krasse Links No 86

Willkommen zu Krasse Links No 86. Rüstet euer Herz mit Path Protective Cognition, heute trommeln wir Elon Musk die Kostenstruktur der L3-Vibes in die NPCs.


SpaceX hat seit seinem IPO 58% zugelegt und steht aktuell bei 2,61 Billionen in „Market Capitalization“. Die LA Times.

Shares of Elon Musk’s rocket and AI firm rose as much as 6% in early trading Wednesday, extending their rally since going public to 58%. The company formally known as Space Exploration Technologies Corp. became the fifth-largest stock in the world on Tuesday after overtaking Amazon and briefly topping Microsoft Corp. …

SpaceX has been the most-bought stock by retail investors each day since its IPO, matching the combined buying of Nvidia Corp., Alphabet Inc., Amazon, Meta Platforms Inc., and top exchange traded funds tracking the Nasdaq 100 and S&P 500 indexes, according to data from Vanda Research. Over the same period, Tesla Inc. has seen roughly $61 million in net selling, the data show.

Als ich das las, dachte ich sofort: aber warum denn nicht 4 Billionen. Oder 15? Oder 240? oder 1500? Warum den Wert von SpaceX nicht gleich in Fantastilliarden messen?

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr über Cheatcodes den God-Mode bei Computerspielen aktiviert? Also Unverwundbarkeit, unendlich Leben, unendlich Munition, usw. Es ist die Erfahrung, alle Fulcrumskosten K_F externalisiert zu haben. K_F_a (Aktivierungskosten) ist null, K_F_v (Verschleißkosten) wird vom System nicht mehr an dich zurückgespiegelt, K_F_ab (Wechselkosten) hat im Spiel keine Bedeutung mehr, weil du nichts mehr verlieren kannst.

So muss sich Kapitalismus für Elon Musk gerade anfühlen.

Aber es gibt vermutlich auch diesen Punkt, an dem der Superindividualismus ins Unangenehme kippt? Ich hab den God-Mode jedenfalls meistens schnell wieder abgeschaltet, weil das Spiel nur noch langweilig wurde.


In The Verge schreibt TC Sottek über die unangenehme Tatsache, dass der erste Billionär der Welt ein Mörder ist.

Elon Musk’s SpaceX IPO will probably make him the richest person to ever walk the planet. And while his mountain of horrible personal conduct could fill multiple books, one fact in particular stands out: A year ago, Musk’s actions directly led to the deaths of hundreds of thousands of people. He did it knowingly. And, worse — gleefully.

This is not a serious person, but his abuse of the world is deadly serious. In the first months of President Donald Trump’s second term, the Musk-led Department of Government Efficiency (DOGE) destroyed the US Agency for International Development, whose mission was a boon to public health around the globe. Musk called the lifesaving agency a “criminal organization” and blithely celebrated spending a weekend “feeding USAID into the wood chipper.” It was a good reference if you want everyone to think you’re the killer in Fargo. Mission accomplished, Elon.

In the months that followed, public health models would indicate Musk was a killer, at a far greater scale than any Coen brothers villain. A tracker co-created by Boston University professor Brooke Nichols projected over 780,000 deaths — mostly of children, many of infants — due to the Trump administration’s early-2025 USAID cuts, caused by malaria, tuberculosis, HIV, and more. These deaths were widely predicted from the beginning, a direct, known, and undeniable consequence of DOGE’s actions. We don’t know the precise number of deaths, but multiple experts working on identifying the scale of the tragedy have generally agreed it’s in the hundreds of thousands. Global researchers, publishing in Nature, project that the cuts to USAID could result in 163,500 child deaths yearly. Another publication in The Lancet says there could be millions more to come. Musk showed no sign of caring.

Elon Musk sieht andere Menschen erklärter maßen als „NPC“, also „Non Player Character“. Das sind automatisierte Figuren im Computerspiel ohne eigene Agency.

Kindern im globalen Süden ihr Essen und ihre Medikamente wegzunehmen, muss sich für den reichsten Menschen der Welt pfadpsychologisch anfühlen, wie gelangweilt Grand Theft Auto auf God-Mode zu spielen.


Aber weil selbst Superindividuen für ihre Gewalt eine Erlaubnisstruktur brauchen, lohnt es sich in der Geschichte zurückzublättern, um zu fragen, warum genau er all diese unschuldigen Menschen sterben lies: Ryan Cooper im Prospect Magazin.

Why? The most convincing answer I’ve seen is that Musk started listening to Mike Benz, a rabidly antisemitic conspiracy theorist, on Twitter/X and podcasts. Benz pushes a particular lunatic view, stemming originally from the Lyndon LaRouche cult, that USAID is part of a shadowy conspiracy to incite “color revolutions” around the world. Musk seemingly heard Benz on Joe Rogan’s show, followed him on X, and swallowed his nonsense wholesale. When Musk boasted that he “spent the weekend feeding USAID into the wood chipper” in a post on X, he was quote-tweeting Benz.

That is nothing unusual for X, which has become a central organizing hub for movements of insane fascists around the world. Musk—when he isn’t throwing Nazi salutes at public events—has restructured the platform’s algorithm to force-feed right-wing propaganda on every user and increase the followings of far-right accounts. He has personally boosted far-right parties and politicians in Germany, France, Italy, Britain (where he has also helped incite race riots), and elsewhere. His system of sharing revenue with people who pay for his blue checkmark has inflated a class of fake MAGA accounts run by entrepreneurs in poorer countries who cook up AI propaganda slop for credulous American conservatives.

