RP11 – Der Aufbruch

Endlich auch meine Reflexion über die re:publica. Das hat lange gedauert und schon im Vorfeld kam von mir ja hier nicht viel neues, was man durchaus als Stressindikator begreifen kann, wenn man es denn möchte.

Natürlich fand ich es auch dieses Jahr einfach geil. Es ist natürlich einfach geil, wenn man teil dieses Klassentreffens ist. Wenn man auf allen re:publicen war, jedes Jahr einen Shitload an neuen Leuten kennengelernt hat und man all die Leute einfach auf einen Schlag wiedertrifft. Das sagt natürlich noch gar nichts über die Qualität der Veranstaltung aus aber viel darüber, dass ich natürlich einen geblendeten Blick dafür habe. Ich konnte ja quasi gar nicht enttäuscht werden.

Natürlich gibt es aber auch kritisches zu sagen, Räumlichkeiten, W-lan, der ein oder andere schlechte Vortrag, etc. Aber das wurde schon zu genüge diskutiert.

Weil ich auch wegen meiner eigenen Dinge (dazu gleich) viel um die Ohren hatte, habe ich mir selber leider nur sehr vereinzelt Sachen angucken können. Highlights – da stimme ich sicher mit den meisten überein – waren die Vorträge von Gunter Dueck und von Sascha Lobo.

Einige fanden sogar unsere Twitterlesung super. Ich fand die auch nicht schlecht. Aber wie letztes Jahr: Friedrichstadtpalast ist für humorvolle Unterhaltungsshows eine schwer zu knackende Nuss. Uns ist das einigermaßen gelungen, die Lesung war gut besucht und es gab viele Lacher (die man dort auf der Bühne schlecht hören kann) und mehr kann man schwerlich erwarten. Hier der Bericht.

Mein Vortrag, der unglücklicher Weise gleich am nächsten Morgen um 10:00 Uhr war trotz der Uhrzeit gut besucht, dass leider viele nicht mehr reingekommen sind. Sorry dafür. Aber die Infos sind gottseidank alle im Netz vorhanden. Hier mein Artikel bei Carta, wo es um die technischen Grundlagen des Kontrollverlusts im Digitalen geht und hier die Ergänzug, die über den Carta-Artikel hinausgeht und den Kontrollverlust auf eine neue, abstraktere Ebene hievt und mit dem Postdemokratiediskurs verknüpft.

Überrascht hat mich, dass am Tag zuvor Gunter Duecks Vortrag in eine sehr ähnliche Richtung ging, wie mein Vortrag. Teilweise andere Schwerpunkte, teilweise andere Begrifflichkeiten, aber auch bei ihm ging es darum, dass das Internet einen ganzen Haufen an Organisationsaufwand, der durch Institutionen geleistet wird, überflüssig macht. Unsere beiden Vorträge waren also Vorträge über das Legitimationsporblem von Institutionen in Zeiten des Internets. Leider konnte ich nicht ganz so reüssieren, aber ich übe ja noch.

Verpasst habe ich übrigens die Veranstaltung zur Gründung der „Digitalen Gesellschaft“. Ich kann die emotionalen Diskussionen um diese Gründung nur teilweise nachvollziehen. (wir haben darüber im aktuellen WMR diskutiert) Ich glaube, das ganze Ding wird etwas wichtiger genommen, als es ist. „Digitale Gesellschaft“ klingt zwar durchaus bold, aber wenn man sich vergegenwärtigt, wozu sie da ist, weiß man auch, warum das so sein muss. Man will ja schließlich ernst genommen werden, da draußen.

Dass die „Digitale Gesellschaft“ dann doch nicht wirklich diesen Alleinvertretungsanspruch für „die Netzszene“ hat, die der Name suggeriert, sollte aber ebenso klar sein. Wie sollte das denn auch gehen? Also versteht das Ding doch einfach als ein zusätzliches Interface mit dem man besser und effektiver mit den (ja immer noch bestehenden und immer noch mächtigen) Institutionen kommunizieren kann. Es ist ein zusätzliches Schnittstellen-Angebot zu all dem anderen grassrootsartigen und nach wie vor wichtigen Bündnissen um die Netzpolitik.

Es ist also eigentlich das, wonach Sascha Lobo in seinem Eröffnungs-Rant förmlich geschrien hat: eine tolerante, effektive Offensive, die die Netzpolitik nach außen, in die Gesellschaft vermittelt. Und sicher auch ein Garant, dass er nicht mehr als einziger angerufen wird (was er auch eh schon jetzt nicht wird).

Die Situation ist doch folgende: Wir haben Jahrelang geschrieen, dass das Internet wichtig ist, dass man uns zuhören soll, dass man da nicht wie ein Volldepp irgendwelche politischen Meßlatten anbringen darf, sondern, dass man versuchen muss, das Netz zu verstehen.

Und jetzt ist es so weit! Man hört uns zu! Alle haben es kapiert. Wirklich: ALLE! Jeder weiß seit Wikileaks, seit Tunesien und Ägypten, seit der Zeitungskrise und und und, dass das Internet scheißfucking wichtig ist. Und sie haben auch kapiert, dass das Internet seine eigenen Regeln hat, dass man nicht einfach den Rundfunksgedöns rechtlich ausweiten kann, wenn man es mit dem Netz zu tun hat. Die Massenmedien richten Kolumnen ein, der CCC schreibt für die FAZ und der Innenminister und die Faminlienministerin streiten sich darum, wer mit den prominentesten Netzakteuren reden darf. Wie angekommener kann man sein?

