Willkommen zu Krasse Links No 93. Holt die Différance in die Unterstellbarkeit, um die polytrope Hegemonie der Midterms zur Monetary Sovereignty zu münzen.
Nachtrag zu KL92: Die letzte Folge eingelesen mit Alis KI-synthetisierter Stimme (€). Hier unser Podcast zur letzten Folge und hier die aufgezeichnete Twitch Q&A-Session.
Die Jahrhundert-Midterms am Dienstag haben das erste Mal seit dem Beginn dieses Newsletters sowas wie echte Hoffnung in mir geweckt, dass wir doch nicht ausweglos in den Faschismus schlittern. Nicht, dass nicht auch andere Wahlen Mut machten (Polen, Ungarn, Brasilien, Serbien …), aber die USA sind der wesentliche Treiber internationaler Trends und ein Plottwist dort ist ein Pfadwechsel für die Welt.
Und ja, im Gegensatz zur 2020-Wahl von Joe Biden ist das hier eine Plottwist-Wahl, weil nicht einfach das Pendel zurück ins Ancien Regime geschwungen ist, sondern zu einer runderneuerten demokratischen Partei. Damit will ich nicht sagen, dass alle Kandidaten meinen Standards von Progressivität entsprechen, sondern dass der Korridor des demokratischen Spektrums sich enorm nach links verschoben hat. Die Hegemonie des Establishments (bestehend aus Neoliberalismus, Kriegstreiberei und Israelfanatismus) ist gebrochen und der Erfolg der Democratic Socialists (und Leuten mit ähnlichen Wahlprogrammen) hat die zentrale These des Establishments zerschmettert, dass linke Politik nicht „electable“ sei.
Wichtig zu verstehen ist, dass die Hegemonie der Establishment-Demokraten nicht deswegen durchbrochen ist, weil sie jetzt in der Minderheit seien (sind sie nicht), sondern weil sich attraktive Pfadalternativen zu ihrem Politikstil beweisen konnten. Als Zoran Mamdani in New York gewann, hieß es: ja gut, New York ist halt New York. Mit Jaelynn Scott in Washington, Robert LeVertis Bell in Kentucky und Abdul El-Sayed in Michigan (der zwar kein offizielles Mitglied ist, aber eine vergleichbare Agenda hat) und insgesamt 105 anderen Kandidaten auf unterschiedlichen Posten, haben DSA-Kandidat*innen und Verbündete gezeigt, dass millidärsfreundliche Politik, Genozidunterstützung, Minderheiten vor den Bus werfen und ein gutes Gesundheitssystem verhindern, keine alternativlosen Politikangebote mehr sind.
Die Establishmentdemokraten haben sich verkalkuliert und alle haben es gesehen. Niemand nimmt die noch ernst und ihre Ausreden funktionieren alle nicht mehr. Sie sind semantisch am Ende. Das steht in keiner Statistik. Und dieser Bruch in der Hegemonie zwingt die Demokratische Partei auf einen neuen Pfad, der noch nicht ganz ausgekaspert ist, aber definitiv nicht der alte bleiben kann.
Ansonsten hat Ryan Broderick auf Garbage Day eine sehr lesenswerte Analyse der Wahlen vorgelegt, die mit dem Riss zwischen alten und neuen Demokraten einsteigt.
The question now, of course, is how exactly Democrat leadership plans to fumble the bag. In fact, Minority Leader Hakeem Jeffries couldn’t even wait until dawn broke this morning to start pissing his pants. “This is not a partisan moment. This is a patriotic moment. This is not a blue moment or a red moment. It’s a red, white and blue moment because American has won tonight,” he told CNN.
Wrong, Hakeem! This is Chud Nuremberg. The pedophile class and their incel gamer meat shield spent the summer playing with AI dolls and watching sex traffickers looksmaxx on Kick streams and now they’ll have to spend the next decade in Ms. Rachel’s re-education camp. The culture war is over and everyone who knows what “foid” means lost. There’s only one Carolina now and it’s communist.
Am spannendsten fand ich aber die Analyse, warum die Republikaner so nicht kommen sahen, was auf sie zuschwappte.
All of the major factions of the American right — Silicon Valley oligarchs, AI sex cult dweebs, Substack race scientists, Trumpist DC staffer goblins, psychotic Nazi wizards, and pickup truck selfie divorcés — are all on one app now. It’s the perfect honey pot. They spend their days on X getting their brains absolutely melted by the site’s infinite scroll 4chan feed and because they’re conservatives they obviously assume their sad, lonely worldview and experience online is universal. And most hilarious of all, in the weeks leading up to the midterms, there was a wave of pitiful journalists and academics, desperate for attention, willing to go on Andreessen Horowitz-sponsored livestreams to declare that “Twitter was so back.” But it wasn’t! It turns out The Cruel Kid’s Table was shadowboxing with algorithmic ghosts all summer while a big chunk of their core demographic realized owning the libs doesn’t feel so good when gas is $6 a gallon.
Ich würde es noch etwas anders fassen und sagen, dass wir vielleicht den politischen Move des Jahrhunderts gesehen haben. Alle Nazis, Konservativen, Milliardäre, Techbros, Journalist*innen und Politiker*innen wurden von Musk auf seine App gelockt, wo sie sich gegenseitig „die Gesellschaft“ vorspielten, während die Demokraten hintenrum durch Haustürgespräche und Reallive Organizing ihre Abwahl organisierten.
X war in gewisser weise das mediale Stalingrad des Techfaschismus. Eine Hegemonie bricht meist dann, wenn sie ihre eigene Hegemonialität überschätzt.
Und gleichzeitig kann man nicht sagen, dass die Demokraten (oder die Linken in Berlin) nicht auch mit und auf Social Media erfolgreich sind. Und das ist schon meine Hauptkritik an Simon Stricks ansonsten absolut lesenswertem Buch (die ich btw. mit Leonhard Dobusch teile): Ja, die Kommunikationsstrukturen des Internets sind mit faschistischen Vibes prima bespielbar, jedenfalls viel besser als mit der herkömmlichen Politik. Ich denke, man muss neue Medien als Musikinstrument verstehen, also als eine Art Trommel.
