Merkels Disconnect

Du hast das doch prima gemacht.“ Das sagt Angela Merkel zu dem weinenden Flüchtlingsmädchen Reem. Diese hatte zuvor davon berichtet, dass sie von Abschiebung bedroht sei und die Kanzlerin gefragt, warum sie nicht die selben Zukunftsaussichten haben darf, wie ihre Freund/innen und Klassenkamerad/innen. Diese Reaktion erzählt Bände über die Bundeskanzlerin.

Erst als der Moderator interveniert: „Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums Prima-machen geht.„, erkennt Merkel ihren Fehler und reagiert gereizt: „Das weiß ich, dass das eine belastende Situation ist.“ Sie insistiert darauf, das Mädchen trotzdem streicheln zu wollen, weil sie es doch so schwer habe und „… weil du ganz toll aber dargestellt hast – für viele, viele andere – in welche Situation man kommen kann.

Merkel wird wegen diesem Auftritt Empathielosingkeit unterstellt. Ich würde das etwas modifizieren. Merkel zeigt durchaus Empathie – aber eine fehlgeleitete Empathie. Ihre Empathie ist Ausweis eines Disconnects, der sehr viel über Merkel und ihr funktionieren in ihrer Umwelt aussagt.

Zunächst: in Merkels Welt – zwischen Koalitionsstreits, Außenpolitik und Medienauftritten – gibt es sowas wie existentielle Bedrohungen schlicht nicht. Das ist etwas, wozu sie sich überhaupt nicht emotional verbinden kann. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Und doch ist da ein empathischer Reflex auf das weinende Mädchen und Merkel meint, ihm nachgeben zu müssen.

Dieser Reflex aber interpretiert Reems Kummer zunächst falsch. Die größte Angst, die die Bundeskanzlerin kennt, ist die des öffentlichen Fauxpas. Etwas in der Öffentlichkeit tun oder zu sagen, was die Medien gegen sie benutzen können, was sie dann Wählerstimmen kostet und also Machtverlust bedeutet – das ist Merkels schlimmster Alptraum. Und den projiziert sie intuitiv auf das weinende Flüchtlingsmädchen. „Du hast das doch prima gemacht.“ Selbst, nachdem sie ihren Fehler erkennt, glaubt sie noch, dass ein Lob ihres Auftritts Reem trösten könne. Wahrscheinlich, weil es für sie selbst ein Trost wäre, immerhin eine gute Performance abgeliefert zu haben.

Dass das Reem in keiner Weise trösten kann, ist allen auf der Welt klar, die nur ein wenig im Leben stehen, die sich Struktur aufgebaut haben, Freunde, Familie, etc. Die ganze Welt kann die Angst verstehen, das alles zu verlieren. Nur Merkel nicht. Sie kennt nur eine Angst: Machtverlust.

Die genaue Wortwahl ist hier spannend: Reem habe doch „gut dargestellt“, mit anderen Worten: ihre Darstellung des traurigen Flüchtlingskindes war sehr glaubhaft und politisch hoch wirksam, findet Merkel. Reem habe das stellvertretend „für viele, viele andere“ gut rübergebracht.

Damit spiegelt sie ihr Verständnis ihres eigenen Jobs auf das Mädchen: Repräsentanz. Merkel muss repräsentieren, die Deutschen, den Staat und hier – das unmenschliche System der Flüchtlingspolitik. Und so glaubt Merkel ganz natürlich, dass es eben der Job ihres Gegenübers sei, die andere Seite zu „repräsentieren“. Es ist ein bisschen so, als ob Merkel Reem zu verstehen geben wollte: „Hey, wir sind doch beide Profis. Du hast das Flüchtlingsmädchen repräsentiert, ich das System. Das heißt ja aber nicht, dass wir Feinde sein müssen.

Vermutlich laufen so die Verhandlungen mit Griechenland, mit Gabriel und mit der Opposition ab. Politiker/innen spielen Rollen, sie repräsentieren Interessen. Und so repräsentieren alle ihren Teil und es wird hart gestritten. Danach können sie aber menschlich ja dennoch wieder normal miteinander umgehen. „Guter Auftritt, Sigmar!„, wird sie Gabriel vielleicht hier und da nach einer Parlamentsdebatte auf die Schulter geklopft haben. Vielleicht hat sie sogar mal Tsipras genau so den Kopf gestreichelt, wie sie jetzt das weinende Kind trösten möchte. „Du hast verloren, wir sparen jetzt dein Land kaputt, aber deine Argumente waren echt ziemlich gut!