Trump administration staffers are quite obviously heavily influenced by, if not recruited directly from, right-wing X subculture. They act and speak in an ironic, transgressive, extremely online way that is unmistakably a product of that platform. Many Trump administration policies, like the mass murder of Venezuelan fishermen, seem to be primarily done to generate content for X. Vice President JD Vance is following many outright white supremacist accounts on X and echoing their language.

Im relationalen Materialismus unterscheiden wir ja bekanntlich drei Realitätsebenen:

  1. Layer: Materielle Realität
  2. Layer: Erwartungen
  3. Layer: Erwartungserwartungen

Diese Layer und ihre Unterscheidung ist uns aus der subjektiven Perpespektive nicht wirklich unterscheidbar zugänglich, weil unsere Q-Function keine andere Möglichkeit hat, als auf Layer 2 zu operieren, aber man muss sich das so vorstellen, dass Layer 1 und Layer 3 immer darum konkurrieren, Layer 2 zu beeinflussen: Layer 1 tut das vor allem durch „Erfahrungen“ und Layer 3 vor allem durch sozial/öffentlich gesetzte Orientierungsrahmen, wobei im Layer 3 nicht nur Propaganda, sondern zum Beispiel auch die Ergebnisse intersubjektiv wiederholbarer Erfahrungsportfolios (Wissenschaft) einfließen. Jede Q-Function auf Layer 2 beleiht aber immer beide Ebenen, nur meist in unterschiedlichen Gewichtungen.

Musk nutzt X unter anderem dafür, seinen Layer 2 von random Verschwörungstheoretikern gestalten zu lassen. Wie jedes Dividuum ist er sowohl Strukturträger, wie auch Strukturverstärker, nur dass er wohl der einzige Mensch auf der Welt ist, der beinahe alle der dafür nötigen Infrastrukturen kontrolliert.


Ich hatte ja vor paar Wochen bereits über das Buch „KI und Demokratie“ berichtet und habe nun meinen Text daraus „Supplychain-Kapitalismus, Plattform-Merkantilismus, KI-Coup und die Grundrisse einer Politischen Ökonomie der Abhängigkeiten“ auf ctrl-Verlust in ganzer länger veröffentlicht.

Der Text ist zwar nicht unkompliziert aber dennoch eine vergleichsweise niedrigschwellige Einführung in das, was ich damals noch „Politische Ökonomie der Abhängigkeiten“ nannte, aber heute „Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten“ nenne. Mir ging es dabei darum, entlang der Beispiele Supplychains, Plattformen und KI die Metaebene von Ausbeutungsverhälnissen dingfest zu machen, indem ich sie als Austauschbarkeit-Hierarchie-Design-Patterns (im Text genannt: „politökonomische Aneignungsprotokolle“) gegeneinander stelle.

  • Beim Supplychain-Kapitalismus dominiert ein Leitunternehmen (vor allem qua hegemonialer IP-Rechte) die vergleichsweise austauschbareren Supplyer und frühstückt so ihre Marge.
  • Im Plattform-Merkantilismus vermitteln Plattformen über ihre technische Infrastruktur etablierte Interaktionszusammenhänge und können die daraus entstehende Abhängigkeitsdividenden mittels Enshittyfication abschöpfen.
  • Der KI-Coup ersetzt etablierte Interaktionszusammenhänge und konzentriert die ersetzten Abhängigkeiten auf seine Rechenzentren.

Damals schrieb ich auch über Musks Twitterkauf:

Doch der abgeschöpfte Mehrwert beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Geld. Silicon Valley hat unsere öffentliche Sphäre in Beschlag genommen und sitzt jetzt an den subtilen Schalthebeln der algorithmisierten Sichtbarkeit von Informationen und Meinungen und exerziert damit immer ungenierter auch politische Macht.

Elon Musk, der 2022 Twitter übernahm, transformiert die Plattform von einem der wichtigsten Orte für digitale Öffentlichkeit zu einer „Nazipropagandawaffe“, indem er gezielt Rechtsradikale wieder auf die Plattform holte, Journalisten zensiert, gerichtliche Verfahren gegen NGOs führt und den Empfehlungsalgorithmus für rechte Inhalte und vor allem für seine eigenen Posts optimiert, mit denen er nun allerlei Verschwörungstheorien über den „Woke Mind Virus“ und das „Great Replacement“ an sein Millionenpublikum promotet (Maher 2025; Prithvi 2024). Die politische Macht, die Musk durch X gekauft hat, verwandelt er wiederum in Staatsaufträge und Deregulierung seiner Firmen, also in Geld (McNicholas und Poydock 2025).

Effektive Politik arbeitet immer an Layer 2-Beeinflussung: sei es durch L1-Shaping (siehe z.B. die TINA-Politik im letzten Newsletter), oder eben L3-Shaping auf der gesellschaftlichen/semantischen Ebene.

