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Ich lehne Marx‘ Arbeitswerttheorie ab und hier ist warum

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Einleitung

Gerade habe ich Paul Masons Buch Postcapitalism (Amazon Affiliate Link (ja, ich brauche das Geld)) gelesen und muss sagen, das ist eine lesenswerte Lektüre. Es gibt aber ein Problem und zwar ist Mason Marxist und er argumentiert mit verve mit der Arbeitswerttheorie. Unglücklicherweise lehne ich diese Theorie ab und muss mich seitdem in meinem vornehmend sehr linken Freundeskreis immer wieder dafür rechtfertigen.

Deswegen ist Mason zwar der Anlass, warum ich hier über die Marxsche Arbeitswerttheorie schreibe, aber er ist nicht der Grund. Der Grund sind die unzähligen Stunden, die ich mit Diskussionen verbracht habe, wenn ich mal wieder mit Marxist/innen auf diese Frage gestoßen bin. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, habe mich ihnen zu liebe jetzt schon so oft mit Marx‘ Kapital rumgequält, habe Sekundärtexte gelesen, habe versucht zu verstehen und nachzuvollziehen, aber ich habe keine Lust mehr.

Die Idee dieses Textes ist also sowas wie ein Befreiungsschlag. Nicht in dem Sinne, dass ich mit diesem Text jetzt alle Marxist/innen bekehren werde (wahrscheinlich nicht einen einzigen). Die Idee ist vielmehr einen Link zu haben, den ich posten oder weitergeben kann, wann immer ich mich genötigt sehe, mal wieder zu erklären, warum ich nicht von der Arbeitswertheorie überzeugt bin.

Arbeitswerttheorie, was ist das?

Zunächst muss ich mich hier weit aus dem Fenster lehnen, denn ich muss für alle, die nicht genau wissen, was gemeint ist, die Arbeitswerttheorie erklären. Leider kann man das nur falsch machen. Marxist/innen teilen die Welt für gewöhnlich in zwei Lager ein: Nein, nicht Arbeiter und Kapitalisten, sondern Marxist/innen und Menschen, die die Arbeitswerttheorie nicht verstanden haben. Und tatsächlich ist die Theorie wahnsinnig kompliziert und ihre Entwicklung erstreckt sich über das gesamte Werk von Marx. Der Diskurs dazu ist zudem extrem tradiert und wurde in alle möglichen Richtungen weiterentwickelt. Es gibt mehr als eine, mehr als zwei, vermutlich 10 bis 20 unterschiedliche Lesarten, Auslegungen und Weiterentwicklungen. Und nein, ich habe sie nicht alle gelesen. Ich werde hier nur die Grundzüge erläutern und nicht in die Details gehen. Das reicht aber vollkommen aus, da meine Ablehnung der Theorie auf einer sehr grundsätzlichen Ebene ansetzt.

Also hier meine Zusammenfassung: Marx fragt sich gleich zu beginn des Kapitals, wie es kommt, dass den Waren ein gewisser Wert zugeschrieben wird. Er sieht zum einen, dass Menschen eine Ware etwas wert ist, weil sie nützlich ist. Diesen Nützlichkeitswert nennt er den Gebrauchswert. Er sieht aber auch, dass den Menschen eine Ware so viel wert ist, wie x Einheiten einer anderen Ware. Waren stehen also in einem Äquivalenzverhältnis, welches er Tauschwert nennt. Und ab nun geht es vor allem darum, wie dieser Tauschwert zustande kommt.

Marx‘ Antwort ist Arbeit. Jeder Tauschwert ist im Grunde ein Ausdruck der Arbeit (auch: abstrakte oder gesellschaftlich notwenige Arbeit), die beim Produktionsprozess in eine Ware gesteckt wird. Und etwa ab hier wird es kompliziert, denn Marx versucht nun über sein gesamtes Werk hinweg zu erklären, wie diese Verrechnung von statten geht. (An dieser Stelle sei mit Vorsicht und etwas Ratlosigkeit angemerkt, dass bei Marx Tauschwert und Preis nicht das selbe sind. Es gibt bei Marx eine gewisse Anerkennung von Marktkräften, die den Preis ebenfalls determinieren. Der Tauschwert verwirklicht sich zwar im Preis, kann aber davon wesentlich abweichen. Wenn aber von der Arbeitswerttheorie nicht auf den Preis geschlossen werden kann, fragt sich für mich, zu was sie überhaupt gut sein soll … egal, nehmen wir das einfach zur Kenntnis.)