Das Problem ist, dass das ganze in der realen Welt nicht funktioniert. In der realen Welt „repräsentieren“ die Menschen nicht nur Interessen und Lebenslagen, sondern sie sind diese Menschen und sie leben dieses Leben. Nicht für andere, sondern für sich selbst.

Auch spannend: „… in welche Situation man kommen kann.“ Tja, da ist das arme Mädchen eben „in eine Situation gekommen„, in die „man“ nun mal „kommen kann„. Das stimmt schon mal nicht. Jemand mit deutschem Pass, kann nicht in diese „Situation kommen„. Und überhaupt, ist Reem ja nicht in diese Situation „gekommen„, sondern genau das System, das Merkel repräsentiert, hat sie in diese Situation gebracht. Vor dem Mädchen steht die Verursacherin (oder zumindest ihre höchste Repräsentantin) und bedauert, in welche Situation sie „gekommen“ sei. Das ist nicht mehr anders als zynisch zu nennen.

Fazit

In den Fehlleistungen von Merkels Bürgerdialog zeigt sich, dass sie völlig die menschliche Bodenhaftung verloren hat, dass sie vollkommen verschluckt worden ist von dem System, dass sie repräsentiert und in dem sie seit Jahren agiert. Sie ist außer Stande noch außerhalb der Kategorien des politischen Theaters zu funktionieren oder zu denken. Wie soll so eine Frau, die sich so sehr von den Lebensrealitäten der Menschen entfernt hat, diese Menschen noch regieren?

Machen wir uns nichts vor, die meisten von uns leben nicht schlecht damit. Aber ich denke es wird klar, dass Reem und die vielen Flüchtlinge in Deutschland und vor den Toren Europas, die Homosexuellen und – nicht zu vergessen – der Großteil der Griechen – direkte Opfer dieses menschlich-emotionalen Disconnects von Merkel sind.

Hier nochmal das Video:


37 Gedanken zu “Merkels Disconnect

  1. Pingback: Merkels Disconnect | H I E R | Mediengedoens

  2. Vielen Dank für einen endlich mal sachlichen und nicht nur unfreundlich geschriebenen Beitrag über Angela Merkel, der ihr Verhaltenwirklich fundiert und gut begründet darstellt. So müssten mehr Leute schreiben! Im Gegensatz zu Ihnen glaube ich allerdings nicht, dass „die ganze Welt“ die Angst der Flüchtlinge verstehen kann . Schön wäre es, aber ich glaube, in der Situation, sich das wirkliche Elend daran nicht vorstellen zu können, sind viele, auch viele PolitikerInnen vermutlich aller Parteien. Mich erinnert es auch stark an Berichte über manager großer Firmen und darüber, wie sehr sie sich von der Realität entfernen. Wir müssen daran arbeiten, und zwar so wunderbar sachlich wie Sie, es den Menschen begreiflich zu machen – so weit wir selbst es verstehen können. Danke jedenfalls!

  3. Das stimmt, das ist etwas unglücklich formuliert. Vielleicht eher so: Die ganze Welt kann sich besser in die Situation von Reem hineinversetzen, als Merkel.

  4. Ich finde die Datenbasis arg dünn für die Reichweite der gezogenen Schlüsse, finde ich. Man muss nicht völlig den Kontakt zur Realität verloren haben, um in so einer Situation nichts Kluges zu sagen zu haben, und dann unter Druck auf was Dummes zurückzugreifen.