Damit versteht man das eigentliche Asset, das sich Musk damals mit Twitter gekauft hat: Die Kontrolle des Vermittlungslayers des (eigenvektor) netzwerkzentralsten L3-Trommelkonzert unter Eliten (Politiker*innen, Milliardäre, Journalist*innen, Promis, etc), mit der Möglichkeit, sich selbst die größte Trommel zu installieren und so den Ton anzugeben.

Im Gegensatz zu Ökonomen versteht er, dass es keine wirkliche Trennung zwischen Ökonomie und Politik gibt und seine U_gelingt des Twitterkaufs zielte nie auf den direkten monetären Nutzen, sondern immer schon auf die Ausweitung seiner L3-Hebel.

Und das klappt ganz gut?


Nate Silver (ja, ich weiß, er ist schwierig, aber manchmal auch nützlich) hat die reichweitenstärksten Accounts auf X für 2026 ausgewertet.

Here, voilà, are the Twitter accounts with the most engagement so far in 2026


Nachdem schlimmen Mordversuch in Belfast stachelte Musk gezielt – und laut Wissenschafler*innen auch effektiv – britische Rechtsradikale zu den dann stattfindenden Pogromen gegen Flüchtlingsunterkünfte an. Le Monde berichtet.

Researchers from the nonprofit tech watchdog Center for Countering Digital Hate (CCDH) reported that the trio’s posts about Belfast collectively garnered more than 115 million views across their accounts, with Musk accounting for 55 percent of the total.
„Musk’s amplification has been instrumental,“ contributing 64 million views, CCDH said in a report. „As the owner of X and its most followed user, Musk has unparalleled power to shape what people see online. With that power comes responsibility for the content and conduct his platform promotes,“ said Imran Ahmed, CCDH’s founder and chief executive.

Auch im New Republic Magazin stellen Toby Buckle und Greg Sargent eine eskalierende Radikalisierung von Musk fest.

Musk’s extraordinary wealth is fueled by investors’ bedazzlement at his techno-utopian schemes. But the Belfast conflagration revealed the other side of his future vision: His belief that the white populations of the world must violently subjugate the nonwhite enemy in what he sees as a multi-continental, Armageddon-like Total War for global racial supremacy.

As the bedlam raged in Belfast after the stabbing—resulting in far-right rioters torching cars, buses, and even the homes of immigrants—Musk egged it on. Using X—the platform he acquired precisely for moments like these—he posted locations for groups of rioters to congregate. He elevated vile, overtly fascist and white-supremacist exhortations. When one far-right British politician called for the prosecution of officials who “placed dangerous third world savages in our communities,” Musk replied: “This is the way.”

These developments graphically illustrate the future that Musk truly envisions. They also demonstrate that Musk will use his stratospheric wealth and influence to incite untold levels of global fascist violence going forward.


In seinem Bloomberg Newsletter Money Stuff hatte Matt Levine bereits vor dem IPO spekuliert, wie die $135 pro Aktie Bewertung von SpaceX zustande kam.

Normalerweise läuft es so: eine Firma, die an die Börse will, geht zu einer großen Finanzbank, wo sich dann ein Team von Finanzprofis ans Telefon hängt und eine Reihe ausgewählter „institutioneller Investoren“ abtelefoniert, um zu gucken, wer wohl kaufen würde und zu welchem Preis und warum, oder warum nicht.

Nach einiger Zeit bekommen die Finanzprofis dann ein „Gefühl“ dafür, was ein attraktiver Einstiegspreis ist, der eine relevante Nachfrage garantiert und gleichzeitig nicht zu niedrig ist, dass man Geld auf dem Tisch liegen lässt und wenn sie den Job richtig machen, wird der IPO idealerweise mit einem „POP“ (Aufwertung des Unternehmens) von ca. 20% belohnt.

Doch diese Vorgehensweise scheint der Vergangenheit anzugehören? Musk und seine Leute nahmen den Banken die „Price Discovery“ offenbar ab, indem sie stattdessen auf unkorrellierten und unregulierten „Märkten“ wie Hyperliquid und Wettbuden Polymarket schauten, wie dort die Stimmung ist. Auf Hyperliquid werden sogenannte „Pre-IPO pre-IPO perpetual futures“ oder auch „PERPs“ gehandelt, was so ne Art Wetten auf noch bevorstehende IPO-Issuing-Preise ist.

Traditionally, an IPO is a dramatic event, because it is a phase change in a company’s existence. Before the IPO, there is no real market price for the company. In the IPO, the company’s bankers conduct an imperfect price-discovery negotiation with select potential investors, getting a loose sense of how much the market thinks the company is worth, and using that sense to price the IPO. After the IPO, the stock starts trading and the market tells you how much it actually thinks the company is worth. The transition is abrupt and uncertain, and companies will get it wrong. Sometimes a company will market an IPO in a price range, and investors will tell it “actually you should charge much less” or “actually you should charge much more” or “lol no bid,” and the IPO will price above or below the company’s planned valuation range. Sometimes a company will price an IPO, and the next day the stock will trade up 300% or down 50%, because even the best efforts of the company and the bankers and the IPO investors couldn’t find the right price.