Es wäre nun natürlich zu einfach, nur die konkreten Arbeitsstunden zu verrechnen, denn die Arbeitsstunden selbst haben ja ebenfalls unterschiedliche Tauschwerte, denn auch die Arbeit selbst ist ja eine Ware, in die Arbeit eingeflossen ist (Ausbildung, Erfahrung, etc.) sowie die Arbeit, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten („Reproduktionsarbeit“).

Eine weitere Komplexitätsstufe wird erreicht, wenn man bedenkt, dass der Arbeitswert auch durch die Produktivkraft beeinflusst ist. Wenn ein Arbeiter/eine Arbeiterin durch eine neue Maschine an einem Tag 100 statt nur 50 Schuhe herstellen kann, dann wirkt sich das ebenfalls auf den Wert der Ware aus, aber eben nicht einfach, dass der Wert sich halbiert, denn man muss ja noch bedenken, dass der in der Maschine enthaltene Arbeitswert (um sie zu konstruieren) ebenfalls auf den Warenwert umgelegt werden muss, etc. Ihr könnt euch das Durcheinander vorstellen.

Den Arbeitern wird aber eben nicht der volle Wert ihrer Arbeit ausgezahlt, sondern nur der Teil, der für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft notwendig ist. Der Rest – der Mehrwert – geht als Profit in die Bilanzen des Kapitalisten ein. Daraus ergibt sich also das Ausbeutungsverhältnis.

Das war jetzt etwas verkürzt, aber wie gesagt, so tief müssen wir da jetzt nicht rein, denn mein Unglaube setzt bereits grundsätzlicher an. Bei der Existenz des Wertes ansich.

Meine Kritik

Ich glaube nicht an die Marx’sche Arbeitswerttheorie. Ich glaube nicht, dass ein Wert in den Waren oder Gütern existiert. Und ja, diese Frage ist eine Frage des Glaubens. Genau so wie ich als Atheist nicht die Nichtexistenz Gottes beweisen kann, kann ich nicht die Nichtsexistenz des Wertes beweisen. Aber genau so, wie ich meinen Atheismus dennoch begründen kann, kann ich Gründe dafür anführen, warum ich nicht an den Wert glaube.

Grund 1. Das, was der Arbeitswert erklären will, lässt sich anders – leichter, einfacher und schlüssiger – erklären.

Occam’s razor beschreibt ein wissenschaftsphiliosophisches Prinzip, dem ich mich voll und ganz anschließe. Es lautet etwa so: Wenn es verschiedene Hypothesen zu einem Sachverhalt gibt, dann sollte man diejenige wählen, die am wenigsten Vorannahmen erfordert. Etwas verkürzt könnte man sagen: die vorraussetzungsärmste Theorie gewinnt.

Schon sehr früh, wurde der Werttheorie mit Gegentheorien begegnet. Die vorherrschende „bürgerliche Auffassung“ vom Austauschverhältnis der Waren ist seitdem, dass der Preis sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage der Ware zusammensetzt. Die Theorie dazu nennt sich Grenznutzentheorie. Diese Theorie verwirft die Idee eines allgemeinen, objektiven Wertes und sagt, dass Wert einer Ware (bürgerlich: „eines Gutes“) subjektiv als Nutzen empfunden wird. Allerdings auch nicht zu allen Situationen gleich. Wenn ich gerade keinen Hunger habe, hat eine Bratwurst keinen Nutzen für mich. Wenn ich bereits ein Auto habe, ist mein Willen, ein weiteres zu kaufen, sehr viel geringer. Die akkumulierten Nutzen verschiedener Konsumenten an einer Ware bilden die Nachfrage. Demgegenüber steht das Angebot, dass diese Nachfrage versucht zu bedienen. Schafft sie es nicht, erhöht sich der Preis, bietet sie mehr als die Nachfrage, sinkt er.

