Mörtel

Und dann schau ich gestern auf meinen Favotterdings und stelle fest, dass ich an einem einzigen Tag die Machtergreifung bis zum Kriegsende durchgepflügt hatte. Schon vorher ergriff mich bei den Zahlen die geschichtliche Assoziation. So ab 1789, Französische Revolution und so. Daten, die sprechen, obwohl sie bei Favotter ja eigentlich nichts bedeuten. Komisch, dieses Gehirn.

Jetzt stehe ich auf 1950. Mitten im Wiederaufbau. Ich kann sie förmlich sehen, die Trümmerfrauen, beim abklopfen des Mörtels. Stein für Stein. In Schwarz/Weiß natürlich. Es ist das Gehirn, dass die Zahl „1950“ einfach nicht als irgendeine Zahl stehen lassen kann. Es muss ihr Sinn geben, indem es sie anschließt. An dieses Andere, was mit „Erinnerung“ oder „Gedächtnis“, nicht mal nur unzureichend beschrieben wäre.

Die „Gruppe 47“ hat sich an den Trümmerfrauen orientiert und wollte ihrerseits den Mörtel, den bösen Nazimörtel von der Sprache klopfen. Um eine Sprache zu finden, die eben nicht wieder anschließt. Eine, die den Beelzebub – im Grund genommen also Hilter höchstselbst – aus den Worten trieb. Vielleicht sogar eine erinnerungslose Sprache? Es wird diese Zeit gewesen sein, als das Unvorstellbare seinen Anschluss suchte und nicht fand, als man merkte, dass man den Mörtel austauschen kann und die Steine der zerbombten Häuser, der vielen verschiedenen zerbombten Häusern, verwenden kann um neue Häuser zu bauen.

Das, was sich nicht anschließen lies, war der Holocaust. Es stand – es steht nach wie vor – als Singularität in der Entwicklung dieser Moderne. Und dann war da noch die Atombombe. Nicht zu vergessen, die Atombombe! Man stelle sich vor: es war plötzlich greifbar die gesamte Menschheit auszulöschen. Dann doch lieber Mörtel klopfen. Stein auf Stein legen. Schweigend bescheidene Häuser bauen.

Und das trotz all der Anschlußsucherei der Gehirne! 1933, 1945, 1950. Wie kann man diese Zahlen überlesen? Obwohl: Im Internet hat nichts eine Geschichte. Dort gibt es keinen Mörtel, nur Steine. Stein um Stein liegen nebeneinander, bereit, jederzeit sich neu zusammenzuschließen. Offen für jede Rekonfiguration. Der eine Stein, der links neben dem Eingang in der fünften Reihe im Haus von Britney Spears steckt? Kein Problem!

Hier in Berlin, sind viele Häuser aus vielen Häusern gebaut worden. Die zusammengetragenen Steine der zerbombten Häuser wurden einfach geremixt. Auch ich lebe in so einem Mashuphaus. Mörtel ist austauschbar. Er definiert zwar die Fuge, das Dazwischen der einzelnen Steine, das „Inter“ wie man so schön sagt, aber wenn man ihn entfernt, ist jeder Stein mit jedem anderen verbindbar, zu etwas neuem. Erstmal. Bis man ihn wieder abklopft.

Die Moderne, so sagt man, war eine Große Erzählung. Die ewig währende Geschichte einer sich stetig emanzipierenden Menschheit. Ereignis reiht sich an Ereignis, Erfindung an Erfindung, zivilisatorischer Fortschritt an zivilisatorischen Fortschritt. Es gibt nur eine Richtung: Geradeaus, in Richtung Zukunft. Die Postmoderne durchbrach diese Narration, und kittete Vergangenes an Neues, oder etwas, was gar nichts damit zu tun hatte. Die Postmoderne war begeistert vom immerneuen Mörtel, dem Mehrkomponentenmörtel quasi. Die Epoche feierte den Mörtel und die durch ihn stetig gewordene Neuerfindung des bereits Vergangen. Die vormalige Verdrängung, wie Freud sagen würde, ermöglichte ein neues Erinnern. Ein: „Weißt Du noch“ mit wissendem Zwinkern. Gemeinschaftbildend. Einschließend, wie ausschließend. Popkulturell eben.

Boris Groys merkt an, dass der Umgang mit dem Archiv immer sorgloser werde, mit dessen zunehmender Zugänglichmachung. Je verfügbarer der Zugriff auf das kulturelle Gedächtnis ist, desto mehr konzentriert man sich auf die Schaffung von Neuem. Die Irritation muss gesteigert werden, wenn uns die Medien bei der Affirmation so gut zur Hand gehen.

Der Mörtel, so muss man wissen, heftet den Stein nicht an den anderen, sondern an das Haus. Dafür ist er da. Er ordnet das Neue ein. Er setzt das Ereignis in den Kontext der vorhandenen Erinnerung und weist ihm seine Stelle zu. Luhmann sagt, dass psychische Systeme „Sinn“ produzieren. Sinn entsteht durch die Verknüpfung von all den Dingen mit dem Archiv. Dinge, die sich gegen ihre Einordbarkeit sträuben, empfinden wir als sinnlos. Wir haben 100.000 Jahre lang Sinn produziert, indem wir den Dingen – Gegenständen, Menschen, Situationen, Tieren, Ereignisse – ihren Platz zuwiesen, den Mörtel anrührten und das große Haus einfach erweiterten.