Das, was wir damals „Rechtspopulismus“ nannten und Strick richtig als „faschisiertes Sprechen“ identifiziert (diese Kombination aus Einfachheit und Transgression), ist ohne Frage ein funktionierender Beat auf dieser Trommel. Doch es ist auch ein sehr einfacher Beat, ein sogar ziemlich stumpfer Beat, aber auch nicht der einzig mögliche Beat?
Ich denke, was wir sehen, ist, wie Akteure vor allem auf der Linken Seite mit der Zeit gelernt haben, neue, komplexere Beats auf dieser Trommel zu spielen. Beats, die die Transgression an anderen Stellen setzen, die zwar zuspitzen und polarisieren, aber gegen die da Oben, statt denen unten und die teils sogar auf Inhalten, statt auf Ressentiments basieren – die aber dennoch viral gehen und Resonanz erzeugen.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie anschlussfähig die Gedankenwelt von Henry Farrell an meine Gedanken ist. Das ging bereits im Plattformbuch los und setzt sich über den Lauf dieses Newsletters und seinem fort, in dem er nun wunderbar ein Beispiel für Hegemonie seziert.
Gerade zum Beispiel greift Farrell virulente Diskussionen über den sogenannten „foreign policy Blob“ auf, einer Wortschöpfung von Ben Rhodes, einem engen Obama-Berater. Die These vom foreign policy Blob geht so, dass es eine gewisse Schnittmenge von Demokraten und Republikanern in Washington DC gibt, die mit einem gemeinsamen Framework auf die Welt schauen, genauer: Who …
“overstated the capacity of the United States to shape events inside of other countries, particularly in the Middle East.”
Die Diskussion um den Blob dreht sich vor allem darum, ob er überhaupt existiert. Dan Drezner findet, es gibt ihn nicht, Jonathan Guyer findet: doch, schon und Farrell hat seine eigene These:
My theory of the Blob differs from both Dan’s and Jonathan Guyer’s. Dan sees the Blob as merely fantasy, projected by those who feel themselves to be excluded. Guyer sees the Blob as a perpetually mutating voracious protoplasm, which absorbs new people and new positions as it needs in order to survive. I see it instead as an egregore, a kind of psychic entity that exists less in the real world than in people’s collective understanding. As in Dan’s account, it is less a real entity than a projection, but as in Guyer’s account, it is still very powerful and consequential.
Im relationalen Materialismus haben wir ja unsere eigene Vorstellung von Realität und unterscheiden sie in drei Layer: 1. materielle Realität, 2. erwartete Realität, 3. erwartete Realitätserwartung anderer. Wichtig ist, dass nur Layer 2 für uns direkt verfügbar ist, aber sowohl von Layer 1 affiziert und von Layer 3 strukturiert ist.
Oberflächlich gesehen könnte man meinen, dass mit der Frage, ob etwas „existiert“, gemeint ist, dass es eine Existenz auf Layer 1 pflegt, also eine materielle Realität besitzt. Doch im relationalen Materialismus denken wir immer alle Ebenen mit, was zum Ergebnis hat, dass wir statt die Welt in materielle Realität und Hirngespinste einzuteilen, immer grundsätzlich von „materiell-semantischen Komplexen“ reden, die neben einem materiellen „Körper“ auch immer einen damit verwachsenen semantischen „Korpus“ mitbringen.
Ob es also z.B. den Weihnachtsmann „gibt“, ist eine Frage der Perspektive auf diesen materiell-semantischen Komplex. Man könnte sagen, dass Erwachsene im wechselseitigen L3 seiner Nichtexistenz bei gleichzeitiger Anerkenntnis der Notwendigkeit seiner Materialisierung jedes Jahr aufs Neue eine materielle L1-Verkörperung des semantischen Weihnachtsmann-Korpus initiieren, um Kindern eine L2-Realität seiner Existenz zu plausibilisieren.
Denn die Sache ist die: ob wir es wollen oder nicht, die L3-Realität hat immer Konsequenzen auf L2 und damit auf das Verhalten der Dividuen und somit schließlich auch auf L1. Das ist der „Trickle Down“ des relationalen Materialismus. D.h. schon der wachsende Korpus um den „Blob“ (zu dem die beiden Texte sowie Farrells Post und nun auch dieser Newsletter zählen), bringt ihn durch die L2 der Akteure in die L1-Realität. Und genau diesen Prozess beschreibt Farrell:
People in the DC foreign policy establishment, like humans in pretty well every community everywhere, are always trying to figure out what other people are thinking, which groups are moving up and which down the pecking order, and orienting themselves accordingly. There is compelling empirical evidence that we have specialized mechanisms in our brains for keeping track of coalitional dynamics. To say that the Blob is a by-product of those mechanisms might seem to dismiss it. But oh boy, can it be powerful.
If you, as a foreign policy staffer, think that there is a policy consensus among your colleagues about a particular issue – say, bringing you back to 2002, that we need to go to war in Iraq – then you are going to modulate your own expressed opinions appropriately. You might be a Democrat, who thinks that invading Iraq is a terrible idea. You might also be ambitious and fear that Richard Holbrooke and his crew will squash you ruthlessly for saying this in public, and making the Democrats look weak and anti-war. Whether or not your fears are grounded in the truth is a secondary matter if they are sufficient to keep you, and others like you, from expressing their misgivings.
Das Phänomen, das wir hier besprechen, hatte Gramsci bekanntermaßen als „kulturelle Hegemonie“ beschrieben, die er damals auf ganze Gesellschaften applizierte. „Das was alle glauben, dass alle es glauben.“ (bei Gramsci auch „Alltagsverstand“), wird bei uns zur hegemonialen L3-Realität, der Realität der erwarteten Erwartungen (Luhmann). In der „Realität der Massenmedien“ hatte Luhmann für diese Hegemonie auch den Namen „Hintergrundrealität“ gefunden und ihre Funktion in der „Unterstellbarkeit“ gesehen. Wenn ich erwarte, dass andere erwarten, kann ich unterstellen, dass sie wissen wovon ich spreche, wenn ich bestimmte Namen, Begriffe, Zusammenhänge und Narrative verwende.
Doch diese Hintergrundrealität ist ungleich verteilt? Der eine weiß dies nicht, die andere das nicht und auch ich bin nicht in allem up-to-date. Wir sprechen von „Allgemeinwissen“, „Kanon“ oder „Mainstream“, wenn wir auf die Unterstellbarkeit eines hegemonialen Alltagswissens Bezug nehmen.