  5. Großartige Analyse, vielen Dank.

    Zynisch finde ich auch Merkels Lösungsversprechen, künftig für schnellere Entscheidungen sorgen zu wollen: „Tut mir leid, dass Du bald abgeschoben wirst. Wenn ich meine Vorstellungen einer Reform umsetze, dann wärst Du schon längst nicht mehr hier.“

    Mit einem Satz in Deinem Fazit stimme ich nicht überein: „Wie soll so eine Frau, die sich so sehr von den Lebensrealitäten der Menschen entfernt hat, diese Menschen noch regieren?“

    Sie kann meiner Ansicht nach diese Menschen noch regieren, so lange sie eine Mehrheit bekommt. Und offenbar will eine Mehrheit in Deutschland (zumindest eine Mehrheit der Wählenden), dass das System so funktioniert – inklusive Abschottung. Und diese Mehrheit ist auch froh darum, dass andere Leute die Drecksarbeit für sie erledigen: Ausweise im Zug kontrollieren, Flüchtlinge in Abschiebehaft stecken, sich vor laufenden Kameras mit Einzelschicksalen herumschlagen müssen. Das hier ist ein ganz klassisches „Wir gegen die anderen“ – und die Mehrheit hier ist für harte Kante. Dass das ökonomisch Quatsch ist, ist egal – darum geht es nicht. Es geht darum, die Meinung (oder Ressentiments) der Mehrheit zu vertreten. Demokratie halt.

  6. Pingback: Die Politikerin und das Flüchtlingskind | eulen nach athen

  7. Vielleicht sollte man es mal menschlich sehen? Merkel hat am Wochenende einen Verhandlungsmarathon mit wenig Schlaf und Erhohlung gehabt. Dann der „normale“ Wochenstress als Kanzlerin. Mein Vermögen zur Gefühlsregung wäre auch sehr herabgesetzt.

    Das System Merkel sind wir. Wir wählen unsere Vertreter. Ein wenig mehr Mitgefühl wäre zu erwarten gewesen, aber eine persönliche Intervention „ich rede mal mit dem Innenminister von Meck-Pom, meinem Parteifreund, da lässt sich was machen…“ ist einfach ausgeschlossen. Rechtsstaatliches Handeln kann im Einzelfall unsozial sein, aber die Alternative ist Willkür.

  8. Ich halte die Kritik an Merkel für maßlos übertrieben und zum Teil auch schäbig. Mir fällt es schwer, das überhaupt auszuhalten. Dabei bin ich überhaupt kein Fan der Regierung. War ich nie und werde ich wohl nie werden. Die SPD habe ich jahrelang gewählt. Mit der Agenda 2010 ist mir jede diesbezügliche Gewissheit abhanden gekommen.

    Zur Sache: Gibt es in der Gegenwart auf dieser Welt einen Regierungschef, dem man nicht genauso wie Sie es hier tun, die solche „Vorhaltungen“ machen könnte? Ja, stimmt es wohl, dass die größte Angst von Politikern (keineswegs nur von Frau Merkel) darin besteht, sich einen öffentlichen Fauxpas zu leisten. In einem Interview, das Jahre zurückliegt, beklagte Merkel darüber, dass Politikern in der heutigen Zeit selbst zu sehr schwierigen Fragen keine Gelegenheit mehr gegeben würde, gründlich über eine Antwort nachzudenken. Da war sie noch nicht Bundeskanzlerin.

    Inbesondere im Internet wird ein Fehler (was immer es ist) nicht verziehen. Jeder wird auf Teufel komm raus ausgeschlachtet – vor allem natürlich, wenn es um den politischen Gegner geht. Im Zweifel aber auch dann, wenn man diesen gar nicht kennt. Wir haben ein Stadium erreicht, in dem das Internet sich zu einer Art Gegenöffentlichkeit entwickelt hat, die mir persönlich Angst macht. Keiner scheint es mehr irgendwem recht machen zu können. Alles wird brutalst möglich attackiert. Es scheint nicht mehr möglich zu sein, einen Menschen, zumal einen Politiker „gut“ oder „in Ordnung“ zu finden, ohne, dass man dafür virtuell ans Kreuz genagelt wird. Das geht rasendschnell und ist kaum vorauszusehen.

    Als sei das nicht schon schlimm genug. Die Protagonisten suggerieren den Konsumenten ihrer oft stark verkürzten Gedanken eine Welt, die es zum Glück so nicht gibt. Kurzum, sie interpretieren und lügen in bestimmte Abläufe etwas hinein, was es so gar nicht gibt. Das ist Propaganda. Nicht dass, was wir in den ör Sendern sehen oder hören.

    Merkel hat in diesem Fall keine gute Figur gemacht. Sie war nicht offenbar nicht darauf vorbereitet, mit den Lebensumständen und Ängsten eines persönlich betroffenen Mädchens konfrontiert zu werden. Das konnte man sehen. Und weil man es sehen konnte, gehören ihr normalerweise Pluspunkte aufs Konto geschrieben.