Vergleichen wir also die Voraussetzungsreichtum beider Theorien.

Arbeitswertheorie:

  • Die Existenz einer „Wertsubstanz“ wird bei Marx nicht hinterfragt, sondern apriori als gegeben vorausgesetzt. Dass ein empfundener Tauschwert evtl. sozial konstruiert ist, dass also der Preis den empfundenen Tauschwert determiniert statt umgekehrt, wird nicht mal in Betracht gezogen.
  • Es braucht eine Art Transformationsprozess, der die Arbeitszeit als Wertsubstanz in der Ware anlegt. Wie das funktionieren soll, wird ebenfalls nicht geklärt, sondern einfach vorausgesetzt. Zudem fragt sich, wie sich die in Maschinen gespeicherte Wertsubstanz auf die Produkte überträgt. Alles sehr rätselhaft.
  • Menschen hingegen brauchen für diese Theorie eine Art Sensorium mit dem sie den Wert einer Ware einschätzen können. Ein sechster Sinn? Bei zunehmend komplexen Fertigungsprozessen, ist einer Ware die Herstellungsarbeitszeit nicht mehr anzusehen.

Ich kenne mich mit Marxismus nicht sonderlich gut aus und bin auch kein Ökonom. Ich kenne mich aber ganz gut mit Theorien aus. Diese hier ist schlecht. Schlecht as in Esoterik-level schlecht. (Falls Marx diese Vorannahmen doch irgendwo ausgeräumt hat, mögen Marxexperten mich hier bitte belehren.)

Grenznutzentheorie:

  • Es braucht nutzenoptimierende Akteure, die rational-egostisch danach streben, stets den besten Deal zu suchen, the biggest Bang for the Buck. Ihr wisst schon, dieser Unsympath namens Homo Oeconomicus.
  • Zudem braucht es einen transparenten Markt, also die Idee, dass die Nachfrager an den Märkten über alle Angebote bescheid wissen und die Anbieter die Nachfrage einschätzen können.

Auch diese Theorie ist schlecht, denn man kann diese Vorannahmen ebenfalls mit einem gewissen Recht in Zweifel ziehen. Als strenge Vorannahmen funktionieren sie nicht, denn die Akteure sind natürlich Menschen und damit nicht absolut zweckrational und der Markt ist natürlich nicht absolut transparent und schon die Idee, die Nachfrager würden viel Aufwand treiben, um Angebote einzuholen, ist recht weltfremd. Dem kann man allerdings gegenüberstellen, dass der Preismechanismus auch bei nur annähernder Erfüllung von Transparenz und Rationalität bereits hinreichend funktioniert. Uns sind Preise nicht völlig egal, Natürlich versuchen wir in gewissem Maße zu optimieren. Nur den Aufwand, den wir dafür treiben, ist recht überschaubar und wird von vielen anderen Einflussfaktoren flankiert.

Fazit:

Ich persönlich finde auch die Grenznutzentheorie nicht sonderlich überzeugend. Wir haben es hier also mit zwei schlechten Theorien zu tun. Die Grenznutzentheorie ist allerdings mit großem Abstand die weniger schlechte, weswegen sie zu präferieren ist.

Grund 2: Ich glaube zu verstehen, warum es zu der Annahme eines Arbeitswertes hat kommen können.

Zunächst ist die Theorie des Arbeitswertes gar nicht Marx‘ Idee gewesen. Sie war zu seiner Zeit schlicht die vorherrschende Auffassung, wie Wirtschaft funktioniert. Schon Adam Smith hat an den Wert durch Arbeit geglaubt und nach ihm David Ricardo. Vor allem an letzterem hat sich Marx dann auch abgearbeitet.