But possibly that is over? Possibly the giant private companies can go public without much drama, because their shares already trade, and because the modern merger of financial markets with betting markets creates efficient price discovery. If the market last week said that SpaceX was worth $135 per share, then it should go public this week at $135 per share, and there is nothing much to think about. The pre-IPO trading and betting markets are different from, and not especially integrated with, the post-IPO public markets.[2] But that doesn’t mean they don’t work; they might come to roughly the same conclusions about the value of SpaceX as the public markets will. Public markets might not tell us much about SpaceX that we don’t already know.

Im Explainer für die Politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten vergleiche ich den Finanzmarkt mit einem Trommelkonzert, bei dem jeder „Trade“ ein Trommelschlag ist, der mit anderen Trommelschlägen darum konkurriert den Beat vorzugeben. Doch weil man Beats nur gemeinsam spielen kann, synchronisieren sich die Beats erst lokal, dann regional, wobei die mit den größeren Trommeln und den lauteren Beats die Richtung dominieren.

Der Finanzmarkt ist ein Kommunikationssystem das aus einer dynamischen Transitionsmatrix besteht, in der sich die verteilten Erwartungen der Anleger*innen über bestimmte kapitalistische Erzählungen durch Geld oder Securities „gebackte“ Sprachakte (Orders/Trades) zu Erwartungserwartungen [F7] stablisieren. Soviel zur Funktionsweise hinter Keynes’ Beauty Contest.

Das Ergebnis dieser Synchronisation (Preise, Spreads, Volas, Kurven) sind nicht „die Wahrheit“, sondern oftmals die Fieberkurven der allgemeinen Trommel-Trance, wenn die Oligarchen mit ihren Riesen-Pauken mal wieder bestimmte Narrative (E-Commerce, Crypto, Metaverse, AGI) als handlungsleitende Attraktoren aufgegleist haben.

Das schöne ist, dass man das drei Layer-Modell auch recht sauber auf die Finanzblasen-Theorie Hyman Minskys anwenden kann.

  • Hedge Finance = Man beleiht ein materielles Kontaktzonenfulcrum [F4], um auf die materielle Überlegenheit (Layer 1) eines Pfades zu wetten; die Kosten können aus laufendem Cashflow bedient werden.
  • Speculative Finance = Man beleiht die eigenen Erwartungen [F3], dass der betreffende Pfad der überlegene sein wird (Layer 2). Dabei darf nichts schief gehen, denn der Cashflow reicht nur für die Zinsen.
  • Ponzi Finance = Man beleiht die Erwartungen anderer [F7] auf die Erwartung, dass der betreffende Pfad überlegen sein wird (Layer 3) – also auf einen steigenden Assetpreis. Man hebelt auf der erwarteten Steigerung der Wert-Erwartungen anderer, die ihrerseits Steigerung der Werterwartungen erwarten. Schulden können nur durch steigende Schulden bedient werden, also z.B. durch die Akquise neuer Gläubiger.

Wenn also Banker vor dem IPO bei den großen Trommeln anrufen, dann versuchen sie die Einschätzung informierter und interessierter Kreise für den kommenden Beat einzuholen. Die großen Trommeln verlassen sich ihrerseits auf ihre Analysten, die traditionell den Preis entlang von Layer 1-Signalen bestimmen: „Discounted Cash Flow“, „P/E-Ratios“ und so weiter.

Aber in Zeiten von Meme-Stocks scheint das nicht mehr zeitgemäß zu sein?

Deswegen haben Elon Musk und sein Team den Banken die Arbeit abgenommen, aber wo anders nachgefragt. Dort, wo spitzfindige L1-Technikalitäten weniger eine Rolle spielen, aber dafür einen Gespür für Layer 3 Vibes vorherrscht. Dabei kommt Musk entgegen, dass Leute, die an unregulierten Finanzmärkten Spaß haben auch eine gewisse Musk-Affinität mitbringen.

Für Menschen, die nichts mit dem Aktienmarkt zu tun haben, ist die derzeitige Skalierung des Wahnsinns kaum vorstellbar. Wir sind wirklich in einer Zero-Gravity Welt, in der der Zufluss von L1-Realität systematisch zugunsten sich ausbreitender Vibes auf unkorrellierten „Märkten“ gedrosselt wird. Heraus kommen nur noch Wetten auf Wetten auf Wetten auf Wetten und weil die Wetten auf Wetten darauf wetten, dass die Wetten den gewetteten Wetten entsprechen, kommt am Ende wirklich der vorhersagbare „price pop“ von 20% raus.

Kurz: Der 135 Dollar „Issuing Price“ ist Ergebnis von vorhersehbarem „Finanz-Bro Circle Jerk“.


Um die aktuelle SpaceX Bewertung zu verstehen, lohnt es sich typische SpaceX-Investoren zu betrachten und da es davon ja nicht wenige gibt, konnte Bloomberg mit einigen davon sprechen.

Anna Watts, a 33-year-old public relations manager in New York, has stashed away $6,500 to buy SpaceX stock after it hits the market Friday. If she had her way, she’d buy even more. She tried to borrow $5,000 from her best friend and applied for a bank loan, too, but both turned her away. …

“The more, the better,” Watts said. “There is no such thing as too much when it comes to investing in one of the most ambitious companies that’s ever existed.” …

Bryan Mitchell, in Indianapolis, is among those planning to buy. The 48-year-old marketing executive intends to invest several thousand dollars in the IPO. He has also poured tens of thousands into Baron Partners Fund, which holds a stake in SpaceX.

