And the Winner is: Facebook!

Im November 2010 hatte ich mit Marcel Weiß eine Wette abgeschlossen. Bis in zwei Jahren, also bis November 2012, behauptete ich, sei Twitter ebenso weit wie Facebook, was die Nutzerzahlen anging. Ein bolder Move, aber so mag ich das eben.

Meine Begründung war schlicht, dass ich Twitter für konzeptionell überlegen halte. Es gehe in Zukunft eben nicht um die komplexesten Privacyfeatures, sondern um die intelligentesten Filtertools. Ich schrieb:

Will ein Social Network dann noch einen weiteren Mehrwert bieten, muss es als Kommunikationsplattform und da vor allem als persönlicher Newsaggregator nütztlich sein. Das funktioniert bei Facebook und anderen Social Networks, nun ja, leidlich.
Gerade hierfür hat sich Twitter und das asynchrone Followen sich als ungleich mächtiger erwiesen. Natürlich ist das Konzept erstmal Kontraintuitiv und nicht so gefällig wie eine “Freundschaft“. Und wer schon mal versucht hat, Twitter zu erklären, weiß was ich meine.
Aber auf lange Frist, wenn die irreführenden Metaphern verblassen und die Menschen anfangen, tatsächlich ihren Nutzen aus den Netzwerken ziehen zu wollen, wird Twitter gewinnen.

Ich halte die Konzepte von Twitter immer noch für überlegen. Nicht nur ich. Facebook auch. Und so hat Facebook nach und nach, Feature für Feature von Twitter kopiert und implementiert. Und ich muss sagen, es ist gar nicht schlecht geworden.

Nach meiner missmutigen Rückkehr zu Facebook vor über einem Jahr habe ich tatsächlich erlebt, wie sich der Dienst immer stärker in mein Internetnutzungsverhalten schob. Ich fing an, nervige Bekannte zu „unsubscriben“, mir sehr wichtige Leute auf „All Updates“ zu stellen und so weiter. Auch fing ich an interessante Leute, die ich nicht persönlich kenne, zu subscriben. Und nach und nach wurde mein Newsstream tatsächlich immer interessanter und meine eigenen Updates bekamen zunehmend Resonanz, da auch mein Profil von einigen (etwas über 300) Leuten abonniert wurde. Und so langsam schleicht sich bei meiner Facebooknutzung ein twitterähnliches Feeling ein. Sicher, das alles ist noch nicht so gut und interessant wie meine Twittertimeline, aber immerhin so interessant, dass ich da mehrmals am Tag drauf schaue.

Gestern hab ich dann so rumgeklickt und geriet auf das Facebook-Profil von Marina Weisband, das ich subscribed habe. Ich erschrak. Neben mir hat sie über 18.000 weitere Subscribers auf Facebook! Nachdem ich meine Eifersucht überwunden hatte, schaute ich auf ihr Twitterprofil @Afelia, wo sie auch nur knapp 22.000 Follower hat. Zumindest für sie ist Facebook also auch als Öffentlichkeitskanal mindestens genauso relevant wie Twitter.

Sicher, sie ist damit eine Ausnahme. Ihre vielen Fernsehauftritte waren mit Sicherheit der Motor dieser Subscriberzahl. Und weil die meisten Menschen, die Fernsehen gucken, eher auf Facebook sind, als auf Twitter, ist das auf Facebook auch ein ganz anderes Publikum. Und das merkt man auch an den Kommentaren, die dort auflaufen.

Dennoch: Marina zeigt, die Chance, über Facebook ein größeres Publikum zu erreichen und Öffentlichkeit zu schaffen, ist eindeutig da. Und diese Öffentlichkeit ist es, die Twitter Facebook immer voraus hatte. Aber dieser Vorteil fällt gerade. Facebookuser sind behäbig in der Adaption neuer Konzepte, aber sie fangen gerade an, mit der neu gewonnenen Filtersouveränität umzugehen. Und da die Grundgesamtheit an erreichbarem Publikum auf Facebook so viel größer ist, als auf Twitter, wird Facebook dieses Rennen machen. Da bin ich mittlerweile sicher.

Es gibt schlicht keinen technischen Grund mehr für Twitter. Klar, es ist immer noch ein soziokulturell anderes Publikum, bei dem ich persönlich mich heimischer fühle. Aber auch die werden abwandern, wenn es auf Twitter immer stiller wird und man immer weniger Leute erreicht, bzw. man auf Facebook immer mehr. Sad but true.