Zu Lebzeiten Marx war auch die Physik noch eine andere. Es war nicht nur die Zeit vor Einsteins Relativtätstheorie, sondern auch noch eine Zeit, in der selbst die größten Physiker noch an den sogenannten Äther glaubten. Der Äther, so war man der Überzeugung, sei das Medium, in dem sich Licht ausbreitet. Es war keine andere Erklärung denkbar zu der Zeit. Schall- oder Wasserwellen sind ja schließlich auch nur bewegte Materie, warum sollte es sich mit elektromagnetischen Wellen anders verhalten? Die Tatsache, dass ein Äther bis dato noch nicht nachgewiesen war, veranlasste zwei Physiker noch zu Lebzeiten Marx dazu, einen Apparat zu bauen, der den Äther endlich einmal vermessen sollte. Die Messungen von Michelson und Morley waren allesamt eine Reihe von Reinfällen. Sie konnten den Äther nicht nachweisen und haderten deswegen Zeitlebens mit ihrem Ingenieursgeschick. Weil zu dieser Zeit kein ätherloses Universum vorstellbar war, kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass ihr Nachweis seiner Nichtexistenz, sogar ein revolutionärer Erfolg gewesen ist. Bis weit ins 20ste Jahrhundert hinein wurden ähnliche Experimente durchgeführt, weil sich einige Menschen nicht von der Äthertheorie lösen können.

Ich glaube, auch die Arbeitswertheorie war wie die Äthertheorie einfach Ausdruck eines Zeitgeistes. Und Marx kam deswegen kaum in den Sinn, sie in Frage zu stellen. Die Frage war für ihn nicht, ob den Waren ein Wert innewohnt, sondern nur, wie er zustande kommt.

Die Idee des Äthers kommt daher, dass die Wellenformen, die man sonst so kannte, immer in einem Medium stattfanden. Wasserwellen im Wasser und Schallwellen in der Luft. Ich habe den Verdacht, dass die Idee des Wertes ebenfalls aus der Physik kommt, genauer vom Energieerhaltungssatz. Der erste Satz der Termodynamik bedeutet unter anderem, dass Gegenstände Arbeit als Energie absorbieren und speichern können. Wenn wir zum Beispiel eine Kugel heben (physikalische Arbeit verrichten), dann ist diese Arbeit als potentielle Engergie in der Kugel gespeichert. Sie wird, wenn wir sie fallen lassen, in Form von kinetischer Energie wieder freigegeben. So nahe diese Metapher auch liegen mag; den physikalischen Begriff von Arbeit auf den sozialen Begriff von Arbeit zu beziehen, ist eine gewagte Operation, die jedem heutigen Theoretiker um die Ohren gehauen würde.

Eine zweite Inspiration für den Arbeitswert kann man dem Kapital direkt entnehmen. Marx begründet den Arbeitswert dadurch, dass es doch etwas gemeinsames geben müsse, dass den Wert der Waren äquivalent mache. Dieses gemeinsame sei eben die menschliche Arbeit, die in die Produktion gesteckt werde.

Gehen wir einen Schritt zurück: Eine der wesentlichsten Veränderungen, die die Industrialisierung gebracht hat, ist die Massenproduktion. Vorher wurden die meisten Gegenstände individuell hergestellt und verkauft. Jeder Stuhl und jedes paar Schuhe waren individueller Ausdruck der Handwerkskunst und Sorgfalt ihres Herstellers. Es gab also nur Unikate. Zwischen Anbieter und Nachfrager entspann sich zudem eine Verhandlung, um die Frage, wie viel das Hergestellte wohl wert sei. Am Ende der Verhandlung einigte man sich per Handschlag und Ware und Geld wurden getauscht. Der erzielte Preis war Ausdruck sowohl der individuellen Qualität der Ware, wie auch des Verhandlungsgeschicks sowie der Beziehung der jeweiligen Geschäftspartner. Es gab damals nichts gemeinsames aller Waren.

Mit der Industrialsierung ändert sich das. Als nun die Massenproduktion Stühle und Hemden in hohen Stückzahlen herstellte, die alle einander wie ein Ei dem anderen gleichen, trat auch eine neue Preisfindungsstrategie auf den Plan: Alle Waren bekamen den selben Preis.

Wenn man nun die Transition vergegenwärtigt: Von der indivduellen Herstellung individueller Waren, die zu individuellen Preisen verkauft werden – hin zu massenhaften einander gleichenden Massenwaren, die nach standardidierten Verfahren hergestellt einen gemeinsamen Preis erzielten. Ein Einheitspreis weist also auf einen Einheitswert hin, der wie es scheint, wiederum aus der einheitlichen Produktionsweise herleitbar ist. Dass es die menschliche Arbeit war, der diesen Einheitspreis als Einheitswert rechtfertigte, lag also nahe.