“This feels like the appetizer. You have to believe in Elon,” he said. “I’m willing to overpay for it just to say I’m part of the thing.”

Leon Festinger schmuggelte sich in den 1950er Jahren in eine Endzeitkult-Sekte ein, um zu untersuchen, warum sich deren Mitglieder immer wieder zu einem festgelegten Zeitpunkt auf den Weltuntergang vorbereiteten, jedoch nicht die Sekte enttäuscht verließen, sondern sich ihr Glauben auch noch verstärkte, wenn dieser Weltuntergang dann doch nicht eintrat.

Seine Forschung führte zu der Feststellung der „Kognitiven Dissonanz“, also dass wir Menschen zwar durchaus fähig sind, an Erzählungen zu glauben, die unseren materiell erfahrenen Realitäten eklatant widersprechen, dass das jedoch nicht ohne Kosten passiert. Die Kognitiven Dissonanz ist schmerzhaft und führt zu einem aktiven Vermeidungsverhalten gegenüber Fakten, die der eigenen Erzählung widersprechen und uns stattdessen an jedem Strohhalm festhalten, der die präferierte Sichtweise stützen. In der Psychologie spricht man hier auch vom Bestätigungsfehler, oder auch „motivated Reasoning“ – einem der mächtigsten menschlichen Fallacies, die wir kennen.

Dan Kahan hat in seinen etwas neueren Studien den Begriff der „Identity Protective Cognition“ geprägt. In Experimenten konnte er belegen, dass Kompetenz und kognitives Denkvermögen nicht nur nicht vor dem Bestätigungsfehler schützt, sondern es im Zweifel von ihm Instrumentalisiert wird, um die präferierte Geschichte schützen.

Es lohnt sich, dieses Phänomen auch pfadpsychologisch umzuinterpretieren, also als „Path Protective Cognition“ zu lesen, bei dem es eigentlich darum geht, die Abschreibungskosten (K_F_ab) eines Pfadwechsels zu vermeiden.

Pfadpsychologisch gesehen ist Identität nicht einfach ein abstraktes Konzept, das man auf sich selbst appliziert, sondern ein Asset, in das man stetig investieren muss, um es am Leben zu halten und das ständig beliehen wird, um neue Assets darauf zu errichten.

Schaut man auf Menschen in bestimmten kultartigen Zusammenhängen (besonders anschaulich dafür ist die z.B. die Doku „Beyond the Curve“ von 2018 über die Flat-Earther-Community), wird man feststellen, dass die sogenannte „Identität“ mit der Zeit Basis für eine Menge pfadabhängiger Infrastruktur im Lebens wird: Der Glaube etwa an die „Flache Erde“ sichert die Mitgliedschaft und den Status innerhalb bestimmter sozialen Kreise (und wird sofort entzogen, wenn man von Glauben abfällt). Häufig wird darauf sogar auch ein Geschäftsmodell gebaut und oft etablieren diese Identitäten auch Lebensstile. Und generell gilt: Verschwörungstheorien und Sektenglaube stiften Sinn, in einem ansonsten oft eher drögen, durchschnittlichen Leben.

Jedenfalls ist der K_F_ab von Kulten fucking hoch und da macht es pfadpsychologisch absolut Sinn, diesen Pfad gegenüber allem zu verteidigen, das ihn bedroht; seien es widersprechende Menschen, Institutionen oder Fakten.

Weil K_F_ab sich grob als Differenz des aktuellen Fulcrumsnutzen U_aktuell minus dem Nutzen des BATNA-Pfads U_BATNA + dessen Aktivierungskosten K_F_a_BATNA berechnet – also als Fallhöhe des aktuellen Fulcrums – ist ebenfalls nicht unerheblich, dass der BATNA-Pfad aus der Perspektive der Betroffenen sehr … tief liegen kann. Und auch soll?

Manchmal wird der BATNA-Pfad aktiv bekämpft (Sekten bspw. arbeiten daran, dich von Freunden und Familie zu isolieren) und manchmal verunmöglicht die Absurdität des präferierten Pfads eine Rückkehr, weil man bereits jegliche Reputation in der Restwelt verspielt hat.

Jedenfalls sind Memestocks eine mehr oder weniger milde Form davon, nur als Finanzpfadgelegenheit.

Wenn Bryan Mitchell sagt “I’m willing to overpay for it just to say I’m part of the thing” dann sind wir hier einer Pfadpsychologie auf der Spur, die im Pfad-Array von U_gelingt weit mehr sieht, als nur eine Gelegenheit, Geld zu verdienen. U_SpaceX_gelingt ist gleichzeitig Zukunft, Sinn und ein Ticket in die Community der „Gewinner“ einer bestimmten Zukunftsvorstellung. Was ist schon ein dröger ETF dagegen?

Memestocks sind lowkey Kulte, die den Pfadeinsatz des eigenen Investments als K_F_ab-Opfergabe zu einer Initiation verstehen, um eine Fallhöhe zu generieren, die ihrem Leben Sinn gibt. U_SpaceX_gelingt ist damit potentiell Unendlich, während U_SpaceX_scheitert lediglich der Höhe des Einsatzes entspricht.

