Dradio-Wissen: Netzkommentar Facebook

Netzkommentar zur Facebook Gesichtserkennung (Download):

Facebook hat am Mittwoch sein lange angekündigstes Gesichtserkennungsfeature freigeschaltet. Wenn man also Fotos hochlädt, schlägt der Algorithmus automatisch Leute aus der eigenen Freundesliste vor, sofern er diejenigen zu erkennen glaubt. Viele nutzen das Feature bereits bei Apples Fotosoftware iPhoto oder Googles Bilderdienst Picasa.

Aber nun fühlen sich alle überrumpelt, weil Facebook die Funktion standardmäßig für alle Nutzer freigeschaltet hat. Auf ihren Facebook-Walls schimpfen sie auf Facebook, Politiker und Datenschützer schäumen und die Medien geben Anleitungen, wie man das Feature wieder abschaltet.

Doch das geht nicht. Der Algorithmus wird auch weiterhin über jedes hochgeladene Bild laufen und versuchen, Gesichter zu erkennen. Nur die automatische Vorschlagsfunktion für die Freunde kann man deaktivieren.

Automatisierte biometrische Gesichtserkennung steht schon mit einem Bein in der Wirklichkeit und hebt das andere gerade in unsere Richtung. Bald wird sie allgegenwärtig sein und um einiges besser funktionieren. Sie wird in Videoüberwachungssystemen, Handykameras und in den Crawlern von Suchmaschinen eingebaut werden und alle Fotos im Internet mit Identitäten verknüpfen. Sie wird uns jederzeit zur Verfügung stehen und das wird die Gesellschaft verändern.

Wenn ich heute über die Straße gehe, werde ich von meinen Bekannten erkannt und vom Bäcker nebenan. Morgen weiß jeder, der es wissen will, wer der Typ mit der Brötchentüte ist. Facebook wagt einen kleinen Schritt in diese Richtung. Statt uns von Datenschützern und profilierungssüchtigen Politikern verunsichern zu lassen, sollten wir die Chance nutzen, uns mit den neuen Möglichkeiten vertraut zu machen. Sie werden für die Zukunft noch sehr wichtig werden.


10 Gedanken zu “Dradio-Wissen: Netzkommentar Facebook

  1. Du sagtest da tatsächlich: „Googles Bilderdienst Piss…casa“ LOL

  2. derzeit vor allem hilfestellungen beim freundetaggen. aber da ist ja noch ne menge mehr drin.

  3. ich kann dir hier natürlich lauter zukunftszenarien aufzählen. die meisten kennst du sicherlich mit leute auf der straße identifizieren und so weiter. aber warum machst du dir nicht einfach mal selbst gedanken?

  4. Wozu bräuchten wir sonst dich als visinören One-Man-Think-Tank® ?

  5. Die Leute werden sich wieder mehr schminken wie im Theater. Oder gar ein drittes Auge auf die Stirn kleben, um die Software zu verwirren.

  6. Angenommene Entwicklung:

    1. Ein Startup mit einer Personensuchmaschine entwickelt einen Crawler mit einem effektiven Algorithmus zur Indizierung von biometrischen Gesichtszügen und gruppiert Bilder Menschen mit 87% Trefferquote. Der Aufschrei der Datenschützer ist groß. In Frankreich wird ein Gesetz beschlossen, dass derartige Angebote verbietet und per Websperren blockiert. In Deutschland diskutiert die Politik und die Netzszene ist gespalten. Die einen würden Netzsperren akzeptieren für den Datenschutz, die anderen sehen Gefahren bei der Zensurinfrastruktur.

    2. 2012: Facebooks Gesichtserkennungsfeature liefert die zuverlässigste Verknüpfung von Identität und Bild, obwohl Google durch seinen Bilderdienst Picasa aufholt. Während verschiedene Player um die die Lizensierung ihrer Verknüpfungsdatenbanken konkurrieren, bauen Aktivisten 2013 die erste freie biometrische Datenbank OpenBioBook auf.

    3. Ebenfalls 2013 launcht Googles Android das erste Handy mit Gesichtserkennung und offenen Zugriff auf die eigenen Identitätsdatenbanken via API. Man braucht nur das Handy auf ein Gesicht halten und erhält Zugriff auf die Profile und weitere Daten, die über eine Googlesuche seines Namens auftauchen. Zunächst ist es verpönt und ist nur nach eingeholter Einwilligung desjenigen gesellschaftlich akzeptiert, jemanden zu identifizieren. Auf Partys und im Geschäftsleben wird es aber zu einer beliebten Tätigkeit, Identitäten auf diese Art auszutauschen.

    4. Erst 2015 machen neuere Kameras, die unsichtbar Brille oder Kleidung eingebaut sind, aggressives Handy-ins-Gesicht-halten nicht mehr nötig. Die Menschen werden automatisch von Software analysiert und getrackt. Ein Algorithmus errechnet anhand vorher festgelegter Parameter, wer um einen herum interessante Eigenschaften hat, die mit den eigenen korrespondieren. Interessengebiete, Musikgeschmackt, gemeinsame Bekannte, sexuelle Vorlieben. Mit einer farblichen Markierung innerhalb der eigenen augmented Reality werden zu uns passende Menschen entsprechend markiert.

    5. Nachdem 2017 die Abdeckung mit Sensoren und Devices quasi flächendeckend gegeben ist, werden Echtzeitplattformen aufgebaut, die die Informationen aller Devices zusammenführen und ein Komplettbild der Gesellschaft errechnen. 2020 ist Jeder zu jederzeit lokalisierbar und identifizierbar.

    Ergebnis 2025:

    Da zunehmend jeder dem anderen transparent ist, verändert sich das öffentliche Leben total. Dadurch, dass wir durch den Abruf des SocialGraph jederzeit sagen können, mit wem wir gemeinsame Freunde haben und über wie viele Ecken wir Menschen kennen, entstehen individuelle Vetrauenscluster, die die lokale Wirtschaft und die Wirtschaft insgesamt verändern. Die Kreditwürdigkeit zueinander wird individuell berechnet, weswegen sich ganz neue Zahlungsmodalitäten entwickeln.

    Der gesellschaftliche Umgang wird fluider und macht vertrauensbildende Institutionen überflüssig. So wie Facebook bereits das kommunikative Managen von Bekanntschaften dramatisch erhöht hat, verlieren Konzepte wie Freundschaft oder Beziehungen an Bedeutung, beziehungsweise weiten sich aus. Mithilfe des Elektronischen Identätsmangement wird es möglich bis zu 2000 aktive “Freundschaften” und 20 “Beziehungen” gleichtzeitig zu führen. Diese Beziehungen und Freundschaften sind oft sehr viel spezialisierter auf bestimmte Themenbereiche, Interessensgleichheiten oder sexuelle Vorlieben beschränkt. Einen Kumpel um auf Technopartys eine Freundin um auf Rockkonzerte gehen und einen, um über Philsophie zu reden und die andere um sich über Beziehungen auszutauschen. Zum Beispiel über den einen Beziehungspartner, den man zum Ausleben des eigenen Luftballonfetisches anruft und den anderen für die Lederklamottennummer. Dazu kommt noch die Fluktuationsmasse von Leuten, die man jeden Tag auf der Straße kennen lernt, weil es ja immer etwas gibt. Mit jedem. Das Gerät zeigt an, was.

  7. Wenigstens hast du deinen Humor nicht verloren 😉

  8. Pingback: WMR25, DAWOZSO17, WMR26 – Showdowns! » Wir. Müssen Reden

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