Die Wahrheit aber ist, dass der Einheitspreis weniger auf einen Einheitswert, als vielmehr einer im Massenmarkt folgerichtigen Vertriebsstrategie entspringt. Es ist zwar sehr wohl möglich, massenproduzierte Waren zu unterschiedlichen Preisen zu verkaufen, jedoch nur unter der Voraussetzung komplexer Vertriebsstrukturen, die wiederum hohe Transaktionskosten verschlingen würden. Marx konnte Transaktionskosten noch nicht kennen, sie wurden erst im 20sten Jahrhundert entdeckt. Massenprodukte wurden zu Einheitspreisen verkauft, nicht weil sie „gleich viel wert waren“, sondern schlicht, weil es einfacher war.

Fazit: Es lassen sich spezifische zeitgenössische Umstände identifizieren, die zu der These eines Arbeitswertes ausschlaggebend gewesen sein könnte. Das widerlegt die These natürlich nicht, macht aber ihr Entstehen unabhängig vom ihrem Wahrheitsgrad plausibel.

Grund 3: Ich glaube überdies verstanden zu haben, warum die Arbeitswerttheorie bis heute in gewissen Kreisen bestand hat.

Der wesentliche Hauptgrund für die Tatsache, dass die Arbeitswerttheorie bis heute nicht totzukriegen ist, liegt natürlich daran, dass sie in Marx Werk einen so zentralen Stellenwert hat. Sie erklärt, wie der Mehrwert entsteht und skandalisiert damit die Ausbeutungsverhältnisse. Damit schultert die Werttheorie auch die gesamte politische Moral des Marxismus. Ohne Wertheorie kein Mehrwert, ohne Mehrwert keine Ausbeutungsverhältnisse und ohne Ausbeutungsverhältnisse keine moralische Logik der Revolution. Kurz: ein Marxismus ohne Werttheorie ist eigentlich nicht denkbar.

Der zweite Grund, warum sich die Werttheorie (in gewissen Kreisen) bis heute halten konnte, ist, dass sie bis heute nicht ganz abwegige Resultate produziert. Vieles von den Mechaniken, die Marx mit der Werttheorie folgert, finden sich tatsächlich in der realen Wirtschaft wieder. Die Werttheorie „wirkt“ bisweilen richtig.

Huch? Wie kann das sein?

Ich sagte bereits, dass ich die Grenznutzentheorie nur für begrenzt nützlich halte. Jedenfalls ist sie unvollständig, wenn man nicht sowas schnödes, wie die Kostenrechung mit einbezieht. Und die Kostenrechnung sagt: Egal, was für eine Grenznutzenpräferenz der Kunde hat: Wenn er nicht bereit ist, dem Anbieter der Ware mindestens so viel Geld zu geben, dass der die Kosten der Ware wieder einfährt, wird er den Deal nicht eingehen. Mit anderen Worten: Waren werden nie unterhalb ihrer Herstellungs-(oder Beschaffungs-)Kosten verkauft.

Nun sind Kosten – und zwar zu Marx Zeiten noch sehr viel mehr als heute – sehr durch die in sie einfließenden Lohnkosten bestimmt. Lohnkosten sind häufig der größte Posten bei der Herstellung von … egal was.

Wenn nun also Waren in einem Markt von verschiedenen Akteuren in einem gegenseitigen Konkurrenzverhältnis angeboten werden, werden diese nach dem Marktgesetz auf Dauer nur unwesentlich höhere Preise erziehen, als ihre Stückkosten. Marx Arbeitstheorie und die gängigen Wirtschaftstheorien sind sich also im Ergebnis lustiger Weise einig.

Bei ausgedehnter Produktion (also wir skalieren die Menge der produzierten Waren), marginalisieren sich die anteiligen Fixkosten (Fabrik, Maschinen, etc.) aus der Rechnung und die Stückkosten nähern sich immer mehr an ihren Grenzkosten (die Kosten, das jedes zusätzlich produzierte Stück kostet) an.