    Unter professionellen Aspekten kann man sagen, sie hätte damit rechnen können oder zumindest einer ihrer Berater. Merkel hat in meiner Sicht auf die Reaktion Reems mit Betroffenheit reagiert.

    Als ich sah, wie das im Internet gesehen wird, war ich ziemlich perplex, später angewidert. Ich halte es für seltsam, wie einhellig (fast einstimmig) die Positionen im Internet geäußert werden.

    Das macht mich viel nachdenklicher als Merkels Reaktion. Diese hielt ich für absolut akzeptabel. Menschlich sowieso aber auch für eine Kanzlerin.

  9. Die Frau ist glaube ich nicht wirklich unempathisch, sondern eher socially awkward. In der plötzlich aufgekommenen Situation fehlten ihr die institutionellen Rollenabläufe, die ihrem Verhalten sonst Halt geben können, und dann kann sowas dabei rauskommen. Ähnliche Effekte kann man auch bei anderen der recht seltenen formlosen öffentlichen Auftritte der Kanzlerin sehen, etwa bei Fußballspielen oder diesen Townhall-artigen Diskussionsrunden im Wahlkampf.

    Ein tiefergehender Linkt mit ein paar Anhaltspunkten, die hier ziemlich gut zutreffen:
    http://www.peopleskillsdecoded.com/socially-awkward/

  10. Du suggerierst am Ende, dass der Grund, warum wir die EheFürAlle noch nicht haben und die Flüchtlings- und Griechenlandkrise noch nicht gelöst sind, der sei, dass Frau Merkel kein Mitgefühl empfinden könne. Das ist merkwürdiges Politikverständnis. Als wenn es in der Politik nur auf den guten Willen ankäme und dann wären wir aller Probleme ledig..

  11. Angenommen, sie hätten just in diesem Moment eine Artl „Erleuchtung“ bekommen: Sie hätte gesehen, wieviel Leid die aktuelle Flüchtlingspolitik mit sich bringt, dem Mädchen zugesagt, dass es bleiben könnte, und zwar nicht nur sie, sondern alle Flüchtlinge, die es wollen.

    Gleich morgen würde sie dem Bundestag einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen und in einer leidenschaftlichen und emotionalen Rede, die auf die Begegnung mit dem Mädchen Bezug nehmen würde, um Zustimmung werben.

    Was würde passieren?

    Womöglich käme der Entwurf sogar durch mit Stimmen von SPD/Grünen/Linken, aber was wäre mit ihrer Macht? Hätte Sie noch die ganze CDU hinter sich? Würden vllt. rassistische CDU-Wähler abstpringen und die AfD Zulauf gewinnen?

    Ich bin mir einfach nicht sicher, ob die Mehrheiten in Deutschland eine solche Politik erlauben würden. Und wenn sie es eben nicht tun, dann würde es ja nur bis zur nächsten Wahl dauern, bis eine solche Politik wieder geändert wird.

    Du schreibst ja selbst, dass sie Angst vor einem Machtverlust hat. Und diese Angst ist ja real. der Machtverlust kann passieren, wenn sie sich einen Fauxpas leistet, aber der kann auch passieren, wenn sie mehr Flüchtlinge reinlässt und (latente) Rassisten, von denen es vielleicht gar nicht sowenige gibt, sie dann nicht mehr wählen.

    Sie hat zwar Macht, aber die ist offenbar beschränkt in den Grenzen, die ihr ihre Rolle gestattet.

  12. Eine Anmerkung und eine Frage.

    Basis für die Analyse scheint das geschnittene und verkürzte NDR Video zu sein, das oben verlinkt ist. Hier wäre a) eine Verlinkung des 10-Minütigen Original-Dialoges sicher hilfreich und eine Überprüfung der aufgestellten Thesen an eben diesem.
    Außerdem sollte dabei dann die Rolle des Moderators in die Analyse mit einbezogen werden. Denn er bringt das Thema auf das Parkett bzw. fordert Reema auf, diesen Teil ihrer Geschichte zu erzählen. Mal genau hinhören. Damit bringt er Reema „in eine Situation“ die mit dem Bürgerdialog vermutlich nicht beabsichtigt ist (weinende Kinder).
    Tatsächlich ist Reema nämlich in einer schlimmen Lebenssituation UND in einer belastenden akuten Situation (über ein Thema reden, über das man eigentlich nicht reden wollte, nicht wissen, ob man damit dem eigenen Schicksal hilft oder schadet…) Eigentlich sehr empathisch, diese Situation zu erkennen und zumindest den Teil abzufedern, den man abfedern kann. Disclaimer: ich bin CDU Mitglied.

