Der Hass des german ängstlichen Wutbürgers

Was man bereits ahnte: der „Wutbürger“ und die „German Angst“ gehen zusammen. Zwei großartige Texte flogen mir über das Wochende zu, die die beiden Phänomene jeweils genau analysieren und auf fast synchrone Art deuten.

Der Wutbürger und der Fahrrad-Nazi

Nach der Proklamation des Wutbürgers wurde es Zeit, ihn als ein psychosoziales Phänomen zu analysieren. Dietrich Diederichsen hat das ganz wunderbar in Angriff genommen. Er grenzt die Wut gegen Zorn und Empörung ab. Während Zorn und Empörung gerichtet und diskursiv sind, sei Wut aus der Rolle gefallener Zorn. Dieses aus der Rolle Gefallene sei das nicht mehr Streitbare, das nicht mehr Verargumentierbare der Wut:

„Verlieren Akteure im Streit jede Chance, verlieren sie ihre Position oder kann der Streit überhaupt nicht mehr geführt werden, dann tritt die gebundene Wut heraus und taucht frei, radikal und ein bisschen blöde anderswo wieder auf.“

Konstitutiv bescheinigt Diederichsen dem Wutbürger eine Nichtverortung, ein Verlorensein zwischen Gesetz und Willkür und dem diffusen Gefühl einer Ausgeliefertheit gegenüber einer Macht, der der Grund für seine hilflose, ungerichtete Wut ist. Anschaulich macht er das anhand der Wut des Fahrrad-Nazis, der im Machtkampf auf der Straße unterzugehen droht und glaubt, sich gegen jeden durchsetzen zu müssen:

„Der wütende Bürger glaubt ebenfalls nicht an die Garantierbarkeit seiner Rechte. Wie beim Fahrrad-Nazi liegt das daran, dass er dazwischen steht: Da er aus Erfahrung weiß, wie leicht es ist, an den Rechten der unter ihm Stehenden (oder an seinem Gewissen) vorbei auf diese zu treten, weiß er auch, wie leicht es sich die machen könnten, die stärker sind als er. Er kann sich weder ganz auf Willkür verlassen, weil er zu schwach ist, noch aufs Recht, weil ihn seine relative Stärke retten könnte. So fällt er aus einer Position, aus der er streiten könnte, und wird wütend. Seine Wut ist die aus dem stabilen Streit herausgefallene Unsicherheit über seinen wahren Status und den seiner Antipoden. Ist um mich herum Recht oder Chaos?“

Das Gefühl, sich sein Recht überall erkämpfen zu müssen, resultiert für den Wutbürger also aus der eigenen Erfahrung, sich immer dort alles – notfalls gewaltsam – anzueignen, wo man sich selber in der Machtposition wähnt. Seine Angst und seine Wut ist also eine extrem verräterisch, selbstspiegelnde:

„Er sieht immer nur punktuell seine Rechte in Gefahr und weiß, dass ihm genau an diesem Gefahrenpunkt dieselbe Wut droht, zu der er selber fähig ist: ob von bürokratisch unfassbar gewordenen Herrschenden, Spekulanten oder superfertilen Migrantenmassen, die »Wanderers Nachtlied« nicht schätzen.“

Die German Angst und das Atom

Nur wenig später wurde mir ein weiterer furioser Text in die Timeline gespült, der mit ersteren irgendwie unterirdisch verwandt ist, zumindest die zentralen Prämissen teilt.

Arno Widmann macht sich in einem längeren Stück daran, das was mal mehr mal weniger berechtigt die „German Angst“ bezeichnet wird zu analysieren. Natürlich, räumt er ein, haben die Deutschen mehr Angst vor der Atomkraft, als die Bewohner anderer Länder, wie man ja derzeit gut beobachten kann. Diese Angst aber habe eine Geschichte und seinen berechtigten Sinn.