Mit anderen Worten: in vielen Situationen eines entwickelten industrialisierten Kapitalismus verhält sich der angenommene Warenwert nach Marx analog (quasi proportional) zu den Grenzkosten – und damit zum Preis. Das gilt vor allem auch die Produktivkraft/Produktivität durch Rationalisierung/Automatisierung betreffend. Je höher der Automatisierungsgrad, desto geringer der Wert/die Grenzkosten. Es ist exakt diese Analogie, weshalb Paul Mason in seinem Postkapitalismus die Thesen von Jerimy Rifkins Zero Marginal Cost Society einfach marxistisch adaptieren konnte.

Fazit: Es ist bei der Analyse einiger wesentlicher Phänomene des Kapitalismus quasi egal, ob man sie marxistisch oder neoklassisch betrachtet. Das macht die Arbeitswerttheorie nicht richtiger. Aber wie sagt man so schön: alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich.

Grund 4: Ich lehne die Arbeitswerttheorie auch politisch ab. Ich glaube, dass sie eine politische Sackgasse aufgemacht hat, die bereits viel Schaden angerichtet hat.

Gut, die Arbeitswerttheorie ist vielleicht nicht ganz koscher, aber hey, sie ist doch nützlich. Warum also überhaupt gegen anstinken? Lass denen doch ihren Spaß.

Ich habe tatsächlich ein Problem mit der Theorie, das darüber hinaus geht, dass ich sie für falsch halte. Und dieses Problem ist die implizite Moral, die sie erfolgreich in den politischen Diskurs eingeschleust hat. Eine Moral, die einmal sehr hilfreich war, aber – so meine Auffassung – heute toxisch wirkt.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht eine weitere Inspiration für die Werttheorie von Marx anführen: die Eigentumstheorie von John Locke. John Locke hat zu seiner Zeit philosophisch zu begründen versucht, warum es Eigentum gibt/bzw. geben muss. Eine kurze Zusammenfassung: Zunächst definiert er die Freiheit des Menschen als naturrechtliches Eigentum an sich selbst. Daraus folgt er das naturrechtliche Eigentum des Individuums an seiner eigenen Arbeit. Mithilfe der Arbeit kann der Mensch sich die Natur also aneignen und die angeeignete Natur wiederum ist somit sein natürliches Eigentum.

Der Kontext ist hier wichtig. John Locke argumentiert hier natürlich moralisch (die klassisch-liberalen Denker waren alle große Moralisten, ja, auch Adam Smith). Es ging natürlich darum, diese Argumentation den Feudalherren als Begründung für Illegitimität ihrer absoluten Besitzansprüche entgegenzuschleudern. Und in genau diese Tradition – nur eben im nächsten gesellschaftlichen Transformationschritt – sah sich Marx. Und so ist, wenn man es genau besieht, auch seine Arbeitswerttheorie ein moralisches Naturrechtsargument. Wenn der Wert einer Ware durch die Arbeit bestimmt ist, die zu ihrer Herstellung geleistet wurde, dann gibt es quasi einen naturrechtlichen Anspruch des Arbeiters/der Arbeiterin auf diesen Wert. Er/Sie hat den Wert schließlich erzeugt. Marx hat lediglich John Lockes Argumente in den Kapitalismus verlängert.

Die frühen Aufklärer hatten die Arbeit als wesentliches – und vor allem moralisches – Distinktionsmerkmal im Kampf gegen den Adel in Stellung gebracht. Mit großem Erfolg. Never Change a winning Strategy, dachte sich Marx. Was gegen die Feudalherren half, wird auch gegen die Kapitalisten helfen.

Das mächtige am Marxismus ist, dass es in die Welt des Kapitalismus in einen moralische Äther taucht. Es geht mit Marx nicht darum, eine bestimmte Bezahlung aus Mitleid, Mitmenschlichkeit oder den Erfordernissen des menschlichen Bedürfnisses herzuleiten. Es geht auch nicht – wie später bei Keynes – darum, die volkswirtschaftlichen Vorteile einer hohen Binnenkaufkraft ins Feld zu führen. Streng genommen geht nicht mal darum, einen „gerechten“ Lohn „auszuhandeln“. Bei Marx hat der Arbeiter/die Arbeiterin die moralische Position um einzufordern, was ihm/ihr naturrechtlich zusteht. Der Mehrwert steht den Arbeitern zu, das ist logisch herleitbar! Nachzulesen im Kapital, ein Vertrag, geschrieben mit der Handschrift der Natur. Wer ist der Kapitalist, sich dieser Logik zu widersetzen?