Um 50 Euro hatte ich mit Marcel Weiss gewettet. Eigentlich wäre es an der Zeit meine Niederlage einzugestehen. Aber ich bin eigentlich ganz froh, dass ich noch bis November Zeit habe, die 50 Euro zusammenzusparen.

PS: Ja, es hat seinen Grund, dass Google+ in diesem Post keine Erwähnung findet.


28 Gedanken zu “And the Winner is: Facebook!

  1. Hinzukommt, dass es Facebook geschafft hat das ganze auch noch gewinnbringend zu machen und twitter immernoch keinen Plan hat wie sie wirklich Geld verdienen wollen. Ich weiß die Diskussion ist alt, aber was passiert wenn twitter wirklich Geld verlangt oder viel Werbung (promoted tweets) schaltet. Dann gibt es noch weniger Gründe für FB-Nutzer zu twitter zu kommen.

  2. Du hast leider nicht verstanden, dass Zahlen rein gar keine Bedeutung haben. Dass es auf die Art der Leute und deren Engagment ankommt, die einem folgen.

    Wenn Du es Reichweite und Relevanz unbedingt in dieser seltsamen Art von Quantitätswertigkeit ausdrücken willst, dann müsstest Du einen (aktiven) Twitterfollower mit fünf oder mehr Facebookfreunden ansetzen, einen Google Plus Einkreiser im Gegenzug bei irgendwas gegen Null.

  3. leider wahr. aber logisch. Die Masse will nicht in drölf soziale Netzwerke, sondern eins für alles.

  4. @raventhird sicher, engagement ist wichtig. hab ich hier weggelassen, aber meine 300+ subscriber auf facebook haben mehr engagement, als meine 9000+ twitterfollower. hast du sonst noch ein gutes argument?

  5. nööö … „Es gibt schlicht keinen technischen Grund mehr für Twitter“ ….

    sehe ich anders.

    Twitter is spontaner. Wie du schon sagtest Facebook is behäbig und träge. Meme – kurze spontane Spaßaktionen gehen imo via Twitter besser.

    Das Begleiten von „Live-Veranstaltungen“ (Demos, Podiumsdiskussionen ect .pp oder neben dem „Tatort“ schwätzen) geht imo besser auf Twitter. Klar gibts dann noch den FB Chat – aber in meiner Wahrnehmung is der irgendwie nicht so vorhanden. Oder er is von einem Programmanbieter irgendwie irgendwo implementiert so wie es ja durchaus oft der Öffentlich Rechtliche Rundfunk macht.

    Es stimmt aber – besonders seit der Chronik – hab ich auch bedeutend mehr Lust FB zu nutzen – sie machen erste Schritte Richtung Benutzbarkeit ^^
    Imo gibt es aber noch genug Raum für beides. Mobil auf dem iPhone finde ich Twitter immer noch FB bedeutend überlegen – von der performance her und so.

    schau mer mal wo da die Reise hin geht – Twitter is tot lang lebe Twitter 😉

  6. ach, aber das sind doch alles technische kleinigkeiten. die bekommt facebook auch noch in den griff.

  7. Es gibt schlicht keinen technischen Grund mehr für Twitter.

    Das sehe ich anders. Twitter hat trotz allem Feeds. Diese machen die Einbindung sehr viel einfacher.

  8. Kein technischer aber für viele sicher relevanter Punkt: Twitter zwingt einen nicht zur Verwendung von Echtnamen und droht mit Löschung bei Verstoss dagegen.

  9. So ziemlich jeden der automatisch Informationen aggregieren und auswerten möchte. Den neuesten Tweet auf der eigenen Webseite anzuzeigen sind 4 Zeilen PHP – versuch das mal bei Facebook.

  10. „sicher, engagement ist wichtig. hab ich hier weggelassen, aber meine 300+ subscriber auf facebook haben mehr engagement, als meine 9000+ twitterfollower.“

    Der Tag, an den ich auf Facebook eine intelligentere, witzigere und engagiertere Diskussion lese als bei Twitter wird bei mir niemals vorkommen. Vermutlich eine Frage der eigenen Timeline. Ich könnte Dir jetzt noch zehn gute Argumente dafür aufzählen, warum Twitter den meisten anderen Netzwerken deutlich überlegen ist, aber das scheint hier keinen großen Sinn zu machen, weil Du offenbar auch in Sachen „Engagment“ auf Zahlen guckst.