Und gerade weil diese ungleiche L3-Bekanntheits-Landschaft verschiedene L2- und L1-Effekte hervorruft, kann man nicht sinnvoll über Hegemonie nachdenken, ohne Netzwerkeffekte zu verstehen. Jede Hegemonie verweist auf die Anwesenheit von Netzwerkeffekten, d.h. auf Koordinationsnutzen. Jede Unterstellbarkeit der Bekanntheit eines Wortes, eines Namens, eines Begriffs oder eines Narrativs hilft uns, uns zu koordinieren, was wir aber meist erst dann merken, wenn die Koordination misslingt. Sprache leveraged mit jedem Wort den Koordinationsnutzen des Wortes und seiner Relationen im semantischen Raum und ist bei Benutzung somit eine Wette auf seine Unterstellbarkeit im jeweiligen Kontext. Eine Wette, die schiefgeht, wenn das Wort, das ich verwende, ins Leere greift und ich somit daran scheitere, mich auszudrücken, eine Wette, die gut geht, wenn das Wort Anschluss findet an eine semantische Installed Base beim Gegenüber und also in Verbindung mit anderen Semantiken tritt. Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht (Gregory Bateson) und zwar einen Unterschied für ein Wissen.
Hegemonie ist nun eine Unterstellbarkeit, die konkurrierenden Unterstellbarkeiten in einem Bezugssystem qua Netzwerkeffekt den Sauerstoff verknappt.
David Singh Grewal unterscheidet bei Netzwerkmacht (wie er Netzwerkeffekt-Konstellationen treffend deutet) die Stadien: „sichtbar“, „unumgänglich“ und „universell“.
„Sichtbar“ heißt lediglich, dass die Dividuen auf L2 immer noch konkurrierende Koordinationsanker (Standards), neben dem betreffenden erwarten. „Unumgänglich“ (auf Englisch „inevitable“) ist ein Koordinationsanker, wenn es zwar noch andere Alternativen dazu gibt, aber alle erwarten, dass andere vor allem ihn erwarten (L3). Man ist nicht gezwungen ihn zu verwenden, aber seine Nichtverwendung ist teuer – die Wette auf Alternativpfade geht oft schief, der Koordinationsnutzen hebelt im Leeren.
„Universell“ ist ein Koordinationsanker, wenn auf L1 alle Alternativen zu ihm eliminiert sind und niemand auf L2 noch andere Alternativen erwartet. L2 und L3 sind dann aus reiner Alternativlosigkeit wieder versöhnt und der Standard hört auf, ein Standard zu sein und verschwindet im Hintergrundbild der „Welt“.
Hegemonie geht also bei „unumgänglich“ los und endet bei „universell“. Bei unumgänglichen Koordinationsankern ist es allerdings gar nicht so wichtig, ob sie tatsächlich unumgänglich sind (L1), es reicht der allgemeine Eindruck (L3). Wenn ich und andere annehmen, alle hätten Goethes Faust gelesen und das Bildungssystem danach ausrichten, spielt es keine Rolle, dass in Wirklichkeit viel mehr Schüler*innen Twilight gelesen haben. Faust ist im Bezugssystem Schule nicht deswegen hegemonial, weil alle es tatsächlich kennen, sondern weil alle davon ausgehen, dass alle es kennen sollten.
Hegemonie ist also etwas, was man gezielt herstellen kann. Zum einen, um eine funktionierende Hintergrundrealität zu installieren, die genügend hegemoniale Koordinationsanker bietet, um sich zu verständigen und zu koordinieren, zum anderen aber auch, um bestimmte Machtstrukturen zu reproduzieren. Denn wer die hegemonialen Koordinationsanker bestimmt, hat Macht.
From this perspective, the Blob is a similar class of an entity to the Median Voter (has anyone ever met one of these mythical political entities?), the Vibes, and other such manifestations. Their power is not in their physical existence, but in the fact that people believe that they exist, and that they represent some collective judgment that they need to adjust their behavior towards. Furthermore, those who can say with confidence that they have the Blob (or the Median Voter, or the Vibes) on their side, and not be contradicted, usually have more power than those who do not.
Deswegen ist es wichtig, Hegemonie immer im Kontext zu denken. Jede behauptete Hegemonie ist eine Hegemonie in einem konkreten Bezugssystem – und das muss nicht immer die ganze Gesellschaft sein. Der Blob mag außerhalb einer kleinen Foreign Policy Bubble gar nicht als solcher bekannt sein, aber innerhalb dieses Bezugssystems kann er hegemonial sein. Eine Meinung kann in den Massenmedien hegemonial sein, in der weiten Bevölkerung aber gar nicht mehrheitsfähig (der Unterschied von „Öffentlicher Meinung“ und „Veröffentlichter Meinung“) – siehe zum Beispiel die Tatsache, dass trotz einhelliger Verurteilung der Gen-Z-Regelt-Proteste in den Massenmedien 83% der normalen Menschen sie für gerechtfertigt halten.
Wenn ich in Hamburg einen Krapfen bestelle, schaut mich die Verkäuferin genauso hilflos an, wie wenn ich in München einen „Berliner“ bestelle. Die Hegemonie einer bestimmten Mundart in einem lokalen Bezugssystem marginalisiert automatisch Alternativbezeichnungen, weil sie ihnen den Sauerstoff (hier: die semantischen Pfadgelegenheiten) nimmt. Doch weil Netzwerkeffekte vor allem lokal wirken, kann es eine parallele Pluralität von Hegemonien geben.
Die Diskrepanz zwischen der L3-Erwartung der Sprecher*innen und der L3-Realität des Publikums zu schmerzhaften Ungleichzeitigkeiten führen kann, wie vor allem Friedrich Merz uns ständig vorführt. Insbesondere da viele Akteure in den Spitzen von Politik und Medien heute immer noch in Elon Musks Nazikneipe herumhängen, wo ihnen eine rechte L3-Hegemonie simuliert wird, wird die rechte Hegemonie in der L3 der Gesellschaft regelmäßig überschätzt.
Deswegen ist der L3-Gap zwischen Elite und Bevölkerung auch immer eine Chance auf Wandel. Die Eliten haben den Plot verloren unter anderem in Berlin und bei den Midterms in den USA kann man sehen, wohin das führt.