  13. Ich habe den längeren Ausschnitt gesehen und finde, nicht, dass er der Analyse irgendwie widerspricht oder dem Thema etwas hinzufügt. Da gibt es kaum etwas Neues, außer die etwas längeren Ausführungen der Kanzlerin zur Asylpolitik. Deine Interpretation, dass der Moderator das Mädchen in diese Situation getrieben habe und sie tatsächlich weine, weil sie mit der Situation überfordert sei, halte ich für sehr weit hergeholt und gehe ich nicht mit.

  14. Naja, das ist das, was Merkel sagt: sie spricht genau in dieser Frage immer von sich. „Ich habe damit Bauchschmerzen“, „Für mich ist Ehe Mann und Frau“, etc. Deswegen: Ja. Ich habe den Eindruck, dass die Ehefüralle-Sache vor allem auch an Merkels Unwillen scheitert.

  15. danke fuer die analyse. ich gehe mit. statt einem einzelschicksal mit globaler stammtischpauschale und wahlsprech zu antworten gab es die moeglichkeit, das zu tun, warum sie da war: persoenlich werden. sich informieren, persoenlich kuemmern – das waere kein eingriff in das verfahren.
    das maedchen damit zu troesten, dass (es) naechstes mal schneller abgeschoben wird, zeigt die immense distanz zum einzelschicksal, das ihre politik verursacht. statt tourmaessig medial zu menscheln waeren mehr moeglichkeiten von einzelfallentscheidungen unspektakulaer aber menschlich. deutschland koennte davon in vielerlei hinsicht profitieren.

  16. Ich glaube, wenn man davon ausgeht, dass Angela Merkel die spontane Kraft zu trösten einer Hollywood-Filmfigur besitzt, braucht man am Ende auch nicht enttäuscht sein, dass man doch nur deutsches Fernsehen geschaut hat.

    Ich finde, du hast den Dialog zwischen Angela Merkel und Reem ganz gut analysiert. Doch ich finde die Idee des „DISCONNECTS“ nicht sehr hilfreich.

    Ab wann wäre so ein öffentlicher Auftritt denn geglückt? Wenn die emphatische Kraft zu Trösten die Zuschauer zuhause erreicht? Wenn am Ende alle klatschen?
    Wäre das dann nicht auch Teil des politischen Theaters?

    Ich glaube auch, dass sie die Verbindung zu den Leuten verloren hat, die sie regieren soll und dass ihr Verhalten Rückschlüsse darauf ziehen lässt. Ich glaube das ehrlich gesagt von vielen Politikern, aber finde, dass man die emphatische Ausstrahlungskraft vor der Kamera nicht unbedingt als Richtungsmaß für erfolgreiche/gescheiterte Politik nehmen sollte. Es liegt mir total fern, Angela Merkel oder ihre Politik zu verteidigen (nie im Leben!) Aber auch wenn du deinen Blogbeitrag als Analyse formulierst („Fehlleistung“ ist Vokabular der Psychoanalyse, richtig?), geht es in diesem Artikel um nichts anderes, als um Empathie. Und damit leider nicht weiter, als der Shitstorm und das Mediengewusel, das man sich zu diesem Thema im Moment leistet. Vielleicht bringt dieser Trubel die Debatte ein bisschen voran. Aber von @mspro hatte ich ein bisschen mehr erwartet. Naja, vielleicht hatte ich einfach nur die falschen Erwartungen.