Und Sascha hat vollkommen recht, wenn er feststellt, dass wir uns – wärend alle fragenden Augen der Gesellschaft auf uns gerichtet sind – schlicht zu doof anstellen, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Statt dass wir versuchen an allen Ecken und Enden unsere Kompetenz dafür einzusetzen, unsere Erfahrungen zu vermitteln, ergehen wir uns in Streitereien darüber, ob denn nun die „Digitale Gesellschaft“ die Volksfront von Judäa oder doch die Judäische Volksfront ist. Wir führen uns wie auf ein Kindergarten, statt die einmalige Chance zu nutzen, diese Gesellschaft entscheident mitzuprägen.

Aber das ist aber unsere fucking Aufgabe! Das ist das, worauf Dueck dann auch hinauswollte, als er sagte: „Werdet politisch!“ und das sei seine einzige Bitte an uns. Das heißt eben nicht, dass wir in die Parteien rennen sollen oder eine neue Piratenpartei gründen sollen, sondern dass wir unsere Kompetenzen aus dem Netz dazu nutzen sollen, mit diesen veränderten Situationen, die wir durch das Netz bekommen, umzugehen. Kurz vorher hatte er ja skizziert, warum unser ganzes Gesellschaftssystem grundlegend umgekrempelt werden muss. Wir sind diejenigen, die es umkrempeln müssen. Wer denn auch sonst?

Ja, und da ist sie wieder, die Elite. Natürich ist das ein Elitendiskurs und natürlich hat da die Netzszene kein Bock drauf. „Eliten sind scheiße!“ Natürlich shitstormen wir lieber jeden nieder, der uns zu laut spricht. „Keep it down! Keep it calm!“ – wir wollen keine Elite sein.

Sorry, zu spät. Es ist unsere Aufgabe, diese Verantwortung anzunehmen. Die anderen da draußen kennen auf jedes gesellschaftliche Problem nur die „Institution“ als Lösung. Wir sind es, die im Internet andere Erfahrungen gemacht haben. Wir wissen, wie sich Menschen komplexer organisieren können. Wir haben erfahren, wie das geht. Wir müssen – so Dueck – jetzt umkehren, rausgehen und den anderen in der Höhle davon erzählen.

Aber ehrlich, ich mache mir keine Sorgen. Natürlich wird es immer Schreihälse geben, die eifersüchtig alles versuchen niederzuschreien, was ihnen nicht passt. Aber man sieht ja auch, was aus denen wird. Sie verenden in irgend einer Nische, wo ihnen eh keiner mehr zuhört, als ihrer eigenen Kommentarmeute. Und die anderen, die Markus Beckedahls und andere, die lieber machen und nach vorn gehen, werden sich nicht abschrecken lassen.

Und deswegen war für mich diese re:publica ein deutliches Zeichen des Aufbruchs. Es wird Zeit, diese Sache mal ernsthafter voranzutreiben, die schmerzhaften Fragen zu stellen und mehr Gestaltungsspielraum einzufordern und dabei den Kindergarten links liegen zu lassen. Wer nicht mitmachen will, soll es eben lassen. Ich würde da jedenfalls keine Rücksicht drauf nehmen.


13 Gedanken zu “RP11 – Der Aufbruch

  1. Ja, das finde ich gut! Ich finde es immer gut, wenn jemand etwas tut. Dadurch wird ja alles andere nicht überflüssig.

  2. Am ersten #rp11 ging ich durch den FPalast und wich mal nach links und mal nach rechts aus, weil überall Blogger vor TV-Kameras und Radio-Mikrofonen standen und von Digitalem erzählten. Ich dachte: „Es scheint so, als würde die Gesellschaft erwarten, dass die re:publica ihr erkläre, was ihr bevorstehe.“

  3. Hm. Was bei mir haengengeblieben ist, ist das Zauberwort „Konstruktivismus“. Man kann von der digiges halten, was man will — und ich weiss momentan noch gar nicht, was ich davon halten soll — aber eins sollte klar sein: Meckern ist voll einfach, und im berechtigten Fall soll man das auch. Viel wichtiger ist aber, auch mal was selbst auf die Beine zu stellen, anstatt vom Wohnzimmersessel aus herumzunoelen…

  4. (Im uebrigen wuerde ich Joerans Kommentar gerne liken oder plus-eins-en oder wie man heutzutage so Akklamation bekundet)

  5. @a – ich hab mich auch gewundert. habe aber keine anhaltspunkte. mal alvar fragen …

  6. „Digitale Gesellschaft“ erinnert mich stark an „Internet-Manifest“. Markus hat scheinbar die Angewohnheit, dick Butter aufzutragen und danach zu sagen „Ach, hey, klar ist das nicht Butter sondern Magermagerine.“ Er hat das Talent, über den Titel ein Projekt schonmal vorab stark zu beschädigen – die eigentliche Sache ist dann leider im Hintergrund. 😀

  7. @stk ich hab zu dg und konstruktivismus nichts finden können. ist „konstruktivistisch“ erkenntnistheoretisch gemeint oder in ganz anderer weise?

  8. Pingback: Aktuelles 21. April 2011

  9. @Tom, ich hab mir das Wort aus der Luft gezogen und nach kurzem Wikipedia-en fuer eher unpassend befunden. Gemeint war: Konstruktiv arbeiten und im Zweifelsfall einfach tun, was man selbst fuer am besten haelt, anstatt Zeit und Energie auf’s vorausgreifende Schimpfen zu verwenden.

  10. Pingback: re:learn @ re:publica 2011 – die Ergebnisse « J&K – Jöran und Konsorten

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