Mit dem Ende der Hegemonie der establishment Democrats und dem Scherbenhaufen, den die Republikaner sind, wird mit Sicherheit auch der Blob sein Ende finden.
Despite Guyer’s arguments, the Trump Republican party’s relationship with the hawkish elements of the foreign policy elite are at best equivocal; that might of course change if e.g. Marco Rubio takes over after Trump departs the scene. If that doesn’t happen, and the rebels in the Democratic party also prevail, forcing a significant portion of the party’s foreign policy elite into the wilderness, then I think that it will be fair to say that the Blob is dead. No-one will believe in it any more.
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Michael Seemann
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Die Führung der Berliner Linke (Disclaimer: meiner Partei) fordert Vanessa Emde nun offiziell auf, auf ihr Mandat zu verzichten. Emde wurde mit über 46% in ihrem Wahlkreis gewählt und zwar explizit wegen ihrer Überzeugungen zu Gaza und Israel. Diese vorwiegend migrantischen Stimmen sollen jetzt quasi für ungültig erklärt werden, weil ihr Insistieren auf den Fakt, dass Staaten kein Existenzrecht haben, sondern nur Menschen (siehe dazu KL92), gegen die deutsche Staatsräson verstößt. T-Online schreibt:
Die Führung der Berliner Linke fordert die wegen ihrer Positionen zum Nahost-Konflikt umstrittene Abgeordnete Vanessa Emde auf, ihr Mandat zurückzugeben. „Wir vertrauen ihr nicht mehr“, erklärten die Linke-Landesvorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer nach einer Sitzung des Landesvorstands am Abend.
Zuvor hatte der Linken-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi einen Parteiausschluss der umstrittenen Politikerin gefordert.Emde war wegen israelbezogenem Antisemitismus in die Kritik geraten. Die Debatte um die Politikerin ist eine der Belastungsproben für die Bildung eines rot-rot-grünen Senats in Berlin. Nun dringt die Partei auf einen Mandatsverzicht. Unklar ist, ob die Politikerin dem nachkommt.
Ist Euch schon mal aufgefallen, dass fast kein einziges Medium den kurzen Satz zitiert, der Emde vorgeworfen wird, sondern immer nur abstrakt von „israelbezogenem Antisemitismus“ gesprochen wird? Wahrscheinlich zu gefährlich, denn dann würden Menschen nicht nur schnell rausfinden, dass der Satz einfach faktisch richtig ist, sondern vielleicht auch, dass nicht wenige US-Demokraten mit exakt derselben Haltung ihre republikanischen Konkurrenten geschlagen haben – eine Tatsache, die in linken Kreisen ansonsten gefeiert wird.
Aber so ist das mit zerbrechenden Hegemonien. Sie produzieren eine Menge irrationale Ungleichzeitigkeiten und vor allem Wut und autoritäres Gebaren auf der Seite der ehemaligen Hegemonie-Inhaber*innen.
Claudia Roth war bei Jung und Naiv und zerbrach dort die grüne Hegemonie des Schweigekartells zum Genozid in Gaza.
Wir haben hier einen „Breach“ mit krassen Konsequenzen, denn diese Hegemonie war ein wichtiger Schutz der Partei. Wenn es jetzt innerhalb der Partei sagbar wird, dass in Gaza ein Genozid geschieht, dann impliziert das, dass die Grünen einem Genozid assistiert haben. Die enormen Waffenlieferungen nach dem 7. Oktober, die finanzielle Unterstützung, die politische Rückendeckung auf der internationalen Bühne, die Unterdrückung von Opposition und Protest im Inland, Annalena Baerbocks denkwürdige Rede im Bundestag, in der sie Schulen und Krankenhäuser in Gaza zu legitimen Zielen der IDF erklärte … all diese unbezahlten Schulden brechen damit auf die Partei ein.
Baerbock an Roth: „Hast du mich gerade Kriegsverbrecherin genannt?“
Und so sehr ich begrüße, dass dieses Tabu in der grünen Partei nun bricht, umso schäbiger finde ich Roths Begründung für ihre damalige Haltung:
„unfassbare Druck vom Zentralrat, von so vielen Kreisen“
Nee klar. Das war nicht dein fehlendes Rückgrat, Claudia, es waren „die Juden“.
Simon Strick prognostiziert auf Bluesky:
Man wird noch viele flipflopen sehen, von der staatsräson in den antisemitismus, weil es nur umgestülpt werden muss. Die „historische verpflichtung“ der deutschen wird dann zum „unfassbaren druck“ auf die deutschen.
Ich würde die Lage folgendermaßen zusammenfassen: die Hegemonie der alternativlosen Israelsolidarität ist im Bezugssystem der US-Demokraten in den USA jetzt deutlich zusammengebrochen, im Bezugssystem der Berliner Linken ebenfalls – auch wenn es wieder verzweifelte Gegenangriffe gibt und bei den Grünen geht es jetzt auch schon los.
So ist das mit der Hegemonie. Weil sie über lokale Hegemonien, die sich wechselseitig halt geben, abgesichert ist, affizieren sich diese unterschiedlichen Breaches alle gegenseitig und wir bekommen es mit kaskadierendem Kollaps zu tun.
Vergleiche den Seneca Effekt:
Whatever structure has been reared by a long sequence of years, at the cost of great toil and through the great kindness of the gods, is scattered and dispersed by a single day. Nay, he who has said „a day“ has granted too long a postponement to swift-coming misfortune; an hour, an instant of time, suffices for the overthrow of empires! It would be some consolation for the feebleness of our selves and our works, if all things should perish as slowly as they come into being; but as it is, increases are of sluggish growth, but the way to ruin is rapid.
Und dann, wenn die L3-Infrastruktur des Schweigekartells und der Staatsräson allesamt zusammengeklappt sind, verändert sich die L2-Sicht der Akteure und damit auch ihre Rhetorik, wie Omar El Akkad schon im schon im Oktober 2023 prohezeihte:
One day, when it’s safe, when there’s no personal downside to calling a thing what it is, when it’s too late to hold anyone accountable, everyone will have always been against this.
Und dann, erst dann, stoppt auch der L1-Fluss der Waffen nach Israel.
In einem weiteren Newsletter verweist Henry Farrell auf einen neuen Artikel von ihm zusammen mit Cosma Shalizi im Economist über die Funktionsweise von LLMs, den er dankenswerterweise (ich kam nicht an der Paywall vorbei) für uns zusammenfasst und weiter kontextualisiert.