Das Problem ist nur: ein Naturrecht gibt es nicht. Recht ist etwas menschliches. Es wird von Menschen gemacht, verhandelt und durchgesetzt. Bei all dem spielen Macht, Interessen und Gewalt eine Rolle und der Ausgang ist immer kontingent. Sorry, liebe Marxisten, die Natur hat kein Konzept von Gerechtigkeit, das müssen wir schon selbst aufstellen, nötigenfalls erkämpfen.

Der Marxismus hat ziemlich lange ziemlich gut funktioniert und wirkt in vielem bis heute nach. Damit meine ich nicht nur die realexistenten Sozialismusexperimente hinter dem eisernen Vorhang. Ein realweltliches Resultat des Marxismus ist unter anderem die Sozialdemokratie. Auch sie hat ihren Marx gelesen und ihre DNA ist noch voll mit der Werttheorie.

Jetzt werden einige Linke sicher schäumen. Die SPD habe den Marxismus doch verraten und repräsentiere mitnichten auch nur annähernd seine Lehren. Ich kann diesen Reflex verstehen, glaube aber, dass er etwas wesentliches übersieht. Aber es kommt noch schlimmer.

Ich behaupte, der Ausdruck der moralisch-naturrechtlichen Ideologie der Arbeitswerttheorie findet sich heute vor allem in dem Spruch: „Leistung muss sich wieder lohnen!“

Ja, richtig. Ich bin überzeugt: die moralische Kopplung von Wert an Arbeit ist Marx‘ Beitrag zum Neoliberalismus. Glaubt ihr wirklich, dass es ein Zufall ist, dass es New Labor geben konnte und dass die Agenda 2010 ausgerechnet von den Sozialdemokraten durchgesetzt wurde? Dieses Mindset war einerseits natürlich hilfreich, als man als organisierte Arbeiterschaft mit den Kapitalisten um höhere Löhne stritt. Sie ist aber wahnsinnig schädlich, wenn eine Gesellschaft ihr Selbstwertgefühl an Arbeit koppelt. Sie wird geradezu toxisch, wenn die Arbeit knapp wird aber der Wohlstand dennoch steigt, ganz ohne Arbeit.

Ja, ich glaube, dass das was wir heute als Neoliberalismus beschimpfen, von der marxistischen Arbeitswertideologie mit affiziert ist. Arbeit als Grundlage für Wert hat eine Gesellschaft geschaffen, in der nur derjenige was wert ist, der Arbeit hat. In der derjenige mehr wert ist, wenn er mehr Lohn bekommt. Eine Gesellschaft, die Wert ohne Arbeit nicht denken kann.

Hartz4 steckt bereits konzeptionell in der Arbeitswerttheorie drin. Nicht erst seit Gerhard Schröder, übrigens. Schon Stalin und vor ihm August Bebel riefen den Arbeitern zu: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Sie konnten sich damit prima bei Marx ideologisch rückversichern.

(Vorsicht bei den Beschimpfungen: ich sage nicht, dass der Marxismus der einzige Baustein der neoliberalen Ideologie ist, sondern nur einer unter vielen. Ich würde aber sagen, ein in seiner Wichtigkeit unterschätzter. Ohne eine Gesellschaft, die es als unanständig empfindet, wenn ihre Mitglieder nicht arbeiten, ließen sich Individuen nicht so unter Druck setzen, selbst für nur wenig mehr als Hartz4 jeden Scheißjobs anzunehmen. Der Homo Oeconomicus dagegen würde dem Kapitalisten was husten.)

Fazit

Die Arbeitswerttheorie ist eine Theorie, die eigentlich nur noch historisch interessant sein sollte. Ähnlich wie die Äthertheorie hat sie sich wissenschaftlich überlebt, einfach weil heute bessere Theorien zur Verfügung stehen, die vielleicht nicht völlig befriedigend sind, aber allemal bessere Vorhersagen machen, als die Werttheorie.

