Antisteinmeier

Ich habe einen ziemlich konkreten Wunschkandidaten als Kanzler für die Bundestagswahl. Sein Name: Antisteinmeier. Ich unterstütze ihn, weil ich ihn für einen grundehrlichen Menschen halte und er in bisher allen Positionen ganz auf meiner Linie war. Hier ein Plädoyer für meinen Kandidaten.

Damals, unter Schröder, war er ein Gegner der Agendapolitik. Er hat versucht, das schlimmste zu verhindern. Leider hat er es nicht geschafft. Aber dafür tat er alles, der Deregulierung der Finanzmärkte entgegenzuwirken.

Außerdem rechne ich ihm hoch an, dass er sich persönlich für Murat Kurnaz einsetzte, als dieser in US-Folterhaft geriet. Sein selbstloser Einsatz verhinderte das Schlimmste und zeigte die innere, tiefere Moral und den Glauben an die Menschenrechte, die Antisteinmeier tief bewegt und antreibt. Meinen größten Respekt davor!

Ich finde auch die klare Abgrenzung zu Schröder gut. Man merkt sofort, da ist ein eigener Kandidat. Ein eigener Charakter. Der hat es nicht nötig, irgendwen zu imitieren, der hat eigene Ideen und ein eigenes Charisma. Eben kein blasser Schauspieler, sondern ein richtiger Typ.

Jetzt, da er ganz legitim durch das Votum der Partei – und nicht etwa an durch einen feigen politischen Meuchelmord – der Kanzlerkandidat der SPD ist, bin ich froh, dass man hier einen grundehrlichen Menschen aufgestellt hat. Es gibt ja andere, die die krasseste wirtschaftsliberale Umwälzung der letzten 50 Jahre in Deutschland an vorderster Front mitzuverantworten haben und jetzt aufs billigste auf den „Neoliberalismus“ schimpfen. Nicht so Antisteinmeier. Er räumt die Versäumnisse der SPD in dieser Hinsicht ein und gelobt Besserung und ist dabei eben umso glaubwürdiger, weil das ja schon immer seine Linie war.

Ich finde auch gut, dass er wegen seiner aktuellen Forderungen nach Mindestlöhnen und Reichensteuer die Zusammenarbeit mit der Linkspartei nicht ausschließen mag. Dazu muss man stehen können. Das muss eben dazugesagt werden, denn diese Ziele mit FDP oder Union erreichen zu wollen, würde ich ihm – und nicht nur ich – als angekündigten Wahlbetrug auslegen. Das ginge schließlich über billigen Populistmus weit hinaus.

Er ist auch ein Mann klarer Linien. Als seine Partei im Wahlprogramm ganz schwammig formulierte, man solle die reichen irgenwie mehr zur gesellschaftlichen und so, votierte Antisteinmeier für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Seine Begründung, dass man sich unglaubwürdig mache, wenn man diffus irgendwas fordert, dann bei konkreten Vorschlägen aber einen Rückzieher macht, teile ich voll und ganz. Sowas machen nur Schleimscheißer, die eh nie meinen, was sie fordern.

Überhaupt bin ich mit Antisteinmeier in so vielen Belangen d’accord. Seine Bemühungen für die Bürgerrechte (gegen Vorratsdatenspeicherung, gegen Überwachung, gegen Internetsperren, für Netzneutralität) lassen einen weitblickenden Mann der Zukunft druchscheinen. Dass er sich strikt weigert, Opel um jeden Preis retten zu wollen und das Geld stattdessen in Zukunfts- und Umwelttechnologien zu investieren, unterstreicht dies. Mit ihm, werden wir die Krise meistern.

Auch rechne ich es ihm hoch an, dass er sich bei der Pro Reli-Geschichte offen gegen die Kirchen stellt. Die endlich überfällige Trennung von Staat und Kirche, ist ihm ein persönliches Bedürfnis.

Ach, Antisteinmeier ist mein Kanzlerkandidat der Herzen. Vielleicht nächstes mal.


17 Gedanken zu “Antisteinmeier

  1. Herrje. Also erstmal ein bisschen Aufklärung im deutschen Wahlrecht: Man wählt keine Individuen, sondern Parteien. Und innerhalb dieser Parteienlandschaft gibt es doch eine ganze Reihe Kandidaten, die dir gefallen sollten: Niels Annen, Björn Böhning oder – wo du schon aus aufgeklärt tust, warum eigentlich keine Frauen? – Andrea Nahles oder Franziska Drohsel. Aber wie ich die Situation einschätze, entscheidest du dich (wie viele andere, die sich für „links“ halten) lieber für schwarz-gelb – dann kann man nämlich mit seiner Jammerei am linken Stammtisch noch billiger punkten. Viel Spaß dabei!