Dabei ist nicht unerheblich, dass der semantische Pfad „Elon Musk ist ein Genie“ ursprünglich und vor langer Zeit von liberalen Massenmedien aufgegleist wurde und bis heute generell anschlussfähig bis in weite Teile der Gesellschaft ist, weil er selbst auf den etablierten Pfaden des Liberalismus arbeitet: Der grundsätzlichen Indivudalisierung von „Handlung“, der Zuschreibung von „Intelligenz“ qua „Erfolg“ und natürlich den ganzen Narrativen über Technologie und Fortschritt, die auch die Musk-Story anzapft.

Daher wage ich folgende Prognose: Wenn SpaceX ähnlich funktioniert wie die anderen Meme-Stocks oder Bitcoin, werden die Retail Investor*innen wahrscheinlich entlang von „Buy the dip“-, „Diamond Hands“- und „HODL“-Narrativen selbst dann die Aktie nachkaufen, wenn der Kurs demnächst abstürzt. Ihr Path protective Investment schafft das Bewertungs-Moat, dass die Blase vom Platzen abhält.

Und hier, was seit dem IPO wirklich passiert: ein systematischer Vermögenstransfer von Layer 3-Gläubigen zu Layer 1-Cashout-Nehmenden – also Elon Musk und die früheren Investoren in seine Unternehmen.

Anna Watts überweist $6.500 (für die sie sich auch verschulden würde) an Musk, der seine Vesting-Tranche cashouted. Musk selbst behält dabei 82% Voting-Rechte, aber das IPO erlaubt ihm und seinen frühen Backern in diesem „Liquidity-Event“, Teile ihrer Position in Cash zu konvertieren. Der ganze IPO ist eine Drumming-Maschine, die L3-Vibes von Kult-Käufern in L1-Cash für Sophistication-Verkäufer übersetzt, die diese wiederum in L3-Infrastruktur (X-Trommel, Massenprechaktwaffe Grok aka Mechahitler) für Faschismus übersetzen.

Wir haben damit einen rekursiven Loop: L3-Vibes (Glaube an Musk) → L1-Cash (IPO-Käufe) → L3-Infrastruktur-Erwerb (X, AI, Lobbying) → mehr L3-Vibes (algorithmische Amplifikation) → mehr L1-Cash … das perfekte Doomsday-Device.


Beiträge von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt, von Digitalminister Karsten Wildberger und von Tagesspiegelredakteur Andreas Casdorff wurden letzte Woche depubliziert, weil sie mutmaßlich von einer KI geschrieben wurden. Das ist nicht nur peinlich. Im Beitrag von Mario Voigt wurde beispielsweise mit einigen von der KI halluzinierten Zitaten herumgeworfen und es ist keine Übertreibung diese Form des „Journalismus“ schlicht als Desinformation zu bewerten.

Jetzt gibt es einige Menschen, die sich heute als „modern“ inszenieren, indem sie die KI für sich denken und reden lassen und so entblödete sich Matthias Döpfner nicht, eine Replik auf die Depublizierung des Voigt-Artikel mit einem Gemini-generierten Text in der Welt zu kontern (nein, kein Link). Auch Read Hoffman, der LinkedIn Gründer und wie Musk und Peter Thiel teil der „Paypal Mafia“ bekennt sich gegenüber dem Wallstreet Journal offen zum KI-Enhancement.

Thanks to his digital doppelgänger, “I am accomplishing so much more that I couldn’t have accomplished before,” says Hoffman. “It’s probably a 50% time savings on the weeks it’s deployed,” which is typically every other week.

Die Q-Function des Superindividuums sagt: works for me?


Das Cloud-Unternehmen 0xide sieht das in ihren Statuten lesenswert anders.

LLM-generated prose undermines a social contract of sorts: absent LLMs, it is presumed that of the reader and the writer, it is the writer that has undertaken the greater intellectual exertion. (That is, it is more work to write than to read!) For the reader, this is important: should they struggle with an idea, they can reasonably assume that the writer themselves understands it — and it is the least a reader can do to labor to make sense of it.

If, however, prose is LLM-generated, this social contract becomes ripped up: a reader cannot assume that the writer understands their ideas because they might not so much have read the product of the LLM that they tasked to write it. If one is lucky, these are LLM hallucinations: obviously wrong and quickly discarded. If one is unlucky, however, it will be a kind of LLM-induced cognitive dissonance: a puzzle in which pieces don’t fit because there is in fact no puzzle at all. This can leave a reader frustrated: why should they spend more time reading prose than the writer spent writing it?

This can be navigated, of course, but it is truly perilous: our writing is an important vessel for building trust — and that trust can be quickly eroded if we are not speaking with our own voice.

Mit der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist das leicht darstellbar: Die erwarteten Aktivierungskosten des Schreibens K_F_a_Schreiben sanken im Laufe der Mediengeschichte (Tontafeln –> Papyrus -> Druckerpresse -> Schreibmaschine -> Computer -> Internet -> Social Media) aber egal wie tief K_F_a_Schreiben sank, es war trotzdem immer deutlich größer als die erwarteten Aktivierungskosten des Lesens K_F_a_Lesen.

Erst mit der LLM ergibt sich eine Umkehrung. Das führt dazu, dass ich, wenn ich heute auf einen Text stoße, mir nicht sicher sein kann, ob der Autor beim Schreiben überhaupt auf die Höhe meiner zu investierenden K_F_a_Lesen kommt, was dazu führt, dass ich im Zweifelsfall passe.