Dazu führt er die Formel des großen Kriegsphilosophen Donald Rumsfeld an, dass es eben neben dem Bekannten und dem Unbekannten, von dem wir wissen, dass wir es nicht kennen, noch dasjenige Unbekannte gäbe, von dem wir nicht wissen können. In Fukushima beispielsweise waren allerlei bekannte Gefahren und bekannte unbekannte Gefahren eingeplant. Sprich: die Erdbebensicherheit der Atomkraftwerke wurde für die übliche Stärke ausgelegt aber es konnte niemand ahnen (das unbekannte Unbekannte) dass neben einem noch viel stärkeren Erdbeben auch noch gleichzeitig ein Tsunami alle Kühlsysteme zerstören würde. Das unbekannte Unbekannte ist eben nicht beherrschbar, nicht kalkulierbar, es ist die Zukunft selbst. Das unbekannte Unbekannte sei aber auch eine Erfahrung, die wir Deutsche nur zu gut kennen:

„Die „German Angst“ ist das, was sich damit nicht beruhigen lässt. Die Erfahrung, dass, wenn wir uns selbst so unbekannt sind wie sich erwiesen hat, wir niemals so tun können, als gäbe es nicht hinter all den bekannten Bekannten und den bekannten Unbekannten nicht doch noch unbekannte Unbekannte. Wir haben nicht nur die Erfahrung gemacht, dass mit uns nicht – und darum mit niemandem und mit nichts – zu rechnen ist. Wir haben diese Erfahrung verinnerlicht, in ein Gefühl überführt, das uns bewahrt vor gar zu großer Gewissheit über den Gang der Geschichte.“

Die Unsicherheit um das unbekannte Unbekannte herum ist so groß, dass Kernenergie eigentlich nicht zu verantworten ist. Deswegen, so Widmann, sei die „German Angst“ etwas sehr berechtigtes und zu begrüßendes. Es ist im Grunde die Angst vor sich selbst:

„Wir wappnen uns stets nur gegen die Gefahren, die wir kennen, und da ist noch die andere Erfahrung, die gravierendste von allen. Die Erfahrung, dass wir uns nicht wappnen können gegen unseren größten Feind, gegen uns selbst. Wir wollen das vergessen. Wir wollen ihn loswerden, den Blick in den Abgrund, der wir selber sind.“

Der German Wut-Angst-Bürger

Vielleicht hat man die argumentative Verschränkung der beiden Analysen schon bemerkt? Ich fand sie jedenfalls bezeichnend. Die „German Angst“ und die Wut des Wutbürgers treffen sich auf zwei entscheidenden Ebenen:

1. Die generelle Ungerichtetheit der Wut/Angst. Die Angst, wo sie sich auf das unbekannte Unbekannte richtet, verliert dabei natürlich ihr Sujet. Sie wird diffus, zerstäubt sich im radikal Unbekannten und fällt damit aus jedem Rechtfertigungszwang und aus jedem Streit, aus jeder Argumentation heraus, ebenso wie es Diederichsen es für die Wut diagnostiziert.

2. Die Angst wie die Wut speisen sich aus der Erfahrung der eigenen Tyrannei. Diederichsen Wutbürger lehnt sich gegen die Mächtigeren vor allem aus dem Bewusstsein auf, wie er selbst als der Mächtige seine Macht zum eigenen Vorteil missbrauchte oder missbrauchen würde. Den selben Moment des Bewusstseins der Schuld und der Tyrannei steckt laut Widmann natürlich auch hinter der German Angst, die bezogen auf das Tätersein und das Täterseinkönnen der Welt und der Macht misstraut. Das radikal Unbekannte ist das radikal Unbekannte in uns selbst und damit auch das radikal böse.

Streetview und der Kontrollverlust

Der Wutbürger und die German Angst steckten unschwer zu erkennen auch hinter den 244.237 Widerprüchen gegen Google Street View und vermutlich hinter der ganzen aufgeregten Datenschutzdebatte in Deutschland. Da wären die Bürger, die sich eben auch nicht ihrer Rechte sicher sind und sie deswegen auch da durchzusetzen versuchen, wo sie gar keinen Anspruch darauf haben, sich aber diffus bedroht fühlen. Das Recht auf Privatheit wird auch da eingefordert, wo sie keine Grundlage hat: im öffentlichen Raum. Auch wurde in den Diskussionen immer wieder offenbar, dass es eher um ein diffuses Bedrohungsszenario gegenüber einem vermeintlich mächtigeren Gegner (Google) handelt, dass diese Wut schürte.