Wir können die Werttheorie nicht widerlegen, aber wir können zeigen, welche Faktoren ihre Entstehung plausibel gemacht haben und warum sie bis heute noch in gewissen Kreisen erfolgreich ist. Mehr kann man auch jeder Religion nicht entgegensetzen.

Ich bin überzeugt, dass einige der Schlüsse, die sich aus der Arbeitswerttheorie ziehen lassen, heute toxisch auf den gesellschaftlichen Diskurs wirken, weswegen ich dazu rate, in der Linken von diesem Denken Abstand zu nehmen. Der Marxismus ist an dieser Stelle nicht zukunftsfähig.

Für eine gerechtere Zukunft müssen wir Arbeit und Lohn trennen und das geht nur, wenn wir uns von der Idee des Wertes völlig verabschieden. Ich kenne einige Marxisten, die an das Grundeinkommen glauben, aber auch viele, die es aus eben jenen ideologischen Gründen ablehnen.

Mason versucht zwar einen Weg raus aus diesem Dilemma zu zeigen (die „Freie Maschine“ vernichtet auch den Wert, also brauchen wir uns also nicht mehr darum zu kümmern), aber ich bin nicht überzeugt und einige Marxisten, mit denen ich über Mason geredet habe, noch viel weniger. Aber das ist ja deren Sache.

Eine Sache noch: Ich lehne Marx nicht grundsätzlich ab. Mit der Arbeitswerttheorie aber doch einen großen Teil des Marxismus. Ich mag zum Beispiel alles, was er über den historischen Materialsismus schreibt. Auch die Idee der „Politischen Ökonomie“ halte ich für eine wichtige Betrachtungsweise, die vor allem die neoklassischen Ökonomen immer wieder aus dem Blick verlieren. Ich halte Marx für einen großen Denker. Aber auch große Denker irren sich und vor allem sind sie wie wir alle Kinder ihrer Zeit. Ich finde es wichtig, auch den größten Ikonen mit einer gewissen Skepsis gegenüberzutreten und sie aus ihrer Zeit heraus zu lesen.

Und ja, auch Mason kann ich sehr empfehlen. Liest sich trotz seines Marxismus ganz großartig. Und auch wenn seine Utopieversuche für Jeremy Rifkin-Kenner nicht ganz neu sind, ist zumal seine aktuelle Krisenanalyse spannend.

Ich weiß auch, dass ich meine marxistischen Freunde nicht überzeugt haben werde und das ist vollkommen ok. Ich habe auch christlich gläubige Freunde und auch das akzeptiere ich. Christen haben sich den toleranten Umgang mit den Ungläubigen auch erst mühsam über die Jahrtausende erarbeiten müssen. Die Marxist/innen werden das auch noch schaffen. 😉

Und jetzt könnt ihr mich steinigen und mir vorwerfen, dass ich Marx überhaupt nicht verstanden habe.

PS: In dem Text habe ich angedeutet, dass ich auch mit der Grenznutzentheorie der klassischen Ökonomie auch nicht zufrieden bin. Mason macht den Punkt, dass dieses Modell unter der nicht mehr vorhandenen Knappheit aufgehört hat zu funktionieren. Es würde derzeit ausgetauscht werden mit monopolartigen Strukturen, die relativ beliebige Preise festsetzen, siehe z.B. iTunes. Damit hat er zweifelsohne recht. Womit er aber meiner Meinung nach nicht recht hat, ist zu glauben, dass Plattformen nur eine temporäre Selbsterhaltungsstrategie des Kapitalismus sind. Womit er ebenfalls nicht recht hat, ist, dass die Arbeitswerttheorie das Dilemma lösen wird.

Stattdessen ist meine Vermutung, dass es eine neue, allgemeinere Theorie des Preises geben werden muss. Eine, die sowohl auf den Präkapitalismus, den Kapitalismus und den Postkapitalismus (wenn wir, wie Mason, die Aushebelung des Preismechanismus bereits als solchen bezeichnen wollen.) anwendbar ist. Wenn, wie ich glaube, Plattformen die strukturbildenden Vehikel in die Zukunft sind, dann werde ich diese Theorie liefern müssen. Stay tuned.


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