  2. Ach Daniel. Ich kenne mich im Staatsbürgerrecht genug aus, danke. Nichtsdestotrotz solltest zur Kenntnis genommen haben, dass die Kanzlerkandidaten sehr wohl als Identifikationsfiguren in den Wahlkampf ziehen, die das Ergebnis nicht ganz unwesentlich beeinflussen. Und die ja auch die angekündigte Politik nicht ganz unwesentlich beeinflussen werden. Als Kanzler.

    Jedenfalls mehr als die von dir genannten: Warum wurde denn der Annen weggemeuchelt? Warum hat man den Böhning denn auf einen der unaussichtsreichsten Wahlkreise verbannt? Und was mit Jörg Tauss passiert ist, werden wir wohl nie objektiv erfahren.

    Aber was meinst du denn, habe ich von diesen Leuten zu erwarten, wenn Schwarz-Rot wieder mit knapper Not regiert? Oder in einer Ampel? Na?

    Der Fisch stinkt vom Kopf her. Aber selbst untenrum ist er vergammelt genug.

  3. Interessant, wie sehr (wenn auch nicht in allen Punkten) dein Antisteinmeier mit Lafontaine korreliert.

  4. Aber Daniel, in einem hast Du recht. Schwarz-Gelb sehe ich nicht mehr als große Gefahr, die es umbedingt zu verhindern gilt, seit Steinmeier Kanzlerkandidat ist.

  5. @Daniel: Andrea „Bauchschmerzen“ Nahles ? Franziska „Nazis raus aus Facebook“ Drohsel ? Glaubwürdige Charaktere verhalten sich irgendwie anders. Wenn das die Vorzeigelinken der SPD sein sollen, sieht die Zukunft ziemlich schwarz aus.

  6. Wie verhalten sich glaubwürdige Charaktere denn so? So wie Lafontaine und Peter Sodann? So wie Claudia Roth und Oswald Metzger? Seit wann ist Politik eine Jukebox? Seht es doch ein: Es wird nicht dieser Politmessias aus dem Himmel steigen, der Steuergeschenke und Steuersenkungen macht, der ein Kumpeltyp und doch kompetent ist, der euch nach dem Mund redet und trotzdem eine Meinung hat. Ich finde: Ihr macht es euch sehr einfach, mit eurer Moserei. Nun sag doch mal, Michael: Wenn wählst du? Die Linke? Die Grünen? Oder schwarz-gelb?

  7. ich wünschte mir, dass antisteinmeier eine frau ist. nicht, weil ich frauen für bessere menschen oder politikerinnen halte, sondern weil ich es beschämend für die spd finde, dass es keine zu geben scheint, die in den nächsten jahren aussicht auf so eine position haben könnte.

  8. Daniel, ich verlange doch nicht viel. Ich will doch gerade jemanden, der sagt, wie er die Kosten wieder rein bringen will. Der sich traut das Wort „Steuererhöhungen“ auszusprechen. Jemand, der sich überhaupt traut, mal eine Position zu beziehen, selbst wenn es nicht meine wäre. Wäre Steinmeier nur ein Arschloch, fänd ich ihn wählbarer als jetzt.

    Ich erwarte auch keinen Politmessias. Aber ist nicht irgendwas falsch, wenn ich Leute in Ämter wählen muss, mit denen ich auf ganzer Linie komplett auf Dissens bin, nur weil andere angeblich noch schlimmer sind?

    Sogar 30% übereinstimmung. Das wär’s doch. Ich komm mir aber vor, wie ein Alien.