Die Angst vor der Datensammelei des mächtig empfundenen Gegners wird auch deshalb als Bedrohlich empfunden, weil Daten nicht nur das bekannte unbekannte, sondern auch sehr anschaulich das unbekannte Unbekannte sind. Der Kontrollverlust ist die Definition des unbekannten Unbekannte der Daten, ihre heute noch unbekannten Möglichkeiten in der Zukunft, ihre Verknüpfbarkeit mit anderen Daten und somit ihre unendliche Aussagekraft die zu keinem Zeitpunkt X eingegrenzt werden kann. Die Unbekanntheit, die sich nur noch auf den Anderen als radikal anderen beziehen kann, weil er es ist (eher: sein wird), der die Fragen (Querys) stellt.

Das Misstrauen gegenüber dem Anderen wiederum – das machen ja sowohl Diederichsen und Widmann klar – ist in Wirklichkeit das Misstrauen sich selbst gegenüber. Man misstraut sich selbst, wegen der (kollektiven) Vergangenheit im Nazireich oder der zeitweisen individuellen Verwandlung zum „Fahrrad-Nazi“. Man weiß deswegen, dass man selbst nicht vertrauenswürdig ist. Und wenn ich es nicht bin, dann ist es der Andere erst recht nicht und gehört bekämpft.

Im Gegenteil! – würde ich hier ergänzen. Ich identifiziere im Anderen das Arschloch/den Nazi, für das ich mich selbst halte, vor allem und in erster Linie, um mich von mir selbst abzulenken. Indem ich dem Anderen diese Rolle zuweise und ihn symbolisch bekämpfe, kann ich mir einbilden auf der „guten Seite“ zu sein. Dann bin ich das Opfer. Egal ob Bahn und Mappus bei S21, die böse „Atommafia“ oder Google – bishin zu den „faschistischen Moslems“ – sie taugen jeweils als Feindbilder gegen die ich mich als der gute, aber hilflose, ausgelieferte Widerpart inszenieren kann. Und zwar auch vor mir selbst inszenieren.

Der unbekannte Andere als Chance

Nun vertrete ich ja die Position in Sachen Daten, dass jenes unbekannte Unbekannte eben nicht per se schlecht sein muss. Dass in dem radikal Unbekannten der Daten ungeahnte Chancen stecken, die es auszuloten gilt. Dass wir, weil wir diese Chancen noch gar nicht kennen können, kein Recht haben, diesen potentiellen Schatz, den die Daten beherbergen, oder in Zukunft beherbergen werden, vorzeitig zu vernichten oder unzugänglich zu machen. Dass es im Gegenteil das radikale Recht dieses unbekannten Anderen sein muss, zu entscheiden, wie er Daten bewertet. Es ist also quasi die direkte Antithese zu der German Angst und dem Wutbürger.

Wie kann ich es also wagen, eine positive Zukunfterwartung zu hegen? Wie kann ich dem Anderen nicht nur Vertrauen, sondern ihm das radikale Recht auf die Bewertung und Nutzung von Daten – meinen Daten – einräumen? (und auch vor der Atomkraft habe ich nicht sooo eine große Angst.) Bin ich total naiv? Habe ich denn nichts gelernt, aus der Geschichte? Jede Technologie kann schließlich zur Waffe des nächsten Nazis werden (Der Datenschutzdiskurs beruft sich tatsächlich auffallend oft genau auf dieses Argument). Also müssen wir die Technologien doch verhindern!

Ich glaube, am Anfang allen Hasses stehen Angst und Wut. Das zeigt vor allem auch der Diskurs des Thilo Sarrazin sehr deutlich, der eben dieser German Angst und der Wut eine gefährliche Richtung zu geben wußte. Ich halte es deswegen grundsätzlich für die falsche Strategie, sich selbst und allen anderen zu misstrauen. Misstrauen verhindert keine Thilo Sarrazins, sondern züchtet sie. Ich glaube, ein Klima der Angst und der frei schwebenden Wut ist nicht hilfreich eben das zu verhindern, wogegen sich die Angst richtet. Ich glaube, man sollte seine Technologien – die Risiken und die Chancen – nüchtern betrachten, ohne überall den bösen Nazi (oder related) aufblitzen zu sehen oder eine Verschwörung zu wittern. Man sollte seine Angst und auch seine Wut jederzeit kritisch hinterfragen.

Ich würde lieber den Hass, als die Technologien verhindern. Und da braucht man gar nicht mal für auf die Straße gehen, sondern kann prima bei sich selbst anfangen.