    Mit demselben Argument könnte ich meinen Facebookaccount löschen und zu Google Plus gehen (dort kreisen mich jede Woche 20 creepy Fremde ein, obwohl ich vor nem halben Jahr meinen Aschiedpost geschrieben habe), aber das wäre das absolut Bescheuertste, was ich jemals machen könnte.

  11. wie gesagt: über google+ brauchen wir gar nicht zu reden. Alles karteileichen und spamaccounts. aber bei twitter ist es zunehmend ähnlich. meine 9000+ follower erzeugen einen traffic 300 besucher auf einen link. facebook ist da viel besser aufgestellt.

  12. Dann folgen Dir ganz eindeutig die falschen Leute. Und Quantität ist immer noch nicht gleich Qualität, Traffic ne falsche Messgröße.

  13. es gibt sehr wohl Technische Gründ für Twitter:
    1 Den Retweet. Auf Facebook kann ich zwar Beiträge teilen, aber wenn ich z.B. ein Video +Kommentar „Retweeten“ will dann geht das auf Facebook nur sehr schwer. Auf Twitter hingegen drücke ich einfach den Retweet-Button und fertig.
    2. Hashtags. Die gibt es gar nicht auf Facebook.

    MfG.
    Stefan

  14. Ach so, um Klickzahlen gehts.
    Dann wäre Bild auch Deutschlands qualitativstes Printmedium.

  15. Da ist noch mehr drin in Sachen Vereinfachung. Es gibt schlicht keinen technischen Grund für Pommes, weil es ja auch Pizza gibt.

  16. Ich weiß nicht wo das problem mit Facebook und der Technik ist, kann mir das mal jemand erklären. Ich benutze auf dem Smartphone tweetdeck, da ist der facebookstream mit dem twitter stream vermischt. Es gibt nur noch eine farbliche Trennung. Ich kann alles retweeten, sharen, kommentieren.

    Und @Raventhird
    Nenn doch mal die Argumente für die Überlegenheit twitters. Mich würden sie interessieren.

  17. Vielleicht sind deine durch Facebook generierten Klickzahlen ja auch einfach deshalb höher, weil deine dortigen Follower noch nicht so oft das Spielchen „Ich hab’s! Die endgültige Wahrheit gibt’s auf meinem Blog!“ mitgemacht haben wie deine Twitterfreunde.

  18. Hui, das klingt doch böser als es gemeint war.

    Finde aber, du tust deinen geistigen Kapazitäten unrecht, wenn du sie für Schnellschüsse verböllerst.

  19. milhouse: alte publishingdenke. bloggend denken = realease early, iterate often. (muss ich mal drüber bloggen)

  20. Ich denke du hast zu großen Teilen recht. Es bleibt aber abzuwarten ob Twitter tatsächlich komplett sterben wird oder eine gewisse Koexistenz möglich ist. Die 140-Zeichengrenze hat ihre Vor- und Nachteile gegenüber Facebook. Und gerade darin liegt ja auch der größte Unterschied (neben dem teils unterschiedlichen Publikum).

    Hinzu kommt: In kleinen Schritten zieht auch Twitter nach. Indem sie zB Konversationen einführten.

    Und der Punkt mit der Qualität vs. Quantität von Raventhird ist ebenfalls einer, den ich persönlich wichtig finde. Menschen wie wir werden also nicht zwingend komplett auf FB abwandern. Für dich als Publizist, der sich verkaufen möchte, ist das vielleicht irgendwann notwendig .. wenn es nur um Masse geht ;).

  21. Pingback: Twitter wird Facebook nicht mehr einholen

  22. @mspro Du hast bei deiner Wette zu „kopflastig“ und im Sinne der reinen Effizienz gedacht. Facebook hat mit seinen ganzen Anstups-Fotoalben-Präsentier-Freunde-Tagging-Funktionen einen Gemütlichkeits-Faktor, den Twitter strukturell bedingt nie haben wird. Und ich kenne auch unter Social-Web-Affinen niemanden, der gerne in 140 Zeichen längere Diskussionen führt. In thematisch fokussierten Facebook-Gruppen wird dagegen gerne auch länger, über mehrere Tage hinweg diskutiert. Twitter & Facebook sind halt Äpfel & Birnen…und es gibt keinen Grund warum das eine das andere ersetzen soll.

  23. Pingback: WMR37 – WeltfrauenWMR (einfach mal klar kommen) » Wir. Müssen Reden

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