  17. Vielen Dank für die Analyse. Ich möchte ihr gern einen halben eigenen Gedanken hinzufügen:
    Bereits die im ersten Absatz angesprochene Äußerung Merkels
    „Das ist manchmal auch hart, Politik … die einzige Antwort, die wir sagen, ist, bloß nicht so lange, dass es so lange dauert, bis die Sachen entschieden sind.“
    zeigt deutlich ihre politische Herangehensweise.
    Das „Problem“ — dass hier ein gut integriertes Mädchen mit deutschen Freunden und guten Sprachkenntnissen nicht abgeschoben werden will — ist nämlich nicht allein die drohende Abschiebung. Das entspricht den Gesetzen, dem offenbaren Mehrheitswillen. Zum Problem macht dies erst die Integration, die begonnene Verwurzelung. Und daran lässt sich doch drehen, abstrakt: Indem „wir“ die Integration der später doch Abzuschiebenden von vornherein erschweren (über das System der Flüchtlingsheime und der Arbeitsverbote und der Sachleistungen und der Mobilitätseinschränkungen hinaus): Indem wir „schneller entscheiden“, rascher abschieben. Problem gelöst! Weiter im Text.
    Das Mädchen zeigt sehr gut, wie nötig und richtig der eingeschlagene Weg ist. Sie spielt ihre Rolle gut, sie hat das prima gemacht.

  18. Pingback: Unsere Kanzlerin – meine Enttäuschung | juna im netz

  19. Der Vorfall ist kein Anlass für die große Charakterkritik. Man muss sich nur mal Gabriel oder Schröder in der gleichen Situation vorstellen. Interessant ist aber schon die Kluft, die gerade in dem Moment aufreißt, da sie überbrückt werden soll. Genau genommen sind es zwei Klüfte.
    Nr 1: Politiker sind unter angeschalteten Kamera heute mehr denn je dazu verdammt, lebende Positionspapiere zu sein. Persönliche Gespräche (siehe auch Flöckchen vor ein paar Tagen and many more) sind da nicht wirklich möglich bzw. stoßen notwendigerweise immer irgendwann an die Wand der verabschiedeten Positionen.
    Nr. 2: Die Zweite Kluft ist die zwischen politischer Regelung und Einzelfall. Merkel spricht vom Allgemeinen, das Mädchen von sich. So geht Politik nicht. Das ist „hart“ und welcher Politiker, der die Möglichkeit dazu hat, würde es da nicht, wie noch in Bayern jederzeit möglich, machen und sagen: „Ich sprech mal mit dem Zuständigen … da finden wir für dich schon eine Regelung.“ Als Politiker steht man da immer in der verkehrten Ecke, es sei denn man ist in Opposition und kann alles fordern, was den Menschen wünschenswerte erscheint.
    Abgesehen davon fällt diese Marketing-Offensive auf „Gut leben in Deutschland“, die sozusagen das Meinungsklima insgesamt aufheitern soll und die als Mittel für mehr Bürgernähe sich tatsächlich dieses Mittels bedient, die Regierung als empathischer darzustellen. Das hat viel mit politischer Sprache zu tun, mit „Hingehen zu den Menschen“, mit Aufgreifen von „Sorgen“ etc. Das wird spannend sein zu beoabchten, ob trotz der strukturellen Klüfte diese sommerliche Klimaaufheiterung gelingt. Dass sich eine Regierung heute zu allem Stress auch noch um die Selbstvermarktung und demonstrative Lebensnähe bemühen muss, könnte (nur eine These meinerseits) übrigens mit den Gesprächsdynamiken im Netz zusammenhängen, die dazu führen, dass sich die Bevölkerung ganz gut mit sich allein über Politik unterhalten kann und sozusagen den lebenden Programmpapieren ständig die unterschiedlichsten eigenen Programmwünsche entgegenschleudert. Einen wie Kohl oder Schröder würde es unter den heutigen derartig schnell schredderrn ….