Warum soll ich mir die Mühe machen, das zu lesen, wenn du dir nicht die Mühe gemacht hast, es zu schreiben?


Jasmin Schreiber in ihrem Newsletter über den Irrsinn des Schreibens mit KI.

Diese KI, die für mich Romane schreiben will, ist wie eine KI, die für mich tanzt, wie eine KI, die für mich isst, die für mich lacht, die für mich Sex hat, die für mich draußen Fotos macht, die sich für mich mit Freund:innen trifft, die sich für mich verliebt. Das, was mir Freude macht, nimmt sie mir ab. Wenn künstliche Intelligenzen unsere Bücher schreiben, wenn sie unsere Kunst kreieren und unsere Lieder singen: Was machen wir dann? Führen wir dann nur noch diese Zivilisationsaktivitäten aus, die unseren Alltag bestimmen? Leeren wir dann nur noch den Briefkasten, gehen zur Arbeit (und weisen da schlimmstenfalls auch eine KI an), putzen, waschen Wäsche und kaufen Sachen?

KI kann keine Kunst schaffen, noch nicht mal Ausdruck, sondern nur Übergangswahrscheinlichkeiten ablaufen.

ChatGPT hat noch nie etwas empfunden, hat noch nie gespürt, wie der Wind über die Wange streicht, ist noch nie gestolpert, hat sich noch nie blamiert, hat noch nie jemanden geküsst. Die KI rechnet einfach nur die Wahrscheinlichkeit für das jeweils nächste Wort aus. Sie wurde mit Millionen von Texten gefüttert (auch mit meinen), in denen Menschen beschreiben, wie sich ein erster Kuss anfühlt, wie Regen auf heißem Asphalt riecht, wie es ist, nachts um drei wach zu liegen und die eigenen Gedanken wieder und wieder und wieder und wieder von innen gegen die Stirn rennen zu lassen. Aus all dem, was sie sich einverleibt hat, destilliert sie den Durchschnitt: den wahrscheinlichsten Kuss, den erwartbarsten Regenmoment, die geläufigsten Gründe für Schlaflosigkeit.

Der Output von KI ist demnach keine Sprache, sondern nur die Mimikri von von Sprache.

Die Schwebfliege trägt das Gelb-Schwarz der Wespe und möchte gefährlich erscheinen, bleibt dabei aber im Kern ein vollkommen harmloses Tierchen. Genau so funktioniert KI-Prosa: Sie trägt die Warnfarben des Erlebten, fährt die Vokabeln für Schmerz, Sehnsucht und Wind auf der Wange auf, doch unter dem Kostüm sitzt einfach nur eine schnöde Wahrscheinlichkeitsrechnung. Solch ein Text imitiert die Spuren eines gelebten Lebens, er ist allerdings nicht wahr. Und damit fehlt ihm beides, was Literatur ausmacht: die Wahrheit und das Wagnis.

Jasmine beschreibt hier etwas wichtiges: Die LLM kann weder Wahrheit noch Wagnis. Mit der mangelnden Wahrheit referiert sie nicht nur auf das ständige „Halluzinieren“ von Fakten der LLM, sondern auf ihren strukturellen Mangel an Weltbezug. Wahrheit darf man hier nicht verstehen als „objektive Wahrheit“, sondern als materielle Erfahrung des „In der Welt seins“. Sprache ist – zumindest im Idealfall und bei Menschen zumindest ein bisschen – ausgedrückter L1-Eindruck.

Und das zweite, was sie hier anführt, ist das Wagnis. Weil jedes Sprechen immer in den angenommenen Erwartungen anderer passiert, so habe ich das bei Derrida gelernt, basiert das Fulcrum des Sprechens und damit die Übergangswahrscheinlichkeit p_gelingt auf der semantischen „Auffangerwartung“ des Anderen.

Jedes Wort ist eine Wette auf das semantische Erwartungsportfolio der Rezipierenden und der Wetteinsatz geht von „falsch verstanden werden“ bis zur völligen Blamage und sozialem Ausschluss. Doch das U_scheitert des „Next Tokens“ bleibt in der LLM gänzlich undefiniert, weswegen der Output von KIs ein Sprechen ohne Wett-Einsatz ist. Sprachimitat ohne jede Fallhöhe.


Johannes Franzen über den KI-Verdacht in der Literatur.

Was sich hier abzeichnet, sind die Konturen einer neuen Gefühlshermeneutik des KI-Verdachts. Dieser Verdacht tritt der Leserin zunächst als emotionale Störung entgegen (als „ick“). Die Paranoia des modernen Autorschaftsdiskurses wird also zur Grundlage einer kompetenten Lektüre; der Verdacht liest mit, als ungutes Gefühl, das dann nach und nach immer mehr Anzeichen und Muster erkennt. Es wird sehr interessant, zu beobachten, wie sich diese Konzeption der Lektüre entwickeln wird. Denn die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Was ist mit den Menschen, die keinen KI-Ick haben, die die Texte möglicherweise sogar genießen. Für das Projekt, an dem ich gerade arbeite, habe ich z.B. die tausenden von begeisterten Wortmeldungen zu Shy Girl ausgewertet, die man auf Plattformen wie Goodreads oder Amazon zu dem Roman finden kann. Für diese Leser:innen, kann man sagen, hat der “AI ick” nicht geklickt.