21 Gedanken zu “Der Hass des german ängstlichen Wutbürgers

  1. Google, Atomkraftwerke, Stuttgart 21, alles das selbe. Das mag sich im Feuilleton gut anhören, hat aber leider mit der Realität nicht allzuviel zu tun. Atomkraft ist auch in der Hand von Demokraten tödlich. Um das zu erkennen brauche ich ihnen auch nicht mal groß misstrauen. Selbst mit dem allergrößten Vertrauen muss man zu diesem Schluss kommen, wenn man nicht jeden kritischen Geist abgibt. Deshalb: http://sofort-abschalten.de/

  2. Umgekehrt: Eine Technologie die bei Kontrollverlust tödlich wird, ist nicht tragbar. Gerade weil der Kontrollverlust mehr oder weniger unvermeidilch ist (modulo totalitäre Kontrolle), müssen wir Technologien bauen, die kontrollverlustresistent sind. AKWs sind genau ein Beispiel dafür, wie man _nicht_ mit dem Kontrollverlust umgehen sollte.

  3. Mit ist das Ähnliches wie Benni (#1) aufgefallen: Hier wird im wilden Ritt mal eben alles bunt durcheinandergerührt. Dabei keine neuen Argumente (und wie ich finde auch keine neuen Erkenntnisse) sondern im lustigen Kolumnenstil mal wieder zu Plattheiten wie „der Deutsche“, „der Wutbürger“, whatever gegriffen und unter Vernachlässigung oder Verneidlichung von Machtdiskursen. Gibt es eigentlich wirklich diese immer wieder vorgeworfene Technikfeindlichkeit? (Und wenn nicht, wem nützt es, dies zu behaupten?) Der böse Blockwart-Nachbar gegen den bohemen Applejünger?
    Ne ne, wissens se, also ne…

  4. Benni, Julius, ich schmeiße nicht die Dinge selbst in einen Topf sondern vergleiche die Reaktionen darauf. Niemand sagt, die Atomkraft sei ungefährlich oder die Angst davor unberechtigt. Aber im Vergleich muten die Reaktion – zum Beispiel auf die Ereignisse in Fukushima – schon auch sehr hysterisch an.

    Dabei brauchen wir auch gar nicht diskutieren, dass Atomkraft problematisch ist und abgeschaltet gehört. Aber dieses „WIR MÜSSEN SOFORT ALLES ABSCHALTEN SONST WERDEN WIR ALLE STERBEN!!!!“- Bebrüll ist auch unangemessen und durchaus auch auf andere Diskurse hierzulande übertragbar.

  5. Nein, das ist nicht unangemessen. Umgekehrt ist es unangemessen einerseits zu sagen, die Atomkraftwerke seien nicht sicher und andererseits zu sagen, ok, wir lassen sie aber noch ein paar Jahre laufen weil die uns ja unsere schönen IMacs voll machen.
    Die Jodtabletten- und Geigerzählerkäufer sind ein anderer Schuh. Aber ich vermute mal, dass die eher nicht die sind, die jetzt berechtigte Wut haben, weil sie schon seit Jahrzehnten gegen Wände reden. Die _wissen_ nämlich warum sie schon immer gegen Atomkraft waren.

    Übertragbar sind wohl am ehesten die zynischen Grünen, die auf jeder Welle reiten, egal ob es gegen Google, S21 oder AKWs geht und in allen Fällen sind sie nicht in der Lage eine konsequente Haltung zu formulieren, weil das würde ja womöglich wieder Stimmen kosten und zwar Stimmen aus _Angst_ vor dem Verlust von Arbeitsplätzen oder Privilegien.

  6. Nice, aber ab dem Wort „vermutlich“ lohnt sich das Weiterlesen nicht. Besonders schade finde ich ich, dass du diese schäbige Verdrehung der Konservativen unhinterfragt übernimmst, wer Wut empfindet, solle erstmal an sich selbst arbeiten, obwohl diese Wut objektiven Missständen gilt. Am Ende war wir Bürger selbst Schuld, wenn es zu einem Super-GAU kommt. Willst du das damit sagen?

  7. War mir nicht bewusst, dass die Konservativen das auch sagen. Jedenfalls habe ich das nicht von denen, sondern habe es mir selbst ausgedacht.

    Wie du aber auf das „Am Ende war wir Bürger selbst Schuld, wenn es zu einem Super-GAU kommt.“ kommst erschließt sich mir nicht.