Ausgehend von einer, ich nenne es mal, relational materialistischen Beschreibung von „Intellekt“, die er von Jacques Barzun übernimmt, entwickelt er die Denkmaschine als Pfadmodell:
Intellect is the capitalized and communal form of live intelligence; it is intelligence stored up and made into habits of discipline, signs and symbols of meaning, chains of reasoning and spurs to emotion — a shorthand and a wireless by which the mind can skip connectives, recognize ability, and communicate truth. Intellect is at once a body of common knowledge and the channels through which the right particle of it can be brought to bear quickly, without the effort of redemonstration, on the matter in hand.
Intellect is community property and can be handed down. We all know what we mean by an intellectual tradition, localized here or there; but we do not speak of a „tradition of intelligence,“ for intelligence sprouts where it will…. And though Intellect neither implies nor precludes intelligence, two of its uses are — to make up for the lack of intelligence and to amplify the force of it by giving it quick recognition and apt embodiment.
For intelligence wherever found is an individual and private possession; it dies with the owner unless he embodies it in more or less lasting form. Intellect is on the contrary a product of social effort and an acquirement…. Intellect is an institution; it stands up as it were by itself, apart from the possessors of intelligence, even though they alone could rebuild it if it should be destroyed…
Ich würde es etwas anders modellieren. „Intelligenz“ ist ein Effekt von Intellekt, also ein soziales Artefakt, statt einer individuellen Eigenschaft. Sowohl Intellekt als auch Intelligenz sind Eigenschaften, die wir zusammen herstellen – und mit zusammen meine ich nicht nur die Ad-Hoc Sozialität des Jetzt, sondern ich inkludiere das Archiv des Gesagten, auf das alles, was ich denken und sagen kann, referiert, es weiter schreibt, umschreibt und neu kontextualisiert, ob ich das nun will oder nicht.
Nichtsdestotrotz finden wir uns in einer hilfreichen topologischen Beschreibung von Intellekt wieder.
Put differently, the models have turned the complex higgledy-piggledy structure that is the House of Intellect into a set of floor plans, capturing the essentials of how this or that room, containing this or that collection of organized knowledge, connects to others, perhaps discarding a baroque set of crenellations that are found in only one small part of the family pile and seem to have no broader relevance. The result is a disorganized but magnificent machinery of information, summarized at vast expense. Turning an old Terry Pratchett joke on its head, it’s as if an architect had wanted to build Gormenghast, and had had the budget.
In „Im Dickicht der Bedeutungen“ beschreibe ich das so:
Wenn Heidegger von der Sprache als „das Haus des Seins“ spricht, dann meint er unsere Eingeschlossenheit in dieses Netzwerk aus Semantiken. Jeder von uns bewohnt nur einen kleinen Ausschnitt dieses Gesamtgefüges und der bestimmt wesentlich mit, was wir überhaupt in der Lage sind, zu denken. Wir sind in unseren Semantik-Ausschnitt hineingeboren und arbeiten seitdem daran, ihn auszudehnen, suchen Anschlüsse, lernen Worte, Werke und Gesten und manche Zimmer haben wir schon länger nicht mehr betreten.
Das Modell ist aber jetzt nur noch Baustein maschineller Intelligenzen, die in Harnesse gespannt werden, einander weiterdenken, -schreiben, überprüfen und/oder korrigieren.
Agentic AI combines these models with “harnesses” – ordinary computer programs that can receive instructions from the endless flow of rhetoric, and provide outputs regarding the consequences of these instructions. This allows the technology to be put to use into the world. The entire ramshackle structure of the House of Intellect is transformed into a maze that is capable of reacting dynamically, not only in response to prompts but to reported outcomes, again and again at enormous speed, provided you have the budget for it. And that explains how these systems are used to generate mathematical proofs, or to carry out hacking attacks. …
LMs’ maps of the vast architecture of written human tradition are necessarily simplified, but they can be remade on the fly, using “chain of thought” and other such techniques to join together distant rooms, corridors and wings of the house of intellect. AI agents put these maps to work, allowing the LLM to issue instructions to other, more traditional computer programs and get feedback about the results of their commands, which they then incorporate into their flow of narrative.
That is how agents combine mathematical ideas to see if they produce results that can be compiled in Lean, a specialised computer language for validating mathematical proofs. Alternatively, they may string together possible hacking exploits and use their harness to issue instructions, getting results back that tell them whether they have succeeded or failed in breaking into a system.
Farrell sieht Agents als „gardens of forking paths“, also so wie ich es bereits im Böckler-Paper formuliert habe, als Pfadlandschaft semantischer Plausibilitäten, in der sowohl wir, als auch die Maschine zu navigieren gelernt haben.
Im Economist-Text beschreibt Farrell das als „many-pathed preliterate technology“, was er auf Homer zurückbezieht:
The adjective “many-pathed” is a reference to polytropos / πολύτροπο[ν], an epithet of Odysseus that is notoriously difficult to translate. It means something like ‘crafty’ in context, but more literally could be understood as ‘many directioned.’1 Or, even as Emily Wilson notes in passing, as “manifold.”
Agenten seien, so Farrell, Gärten sich verzweigender Pfade, Überlagerungen verschiedener Simulakren, die durch Eingriffe von außen von einer Spur auf eine andere geschoben werden können, durch Menschen oder durch Rückmeldungen aus dem Harness.
Mein Begriff des Divdiuums will vor allem darauf hinweisen, dass auch wir Menschen polytropische Existenzen führen. Dass auch wir immer auf einem Pfad sind, auch wenn der Cartesianismus uns das anders einreden will.
Nur anders als LLMs hat unsere Q-Function – und nur unsere – ein echtes U_gelingt. Nur wir können wirklich „Wert“ empfinden. Zwar können wir auch bei LLMs zwischen gelungenen und weniger gelungenen Pfaden unterscheiden – doch nur als Ableitung unseres eigenen Werturteils!
Dieser Vortrag von vor allem Jack Morris über das gemeinsame Paper mit Rishi Jha über die Übersetzbarkeit von Vektorrepräsentationen über verschiedene LLM-Pfadräume hinweg, stärkt das oben genannte Modell noch mal ausdrücklich.