  20. Die Reaktion von Merkel war typisch für empathielose Menschen (auch Psychopathen genannt). Die meisten von denen simulieren Empathie durch antrainiertes Verhalten. Umso besser sie schauspielern, desto überzeugender wirken sie dann auf „normale“ Menschen. Manchmal geht das aber eben vollkommen daneben, wie in diesem Fall. Sie können nicht von Natur aus „richtig“ reagieren, weil sie die Gefühlslage ihres Gegenübers einfach nicht selbst spüren.
    Also Deinem Fazit, sie hätte nur die Bodenhaftung verloren, kann ich so nicht zustimmen. Es ist noch schlimmer. Du wirst in so eine hohe Position höchstwahrscheinlich niemals einen empathischen Menschen bekommen. Mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit besteht der gesamte Bundestag aus Psychopathen. Es ist da vollkommen egal wen du wählst.
    Letztes Jahr hat doch diese Studie die Runde gemacht, bei der herausgefunden wurde, dass um so höher eine Führungsposition ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass da ein Psychopath sitzt. Im Bevölkerungsdurchschnitt sind es ca. 1% und schon in den untersten Führungsebenen, also z.B. Abteilungsleiter, waren es bereits 3%.
    Ich meine sogar, dass ein empathischer Mensch niemals diese Position längere Zeit ausführen könnte. Der würde entweder nach kurzer Zeit zusammenbrechen oder er würde seine empathischen Fähigkeiten abschalten/verlieren.
    Dieses Psychopathen-Ding in der Politik, war für mich ein Grund von vielen, warum ich überzeugter Anarchist geworden bin. Das Problem ist eben nicht wer auf dem Thron sitzt, sondern das Problem ist, dass es überhaupt einen Thron gibt.

    Wen es interessiert auf dieser Webseite http://www.freiwilligfrei.de wird über eine freie rein auf Freiwilligkeit basierende Gesellschaft geschrieben. Da gibt es auch einige Artikel über Psychopathen.

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  23. … sorry, aber Merkel ist schlicht das Leittier der Horde!
    All die ach so fürsorglichen Helfer in unseren Siedlungen und 150m2 Wohnlöchern, all die hasserfüllten, kleinen Verlierer, die nachts Brandsätze auf die „Asylunterkünfte“ werfen, wir alle, haben unser Leben lang, vom Verteilungswettkampf profitiert, verbrecherisch profitiert!
    Im Fazit klingt das vage an.

    Wir alle würden eine menschliche Politmarionette, die für globalen Ausgleich kämpft, und uns an unseren Nasen packte, die selbst unverschämterweise ostentativ das Kanzleramt zu einer Asylunterkunft wandelte und in eine 30m² Wohnung zöge, ein Büro im Bundestag nutzend und die Paramentarier auf Hartz IV Niveau versorgen ließe, in Stücke reißen.

    Wir wollen genau so ein Merkelobjekt als Platzhalter der Macht, ein Objekt, kein Subjekt – im Grunde könnten wir eine echte Puppe mit Sprachchip dort platzieren – ein Objekt, dass ohne Verstand, ohne Gewissen und nur mit verschlagener Cleverness bedacht, uns die Krümel und den unerreichbaren, den ganz, ganz Reichen, die Torte reicht.

    Wir bekommen nun langsam Probleme, da immer mehr kaum mehr Krümel bekommen, das sind jene, die hasserfüllt auf den Straßen deklamieren, manche noch wohlversorgt, aber mit der Angst im Rücken aus dem bequemen Ställen gejagt zu werden.

    Wir sind feige, bequeme Unmenschen, den selbst die liebevollste Fürsorge hört bei den meisten dort auf, wo sie selbst gegen ihren Willen, wesentlichen Verzicht zu leisten hätten!

    Ja, wo kämen wir da hin, würden alle Armen unser Land fluten, wo kämen wir da hin, würden wir nicht gemeinsam mit anderen Raubnationen, die von korrupten, bösartigen Platzhaltern verwalteten Regionen hemmungslos ausbluten, wir schächten ein Drittel der Menschheit und baden in ihrem Elend – sich dezidiert über diese Episode des peinlich Offensichtlichen zu echauffieren, das bringts, das lenkt vom Kern der Sache ab – die Merkel ist´s und ich bin ein kritischer, ja sozialer Mensch – nur bitte – meine Kaufkraft, die gönn ich mir, die hab ich verdient.

    Ich bin nicht besser, doch ich bin so frei, unsere verfluchte Feigheit hinauszuschreien – und desto schlimmer es für uns kommt, desto mehr haben wir es alle zutiefst verdient!