Das ist vorbei. Der Mörtel muss nämlich nicht mehr angerührt werden. Er muss nichts mehr halten. Die Dinge haben keine festen Plätze mehr. Es wird ja jetzt alles in Echtzeit konfiguriert. „Internet! Sammle x und konfiguriere es mit y und z und gebe es mir in chronologischer Reihenfolge!„. Wer braucht noch eine Ordnung, wenn wir sie in Echtzeit generieren können?

Auch die Steine, die wir entnehmen, sind mörtelfrei. Kein Mensch interessiert sich noch für die Referenz. Man kann sie schließlich nachschlagen, wenn man denn unbedingt will. Aber: „What the fuck!“ Dinge sind What the fuck! Oder eben nicht. What the Fuck! gibt den Irritationsgrad einer Sache an. Es geht bei What the Fuck! nicht darum, dem Archiv einen Bezug zu entlocken, den man vielleicht augenzwinkernd versteht und einzuordnen weiß. Es geht darum, die maximale Irritation anzustreben, ganz und gar jenseits des Mörtels, ganz und gar jenseits der tatsächlichen kulturgeschichtlichen Bedeutung einer Sache. Ja, die Popkultur ist vorbei! Ganz sicher!

So ist das eben, in einem völlig transparenten Archiv. Dieses Archiv von allem und jedem ist bereit, mir jederzeit über alles Auskunft zu geben, häppchengrecht und auf Wunsch gleich weiterverarbeitbar. Das Archiv inflationiert in seiner allmächtigen Omnipotenz zu einer Egalheit, nur noch mit der Luft vergleichbar. Wir werden die letzte Generation sein, die es zu schätzen weiß, das Wissen der Welt durch den Googleschlitz in den Schoß gelegt zu bekommen.

Wir sind die neuen Trümmerfrauen. Wir sind dabei das Wissen Stein für Stein vom Mörtel zu befreien und es auf den großen Haufen zu werfen, der Müllhaufen der Geschichte nicht unähnlich ist. Chaotisch, Kreuz und Quer und meist ohne Relevanz. Aber volltextdurchsuchbar! Algorithmen sind der neue Mörtel, nein, in Wirklichkeit sind sie viel mehr. Wir stehen noch mit dem einen Bein in der alten Welt und transformieren uns und alles was uns umgibt in die Neue. Die Menschen nach uns werden nicht mehr zureichend unterscheiden können. Zwischen sich und dem Weltwissen. Zwischen Leben und Internet. Der Erinnerung und den Daten in der Wolke.

Es ist fraglich, ob sie solche Konzepte noch brauchen werden, wo sie doch das Archiv vielmehr sind als nutzen. Was sie wohl von uns und unserem Mörtel halten werden, wenn sie es, ähm, googln? Wir hatten doch nichts!


3 Gedanken zu “Mörtel

  1. Zwei Sachen: Das Archiv, das du so passend beschreibst, ist nicht „transparent“ sondern komplex. Das Problem ist ja nicht, dass wir alle von den Steinen den Mörtel abkratzen. (Was sollte da übrig bleiben, wenn wir Stein und Mörtel nicht unterscheiden können? Gerade wenn man mit Luhmann argumentiert, also Vernunft und Objektivität als Irrtum entlarvt.) Sondern, dass jeder anderen Mörtel an den Stein pappt. Somit sieht jeder einen anderen Stein, der anders zu anderen Steinen oder dem Haus passt. D. h.: Das Problem ist nicht, das Geschichte vergessen wird, sondern dass es nichts Vergangenes mehr gibt, weil alles problemlos vergegenwärtigt werden kann aber jeder anderes vergegenwärtigt.

    Die historische Singularität des Holocausts würde ich mal bestreiten. Die chinesische Kulturrevolution oder Stalins Umgang mit den Kosaken wären ansonsten ebensolche Singularitäten. (Aus moralischer Sicht wäre es verständlich, sie so zu behandeln – aber ich würde das nicht.) Und das sind beides jüngere Ereignisse als der Holocaust.

  2. Doch doch. Das meine ich ernst. Das Archiv ist transparent obwohl es komplex ist. Ansonsten hast Du recht. Es ist eine je eigene Transparenz, keine objektive. Der Holocaust stellt in seiner Eigenschaft „Ganz viele Menschen werden in kurzer Zeit getötet“ natürlich keinerlei Singularität dar. Dennoch wurde es so empfunden, weil er sich so nahtlos in die Moderne einfügte in all seiner Industrialität. Er ist somit eine Singularität des Modernismus und darum ging es.

  3. Hm ich würde sagen der Mörtel heftet doch Stein an Stein, und nur das gesamte wird ein Haus ergeben. Das eine kann nicht ohne das andere und wird auch kein sinnvolles Ergebnis ergeben 🙂

    Und wann ist der neue Haufen in der Wolke voll? Wieviel Wissen passt rein bis hinten wieder was rausfällt? Früher wurde vieles vergessen, jetzt scheinbar wird nie wieder etwas vergessen – muss nicht zwingend gut sein…

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