Anonymous – Person des Jahres 2011

Jetzt, da nicht Julian Assange, wie es die Voter wollten, sondern Mark Zuckerberg den Olymp der Person des Jahres erklommen hat und es sich nun mit Stalin und Hitler in einer Reihe bequem machen kann, ist es doch mal Zeit, sich zu überlegen, was wer denn nächstes Jahr so auf uns zukommen könnte.

Da wäre natürlich der Kontrollverlust, da wäre weiterhin Assange, wenn sie den nicht vorher noch irgendwie „auf der Flucht“/“in Notwehr“/“ein anonymer Wahnsinnger war’s“ … ähhm, verlieren. Und da wäre überhaupt Wikileaks, die sicher noch mit dem einen oder anderen Knüller, die eine oder andere Weltmacht brüskieren werden und dann wäre natürlich auch der sich aufbauschende Krieg dagegen, der sinnlos sein wird, denn da wären ja noch all die Wikileaksnachfolger, die da schon in Arbeit sind.

Aber.

Ich glaube, das wirklich krasse Phänomen für 2011 wird Anonymous sein. Dieser kleine Pansenverein aus der 4Chan-Vorstadt, diese erlebnisorientierten Jugendlichen, die zum Krawallmachen anreisen, werden 2011 zu einer – nein – zu DER Jugenduntergrundorganisation, die Geschichte machen wird. Der Schwarze Block mit den Mitteln des Internets. Unbegrenzt, weltweit, unaufhaltsam und unfassbar.

Und obwohl es ihn schon lange gibt, ist er erst jetzt so richtig populär geworden. Seine Reihen werden in diesen Momenten mit immer neuen Kids – aber auch Erwachsenen – gefüllt werden. Der Kampf um Wikileaks ist ein wahnsinniger Katalysator.

Im Gegensatz zu Wikileaks ist Anonymous nicht angreifbar. Jeder kann Teil davon sein. Und man kann tun, was man will. Als anonymes Kollektiv ohne Führungsstruktur ist es die völlige Anarchie, die komplette Freiheit, der ungebändigste Individualismus jenseits der Identität. Es braucht kein richtiges Engagement, kein Bekenntnis zu irgendwas, kein Aufnahmeritual, keine Sympathie mit irgendwem, keinen einzigen graden politischen Gedanken und kaum persönliches Risiko. Alles was man braucht, ist ein bisschen Frust im Bauch. Alles was man braucht, ist ein wenig Nihilismus. Alles was man braucht, ist der Wille, es „denen“ mal so ordentlich zu zeigen. Und das wird man.

Anonymous wird über uns herfallen, 2011. Er wird über die Regierungen und über Banken herfallen und wir werden innerlich klatschen. Aber Anonymous ist nicht zu stoppen, nicht zu kontrollieren und er wird irrational, ungerecht und gefährlich für jeden werden. Wer 4Chan kennt, weiß, was ich meine. Anonymous kennt keine Grenzen, wird keine Grenzen kennen, wo sollten die auch herkommen?

Die Frage ist nur: wie zerstörerisch können millionen Menschen an Rechnern werden, wenn sie sich koordinieren?

13 Gedanken zu “Anonymous – Person des Jahres 2011

  1. Der Prognose kann ich gedanklich folgen. Wer keine andere Möglichkeit findet sich als ernstzunehmendes Individuum zu behaupten, wird radikal oder versumpft. Ändern müssen sich nicht die Anonymen *unten* sondern die Zustände und die *oben*.

  2. „sie “ verlieren assange? die da oben? werd erwachsen.
    außerdem sind anons und /b/tards sehr wohl angreifbar. immerhin hat die loic nix, was ip-adressen verschleiert.

  3. Siehst Du Anonymous auch unter der Kategorie „Kontrollverlust“? Oder grenzt Du das irgendwie voneinander ab? Würde mich mal interessieren…

  4. christoph – du meinst, die USA würden keine politischen Undercovermorde durchführen? Sichaaaaa.

    Picki – Ja, in der tat. Anonymous ist ein Kind dessen, was ich Kontrollverlust nenne.

  5. Die Frage ist doch nicht, ob die USA „politische Undercovermorde“ durchführt. Sondern, wie immer mit rationalen Mitspielern: cui bono?
    Und in diesem Fall ist die Katze offensichtlich aus dem Sack, Assange mag den Stein ins Rollen gebracht haben, aber neben wikileaks gibt’s openleaks und es wird mehr davon geben. Also, warum sollten sie?
    Und „Person of the year“ könnte man auch posthum werden. Assange wird’s trotzdem nicht… ich glaube, es wird nicht zweimal in Folge eine Person aus der „Internetkultur“ werden.

  6. PS: Wobei ich mich noch mit Freude daran erinnere, wie es Jeff Bezos wurde… als erste Person aus diesem Kontext.

  7. Warum sollten sie? Warum haben sie Guantanamo, foltern und lassen Bedienstete ihrer eigenen Streitkräfte nicht die New York Times lesen? Du hast es hier mit einem Staat zu tun, einer mindestens schizoiden Aggregation von Akteuren mit verschiedenen Zielen, keinem rationalen Mitspieler.

  8. Benedikt – klar, ich persönlich halte das auch für eher unwahrscheinlich, dass die USA das tun, denn so doof sind nicht.

    Aber ich bin mir schon recht sicher, dass Menschen aus der „Internetkultur“ jetzt sehr regelmäßig und dominant Menschen des Jahres werden. Denn diese „Internetkultur“ verändert zumindest die westlichen Zivilisationen nachhaltiger als es irgendetwas anderes überhaupt könnte.

  9. erlehmann – es gab tatsächlich in der US-Außenpolitik mal die Devise möglichst irrational – vor allem den Feinden gegenüber (oder was sie davon hielten) – aufzutreten. Einfach weil sie es für gut hielten, dass man ihnen alles zutraut. Keine sooo schlechte Strategie als Supermacht. Aber gegen Wikileaks würde es mit Sicherheit das Gegenteil bewirken. Ich sag mal so: Bush hätte man es zutrauen können. Obama ist dafür nicht dumm genug.

  10. hmm,
    eigentlich handelt man oder, wie hier benannt, die mitspieler ja immer rational. Allerdings ist die Rationalität determiniert durch die Ziele, die die Mitspieler verfolgen und die effektivste Möglichkeit diese zu erreichen. Ich frage mich jetzt gerade, ob Anonymous als, nennen es wir mal Interessencluster, so etwas wie eine multiple Rationalität hat. Also ebenfalls nicht irrational handelt, wie man ja zuerst vermuten könnte.

    Vielleicht ein wenig wirr formuliert, oder gedacht, aber trotzdem spannend.

  11. Anonymous war schon immer „irrational, ungerecht und gefährlich für jeden „.
    Ich denke jedoch eher, dass man eher wenger von Anonymous hören wird, als langjähriger /b/tard bin ich überzeugt, der Hype ist vorbei, das ist nur ein letztes aufbäumen.
    Oldfags haben Anonymous sowieso schon lange abgeschworen, durch die mediale Aufmerksamkeit ist es der “ Newfag-wannabe-Oldfag-Anon-Base“ auch eher unangenehem dass noch mehr Newfags kommen mit den dämlichsten requests für loic attacks, was dazu führen wird dass die Base keinen Bock mehr hat, und der Schwarm ist einfach zu doof/ hat keine Eier selber was zu organisieren.

  12. Sehe das ähnlich wie Schwarzmeister. Millionen Menschen an Rechnern werden wahrscheinlich in 2011 nicht über Tausend sein.

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