Kurz zum Hintergrund: LLMs funktionieren über Vektorrepräsentationen der Sprache in Tokens (Wortbestandteile) und damit ihrer Einbettung („embedding“) in einen Latent-Space. Also einem viel-tausend-dimensionalen Raum, in dem die Tokens in Beziehungen zueinander stehen. Das Aneinanderreihen der Tokens der LLM ist also das Ablaufen eines Pfads in diesem Raum. Durch das Training mit Milliarden Tokens hat das Modell gelernt, plausible Pfade im Latentspace zu finden und kann damit semantische Zusammenhänge auch für Menschen sinnstiftend verarbeiten.
Morris und Jha haben mit vec2vec gewissermaßen eine Übersetzungs-Engine für Embeddings vorgelegt, in den sie relativ beliebige Embedding-Vektoren von Dokumenten in den Vektorspace eines anderen Modells übersetzen können.
Das hat einige Security-Implikationen, auf die ich nicht weiter eingehen will. Spannend finde ich vielmehr, dass damit bewiesen ist, dass es allgemeine Strukturen in der menschlichen Semantik gibt, die nicht über den technischen Prozess selbst erklärbar sind. In der KI-Forschung nennt man das anscheinend die Platon-Hypothese (Huh et al) und sie geht laut dem Vortrag so:
Neural networks, trained with different objectives on different data and modalities, are converging to a shared statistical model of reality in their representation spaces.
Die Autoren haben allerdings eine etwas spezifischeren Claim, nämlich dass Netze mit gleichem Trainingsziel und gleicher Modalität, aber unterschiedlichen Daten und Architekturen auf einen universellen latenten Raum konvergieren.
Als alter (Post-)Strukturalist weiß ich natürlich, dass es sich bei den „universellen Repräsentationen“ nicht um Platons „Ideen“ handelt, sondern um das, was Derrida die „Spur“ nennt. Der iterative und eigentlich unabschließbare Pfad von auf einander bezugnehmenden Wortverwendungen in ihren Millionen Kontexten kann – wenn man ihn in einem endlichen Trainingsset trackt und statistisch mittelt – als „eingefrorener“ Vektorwert innerhalb eines Latentspace dargestellt werden. Und weil alle Modelle eine ähnliche „Spur“ tracken (weil Wortverwendungen zwar jedesmal anders, aber doch ähnlich genug sind) kommen beim Training unterschiedlicher Modelle trotzdem ineinander übersetzbare Vektorräume bei raus.
Die Platonhypothese bleibt gedanklich im Cartesianismus stecken, wenn sie glaubt, im Latent-Space ein „idealisiertes Weltmodell“ zu entdecken, wo sie es doch vielmehr mit einer gefrorenen Skulptur von Différance-Strukturen zu tun hat.
Der Physiker und Wissenschaftsjournalist Florian Aigner schreibt sehr lesenswert über die von LLMs ausgelöste Revolution in der Mathematik – und die deprimierenden Aussichten, die sie erwartbar macht.
Dabei geht es vor allem auch um die Frage, was noch übrig bleibt, wenn LLMs nicht nur assistieren, sondern die Entdeckungsarbeit selbst erledigen.
Es ist, als würde man seit Monaten eine Weltreise planen. Und dann kommt die künstliche Intelligenz, storniert alle Buchungen und sagt: „Schau, ich habe dir hier ein Fotobuch generiert: Du in Peru! Du in Japan! Du in Kenia, Marokko und Norwegen! Das Ergebnis ist fertig, du muss deine Reise nicht mehr antreten. Gern geschehen! Freust du dich?“
Ich finde das eine gute Metapher nicht nur für Mathe, sondern für alle Einsatzzwecke von LLMs. Ich meine, alleine Google. Etwas im Internet zu suchen war einmal ein Pfad, mit zunächst vielversprechenden Sackgassen, beiläufig aufgepickten aber kontextfremden Informationen, serendipitätsgetriebene Zufallsfunde, aus denen sich neue Pfade ergaben und oft die Erkenntnis, die Frage schlicht falsch gestellt zu haben.
Jetzt bekommt man eine Antwort. Die Antwort ist durchaus hilfreich. Sie ist oft sogar in bestimmten Hinsichten besser als das, was meine Recherche ergeben hätte. Aber so viel fällt weg: der Pfad der Entdeckung, das Erkunden, das Lernen, die Leistung, der Heureka-Moment.
Aigner verpasst auch allen eine Absage, die jetzt mit dem Verweis auf Schach meinen, dass ja Mathe noch ein nettes Hobby bleiben könnte.
Aber Schach lebt vom Wettbewerb zwischen Menschen. Den kann eine Maschine definitionsgemäß nicht ersetzen. Mathematik lebt von dem dicht verwobenen Netz an Gedanken und Beweisen, das über Jahrhunderte geknüpft wird. Das ist eine völlig andere Situation. Wird es noch Spaß machen, an diesem Netz zu knüpfen, wenn die Knüpfarbeit von einer wild ratternden Knüpfmaschine geleistet wird, und die menschliche Aufgabe nur noch darin besteht, zu prüfen, ob die Knoten richtig sitzen?
Und auch diese Erkenntnis lässt sich verallgemeinern. Die Rolle des Menschen verschiebt sich vom Pfadfinder zum Pfadprüfer. Von der Kreativität zur Kontrolle. Entwickler*innen wissen, wovon ich spreche. Sie sind, wie Übersetzer*innen und Copy-Writer*innen, zu Lektor*innen geworden. Sie sind ihren Job nicht los, aber es ist auch nicht mehr dieselbe Arbeit.
Kehren wir nun zurück zum Newsletter von Farrell, allerdings zu einem Gastbeitrag von Filipe Campante, der die Lösung der „Navier-Stokes Conjecture“ durch OpenAI zum Anlass nimmt, um über den Wert von menschlicher Arbeit im Zeitalter von KI nachzudenken.
In partnership with Süddeutsche Zeitung, a major German newspaper, we set up an experiment where a group of SZ readers were asked to figure out whether a set of pictures was real or AI-generated. This succeeded in raising their concerns over AI-generated misinformation, relative to a control group that were only asked to look at real pictures and tell where they were from, with no reference to AI or deepfakes.