Das Unsichgreifen des KI-Verdachts hatte ich bereits in meinem Böcklerpaper zu LLMs und die Arbeitswelt in 2023 vorhergesagt:

Ein weiterer Metaeffekt könnte sein, dass die Integrität von Kommunikation an sich untergraben wird. Schon jetzt wird von vielen Lehrenden in Schulen und Universitäten damit gerechnet, dass ein Aufsatz oder eine Hausaufgabe unter Zuhilfenahme von LLMs entstanden sein könnte (Mollick 2023c). Dieses Misstrauen hat das Zeug, das Schüler-Lehrer-Verhältnis bis an den Rand der Dysfunktionalität zu verändern.

Ähnliche Effekte sind für die gesamte Gesellschaft zu erwarten. Der Professor für Management und Innovation Ethan Mollick weist darauf hin, dass bereits jetzt LLMs in vielen Bereichen von Mitarbeitenden eingesetzt werden, ohne, dass die jeweiligen Unternehmen das wissen (Mollick 2023a). Mitarbeitende sehen die potenziellen Produktivtätsgewinne durch LLMs und versuchen sie – meist verdeckt – in ihrer Arbeit für sich zu nutzen. Mollick hat dafür den treffenden Namen „Secret Cyborgs“ gefunden.
Dabei gilt es zu bedenken, dass die Heimlichkeit Teil der Wertschöpfung ist. Wie Mollick es ausdrückt: „Much of the value of AI use comes from people not knowing you are using it.“

Das führt auf die Dauer dazu, dass die professionelle Alltagskommunikation auch ohne explizite „Bad Actors“ mehr und mehr von LLM-Outputs unterwandert wird. Studien weisen konsistent darauf hin, dass Menschen computergestützte Vorschläge deutlich unkritischer akzeptieren und übernehmen, als es angemessen wäre. Ein Befund, für den sich der Name „Automation Bias“ etabliert hat (Goddard/Roudsari/Wyatt 2011). Der Effekt davon dürfte in nächster Zeit spürbar werden, wenn LLMs wie GPT-4 oder Bard in allerlei Office- und Kommunikationsanwendungen integriert werden (Mollick 2023b).

Wenn bei jeder angefangenen E-Mail oder jedem Performance Review im Word-Dokument ein Button den Schreibenden dazu verführt, den Rest des Textes in Sekundenschnelle generieren zu lassen, werden nur wenige widerstehen können.

Und hier wird ein weiterer Metaeffekt wahrscheinlich: Wie ändert sich unser Kommunikationsverhalten, wenn wir 1. ohne Mehraufwand viel, viel mehr Text produzieren und versenden können? Und wenn umgekehrt 2. jede einzelne Nachricht, die wir erhalten, pauschal unter LLM-Verdacht steht?

Es ist vielleicht nicht offensichtlich, aber der Aufwand einer Kommunikation ist immer auch Teil der Kommunikation. Dass sich jemand die Mühe macht, einen Brief zu tippen oder auch nur eine E-Mail, verleiht der Kommunikation eine gewisse Bedeutungsschwere und führt dazu, dass wir sie überhaupt ernst nehmen. Doch was passiert, wenn dieser Aufwand verschwindet oder er zumindest nicht mehr als solcher empfunden wird?

Eine konkrete Vorhersage zu machen, wie sich diese Veränderungen auswirken werden, ist an dieser Stelle unmöglich. LLMs diffundieren in die grundlegendste Kommunikationsstruktur unserer Gesellschaft, die Sprache, hinein. Das wird die Sprache an sich und unser Sprechen und Schreiben radikal verändern. Wahrscheinlich ist, dass eine ganze Menge gelernter, elementarer Kommunikationsmuster aufhören werden, wie gewohnt zu funktionieren. Unsere ganze Art und Weise, wie wir kommunizieren, wird sich daher rasant verändern.

Es reicht eben nicht, die Aktivierungskosten des Lesens und des Schreibens aneinander zu halten. Bei jedem KI-Verdacht fallen grundsätzliche Verschleißkosten beim Fulcrum der Sprache – also der Auffangerwartung des Anderen – an, die unsre Fähigkeit miteinander zu kommunizieren auf einem grundsätzlichen Level mindert. Diese K_F_v_Sprache werden bei der KI-Benutzung natürlich an alle Sprachteilnehmer*innen externalisiert, aber sie fallen (hoffentlich) als erstes den KI-Heavy-Usern auf die Füße, nämlich dann, wenn ihnen keiner mehr zuhört (Womit wir dringend anfangen sollten).

Wir leben in einer Phase systematischer L1-Entkopplung der gesellschaftlichen Konsens-Infrastrukturen, und die Infrastrukturen zur Externalisierung der K_F_v sind der Mechanismus, mit dem sich ein paar wenige diese Entkopplung auf unsere Kosten leisten können.

Langfristig werden wir nicht daran vorbeikommen, neue glaubhafte Vertrauens-Strukturen zu errichten, die diese Menschen und Technologien auszuschließen. Jedenfalls dann, wenn wir überleben wollen.

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