  8. Ich hab mir vor ein paar Tagen (oder war es gestern?) mal die eine oder andere Tagesschau-Aufzeichnung aus den 80ern/90ern angeschaut. Vergleicht man die Schlechtheit der Politiker und die Kriminalität und Katastrophen von damals mit heute vergleicht, denkt man sich: Wenn all das undifferenziert einfach alles heute so geschehen würde, dann hätten wir längst die repressivst-vorstellbare Orwell-Fascho-Diktatur die man sich nur vorstellen kann. Es gibt sicherlich viele Gründe dafür, dass wir so viel hysterischer und panischer (und eben „wütender“) sind als vor 20/30 Jahren, aber es ist schon sehr verblüffend, was (wohl hauptsächlich) Medien in einer so kurzen Zeit bewirken können.

  9. Thomas Maier – hab mir das jetzt nicht angesehen, aber ich glaube, dass man da schnell einem Kurzschluss aufsitzen kann. Oft ist nicht die Hysterie mehr oder weniger geworden, sondern die Themen haben sich schlicht verschoben. Heute sind andere Dinge wichtig oder Aufreger als damals. Damals war es das Waldsterben und das Ozonloch, wegen wir alle morgen gestorben gewesen sein gemüssen werden oder so. Auch die nächste Volkszählung wird hierzulande wohl unproblematischer ablaufen als damals. Denke ich mal.

  10. Kann man, ich denke aber nicht, dass das so ist. Zum einen, schau dir die Hysteriker an. Wer das ist. Das sind zum Großteil nicht mal die, von denen man es erwarten würde.
    Aber wieso redest du von Themen? Du sagst ja auch im Blogeintrag richtigerweise eben genau das Gegenteil. Ob S21, Weltende in Japan oder eben Waldsterben. Doesn’t matter – Die Beobachtung liegt darauf, mit welcher „Hitze“ diese Themen diskutiert werden.
    Oder hat damals einfach die RAF die ganze „radikale Energie“ für sich beansprucht?
    Es hat sicherlich auch damit zu tun dass *jeder* *immer* über *alles* *sofort* informiert ist. Man ist heute zu gut informiert. Während im Römischen Reich selbst Gesetze noch geheim waren (bis zum Zwölftafelgesetz um genau zu sein), ist heute Information Massenware.
    Auch eine Beobachtung: Die Kriminalitätsraten gehen seit Jahrzehnten stetig zurück. Dennoch haben wir heute mehr denn je Angst vor Kriminalität. Und es wird ja auch immer mehr unternommen dagegen. Mit jedem Toten über den berichtet wird, beginnt eine erste Bindung. Und diese mickrige mediale Bindung reicht schon aus um Angst vor Tod zu übertragen. Deshalb konnten vor 30 jahren 100 Leute bei einem Anschlag sterben (man stelle sich das heute mal vor); man war darauf bei weitem nicht seelisch so konditioniert (deshalb ist auch heute die Islamophobie so erfolgreich mit dem Ehrenmord und dem Satz „wenn auch nur eine frau…“). Dass dieser Gedanke nicht abwegig ist, zeigt eine andere Beobachtung ebenso: Tode, die nicht medial inszeniert werden: Autounfälle. Extremes Risiko. Da können Bin Laden, Atomkraftwerke und sonstnochwer lange dran knabbern. Aber Autos verbieten? Das covert vielleicht nicht die ganze Geschichte, ist aber ein wichtiger Faktor.

  11. @mspro Du schreibst doch selbst am Ende, man solle beim Hass bei sich selbst anfangen, statt Technologie zu verhindern. Daraus lese ich deine Behauptung, nicht AKWs oder S21 seien das Problem, sondern dass sie mich stören. Im Grunde argumentierst du wie ein Mörder, der doch nicht dafür könne, dass ich ein mentales Problem damit habe, umgebracht zu werden. Übrigens exakt das gleiche Muster wie bei Datenschutz/Privacy/Kontrollverlust.

  12. Enno – da hab ich mich anscheinend mißverständlich ausgedrückt. Niemand hat dagegen argumentiert dass jemanden etwas stören darf. Es gibt viele gute Gründe gegen S21 und Atomkraft und auch gute Gründe für Datenschutz. All das muss diskutiert werden. Aber – und da hilft tatsächlich mal ein Blick über den Tellerrand in andere Länder – etwas weniger emotional und hysterisch, dafür pragmatischer, sachlicher, ohne Schaum vorm Mund und dröhnenden Endederweltszenarien. Es gibt einen Unterschied zwischen Sorge und Angst und es gibt einen zwischen Empörung und Wut.