  24. Wie schon auf FB kommentiert, ist mir das Besondere hier nicht klar. Wenn der Disconnect zw. Menschen am untersten Rand der Hackordnung (z.B. Flüchtlinge) und und solchen am obersten (hier: Regierungs-Chefin) gemeint sein sollte: Der ist m.E. zwangsläufig, weil es auch nicht die eine Realität gibt, sondern allein hierzulande rund 82 Millionen davon. Kaum welche könnten weiter auseinander liegen als die beiden, die sich da im Video treffen. Darum leuchtet mir auch nicht ein, wieso irgendwer „Opfer“ eines speziellen Merkel-Disconnects sein können sollte. Die LGBTs sind allenfalls Leidtragende einer verstockten Sexualmoral hierzulande, die Flüchtlinge geraten zwischen die Mühlsteine einer den Migrationsdruck monetarisierenden Schlepperindustrie und einer dagegen haltenden schweigenden Mehrheitsmeinung, die für Deutschland ein restriktives Asylrecht will und kriegt. Und die Griechen sind vor allem Opfer von Rousfeti, Fakelaki und Co. (siehe Wikipedia und Suchmaschine der Wahl) und damit letztlich ihres postkolonialen osmanischen Erbes. Das loszuwerden geht nur mit massivem Druck von außen, aber der wird ja gerade im Netz schön als Demütigung und Schuldensklaverei diskreditiert.

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  27. Also ich glaube, Frau Merkel ist von Haus aus eher emotionslos. So etwas wie Begeisterung,wenn es nicht gerade um die Fussball-WM geht, Spontanität oder Gefühlsausbrüche irgendeiner Art sind ihr fremd. Als Politikerin im überwiegend reichen Deutschland mit seinen satten und zufriedenen Bürgern, die keinerlei Veränderung wünschen, konnte sie diese Eigenschaften perfektionieren. Es funktioniert prächtig seit 10 Jahren. Sie weiss ihr Stimmvolk hinter sich.

    Ob man es als einen guten politischen Führungsstil betrachten kann, wenn man Entscheidungen aus dem Weg geht, sie zumindest hinauszögert und aussitzt, bis sich abzeichnet, welcher Weg der für das eigene Ansehen und den Machterhalt der beste ist, sei dahingestellt. Bisher konnte Frau Merkel nichts und niemand etwas anhaben. Kritiker ihrer Politik wurden weggelobt oder gegangen. Sie selbst hat nie Schaden dabei genommen.

    Wie unnachgiebig und hart Frau Merkel sein kann, wenn es gilt, ihre persönlichen Ansichten und Interessen – oder die der USA – durchzusetzen, das hat sich gezeigt in der Ukraine-Krise, die Deutschland nur geschadet hat und im jetzigen Griechenland-Desaster, wo es zu verhindern galt, die eigenen Fehler einzugestehen. Auch das hat sie unbeschadet überstanden.

    Eine Demokratie lebt vom Meinungs- und Schlagabtausch, nicht vom Abwarten und Aussitzen, von leeren Worten und Versprechungen. Eigentlich wünscht man sich Politiker, die hinter einer Sache stehen, die die Interessen ihrer Bürger vertreten, die autentisch sind. Stattdessen geht es um Posten und um Machterhalt. Darin ist Frau Merkel allen überlegen.

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  32. Die ganze Situation ist mir ein bisschen übertrieben und dafür sind die Medien schuldig. Ich sehe nicht, ob das Problem liegt? Wir könnten sowieso nicht alle Flüchtuigen aufnehmen. Merkel ist ein emotionaler Mensch und sie trägt riesengroße Verantwortung auf ihre Schulter. Seien Sie nicht so kritisch. Ich bin gespannt, wie würdet ihr an ihrer Stelle reagieren?
    Viele Grüße

  33. die Fehlleistungen der Kanzlerrin sind unerreicht, egal ob Fuchtingsthema oder Griechenland. Schämem tut sie sich nicht dabei

  34. Dass jemand mit deutschem Pass nicht in diese „Situation kommen“ könne, stimmt so nicht. Man sollte sich bisweilen daran erinnern, dass das Asylrecht, so wie es die Deutschen in ihr Grundgesetz aufgenommen haben, gerade auch aus der Erfahrung entstanden ist, wie viele von ihnen selbst – auch mit einem deutschen Pass – in Situationen gekommen waren, wo andere Staaten ihnen politisches Asyl verweigerten.

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  36. Ich frage mich, ob diese frau Keine Gefühle und kein Mitleid hat?Hauptsache geld verschenken anstatt lieber an ihre leute zu denken

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