    Und deswegen werde ich wohl die Linke wählen. Es ist die einzige Möglichkeit gegen Schwarz und Gelb und gegen diese SPD stimmen. (Und außerdem trauen sie sich, von Steuererhöhungen zu reden, wenn es um Finanzierung geht. Das Gegenteil wirft man ihnen zwar immer vor, aber da muss man sie wohl mit der SPD verwechselt haben)

  9. Wenn das die Ost-Linke ist, die in Berlin seit Jahren den Reformkurs mitträgt – meinetwegen. Aber die West-Linke? Gute Güte, wir verblendet muss man sein um deren Populismus, internen Grabenkämpfen und deren verheerender Afghanistanpolitik seine Stimme zu geben?
    Andere Frage: Jetzt, wo diese Wirtschaftskrise ist – wo ist da denn diese Linke so plötzlich verschwunden? Und seit wann ist die Linke nicht mehr gegen Hartz IV – sondern nur noch für eine Erhöhung der Sätze – und warum? Und warum hat die Linke eigentlich noch immer kein Parteiprogramm?

  10. Ach ja. Linkebashing ist leicht. Allerdings nicht aus Richtung der SPD. Ich finde die Konzepte der Linken nachvollziehbarer als die der SPD. Sie gehen auch gar nicht so weit auseinander, aber die Linke sagt, wie sie es finanzieren will.

    Deine andere Frage ist allerdings gut. Das frage ich mich auch. Das müsste doch jetzt deren Chance sein. Ach.

    Ich sag nicht, die Linke ist der Weisheit letzter Schluss. Aber sie sind auch nicht jene Monster, die man gerne aus ihnen macht. (und allein um der Propaganda zu trotzen, ist es gut, sie zu wählen) Sie sind eine Protestpartei, die mir gerade in den strategischen Kram passt, um meine Ablehnung des SPDkurses zum Ausdruck zu bringen. Und – das muss man der Linken lassen – sie treibt die SPD wieder ein bisschen in die richtige Richtung. Auch wenn sich gewisse Kräfte da noch mit allen Kräften gegen wehren. Am Ende bekommen sie den Arschtritt, den sie verdienen. Und allein dafür muss man ihr dankbar sein.

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  12. Moment – du bist am Ende nicht mehr als ein grundfester, aber derzeit ein bisschen unglücklicher Sozialdemokrat?

    Und: Magst du mal einen Link zum Parteiprogramm der Linken posten? Das würde der inhaltlichen Auseinandersetzung schon sehr helfen.

  13. Die SPD ist eine Partei, die von Arschlöchern geentert wurde. Ich glaube nicht mal, dass die Arschlöcher in der Mehrheit sind, in der SPD. Aber sie haben sich alle wichtigen Positionen erkämpft und fahren das Ding gerade heftigst gegen die Wand.

    Und wegen Parteiprogramm: haha. Aber ich dachte, ich hätte klar gemacht, dass es darum nicht geht. Nein, ich kann die Linke auch politisch nicht ernst nehmen. Aber selbst in dem selbstzerfleischenden Dilettantismus ist sie derzeit glaubwürdiger als die SPD. Und das ist doch mal das traurige!

  14. ach, eins noch: Die SPD wird eine weitere Legistlaturperiode in der großen Koalition nicht überleben. Schwarz-Gelb ist der einzige Weg, wie diese Partei wieder zu sich selbst finden kann. Die Opposition ist der einzige Ausweg, da bin ich sicher.

  15. gut geschrieben – ehrlich gedacht!
    man muss – bitter, traurig, politlächelweinend – nicken.

    aber bitte nicht die linke wählen! die lügen noch viel mehr, vor allem sich selbst die hucke voll. und verkaufen’s als wahrheit, die nichts kostet.

    es sind immer einzelne aufrechte (übrigens aucn, ganz unlinks, aber in rot-roter koalition in berlin z. b. monsieur sarrazin), einzelne in allen parteien, die endlich mal sagen, was sache für sie ist, was sie meinen, denken und wollen, ohne diese allzugroße taktische rücksicht, die alles in gähnenden nebel taucht, ein bermudadreieck der büroleiterpolitik, anpassung an alles, was grad recht kommt, solange es nützt, wem auch immer, und so viel blubber, so furchtbar viel blubber!

    bitte nicht die linke wählen…
    oder, wenn’s unbedingt sein muss: nur dieses eine mal…
    später schämst du dich wahrscheinlich dafür, weil ich doch merke, dass das gar nicht deins ist. dann wähl lieber grüne – ich weiß, ich weiß, mit bauschmerzen, aber aber aber…

    kleineres übel? linke wählen oder nichtwählen?

    oder gib deine stimme einer enthaltung, die gezeigt wird (die keine badeseeenthaltung ist)

    herzlich
    klara (spd-wählerin, trotz wegen allem)

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