  13. @mspr0

    bzgl. der Tellerränder:

    Sind Tea Party Movement und die Freunde der einzig wahren Partnerschaft ™ (http://preview.tinyurl.com/4db3ddj) denn eigentlich auch Erfindungen
    der deutschen Wutbürger?

    Das moral panic und überreizte Diskussionen ein speziell deutsches Problem wären, sehe ich ja nun nicht.

  14. @Thomas: Ich glaube Du bist offensichtlich einfach zu jung 🙂 In den 80ern gab es nicht weniger sondern mehr Wut als heute. Man sollte die Realität nicht mit der Tagesschau verwechseln. Damals war in den Nachrichten halt ein noch staatstragenderer Ton als heute üblich. Und klar, das Privatfernsehen hat die Welt verändert, aber ganz sicher nicht dahin, dass die Leute wütender geworden sind.

  15. hehe. Gebündelt vielleicht ja. Die Wut der Hippies und Ökofundis – klar. Aber das waren Randerscheinungen. Wut gibt es immer. Der Wechsel vollzieht sich aber gesamtgesellschaftlich – wütend ist der Otto-Normal-Bürger, also an sich der Großteil. Und ich meine damit nicht in erster Linie RTL und das Fehlen jeglichen Geschmacks. Ich meine das Internet in seiner Wunderbarkeit.
    Es ist ja fast schon ein Realitätsverlust zu sagen, dass sich an der Wut kein Paradigmenwechsel vollzogen hat. Genau darum geht es ja die ganze Zeit.

  16. @Thomas: Bewegungen haben immer ihre Höhen und Tiefen und Wut ist immer ein wichtiger Bestandteil sozialer Bewegungen. Es gibt momentan eine kleine Konjunktur, aber das ist nichts im Vergleich zu den 70ern und 80ern.

    Meiner Meinung nach hat das Ganze vor allem mit der Finanzkrise zu tun. Damals haben die Leute ihre Wut in sich reingefressen, weil sie die „Alternativlosigkeit“ der Bankenrettung größtenteils geschluckt haben. Jetzt bricht das halt an anderer Stelle auf, wo man konkretere Ziele hat. Das kann positiv sein (wie bei S21 oder Atom) oder negativ wie bei Sarrazin.

  17. Cassandra – ja, das denke ich mir auch häufig. Die Tea-Party Bewegung passt auch gut zum Wutbürgerbegriff. Aber im Gegensatz dazu auch die Arbeiterbewegung in Wisconsin. Ich würde auch nicht so weit gehen, das nur und ausschließlich als deutsches Phänomen zu sehen. Vielleicht ein hier sehr deutlich ausgeprägtes Phänomen, aber nicht exklusiv deutsch.

    Zu Fragen wäre, was ist die Ur-Angst des Tea-Partyler? Irgendwie der Kommunismus, schon? Oder tatsächlich staatliche Bevormundung?

    @Benni – Ja, da spielt sicher eine ganze Menge aufgestauter Frust aus der Finanzkrise mit. Das ist der Zorn. Aber ich glaube die von Diederichsen hergenommene Ungewissheit des eigenen Status ist da erheblicher. Und da sehe ich auch die Parallelen nach Ameriaka. Der Bürger als marginalsierte Klasse und die Unsicherheit dieses Statuses in der heutigen Welt ist der Treibstoff.

  18. Meiner Meinung nach ist das „Überspitzen“ einzelner Aspekte ein und der selben Sache notwendig, um einem Anliegen Gehör und Achtung zu verschaffen und einer Bewegung Anstoß zu geben. Wäre nicht eine Welle der Empörung durch das Land gezogen, als Herr von und zu Guttenberg zugab, seine Doktorarbeit abgeschrieben zu haben, wäre er vermutlich immer noch im Amt.

    Die Merkel Regierung hat sich dieses System des „Wutbürgers“ gut abgeschaut und versucht im Moment, natürlich unglaubwürdig und überhastet, dieses auf die Atomkraft anzuwenden.

  19. Danke mspr0, allein schon wegen der Entdeckung Arno Widmanns Textes, den ich für das Beste in der Diskussion zum Thema Kernenergie der letzten Jahre halte!
    h.

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