What happened afterwards was the really interesting part. First, those readers exposed to AI photos reported lower trust in the news content of many different platforms – including their trusted SZ itself. Yet, in spite of that, their demand for SZ went up: they visited the platform more, and were more likely to remain subscribers. In short, confronted with the challenge posed by AI, news consumers respond by lowering their assessment of the quality of available content, but also increase their demand for a trustworthy source.
A mathematical model in the paper elucidates the logic, and shows its broader generality. If a consumer is interested in learning whether something is true or not, and a technological change makes that harder to distinguish, two things happen. First, the consumer realizes that now all content poses a bigger challenge for them, and gets degraded from their perspective. But second, and very importantly, any source that mitigates that problem – even while still suffering from it – becomes more valuable, not less. Yes, they are worse in absolute terms, but the important thing for the consumer is that they are less worse, so to speak, than the alternative of not having them.
In der politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten ist „Wert“ bekanntlich der Spread zwischen dem zu bewertenden Pfad und seinem BATNA-Pfad (Best Alternative to Negotiated Agreement). Es ist wahr: Wenn man für U_gelingt das Ergebnis der Forschung einsetzt, dann wird der menschliche Entdeckungspfad in der Mathematik durch die LLM entwertet. Die LLM kommt – zumindest in vielen bisher gestellten Konstellationen – oft schneller zu besseren Ergebnissen.
Doch das macht den Menschen nicht wertlos, sondern verschieb nur seine Stelle. Denn die Bewertung des Ergebnisses (U_gelingt) braucht immer noch den menschlichen Nachvollzug. Diese bereits besprochene Verschiebung der Rolle menschlicher Arbeit hin zum Lektorieren erhöht womöglich noch den relativen Wert der menschlichen Arbeit.
What our research shows is that the age of AI can actually increase the value of human expertise, even as it makes them seem expendable on a superficial look. AI is very good at producing what we may call “expert-looking” content: something that looks correct and authoritative, but that it’s very hard for a non-expert to tell if it is or not. In that situation, a human can really use a human expert to check it out. …
As long as the demand for knowledge comes from humans who want to figure out if stuff is true (or that it really “works”), AI that makes advances in more and more rarefied domains will make it more and more valuable to have humans who can follow them along. Far from making Terry Tao and his colleagues and students expendable, AI is more likely to make us realize how much we need all of them and more.
Der Wert kommt allerdings nicht aus der Arbeit selbst, nicht aus den vielen Irrungen und Wirrungen, den beiläufigen Erkenntnissen und dem beiläufigen Erlangen von Orientierungswissen (all das fällt weg), sondern allein aus der Tatsache, dass es einfach keinen BATNA-Pfad zur menschlichen Prüfung gibt. Menschliche Arbeit ist nur noch eine kleine und langweilige, aber notwendige Zutat und damit das entscheidende Nadelöhr der Vollendung von U_gelingt.
Und hier ist es wichtig, die Struktur von U_gelingt zu verstehen. U_gelingt ist nicht einfach ein Wert im Sinne einer Zahl, sondern sie ist selbst ein Array von Pfadgelegenheiten, nämlich allen Pfadgelegenheiten, die der Pfad, zu dem U_gelingt gehört, möglich/wahrscheinlich/accessible machen. Wert ist immer weiterführender Pfadwert – für einen Menschen.
Natürlich können auch LLMs andere LLMs prüfen, aber damit ist kein Wert zugeschrieben. Die Prüfung muss immer darin bestehen, dass das Ergebnis der Arbeit der LLM neue Pfade eröffnet. Das können auch neue Pfade der Phantasie und der Erkenntnis sein, das können im besten Fall auch neue Forschungspfade sein – aber auch diese Forschungspfade sind am Ende nur dann etwas „Wert“, wenn sie dem Menschen nützen.
Und das ist der Punkt: Wie man es dreht oder wendet, man kann den Menschen und sein Wertempfinden nicht aus der KI-Gleichung streichen — man kann ihn nur aufschieben, wie die Bedeutung bei der Iteration in der Différance.
Nathan Tankus ist politischer Ökonom der postkeynesianischen Schule und hat sehr anschlussfähigen Ideen an meine politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten und zwar über Währungen. In diesem Artikel (und seiner weiteren Arbeit) beschäftigt er sich mit Währungssystemen und ihrer Macht. Sein Stichwort ist „Monetary Sovereignty“, womit er meint, ob und wie ein Land in der Lage ist, alles, was es braucht mit der eigenen Währung zu bezahlen. Monetäre Souveränität ist somit nicht ein binäres „Hat man oder nicht“ sondern ein Spektrum, ich bin versucht zu sagen, ein mehrdimensionaler Gradient-Raum.
Der mehrdimensionale Gradientraum hat nicht zufällig Ähnlichkeiten mit dem Latent-Space der Sprache, denn auch er kartiert Unterstellbarkeit, allerdings Unterstellbarkeit von Güterzugriff via dem Währungs-Koordinationsanker. Der Begriff, den Tankus dafür findet ist „Receivability“.
Wir definieren Souveränität in KL76 so:
Souveränität ist, einen Pfad nicht gehen zu müssen.
Souverän bist du also, wenn dir ein Pfad möglich, vielleicht sogar attraktiv ist, du aber darauf verzichten kannst, weil du entweder ein attraktives BATNA hast, oder weil du die Kosten der Pfadausschlagung zu zahlen bereit bist. Für die Receivability bedeutet das, dass deine Souveränität steigt, je mehr kritische Ressourcen mit der eigenen Währung bezahlbar sind und/oder durch genügend BATNA-Pfade konkurrierender Währungen zugänglich sind. Verbindlichkeiten in Fremdwährung hingegen reduzieren die monetäre Souveränität in jedem Fall, weil der Pfad nicht austauschbar ist.
Receivability is just a fancy legal term for what you can pay some obligation with. From there the viewpoint expands to formally reciprocal obligations from bridewealth and student loans to purchasing a metrocard. Most histories of money- which are usually just histories of coinage- do not have this crucial focus and thus don’t give a clear idea of how the monetary system under discussion works. In other words, a Neochartalist monetary analysis must begin with the receivability laws.
Der mehrdimensionale Gradient, den eine Währung über ihre Receivablity aufspannt, ist gleichzeitig der Raum der „Monetary Sovereinity“ ihres Issuers.
By making its own IOUs receivable in payment of taxes and other obligations owed to the state- or “private” actors- a state can gain some degree of monetary sovereignty. The extent and power of that monetary sovereignty depends on the institutional structure of the economy and the international arrangements the state in question has entered into. At this stage it is important to note that it is receivability in general that “back” money and not any particular amount of tax revenues. Thus there is no monetary or tax constraint on the level or composition of deficit spending. The constraint is, as I said above, the institutional structure of a national economy- including its institutional arrangements with the rest of the world.
Mit diesem Toolset lässt sich sodann auch die Dollarzentralität genauer beschreiben.
A spectrum approach to monetary sovereignty also emphasizes the inherent interdependency of monetary sovereignty in a globalized world. When you take a receivability point of view in tandem with a balance sheet point of view, dollar hegemony and dollarization are one and the same thing. What I mean is that to say the U.S. has a number of corporations, countries and households who have dollar denominated debts outside of its border is to say that a number of monetary sovereigns have been curtailed in some way. This is even getting more mainstream reporting. Greg Ip at the Wall Street Journal recently reported on how the rising dollar exchange rate and rising u.s. Interest rates are squeezing a number of countries whose corporate sectors have heavy dollar denominated debt.
Und weil wir hier wieder im Bereich der Netzwerkeffekte sind, bilden die enormen Mengen an in Dollar denominierten Schulden den Lock-in in die Dollarzentralität. Egal, wie man sonst zu den USA steht, als Schuldner von Dollarschulden tut man alles, was man zum Erhalt dieser Währung eben tun muss – sogar Handel mit den USA.
Und damit haben wir den Zusammenhang Souveränität und Hegemonie genauer definiert. Hegemonie verknappt allen anderen die BATNA-Pfade. Jeder zusätzliche Dollar-Nutzer macht alternative Währungen dünner, ihre Märkte illiquider, also ihr BATNA schlechter. Hegemonie ist kollektive Souveränitätsminderung durch die Erosion von BATNAs, mit der Ausnahme von sich selbst als Emittenten, der deswegen den fremden Pfad nie gehen muss. Das „exorbitante Privileg“ der Dollarhegemonie ist monetäres Souveränitätsmaxing bis zur Position, als Einziger keinen BATNA-Pfad zu brauchen, während alle anderen nicht ihm vorbei kommen.
It is the extraordinary amount of dollar denominated debt which at once raises the monetary sovereignty of the United States above all others and pulls down the monetary sovereignty of other countries. This is what makes the U.S. the currency hegemon. Thus, anything that leads to more dollar denominated debts strengthens dollar hegemony and moves away from dollar denominated debt weakens dollar hegemony. However, it would take a truly massive structural change to the way international economics works to transform the current pattern of currency debts such that the U.S. was no longer the currency hegemon. This also means that, from a Neochartalist point of view, reserve currency status is an effect, not a cause, of dollar hegemony. Just as domestically people are willing to save in dollars even if they don’t personally have many dollar debts or even pay taxes because they know so many others accept dollars in payment, internationally countries are willing to accumulate dollars because they know dollars are internationally acceptable.
Auch wenn einer der Sub-Plots dieses Newsletters das Ende der westlichen Weltordnung ist, bin ich immer sehr skeptisch gegenüber dem Ende der Dollar-Hegemonie. Der im spätrömischen Reich geprägte Solidus zirkulierte in Europa noch bis weit ins Mittelalter hinein, was bedeutet, dass seine L3-Wertzuschreibung noch weit nach dem Untergang des Weströmischen Imperiums unterstellbar war.
Auch spannende Erkenntnis: Die Dollarzentralität basiert nicht nur auf dem Petro-Dollar, sondern vielleicht sogar noch mehr auf dem IP-Dollar.
Public law of course does this in less overt ways, such as the Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights or TRIPS agreements. For countries that are “intellectual property poor” TRIPS imposes a non-reciprocal obligation on them, that they in turn impose on their populations, to not violate international property rights regimes. Further, to get access to those properties they most often need to pay in dollars.
Die Franzosen haben die Macht der monetären Souveränität mit ihren Kolonien vorgemacht.
One radically under-discussed monetary tributary is the French Colonies of Africa Franc, I mean the African Financial Community Franc (I am sparing you all an american attempt at French pronunciations) i.e. the CFA Franc. Sometimes the difference between colonialism and neocolonialism is exceedingly thin. From the colonial era through the 1990s this monetary union was pegged to the Franc. It then became pegged to the Euro in the transition to the Eurozone. To this very day, the currency reserves of this monetary union are on deposit at the French Treasury.
(Der Text ist ein Vortrag von 2018, der die Reform zwischen UEMOA und Frankreich vom Dezember 2019 noch nicht wissen konnte. Aber obwohl damit das Konto beim französischen kolonialistische Schatzamt geschlossen wurde und Frankreich 5 Milliarden Euro zurücktransferierte, gilt die Hinterlegungspflicht von 50 Prozent weiterhin für die zentralafrikanische CFA-Zone).
Mit der monetären Hegemonie kommt eine semantische. Große Verbindlichkeiten in einer fremden Währung zu haben, versetzt die Schuldner in eine prekäre Situation, die sie zwingt, die Welt aus der Perspektive der Fremdwährung zu sehen, was die Souveränität insgesamt einschränkt.
This puts a lot of pressure on the balance of payments since, as economist Felipe Rezende has pointed out in the Brazilian context, large foreign denominated debts taken today are large flows of interest payments tomorrow. If you forcibly converted monetary vassals into full domestic monetary subjects by redenomination a fall in the exchange rate would reduce interest payment flows relative to foreign denominated income coming in from abroad. By this I simply mean that when the exchange rate changes and you look at everything from the domestic currency point of view, exchange rate movements have no impact on the size of Brazilian Real debts but do increase the domestic size of foreign denominated income. But redenomination or any other kind of legal change that impacts existing debts brings the threat of geopolitical censure and retaliation. After all, the degree of monetary sovereignty is related to the degree of sovereignty itself.
Damit dekodiert sich das postkolonialiale Ausbeutungspanorama noch mal neu. Durch das Schaffen immer mehr exklusiver Dollar- und Euro-Pfadgelegenheiten und das aktive Verhindern der Monetären Souveränität sich entwickelnder Staaten, hat der Westen seine Kontrolle über die ehemaligen Kolonien nie wirklich aufgegeben.


